„Fürchte dich nicht“ orakelt der siebzehnte „The Walking Dead“-Sammelband

Mai 20, 2013

 

Kirkman - The Walking Dead 17

Jetzt ist der hundertste „The Walking Dead“-Band auch auf Deutsch erschienen und ein Ende der Geschichte von Rick Grimes, seinem Sohn und einigen weiteren Überlebenden in einer von Zombies beherrschten Welt, in der die uns bekannten Institutionen nicht mehr existieren, ist immer noch nicht in Sicht; was auch daran liegt, dass die von Robert Kirkman geschriebenen Comics, die darauf basierende TV-Serie, Romane und Computerspiele einen konstant hohen Zuspruch haben.

 

Als Robert Kirkman vor zehn Jahren Jahren die erste „The Walking Dead“-Geschichte schrieb, war das nicht absehbar. Damals kämpfte der gerade aus einem Koma erwachte Ex-Polizist Rick Grimes in einer alptraumhaften, menschenleeren Gegend ums Überleben. Er suchte seine Frau (inzwischen tot) und seinen Sohn Carl (inzwischen einäugig) und Rick hat schon lange nur noch eine Hand. Trotzdem ist er aufgrund seines Charakters der ziemlich unumstrittene Führer einer kleinen Gruppe, die zuletzt in Alexandria, einer kleinen Gemeinde, Zuflucht gefunden haben. Auf einem ihrer Erkundungstrips begegneten sie Paul „Jesus“ Monroe, einem Einzelkämpfer, der ihnen sagte, dass er der Gesandte der „Anhöhe“ sei, einer größeren Gruppe von Menschen, die mit anderen Gemeinschaften Handel treiben und die gerne die Bewohner von Alexandria in ihre Gemeinschaft aufnehmen würden.

 

In dem vorherigen „The Walking Dead“-Sammelband „Eine bessere Welt“ machte Rick sich mit einigen Verbündeten auf den Weg zur Anhöhe und der dortige Wortführer Gregory konnte ihn zur Zusammenarbeit überreden. Als Gegenleistung soll er ihnen im Kampf gegen Negan, den Anführer der Erlöser, der die Bewohner der Anhöhe terrorisiert, helfen. Rick ist einverstanden. Die erste Begegnung mit Mitgliedern von Negans Gruppe verläuft für Rick und seine Verbündeten erfreulich.

 

Dann kommt es zur zweiten Begegnung…

 

Auch der siebzehnte „The Walking Dead“-Band „Fürchte dich nicht“ folgt dem vertrauten „The Walking Dead“-Prinzip nach dem es keine Garantie für das Überleben eines bestimmten Charakters gibt (wobei natürlich die Überlebenschancen des Helden Rick Grimes, wie schon die von Jack Bauer in „24“, extraordinär hoch sind). Deshalb sterben in diesem Sammelband auch zwei beliebte „The Walking Dead“-Charaktere und Rick trifft eine schwere Entscheidung.

 

Das knüpft von der Geschichte (obwohl ein Neueinstieg problemlos möglich ist) und von er erzählerischen Qualität nahtlos an die vorherigen Bände an. Aber die Toten, die Entscheidungen und damit auch einige – wahrscheinlich – künftige Entwicklungen sind dann doch gar nicht so überraschend, wie einem die Vorankündigungen glauben lassen. Immerhin kennen wir inzwischen Rick und Carl Grimes, Andrea, Michonne, Glenn, Abraham ‚Abe‘ Ford undsoweiter. Schlimme Gegner und gefährliche Situationen haben sie schon einige hinter sich und da ist „Fürchte dich nicht“ nur das Set-Up für einen künftigen Gegner.

 

Denn Negan, der Anführer einer religiös erleuchteten Gruppe, deren Mitglieder sich als Teil eines gesamten Körpers sehen, könnte nach Philip, dem Gouverneur von Woodbury, ein neuer großer Gegner für unsere Helden werden.

 

 

Robert Kirkman/Charlie Adlard/Cliff Rathburn: The Walking Dead: Fürchte dich nicht (Band 17)

 

(übersetzt von Marc-Oliver Frisch)

 

Cross Cult, 2013

 

152 Seiten

 

16 Euro

 

 

Originalausgabe

 

The Walking Dead, Vol. 17: Something to Fear

 

Image Comics, 2013

 

 

enthält

 

The Walking Dead # 97 – 102

 

 

 

Hinweise

 

Offizielle „The Walking Dead“-Seite

 

Wikipedia über „The Walking Dead“ (deutsch, englisch)

 

AMC-Blog zu „The Walking Dead“

 

„The Walking Dead“-Fanseite

 

„The Walking Dead“-Wiki

 

Spiegel Online: Interview mit Charlie Adlard (21. Oktober 2011)

 

Kriminalakte: Meine Gesamtbesprechung der ersten zehn „The Walking Dead“-Bände

 

 Meine Besprechung von Robert Kirkman/Charlie Adlard/Cliff Rathburns „The Walking Dead 11: Jäger und Gejagte“ (The Walking Dead Vol. 11: Fear the hunters)

 

Meine Besprechung von Robert Kirkman/Charlie Adlard/Cliff Rathburns „The Walking Dead 12: Schöne neue Welt“ (The Walking Dead Vol. 12: Life among them)

 

Meine Besprechung von Robert Kirkman/Charlie Adlard/Cliff Rathburns „The Walking Dead 13: Kein Zurück“ (The Walking Dead Vol. 13: Too far gone, 2011)

 

Meine Besprechung von Robert Kirkman/Charlie Adlard/Cliff Rathburns „The Walking Dead 14: In der Falle“ (The Walking Dead Vol. 14: No way out, 2011)

 

Meine Besprechung von Robert Kirkman/Charlie Adlard/Cliff Rathburns “The Walking Dead 15: Dein Wille geschehe” (The Walking Dead Vol. 15: We find ourselves, 2012)

Meine Besprechung von Robert Kirkman/Charlie Adlard/Cliff Rathburns „The Walking Dead: Eine größere Welt (Band 16)“ (The Walking Dead, Vol. 16: A larger world, 2012)

 

Meine Besprechung von Robert Kirkman/Tony Moore/Charlie Adlard/Cliff Rathburns „The Walking Dead – Die Cover, Volume 1“ (The Walking Dead: The Covers, Vol. 1, 2010)

 

Meine Besprechung der TV-Serie „The Walking Dead – Staffel 1“ (USA 2010)

 

Meine Besprechung der TV-Serie „The Walking Dead – Staffel 2“ (USA 2011/2012)

 

Kriminalakte: das Comic-Con-Panel zur TV-Serie

 

“The Walking Dead” in der Kriminalakte 

 

Meine Besprechung von Todd McFarlane (Tusche, Co-Creator)/Robert Kirkman (Autor, Co-Creator)/Ryan Ottley (Zeichner)/Greg Capullo (Zeichner) „Haunt – Band 1“ (Haunt, Vol 1 – 5, 2010)

 

Meine Besprechung von Todd McFarlane (Tusche, Co-Creator)/Robert Kirkman (Autor, Co-Creator)/Greg Capullo (Zeichner) „Haunt – Band 2“ (Haunt, Vol. 6 – 12, 2010)

 

Meine Besprechung von Todd McFarlane (Tusche, Co-Creator)/Robert Kirkman (Autor, Co-Creator)/Greg Capullo (Zeichner) “Haunt – Band 3″ (Haunt, Vol. 13 – 18, 2011)

 

Meine Besprechung von Robert Kirkman/Nick Spencer (Autoren)/Shawn Martinbroughs (Zeichner) „Dieb der Diebe: „Ich steige aus“ (Band 1)“ (Thief of Thieves # 1 – 7, 2012)

 

 


Kurzkritik: Jeffery Deaver: Die Angebetete

Mai 16, 2013

 

Deaver - Die Angebetete - 2

Nach seinem durchwachsenen Ausflug in internationale Gefilde mit dem James-Bond-Roman „Carte Blanche“ ist Jeffery Deaver wieder zurück in den USA und Kinesik-Expertin Kathryn Dance darf, mit etwas Hilfe von Lincoln Rhyme und Amelia Sachs, ihren dritten Fall lösen.

Dabei wollte sie nur einige Tage Urlaub nehmen und in Fresno eine alte Bekannte, die erfolgreiche Country-Sängerin Kayleigh Towne, besuchen. Kaum ist sie dort eingetroffen, erfährt sie, dass Kayleigh von Edwin Sharp gestalkt wird. In der Nacht wird Bobby Prescott, der Chef der Roadcrew und langjährige Freund von Kayleigh, ermordet und Sharp ist der Hauptverdächtige, der als Stalker von seiner Sicht der Wirklichkeit, nämlich dass Kayleigh ihn liebt und sie von ihrer Entourage beeinflusst und in Quasi-Haft gehalten wird, bedingungslos überzeugt und schlau genug ist, keine Spuren zu hinterlassen.

Aber ist er wirklich der Mörder? Immerhin befinden wir uns in einem Roman von Jeffery Deaver, der für seine wendungsreichen Enden bekannt ist, und Sharp ist eigentlich viel zu verdächtig, um der Mörder zu sein.

Wie Deaver ihn dann über gut fünfhundertfünfzig kurzweilige Seiten immer wieder be- und entlastet und die Gesichtsleserin Kathryn Dance bei der Mörderjagd auch einige andere Übeltäter überführt, die mehr oder weniger Trittbrettfahrer der Taten des Mörders sind, der nach der Ermordung von Bobby Prescott weitere Menschen in Kayleighs Umfeld tötet, ist gutes Spannungshandwerk, bei dem man auch einiges über die Country-Musik, das Musikgeschäft und die Veränderungen des Geschäfts durch das Internet lernen kann. Denn, wie immer, hat Deaver seine Recherche gemacht.

Mir kamen allerdings einige der Wendungen in der zweiten Hälfte von „Die Angebetete“ zu plötzlich, einige Subplots wurden zu schnell abgehandelt und einige Szenen, wie die Begegnung von Kayleigh und Sharp ungefähr in der Buchmitte, hätten gewinnbringender verarbeitet werden können. Aber das ist Jammern auf hohem Niveau.

Jeffery Deaver: Die Angebetete

(übersetzt von Thomas Haufschild)

Blanvalet, 2013

576 Seiten

19,99 Euro

Originalausgabe

XO

Simon & Schuster, 2012

 

Hinweise

Homepage von Jeffery Deaver

Deutsche Homepage von Jeffery Deaver

Wikipedia über Jeffery Deaver (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Jeffery Deavers Kurzroman „Auf ewig“ (Forever, 2005)

Meine Besprechung von Jeffery Deavers Kurzgeschichtensammlung “Gezinkt” (More twisted, 2006)

Meine Besprechung von Jeffery Deavers „Die Menschenleserin“ (The sleeping doll, 2007)

Meine Besprechung von Jeffery Deavers „Lautloses Duell“ (The blue nowhere, 2001)

Meine Besprechung von Jeffery Deavers “Der Täuscher” (The broken window, 2008)

Meine Besprechung von Jeffery Deavers “Carte Blanche Ein James-Bond-Roman” (Carte Blanche, 2011)

Jeffery Deaver in der Kriminalakte


Über „Secret Service – Jahrbuch 2013“

Mai 15, 2013

 

Syndikat - Secret Service Jahrbuch 2013

Am bewährten Konzept von seinem Jahrbuch „Secret Service“ hat das Syndikat, Autorengruppe deutschsprachige Kriminalliteratur AIEP/IACW, nichts geändert: es gibt oft erstaunlich kurzweilige Erlebnisberichte von Autoren von ihren Lesungen und Veranstaltungen während der Criminale, dem, hm, jährlichen Klassentreffen der Krimiautoren, Kurzkrimis, etwas Gehirnfutter, dieses Mal vor allem von Prof. Dr. med. Burkhard Madia über „Rechtsmedizin – unerkannte Morde“, Thomas Przybilkas Überblick über „Wichtige Sekundärliteratur zur Kriminalliteratur“ und die immer lesenswerten Befragungen der 2012er Glauser-Preisträger, bei denen die Herausgeber immer noch verschweigen, welche Glauser-Preise Michael Theurillat, Lena Avanzini, Nina George, Maja von Vogel und Thomas Przybilka erhielten.

 

Also: Michael Theurillauts „Rütlischwur“ (Ullstein) war der beste Roman, Lena Avanzinis „Tod in Innsbruck“ (emons) das beste Debüt, Nina Georges „Das Spiel ihres Lebens“ (in „Scharf geschossen“ [KBV]) der beste Kurzkrimi, Maja von Vogels „Nachtsplitter“ (dtv) erhielt den Hansjörg-Martin-Preis (aka bester Kinder- und Jugendkrimi) und Thomas Przybilka erhielt – verdient – den Friedrich-Glauser-Ehrenpreis für besondere Verdienste um die deutschsprachige Kriminalliteratur.

 

Witzig ist Andreas Grubers „Wie man keinen erfolgreichen Roman schreibt“. Ich befürchte allerdings, dass einige die ironisch gemeinten Ratschläge für bare Münze nehmen.

 

Viel zu knapp ist Marc Ritters „Das E-Book: Gestern – Heute – Morgen“. Der auf einem zweistündigem Vortrag basierende Text bleibt nämlich zu sehr an der Oberfläche.

 

Ziemlich ärgerlich ist „UrhG! Auch das noch“ von Angela Eßer und Nina George, die die Aktionen des Syndikats zum Urheberrecht Revue passieren lassen und marktschreierisch auf dem Debattenstand von vor ungefähr einem Jahr verharren, inclusive Selbstwidersprüchen. So polemisieren sie zuerst über „krude Ideen von der Kulturflatrate, der Kulturmark, ‚Freemium-Geschäftsmodellen’“, die von den „Hardlinern gegen das Urheberrecht“, die da wären „von der Netzpolitik, von einer Handvoll dauerpublizierender Netzaktivisten, unterstützt von Giganten wie Google, Amazon und Apple“, verfochten werden. Wenige Seiten später, nachdem sie das derzeitige Modell von Bibliothekstantiemen und sonstigen Abgaben (dass Studiengebühren auch dazu gehören, war mir neu), die über die VG Wort an die dort gemeldeten Autoren (aufgrund der von ihnen gemeldeten Texte) jährlich ausgeschüttet werden, erläutert haben, fordern sie „die Übertragung dieses Rechte-Kreislaufs auf das Internet“. Hm, klingt irgendwie nach Kulturflatrate.

