„Mythos Cyberwar“ – echt jetzt?

September 3, 2018

Dass die Welt in den vergangenen Jahren sich zunehmend vernetzte – geschenkt.

Dass Firmen und Staaten zunehmend angreifbarer wurden, ist bekannt. Da legt ein Computervirus schon einmal den Bahnverkehr lahm (was die Bahn auch ohne fremde Hilfe schafft). Der Bundestag muss nach einem Hackerangriff sein Computernetzwerk neu aufsetzen. Immer wieder sind, weil irgendjemand irgendwo Mist gebaut hat, sensible persönliche Daten für jedermann online einsehbar.

Und was noch alles passieren kann, kennen wir aus den verschiedenen Hollywood-Dystopien, in denen die Menschheit sich mit der Hilfe von Computern in eine vorindustrielle Zeit zurückkatapultiert. Mal mit, mal ohne Zombies.

Aber wie realistisch sind diese Szenarien und wie berechtigt sind die von verschiedenen, oft sehr interessierten Seiten kommenden Warnungen vor einem Cyberwar?

Nach Thomas Rid, Professor für Strategic Studies an der John Hopkins University’s School of Advanced International Studies in Washington, D. C., sind sie nicht sehr realistisch und stark übertrieben. Oft sind sie gespickt mit irreführenden Analogien und Metaphern aus dem Krieg. Das liegt daran, dass Militärs am Lautesten vor einem Cyberwar warnen und für den Kampf dagegen Geld erhalten. So koordinierte in Deutschland das Verteidigungsministerium die kürzlich vom Kabinett beschlossene Vorlage für die Gründung der „Agentur für Innovation in der Cyber-Sicherheit“ (kurz Cyber-Agentur). 13.000 Soldaten sollen Cyberattacken abwehren und zurückschlagen. Sicherheitsbehörden, vor allem natürlich Polizei und Geheimdienste, und Sicherheitsfirmen warnen vor einem Cyberwar, der eine neue Form des Krieges sei und der mindestens ähnlich bedrohlich wie ein konventioneller Krieg sei. Also ein Einmarsch mit Truppen, Bombardierungen, unzähligen Toten (wobei in den letzten Jahrzehnten die Zahl der zivilen Opfer kontinuierlich stieg) und Verwüstungen von Landschaften. Die Hinterlassenschaften diese Kriege findet man noch Jahrzehnte später. So war vor einigen Wochen wieder die Potsdamer Innenstadt wegen einer Weltkrieg-II-Fliegerbombe gesperrt. Es war in diesem Jahr schon die zweite großflächige Sperrung. Weitere Sperrungen werden folgen.

Mit diesen konventionellen Kriegen ist ein „Cyberwar“ nicht vergleichbar. So weist Rid schon auf den ersten Seiten darauf hin, dass es bei einem Cyber-Angriff bis jetzt keine Toten und auch keine irreparablen Schäden gab. Es gab Verzögerungen. Manchmal wurden die Angriffe erst spät entdeckt (wenn sie entdeckt wurden). Wahrscheinlich wurden dabei auch Informationen gestohlen. Und fast immer ist unklar, wer der Angreifer war.

Gerade die Unsicherheit über den Angreifer und die Abwesenheit von Toten sind Kennzeichen eines Cyberwar. Bei einem Krieg ist das anders.

Rid definiert in seinem Buch „Mythos Cyberwar“ Krieg in Anlehnung an die Kriegsdefinition von Carl von Clausewitz. Das ist eine allgemein anerkannte Definition, die daher auch zeigen kann, was das neue am Cyberwar ist und ob es sich dabei wirklich um einen Krieg handelt (oder handeln könnte). Rid schreibt: „Ein Akt des Angriffs muss bestimmten Kriterien genügen, um als kriegerische Handlung gelten zu können: Es muss instrumentell, also ein Mittel zum Zweck sein; er muss politisch und vor allem potentiell gewaltsam sein.“

Dazu gehört, dass klar ist, welche Staaten die Kriegsparteien sind und was sie in dem Konflikt erreichen wollen.

In seinem Buch analysiert Thomas Rid in sieben Kapitel, die unabhängig voneinander gelesen werden können, verschiedene Aspekte des „Cyberwar“. Es sind: Gewalt, Cyberwaffen, Sabotage, Spionage, Subversion und Attribution. Die ersten vier Kapitel beziehen sich dabei auf die klassische Definition von Krieg und damit das Handeln zwischen Staaten, ihre Armeen und Geheimdiensten. „Attribution“ hängt damit zusammen, weil es um die Frage geht, wie man die Verantwortlichen für die Angriffe auf Computernetzwerke herausfindet. Weil sich meistens niemand zu einer Cyberattacke bekennt, ist das eine Detektivarbeit, die sich an der Komplexität eins Codes und den Uhrzeiten, an denen er geschrieben wurde und an den Zeiten, an denen die Angriffe erfolgten, orientiert. Damit ist eine Cyberattacke näher an einem Sabotageakt als an einem normalen militärischen Angriff.

Während Rid in diesen Kapiteln dem normalen Verständnis der Begriffe folgt, ist „Subversion“ das merkwürdigste Kapitel des Buches. Es ist auch am meisten aus der Zeit gefallen. Rid sieht Subversion als die etablierte und notwendige Gegenrede in einer Demokratie, die auch zu einer immer wieder notwendigen Erneuerung der staatlichen Institutionen beitrage. Es geht also um den Diskurs in einer liberaldemokratischen Gesellschaft. In totalitären Staaten ist Subversion dann der Angriff auf die Institutionen, um zu einer Demokratie zu kommen. Als Beispiele nennt er den Arabischen Frühling und verschiedene Protestbewegungen, vor allem Globalisierungskritiker. Sie alle wollen „die Autorität einer herrschenden Ordnung (…) untergraben“. Dafür treten sie normalerweise öffentlich auf und stellen Forderungen.

Heute, nach dem Wahlsieg von Donald Trump, der Brexit-Abstimmung und den berechtigten Befürchtungen der westlichen Demokratien von Angriffen auf ihre Wahlen und der Unterstützung von demokratiefeindlichen Bewegungen (eigentlich immer führt die Spur nach Russland) wirkt das Kapitel anachronistisch. Auch weil „Subversion“ nach konventionellem Verständnis „meist im Verborgenen betriebene, auf die Untergrabung, den Umsturz der bestehenden staatlichen Ordnung zielende Tätigkeit“ (Google-Wörterbuch) ist. Rids Erklärung, warum er Subversion hier anders definiert, überzeugt nicht.

Die Initialzündung für „Mythos Cyberwar“ war sein Aufsatz „Cyber War will not take place“, den er Anfang 2012 im „Journal of Strategic Studies“ veröffentlichte. Das Buch erschien 2013 im Original als „Cyber War will not take place“ und wurde letztes Jahr in England unverändert wieder veröffentlicht. Denn, so Rid, seine Argumentation und das damit verbundene Analyseraster seien noch heute zutreffend. Das stimmt.

Trotzdem hat das informativ zu lesende Buch zwei große Probleme. Das eine ist die für die Analyse verwendete Definition von Krieg. Sie ermöglicht zwar eine eindeutige Analyse, aber die Definition ist sehr eingeschränkt. Letztendlich bestimmt die Definition das Ergebnis.

Das andere Problem hängt damit zusammen. Die Konzentration auf diesen engen Kriegsbegriff verstellt etwas den Blick auf die anderen Gefahren, die für Gesellschaften viel destabilisierender sein können als ein konventioneller Krieg, bei dem junge Männer sich auf dem Schlachtfeld der Ehre gegenseitig umbringen. Da hilft ein Blick in die USA.

Rid ignoriert sie nicht. Aber – und das liegt sicher daran, dass das Buch bereits vor fünf Jahren erschien – bei ihm sind die zahlreichen in dem Buch geschilderten Cyberattacken Ärgernisse, die letztendlich keine gravierenden Folgen haben. Noch.

Thomas Rid: Mythos Cyberwar – Über digitale Spionage, Sabotage und andere Gefahren

(übersetzt von Bettina Engels und Michael Adrian)

Edition Körber, 2018

352 Seiten

18 Euro

Originalausgabe

Cyber War will not take place

Oxford University Press/Hurst, London 2013

Unveränderte Neuauflage (naja, bis auf das in der deutschen Ausgabe zehnseitige Nachwort)

C. Hurst & Co. Publishers Ltd., London, 2017

Hinweise

Homepage von Thomas Rid

Thomas Rid: Cyber War will not take place, Journal of Strategic Studies 1/2012 (der Aufsatz, der die Initialzündung für „Mythos Cyberwar“ war)

Wikipedia über Thomas Rid (deutsch, englisch)

 


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Ian McEwan denkt über das „Kindeswohl“ nach, Emma Thompson hilft ihm im Kino

August 30, 2018

Familienrichterin Fiona Maye (Emma Thompson) ist seit über dreißig Jahren glücklich verheiratet. Ihre Ehe ist kinderlos; vor allem weil für die brillante Juristin die Karriere immer wichtiger war. Ihr Mann Jack (Stanley Tucci) ist Universitätsprofessor und viel mehr erfahren wir über seinen Beruf nicht. Er ist unzufrieden, weil sie inzwischen nebeneinander her leben. Er möchte noch einmal ‚Leben‘. Eines Abends kündigt er ihr daher an, dass er mit einer Studentin eine außereheliche Beziehung beginnen werde. Noch ehe der Ehestreit richtig eskalieren kann, erhält Fiona Maye einen neuen Fall: sie soll entscheiden, ob ein fast achtzehnjähriger Junge, der Leukämie hat, eine lebensrettende Bluttransfusion erhalten soll. Das ist eine medizinischen Routinemaßnahme, die nur deshalb vor Gericht landet, weil die Eltern strenggläubige Zeugen Jehovas sind und aufgrund ihres Glaubens die Bluttransfusionen ablehnen.

Wer jetzt glaubt, in „Kindeswohl“ stünde die mit allen juristischen Finessen vor Gericht ausgetragene Schlacht um das Kindeswohl und die damit verbundene Abwägung, welche Prinzipien wichtiger sind, im Mittelpunkt, irrt sich. Zuerst dauert es in Ian McEwans Roman und jetzt in Richard Eyres Romanverfilmung (nach einem Drehbuch von McEwan) sehr lange, bis die Gerichtsverhandlung, also der erste Vortrag der beiden Konfliktparteien, beginnt und dann ist der Fall ziemlich schnell entschieden. Maye entscheidet, dass Adam Henry (Fionn Whitehead) die lebensrettende Bluttransfusion erhält und damit wieder gesund wird. Diese Entscheidung folgt dem in Großbritannien geltendem Children Act von 1989, wonach die Bedürfnisse von Kindern über die von Erwachsenen gestellt werden. Also das Bedürfnis des Kindes nach Leben ist höher einzustufen als das Bedürfnis der Eltern, einem religiösen Ritus zu folgen, der in diesem Fall zum Tod des Kindes führen wird. Dass Adam in einigen Tagen erwachsen ist und sich dann so entscheiden kann, wie er sich entscheiden möchte, ist für die Urteilsfindung unerheblich. Noch ist Adam ein Kind.

Durch ihre Entscheidung wird Adams Leben gerettet. Kurz darauf versucht er, Kontakt mit ihr aufzunehmen.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht Maye und ihr perfekt durchgeplantes Leben, das auf die Probe gestellt wird. Einerseits ihr Privatleben, in dem ihr Mann – grandios gespielt von Stanley Tucci – die Rolle der Ehefrau übernimmt. Es geht auch um ihre Freunde, wie Kronanwalt Mark Berner (Anthony Cox), mit dem sie musiziert. Hausmusik mit dem Anspruch, vor den kritischen Arbeitskollegen aufzutreten. Sie will die Musik, wie alles in ihrem Leben, möglichst perfekt spielen. Für sie heißt das auch: ohne das Spiel störende Emotionen. Und natürlich und vor allem um ihre Arbeit. Autor McEwan und Regisseur Eyre führen uns hinter die Kulissen eines Familiengerichts. Sie zeigen uns die Abläufe in einem großen Gericht, wie Richter Entscheidungen fällen und wie sie bei der Arbeit miteinander umgehen.

In der Originalfassung werden die Klassenschranken zwischen Maye und ihrem langjährigen juristischen Sekretär Nigel Pauling (Jason Watkins) schon an der Sprache deutlich. Als Sekretär macht er für sie genau das, was früher eine Sekretärin für ihren Chef getan hat. Er kümmert sich um alles, damit sie in Ruhe arbeiten kann und bemüht sich ansonsten, möglichst nicht aufzufallen.

In dieses wohlgeordnete, durchstrukturierte Leben voller rationaler, juristisch gut begründeter Entscheidungen gerät plötzlich auf privater und beruflicher Ebene die Emotio. Einerseits, weil ihr Mann sie verlassen will; andererseits weil sie, entgegen dem normalen Verfahren, Adam am Krankenbett besucht und der feinfühlige, musisch begabte, für sein Alter schon sehr reife Junge sie nach seiner Genesung stalkt. Jetzt steht sie vor Entscheidungen, die, weil sie persönlich davon betroffen ist, nicht mehr mit juristischen Sprüchen verhandelbar sind. Im Roman, der ausschließlich aus Mayes Perspektive erzählt ist, erzählt McEwan, wie Maye sich öfter sagt, dass sie jetzt genauso falsch und emotional (was für sie noch schlimmer ist) handele, wie die betrogene Ehefrau in einer ihrer Gerichtsverhandlungen. Im Film spielt Emma Thompson diesen Konflikt grandios.

Kindeswohl“ ist ein Schauspielerfilm, der eine fein komponierte Geschichte erzählt, die man so eher in einem Roman findet.

Kindeswohl (The Children Act,Großbritannien 2017)

Regie: Richard Eyre

Drehbuch: Ian McEwan

LV: Ian McEwan: The Children Act, 2014 (Kindeswohl)

mit Emma Thompson, Stanley Tucci, Fionn Whitehead, Anthony Calf, Jason Watkins, Ben Chaplin, Nikki Amuka-Bird, Rosie Cavaliero, Eileen Walsh

Länge: 106 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage

Ian McEwan: Kindeswohl

(übersetzt von Werner Schmitz)

Diogenes, 2018 (Filmausgabe)

224 Seiten

12 Euro

Deutsche Erstveröffentlichung

Diogenes, 2015

Taschenbuchausgabe

Diogenes, 2016

Originalausgabe

The Children Act

Jonathan Cape Ltd., London, 2014

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Kindeswohl“

Metacritic über „Kindeswohl“

Rotten Tomatoes über „Kindeswohl“

Wikipedia über „Kindeswohl“ (deutsch, englisch)

Homepage von Ian McEwan

Perlentaucher über „Kindeswohl“


„Nico – Biographie eines Rätsels“, das auch sang

August 30, 2018

Durch Susanna Nicchiarellis sehenswertes, vor wenigen Wochen gestartetes Biopic „Nico, 1988“ dürfte die Biographie von Nico, bürgerlich Christa Päffgen wieder bekannter sein. Sie wurde am 16. Oktober 1938 in Köln geboren, zog als Kind mit ihrer Mutter nach Berlin, wurde in den Fünfzigern zum Fotomodell, spielte als sie selbst in Federico Fellinis „La dolce vita“ mit, hatte Sex mit ungefähr jedem prominenten Musiker und Schauspieler, von Alain Delon bekam sie 1962 einen Sohn (den dieser niemals anerkannte), hing in Andy Warhols Factory herum, trat in etlichen Warhol-Filmen auf, sang bei der legendären, legendären Kult-Band „The Velvet Underground“ mit, veröffentlichte selbst einige LPs, von denen vor allem die ersten legendär sind, und war drogensüchtig.

Am 18. Juli 1988 starb sie, noch keine fünfzig Jahre alt, auf Ibiza. Sie stürzte während einer Fahrradtour und starb an den Folgen eines zu spät erkannten geplatzten Aneurysmas.

Heute ist sie, als erstes It-Girl, vor allem bekannt für die wenigen Lieder, die sie für „The Velvet Underground“ (mehr oder weniger gegen den Willen der Band) sang, und für die von John Cale produzierte und arrangierte LP „The Marble Index“ (1969). Sie war und ist als Pop-Platte so weit entfernt vom Mainstream, wie es nur möglich ist. Mit dieser LP, ihrer Musik und ihrem Image wurde sie einige Jahre später zum Vorbild für etliche Musikerinnen und die Gothic-Gemeinde, die sie fortan kultisch verehrt.

