Philip Kerr serviert Bernie Gunther einmal „Kalter Frieden“

Juni 29, 2018

Beginnen wir mit der für Philip-Kerr- und Bernie-Gunther-Fans erfreulichen Nachricht: „Kalter Frieden“ ist nicht der letzte Roman des am 23. März 2018 überraschend verstorbenen Kerr. In seiner Heimat sind bereits zwei weitere Gunther Romane erschienen und für nächstes Jahr ist ein weiterer Gunther-Roman, den Kerr vor seinem Tod vollendete, angekündigt.

Das sage ich, weil „Kalter Frieden“ der schlechteste Roman ist, den ich bis jetzt von Philip Kerr gelesen habe.

1956 arbeitet Gunther als Concierge in einem Grandhotel an der Französischen Riviera. Es ist ein ruhiges Leben, bis er einen der Hotelgäste wieder erkennt. Es ist Harold Hennig, ein Untergebener von Gauleiter Erich Koch und Hauptmann beim SD, dem Geheimdienst der SS.

Hennig verwickelt ihn dann auch in eine arg seltsam aufgebaute Erpressergeschichte. Hennig erpresst W. Somerset Maugham mit eindeutig zweideutigen Fotos, die heute noch nicht einmal eine Boulevardzeitung interessieren würden. Damals hätten sie, in den falschen Händen, zu veritablen Skandalen führen können. Hennig schlägt Maugham Gunther als vertrauenswürdigen Vermittler, Kurier und Abwickler der von ihm initiierten Erpressung vor.

Maugham trifft sich mit Gunther und nachdem er ihm erklärt, dass er Hennig hasse, vertraut der Schriftsteller Gunther. Er geht auf Hennigs Vorschlag ein, Gunther als unabhängigen Vermittler zwischen ihnen zu akzeptierten. Und Gunther versucht Maugham zu helfen.

Zur gleichen Zeit bittet die Engländerin Anne French Gunther darum, ihr einen Kontakt zu Maugham zu vermitteln. Sie möchte nämlich eine Biographie über den Schriftsteller schreiben. Gunther will auch ihr helfen.

Und dann geschehen noch einige Ereignisse, die auch in einem Eric-Ambler-Roman gut aufgehoben wären, während wir viel über den englischen Geheimdienst erfahren. Vor allem über die zum Handlungszeitpunkt des Romans noch unbekannten, inzwischen seit Jahrzehnten allseits bekannten, legendären und vielfach in Buch und Film verarbeiteten Geschichte der Cambridge Five, der Gruppe hochrangiger britischer Geheimdienstler, wie Kim Philby, die auch für den KGB arbeiteten.

Dieser 1956 spielende Teil des Romans wird ergänzt durch viele Seiten füllende, aber nicht besonders inhaltsreiche Rückblenden in die Nazi-Zeit. Gunther erzählt Maugham, warum er Hennig abgrundtief hasst. Die längste Rückblende umfasst, mit kurzen Unterbrechungen, über sechzig Seiten, in denen Gunther Maugham erzählt, wie er sich in Königsberg in eine Frau verliebte, wieder Hennig traf und sie auf der Wilhelm Gustloff mitfuhr. Diese Ereignisse haben mit der aktuellen Geschichte nichts zu tun und die einzige für die Handlung wichtige Information dieser Rückblende ist, ist dass Gunther Henning für den Tod seiner Freundin verantwortlich macht.

Später gibt es, wenn Tonbänder abgehört werden, ähnliche Momente, in denen die Handlung zum Stillstand kommt, weil in epischer Länge Dinge ausgebreitet werden, die für die Haupthandlung egal sind. Es ist höchstens eine mäßig interessante Geschichtsstunde.

Was letztendlich auch auf den gesamten Roman „Kalter Frieden“ des sonst zuverlässigen Philip Kerr zutrifft.

Philip Kerr: Kalter Frieden

(übersetzt von Axel Merz)

Wunderlich, 2018

400 Seiten

22,95 Euro

Originalausgabe

The other Side of Silence

Penguin Random House, New York, 2016

Bonushinweis 1

Schon seit einigen Monaten gibt es Bernie Gunthers vorheriges Abenteuer als Taschenbuch. Kerrs zehnter Gunther-Roman „Operation Zagreb“ spielt im Sommer 1942. Bernie soll, auf Befehl von Propagandaminister Goebbels, den Vater von Goebbels‘ Lieblingsschauspielerin finden. Der hat sich den rechtsextremen Ustascha angeschlossen. Und dann verschwindet die Schauspielerin.

Philip Kerr: Operation Zagreb

(übersetzt von Axel Merz)

rororo, 2018

512 Seiten

10,99 Euro

Deutsche Erstausgabe

Wunderlich, 2017

Originalausgabe

The Lady from Zagreb

Quercus, London, 2015

Bonushinweis 2

Für alle, die während der Fußball-WM zwischen den Spielen und den abertausenden WM-Berichten ein gutes Buch, das irgendetwas mit Fußball zu tun hat, lesen wollen, sollten sich die drei von Philip Kerr geschriebenen Fußballkrimis mit Scott Manson, Fußballtrainer und Amateurdetektiv, besorgen. Sie bieten Fußballfans genug Klatsch und Tratsch aus der Welt des Fußballs für mehrere Abende.

Für die Fußballverächter gibt es einen spannenden Rätselplot und viel schwarzen Humor.

Die ersten beiden Scott-Manson-Krimis „Der Wintertransfer“ und „Die Hand Gottes“ habe ich ja schon abgefeiert. Im dritten Manson-Krimi „Die falsche Neun“ soll der Fußballtrainer und Amateurdetektiv Scott Manson für den FC Barcelona deren spurlos verschwundenen Stürmer Jérôme Dumas finden. Irgendwo zwischen Paris und der Karibik.

Philip Kerr: Die falsche Neun

(übersetzt von Hannes Meyer und Simone Jakob)

Tropen, 2016

368 Seiten

14,95 Euro

Originalausgabe

False Nine

Head of Zeus, London, 2015

Die Taschenbuchausgabe ist bei Tropen für den 22. September angekündigt. Sie kostet 9,95 Euro.

Hinweise

Homepage von Philip Kerr

Krimi-Couch über Philip Kerr

Wikipedia über Philip Kerr (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Philip Kerrs „Der Wintertransfer“ (January Window, 2014)

Meine Besprechung von Philip Kerrs „Die Hand Gottes“ (Hand of God, 2015)


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: „Love, Simon“, Teenager, weiß, schwul, in Georgia lebend

Juni 28, 2018

Ich bin so wie du.

Im Wesentlichen ist mein Leben völlig normal.

Mein Dad war der gut aussehende Quarterback, der die scharfe Jahrgangsbeste geheiratet hat. Und nein, die Highschool war nicht der Höhepunkt ihres Lebens.

Ich habe eine Schwester, die ich sogar mag. Ich sage ihr das natürlich nicht. Und letztes Jahr, nach 200 Folgen von einer Kochshow, hat sie beschlossen, dass sie Köchin werden will. Das heißt, wir sind jetzt alle ihre Testpersonen.

Und dann sind da meine Freunde.

Zwei von ihnen kenne ich praktisch seit Anbeginn der Zeit. Oder wenigstens seit dem Kindergarten.

Eine kenne ich erst seit ein paar Monaten, aber ich habe das Gefühl, ich kenne sie schon ewig.

Wir machen alles, was Freunde so tun. Wir trinken viel Iced Coffee, sehen uns schlechte Neunzigerjahre-Filme an und träumen im Waffle House vom College und stopfen uns mit Kohlenhydraten voll.

Und wir stehen immer zueinander.

Also, wie gesagt, ich bin genau wie du. Ich habe ein völlig normales Leben.

Nur dass ich ein riesiges Geheimnis habe.

(Simons erste Worte in „Love, Simon“, Voice Over)

 

Ich gehöre nicht zum Zielpublikum von „Love, Simon“ und ich würde meinen erwachsenen Freunden zum Thema andere Bücher und Filme empfehlen, wie „Call me by your Name“.

Aber mit diesem Buch und Film würde das Zielpublikum von „Love, Simon“ wahrscheinlich wenig anfangen können. Denn „Love, Simon“ ist ein Coming-of-Age-Film für Schüler. Der Film erzählt eine typische, an einer US-Highschool spielende Coming-of-Age-Geschichte. Mit einem kleinen Unterschied, der aus dem Film dann etwas Besonderes macht. Der titelgebende Simon ist schwul. Und das ist innerhalb des Genres ein großer Schritt hin zur Realität. Denn Simon ist der gut aussehende Protagonist und er hat mit seiner Homosexualität keine Probleme. Auch wenn er sich, wegen der offensichtlichen, damit verbundenen Probleme, noch nicht öffentlich zu seine sexuellen Orientierung bekannt hat. Im Film gibt es eine schöne Szene viel über unseren Umgang mit Sexualität verrät. Simon fragt sich, warum nicht jeder sich outen müsste und wie es wäre, wenn die Eltern beim Bekenntnis zur Heterosexualität peinlich berührt, entsetzt und schockiert wären.

Simon sucht noch, wie man es aus unzähligen Highschool-Filmen, Romantic Comedies und Schnulzen kennt, die richtige Person für das erste Mal, die die große Liebe und die Frau (den Mann? den Partner?) fürs Leben. Und bis es zum ersten Kuss kommt, muss unser Held einige Abenteuer bestehen.

Greg Berlanti erzählt in seinem, auf Becky Albertallis Jugendbuch-Bestseller basierendem Film diese Geschichte. Mit schönen Menschen in einer schönen Gegend in schönen Bildern, die auch in einer Nicholas-Sparks-Schnulze nicht negativ auffallen würden.

Eines Abends entdeckt Simon im Internet einen Text von „Blue“, der wie er Schüler an der Creekwood High in Shady Creek, einem Vorort von Atlanta, Georgia ist und der ebenfalls schwul ist. Simon legt sich das Pseudonym „Jacques“ zu und sie beginnen sich emsig online auszutauschen. Ohne ihre wahre Identität zu kennen. Simon, ein wahrer Frauenschwarm, fragt sich, wer von den Jungs an der Schule Blue ist.

Sein Leben wird noch komplizierter, als er sich nach einer auf dem Schulcomputer geschriebenen Nachricht an Blue nicht abmeldet. Sein Schulfreund und Klassenclown aus Verzweiflung Martin entdeckt Simons Geheimnis. Weil Martin in Simons Freundin Abby verliebt ist und sie nichts von ihm wissen will, erpresst er Simon. Er soll ihn mit ihr verkuppeln.

Von der Story her ist „Love, Simon“ ein typischer, kitschiger Coming-of-Age-Film über die erste Liebe, garniert mit einigen typischen Schulproblemen, verständnisvollen Eltern und Lehrern und gut aussehenden, höflichen Teenagern. Und etwas Humor der netten Art.

Aber dieses Mal spielt die sattsam bekannte Geschichte über die Suche nach der großen Liebe sich nicht zwischen einem Jungen und einem Mädchen ab. Es geht auch nicht um einen schüchternen Jungen, der sich in die Klassenschönheit (und, ja, das kann verraten werden, Blue ist ein gut aussehender Junge) verliebt, sondern es geht um einen Jungen, der einen anderen Jungen sucht, in den er aufgrund seiner E-Mails verliebt ist und dessen Identität er nicht kennt.

Damit erzählt „Love, Simon“, soweit ich den Überblick habe, zum ersten Mal, in einer Mainstream-Highschool-Komödie eine schwule Coming-of-Age-Geschichte. Und in diesem Genre gehört Berlantis Film zu den gelungenen Vertretern. Wegen Simons im Film bis zu seinem Zwangsouting gegenüber seinem Umfeld lange verschwiegener Homosexualität, haben viele Dialoge eine doppelte Bedeutung. So ist auch das Musical „Cabaret“, das Simon und seine Freunde für eine Schulaufführung proben, bewusst ausgewählt.

Besonders subtil ist das nicht. Aber „Love, Simon“ ist auch nicht der Film für den Cineasten, der endlich einmal eine schwule Liebesgeschichte sehen will, sondern für Jugendliche, die endlich einmal eine schwule Liebesgeschichte sehen sollen – und die ihnen bei der Akzeptanz ihrer Sexualität und ihrem Outing helfen kann. Denn Simon ist ein ganz normaler Junge. Es ist auch ein Aufruf zur Toleranz. Verpackt in eine konventionellen Geschichte mit einem Protagonisten, den niemand von der Bettkante stoßen würde. Wie man so sagt.

Und so ist der Film für die Menschheit noch nicht einmal ein kleiner Schritt (ich sage nur „Call me by your Name“), aber ein großer für das Mainstream-Coming-of-Age-Genre.

Der mit dem Deutschen Jugendbuchpreis ausgezeichnete Roman ist allerdings deutlich schwächer als die Verfilmung. Das Buch liest sich mit seinen dürftigen Beschreibungen wie ein Roman zum Film, der einfach nur das Drehbuch nacherzählt und dabei auf jegliche literarische Schnörkel und vertiefende, die Erzählgeschwindigkeit hemmende Beschreibungen verzichtet.

Im Gegensatz zum Film beginnt Albertalli mit der Erpressung von Martin. Damit setzt sie eine vollkommen andere Spannungskurve als der Film, in dem Simon am Anfang auf der schulischen Klatschseite creeksecrets auf den Text seines Seelenverwandten stößt. Im Film geht es daher von der ersten Minute an um die Frage, wie Simon mit seiner Sexualität und seinen Gefühlen umgeht. Im Buch muss er sich dagegen zuerst einmal um eine Erpressung kümmern. Und während der Film ständig, bei jedem Blick, jedem Satz, jedem Gespräch um die Frage kreist, welcher Mitschüler Blue ist, wird dieser Spannungsmoment von Albertalli fast gänzlich ignoriert. Deshalb sind alle Dialoge im Film wesentlich doppeldeutiger als im Buch. So gibt es im Film eine Szene, in der Simon und seine Freundin (früher hätte man sie Sandkastenliebe genannt) darüber reden, wen sie lieben und dabei, ohne dass sie es bemerken, aneinander vorbeireden. So proben die Schüler im Buch das Theaterstück „Oliver!“, basierend auf Charles Dickens‘ „Oliver Twist“. Im Film proben sie für die Schulaufführung das im Berlin in den frühen dreißiger Jahren spielende Musical „Cabaret“, das dann, auf mehreren Ebenen, Simons Geschichte spiegelt.

Love, Simon (Love, Simon, USA 2018)

Regie: Greg Berlanti

Drehbuch: Isaac Aptaker, Elizabeth Berger

LV: Becky Albertalli: Simon vs. the Homo Sapiens Agenda, 2015 (Nur drei Worte; Love, Simon)

mit Nick Robinson, Katherine Langford, Alexandra Shipp, Jorge Lendeborg Jr., Logan Miller, Miles Heizer, Kerynan Lonsdale, Josh Duhamel, Jennifer Garner, Tony Hale, Natasha Rothwell

Länge: 110 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

(Trivia: In den USA: Rated PG-13 for thematic elements, sexual references, language and teen partying)

Die Vorlage

Zum Filmstart erschien eine Filmausgabe, die ihren Namen wirklich verdient. Denn der Verlag spendierte nicht nur ein neues Cover, sondern auch einen 8-seitigen Bildteil, einen Ausschnitt aus dem Drehbuch und ein sehr kritikloses Gespräch zwischen Becky Albertalli, Simon-Darsteller Nick Robinson und Regisseur Greg Berlanti.

