Covid wird in „Die andere Seite“ nicht einmal erwähnt. Und trotzdem ist die Coronavirus-Pandemie, der Umgang mit Infizierten und die Diskussion um eine Impfpflicht ständig präsent. Zu ähnlich sind der reale Coronavirus und der von Mariko Minoguchi erfundene Virus. Das Drehbuch schrieb sie Ende 2022, während der Pandemie.
In ihrem Film sind Infizierte Überträger der Krankheit. Eine der Infizierten ist die Ärztin Hanna (Nina Hoss). Sie lehnt die staatliche Hilfe ab. Stattdessen versteckt sie sich im Wald und lebt von Dingen, die ihnen Freunde vorbeibringen, die sie im Wald und leer stehenden Häusern findet.
Als die Lage für Hanna zunehmend schwierig wird, bricht sie aus Süddeutschland zu Fuß Richtung Süden auf. Dort soll es besser sein.
Die Welt, in der der Film spielt, ist eine merkwürdige Mischung aus fast normalem Alltag, wie wir ihn kennen, mit einigen Straßensperren und der Welt nach einer Zombie-Apokalypse und dem sofortigen spurlosen Verschwinden der Zombies. So bricht Hanna in ein leer stehendes Haus ein, verhält sich dabei, als würde sie in eine potentielle Todesfalle gehen, und bedient sich an den Vorräten in diesem Haus, das aussieht, als hätten die Bewohner es vor einiger Zeit vollkommen überstürzt verlassen. Später trifft sie auf andere Außenseiter, die in ihrem Lager fast normal leben; wenn sie nicht gerade von der Polizei gejagt werden. Das Gerücht, dass es im Süden besser sein soll ist natürlich ein aus anderen Dystopien vertrautes Handlungselement. In diesen Dystopien, wie zuletzt in Ridley Scotts „Das Ende der Sterne“, gibt es kein Radio und kein Fernsehen mehr. Weil es das in „Die andere Seite“ gibt, sollte es halbwegs gesicherte Nachrichten über diesen besseren Ort für die Infizierten geben. So passt in der Welt, in der der Film spielt, vieles nicht zusammen.
Minochis Drama ist keine Auseinandersetzung mit der Coronavirus-Pandemie.
Insofern sind die Ähnlichkeiten zwischen den beiden Pandemien zufällig und auch störend. Denn der Film-Virus ist zu nah am Coronavirus. Ständig erinnert er an ihn. Ständig provoziert er nicht zielführende „Das war in der Realität doch anders“-Vergleiche. Ständig weist er, und das ist das größte Problem, darauf hin, dass die Filmgeschichte nicht packt. Denn wenn die Dystopie in sich schlüssig entworfen ist, unterzieht man den Film nicht einem ständigen Realitätsvergleich.
„Die andere Seite“ ist, mit einer großartigen Nina Hoss, die den Film in einer fast stummen Rolle trägt, eine episodisch vor sich hin mäandernde Dystopie, die in einer bestenfalls skizzenhaft gezeichneten Welt spielt und die beliebig aus anderen Dystopien bekannte Episoden aneinanderreiht.
Die andere Seite(Deutschland/Österreich 2026)
Regie: Mariko Minoguchi
Drehbuch: Mariko Minoguchi
mit Nina Hoss, Precious Mariam Sanusi, Barbara Petritsch
„Reminiscence: Die Erinnerung stirbt nie“ ist ein prächtig aussehender Science-Fiction-Noir, der unter seiner allzu dünnen Geschichte leidet.
Nick Bannister (Hugh Jackman) ist schon auf den ersten Blick der typische Hardboiled-Privatdetektiv. Staubmantel, Drei-Tage-Bart, Trinker und selbstverständlich vollständig desillusioniert vom Leben, der Welt und dem ganzen Rest. Seine Sekretärin Watts (Thandiwe Newton) ist eine alte Kriegsgefährtin, die immer einen Flachmann in Griffweite hat. Und eine Pistole. Ihr Arbeitsplatz ist ein heruntergekommener, riesiger Raum, der früher möglicherweise der Eingangsbereich einer Bank war. Ihre Kunden wollen von ihnen mittels einer Erinnerungsmaschine in ihren Erinnerungen abtauchen. Meistens wollen sie sich an glückliche Momente erinnern. Diese werden auf Datenträgern gespeichert. Manchmal helfen Bannister und Watts mit ihrer Erinnerungsmaschine auch der Polizei bei Ermittlungen.
