Neu im Kino/Filmkritik: Ein „Spaziergang nach Syrakus“, startend in der DDR und ohne Ausreisegenehmigung

August 21, 2026

Paul Gompitz (Charly Hübner) ist fasziniert von Johann Gottfried Seumes Bericht über seine Wanderung nach Syrakus 1801/1802. Er will unbedingt einmal, auf Seumes Spuren wandernd, Syrakus sehen.

1982 entschließt Paul sich, die Reise anzutreten. Weil er in der DDR lebt, kann der glücklich verheiratete, als Kellner auf einem Schiff der „Weißen Flotte“ arbeitende Paul nicht einfach im nächsten Sportgeschäft seine Wanderausrüstung zusammenkaufen und losgehen. Er muss zuerst einmal das Land verlassen und damit beginnen seine Probleme. Er beantragt eine Ausreisegenehmigung. Als diese ihm verweigert wird, überlegt er sich, wie er das Land verlassen kann. Er probiert erfolglos jede legale Methode, die DDR zu verlassen aus. Am Ende verfällt er auf eine äußerst gewagte Idee. Er will seine Reise nach Syrakus beginnen, indem er in einem Ein-Mann-Segelboot durch die Ostsee nach Westdeutschland segelt. Weil er nach seiner Reise nach Syrakus wieder in die DDR zurückkehren will ist es keine Flucht.

Lars Jessen verfilmte jetzt diese wahre Geschichte von Klaus Müller, die Friedrich Christian Delius wenige Jahre nach dem Fall der Mauer zu seinem Roman „Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus“ inspirierte. Delius‘ Erzählung diente Jessen und seinen Drehbuchautoren Heide und Andreas R. Kersten als Inspiration für ein warmherziges, leicht humorvolles, sich Freiheiten nehmendes Drama. Denn so filmisch und abenteuerlich die Geschichte von Klaus Müller klingt, so wenig filmisch war sie dann in Teilen. Den größten und besten Teil des Films spielt „Spaziergang nach Syrakus“ in der DDR. In dieser ersten Stunde des Films stimmt alles.

Sieben Jahre und neun Monate nach seinem Entschluss, sich auf den Weg nach Syrakus zu begeben verlässt Paul in einem Segelboot in einer stürmischen Nacht die DDR, die wenige Tage später nicht mehr existiert. Aus diesem grotesken Zusammentreffen zwischen einer Republikflucht, die bestraft werden muss, und dem Zusammenbruch des Landes, aus dem er flüchtet, schlägt Jessen keine satirischen Funken. Er vermerkt es eher nebenbei als seltsame Gleichzeitigkeit von Ereignissen, während Paul in den Alpen in die Feinheiten der ihm bislang unbekannten italienischen Küche eingeführt wird.

Ab Pauls gelungener Flucht aus der DDR verliert der Film seinen erzählerischen Fokus. Bis dahin ist die Filmgeschichte auf ein klares Ziel ausgerichtet. Er muss die DDR verlassen. Das ist schwieriger und auch langwieriger als erwartet.

Danach, im letzten Drittel, wird die Filmgeschichte zunehmend episodisch und ziellos. Zuerst gibt es einige Episoden von seiner Reise nach Syrakus. Dann gibt es Episoden aus seinem späteren Leben zwischen seiner alten Heimat Rostock und Italien, wo er 2006 während der Fußball-WM als Kellner arbeitet und seinem Kollegen von seinem großen Abenteuer erzählt.

Jessen hätte auf diesen weitgehend belanglosen und arg lückenhaften Episodenreigen besser verzichtet zugunsten weiterer Geschichten von Pauls Vorbereitungen zu seiner Flucht in den Westen. Schließlich durften seine von ihm über alles geliebte Frau, Freunde, Bekannte und Kollegen nichts davon erfahren.

Spaziergang nach Syrakus (Deutschland 2026)

Regie: Lars Jessen

Drehbuch: Heide Kersten, Andreas R. Kersten

LV (nach Motiven von): Friedrich Christian Delius: Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus, 1995

mit Charly Hübner, Lina Beckmann, Thorsten Merten, Bruno Di Chiara, Jens Münchow, Tom Jahn, Max Tuveri, Christian Näthe, Mélanie Fouché, Anna Unterberger, Moritz Vierboom, Dagmar Sachse, Björn Jung

Länge: 97 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Spaziergang nach Syrakus“

Moviepilot über „Spaziergang nach Syrakus“

Wikipedia über „Spaziergang nach Syrakus“

Meine Besprechung von Lars Jessens Dörte-Hansen-Verfilmung „Mittagsstunde“ (Deutschland 2022)

Meine Besprechung von Lars Jessens „Jetzt. Wohin. – Meine Reise mit Robert Habeck“ (Deutschland 2025)


Neu im Kino/Filmkritik: „Frau Müller muss weg“ – darüber muss nicht diskutiert werden