Becky Albertalli: Love, Simon

(Filmausgabe)

(übersetzt von Ingo Herzke)

Carlsen, 2018

336 Seiten

8,99 Euro

Deutsche Erstausgabe

Nur drei Worte

Carlsen, 2016

Originalausgabe

Simon vs. the Homo Sapiens Agenda

Balzer + Bray, 2015

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Love, Simon“

Metacritic über „Love, Simon“

Rotten Tomatoes über „Love, Simon“

Wikipedia über „Love, Simon“ (deutsch, englisch)

Homepage von Becky Albertalli

Das Gespräch in der Build Series mit dem Regisseur und den Hauptdarstellern


Der „Pik-Bube“ ist ein schlimmer Finger – und Joyce Carol Oates ist dafür verantwortlich

Juni 25, 2018

Pik-Bube ist das Pseudonym von Andrew J. Rush, dem „Stephen King für den Bildungsbürger“. Als Pik-Bube schreibt er so richtig dreckige, düstere, amoralische Thriller, in denen er seine niederen Triebe auslebt. Er schreibt sie wie in einem Fiebertraum und sie verkaufen sich zunehmend besser. Trotzdem kennt niemand die wahre Identität von Pik-Bube, seinem bösen Bruder.

Rush lebt glücklich verheiratet mit seiner Frau Irina in der Kleinstadt, in der er vor 53 Jahren geboren wurde. Als er sie kennen lernte, schrieb sie ebenfalls und, so Rushs Meinung, sogar besser als er. Trotzdem hörte sie mit dem Schreiben auf. Seine drei Kinder sind erwachsen und gut geraten. Im Dorf in New Jersey ist der sanftmütige Schriftsteller mit seiner Bilderbuchfamilie allseits geachtet.

Eines Tages erhält er einen Brief vom städtischen Gericht. Er erfährt, dass C. W. Haider ihn beschuldigt, ein Plagiator zu sein. Haider ist eine alte, vermögende Jungfer, die schon etliche Autoren – erfolglos – des Plagiats beschuldigte. Unter anderem Stephen King.

Es kommt zur Gerichtsverhandlung und später klaut Rush aus Haiders Bibliothek einige wertvolle alte Bücher und blättert, aus Neugierde, in einigen ihrer Manuskripte herum. Dabei entdeckt er erstaunlich viele Parallelen zu den später erschienen Bestsellern von Stephen King, John Updike (Die Hexen von Eastwick) und seinen Romanen.

Und Pik-Bube scheint immer mehr Besitz von Rush zu ergreifen.

Woher ein Schriftsteller seine Ideen hat, ist bei Lesungen eine der immer gestellten Fragen. Sie beschäftigt auch Schriftsteller und Krimifans dürften schnell einige Thriller nennen können, in denen ein vermeintlicher oder echter Ideendiebstahl fatale Folgen für den Schriftsteller hat. Manchmal ist ein Fan auch einfach nur sehr verärgert über das neue Werk des bewunderten Schriftstellers und „Sie“ (Misery) versucht ihn zu überzeugen, ein besseres Buch zu schreiben. Der allseits bekannte Horrorautor Stephen King, – um nur einen Namen zu nennen -, schrieb mehrere Geschichten darüber. Als Richard Bachmann veröffentlichte er mehrere Romane und als dieses Pseudonym enttarnt wurde, schrieb er darüber „Stark – The Dark Half“. In dem Horrorthriller mischt sich das Alter Ego mit tödlichen Folgen in das Leben seines Erfinders ein. Stephen King ist auch der von Joyce Carol Oates immer wieder zitierte Schriftsteller, zu dem Rush eine Hassliebe hat und, wer sich ein wenig in Stephen Kings Biographie auskennt, wird in „Pik-Bube“ viele, teilweise sehr offensichtliche, Anspielungen auf Kings Werk und Leben finden. Das Entdecken dieser Anspielungen ist ein Teil des Spaßes beim Lesen dieses kleinen Thriller.

Auch wenn „Pik-Bube“ wie ein Kriminalroman beginnt, wird er schnell zu einer psychologischen Studie eines Schriftstellers, erzählt von ihm selbst, und zu einem Horrorthriller. Ohne Monster und Geister.

Der zweihundertseitige Roman ist ein herrlich fieser, auf mehreren Ebenen funktionierender Spaß einer mit zahlreichen wichtigen Preisen ausgezeichneten Autorin, die in zahlreichen Genres und auch unter Pseudonym mehrere Romane veröffentlichte. Wie Rosamond Smith und Lauren Kelly.

Joyce Carol Oates: Pik-Bube

(übersetzt von Frauke Czwikla)

Droemer, 2018

208 Seiten

19,99 Euro

Originalausgabe

Jack of Spades

The Myterious Press, New York 2015

Hinweise

Wikipedia über Joyce Carol Oates (deutsch, englisch)

Perlentaucher über „Pik-Bube“

Meine Besprechung von François Ozons Joyce-Carol-Oates-Verfilmung „Der andere Liebhaber“ (L’Amant Double, Frankreich/Belgien 2017)


Deutscher Noir – Versuche, Teil 1: „Foresta Nera“ von Friedemann Hahn

Juni 20, 2018

Der deutsche Noir…

Geht das überhaupt?

Nun, der Polar Verlag versucht es jetzt auch mit deutschen Autoren. Der zweite ‚Deutsche Polar‘ ist „Foresta Nera“ von Friedemann Hahn. Wolfgang Sprangers „Tiefenscharf“ war der erste. Und der Polar Verlag ist nicht allein. Bei Culturbooks erschien die Kurzgeschichtensammlung „Berlin Noir“ (am Lesen, aber die ersten Geschichten wecken bei mir jetzt nicht gerade die „ich muss unbedingt weiterlesen“-Lust). Sven Heuchert veröffentlichte letztes Jahr mit „Dunkels Gesetz“ einen Noir und wenn man sucht, findet man zwischen Provinzkrimis, Krimischnurren und Serienkillerthriller auch viel Noir. Wobei Noir erst Mal nur eine von Autoren und Kritikern fast beliebig füllbare Hülle ist. Unter den unzähligen Noir-Definitionen, gefällt mir, auch wenn ich jetzt nicht den Verfasser finde, diese am Besten: „Noir ist das Gegenteil von Disney.“

Auf die bis jetzt im Polar Verlag erschienenen Krimis trifft diese Definition hundertprozentig zu. Trotzdem veröffentlichte Polar-Herausgeber Wolfgang Franßen nicht einfach den Roman eines deutschsprachigen Autors, sondern erklärt im Vorwort von „Tiefenscharf“: „Von Anfang an, als ich den Polar Verlag gründete, wollte ich einen ‚Deutschen Polar‘ ins Leben rufen. Autoren eine Plattform bieten, sie ermuntern, sich abseits des Gängigen zu bewegen, vielmehr Risiken einzugehen. (…) Es ist also Zeit für keinen Kompromiss. Für kein Etikett, um das Marketing zu erweitern. Zeit für Autoren und Autorinnen, die etwas wagen wollen. Sei es stilistisch, sei es durch unbequeme Antworten. Geschichten müssen rebellieren. Nicht mit Krawall und Tumult, um effekthaschende Kulissen zu errichten, die alles für einen Platz auf der Bestsellerliste opfern würden. (…) Deutscher Polar? Wir amüsieren uns nicht zu Tode. Wir rebellieren.“

Ein Ergebnis der Rebellion ist Friedemann Hahns jetzt erschienenes Debüt „Foresta Nera“, das sich wie ein assoziativer Fieberalbtraum liest. Eine herkömmliche, nacherzählbare Geschichte ist nicht mehr vorhanden. Es sind nur noch Splitter. Es geht um illegale Geschäfte, mehrere Frauenmorde, einen toten Künstler und mehrere Polizisten und Verbrecher, deren Geschichte bis in die Nazi-Zeit und ihre gemeinsame Zeit in der Fremdenlegion zurückreicht.

Dass die Geschichte 1962 spielt, wird erwähnt, aber mehr als ein beliebig austauschbares Nachkriegsjahr bleibt es nicht. Hahn schiebt immer wieder früher spielende Szenen in die aktuelle Geschichte. Oft ist nicht genau erkennbar, wann diese Szenen spielen. Und wie sehr sie Realität oder Fantasie sind. Hahns Welt ist ein düsteres Paralleluniversum, das, ungeachtet der Faktentreue, immer wie eine von der Realität entkoppelte Fantasie wirkt.

Sein Schwarzwald, – „Foresta Nera“ ist italienisch für „Schwarzwald“ -, ist ein direkt aus der Schwarzen Romantik entsprungenes Fantasie-Land, in dem das Leben der Bewohner in düsteren Farben gezeichnet wird.

Das ist, unbestritten, immer wieder bildgewaltig und eindrücklich beschrieben. Aber es ist auch genau diese Art von Literatur, die mich absolut nicht anspricht.

Foresta Nera“ ist wie ein Horrorfilm, der mangelnde Substanz mit Schockbildern, dunklen Bildern, Blut und Gedärmen (auch wenn es nur von einer Hausschlachtung ist) und einem Unwohlsein erzeugendem Soundtrack kompensiert.

Friedemann Hahn: Foresta Nera

Polar Verlag, 2018

216 Seiten

16 Euro

Hinweise

Polar über „Foresta Nera“

Homepage von Friedemann Hahn

Wikipedia über Friedemann Hahn

Und der sehr, sehr wichtige Suchhinweis:

GESUCHT WIRD EIN DEUTSCHER-POLAR-KRIMINALROMAN

ALARMSIGNALE: Wir leben in einer Epoche sozialer Verwerfungen. Die Auswirkungen der entfesselten Ökonomie machen vor keiner Grenze halt und erschüttern die Gesellschaften bis in ihre Grundfesten. Korrupte Wirtschaftsführer und Politiker, Großkonzerne, deren Einfluss sich wie ein Spinnennetz über die Gesellschaften legt, Rassismus, Gewalt gegen Schwächere bestimmen das 21. Jahrhundert.

ANTWORTEN GESUCHT: Der Kriminalroman muss sich mit der Wirklichkeit befassen, auf diese Situation reagieren. Er muss sie beschreiben und aufzeigen, dass Verbrechen nicht im luftleeren Raum geschehen.

FRAGEN STELLEN: Wer die Welt beschreibt, ergreift zwangläufig Partei für oder gegen die herrschenden Verhältnisse, für oder gegen die Erniedrigten und Beleidigten, für oder gegen die, die Macht missbrauchen. Um die Welt, in der wir leben, zu beschreiben, ist ein Kriminalroman nötig, der eine harte, klare Sprache spricht und deutlich Stellung bezieht.

NICHTS ALS UNGESCHMINKT: Kein Land ist ausgespart. Deshalb brauchen wir auch in Deutschland eine Kriminalliteratur, die – aufbauend auf der Tradition des harten Realismus der Klassiker und der Gnadenlosigkeit des Polar/Noir – die gesellschaftlichen Widersprüche des 21. Jahrhunderts und ihre Verbrechen beschreibt. Wir wünschen uns eine Kriminalliteratur ohne ängstliche Kompromisse. Wir suchen kühne Autoren/Innen, die das Verbrechen dort ansiedeln, wo es stattfindet – in der Wirklichkeit.

BELOHNUNG: EINE VERÖFFENTLICHUNG DES KRIMINALROMANS IM POLAR VERLAG

PREISGELD 1000,00 Euro

Ausschreibung vom 01.04.2018 bis zum 31.11.2018

Preisgeld 1000,00 Euro

Die Jury: Doris Gercke, Frank Göhre, Robert Brack, Tobias Gohlis

Einsendungen nur per Mail unter: kontakt@polar-verlag.de

PREISVERLEIHUNG AUF DER LEIPZIGER BUCHMESSE 2019

Die Jury ist in jedem Fall kompetent. Jetzt sollte sie auch gute Manuskripte lesen.


Ist James Comey „Größer als das Amt“? – Buchkritik und sachdienliche Hinweis zu seiner Lesung in Deutschland

Juni 18, 2018

Vor über einem Jahr hätte ich James Comey ausführlich vorstellen müssen. Dann wurde er am 9. Mai 2017 von US-Präsident Donald Trump auf eine sehr schäbige, weltweit beachtete Weise entlassen.

Davor war der via Fernsehen geschasste, von Barack Obama berufene FBI-Direktor Comey, falls man nicht in den USA lebte oder sich brennend für die US-Politik interessiert, nur im Zusammenhang mit den Ermittlungen des FBI gegen Hillary Clinton über ihren unsachgemäßen E-Mail-Gebrauch bekannt. Der Vorwurf wurde vor allem von den Republikanern breit skandalisiert. Am 5. Juli 2016 verkündete Comey öffentlich die Einstellung der Ermittlungen. Wenige Tage vor dem Wahlsonntag verkündete er, aufgrund neuer Erkenntnisse, die Wiederaufnahme und kurz darauf, immer noch vor dem Wahlsonntag, die endgültige Einstellung des Verfahrens. Beides wurde von einem gewaltigen Medienrummel und Wahlkampfgetöse begleitet.

Diese Geschichte hat jetzt ein offizielles Ende. Am 14. Juni 2018 veröffentlichte der Generalinspekteur des Justizministeriums einen fünfhundertseitigen Bericht, der Comey von einer politischen Motivation freisprach. Die Ermittlungen seien konform zu den bestehenden Regeln geführt worden. Aber Comey sei bei seinem Umgang mit der Öffentlichkeit von Standards und geltenden Prozeduren des FBI und des Justizministeriums abgewichen. LINK

In seinem Buch „Größer als das Amt: Auf der Suche nach der Wahrheit – Der Ex-FBI-Direktor klagt an“ schildert Comey ausführlich seine Motive und auch etliche Hintergründe zu den FBI-Ermittlungen gegen Hillary Clinton, die sich zu dem Zeitpunkt um das Amt des US-Präsidenten bewarb. Die Versuche Russlands, die US-Wahl zu beeinflussen, erwähnt Comey kurz und ohne irgendwelche Geheimnisse, die Ermittlungen gefährden könnten, zu verraten. Als Zeitungsleser ist man da schon seit Monaten besser informiert.

Comey schildert auch ausführlich seine Begegnungen mit Donald Trump. Comey traf Trump zum ersten Mal nach der Präsidentenwahl. Und wer seit November 2016, als Trump zum US-Präsidenten gewählt wurde, die Medien aufmerksam verfolgte, wird auf diesen Seiten nichts Neues erfahren.

Überraschend ist Comeys Beobachtung, dass ihn Trump und seine Entourage an die New Yorker Mafia der achtziger Jahre erinnert. Damals verdiente Comey sich seine ersten Sporen als Staatsanwalt bei Verfahren gegen Mafiosi. Dieser ziemlich kurze Einblick (für mich hätte er darüber bis zum Start von „Gotti“ [noch kein deutscher Starttermin] ganze Bücher füllen können) und seine Erinnerungen an seine Zeit als United States Deputy Attorney General, was ihn zum Stellvertretenden Justizminister und zweithöchsten Beamten im Justizministerium machte, füllen weniger als die Hälfte des Buches. Comey war vom 9. Dezember 2003 bis zum 15. August 2005 Stellvertretender Justizminister. Damals war George W. Bush Präsident. In seiner Amtszeit beschäftigte Comey sich mit dem NSA-Abhörprogramm „Stellar Wind“ und der Foltererlaubnis, die nach dem Terroranschlag vom 11. September 2001 bewilligt und geheim gehalten wurden. Beides wurde, als Comey sein Amt erhielt, schon lange praktiziert. Beides lehnte er ab. Beide Male hielt er die juristischen Gutachten, die sich für die Maßnahmen aussprachen, für schlechte Gefälligkeitsgutachten. Außerdem hatte er als Staatsanwalt bei der Frage, wie man Verdächtige auch ohne Folter zu Geständnissen bewegt, reichhaltige Erfahrungen aus seiner New Yorker Zeit.

Diese Episoden illustrieren seine großen Themen: die Frage, nach der richtigen Führung und die nach der richtigen Entscheidung, die von bleibenden Werten bestimmt werden. Dabei versteht Comey, der fast sein gesamtes Berufsleben im Staatsdienst verbrachte, sich als Beamter, der eine Institution vertritt und diese Institution, ihre Werte und die Werte der Gesellschaft müssen geschützt werden. Sie sind größer als die Person, die das Amt für eine bestimmte Zeit bekleidet. Dabei zieht Comey einen klaren Strich zwischen der apolitischen, sich nur nach dem Gesetz richtenden, diese objektiv und ohne Ansehen der Person anwendenden und von politischen Begehrlichkeiten freien Arbeit der Institutionen und der Politik, die Recht und Regeln je nach Opportunität anwendet. Das ist eine etwas unterkomplexe Sicht der Welt, die dazu führt, dass Verwaltung, Politik und Gesellschaft klar voneinander getrennt sind und sich nicht beeinflussen. In dieser Welt liefert die Verwaltung der Politik die objektiven Ratschläge.

