Neu im Kino/Filmkritik: „H wie Habicht“, T wie Trauer

Juli 24, 2026

Helen Macdonald (Claire Foy) ist eine junge, aufstrebende Wissenschaftlerin. In Cambridge begeistert die Naturwissenschaftlerin die Studierenden mit ihrem wieder unkonventionellem Unterricht. Im Moment hat sie ein Angebot für eine Postdoc-Stelle in Deutschland. Außerdem hat sie eine innige Beziehung zu ihrem Vater (Brendan Gleeson), einem begeisterten, Geschichten erzählendem Fotografen, der viel erlebt hat, jetzt bevorzugt die Natur fotografiert und dabei die Geschichte Englands dokumentiert.

Als er eines Tages einen Herzinfarkt hat und stirbt, ist Helen schockiert. Sein Tod wirft sie vollkommen aus der Bahn. Sie gleitet immer mehr in eine behandlungsbedürftige Depression. Mit der Zähmung eines Habichts versucht sie, unmittelbar nach dem Tod ihres Vaters, ihrem Leben wieder eine Struktur zu geben. Diese Sinnsuche gelingt ihr bestenfalls halb. Während sie sich immer mehr in die Abrichtung des Habichts hineinsteigert, verwahrlosen sie und ihre Wohnung zunehmend.

Viel nacherzählbare Geschichte hat TV-Regisseurin Philippa Lowthorpe in ihrem dritten Spielfilm nicht. Die auf dem gleichnamigem autobiographischem Bestseller von Helen Macdonald basiernde Charakterstudie „H wie Habicht“ konzentriert sich auf die Beziehung von Helen zu ihrem Habicht Mabel und ihren Erinnerungen an ihren Vater, der sie für die Natur begeisterte. Die größte Erzählzeit nimmt dabei Mabels in kleinen Schritten erfolgende und gezeigte Zähmung ein.

H wie Habicht“ punktet mit seinem Ensemble und dem titelgebendem Vogel, der mit einem Flügelschlag Helens halbe Wohnung zerstört. Verkörpert wird der Film-Habicht von zwei Habichten, mit denen vor allem Claire Foy agierte. Am Ende der kleinen, sensibel erzählten Geschichte wissen wir einiges über die Abrichtung von Vögeln, Habichte und Falken und die Unterschiede zwischen beiden Vögeln.

H wie Habicht (H is for Hawk, Großbritannien 2025)

Regie: Philippa Lowthorpe

Drehbuch: Philippa Lowthorpe, Emma Donoghue

LV: Helen Macdonald: H is for Hawk, 2014 (H wie Habicht)

mit Claire Foy, Brendan Gleeson, Lindsay Duncan, Josh Dylan, Denise Gough, Sam Spruell, Emma Cunniffe, Arty Froushan

Länge: 120 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „H wie Habicht“

Metacritic über „H wie Habicht“

Rotten Tomatoes über „H wie Habicht“

Wikipedia über „H wie Habicht“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 13. November: Raum

November 12, 2019

Arte, 20.15

Raum (Room, Irland/Kanada 2015)

Regie: Lenny Abrahamson

Drehbuch: Emma Donoghue

LV: Emma Donoghue: Room, 2010 (Raum)

Seit Jahren wird Joy in einem kleinen Raum von einem Sexverbrecher gefangen gehalten. Ihr Sohn Jack kennt nur diesen Raum. Aber er wird älter und stellt Fragen über die Welt. Eines Tages beschließt sie, mit ihrem Sohn zu fliehen.

TV-Premiere des großartigen, sehr beklemmenden und mühelos auf mehreren Ebenen interpretierbaren Kammerspiels.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Brie Larson, Jacob Tremblay, Joan Allen, William H. Macy, Sean Bridgers, Tom McCamus, Cas Anwar

Hinweise
Englische Homepage zum Film
Moviepilot über „Raum“
Metacritic über „Raum“
Rotten Tomatoes über „Raum“
Wikipedia über „Raum“ (deutsch, englisch)
Homepage von Emma Donoghue
Meine Besprechung von Lenny Abrahamsons „Frank“ (Frank, Irland/Großbritannien 2014)

Meine Besprechung von Lenny Abrahamsons „Raum“ (Room, Irland/Kanada 2015)


Neu im Kino/Filmkritik: Ein „Raum“, eine Mutter, ihr Sohn und eine Gefangenschaft

