Neu im Kino/Filmkritik: „Resident Evil“, jetzt inszeniert von Zach Cregger

September 17, 2026

Früher wäre das ein Abstieg gewesen. Nach zwei hochgelobten und kommerziell erfolgreichen Horrorfilmen dreht ein Regisseur den achten Kinofilm einer existierenden Reihe, die nie die Kritikerherzen eroberte, aber zuverlässig – jedenfalls bei den ersten sechs Filmen, der siebte floppte – das Publikum ins Kino lockte. Solche Regiearbeiten waren Aufträge, die von einem Handwerker oder einem Anfänger, der den Drehplan einhält, aber nicht von einem aufstrebenden Regisseur erledigt wurde. Eine irgendwie geartete eigene Handschrift oder eigenständige künstlerische Vision war nicht erwünscht.

Heute sieht das, wie in den vergangenen Jahren verschiedene mehr oder weniger gelungene Reboots/Remakes/Re-Imaginationen bestehender Franchises zeigten, anders aus. Da inszenierten bekannte Indie-Regisseure oder erfolgreiche Regisseure nicht ihren nächsten eigenständigen Film, sondern sie reihten sich als x-ter Regisseur in ein bestehendes Franchise ein. Teils, vor allem wenn sie einen Superheldenfilm drehten, mit einem Budget, von dem sie davor nicht einmal zu träumen wagten. Der aktuell im Kino laufende Meta-Horrorfilm „Teenage Sex and Death at Camp Miasma“ macht sich über diesen neuesten Reboot-Trend lustig.

Im Fall von „Resident Evil“, dem achten Kinofilm des „Resident Evil“-Franchise durfte „Barbarian“- und „Weapons“-Regisseur Zach Cregger offiziell 75 Millionen US-Dollar ausgeben. Das ist das bislang höchste Budget eines „Resident Evil“-Films; auch wenn einige der ersten, von Paul W. S. Anderson mit Milla Jovovich in der Hauptrolle verantworteten und größtenteils inszenierten Filme inflationsbereinigt über ein ähnliches Budget verfügen könnten. Aber nach dem ersten Reboot-Versuch „Resident Evil: Welcome to Raccoon City“ (2021), der 25 Millionen US-Dollar gekostet haben soll und 42 Millionen US-Dollar einspielte, ist ein solches Budget ein deutlicher Hinweis auf die Gewinnerwartungen der Produzenten.

Auch wer die gleichnamige, sehr erfolgreiche Computerspielreihe nicht kennt und die vorherigen, ebenfalls kommerziell sehr erfolgreichen „Resident Evil“-Filme primär ignorierte, dürfte mitbekommen haben, dass es um ein aus dem Ruder laufendes Biowaffenexperiment eines Konzerns geht und Menschen gegen blutrünstige Zombies kämpfen müssen.

In Interviews und im Presseheft betont Zach Cregger seine Hingabe zum Computerspiel und dass er seine Vision inszenieren durfte. Dafür erfand er eine Geschichte, die auf keinem der Spiele basiert, sondern „could exist on the edges of one of the games“ (Zach Cregger).

Es geht um den Kurierfahrer Bryan (Austin Abrams). In einer verschneiten Winternacht soll er ein sehr wichtiges Paket mit irgendeinem biomedizinischem Inhalt zu dem in in den Bergen gelegenem Krankenhaus von Raccoon City, Colorado, bringen. Schnell wird der scheinbar harmlose Auftrag für ihn zu einem Kampf ums Überleben. Zuerst wird er von einer bisswütigen, spärlich bekleideten, anscheinend nicht sterblichen Frau verfolgt. Dann von einem ebenso bisswütigem tollwütigem Hund. Und das ist erst der Anfang.

Bryan ist dabei ein leicht schluffiger Normalo mit einer schwangeren Freundin und aus Computerspielen stammender Kampferfahrung. Die hilft ihm allerdings nur bedingt, weil eine Waffe in einem Spiel anders reagiert als in der Realität und eine Pistole zuerst entsichert werden muss.

Cregger bleibt während des gesamten Films bei Bryan. Wir sehen und wissen nur, was er sieht und weiß. Er ist ein Mann, der in eine Situation gerät, die ihn hoffnungslos überfordert und in der er nur noch reagieren kann. Das gelingt ihm mal besser, mal schlechter und sorgt für einige Lacher, wenn er von allen möglichen Entscheidungen die dümmste Entscheidung trifft oder er auf von der Situation ähnlich überforderte, panisch agierende Menschen trifft, die kurz darauf Zombiefutter sind.

Cregger erzählt seine bekannte Bilder und Motive recyclende B-Movie-Geschichte in schlanken neunzig Minuten, ohne störende Subplots und ohne Zeitsprünge. Es ist eine simple „Man on a mission“-Geschichte. Bryan wird die Tasche abliefern. Niemand wird ihn daran hindern, seinen Auftrag zu erfüllen. Schon gar nicht irgendwelche Zombies.