Comey inszeniert sich als gänzlich unpolitischen Menschen. Als einen Staatsdiener, der den Auftrag der von ihm vertretenen Institution möglichst umfassend vertreten will. Dass er im Wahlregister bis 2016 als Republikaner eingetragen war, erwähnt er in einem Nebensatz. Dass er Geld für die Kampagnen der republikanischen Präsidentschaftskandidaten John McCain und Mitt Romney spendete, erwähnt er nicht. Dass die meisten FBI-Agenten konservative, weiße Männer sind und er als FBI-Direktor versuchte, das zu ändern, erwähnt er. Dass die USA eine zutiefst rassistische und gespaltene Gesellschaft ist, erwähnt er dagegen höchstens in einem Halbsatz. So als hätte das keinen Einfluss auf die Arbeit von Justiz und Polizei.

Dafür geht er ausführlicher auf die Frage ein, wie gute Führung aussieht, welche Führungscharaktere seine verschiedenen Vorgesetzten (u. a. Rudy Guiliani) waren und wie er Teams und Organisationen führte. Comey plädiert dabei klar eine ethische Führung, in der der Chef durch sein Vorbild führt. Als er Trump das erste Mal trifft, bemerkt er: „Der ‚Führer der freien Welt‘, der selbst ernannte großartige Business-Tycoon, hatte das Kernprinzip von ethischer Führung nicht verstanden: Sie wird nie Loyalität verlangen. Nur diejenigen, die mit Furcht herrschen – wie ein Mafiaboss -, fordern persönliche Loyalität. Moralisch integre Führungspersönlichkeiten sorgen sich zutiefst um diejenigen, die sie führen und bieten ihnen Aufrichtigkeit und Anstand, Engagement und eigene Opfer. Sie setzen Vertrauen in ihre Leute, und das erzeugt Ergebenheit. Sie kennen ihr Talent, aber auch ihre Grenzen – wenn es darum geht, zu verstehen und zu argumentieren, darum, die Welt so zu sehen, wie sie ist, nicht wie sie sie gerne hätten. Sie sagen die Wahrheit und wissen, dass man, um kluge Entscheidungen zu treffen, Menschen braucht, die einem die Wahrheit sagen. Und damit sie diese Wahrheit zu hören bekommen, erzeugen sie eine Umgebung mit hoher Motivation und gründlicher Überlegung – ‚Liebe‘ ist dafür kein zu großes Wort. In so einer Umgebung entstehen dauerhafte Bindungen, und außergewöhnliche Errungenschaften werden möglich. Mit ethischem Führungsstil ist es nicht vereinbar Loyalität zu fordern.“

Dieses Konzept, das sich als roter Faden durch das Buch zieht und das Comey an mehreren Stellen ausführlicher erläutert, ist der vollständige Gegenentwurf zur Trumpschen Führung – und Comey bringt dieses Konzept an, um Trump allein schon auf dieser Ebene maximal zu – – – ähem, vollkommen nachvollziehbar aufzuzeigen, dass Donald Trump vollkommen ungeeignet für das Amt ist. Und auch ungeeignet ist, um irgendein Unternehmen, das mehr als eine Handvoll Mitarbeiter hat, zu leiten.

Comeys Buch „Größer als das Amt“ fügt den schon jetzt bekannten Fakten einige, eher unbedeutende Facetten hinzu und es ist ein Loblied auf den braven Beamten. Im Mittelpunkt des Buches steht dabei seine Zeit als FBI-Direktor. Sie nimmt über die Hälfte des Buches ein. Seine Zeit als Stellvertretender Justizminister nimmt weitere siebzig Seiten des 384-seitigen Buches ein.

James Comey: Größer als das Amt: Auf der Suche nach der Wahrheit – Der Ex-FBI-Direktor klagt an

(übersetzt von Pieke Biermann, Elisabeth Liebl, Werner Schmitz, Karl Heinz Siber und Henriette Zeltner)

Droemer, 2018

384 Seiten

19,99 Euro

Originalausgabe

A higher Loyalty. Truth, Lies, and Leadership

Flatiron Books, New York, 2018

Die schon länger ausverkaufte Lesung

James Comeys Lesung am Dienstag, den 19. Juni 2018, um 20.00 Uhr im Kino International (Karl Marx Allee 133, Berlin) wird als „einzige öffentliche Veranstaltung“ angekündigt und sie ist schon seit Tagen ausverkauft. Sie wird vom Droemer Verlag, den Yorck Kinos, der American Academy und der Wochenzeitung „Die Zeit“ präsentiert. Die Zeitung bietet auch einen Livestream an; – falls man sich nicht doch auf den Weg zum Veranstaltungssaal begeben oder immer wieder versuchen will, ob es nicht doch einige zurückgegebene Karten gibt.

Hinweise

James Comey twittert

Droemer über James Comey

Wikipedia über James Comey (deutsch, englisch)


Das ist „Die dunkelste Stunde“ für die Gegner des Punisher

Juni 11, 2018

Nachdem Frank Castle die Verbrecherorganisation Condor besiegte, kehrt der Punisher zurück nach New York und er tut das, wofür er bekannt ist. Er knöpft sich Verbrecher vor und bestraft sie. Normalerweise gleichzeitig als Polizist, Richter und Vollstrecker.

In dem neuesten „Punisher“-Buch „Die dunkelste Stunde“ sind die letzten fünf von Becky Cloonan geschriebenen „Punisher“-Hefte gesammelt. Es handelt sich dabei um drei Geschichten von der Länge eines Hefte. Die vierte Geschichte, in der Castle gegen Face kämpfen muss, umfasst zwei Hefte und ist ein Nachschlag zu Castles Kampf gegen die Verbrecherorganisation Condor, die mit der Droge EMC experimentierte. Face hat eine Überdosis EMC erhalten, was ihn unempfindlich gegen Schmerzen macht.

In den anderen Geschichten kämpft Castle gegen gewöhnlichere Gegner, wie einen gewalttätigen Stalker, Kunstdiebe und einem Mann, der wahllos Menschen vor U-Bahnen stößt.

Insgesamt liefern die vier Geschichten genau das, was der „Punisher“-Fan erwartet: knackig brutale Unterhaltung, garniert mit einigen zynischen Sprüchen. Weil es sich dieses Mal um kurze Geschichten handelt, ist alles kleiner als gewohnt. Insofern ist „Die dunkelste Stunde“ vor allem ein Zwischenhappen bis zum nächsten großen, mehrere Einzelhefte umfassendem „The Punisher“-Abenteuer.

Becky Cloonan/Matt Horak/Kris Anka: The Punisher: Die dunkelste Stunde

(übersetzt von Carolin Hidalgo)

Panini, 2018

116 Seiten

14,99 Euro

Originalausgabe

The Punisher, Vol. 3: King of the New York Streets

Marvel, 2018

enthält

The Punisher (2016) # 13 – 17

Marvel, August 2017 – Dezember 2017

Hinweise

Homepage von Becky Cloonan

Wikipedia über “The Punisher” Frank Castle (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Garth Ennis/Steve Dillons „The Punisher: Frank ist zurück“ (The Punisher # 1 – 12, 2000/2001)

Meine Besprechung von Garth Ennis (Autor)/Leandro Fernandez (Zeichner) „The Punisher – Garth Ennis Collection 7“ (Up is Down and Black is White, The Slavers, 2005/2006)

Meine Besprechung von Garth Ennis/Goran Parlov/Leandro Fernandezs “The Punisher – Garth-Ennis-Collection 8″ (Barracuda, Part 1 – 6 (Punisher [MAX] 31 – 36), Man of Stone, Part 1 – 6 (Punisher [MAX] 37 – 42), 2006/2007)

Meine Besprechung von Garth Ennis‘ „The Punisher – Garth-Ennis-Collection 9“ (Widowmaker, Part 1 – 7 [Punisher (MAX) Vol. 43 – 49], Long Cold Dark, Part 1 – 5 [Punisher (MAX) Vol 50 – 54], 2007/2008)

Meine Besprechung von Garth Ennis‘ „The Punisher – Garth-Ennis-Collection 10“ (Valley Forge, Valley Forge, Part 1 – 6 [Punisher (MAX) Vol. 55 – 60], 2008)

Meine Besprechung von Jason Aaron (Autor)/Steve Dillons (Zeichner) “PunisherMax: Kingpin (Max 40)” (PunisherMax: Kingpin, Part 1 – 5, 2010)

Meine Besprechung von Jason Aaron/Steve Dillons „The Punisher (MAX) 48: Frank“ (PunisherMax: Frank, 2011)

Meine Besprechung von Jason Aaron/Steve Dillons „The Punisher (MAX) 49: Der letzte Weg“ (PunisherMax: Homeless, 2011/2012)

Meine Besprechung von Greg Rucka (Autor)/Marco Checcetto (Zeichner)/Max Fiumaras (Zeichner) „Punisher 1: Ermittlungen“

Meine Besprechung von Charlie Huston/Andy Diggle/Kyle Hotz‘ „PunisherMAX: Hässliche kleine Welt“

Meine Besprechung von Scott M. Gimple (Autor)/Mark Texeiras (Zeichner) „100 % Marvel 72 – Punisher: Nightmare“ (Punisher: Nightmare # 1 – 5, 2013)

Meine Besprechung von Becky Cloonan/Steve Dillons „Punisher: Operation Condor (Band 1)“ (The Punisher # 1 – 6, Juli 2016 – Dezember 2016)

Becky Cloonan/Steve Dillon/Matt Horak/Laura Bragas „The Punisher: Wilde Bestien (Band 2)“ (The Punisher # 7 – 12, Februar – Juli 2017)

Meine Besprechung von Mark Goldblatts „The Punisher“ (The Punisher, USA/Australien 1989)

 

 


Endspiele: ein „Saurer Apfel“ für „Chew – Bulle mit Biss!“, kein „Bleib doch noch etwas“ für „Revival“

Mai 23, 2018

Jetzt enden fast zeitgleich zwei Comicserien, die beide einen vielversprechenden Start hatten und sich dann in vollkommen unterschiedliche Richtungen entwickelten. „Chew – Bulle mit Biss!“ wurde immer besser. Schnell war mir egal, wie Autor John Layman und Zeichner Rob Guillory ihre Geschichte zu Ende bringen. Dagegen sehnte ich bei der von Tim Seeley (Autor) und Mike Norton (Zeichner) erzählten Geschichte „Revival“ das Ende immer mehr herbei.

Oh, und beide Serien spielen in dystopischen Zukünften. In „Revival“ werden die Toten wieder lebendig. In „Chew – Bulle mit Biss!“ sterben durch einen durch Hühnerfleisch verursachten Nahrungsmittelskandal Millionen Menschen. Seitdem gibt es ein strikt eingehaltenes und gnadenlos verfolgtes Verbot von Hühnerfleisch. Gegen dieses Verbot war die Alkoholprohibition harmlos. Die FDA (Food and Drug Adminstration, Lebensmittelaufsicht) ist jetzt eine der mächtigsten Institution der Welt. Tony Chu ist einer ihrer besten Männer. Er ist ein Cibopath. D. h. wenn er etwas isst, kennt er die gesamte Geschichte des Gegessenen. Seine Fähigkeit ist bei Ermittlungen sehr nützlich. Finden jedenfalls seine Vorgesetzten, die bestimmte Dinge, die Chew schlucken muss, nicht einmal mit einer Kneifzange anfassen würden.

Seit dem ersten „Chew“-Heft erfand John Layman unzählige weitere Spezialbegabungen, von oft zweifelhaftem Nutzen. Für die Menschheit und den Besitzer der, öhm, Begabung. So gibt es in „Saurer Apfel“ einen Cereduratus. Speiseeis, das er herstellt, führt zum tödlichen Erfrieren des menschlichen Hirns. Die Abenteuer, die Chew, seine Familie, seine Freunde und Feinde erlebten, wurden immer abstruser. Rob Guillorys Zeichnungen waren durchgehend satirisch überspitzt und die Abenteuer so witzig, dass es vollkommen egal war, was hinter Hähnchen-Pandemie und einer später am Himmel auftauchenden Feuerschrift steckte.

Mit dem zwölften Sammelband „Saurer Apfel“ liegen jetzt die letzten Hefte der von John Layman und Rob Guillory erfundenen Comicserie „Chew – Bulle mit Biss!“ vor. In insgesamt sechzig Heften versuchten Chu, sein Kollege John Colby und sein inzwischen verstorbener ärgster Feind Mason Savoy (Chu muss ihn wegen der Informationen, die Savoy hat, essen) herauszufinden, was es mit Hühnergrippe und Feuerschrift, die das Ende der Welt bedeutet, auf sich hat.

Das gelingt ihnen mehr oder weniger. Insgesamt ist „Saurer Apfel“ ein schönes, aber nicht besonders dringendes Finale. Es hat etwas von spaßverderbenden Aufräumarbeiten, während die Party noch läuft.

In der von Tim Seeley, dem Erfinder und Autor von „Hack/Slash“ (grandios!), geschriebenen und Mike Norton gezeichneten Comicserie „Revival“ kommen eines Tages in dem Wisconsin-Kaff Wausau die Toten zurück. Aber sie sind keine Gehirn mampfenden Zombies, sondern verträgliche Zeitgenossen, die sich nicht von den Lebenden unterscheiden. Außer dass sie kürzlich gestorben sind. Es wird eine Quarantänezone um das Gebiet, in dem die Untoten auftauchen, errichtet. Die Medien und Spinner jeglicher Couleur belagern die Gegend, während in dem abgesperrten Gebiet das Leben fast normal weitergeht. So will Officer Dana Cypress von der örtlichen Polizei den Mörder ihrer Schwester finden.

Nach diesem starken Auftakt verzettelte sich „Revival“ in immer mehr Subplots. Es wurde immer unklarer, wohin die Geschichte führen soll. Ganze Hefte der aus 47 Heften bestehenden, in acht Büchern gesammelten Serie, zogen sich hin, ohne dass irgendeine Entwicklung erkennbar war, während potentiell interessante Subplots nicht weiter verfolgt wurden.

Gegen Ende der Serie übernimmt das Militär die Kontrolle über Wasau. Zuerst verkörpert durch den lesbischen General Louise Cale (was sie natürlich interessanter macht), später durch ihren skrupelloseren Kollegen, General Hauser. Er soll das Problem endgültig lösen.

Währenddessen tauchen immer mehr Geister auf, die anscheinend irgendeine Verbindung zu den Untoten haben und die die Lebenden bedrohen. Die Situation in dem unter Quarantäne stehendem Gebiet wird immer unübersichtlicher.

Trotzdem enttäuscht das Finale, das die verschiedenen Handlungsstränge zu einer erstaunlich religiösen und damit auch konventionellen Erklärung zusammenfügt. Natürlich mit allem dazugehörigem Pipapo von Unwetter, atmosphärischen Störungen, Armageddongefühl und einem riesigen Kampfgetümmel, in dem alle munter mitmischen.

John Layman/Rob Guillory: Chew – Bulle mit Biss!: Saurer Apfel (Band 12)

(übersetzt von Annika Klapper)

Cross Cult, 2018

128 Seiten

20 Euro

Originalausgabe

Chew Vol. 12: Sour Grapes

Image Comics, 2017

Tim Seeley/Mike Norton: Revival 7: Vorwärts!