 

Der gesamte Text ist nicht besonders zielführend, wenig zukunftsweisend, rennt lautstark mit einem „JA zum Urheberrecht!“ offene Scheunentüre ein, ohne auf die wirklich interessante Frage, wie das Urheberrecht an die digitale Welt angepasst werden soll, einzugehen.

 

Aber auch die von VG Wort jüngst initiierte und im Netz ziemlich lautlos verhallte Initiative „Wir geben 8“ ist da in ihrem Festhalten am Bestehenden keinen Schritt weiter, spricht sich aber gegen Fair Use (als ob Google Books ein Standard-Fair-Use-Fall wäre) und Remixe (als ob Romane, wie Filme oder Songs, in einer Cut-and-Paste-Technik geremixed würden) aus.

 

Und gerade nachdem letztes Jahr so engagiert über das Urheberrecht diskutiert wurde, hätte das Syndikat in der diesjährigen Ausgabe seines Jahrbuchs das Thema durchaus mit sich widersprechenden Meinungen in einem Streitgespräch oder verschiedenen Texten behandeln oder einen von diesen „Hardlinern gegen das Urheberrecht“ um einen Text bitten können.

 

Aber aus den vielen Mafia-Filmen wissen wir, dass das Syndikat keine anderen Meinungen zulässt und Störenfriede gerne in der Wüste verbuddelt oder den nächsten Fluss, gerne mit Betonschuhen, wirft.

 

 

Zwei Lesetipps: Anne Chaplet, aka Cora Stephan, hat in ihrer Kolumne über die diesjährige Criminale ähnliche Punkte mit einem ähnlichen Tenor angesprochen.

 

Stefan Niggemeier hat bei der VG Wort mal nachgefragt – und keine richtige Antwort auf seine Fragen zur „Wir geben 8“-Kampagne erhalten.

 

 

Syndikat (Hrsg.): Secret Service – Jahrbuch 2013

 

Gmeiner, 2013

 

320 Seiten

 

9,99 Euro

 

 

Hinweise

 

Homepage vom Syndikat

 

Meine Besprechung von „Secret Service – Jahrbuch 2009“

 

Meine Besprechung von „Secret Service – Jahrbuch 2011“

 

Meine Besprechung von „Secret Service – Jahrbuch 2012“

 

 


TV-Tipp für den 13. Mai: Two Lovers

Mai 13, 2013

Arte, 20.15

Two Lovers (USA 2008, R.: James Gray)

Drehbuch: James Gray, Rick Menello

Nicht der Plot (eigentlich ein 08/15-Liebedrama: Leonard lebt, nach mehreren Selbstmordversuchen, wieder in seinem Jugendzimmer. Seine Eltern wollen ihn mit Sandra verkuppeln. Aber er ist in Michelle verliebt.), sondern die Machart ist entscheidend. Und die stimmt bei „Two Lovers“.

Denn „Two Lovers“ ist wie Grays vorherige Filme „Little Odessa“, The Yards – Im Hinterhof der Macht“ und „Helden der Nacht“ hochkarätig besetztes Schauspielerkino ohne einen falschen Ton. Weder im Spiel, noch in der Kameraführung, dem Schnitt, der Ausstattung oder der Musikauswahl. Und keines dieser Elemente drängt in den Vordergrund. Sie alle dienen der Geschichte. Wieder einmal ist Grays Blick für die Details bemerkenswert. Teilweise fallen sie beim ersten Sehen nicht auf, aber alle zusammen machen die Geschichte glaubwürdig. Es sind Kleinigkeiten, wie die Fotowand in der Wohnung der Kraditors, Leonards Jugendzimmer, die kleinen Gesten und Blicke, die in Sekundenbruchteilen alles erklären und Entscheidungen, wie Joaquin Phoenix während eines Geständnisses mit dem Rücken zur Kamera spielen zu lassen, auf einen Schnitt zu verzichten, das Licht in einer besonderen Art zu setzen und eine – teilweise unsichtbare – Zeitlupe einzusetzen.

mit Joaquin Phoenix, Gwyneth Paltrow, Vinessa Shaw, Moni Moshonov, Isabella Rossellini, Elias Koteas

Wiederholung: Mittwoch, 15. Mai, 01.00 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Wikipedia über “Two Lovers” (deutsch, englisch)

IFC: Interview mit James Gray über „Two Lovers“

Spout Blog: Interview mit James Gray über „Two Lovers“

Coming Soon: Interview mit James Gray über “Two Lovers”

Collider: Interview mit James Gray über “Two Lovers”

IndieWire: Interview mit James Gray über “Two Lovers”

Meine ausführliche Besprechung von “Two Lovers” (Two Lovers, USA 2008 – mit weiteren Informationen)

 

Der Buchtipp

Roesler-Keilholz - Keilholz HRSG - James Gray

96 Seiten – das täuscht. Denn der von Silke Roesler-Keilholz und Sascha Keilholz herausgegebene Sammelband „James Gray – Der filmische Raum zwischen Nähe und Distanz“ ist extrem klein gedruckt. Andere Verlage hätten den Text locker auf gut 192 Seiten verteilt und es würde sich immer noch niemand über den Platz zwischen den Buchstaben beschweren.

In dem Sammelband sind Analysen von James Grays Filmen „Little Odessa“, „The Yards“, „We own the Night“ und „Two Lovers“ und ein Interview mit James Gray. Klingt doch gut?

Silke Roesler-Keilholz/Sascha Keilholz (Hrsg.): James Gray – Der filmische Raum zwischen Nähe und Distanz

Schüren, 2012

96 Seiten

14,90 Euro


Über den Berlin-Krimi „Der Tag der Rache“ von James Patterson und Mark Sullivan

Mai 8, 2013

 

Normalerweise spielen die Geschichten von James Patterson in den USA. Aber mit seiner „Private“-Serie über eine internationale Detektei mit scheinbar unbegrenzten Ressourcen, kann er seine Geschichten auch in anderen Ländern spielen lassen und die deutsche Hauptstadt mit ihrer einzigartigen Geschichte ist ein dankbares Pflaster für Geschichten, die so nur in Berlin spielen können.

 

Private-Detektiv Chris Schneider, der in Ostdeutschland seine Kindheit verbrachte, wird in einem verlassenen Schlachthaus in Ahrensfelde ermordet. Als seine Ex-Freundin und Kollegin Mathilde Engel über ein GPS-Signal einen Hinweis auf das Schlachthaus erhält, entdeckt sie dort in einem Kellerraum mehrere Leichen. Kurz darauf wird die Ruine in die Luft gejagt.

 

Engel beginnt, zusammen mit der Polizei (der ermittelnde Kommissar ist ebenfalls Ostdeutscher), nach dem Täter zu suchen. Dabei führen ihre Ermittlungen sie in die Vor-Wende-Vergangenheit. Das Motiv für den Mord an ihrem Kollegen scheint in dessen Kindheit zu liegen und der Täter, ein Meister im Verkleiden und Verwischen seiner Spuren, will noch weitere Menschen umbringen.

 

Auch wenn der Edgar-nominierte Thriller-Autor Mark Sullivan, dessen vorherigen Romane vor allem bei Fischer erschienen, den Roman geschrieben hat, wurde die Geschichte, wie schon bei ihrer vorherigen Zusammenarbeit „Der Countdown des Todes“, ebenfalls für die Private-Serie, von James Patterson und Mark Sullivan erfunden und Patterson hat, wie auch bei seinen zahlreichen anderen Kooperationen, die ihn zu einem enorm produktiven und kommerziell erfolgreichem Autor machen, natürlich das letzte Wort gehabt. Insofern ist „Der Tag der Rache“ ein typischer Patterson: viele kurze Kapitel und eine Story, die unterhalten soll. Weitere Ansprüche sind nicht erkennbar. Die Charaktere und die Handlung von „Der Tag der Rache“ wirken wie aus einer TV-Serie; keine dieser hochklassigen Serien, über die Kritiker lange Elogen schreiben und Wissenschaftler Dissertationen anfertigen, sondern eine dieser Serien, die man nach Feierabend, ohne groß nachzudenken, zur Entspannung ansieht und schnell wieder vergisst und wie sie in der Vergangenheit zum Beispiel von Aaron Spelling und Stephen J. Cannell produziert wurden.

 

Auch die Sprache ist bestenfalls funktional, teilweise auch verquast. So gibt es anstatt einem „sagte“ auf Seite 47 (willkürlich herausgegriffen) „meldete sich“, „beschwerte sich“, „erwiderte“, „seufzte“, „versprach“, was vielleicht ein Rückfall in die alte Übersetzerunsitte ist, nach der man niemals, auch wenn es im Original so steht, nur „sagte“ schreiben darf, sondern immer noch Regieanweisungen geben muss. Als ob das Gesagte nicht ausreichen würde.

 

Der Tag der Rache“ selbst ist ein okayer Schmöker, der für Berliner wegen des Handlungsortes gewinnt, aber auch nicht weiter im Gedächtnis bleibt und insgesamt sehr amerikanisch ist; – was sogar für ihn spricht. Denn das Team Patterson/Sullivan zeigt, dass in Deutschland spielende Krimis nicht bieder und provinziell sein müssen.

 

Besser werden sie so nicht unbedingt.

 

Patterson - Sullivan - Der Tag der Rache

 

James Patterson/Mark Sullivan: Der Tag der Rache

 

(übersetzt von Helmut Splinter)

 

Goldmann, 2013

 

384 Seiten

 

9,99 Euro

 

 

Originalausgabe

 

Private Berlin

 

Little, Brown and Company, 2013

 

 

Hinweise

 

Homepage von Mark Sullivan

Krimi-Couch über Mark Sullivan

 

Homepage von James Patterson

 

The Rap Sheet über James Patterson

 

Fantastic Fiction über James Patterson 

 

James Patterson auf der Krimi-Couch

 

Meine Besprechung von James Patterson/Michael Ledwidges „Im Affekt“ (The Quickie, 2007)

Meine Besprechung der James-Patterson-Verfilmung „Alex Cross“ (Alex Cross, USA 2012)

 

James Patterson in der Kriminalakte

 

PW: Mark Sullivan über seine Zusammenarbeit mit James Patterson (Dezember 2012)

 

 

 


„Begegnungen mit dem Serienmörder“ ist jetzt „Die Maske des Mörders“

Mai 5, 2013

 

Harbort - Die Maske des Mörders

Das ist jetzt aber ein kleiner Etikettenschwindel. Denn „Die Maske des Mörders – Serientäter und ihre Opfer“ wirkt zwar auf den ersten Blick wie das neue Buch des Kriminalisten Stephan Harbort, der ziemlich regelmäßig und erfolgreich Bücher über Serienmörder publiziert. Für dieses Buch machte er die erste deutsche Studie über die Menschen, die Begegnungen mit Serienmördern überlebten und er publizierte sie bereits 2008 als Hardcover im Droste-Verlag, später als Taschenbuch bei Knaur, unter dem Titel „Begegnung mit dem Serienmörder – Jetzt sprechen die Opfer“.

Jetzt wurde die Studie einfach mit dem neuen Titel „Die Maske des Mörders – Serientäter und ihre Opfer“ wieder veröffentlicht. Änderungen, wie zum Beispiel ein neues Vor- oder Nachwort, gibt es nicht.

Ich hatte das Buch damals angefangen zu lesen, dann aber irgendwann aufgehört. Wahrscheinlich weil das Hardcover so schlecht in die Hosentasche passte und die Begegnungen mit den Serienmörder doch nicht so faszinierend waren.

Jedenfalls unterhielt er sich damals mit dem Stern und dem Spiegel über sein Buch

Stephan Harbort: Die Maske des Mörders – Serientäter und ihre Opfer,

Knaur, 2013

352 Seiten

8,99 Euro

Originalausgabe

Begegnung mit dem Serienmörder – Jetzt sprechen die Opfer

Droste Verlag, 2008

 

Hinweise

Homepage von Stephan Harbort

Wikipedia über Stephan Harbort


„Der Nachtwandler“ Sebastian Fitzek ist auch „Abgeschnitten“ von dem Langeweile-Gen

April 30, 2013

 

Dass Sebastian Fitzek seine lesehungrigen Fans, wie Dan Brown, darben lässt, kann nicht behauptet werden. Normalerweise erscheinen seine Psychothriller ungefähr im Jahrestakt, aber vor einem halben Jahr erschien sein mit Michael Tsokos geschriebener Thriller „Abgeschnitten“, dann hatte die Verfilmung von „Das Kind“ Premiere und jetzt erschien „Der Nachtwandler“, das, wie schon „Der Seelenbrecher“, nur in einem Haus spielt. Und damit hören die Gemeinsamkeiten zwischen dem Nachtwandler und dem Seelenbrecher auch schon auf.

 

Fitzek - Der Nachtwandler - 2

 

Denn in „Der Nachtwandler“ fragt sich der 28-jährige Leon, ob er wieder im Schlaf wandelt und dabei auch seine Freundin verprügelte. Nachdem sie ihn, in Tränen aufgelöst, verlässt und er sie nicht für ein klärendes Gespräch erreicht, besorgt Leon sich eine Kamera, die er auf seinem Kopf befestigt und die aufnimmt, was er im Schlaf tut.

 

Am nächsten Tag sieht er auf den Aufnahmen, dass es in seiner Mietwohnung hinter einem Schrank eine Tür gibt, die er vorher noch nicht kannte. Die Tür führt in ein Gewirr von Gängen, durch die er in die anderen Wohnungen gelangen kann.

