Ein Pottwal kann über zwanzig Meter groß werden.
Ein Mensch ist deutlich kleiner.
Ein Pottwal kann, wie Daniel Kraus von Wissenschaftlern erfuhr, einen Menschen verschlucken. Ausgehend von dieser Idee erzählte Kraus in seinem Roman „Whalefall“ eine Geschichte, die unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich ist. Bis jetzt gibt es noch keinen bestätigten Fall von einem Menschen, der von einem Pottwal verschluckt wurde. Aber wenn das passieren würde, könnte es so oder so ähnlich geschehen.
Jay Gardiner (Austin Abrams) verbrachte das letzte Jahr weitab von seinem Heimatort am College. Jetzt besucht er seine immer noch in Monterey, Kalifornien lebende Mutter.
Vor einem Jahr beendete sein unheilbar an Krebs erkrankter Vater Mitt (Josh Brolin) sein Leben am Monastery Beach. Seine Leiche wurde nie gefunden. Jetzt will Jay sie finden – ein bescheuertes und ziemlich unmögliches Vorhaben – und so den Respekt der lokalen Taucher-Gemeinschaft erlangen. Denn Mitt ist unter ihnen eine Legende. Er will auch seinem toten Vater beweisen, dass er ein guter Taucher ist.
Kurz nach dem Beginn seines eigentlich ungefährlichen Tauchgangs wird Jay von den Tentakeln eines Kalmars erfasst. Kaum hat er sich befreit, werden er und der Kalmar von einem Pottwal verschluckt.
Jay hat nur noch für eine Stunde Sauerstoff. Er beginnt um sein Überleben zu kämpfen. Er muss irgendwie aus dem Bauch des Wals entkommen.
Daniel Kraus hat sich eine spektakuläre Geschichte ausgedacht, die er in dem Roman in extrem kurzen Kapiteln vorantreibt. Für die Verfilmung änderten er und Regisseur Brian Duffield diese Struktur zugunsten längerer Erzählblöcke. Erst am Ende verschwimmen Gegenwart und Vergangenheit zunehmend.
Dabei wird aus der Survival-Story auch eine Vater-Sohn-Geschichte, in der Jay sich von seinem diktatorischem Über-Vater emanzipieren muss. Mitt war, wie Kraus im Roman schonungslos zeigt, nicht nur ein Mann mit starken Überzeugungen, sondern ein Vater aus der Hölle. Nur seine Meinung zählte. Als Verdiener war er ein Totalausfall. Keine Arbeit behielt er länger und die Jobs wurden immer schlechter. Mitt lebte nur für das Tauchen. Gleichzeitig brachte er Jay alles bei, um diese Situation zu überleben.
Wie Jay versucht, aus dem Walbauch zu entkommen, schildert Kraus in seinem Roman „Whalefall“ so detailliert und wissenschaftlich abgesichert, dass ich danach nicht nur verstand, was Jay warum machte, sondern auch (in grandioser Selbstüberschätzung) glaubte, jetzt mich selbst aus dem Bauch eines Wals befreien zu können.
Brian Duffields Verfilmung lässt diese Erklärungen weg zugunsten des reinen Terrors, in einem engen Raum eingesperrt zu sein und immer weniger Luft zu haben, und den verzweifelten Versuchen, sich aus dieser Situation zu befreien. Sobald Jay im Bauch des Wals ist, wird „Whalefall“ letztendlich zu einem Stummfilm. Es gibt auch kein erklärendes Voice-Over. Es gibt nur noch eine Mann, der etwas tut – und manchmal, wenn einer seiner Pläne schiefgeht oder der Wal etwas unvorhergesehenes tut, panische Schreckensschreie ausstößt.
In den Rückblenden geht es um Jays Beziehung zu seinem Vater. Dabei ist er im Film sympathischer als im Buch. Er wird zu einem forderndem Lehrer und Naturburschen, der nur das beste für seinen Sohn will.
Das Ergebnis ist ein spannender Survival-Thriller mit einer Vater-Sohn-Emanzipationsgeschichte – und eine Mischung aus tiefen Mitgefühl und Bewunderung für den Hauptdarsteller Austin Abrams. Er verbrachte den größten Teil der Dreharbeiten, nämlich 35 Drehtage, eingezwängt zwischen riesigen Schaumwänden, die die Magenwände des Wals waren, im Wasser und anderen Flüssigkeiten.

Whalefall (Whalefall, USA 2025)
Regie: Brian Duffield
Drehbuch: Brian Duffield, Daniel Kraus
LV: Daniel Kraus: Whalefall, 2023 (Whalefall)
mit Austin Abrams, Josh Brolin, Elisabeth Shue, John Ortiz, Jane Levy, Emily Rudd
Länge: 106 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
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Die Vorlage

Daniel Kraus: Whalefall – Im Wal gefangen
(übersetzt von Claudia Rapp)
Festa, 2024
416 Seiten
24,99 Euro (gebundene Ausgabe)
16,99 Euro (Taschenbuch)
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Originalausgabe
Whalefall
MTV Books, 2023
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Hinweise
Rotten Tomatoes über „Whalefall“
Wikipedia über Daniel Kraus und „Whalefall“ (Buch; Film: deutsch, englisch)
Meine Besprechung von Daniel Kraus‘ „Whalefall“ (Whalefall, 2023)
Veröffentlicht von AxelB