DVD-Kritik: Ein „Kaiserscharrndrama“ auf der Couch – und im Saustall

Januar 11, 2022

Zum Kinostart schrieb ich:

Wer „Dampfnudelblues“ oder eine der darauf folgenden Franz-Eberhofer-Krimikomödien gesehen hat, wird im neuen Franz-Eberhofer-Krimi „Kaiserscharrndrama“ die gewohnte Kost bekommen.

Der Kriminalfall war schon immer nebensächlich.

Dieses Mal wird in dem niederbayerischen Dorf Niederkaltenkirchen eine Joggerin erschlagen. Sie ist das dorfbekannte Webcam-Girl Simone. Dorfpolizist Franz Eberhofer muss den Mörder suchen. Sein penetranter Kumpel und Co-Ermittler (ohne Dienstmarke) Rudi Birkenberger sitzt derweil, nach einem von Eberhofer verursachtem Autounfall, im Rollstuhl.

Nachdem er aus dem Krankenhaus entlassen wurde, richtet er sich häuslich auf dem Eberhofer-Hof ein. Dort lebt im Moment auch Franz‘ verhasster, weil biederer Bruder Leopold. Der Spießer möchte auf dem Hof ein Familienhaus für sich und seinen Bruder erbauen. Gegen den Widerstand von Franz, der niemals in das neue Haus einziehen möchte, und ihres Vaters, der sich gegen diese Verschandelung seines Hofes wehrt.

Selbstverständlich sind im neuen Eberhofer-Krimi auch die aus den vorherigen Eberhofer-Krimis bekannten trinkfreudigen Kumpels von Franz Eberhofer dabei. Dieses Mal sind sie sogar etwas in den Mordfall verwickelt.

Nach dem zweiten Mord übernimmt die Münchner Über-Ermittlerin Thin Lizzy den Fall. Eberhofer-Fans kennen sie bereits aus den vorherigen Filmen und sie wissen, dass jetzt der Ermittler-Ehrgeiz von Eberhofer geweckt ist. Denn er will unbedingt vor ihr den Fall lösen.

Kaiserschmarrndrama“ ist der siebte Eberhofer-Film. Die Krimikomödie sollte bereits vor einem Jahr im Kino laufen. Wegen der Coronavirus-Pandemie wurde der Starttermin mehrmals verschoben.

Für die Fans hat sich das Warten gelohnt. Es sind alle aus den vorherigen Komödien vertrauten und beliebten Figuren mit ihren Schrullen wieder dabei. Und wie immer verändern sich einige Kleinigkeiten. Einerseits weil Franz Eberhofers Dauerfreundin seit Kindertagen, die Susi, mehr von ihm will als er geben möchte. Eigentlich möchte er – immer noch – nur mit seinen Kumpels abhängen und in seiner Junggesellenbude, einem riesigen Zimmer in der Scheune des elterlichen Hofes, versacken. Susi findet das weniger toll. Und ihr gemeinsames Kind, der Paul, wird auch mit jedem neuen Eberhofer-Krimi größer.

Auch hinter der Kamera veränderte sich nichts. Ed Herzog ist weiterhin der Regisseur der Serie. Stefan Betz schrieb wieder das Drehbuch. Das weitere Team, Kamera, Schnitt undsoweiter, war ebenfalls bei den vorherigen Filmen dabei. Die Schauspieler übernahmen wieder, mit offensichtlichem Vergnügen, ihre vertrauten Rollen.

An dem Erfolgsrezept – die Filme wurden zuerst nur in Bayern im Kino gezeigt und, wegen des überragenden und überraschenden Erfolgs, später in ganz Deutschland – änderten sie nichts. Für die zahlreichen Fans ist das eine sehr gute Nachricht.

 

Und die strömten im Sommer auch eifrig ins Kino. Über 1,1 Millionen Eintrittskarten wurden verkauft. Damit steht das „Kaiserschmarrndrama“, noch vor „Venom: Let There Be Carnage“ und „Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings“, auf dem siebten Platz der deutschen Kinojahrescharts 2021.