Tobias Lehmkuhl, der als freier Journalist für die „Zeit“, die „Süddeutsche Zeitung“ und den „Deutschlandfunk Kultur“ arbeitet, schrieb jetzt die erste deutschsprachige Biographie über Nico. In „Nico – Biographie eines Rätsels“ zeichnet er ihr Leben chronologisch nach, versucht einige ihrer Provokationen einzuordnen und entlarvt einige Geschichten, die über sie in Umlauf sind, als falsch. Dabei war Nico als immer wieder unzuverlässige Erzählerin ihrer eigenen Biographie die Quelle dieser mehr oder weniger frei erfundenen Geschichten über ihre Herkunft, ihre Kindheit und Jugend.

Er konzentriert sich in seiner Biographie auf die Zeit bis zur Veröffentlichung ihren ersten LPs. So schreibt er ab Seite 206 (von 271) über die Produktion von „The Marble Index“, ihrer zweiten LP und die LP, in der sie ihre Stimme fand. Die folgenden Jahre, in denen sie lange mit dem Avantgarde-Regisseur Philippe Garrel liiert war und nur sehr unregelmäßig LPs bei kleinen Labels veröffentlichte, fasst er auf wenigen Seiten zusammen.

Er erzählt Nicos Leben in einem gefühligen Stil. Immer wieder stellt er verständnisheischende, sich in sie hinein versetzende Fragen, anstatt die Fakten hinzuschreiben oder verschiedene Zeitzeugen zu Wort kommen zu lassen. Dieser Mangel an Gesprächspartnern und Texten, aus denen er zitieren kann, ist angesichts des Lebens von Nico schon auffällig. Es entspricht aber auch dem Bild, das er von ihr zeichnet. So sind viele Punkte einfach unklar. Zum Beispiel wie sie ihr Geld verwaltete. Sie war auch eine Frau ohne besondere Interessen. Sie war zuerst ein It-Girl, das möglichst ohne eigene Anstrengung berühmt sein wollte. Entsprechend schnell brach sie als als Zwölfjährige nach wenigen Stunden die Ballettschule ab. Sie besuchte nur wenige Jahre die Schule und sie gefiel sich in ihrer Dummheit. Einige ihrer Bekannten, so Lehmkuhl, hielten sie sogar für eine Analphabetin. Später war Nico eine drogensüchtige Musikerin, die nicht spielen und singen konnte. Das kultivierte sie aber perfekt.

Sie taumelte wie Forrest Gump durch ihr Leben. Anfangs war sie, auf der Suche nach Berühmtheit, an den richtigen Orten. Es waren die Orte, an denen Künstler und vergnügungssüchtige High Society sich trafen. Ab den frühen siebziger Jahren war sie nicht mehr in den In-Locations, sondern lebte in einer Abbruchbude, das als Künstlerrefugium fungierte. Immer hatte sie Sex. Meistens waren die Männer jünger als sie und eigentlich nie hielt die Beziehung länger. Als Mutter war sie eine Vollkatastrophe.

Exemplarisch für Lehmkuhls Stil und die Schwierigkeiten beim Beschaffen von Informationen über Nico zeigt diese Passage aus seinem Buch: „…wie überhaupt die Beweggründe für Nicos Tun und Lassen sehr oft nicht nachvollziehbar sind. Ihre Reisebewegungen dieser Jahre bilden ein engmaschiges Netz über Europa und Nordamerika, aber weder gibt es Aufzeichnungen von ihr über die eigenen Umtriebe, noch besaß Nico eine Agentur, die über ihre zahlreichen Modeljobs Buch geführt hätte.

Überhaupt ist schwer nachvollziehbar, wie die Niederungen des Alltags in Nicos Leben der sechziger Jahre ausgesehen haben mögen. Da sie kein Konto besaß: Wie fand das Geld zu ihr? Wie buchte sie ihre Flüge? Kaufte sie ihr Essen im Supermarkt, oder aß sie ausschließlich außer Haus? Was waren ihre irdischen Besitztümer? Gab es einen Plattenspieler, auf dem sie ihre oder die Musik ihrer Bekannten hörte? Alte Donizetti- oder Zarah-Leander-Aufnahmen? Oder hörte sie Musik nur auf Konzerten und im Studio? Was tat sie, wenn sie nicht mit Musik, Modeln oder Männern beschäftigt war? Las sie, sah sie fern, oder sinnierte sie vor sich hin?“

Diese verständnisheischenden Fragen, die den Leser einbeziehen sollen, nerven mich. Sie und zahlreiche Abschweifungen, die wenig bis nichts über Nico verraten, blähen die Biographie unnötig auf.

Am Ende erfährt man in der Biographie nicht mehr über die Sängerin als in einer gut recherchierten Reportage. Und man erfährt mehr über ihre Zeit als It-Girl als über ihre Musik und ihren Einfluss auf andere Musiker. Das liegt sicher auch daran, dass Tobias Lehmkuhl vor allem ein Literatur- und kein Musikkritiker ist.

Tobias Lehmkuhl: Nico – Biographie eines Rätsels

Rowohlt, Berlin, 2018

288 Seiten

24 Euro

Lesung

Am Montag, den 1. Oktober, liest Tobias Lehmkuhl in der Fahimi Bar (Skalitzer Straße 133, Berlin) um 20.00 Uhr aus seinem Buch vor.

Weitere Infos und Tickets.

Hinweise

Wikipedia über Nico (deutsch, englisch)

AllMusic über Nico

Rowohlt über „Nico – Biographie eines Rätsels“

Perlentaucher über „Nico – Biographie eines Rätsels“

Meine Besprechung von Susanna Nicchiarellis „Nico, 1988“ (Nico, 1988, Italien/Belgien 2017)


„Sherlock Holmes – Seine Abschiedsvorstellung“, wieder neu übersetzt

August 27, 2018

Mit „Sherlock Holmes – Seine Abschiedsvorstellung“ liegt jetzt der achte Band der Kriminalfälle von Sherlock Holmes vor. In der neuen Übersetzung von Henning Ahrens. Bevor wir jetzt zu der Frage kommen, ob sich die Übersetzung lohnt, zuerst einmal die Fakten. In „Seine Abschiedsvorstellung“ sind folgende von Sir Arthur Conan Doyle geschriebenen Holmes-Geschichten enthalten:

Das Abenteuer der Wisteria Lodge (The Adventure of Wisteria Lodge)

Das Abenteuer mit der Pappschachtel (The Adventure of the Cardboard Box)

Das Abenteuer mit dem Roten Ring (The Adventure of the Red Circle)

Das Abenteuer mit den Bruce-Partington-Plänen (The Adventure of the Bruce-Partingon Plans)

Das Abenteuer mit dem sterbenden Detektiv (The Adventure of the dying Detective)

Das Verschwinden von Lady Frances Carfax (The Disappearance of Lady Frances Carfax)

Das Abenteuer mit der Teufelsfußwurzel (The Adventure of the Devil’s Foot)

Seine Abschiedsvorstellung (His last Bow)

Die Geschichten erschienen zwischen 1892 und 1917 im Strand Magazine. Gesammelt erschienen sie 1917 als „His last Bow“. Seitdem wurden die Geschichten des Sammelbands mehrmals übersetzt und sind in verschiedenen Zusammenstellungen und Gesamtausgaben gut erhältlich. Sehr gelobt wurde die Neuübersetzung aller Sherlock-Holmes-Geschichten im Haffmans Verlag. Krimiautor Gisbert Haefs übersetzte damals einige Geschichten. Leslie Giger übersetzte „His last Bow“. Diese Übersetzung wurde von Kein und Aber, insel Taschenbuch und Weltbild nachgedruckt und sie war die Grundlage für die Hörbuchfassungen des NDR mit Friedrich Schoenfelder, des Hörverlags mit Oliver Kalkofe und den Hörspielfassungen des SWF mit Walter Renneisen. Diese Übersetzung habe ich nicht zur Hand.

Aber eine andere Übersetzungen habe ich in greifbarer Nähe. Für einen schnellen Vergleich reicht sie vollkommen aus.

Nehmen wir, blind herausgegriffen, die ersten Zeilen von „The Adventure of the Red Circle“:

Well, Mrs. Warren, I cannot see that you have any particular cause for uneasininess, nor do I understand why I, whose time is of some value, should interfere in the matter. I really have other things to engage me.“ So spoke Sherlock Holmes and turned back to the great scrapbook in which he was arranging and indexing some of his recent material.

But the landlady had the pertinacity and also the cunning of her sex. She held her ground firmly.

Margarethe Nedem übersetzte diese Zeilen so (zitiert nach „Sherlock Holmes Geschichten“, Diogenes):

„Nun, Mrs. Warren, weder kann ich einen besonderen Grund zur Besorgnis erkennen, noch verstehe ich, warum ich, dessen Zeit so wertvoll ist, mich in diese Angelegenheit einmischen sollte. Ich muss mich wirklich anderen Dingen widmen.“ So sprach Sherlock Holmes und wandte sich wieder seiner Kartei zu; er war gerade mit dem Einordnen und Indexieren von neuem Informationsmaterial beschäftigt.

Aber die Wirtin besaß die Beharrlichkeit und Schlauheit ihres Geschlechts. Sie hielt standhaft ihre Stellung.

Henning Ahrens so:

Tja, ich glaube nicht, dass Sie einen Grund zur Beunruhigung haben, Mrs. Warren, sehe auch nicht ein, warum ich in dieser Sache ermitteln sollte, denn meine Zeit ist kostbar. Ich habe wirklich Besseres zu tun.“ So sprach Sherlock Holmes und wandte sich wieder dem Buch zu, in dem er neues Material sortierte und einklebte.

Aber die Pensionsbetreiberin zeichnete sich nicht nur durch die Hartnäckigkeit, sondern auch durch die Listigkeit ihres Geschlechts aus. Sie ließ nicht locker.

Hier gefällt mir Nedems Übersetzung besser. Sie liest sich moderner und flüssiger, während Ahrens im ersten Satz stolpert und „Listigkeit“ heute doch sehr ungebräuchlich ist. Auch an anderen Stellen wirkt seine Übersetzung altertümlicher und verschnörkelter als nötig. Vor allem im direkten Vergleich mit dem Original.

Der letzte Band der Neuübersetzung, das „Buch der Fälle“ (The Case-Book of Sherlock Holmes), ist für September 2019 angekündigt.

Wer Sir Arthur Conan Doyles Sherlock-Holmes-Geschichten im Original lesen will, kann zwischen zahlreichen, oft sehr günstigen Ausgaben wählen. Weil die Texte immer gleich sind, kann man hier die Ausgabe nehmen, die einem am besten gefällt hinsichtlich Cover, Druckbild und Handhabbarkeit. Jedenfalls wenn man die immer noch spannenden und flott zu lesenden Geschichten auch lesen will.

Und das sollte man. Egal in welcher Ausgabe. Insofern ist die Fischer-Ausgabe mit ihrer modernen Umschlaggestaltung ein guter Startpunkt.

Arthur Conan Doyle: Sherlock Holmes – Seine Abschiedsvorstellung

(übersetzt von Henning Ahrens)

Fischer Verlag, 2018

256 Seiten

12 Euro

Originalausgabe

His last Bow

John Murray, 1917

Hinweise

Homepage von Sir Arthur Conan Doyle (Erben)

Krimi-Couch über Sir Arthur Conan Doyle

Kirjasto über Sir Arthur Conan Doyle

Wikipedia über Sir Arthur Conan Doyle (deutsch, englisch)

Sherlockian.net (Einstiegsseite mit vielen Links)

Facebook-Seite der deutschen Sherlock-Holmes-Gesellschaft

Thrilling Detective über Sherlock Holmes

Meine Besprechung von Arthur Conan Doyles “Sherlock Holmes Geschichten”, “Sherlock Holmes Kriminalgeschichten” und “The Adventures of Sherlock Holmes” (und hier eine Auflistung der in diesen Werken enthaltenen Geschichten)

Meine Besprechung von Anthony Horowitz‘ „Das Geheimnis des weißen Bandes“ (The House of Silk, 2011)

Meine Besprechung von Anthony Horowitz‘ „Der Fall Moriarty“ (Moriarty, 2014)

Meine Besprechung von Mattias Boströms „Von Mr. Holmes zu Sherlock“ (Fran Holmes till Sherlock, 2013)

Meine Besprechung von Ian Edginton (Autor)/Davide Fabbris (Zeichner): Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Zombies! (Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Zombies, 2010)

Meine Besprechung von Ian Edginton (Autor)/Horacio Domingues/Davide Fabbris (Zeichner) „Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Dracula“ (Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Jekyll/Hyde; Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Dracula, 2010/2011)

Meine Besprechung von „Sherlock: Ein Fall von Pink“ (A Study in Pink, GB 2010)

Meine Besprechung von „Sherlock: Eine Legende kehrt zurück – Staffel 1“ (Sherlock, GB 2010)

Meine Besprechung von “Sherlock: Eine Legende kehrt zurück -Staffel 2″ (Sherlock, GB 2012)

Meine Besprechung von „Sherlock – Staffel 3“ (Sherlock, GB 2014)

Mein Hinweis auf „“Sherlock: Eine Legende kehrt zurück – Staffel 4“ (Sherlock, GB 2017)

Meine Besprechung von “Sherlock: Ein Skandal in Belgravia” (A Scandal in Belgravia, GB 2012)

Meine Besprechung von Guy Ritchies „Sherlock Holmes: Spiel im Schatten“ (Sherlock Holmes: A Game of Shadows, USA 2011)

Sherlock Holmes in der Kriminalakte


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: „Gundermann“, ein Sängerknabe aus dem Osten

August 24, 2018

Gundermann“ ist der neue Film von Andreas Dresen und die meisten Kritiken sind, so mein Überblick, überaus positiv. Ich fand den Film, und das kann ich schon jetzt sagen, ärgerlich.

Bevor wir uns mit dem Biopic beschäftigen, muss ich einiges über Gerhard ‚Gundi‘ Gundermann erzählen. Im Osten war er bekannt wie ein bunter Hund. Im Westen nicht. Nicht vor der Wende, was natürlich auch daran lag, dass DDR-Musiker vor einer Westtour eine Ausreisegenehmigung brauchten und diese nicht so einfach bewilligt wurde. Nach der Wende war die große Zeit der Liedermacher vorbei. Grunge und Techno wurden gehört. Aus der ehemaligen DDR, den fünf neuen Ländern, kam in den Neunzigern musikalisch Mittelalter-Metal und „Rammstein“. Sogar Gundermanns Tod am 21. Juni 1998 wurde im Westen ignoriert. Jedenfalls ist mir kein Nachruf bekannt. Auch in den einschlägigen Musikzeitschriften wurde lieber über Grunge, Techno und die Hamburger Schule geschrieben und gesprochen, während die Kneipenboxen zur „Wonderwall“ wurden.

 

Gundermanns Leben in einigen Daten

 

Gerhard Gundermann wurde am 21. Februar 1955 in Weimar geboren. 1967 ziehen seine Eltern mit ihm nach Hoyerswerda. Nach seinem Abitur 1973 studiert er in Löbau an der Offiziershochschule der Landstreitkräfte. Weil er ein Loblied auf einen Vorgesetzten nicht singen will, wird er exmatrikuliert. Danach beginnt er als Hilfsarbeiter im Tagebau Spreetal und wird schließlich Baggerfahrer im Braunkohletagbau. Die Lausitz ist seine Heimat. Über sie, seine Arbeitskollegen und ihr Leben schreibt er Lieder.

Er wird Mitglied im „Singeklub Hoyerswerda“, der damals durch seinen mehrstimmigen Gesang begeistert. Bei ihren Auftritten zeigen sie, dass sie das Musizieren ernster als andere Chöre nehmen. Aus dem Singeklub entsteht die „Brigade Feuerstein“, für die Gundermann die Lieder schreibt, in denen er sein Leben und den Alltag reflektiert. Ohne Mitgesangserlaubnis (Öhm, das gab es im Westen nicht.). Die „Brigade Feuerstein“ präsentiert eine Mischung aus Gesang und Kleinkunst. Sie treten auch mit Musicals auf. Die Gruppe hat in der DDR zahlreiche Auftritte.

Während dieser Zeit, von 1976 bis 1984, ist Gundermann als „Grigori“ Inoffizieller Mitarbeiter (IM) der Stasi. Die Stasi beendet die Zusammenarbeit, weil Gundermann ‚prinzipiell eigenwillig‘ ist. Ebenfalls 1984 wird er, nach mehreren Verwarnungen aus der SED ausgeschlossen. Als Idealist hatte er an die Partei geglaubt und gehofft, durch das Hinweisen auf Probleme die gesellschaftlichen Ziele zu erreichen.

1983 heiratet er, nach jahrelangem Werben, seine Jugendliebe Conny. Sie war damals bereits verheiratet. Sie hat zwei Kinder von ihrem ersten Mann, der ebenfalls mit Gundermann musizierte und später in dessen alte Wohnung zieht.

