Neu im Kino/Filmkritik und zwei Buchhinweise: Das Steampunk-Abenteuer „Mortal Engines: Krieg der Städte“

Dezember 15, 2018

Die Menschen haben es geschafft: innerhalb weniger Minuten zerstörten sie in gut hundert Jahren die Welt, wie wir sie kennen. Danach fiel die Menschheit auf eine frühere technische Entwicklungsstufe zurück. Jahrhunderte nach dem Sechzig-Minuten-Krieg ist die Erde immer noch eine Ödnis. Städte bewegen sich über die Erdoberfläche. Kleine Städte werden von größeren Städten gefressen. London ist, jedenfalls von den Städten, die in Christian Rivers‘ Verfilmung des Fantasy-Jugendbuchs „Mortal Engines: Krieg der Städte“, zu sehen sind, die größte Stadt.

In dieser Steampunk-Welt will Hester Shaw (Hera Hilmer) Thaddeus Valentine (Hugo Weaving) töten. Valentine ist der führende Archäologe Londons, ein Abenteurer, der ungekrönte Herrscher Londons, der die riesige Stadt zu neuer, ungeahnter Größe führen will, und der Mörder von Hester Shaws Mutter. Als Valentine sie ermordete, verletzte er Hester im Gesicht. Seitdem ist sie entstellt. Oft verbirgt sie ihr Gesicht hinter einem roten Schal. Im Film hat sie eine Narbe, im Roman ist ihr Gesicht eine Fratze des Schreckens. Über viele Jahre suchte sie Valentine.

Als sie ihn in London töten will, verhindert der junge Hilfshistoriker Tom Natsworthy (Robert Sheehan) die Tat. Hester kann durch einen Abfallschacht aus London flüchten. Davor sagt sie Tom, er solle Valentine fragen, warum er ihre Mutter umbrachte. Tom tut es und wird von Valentine in den Schacht gestoßen.

Beide überleben den Sturz in die Großen Jagdgründe. So wird die Gegend genannt, in der London gerade auf der Suche nach Städtenahrung ist. Hester möchte immer noch Valentine töten. Tom, der als Stadtkind keine fünf Minuten in der Einöde überleben würde, schließt sich ihr an.

Valentine, der seine letzten Zweifel an Hesters Tod ausräumen will, schickt Shrike (Stephen Lang) hinter ihr her. Shrike ist eine Menschmaschine (vulgo Untoter oder Wiedererweckter), der aus zunächst noch unbekannten Gründen, Hester unbedingt töten will.

Außerdem verfolgt Valentine ein geheimes Projekt. Aus Artefakten aus der Vergangenheit der Menschheit will er eine Waffe herstellen, die ihm unbegrenzte Macht verleihen könnten.

Bevor Valentine diese Waffe aus der Vergangenheit erstmals einsetzt, vergeht viel Filmzeit, in der Hester und Tom sich näher kommen und viele Abenteuer erleben.

Christian Rivers inszenierte diese Geschichte mit viel CGI als Abenteuergeschichte für junge Zuschauer. Er ist ein jahrzehntelanger Mitarbeiter von „Herr der Ringe“-Regisseur Peter Jackson, der „Mortal Engines: Krieg der Städte“ zunächst selbst inszenieren wollte. Er drehte dann die drei „Der Hobbit“-Filme und produzierte diesen Fantasyfilm.

Der Roman von Philip Reeve ist ein Jugendbuch. „Mortal Engines: Krieg der Städte“ erhielt den Nestlé Smarties Book Prize in der Alterskategorie 9 – 11 Jahre; – und das kann als empfohlenes Lesealter genommen werden. Im Buch sind Hester und Tom fünfzehn Jahre alt. Im dem Roman nicht sklavisch folgendem Film sind sie fünf Jahre älter. Das ist vor allem kommerziellen Erwägungen geschuldet. Davon abgesehen spricht „Mortal Engines: Krieg der Städte“ von seiner gesamten Machart vorpubertäre Jugendliche an, die ein bildgewaltiges Science-Fiction/Fantasy-Abenteuer erleben wollen. Sie werden sich auch nicht an der simplen Und-dann-Dramaturgie stören, die auf ein Finale bei der im Osten in den Bergen liegenden Großstadt Shan Guo zuschlurft.