(übersetzt von Frank Neubauer)

Cross Cult, 2017

128 Seiten

20 Euro

Originalausgabe

Revival, Volume 7: Forward

Image Comics, 2016

Tim Seeley/Mike Norton: Revival 8: Bleib doch noch etwas

(übersetzt von Frank Neubauer)

Cross Cult, 2018

128 Seiten

20 Euro

Originalausgabe

Revival, Volume 8: Stay just a little bit longer

Image, 2017

Hinweise

Homepage von Chew/John Layman

Comicgate: Interview mit John Layman (5. März 2011)

Meine Besprechung von John Layman/Rob Guillorys „Chew – Bulle mit Biss: Leichenschmaus (Band 1)“ (Chew Vol. 1: Taster’s Choice, 2009)

Meine Besprechung von John Layman/Rob Guillorys „Chew – Bulle mit Biss: Reif für die Insel (Band 2)“ (Chew: International Flavor, 2010)

Meine Besprechung von John Layman/Rob Guillorys „Chew – Bulle mit Biss: Eiskalt serviert (Band 3)“ (Chew Vol. 3: Just Desserts, 2010)

Meine Besprechung von John Layman/Rob Guillorys „Chew – Bulle mit Biss!: Flambiert (Band 4)“ (Chew, Vol. 4: Flambé, 2011)

Meine Besprechung von John Layman/Rob Guillorys „Chew – Bulle mit Biss!: Erste Liga“ (Band 5) (Chew Vol. 5: Major Legue Chew, 2012)

Meine Besprechung von John Layman/Rob Guillorys „Chew – Bulle mit Biss!: Space Kekse (Band 6)“ (Chew Vol. 6: Space Cakes, 2013)

Meine Besprechung von John Layman/Rob Guillorys „Chew – Bulle mit Biss!: Die letzten Abendmahle (Band 11)“ (Chew Vol. 11: The last suppers, 2016)

Meine Besprechung von John Layman/Jason Fabok/Andy Clarkes „Batman Detective Comics: Der Herrscher von Gotham (Band 3)“ (Detective Comics 13 – 20, 2012/2013)

Homepage von Tim Seeley

Meine Besprechung von Tim Seeleys „Hack/Slash: (Re)Animatoren (Band 5)“ (Hack/Slash: Reanimation Games, 2009)

Meine Besprechung von Tim Seeleys „Hack/Slash: My First Maniac – Wie alles begann (Band 9)“ (Hack/Slash: Me without you, 2010)

Meine Besprechung von Tim Seeleys „Hack/Slash: Folterverliebt (Band 10)“ (Hack/Slash: Torture Porn, 2011)

Meine Besprechung von Tim Seeleys „Hack/Slash – Tote Promis (Band 11)“ (Hack/Slash: Dead Celebrities, 2012)

Meine Besprechung von Tim Seeleys „Hack/Slash – Heiraten, f#cken, töten (Band 12)“ (Hack/Slash: Marry F#ck Kill, 2012)

Meine Besprechung von Tim Seeley/Mike Nortons „Revival: Unter Freunden (Band 1)“ (Revival, Volume 1: You’re among friends, 2012)

Meine Besprechung von Tim Seeley/Mike Nortons „Revival – Lebe dein Leben (Band 2)“ (Revival, Volume 2: Live like you mean it, 2013)

Meine Besprechung von Tim Seeley/Mike Nortons „Revival – Ein ferner Ort (Band 3)“ (Revival, Volume 3: A faraway place, 2014)

Meine Besprechung von Tim Seeley/Mike Nortons „Revival: Flucht nach Wisconsin (Band 4)“ (Revival, Volume 4: Escape to Wisconsin, 2014)

Meine Besprechung von Tim Seeley/Mike Nortons „Revival: Steigende Fluten (Band 5)“ (Revival, Volume 5: Gathering of Waters, 2015)

Meine Besprechung von Tim Seeley/Mike Nortons „Revival: Deine treuen Söhne und Töchter (Band 6)“ (Revival, Volume 6: Thy loyal sons & daughters, 2016)


„Rogue One – Eine Star Wars Story“ – Der Roman zum Film

Mai 22, 2018

Von all den Büchern, die bei mir herumliegen, ist „Rogue One – Eine Star Wars Story“ sicher das unwichtigste. Ein Filmroman, der jetzt bei Blanvalet als Taschenbuch erschien. Nachdem das Buch als Paperback bereits vor einem Jahr bei Penhaligon erschien. Der Film lief schon Weihnachten 2016 im Kino und gefiel mir nicht.

Es gibt also keinen Grund, den Roman zu lesen; außer, natürlich, mein Wunsch, zu erfahren, ob Alexander Freed die Lücken im Film sinnvoll stopfen kann.Und dass ich ein altmodisches Weltraumabenteuer lesen will.

Außerdem mag ich Filmromane.

Das sind jetzt schon drei gute Gründe für die Lektüre.

Über die Geschichte von „Rogue One“ muss inzwischen wohl wenig gesagt werden. Film und Roman erzählen die Geschichte von Jyn Erso und einer kleinen Gruppe Rebellen, die auf dem Planeten Scarif die Pläne stehlen, die zur Vernichtung des Todessterns in „Krieg der Sterne“ (Star Wars, USA 1977) führen. Vor dem Film fabulierten die Macher, dass „Rogue One“ eine wichtige Frage, im „Star Wars“-Universum schließen werde. Nun, ja, das kann man so sehen, aber wirklich wichtig war die Antwort nicht. Oder wollen wir demnächst über Putzpläne auf irgendwelchen Raumstationen informiert werden?

Freed erzählt, wie es sich für einen Roman zum Film gehört, die Filmgeschichte mit all ihren Problemen nach. Dabei konzentriert er sich auf die wenig durchdachte Handlung. Er fügt einige Szenen hinzu, schildert einige Ereignisse aus verschiedenen Perspektiven und er macht die Motive der Personen, vor allem von Jyn, nachvollziehbarer. Es wird verständlicher, warum sie entschließt, die Pläne für die Vernichtung des Todessterns zu besorgen. Diese Waffe wurde federführend von ihrem Vater konstruiert. Er tat das auf Druck von Orson Krennic, dem Bösewicht der Geschichte. Jyn verbrachte ihre Jugend ohne ihren Vater. Sie hasst ihn. Nachdem sie erfährt, dass er sie nicht freiwillig verlassen hat, nimmt sie aber doch das Erbe ihres Vaters an. Er wollte, dass der Todesstern zerstört wird. Und die Pläne dafür sind im Zentralarchiv auf Scarif.

Jyn und eine kleine Rebellengruppe, die titelgebende und ohne einen Auftrag handelnde „Rogue One“ (das Imperium und die Rebellion sind beides schon ziemlich militärisch organisierte Vereinigungen) machen sich dann auf den Weg nach Scarif. Warum die Männer ihr, einer ungebundenen Abenteurerin, die sich bislang aus dem Krieg zwischen Imperium und Rebellion heraushielt, die über keine Führungserfahrung und nennenswerte Kampferfahrung verfügt, folgen, wird auch im Roman nicht viel nachvollziehbarer. Der Hinweis auf ein ‚Leuchten‘ (vulgo ihre für das menschliche Auge unsichtbare Aura) und ihre gottgegebenen, von den anderen sofort erkannten Führungsqualitäten müssen reichen.

Die Entscheidung des Imperiums, den gesamten Planeten Scarif zu zerstören und so den Diebstahl der Pläne zu verhindern, ist allerdings vollkommen gaga. Im Buch noch mehr als im Film. Denn im Buch erfahren wir mehr über das Archiv, in dem die vollständigen Pläne für den Todesstern lagern. Sie sind in einer gewaltigen Bibliothek, die unendlich viele Baupläne und sonstige Leistungen von Ingenieuren enthält. Sie enthält letztendlich die gesamte Kultur der Galaxis. Und es scheint keine weiteren Kopien zu geben. Jedenfalls drängt sich im Roman der Eindruck auf, dass es diese ganzen Baupläne nicht in unendlicher Zahl an unendlich vielen Orten gibt. Letztendlich steht auf Scarif eine gewaltige Zentralbibliothek, die das gesamte Wissen der Galaxie beinhaltet.

Mit der Vernichtung des Planeten wird gleichzeitig dieses Wissen zerstört. Das ist dann doch eine Überreaktion, die aus der Entstehungszeit der des ersten „Krieg der Sterne“-Films, Mitte der siebziger Jahre, erklärbar ist und heute zu einem gewaltigen Nachteil für das von George Lucas erfundene Universum wird.

Denn das Bild von Zentralbibliotheken und der Versuch, an bestimmten Orten das Wissen der Menschheit zu bündeln, ist heute, im Zeitalter von Cloud-Computing, zutiefst anachronistisch. Damals waren Computer riesige Geräte. Heute hat jedes Telefon mehr Rechnerleistung. Heute sind alle Geräte miteinander vernetzt. Das Internet ist so aufgebaut, dass es quasi unmöglich ist, eine Information zu zerstören oder auf ihrem Weg zum Empfänger aufzuhalten. Und selbstverständlich gibt es keinen Unterschied zwischen Original und Kopie. In „Rogue One“ ist genau das eines der Probleme, mit denen Jyn und ihre Rebellentruppe sich herumschlagen müssen, nachdem Jyn die Daten, die in einer Leitz-Ordner-großen Kassette sind, aus dem Archiv geklaut hat. Denn die Datenübertragung funktioniert nur von einem bestimmten Ort und nur über eine bestimmte Entfernung. Wenn die Entfernung zu groß wird, kommt das Signal nur noch verstümmelt an.

Auch die andere in „Rogue One“ benutzte Technik, ihre Möglichkeiten und Grenzen sind, aus heutiger Sicht, betont altmodisch. Es handelt sich um Technik, die vor vierzig Jahren unvorstellbar war. Heute sind die Probleme teilweise gelöst oder die Ideen wurden als Unfug verworfen.

Genau wie die Technik verharrt das Gesellschaftsbild des „Star Wars“-Kosmos in den siebziger Jahren und den noch älteren Inspirationen für „Krieg der Sterne“. Es handelt sich um eine Fantasy-Welt, die in den Filmen, die vor dem ersten „Krieg der Sterne“-Film spielen, auch nicht weiterentwickelt werden kann. Das gilt für die vergessenswerte Prequel-Trilogie, „Rogue One“ und „Solo“. In der aktuellen Trilogie („Das Erwachen der Macht“, „Die letzten Jedi“ und „Episode IX“) ist das immerhin prinzipiell möglich. Aber es wurde nicht getan. Ob es in den anderen, bis jetzt angekündigten „Star Wars“-Filmen gemacht wird, ist unklar. Die „Star Wars“-Welt ist eine statische Welt, die sich seit Jahrzehnten nicht veränderte. Sie kann, weil eine ganze Welt mit familiären Konflikten und einem politischen Kampf um die Macht im Universum entworfen wurde, auch nur begrenzt an die Gegenwart und aktuelle Diskurse, Entwicklungen und Probleme angepasst werden.

Alexander Freed: Rogue One – Eine Star Wars Story

(übersetzt von Andreas Kasprzak)

Blanvalet, 2018

448 Seiten

9,99 Euro

Deutsche Erstausgabe

Penhaligon, 2017

Originalausgabe

Rogue One. A Star Wars Story

Del Rey, 2016

Die Vorlage

Rogue One: A Star Wars Story (Rogue One: A Star Wars Story, USA 2016)

Regie: Gareth Edwards

Drehbuch: Chris Weitz, Tony Gilroy (nach einer Geschichte von John Knoll und Gary Whitta, basierend auf Charaktere von George Lucas)

mit Felicity Jones, Diego Luna, Ben Mendelsohn, Donnie Yen, Jiang Wen, Mads Mikkelsen, Alan Tudyk, Riz Ahmed, Forest Whitaker, Jimmy Smits

Länge: 134 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Außerdem in der weit, weit entfernten Galaxis

Der unterhaltsame Film „Solo: A Star Wars Story“ startet am 24. Mai in unseren Kinos. Meine Besprechung gibt es bald.

Panini hat für den 26. Juni den gleichnamigen Filmroman (es müsste sich um die Version für ein jugendliches Publikum handeln) angekündigt. Der Autor wird verschwiegen. Das Buch soll 15 Euro kosten.

Blanvalet hat das darauf basierende, ab 8 Jahren empfohlene Hörbuch für den 1. Oktober angekündigt. Es soll 9,99 Euro kosten. Ob es sich dabei um eine gekürzte oder ungekürzte Fassung handelt, ist unklar.

Jason Frys Romanfassung von „Die letzten Jedi“ soll jetzt am 20. August, bei Penhaligon als Paperback (für 15 Euro) erscheinen. Ursprünglich sollte der Roman im Mai erscheinen. Auch in den USA erschien der Filmroman erst vor wenigen Wochen und er enthält Szenen, die im Film nicht vorhanden sind.

Die von Michael Kogge geschriebene „Die letzten Jedi“-Romanfassung für Jugendliche erschien bei Panini für 13 Euro bereits Ende April.

Um sich nur auf den nächsten Spielfilm und die Filmromane zu konzentrieren.

Hinweise

Homepage von Alexander Freed

Deutsche Homepage zum Film

Der galaktische „Krieg der Sterne“-YouTube-Kanal

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Rogue One: A Star Wars Story“

Metacritic über „Rogue One: A Star Wars Story“

Rotten Tomatoes über „Rogue One: A Star Wars Story“

Wikipedia über „Rogue One: A Star Wars Story“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von J. J. Abrams „Star Wars: Das Erwachen der Macht“ (Star Wars: The Force awakens, USA 2015)

Meine Besprechung von Rian Johnsons „Star Wars: Die letzten Jedi“ (Star Wars: The last Jedi, USA 2017)

Meine Besprechung von Gareth Edwards‘ „Rogue One: A Star Wars Story“ (Rogue One: A Star Wars Story, USA 2016)

Meine Besprechung von Greg Ruckas „Star Wars: Imperium in Trümmern (Journey to Star Wars: Das Erwachen der Macht) (Star Wars: Shatterd Empire # 1 – 4, Disney/Lucasfilm 2015)

Meine Besprechung von Greg Ruckas „Star Wars: Vor dem Erwachen“ (Star Wars: Before the Awakening, 2015)

Meine Besprechung von Alan Dean Fosters „Star Wars: Das Erwachen der Macht – Der Roman zum Film“ (Star Wars: The Force awakens, 2015)

Meine Besprechung von Michael Kogges „Star Wars: Das Erwachen der Macht – Jugendroman zum Film“ (Star Wars: The Force awakens, 2016)

Meine Besprechung von James Lucenos „Star Wars – Der Auslöser: Ein Rogue One Roman“ (Star Wars: Catalyst: A Rogue One Novel, 2016)


TV-Tipp für den 12. Mai (+ Buchtipp): Die Firma

Mai 12, 2018

RTL II, 20.15

Die Firma (The Firm, USA 1993)

Regie: Sydney Pollack

Drehbuch: David Rabe, Robert Towne, David Rayfield

LV: John Grisham: The firm, 1991 (Die Firma)

Unmittelbar nach seinem Abschluss in Harvard erhält Mitch McDeere ein Jobangebot einer renommierten Kanzlei. Er nimmt an und erfährt, dass sie für die Mafia arbeitet. Das allein wäre schon schlimm genug. Aber McDeere will der Gerechtigkeit zum Sieg verhelfen und gerät zwischen alle Fronten.

Die erste Grisham-Verfilmung ist – wie die folgenden – überlanges Hollywood-Starkino. Bis 1998 liefen noch sechs weitere Grisham-Verfilmungen in unseren Kinos. 2003 gab es mit „Das Urteil – Jeder ist käuflich“ (ebenfalls mit Gene Hackman) einen Nachklapp. Seitdem gab es im Kino keine weiteren Grisham-Justizthriller mehr, während Grisham selbst emsig und erfolgreich weitere Justizthriller schrieb.

Die Firma“ ist Grishams zweiter Roman und es war für ihn der Durchbruch, der es ihm ermöglichte, seine Anwaltskarriere zugunsten einer Schriftstellerkarriere zu beenden.

Wer das Buch unter anderem wegen der kompetenten Darstellung von Interna amerikanischer Rechtsanwaltskollektive und der Interaktion von Wirtschaft und organisiertem Verbrechen schätzte, wird die vorliegende Verfilmung ärgerlich finden.“ (Fischer Film Almanach 1994)

Mit Tom Cruise, Gene Hackman, Jeanne Tripplehorn, Ed Harris, Holly Hunter, Hal Holbrook, Wilford Brimley, David Strathairn, Gary Busey

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Die Firma“

Wikipedia über „Die Firma“ (deutsch, englisch)

Homepage von John Grisham

Wikipedia über John Grisham (deutsch, englisch)

Krimi-Couch über John Grisham

Bonushinweis

Einerseits hat „Forderung“, der neue, gerade auf Deutsch erschienene Thriller des bekennenden Demokraten John Grisham nichts mit Donald Trump zu tun.