Musikalisch geht es in diesen Jahren für Gundermann weiter aufwärts. 1989 schreibt er Songs für „Silly“. Er tourt. Er erhält Preise. Er tritt auf und er bleibt weiterhin Baggerfahrer. Er wolle den Kontakt zur arbeitenden Klasse nicht verlieren und seine Unabhängigkeit von der Musikindustrie bewahren.

In der Wendezeit mischt der überzeugte Kommunist sich aktiv politisch ein. Er kandidiert auch für das Aktionsbündnis Vereinigte Linke. Erfolglos.

Nach der Wende tritt er mit der Band „Die Seilschaft“ auf. Im Westen bleibt er unbekannt. Zu seiner IM-Tätigkeit bekennt er sich 1995 während eines Konzerts. Seine Fans verübeln ihm das nicht weiter.

Zwischen seinen Auftritten, seiner Arbeit als Baggerfahrer (die er finanziell nicht mehr hätte ausüben müssen) und seinem Familienleben mit mehreren Kindern, hat er kaum Schlaf. Am 21. Juni 1998 stirbt er im sächsischen Spreetal an einem Gehirnschlag. Er wurde nur 43 Jahre alt.

 

Dresens Film über den Liedermacher

 

Das ist ein Leben, aus dem man ein Biopic machen kann. Man muss nur den Aspekt herausfiltern, der im Mittelpunkt des Films stehen soll. In „Gundermann“ ist es für Regisseur Andreas Dresen und seine langjährige Drehbuchautorin Laila Stieler Gundermanns Stasi-Verstrickung und der Film ist letztendlich eine ärgerliche Stasi-Weißwaschung, die einen immer wieder stutzen lässt und ihren Höhepunkt am Filmende erreicht. Dazu später mehr.

Dresen erzählt seinen Film auf zwei Zeitebenen. Einmal ab Mitte der siebziger Jahre, wenn Gundermann seine Stelle als Baggerfahrer im Braunkohletagebau antritt; einmal ab den frühen neunziger Jahren, wenn er zum ersten Mal mit seiner Stasi-Vergangenheit konfrontiert wird. Dieser Erzählstrang endet mit Gundermanns IM-Bekenntnis auf offener Bühne. Und, ja, seine Fans hatten anscheinend kein Problem damit.

Ein Problem bei dieser Erzählweise ist in diesem Fall, dass Gundermanns Aussehen sich innerhalb der zwanzig Jahre, die im Film erzählt werden, kaum verändert. So ist immer wieder im ersten Moment unklar, wann die Szenen genau spielen. Bei den zahlreichen Konzertausschnitten ist das Problem noch offensichtlicher. Auch weil die Musiker, wie fast alle anderen Charaktere, Staffage bleiben.

Die Musik, neu eingespielt von Hauptdarsteller Alexander Scheer (der im Film wirklich wie Gundermann aussieht) und Mitgliedern von Gisbert zu Knyphausens Band, klingt ‚ostig‘.

Für ein Publikum, das Gerhard Gundermann nicht kennt, wird im Film auch nicht deutlich, wie wichtig und groß er für sein Publikum und die DDR-Musik- und -Kleinkunstszene war. Nur bei einem DDR-Auftritt sehen wir sein Publikum und es ist überschaubar: er klampft in einer matschigen Grube vor seinen Kollegen und sie sind gerührt, wie treffend er sie beschreibt. Bei diesem und auch seinen anderen Auftritten ist unklar, ob es sich um eine lokale Berühmtheit so in Richtung „unser Kollege, der Gitarre spielt“ oder um mehr handelt. Auch weil Gundermann niemals seinen Beruf als Baggerfahrer aufgibt, scheint sich seine Situation nicht zu ändern. Es ist keine Entwicklung von einem Feierabendmusiker zu einem Profimusiker, der mit seiner Arbeit Geld verdient, erkennbar.

Immerhin wird in dem Film deutlich, wie wichtig für Gundermann diese Arbeit ist. Und es gibt verklärende Bilder von der Braunkohlegrube, in der die Kumpels Tag und Nacht schuften, um die Wirtschaft am Laufen zu halten.

Dazwischen wird immer wieder, schon ab dem Filmanfang, Gundermanns Spitzeltätigkeit angesprochen. In dieser Szene spricht ein früherer Freund ihn auf seine Spitzeltätigkeit an. Gundermann behauptet, er könne sich nicht daran erinnern und beginnt, als er allein im Zimmer ist, sofort in der Akte zu blättern. Diese Einführung von Gundermann setzt das Thema des Films und sie macht ihn im gleichen Moment sehr unsympathisch. Denn er ist ein Mensch, der seine Vergangenheit leugnet, verdrängt, herumschnüffelt und nur auf seinen Vorteil bedacht ist. Dass er in der nächsten Szene einen Igel vor dem Tod rettet und liebevoll pflegt, ändert nichts an dem ersten Eindruck.

Im Film kann Gundermann sich ziemlich lange nicht an seine IM-Tätigkeit erinnern. Wir sollen glauben, dass er sich nicht an seine wenige Jahre zurückliegenden zahlreichen Gespräche mit seinem Führungsoffizier und an die Aufträge, die er von ihm bekommen hat, erinnert. Das wirkt nicht besonders glaubwürdig. Vor allem, weil in den frühen Neunzigern in Deutschland ausführlich darüber gesprochen wurde. Und wenn er später beginnt, mit den von ihm bespitzelten Menschen darüber zu reden, entwickeln diese Gespräche sich in ihrer fast immergleichen Dramaturgie zu einem schlechten Running Gag: Gunderman sagt, er habe gespitzelt. Der Gesprächspartner nimmt den Vertrauensbruch achselzuckend hin. Einmal lädt er ihn zum gemeinsamen Schnaps trinken ein, weil er ja auch Gundermann bespitzelt habe. Über den Verrat scheint dagegen niemand irgendwie schockiert zu sein.

Das Filmende steigert den Running Gag zu einem grotesken Höhepunkt: Gundermann tritt mit seiner Band auf. Er bekennt sich zu seiner IM-Vergangenheit. Die Band rockt los und alle, auch die von ihm früher bespitzelten Menschen, jubeln begeistert. Das ist eine klassische Überwältigungsstrategie, die dem Publikum – äußerst plump – eine bestimmte Meinung und Reaktion aufzwingt. Es kann dem vorher gesagten nur noch bedingungslos zugestimmt. Dem Konzert- (es ist eine wahre Szene) und Kinopublikum bleibt nur eine Möglichkeit: den Spitzel für eine coole Socke zu halten und ihm mit dem ersten Rockriff jubilierend die Absolution erteilen.

Dresen zwingt das Publikum emotional, einem Spitzel seine Tätigkeit zu vergeben. Und er lässt durch seine Montage keinen Zweifel daran, dass er das für die einzig richtige Reaktion hält. Schließlich hätte Dresen Gundermanns Stasi-Outing auch anders inszenieren können.

Angesichts der Diskussionen, die es in den Neunzigern über IM-Tätigkeiten und andere Verstrickungen mit der SED gab, angesichts der Diskussionen, die es in Berlin vor der ersten rot-roten Koalition gab (in Gesprächen traf ich damals viele Ostler, die eine Beteiligung der jetzigen Linkspartei vehement ablehnten) und angesichts des sehr schnell zu seiner Entlassung als Staatssekretär führenden Aufschreis, als 2016/2017 Andrej Holms Tätigkeit als Hauptamtlicher Mitarbeiter beim Ministerium für Staatssicherheit (MfS) von Ende September 1989 bis Ende Januar 1990 herauskam, ist Dresens Umgang mit Gundermanns IM-Vergangenheit umso ärgerlicher. Dieses Ende ist in dem Film kein Ausrutscher, sondern es wird schon von der ersten Minute an vorbereitet. Dabei, um es noch einmal klar zu sagen, ist das Problem des Biopics nicht, dass ich für einen Spitzel Sympathie empfinden soll, sondern mit welchen erzählerischen Methoden ich sein Handeln gutheißen soll.

Gundermann (Deutschland 2018)

Regie: Andreas Dresen

Drehbuch: Laila Stieler

mit Alexander Scheer, Anna Unterberger, Axel Prahl, Thorsten Merten, Eva Weißenborn, Benjamin Kramme, Kathrin Angerer, Milan Peschel, Bjarne Mädel, Peter Sodann, Alexander Schubert, Horst Rehberg

Länge: 127 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Das Buch zum Film

Zum Film erschien das von Andreas Leusink herausgegebene Begleitbuch „Gundermann“. Es enthält ausführliche Interviews mit Conny Gundermann (seiner Frau), Hauptdarsteller Alexander Scheer, Drehbuchautorin Laila Stieler, Regisseur Andreas Dresen und den Musikern Tina Powileit, Mario Ferraro (beide „Die Seilschaft“), Sebastian Deufel (Gisbert-zu-Knyphausen-Band) und dem Film-Music-Supervisor Jens Quandt. Gundermann-Musiker Lutz Kerschowski erinnert sich an seine 1977 beginnende sieben Jahre währende Zusammenarbeit mit Gundermann. Ingo ‚Hugo‘ Dietrich erinnert sich an seine Zeit mit Gundermann bei der „Brigade Feuerstein“. Beide Texte geben einen interessanten und persönlichen Einblick in die DDR-Musikszene. Es gibt Texte über Gundermanns Eltern (und seine schwierige Beziehung zu seinem Vater), sein Verhältnis zur SED und über seine Spitzeltätigkeit (mit Originaldokumenten) und viele Bilder. Teils historische, teils aus dem Film. Das Buch ist, wie schon Andreas Leusink in seinem Vorwort schreibt eine Ergänzung zu den vorhandenen Büchern über Gundermann.

Damit ist es vor allem eine gelungene Ergänzung und Vertiefung des Films.

Andreas Leusink (Herausgeber): Gundermann – Von jedem Tag will ich was haben, was ich nicht vergesse…

Ch. Links Verlag, 2018

184 Seiten

20 Euro

Die Buchpräsentation

Am Mittwoch, den 5. September, gibt es im Pfefferberg-Theater (Schönhauser Allee 176, 10119 Berlin) um 20.00 Uhr eine Buchpräsentation. Knut Elstermann (rbb/radio eins) unterhält sich mit Herausgeber Andreas Leusink, Regisseur Andreas Dresen und Drehbuchautorin Laila Stieler über Gundermann, den Film und das Buch.

Die Veranstaltung ist eine Kooperation des Ch. Links Verlags, literatur live berlin, der Thalia Buchhandlung und dem Pfefferberg Theater, präsentiert von radio eins und tip. Tickets kosten im Vorverkauf 12 Euro (plus Gebühren) und an der Abendkasse 13,50 Euro.

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Gundermann“

Moviepilot über „Gundermann“

Wikipedia über „Gundermann“ und Gerhard Gundermann

Meine Besprechung von Andreas Dresens „Als wir träumten“ (Deutschland/Frankreich 2015)

Meine Besprechung von Andreas Dresens James-Krüss-Verfilmung „Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen“ (Deutschland 2017)


Hammett vernimmt in einer öffentlichen Anhörung Max Annas zu seinem Verbrechen „Finsterwalde“

August 20, 2018

Mit zwei in Südafrika spielenden Romanen wurde Max Annas unter Krimifans zu einem Namen, den man sich merken muss. Sein dritter Roman spielte dann in Berlin und sein vor einigen Tagen erschienener vierter Roman spielt in Berlin und Brandenburg. In einer nahen Zukunft, in der Afrodeutsche in Lager eingesperrt sind. Es ist ein Deutschland, das der feuchte Traum der AfD ist. In dem geräumten Dorf Finsterwalde sind Tausende Afrodeutsche kaserniert. Eine von ihnen, die zweifache Mutter Marie, bricht aus dem streng bewachten Dorf aus und geht nach Berlin. Dort sollen noch drei schwarze Kinder leben und ohne ihre Hilfe sterben sie.

In seinem vorherigen Roman „Illegal“, der ungefähr jetzt als Taschenbuch erscheint, steht der seit Jahren illegal in Berlin lebende Kodjo im Mittelpunkt. Eines Tages beobachtet er einen Mord. Er versteckt sich, aber die Mörder haben ihn gesehen und verfolgen ihn. Und die Polizei sucht einen jungen schwarzen Mann, den sie für den Mörder hält.

Das ist Hardboiled-Literatur, die nichts mit den heimeligen deutschen Regiokrimis zu tun hat.

Am Donnerstag, den 23. August, stellt er auf Einladung der Krimibuchhandlung Hammett, um 20.00 Uhr im DTK-Wasserturm (Kopischstraße 7, 10965 Berlin) seinen neuen Thriller „Finsterwalde“ vor.

Karten können bei Hammett reserviert werden.

Max Annas: Finsterwalde

Rowohlt, 2018

400 Seiten

22 Euro

Max Annas: Illegal

Rowohlt, 2017

240 Seiten

19,95 Euro (Hardcover)

10 Euro (Taschenbuch, erscheint am 21. August)

Hinweise

Rowohlt über Max Annas

Krimi-Couch über Max Annas

Perlentaucher über Max Annas

Wikipedia über Max Annas

Meine Besprechung von Max Annas „Die Farm“ (2014)

Meine Besprechung von Max Annas‘ „Die Mauer“ (2016)

 


Ben Aaronovitch entdeckt „Geister auf der Metropolitan Line“

August 13, 2018

Auf dem Buchcover steht „Eine Peter-Grant-Story“ und auch bei der offiziellen Zählung der Peter-Grant-Geschichten wird „Geister auf der Metropolitan Line“ nur halb mitgezählt. Denn es ist kein über vierhundertseitiger Roman, sondern mit 176 Seiten in der deutschen Ausgabe ein kurzes Buch; eine Novelle, die ursprünglich bei Subterranean Press in der üblichen kleinen, liebevoll gestalteten und schnell ausverkauften Auflage erschien.

Geister auf der Metropolitan Line“ ist ein kleines Nebenwerk, in dem Peter Grant einen kleinen Fall aufklärt. Es ist damit auch ein gutes Buch, um festzustellen, ob einem der Stil des Autors gefällt und ob man tiefer in diese Welt einsteigen will.

Peter Grant ist Police Constable in London, Was nicht ungewöhnlich wäre, wenn er nicht eine ungewöhnliche Begabung für das Magische hätte und deshalb sofort in die Einheit Spezielle Analysen (ESA), auch bekannt als Folly oder ‚die verdammten Spinner‘ verbannt wird. Dort ist er der erste Zauberlehrling seit einem halben Jahrhundert. Die ESA arbeitet noch mit Papier. Einerseits, weil es doch arg erklärungsbedürftig wäre, wenn ihre Berichte geleakt würden, andererseits weil erst die eine Hälfte der ESA-Belegschaft im 21. Jahrhundert angekommen ist.

In seiner alltäglichen Polizeiarbeit beschäftigt er sich mit übernatürlichen Erscheinungen, die wirklich existieren. Zum Beispiel auf der Metropolitan Line, wo in den letzten Tagen während der Stoßzeit vermehrt Geister gesichtet wurden. Nur: woher kommen sie und was wollen sie?

Grant, sein Vorgesetzter und letzter Zauberer von England, Detective Chief Inspector Thomas Nightingale, sein Kollege Jaget Kumar, ihre Polizeihündin Molly und Grants minderjährige Cousine Abigail Kamara, die ihnen in den Sommerferien hilft, beginnen nach dem Ursprung der Geistererscheinungen zu suchen.

Bei einem ersten Kontakt sagt ihnen ein Geist, er habe eine eilige Botschaft. Doch bevor er mehr sagen kann, löst er sich in Luft auf. Von anderen Geistern erfahren sie, dass es sich wahrscheinlich um eine Entführung handelt. Nur wann und wo geschah diese?

Geister auf der Metropolitan Line“ ist ein schnell gelesener Fall, der sich daher gut eignet, um herauszufinden, ob einem die von Ben Aaronovitch erfundene Welt mit vielen Geistern, Übersinnlichen Erscheinungen und Zauberei im heutigen London, und sein Tonfall gefällt. Denn Peter Grant ist ein Großstadtkind der Gegenwart, das immer wieder mit den Tücken der Zauberei kämpfen muss.

Zwei sachdienliche Hinweise

Ende August erscheint bei Panini „Die Flüsse von London: Blood Work (Band 1)“, der erste von Aaronovitch geschriebene Peter-Grant-Comic.

Im September besucht Aaronovitch für zwei Lesungen Deutschland. Am Donnerstag, den 20. September, liest er um 20.00 Uhr in Erfurt bei Spilker & Collegen Rechtsanwälte (Anger 23). Einen Tag später, am Freitag, den 21. September ist er um 19.30 Uhr in Unna im Forum des Pestalozzi-Gymnasiums (Morgenstraße 47).