Beim zweiten Ansehen fällt noch mehr auf, wie unwichtig den Machern der Kriminalfall ist. Eigentlich geht es nur noch um das gemeinsame Abhängen mit Eberhofer und seinen Kumpels. Das ist vergnüglich; vor allem wenn man die Figuren und ihre Schrullen aus den vorherigen Filmen bereits kennt. Aber auf lange Sicht dürfte die Konzentration auf persönliche Probleme und das intensive Pflegen von Schrullen, Freund- und Feindschaften in eine erzählerische Sackgasse führen.

Schließlich handelt es sich bei den Eberhofer-Filmen doch irgendwie um Krimikomödien und da sollte es einen nennenswerten Kriminalfall geben, der, wenn er schon nicht im Mittelpunkt des Films steht, für die Filmgeschichte wichtig ist. Im neuesten Eberhofer-Film könnte man die wenigen Szenen mit dem Kriminalfall ohne Probleme aus dem Film herausschneiden. Er wäre nur wenige Minuten kürzer und niemand würde etwas vermissen.

Das Bonusmaterial ist mit über vierzig Minuten quantitativ umfangreich, vergnüglich und kurzweilig, aber wenig informativ. Es handelt sich um „Kaiserschmarrndrama – Making of“ (21:51 Minuten), die Mini-Featurettes „Rudis Rezeptereigen – Leckereien leicht gemacht“ (2:02 Minuten), „Richtig protestieren mit Papa Eberhofer“ (1:43 Minuten) und „Equipment Check mit Max Simmerl“ (2:13 Minuten), Interviews mit, in der Reihenfolge ihrer Kurzstatements den Hauptdarstellern Sebastian Bezzel, Enzi Fuchs, Christine Neubauer, Simon Schwarz und Gerhard Wittmann (insgesamt 5:07 Minuten), B-Roll (8:15 Minuten) und dem Trailer (2:33 Minuten).

Kaiserschmarrndrama (Deutschland 2021)

Regie: Ed Herzog

Drehbuch: Stefan Betz, Ed Herzog

LV: Rita Falk: Kaiserscharrndrama, 2018

mit Sebastian Bezzel, Simon Schwarz, Lisa Maria Potthoff, Enzi Fuchs, Eisi Gulp, Gerhard Wittmann, Daniel Christensen, Stephan Zinner, Max Schmidt, Sigi Zimmerschied, Nora Waldstätten, Michael Ostrowski, Thomas Kügel, Maria Hofstätter, Matthias Egersdörfer, Rüdiger Klink, Thomas Mraz, Ferdinand Hofer, Mai Le, Theresa Walter, Marek Fis, Christine Neubauer, Willy Astor, Olivia Pascal, Sarah Viktoria Frick

DVD

Eurovideo

Bild: 1,85:1 (16:9)

Ton: Deutsch Dolby Digital 5.1; Audiodeskription

Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte

Bonusmaterial: Kaiserschmarrndrama – Making of, Rudis Rezeptereigen – Leckereien leicht gemacht, Richtig protestieren mit Papa Eberhofer, Equipment Check mit Max Simmerl, Interviews, Trailer, B-Roll

Länge: 93 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Kaiserschmarrndrama“

Moviepilot über „Kaiserschmarrndrama“

Wikipedia über „Kaiserschmarrndrama“

Homepage von Franz Eberhofer

dtv über Rita Falk

Meine Besprechung von Rita Falks „Dampfnudelblues – Ein Provinzkrimi“ (2011)

Meine Besprechung von Rita Falks „Sauerkrautkoma – Ein Provinzkrimi“ (2012)

Meine Besprechung von Ed Herzogs Rita-Falk-Verfilmung „Sauerkrautkoma“ (Deutschland 2018)

Meine Besprechung von Ed Herzogs Rita-Falk-Verfilmung  „Leberkäsjunkie“ (Deutschland 2019)

Meine Besprechung von Ed Herzogs Rita-Falk-Verfilmung „Kaiserschmarrndrama“ (Deutschland 2021)


Neu im Kino/Filmkritik: Ein „Kaiserschmarrndrama“ für den Kriminaler Franz Eberhofer

August 5, 2021

Wer „Dampfnudelblues“ oder eine der darauf folgenden Franz-Eberhofer-Krimikomödien gesehen hat, wird im neuen Franz-Eberhofer-Krimi „Kaiserscharrndrama“ die gewohnte Kost bekommen.

