Neu im Kino/Filmkritik: Über die Musikdoku „Freakscene – The Story of Dinosaur Jr.“

September 10, 2021

Als Fan der Band hat mir Philipp Reichenheims Dokumentarfilm über Dinosaur Jr. selbstverständlich gefallen. Immerhin dröhnt die Rockband durch den riesigen Kinosaal, es gibt Bilder von den Anfängen und Interviews mit den Bandmitgliedern und prominenten Fans, wie der immer zauberhaften Kim Gordon und dem immer überschäumend redseligen Henry Rollins.

Aber die Ehrlichkeit des Kritikers gebietet dann auch, auf die Schwächen des Films hinzuweisen. Denn „Freakscene – The Story of Dinosaur Jr.“ ist ein Film von Fans für Fans. Für alle anderen ist er höchstens begrenzt informativ. Das Material wird in der denkbar konventionellsten Form angeordnet: nämlich chronologisch. Immerhin kann dieses Vorgehen in diesem Fall mit der Bandgeschichte begründet werden. Es ist eine Geschichte von Erfolg, Trennung und Versöhnung, die damit einer Dramaturgie folgt, die sich in den Aufnahmen (früher LP, heute CD) und Auftritten zeigt. So geht Reichenheim chronologisch von den Anfängen über die Auflösung, die Wiedervereinigung und die seitdem halbwegs regelmäßigen Auftritte und CDs durch die Geschichte der Band. Es ist eine Reise durch von den frühen achtziger Jahren bis zur Gegenwart.

Die Bandmitglieder erzählen freimütig über ihr auch schwieriges Verhältnis zueinander. Denn abseits der Bühne haben sie sich nichts zu sagen. Bassist Lou Barlow und Drummer Murph sind auskunftsfreudig. J Mascis, Gitarrist und kreativer Kopf der Band, bekannt maulfaul. Andere Musiker, wie Kim Gordon, Thurston Moore (beide „Sonic Youth“), Bob Mould („Hüsker Dü“ [in den Achtzigern]) und Henry Rollins („Black Flag“ [in den Achtzigern]) sind bekannte Stars des Alternative Rock. Sie sind mit den Musikern von Dinosaur Jr. seit Jahrzehnten befreundet. So erkenntnisreich diese Statements sind, so sehr fehlt eine kritische Außenperspektive, die Ereignisse und auch die Wichtigkeit der Band für den Indie-Rock und den Grunge objektiv einordnet. In „Freakscene“ gibt es nur die Innenperspektive der Band und die der prominenten Fans. Entsprechend erschöpft sich deren Einordnung der Band in verschiedene Formen von „einflussreich“ und „sehr wichtig“. Und jede ihrer Aufnahmen ist „grandios“.

Erstaunlich, immerhin hat Philipp Reichenheim die Band und J Mascis seit Mitte der neunziger Jahre mit der Kamera begleitet, seine Schwester ist mit J Mascis verheiratet und es wurden wahrscheinlich alle nur irgendwie erreichbaren Archive geplündert, ist, wie wenig Bild- und Tonaufzeichnungen es von den Anfängen der Band gibt. Oder, anders gesagt, während in den achtziger und auch noch neunziger Jahren eine Band jahrelang vor ihren Fans spielen konnte, ohne dass jeder Ton dokumentiert wurde, gibt es inzwischen schon, oft in beachtlicher Qualität, Bilder von ihren ersten Auftritten. Manchmal, wie in der Amy-Winehouse-Doku „Amy“, gibt es sogar Aufnahmen von ihnen, bevor sie an eine Musikerkarriere dachten. In diesem Fall ist es der Mitschnitt eines von Winehouse auf einer Wohnungstreppe vor Freundinnen gesungenen Liedes.

So dokumentiert „Freakscene“ nebenbei dann auch einen rapiden Wandel in der Verfügbarkeit von Medien.

Freakscene – The Story of Dinosaur Jr. (Deutschland 2021)

Regie: Philipp Reichenheim (aka Philipp Virus)

Drehbuch: Philipp Reichenheim

mit J Mascis, Lou Barlow, Murph, Kim Gordon, Henry Rollins, Bob Mould, Thurston Moore, Matt Dillon

Länge: 86 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Freakscene“

Moviepilot über „Freakscene“

Wikipedia über Dinosaur Jr. (deutsch, englisch)

Homepage der Band

AllMusic über Dinosaur Jr.