Ben Aaronovitch: Geister auf der Metropolitan Line

(übersetzt von Christine Blum)

dtv, 2018

176 Seiten

8,95 Euro

Originalausgabe

The furthest station

Subterranean Press, 2017 (US-Ausgabe)

Gollancz, London, 2017 (Reprint in Aaronovitchs Stammverlag)

Hinweise

Homepage von Ben Aaronovitch

dtv über Ben Aaronovitch

Wikipedia über Ben Aaronovitch (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Ben Aaronovitchs „Schwarzer Mond über Soho“ (Moon over Soho, 2011)


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Der Eberhofer Franz hat kein „Sauerkrautkoma“

August 9, 2018

Das ist eine längst überfällige Premiere. Denn in Bayern war schon die erste Rita-Falk-Verfilmung „Dampfnudelblues“ unglaublich erfolgreich. Auch die nächsten Franz-Eberhofer-Filme liefen im Süden erfolgreich in den Kinos. Der vierte Eberhofer-Film „Grießnockerlaffäre“ hatte über 830.000 Zuschauer. In der Top 10 der erfolgreichsten deutschen Filme 2017 reichte das für den sechsten Platz. Insgesamt haben fast 2,5 Millionen Menschen die Krimikomödien im Kino gesehen. Das sind Zahlen, von denen die meisten deutschen Filme nur Träumen können.

Aber erst die fünfte Rita-Falk-Verfilmung „Sauerkrautkoma“ wird auch außerhalb Bayerns regulär in den Kinos gezeigt und damit auch in Deutschlands größter Stadt. Aktuell läuft er im Cinemaxx Potsdamer Platz, dem Delphi Lux und dem Titania.

In „Sauerkrautkoma“ wird Franz Eberhofer von Niederkaltenkirchen, ein erfundenes Kaff, in dem jeder jede kennt (und umgekehrt) und ein Kreisverkehr das Symbol (und die Metapher) für Fortschritt ist, nach München versetzt. Anstatt sich über die Beförderung zu freuen, versucht er nur, möglichst schnell wieder an seine alte Arbeitsstelle zurückzukehren. Denn München ist für ihn schlimmer als die Hölle. Die täglichen mehrstündigen Heimfahrten (im Buch) und eine Vollverköstigung durch die Oma ändern daran nichts.

Mit seiner Dauerfreundin Susi hat er auch Stress. Denn sie wird heftig von Karl-Heinz Fleischmann umgarnt. Zu ihrer Schulzeit war er der pickelige hässliche Nerd. Der ‚Fleischi‘. Jetzt ist er ein sonnengebräunter Schönling und erfolgreicher Software-Unternehmer, der das Dorf besucht. Und dann heult sein Bruder sich auf dem Eberhofer-Hof aus. Seine thailändische Frau probiert gerade die Unabhängigkeit aus und hat ihn vor die Tür gesetzt.

Das sind die privaten Nebengeschichten, die in einem normalen Krimi vernachlässigbare Nebengeschichten wären. Neben Eberhofers ausführlich geschildertem Abhängen mit seinen aus den Romanen und Filmen bekannten, ähnlich ambitionslosen Kumpels, – Detektiv Rudi Birkenberger (der das titelgebende Sauerkrautkoma erleidet), Metzger Simmerl, Installateur Flötzinger und Wirt Wolfi – , nehmen die Nebenplots den größten Teil der Komödie ein, die das Dorfleben als inklusives Paradies schildert.

Der Kriminalfall ist, wie in den anderen Eberhofer-Geschichten, herzlich nebensächlich. Dieses Mal geht es um eine Frauenleiche, die im in München gestohlenen Oldtimer von Eberhofers Vater gefunden wird. Es ist das Au-pair-Mädchen einer vermögenden Familie. Im Buch ist es die Familie Dettenbeck in Grünwald, die mit dem Verleih von Oldtimern Geld verdient. Im Film arbeitete die Ermordete beim Bürgermeister von Niederkaltenkirchen. Er ist, immerhin gehört er zur Stammbesetzung der Ebershofer-Krimis, nicht der Mörder.

Der Film wurde vom bewährten Team inszeniert. Ed Herzog übernahm wieder die Regie. Stefan Betz ist zum dritten Mal am Drehbuch beteiligt. Sebastian Edschmid ist wieder der Kameramann. Kerstin Schmidbauer ist wieder die Produzentin. Es ist also ein eingespieltes Team, das in jeder Beziehung auf Kontinuität setzt. Deshalb wurde das erfolgreiche Rezept der vorherigen Filme „Dampfnudelblues“ (2013), „Winterkartoffelknödel“ (2014), „Schweinskopf al dente“ (2016) und „Grießnockerlaffäre“ (2017) nicht geändert.

Auch die aus den vorherigen Eberhofer-Filmen bekannten Schauspieler sind wieder dabei.

Sebastian Bezzel, den ich als „Tatort“-Kommissar immer zu steif fand, hängt hier, wieder einmal, in der Rolle seines Lebens als tiefenentspannter Franz Eberhofer ab. Am Ende löst er zwar den Fall, aber er ist ein richtiger niederbayerischer Slacker, der immer noch bei seinen Eltern wohnt und niemals sein vertrautes Revier verlassen will. In Niederkaltenkirchen hat er ja alles, was er braucht.

Simon Schwarz (als Rudi Birkenberger), Lisa Maria Potthoff (als Susi), Enzi Fuchs (als schnäppchenjagende und kochende Oma Eberhofer), Eisi Gulp (als dauerkiffender Papa Eberhofer), Gerhard Wittmann (als Franz Eberhofers Bruder Leopold), Sigi Zimmerschied (als Dienststellenleiter Moratschek), Stephan Zinner (als Metzger Simmerl), Daniel Christensen (als Flötzinger), Max Schmidt (als Wirt Wolfi) und Thomas Kügel (als mordverdächtiger Bürgermeister) sind wieder dabei.

Wieder wird die Romangeschichte nur als Inspiration für den Film genommen, der vor allem um das Leben und die Probleme seiner Protagonisten kreist, die alle mehr oder weniger mit ihrem Leben zufrieden sind. Ambitionen, an denen sie scheitern könnten, haben sie nicht.

Im Roman ist der Mordfall noch unwichtiger als im Film. Sogar die Zeilen, in denen Rita Falk darüber schreibt, was Eberhofer von seiner Oma gekocht bekommt, nehmen im Buch mehr Platz ein. Im Mittelpunkt steht dieses Mal Eberhofers reichlich unbeholfenes Werben um seine Susi, die er heiraten will, und die von ihm widerwillig absolvierten Hochzeitsvorbereitungen. Der Eberhofer ist halt kein Romantiker. Seine Susi schon eher. Das ist bestenfalls mäßig unterhaltsam. Es passt aber in einen „Provinzkrimi“ (Buchcover). Das ist ein anderes Wort für „Regiokrimi“ und wie eigentlich alle Regiokrimis richten sie sich nicht an beinharte Krimifans, sondern an Nicht-Krimileser, die vor allem ihre Heimat (oder den Urlaubsort) wieder erkennen wollen.

Der größte Unterschied zwischen dem Buch und dem Film ist der Humor. Im biederen Buch ist es ein schnurriger, niemand weh tuender Tonfall, der mich niemals zum Lachen reizte. Der Filmhumor ist dagegen gemeiner, bösartiger, schwärzer, lakonischer und auch antiautoritärer. Da gibt es dann etliche Lacher. Auch weil einiges doch sehr absurd und skurril ist.

Sauerkrautkoma“ ist besser als der Roman und wem die vorherigen Eberhofer-Filme gefallen haben, wird auch dieser bayerische Provinzkrimi gefallen.

Sauerkrautkoma (Deutschland 2018)

Regie: Ed Herzog

Drehbuch: Stefan Betz, Ed Herzog

LV: Rita Falk: Sauerkrautkoma, 2012

mit Sebastian Bezzel, Simon Schwarz, Lisa Maria Potthoff, Enzi Fuchs, Eisi Gulp, Gerhard Wittmann, Nora Waldstätten, Gedeon Burkhard, Sigi Zimmerschied, Daniel Christensen, Stephan Zinner, Max Schmidt, Ferdinand Hofer, Thomas Kügel, Ulrike Beimpold, Phillipp Franck, Michael Ostrowski, Goran Navojec

Länge: 97 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage

(für den Kinostart im Filmcover)

Rita Falk: Sauerkrautkoma

dtv, 2018

272 Seiten

9, 95 Euro

Originalausgabe

dtv, 2012

Taschenbuchausgabe

dtv, 2014

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Sauerkrautkoma“

Moviepilot über „Sauerkrautkoma“

Wikipedia über „Sauerkrautkoma“

Homepage von Franz Eberhofer

dtv über Rita Falk

Meine Besprechung von Rita Falks „Dampfnudelblues – Ein Provinzkrimi“ (2011)


Alter Scheiß & Verfilmte Bücher: Alistair MacLeans „Geheimkommando Zenica“ ist „Der wilde Haufen von Navarone“

Juli 30, 2018

Über Jahrzehnte war Alistair MacLean (1922 – 1987) einer der Top-Spannungsautoren. Unzählige Neuauflagen, Regalmeter in Büchereien und Antiquariaten sprachen eine deutliche Sprache über die vielen schlaflosen Nächte, die er seinen Lesern bescherte. In England sind seine Bücher noch heute erhältlich. In Deutschland sind aktuell nur seine Kriegsromane „Die Kanonen von Navarone“ und „Geheimkommando Zenica“ regulär erhältlich. Bei seinen anderen Thrillern, alles Einzelwerke, hilft der Gang in das nächste Antiquariat.

Seine letzten Werke waren dann nicht mehr so toll. Oder ich war, nachdem ich fast alle seine Romane gelesen hatte, aus ihm herausgewachsen. Auch die posthum veröffentlichten, von anderen Autoren vollendeten oder in seinem Namen geschriebenen Romane las ich nicht mehr.

Im wesentlichen fallen seine Thriller in zwei Kategorien. Da gibt es die Kriegsromane, mit denen seine Karriere begann, und die Agententhriller. In denen gerät meistens ein Normalbürger, der in Wirklichkeit ein Agent ist (oder einen ähnlich abenteuerlustig-gefährlichen Beruf hat), in ein labyrinthisches Komplott. Immer gibt es eine unüberschaubere Menge Lug und Trug, Verrat und Doppelspiele, bei denen man schnell den Überblick verliert. Falls man ihn überhaupt je hatte. Spannend war es immer. Jedenfalls für die jugendliche Leseratte, die nicht mit länglichen Beschreibungen und Gefühlsduseleien gelangweilt werden wollte.

Aber heute?

Die Wiederveröffentlichung von „Geheimkommando Zenica“ bietet die Möglichkeit, wieder in die Lesejugend zurückzureisen. Der Roman ist einer dieser Weltkrieg-II-Romane, in denen tapfere Briten gegen böse Deutsche kämpfen und einen unmöglichen Auftrag erfolgreich ausführen.

Nachdem Captain Keith Mallory und seine tapferen Männer im November 1943 die Kanonen von Navarone zerstört haben (lest das gleichnamige Buch oder seht euch die Verfilmung von 1961 an), werden sie sofort in das nächste Abenteuer geschickt. In Bosnien-Herzegowina sind siebentausend jugoslawische Widerstandskämpfer, die den Zenica-Käfig blockieren, von Nazis eingeschlossen. Es ist ein unwegsames Gebirgsgelände, das von Bergen, einem Staudamm und dem Neretva-Fluss begrenzt wird. Der Nachschub für die Deutschen erfolgt über die Neretva-Brücke.

Mallory und fünf weitere Männer sollen die Leiter von vier spurlos verschwundenen britischen Militärmissionen finden (nicht so wichtig), herausfinden, warum die britischen Nachschublieferungen nicht bei den Partisanen ankommen (nicht so wichtig) und, das ist letztendlich ihr einziger Auftrag, die von den Nazis wie ihr Augapfel bewachte Neretva-Brücke zerstören.

Dieses unmögliche Auftrag ist der Beginn eines sich innerhalb weniger Stunden abspielenden Abenteuers, bei dem man so schnell den Überblick zwischen all den Verrätern, Doppelagenten und Lügen verliert, dass man am Besten schon nach dem ersten Viertel nicht mehr versucht, herauszufinden, ob Mallorys großer Plan logisch aufgeht oder nur ein gigantisches Produkt von unendlichem Glück, heroischster Tapferkeit und allen Wahrscheinlichkeitem trotzendem britischem Heldentum ist. Am Besten folgt man einfach, schnell die Seiten umblätternd, der atemberaubenden und atemberaubende Haken schlagenden Geschichte. Alle ppar Seiten gibt es Überraschungen, die die vorherigen Gewissheiten von ‚Gut‘ und ‚Böse‘ auf den Kopf stellen. Denn jeder kann ein Verräter sein. Außer den ‚Navarone‘-Helden Captain Mallory, Corporal Miller und Colonel Andrea von der griechischen Armee. Ständig müssen Captain Mallory und seine tapferen Begleiter improvisieren, um ihr Ziel zu erreichen.

Dafür müssen sie Nazis im Dutzend umbringen, während die Briten kaum einen Kratzer abbekommen und der Kettenraucher Andrea unbesiegbar ist. Das ist natürlich Unfug, aber unterhaltsamer Unfug für einen warmen Sommertag.

Ein Jahr vor „Geheimkommando Zenica“ schrieb MacLean das Drehbuch und den Roman „Agenten sterben einsam“ (Where Eagles dare [den habe ich sogar im Original gelesen]) über die Befreiung eines US-Generals durch ein Sonderkommando aus deutscher Kriegsgefangenschaft.

Geheimkommando Zenica“, das 1968 erschien, bewegt sich in einem ähnlichen Fahrwasser und könnte als Fortsetzung von „Agenten sterben einsam“ durchgehen, wenn es nicht direkte Fortsetzung von „Die Kanonen von Navarone“ wäre.

Die erste Idee für diese Geschichte hatte MacLean bereits in den frühen Sechzigern, unmittelbar nachdem die Verfilmung seines Romans „Die Kanonen von Navarone“ zu einem Kassenhit wurde. Produzent Carl Foreman fragte MacLean, ob er einen Roman schreiben könne, der dann verfilmt würde. MacLean schrieb ein Treatment. Die Pläne für die Verfilmung zogen sich allerdings hin und der Bestseller-Autor verarbeitete die Idee zu einem Roman, der 1968 erschien.

Knapp zehn Jahre später wurde der Roman von James-Bond-Regisseur Guy Hamilton mit Starbesetzung verfilmt. Für die Verfilmung wurde viel, sehr viel geändert. Aber am Ende geht es immer noch um die Sprengung eines Staudamms, dessen Wassermassen eine kriegswichtige Brücke zerstören soll. Das okaye Kriegsabenteuer war kein Kassenhit, kann aber ab und zu im Fernsehen angesehen werden.

Alistair MacLean: Geheimkommando Zenica

(übersetzt von Georgette Beecher-Kindler)

HarperCollins, 2018

304 Seiten

9,99 Euro

Deutsche Erstausgabe

Lichtenberg Verlag, 1969

Viele Taschenbuchausgaben im Heyne-Verlag.

Originalausgabe

Force 10 from Navarone

HarperCollins, 1968

Verfilmung

Der wilde Haufen von Navarone/Force 10 Die Spezialeinheit (Force Ten from Navarone, Großbritannien 1977)

Regie: Guy Hamilton

Drehbuch: Robin Chapman, Carl Foreman

mit Robert Shaw, Edward Fox, Harrison Ford, Barbara Bach, Franco Nero, Carl Weathers, Richard Kiel, Alan Badel

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Der wilde Haufen von Navarone“

Wikipedia über Alistair MacLean (deutsch, englisch), Geheimkommando Zenica“ und „Der wilde Haufen von Navarone“ (deutsch, englisch)

Krimi-Couch über Alistair MacLean

Deutsche Alistair-MacLean-Fanpage

Englische Alistair-MacLean-Fanpage


„Paper Girls 4“ – erste Antworten im Jahr 2000

Juli 25, 2018

 

An Halloween 1988 wollen die vier zwölfjährigen Mädchen Erin, MacKenzie, Tiffany und KJ in der ruhigen Vorstadt Stony Stream, Ohio, vor Sonnenaufgang nur die Tageszeitungen austragen. Aber dann geschehen seltsame Dinge, sie entdecken in einem Keller ein Ding, das wie ein Raumschiff aus einem Fünfziger-Jahre-Science-Fiction-Film aussieht und seitdem werden sie durch die Zeit geschleudert.

