Neu im Kino/Filmkritik: Die Kleinstadt „Normal“, die Bank und die große Schlacht

April 17, 2026

Normal ist auf den ersten Blick eine typische Kleinstadt irgendwo im ziemlich menschenleeren Nirgendwo von Minnesota. Eine Straße, einige Geschäfte, nette Einwohner und eine Bank. Sheriff Ulysses (Bob Odenkirk) soll in Normal die nächsten zwei Monate als Vertretungssheriff arbeiten. Nach der bald anstehenden Wahl des neuen Sheriffs übernimmt der Wahlgewinner das Amt und Ulysses kann die Stadt verlassen. Entsprechend ruhig und entspannt geht Ulysses die Sache an.

Das gemütliche Kleinstadtleben endet mit einem Banküberfall. Weil die beiden Bankräuber von der kärglichen Beute enttäuscht sind, fordern sie einen Bankangestellten auf, den Safe zu öffnen. Diese Forderung löst einen Alarm aus.

Ulysses, der die Bankräuber zur Aufgabe überreden will, staunt nicht schlecht, als sich das ganze Dorf schwer bewaffnet vor der Bank versammelt und, kaum geht er zur Bank, wie gedopt losballert. Zusammen mit den beiden Bankräubern beginnt Ulysses gegen die Dorfbewohner zu kämpfen.

Normal“, inszeniert von Ben Wheatley, ist der neueste Film aus der Actionschmiede von „John Wick“-Schöpfer Derek Kolstad. Es gibt also viel Action und eine, innerhalb der Genrekonventionen, abgedrehte Geschichte. Bob Odenkirk gibt wieder den Actionhelden. Dass er das kann, hat er in den beiden „Nobody“-Filmen bewiesen und „Normal“ hätte mit kleinen Änderungen auch als „Nobody 3“ starten können. Die Story bedient sich exzessiv bei John Carpenters „Assault – Anschlag bei Nacht“ (Assault on Precint 13, USA 1976), der sich beim Western bediente. Aber während bei Carpenter und auch in Jean-François Richets ziemlich gelungenem Remake von 2005 (mit Ethan Hawke) jede der in dem Gebäude – bei Carpenter eine Polizeistation, bei Wheatley zuerst die Bank, später die Polizeistation – eingeschlossenen Personen innerhalb kürzester Zeit zu einer individuell erkennbaren Person wird, bleiben bei Wheatley alle bis auf Sheriff Ulysses austauschbares Kanonenfutter ohne besondere Eigenschaften.

Das führt dazu, dass „Normal“ trotz seiner schlanken Laufzeit von neunzig Minuten ziemlich lang wirkt. Zuerst dauert es eine halbe Stunde bis zu dem Banküberfall. In dieser halben Stunde porträtiert Wheatley in entschleunigtem Tempo und mild humoristischem Tonfall ausführlich das friedliche Kleinstadtleben und die netten Bewohner. Informationen, die für die spätere Schlacht wichtig sind, liefert er nicht. Die Schlacht wird schnell zu einer zunehmend redundanten Abfolge von Schießereien, Explosionen und wenigen Schlägereien. Figuren, die wichtig werden könnten, wie die beiden Bankräuber oder zwei Japaner, bleiben vernachlässigbare Nebenfiguren.

Dabei hat Ben Wheatley in dem Actionthriller „Free Fire“ gezeigt, dass er es besser kann. In dem hochkarätig besetztem Film läuft in einer verlassenen Lagerhalle ein illegaler Waffendeal vollkommen aus dem Ruder.

Dagegen ist „Normal“ der schwache Abklatsch von „Nobody 2“.

Normal (Normal, USA 2026)

Regie: Ben Wheatley

Drehbuch: Derek Kolstad, Bob Odenkirk

mit Bob Odenkirk, Lena Headey, Henry Winkler, Reena Jolly, Brendan Fletcher, Brian Kawakami, Jess McLeod, Peter Shinkoda, Ryan Allen, Bill MacLellan

Länge: 93 Minuten

FSK: ab 18 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Normal“

Metacritic über „Normal“

Rotten Tomatoes über „Normal“

Wikipedia über „Normal“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Ben Wheatleys „Sightseers“ (Sightseers, Großbritannien 2012)

Meine Besprechung von Ben Wheatleys „High-Rise“ (High-Rise, Großbritannien 2015) und der DVD

Meine Besprechung von Ben Wheatleys „Free Fire“ (Free Fire, Großbritannien/Frankreich 2016)


Neu im Kino/Filmkritik: Wes Anderson inszeniert einige Reportagen aus dem „The French Dispatch“

Oktober 22, 2021

Kurz gesagt: der neue Film von Wes Anderson ist der neue Film von Wes Anderson und er hat alles das, was man von einem Wes-Anderson-Film erwartet.

Damit hätten wir die Frage, ob der Film sehenswert ist, oder nicht, geklärt.

Jedenfalls für die Menschen, die seit Ewigkeiten auf „The French Dispatch“, Andersons Liebesklärung an „The New Yorker“, warteten, die Covid-bedingten Startterminverschiebungen geduldig ertrugen, immer auf einen Kinostart hofften (begleitet von zahlreichen Gebeten) und die sich selbstverständlich an seine vorherigen Filme erinnern. Seit seinem dritten Film „The Royal Tenenbaums“ produziert der Autorenfilmer auch seine Werke, die, bei allen Unterschieden, immer einen unverkennbaren Stil haben. Das gilt für seine starbesetzten Realfilme, wie „The Darjeeling Limited“, „Moonrise Kingdom“ und „The Grand Budapest Hotel“, und für seiine Trickfilme, wie „Fantastic Mr. Fox“ und „Isle of Dogs“. „The French Dispatch“ ist wieder ein Realfilm, wieder mit vielen bekannten Schauspielern und wieder mit zahlreichen Anspielungen. Dieses Mal auf die Welt des französischen Films, Frankreich und den alten Magazinjournalismus.