Eines Tages, nach Feierabend, taucht Mae (Rebecca Ferguson) bei ihnen auf. Die umwerfend gut aussehende Nachtclubsängerin hat ihren Schlüssel verloren. Bannister kann ihr helfen, indem er sie durch ihre Erinnerungen an die vorherigen Stunden führt. Und er verliebt sich in die Frau, die Noir-Fans spätestens bei ihrem ersten Auftritt auf der Nachtclubbühne an „Gilda“ erinnert.
Das ist der Auftakt für eine erschreckend beliebige Geschichte, die sich durchgehend wenig für ihre Figuren, überhaupt nicht für die Kriminalgeschichte, kaum für die Liebesgeschichte, aber sehr für die Bilder interessiert. Sie sind sorgfältig gestaltete Tableaus, wie geschaffen für eine Fotostrecke in einem Magazin. Das im Wasser versinkende, immer noch sonnendurchflutete Miami, das sumpfig-schwüle New Orleans, die an „Blade Runner“ erinnernden Straßenschluchten (wieder in Miami), die verruchten Vierziger-Jahre-Nachtclubs (deshalb ist Mae eine Nachtclubsängerin) und die vollkommen unsinnigen Innenräume. So gibt es keinen rationalen Grund, warum Bannister die Erinnerungen seiner Kunden sehen kann und warum sie als lebensgroße Hologramme mitten im Raum stehen; außer natürlich, dass es gut aussieht, wenn Bannister vor dem singenden Mae-Hologramm steht oder er durch die schön-kitschigen Erinnerungen seiner Kunden geht.
Das sieht immer gut aus, aber es bleibt l’art pour l’art.
In „Tides“ (dazu später mehr) gelingt die Verbindung von Stil und Story viel besser und das macht „Tides“ dann auch zur besseren Dystopie. „Reminiscence“ ist dagegen nur das Blättern im Science-Fiction-Noir-Katalog.
Reminiscence: Die Erinnerung stirbt nie (Reminiscence, USA 2021)
Regie: Lisa Joy
Drehbuch: Lisa Joy
mit Hugh Jackman, Rebecca Ferguson, Thandiwe Newton, Cliff Curtis, Marina de Tavira, Daniel Wu, Mojean Aria, Brett Cullen, Natalie Martinez, Angela Sarafyan, Nico Parker
„Die Rote Kapelle“ ist ein gelungener Dokumentarfilm über eine immer noch fast vergessene Widerstandsgruppe gegen Adolf Hitler und die Nazi-Diktatur. Das kann daran liegen, dass die Rote Kapelle als Spionagering für die Sowjetunion spionierte. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Kommunisten im Kalten Krieg zu Bösewichtern. Da bestand im Westen kein besonders großes Interesse daran, eine Geschichte über heldenhafte Sowjet-Spione, die mit ihren Informationen zum Ende des Faschismus beitrugen, zu erzählen. Weil die Geschichte der Roten Kapelle während des Zweiten Weltkriegs einige unschöne Wendungen nahm, wurde sie auch im Osten fast vollständig vergessen. Die Mitglieder der Roten Kapelle, die den Krieg überlebten, wurden von der Gesellschaft und der erst Jahre nach dem Krieg entstehenden Erinnerungskultur, ignoriert.
Trotzdem beschäftigen sich Anfang der siebziger Jahre zwei Filme mit ihr: der DEFA-Film „KLK ruft PTX – Die Rote Kapelle“ und der deutsch-französische TV-Mehrteiler „Die Rote Kapelle“. Beide heute unbekannten Filme erzählten nur einen Teil der Geschichte der Roten Kapelle und es wurde sich auf bestimmte Gruppen der Roten Kapelle konzentriert. Denn sie war keine fest organisierte Gruppe, sondern ein loses Netzwerk Gleichgesinnter, die teilweise nichts voneinander wussten. Inzwischen sind ungefähr vierhundert Mitglieder der Roten Kapelle namentlich bekannt. Ihren Namen erhielt sie von der Gestapo, die unter dem Begriff „Rote Kapelle“ verschiedene Widerstandsgruppen zusammenfasste, die Kontakt in Richtung Sowjetunion hatten oder von denen ein solcher Kontakt vermutet wurde.
