Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Über Ridley Scotts Peter-Heller-Verfilmung „Das Ende der Sterne“

August 29, 2026

Neun Jahre nachdem eine Grippe ungefähr die gesamte Menschheit dahinraffte – Das müsst ihr als Prämisse einfach so akzeptieren. Außerdem handelt es sich um eine Science-Fiction-Geschichte. – leben Hig (Jacob Elordi), sein Hund Jasper und der militärische geschulte Überlebensexperte Bruce Bangley (Josh Brolin) in der Nähe von Denver auf einem Provinzflugplatz. Hig fliegt mit seiner Cessna die Gegend ab. Er sucht nach Auffälligkeiten. Das sind vor allem andere Menschen, die sie bedrohen könnten. In regelmäßigen Abständen fliegt er in die Stadt und holt Vorräte. Ab und an besucht er eine Mennoniten-Gemeinde, die ebenfalls die Seuche überlebte. Bangley erschießt alle Menschen, die in Schußweite ihres Flughafens kommen. Es ist ein eintöniges Leben.

Das ändert sich, als Hig sich entschließt, einem von dem Flughafen Grand Junction kommendem Funkspruch zu folgen. Mit dem Benzin, das er in seiner Cessna mitnehmen kann, kann er Grand Junction gerade so erreichen.

Outdoor-Fanatiker Peter Heller hat sich diese Geschichte ausgedacht, die Ridley Scott jetzt sehr kontemplativ verfilmte. Obwohl es in dem zweistündigem Film viel Action gibt – mehrere Angriffe und große Kämpfe in Gebäuden und, meistens, der freien Natur, eine Notlandung (im Film, nicht im Buch) -, beherrscht ein Gefühl der Ruhe, Friedfertigkeit und auch Empathie den Science-Fiction-Film. In den ersten Minuten, wenn Scott zeigt, wie Hig und Bangley in ihrer Männer-WG auf einem verlassenem Provinzflughafen zusammen leben und wie Hig die Beobachtungs- und Besorgungsflüge absolviert, etabliert Scott die Stimmung. Auch später sind ihm die ruhigen Momente, wenn Hig über die Wälder fliegt oder, nach einer Notlandung, eine Startbahn präpariert, wichtiger als die Action.

Damit setzt Scott einen Gegenpunkt zu den üblichen Dystopien, in denen in einer unwirtlichen Welt alle Errungenschaften der Zivilisation zugunsten des für Action guten, für die Realität und die Bildung einer Gemeinschaft untauglichen Faustrecht des jeder gegen jeden regiert. Es ist aber auch eine Welt die im Film und im Buch erstaunlich blass bleibt. Es gibt keine Erklärung für die Seuche, das Sterben der Menschheit und die immer noch vorhandenen Lebensmittel. Wobei, zugegeben, das das geringste Problem der Geschichte ist. Wenn plötzlich alle Menschen tot sind, halten die Vorräte an Sprite und Cola ewig.

Während der aus Higs Perspektive erzählte Roman es größtenteils bei ruhigen Naturbetrachtungen und einer kleinen Gruppe sich zusammenfindender Menschen in einer menschenleeren Landschaft belässt, bevorzugt der Film vor allem nach Higs Aufbruch mit einer Notlandung, Angriffen größerer durch die Landschaft marodierender Gruppen und der Grand-Junction-Episode immer wieder das Spektakel. Vor allem die Grand-Junction-Episode ist im Film viel größer als im Roman. Sie ist gleichzeitig satirisch überspitzt, erinnerungswürdig (auch dank Allison Janney als Herrscherin von Grand Junction) und in jeder Beziehung vollkommen sinnfrei. Sie kümmert sich in keinster Weise um die vorher etablierte Welt.

Hier wie auch in fast allen Episoden, in denen Menschen, also Hig, Bangley, Pops (Guy Pearce) und seine Tochter Cima (Margaret Qualley), auf andere Menschen treffen, regiert das Faustrecht und es wird munter, wie wir es auch aus anderen Endzeit-Dystopien zwischen „Mad Max“ und „The Walking Dead“ oder, für die literarisch versierten, „The Road“ kennen, gemordet, während die Protagonisten durch eine menschenleere Landschaft stolpern.

So stecken der Roman (weniger, weil es weniger Tote gibt) und der Film (mehr, weil es mehr Tote gibt) in einem seltsamen Zwiespalt zwischen behaupteter Botschaft, friedlicher Stimmung und dem Gezeigten. Durchgängig zeigt Scott Szenen, in denen umstandlos gemordet wird. Die ruhigen Momente zeigen dann kleine und kleinste Gruppen von Menschen, die isoliert voneinander leben, die nicht auf andere Menschen treffen wollen und die letztendlich nur auf ihren Tod warten. Denn ohne Kinder würde auch der Rest der Menschheit innerhalb weniger Jahre sterben. Die friedliche und überaus hilfsbedürftige Mennoniten-Gemeinde, die Hig besucht, bleibt Staffage. Mehr als die behauptete Utopie eines friedlichen Zusammenlebens ist sie nicht.