Der titelgebende „The French Dispatch“, also genaugenommen „The French Dispatch of the Liberty, Kansas Evening Sun‘, ist ein amerikanisches Magazin, das in Frankreich erscheint, immer ein Liebhaberprojekt des Verlegers war und ist. Wenn es zu einem Konflikt zwischen der Länge des journalistischen Textes und den Anzeigen kommt, dann wirft er einige Anzeigen raus. Nachdem der hochgeschätzte Gründer und Verleger Arthur Howitzer, Jr. (Bill Murray) stirbt, stirbt auch das Magazin. In seinem Film blättert Wes Anderson durch die letzte Ausgabe und der so entstandene Film ist dann eine Ansammlung von garantiert erfundenen Reportagen aus der sehr französischen Stadt Ennui-sur-Blasé (erfunden, gedreht wurde in Angoulême) in einer fiktiven Zeitlinie, die immer wie ein französischer Film aus den fünfziger/sechziger Jahren aussieht.

In der ersten und kürzesten Reportage radelt der Reisereporter Herbsaint Sazerac (Owen Wilson) durch die verrufensten Ecken der Stadt und zeigt sie im Wandel der Zeit.

In „Das Beton-Meisterwerk“ schreibt und spricht die Kunstkritikerin J. K. L. Berensen (Tilda Swinton) über den Künstler Moses Rosenthaler (Benicio Del Toro) und sein Werk. Der geistesgestörte, inhaftierte Maler ist ein Genie. Jedenfalls für die Kunstwelt, die ungeduldig auf sein neuestes Werk wartet, das im Gefängnis der Welt präsentiert werden soll. Werk und Ablauf der Präsentation entsprechen dann nicht den Erwartungen einer normalen Vernissage.

Korrekturen eines Manifests“ ist eine Reportage über politikbewegte Studenten und damit auch eine Satire und Hommage an die 68er und die Nouvelle Vague, vor allem natürlich an die in den Sechzigern entstandenen legendären Filme von Jean-Luc Godard. Lucinda Krementz (Frances McDormand) berichtet über die revolutionären Umtriebe der Studierenden und sie hilft Zeffirelli B (Timothée Chalamet), dem charismatischem Anführer der Studenten, entgegen aller journalistischer Ethik, aber befeuert von der Liebe, bei der Formulierung eines Manifests. Oder genauer gesagt: sie redigiert es, während sie gemeinsam im Bett und Bad sind.

Das private Speisezimmer des Polizeichefs“ ist die sich in jedem gutem Magazin befindende Kriminalgeschichte. In dieser ziemlich noiren Reportage erzählt Roebuck Wright (Jeffrey Wright), der eigentlich nur ein Porträt über den Koch des Kommissars von Ennui-sur-Blasé schreiben wollte, von der Entführung des Sohnes des Kommissars und sich daraus ergebenden Verwicklungen.

Gerahmt werden diese Reportagen von einem Blick in die Redaktionsräume des „French Dispatch“, eines Magazins, das es heute so nicht mehr gibt und auch so wahrscheinlich niemals gab, aber in dem alle eine große, seltsame Familie waren.

Alle Geschichten sind starbesetzte Liebeserklärungen an Frankreich, das französische Kino, das Kino und das Erzählen von Geschichten aus sicherer ironischer Distanz. Die Episodenstruktur, die natürlich dem Blättern in einem Magazin entspricht, verhindert eine traditionelle Spannungsdramaturgie. Aber die interessierte Wes Anderson noch nie. Ihn interessierte immer das verspielte Spielen mit Versatzstücken, Brechungen und Anspielungen in seinem ganz eigenem Kosmos.

The French Dispatch“ ist ganz großes und großartiges Kino für den kulturinteressierten Bürger, Cineast und, weil wir dieses Mal in einem aus Filmen sehr vertrautem Nachkriegsfrankreich sind, Bourgeois.

The French Dispatch (The French Dispatch, USA/Deutschland 2021)

Regie: Wes Anderson

Drehbuch: Wes Anderson (nach einer Originalgeschichte von Wes Anderson, Roman Coppola, Hugo Guiness und Jason Schwartzman)

mit Benicio Del Toro, Adrien Brody, Tilda Swinton, Léa Seydoux, Frances McDormand, Timothée Chalamet, Lyna Khoudri, Jeffrey Wright, Mathieu Amalric, Stephen Park, Bill Murray, Owen Wilson, Christoph Waltz, Edward Norton, Jason Schwartzman, Liev Schreiber, Elisabeth Moss, Willem Dafoe, Lois Smith, Saoirse Ronan, Cécile de France, Guillaume Gallienne, Tony Revolori, Rupert Friend, Henry Winkler, Bob Balaban, Hippolyte Girardot, Anjelica Huston (Erzählerin)

(Ich empfehle im Kino ausdrücklich den Verzicht auf etwaige Trinkspiele.)

Länge: 108 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Filmportal über „The French Dispatch“

Moviepilot über „The French Dispatch“

Metacritic über „The French Dispatch“

Rotten Tomatoes über „The French Dispatch“

Wikipedia über „The French Dispatch“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Wes Andersons „The Grand Budapest Hotel“ (The Grand Budapest Hotel, USA/Deutschland 2014)

Meine Besprechung von Wes Andersons „Isle of Dogs – Ataris Reise“ (Isle of Dogs, USA 2018)