Resident Evil (Resident Evil, Deutschland/USA 2026)

Regie: Zach Cregger

Drehbuch: Zach Cregger, Shay Hatten

mit Austin Abrams, Zach Cherry, Kali Reis, Paul Walter Hauser, Johnno Wilson

Länge: 94 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Resident Evil“

Moviepilot über „Resident Evil“

Metacritic über „Resident Evil“

Rotten Tomatoes über „Resident Evil“

Wikipedia über „Resident Evil“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Paul W. S. Andersons „Resident Evil: The Final Chapter“ (Resident Evil: The Final Chapter, USA 2016)

Meine Besprechung von Johannes Roberts‘ „Resident Evil: Welcome to Raccoon City“ (Welcome to Raccoon City, USA/Deutschland/Großbritannien 2021)

Meine Besprechung von Zach Creggers „Weapons – Die Stunde des Verschwindens“ (Weapons, USA 2025)


Verfilmte Bücher: Daniel Kraus: Whalefall – Im Wal gefangen

September 16, 2026

Die Verfilmung startet am 15. Oktober – und auch ich kenne bislang nur die für Gespräche sorgenden und neugierig machenden Trailer. Die Bilder versprechen, dass der Film sich an die Vorlage hält.

In dem Roman wird Jay Gardiner bei einem herausforderndem, aber eigentlich ungefährlichem Tauchgang, wenige Meter vor der kalifornischen Küste, von einem Pottwal verschluckt. Der Siebzehnjährige hat Sauerstoff für eine Stunde. Er beginnt um sein Überleben zu kämpfen.

Der Grund für den Tauchgang im Pazifik in der Nähe von Monterey ist, dass er Mitt Gardiners Leiche, oder was nach einem Jahr von ihr übrig ist, finden will. Sein Vater Mitt war unheilbar an Krebs erkrankt und verübte Suizid. Er war zeitlebens ein begeisterter Taucher, eine Legende in dem Ort, ein Hallodri mit starken Überzeugungen, atemberaubend vielen Jobwechseln und ein strenger Lehrer, der eine traditionelle Form des Tauchens verfocht. Alles, was auch nur im Ansatz nach moderner Technik aussah, lehnte er vehement ab.

Jay will mit dem Tauchgang beweisen, dass er ein Mann ist und so den Respekt der örtlichen Tauchergemeinschaft erlangen.

Im Bauch des Wals erinnert Jay sich an die Ratschläge, Lebensweisheiten und Lehrstunden, die er als Kind von seinem Vater erhielt. Ob sie ihm helfen, aus dem Bauch des Wals zu entkommen?

Daniel Kraus erzählt die einfache Überlebensgeschichte konstant zwischen der Gegenwart im Bauch des Wals und Jays Erinnerungen an sein bisheriges Leben wechselnd in extrem kurzen Kapiteln. Ein vierseitiges Kapitel erscheint als lang. Die kurzen Kapiteln, in denen immer etwas passiert, treiben die Geschichte voran.

Whalefall – Im Wal gefangen“ ist ein spannender Thriller, die psychologisch stimmige Geschichte einer komplexen und unguten Sohn-Vater-Beziehung und eine kleine Lehrstunde in Wal- und Tauchkunde. Denn, so Kraus in seiner Danksagung, er bemühte sich um größtmögliche Faktentreue. Einiges ist noch nicht erforscht, aber insgesamt ist die Geschichte möglich.

Bei uns dürfte Daniel Kraus vor allem durch seine Zusammenarbeit mit Guillermo del Toro bei „The Shape of Water“ und „Trollhunters“ und mit George A. Romero bei „The Living Dead“ bekannt sein.

Daniel Kraus: Whalefall – Im Wal gefangen

(übersetzt von Claudia Rapp)

Festa, 2024

416 Seiten

24,99 Euro (gebundene Ausgabe)

16,99 Euro (Taschenbuch)

Originalausgabe

Whalefall

MTV Books, 2023

Die Verfilmung

Whalefall (Whalefall, USA 2025)

Regie: Brian Duffield

Drehbuch: Brian Duffield, Daniel Kraus

LV: Daniel Kraus: Whalefall, 2023 (Whalefall)

mit Austin Abrams, Josh Brolin, Elisabeth Shue, John Ortiz, Jane Levy, Emily Rudd

Kinostart: 15. Oktober 2026

Hinweise

Festa über den Roman

Homepage von Daniel Kraus

Wikipedia über Daniel Kraus und „Whalefall“ (Buch; Film: deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Guillermo del Toro/Daniel Kraus‘ „The Shape of Water“ (The Shape of Water, 2018) (Roman zum Film)


Neu im Kino/Filmkritik: „Weapons – Die Stunde des Verschwindens“ einer Schulklasse

August 7, 2025

In der im Nordosten der USA liegenden Kleinstadt Maybrook verschwinden in einer Nacht um 2:17 Uhr 17 Kinder. Sie verließen, wie verschiedene Überwachungskameras zeigen, die elterliche Wohnung und liefen in die Nacht. Niemand weiß, wohin sie gelaufen sind. Oder warum.