In dem vierten „Paper Girls“-Sammelband landen sie am 31. Dezember 1999 in Stony Stream und, zwischen all den Kämpfen und Riesenrobotern (die nicht jeder sehen kann) werden auch erstmals Antworten gegeben, die uns helfen, zu verstehen, was vor sich geht. Also welche Gruppen sich mit welchen Absichten bekämpfen und was die Folgen der Zeitsprünge der Paper Girls in die Vergangenheit und Zukunft sein könnten. Denn selbstverständlich hätten die Mädels niemals Zeitreisende werden sollen und sie hätten auch nicht die riesigen Kampfroboter, die ganze Städte zerstören (keine Panik, sie werden schnell wieder aufgebaut), sehen sollen.

Autor Brian K. Vaughan, Zeichner Cliff Chiang und Kolorist Matt Wilson haben mit „Paper Girls“ eine mit mehreren Eisner und Harvey Awards augezeichnete Comicserie erschaffen, die immer noch prächtig unterhält, wenn Erin, MacKenzie, Tiffany und KJ durch die Zeit stolpern und versuchen, ohne voneinander getrennt zu werden, zu überleben. Gleichzeitig wollen sie verstehen, was geschieht. Manchmal treffen sie auch ihr älteres Ich. Dieses Mal begegnen sie der Comiczeichnerin C. Spachefski (die ältere Dame auf dem Cover), die in Stony Stream lebt und über den Krieg der Zeitalter Bescheid weiß.

Immer wieder werden ihre Erlebnisse mit popkulturellen Anspielungen garniert. Im aktuellen Sammelband wird selbstverständlich die Jahrtausendpanik angesprochen. Damals hatten Windows-Besitzer Angst, am 1. Januar 2000 ihre Computer verschrotten zu müssen.

Brian K. Vaughan/Cliff Chiang/Matt Wilson: Paper Girls 4

(übersetzt von Sarah Weissbeck)

Cross Cult, 2018

144 Seiten

22 Euro

Originalausgabe

Paper Girls 4

Image Comics, 2018

enthält

Paper Girls # 16 – 20

Hinweise

Homepage von Cliff Chiang

Wikipedia über „Paper Girls“, Brian K. Vaughan (deutsch, englisch) und Cliff Chiang

Meine Besprechung von Brian Azzarellos “Wonder Woman: Blut (Band 1)” (Wonder Woman #1 – 6, 2011/2012)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Goran Sudžuka/Cliff Chiangs „Wonder Woman: Königin der Amazonen (Band 6)“ (Wonder Woman # 30 – 35, 2014)

Meine Besprechung von Brian K. Vaughan/Cliff Chiangs „Paper Girls 1“ (Paper Girls, Volume 1, 2016)

Meine Besprechung von Brian K. Vaughan/Cliff Chiangs „Paper Girls 2“ (Paper Girls, Volume 2, 2017)


TV-Tipp für den 24. Juli: Tschick

Juli 23, 2018

ARD, 22.45

Tschick (Deutschland 2016)

Regie: Fatih Akin

Drehbuch: Lars Hubrich, Hark Bohm (Koautor)

LV: Wolfgang Herrndorf: Tschick, 2010

In den Sommerferien langweilt sich der 14-jährige Maik in Berlin-Marzahn allein im elterlichen Haus. Da schlägt ihm sein neuer Klassenkamerad Tschick, ein russischer Spätaussiedler, vor, gemeinsam im geklauten Lada in die Walachai zu fahren. Doch zuerst geht die reichlich planlose Fahrt durch die benachbarten Bundesländer.

Gelungene Verfilmung eines Bestsellers, das seine TV-Premiere zu einer Uhrzeit erlebt, die für die Zielgruppe reichlich ungeeignet ist. Planlose TV-Planer

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Tristan Göbel, Anan Batbileg, Mercedes Müller, Anja Schneider, Uwe Bohm, Udo Samel, Claudia Geisler-Bading, Alexander Scheer, Marc Hosemann, Friederike Kempter

Wiederholungen

ARD: Mittwoch, 25. Juli, 02.10 Uhr (Taggenau!)

One: Samstag, 28. Juli, 21.45 Uhr (die Uhrzeit verbessert sich)

One: Montag, 30. Juli, 01.15 Uhr (Taggenau!) (die Uhrzeit verschlechtert sich)

Die Vorlage

zum Filmstart erschien der Roman mit einem neuen Cover und einem Anhang zum Film. Auf 18 Seiten gibt es Bilder, Statements von Fatih Akin und Michael Töteberg schreibt über Wolfgang Herrndorf im Kino.

herrndorf-tschick-movie-tie-in-4

Wolfgang Herrndorf: Tschick

rororo, 2016

272 Seiten

9,99 Euro

Das Drehbuch

selten, sehr selten wird auch das Drehbuch veröffentlicht. In diesem Fall sogar mit einem kurzen, aber informativen Interview mit Fatih Akin

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Lars Hubrich: Tschick – Das Drehbuch

Rowohlt E-Book

60 Seiten (Verlagsangabe, mein E-Book-Reader sagt 112 Seiten und den Rest regelt das individuelle Größenbedürfnis)

2,99 Euro

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Tschick“

Moviepilot über „Tschick“

Wikipedia über „Tschick“

Perlentaucher über Wolfgang Herrndorf und „Tschick“

Meine Besprechung von Fatih Akins „Müll im Garten Eden“ (Deutschland 2012)

Meine Besprechung von Fatih Akins „The Cut“ (Deutschland/Frankreich 2014)

Meine Besprechung von Fatih Akins „Tschick“ (Deutschland 2016)

Meine Besprechung von Fatih Akins „Aus dem Nichts“ (Deutschland 2017)

 

 

 


Dominique Manotti veranstaltet ein „Kesseltreiben“

Juli 23, 2018

Wer einen 08/15-Rätselkrimi lesen möchte, hatte schon immer schlechte Karten bei Dominique Manotti. Noir- und Hardboiled-Fans, die gerne auch einen lehrreichen Polit-Thriller (so die Ross-Thomas-Schule) lesen, waren und sind Manottis normaler Zielgruppe. Und auch sie dürften ein, zwei Probleme mit ihrem neuen Roman haben. Denn „Kesseltreiben“ ist, wie ihre Novelle „Madoffs Traum“, kein Kriminalroman. Obwohl es sogar zwei Morde gibt. Aber die sind eher nebensächlich und stören kaum die Ermittlungen von Commandante Noria Ghozali, der neuen Chefin der Abteilung zum Schutz der wirtschaftlichen Sicherheit, und ihrem Team. Langjährige Manotti-Leser kennen Ghozali bereits aus „Roter Glamour“ und „Einschlägig bekannt“. Jetzt ist sie älter und fragt sich, ob sie die nächsten Jahre weiter als Polizistin arbeiten will.

Ihr neues Team, Capitaine Fabrice Reverdy und Lieutenant Christophe Lainé, nimmt sie gleich freundschaftlich auf. Sie sind gute Polizisten, die aber gegen die globalen Aktivitäten von Konzernen wie Orstam nichts ausrichten können. Auch Théo Daquin (ebenfalls ein alter Manotti-Charakter), der inzwischen an der Universität lehrt, hilft ihr mit Hintergrundinformationen. Denn Ghozali hat von Wirtschaftskriminalität keine Ahnung. Und dabei ist gerade Francois Lamblin, ein hochrangiger Manager von des Energiekonzerns Orstam, beim Betreten der USA verhaftet worden. Offiziell wegen einer nicht so alten Sex- und einer älteren Drogengeschichte. In Wirklichkeit dürften das aber nur vorgeschobene Beschuldigungen sein, die bei einer geplanten Firmenübernahme hilfreich sein könnten, um Lamblins Kooperation zu gewährleisten.

Ghozali und ihre beiden Mitarbeiter beginnen sich in Paris umzuhören. Denn die französische Regierung ist in diesem Fall auffallend still und auch Lamblins Arbeitgeber scheint kein Interesse an einer schnellen Freilassung ihres Mitarbeiters zu haben.

Zur gleichen Zeit kehrt Ludovic Castelvieux aus Montreal zurück nach Paris. In Kanada wusch er für eine Bank Geld, Nachdem mehrere seiner Geschäftspartner mit Mafia-Verbindungen ermordet werden, beschließt er, mit dem Geld, das er in den vergangenen Jahren verdiente, unterzutauchen. Dummerweise ist sein Bankkonto auf den Grand Cayman gesperrt und er muss, obwohl er in Frankreich verurteilt wurde und mit einem Haftbefehl gesucht wird, zurück in seine alte Heimat. Ich verrate kein Geheimnis, wenn ich sage, dass Castelvieux Geschäftsbeziehungen mit Männern hat, die auch in die sich langsam entwickelnde Orstam-Affäre verwickelt sind.

Auf gut vierhundert Seiten schildert Dominique Manotti in ihrem neuen Wirtschaftskrimi chronologisch und sehr kleinteilig, zwischen vielen Charakteren und Handlungssträngen wechselnd, wie sich die Übernahme von Orstam mit all ihren Intrigen, legalen und illegalen Winkelzügen zwischen Geldzahlungen, Erpressung, Sex, Drogenkonsum und Mord entwickelt. Während Ghozali versucht, aus verschiedenen Puzzlestücken ein Bild der Abläufe in den Orstam-Chefetagen zu bekommen, wissen wir Leser mehr, aber auch nicht alles.

Inspiriert wurde Manotti für ihren neuen Roman durch die „Alstom-Affäre“. Zwischen 2013 und 2015 erfolgte Übernahme von Alstom Énergie durch den US-Konzern General Electric.

Kesseltreiben“ ist als Blick hinter die Kulissen bei einem Übernahmegefecht, den damit verbundenen firmeninternen Intrigen und Machtspielen, interessant, lehrreich und, trotz des vorhersehbaren Endes und des langsamen Erzähltempos, auch spannend.

Dominique Manotti: Kesseltreiben

(übersetzt von Iris Konopik)

Ariadne, 2018

400 Seiten

20 Euro

Originalausgabe

Racket

Éditions Les Arènes, Paris, 2018

Hinweise

Krimi-Couch über Dominique Manotti

Wikipedia über Dominique Manotti (deutsch, französisch) und Bernie Madoff 

Meine Besprechung von Dominique Manottis „Zügellos“ (À nos Chevaux!, 1997)

Meine Besprechung von Dominique Manottis „Ausbruch“ (L’évasion, 2013)

Meine Besprechung von Dominique Manottis „Madoffs Traum“ (La rêve de Madoff, 2013)

Meine Besprechung von Dominique Manottis „Abpfiff“ (Kop, 1988)


Was ist im „Crossed“-Universum „Das kleinere Übel“?

Juli 4, 2018

In der von Garth Ennis erdachten „Crossed“-Welt hat ein hochansteckender Virus die meisten Menschen in dauergeile, Obszönitäten sagende blut- und mordgierige Barbaren verwandelt. In ihrem Gesicht haben sie eine Kreuz-Wucherung. Deshalb werden sie auch die Gefirmten genannt.

Nach der ersten „Crossed“-Geschichte ließ Ennis andere Autoren Geschichten aus der von ihm erdachten Horrorwelt schreiben. Deshalb gibt es keine durchgehenden Charaktere, sondern viele verschiedene Einzelgeschichten, die unabhängig voneinander und in jeder beliebigen Reihenfolge gelesen werden können.

Man kann, zum Beispiel, mit dem neuesten „Crossed“-Band „Das kleinere Übel“ beginnen. Mike Wolfer (u. a. „Stitched“) erzählt in dem 19. „Crossed“-Sammelband (und gleichzeitig dem 12. „Badlands“-Band) als Autor und Zeichner die Geschichte einer kleinen Gruppe Überlebender, die sich auf einer Brückenruine, gut gesichert und fast uneinnehmbar, verschanzt haben.

Als zwei gutaussehende, vollbusige junge Frauen auftauchen, ändert sich das Gleichgewicht der Gruppe. Die beiden Traumfrauen haben nämlich eines der beliebten „Surviving D-Day: Wie man die Zombie-Apokalypse überlebt“-Bücher im Gepäck und sie beginnen sofort die Mitglieder der Gruppe gegeneinander auszuspielen. Dabei ist es schon etwas erstaunlich, wie leicht es ihnen vor allem bei den männlichen Mitgliedern der Gruppe gelingt.

Denn so ein Ratgeber ist in seiner Mischung aus ernstgemeinten Ratschlägen und komplettem Unfug nicht unbedingt die beste Handlungsempfehlung. Wolfer nimmt hier auch lustvoll die in „The Walking Dead“ erprobten Methoden des Überlebens und wie Konflikte innerhalb der Gruppe gelöst werden, auseinander.

Als, auf Ratschlag der beiden Schönheiten, ein kleiner Trupp der Brückenbewohner in die nahe gelegene Stadt aufbricht, um Medikamente, Waffen und Lebensmittel zu besorgen, und die Gefirmten (die dieses Mal sprachlich und auch in anderer Hinsicht erstaunlich eloquent sind) auf der anderen Seite der Brücke auftauchen, eskaliert die Situation.

Das kleinere Übel“ erzählt eine spannende Geschichte über eine eingeschlossene Gruppe, deren Gleichgewicht durch zwei Neuankömmlinge durcheinandergebracht wird. Dass die Neuankömmlinge gekonnt auf der Klaviatur sexuellen Begehrens spielen, schadet nicht. Denn auch dieser „Crossed“-Comic ist nicht für Kinder geeignet (wie üblich steht „Empfohlen ab 18 Jahre“ auf dem Cover) und er ist in dieser Form unverfilmbar. Auch nicht als brutales, nicht-jugendfreies, nicht mit nackter Haut geizendes B-Picture.

Mike Wolfer: Crossed 19 – Badlands 12: Das kleinere Übel

(übersetzt von Bluna Williams)

Panini, 2019

140 Seiten

19,99 Euro

Originalausgabe

Crossed: Badlands 81 – 86

Avatar Press, 2018

Hinweise

Die „Crossed“-Homepage

Wikipedia über „Crossed“

Meine Besprechung von Alan Moore/Gabriel Andrades „Crossed + Einhundert (Band 1)“ (Crossed plus one hundred # 1 – 6, 2015)

Meine Besprechung von Simon Spurrier/Fernando Heinz/Fafael Ortiz‘ „Crossed + Einhundert: Band 2“ (Crossed plus one hundert # 7 – 12, 2016)

Meine Besprechung von Simon Spurrier/Rafael Ortiz/Martin Tunica‘ „Crossed + Einhundert: Band 3“ (Crossed plus one hundert # 13 – 18, 2016)

Meine Besprechung von Kieron Gillen/Rafael Ortiz‘ „Crossed Band 18 – Bandlands 11: Homo Tortor (Crossed: Badlands 75 – 80, 2017)

Meine Besprechung von „Crossed – Monster Edition“ (enthält Garth Ennis/Jacen Burrows „Crossed“ und David Lapham/Javier Barreno „Crossed Band 2: Familienbande“)

Meine Besprechung von Garth Ennis und Mike Wolfers „Stitched: Die lebenden Toten“ (Band 1) (Stitched # 1 – 7, 2011/2012)


Philip Kerr serviert Bernie Gunther einmal „Kalter Frieden“

Juni 29, 2018

Beginnen wir mit der für Philip-Kerr- und Bernie-Gunther-Fans erfreulichen Nachricht: „Kalter Frieden“ ist nicht der letzte Roman des am 23. März 2018 überraschend verstorbenen Kerr. In seiner Heimat sind bereits zwei weitere Gunther Romane erschienen und für nächstes Jahr ist ein weiterer Gunther-Roman, den Kerr vor seinem Tod vollendete, angekündigt.

Das sage ich, weil „Kalter Frieden“ der schlechteste Roman ist, den ich bis jetzt von Philip Kerr gelesen habe.

1956 arbeitet Gunther als Concierge in einem Grandhotel an der Französischen Riviera. Es ist ein ruhiges Leben, bis er einen der Hotelgäste wieder erkennt. Es ist Harold Hennig, ein Untergebener von Gauleiter Erich Koch und Hauptmann beim SD, dem Geheimdienst der SS.

Hennig verwickelt ihn dann auch in eine arg seltsam aufgebaute Erpressergeschichte. Hennig erpresst W. Somerset Maugham mit eindeutig zweideutigen Fotos, die heute noch nicht einmal eine Boulevardzeitung interessieren würden. Damals hätten sie, in den falschen Händen, zu veritablen Skandalen führen können. Hennig schlägt Maugham Gunther als vertrauenswürdigen Vermittler, Kurier und Abwickler der von ihm initiierten Erpressung vor.