 

Und viel mehr soll jetzt von der Geschichte nicht verraten werden. Immerhin ist „Der Nachtwandler“ ein typischer Fitzek-Roman, in dem immer wieder unklar ist, wie zurechnungsfähig Leon noch ist und ob er gerade wach ist oder schläft. Ich glaube, dass Fitzek das am Ende nicht ganz sauber aufgelöst hat, aber bis zu dem überraschenden, Fitzek-typischen Ende ist so für ordentlich Spannung in dem verwunschenem Mietshaus mit seinen seltsamen Bewohnern, ihren mysteriösen Warnungen, den geheimen Gängen und Räumen gesorgt. Es ist natürlich auch eine reine, leicht atemlose Oberflächenspannung, weil die Charaktere sich immer der Handlung, vor allem der Schlußpointe, unterordnen müssen und, um des Thrills wegen, es dann doch immer wieder absurde Wendungen gibt. So sind die verborgenen Gänge in dem Haus fast schon größer als das in einer x-beliebigen größeren Stadt stehende Haus.

 

Aber man will schon wissen, wie es ausgeht und so wird man in der Nacht, in der man „Der Nachtwandler“ liest, garantiert nicht zum Nachtwandler.

 

Die Auflösung, auch wenn Sebastian Fitzek auf der Buchvorstellung sagte, er plane keine „Fortsetzung“ von „Der Nachtwandler“, liefert eigentlich die Idee für einen weiteren Roman im „Nachtwandler“-Kosmos. Jedenfalls hätte ich mindestens zwei Ideen.

 

Fitzek - Tsokos - Abgeschnitten

 

Abgeschnitten“, das Gemeinschaftswerk von Sebastian Fitzek und Michael Tsokos, ist dagegen ein ziemlich vorhersehbarer Thriller über einen in Scheidung lebenden Rechtsmediziner, der seine entführte Tochter, die bei ihrer Mutter lebt und zu der er eigentlich keinen Kontakt mehr hat, retten will und dabei nicht bei Nacht und Nebel, sondern bei Sturm und Schneetreiben von Berlin in Richtung Helgoland hetzt. Denn auf der durch einen Orkan vom Festland abgeschnittenen Insel gibt es in einer Leiche einen weiteren Hinweis, den er innerhalb einer bestimmten Zeit finden und entschlüsseln muss und der ihn zu dem Versteck seiner Tochter oder einer weiteren Leiche führen kann.

 

Weil Paul Herzfeld nicht rechtzeitig auf der Insel sein kann, leitet er die Comiczeichnerin Linda, die sich vor ihrem gewälttätigen, sie stalkenden Freund auf die Insel zurückzog und die die Leiche entdeckte, zu einer fachgerechten Obduktion an. Und dank der Mitwirkung von Michael Tsokos, Leiter des Instituts für Rechtsmedizin an der Charité und des Landesinstituts für gerichtliche und soziale Medizin in Berlin, stimmen auch die Details der Obduktion. Einige Anekdoten aus Herzfelds Leben und einige von Herzfeld erzählten Todesfälle sind auch aus Tsokos‘ Leben.

 

Der Roman selbst leidet daran, dass der Bösewicht sich einen furchtbar komplizierten Plan ausgedacht hat, in dem er in mehreren Leichen sorgfältig versteckte Hinweise platziert und er davon ausgeht, dass Herzfeld sich in einer bestimmten Art und Weise verhält. Dass Herzfeld diesen Anweisungen dann doch nicht bedingungslos folgt, bringt seinen Plan nur geringfügig durcheinander und alles läuft ziemlich geradlinig auf die Konfrontation zwischen Gut und Böse auf der Insel hinaus.

 

Abgeschnitten“ fesselt zwar, hat Pageturner-Qualitäten, aber so richtig packend ist der Roman nie und die den Roman einrahmenden vier Zeitungsartikel über Fälle, in denen Wirtschaftskriminelle eine hohe und Sexualstraftäter eine niedrige Strafe erhielten, und das damit verbundene Motiv des Bösewichts, hinterlassen in ihrer biertischhaften Moral einen reaktionären Nachgeschmack, den ich so bei Sebastian Fitzek und Michael Tsokos nicht vermutet hätte.

 

 

Sebastian Fitzek: Der Nachtwandler

 

Knaur, 2013

 

320 Seiten

 

9,99 Euro

 

 

Sebastian Fitzek/Michael Tsokos: Abgeschnitten

 

Droemer, 2012

 

400 Seiten

 

19,99 Euro

 

 

 

Hinweise

Homepage von Sebastian Fitzek

Sebastian Fitzek in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks „Der Seelenbrecher“ (2008)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks „Das Kind“ (2008)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks „Splitter“ (2009)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks “Der Augensammler” (2010)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks “Der Augenjäger” (2011)

Meine Besprechung der Sebastian-Fitzek-Verfilmung “Das Kind” (D 2012)

 

Meine Besprechung von Michael Tsokos‘ „Dem Tod auf der Spur“ (2009)


William Gibson meint „Misstrauen Sie dem unverwechselbaren Geschmack“

April 26, 2013

 

Gibson - Misstrauen Sie dem unverwechselbaren Geschmack - 2

Eine Essaysammlung ist normalerweise Resteverwertung. Etwas, das ein Romanautor tut, wenn sein nächster Roman auf sich warten lässt, er aber wahrscheinlich vertragliche Verpflichtungen hat oder schnell etwas Geld haben möchte. Halt etwas für die Komplettisten unter seinen Fans. Einige Feuilletonisten schreiben einige wohlfeine Worte darüber und damit ist die Sache, wie bei den vorweihnachtlichen Best-of-Alben, vergessen.

 

Das trifft sicher auch auf William Gibsons schön gelayoutete Essaysammlung „Misstrauen Sie dem unverwechselbaren Geschmack“ zu, dachte ich und ich wollte die Texte in kleinen Portionen lesen, immer mit der Möglichkeit im Hinterkopf, dass das Buch auf dem „Bücher, die ich gerade lese“-Stapel, neben einigen Kurzgeschichtensammlungen, einstaubt. Aber ich hatte die Texte ratzfatz, fast in einer Sitzung weggelesen und, auch wenn nicht alle Texte gleich gelungen sind, geben sie einen guten Einblick in Gibsons Schaffen, seine Inspirationen und was er vom Cyberspace hält. Denn in seinen ersten Romanen „Neuromancer“ (Newromancer, 1984), „Biochips“ (Count Zero, 1986) und „Mona Lisa Overdrive“ (Mona Lisa Overdrive, 1988) beschrieb er in den achtziger Jahren, als fast niemand einen Computer in seiner Wohnung stehen hatte und das Internet ein esoterisches Expertending ohne jeden Praxisbezug war, eben dieses Internet und die Verschmelzung von normaler Welt und Cyberspace in furiosen Cyberpunk-Romanen, in denen die Beschreibung der Welt zwingender und faszinierender als die eigentliche Geschichte war. Denn ein großer Plotter war William Gibson nie, aber gerade bei seinen Science-Fiction-Romanen störte das nicht.

 

Wobei William Gibson wahrscheinlich jetzt laut protestieren würde. Denn in mehreren Essays, wie seiner „Rede für die Bookexpo in New York“ (2010) führt er aus, dass er niemals über zukünftige Welten, sondern immer nur über die Gegenwart geschrieben habe. Außerdem lägen Science-Fiction-Autoren mit ihren Vorhersagen auch ziemlich oft daneben. Trotzdem wirken etliche Texte erstaunlich prophetisch für die heutige Realität. Damals waren einige Anwendungen, Suchmaschinen (Erinnert ihr euch noch an AltaVista?) und Ebay gerade im Entstehen und Singapur und Japan, wo er mehrmals war, porträtiert er als Vorbilder für künftige technikverliebte Gesellschaften.

 

Und dann gibt es noch sein 1996 in der New York Times publiziertes Essay „Das Netz ist Zeitverschwendung“ (The Net is a waste of Time), in dem die wohl schon legendäre Überschrift konsequent als Ablehnung des Internets missverstanden wurde, weil man den Text nicht gelesen hat. Denn: „Während neue Technologien ständig die Lücken im globalen Kommunikationsnetz schließen, bleiben uns immer weniger Entschuldigungen für…Müßiggang.

 

Und genau das ist es, was das World Wide Web, dieses Testbild für das künftige globale Leitmedium, uns zu bieten hat. In seiner unbeholfenen, larvenähnlichen, seltsam unschuldigen Form gibt es uns heute die Möglichkeit, Zeit zu verschwenden, ziellos umherzustreifen und uns Tagträumen über die zahllosen andern Leben hinzugeben, die andere Menschen vor den zahllosen Monitoren in diesem postgeografischen Metaland, das wir immer öfter Heimat nennen. Vermutlich wird es sich schon bald in etwas weniger Zufälliges verwandeln – etwas, das deutlich weniger Spaß macht. Es wäre nicht das erste Mal. Derweil jedoch lässt sich im Netz in seiner herrlich ungeordneten Global-Ham-Televison-Postcard-Universes-Phase wunderbar die Zeit vertrödeln. Und für Außenstehende sieht es vielleicht sogar so aus, als würden wir arbeiten.“

 

Ach ja: Bereits seit 1985 schreibt William Gibson seine Romane auf einem PC. Aber das Gerücht, dass er immer noch in einem dunklen Kellerzimmer seine Romane auf einer alten Schreibmaschine schreibt, ist einfach zu gut, um nicht in gefühlt jeden zweiten Text über Gibson eingeflochten zu werden. Wahrscheinlich auch von mir.

 

Während ihr euch jetzt „Misstrauen Sie dem unverwechselbarem Geschmack“ besorgen solltet, William Gibson in seiner Künstlerklause weiter an seinem neuen Roman schreibt, werde ich im Netz etwas Zeit verschwenden, während alle anderen glauben, dass ich arbeite.

 

 

William Gibson: Misstrauen Sie dem unverwechselbaren Geschmack – Gedanken über die Zukunft als Gegenwart

 

(übersetzt von Sara und Hannes Riffel)

 

Tropen, 2013

 

256 Seiten

 

21,95 Euro

 

 

Originalausgabe

 

Distrust that particular flavor

 

Putnam Adult, New York 2012

 

 

Hinweise

 

Homepage von William Gibson

 

Deutsche Homepage von William Gibson

 

Rolling Stone interviewt William Gibson (2007)

 

De:Bug Magazin redet mit William Gibson (2008 )

 

Intor redet auch mit William Gibson (2008 )

 

The Boston Globe macht „Q&A“ mit William Gibson (2007)

 

Powells telefoniert mit William Gibson (2007)

 

DShed: Lesung und Diskussion mit William Gibsonüber “Systemneustart” (6. Oktober 2010, 69 Minuten)

Meine Besprechung von William Gibsons „Systemneustart“ (zero history, 2010) (mit einigen Videoclips)

 

William Gibson in der Kriminalakte

 

 


Der neue Hans-Herbert-von-Arnim-Joint: „Die Selbstbediener“

April 20, 2013

 

von Arnim - Die Selbstbediener

Jetzt also Bayern. Hans Herbert von Arnim, der in den vergangenen Jahren mit Bestsellern wie „Staat ohne Diener“, „Fetter Bauch regiert nicht gern“ und „Diener vieler Herren“, in denen er den Parteien im Bund und in verschiedenen Bundesländern akkurat ihre Selbstbedienungsmentalität nachwies, hat sich jetzt Bayern vorgenommen und man fragt sich schon, warum er das erst jetzt tat. Immerhin dürfte das seit Ewigkeiten von der CSU, manchmal sogar mit einer anderen Partei, regierte Bundesland, in dem die Partei sich krakenähnlich überall ausbreitete und in unregelmäßigen Abständen „Amigo“-Affären ein Schlaglicht auf die Verbindungen zwischen Politik und Wirtschaft werfen, doch eine Fundgrube für von Arnim sein.

Aber: „Auf das Selbstbedienungsproblem in Bayern bin ich eigentlich eher zufällig gestoßen. In der Begründung meiner Klage gegen die Fünfprozentklausel bei der Europawahl, die 2011 zu deren Aufhebung führte, hatte ich aufgezeigt, wovon kleinere Parteien, die an der Sperrklausel scheitern, alles ausgeschlossen sind. Dabei war ich auf das gewaltige Volumen der indirekten Staatsfinanzierung gestoßen, die etablierte Parteien sich durch Umleitung der Geldströme auf ihre Fraktionen und Abgeordnetenmitarbeiter beschafft haben“, schreibt von Arnim in „Die Selbstbediener – Wie bayerische Politiker sich den Staat zur Beute machen“ und das führt er auf den folgenden knapp zweihundert, großzügig gelayouteten Seiten aus. Denn sein neuestes Buch ist kaum länger als ein längerer wissenschaftlicher Aufsatz und dürfte vor allem in Bayern auf Interesse stoßen. Dabei ist die Recherche, wie man es von von Arnim kennt, gewohnt gut; die teils zwischen den Zeilen erhobenen Forderungen an den Politikbetrieb und die Vorstellungen von den Aufgaben, der Arbeit und den Kompetenzen eines Politikers mindestens diskussionswürdig.

So kritisiert er, dass die bayerischen Landtagsabgeordneten eine hohe Diät bekommen, obwohl in der Bayerischen Verfassung von 1947 das Abgeordnetenmandat als Ehrenamt konzipiert sei, für das nur der mandatsbedingte Aufwand zu entschädigen sei. Seit dem 1. Juli 2012 erhalten bayerische Abgeordnete, als bundesdeutsche Spitzenreiter, eine monatliche Entschädigung von 7060 Euro und, für ihre Arbeit, eine monatliche Kostenpauschale 3214 Euro.