Der Dokumentarfilm „Die Rote Kapelle“ konzentriert sich auf den in Berlin agierenden Freundeskreis um Harro Schulze-Boysen, einem Offizier im Luftfahrt-Ministerium mit Zugang zu geheimen Informationen, und einen von dem Palästinakämpfer und Sowjet-Agenten Leopold Trepper in Paris und Brüssel aufgebauten Spionagering.
Ihre Geschichte erzählt Carl-Ludwig Rettinger chronologisch als eine Mischung aus sprechenden Köpfen, aktuellen und historischen Aufnahmen. Das ist von seiner Machart konventionell, aber informativ und das Material wird gelungen präsentiert. Interessant ist die fast schon exzessive Verwendung von Ausschnitten aus den beiden bereits erwähnten Filmen über die Rote Kapelle. Sie machen die Aktionen der Roten Kapelle begreifbarer. Gleichzeitig werfen sie einen Blick darauf, wie das Agieren der Roten Kapelle nach dem Krieg beurteilt wurde und sie zeigen auch, dass Geschichte immer eine Interpretation der Ereignisse ist.
Die Rote Kapelle (Deutschland/Belgien/Israel 2020)
Regie: Carl-Ludwig Rettinger
Drehbuch: Carl-Ludwig Rettinger
mit Lital Levin, Rebecca Donner, Roberta Böcker, Yehudit Kafri, Hans Coppi, Guillaume Bourgeois, Sacha Barcza, André Possot, Gerhard Sälter
Die Idee war wohl, nach einem Filmabend mit „Iron Sky“, „Sharknado“ und zuviel Alkohol: Nazis, fliegende Haie, Trash. Aber halt bewusster Trash. Sozusagen Metatrash.
Dazu gibt es, weil das halt zu einem Trashfilm gehört, hirnlose Gewalt, Blutfontänen (CGI-Blut, nicht Kunstblut) und – Gähn! – nackte weibliche Brüste.
Herausgekommen ist Murks. „Sky Shark“ ist – und zu dem Urteil bin ich schon letztes Jahr gekommen, als die Kinos geschlossen waren und ich den Film als Stream sehen konnte – einer der schlechtesten, wahrscheinlich sogar der schlechteste Film des aktuellen Kinojahres. Zu dieser Einschätzung stehe ich immer noch. In den letzten Monaten habe ich viele, aber keinen schlechteren Film gesehen. Denn in „Sky Sharks“ stimmt nichts. Eine Story gibt es nicht. Die Dialoge sind zum Abwinken. Die Tricks sind grottenschlecht. Die Schauspieler sind zum Vergessen. Oliver Kalkofe ist wahrscheinlich nur deshalb dabei, um den Film für seine SchleFaZ-Reihe zu disqualifizieren.
Unter allen Umständen vermeiden.
Sky Sharks (Deutschland 2020)
Regie: Marc Fehse
Drehbuch: A.D. Morel, Marc Fehse, Carsten Fehse
mit Eva Haberman, Barbara Nedeljáková, Tony Todd, Naomi Grossman, Michaela Schaffrath, Oliver Kalkofe, Ralf Richter
Länge: 102 Minuten
FSK: ab 18 Jahre (eine erfreuliche Meldung des Jugendschutzes)
Genau das sollte man bei „Tides“ nicht tun. Es ist der neue Film von „Hell“-Regisseur Tim Fehlbaum. Es ist wieder eine Dystopie und wieder überzeugt der Science-Fiction-Film. Vor allem visuell.
Vor einigen Jahrzehnten verließen die Menschen die von ihnen unbewohnbar gemachte Erde. Auf dem Planeten Kepler 209 fanden sie Zuflucht. Allerdings macht die Atmosphäre sie unfruchtbar. Deshalb soll jetzt eine Erkundungsmission (das Schicksal einer früheren Mission ist unklar) herausfinden, ob die Menschen wieder auf die Erde zurückkehren können.