Maugham trifft sich mit Gunther und nachdem er ihm erklärt, dass er Hennig hasse, vertraut der Schriftsteller Gunther. Er geht auf Hennigs Vorschlag ein, Gunther als unabhängigen Vermittler zwischen ihnen zu akzeptierten. Und Gunther versucht Maugham zu helfen.

Zur gleichen Zeit bittet die Engländerin Anne French Gunther darum, ihr einen Kontakt zu Maugham zu vermitteln. Sie möchte nämlich eine Biographie über den Schriftsteller schreiben. Gunther will auch ihr helfen.

Und dann geschehen noch einige Ereignisse, die auch in einem Eric-Ambler-Roman gut aufgehoben wären, während wir viel über den englischen Geheimdienst erfahren. Vor allem über die zum Handlungszeitpunkt des Romans noch unbekannten, inzwischen seit Jahrzehnten allseits bekannten, legendären und vielfach in Buch und Film verarbeiteten Geschichte der Cambridge Five, der Gruppe hochrangiger britischer Geheimdienstler, wie Kim Philby, die auch für den KGB arbeiteten.

Dieser 1956 spielende Teil des Romans wird ergänzt durch viele Seiten füllende, aber nicht besonders inhaltsreiche Rückblenden in die Nazi-Zeit. Gunther erzählt Maugham, warum er Hennig abgrundtief hasst. Die längste Rückblende umfasst, mit kurzen Unterbrechungen, über sechzig Seiten, in denen Gunther Maugham erzählt, wie er sich in Königsberg in eine Frau verliebte, wieder Hennig traf und sie auf der Wilhelm Gustloff mitfuhr. Diese Ereignisse haben mit der aktuellen Geschichte nichts zu tun und die einzige für die Handlung wichtige Information dieser Rückblende ist, ist dass Gunther Henning für den Tod seiner Freundin verantwortlich macht.

Später gibt es, wenn Tonbänder abgehört werden, ähnliche Momente, in denen die Handlung zum Stillstand kommt, weil in epischer Länge Dinge ausgebreitet werden, die für die Haupthandlung egal sind. Es ist höchstens eine mäßig interessante Geschichtsstunde.

Was letztendlich auch auf den gesamten Roman „Kalter Frieden“ des sonst zuverlässigen Philip Kerr zutrifft.

Philip Kerr: Kalter Frieden

(übersetzt von Axel Merz)

Wunderlich, 2018

400 Seiten

22,95 Euro

Originalausgabe

The other Side of Silence

Penguin Random House, New York, 2016

Bonushinweis 1

Schon seit einigen Monaten gibt es Bernie Gunthers vorheriges Abenteuer als Taschenbuch. Kerrs zehnter Gunther-Roman „Operation Zagreb“ spielt im Sommer 1942. Bernie soll, auf Befehl von Propagandaminister Goebbels, den Vater von Goebbels‘ Lieblingsschauspielerin finden. Der hat sich den rechtsextremen Ustascha angeschlossen. Und dann verschwindet die Schauspielerin.

Philip Kerr: Operation Zagreb

(übersetzt von Axel Merz)

rororo, 2018

512 Seiten

10,99 Euro

Deutsche Erstausgabe

Wunderlich, 2017

Originalausgabe

The Lady from Zagreb

Quercus, London, 2015

Bonushinweis 2

Für alle, die während der Fußball-WM zwischen den Spielen und den abertausenden WM-Berichten ein gutes Buch, das irgendetwas mit Fußball zu tun hat, lesen wollen, sollten sich die drei von Philip Kerr geschriebenen Fußballkrimis mit Scott Manson, Fußballtrainer und Amateurdetektiv, besorgen. Sie bieten Fußballfans genug Klatsch und Tratsch aus der Welt des Fußballs für mehrere Abende.

Für die Fußballverächter gibt es einen spannenden Rätselplot und viel schwarzen Humor.

Die ersten beiden Scott-Manson-Krimis „Der Wintertransfer“ und „Die Hand Gottes“ habe ich ja schon abgefeiert. Im dritten Manson-Krimi „Die falsche Neun“ soll der Fußballtrainer und Amateurdetektiv Scott Manson für den FC Barcelona deren spurlos verschwundenen Stürmer Jérôme Dumas finden. Irgendwo zwischen Paris und der Karibik.

Philip Kerr: Die falsche Neun

(übersetzt von Hannes Meyer und Simone Jakob)

Tropen, 2016

368 Seiten

14,95 Euro

Originalausgabe

False Nine

Head of Zeus, London, 2015

Die Taschenbuchausgabe ist bei Tropen für den 22. September angekündigt. Sie kostet 9,95 Euro.

Hinweise

Homepage von Philip Kerr

Krimi-Couch über Philip Kerr

Wikipedia über Philip Kerr (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Philip Kerrs „Der Wintertransfer“ (January Window, 2014)

Meine Besprechung von Philip Kerrs „Die Hand Gottes“ (Hand of God, 2015)


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: „Love, Simon“, Teenager, weiß, schwul, in Georgia lebend

Juni 28, 2018

Ich bin so wie du.

Im Wesentlichen ist mein Leben völlig normal.

Mein Dad war der gut aussehende Quarterback, der die scharfe Jahrgangsbeste geheiratet hat. Und nein, die Highschool war nicht der Höhepunkt ihres Lebens.

Ich habe eine Schwester, die ich sogar mag. Ich sage ihr das natürlich nicht. Und letztes Jahr, nach 200 Folgen von einer Kochshow, hat sie beschlossen, dass sie Köchin werden will. Das heißt, wir sind jetzt alle ihre Testpersonen.

Und dann sind da meine Freunde.

Zwei von ihnen kenne ich praktisch seit Anbeginn der Zeit. Oder wenigstens seit dem Kindergarten.

Eine kenne ich erst seit ein paar Monaten, aber ich habe das Gefühl, ich kenne sie schon ewig.

Wir machen alles, was Freunde so tun. Wir trinken viel Iced Coffee, sehen uns schlechte Neunzigerjahre-Filme an und träumen im Waffle House vom College und stopfen uns mit Kohlenhydraten voll.

Und wir stehen immer zueinander.

Also, wie gesagt, ich bin genau wie du. Ich habe ein völlig normales Leben.

Nur dass ich ein riesiges Geheimnis habe.

(Simons erste Worte in „Love, Simon“, Voice Over)

 

Ich gehöre nicht zum Zielpublikum von „Love, Simon“ und ich würde meinen erwachsenen Freunden zum Thema andere Bücher und Filme empfehlen, wie „Call me by your Name“.

Aber mit diesem Buch und Film würde das Zielpublikum von „Love, Simon“ wahrscheinlich wenig anfangen können. Denn „Love, Simon“ ist ein Coming-of-Age-Film für Schüler. Der Film erzählt eine typische, an einer US-Highschool spielende Coming-of-Age-Geschichte. Mit einem kleinen Unterschied, der aus dem Film dann etwas Besonderes macht. Der titelgebende Simon ist schwul. Und das ist innerhalb des Genres ein großer Schritt hin zur Realität. Denn Simon ist der gut aussehende Protagonist und er hat mit seiner Homosexualität keine Probleme. Auch wenn er sich, wegen der offensichtlichen, damit verbundenen Probleme, noch nicht öffentlich zu seine sexuellen Orientierung bekannt hat. Im Film gibt es eine schöne Szene viel über unseren Umgang mit Sexualität verrät. Simon fragt sich, warum nicht jeder sich outen müsste und wie es wäre, wenn die Eltern beim Bekenntnis zur Heterosexualität peinlich berührt, entsetzt und schockiert wären.

Simon sucht noch, wie man es aus unzähligen Highschool-Filmen, Romantic Comedies und Schnulzen kennt, die richtige Person für das erste Mal, die die große Liebe und die Frau (den Mann? den Partner?) fürs Leben. Und bis es zum ersten Kuss kommt, muss unser Held einige Abenteuer bestehen.

Greg Berlanti erzählt in seinem, auf Becky Albertallis Jugendbuch-Bestseller basierendem Film diese Geschichte. Mit schönen Menschen in einer schönen Gegend in schönen Bildern, die auch in einer Nicholas-Sparks-Schnulze nicht negativ auffallen würden.

Eines Abends entdeckt Simon im Internet einen Text von „Blue“, der wie er Schüler an der Creekwood High in Shady Creek, einem Vorort von Atlanta, Georgia ist und der ebenfalls schwul ist. Simon legt sich das Pseudonym „Jacques“ zu und sie beginnen sich emsig online auszutauschen. Ohne ihre wahre Identität zu kennen. Simon, ein wahrer Frauenschwarm, fragt sich, wer von den Jungs an der Schule Blue ist.

Sein Leben wird noch komplizierter, als er sich nach einer auf dem Schulcomputer geschriebenen Nachricht an Blue nicht abmeldet. Sein Schulfreund und Klassenclown aus Verzweiflung Martin entdeckt Simons Geheimnis. Weil Martin in Simons Freundin Abby verliebt ist und sie nichts von ihm wissen will, erpresst er Simon. Er soll ihn mit ihr verkuppeln.

Von der Story her ist „Love, Simon“ ein typischer, kitschiger Coming-of-Age-Film über die erste Liebe, garniert mit einigen typischen Schulproblemen, verständnisvollen Eltern und Lehrern und gut aussehenden, höflichen Teenagern. Und etwas Humor der netten Art.

Aber dieses Mal spielt die sattsam bekannte Geschichte über die Suche nach der großen Liebe sich nicht zwischen einem Jungen und einem Mädchen ab. Es geht auch nicht um einen schüchternen Jungen, der sich in die Klassenschönheit (und, ja, das kann verraten werden, Blue ist ein gut aussehender Junge) verliebt, sondern es geht um einen Jungen, der einen anderen Jungen sucht, in den er aufgrund seiner E-Mails verliebt ist und dessen Identität er nicht kennt.

Damit erzählt „Love, Simon“, soweit ich den Überblick habe, zum ersten Mal, in einer Mainstream-Highschool-Komödie eine schwule Coming-of-Age-Geschichte. Und in diesem Genre gehört Berlantis Film zu den gelungenen Vertretern. Wegen Simons im Film bis zu seinem Zwangsouting gegenüber seinem Umfeld lange verschwiegener Homosexualität, haben viele Dialoge eine doppelte Bedeutung. So ist auch das Musical „Cabaret“, das Simon und seine Freunde für eine Schulaufführung proben, bewusst ausgewählt.

Besonders subtil ist das nicht. Aber „Love, Simon“ ist auch nicht der Film für den Cineasten, der endlich einmal eine schwule Liebesgeschichte sehen will, sondern für Jugendliche, die endlich einmal eine schwule Liebesgeschichte sehen sollen – und die ihnen bei der Akzeptanz ihrer Sexualität und ihrem Outing helfen kann. Denn Simon ist ein ganz normaler Junge. Es ist auch ein Aufruf zur Toleranz. Verpackt in eine konventionellen Geschichte mit einem Protagonisten, den niemand von der Bettkante stoßen würde. Wie man so sagt.

Und so ist der Film für die Menschheit noch nicht einmal ein kleiner Schritt (ich sage nur „Call me by your Name“), aber ein großer für das Mainstream-Coming-of-Age-Genre.

Der mit dem Deutschen Jugendbuchpreis ausgezeichnete Roman ist allerdings deutlich schwächer als die Verfilmung. Das Buch liest sich mit seinen dürftigen Beschreibungen wie ein Roman zum Film, der einfach nur das Drehbuch nacherzählt und dabei auf jegliche literarische Schnörkel und vertiefende, die Erzählgeschwindigkeit hemmende Beschreibungen verzichtet.

Im Gegensatz zum Film beginnt Albertalli mit der Erpressung von Martin. Damit setzt sie eine vollkommen andere Spannungskurve als der Film, in dem Simon am Anfang auf der schulischen Klatschseite creeksecrets auf den Text seines Seelenverwandten stößt. Im Film geht es daher von der ersten Minute an um die Frage, wie Simon mit seiner Sexualität und seinen Gefühlen umgeht. Im Buch muss er sich dagegen zuerst einmal um eine Erpressung kümmern. Und während der Film ständig, bei jedem Blick, jedem Satz, jedem Gespräch um die Frage kreist, welcher Mitschüler Blue ist, wird dieser Spannungsmoment von Albertalli fast gänzlich ignoriert. Deshalb sind alle Dialoge im Film wesentlich doppeldeutiger als im Buch. So gibt es im Film eine Szene, in der Simon und seine Freundin (früher hätte man sie Sandkastenliebe genannt) darüber reden, wen sie lieben und dabei, ohne dass sie es bemerken, aneinander vorbeireden. So proben die Schüler im Buch das Theaterstück „Oliver!“, basierend auf Charles Dickens‘ „Oliver Twist“. Im Film proben sie für die Schulaufführung das im Berlin in den frühen dreißiger Jahren spielende Musical „Cabaret“, das dann, auf mehreren Ebenen, Simons Geschichte spiegelt.

Love, Simon (Love, Simon, USA 2018)

Regie: Greg Berlanti

Drehbuch: Isaac Aptaker, Elizabeth Berger

LV: Becky Albertalli: Simon vs. the Homo Sapiens Agenda, 2015 (Nur drei Worte; Love, Simon)

mit Nick Robinson, Katherine Langford, Alexandra Shipp, Jorge Lendeborg Jr., Logan Miller, Miles Heizer, Kerynan Lonsdale, Josh Duhamel, Jennifer Garner, Tony Hale, Natasha Rothwell

Länge: 110 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

(Trivia: In den USA: Rated PG-13 for thematic elements, sexual references, language and teen partying)

Die Vorlage

Zum Filmstart erschien eine Filmausgabe, die ihren Namen wirklich verdient. Denn der Verlag spendierte nicht nur ein neues Cover, sondern auch einen 8-seitigen Bildteil, einen Ausschnitt aus dem Drehbuch und ein sehr kritikloses Gespräch zwischen Becky Albertalli, Simon-Darsteller Nick Robinson und Regisseur Greg Berlanti.

Becky Albertalli: Love, Simon

(Filmausgabe)

(übersetzt von Ingo Herzke)

Carlsen, 2018

336 Seiten

8,99 Euro

Deutsche Erstausgabe

Nur drei Worte

Carlsen, 2016

Originalausgabe

Simon vs. the Homo Sapiens Agenda

Balzer + Bray, 2015

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Love, Simon“

Metacritic über „Love, Simon“

Rotten Tomatoes über „Love, Simon“

Wikipedia über „Love, Simon“ (deutsch, englisch)

Homepage von Becky Albertalli

Das Gespräch in der Build Series mit dem Regisseur und den Hauptdarstellern


Der „Pik-Bube“ ist ein schlimmer Finger – und Joyce Carol Oates ist dafür verantwortlich

Juni 25, 2018

Pik-Bube ist das Pseudonym von Andrew J. Rush, dem „Stephen King für den Bildungsbürger“. Als Pik-Bube schreibt er so richtig dreckige, düstere, amoralische Thriller, in denen er seine niederen Triebe auslebt. Er schreibt sie wie in einem Fiebertraum und sie verkaufen sich zunehmend besser. Trotzdem kennt niemand die wahre Identität von Pik-Bube, seinem bösen Bruder.

Rush lebt glücklich verheiratet mit seiner Frau Irina in der Kleinstadt, in der er vor 53 Jahren geboren wurde. Als er sie kennen lernte, schrieb sie ebenfalls und, so Rushs Meinung, sogar besser als er. Trotzdem hörte sie mit dem Schreiben auf. Seine drei Kinder sind erwachsen und gut geraten. Im Dorf in New Jersey ist der sanftmütige Schriftsteller mit seiner Bilderbuchfamilie allseits geachtet.

Eines Tages erhält er einen Brief vom städtischen Gericht. Er erfährt, dass C. W. Haider ihn beschuldigt, ein Plagiator zu sein. Haider ist eine alte, vermögende Jungfer, die schon etliche Autoren – erfolglos – des Plagiats beschuldigte. Unter anderem Stephen King.

Es kommt zur Gerichtsverhandlung und später klaut Rush aus Haiders Bibliothek einige wertvolle alte Bücher und blättert, aus Neugierde, in einigen ihrer Manuskripte herum. Dabei entdeckt er erstaunlich viele Parallelen zu den später erschienen Bestsellern von Stephen King, John Updike (Die Hexen von Eastwick) und seinen Romanen.

Und Pik-Bube scheint immer mehr Besitz von Rush zu ergreifen.