Wenn jetzt diese Kosten radikal reduziert würden, vielleicht sogar vollständig entfielen, was, auch weil die Landtage immer weniger Aufgaben haben, ein auf den ersten Blick überlegenswerter, von von Arnim forcierter Gedanke ist, muss man mit mindestens drei großen Problemen kämpfen: einerseits gibt es immer noch Landesaufgaben (vor allem in den Bereichen Bildung, Inneres und Justiz), andererseits ist eine dann gewünschte bis notwendige zweite Tätigkeit neben der Parlamentsarbeit, auch wenn sie in einem Feierabend- (wie Gemeinderäte) oder Halbtagsparlament (wie im Stadtstaat Berlin) ausgeübt wird, ein Einfallstor für Korruption. Auch die Personalauswahl dürfte sich dann auf die Menschen beschränken, die sich ein Mandat finanziell und zeitlich leisten können.

Sowieso verliert von Arnim kein Wort über die Arbeitsbelastung der Parlamentarier und den Sinn von Mitarbeitern. Wobei in Bayern Landtagsabgeordnete auch hier fürstlicher ausgestattet sind als in anderen Ländern.

So gibt es inzwischen, nachdem der bayerische Landtag nach der letzten Landtagswahl einer mehr als ordentlichen Erhöhung zustimmte, jährlich 21,5 Millionen Euro für persönliche Mitarbeiter der Abgeordneten (Haushaltsplan 2014). Das sind über 114.000 Euro pro Abgeordneten. In Berlin sind es 16.107 Euro pro Abgeordneten und in Hessen 52.542 Euro.

Die Fraktionen erhalten jährlich 15,7 Millionen Euro für ihre Arbeit. Also im Wesentlichen für Mitarbeiter und Öffentlichkeitsarbeit, die von Arnim anscheinend vollkommen abschaffen will, weil sie verfassungswidrig sei. Wie die Parlamentarier und Fraktionen dann die Öffentlichkeit über ihre Arbeit informieren sollen, verrät er allerdings nicht.

Im Gegensatz zur üppigen Fraktionsfinanzierung steht die Parteienfinanzierung mit 2,3 Millionen Euro, die Parteien vom Staat aufgrund ihres Wahlergebnisses erhalten. Weil es einen CSU-Sondereffekt gibt (die CSU ist, wie bekannt, eine eigenständige Partei, die nur in einem Bundesland antritt), erhielt die CSU 9,61 Millionen Euro aus der Parteienfinanzierung; die bayerische SPD 1,73 Millionen Euro. Dem gegenüber stehen für die CSU 21,91 Millionen Euro, für der SPD 8,7 Millionen Euro Fraktionszuschuss und Mitarbeiterpauschale.

Wie in seinen vorherigen Büchern liegt der wahre Wert von „Die Selbstbediener“ in der detaillierten, hier nur rudimentär angeschnittenen Aufschlüsselung der Einkommen der bayerischen Landespolitiker über ihre Abgeordnetenentschädigung und die weiteren Entschädigungen für Mitarbeiter und Öffentlichkeitsarbeit. Der Mitarbeiteretat ist deutlich höher als in anderen Bundesländern. Im Gegensatz zu anderen Ländern, können auch nahe Verwandte beschäftigt werden, und es erfolgt gegenüber dem Landtag keine genaue Abrechnung.

Dieser Punkt wurde in Bayern von den Medien schon erfolgreich aufgegriffen. Danach beschäftigt jeder fünfte CSU-Abgeordnete, darunter auch drei Kabinettsmitglieder, gesetzeswidrig Ehepartner und Kinder. CSU-Parteichef Horst Seehofer drängt jetzt auf schnelle Kündigungen. Mal sehen, wie sich diese Geschichte weiterentwickelt.

Weil die ganzen Zahlen, Vergünstigungen, Gesetze und Vorschriften nicht mit einem Klick auf der Homepage des bayerischen Landtags (ein schönes Gebäude mit einem wundervollen Blick über die Stadt) ersichtlich ist, ist „Die Selbstbediener“ für Bayern, wegen der Analyse, eine Pflichtlektüre, für den Rest Deutschlands eine Kann-Lektüre.

Hans Herbert von Arnim: Die Selbstbediener

Heyne, 2013

256 Seiten

12,99 Euro

Hinweise

Homepage von Hans Herbert von Arnim

Wikipedia über Hans Herbert von Arnim

 

 


Neu im Kino/Filmkritik/Buchkritik: Diese „Mama“ versteht keine Spaß – und Neil Cross ist „Gefangen“

April 18, 2013

 

Das mit der Mutterliebe ist, wie wir spätestens seit „Psycho“ wissen, so eine Sache. Auch die titelgebende Mutter in „Mama“ ist eine ziemlich furchteinflößende Person, die ihre Kinder mit allen Mitteln beschützt. So bringt sie, bei ihrem ersten Auftritt, in einer einsamen Waldhütte nach Sonnenuntergang Jeffrey um, der gerade seine beiden Töchter Victoria und Lilly umbringen wollte.

 

Die nächsten Jahre verbringen die beiden Mädchen im Wald und verwildern zusehends. Erst fünf Jahre später werden sie zufällig entdeckt. Kurz darauf nehmen Lucas (Nikolaj Coster-Waldau), der Onkel der inzwischen achtjährigen Victoria (Migan Charpentier) und der sechsjährigen Lilly (Isabelle Nélisse), der immer wieder Suchtrupps losschickte, und seine Freundin Annabel (Jessica Chastain) die beiden Kinder auf. Wegen eines drohenden Sorgerechtsstreits ziehen sie in von dem Psychologen Dr. Dreyfuss (Daniel Kash) organisiertem Haus in und lassen ihn die beiden Mädchen weiter behandeln.

 

In dem Vorstadthaus unterhalten Victoria und Lilly sich mit einer Person, die sie Mama nennen und die anscheinend einen großen Einfluss auf sie hat. Vor allem wenn sie sie ansehen. Aber ist diese Mama eine wirkliche Person oder nur eine Fantasievorstellung der Kinder, die sie über die Jahre in der Hütte am Leben erhielt, oder etwas ganz anderes?

 

Wie es sich für einen guten Horrorfilm gehört, wird das Geheimnis um die Existenz und die Art der Existenz von Mama erst spät enthüllt. Bis dahin schafft Andres Muschietti in seinem stilvollen und stilbewussten Spielfilmdebüt, das auf seinem gleichnamigen Kurzfilm basiert, eine sehr creepige Atmosphäre.

 

Wenn dann allerdings die Geheimnisse von Mama enthüllt werden und es zur abschließenden Konfrontation zwischen Annabel, die zuerst die beiden Findelkinder Victoria und Lilly ablehnte, später immer mehr in eine Beschützerrolle für sie hineinwächst, und Mama kommt, gibt es zunehmend ärgerliche Klischees, wie die Suche nach Antworten im dunklen Wald (als könnte man nicht auch tagsüber in den Wald und die Waldhütte gehen), etliche vermeidbare lose Enden und, im großen Finale an einer Klippe im dunklen Wald, etliche logische Widersprüche. Denn die Macher bieten mehrere, sich eigentlich gegenseitig ausschließende Erklärungen an.

 

Dieses unbefriedigende Ende des von Guillermo del Toro produzierten Spielfilmdebüts, für das auch „Luther“-Autor Neil Cross am Drehbuch mitschrieb, verdirbt einem „Mama“ dann doch ziemlich gründlich.

 

Mama - Teaser

 

Mama (Mama, Spanien/Kanada 2012)

 

Regie: Andres Muschietti

 

Drehbuch: Neil Cross, Andres Muschietti, Barbara Muschietti (nach einer Geschichte von Andres und Barbara Muschietti)

 

mit Jessica Chastain, Nikolaj Coster-Waldau, Megan Charpentier, Isabelle Nélisse, Daniel Kash, Javier Botet, Jane Moffat

 

Länge: 100 Minuten

 

FSK: ab 16 Jahre

 

 

Hinweise

 

Deutsche Homepage zum Film

 

Film-Zeit über „Mama“

 

Metacritic über „Mama“

Rotten Tomatoes über „Mama“

 

Wikipedia über „Mama“ (deutsch, englisch)

 

 

 

Der Lesetipp

 

Cross - Gefangen

 

Mama“-Drehbuchautor Neil Cross ist auch der Erfinder der grandiosen TV-Serie „Luther“ und der Autor einiger toller Kriminalromane, wie dem unlängst auf Deutsch erschienenem „Gefangen“, der wie ein Psychothriller beginnt und als Noir endet. Als Kenny erfährt, dass er wegen eines bösartigen Hirntumors nur noch wenige Wochen zu leben hat, erstellt er eine Liste der Menschen, bei denen er sich vor seinem Tod entschuldigen will, weil er sie früher im Stich gelassen hat. Dazu gehört auch seine vor einigen Jahren spurlos verschwundene Grundschulfreundin Callie. Für Kenny ist die Sache klar: ihr Ehemann Jonathan, der Callie auch geschlagen hat, hat sie ermordet, ihre Leiche verschwinden gelassen und dann den trauernden Ehemann gespielt.

 

Er entführt Jonathan, um aus ihm ein Geständnis herauszupressen. Dummerweise behauptet Jonathan, dass er Callie nicht ermordete und er könnte die Wahrheit sagen.

 

Nach einem ruhigen Beginn, in dem Neil Cross anscheinend etwas ziellos zwischen verschiedenen Handlungssträngen wechselt und etliche scheinbar unwichtige Charaktere breit einführt, nimmt „Gefangen“ in der zweiten Hälfte, wenn alle Charaktere richtig eingeführt sind, ordentlich Fahrt auf und wie Cross ihren Fall in die Barbarei beschreibt und die Handlungsstränge verknüpft, das ist dann große Erzählkunst. Das Ende des angenehm kurzen Thrillers erinnert dann an das moralisch zwiespältige, die vorherigen Gewissheiten infrage stellende Ende der ersten Staffel von „Luther“.

 

 

Neil Cross: Gefangen

 

(übersetzt von Marion Herbert)

 

Dumont, 2013

 

240 Seiten

 

8,99 Euro

 

 

Originalausgabe

 

Captured

 

Simon & Schuster, London, 2010

Hinweise

Homepage von Neil Cross

Meine Besprechung von „Luther – Staffel 1“ (Luther, GB 2010)

Meine Besprechung von „Luther – Staffel 2“ (Luther, GB 2011)

Meine Besprechung von Neil Cross’ “Luther: Die Drohung” (Luther: The Calling, 2011)

Neil Cross in der Kriminalakte (normalerweise mit John Luther)

 

 


Kurzkritik: Bernd Zeller: Lost Merkel

April 17, 2013

Zeller - Lost Merkel

Die Entführung der Bundeskanzlerin könnte der Auftakt für einen furiosen Polit-Thriller sein. Oder für eine Satire, die mal schnell und kräftig gegen die Hauptstadtpolitiker und den Politikbetrieb austeilt und, weil Satire bekanntlich alles darf, auch Ross und Reiter nennen kann, ohne sich vor zu vielen Verleumdungsklagen von echten Politikern fürchten zu müssen.

In „Lost Merkel“ von Bernd Zeller wurde Angela Merkel entführt und nur eine Person kann sie finden: Bettina Wulff, Privatdetektivin. Die Gattin des ehemaligen Bundespräsidenten (ihr Gatte spielt derzeit Hausmann) ist für den Job besonders gut geeignet, weil sich niemand lange an sie erinnert; falls er nicht sogar schon während des Gesprächs vergisst, mit wem er redet. Sogar eine Deko-Blume hinterlässt einen bleibenderen Eindruck als Frau Wulff.

Sie und ein ihr zugeteilter Helfer machen sich auf die Suche, mischen dabei das Kabinett auf, besuchen Stefan Aust auf seinem Gehöft – und als sie auf eine Vampir-Zombie-Apokalypse, die Berlin heimsucht, stoßen, dreht die Satire auf den Politikbetrieb vollkommen in irreale Gefilde ab. Mitten unter den Blutsaugern treten weitere Politiker, wie Claudia Roth und Katrin Göring-Eckhardt, auf.

Bernd Zeller, der schon für ungefähr jede deutsche Satire-Zeitung arbeitete und auch Zeichner ist, illustrierte seine großzügig gesetzte Geschichte mit zwanzig Zeichnungen und auch die Geschichte, naja, eher Kurzgeschichte, ist für einige Lacher gut.

Nur „Satire, die richtig wehtut“ (Klappentext) ist es nicht. Eher Satire, die kurzweilig unterhält, ohne tiefere Erkenntnisse in den Politikbetrieb und die Berliner Republik zu liefern. Denn dass „Parteifreund“ die Steigerung von „Todfeind“ ist und alle Minister auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind, ist keine neue Erkenntnis. Gute Polit-Thriller-Autoren, wie Ross Thomas, haben das schon wesentlich fieser und schwarzhumoriger in ihren Romanen thematisiert. Und dass ganz Berlin in einer Vampir-Zombie-Apokalypse versinkt, ist angesichts der derzeitigen Beliebtheit von Zombies und Vampiren in Büchern, Comics und Filmen keine ganz neue Idee.

Bernd Zeller: Lost Merkel – Die verrückte Entführung der unheimlichen Kanzlerin

Solibro, 2013

112 Seiten

8,95 Euro

Hinweise

Homepage von Bernd Zeller

Tagesschauder: aktuell-politische Agitation von Bernd Zeller

Bernd Zeller in „Die Achse des Guten“


Mit Joe R. Lansdale auf der „Straße der Toten“ und in „Dunkle Gewässer“

April 10, 2013

Lansdale - Dunkle Gewässer - 2Lansdale - Strasse der Toten - 2

Die Zivilisation mit geteerten Straßen, Zentralheizungen, Radios und fließendem Wasser gab es in den frühen dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts in Osttexas noch nicht.

Obwohl – fließend Wasser gab es schon. Immerhin floss der Sabine River schon damals an den wackeligen Holzhäusern, in denen die Räume teils mit von der Decke hängenden Decken in zimmerähnliche Einheiten unterteilt wurden, vorbei.