Der Kriminalfall war schon immer nebensächlich.

Dieses Mal wird in dem niederbayerischen Dorf Niederkaltenkirchen eine Joggerin erschlagen. Sie ist das dorfbekannte Webcam-Girl Simone. Dorfpolizist Franz Eberhofer muss den Mörder suchen. Sein penetranter Kumpel und Co-Ermittler (ohne Dienstmarke) Rudi Birkenberger sitzt derweil, nach einem von Eberhofer verursachtem Autounfall, im Rollstuhl.

Nachdem er aus dem Krankenhaus entlassen wurde, richtet er sich häuslich auf dem Eberhofer-Hof ein. Dort lebt im Moment auch Franz‘ verhasster, weil biederer Bruder Leopold. Der Spießer möchte auf dem Hof ein Familienhaus für sich und seinen Bruder erbauen. Gegen den Widerstand von Franz, der niemals in das neue Haus einziehen möchte, und ihren Vater, der sich gegen diese Verschandelung seines Hofes wehrt.

Selbstverständlich sind im neuen Eberhofer-Krimi auch die aus den vorherigen Eberhofer-Krimis bekannten trinkfreudigen Kumpels von Franz Eberhofer dabei. Dieses Mal sind sie sogar etwas in den Mordfall verwickelt.

Nach dem zweiten Mord übernimmt die Münchner Über-Ermittlerin Thin Lizzy den Fall. Eberhofer-Fans kennen sie bereits aus den vorherigen Filmen und sie wissen, dass jetzt der Ermittler-Ehrgeiz von Eberhofer geweckt ist. Denn er will unbedingt vor ihr den Fall lösen.

Kaiserschmarrndrama“ ist der siebte Eberhofer-Film. Die Krimikomödie sollte bereits vor einem Jahr im Kino laufen. Wegen der Coronavirus-Pandemie wurde der Starttermin mehrmals verschoben.

Für die Fans hat sich das Warten gelohnt. Es sind alle aus den vorherigen Komödien vertrauten und beliebten Figuren mit ihren Schrullen wieder dabei. Und wie immer verändern sich einige Kleinigkeiten. Einerseits weil Franz Eberhofers Dauerfreundin seit Kindertagen, die Susi, mehr von ihm will als er geben möchte. Eigentlich möchte er – immer noch – nur mit seinen Kumpels abhängen und in seiner Junggesellenbude, einem riesigen Zimmer in der Scheune des elterlichen Hofes, versacken. Susi findet das weniger toll. Und ihr gemeinsames Kind, der Paul, wird auch mit jedem neuen Eberhofer-Krimi größer.

Auch hinter der Kamera veränderte sich nichts. Ed Herzog ist weiterhin der Regisseur der Serie. Stefan Betz schrieb wieder das Drehbuch. Das weitere Team, Kamera, Schnitt undsoweiter, war ebenfalls bei den vorherigen Filmen dabei. Die Schauspieler übernahmen wieder, mit offensichtlichem Vergnügen, ihre vertrauten Rollen.

An dem Erfolgsrezept – die Filme wurden zuerst nur in Bayern im Kino gezeigt und, wegen des überragenden und überraschenden Erfolgs, später in ganz Deutschland – änderten sie nichts. Für die zahlreichen Fans ist das eine sehr gute Nachricht.