Entsprechend unvermittelt und mit dem visuellen Zaunpfahl wird am Ende von „Das Ende der Sterne“ die Botschaft in den Kinosaal gehämmert. Die einzige Figur, die in dem Moment eine aus dem Nichts kommende Wandlung erfährt, ist Bangley.

Das Ende der Sterne“ ist ein spannungsfreies Stimmungsstück mit Naturaufnahmen und, je nach Zählung, drei bis fünf eindimensional sympathischen Menschen, die all die Abenteuer erleben, die wir auch aus anderen Dystopien kennen und die dieses Mal von einer positiven Botschaft, nämlich dass Menschen Menschen brauchen und ein Zusammenleben möglich und wünschenswert ist, ummäntelt werden.

Das gilt gleichermaßen für den Roman und den Film. Drehbuchautor Mark L. Smith veränderte einiges an Hellers Geschichte, aber letztendlich blieb er dem Roman treu. Scott liefert dazu den Film mit schönen Menschen in schöner Landschaft mit schöner Musik. Das hat durchaus seinen Charme, ist aber auch etwas langweilig und durchgehend vorhersehbar.

Das Ende der Sterne (The Dog Stars, USA 2026)

Regie: Ridley Scott

Drehbuch: Mark L. Smith

LV: Peter Heller: The Dog Stars, 2012 (Das Ende der Sterne, wie Big Hig sie kannte; Das Ende der Sterne)

mit Jacob Elordi, Josh Brolin, Margaret Qualley, Guy Pierce, Benedict Wong, Allison Janney

Länge: 119 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage

Peter Heller: Das Ende der Sterne

(übersetzt von Eva Bonné)

Heyne, 2026

384 Seiten

14 Euro

Originalausgabe

The Dog Stars

Knopf, 2012

Deutsche Erstausgabe

Das Ende der Sterne, wie Big Hig sie kannte

Eichborn, 2013

Hinweise

Moviepilot über „Das Ende der Sterne“

Metacritic über „Das Ende der Sterne“

Rotten Tomatoes über „Das Ende der Sterne“

Wikipedia über „Das Ende der Sterne“ (Buch; Film: deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Ridley Scotts “Prometheus” (Prometheus, USA 2012)

Meine Besprechung von Ridley Scotts “Exodus – Götter und Könige (Exodus – Gods and Kings, USA 2014)

Meine Besprechung von Ridley Scotts „Der Marsianer – Rettet Mark Watney“ (The Martian, USA 2015)

Meine Besprechung von Ridley Scotts „Alien: Covenant“ (Alien: Covenant, USA 2017)

Meine Besprechung von Ridley Scotts „Alles Geld der Welt“ (All the Money in the World, USA 2017)

Meine Besprechung von Ridley Scotts „The Last Duel“ (The Last Duel, USA 2021)

Meine Besprechung von Ridley Scotts „House of Gucci“ (House of Gucci, USA 2021)

Meine Besprechung von Ridley Scotts „Napoleon“ (Napoleon, USA 2023)

Meine Besprechung von Ridley Scotts „Gladiator II“ (Gladiator II, USA 2024)


Neu im Kino/Filmkritik: Neid und Missgunst in königlichen Gemächer: „Maria Stuart, Königin von Schottland“ und „The Favourite – Intrigen und Irrsinn“ bei Königin Anne

Januar 24, 2019

Für die Fans des britischen Königshauses, die es gerne mit der rosaroten Brille haben, dürften beide Filme nichts sein. Einmal wird Maria Stuart durch die feministische Brille neu betrachtet, einmal gibt es Neid und Missgunst am Hofe von Königin Anne und die Männer stehen, hübsch geschminkt und kostümiert, am Spielfeldrand. Yorgos Lanthimos‘ „The Favourite – Intrigen und Irrsinn“ ist eine grandiose, tiefschwarze Komödie. Josie Bourkes „Maria Stuart, Königin von Schottland“ wirkt dagegen wie ein Lore-Roman.

Als Achtzehnjährige kehrt Maria Stuart (Saoirse Ronan) 1561 als Witwe aus Frankreich nach Schottland zurück. Sie präsentiert sich als freigeistige Herrscherin. Anstatt ihrem Volk die Religion vorzugeben, dürfen sie Protestanten bleiben, während sie Katholikin ist. Für sie ist Schottland nur eine Station auf dem Weg nach London. Denn sie ist, nach der Erbfolge, die rechtmäßige Herrscherin des englischen Königreichs. Ein Anspruch, der während des gesamten Films nie ernsthaft bestritten wird.

Trotzdem will Königin Elizabeth I (Margot Robbie) die Krone nicht abgeben.

Während in den kitschigen Adelsschmonzetten die Liebe im Mittelpunkt steht, geht es in „Maria Stuart, Königin von Schottland“ um die weltliche Macht. Heirat ist dabei nur ein Arrangement, um einen Thronnachfolger zu zeugen. Dafür braucht Maria Stuart einen Mann (den sie als Friedensangebot gegenüber Königin Elizabeth heiratet) und seinen Samen. Dass er homosexuell ist, ist ihr egal. Sowieso geht es an ihrem Hof in jeder Beziehung sehr leger zu.

