Neu im Kino/Filmkritik: Über Ulrich Köhlers „Gavagai“

Mai 2, 2026

Da kommt einiges zusammen: Regisseurin Caroline (Nathalie Richard) will in Afrika den klassischen Medea-Stoff neu und in jeder Beziehung korrekt verfilmen. Also radikal neu interpretiert, feministisch, antikolonial und in keinster Weise ausbeuterisch.

Das geht schon während der Dreharbeiten schief. Auch im Senegal gibt es unter den Einheimischen eine Klassengesellschaft. Immer wieder kollidiert das europäische Bild von Afrika mit der Realität. Das gut gemeinte ist eben nicht immer unbedingt das Gute. Dazu kommt das Ego der Regisseurin zwischen hochfliegenden künstlerischen Ambitionen und der Blindheit für die Realität.

Ein halbes Jahr nach dem Ende der Dreharbeiten soll der Film in Berlin auf der Berlinale seine glorreiche Premiere feiern. Nourou (Jean-Christophe Folly), der aus dem Senegal kommende, zur dortigen Oberschicht gehörende Star des Films, wird eingeflogen. Beim Einchecken in seinem Hotel gerät er mit einem Security-Mitarbeiter in einen Streit. Maja (Maren Eggert) macht daraus einen rassistischen Vorfall und inszeniert sich, ohne auch nur eine Zehntelsekunde über ihre Privilegien und ihre Rolle nachzudenken, als „White Savior“. Dabei könnte es auch einfach ein Missverständnis gewesen sein. Die Missverständnisse, die auch bewusste oder unbewusste Diskriminierungen und Überschreitungen von Grenzen sind, gehen weiter. Denn Maja und Nourou hatten während der Dreharbeiten eine Beziehung. Jetzt ist Maja wieder bei ihrer Familie.

Das Spannende bei Ulrich Köhlers neuem Film „Gavagai“, der aus zwei Teilen besteht, die mühelos vollkommen unabhängig voneinander gesehen werden können, ist dieser fast schon wissenschaftlich-objektive Blick auf Grenzen und Strukturen. Er zeigt sie, ohne zu urteilen oder anzuklagen. Er inszeniert immer so, dass alle Szenen offen für vollkommen gegensätzliche Interpretationen sind. Das Urteil überlässt Köhler dem Zuschauer.

Das macht den Film als Versuchsanordnung mit vielen verschiedenen Situationen interessant für lange Diskussionen nach dem Film über Missverständnisse, richtiges und falsches Verhalten. War der Vorfall in dem Hotel wirklich eine Diskriminierung aufgrund von Rasse und Hautfarbe oder nur ein durch Schwierigkeiten bei der Verständigung entstandenes Missverständnis oder hat Nourou gegen Regeln verstoßen? Nourou möchte die Sache auf sich beruhen lassen. Maja, die nicht die ganze Zeit dabei war, ist überzeugt, dass Nourous Hautfarbe entscheidend war. Sie beschwert sich beim Hoteldirektor und löst eine Kettenreaktion aus.

Diese durchgehende Offenheit macht „Gavagai“ gleichzeitig unbefriedigend als Spielfilm. Keine Person lädt zur Identifikation ein. Sie bleiben Stichwortgeber für die Diskussion nach dem Film. Es entsteht keine Geschichte. „Gavagai“ bleibt eine Abfolge von mehr oder weniger skurrilen, mehr oder weniger entlarvenden Situationen, einige mit einem mehr oder weniger großem Fremdschäm-Potential. Immerhin zeigt sich so, wie schwierig Verständigung ist und wie sehr vorgefasste Ansichten eine Verständigung erschweren.

Gavagai (Deutschland/Frankreich 2025)

Regie: Ulrich Köhler

Drehbuch: Ulrich Köhler

mit Jean-Christophe Folly, Maren Eggert, Nathalie Richard, Anna Diakhere Thiandoum

Länge: 91 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Gavagai“

Moviepilot über „Gavagai“

Metacritic über „Gavagai“

Rotten Tomatoes über „Gavagai“

Meine Besprechung von Ulrich Köhlers „In my Room“ (Deutschland/Italien 2018)