Kaiserschmarrndrama (Deutschland 2021)

Regie: Ed Herzog

Drehbuch: Stefan Betz, Ed Herzog

LV: Rita Falk: Kaiserscharrndrama, 2018

mit Sebastian Bezzel, Simon Schwarz, Lisa Maria Potthoff, Enzi Fuchs, Eisi Gulp, Gerhard Wittmann, Daniel Christensen, Stephan Zinner, Max Schmidt, Sigi Zimmerschied, Nora Waldstätten, Michael Ostrowski, Thomas Kügel, Maria Hofstätter, Matthias Egersdörfer, Rüdiger Klink, Thomas Mraz, Ferdinand Hofer, Mai Le, Theresa Walter, Marek Fis, Christine Neubauer, Willy Astor, Olivia Pascal, Sarah Viktoria Frick

Länge: 96 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Kaiserschmarrndrama“

Moviepilot über „Kaiserschmarrndrama“

Wikipedia über „Kaiserschmarrndrama“

Homepage von Franz Eberhofer

dtv über Rita Falk

Meine Besprechung von Rita Falks „Dampfnudelblues – Ein Provinzkrimi“ (2011)

Meine Besprechung von Rita Falks „Sauerkrautkoma – Ein Provinzkrimi“ (2012)

Meine Besprechung von Ed Herzogs Rita-Falk-Verfilmung „Sauerkrautkoma“ (Deutschland 2018)

Meine Besprechung von Ed Herzogs Rita-Falk-Verfilmung  „Leberkäsjunkie“ (Deutschland 2019)


TV-Tipp für den 8. Mai: Elser

Mai 7, 2021

One, 21.45

Elser (Deutschland 2015)

Regie: Oliver Hirschbiegel

Drehbuch: Fred Breinersdorfer, Léonie-Claire Breinersdorfer

Packendes Drama über Georg Elser, der am 8. November 1939 im Münchner Bürgerbräukeller einen Bombenanschlag auf Adolf Hitler verübte.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

Wenn die Anfangszeiten im TV-Programm stimmen, wird eine rabiat auf 90 Minuten gekürzte Fassung des 114-minütigen Films gezeigt. Keine Ahnung warum. Denn die Kinofassung ist perfekt.

mit Christian Friedel, Katharina Schüttler, Burghart Klaußner, Johann von Bülow, Felix Eitner, David Zimmerschmied, Rüdiger Klink, Cornelia Köndgen, Martin Maria Abram, Udo Schenk

Hinweise

Film-Zeit über „Elser“

Moviepilot über „Elser“

Rotten Tomatoes über „Elser“

Wikipedia über „Elser“ und Georg Elser

Meine Besprechung von Oliver Hirschbiegels „Five Minutes of Heaven“ (Five Minutes of Heaven, GB 2009)

Meine Besprechung von Oliver Hirschbiegels „Diana“ (Diana, USA/GB 2013)

Meine Besprechung von Oliver Hirschbiegels „Elser“ (Deutschland 2015)  (mit Interviews mit Oliver Hirschbiegel über den Film) (und der DVD)

Meine Besprechung von Oliver Hirschbiegels „Der gleiche Himmel“ (Deutschland 2017)


TV-Tipp für den 26. Februar: Elser – Er hätte die Welt verändert

Februar 26, 2018

Arte, 20.15

Elser (Deutschland 2015)

Regie: Oliver Hirschbiegel

Drehbuch: Fred Breinersdorfer, Léonie-Claire Breinersdorfer

Packendes Drama über Georg Elser, der am 8. November 1939 im Münchner Bürgerbräukeller einen Bombenanschlag auf Adolf Hitler verübte.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

Wenn die Anfangszeiten im TV-Programm stimmen, zeigt Arte als TV-Premiere eine rabiat auf 90 Minuten gekürzte Fassung des 114-minütigen Films.

mit Christian Friedel, Katharina Schüttler, Burghart Klaußner, Johann von Bülow, Felix Eitner, David Zimmerschmied, Rüdiger Klink, Cornelia Köndgen, Martin Maria Abram, Udo Schenk

Hinweise
Homepage zum Film
Filmportal über „Elser“
Film-Zeit über „Elser“
Moviepilot über „Elser“
Rotten Tomatoes über „Elser“
Wikipedia über „Elser“ und Georg Elser

Meine Besprechung von Oliver Hirschbiegels „Five Minutes of Heaven“ (Five Minutes of Heaven, GB 2009)

Meine Besprechung von Oliver Hirschbiegels „Diana“ (Diana, USA/GB 2013)