März 18, 2016

In „Raum“, dem neuen Film von „Frank“-Regisseur Lenny Abrahamson, sieht man nichts physisch schlimmes. Keine Blutbäder, keine abgetrennten Gliedmaße, keine wüsten Schießereien oder Schlägereien. Es geht ziemlich gesittet zu zwischen Ma (Brie Larson), ihrem fünfjährigem Sohn Jack (Jacob Tremblay) und Old Nick (Sean Bridgers), der Ma vor sieben Jahren entführte und seitdem in einem neun Quadratmeter großem Raum gefangen hält. Und gerade weil jeder sich diese Situation gut vorstellen kann, ist „Raum“ psychisch fordernder als das neueste Horrorfilmblutbad oder irgendein Exploitation-Film.
Ma, die als Siebzehnjährige entführt wurde, versucht Jacob möglichst normal zu erziehen. Für ihn ist daher dieser Raum die Welt. Eine Außenwelt gibt es für ihn nicht. Im Fernsehen sind keine echten Menschen. Und Old Nick versorgt sie, mehr schlecht als recht, mit allem, was sie brauchen.
Aber Jack wird älter, stellt Fragen und Ma überlegt, wie sie flüchten können.
Als in der Filmmitte die Flucht aus dem Raum gelingt, wird zwar der Raum, in dem Ma und Jack leben, größer, aber haben sie wirklich ihr Gefängnis verlassen und wie können sie außerhalb ihres vertrauten Gefängnisses, das sie in den letzten Jahren auch beschützte, überleben? Außerdem veränderte sich die Welt außerhalb des Raums. Mas Eltern, Nancy (Joan Allen) und Robert (William H. Macy), mussten mit dem spurlosen Verschwinden ihrer Tochter umgehen und die Medien interessieren sich für Ma und Jack.
Was das Kammerspiel „Raum“ so grandios macht, ist, dass es auf vielen verschiedenen Ebenen tadellos funktioniert. Es ist an der Oberfläche die Geschichte eines Jungen, der seit seiner Geburt in einem geschlossenen Zimmer lebt und danach die Welt kennenlernt. Es ist auch die Geschichte einer Mutter, die ihr Kind erzieht und vor allen Bedrohungen schützen will. Diese feinfühlig und nuanciert erzählte Mutter-Kind-Geschichte würde schon genügen, um „Raum“ sehenswert zu machen.
Daneben funktioniert „Raum“ auch als Metapher für, nun, je nachdem, wie viel wir den Film hineininterpretieren wollen und welchen Aspekt wir gerade für den Wichtigsten halten, unser Leben, das Erwachsenwerden, das Erkunden der Welt und den sich damit wandelnden Perspektiven. So erscheinen Dinge, die früher für uns groß waren, irgendwann sehr klein. Es geht um die Beziehungen von Eltern zu ihren Kindern und wie damit umgegangen wird.
Die Prämisse von „Raum“ erinnert selbstverständlich an mehrere reale Fälle. Emma Donoghue, die Autorin des Romans und des Drehbuchs, war von dem Fall Elisabeth Fritzl, die von ihrem Vater 24 Jahre in einem Keller gefangen gehalten und mehrfach vergewaltigt wurde und dadurch mehrfache Mutter wurde, inspiriert.
Eine weitere, ebenso offensichtliche und bekannte Inspiration ist der Fall Natascha Kampusch, die acht Jahre in einem Keller gefangen gehalten wurde.
Abrahamson erzählt die Geschichte konzentriert und immer nah an den beiden Hauptfiguren, ihren Gefühlen, ihrer Perspektive und ihrer Wahrnehmung der Wirklichkeit. „Raum“ ist gerade deshalb sehr wahrhaftig und auch unangenehm. Zu gut können wir uns eine solche Gefangenschaft vorstellen. Zu einfach können wir „Raum“ als Metapher für unser eigenes Leben verstehen.
„Raum“ ist beklemmend großartiges Kino, das seine Geschichte ganz altmodisch unaufgeregt und ohne Effekthaschereien erzählt und so auch jede emotionale Distanzierung, jede Flucht aus dem Raum, erschwert.

Raum - Plakat

Raum (Room, Irland/Kanada 2015)
Regie: Lenny Abrahamson
Drehbuch: Emma Donoghue
LV: Emma Donoghue: Room, 2010 (Raum)
mit Brie Larson, Jacob Tremblay, Joan Allen, William H. Macy, Sean Bridgers, Tom McCamus, Cas Anwar
Länge: 118 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Englische Homepage zum Film
Moviepilot über „Raum“
Metacritic über „Raum“
Rotten Tomatoes über „Raum“
Wikipedia über „Raum“ (deutsch, englisch)
Homepage von Emma Donoghue
Meine Besprechung von Lenny Abrahamsons „Frank“ (Frank, Irland/Großbritannien 2014)

DP/30 redet mit Lenny Abrahamson und Emma Donoghue über „Room“