Ältere Zuschauer werden sich daran stören und die Zeit bis dahin mit Vergleichen zu anderen Filmen vertreiben. Vor allem die „Krieg der Sterne“-Filme werden als reichlich gefüllter Fundus an Bildern, Ideen (so gibt es einen Moment, in dem bei der Pressevorführung der gesamte Saal am liebsten den einen legendären Satz aus „Das Imperium schlägt zurück“ gesagt hätte), Geräten und Flugzeugen. Wenn nicht gerade „Star Wars“ als Ideengeber benutzt wird, geht es munter durch Filme wie „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ (der Stummfilm, mit Max Schreck als Graf Dracula, der in Shrike seinen Wiedergänger gefunden hat) und „V wie Vendetta“. In ein, zwei Sätzen wird auch ein Kampf zwischen Traktionisten und Anti-Traktionisten (bzw. fahrenden, alles verschlingenden Städtern und ihren Gegnern) angesprochen. Politisch interessierte Zuschauer können diese Sätze, die Handlungsorte und den Ort des Finales politisch interpretieren. Aber den Konflikt muss man noch nicht einmal im Ansatz verstehen, um die Filmgeschichte zu verstehen. Am Ende will Valentine einfach nur eine Stadt zerstören, weil er es kann und er sein neues Spielzeug ausprobieren will.

Für Philip Reeve war sein Romandebüt „Mortal Engines: Krieg der Städte“ der Auftakt zu einer Tetralogie und ergänzender Geschichten aus dieser von ihm erfundenen Fantasywelt der fahrenden Städte. Damit haben die Filmemacher genug Material für weitere Filme, die auch erkennbar geplant sind. Denn einige Szenen und groß eingeführte Figuren sind für die Geschichte dieses Films unwichtig. Aber sie könnten in den späteren Filmen wichtiger werden. Die Filmgeschichte selbst ist dagegen vollkommen in sich abgeschlossen. Das gilt auch für das Filmende, das keine eindeutigen Hinweise auf den nächsten „Mortal Engines“-Film enthält. Nachdem in den letzten Jahren einige Blockbuster nur die nächsten Filme vorbereiten sollten, die dann doch nicht gedreht wurden, ist das Ende ein erfreulicher Gegenentwurf.

Ob man „Mortal Engines: Krieg der Städte“ jetzt für einen gelungenen Steampunk-Abenteuerfilm oder für ein schamloses Plündern anderer Filme hält, hängt stark von der Erwartung und dem Standpunkt ab. Als Zwölfjähriger wäre „Mortal Engines: Krieg der Städte“ wahrscheinlich mein „Star Wars“ und damit der beste Film aller Zeiten. So ist er ein „Star Wars“-Rip-Off, das einfach nur, noch einmal, alte und uralte Ideen und Bilder in glänzender Optik präsentiert. Das ist dann alles zu sehr Altbekanntes in neuer Verpackung mit flachen Figuren in einer schlecht entwickelter Filmgeschichte, die sich nicht an Erwachsene, sondern an Kinder richtet.

Auf der großen Leinwand sehen die durch die Matschlandschaft fahrenden Steampunk-Städte allerdings grandios aus. Auch wenn die Idee, dass eine Millionenstadt wie London quer durch Old Europe Richtung Osten fährt und alles verschlingt, was ihr in den Weg kommt, vollkommen idiotisch ist.

Mortal Engines: Krieg der Städte (Mortal Engines, USA/Neuseeland 2018)

Regie: Christian Rivers

Drehbuch: Fran Walsh, Philippa Boyens, Peter Jackson

LV: Philip Reeve: Mortal Engines, 2001 (Großstadtjagd; Mortal Engines: Krieg der Städte)

mit Hera Hilmar, Robert Sheehan, Hugo Weaving, Jihae, Ronan Raftery, Leila George, Patrick Malahide, Stephen Lang

Länge: 129 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage – und was nach dem Abspann geschah

Wer nicht bis zum nächsten Film warten will, kann schon jetzt lesen, wie die Geschichte von Hester Shaw und Tom Natsworthy weitergeht; – wenn die Macher sich an die Romangeschichte halten.