Meine Besprechung von Oliver Hirschbiegels „Elser“ (Deutschland 2015)  (mit Interviews mit Oliver Hirschbiegel über den Film) (und der DVD)

Meine Besprechung von Oliver Hirschbiegels „Der gleiche Himmel“ (Deutschland 2017)


DVD-Kritik: „Elser“, der Mann, der Hitler 1939 in München töten wollte

Oktober 28, 2015

Zum Kinostart schrieb ich über Oliver Hirschbiegels „Elser – Er hätte die Welt verändert“:

Der Film beginnt in Konstanz an einem Grenzposten zur Schweiz. Georg Elser hat in München im Bürgerbräukeller eine Bombe platziert, die Adolf Hitler töten soll. Allerdings beendet Hitler seine Rede vorzeitig und der Anschlag geht schief. Aber die Grenzbeamten halten Elser für verdächtig und eine erste Durchsuchung bestätigt ihren Verdacht, dass Elser etwas vor ihnen verbirgt. Kurz darauf beginnen Arthur Nebe, Chef der Kripo im Reichssicherheitshauptamt, und Gestapochef Heinrich Müller ihn zu verhören. Sie glauben, einen oder den Verantwortlichen für den Anschlag vom 8. November 1939 auf Hitler vor sich zu haben.
Fred Breinersdorfer, der bereits das Drehbuch für „Sophie Scholl – Die letzten Tage“ schrieb und „Elser“ mit seiner Tochter Léonie-Claire Breinersdorfer schrieb, entwarf „Elser“ als Gegenmodell und Variation von „Sophie Scholl“. Gerade weil beide Filme gleich aufgebaut sind (Verhaftung – Verhör mit Rückblenden – Ermordung) rückt die Frage des Widerstands gegen ein verbrecherisches Regime in den Mittelpunkt. Sophie Scholl verkörpert dabei das gesellschaftlich allgemein akzeptierte Bild des Widerstandes: jung (1921 geboren), gut aussehend (erinnert euch an die fast ikonographischen Bilder von ihr), christlich (was heute eher ignoriert wird), gewaltfrei und Teil einer ähnlich gesinnten Gruppe, deren Mitglieder weniger bekannt sind.
Georg Elser ist das Gegenmodell: schon etwas älter (1903 geboren), politisch engagiert (er war Mitglied in der KPD-Kampforganisation „Roter Frontkämpferbund“), ein Lebemann, der als übergenauer Tüftler (er war Schreiner und Uhrmacher) sich irgendwann entschloss, etwas zu tun und dann, ohne mit irgendjemand darüber zu reden, einen kaltblütigen Mord, einen Tyrannenmord, plante.
Die Frage, ob ein Tyrannenmord gerechtfertigt ist, steht dann auch im Zentrum von „Elser“, den Oliver Hirschbiegel („Der Untergang“, aber auch „Das Experiment“, „Ein ganz gewöhnlicher Jude“ und „Five Minutes of Heaven“ [mit Liam Neeson]) souverän als Polit-Thriller zum Nachdenken inszenierte.
Dabei umschiffen die Breinersdorfers und Hirschbiegel Vergleiche mit Klaus-Maria Brandauers „Georg Elser – Einer aus Deutschland“ (1989) indem sie die konkreten Vorbereitungen, die in Brandauers Thriller im Mittelpunkt stehen, links liegen lassen. „Elser“ erzählt, nah an den historisch verbürgten Fakten, wie Elser sich ausgehend von seinen Beobachtungen entschloss, das Attentat gegen den Diktator zu planen und was nach seiner Verhaftung ihm geschah.
Der Film zeigt auch ein anderes Bild von Georg Elser, dessen Tat für verschiedene Legenden benutz wurde, in denen er meistens mehr oder selten weniger diffamiert wurde. Im Nachkriegsdeutschland wurde er lange totgeschwiegen. Seine Familie und Verwandten distanzierten sich lange von ihm. Aber das ist ein Kapitel, das in „Elser“ nicht angesprochen wird.
Elser lebte und arbeitete in den Zwanzigern am Bodensee, vor allem in Konstanz, in verschiedenen Uhrenfabriken. Seine Vorgesetzten mussten ihn immer wieder entlassen, weil die Geschäfte schlecht liefen. 1932 kehrte er zurück nach Königsbronn auf der Schwäbischen Alb. Er war ein Stenz, ein beliebter Hallodri, ein Musiker mit vielen Frauenbeziehungen, auch mit verheirateten Frauen, und der Vater von mehreren unehelichen Kindern. Er war auch ein genauer Beobachter und er zog, als einfacher Mann aus dem Volk und Hilfsarbeiter in einer Heidenheimer Armaturenfabrik, aus seinen Beobachtungen über die veränderte Stimmung im Dorf, den Nachrichten und den Kriegsvorbereitungen in der Fabrik – im Gegensatz zu fast allen Deutschen – die richtigen Schlüsse und er tat das, was er für richtig hielt. Er agierte früher und konsequenter als die anderen heute allgemein bekannten deutschen Widerstandskämpfer. Sophie Scholl, die Weiße Rose und die Soldaten um General von Stauffenberg, um nur die bekanntesten Namen zu nennen, entschlossen sich erst in den letzten Kriegsjahren zum Widerstand. Elser plante seine Tat schon ein gutes Jahr vor dem Kriegsbeginn.
Am Ende des beeindruckenden Films, der auch zeigt, wie die Nazi-Ideologie sich ohne nennenswerten Widerstand in dem Dorf verbreitete, steht die Frage, ob man selbst wie Elser agiert hätte und wann ein Tyrannenmord gerechtfertigt ist.
Seine Premiere erlebte „Elser“ auf der diesjährigen Berlinale und dort sicherte sich Sony Pictures Classical, unter dem Titel „13 Minutes“, sofort die Verleihrechte für Amerika.