Das sind in einem Kostümdrama schon einige neue Töne. Aber Theaterregisseurin Josie Rourke gelingt es in ihrem Filmdebüt nicht, daraus mehr als eine längliches Drama zu machen. Der Konflikt zwischen Maria Stuart und Königin Elizabeth stagniert, die Intrigen zwischen weltlicher und geistlicher Macht (bzw. Mächten) und die Heiratspolitik interessiert höchstens Historiker, die diesen Historienstreifen zum Anlass genommen haben, über die richtige Interpretation von Maria Stuart zu streiten. Die können sicher auch sofort erklären, ob der Hofstaat von Mary Stuart wirklich ethisch so divers wie im Film war.

The Favourite“ ist dagegen grandioses Schauspielerkino, das den Königshof als einziges Intrigantenstadl zeichnet und fröhlich die historische Korrektheit ignoriert. Im Gegensatz zu anderen Filmen, in denen ständig die historische Genauigkeit betont und dann von Fachleuten bestritten wird, werden die Macher von „The Favourite“ nicht müde zu betonen, dass sie sich viele Freiheiten erlaubten. Dem Film schadete es nicht. Es ist ein sehr zeitgenössisches Werk, in dem zwei Frauen um ihre Stelle bei der Königin kämpfen.

Königin Anne (Olivia Colman, grandios!!!) ist die Herrscherin des Königreichs, als es zum Königreich Großbritannien wird und zur Weltmacht aufsteigt. Sie ist kränklich, hat schwere Gicht und ist übergewichtig. Trotz 17 Geburten zeugt sie keinen Thronfolger. Sie war die letzte Regentin aus dem Hause Stuart.

Sie gilt als schwach und manipulierbar. Ihre Cousine und Vertraute Lady Sarah Churchill, Herzogin von Marlborough (Rachel Weisz), übernimmt dagegen die Regierungsgeschäfte.

Ungefähr um 1700 taucht Abigail Masham (Emma Stone) am königlichen Hof auf. Also genaugenommen wird sie mit einem Tritt aus der Kutsche in den Matsch vor dem Palast gestoßen. Schon in dem Moment ist klar, dass Lanthimos Film kein Heile-Welt-Film wird. Mit Abigail ändert sich das Machtgefüge am Hof. Zunächst muss die arme Verwandte der Königin als Magd den Küchenboden schrubben. Doch schnell schleimt sie sich bei der Königin ein.

Lanthinos („The Lobster“, „The Killing of a sacred Deer“) inszeniert einen herrlich dekadenten Zickenkrieg, in dem immer wieder unklar ist, wer hier gerade wen manipuliert und drei Schauspielerinnen brillieren dürfen.

In den vergangenen Wochen wurde der Film zu recht mit Lob, Nominierungen und Preisen überschüttet. Der aktueller Höhepunkt sind die zehn Oscar-Nominierungen in den Kategorien „Bester Film“ (Ceci Dempsey, Ed Guiney, Yorgos Lanthimos, Lee Magiday), „Beste Regie“ (Yorgos Lanthimos), „Bestes Originaldrehbuch“ (Deborah Davis, Tony McNamara), „Beste Hauptdarstellerin“ (Olivia Colman), „Beste Nebendarstellerin“ (Emma Stone), „Beste Nebendarstellerin“ (
Rachel Weisz), „Beste Kamera“ (Robbie Ryan), „Bester Schnitt“ (Yorgos Mavropsaridis), „Bestes Szenenbild“ (Fiona Crombie, Alice Felton) und „Bestes Kostümdesign“ (Sandy Powell).

The Favourite“ ist ein früher Höhepunkt des diesjährigen Kinojahrs.

Maria Stuart, Königin von Schottland (Mary, Queen of Scots, Großbritannien 2018)

Regie: Josie Rourke

Drehbuch: Beau Willimon

LV: John Guy: Queen of Scots: The True Life of Mary Stuart, 2004

mit Saoirse Ronan, Margot Robbie, Jack Lowden, Joe Alwyn, David Tennant, Guy Pierce, Gemma Chan, Martin Compston, Ismael Cruz Cordova, Brendan Coyle, Ian Hart, Adrian Lester

Länge: 125 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Maria Stuart, Königin von Schottland“

Metacritic über „Maria Stuart, Königin von Schottland“

Rotten Tomatoes über „Maria Stuart, Königin von Schottland“

Wikipedia über „Maria Stuart, Königin von Schottland“ (deutsch, englisch)

The Favourite – Intrigen und Irrsinn (The Favourite, USA 2018)

Regie: Yorgos Lanthimos

Drehbuch: Deborah Davis, Tony McNamara

mit Olivia Colman, Emma Stone, 
Rachel Weisz, Nicholas Hoult, Joe Alwyn, Mark Gattis, James Smith

Länge: 120 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „The Favourite“

Metacritic über „The Favourite“

Rotten Tomatoes über „The Favourite“

Wikipedia über „The Favourite“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Yorgos Lanthimos‘ „The Killing of a sacred Deer (The Killing of a sacred Deer, Großbritannien/Irland 2017)