Ein Gespräch mit dem Regisseur

Ein aktuelles Hauskonzert der Band

Wunderschöner Lärm an einem lauen Sommerabend


Neu im Kino/Filmkritik: Über Gus Van Sants John-Callahan-Biopic „Don’t worry, weglaufen geht nicht“

August 17, 2018

John Callahan trinkt sich in den frühen Siebzigern in Long Beach, Kalifornien, durch den Tag. Als er mit einer Zufallsbekanntschaft von einer wilden Party zu einer noch wilderen Party will, verändert sich sein Leben für immer. Und das ist jetzt nicht Hollywood-Pathos, sondern bittere Realität: Auf dem Weg zur nächsten Party baut der betrunkene Fahrer einen Unfall, den dieser fast unverletzt überlebt. Callahan, der noch betrunkenere Beifahrer, überlebt schwer verletzt. Ärzte können sein Leben retten, aber er ist fast vollständig gelähmt. Er muss bis an sein Lebensende im Rollstuhl sitzen. Auch seine Arme kann er kaum bewegen.

Callahan zieht zurück in seine Geburtsstadt Portland, Oregon. Er trinkt weiter und beginnt zu Malen. Es sind primitive, sarkastisch-schwarzhumorige und immer wieder politisch inkorrekten Cartoons, die zuerst in der örtlichen Tageszeitung abgedruckt werden. Später in den gesamten USA und weltweit.

Am 24. Juli 2010 stirbt der am 5. Februar 1951 geborene John Callahan. Aber diesen Teil, seine letzten Lebensjahre als erfolgreicher Cartoonist, erzählt Gus Van Sant in seinem neuen Film „Don’t worry, weglaufen geht nicht“ nicht. Er baut seinen konventionell erzählten Feelgood-Film nach dem Zwölf-Schritte-Programm der Anonymen Alkoholiker auf. Er erzählt Callahans Weg vom Trinker zur Enthaltsamkeit und Selbsterkenntnis. Mit dem AA-Programm hat Van Sant eine sehr einfache und dramaturgisch sehr tragfähige Struktur. Er kann in der Zeit hin und her springen, ohne den Fluss der Erzählung zu unterbrechen und so auch etwas widerständiges Indie-Feeling in einen sehr konventionellen Film bringen. Das AA-Programm gibt auch eine klare dramaturgische Richtung vor: von rauschenden Drogennächte über die verschiedenen Versuche, abstinent zu Leben und anschließend sein Leben immer mehr in Ordnung zu bringen. Dazu gehören auch Callahans Umgang mit seiner Behinderung und sein beginnender Erfolg als Cartoonist. In seinen Zeichnungen setzt er sich auch ohne falsche Scheu, mit ätzendem Humor und Selbstironie mit seiner letztendlich selbst verschuldeten, beschissenen Situation auseinander. Auch ohne das Bild zu kennen, sagt der Filmtitel ‚Keine Panik, er wird zu Fuß nicht weit kommen‘ einiges über Callahans Haltung zu sich und seinem Leben aus. Callahans spiritueller Helfer auf dem Weg zur Selbsterkenntnis ist dabei Donnie. Ein vermögender AAler, der eine kleine Schar von Jüngern um sich gescharrt hat und in seiner Nobelvilla nicht arm wie Jesus lebt, aber sich so benimmt und aussieht.

Mit den Musikerinnen Kim Gordon („Sonic Youth“) und Beth Ditto („Gossip“) und Udo Kier ist Donnies AA-Gruppe prominent besetzt. Callahans Sozialarbeiterin Suzanne wird ebenfalls von einer Indie-Musikerin gespielt: „Sleater-Kinney“-Gitarristin Carrie Brownstein.

Und Donnie, gespielt von Jonah Hill, ist auch kein Unbekannter. Auch wenn er unter seinem Vollbart kaum erkennbar ist. Joaquin Phoenix spielt, gewohnt überzeugend, John Callahan.