Und das Telefon wurde von Sue Ellens Vater meistens zum Fische fangen benutzt. Bei einer solchen Angeltour mit ihrem Vater und ihrem Onkel, beides Nichtsnutze vor dem Herrn, entdecken sie im Fluss die Leiche von May Lynn, einer Freundin von Sue Ellen, die ermordet und mit einer Nähmaschine beschwert, im Fluss versenkt wurde. Während der korrupte und faule Constable Sy den Fall sofort als quasi natürlichen Tod zu den Akten legt, ist die sechzehnjährige Sue Ellen neugierig.

Zusammen mit ihren beiden Freunden Jinx, einer Afroamerikanerin, und Terry, ein Frauenschwarm, der, wie wir später erfahren, dummerweise homosexuell ist, wollen sie May Lynns großen Traum, die in Hollywood Schauspielerin werden wollte, erfüllen: sie wollen ihre Asche nach Hollywood bringen. Das nötige Startkapital finden sie auf einem Friedhof. Denn dort versteckte May Lynns inzwischen verstorbener Bruder die Beute von seinem Banküberfällen.

Gemeinsam machen sich die Drei, begleitet von Sue Ellens alkoholsüchtig-depressiver Mutter, auf einem Floß auf dem Sabine River auf den Weg in die nächste größere Stadt.

Als sie aufbrechen ahnt Sue Ellen noch nicht, dass sie von ihrem Vater und Onkel, May Lynns Vater, dem Sheriff und dem sagenumwobenen Killer Skunk (der seinen Opfern die Hände abhacken soll) verfolgt werden.

Dunkle Gewässer“, der neueste Roman von Joe R. Lansdale, ist eine weitere Geschichte aus Osttexas während der Depression. Denn Lansdale, der sich zunächst mit in der Gegenwart spielenden Kriminalromanen, der grandiosen Hap-Collins-Leonard-Pine-Serie, Horrorgeschichten und abgedrehten Pulp-Geschichten, einen exzellenten Ruf bei den Fans spannender Geschichten erschrieb, hat sich ungefähr seit dem mit dem Edgar ausgezeichneten „Die Wälder am Fluss“ (The Bottoms, 2000) eine neue Nische erschrieben: spannende Geschichte, die in Osttexas in der Vergangenheit so zwischen 1900 und 1950 spielen, oft einen jugendlichen Protagonisten haben und sich mit dem damaligen Rassismus sehr undidaktisch auseinandersetzen. Einerseits ist die Rassentrennung auf jeder Seite spürbar, andererseits überwinden seine Protagonisten diese Grenzen, wie auch in „Dunkle Gewässer“, wo eine Bande von Outcasts sich gemeinsam auf eine Reise begeben.

Aber in erster Linie ist Joe R. Lansdale ein begnadeter Storyteller und „Dunkle Gewässer“ kann locker als modernisierte Version von Tom Sawyer und Huckleberry Finn gelesen werden.

Wer sich jetzt fragt, warum dieser Joe R. Lansdale nicht viel bekannter ist (er sollte es nämlich definitiv sein), muss nur einen Blick auf den Klappentext und die Widmung von „Straße der Toten“ werfen.

Denn in dem Roman und den vier Kurzgeschichten steht Reverend Jebediah Mercer im Mittelpunkt, ein Geistlicher, der mehr mit „Dirty Harry“ Callahan als mit Pater Brown oder Rabbi Small (erfunden von Harry Kemelman) zu tun hat.

Und die Geschichten? Nun, Joe R. Lansdale schreibt in der Widmung: „Die ursprüngliche Version von ‚Dead in the West‘ erschien in den Ausgaben 10 bis 13 von Eldritch Tales. Sie war eine Hommage an die Pulps, besonders Weird Tales. Die vorliegende, grundlegen überarbeitete Fassung ist nicht nur eine Hommage an die Pulps, sondern auch an Comics wie die berühmt-berüchtigten von EC und Jonah Hex (die frühen Hefte), und vielleicht vor allem an Horror-B-Movies wie Curse of the Undead, Billy the Kid versus Dracula, Jesse James meets Frankenstein’s Daughter und dergleichen.“

Ähem, ja, das ist definitiv kein Stoff für die breiten Massen. Vor allem, wenn ich jetzt noch sage, dass dieser Reverend Jebidiah Mercer nicht Strauchdiebe und andere Gesetzesbrecher, sondern Vampire, Untote, Zombies, Ghule, Werwölfe und sonstige definitiv nicht-menschlichen Wesen jagt.

In „Dead in the West“, mit 130 Seiten die längste Geschichte des Sammelbandes „Straße der Toten“, kämpft er in dem Kaff Mud Creek gegen Vampire, die zunächst unbemerkt ihre ersten Taten begehen, während Reverend Jebidiah sich auf seinen nächsten Gottesdienst vorbereitet, einem Jungen Schießunterricht gibt, sich in die Tochter des Ortsdoktors verliebt und mit dem Doktor über übersinnliche Phänomene räsoniert. Denn sie entdeckten eine Leiche, die bei Sonnenaufgang verfiel.

Kurz gesagt liest sich „Dead in the West“ wie eine gelungene Verbindung aus „Der letzte Scharfschütze“ (The Shootist, USA 1976) und dem Jahre später entstandenem „From Dusk till Dawn“ (USA 1996).

In den Kurzgeschichten „Straße der Toten“, „Das Gentleman’s Hotel“, „Der schleichende Himmel“ und „Tief unter der Erde“, die alle, wie der Roman „Dead in the West“, deutsche Erstveröffentlichungen sind und nach den Ereignissen in Mud Creek spielen, hat Reverend Jebidiah Mercer sein Schicksal als Dämonenjäger akzeptiert. Entsprechend schnell begibt der lakonische Geistliche sich auf die Jagd nach den Geschöpfen der Nacht. Mit wechselnden Gefährten, der Bibel, seinem Revolver und auch mal einer Stange Dynamit.

Die Abenteuer von Reverend Jebidiah Mercer sind feine Pulp-Geschichten, die einfach Spaß machen und ziemlich „weird“ sind.

Joe R. Lansdale: Dunkle Gewässer

(übersetzt von Hannes Riffel)

Tropen, 2013

320 Seiten

19,95 Euro

Originalausgabe

Edge of Dark Water

Mulholland Books, 2012

Joe R. Lansdale: Straße der Toten

(übersetzt von Robert Schekulin und Doreen Wornest)

Golkonda, 2013

288 Seiten

16,90 Euro

Originalausgabe

Deadman’s Road

Subterranean Press, 2010

enthält

Dead in the West (Dead in the West, Erstdruck in Eldritch Tales 10 – 13, 1984 – 1987, für diese Ausgabe grundlegend überarbeitet)

Straße der Toten (Deadman’s Road, Erstdruck in Weird Tales 343, Februar/März 2007)

Das Genleman’s Hotel (The Gentleman’s Hotel, Erstdruck in The Shadows, Kith and Kin, Subterranean Press, 2007)

Der schleichende Himmel (The crawling Sky, Erstdruck in Son of Retro Pulp Tales, Subterranean Press, 2009)

Tief unter der Erde (The Dark down there, Erstdruck in Deadman’s Road, Subterranean Press, 2010)

Hinweise

Homepage von Joe R. Lansdale

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Wilder Winter“ (Savage Season, 1990)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Rumble Tumble“ (Rumble Tumble, 1998 )

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Der Gott der Klinge” (The God of the Razor, 2007)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Der Teufelskeiler” (The Boar, 1998)

Meine Besprechung  von Joe R. Lansdales „Akt der Liebe“ (Act of Love, 1981)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Die Wälder am Fluss“ (The Bottoms, 2000)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Kahlschlag” (Sunset and Sawdust, 2004)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Gauklersommer“ (Leather Maiden, 2008)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Ein feiner dunkler Riss“ (A fine dark Line, 2003)

Stuttgarter Zeitung: Thomas Klingenmaier hat Joe R. Lansdale getroffen (25. März 2013)

 


Und noch ein Berlin-Krimi: „Schneckenkönig“ von Rainer Wittkamp

April 8, 2013

Rainer Wittkamp schrieb Bücher für „Die Wache“, „Soko Leipzig“, „Soko Wismar“ und „Unser Charly“. Wie man eine Geschichte aufbaut, weiß er und das merkt man auch in seinem Romandebüt „Schneckenkönig“, einem in Berlin spielendem Krimi über den Mord an einem Ghanaer.

Dessen Leiche wird in einem Abwasserkanal auf einer Baustelle beim Ostbahnhof entdeckt und weil die Polizei gerade einen Personalengpass hat, darf Kommissar Martin Nettelbeck, bester Kommissar im LKA und seit drei Jahren strafversetzt in die Büromaterialbeschaffung, wieder in einem Mordfall ermitteln.

Allerdings gibt es zunächst kaum Spuren, außer einem Silberkettchen mit einem runden Anhänger, das im Matsch neben der Leiche gefunden wird, und den Narben im Gesicht des Toten, die ihn eindeutig einem bestimmten Stamm zuordnen. Über die Community der Ghanaer, und deren gut aussehender Quasi-Sprecherin Philomena Baddoo, erfährt Nettelbeck den Namen des Toten und dass er Pfarrer für die Kirche der Ewigen Erlösung von Christian Mattheuer war, der in Afrika ein großes Missionswerk aufgebaut hat und in Berlin in einem ihm gehörendem Hochhaus residiert.

Schneckenkönig“ lässt sich flott weglesen, aber für einen Ratekrimi ist die Zahl der Verdächtigen viel zu überschaubar. Eigentlich kommt nur eine Person als Täter in Frage. Es werden die üblichen Themen in der üblichen Weise präsentiert. Die Afrikaner sind gut. Die Sekte ist nur das Geschäftsmodell eines Gurus. Und die Nazis sind blöde. Da hat man das Modell für einen sonntäglichen „Tatort“ oder eine „Soko“-Folge; wobei die ja mit größeren Ermittlerteams arbeiten.

Wittkamps Debüt ist kein schlechter Krimi. Es ist nur ein in jeder Beziehung durchschnittlicher Krimi mit teils arg papiernen Dialogen und einem Bosetzky-typischen Auflisten der von den Kommissaren zurückgelegten Strecken. Als würde es einen Nicht-Berliner wirklich interessieren, wie sie von A nach B gelangen und an welchen Stationen der Zug zwischendurch anhält. Einen Berliner lenken dagegen die ständigen Orts- und Straßennamen, die wild über Gesamt-Berlin verteilt sind, ab.

Wittkamp - Schneckenkönig - 2

Rainer Wittkamp: Schneckenkönig

Grafit, 2013

256 Seiten

9,99 Euro

Hinweis

Homepage von Rainer Wittkamp

 


Wo Homosexualität noch „Der Verstoß“ ist

April 5, 2013

Carrino - Der Verstoss - 2

Das erste, was bei L. R. Carrinos „Der Verstoß“ auffällt, ist die Länge. Eigentlich Kürze. Denn der Roman umfasst lediglich achtzig Druckseiten und wird mit dem wissenschaftlichen Aufsatz „Der schwule Mafiosi: Zur Konstruktion und Dekonstruktion von Männlichkeit in Carrinos Roman ‚Acqua Storta‘ – Der Verstoß“ von Christian Gabriele Moretti auf 128 Seiten hochgepimpt, was heute dann doch schon fast wie ein Buch wirkt. Denn die seeligen Ullstein- und rororo-Krimi-Zeiten, als viele Krimis, teils in sehr kleiner Schrift, 128 bis 160 Seiten hatten, sind schon lange vorbei.

Morettis Aufsatz beschreibt dann auch auf einer Metaebene prägnant L. R. Carrinos Roman. Denn der Ich-Erzähler (im nervigen Präsens) ist ein schwuler Mafiosi, der der Sohn des örtlichen Mafia-Bosses Don Antonio ist, mit Mariasole verheiratet und in den Geldeintreiber Salvatore verliebt ist. In „Der Verstoß“ erzählt Giovanni, mit einigen Zeitsprüngen in die Vergangenheit, von seinen letzten Stunden. Denn als er jetzt mit Salvatore unterwegs ist, fühlt er sich verfolgt.

Einige dürften die Geschichte von „Der Verstoß“ schon kennen. Denn Valerio Bindi und MP5 schrieben die darauf basierende tolle Graphic Novel „Der Frevel am Altar der Heiligen Klara“, die der Vorlage sehr genau folgt und deutlich gelungener ist. Denn bei ihnen fügen sich die Erinnerungen von Giovanni organisch in den in der Gegenwart spielenden Plot ein. Bei Carrino sind dagegen einige Zeitsprünge, vor allem wenn es um Ereignisse aus der jüngsten Vergangenheit, wie dem Nachmittag vor der letzten Nacht, geht, arg abrupt und damit den Lesefluss störend. Und dass Giovanni im Präsens, einer zu recht unüblichen Zeitform, die inzwischen aus einem falsch verstandenem Unmittelbar-dabei-sein-Glaube in Romanen immer öfter verwandt wird, erzählt, hilft nicht. Denn es liest sich, weil es unglaublich schwierig ist, im Präsens flüssig zu formulieren, wieder einmal einfach holprig.

Davon abgesehen ist „Der Verstoß“ eine kleine Mafiageschichte aus dem unglamourösen Alltag und der Bigotterie der italienischen Mafia, die in einem katholischem Land nach außen den Glauben und ihre tiefe Verbundenheit mit der Kirche zelebriert, während gleichzeitig ungefähr gegen alle zehn Gebote verstoßen wird. Wobei Homosexualität für einen Mafiosi, wenn sie bekannt wird, das sichere Todesurteil bedeutet.

Und natürlich ist Homosexualität auch ein Angriff auf das gepflegte Bild des italienischen Macho, des Latin Lovers, der jede Frau rumkriegt.