Pünktlich zum Filmstart veröffentlichte der Fischer Verlag die ersten beiden „Mortal Engines“-Romane. Die nächsten „Mortal Engines“-Romane „Der Grüne Sturm“ und „Die verlorene Stadt“ folgen im Februar und Mai 2019. Die Romane richten sich an ein junges Publikum und erhielten in Großbritannien mehrere Kinder- und Jugendbuchpreise.

Und jedes Wort über „Jagd durchs Eis“ würde viel über „Krieg der Städte“ verraten. Daher schreibe ich jetzt nichts über die weiteren Abenteuer von Hester und Tom in der Welt der „Mortal Engines“.

Philip Reeve: Mortal Engines: Krieg der Städte

(übersetzt von Nadine Püschel und Gesine Schröder)

Fischer Verlag/TOR, 2018

336 Seiten

12 Euro

Originalausgabe

Mortal Engines

Scholastic Ltd., 2001

Deutsche Erstausgabe

Großstadtjagd

(übersetzt von Anja Hansen-Schmidt)

Beltz & Gelberg, 2003

Zweite deutsche Ausgabe

Mortal Engines: Krieg der Städte

Ravensburger Buchverlag, 2008

Philip Reeve: Mortal Engines: Jagd durchs Eis

(übersetzt von Nadine Püschel und Gesine Schröder)

Fischer Verlag/TOR, 2018

368 Seiten

12 Euro

Originalausgabe

Predator’s Gold

Scholastic Ltd., 2003

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Mortal Engines: Krieg der Städte“

Metacritic über „Mortal Engines: Krieg der Städte“

Rotten Tomatoes über „Mortal Engines: Krieg der Städte“

Wikipedia über „Mortal Engines: Krieg der Städte“ (deutsch, englisch)

Homepage von Philip Reeve


TV-Tipp für den 13. Dezember (+ Buchkritik): Passagier 23 – Verschwunden auf hoher See

Dezember 13, 2018

RTL, 20.15

Passagier 23 – Verschwunden auf hoher See (Deutschland 2018)

Regie: Alexander Dierbach

Drehbuch: Miriam Rechel

LV: Sebastian Fitzek: Passagier 23, 2014

Wenn jemand auf einer Kreuzfahrt spurlos verschwindet, ist es meistens Suizid oder Suff. Aber was ist, wenn eine solche verschwundene Person wieder auftaucht? Mit diesem Problem müssen sich auf dem Kreuzfahrtschiff „Sultan of the Seas“ einige Menschen beschäftigen. Denn die vor acht Wochen verschwundene und für tot erklärte elfjährige Anouk Lamar ist schwer traumatisiert wieder aufgetaucht. Von ihrer Mutter fehlt immer noch jede Spur. Bei sich hatte Anouk den Teddybär des fast gleichaltrigen Timmy Schwartz. Timmy und seine Mutter gingen vor fünf Jahren auf der „Sultan of the Seas“ über Bord.

Jetzt kehrt der Berliner Polizeipsychologe Martin Schwartz auf das Kreuzfahrtschiff zurück. Er will das Rätsel um den Tod seiner Frau und seines Sohns und das rätselhafte Auftauchen von Anouk lösen. Auf dem Schiff trifft er Daniel Bonhoeffer, der damals und heute der Kapitän des Schiffes ist.

(Zwischenbemerkung: diese Inhaltsangabe folgt dem Roman. Für den Film wurde der Schiffsname und die Dauer von Anouks Verschwinden geändert.)

Unterm Strich sind die 120 Minuten zwar spannend, aber „Passagier 23“ hätte ein noch besserer Film werden können.“ (tittelbach.tv)

mit Lucas Gregorowicz, Oliver Mommsen, Judy Winter, Kim Riedle, Mercedes Müller, André Röhner, Picco von Groote, Martin Lindow

Wiederholung: Freitag, 14. Dezember, 00.30 Uhr (Taggenau!)