Woher ein Schriftsteller seine Ideen hat, ist bei Lesungen eine der immer gestellten Fragen. Sie beschäftigt auch Schriftsteller und Krimifans dürften schnell einige Thriller nennen können, in denen ein vermeintlicher oder echter Ideendiebstahl fatale Folgen für den Schriftsteller hat. Manchmal ist ein Fan auch einfach nur sehr verärgert über das neue Werk des bewunderten Schriftstellers und „Sie“ (Misery) versucht ihn zu überzeugen, ein besseres Buch zu schreiben. Der allseits bekannte Horrorautor Stephen King, – um nur einen Namen zu nennen -, schrieb mehrere Geschichten darüber. Als Richard Bachmann veröffentlichte er mehrere Romane und als dieses Pseudonym enttarnt wurde, schrieb er darüber „Stark – The Dark Half“. In dem Horrorthriller mischt sich das Alter Ego mit tödlichen Folgen in das Leben seines Erfinders ein. Stephen King ist auch der von Joyce Carol Oates immer wieder zitierte Schriftsteller, zu dem Rush eine Hassliebe hat und, wer sich ein wenig in Stephen Kings Biographie auskennt, wird in „Pik-Bube“ viele, teilweise sehr offensichtliche, Anspielungen auf Kings Werk und Leben finden. Das Entdecken dieser Anspielungen ist ein Teil des Spaßes beim Lesen dieses kleinen Thriller.

Auch wenn „Pik-Bube“ wie ein Kriminalroman beginnt, wird er schnell zu einer psychologischen Studie eines Schriftstellers, erzählt von ihm selbst, und zu einem Horrorthriller. Ohne Monster und Geister.

Der zweihundertseitige Roman ist ein herrlich fieser, auf mehreren Ebenen funktionierender Spaß einer mit zahlreichen wichtigen Preisen ausgezeichneten Autorin, die in zahlreichen Genres und auch unter Pseudonym mehrere Romane veröffentlichte. Wie Rosamond Smith und Lauren Kelly.

Joyce Carol Oates: Pik-Bube

(übersetzt von Frauke Czwikla)

Droemer, 2018

208 Seiten

19,99 Euro

Originalausgabe

Jack of Spades

The Myterious Press, New York 2015

Hinweise

Wikipedia über Joyce Carol Oates (deutsch, englisch)

Perlentaucher über „Pik-Bube“

Meine Besprechung von François Ozons Joyce-Carol-Oates-Verfilmung „Der andere Liebhaber“ (L’Amant Double, Frankreich/Belgien 2017)


Deutscher Noir – Versuche, Teil 1: „Foresta Nera“ von Friedemann Hahn

Juni 20, 2018

Der deutsche Noir…

Geht das überhaupt?

Nun, der Polar Verlag versucht es jetzt auch mit deutschen Autoren. Der zweite ‚Deutsche Polar‘ ist „Foresta Nera“ von Friedemann Hahn. Wolfgang Sprangers „Tiefenscharf“ war der erste. Und der Polar Verlag ist nicht allein. Bei Culturbooks erschien die Kurzgeschichtensammlung „Berlin Noir“ (am Lesen, aber die ersten Geschichten wecken bei mir jetzt nicht gerade die „ich muss unbedingt weiterlesen“-Lust). Sven Heuchert veröffentlichte letztes Jahr mit „Dunkels Gesetz“ einen Noir und wenn man sucht, findet man zwischen Provinzkrimis, Krimischnurren und Serienkillerthriller auch viel Noir. Wobei Noir erst Mal nur eine von Autoren und Kritikern fast beliebig füllbare Hülle ist. Unter den unzähligen Noir-Definitionen, gefällt mir, auch wenn ich jetzt nicht den Verfasser finde, diese am Besten: „Noir ist das Gegenteil von Disney.“

Auf die bis jetzt im Polar Verlag erschienenen Krimis trifft diese Definition hundertprozentig zu. Trotzdem veröffentlichte Polar-Herausgeber Wolfgang Franßen nicht einfach den Roman eines deutschsprachigen Autors, sondern erklärt im Vorwort von „Tiefenscharf“: „Von Anfang an, als ich den Polar Verlag gründete, wollte ich einen ‚Deutschen Polar‘ ins Leben rufen. Autoren eine Plattform bieten, sie ermuntern, sich abseits des Gängigen zu bewegen, vielmehr Risiken einzugehen. (…) Es ist also Zeit für keinen Kompromiss. Für kein Etikett, um das Marketing zu erweitern. Zeit für Autoren und Autorinnen, die etwas wagen wollen. Sei es stilistisch, sei es durch unbequeme Antworten. Geschichten müssen rebellieren. Nicht mit Krawall und Tumult, um effekthaschende Kulissen zu errichten, die alles für einen Platz auf der Bestsellerliste opfern würden. (…) Deutscher Polar? Wir amüsieren uns nicht zu Tode. Wir rebellieren.“

Ein Ergebnis der Rebellion ist Friedemann Hahns jetzt erschienenes Debüt „Foresta Nera“, das sich wie ein assoziativer Fieberalbtraum liest. Eine herkömmliche, nacherzählbare Geschichte ist nicht mehr vorhanden. Es sind nur noch Splitter. Es geht um illegale Geschäfte, mehrere Frauenmorde, einen toten Künstler und mehrere Polizisten und Verbrecher, deren Geschichte bis in die Nazi-Zeit und ihre gemeinsame Zeit in der Fremdenlegion zurückreicht.

Dass die Geschichte 1962 spielt, wird erwähnt, aber mehr als ein beliebig austauschbares Nachkriegsjahr bleibt es nicht. Hahn schiebt immer wieder früher spielende Szenen in die aktuelle Geschichte. Oft ist nicht genau erkennbar, wann diese Szenen spielen. Und wie sehr sie Realität oder Fantasie sind. Hahns Welt ist ein düsteres Paralleluniversum, das, ungeachtet der Faktentreue, immer wie eine von der Realität entkoppelte Fantasie wirkt.

Sein Schwarzwald, – „Foresta Nera“ ist italienisch für „Schwarzwald“ -, ist ein direkt aus der Schwarzen Romantik entsprungenes Fantasie-Land, in dem das Leben der Bewohner in düsteren Farben gezeichnet wird.

Das ist, unbestritten, immer wieder bildgewaltig und eindrücklich beschrieben. Aber es ist auch genau diese Art von Literatur, die mich absolut nicht anspricht.

Foresta Nera“ ist wie ein Horrorfilm, der mangelnde Substanz mit Schockbildern, dunklen Bildern, Blut und Gedärmen (auch wenn es nur von einer Hausschlachtung ist) und einem Unwohlsein erzeugendem Soundtrack kompensiert.

Friedemann Hahn: Foresta Nera

Polar Verlag, 2018

216 Seiten

16 Euro

Hinweise

Polar über „Foresta Nera“

Homepage von Friedemann Hahn

Wikipedia über Friedemann Hahn

Und der sehr, sehr wichtige Suchhinweis:

GESUCHT WIRD EIN DEUTSCHER-POLAR-KRIMINALROMAN

ALARMSIGNALE: Wir leben in einer Epoche sozialer Verwerfungen. Die Auswirkungen der entfesselten Ökonomie machen vor keiner Grenze halt und erschüttern die Gesellschaften bis in ihre Grundfesten. Korrupte Wirtschaftsführer und Politiker, Großkonzerne, deren Einfluss sich wie ein Spinnennetz über die Gesellschaften legt, Rassismus, Gewalt gegen Schwächere bestimmen das 21. Jahrhundert.

ANTWORTEN GESUCHT: Der Kriminalroman muss sich mit der Wirklichkeit befassen, auf diese Situation reagieren. Er muss sie beschreiben und aufzeigen, dass Verbrechen nicht im luftleeren Raum geschehen.

FRAGEN STELLEN: Wer die Welt beschreibt, ergreift zwangläufig Partei für oder gegen die herrschenden Verhältnisse, für oder gegen die Erniedrigten und Beleidigten, für oder gegen die, die Macht missbrauchen. Um die Welt, in der wir leben, zu beschreiben, ist ein Kriminalroman nötig, der eine harte, klare Sprache spricht und deutlich Stellung bezieht.

NICHTS ALS UNGESCHMINKT: Kein Land ist ausgespart. Deshalb brauchen wir auch in Deutschland eine Kriminalliteratur, die – aufbauend auf der Tradition des harten Realismus der Klassiker und der Gnadenlosigkeit des Polar/Noir – die gesellschaftlichen Widersprüche des 21. Jahrhunderts und ihre Verbrechen beschreibt. Wir wünschen uns eine Kriminalliteratur ohne ängstliche Kompromisse. Wir suchen kühne Autoren/Innen, die das Verbrechen dort ansiedeln, wo es stattfindet – in der Wirklichkeit.

BELOHNUNG: EINE VERÖFFENTLICHUNG DES KRIMINALROMANS IM POLAR VERLAG

PREISGELD 1000,00 Euro

Ausschreibung vom 01.04.2018 bis zum 31.11.2018

Preisgeld 1000,00 Euro

Die Jury: Doris Gercke, Frank Göhre, Robert Brack, Tobias Gohlis

Einsendungen nur per Mail unter: kontakt@polar-verlag.de

PREISVERLEIHUNG AUF DER LEIPZIGER BUCHMESSE 2019

Die Jury ist in jedem Fall kompetent. Jetzt sollte sie auch gute Manuskripte lesen.


Ist James Comey „Größer als das Amt“? – Buchkritik und sachdienliche Hinweis zu seiner Lesung in Deutschland

Juni 18, 2018

Vor über einem Jahr hätte ich James Comey ausführlich vorstellen müssen. Dann wurde er am 9. Mai 2017 von US-Präsident Donald Trump auf eine sehr schäbige, weltweit beachtete Weise entlassen.

Davor war der via Fernsehen geschasste, von Barack Obama berufene FBI-Direktor Comey, falls man nicht in den USA lebte oder sich brennend für die US-Politik interessiert, nur im Zusammenhang mit den Ermittlungen des FBI gegen Hillary Clinton über ihren unsachgemäßen E-Mail-Gebrauch bekannt. Der Vorwurf wurde vor allem von den Republikanern breit skandalisiert. Am 5. Juli 2016 verkündete Comey öffentlich die Einstellung der Ermittlungen. Wenige Tage vor dem Wahlsonntag verkündete er, aufgrund neuer Erkenntnisse, die Wiederaufnahme und kurz darauf, immer noch vor dem Wahlsonntag, die endgültige Einstellung des Verfahrens. Beides wurde von einem gewaltigen Medienrummel und Wahlkampfgetöse begleitet.

Diese Geschichte hat jetzt ein offizielles Ende. Am 14. Juni 2018 veröffentlichte der Generalinspekteur des Justizministeriums einen fünfhundertseitigen Bericht, der Comey von einer politischen Motivation freisprach. Die Ermittlungen seien konform zu den bestehenden Regeln geführt worden. Aber Comey sei bei seinem Umgang mit der Öffentlichkeit von Standards und geltenden Prozeduren des FBI und des Justizministeriums abgewichen. LINK

In seinem Buch „Größer als das Amt: Auf der Suche nach der Wahrheit – Der Ex-FBI-Direktor klagt an“ schildert Comey ausführlich seine Motive und auch etliche Hintergründe zu den FBI-Ermittlungen gegen Hillary Clinton, die sich zu dem Zeitpunkt um das Amt des US-Präsidenten bewarb. Die Versuche Russlands, die US-Wahl zu beeinflussen, erwähnt Comey kurz und ohne irgendwelche Geheimnisse, die Ermittlungen gefährden könnten, zu verraten. Als Zeitungsleser ist man da schon seit Monaten besser informiert.

Comey schildert auch ausführlich seine Begegnungen mit Donald Trump. Comey traf Trump zum ersten Mal nach der Präsidentenwahl. Und wer seit November 2016, als Trump zum US-Präsidenten gewählt wurde, die Medien aufmerksam verfolgte, wird auf diesen Seiten nichts Neues erfahren.

Überraschend ist Comeys Beobachtung, dass ihn Trump und seine Entourage an die New Yorker Mafia der achtziger Jahre erinnert. Damals verdiente Comey sich seine ersten Sporen als Staatsanwalt bei Verfahren gegen Mafiosi. Dieser ziemlich kurze Einblick (für mich hätte er darüber bis zum Start von „Gotti“ [noch kein deutscher Starttermin] ganze Bücher füllen können) und seine Erinnerungen an seine Zeit als United States Deputy Attorney General, was ihn zum Stellvertretenden Justizminister und zweithöchsten Beamten im Justizministerium machte, füllen weniger als die Hälfte des Buches. Comey war vom 9. Dezember 2003 bis zum 15. August 2005 Stellvertretender Justizminister. Damals war George W. Bush Präsident. In seiner Amtszeit beschäftigte Comey sich mit dem NSA-Abhörprogramm „Stellar Wind“ und der Foltererlaubnis, die nach dem Terroranschlag vom 11. September 2001 bewilligt und geheim gehalten wurden. Beides wurde, als Comey sein Amt erhielt, schon lange praktiziert. Beides lehnte er ab. Beide Male hielt er die juristischen Gutachten, die sich für die Maßnahmen aussprachen, für schlechte Gefälligkeitsgutachten. Außerdem hatte er als Staatsanwalt bei der Frage, wie man Verdächtige auch ohne Folter zu Geständnissen bewegt, reichhaltige Erfahrungen aus seiner New Yorker Zeit.

Diese Episoden illustrieren seine großen Themen: die Frage, nach der richtigen Führung und die nach der richtigen Entscheidung, die von bleibenden Werten bestimmt werden. Dabei versteht Comey, der fast sein gesamtes Berufsleben im Staatsdienst verbrachte, sich als Beamter, der eine Institution vertritt und diese Institution, ihre Werte und die Werte der Gesellschaft müssen geschützt werden. Sie sind größer als die Person, die das Amt für eine bestimmte Zeit bekleidet. Dabei zieht Comey einen klaren Strich zwischen der apolitischen, sich nur nach dem Gesetz richtenden, diese objektiv und ohne Ansehen der Person anwendenden und von politischen Begehrlichkeiten freien Arbeit der Institutionen und der Politik, die Recht und Regeln je nach Opportunität anwendet. Das ist eine etwas unterkomplexe Sicht der Welt, die dazu führt, dass Verwaltung, Politik und Gesellschaft klar voneinander getrennt sind und sich nicht beeinflussen. In dieser Welt liefert die Verwaltung der Politik die objektiven Ratschläge.

Comey inszeniert sich als gänzlich unpolitischen Menschen. Als einen Staatsdiener, der den Auftrag der von ihm vertretenen Institution möglichst umfassend vertreten will. Dass er im Wahlregister bis 2016 als Republikaner eingetragen war, erwähnt er in einem Nebensatz. Dass er Geld für die Kampagnen der republikanischen Präsidentschaftskandidaten John McCain und Mitt Romney spendete, erwähnt er nicht. Dass die meisten FBI-Agenten konservative, weiße Männer sind und er als FBI-Direktor versuchte, das zu ändern, erwähnt er. Dass die USA eine zutiefst rassistische und gespaltene Gesellschaft ist, erwähnt er dagegen höchstens in einem Halbsatz. So als hätte das keinen Einfluss auf die Arbeit von Justiz und Polizei.

Dafür geht er ausführlicher auf die Frage ein, wie gute Führung aussieht, welche Führungscharaktere seine verschiedenen Vorgesetzten (u. a. Rudy Guiliani) waren und wie er Teams und Organisationen führte. Comey plädiert dabei klar eine ethische Führung, in der der Chef durch sein Vorbild führt. Als er Trump das erste Mal trifft, bemerkt er: „Der ‚Führer der freien Welt‘, der selbst ernannte großartige Business-Tycoon, hatte das Kernprinzip von ethischer Führung nicht verstanden: Sie wird nie Loyalität verlangen. Nur diejenigen, die mit Furcht herrschen – wie ein Mafiaboss -, fordern persönliche Loyalität. Moralisch integre Führungspersönlichkeiten sorgen sich zutiefst um diejenigen, die sie führen und bieten ihnen Aufrichtigkeit und Anstand, Engagement und eigene Opfer. Sie setzen Vertrauen in ihre Leute, und das erzeugt Ergebenheit. Sie kennen ihr Talent, aber auch ihre Grenzen – wenn es darum geht, zu verstehen und zu argumentieren, darum, die Welt so zu sehen, wie sie ist, nicht wie sie sie gerne hätten. Sie sagen die Wahrheit und wissen, dass man, um kluge Entscheidungen zu treffen, Menschen braucht, die einem die Wahrheit sagen. Und damit sie diese Wahrheit zu hören bekommen, erzeugen sie eine Umgebung mit hoher Motivation und gründlicher Überlegung – ‚Liebe‘ ist dafür kein zu großes Wort. In so einer Umgebung entstehen dauerhafte Bindungen, und außergewöhnliche Errungenschaften werden möglich. Mit ethischem Führungsstil ist es nicht vereinbar Loyalität zu fordern.“

Dieses Konzept, das sich als roter Faden durch das Buch zieht und das Comey an mehreren Stellen ausführlicher erläutert, ist der vollständige Gegenentwurf zur Trumpschen Führung – und Comey bringt dieses Konzept an, um Trump allein schon auf dieser Ebene maximal zu – – – ähem, vollkommen nachvollziehbar aufzuzeigen, dass Donald Trump vollkommen ungeeignet für das Amt ist. Und auch ungeeignet ist, um irgendein Unternehmen, das mehr als eine Handvoll Mitarbeiter hat, zu leiten.