Andererseits erinnert die Prämisse an die höchst unseriöse Trump University. Auch wenn Grishams Inspiration für seinen Roman Paul Campos‘ „The Atlantic“-Reportage „The Law-School Scam“.

In dem Roman bemerken die Studenten Zola, Todd und Mark kurz vor ihrem Juraexamen, dass sie betrogen wurden. Die teure Ausbildung auf der von ihnen besuchten privaten Hochschule war bodenlos schlecht. Sie werden niemals die Prüfungen bestehen. Ihre Studiengebühren müssen sie allerdings bezahlen. Also beschließen die Drei, die Verantwortlichen für den Betrug zur Rechenschaft zu ziehen – und wir erleben einen Fall von poetischer Gerechtigkeit.

John Grisham: Forderung

(übersetzt von Kristiana Dorn-Ruhl, Bea Reiter und Imke Walsh-Araya)

Heyne, 2018

432 Seiten

24 Euro

Originalausgabe

The Rooster Bar

Doubleday, New York, 2017


„201 x 2001“ – Fragen und Antworten zur „Odyssee im Weltraum“

Mai 3, 2018

Der Untertitel von Nils Daniel Peilers „201 x 2001“ „Fragen und Antworten mit allem Wissenswerten zu Stanley Kubricks ‚Odyssee im Weltraum’“ fasst das jetzt im Schüren Verlag erschienene Büchlein gut zusammen: es gibt 201 Fragen und Antworten zu dem Filmklassiker.

Nils Daniel Peiler setzt damit seine Beschäftigung mit Kubricks Meisterwerk „2001: Odyssee im Weltraum“ fort. Der Film schildert, nachdem auf dem Mond ein von Außerirdischen geschaffener Monolith entdeckt wurde, das Schicksal einer aus dem Ruder laufenden Weltraumexpedition. Denn der Bordcomputer entwickelt ein für die Raumfahrer bedrohliches Eigenleben.

Peiler schrieb seine Promotion über die künstlerische Rezeption von „2001“, ist Kokurator der bis zum 23. September laufenden „2001“-Jubiläumsaustellung im Deutschen Filmmuseum in Frankfurt am Main und hat jetzt ein kleines Büchlein voller mehr oder weniger bedeutender Fakten über den Film zusammengetragen. Diese präsentiert er als alphabetisch sortiertes Frage-Antwort-Spiel. Da steht dann erschreckend Banales neben Interessantem. Fakten, die man durch eine schnelle IMDB-Recherche erfährt, stehen neben Informationen, die wahrscheinlich sogar „2001“-Aficionados nicht kennen. Oder schon wieder vergessen haben.

Am Ende ist „201 x 2001“ ein informatives Buch zum Rumblättern. Leider ohne Bilder. Aber die sieht man beim nächsten Genuss von „2001: Odyssee im Weltraum“. Je nach Wunsch: mit oder ohne Drogen.

Nils Daniel Peiler: 201 x 2001

Schüren, 2018

108 Seiten

9,90 Euro

Der Film, der das Buch inspirierte

2001: Odyssee im Weltraum (2001: A Spacy Odyssey, Großbritannien/USA 1968)

Regie: Stanley Kubrick

Drehbuch: Stanley Kubrick, Arthur C. Clarke

LV: Arthur C. Clarke: The Sentinel, 1951 (Der Wachposten, Kurzgeschichte, abgedruckt unter anderem in “Verbannt in die Zukunft” und “2001: Aufbruch zu verlorenen Welten“)

Buch zum Film: Arthur C. Clarke: 2001: A Space Odyssey, 1968 (2001: Odyssee im Weltraum)

Buch über die Dreharbeiten: Arthur C. Clarke: The lost worlds of 2001, 1972 („2001“ Aufbruch zu verlorenen Welten – Das Logbuch der Kapitäne Clarke und Kubrick)

Auf dem Mond wird ein schwarzer Monolith entdeckt. Er sendet Signale zum Jupiter. Um das Rätsel zu lösen, wird die „Discovery“ losgeschickt. Während des Flugs beginnt der Bordcomputer HAL sich über seine menschliche Besatzung so seine Gedanken zu machen.

Ein zeitloser Klassiker und ein Film, der für die große Leinwand gemacht wurde.

2001: Odyssee im Weltraum war ohne Zweifel der einflussreichste Science-Fiction-Film der sechziger Jahre. Von nun an gewann das Science-Fiction-Kino einen wahrhaft spekulativen Aspekt und folgte damit der Science-Fiction-Literatur.“ (Phil Hardy, Hrsg.: Die Science Fiction Filmenzyklopädie) Denn: „Nach all dem Kinoschwachsinn, den Heerscharen unbedarfter SF-Filmer dem Publikum bis 1969 vorgesetzt hatten, ging 2001: Odyssee im Weltraum den SF-Fans herunter wie die reinste Götterspeise.“ (Ronald M. Hahn/Volker Jansen: Lexikon des Science Fiction Films).

Mit Keir Dullea, Gary Lockwood, William Sylvester, Daniel Richter, Daniel Richter, Margaret Tyzack

Hinweise

Schüren über „201 x 2001“

Rotten Tomatoes über „2001“

Wikipedia über „2001“ (deutsch, englisch)


„Die Stadt, das Salz & der Tod“ und die Criminale in Halle an der Saale

April 29, 2018

Jetzt ist es wieder soweit. Das Syndikat, die Vereinigung deutschsprachiger Kriminalautorinnen und -autoren, ruft zum jährlichen Klassentreffen. Dieses Jahr ist es in Halle an der Saale, einer alten, geschichtsträchtigen, aber ansonsten unschuldigen kleinen Stadt in Sachsen-Anhalt. 238.000 Einheimische werden vom 2. Mai (mit Vorspielen schon ab ungefähr jetzt) bis zum 6. Mai versuchen, die riesige Verbrecherversammlung zu überleben. Zur Beruhigung der Einheimischen kann ich sagen: Krimischreiber sind nur auf dem Papier Serientäter. Im normalen Umgang sind es meist umgängliche Menschen…Wurde das nicht auch über Norman Bates gesagt?

Das offizielle Programm der Criminale besteht vor allem aus Lesungen. Lesungen. Lesungen.

Es gibt gefühlt mehr Fachveranstaltungen als in den Vorjahren, das unausgesprochene Nebenprogramm („Lebst du noch?“ „Hey, du hast dich überhaupt nicht verändert!“ „Du siehst aber alt aus! Dabei bist du noch gar nicht so alt.“ „Wo ist die nächste Kneipe?“) und die Verleihung des Krimipreises Friedrich-Glauser-Preis am Samstag, den 5. Mai.

Dieses Jahr sind für den Glauser und den Hansjörg-Martin-Preises nominiert:

Bester Kriminalroman

Raoul Biltgen: Schmidt ist tot, Verlag Wortreich

Alfred Bodenheimer: Ihr sollt den Fremden lieben, Nagel & Kimche

Ellen Dunne: Harte Landung, Insel Taschenbuch

Monika Geier: Alles so hell da vorn, Ariadne

Jutta Profijt: Unter Fremden, dtv

Bestes Debüt-Kriminalroman

Hannah Coler: Cambridge 5, Limes Verlag

Kerstin Ehmer: Der weiße Affe, Pendragon

Gereon Krantz: Unter pechschwarzen Sternen, ProTalk Verlag

Harald J. Marburger: Totengräberspätzle, Emons

Takis Würger: Der Club, Kein & Aber

Bester Kurzkrimi

Klaus Berndl mit Feueralarm, in: Feuerspuren, edition karo

Karr & Wehner (Reinhard Jahn und Walter Wehner) mit Hier in Tremonia, in: Killing You Softly, KBV

Thomas Kastura mit Der Zuschauer, in: Kerzen, Killer, Krippenspiel, Knaur

Henry Kersting mit Der Blaue, in: Rache brennt, Verlag am Schloss

Cécile Ziemons mit Dünensingen, in: Feinste Friesenmorde, Leda Verlag

Hansjörg-Martin-Preis (bester Kinder- und Jugendkrimi)

Tanya Lieske: Mein Freund Charlie, Beltz & Gelberg

Christian Linker: Der Schuss, dtv

Lea-Lina Oppermann: Was wir dachten, was wir taten, Beltz & Gelberg

Ortwin Ramadan: Glück ist was für Anfänger, Coppenrath

Martin Schäuble: Endland, Hanser

Ehrenglauser

Edith Kneifl

Zur sachfremden Vorbereitung gibt es, wie in den vergangenen Jahren, einen Sammelband Krimikurzgeschichten, die am Ort der Criminale spielen. Dieses Jahr übernahm Peter Godazgar, ein Zugezogener, die Herausgeberschaft des Sammelbandes. In „Die Stadt, das Salz & der Tod – Mörderisches aus Halle an der Saale“ sind extra für den Sammelband geschriebene Kurzgeschichten von Jürgen und Marita Alberts, Joachim Anlauf, Marc-Oliver Bischoff, Natine Buranaseda, Daniel Carinsson, Christiane Dieckerhoff, Peter Godazgar, Thomas Hoeps, Thomas Kastura, Ralf Kramp, Tatjana Kruse, Elke Pistor, Theresa Prammer, Uwe Schimunek, Frank Schlößer und Sabine Trinkaus enthalten. Es ist also eine bunte Mischung aus bekannten und unbekannte(re)n Autoren, die man teils mehr als Roman-, teils mehr als Kurzgeschichtenautoren kennt. Aber zur Steigerung der Mordrate in Halle an der Saale tragen sie alle bei. Ihre Leichen verteilen sie dabei großzügig über die gesamte Stadt.

Selbstverständlich ist nicht jede Geschichte gelungen. Nicht jede Geschichte spielt in der Gegenwart und wenn Georg Friedrich Händel dabei ist, wird sogar auf die obligatorische Leiche verzichtet. Dafür hat Münchhausen einen Auftritt.

Peter Godazgar (Herausgeber): Die Stadt, das Salz & der Tod – Mörderisches aus Halle an der Saale

grafit, 2018

224 Seiten

11 Euro

Hinweise

Homepage von Peter Godazgar

Homepage von Das Syndikat

Homepage von Der Criminale


„Die Angstprediger“ – über rechte Christen in Deutschland

April 27, 2018

Die Tea Party, Evangelikale und christliche Sekten sind ein vor allem aus den USA bekanntes Phänomen, das immer wieder für ungläubiges Staunen sorgt. Wegen ihrer wortwörtlichen Bibelauslegung, ihren politischen Äußerungen und den Filmen, die sie sich ansehen. Die Filme sind oft unverdaulicher Murks, der in den USA in bestimmten Regionen viel Geld einspielt und die meistens nicht nach Deutschland kommen. Ihre politischen Äußerungen werden eher als, wenn auch gefährliche, US-amerikanische Obskurität wahrgenommen.

In Deutschland waren wir lange Zeit davon verschont. Sicher gab es schon immer Sekten und christliche Splittergruppen, aber sie kümmerten sich um ihre Gottesdienste und traten öffentlich nicht in Erscheinung.

Das änderte sich in den letzten Jahren.

In „Die Angstprediger – Wie rechte Christen Gesellschaft und Kirchen unterwandern“ legt Liane Bednarz ein Panoptikum der rechtschristlichen Szene vor. Bednarz ist Journalistin, unter anderem für den „Tagesspiegel“, die katholische Wochenzeitung „Die Tagespost“, „Christ & Welt/Die Zeit“ und die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ und war Promotionsstipendiatin der Konrad-Adenauer-Stiftung. Sie selbst versteht sich als fromm und konservativ. Mit ihrem Buch will sie einen Diskurs anstoßen: „Das vorliegende Buch versteht sich ausdrücklich nicht als Pranger, sondern soll eine Debatte anstoßen, die idealerweise nicht nur zu einer Selbstvergewisserung des Christlichen, sondern auch des Konservatismus insgesamt führt.“

Dafür beschäftigt sie sich mit den Diskussionen innerhalb des christlichen Milieus an der Wasserscheide zwischen christlich, konservativ, extrem konservativ und rechts (vulgo rechtsextrem/-radikal) anhand der öffentlichen Äußerungen von Menschen, die sich öffentlich als Christen bezeichnen und rechtspopulistisch äußern. Rückblickend und ohne genau nachgezählt zu haben, sind das fast ausschließlich Männer.

Ihre Meinungsäußerungen stehen auch exemplarisch für bestimmte Denkrichtungen. Denn diese Männer sind Meinungsführer, weil ihre Meinungen in der Öffentlichkeit diskutiert werden und rechte Christen sich positiv auf sie beziehen.

Bednarz analysiert ihre Argumentationsmuster und ihre Lieblingsthemen, wie die Frühsexualisierung, die Gendertheorie (die beide die göttliche Ordnung bedrohen), politische Korrektheit (früher hieß das ‚Anstand‘), Europäische Union, Euro und den Islam als Bedrohung. Sie beschäftigt sich mit den ideologischen und personellen Verbindungen zwischen extrem konservativen christlichen Milieus und ihren zunehmend rechtsextremen Lautsprechern Pegida und AfD. Denn diese Christen übertragen ihr religiöses Denken auf die Politik.

Die Angstprediger“ ist ein faszinierender Blick in eine Parallelgesellschaft, die die Bibel auf eine sehr spezielle Art und Weise interpretiert.

Es ist allerdings auch schwer lesbares Buch. Bednarz beginnt schnell mit einem exzessiven Name-Dropping. Sie fügt Zitate aneinander, ohne dass immer wirklich ersichtlich wird, wie wichtig das kolportierte Zitat ist. Das liegt natürlich auch an der Struktur der verschiedenen Sekten, Klein- und Kleinstgruppierungen, in denen oft unklar ist, wer Häuptling und wer Indianer ist. Es ist unklar, wer vor allem für sich selbst spricht und wer der Vertreter einer Gruppe ist. Vor allem wenn man sich mit diesem Milieu normalerweise nicht intensiv beschäftigt.

Gleichzeitig sind vor allem die Zitate schwer verständlich. Manchmal weil sie sehr verschwurbelt formuliert sind, öfter weil die geäußerte Meinung einfach abenteuerlich ist und man zweimal überlegen muss, was der Autor einem sagen will, wenn er die christliche Botschaft auf den Kopf stellt, sie mit Hass gegen den Islam und die Genderideologie, Feindschaft gegen Homosexuelle und völkischem Denken verknüpft. Zum Beispiel: „Gott hat die Menschen nach Völkern erschaffen. Die Völker sind Gedanken Gottes; niemand hat das Recht, sie bis zur Unkenntlichkeit zu entstellen. Mit der Globalisierung und der zügellosen Masseneinwanderung erhebt sich der Mensch gegen die Schöpfung.“

Das ist ein Gedankenbrei, über den schwer bis überhaupt nicht diskutiert werden kann.

Deshalb ist es gut, dass Bednarz versucht, den Wust zwischen fundamentalistischem Christentum, Rechtsradikalen, mehr oder weniger gläubigen Konservativen und dem Christentum zu ordnen: „Wenn solche Gläubigen erkennen können, dass Christentum und ein neurechter Blick auf die Welt letztlich inkompatibel sind, dann lohnt es sich, bei nach rechts gedrifteten Christen und AfD-Anhängern für diese Erkenntnis zu werben.“

Die Angstprediger“ ist da ein Anfang.

