Neu im Kino/Filmkritik: „Teenage Sex and Death at Camp Miasma“, jetzt aber mit dem Reboot-Dreh

August 20, 2026

Der Anfang ist fantastisch: die Macher haben für ihren Horrorfilm „Teenage Sex and Death at Camp Miasma“ ein 80er-Jahre-Horror-Franchise erfunden und präsentieren jetzt neben der schnell zusammengefassten Geschichte der verschiedenen Filme und dem rapiden Niedergang der Serie nach dem ersten Film (Remember „Halloween“?), die gesamte Welt der „Camp Miasma“-Filme mit Plakaten, Set-Impressionen, Requisiten, Devotionalien, dem über Jahre entstandenem Merchandise und den vielen verschiedenen Veröffentlichungen der Filme von VHS zu DVD zu Blu-ray. In wenigen Minuten wird der gesamte Kosmos eines Horror-Franchise gezeigt. Wenn man es nicht besser wüsste, würde man glauben, dass es die „Camp Miasma“-Filme wirklich gibt und man sie blöderweise bis jetzt verpasste.

Kris (Hannah Einbinder, Hacks“) ist ein Fan der Serie. Nicht der fanatischste Fan der Serie, aber fast. Außerdem ist sie Regisseurin und jetzt will sie ein Reboot der Serie inszenieren. Natürlich mit Respekt vor dem Original, den ersten Film fortführen, rebooten und mit einem neuen Dreh in die Gegenwart befördern. Ihre queere Identität will sie dabei nicht verleugnen, sondern in das Zentrum des Films stellen. Es soll ein Film für die alten Fans sein – und eine vollkommen neue Fanbase erschaffen. Auch die Heldin des ersten Films, die zurückgezogen lebende Billy (Gillian Anderson; bekannt aus der Horrorserie „Akte X“), soll wieder mitspielen.

Um Billy zu überzeugen die Rolle anzunehmen, fährt Kris zu ihr. Mitten im Winter (Äh, wann spielten die „Camp Miasma“-Filme?) zu ihrem einsam gelegenem Haus…am Drehort der Horrorfilme. Und als ob das noch nicht verdächtig genug wäre, lebt Billy im Set und der Welt der „Camp Miasma“-Filme. Da fragt sich nicht nur Kris, ob Billy gerade eine Norma-Desmond-„Boulevard der Dämmerung“-Existenz auslebt, komplett verrückt ist oder die Verrückte spielt.

Diese Frage, garniert mit vielen Dialogen und Diskursen über den 80er-Jahre-Horrorfilm, das damalige Frauenbild, den Zustand von Hollywood, verschiedene Formen von Sexualität und der „Wahrheit“ von Horrorfilmen, also was wäre, wenn es das Monster aus den Camp Miasma wirklich gäbe, steht dann im Zentrum des von Jane Schoenbrun („I saw the TV glow“) inszenierten Films. Dieser spielt hauptsächlich in einer Nacht in Billys Haus und besteht aus einem Gespräch zwischen der alten, von der Welt vergessenen Schauspielerin und der jungen Regisseurin, zwischen dem Star und ihrem Fan, garniert mit einigen Ausflügen in die nicht (?) reale Welt von Camp Miasma.

Dieser Dialog zwischen den beiden Frauen und die Inszenierung ergehen sich, besoffen von der eigenen Schlauheit, in Meta-Ebenen. Da werden dann gleichzeitig alle Erwartungen bedient. Da wird man zuerst über die Klischees der Slasherfilme belehrt, ehe eine spärlich bekleidete Schönheit in knappstem T-Shirt kreischend in Zeitlupe vor dem Monster wegläuft und ihr T-Shirt immer feuchter wird.