Die Vorlage

Was für ein Filmjahr für Sebastian Fitzek. Nachdem zunächst alle Produzenten abwinkten, gab es dieses Jahr mit den TV-Filmen „Das Joshua-Profil“, „Amokspiel“ (noch nicht gesehen), „Passagier 23“ (dito) und dem Kinofilm „Abgeschnitten“ wahre Fitzek-Festspiele mit zwiespältigem Ergebnis. Immerhin gelang es Christian Alvart in „Abgeschnitten“ aus dem Serienkiller-Pageturner einen Serienkiller-Thriller zu machen, der mir sogar besser als der Roman gefiel.

Auch die Verfilmung von „Passagier 23“ dürfte schwierig sein. Denn der Pageturner ist ein typischer Fitzek-Roman. Es beginnt mit einem Rätsel (Warum kehrte die vor acht Wochen über Bord gegangene Anouk zurück? Wo war sie die ganze Zeit?) und schnell wird aus dem Ermittlerkrimi ein Thriller, in dem ständig etwas passiert. Die Figuren bleiben dabei immer spärlich charakterisierte Erfüllungsgehilfen der sich rasend schnell entwickelnden Ereignisse. In einem Roman funktioniert das. Für einen Film muss die Romangeschichte verändert werden. Charaktere müssen eingeführt werden. Beziehungen müssen etabliert werden und auch die falschen Fährten müssen anders ausgelegt oder vollkommen aus der Filmgeschichte gestrichen werden. Die Aufgabe des Drehbuchautors ist es, die Essenz des Romans und warum der Roman gelesen wurde, in ein anderes Medium zu übertragen. Dafür kann und muss die Vorlage verändert werden.

Passagier 23“ ist ein ziemlich abstruser Thriller, der bis zur überraschenden Auflösung das Prinzip des Cliffhangers perfektioniert hat. Ehe man lange darüber nachdenken kann, ob das alles besonders wahrscheinlich ist, hat man das Buch zu Ende gelesen. Gleich danach streicht man die Idee mit der Kreuzfahrt von der nächsten Urlaubswunschliste. Gibt ja noch andere Orte, an denen es schön ist. Vielleicht ist da einer dabei, an dem keine Verbrechen geschehen.

Sebastian Fitzek: Passagier 23

Droemer, 2014

432 Seiten

19,99 Euro (gebundene Ausgabe)

Knaur 2015

9,99 Euro (Taschenbuch)

Hinweise

RTL über „Passagier 23 – Verschwunden auf hoher See“

Homepage von Sebastian Fitzek

Sebastian Fitzek in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks „Der Seelenbrecher“ (2008)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks „Das Kind“ (2008)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks „Splitter“ (2009)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks “Der Augensammler” (2010)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks “Der Augenjäger” (2011)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzek/Michael Tsokos‘ „Abgeschnitten“ (2012)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks „Der Nachtwandler“ (2013)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks „Das Joshua-Profil“ (2015)

Meine Besprechung von Max Rhodes (Pseudonym von Sebastian Fitzek) „Die Blutschule“ (2015)

Meine Besprechung von Zsolt Bács‘ Sebastian-Fitzek-Verfilmung “Das Kind” (Deutschland 2012)

Meine Besprechung von Christian Alvarts Sebastian-Fitzek-Michael-Tsokos-Verfilmung „Abgeschnitten“ (Deutschland 2018)


Privatdetektive: Nero Wolfe und „Der rote Stier“

Dezember 5, 2018

Nero Wolfe steht auf einer Wiese. Ihm gegenüber steht ein kampfeslustiger Stier. Weil diese Situation in der Welt von Nero Wolfe vollkommen ungewöhnlich ist, erinnern sich alle, die den Kriminalroman irgendwann gelesen haben, an diese Szene. Denn Nero Wolfe ist ein übergewichtiger, in New York lebender Privatdetektiv, Orchideenzüchter, Genießer (er beschäftigt einen Koch, der locker in jedem Sterne-Restaurant reüssieren könnte) und er verlässt so ungern sein Brownstone-Haus, dass man auch sagen kann, er verlässt es nie. Das tut sein Assistent Archie Goodwin, der Erzähler der Nero-Wolfe-Geschichten.