Seitdem wurde „Elser“ für sieben Deutsche Filmpreise nominiert. Unter anderem Christian Friedel (der Georg Elser spielt) und Burghart Klaußner (der Arthur Nebe spielt) für ihr Spiel und Judith Kaufmann für die Kamera. In England lief der Film schon im Sommer an. Wann er in den USA gezeigt wird, ist noch unklar. Und bei uns gibt es inzwischen die DVD mit über hundert Minuten durchgehend informativem Bonusmaterial, das immer wieder um Elser und seine Tat kreist. Verglichen mit der Doppel-DVD „Sophie Scholl – Die letzten Tage“ (Deutschland 2005), bei der es auch historisches Material gab, fehlt bei „Elser“ nur das historische Material; was auch an der Materiallage liegen kann. Über Elser gibt es fast keine Dokumente und auch keine Zeitzeugen.
Es gibt ein Making of (14 Minuten); Interviews mit Christian Friedel (8 Minuten), Katharina Schüttler (10 Minuten), Burghart Klaußner (6 Minuten), Johann von Bülow (6 Minuten) und Oliver Hirschbiegel (9 Minuten); Impressionen von einer Schulvorführung, bei der auch Bundespräsident Joachim Gauck anwesend war (24 Minuten; was ungefähr die gesamte informativen Diskussion nach der Vorführung ist); eine Einführung in den Film von Oliver Hirschbiegel und den Produzenten Boris Ausserer und Oliver Schündler (12 Minuten); 10 Minuten Ausschnitte von der Berlinale-Pressekonferenz mit Statements von Autor Fred Breinersdorfer, Regisseur Oliver Hirschbiegel und Hauptdarsteller Christian Friedel; einige geschnittene Szenen (4 Minuten) und einen kurzweiligen Audiokommentar von Christian Friedel und Oliver Hirschbiegel.
Da werden zwar nicht alle Fragen beantwortet, aber es gibt einen guten Einblick in den Film und sein Anliegen, der, so Hirschbiegel, eine Mischung aus Heimatfilm, Polit-Krimi und Liebesfilm ist und in dem ein Freigeist und seine unglaubliche Tat im Mittelpunkt steht. Gerade weil alle Beteiligten ihre zwiespältigen Gefühle zu diesem geplanten Tyrannenmord äußern, Parallelen zur Gegenwart und Edward Snowden ziehen, regt auch das Bonusmaterial zum Nachdenken an.