Es gibt etwas lesbischen Sex. Den gab es auch in den alten Horrorfilmen; auch wenn in europäischen Filmen mehr, also weniger Bekleidung, gezeigt wurde. Damals wurden einfach nur die Gelüste lüsterner Jungs befriedigt. Jetzt gibt es die popkulturelle Einordnung – und die lüsternen Jungs dürfen wieder die gleichen Bilder angucken.

Diese Idee eines zitatfreudigen Metafilms, der gleichzeitig als richtiger Horrorfilm und als Grundlage für Universitätsseminare funktioniert, trägt dann nicht über zwei Stunden. Die Handlungen und Motive von vor allem Billy zunehmend beliebig. Von dem einen zum nächsten Bild wechselt sie den Charakter, erklärt es zum Scherz und verneint den Scherz. Die Filmgeschichte wird zunehmend abstrus; auch wenn spätestens nach Kris‘ Ankunft in Billys Haus jede Anmutung eines realistischen Films beherzt zur Seite geschoben wird. Ab diesem Moment wird „Teenage Sex and Death at Camp Miasma“ von einer Traumlogik irgendwo zwischen Schmalspur-David-Lynch und Schmalspur-Surrealismus beherrscht.

Der Meta-Horrorfilm konzentriert sich zu sehr auf das immer redundanter, abgedrehter und in seiner Beliebigkeit uninteressanter werdende Gespräch zwischen Kris und Billy. Er stellt in den verschiedenen übereinander gestapelten, sich teilweise widersprechende und in ihren Erklärungen aufhebenden Meta-Ebenen und Zitaten zu sehr sein Wissen heraus. Irgendwann ist nur noch eine interpretationsoffene Beliebigkeit vorhanden.

Teenage Sex and Death at Camp Miasma (Teenage Sex and Death at Camp Miasma, USA/Kanada 2026)

Regie: Jane Schoenbrun

Drehbuch: Jane Schoenbrun

mit Hannah Einbinder, Gillian Anderson, Jack Haven, Amanda Fix, Arthur Conti, Eva Victor, Zach Gerry, Sarah Sherman, Patrick Fischler, Dylan Baker

Länge: 112 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Teenage Sex and Death at Camp Miasma“

Metacritic über „Teenage Sex and Death at Camp Miasma“

Rotten Tomatoes über „Teenage Sex and Death at Camp Miasma“

Wikipedia über „Teenage Sex and Death at Camp Miasma“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: „Beetlejuice Beetlejuice“ – Tim Burton kehrt zu seinen Anfängen zurück

September 12, 2024

Beetlejuice ist zurück. 1988 war das, nach einigen kürzeren Arbeiten und dem Talentprobe-Spielfilmdebüt „Pee-Wee’s irre Abenteuer“ sein erster echter Tim-Burton-Spielfilm und sein Durchbruch. Danach inszenierte er „Batman“. In „Beetlejuice“ geht es um das Ehepaar Maitland, das bei einem tödlichen Unfall stirbt und die nächsten 125 Jahre in ihrem Haus als Geister leben muss. Als die Familie Geetz, eine neureiche Clique, die das gesamte Haus umgestalten will, einzieht, versuchen die Maitlands die neuen Bewohner loszuwerden. Ohne Erfolg. Aus nackter Verzweiflung rufen sie den selbsternannten Bio-Exorzisten Beetlejuice (bzw. Betelgeuse). Der erledigt die Aufgabe.

Burton erzählt das als liebevoll-skurille Geisterkomödie mit zahlreichen Anspielungen auf die entsprechenden Filme und Geschichten. Es ist die Mischung, die er seitdem in seinen Filmen perfektionierte.