In Gus Van Sants Filmographie, die munter zwischen Arthaus, Experimenten und Mainstream-Hollywood-Erzählkino hin und her springt, gehört „Don’t worry, weglaufen geht nicht“ eindeutig in die letzte Kategorie. Den Ursprung hatte das Projekt vor mehr als zwanzig Jahren. Robin Williams, mit dem Van Sant bei „Good Will Hunting“ zusammen gearbeitet hatte, hatte sich die Rechte an John Callahans Biographie gesichert und er wollte Callahan spielen. Seitdem traf Van Sant sich öfter mit Callahan und arbeitete mit verschiedenen Autoren an verschiedenen Drehbuchversion. Letztendlich baute er das Buchkapitel, in dem Callahan erzählt, wie er seine Alkoholsucht überwand, zum Film aus.

Don’t worry, weglaufen geht nicht (Don’t worry, he won’t get far on foot, USA 2018

Regie: Gus Van Sant

Drehbuch: Gus Van Sant (nach einer Geschichte von John Callahan und Gus Van Sant & Jack Gibson & William Andrew Eatman)

LV: John Callahan: Don’t worry, he won’t get far on foot, 1989 (Don’t worry, weglaufen geht nicht)

mit Joaquin Phoenix, Jonah Hill, Rooney Mara, Jack Black, Mark Webber, Udo Kier, Carrie Brownstein, Beth Ditto, Kim Gordon

Länge: 115 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Don’t worry, weglaufen geht nicht“

Metacritic über „Don’t worry, weglaufen geht nicht“

Rotten Tomatoes über „Don’t worry, weglaufen geht nicht“

Wikipedia über „Don’t worry, weglaufen geht nicht“ (deutsch, englisch)

Berlinale über „Don’t worry, weglaufen geht nicht“

Meine Besprechung von Gus Van Sants „The Sea of Trees – Liebe wird dich nach Hause führen“ (The Sea of Trees, USA 2015)

Don’t worry, das Filmgespräch ist zwar leise aufgenommen, aber die drei Drehbuchautoren sind gut verständlich

Eine Doku über John Callahan


DVD-Kritik: „Der Nachtmahr“ – kein gewöhnlicher deutscher Film

November 7, 2016

Der Film beginnt mit einer Warnung, wie wir sie aus Discotheken kennen. Empfindliche Gemüter könnten von den Licht- und Tonfolgen epileptische Anfälle bekommen. Trotzdem soll „Der Nachtmahr“ laut abgespielt werden, weil nur so die Technoszenen und die Musik, bei der Alec Empire beteiligt war, ihre volle Wirkung entfalten. Die brachial-laute Musik ist ein Teil des Lebens der 17-jährigen Tina, die mit ihren Freundinnen und Schulkameraden gerne auf mehr oder weniger professionellen Techno-Partys und Clubs abhängt. Auf so einer Party sieht sie im Gebüsch ein seltsames, angsteinflößendes, missgestaltetes, aus einem Alptraum kommendes Wesen.

Kurz darauf hört sie bei sich zu Hause aus der Küche schmatzende Geräusche. Sie glaubt, das Wesen, das sie vorher auf der Party sah, zu sehen. Aber niemand anderes sieht ihren Nachtmahr.

Bis zum Schluss hält AKIZ (das Pseudonym von Achim Bornhak, der unter seinem bürgerlichem Namen das Uschi-Obermaier-Biopic „Das wilde Leben“ drehte) in seinem Spielfilm die Balance zwischen Traum und Realität. Wie in einem David-Lynch-Film, vor allem „Mulholland Drive“ und „Lost Highway“, ist unklar, was Realität und was Fantasie ist und jede Szene kann verschieden interpretiert werden, weshalb jeder einen etwas anderen Film sehen wird.

Neben dem David-Lynch-Einfluss sind auch locker Einflüsse und Inspirationen aus dem Deutschen Expressionistischen Stummfilm und der Romantik erkennbar. Denn der Nachtmahr, der Tinas Nähe sucht, ist, je nach Interpretation, auch ein Wesen, das für verdrängte Gefühle, Sexualität, Ängste und das Fremde im Allgemeinen und Besonderen steht. Dann erzählt Tinas zunehmende Akzeptanz des Wesens, das schnell eine E.-T.-Knuddeligkeit entwickelt, auch eine klassische Coming-of-Age-Geschichte. Wobei, und das macht dann wieder einen großen Teil der Faszination von AKIZ‘ Film aus, in der Schwebe bleibt, ob es sich um eine Befreiungsgeschichte oder einen Verfall in den Wahnsinn handelt. Denn ihre besorgten Eltern haben sie zu einem Psychiater geschickt. Der erwägt, sie in die Psychiatrie einzuweisen.