In seinem Debütroman „Der Verstoß“ verstieß L. R. Carrino gegen diese Tabus – und gerade dieser außerliterarische Dimension, die im Nachwort ausführlich erläutert wird, macht die Geschichte lesenswert.

L. R. Carrino: Der Verstoß

(übersetzt von Klaudia Ladurner)

Pulp Master, 2013

128 Seiten

11,80 Euro

Originalausgabe

Acqua Storta

Meridiano zero, 2008

Die Graphic Novel

Bindi - MP5 - Frevel

Valerio Bindi/MP5: Der Frevel am Altar der Heiligen Klara

(übersetzt von Resel Rebiersch)

schreiber & leser, 2012

184 Seiten

18,80 Euro

Originalausgabe

Acqua Storta

Meridiano zero, Padova, 2010

Hinweise

Pulp Master über L. R. Carrino

Meine Besprechung von Valerio Bindi/MP5s „Der Frevel am Altar der Heiligen Klara“ (Acqua Storta, 2010)


Kleine Fitzek-mania

April 4, 2013

Fitzek - Der Nachtwandler - 3

Sebastian Fitzek hat einen neuen Psychothriller veröffentlicht.

„Der Nachtwandler“ heißt das Werk – und es ist ein typischer Pageturner-Fitzek mit einem überraschendem Ende.

Die Story: Der Schlafwandler Leon glaubt, dass er im Schlaf seine Freundin geschlagen hat. Er will herausfinden, was er im Schlaf tut und schnallt sich eine Kamera um. Als er am nächsten Tag die nächtlichen Aufnahmen ansieht, entdeckt er hinter einem Schrank eine Tür – und das ist nicht das einzige Geheimnis, das das noble Mietshaus beherbergt.

Zur Buchveröffentlichung unternimmt Sebastian Fitzek eine Unplugged-Lesetour. Denn dieses Mal gibt es nur den Mann, das Buch und ein Mikrofon. In einer Buchhandlung.

Am Dienstag war der Tourauftakt hier in Berlin in der SoSch-Buchhandlung (in den Gropius-Passagen) vor über zweihundert Fans. Fitzek las während der über neunzigminütigen Lesung mehrere Ausschnitte aus dem Roman (mehr als bei seinen vorherigen Lesungen), erzählte gewohnt kurzweilig Geschichten aus seinem Leben, beantwortete Fragen aus dem Publikum und signierte Bücher. Kurz gesagt: eine Lesung, die, bis auf die Sache mit dem Bücher signieren, auch einem Nicht-Fitzek-Fan gefallen kann.

Die weiteren Tourdaten (wobei etliche Lesungen bereits ausverkauft sein dürften) sind (schamlos kopiert von Sebastian-Fitzeks-Homepage):

04. April 2013 Der Nachtwandler – Unplugged Delmenhorst
05. April 2013 Der Nachtwandler – Unplugged Dülmen
08. April 2013 Der Nachtwandler – Unplugged Kleinmachnow
11. April 2013 Der Nachtwandler – Unplugged Erlangen
12. April 2013 Der Nachtwandler – Unplugged Pforzheim
15. April 2013 Der Nachtwandler – Unplugged Berlin
20. April 2013 Theaterstück Leverkusen
02. Mai 2013 Der Nachtwandler – Unplugged Lübeck
03. Mai 2013 Der Nachtwandler – Unplugged Hannover
06. Mai 2013 Der Nachtwandler – Unplugged Schwerin
07. Mai 2013 Der Nachtwandler – Unplugged Haldensleben
08. Mai 2013 Der Nachtwandler – Unplugged Erfurt
10. Mai 2013 Der Nachtwandler – Unplugged Neuenhagen bei Berlin
13. Mai 2013 Der Nachtwandler – Unplugged Wunstorf
14. Mai 2013 Der Nachtwandler – Unplugged Gescher
15. Mai 2013 Der Nachtwandler – Unplugged Dortmund
25. Mai 2013 Theaterstück München

Während der Lesung war auch das ZDF anwesend und nahm einige Bilder für ein kurzes Porträt auf, das am Freitag (also Morgen) im ZDF Morgenmagazin ausgestrahlt wird und danach in der Mediathek zu finden ist.

Bis dahin kann man sich diese einstündige Vorstellung von „Abgeschnitten“, dem Gemeinschaftswerk von Sebastian Fitzek und Michael Tsokos ansehen (ja, die Macher hätten einen kleineren Bildausschnitt wählen können und sie hätten die Autoren nicht auf eine Couch setzen müssen):

Sebastian Fitzek: Der Nachtwandler

Knaur, 2013

320 Seiten

9,99 Euro

Hinweise

Homepage von Sebastian Fitzek

Sebastian Fitzek in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks „Der Seelenbrecher“ (2008)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks „Das Kind“ (2008)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks „Splitter“ (2009)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks “Der Augensammler” (2010)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks “Der Augenjäger” (2011)

Meine Besprechung der Sebastian-Fitzek-Verfilmung „Das Kind“ (D 2012)


Denise Mina überzeugt mit der Comic-Version von Stieg Larssons „Verblendung“

April 1, 2013

Mina - Stieg Larssons Verblendung 1 - HardcoverMina - Stieg Larssons Verblendung 1 - Softcover

Nachdem die „Millenniums“-Trilogie, also die drei Romane „Verblendung“, „Verdammnis“ und „Vergebung“ von Stieg Larsson sich wie geschnitten Brot verkauft, die schwedische Verfilmung sehr erfolgreich war und aus der bis dahin unbekannten Noomi Rapace einen Star machte, der seitdem in etlichen Blockbustern mitspielen durfte, und für das US-Remake von „Verblendung“ David Fincher als Regisseur und Daniel Craig als Hauptdarsteller gewonnen werden konnten, ist die Graphic Novel (neben den Parodien) wahrscheinlich der folgerichtig nächste Schritt in der Verwertungskette.

Mit der Edgar-nominierten Krimiautorin Denise Mina, deren Romane den John Creasey Dagger for Best First Crime Novel 1998 und den Theakstons Crime Novel of the Year 2012 erhielten und die auch schon einige „Hellblazer“-Geschichten schrieb, und den Zeichnern Leanardo Manco (u. a. „Deathlok“ und „Hellblazer“) und Andrea Mutti (u. a. „DMZ“ und „The Executor“) wurde auch ein hochkarätiges Team engagiert.

Die Story von „Verblendung“ dürfte inzwischen ja bekannt sein: der renommierte Enthüllungsjournalist Mikael Blomkvist hat gerade eine Story so in den Sand gesetzt, dass er dafür demnächst eine Haftstrafe verbüßen muss. Bis dahin soll er im Auftrag von Henrik Vanger herausfinden, wer 1966 seine Nichte Harriet Vanger ermordete. Denn sie verschwand damals spurlos von der Insel, auf der die Familie ein Familientreffen hatte und damit kann der Täter nur jemand aus der Familie sein. Blomkvist übernimmt den gut dotierten Recherecheauftrag. Auch weil Henrik Vanger ihm Informationen anbietet, die seinen Ruf wieder herstellen können. Bei seinen Recherchen hilft ihm Lisbeth Salander; – aber noch nicht im ersten Band von „Verblendung“.

Denn Larssons umfangreiche und auch längliche Geschichte wird in zwei Teilen auf insgesamt 288 Seiten erzählt und „Tartan Noir“-Autorin Denise Mina folgt der bekannten Geschichte auch weitgehend, allerdings mit einigen kleineren Umstellungen und, schließlich ist in einem Comic die Textmenge begrenzt, gelungenen dramaturgischen Verdichtungen. So betont sie am Anfang stärker die Verbindung zwischen Blomkvists misslungener Enthüllungsgeschichte und dem Angebot von Vanger. Außerdem gibt es ziemlich früh Hinweise auf die Mordserie, die mit Harriet Vangers Verschwinden zusammen hängt, und sie deutet an, dass auf den Fotografien, die an dem Tag auf der Insel gemacht wurden, etwas Wichtiges zu sehen ist. Lisbeth Salanders Geschichte ist hier noch vollkommen getrennt von Mikael Blomkvists Recherchen. Dafür darf sie sich aber schon an ihrem neuen Vormund Nils Bjurman eindrucksvoll rächen. Gerade in ihrer Geschichte liegt das Hauptgewicht auf den Bildern und die düsteren Panels von Leonardo Manco und Andrea Mutti lassen ein echtes Noir-Gefühl aufkommen.

Da freue ich mich, obwohl wahrlich kein großer Stieg-Larsson-Fan, schon auf den zweiten und abschließenden Teil von „Verblendung“ und die folgenden Teile der „Millennium“-Trilogie, die auch von Denise Mina als insgesamt sechsteilige Comic-Serie geschrieben werden.

Denise Mina (Autor)/Leonardo Manco/Andrea Mutti (Zeichner): Stieg Larsson – Millennium: Verblendung – Band 1

(übersetzt von Joachim Körber)

Panini, 2013

144 Seiten

16,95 Euro (Softcover)

24,95 Euro (Hardcover)

Originalausgabe

The Girl with the Dragoon Tattoo – Book One

Vertigo/DC Comics, 2012

Vorlage

Larsson - Verblendung Movie-Tie-In-Fincher

Stieg Larsson: Verblendung

(übersetzt von Wibke Kuhn)

Heyne, 2011 (Movie-Tie-In zur Fincher-Version)

704 Seiten

9,99 Euro

Originalausgabe

Män son hatar kvinnor

Norsteds Förlag, Stockholm 2005

Deutsche Erstausgabe

Heyne, 2006

Verfilmungen

Verblendung (Män som hatar kvinnor, Schweden/Deutschland/Dänemark 2009)

Regie: Niels Arden Oplev

Drehbuch: Nikolaj Arcel, Rasmus Heisterberg

LV: Stieg Larsson: Män son hatar kvinnor, 2005 (Verblendung)

mit Michael Nyqvist, Noomi Rapace, Lena Endre, Peter Haber, Sven-Bertil Taube, Peter Andersson, Ingvar Hirdwall, Marika Lagercrantz, Björn Granath

Verblendung (The Girl with the Dragon Tatoo, USA 2011)

Regie: David Fincher

Drehbuch: Steve Zaillian

LV: Stieg Larsson: Män son hatar kvinnor, 2005 (Verblendung)

mit Daniel Craig, Rooney Mara, Christopher Plummer, Stellan Skarsgård, Steven Berkoff, Robin Wright, Yorick van Wageningen, Joely Richardson, Geraldine James, Goran Visnjic, Julian Sands

Hinweise

Homepage von Denise Mina

Mullholland Books: Interview mit Denise Mina über „Verblendung“ (12. November 2012)

Meine Besprechung von Stieg Larssons „Verblendung“ (Buch und Film)

Meine Besprechung von Stieg Larssons „Verdammnis“ (Buch und Film)

Meine Besprechung von Stieg Larssons „Vergebung“ (Buch/Film)

Homepage von Stieg Larsson

Heyne über Stieg Larsson

Krimi-Couch über Stieg Larsson

Wikiepedia über Stieg Larsson (deutsch, englisch)

Stieg Larsson in der Kriminalakte

Meine Besprechung der Stieg-Larsson-Parodie „Verarschung“ (The Girl with the Sturgeon Tattoo, 2011) von Lars Arffssen

Meine Besprechung von Dan Burstein/Arne de Keijzer/John-Henri Holmbergs “Die Welt der Lisbeth Salander” (The Tattooed Girl, 2011)

Meine Besprechung von David Finchers Stieg-Larsson-Verfilmung „Verblendung“ (The Girl with the Dragon Tattoo, USA 2011)


Endlich auf Deutsch: „Parker“ – Darwyn Cookes erster Parker-Comic

März 27, 2013

Cooke - Parker - 2

Jetzt wird’s langsam etwas unübersichtlich. Denn die jetzt auf Deutsch veröffentlichte Graphic Novel „Parker“ von Darwyn Cooke hat, außer dem Helden, nichts mit der gerade im Kino gestarteten Richard-Stark-Verfilmung „Parker“ zu tun. Taylor Hackfords gelungener Film basiert nämlich auf dem Roman „Irgendwann gibt jeder auf“ (Flashfire, 2000) von Richard Stark. Darwyn Cookes Comic auf „Jetzt sind wir quitt“ (The Hunter, 1962) von Richard Stark.

In „The Hunter“ trat Parker vor über fünfzig Jahren zum ersten Mal auf und im Manuskript starb der Held auch, entsprechend den damaligen Konventionen, dass Verbrechen sich nicht lohne, am Ende. Der Verleger fragte Donald Westlake, der den Roman unter einem Pseudonym schrieb, ob am Ende Parker überleben könne. Westlake sagte „ja“ und niemand konnte damals ahnen, dass damit eine der langlebigen Serien, mit etlichen Verfilmungen, begann. „The Hunter“ wurde zweimal verfilmt: einmal grandios von John Boorman als „Point Blank“ mit Lee Marvin; einmal nicht so grandios von Brian Helgeland als „Payback – Zahltag“ mit Mel Gibson. Denn Parker ist wirklich kein liebenswerter Zeitgenosse. Er ist ein Profiverbrecher, der seine Jobs cool und effizient durchzieht. Für seine Ziele geht er skrupellos über Leichen und Darwyn Cooke zeigt auch das in seinem Comic, der dem Roman (aus der Erinnerung) sehr genau folgt.

Es beginnt mit einer doppelseitigen Ansicht von Manhattan 1962. Danach beobachten wir, wie Parker ziemlich stinkig über die George-Washington-Bridge nach Manhattan marschiert und sich einen Grundstock an Geld und Papieren zusammenklaut. Erst auf Seite 20 sehen wir zum ersten Mal sein Gesicht in einem Spiegel. Er ähnelt Jack Palance, einem heute fast vergessenem Tough-Guy-Schauspieler, der dreimal für den Oscar als bester Nebendarsteller nominiert war. Und bis er einige Seiten später Lynn ohrfeigt, erzählen die Schwarz-Weiß-Blauen, fast schon abstrakten Zeichnungen von Darwyn Cooke die Geschichte mit archaischer Wucht. Erst jetzt erfahren wir auch, was Parker nach Manhattan getrieben hat und warum er so stinkig ist: er wurde von Mal nach einem Überfall hereingelegt, um seinen Anteil an der Beute betrogen und Lynn sollte ihn, erpresst von Mal, erschießen. Fast hätte sie Erfolg gehabt.