Nach der Bruchlandung befinden die Astronauten, die die Landung überlebten, sich in einer nebligen und sehr bedrohlich wirkenden Wattlandschaft. Kurz darauf werden sie angegriffen. Nur Blake (Nora Arnezeder) überlebt. Sie wird von einer Gruppe Nomaden, den Mudmenschen, gefangen genommen. Sie sind im Krieg mit einer von Gibson angeführten Gruppe Menschen, die sie immer wieder überfällt und Mitglieder von ihnen entführt.
Und wenn dann Iain Glen auftaucht, wissen wir, wer der Bösewicht in diesem Film ist, weil Glen diese Rolle öfter übernimmt und weil der Plot aus zahlreichen anderen Dystopien bekannt ist. Aber Fehlbaum veränderte einige Details (so haben Frauen eine deutlich wichtigere Rolle) und er hat diese Welt bis ins letzte Detail liebevoll zu einer Welt ausgestaltet, in der niemand leben möchte. Diese Erde ist eine nasse, neblige Welt, in der die Menschen im Müll der Gegenwart in einem archaischen Zustand leben und einer fremden Sprache sprechen.
Kameramann Markus Förderer, mit dem Fehlbaum bereits bei seinem Debüt zusammen arbeitete, nahm diese Welt in monochromen Bildern auf, die durchgehend für die große Leinwand komponiert sind.
Und genau dort sollte „Tides“ unbedingt gesehen werden.
Tides(Deutschland 2021)
Regie: Tim Fehlbaum
Drehbuch Tim Fehlbaum, Mariko Minoguchi, Jo Rogers (Co-Autor), Tim Trachte (Co-Autor)
mit Nora Arnezeder, Iain Glen, Sarah-Sofie Boussnina, Sope Dirisu, Sebastian Roché, Joel Basman, Kotti Yun, Bella Bading, Chloé Heinrich, Eden Gough
Nach mehrmaligen pandemiebedingten Verschiebungen läuft Torsten Körners neuester Dokumentarfilm „Die Unbeugsamen“ endlich an. Von ihm ist auch die Doku „Angela Merkel – Die Unerwartete“. In „Die Unbeugsamen“ geht es um die Politikerinnen, die während der Bonner Republik, im Bundestag saßen und welche Widerstände sie erlebten. Damit ist der jetzige Starttermin, wenige Wochen vor der Bundestagswahl, perfekt, um auf ihre Leistungen, die gesellschaftlichen Veränderungen und den Backlash durch die AfD in den Parlamenten, hinzuweisen.
Körner unterhielt sich für „Die Unbeugsamen“ mit, u. a. Herta Däubler-Gmelin, Ingrid Matthäus-Maier, Renate Schmidt, Rita Süssmuth, Christa Nickels (die 1952 geborene ist die jüngste Interviewte) und Marie-Elisabeth Klee. Die 1922 geborene, 2018 verstorbene CDU-Politikerin ist seine älteste Gesprächspartnerin. Sie sind schon lange keine Mitglieder des Bundestages mehr. Konkret gesagt, beendeten sie fast alle ihre Arbeit im Bundestag bevor dieser nach Berlin umzog.
Aus den Gesprächen und den vielen sehr klug und pontiert gewählten Ausschnitten aus Parlamentsdebatten, historischen Interviews und TV-Beiträgen, die heute alle unbekannt sind, ergibt sich eine Historie und Sittengeschichte der Bundesrepublik. Denn egal zu welcher Partei die Parlamentarierinnen gehören, sie muissten alle mit den gleichen Widerständen kämpfen. Die Männer, auch heute noch geachtete Top-Politiker, benahmen sich aus heutiger Sicht atemberaubend unmöglich. Vor dreißig, vierzig, fünfzig Jahren nahmen sie ihr Verhalten als normal wahr. Petra Kelly sagte dazu: „Seit ich in Bonn bin, werde ich immer männerfeindlicher.“
„Die Unbeugsamen“ zeigt, wie viel sich in den vergangenen Jahrzehnten veränderte. Der Einzug der AfD und ihr Verhalten im Bundestag zeigt auch, dass der Kampf noch nicht gewonnen ist. Und genau deshalb startet Körners beeindruckender Dokumentarfilm, den ich schon gerne letztes Jahr auf meine Jahresbestenliste gesetzt hätte, jetzt zu einem passenden Zeitpunkt.