Liane Bednarz: Die Angstprediger – Wie rechte Christen Gesellschaft und Kirchen unterwandern

Droemer, 2017

256 Seiten

16,99 Euro

Hinweise

Droemer über Liane Bednarz (mit Hinweis zu Lesungen)

Deutschlandfunk Kultur unterhält sich mit Liane Bednarz über ihr Buch

Wikipedia über Liane Bednarz


TV-Tipp für den 22. April (+ Buchtipp): Der Marsianer – Rettet Mark Watney

April 22, 2018

Pro7, 20.15

Der Marsianer – Rettet Mark Watney (The Martian, USA 2015)

Regie: Ridley Scott

Drehbuch: Drew Goddard

LV: Andy Weir: The Martian, 2011/2014 (Der Marsianer)

Wegen eines Sturms wird die erste bemannte Marsmission hastig abgebrochen und, durch eine Verkettung unglücklicher Umstände, Crewmitglied Mark Watney auf dem Mars zurückgelassen. Weil auch jede Funkverbindung unterbrochen ist, beginnt Watney sich auf dem Mars einzurichten. Bis Hilfe kommt…

Hochspannendes und realistisches SF-Abenteuer, mit einer ordentlichen Portion Humor. „Der Marsianer“ war ein Erfolg bei der Kritik und dem Publikum. Er ist einer von Scotts besten Filmen.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Matt Damon, Jessica Chastain, Kristen Wig, Jeff Daniels, Michael Pena, Kate Mara, Sean Bean, Sebastian Stan, Aksel Hennie, Chiwetel Ejiofor, Donald Glover, Benedict Wong, Mackenzie Davis

Wiederholung: Montag, 23. April, 01.45 Uhr (Taggenau!)

Die Vorlage

Andy Weir: Der Marsianer – Rettet Mark Watney
(übersetzt von Jürgen Langowski)
Heyne, 2015
512 Seiten
9,99 Euro

Deutsche Erstausgabe
Heyne, 2014

Originalausgabe
The Martian
2011 (online)
(gedruckt 2014 bei Crown und Del Rey)

Bonushinweis

Der zweite Roman von Andy Weir ist erschienen. In „Artemis“ es um einen Mord auf dem Mond. Und der Täter ist einer der zweitausend Bewohner der Mondstadt Artemis. Der Ermordete hat vorher Jazz Bashara beauftragt, eine Aluminiumfirma zu sabotieren. Aber Jazz wird bei ihrem Sabotageakt erwischt und muss jetzt herausfinden, wer der Mörder ist.

Klingt nach einer ganz anderen Art von Spannung als Weir Hard-SF-Debüt „Der Marsianer“. Und das ist schon einmal sehr erfreulich.

Die Verfilmungsrechte sind bereits verkauft.

Andy Weir: Artemis

(übersetzt von Jürgen Langowski)

Heyne, 2018

432 Seiten

15 Euro

Originalausgabe

Artemis

Crown Publishing Group, 2017

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Englische Homepage zum Film
Film-Zeit über „Der Marsianer“
Moviepilot über „Der Marsianer“
Metacritic über „Der Marsianer“
Rotten Tomatoes über „Der Marsianer“
Wikipedia über „Der Marsianer“ (deutsch, englisch)
Homepage von Andy Weir

Meine Besprechung von Ridley Scotts “Prometheus” (Prometheus, USA 2012)

Meine Besprechung von Ridley Scotts “Exodus – Götter und Könige (Exodus – Gods and Kings, USA 2014)

Meine Besprechung von Ridley Scotts „Alien: Covenant“ (Alien: Covenant, USA 2017)

Meine Besprechung von Ridley Scotts „Alles Geld der Welt“ (All the Money in the World, USA 2017)

Ridley Scott in der Kriminalakte

 


Cixin Liu blickt in „Spiegel“

April 9, 2018

Spiegel“ ist ein Etikettenschwindel, der allerings gut als Überbrückung dienen kann zwischen Cixin Lius Science-Fiction-Romanen „Die drei Sonnen“ und „Der dunkle Wald“ (ungefähr jetzt erschienen), dem zweiten Band seiner breit abgefeierten und mit vielen Preisen ausgezeichneten Trisolaris-Trilogie. Der abschließende Band ist noch nicht angekündigt.

Spiegel“ kann auch als Appetitanreger funktionieren. Denn die mit dem Galaxy Award, dem chinesischen Science-Fiction-Preis, 2004 ausgezeichnete Geschichte erhielt in der Kategorie „Beste Erzählung des Jahres“ den Preis. Sie umfasst in dem großzügigen Layout des Buches hundert Seiten. Außerdem gibt es, um auf 192 Seiten zu kommen, Anmerkungen, ein Nachwort von Sebastian Pirling und, im letzten Viertel des Buches, Ausschnitte aus Lius Romanen „Die drei Sonnen und „Der dunkle Wald“.

Und die Geschichte, die Cixin Liu erzählt, dient vor allem dazu, als Gedankenspiel, verschiedene Theorien anzusprechen, zu illustrieren und zu problematisieren. Vor dem Hintergrund der Gesellschaft, in der er lebt.

Es geht um einen Mann, der eine Computersimulation erschaffen hat, die auf einem Computer, der in einen gewöhnlichen Aktenkoffer passt, mühelos angesehen, gestartet und ausgeführt werden kann. Der Erfinder Bai Bing, Ingenieur im Zentrum für Wettersimulation, weiß so alles, was jemals auf der Welt geschah. Er weiß auch alles, was jetzt geschieht. Mit diesem Wissen kann er jederzeit einer Verhaftung entgehen und er kann mühelos Verbrechen aufdecken, verhindern oder verüben.

Er besucht den inhaftierten jungen Beamten Song Cheng. Song nahm an einem Regierungsprogramm, das Akademiker in Provinzverwaltungen teil. Bei seiner Arbeit deckte er ein korrumptives Geflecht auf, in das auch sein Vorgesetzter, der Kommandant der Provinz, verwickelt ist.

Im Gefängnis erklärt Bai Song und drei hochrangigen Staatsvertretern seine Erfindung und wie sie funktioniert. Letztendlich ist es ein Superstringcomputer, der verschiedene Weltverläufe berechnen kann. Die Simulation ist ein Spiegel der realen Welt. Auch der Welt, in der Bai und Song jetzt gerade leben. Wer den Computer hat, weiß alles. Auch über die illegalen Geschäfte des Kommandanten.

Mit dieser Erfindung sind natürlich zahlreiche Fragen der verschiedensten Wissenschaftsdisziplinen verbunden. Zum Beispiel die Idee des Determinismus. Ist wirklich alles vorherbestimmt? Hat der Mensch wirklich keine Handlungsfreiheit?

Aber es geht auch um die Frage, wie eine Gesellschaft mit so einer Entdeckung umgehen soll. Gerade eine Überwachungsgesellschaft wie China, die eigentlich alles über seine Bürger wissen möchte und die Gesellschaft steuern möchte, fällt einem sofort ein. „Spiegel“ ist, auch weil die Geschichte in einem sehr gegenwärtigem China spielt, unverkennbar eine Geschichte über das heutige China. Das Computerprogramm ist der feuchte Traum jedes Apparatschiks. Und damit wird „Spiegel“, wenn die Männer in der Gefängniszelle darüber philosophieren, wem das Programm gehören solle, zu einer Kritik der Überwachungsgesellschaft in seiner totalitären Form.

Wobei es auch keinen Grund gibt, warum nur eine Person über ein solches Gerät verfügen soll. Dann hätte sie ja eine unumschränkte, von niemandem kontrollierte Macht.

Selbstverständlich stellt sich auch die Frage, was ein solches Programm mit der Menschheit macht. Das Programm zeigt, dass es keinen freien Willen gibt. Außerdem kann jederzeit jedes noch so kleine Vergehen geahndet werden. Es könnte eine Gesellschaft ohne Verbrechen entstehen. Nur: zu welchem Preis?

Und, wenn es Bai gelingt, mit dem Programm weit in die Zukunft zu blicken, stellen sich noch ganz andere Fragen.

Spiegel“ ist eine Kurzgeschichte, die diese Fragen und die zugrunde liegenden Theorien vor allem anhand der Idee eines Computerprogramms anspricht und dabei auf hundert Seiten erstaunlich tiefgründig, vielschichtig und leicht verständlich thematisiert. Es ist eine lohnende, zum Nachdenken anregende Lektüre, die auch viel über die Welt verrät, in der Cixin Liu lebt. Denn ein US-Autor hätte, ausgehend von Cixin Lius „Was wäre wenn“-Frage, eine vollkommen andere Geschichte erzählt.

Cixin Liu: Spiegel

(übersetzt von Marc Hermann)

Heyne, 2017

192 Seiten

9,99 Euro

Originalausgabe

Jingzi

2004

(enthalten in dem Sammelband „Shíjian yimin“)

Hinweise

Blog/Homepage von Cixin Liu (laut Wikipedia und wer…)

Phantastik Couch über Cixin Liu

Die Zukunft über Cixin Liu

Wikipedia über Cixin Liu (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Über Christian Petzolds Anna-Seghers-Verfilmung „Transit“

April 5, 2018

Georg, ein Mittzwanziger, hängt in Marseille fest. Wie unzählige andere Flüchtlinge. Er wartet und steht in Schlangen bei verschiedenen Konsulaten, um an Visa und Transitbescheinigungen zu gelangen. Denn er darf nur dann in der Hafenstadt bleiben, wenn er sie verlassen will. Das ist allerdings leichter gesagt, als getan, denn die verschiedenen Bescheinigungen, die unterschiedliche Gültigkeitstage haben, erhält er nur nacheinander von verschiedenen Staaten, die sich untereinander nicht absprechen, und er kann erst dann abreisen, wenn er einen lückenlosen Reiseweg nachweisen kann. Dieses kafkaeske Labyrinth schildert Anna Seghers in ihrem Roman „Transit“, den sie während ihrer Flucht schrieb und der erstmals 1944 veröffentlicht wurde, ausführlicher als Christian Petzold in seiner grandiosen Verfilmung, in der er frei mit der Vorlage umging, aber ihrem Geist treu blieb.

Die größte und augenfälligste Veränderung ist dabei Petzolds Entscheidung, den Film nicht während des Zweiten Weltkriegs, sondern in der Gegenwart spielen zu lassen. Das fällt, wegen der historischen Kulisse, den zeitlosen Kleidern und dem Verzicht auf fast alles, was den Film eindeutig in der Gegenwart verortet, kaum auf. Auch die Dialoge, teils aus Seghers Roman, teils in diesem Stil, sind eher im Duktus der vierziger Jahre als in dem der Gegenwart gehalten. Hier gibt es die zweite große Veränderung zum Roman. Der Roman wird von einem Ich-Erzähler, von dem wir nur den Nachnamen Seidler kennen, erzählt. Im Film gibt es einen Voice-Over-Erzähler. Es ist ein Barkeeper. Die Verlegung der Geschichte in die Gegenwart wirkt daher eher wie ein Verfremdungseffekt, der mühelos die Geschichte aus ihrem historischen Korsett befreit und in die Gegenwart transportiert. Petzold muss die aktuellen Flüchtlingsbewegungen im Film nicht ansprechen. Durch die Filmgeschichte sind sie immer präsent.

Das gilt auch für den Rechtsruck und die verschiedenen Renationalisierungstendenzen. Durch den einfachen Trick, Gegenwart und Vergangenheit übereinanderzulegen, wird die Vergangenheit erschreckend lebendig.

Ich konnte mir vorstellen, dass jemand mit einem Anzug und einem Seesack am Hafen von Marseille langläuft, sich einmietet in ein Hotel und sagt: ‚In drei Tagen kommen die Faschisten, ich muss hier raus.‘ Das hat mich überhaupt nicht irritiert. Und das irritiert mich, dass es mich nicht irritierte. Das hieß für mich, dass die Fluchtbewegungen, die Ängste, die Traumata, die Geschichten der Menschen, die vor über 70 Jahren in Marseille festhingen, sofort verständlich sind. Die müssen überhaupt nicht erklärt werden. Das fand ich überraschend. (…)

Transiträume sind immer Balanceakte. Wir mussten immer die Balance halten zwischen etwas, das man heute noch findet, und etwas, das die Zeichen nicht zu modern macht. Wir wollten keine Blase von alten Gespenstern, die durch das heutige Marseille laufen, sondern diese Gespenster sind von heute.“ (Christian Petzold)

Während der Roman vor allem eine Ode an den Stillstand ist, werden im Film stärker Beziehungen und Geschichten herausgearbeitet. Die Personen, die im Roman immer flüchtig sind, werden konkreter und plastischer. Sie haben Geschichten, die schon im Buch vorhanden sind. Zum Beispiel die von Marie, die jetzt bei einem Arzt lebt, für den sie ihren Mann, den Schriftsteller Weidel, verlassen hat. Trotzdem möchte sie zurück zu Weidel und, weil sie hörte, dass er in Marseille sei, sucht sie ihn in den Cafés und Gassen der Hafenstadt. Auf ihrer Suche trifft sie Georg, der in Paris durch einen Zufall an den letzten, noch nicht veröffentlichten Roman und einige Briefe von Weidel gelangt ist. Es dauert lange, bis Georg erfährt, wenn Marie sucht. Bis dahin gelangt er, als bekannter Schriftsteller, mühelos an die benötigten und schon genehmigten Papiere für seine Reise nach Mexiko. Er begegnet einem Komponisten, der für verschiedene Transitvisa ansteht und einer Frau mit zwei Hunden. Er spielt Fußball mit einem Jungen, der zu seinem Begleiter wird.

Es sind oft wiederholte Begegnungen, aus denen sich im herkömmlichen Sinn keine Geschichte ergibt und es ist, im Roman stärker als im Film, auch die Beschreibung eines Vakuums. Eigentlich ist Georg in dem Alter, in dem er Erfahrungen machen sollte, an die er sich später erinnern möchte und die sein späteres Leben bestimmen. Aber in Marseille hängt er, wie die anderen Flüchtlinge, nur herum. Wie Zombies in einer Wartehalle.

Transit (Deutschland/Frankreich 2018)

Regie: Christian Petzold

Drehbuch: Christian Petzold

LV (frei nach): Anna Seghers: Transit, 1944/1947

mit Franz Rogowski, Paula Beer, Godehard Giese, Lilien Batman, Maryam Zaree, Barbara Auer, Matthias Brandt, Sebastian Hülk, Antoine Oppenheim, Ronald Kukulies, Justus von Dohnányi, Alex Brendemühl, Trystan Pütter

Länge: 101 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die lesenswerte Vorlage

ist aktuell in verschiedenen Ausgaben erhältlich

Anna Seghers: Transit

Aufbau Verlag

304 Seiten

10 Euro (Taschenbuch)

3,49 Euro (Ebook)

Umfangreicher (wegen fast hundert Seiten Bonusmaterial) als Teil der Werkausgabe (Das erzählerische Werk I/5) von 2001

384 Seiten

30 Euro

Der Roman erschien zuerst 1944 in den USA auf englisch, anschließend in Mexiko auf spanisch und 1947 auf deutsch als Fortsetzungsroman in der Berliner Zeitung.

Spätere deutsche Veröffentlichungen bearbeiteten den Text.

Erst 2001 erschien im Rahmen der Werkausgabe die erste authentische deutsche Buchausgabe.

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Transit“

Moviepilot über „Transit“

Metacritic über „Transit“

Rotten Tomatoes über „Transit“

Wikipedia über „Transit“ (deutsch, englisch)

Berlinale über „Transit“

Meine Besprechung von Christian Petzolds “Phoenix” (Deutschland 2014)

Christian Petzold in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik (+ Buchtipps): „Ready Player One“, das Spiel beginnt

April 5, 2018

2045: der Waise Wade Watts (Tye Sheridan) lebt in den Stacks in Columbus, Ohio, bei seiner Tante und ihrem Freund. Die Gegend ist ein wahres ’shithole‘; – wenn der amtierende US-Präsident die Bezeichnung nicht für Gegenden reserviert hätte, die lebenswerter als Wades Müllkippe-Trailerbehausung sind.

Aber Wade kann, wie Millionen anderer Menschen, mit einer Brille in die OASIS abtauchen. Die OASIS ist eine riesige virtuelle Welt, in der das, ähem, wahre Leben stattfindet. Und deshalb verbringen die Menschen einen immer größer werdenden Teil ihres Lebens in der OASIS, in der sie alles sein können und in der sie von ihren alltäglichen Problemen befreit sind.