Parker will jetzt seinen Anteil an der Beute wieder haben – und dafür legt er sich auch mit der Mafia an. Denn Mal bezahlte mit dem Geld seine Schulden bei der Mafia.

Als vor vier Jahren vertrauenswürdige Noir-Comicautoren wie Ed Brubaker „The Hunter“ in den höchsten Tönen lobten und die ersten Bilder aus dem Comic im Netz auftauchten, war ich gespannt. Immerhin schrieb und zeichnete Darwyn Cooke unmittelbar davor einige fantastische, poppig-bunte „The Spirit“-Geschichten, die absolut keine Ähnlichkeit mit dem komplett vergurkten Film haben, und die ersten Seiten sahen fantastisch aus.

Die gesamte, erst jetzt übersetzte Geschichte (sie war schon für 2011 angekündigt) hält dem Versprechen der ersten Seiten, mit ihrer vorantreibenden und sehr stimmigen Mischung aus Bild und Text, stand. „Parker“ ist ein grandioser, stilbewusster Noir-Comic, in dem Darwyn Cooke Parker so grimmig zeichnet, wie Richard Stark ihn geschrieben hat und der in dieser Geschichte skrupellos mehrere Menschen umbringt.

Darwyn Cooke schrieb bis jetzt insgesamt fünf Parker-Comics – und ich freue mich schon auf die weiteren Auftritte von dem „Mistkerl“ (Stark über Parker).

Darwyn Cooke: Parker

(übersetzt von Stephanie Grimm)

Eichborn, 2013

144 Seiten

19,99 Euro

Originalausgabe

Richard Stark’s Parker – The Hunter

IDW Publishing, 2009

Vorlage

Richard Stark: The hunter, 1962 (später wurde das Buch wegen der Verfilmungen unter den Titeln „Point Blank“ und „Payback“, in Deutschland unter „Jetzt sind wir quitt“ und „Payback“, verlegt)

Hinweise

Blog von Darwyn Cooke

Meine Besprechung von Darwyn Cooke/J. Bone/Dave Stewarts “Will Eisner’s The Spirit – 1” (The Spirit, No. 1 – 6, 2007)

Meine Besprechung von Darwyn Cooke/Walter Simonson/Jimmy Palmiottis “Will Eisner’s The Spirit – 2” (The Spirit, No. 7 – 12, 2007/2008)

Homepage von Donald E. Westlake

Kriminalakte: Nachruf auf Donald E. Westlake

Kriminalakte: Covergalerie Donald E. Westlake

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes Dortmunder-Roman „Get Real“

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes Dortmunder-Roman „What’s so funny?“

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes Dortmunder-Roman „Watch your back!“

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes Dortmunder-Kurzroman „Die Geldmacher“ (Walking around money; erschienen in „Die hohe Kunst des Mordens“ [Transgressions])

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes „Mafiatod“ (361, 1962)

Meine Vorstellung von Westlakes als Richard Stark geschriebener Parker-Serie (mit „Nobody runs forever“)

Meine Besprechung von Richard Starks Parker-Romans „Ask the Parrot“

Meine Doppelbesprechung von Richard Starks Parker-Romanen „Fragen Sie den Papagei“ (Ask the Parrot) und „Dirty Money“

Meine Besprechung von Richard Starks Parker-Roman “Irgendwann gibt jeder auf” (Flashfire, 2000)

Meine Besprechung von Taylor Hackfords Richard-Stark-Verfilmung „Parker“ (Parker, USA 2013)

Meine Besprechung des Films “The Stepfather”, nach einem Drehbuch von Donald E. Westlake

Meine Besprechung von Lax/Donald Westlakes „Hot Rock“ (Pierre qui roule, 2008, Comic)

Richard Stark in der Kriminalakte

 Thrilling Detective über Parker

The Violent World of Parker (1-A-Fanseite!)

 


Kurzkritik: Jeff Lemire: The Nobody

März 26, 2013

Lemire - The Nobody - 2

Eines Tages kommt in Large Mouth („Heimat des größten Barschs der Welt“ und „754 Einwohner“ steht auf dem Ortsschild) ein Fremder an, der durch sein Aussehen sofort auffällt: er ist vom Kopf bis zum Fuß mit Mullbinden bandagiert. Trotz seines seltsamen Aussehens und seinem zurückgezogenem Leben in einem Hotelzimmer, wird er schnell zu einem Teil des Dorfes. Er gehört halt einfach irgendwie zu Large Mouth. Auch wenn niemand etwas über ihn weiß.

Nur die sechzehnjährige Vickie freundet sich mit John Griffen, wie er sich nennt, an – und der Name erinnert nicht zufälligerweise an Jack Griffin, „Der Unsichtbare“ (The invisible man, USA 1933, Regie: James Whale). Bei ihren Besuchen in seinem Zimmer erfährt sie auch, dass er an irgendetwas herumexperimentiert – und wir ahnen schon, was sein Geheimnis ist. Griffen ist unsichtbar und er versucht jetzt, das fehlgeschlagene Experiment ungeschehen zu machen.

Jeff Lemire verlegte H. G. Wells „The Invisible Man“ (Der Unsichtbare) mit einigen entscheidenden Änderungen in der Geschichte gelungen in die Fast-Gegenwart. „The Nobody“ spielt 1994 und das dürfte ungefähr das letzte Jahr sein, in dem die Geschichte noch glaubhaft mit einer starken Verbeugung an das Original erzählt werden kann. Denn heute würde man Griffen und seine Angaben einfach googeln und in Nullkommanichts wüsste man, ob seine Geschichte stimmt.

Aber so wird auch die winterliche Hetzjagd auf Griffen, der nur seine Ruhe will, nachvollziehbar. Denn die schon die ganze Zeit latent vorhandene Kleinstadtparanoia und die in offenen Hass umschlagende Abneigung gegen den Fremden, dem man jede Schandtat zutraut, bricht nach dem Verschwinden einer Mitbürgerin ungehindert gegen den vermeintlichen Übeltäter aus.

Mit seinen kargen, fast schon abstrakten Schwarz-Weiß-Blauen Panels zeichnet Jeff Lemire das Bild einer friedlich-langweiligen Kleinstadt, die nur einen Anlass braucht, um ihr wahres Gesicht zu zeigen.

Jeff Lemire: The Nobody

(übersetzt von Gerlinde Alhoff)

Panini Comics, 2013

148 Seiten

19,95 Euro

Originalausgabe

The Nobody

Vertigo/DC Comics 2009

Hinweise

Homepage/Blog von Jeff Lemire

Wikipedia über „The Nobody“ (deutsch, englisch)


Blutige Stunden mit „The Punisher“

März 25, 2013

Als Garth Ennis 2000 für acht Jahren die erfolgreiche Comicserie „The Punisher“ über einen Mann, der skrupellos Verbrecher umbringt, übernahm, änderte er zwei Dinge: einmal ließ er den Punisher altern und er stellte die Frage nach der Moral.

Denn das Ereignis, das Frank Castle zu dem Punisher machte, ist genau datiert: an einem Sommertag 1976 erschossen Gangster im Central Park seine Frau und seine beiden Kinder. Castle, der vorher als Soldat in Vietnam diente, beschloss, sich an den Tätern zu rächen. Das tat er. Danach setzte er sein tödliches Handwerk fort, indem er weitere Verbrecher tötete. Dabei, und das spricht Garth Ennis in seinen „Punisher“-Geschichten an, wurde aus einem Mann, der eine Untat rächen will, ein Vigilant, der fast schon wahllos gegen Verbrecher vorgeht. Und einige dieser Verbrecher waren auch Ehemänner und Väter. In der Geschichte „Witwenmacher“ (enthalten in „The Punisher – Garth-Ennis-Collection 9“) beschließen einige der Frauen, deren Männer von Castle getötet wurden, sich an ihm zu rächen. Denn auch wenn sie Gangsterbosse waren, waren sie auch ihre Ehemänner.

In der zweiten in „The Punisher – Garth-Ennis-Collection 9“ enthaltenen Geschichte „Die lange, kalte Nacht“ trifft er wieder auf den ziemlich durchgeknallten, scheinbar unbesiegbaren Killer Barracuda, der ein Treffen der New Yorker Gangsterbosse organisiert. Seine Rechnung geht auch zum Teil auf: Castle kommt als nicht eingeladener Gast zu dem Treffen, aber er kann ihn nicht töten. Doch er hat noch ein Ass im Ärmel: Sarah, ein Baby, von dem Frank Castle der Vater ist und von dem er bislang nichts wusste.

In „The Punisher – Garth-Ennis-Collection 10“ sind die letzte große „The Punisher“-Geschichten von Garth Ennis und drei kleinere Werke (vulgo Einzelhefte, die hier aber auch schon einmal gut fünfzig Seiten sind) enthalten.

In der langen Geschichte „Valley Forge“ erfahren wir, wie Frank Castle in Vietnam als Soldat sein Handwerk erlernte. Im in der Gegenwart spielendem Teil von „Valley Forge“ versucht eine Gruppe einflussreicher Männer, die zum Militärisch-Industriellem Komplex gehören, Castle mit der Hilfe einer Delta-Force-Einheit zu töten.

In „Tiger, Tiger“ wirft Garth Ennis einen Blick auf den zehnjährigen Frank Castle, der 1960 in Brooklyn eine frühe Lektion in Sachen Rache erhält. Denn Vincent Rosa, Sohn eines Mafiosi, schwängert Mädchen und nur einer unternimmt etwas gegen ihn.

In „Die Zelle“ sitzen auf Riker’s Island fünf alte Mafiosi gemeinsam in einer Gefängniszelle. Um an sie heranzukommen, lässt Castle sich verhaften. Das ist ziemlich typischer „Punisher“-Stoff.

In „The End“ spielt in der Zukunft. Nach einer Katastrophe trifft Castle einen Trickbetrüger, der ein Geheimnis hat. Diese Dystopie ist die schwächste „Punisher“-Geschichte von Ennis. Die anderen sind als grimmige Hardboiled-Noirs spannende Unterhaltung mit einem zwiespältigem Helden.

 

Mit „Frank“ und „Der letzte Weg“ liegt auch die von Jason Aaron geschriebene und Steve Dillon gezeichnete 22-teilige „PunisherMax“-Serie komplett auf Deutsch vor. In dieser Serie kämpft Castle gegen den Kingpin, einen neuen Gangsterboss, der alle seine Konkurrenten ermordete. Gleichzeitig erzählen Aaron und Dillon das Ende der Geschichte von Frank Castle. Denn – das kommt jetzt vielleicht etwas schockierend – sie lassen den Punisher sterben. Immerhin ist er, in der Chronologie und nachdem Garth Ennis ihn altern ließ, ein über sechzigjähriger Mann, der seit gut vierzig Jahren gegen den Abschaum kämpft, unzählige Male verletzt wurde und eigentlich schon mehr Leben als eine Katze hatte.

 

Hardboiled-Krimi-Autor Greg Rucka („Whiteout“) durfte gab seinen „Punisher“-Einstand mit den sehr atmosphärischen „Ermittlungen“. Die meist bläulich-nachtschwarzen Panels von Marco Checchetto (Zeichner) und Matt Hollingsworth (Farben) erinnern an die Noir-Fantasien von Ridley Scott („Blade Runner“, „Black Rain“ und „Der Mann im Hintergrund“ [Someone to watch over me]) und Abel Ferrara („Fear City“, „China Girl“ und „King of New York“.

Die aus mehreren Perspektiven erzählte Story über die Suche nach den Verantwortlichen für ein Massaker während einer Hochzeit, bei dem 27 Menschen ermordet und 19 verwundet wurden, kommt dagegen etwas schleppend in Gang.

 

Und dann gibt es noch die Einzelhefte, in denen oft bekannte, jüngere Krimiautoren eine „Punisher“-Geschichte schreiben. Auch in „Hässliche kleine Welt“, der neuesten Sammlung von vier verdammt guten Einzelgeschichten, hat mit Charlie Huston ein Krimiautor eine Geschichte geschrieben.

In seiner Geschichte „Krieg in der Wüste“ erzählt er, wie Castle in einem Wüstenkaff einem Kriegskameraden und den Dorfbewohnern sehr letal gegen eine Biker-Gang hilft. Am Ende der blutigen Geschichte dankt Huston „High Plains Drifter“, „The Road Warrior“, „Deathrace 2000“, „The Seven Samurai“ und „Rolling Thunder“. Dem kundigen Leser dürften einige der Hommagen und Inspirationen bereits beim Lesen aufgefallen sein.

In „Hässliche kleine Welt“ (auch „Kleine hässliche Welt“) von David Lapham trifft Castle auf Bobby Boorsteen, der eine Aufräumaktion des Punishers beobachtet und sein größter Fan wird. So hat Castle sich sein Wirken auf andere wohl nicht vorgestellt.

In „Stille Nacht“ und „Die Liste“ gibt es zwei Weihnachtgeschichten mit Castle als Geschenkeüberbringer. In „Stille Nacht“ von Andy Diggle („The Loosers“) wartet Castle am Heiligabend in einem Waisenhaus auf einen Mafiosi, der im Zeugenschutzprogramm untergetaucht ist.

In „Die Liste“ von Stuart Moore philosophiert Castle zuerst über die viele Zeit, die man an den ruhigen Weihnachtstagen hat. Genug Zeit, um einige liegengebliebene Dinge zu erledigen, wie James Novinski, einen religiösen Fanatiker, der ein aufstrebender, aber noch kleiner Ganove ist, zu besuchen.