In „Der rote Stier“ hat Wolfe seine Wohnung verlassen, um an einem Wettbewerb von Orchideenzüchtern teilzunehmen. Und er musste das von Goodwin gefahrene Auto verlassen und über eine Wiese gehen und vor dem Stier, den er und Goodwin zu spät entdecken, auf einen Felsen flüchten, der mitten auf der Wiese liegt. Jetzt ist Nero Wolfe an dem Ort, an dem man ihn am wenigsten erwarten würde.

Gegenüber diesem Bild verblast die restliche Geschichte.

Dabei ist „Der rote Stier“, der sechste von Rex Stout geschriebene Nero-Wolfe-Roman, ein wundervoller Privatdetektivkrimi. Im Original erschien der Krimi 1938 in einer gekürzten Ausgabe in „The American Magazine“. 1939 erschien er ungekürzt als Buch. Seitdem gab es mehrere deutsche Veröffentlichungen. Die jüngste ist von Conny Lösch und ihre vollständige Neuübersetzung ist ein Lesevergnügen. Sprachlich wirkt ist da nichts verstaubt oder altmodisch. Das gilt auch für den Krimiplot, den man mit einigen kleinen Änderungen mühelos in die Gegenwart verlegen könnte.

Denn selbstverständlich ermitteln Nero Wolfe und Archie Goodwin schnell in einem Mordfall. Der titelgebende, preisgekrönte Zuchtbulle Hickory Caesar Grindon gehört Thomas Pratt. Der Besitzer einer gut laufenden Fastfood-Restaurantkette hat ihn Monte McMillan für eine erkleckliche Summe abgekauft. Er will ihn in einigen Tagen, mit geladenen Gästen und begleitet von einem großen Presserummel, verspeisen.

Für die örtlichen Züchter ist das ein Sakrileg. Und Clyde Osgood wettet mit Pratt, dass er Caesar nicht verspeisen werden. Noch in der Nacht stirbt Osgood. Offensichtlich wollte er Caesar von der Wiese entführen und wurde dabei von Caesar getötet.

Als Nero Wolfe einen Blick auf den Toten und den blutbefleckten Stier wirft, weiß er, dass Osgood ermordet wurde und dass Caesar nicht der Täter ist.

Die Ermittlungen, also die Befragungen all der möglichen und unmöglichen Täter, werden von Rex Stout etwas hinausgezögert, weil Wolfe zuerst einen Klienten finden muss, der sein unverschämt hohes Honorar bezahlen will.

Anschließend entwickelt sich das übliche, aus Ratekrimis bekannte Spiel, in dem alle Menschen befragt werden, die etwas über die Hintergründe des Mordes wissen könnten, und es gibt selbstverständlich deutlich mehr Verdächtige als Täter. Diesen Rätselplot erzählt Stout, mit leichtem Humor, so flott, dass „Der rote Stier“ echte Pageturner-Qualitäten hat.

Unter Fans gilt „Der rote Stier“ als einer der besten Nero-Wolfe-Romane. Das hat mehrere Gründe. Alle wichtigen Punkte von Nero Wolfes Welt sind bereits etabliert, aber sie sind noch nicht so fest zementiert wie in den späteren Romanen. Innerhalb der bekannten Formel gibt es noch viel Raum für unangestrengte Experimente, wie Nero Wolfe für einen gesamten Roman aus seiner New Yorker Wohnung zu holen und so dem Leser schon von der ersten Seite an ein besonderes Abenteuer zu bieten. Aber vor allem ist die Erzählfreude von Rex Stout auf jeder Seite spürbar und der Plot ist glänzend konstruiert.

Das nennt man dann: einen auch heute noch lesenswerten Klassiker.

Rex Stout: Der rote Stier – Ein Fall für Nero Wolfe

(vollständig neu übersetzt von Conny Lösch)

Klett-Cotta, 2018

352 Seiten

16 Euro

Originalausgabe

Some Buried Caesar

Farrar & Rineheart, 1939

Ursprünglich, in gekürzter Form 1938 in The American Magazine als „The Red Bull“.