Elser - DVD-Cover - 4

Elser (Deutschland 2015)
Regie: Oliver Hirschbiegel
Drehbuch: Fred Breinersdorfer, Léonie-Claire Breinersdorfer
mit Christian Friedel, Katharina Schüttler, Burghart Klaußner, Johann von Bülow, Felix Eitner, David Zimmerschmied, Rüdiger Klink, Cornelia Köndgen, Martin Maria Abram, Udo Schenk

DVD
NFP
Bild: 2,39:1 (16:9)
Ton: Deutsch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Bonusmaterial: Making of; Interviews mit Christian Friedel, Katharina Schüttler, Burghart Klaußner, Johann von Bülow und Oliver Hirschbiegel; Impressionen von einer Schulvorführung (mit Joachim Gauck); Einführung in den Film; Deleted Scenes; Berlinale-Pressekonferenz; Kinotrailer; Kinoteaser; TV-Spot; Audiokommentar von Christian Friedel und Oliver Hirschbiegel; Hörfilmfassung
Länge: 109 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Homepage zum Film
Filmportal über „Elser“
Film-Zeit über „Elser“
Moviepilot über „Elser“
Rotten Tomatoes über „Elser“
Wikipedia über „Elser“ und Georg Elser

Meine Besprechung von Oliver Hirschbiegels „Five Minutes of Heaven“ (Five Minutes of Heaven, GB 2009)

Meine Besprechung von Oliver Hirschbiegels „Diana“ (Diana, USA/GB 2013)

Meine Besprechung von Oliver Hirschbiegels „Elser“ (Deutschland 2015)  (mit Interviews mit Oliver Hirschbiegel über den Film)

Homepage von Fred Breinersdorfer

 