Nach dem Tod von OASIS-Schöpfer James Halliday (Mark Rylance) sind alle OASIS-Besucher in der virtuellen Welt auf der Jagd nach einem ganz besonderen Easter Egg, das Halliday vor seinem Tod versteckte. Um das Easter Egg zu finden, müssen drei Aufgaben gelöst werden. Wer das schafft, wird die Kontrolle über die OASIS haben und, was für den bettelarmen Wade keine Motivation ist, erhält eine halbe Billion Dollar. Wade will als großer James-Halliday-Bewunderer das letzte Geheimnis seines Idols lösen.

Das ist die Prämisse von Steven Spielbergs neuem Film „Ready Player One“ und die Jagd nach dem Easter Egg ist die Geschichte des Science-Fiction-Films, der zwischen realer und virtueller Welt hin und her wechselt. Es ist eine altbekannte Schatzsuche, die Spielberg allerdings mit so viel Lust am Erzählen präsentiert, dass die 150 Minuten wie im Flug vergehen. Dazu tragen auch die detailreich gezeigten Welten und, in der OASIS, die vielen Anspielungen auf die achtziger Jahre bei. Ein Jahrzehnt, in dem wir in Deutschland Angst vor der Apokalypse und dem Waldsterben hatten. In den USA war es für die Teenager wohl ein sicheres Jahrzehnt und es ist das Jahrzehnt, in dem Steven Spielbergs eigene Filme („E. T. – Der Außerirdische“, die Indiana-Jones-Filme) und die von seiner Firma Amblin Entertainment produzierten Filme (wie „Zurück in die Zukunft“, „Gremlins“, „Die Goonies“, „Falsches Spiel mit Roger Rabbit“) immer wieder gern gesehene Kinohits waren. Um nur die Filme zu nennen, in die Spielberg direkt involviert war. Für Filmfans gibt es außerdem, bei der Schlüsselsuche von Wade und seinen Freunden, einen ausführlichen Ausflug in das aus „Shining“ bekannte Overlook-Hotel und unzählige, mehr oder weniger versteckte Hinweise auf die 80er-Jahre-Popkultur, die im Internet von Fans der Reihe nach entschlüsselt werden.

Die OASIS ist nämlich der wahrgewordene feuchte Traum eines Nerds.

Es ist allerdings ein jugendfreier Traum. Als habe ein Kind kurz vor der Pubertät sein Paradies entworfen. Mädchen gibt es in dieser Welt nicht und die wenigen weiblichen Charaktere sind dann vor allem asexuelle Kumpels. Früher nannte man sie Mädchen, mit denen man Pferde stehlen kann. Aber in der OASIS gibt es keine Pferde. Und auch keine anderen Tiere. Sex und Vergnügungsmeilen fehlen ebenso. Es ist halt eine jugendfreie Ausgabe der Welt von „Total Recall“.

Auch die Geschichte – und damit wahrscheinlich auch Ernest Clines gleichnamige Romanvorlage, ein gefeierter Bestseller – bedient mit seinen jugendlichen Protagonisten eher ein jugendliches Publikum, das sich wenig für philosophische Reflexionen interessiert. Ihre Antagonisten sind mehr oder weniger fiese Erwachsene. Als Hauptbösewicht darf, wieder einmal, Ben Mendelsohn überzeugen.

Die Anspielungen auf die achtziger Jahre erfreuen das Publikum, auch wenn es schon etwas seltsam ist, dass in knapp dreißig Jahren alle ungefähr dreißig bzw. für die OASIS-Spieler sechzig Jahre zurück in die Vergangenheit wollen. Die OASIS ist eine Schöpfung, die nostalgische Fantasien befriedigt. Es ist in diesem Fall auch eine Welt, die in jedem Moment und in jeder Figur absolut spielbergianisch ist.

Am Ende ist Spielbergs Science-Fiction-Blockbuster ein gut gemachter Erster-Klasse-Nostalgietrip, der trotz der140-minütigen Laufzeit, kurzweilig, aber mit wenig Tiefgang unterhält.

Ready Player One (Ready Player One, USA 2018)

Regie: Steven Spielberg

Drehbuch: Zak Penn, Ernest Cline

LV: Ernest Cline: Ready Player One, 2011 (Ready Player One)

mit Tye Sheridan, Olivia Cooke, Ben Mendelsohn, Lena Waithe, T. J. Miller, Philip Zhao, Win Morisaki, Hannah John-Kamen, Simon Pegg, Mark Rylance

Länge: 140 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Ready Player One“

Metacritic über „Ready Player One“

Rotten Tomatoes über „Ready Player One“

Wikipedia über „Ready Player One“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs “Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels” (Indiana Jones and the kingdom of the skull, USA 2008)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs “Gefährten” (War Horse, USA 2011)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs “Lincoln” (Lincoln, USA 2012)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „Bridge of Spies – Der Unterhändler“ (Bridge of Spies, USA 2015)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „BFG – Big Friendly Giant (The BFG, USA 2016)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „Die Verlegerin“ (The Post, USA 2017)

Steven Spielberg in der Kriminalakte

Die Vorlage

Ernest Cline: Ready Player One

(übersetzt von Hannes und Sara Riffel)

Fischer TOR, 2018 (Filmausgabe)

544 Seiten

9,99 Euro

Originalausgabe

Ready Player One

Crown Publishing, 2011

Der zweite Roman von Ernest Cline, der auf den ersten Blick doch sehr an „Enders Game“ erinnert: Jugendliche, die in Computerspielen erfolgreich gegen Aliens kämpften, müssen feststellen, dass es die fiesen Außerirdischen wirklich gibt und nur sie, dank ihrer Gamer-Fertigkeiten, die Erde retten können.

Ernest Cline: Armada

(übersetzt von Sara Riffel)

Fischer TOR, 2018

416 Seiten

9,99 Euro

Originalausgabe

Armada

Crown Publishing, 2015

Hinweise, Runde zwei

Homepage von Ernest Cline

Wikipedia über Ernest Cline (deutsch, englisch)

Immer noch erhältlich

Georg Seeßlen Steven Spielberg und seine Filme

(2., überarbeitete und aktualisierte Auflage)

Schüren Verlag, 2016

304 Seiten

29,90 Euro

Das Teaserplakat

Das IMAX-Plakat


„Archangel“: Zeitreisen mit William Gibson

April 4, 2018

Mit „Archangel“ betritt William Gibson Neuland.

Seit seinem 1984 erschienenem Romandebüt „Neuromancer“ ist er als Science-Fiction-Autor und einer der Erfinder des Cyberpunk bekannt. Davor veröffentlicht er bereits mehrere Kurzgeschichten in Science-Fiction-Magazinen.

Zwei seiner Geschichten wurden auch verfilmt. Die Filme „Vernetzt – Johnny Mnemonic“ und „New Rose Hotel“ waren vor allem interessant, aber nicht wirklich gelungen. In unzähligen anderen Filmen ist sein Einfluss (und der des Cyberpunk) unübersehbar. Zum Beispiel in den „Matrix“-Filmen, „Tron“ und, ab Donnerstag im Kino, „Ready Player One“ in einer sehr jugendfrei-poppigen 80er-Jahre-Retro-Version, die nichts mehr vom nihilistischen Punk-Noir-Gestus des frühen Cyberpunk hat.

Gibson versuchte sich auch als Drehbuchautor. Bis auf zwei verfilmte „Akte X“-Drehbücher allerdings erfolglos. Auch „Archangel“ begann, wie Gibson im Nachwort des Buches erzählt, als Idee für ein Drehbuch. Erstmals stellten Gibson und sein Co-Autor Michael St. John Smith die Geschichte einem deutschen TV-Sender vor. Als der Produzent angesichts der Vorschläge von Gibson und St. John Smith entsetzt abwinkte, formulierten sie ihre Ideen zu Gibsons erstem Comic um. Der wurde dann prompt für den Eisner Award in der Kategorie „Beste abgeschlossene Serie“ nominiert.

2016 wird in einem dystopischen Alternativuniversum Junior Henderson, Vizepräsident der USA, auf eine Zeitreise in das Jahr 1945 geschickt. Er soll seinen Großvater, Mayor Aloysius Henderson, umbringen und die erste Phase des Projekts Archangel, das Zeitreisen und Veränderungen der Realität in Paralleluniversen ermöglicht, einleiten.

Kurz darauf werden von einer Widerstandgruppe zwei Marines ebenfalls in das Jahr 1945 geschickt. Sie landen sechs Monate später, im August 1945, in Berlin. Sie sollen Henderson, der mit seinen Taten eine Katastrophe heraufbeschwören wird, töten und so den Lauf der Geschichte zum Positiven ändern; – okay, wie bei allen Zeitreise-Geschichten sollten wir diesen Punkt wahrscheinlich nicht weiter vertiefen.

In Berlin legen die beiden Soldaten eine ziemlich katastrophale Landung hin. Einer stirbt, der andere wird von den Amerikanern inhaftiert.

Die britische Agentin Naomi Givens glaubt, dass der seltsame Mann wirklich aus der Zukunft gekommen ist. Sie will ihm helfen.

Henderson, der inzwischen ebenfalls in Berlin ist, will den aus der Zukunft kommenden Soldat töten und er ist bei seiner Jagd nach dem namenlosen Marine, Naomi Givens und ihrem Freund, dem US-Army-Captain Vince Matthews, nicht zimperlich. Immerhin könnten die Drei seinen Plan, durch die Zündung einer Atombombe den uns bekannten Lauf der Welt zu verändern, sabotieren.

Archangel“ ist eine auf zwei Zeitebenen spielender Action-Thriller, der in erster Linie eine atemlose Hatz durch das vom Krieg zerstörte Berlin ist. Mit viel Action und einer spürbaren Freude am Zitat. Als hätte man Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“ noch einmal liebevoll durch den Popkultur-Schredder geschickt und mit einer ordentlichen Prise SF-Noir abgeschmeckt.

Wenn am Ende der fünfteiligen Miniserie, die Cross Cult in einem Band mit etwas Bonusmaterial veröffentlichte, die eine Welt gerettet ist, verrät die letzte Seite des Comics, dass unsere tapferen Recken 1945 zwar eine Katastrophe verhinderten, aber die Gegenwart nicht viel besser aussieht.

Da würde ich gerne die Verfilmung sehen.

William Gibson (Text)/Michael St. John Smith (Text)/Butch Guice (Zeichnungen)/Alejandro Barrionuevo (Zeichnungen)/ Wagner Reis (Zeichnungen): Archangel

(übersetzt von Michael Schuster)

Cross Cult, 2017

128 Seiten

22 Euro

Originalausgabe

William Gibson’s Archangel

IDW, 2017

William Gibson in seinem angestammten Metier

In seinem letzten Roman „Peripherie“ erzählt William Gibson die Geschichte von Flynne, die an Stelle ihres Bruders ein Computerspiel testet und eine dystopische, virtuelle Welt betritt, die in Wirklichkeit die Zukunft ist. Sie beobachtet einen Mord und Wilf, der das Opfer betreute, ist auf die Hilfe der einzigen Zeugin angewiesen.

Mit 624 Seiten wahrlich keine Gute-Nacht-Lektüre.

Das Taschenbuch erscheint im September bei Knaur.

William Gibson: Peripherie

(übersetzt von Cornelia Holfelder-von der Tann)

Tropen, 2016

624 Seiten

24,95 Euro

Originalausgabe

The Peripheral

G. P. Putnam’s Sons, New York, 2014

Hinweise

Homepage von William Gibson

Deutsche Homepage von William Gibson

Wikipedia über William Gibson (deutsch, englisch)

Rolling Stone interviewt William Gibson (2007)

De:Bug Magazin redet mit William Gibson (2008 )

Intor redet auch mit William Gibson (2008 )

The Boston Globe macht „Q&A“ mit William Gibson (2007)

Powells telefoniert mit William Gibson (2007)

DShed: Lesung und Diskussion mit William Gibsonüber “Systemneustart” (6. Oktober 2010, 69 Minuten)

Meine Besprechung von William Gibsons „Systemneustart“ (zero history, 2010) (mit einigen Videoclips)

Meine Besprechung von William Gibsons „Misstrauen Sie dem unverwechselbaren Geschmack – Gedanken über die Zukunft als Gegenwart“ (Distrust that particular flavor, 2012)

William Gibson in der Kriminalakte

William Gibson über den Comic (jaja, der Ton ist leise, das Publikum ist hörbar und das Bild…)

 


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Michael Ende, „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ – jetzt mit Schauspielern

März 29, 2018

Es dauerte einige Minuten, bis ich Lummerland in Dennis Gansels Realverfilmung von Michael Endes „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ als Lummerland akzeptieren konnte. Nicht unbedingt wegen der allseits bekannten Verfilmungen der Augsburger Puppenkiste, in der die Insel Lummerland aus Pappe, Plastik und Klebstoff war, das Meer eine Folie, die Lok eine Spielzeugeisenbahn und die Bewohner Puppen. Die TV-Serie, – eigentlich zwei TV-ARD-Serien, einmal 1961/1962 in SW, einmal 1977/1978 in Farbe -, ist ein Klassiker. Vor allem die Farbversion gehört zur frühkindlichen Bildung jedes Kindes, das damals in der BRD aufwuchs.

Selbstverständlich habe auch ich als Kind die Serie gesehen. Wahrscheinlich habe ich damals auch das Buch gelesen. Und beides seitdem fast vollständig vergessen.

Das Problem in diesen Minuten war daher nicht meine nicht mehr wirklich vorhandene Erinnerung an die TV-Serie, sondern die Diskrepanz zwischen der Behauptung, dass auf einer sehr kleinen Insel, die „ungefähr doppelt so groß wie unsere Wohnung“ (Ende) ist, vier Menschen in ihren Häusern leben, deren König ein Schloss auf einem Berg hat und eine Eisenbahn ihre Runden dreht, und dem offensichtlichen Augenschein, dass das in der Realität niemals funktionieren würde. In einem Trickfilm oder einem Puppentheaterstück, in dem sowieso alles abstrahiert ist, oder einem Roman, in dem ich mir eine fantastische Welt so zusammenstellen kann, wie sie mir gefällt, stört das nicht. Aber wenn dann Henning Baum als Lukas der Lokomotivführer, Annette Frier als Frau Waas, Christoph Maria Herbst als Herr Ärmel, Uwe Ochsenknecht als König Alfons der Viertel-vor Zwölfte und Solomon Gordon in seinem Kinodebüt als Jim Knopf in ihren Häusern, die schon fast die gesamte Insel einnehmen, und die Lokomotive Emma, die hier um engste Kurven fahren muss, auf Lummerland stehen, dann ist das etwas anderes.

Nach einigen Minuten konnte ich das akzeptieren. Außerdem verlassen Jim Knopf, Lukas und Emma die Insel. König Alfons der Viertel-vor Zwölfte hat nämlich festgestellt, dass die Insel, wenn Jim Knopf erwachsen wird, zu klein für fünf Bewohner, ihre Behausungen und eine Lok ist. Deshalb soll der Bahnbetrieb eingestellt und Emma verschrottet werden.

Weil Lukas sich nicht von Emma trennen will, will Lukas mit seiner geliebten Lok die Insel verlassen. Weil Jim Knopf nicht auf Lukas und Emma verzichten will, will er sie begleiten. Also verlassen sie zu dritt Lummerland.

Ihre Seefahrt endet an der Küste des Kaiserreichs Mandala. Das offensichtliche Vorbild für Mandala ist China. Dort erfahren sie, dass die Prinzessin Li Si von der Wilden 13 entführt wurde und in der Drachenstadt Kummerland von Frau Mahlzahn gefangen gehalten wird. In diesem Moment erfährt Jim Knopf im Buch, dass er als schlecht adressiertes Paket auf der Insel Lummerland ankam. Im Film, der sonst dem Roman sehr genau, fast schon sklavisch folgt, erfährt Jim Knopf das früher und die Suche nach seiner Herkunft ist für ihn, neben seiner Freundschaft zu Lukas und Emma, ein Grund, um Lummerland zu verlassen.