Beetlejuice Beetlejuice“ spielt ungefähr fünfunddreißig Jahre nach dem ersten Film. Michael Keaton als Beetlejuice, Winona Ryder als Lydia Deetz und Catherine O’Hara als ihre Mutter Delia Deetz sind wieder dabei. Es gibt viele Neuzugänge, wie Jenny Ortega, Justin Theroux, Monica Bellucci, Arthur Conti, Willem Dafoe (erstaunlicherweise erstmals in einem Tim-Burton-Film) und Danny DeVito, in mehr oder weniger großen Rollen. Eine nennenswerte Story ist, im Gegensatz zu „Beetlejuice“, nicht mehr vorhanden. Es gibt mehrere Plots, die mehr oder weniger halbherzig erzählt werden, und einzelne mal mehr, mal weniger gelungene Gags, die die Hauptgeschichten nicht voranbringen.

Es geht um Delores (Monica Bellucci), die sich an ihrem Ehemann Beetlejuice rächen will. Es geht um die Familie Deetz, die nach dem Tod des Familienoberhaupts für die Beerdigung nach Winter River und in das Geisterhaus zurückkehrt und dort ‚Erlebnisse‘ hat. Es geht Lydias Tochter Astrid (Jenny Ortega), die als Teenager von dem ganzen Geisterbohei, ihrer Familie und dem Rest der Welt genervt ist. In Winter River trifft sie Jeremy Frazier (Arthur Conti) und verliebt sich in ihn. Zur gleichen Zeit wird ihrer Mutter Lydia, die als Gastgeberin der TV-Show „Ghost House with Lydia Deetz“ bekannt ist, von ihrem Freund und Produzenten Rory (Justin Theroux) während der Beerdigung ein Heiratsantrag gemacht. Notgedrungen akzeptiert sie und sofort wird die Hochzeit geplant.

Die einzelnen Szenen spielen in dieser und in der Geisterwelt, von der wir mehr als in „Beetlejuice“ sehen und das Verhältnis zwischen beiden Welten und wie vor allem die Geisterwelt funktioniert, ist wahnsinnig komplex. Oder einfach nur verwirrend.

Der Film ist eine Nummernrevue für die Fans des ersten Films. Nachdem Tim Burton in „Beetlejuice“ die Regeln des Geisterfilms parodierte und dekonstruierte, dekonstruiert er hier auch das Erzählen von Geschichten. Die einzelnen Szenen sind liebevoll inszeniert und für Freunde alter Horrorfilme und Gruselcomics ein Fest. Die Effekte gelungen. Die Musik von Danny Elfman gewohnt bombastisch. Die Schauspieler hatten beim Dreh ihren Spaß. Die von ihnen gespielten Figuren sind durchgehend eindimensionale Cartoons.

Da erscheint der Griff in den Tim-Burton-Zettelkasten trotz seiner kurzen Laufzeit von, ohne den langen Abspann, etwas über neunzig Minuten doch ziemlich lang.

Beetlejuice Beetlejuice (Beetlejuice Beetlejuice, USA 2024)

Regie: Tim Burton

Drehbuch: Alfred Gough, Miles Millar (nach einer Geschichte von Alfred Gough, Miles Millar und Seth Grahame-Smith, basierend auf von Michael McDowell und Larry Wilson)

mit Michael Keaton, Winona Ryder, Catherine O’Hara, Jenna Ortega, Justin Theroux, Willem Dafoe, Monica Bellucci, Arthur Conti, Nick Kellington, Santiago Cabrera, Danny DeVito

Länge: 105 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Beetlejuice Beetlejuice“

Metacritic über „Beetlejuice Beetlejuice“

Rotten Tomaotes über „Beetlejuice Beetlejuice“

Wikipedia über „Beetlejuice Beetlejuice“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Tim Burtons “Frankenweenie” (Frankenweenie, USA 2012, nach einem Drehbuch von John August)

Meine Besprechung von Tim Burtons „Big Eyes“ (Big Eyes, USA 2014)

Meine Besprechung von Tim Burtons „Die Insel der besonderen Kinder“ (Miss Peregrine’s Home for Peculiar Children, USA 2016)

Meine Besprechung von Tim Burtons „Dumbo“ (Dumbo, USA 2019)

Tim Burton in der Kriminalakte