Inszeniert wurde „Der Nachtmahr“ an zwanzig Drehtagen, ohne TV-Beteiligung und Fördergelder, mit einem Minibudget von 80.000 Euro. AKIZ wollte den Film einfach schnell und ohne Kompromisse drehen.

Meistens führt diese Ansage des Regisseurs zu einem Film, bei dem man sich wünscht, es hätte doch Fördergelder gegeben, um die schlimmsten Peinlichkeiten zu verhindern. In diesem Fall ist diese Befürchtung unbegründet. „Der Nachtmahr“ ist teilweise bewusst sprunghaft erzähltes Kino das mit seiner immer erkennbaren künstlerischen Vision und Gestaltungswillen seinen jugendlichen Protagonisten, ihrer Sprache, seinem Soundtrack (neben einigen Songs stammt die Musik von Steffen Kahles und Christoph Blaser) und der unruhigen Handkamera (auf der visuellen Ebene zeigt sich am Deutlichsten das begrenzte Budget) in erster Linie ein junges Publikum anspricht und ernst nimmt. Es ist außerdem eine Genregeschichte, die jugendliche Befindlichkeiten und jugendliche Selbstfindung im Rahmen des Horrorgenres behandelt und sie mit viel schwarzem und absurdem Humor garniert. Weshalb es auch einiges zu Lachen gibt.

Für AKIZ ist „Der Nachtmahr“, der im Ausland erfolgreich läuft und ihm Remake-Anfragen aus Hollywood bescherte, der Anfang seiner dämonischen Trilogie „Geburt, Liebe, Tod“. Die Filme sind nur, was ältere Cineasten jetzt an Eric Rohmer denken lässt, thematisch miteinander verknüpft. Er arbeitet schon am zweiten Teil, der dann auch mit einem höherem Budget gedreht werden soll.

 

Das Bonusmaterial (Nachtrag 5. Dezember 2016): In der limitierten 3-Disc-Special-Edition, die den Film auf DVD und Blu-ray enthält, gibt es auch eine ordentliche Portion informatives Bonusmaterial; neben den üblichen Trailern, einem Teaser, dem Crowdfunding-Video, einem Testclip, einer Bildergalerie, dem Musikvideo „Grey Sedan“ (Wild Style Lion, feat. Kim Gordon) und dem Kurzfilm „Evokation“ von Akiz. Das Kernstück des Bonusmaterials ist das 45-minütige, sehr ehrliche und unprätentiöse Making-of „Der Nachtmahr – und wie er zur Welt kam“ (gedreht von seiner Schwester Riki Bornhak, mit vielen Bildern aus dem Archiv von Achim „Akiz“ Bornhak, seiner Familie und Freunden) und ein 25-minütige Interview mit Akiz, in denen man viel über die Vorgeschichte des Films erfährt.

Außerdem gibt es in der Special-Edition das Drehbuch und ein Booklet mit einem Text von Marcus Stiglegger, der hier zu sehr den Fanboy herauslässt und auf jegliche Analyse oder analytische Einordnung verzichtet.

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Der Nachtmahr (Deutschland 2015)

Regie: AKIZ

Drehbuch: AKIZ

mit Carolyn Genzkow, Wilson Gonzalez Ochsenknecht, Sina Tkotsch, Alexander Scheer, Kim Gordon

 

DVD

Koch Media

Bild: 2.35:1 (16:9)

Don: Deutsch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Englisch

Bonusmaterial:

DVD/Blu-ray: Interview mit Regisseur Akiz, Kinotrailer, Teaser

Mediabook: Dokumentation „Der Nachtmahr – und wie er in die Welt kam“, Musikvideo „Grey Sedan“ (von Wild Style Lion feat. Kim Gordon), Crowdfunding Video, Nachtmahr Kurzfilm, Testclip, Booklet mit Text von Dr. Marcus Stiglegger

Länge: 89 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Der Nachtmahr“

Moviepilot über „Der Nachtmahr“

Rotten Tomatoes über „Der Nachtmahr“

Wikipedia über Achim Bornhak

Homepage von AKIZ

Ein langes Gespräch mit AKIZ (Achim Bornhak) auf dem 99Talent-Campus 2016


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