Neu im Kino/Filmkritik: „Staatsschutz“ mit Spoilerwarnung

Das Thema ist wichtig. Das gewählte Genre ist gut geeignet, um es zu behandeln. Aber nicht so. Trotz guter Absichten scheitert „Staatsschutz“ auf ganzer Linie.

Es geht um die junge Staatsanwältin Seyo Kim (Chen Emilie Yan). Nach dem Studium hat sie jetzt eine Stelle in einer kleineren Stadt irgendwo in der ostdeutschen Provinz angenommen. Sie ist am Anfang ihrer Probezeit. Eines Tages wird sie vom Fahrrad gestoßen und ein Molotow-Cocktail auf die geworfen. Ihre Ermittlungen – teils von ihr gegen jede Dienstvorschrift durchgeführt – führen zu einer Verurteilung der Täter. Dabei deckt sie ein rechtsextremes, tief in den Staat hineinreichendes Netzwerk auf.

Soweit die Synopse von Faraz Shariats neuem Film „Staatsschutz“, entstanden nach einem Drehbuch von Claudia Schaefer und den Ko-Autoren Sun-Ju Choi und Jee-Un Kim. Die Geschichte ist von wahren Vorfällen inspiriert. Es geht um die bundesdeutsche Realität und alles soll nah an der Realität erzählt werden. So weit, so gut.

Für eine fiktionale Geschichte müssen die realen Ereignisse in eine Form gebracht werden. Und hier scheitert „Staatsschutz“. Das beginnt schon mit der Protagonistin. Anstatt einfach eine junge Staatsanwältin zu zeigen, die in einem Fall ermittelt, dabei auf das rechte Netzwerk stößt und gegen zunehmende Widerstände kämpfen muss, ermittelt sie in eigener Sache. Sie ermittelt in einem Fall, in dem sie das Opfer ist. Sie verstößt gegen ungefähr jede Dienstvorschrift und Verhaltensregel. Letztendlich tut sie alles, um den Fall zu sabotieren. Die Gerichtsverhandlung wirkt wie die Adaption einer in einem US-Thriller gesehenen Verhandlung, abzüglich all der Punkte, die die Verteidigung berechtigterweise gegen Kims Anklage vorbrächte.

Etliche Subplots werden nicht weitergeführt. Sie könnten ersatzlos gestrichen werden. Einmal wird Kim von Polizisten in ihrem Auto grundlos angehalten und bedroht. Die Dashcam-Aufnahmen benutzt sie nicht. Im Gefängnis wird sie wahrscheinlich – Shariat deutet es nur an – vergewaltigt. Für die weitere Geschichte ist diese Episode unerheblich. Während ihrer Ermittlungen isoliert Kim sich zunehmend. Das führt dazu, dass sie endlos lange schweigend auf eine fotogen an ihre Fenster geklebte Foto- und Dokumentenwand blickt und ebenso stumm etwas im Computer recherchiert. Was ist nicht erkennbar.

Erkennbar ist, dass jede Drehbuchregel, die aus dieser Langeweile einen in jedem Fall besseren Film gemacht hätte, ignoriert wird. Denn dann würde sie sich mit jemand über ihre Ermittlungen unterhalten. Dann würden nicht nur echte und möglicherweise vorhandene Fotos gezeigt werden, sondern die Verbindungen zwischen Nazis, Polizei und Justiz und das gesellschaftliche Umfeld könnten analysiert werden.

All diese massiven Drehbuchprobleme wären noch akzeptabel, wenn der Film anders enden würde. Das Gerichtsverfahren endet mit einer Verurteilung der Täter. Der Beamte vom Staatsschutz, der die Täter deckte, wird versetzt. Kim wird von ihren Vorgesetzten darauf hingewiesen, dass sie gegen Vorschriften verstieß. Folgen hat es keine. Wenn in dem Moment „Staatsschutz“ enden würde, könnte man sagen: das Justizsystem funktioniert und es ist innerhalb des Systems möglich, Verurteilungen von Rechtsextremisten zu erreichen. Vielleicht fällt die Strafe etwas gering aus, aber die Gesetze sind nun mal so.

Aber „Staatsschutz“ endet nicht in diesem Moment. Kim fährt weiter mit ihrem Auto durch die ostdeutsche Provinz und beginnt offensiv Nazis zu bedrohen. Sie wird zu einer Ein-Frau-Bürgerwehr und der Film endet mit einem, aus heiterem Himmel kommendem Aufruf zur Selbstjustiz.

Damit stellt „Staatsschutz“ sich nicht in die ehrenwerte Tradition aufklärerischer Polit-Thriller, wie „Im Labyrinth des Schweigens“ und „Der Staat gegen Fritz Bauer“ (um zwei neuere deutsche Bespiele zu nennen), „Spotlight“ und „The Report“ (um zwei ebenfalls neuere US-amerikanische Beispiele zu nennen) und den vielen grandiosen italienischen Polit-Thrillern, die sich mit den Verflechtungen von Mafia und Staat beschäftigen (da müsste ich mindestens ein Dutzend Filme nennen), sondern in die Tradition von Selbstjustiz-Thrillern wie „Ein Mann sieht rot“. Der ist ein erzählerisch ungleich besserer Film.

Staatsschutz (Deutschland 2026)

Regie: Faraz Shariat

Drehbuch: Claudia Schaefer, Sun-Ju Choi (Ko-Autorin), Jee-Un Kim (Ko-Autorin)

mit Chen Emilie Yan, Julia Jentsch, Alev Irmak, Arnd Klawitter, Sebastian Urzendowsky, Kotbong Yang, Kathrin Angerer, Max Krause

Länge: 114 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Staatsschutz“

Moviepilot über „Staatsschutz“

Rotten Tomatoes über „Staatsschutz“

Wikipedia über „Staatsschutz“

Berlinale über „Staatsschutz“

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