Comeys Buch „Größer als das Amt“ fügt den schon jetzt bekannten Fakten einige, eher unbedeutende Facetten hinzu und es ist ein Loblied auf den braven Beamten. Im Mittelpunkt des Buches steht dabei seine Zeit als FBI-Direktor. Sie nimmt über die Hälfte des Buches ein. Seine Zeit als Stellvertretender Justizminister nimmt weitere siebzig Seiten des 384-seitigen Buches ein.

James Comey: Größer als das Amt: Auf der Suche nach der Wahrheit – Der Ex-FBI-Direktor klagt an

(übersetzt von Pieke Biermann, Elisabeth Liebl, Werner Schmitz, Karl Heinz Siber und Henriette Zeltner)

Droemer, 2018

384 Seiten

19,99 Euro

Originalausgabe

A higher Loyalty. Truth, Lies, and Leadership

Flatiron Books, New York, 2018

Die schon länger ausverkaufte Lesung

James Comeys Lesung am Dienstag, den 19. Juni 2018, um 20.00 Uhr im Kino International (Karl Marx Allee 133, Berlin) wird als „einzige öffentliche Veranstaltung“ angekündigt und sie ist schon seit Tagen ausverkauft. Sie wird vom Droemer Verlag, den Yorck Kinos, der American Academy und der Wochenzeitung „Die Zeit“ präsentiert. Die Zeitung bietet auch einen Livestream an; – falls man sich nicht doch auf den Weg zum Veranstaltungssaal begeben oder immer wieder versuchen will, ob es nicht doch einige zurückgegebene Karten gibt.

Hinweise

James Comey twittert

Droemer über James Comey

Wikipedia über James Comey (deutsch, englisch)


Das ist „Die dunkelste Stunde“ für die Gegner des Punisher

Juni 11, 2018

Nachdem Frank Castle die Verbrecherorganisation Condor besiegte, kehrt der Punisher zurück nach New York und er tut das, wofür er bekannt ist. Er knöpft sich Verbrecher vor und bestraft sie. Normalerweise gleichzeitig als Polizist, Richter und Vollstrecker.

In dem neuesten „Punisher“-Buch „Die dunkelste Stunde“ sind die letzten fünf von Becky Cloonan geschriebenen „Punisher“-Hefte gesammelt. Es handelt sich dabei um drei Geschichten von der Länge eines Hefte. Die vierte Geschichte, in der Castle gegen Face kämpfen muss, umfasst zwei Hefte und ist ein Nachschlag zu Castles Kampf gegen die Verbrecherorganisation Condor, die mit der Droge EMC experimentierte. Face hat eine Überdosis EMC erhalten, was ihn unempfindlich gegen Schmerzen macht.

In den anderen Geschichten kämpft Castle gegen gewöhnlichere Gegner, wie einen gewalttätigen Stalker, Kunstdiebe und einem Mann, der wahllos Menschen vor U-Bahnen stößt.

Insgesamt liefern die vier Geschichten genau das, was der „Punisher“-Fan erwartet: knackig brutale Unterhaltung, garniert mit einigen zynischen Sprüchen. Weil es sich dieses Mal um kurze Geschichten handelt, ist alles kleiner als gewohnt. Insofern ist „Die dunkelste Stunde“ vor allem ein Zwischenhappen bis zum nächsten großen, mehrere Einzelhefte umfassendem „The Punisher“-Abenteuer.

Becky Cloonan/Matt Horak/Kris Anka: The Punisher: Die dunkelste Stunde

(übersetzt von Carolin Hidalgo)

Panini, 2018

116 Seiten

14,99 Euro

Originalausgabe

The Punisher, Vol. 3: King of the New York Streets

Marvel, 2018

enthält

The Punisher (2016) # 13 – 17

Marvel, August 2017 – Dezember 2017

Hinweise

Homepage von Becky Cloonan

Wikipedia über “The Punisher” Frank Castle (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Garth Ennis/Steve Dillons „The Punisher: Frank ist zurück“ (The Punisher # 1 – 12, 2000/2001)

Meine Besprechung von Garth Ennis (Autor)/Leandro Fernandez (Zeichner) „The Punisher – Garth Ennis Collection 7“ (Up is Down and Black is White, The Slavers, 2005/2006)

Meine Besprechung von Garth Ennis/Goran Parlov/Leandro Fernandezs “The Punisher – Garth-Ennis-Collection 8″ (Barracuda, Part 1 – 6 (Punisher [MAX] 31 – 36), Man of Stone, Part 1 – 6 (Punisher [MAX] 37 – 42), 2006/2007)

Meine Besprechung von Garth Ennis‘ „The Punisher – Garth-Ennis-Collection 9“ (Widowmaker, Part 1 – 7 [Punisher (MAX) Vol. 43 – 49], Long Cold Dark, Part 1 – 5 [Punisher (MAX) Vol 50 – 54], 2007/2008)

Meine Besprechung von Garth Ennis‘ „The Punisher – Garth-Ennis-Collection 10“ (Valley Forge, Valley Forge, Part 1 – 6 [Punisher (MAX) Vol. 55 – 60], 2008)

Meine Besprechung von Jason Aaron (Autor)/Steve Dillons (Zeichner) “PunisherMax: Kingpin (Max 40)” (PunisherMax: Kingpin, Part 1 – 5, 2010)

Meine Besprechung von Jason Aaron/Steve Dillons „The Punisher (MAX) 48: Frank“ (PunisherMax: Frank, 2011)

Meine Besprechung von Jason Aaron/Steve Dillons „The Punisher (MAX) 49: Der letzte Weg“ (PunisherMax: Homeless, 2011/2012)

Meine Besprechung von Greg Rucka (Autor)/Marco Checcetto (Zeichner)/Max Fiumaras (Zeichner) „Punisher 1: Ermittlungen“

Meine Besprechung von Charlie Huston/Andy Diggle/Kyle Hotz‘ „PunisherMAX: Hässliche kleine Welt“

Meine Besprechung von Scott M. Gimple (Autor)/Mark Texeiras (Zeichner) „100 % Marvel 72 – Punisher: Nightmare“ (Punisher: Nightmare # 1 – 5, 2013)

Meine Besprechung von Becky Cloonan/Steve Dillons „Punisher: Operation Condor (Band 1)“ (The Punisher # 1 – 6, Juli 2016 – Dezember 2016)

Becky Cloonan/Steve Dillon/Matt Horak/Laura Bragas „The Punisher: Wilde Bestien (Band 2)“ (The Punisher # 7 – 12, Februar – Juli 2017)

Meine Besprechung von Mark Goldblatts „The Punisher“ (The Punisher, USA/Australien 1989)

 

 


Endspiele: ein „Saurer Apfel“ für „Chew – Bulle mit Biss!“, kein „Bleib doch noch etwas“ für „Revival“

Mai 23, 2018

Jetzt enden fast zeitgleich zwei Comicserien, die beide einen vielversprechenden Start hatten und sich dann in vollkommen unterschiedliche Richtungen entwickelten. „Chew – Bulle mit Biss!“ wurde immer besser. Schnell war mir egal, wie Autor John Layman und Zeichner Rob Guillory ihre Geschichte zu Ende bringen. Dagegen sehnte ich bei der von Tim Seeley (Autor) und Mike Norton (Zeichner) erzählten Geschichte „Revival“ das Ende immer mehr herbei.

Oh, und beide Serien spielen in dystopischen Zukünften. In „Revival“ werden die Toten wieder lebendig. In „Chew – Bulle mit Biss!“ sterben durch einen durch Hühnerfleisch verursachten Nahrungsmittelskandal Millionen Menschen. Seitdem gibt es ein strikt eingehaltenes und gnadenlos verfolgtes Verbot von Hühnerfleisch. Gegen dieses Verbot war die Alkoholprohibition harmlos. Die FDA (Food and Drug Adminstration, Lebensmittelaufsicht) ist jetzt eine der mächtigsten Institution der Welt. Tony Chu ist einer ihrer besten Männer. Er ist ein Cibopath. D. h. wenn er etwas isst, kennt er die gesamte Geschichte des Gegessenen. Seine Fähigkeit ist bei Ermittlungen sehr nützlich. Finden jedenfalls seine Vorgesetzten, die bestimmte Dinge, die Chew schlucken muss, nicht einmal mit einer Kneifzange anfassen würden.

Seit dem ersten „Chew“-Heft erfand John Layman unzählige weitere Spezialbegabungen, von oft zweifelhaftem Nutzen. Für die Menschheit und den Besitzer der, öhm, Begabung. So gibt es in „Saurer Apfel“ einen Cereduratus. Speiseeis, das er herstellt, führt zum tödlichen Erfrieren des menschlichen Hirns. Die Abenteuer, die Chew, seine Familie, seine Freunde und Feinde erlebten, wurden immer abstruser. Rob Guillorys Zeichnungen waren durchgehend satirisch überspitzt und die Abenteuer so witzig, dass es vollkommen egal war, was hinter Hähnchen-Pandemie und einer später am Himmel auftauchenden Feuerschrift steckte.

Mit dem zwölften Sammelband „Saurer Apfel“ liegen jetzt die letzten Hefte der von John Layman und Rob Guillory erfundenen Comicserie „Chew – Bulle mit Biss!“ vor. In insgesamt sechzig Heften versuchten Chu, sein Kollege John Colby und sein inzwischen verstorbener ärgster Feind Mason Savoy (Chu muss ihn wegen der Informationen, die Savoy hat, essen) herauszufinden, was es mit Hühnergrippe und Feuerschrift, die das Ende der Welt bedeutet, auf sich hat.

Das gelingt ihnen mehr oder weniger. Insgesamt ist „Saurer Apfel“ ein schönes, aber nicht besonders dringendes Finale. Es hat etwas von spaßverderbenden Aufräumarbeiten, während die Party noch läuft.

In der von Tim Seeley, dem Erfinder und Autor von „Hack/Slash“ (grandios!), geschriebenen und Mike Norton gezeichneten Comicserie „Revival“ kommen eines Tages in dem Wisconsin-Kaff Wausau die Toten zurück. Aber sie sind keine Gehirn mampfenden Zombies, sondern verträgliche Zeitgenossen, die sich nicht von den Lebenden unterscheiden. Außer dass sie kürzlich gestorben sind. Es wird eine Quarantänezone um das Gebiet, in dem die Untoten auftauchen, errichtet. Die Medien und Spinner jeglicher Couleur belagern die Gegend, während in dem abgesperrten Gebiet das Leben fast normal weitergeht. So will Officer Dana Cypress von der örtlichen Polizei den Mörder ihrer Schwester finden.

Nach diesem starken Auftakt verzettelte sich „Revival“ in immer mehr Subplots. Es wurde immer unklarer, wohin die Geschichte führen soll. Ganze Hefte der aus 47 Heften bestehenden, in acht Büchern gesammelten Serie, zogen sich hin, ohne dass irgendeine Entwicklung erkennbar war, während potentiell interessante Subplots nicht weiter verfolgt wurden.

Gegen Ende der Serie übernimmt das Militär die Kontrolle über Wasau. Zuerst verkörpert durch den lesbischen General Louise Cale (was sie natürlich interessanter macht), später durch ihren skrupelloseren Kollegen, General Hauser. Er soll das Problem endgültig lösen.

Währenddessen tauchen immer mehr Geister auf, die anscheinend irgendeine Verbindung zu den Untoten haben und die die Lebenden bedrohen. Die Situation in dem unter Quarantäne stehendem Gebiet wird immer unübersichtlicher.

Trotzdem enttäuscht das Finale, das die verschiedenen Handlungsstränge zu einer erstaunlich religiösen und damit auch konventionellen Erklärung zusammenfügt. Natürlich mit allem dazugehörigem Pipapo von Unwetter, atmosphärischen Störungen, Armageddongefühl und einem riesigen Kampfgetümmel, in dem alle munter mitmischen.

John Layman/Rob Guillory: Chew – Bulle mit Biss!: Saurer Apfel (Band 12)

(übersetzt von Annika Klapper)

Cross Cult, 2018

128 Seiten

20 Euro

Originalausgabe

Chew Vol. 12: Sour Grapes

Image Comics, 2017

Tim Seeley/Mike Norton: Revival 7: Vorwärts!

(übersetzt von Frank Neubauer)

Cross Cult, 2017

128 Seiten

20 Euro

Originalausgabe

Revival, Volume 7: Forward

Image Comics, 2016

Tim Seeley/Mike Norton: Revival 8: Bleib doch noch etwas

(übersetzt von Frank Neubauer)

Cross Cult, 2018

128 Seiten

20 Euro

Originalausgabe

Revival, Volume 8: Stay just a little bit longer

Image, 2017

Hinweise

Homepage von Chew/John Layman

Comicgate: Interview mit John Layman (5. März 2011)

Meine Besprechung von John Layman/Rob Guillorys „Chew – Bulle mit Biss: Leichenschmaus (Band 1)“ (Chew Vol. 1: Taster’s Choice, 2009)

Meine Besprechung von John Layman/Rob Guillorys „Chew – Bulle mit Biss: Reif für die Insel (Band 2)“ (Chew: International Flavor, 2010)

Meine Besprechung von John Layman/Rob Guillorys „Chew – Bulle mit Biss: Eiskalt serviert (Band 3)“ (Chew Vol. 3: Just Desserts, 2010)

Meine Besprechung von John Layman/Rob Guillorys „Chew – Bulle mit Biss!: Flambiert (Band 4)“ (Chew, Vol. 4: Flambé, 2011)

Meine Besprechung von John Layman/Rob Guillorys „Chew – Bulle mit Biss!: Erste Liga“ (Band 5) (Chew Vol. 5: Major Legue Chew, 2012)

Meine Besprechung von John Layman/Rob Guillorys „Chew – Bulle mit Biss!: Space Kekse (Band 6)“ (Chew Vol. 6: Space Cakes, 2013)

Meine Besprechung von John Layman/Rob Guillorys „Chew – Bulle mit Biss!: Die letzten Abendmahle (Band 11)“ (Chew Vol. 11: The last suppers, 2016)

Meine Besprechung von John Layman/Jason Fabok/Andy Clarkes „Batman Detective Comics: Der Herrscher von Gotham (Band 3)“ (Detective Comics 13 – 20, 2012/2013)

Homepage von Tim Seeley

Meine Besprechung von Tim Seeleys „Hack/Slash: (Re)Animatoren (Band 5)“ (Hack/Slash: Reanimation Games, 2009)

Meine Besprechung von Tim Seeleys „Hack/Slash: My First Maniac – Wie alles begann (Band 9)“ (Hack/Slash: Me without you, 2010)

Meine Besprechung von Tim Seeleys „Hack/Slash: Folterverliebt (Band 10)“ (Hack/Slash: Torture Porn, 2011)

Meine Besprechung von Tim Seeleys „Hack/Slash – Tote Promis (Band 11)“ (Hack/Slash: Dead Celebrities, 2012)

Meine Besprechung von Tim Seeleys „Hack/Slash – Heiraten, f#cken, töten (Band 12)“ (Hack/Slash: Marry F#ck Kill, 2012)

Meine Besprechung von Tim Seeley/Mike Nortons „Revival: Unter Freunden (Band 1)“ (Revival, Volume 1: You’re among friends, 2012)

Meine Besprechung von Tim Seeley/Mike Nortons „Revival – Lebe dein Leben (Band 2)“ (Revival, Volume 2: Live like you mean it, 2013)

Meine Besprechung von Tim Seeley/Mike Nortons „Revival – Ein ferner Ort (Band 3)“ (Revival, Volume 3: A faraway place, 2014)

Meine Besprechung von Tim Seeley/Mike Nortons „Revival: Flucht nach Wisconsin (Band 4)“ (Revival, Volume 4: Escape to Wisconsin, 2014)

Meine Besprechung von Tim Seeley/Mike Nortons „Revival: Steigende Fluten (Band 5)“ (Revival, Volume 5: Gathering of Waters, 2015)

Meine Besprechung von Tim Seeley/Mike Nortons „Revival: Deine treuen Söhne und Töchter (Band 6)“ (Revival, Volume 6: Thy loyal sons & daughters, 2016)