Sie waren alle in der Schulklasse von Justine Gandy. Nur einer von Justines Schülern ist nicht verschwunden.

Was für eine Prämisse. Was für ein wundervoller Auftakt. „Barbarian“-Regisseur Zach Cregger führt in den ersten Minuten von seinem neuen Horrorfilm „Weapons – Die Stunde des Verschwindens“ sehr gelungen mit einer Kinderstimme im Voice-Over, atmosphärischen Bildern und gleitender Kamera in die Geschichte ein. Danach will man wirklich wissen, warum die Kinder verschwanden und welche Auswirkungen ein solcher plötzlicher und unerklärlicher Verlust von siebzehn Kindern auf eine kleine US-Gemeinde hat.

In den folgenden knapp zwei Stunden (wenn wir die Einführung in die Geschichte und den Abspann weglassen) erzählt Zach Cregger in sechs Kapiteln, die Ereignisse aus der Sicht verschiedener Figuren. Das tut er nicht, wie in „Rashomon“, indem er ein Ereignis aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet, sondern weitgehend chronologisch. Ganz selten werden bestimmte Ereignisse aus verschiedenen Perspektiven gezeigt. Im Zentrum der einzelnen, stilistisch unterschiedlich gestalteten Kapiteln stehen die Lehrerin Justine Gandy, ein Vater, ein Polizist, ein drogensüchtiger Slacker (in der vergnüglichsten Episode des Horrorfilms), der Schuldirektor und Alex Lilly, der einzige Schüler aus Justines Klasse, der in der fraglichen Nacht nicht verschwunden ist.

Bedingt durch diese Struktur ist lange unklar, was die Erklärung für das Verschwinden der Kinder sein könnte. Stattdessen erzählt Cregger aus dem Leben der im Mittelpunkt des Kapitels stehenden Figur. Es geht also um ihre Probleme bei der Arbeit und im Privatleben, ihren Alkohol- und Drogenkonsum und wie sie, – teils -, zu obsessivem und vollkommen unvernünftigem Verhalten tendieren.

Es gibt symbolträchtige Bilder, wie das Bild einer Maschinenpistole mit der Uhrzeit des Verschwindens der Kinder am Nachthimmel, und immer wieder Horrortopoi zitierende Bilder seltsam geschminkter Gesichter und sich seltsam verhaltender Menschen. Es sind Bilder, die Assoziationen auslösen. Mehr nicht. In einem Krimi wären es falsche Fährten.

Es gibt einige Jumpscares, die aber die Geschichte (jedenfalls auf den ersten Blick, manchmal auch rückblickend [ich will ja nichts spoilern]) nicht voranbringen, sondern nur durch die Kombination von plötzlich auftauchenden seltsamen Gesichtern und plötzlichem Musikeinsatz erschrecken. Beispielsweise wenn Justine einen Alptraum hat, aus dem sie erwacht und mit dem nächsten Horrorfilmgesicht konfrontiert wird. Und es gibt eine durchgehende Horrorfilmatmosphäre.

Die Lösung ist dann, angesichts der neugierig machenden Prämisse, ziemlich unbefriedigend. Sie bewegt sich, ohne Erklärungen, im Rahmen der bekannten Horrorfilmkonventionen. Die Bilder, die Handlungen einiger Personen und das Wissen des Horrorfans über, ähem, gewisse Dinge müssen genügen.

Weapons“ Ist primär eine Versuchsanordnung und eine formale Spielerei zwischen verschiedenen Genres und Stilen. Das ist immer wieder gut und überraschend inszeniert, aber keine Figur trägt durch den gesamten Film. Sie haben, auch wenn sie in den anderen Kapiteln auftauchen, nur ein Kapitel. Es sind miteinander verbundene Kurzgeschichten, die in ihrer Gesamtschau die Geschichte erzählen und sich dabei immer wieder, mehr oder weniger lang, von der Ausgangsfrage entfernen.

Weapons – Die Stunde des Verschwindens (Weapons, USA 2025)

Regie: Zach Cregger

Drehbuch: Zach Cregger

mit Julia Garner, Josh Brolin, Alden Ehrenreich, Austin Abrams, Cary Christopher, Benedict Wong, Amy Madigan

Länge: 129 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Weapons“

Metacritic über „Weapons“

Rotten Tomatoes über „Weapons“

Wikipedia über „Weapons“ (deutsch, englisch)