Alle vier Geschichten sind schnell, hart, zynisch. Bester „Punisher“-Style eben.

Ennis - The Punisher Collection 9

Garth Ennis:The Punisher – Garth-Ennis-Collection 9

(übersetzt von Uwe Anton)

Panini Comics 2012

300 Seiten

29,95 Euro

enthält:

Witwenmacher, Teil 1 – 7

Widowmaker, Part 1 – 7

Punisher (MAX) Vol. 43 – 49

März 2007 – September 2007

Die lange, kalte Nacht, Teil 1 – 5

Long Cold Dark, Part 1 – 5

Punisher (MAX) Vol 50 – 54

Oktober 2007 – Februar 2008

Ennis - The Punisher Collection 10

Garth Ennis: The Punisher – Garth-Ennis-Collection 10

(übersetzt von Uwe Anton und Florian B.)

Panini Comics 2012

300 Seiten

29,95 Euro

enthält:

Valley Forge, Valley Forge, Part 1 – 6

Punisher (MAX) Vol. 55 – 60

März 2008 – August 2008

Tiger, Tiger

The Tyger

Punisher: The Tyger 1

Februar 2006

Die Zelle

The Cell

Punisher: The Cell 1

Juli 2005

The End

The End

Punisher: The End 1

Juni 2004

Aaron - Punisher Max 48 - Frank

Jason Aaron/Steve Dillon: The Punisher (MAX) 48: Frank

(übersetzt von Reinhard Schweizer)

Panini Comics, 2012

124 Seiten

16,95 Euro

enthält

Frank, Kapitel 1 – 5

PunisherMax 12 – 16: Frank, Part 1 – 5

Juni 2011 – Oktober 2011

Aaron - Punisher Max 49 - Der letzte Weg

Jason Aaron/Steve Dillon: The Punisher (MAX) 49: Der letzte Weg

(übersetzt von Reinhard Schweizer)

Panini Comics, 2012

132 Seiten

16,95 Euro

enthält

Der letzte Weg, Teil 1 – 5

PunisherMax 17 – 21: Homeless, Part 1 – 5

November 2011 – März 2012

Kriegsende

PunisherMax 22: War’s End

April 2012

Rucka - Punisher 1 - Ermittlungen

Greg Rucka (Autor)/Marco Checcetto (Zeichner)/Max Fiumara (Zeichner): Punisher 1: Ermittlungen

(übersetzt von Reinhard Schweizer)

Panini Comics, 2012

132 Seiten

14,95 Euro

enthält

Punisher: Eins

Punisher: One

Punisher (2011) 1

Oktober 2011

Ohne Titel

Untitled

Punisher (2011) 2

Oktober 2011

Ohne Titel

Untitled

Punisher (2011) 3

November 2011

Ohne Titel

Untitled

Punisher (2011) 4

Dezember 2011

Nach 100 Tagen

After 100 Days

Punisher (2011) 5

Januar 2012

Spinnensinn

Tingling

Spider-Island: I love New York City

November 2011

Huston - Diggle - PunisherMax - Hässliche kleine Welt

Charlie Huston/Andy Diggle/Kyle Hotz: PunisherMAX: Hässliche kleine Welt

(übersetzt von Joachim Körber)

Panini, 2013

148 Seiten

16,95 Euro

enthält

Charlie Huston (Autor)/Shawn Martinbrough (Zeichner): Krieg in der Wüste (PunisherMax: Hot Rods of Death 1 – Getting Mad, November 2010)

David Lapham (Autor)/Dalibor Talajic (Zeichner): Hässliche kleine Welt (PunisherMax: Tiny Ugly World 1, Dezember 2010)

Andy Diggle (Autor)/Kyle Hotz (Zeichner): Stille Nacht (Punisher: Silent Night 1, Februar 2006)

Stuart Moore (Autor)/C. P. Smith (Zeichner): Die Liste (Punisher: X-Mas Special 2006 1 – The List, Januar 2007)

Hinweise

Wikipedia über “The Punisher” Frank Castle (deutsch, englisch)

Wikipedia über Garth Ennis (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Garth Ennis/Will Simpson/Steve Dillons „Hellblazer – Gefährliche Laster“ (Dangerous Habits, 1991)

Meine Besprechung von Garth Ennis (Autor)/Leandro Fernandez (Zeichner) „The Punisher – Garth Ennis Collection 7“ (Up is Down and Black is White, The Slavers, 2005/2006)

Meine Besprechung von Garth Ennis/Goran Parlov/Leandro Fernandezs „The Punisher – Garth-Ennis-Collection 8“ (Barracuda, Part 1 – 6 (Punisher [MAX] 31 – 36), Man of Stone, Part 1 – 6 (Punisher [MAX] 37 – 42), 2006/2007)

Meine Besprechung von Garth Ennis (Autor)/Adriano Batista/Marcos Marz/Kewber Baal (Zeichner) „Jennifer Blood – Selbst ist die Frau (Band 1)“ (Garth Ennis’ Jennifer Blood: A Woman’s Work is Never Done, 2012)

Meine Besprechung von Jason Aaron (Autor)/Steve Dillons (Zeichner) „PunisherMax: Kingpin (Max 40)“ (PunisherMax: Kingpin, Part 1 – 5, 2010)

Homepage von Greg Rucka

Meine Besprechung von Greg Rucka/Steve Liebers „Whiteout“ (Whiteout, 1998/1999)

Meine Besprechung von Greg Rucka/Steve Liebers „Whiteout: Melt“ (Whiteout: Melt, 1999/2000)

Meine Besprechung von Greg Ruckas “Die Welt ohne Superman” (The Sleepers, 2009)

Meine Besprechung von Greg Ruckas “Batman: Hinter der Maske” (Cutter, März – Mai 2010/Beneath the Mask,  Juni – Juli 2010/Good King Wencesias, Februar 2009)

Greg Rucka in der Kriminalakte

Pulp Noir: Homepage/Blog von Charlie Huston

Meine Besprechung von Charlie Hustons „Killing Game“ (The Shotgun Rule, 2007)

Meine Besprechung von Charlie Hustons „Das Clean-Team“ (The mystic arts of erasing all signs of death, 2009)

Meine Besprechung von Charlie Hustons „Bis zum letzten Tropfen“ (Every last drop, 2008)

Meine Besprechung von Charlie Hustons „Die Hank-Thompson-Trilogie“

Meine Besprechung von Charlie Huston (Autor)/ Lan Medina (Zeichner) „Deathlok: Der Zerstörer (MAX 41)“ (Deathlok: The Demolisher, Vol. 1 – 7, Januar – Juli 2010)

Mein Interview mit Charlie Huston

Charlie Huston in der Kriminalakte

Meine Besprechung von David Lapham (Autor)/Kyle Bakers (Zeichner) „Deadpool MAX: Lang lebe Hydra!“ (Deadpool MAX 7 – 12, 2011)

Homepage von Andy Diggle

Blog von Andy Diggle

Meine Besprechung von Andy Diggle/Jocks „The Losers: Goliath – Band 1“

Meine Besprechung von Andy Diggle/Jock/Shawn Martinbroughs „The Losers: Die Insel – Band 2“

Meine Besprechung von Andy Diggle/Jock/Nick Dragotta/Alé Garza: The Losers: Der Pass, Band 3 (The Losers 13 – 19, 2005)
Meine Besprechung von Andy Diggle/Jock/Ben Olivers (Zeichner) „The Losers: London Calling (Band 4) (The Losers # 20 – 25, 2005)

Meine Besprechung von Andy Diggle/Jock/Colin Wilsons „The Losers: Endspiel (Band 5)“ (The Losers # 26- 32, 2005/2006)

Meine Besprechung von Andy Diggle (Autor)/Leonard Manco/Danijel Zezelj (Zeichner) „John Constantine, Hellblazer: Spritztour (Band 10)“ (Hellblazer: Vol. 230 – 239, 2008)

 


Ist „Der Professor“ John Katzenbach auch „Der Wolf“? Oder umgekehrt?

März 20, 2013

Im Gespräch gibt der zweimal für den Edgar nominierte Bestsellerautor John Katzenbach freimütig zu, dass er keinen Überblick darüber habe, welche seiner Romane gerade wo erhältlich sind und dass er auch nicht verstehe, nach welchen Kriterien die Verlage seine neuen Bücher veröffentlichten. Denn als wir uns unterhielten, waren – zu seiner Verwunderung – seine ersten Romane in den USA nicht erhältlich und sein neues Buch „Der Wolf“ in den USA noch gar nicht erschienen.

Sein deutscher Verlag Droemer (der durch die einheitliche Covergestaltung, die Titelwahl und sicher auch einen ordentlich Griff in die Werbekasse John Katzenbach beim deutschen Publikum etablierte) war von den ersten Kapiteln von „Der Wolf“ so begeistert, dass er es gleich übersetzen ließ.

Die Story ist auch nicht schlecht und knüpft an Grimms Märchen an.

Ein älterer Krimischriftsteller mit einer Mega-Schreibblockade beschließt, sich mit seinem letzten Werk in die Geschichte einzuschreiben: er will an einem Tag drei rothaarige Frauen, die außer ihrer Haarfarbe keine Gemeinsamkeiten haben, umbringen. Er schreibt ihnen als „Böser Wolf“ einen Brief, in dem er ihren baldigen Tod ankündigt.

Die drei Frauen reagieren zunächst verschieden, aber alle sind sie ziemlich verstört von der Botschaft und panisch. Als sie sich aber zusammentun (was durch geschickte Nutzung des Internets gelingt) und beschließen, gegen den „Bösen Wolf“ zu kämpfen, gerät sein minutiös ausgedachter Plan in Gefahr.

Die eine Inspiration für die Geschichte ist natürlich das Märchen von Rotkäppchen und dem bösen Wolf und die Frage, wie verschiedene Frauen auf eine anonyme Bedrohung reagieren. Katzenbach nimmt an – und hier musste ich einen großen „Suspension of Disbelief“ machen -, dass die drei Rothaarigen den Brief sofort ernst nehmen.

Später, wenn er ihnen Links zu YouTube-Videos mit heimlichen Aufnahmen von ihnen zusendet, wird die Bedrohung glaubhafter und natürlich ist der „Böse Wolf“ ein herrlicher Bösewicht: ein Schriftsteller, der in einer Kleinstadt lebt, verheiratet mit einer ihm treu ergebenen Frau ist und seit Ewigkeiten kein Buch mehr veröffentlichte. Seit fünfzehn Jahren hat er nichts Druckreifes mehr geschrieben, weil ihm die mörderische Inspiration fehlte und der jetzt zum Serienmörder werden will, um wieder schreiben zu können. Das hat was.

Außerdem hat der Böse Wolf einen guten Geschmack. Wenig überraschend nutzte John Katzenbach die Gelegenheit, einige seiner Lieblingsautoren (wie James W. Hall [den könnte ein Verlag mal wieder übersetzen]) zu nennen.

In seinem vorherigen Roman „Der Professor“ beobachtet ein pensionierter Psychologieprofessor, der Demenz im Anfangsstadium hat, wie auf offener Straße ein sechzehnjähriges Mädchen entführt wird. Er will sie finden. Gleichzeitig fragt er sich, ob er wirklich eine Entführung beobachtet hat.

Er hat. Denn das Mädchen wird in einem Keller gefangen gehalten und dort von einem Ehepaar gequält, das ihre Folter via Internet an ein weltweites, zahlungswilliges Publikum überträgt.

Interessant an dem Thriller ist, wie Katzenbach die zunehmende Demenz des Professor literarisch verarbeitet. Für ihn erscheinen seine Erinnerungen und Fantasien zunehmend real, während ihm gleichzeitig die Realität entgleitet. Die Geisel, die während ihrer Gefangenschaft eine undurchsichtige Kapuze auf hat, ist mit einem ähnlichen Problem konfrontiert und die Geschichte benutzt das Internet nicht als einen Gimmick oder eine Bedrohung, sondern als eine Technik, die die Taten der Entführer ermöglicht.

Davon abgesehen sind „Der Wolf“ und „Der Professor“ ziemlich geradlinige Thriller die, souverän zwischen mehreren Handlungssträngen wechselnd, auf die finale Konfrontation zwischen Held und Bösewicht zusteuern,

In dem Gespräch sagte Katzenbach auch, dass er beim Schreiben keine detaillierte Outline habe und intuitiv zwischen den verschiedenen Handlungssträngen wechsle. Allerdings kennt er von Anfang an das Ende seiner Geschichte und was seine Charaktere erleben und erleiden.

Vielleicht sind deshalb beide Romane für meinen Geschmack einen Tick zu lang. Immerhin kennt John Katzenbach das Ziel der Reise sehr genau und er hat deshalb auch keine besondere Eile, dorthin zu gelangen, aber es gibt bei ihm auch nicht, wie bei Harlan Coben oder Jeffery Deaver, am Ende die große Überraschung, die den halben Roman auf den Kopf stellt.

Katzenbach - Der Wolf

John Katzenbach: Der Wolf

(übersetzt von Anke und Eberhard Kreutzer)

Droemer, 2012

512 Seiten

19,99 Euro

Originalausgabe

Red 123

Mysterious Press, New York, noch nicht erschienen (angekündigt für Frühling 2013)

Katzenbach - Der Professor - TB

John Katzenbach: Der Professor

(übersetzt von Anke und Eberhard Kreutzer)

Knaur, 2011

560 Seiten

10,99 Euro

Originalausgabe

What Comes Next

Mysterious Press, 2012

(Yeah, die undurchsichtige Verlagsplanung, die auch John Katzenbach in einem globalen Markt nicht versteht.)

Deutsche Erstausgabe

Droemer, 2010

(nicht mehr erhältlich)

Hinweise

Homepage von John Katzenbach

Deutsche Homepage von John Katzenbach

Wikipedia über John Katzenbach (deutsch, englisch)