Die Unbeugsamen(Deutschland 2020)
Regie: Torsten Körner
Drehbuch: Torsten Körner
mit (den Interviewpartnerinnen) Herta Däubler-Gmelin, Renate Faerber-Husemann, Elisabeth Haines, Renate Hellwig, Marie-Elisabeth Klee, Ursula Männle, Ingrid Matthäus-Maier, Christa Nickels, Renate Schmidt, Helga Schuchardt, Rita Süssmuth, Roswitha Verhülsdonk, Carola von Braun, Sabine Gräfin von Nayhauß-Cormons
Was bestimmt unser Leben? Zufall oder Bestimmung? In ihrem Spielfilmdebüt geht Mariko Minoguchi dieser Frage anhand eines gegensätzlichen Paares und mehrerer schicksalshafter Ereignisse nach. Nora treibt ziellos vor sich hin. Aron ist ein ambitionierter Physik-Dokorand. In seiner Arbeit, deren These er am Filmanfang ausführlich erklärt, will er beweisen, dass es keine Zufälle gibt, sondern dass alles einem vorher bestimmten Plan folgt. Zum Beispiel, dass er Nora kennen lernte. Allein schon ihre Namen Nora und, rückwärts gelesen, Aron zeigten das. (Schnelle persönliche Notiz: ich muss meinen Eltern für meinen Namen danken und meine Lexa suchen.)
Eines Tages geraten Aron und Nora in einen Banküberfall. Aron wird angeschossen und stirbt kurz darauf im Krankenhaus. Dieser Überfall ist der Kulminationspunkt für die verschiedenen Geschichten, die Minoguchi auf mehreren Zeitebenen. Dabei geht es immer um die Frage, ob Arons Tod ein dummer Zufall war oder ob er von Anfang an vorherbestimmt war. Und ob, kurz nach Arons Tod, Noras Begegnung mit Natan Zufall oder wieder Schicksal ist. Jedenfalls spürt sie eine seltsame Verbundenheit zu ihm.
Natans Geschichte ist, daraus macht der Film kein großes Geheimnis, selbstverständlich mit ihrem Leben verbunden und, ja, sie sind sich schon einmal begegnet. Durch Arons Tod und den danach folgenden Ereignissen steht Nora irgendwann vor einer Entscheidung, die Natans Leben entscheidend beeinflussen kann. Vor dieser Entscheidung steht sie allerdings nur, weil sie vorher Natan traf und Aron getötet wurde. Damit stellt sich wieder die Frage, ob alles Zufall ist oder alles einem vorher bestimmten Plan folgt.
Minoguchi erzählt die Geschichte von Nora, Aron und Natan nicht chronologisch. Sie wählte eine „elliptische, puzzleartige Erzählweise, um für den Zuschauer, für die Dauer des Films, die Zeit anders erlebbar zu machen“ (Minuguchi).
Dieses Erzählen auf mehreren Zeitebenen, die man nicht unbedingt sofort eindeutig zuordnen kann, führt dazu, dass man in „Mein Ende. Dein Anfang.“ viel Zeit damit verbringt, die einzelnen Szenen in einen zeitlichen Verlauf und in eine Dramaturgie einzuordnen, in der jedes Ereignisse eine genau definierte Ursache hat.
Gleichzeitig sind die einzelnen Szenen willkürliche Teile einer größeren Geschichte, die als einzelne Szene, manchmal auch nur wegen des Zeitpunkts, an dem sie im Film gezeigt werden, nicht überzeugen. Auch das nach gut zwei Stunden entstandene Gesamtbild überzeugt nicht. Es regt nicht zum Nachdenken an. Im Gegensatz zu Denis Villeneuves grandioser Ted-Chiang-Verfilmung „Arrival“, die uns in die Welt des nichtlinearen Denkens einführte.
Dagegen ist „Mein Ende. Dein Anfang.“ nur ambitioniertes Kunstkino.
Mein Ende. Dein Anfang. (Deutschland 2019)
Regie: Mariko Minoguchi
Drehbuch: Mariko Minoguchi
mit Saskia Rosendahl, Edin Hasanovic, Julius Feldmeier, Emanuela von Frankenberg, Hanns Zischler, Jeanette Hain