Januar 15, 2015

Ein Elternabend ist es nicht, sondern ein Elternnachmittag an einem Samstag in einer verlassenen Grundschule und es sind auch nicht alle Eltern da, sondern nur eine kleine Abordnung, die ein klares Ziel hat: „Frau Müller muss weg“. Denn die Empfehlungen für den Schulwechsel stehen an. Alle Eltern möchten ihre Kinder auf das Gymnasium schicken, aber die Leistungen ihrer Kinder verschlechterten sich in den vergangenen Monaten rapide und Schuld daran ist natürlich die Klassenlehrerin, die jetzt halt in einem Gespräch überzeugt werden soll, die Klasse freiwillig aufzugeben. Die Sprecherin der Eltern ist die in einem Ministerium arbeitende Karrierefrau Jessica Höfel (Anke Engelke). Im Businesskostüm und kalt wie eine Klapperschlange. Verluste sind ihr, solange sie ihr Ziel erreicht, egal. Deshalb kandidierte sie auch als Elternsprecherin und selbstverständlich wird sie bei diesem Treffen das Reden übernehmen.
Begleitet wird sie von einigen Eltern, die vor allem ein schweigender Chor sein sollen. Es sind Wolf Heider (Justus von Dohnány), ein arbeitsloser Ossi, der seine Tochter ständig überwacht, die alleinerziehende Katja Grabowski (Alwara Höfels), deren Sohn Klassenbester ist, und das aus dem Westen kommende Ehepaar Patrick (Ken Duken) und Marina Jeskow (Mina Tander), deren hochbegabter und sehr sensibler Sohn früher in einer Waldorf-Schule war und viel Aufmerksamkeit benötige.
Aber Frau Müller (Gabriela Maria Schmeide) ist nicht bereit, so einfach ihre Klasse aufzugeben und sie teilt gegenüber den Eltern aus. Vollkommen überzeugt von ihrem pädagogischen Konzept und ihren Leistungen nennt sie die Probleme der Kinder beim Namen und verlässt wutentbrannt über den Wunsch der Eltern das Klassenzimmer.
Leicht konsterniert bleiben diese zurück. Immerhin hat Frau Müller ihre Tasche vergessen. Sie wird also wieder zurückkommen. Nach einigen Minuten beschließen sie, in der Schule nach ihr zu suchen. Während der Suche erfahren wir dann auch mehr über die Eltern.
„Frau Müller muss weg“ basiert auf dem Theaterstück von Lutz Hübner, das 2010 in Dresden seine erfolgreiche Premiere hatte und auch dort spielt, obwohl es überall in Deutschland spielen könnte. Zusammen mit Sarah Nemitz (mit der bereits mehrere Stücke schrieb) und Oliver Ziegenbalg („Russendisko“) adaptierte er es für die Verfilmung. „Der bewegte Mann“ Sönke Wortmann inszenierte den Film, nachdem er das Stück bereits in Berlin im GRIPS-Theater inszenierte.
Der Film selbst, auch weil er keine Eins-zu-Eins-Abfilmung des Stückes ist, fühlt sich trotzdem nie wie ein routiniert abgefilmtes Theaterstück an. Die Schauspieler sind gut, die Dialoge sind glaubwürdig und kein Charakter, auch wenn wir ihre Motive gut verstehen, ist einem sympathisch. Eigentlich sind alle, die Eltern und die Lehrerin, mehr oder weniger unsympathisch, aber genau deshalb sind sie glaubwürdig. Denn wir verstehen ihre Sorgen und Wünsche, aber rundum identifizieren können wir uns nicht mit der selbstgerechten Lehrerin, an deren Panzer jede Kritik abprallt. Oder den Eltern, die zwar immer nur das beste für ihre Kinder wollen, dabei aber nur den Maßstab „was gut für mein Kind ist, ist gut“ kennen und diesen Maßstab ausschließlich aus ihrer Perspektive und für ihr Kind anlegen. Deshalb benötigen sie die Empfehlung für das Gymnasium. Ob das gut für das Kind ist, ist den Eltern egal.
Und so betrachtet ist dann auch Katja ein zwiespältiger Charakter. Weil ihr Sohn der Klassenbeste ist, wird er sowieso auf das Gymnasium gehen. Entsprechend leicht kann man da mit den schwächeren Eltern solidarisch sein und gleichzeitig Verständnis für die Lehrerin haben. Außerdem hat sie, während die anderen anwesenden Mütter und Väter verheiratet sind, eine Beziehung zu einem verheirateten Mann.
Wortmanns Kammerspiel „Frau Müller muss weg“ ist die gelungene Filmadaption eines erfolgreichen Theaterstücks, die vor allem als sanfter Denkanstoß funktioniert. Das ist viel mehr, als man über andere deutsche Filme sagen kann.

Frau Müller muss weg - Plakat

Frau Müller muss weg (Deutschland 2014)
Regie: Sönke Wortmann
Drehbuch: Lutz Hübner, Sarah Nemitz, Oliver Ziegenbalg
LV: Lutz Hübner: Frau Müller muss weg, 2010 (Theaterstück)
mit Cabriela Maria Schmeide, Justus von Dohnány, Anke Engelke, Ken Duken, Mina Tander, Alwara Höfels, Rainer Galke, Jürgen Maurer, Dagmar Sachse
Länge: 88 Minuten
FSK: ab 6 Jahre

Hinweise
Homepage zum Film
Filmportal über „Frau Müller muss weg“
Film-Zeit über „Frau Müller muss weg“
Moviepilot über „Frau Müller muss weg“