Jim und Lukas beschließen, Prinzessin Li Si zu retten. Auf dem Weg zur Drachenstadt müssen sie viele Gefahren in fantastischen Welten überstehen. Sie treffen sehr seltsame Geschöpfe, wie den Scheinriesen Tur Tur und den Halbdrachen Nepomuk, mit denen sie sich schnell anfreunden. Allerdings müssen sie weiter nach Kummerland.

Mit „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ durfte Dennis Gansel, der vorher unter anderem „Mechanic: Resurrection“, „Die Welle“ und „Napola – Elite für den Führer“ drehte, so richtig viel Geld ausgeben. Offiziell betrug das Budget 25 Millionen Euro und damit gehört er in jedem Fall zu den teuersten deutschen Filmen. Das Geld ist, wenn man auf Schauwerte steht, gut investiert. Die von fünf Computereffektfirmen und mehreren hundert Digital Artists geschaffenen Tricks überzeugen. Vieles wurde auch gebaut. So kann Lummerland seit einem Jahr im Filmpark Babelsberg besichtigt werden. Im Bavaria Filmstudio kann auf der Filmtour Nepomuks Höhle und eine Version der Lok Emma besichtigt werden. Und bei Massenszenen dürfen dann auch schon mal 150 prächtig kostümierte Schauspieler durch das Bild laufen.

Für Kinder ist Gansels „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ ein wunderschöner Abenteuerfilm. Für Erwachsene ist der episodisch erzählte Film, in dem es für Jim Knopf, Lukas und Emma nie wirklich gefährlich wird, dann doch zu kindgerecht. Im Gegensatz zu Pixar-Filmen, in denen für Erwachsene mindestens noch eine zweite und dritte Bedeutungs-, Anspielungs- und Interpretationsebene vorhanden ist.

Das kann auch über Michael Endes glänzend geschriebene Buch gesagt werden. Er hat es in erster Linie für Kinder geschrieben in der Absicht, ihnen auf unterhaltsame Weise etwas beizubringen. Er will ihnen Mut machen, ihre Neugierde wecken, zu Toleranz erziehen und Freude am Lernen vermitteln. Denn Schule muss nicht, wie bei Frau Mahlzahn, der furchterregenden, diktatorischen Lehrerin, eine totalitäre Zwangsanstalt an.

Und er hat einen unerschütterlichen Glaube an das Gute. So verwandelt sich Frau Mahlzahn nach der Begegnung mit Jim Knopf. Der Scheinriese Herr Tur Tur, der seit Ewigkeiten einsam in der Wüste lebt, freut sich über die Begegnung mit Jim Knopf und Lukas. Sie laufen nicht vor ihm weg, sondern sie bleiben neugierig stehen. Wie sie später erfahren, ist ein Scheinriese jemand, der umso größer erscheint, je weiter entfernt man von ihm ist. Wenn man sich ihm nähert, wird er immer kleiner, bis er die größe eines normalen Menschen hat. Eine schöne, sich selbst erklärende Metapher, die Erwachsene leicht entschlüsseln können.

Und gerade die durch die Geschichte und ihre Figuren transportierte Weltsicht macht „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ auch für Erwachsene zu einer sehr interessanten und lohnenden Lektüre. Denn jetzt erkennt man die Absichten des Autors, die man als Kind überlas. Dabei ist auch erstaunlich, wie viel Ende Erwachsenen zu sagen hat und wie aktuell dieses fast siebzig Jahre alte Buch ist, das jetzt zu einem bunten Fantasyfilm für Kinder wurde, der sich nicht vor ähnlich gelagerten Hollywoodfilmen verstecken muss.

Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer (Deutschland 2018)

Regie: Dennis Gansel

Drehbuch: Dirk Ahner, Andrew Birkin, Sebastian Niemann

LV: Michael Ende: Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer, 1960

mit Henning Baum, Solomon Gordon, Annette Frier, Christoph Maria Herbst, Uwe Ochsenknecht, Milan Peschel, Rick Kavanian, Leighanne Esperanzate, Ozzie Yue, Michael Bully Herbig (Stimme von Nepomuk), Judy Winter (Stimme von Frau Mahlzahn)

Länge: 110 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Die Vorlage

Michael Ende: Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer

(mit Zeichnungen von Franz Josef Tripp, koloriert von Mathias Weber)

Thienemann, 2015

272 Seiten

16,99 Euro

Die Erstausgabe erschien 1960.

Zum Filmstart erschien eine Filmausgabe mit über vierzig Filmbildern.

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“

Moviepilot über „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“

Wikipedia über „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ und Michael Ende

Homepage von Michael Ende

Thienemann über Michael Ende

Meine Besprechung von Dennis Gansels „Mechanic: Resurrection“ (Mechanic 2 – Resurrection, Frankreich/USA 2016)


Verfilmte Bücher: „Immer Ärger mit Harry“ ist „Immer Ärger mit Harry“

März 26, 2018

Auf der Jagd stolpert der vierjährige Abie an einem heißen Sommertag, mitten in der malerischsten Natur, über eine Leiche. Harry heißt der mittelalte Tote und er wurde offensichtlich ermordet. Aber anstatt sofort die Polizei zu rufen und den Mörder zu suchen, sind die Bewohner des verschlafenen Provinzstädtchens, die die Leiche unabhängig voneinander entdecken, vor allem daran interessiert, die Leiche möglichst schnell verschwinden zu lassen.

So beginnt Jack Trevor Storys sehr kurzer Roman „Immer Ärger mit Harry“, der eher eine lange Kurzgeschichte oder Novelle ist. Die Geschichte spielt in dem englischen Dorf Sparrowswick Heath, das mit seinen spleenigen Bewohnern schnell das Bild eines heilen Englands heraufbeschwört, das es heute höchstens in einem „Inspector Barnaby“-Krimi gibt. Auch dort ist der Anblick einer Leiche kein Grund, panisch zu werden.

Alfred Hitchcock verlegte 1955 die Geschichte nach Vermont und drehte seine schwarze Komödie „Immer Ärger mit Harry“.

In dem Film entspinnt sich schnell ein farbenfroh ausgemaltes, wunderschön gesittet moralbefreites Spiel mit der Leiche. Denn niemand trauert um den Toten, der, wie man im Verlauf der Geschichte erfährt, zwar nur einen Tod gestorben ist, aber anscheinend von einem halben Dutzend Menschen auf verschiedene Arten ermordet wurde. Jeder, der sich für Harrys Mörder hält, möchte die Leiche gerne möglichst schnell loswerden. Es war ja nur ein blöder Unfall und der Tote war keine Zierde für die Menschheit. Auch Abies Mutter, die mit Harry, den sie ewig nicht gesehen hat, verheiratet war, ist über seinen Tod hocherfreut.

Aber dann verliebt sie sich im Lauf des Sommertages in einen anderen Mann – und Harry sorgt für noch mehr Ärger.

Dieser jede Totenruhe missachtende Umgang mit Harrys Körper, etliche Dialoge und den Humor haben Hitchcock und sein Drehbuchautor John Michael Hayes (gemeinsam auch „Das Fenster zum Hof“, „Über den Dächern von Nizza“ und „Der Mann, der zuviel wusste“) aus der Romanvorlage übernommen. Außerdem haben sie die Story gestärkt und schlüssiger gemacht.

Aus heutiger Sicht ist die von Jack Trevor Story geschriebene Geschichte vor allem eine arg betulich erzählte Schnurre mit Situationskomik und einigen wunderschön abgedrehten Dialoge. Aber die Charaktere bleiben blass und es entwickelt sich keine richtige Geschichte. Außer dass Harry mehrmals vergraben und ausgegraben wird, während die Bewohner von Sparrowswick Heath darüber reden, ob Harry nun besser vergraben oder ausgegraben wird. In einem Tonfall, als redeten sie über das Wetter.

Jetzt erschien, – unglaublich, aber wahr -, fast siebzig Jahre nach der Erstveröffentlichung, Storys Roman erstmals auf Deutsch. Die Übersetzung schließt für den fanatischen Alfred-Hitchcock-Fan eine Lücke, die er wahrscheinlich nicht bemerkte.

Jack Trevor Story: Immer Ärger mit Harry

(übersetzt von Miriam Mandelkow)

Dörlemann, 2018

192 Seiten

17 Euro

Originalausgabe

The Trouble with Harry

Boardman, London, 1949

Die Verfilmung

Immer Ärger mit Harry (The Trouble with Harry, USA 1955)

Regie: Alfred Hitchcock

Drehbuch: John Michael Hayes

LV: Jack Trevor Story: The trouble with Harry, 1949 (Immer Ärger mit Harry)

Mit Shirley MacLaine, John Forsythe, Edmund Gwenn, Mildred Natwick, Jerry Mathers, Mildred Dunnock, Royal Dano

Hinweise

Homepage über Jack Trevor Story

Wikipedia über Jack Trevor Story


Deutscher Krimipreis 2018 – Bester Krimi International: John le Carré: Das Vermächtnis der Spione

März 21, 2018

Vor einigen Wochen erhielt John le Carrés neuer Roman „Das Vermächtnis der Spione“ den Deutschen Krimipreis als bester internationaler Krimi.

Dreimal stand der Roman auf der Krimisbestenliste. Einmal sogar auf dem ersten Platz.

Nach seinem letzten Buch „Der Taubentunnel“, einer Sammlung persönlicher Geschichten und Anekdoten aus seinem Leben, das sich wirklich nur an die echten Fans richtet, ist John le Carré mit seinem neuesten Buch, dem Agentenroman „Das Vermächtnis der Spione“ wieder auf vertrautem Gelände. Außerdem knüpft er mit seinem neuesten Roman an seinen dritten Roman „Der Spion, der aus der Kälte kam“ (The Spy Who Came in from the Cold, 1963) an. Der Agententhriller, schon lange ein Klassiker, war ein weltweiter Bestseller. Er wurde erfolgreich verfilmt und John le Carré wechselte seinen Beruf.

In „Das Vermächtnis der Spione“ nimmt er die Geschichte von „Der Spion, der aus der Kälte kam“ wieder auf. Damals ging ein Einsatz des britischen Auslandsgeheimdienstes MI6 schief. Alec Leamas, ein hochrangiger Agent und Alkoholiker, und seine Freundin Elizabeth Gold wurden an der deutsch-deutschen Grenze von DDR-Grenzsoldaten erschossen.

Heute, in einer zeitlich nicht näher spezifizierten Gegenwart (beim schnellen hin- und herrechnen komme ich auf 2005/2010; le Carré scheint ungefähr 2010 zu bevorzugen), wird der pensionierte Geheimagent Peter Guillam aus seinem Ruhestand in der Bretagne nach London gerufen. Der Sohn von Alec Leamas und die bis dato unbekannte Tochter von Elizabeth Gold haben den englischen Geheimdienst angezeigt, den Tod ihrer Eltern durch eine fahrlässig geplante Geheimdienstoperation verursacht zu haben. Sie fordern eine vollständige Offenlegung der Akten, finanzielle Entschädigung und eine öffentliche Entschuldigung mit der Nennung der an der Operation beteiligten Personen.

Weil Guillam und sein Vorgesetzter George Smiley, der nicht auffindbar ist, in den letzten Jahren und Jahrzehnten Akten verschwinden ließen und vernichteten, soll Guillam die noch vorhandenen Akten studieren und den jungen Anwälten des Geheimdienstes erzählen, was nicht oder falsch in den Akten steht.

Das ist die interessante Prämisse für einen ziemlich langweiligen Roman. Gemeinsam mit Guillam wühlen wir uns durch unzählige, mehr oder weniger akkurate Berichte. Das ist nicht besonders spannend, Auch und weil die meisten Berichte nur am Rand – jedenfalls soweit ich mich noch an „Der Spion, der aus der Kälte kam“ erinnere – mit den Ereignissen von „Der Spion, der aus der Kälte kam“ zu tun haben. Insofern wirft der Roman kein neues Licht auf die damaligen Ereignisse, sondern leuchtet nur einige Details neu aus und liefert uns Tonnen von Informationen über andere Geheimdienstaktivitäten aus den späten fünfziger Jahren.

Während der Lektüre der alten Akten schwelgt Guillam in Erinnerungen an seine Freundschaft zu Leamas, seine damalige Agentenarbeit und seine Beziehung zu einer ostdeutschen Überläuferin.

Diese Seiten ziehen sich dann wie Kaugummi. Eine Geschichte ist kaum erkennbar. Vor allem keine, die mit Leamas und Gold zu tun hat. Wenn ich nichts überlesen habe, wird Elizabeth Gold beim exzessiven Aktenstudium und in Guillams Erinnerungen erstmals auf Seite 257 erwähnt. Der Roman endet auf Seite 316. Eine Zuspitzung des anfangs angelegten Konflikts zwischen den den Geheimdienst verklagenden Kindern von Leamas und Gold und dem Geheimdienst und Guillam erfolgt auch nicht. Guillam liest halt Akten, misstraut seinem ehemaligen Arbeitgeber, erzählt ihnen mehr oder weniger die Wahrheit und schlendert ein wenig durch das heutige London.

Am Ende des Romans taucht George Smiley auf. Diese wenigen Seiten qualifizieren „Das Vermächtnis der Spione“ als George-Smiley-Roman. Es ist der neunte Smiley-Roman. Der achte Smiley-Roman, „Der heimliche Gefährte“ (The secret Pilgrim), erschien 1990 und es war ebenfalls ein Rückblick auf den Kalten Krieg. Allerdings einer, der ausgehend von Bemerkungen von George Smiley, Ned dazu bringt, sich an Erlebnisse aus seinem Geheimagentenleben zu erinnern – und der mir damals gefiel.

Auch „Das Vermächtnis der Spione“ blickt auf die Zeit des Kalten Krieges, die fünfziger und frühen sechziger Jahre zurück. Allerdings ist eine Mischung aus wenigen Erinnerungen von Guillam und vielen Seiten Akten nicht so wahnsinnig spannend. Dabei ist vieles, was man von John le Carré kennt, vorhanden, wie der verheißungsvolle Anfang, die auf den ersten Seiten ausgebreitete Biographie des Ich-Erzählers, die alles andere als normal ist, den Geheimagentenjargon und das allumfassende, alles und jeden penetrierende Misstrauen. Neben dem emsigen Vernichten von Akten haben die Agenten auch heute noch, mitten in London, ein Safe-House, von dem ihre Vorgesetzten nichts wissen.

Das Vermächtnis der Spione“ ist das literarische Äquivalent zu einem Nachmittag im Archiv. Höchstens für Historiker interessant.

Schon während der Lektüre fragte ich mich, warum der Roman den Deutschen Krimipreis erhielt. Gab es wirklich keine besseren Kriminalromane, die letztes Jahr erstmals ins Deutsche übersetzt wurden?

John le Carré: Das Vermächtnis der Spione

(übersetzt von Peter Torberg)

Ullstein, 2017

320 Seiten

24 Euro

Originalausgabe

A Legacy of Spies

Viking, 2017

Hinweise

Homepage von John le Carré

Meine Besprechung von John le Carrés „Geheime Melodie“ (The Mission Song, 2006)

Meine Besprechung von John le Carrés “Marionetten (A most wanted man, 2008)

Meine Besprechung von John le Carrés “Verräter wie wir” (Our kind of traitor, 2010)

Meine Besprechung von John le Carrés “Empfindliche Wahrheit” (A delicate truth, 2013)

Meine Besprechung der John-le-Carré-Verfilmung “Bube, Dame, König, Spion” (Tinker, Tailor, Soldier, Spy, Großbritannien/Frankreich/Deutschland 2011)

Meine Besprechung der John-le-Carré-Verfilmung “A most wanted man” (A most wanted man, Deutschland/Großbritannien 2014) und der DVD

Meine Besprechung der John-le-Carré-Verfilmung „Verräter wie wir“ (Our Kind of Traitor, Großbritannien 2016)

Meine Besprechung der ersten beiden Episoden von Susanne Biers „The Night Manager“ (The Night Manager, Großbritannien/USA 2016) und der gesamten Miniserie

John le Carré in der Kriminalakte