Neu im Kino/Filmkritik: „Elser“ – ein deutscher Held

April 9, 2015

Der Film beginnt in Konstanz an einem Grenzposten zur Schweiz. Georg Elser hat in München im Bürgerbräukeller eine Bombe platziert, die Adolf Hitler töten soll. Allerdings beendet Hitler seine Rede vorzeitig und der Anschlag geht schief. Aber die Grenzbeamten halten Elser für verdächtig und eine erste Durchsuchung bestätigt ihren Verdacht, dass Elser etwas vor ihnen verbirgt. Kurz darauf beginnen Arthur Nebe, Chef der Kripo im Reichssicherheitshauptamt, und Gestapochef Heinrich Müller ihn zu verhören. Sie glauben, einen oder den Verantwortlichen für den Anschlag vom 8. November 1939 auf Hitler vor sich zu haben.
Fred Breinersdorfer, der bereits das Drehbuch für „Sophie Scholl – Die letzten Tage“ schrieb und „Elser“ mit seiner Tochter Léonie-Claire Breinersdorfer schrieb, entwarf „Elser“ als Gegenmodell und Variation von „Sophie Scholl“. Gerade weil beide Filme gleich aufgebaut sind (Verhaftung – Verhör mit Rückblenden – Ermordung) rückt die Frage des Widerstands gegen ein verbrecherisches Regime in den Mittelpunkt. Sophie Scholl verkörpert dabei das gesellschaftlich allgemein akzeptierte Bild des Widerstandes: jung (1921 geboren), gut aussehend (erinnert euch an die fast ikonographischen Bilder von ihr), christlich (was heute eher ignoriert wird), gewaltfrei und Teil einer ähnlich gesinnten Gruppe, deren Mitglieder weniger bekannt sind.
Georg Elser ist das Gegenmodell: schon etwas älter (1903 geboren), politisch engagiert (er war Mitglied in der KPD-Kampforganisation „Roter Frontkämpferbund“), ein Lebemann, der als übergenauer Tüftler (er war Schreiner und Uhrmacher) sich irgendwann entschloss, etwas zu tun und dann, ohne mit irgendjemand darüber zu reden, einen kaltblütigen Mord, einen Tyrannenmord, plante.
Die Frage, ob ein Tyrannenmord gerechtfertigt ist, steht dann auch im Zentrum von „Elser“, den Oliver Hirschbiegel („Der Untergang“, aber auch „Das Experiment“, „Ein ganz gewöhnlicher Jude“ und „Five Minutes of Heaven“ [mit Liam Neeson]) souverän als Polit-Thriller zum Nachdenken inszenierte.
Dabei umschiffen die Breinersdorfers und Hirschbiegel Vergleiche mit Klaus-Maria Brandauers „Georg Elser – Einer aus Deutschland“ (1989) indem sie die konkreten Vorbereitungen, die in Brandauers Thriller im Mittelpunkt stehen, links liegen lassen. „Elser“ erzählt, nah an den historisch verbürgten Fakten, wie Elser sich ausgehend von seinen Beobachtungen entschloss, das Attentat gegen den Diktator zu planen und was nach seiner Verhaftung ihm geschah.
Der Film zeigt auch ein anderes Bild von Georg Elser, dessen Tat für verschiedene Legenden benutz wurde, in denen er meistens mehr oder selten weniger diffamiert wurde. Im Nachkriegsdeutschland wurde er lange totgeschwiegen. Seine Familie und Verwandten distanzierten sich lange von ihm. Aber das ist ein Kapitel, das in „Elser“ nicht angesprochen wird.
Elser lebte und arbeitete in den Zwanzigern am Bodensee, vor allem in Konstanz, in verschiedenen Uhrenfabriken. Seine Vorgesetzten mussten ihn immer wieder entlassen, weil die Geschäfte schlecht liefen. 1932 kehrte er zurück nach Königsbronn auf der Schwäbischen Alb. Er war ein Stenz, ein beliebter Hallodri, ein Musiker mit vielen Frauenbeziehungen, auch mit verheirateten Frauen, und der Vater von mehreren unehelichen Kindern. Er war auch ein genauer Beobachter und er zog, als einfacher Mann aus dem Volk und Hilfsarbeiter in einer Heidenheimer Armaturenfabrik, aus seinen Beobachtungen über die veränderte Stimmung im Dorf, den Nachrichten und den Kriegsvorbereitungen in der Fabrik – im Gegensatz zu fast allen Deutschen – die richtigen Schlüsse und er tat das, was er für richtig hielt. Er agierte früher und konsequenter als die anderen heute allgemein bekannten deutschen Widerstandskämpfer. Sophie Scholl, die Weiße Rose und die Soldaten um General von Stauffenberg, um nur die bekanntesten Namen zu nennen, entschlossen sich erst in den letzten Kriegsjahren zum Widerstand. Elser plante seine Tat schon ein gutes Jahr vor dem Kriegsbeginn.
Am Ende des beeindruckenden Films, der auch zeigt, wie die Nazi-Ideologie sich ohne nennenswerten Widerstand in dem Dorf verbreitete, steht die Frage, ob man selbst wie Elser agiert hätte und wann ein Tyrannenmord gerechtfertigt ist.
Seine Premiere erlebte „Elser“ auf der diesjährigen Berlinale und dort sicherte sich Sony Pictures Classical, unter dem Titel „13 Minutes“, sofort die Verleihrechte für Amerika.

Elser - Plakat

Elser (Deutschland 2015)
Regie: Oliver Hirschbiegel
Drehbuch: Fred Breinersdorfer, Léonie-Claire Breinersdorfer
mit Christian Friedel, Katharina Schüttler, Burghart Klaußner, Johann von Bülow, Felix Eitner, David Zimmerschmied, Rüdiger Klink, Cornelia Köndgen, Martin Maria Abram, Udo Schenk
Länge: 114 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Homepage zum Film
Filmportal über „Elser“
Film-Zeit über „Elser“
Moviepilot über „Elser“
Rotten Tomatoes über „Elser“
Wikipedia über „Elser“ und Georg Elser
Meine Besprechung von Oliver Hirschbiegels „Five Minutes of Heaven“ (Five Minutes of Heaven, GB 2009)
Meine Besprechung von Oliver Hirschbiegels „Diana“ (Diana, USA/GB 2013)
Homepage von Fred Breinersdorfer

Zwei kurze Interviews mit Oliver Hirschbiegel


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