Hinweise

Krimi-Couch über Rex Stout

Kaliber 38 über Rex Stout

Wikipedia über Rex Stout (deutsch, englisch) und Nero Wolfe (deutsch, englisch)

Thrilling Detective über Rex Stout und Nero Wolfe

Meine Besprechung von Rex Stouts „Es klingelte an der Tür“ (The Doorbell rang, 1965)

 


„Marvel Cinematic Universe – Das Film-Kompendium: Die Guten, die Bösen & die Guardians“ stellt weitere Marvel-Filme vor

November 8, 2018

Der jetzt erschienene zweite Band von „Marvel Cinematic Universe – Das Film-Kompendium“ mit dem Untertitel „Die Guten, die Bösen & die Guardians“ schließt unmittelbar an den ersten Band „Die Avengers-Initiative“ an und bespricht chronologisch die nach „Thor: The Dark Kingdom“ ins Kino gekommenen Marvel-Filme. Das sind, zur Erinnerung, „The Return of the First Avenger“, „Ant-Man“, „Guardians of the Galaxy“, Avengers: Age of Ultron“, „The First Avenger: Civil War“, „Doctor Strange“ und „Guardians of the Galaxy Vol. 2“.

Die neuesten Marvel-Filme und auch das Ende des ersten Teils von „Infinity War“ werden in diesem Filmbuch nicht verraten. Dafür gibt es ja einen späteren Band. Denn der in den USA im Januar erschienene dritte Band „It’s all connected“ beschäftigt sich mit den TV-Serien „Agents of S. H. I. E. L. D.“ und „Agent Carter“.

Die Filme werden, wie im ersten Band nicht mit ihrer Filmgeschichte vorgestellt. Stattdessen gibt es Informationen über die wichtigen Charaktere, Gebäude und Gegenstände, die im Film auftauchen und es wird gesagt, was mit ihnen in diesem Film geschieht.

Wenn sie in mehreren Filmen auftauchen, wird das, was mit ihnen in einem Film geschieht, bei diesem Film besprochen, und das, was im nächsten Film geschieht, im nächsten Film besprochen. Was bei Tony Stark und Hawkeye viel Blättern bedeutet. Diese lexikalische Form verschafft einem einen schnellen Überblick über bestimmte Fakten im Marvel-Kinouniversum und, wenn man etwas blättert, was mit einer Person von Film zu Film geschieht. Aber wer die Filme nicht kennt, wird wenig mit den Beschreibungen und Nacherzählungen von Teilen der Filmhandlung anfangen können. Es wird ja nicht der Film, sondern das, was der Charakter erlebt, nacherzählt.

In Kästchen gibt es wieder Informationen zu den ersten Auftritte der besprochenen Personen und Gegenstände in den Comics. Weiter heraus aus dem Kosmos der Filme begibt sich das Film-Kompendium nicht. Es gibt keine Informationen über die Schauspieler, Regisseure und Autoren. Es wird noch nicht einmal erwähnt, wer wen spielt. Diese Informationen gehören zu einem anderen Universum, in dem die Avengers gegen ganz andere Gegner kämpfen müssen.

Insofern hat Koordinator Mike O’Sullivan mit dem zweiten MCU-Film-Kompendium wieder ein Buch herausgegeben, das nur für die Fans ist, die schon alle Filme in mindestens einer Ausgabe in ihrem Regal stehen haben…und für die Kritiker, die beim Besprechen des neuesten Marvel-Films elegant mit ihrem scheinbar unendlichem Hintergrundwissen über die verschiedenen Charaktere und ihre Herkunft prahlen wollen.

Mike O’Sullivan (Chefautor/Koordinator): Marvel Cinematic Universe – Das Film-Kompendium Bd. 1: Die Guten, die Bösen & die Guardians

(übersetzt von Stefan Pannor)

Panini, 2018

184 Seiten

29,99 Euro

Originalausgabe

Marvel Cinematic Guidebook: The The Good, The Bad, The Guardians

Marvel, 2017

Hinweis

Meine Besprechung von Peter Vignolds „Das Marvel Cinematic Universe – Anatomie einer Hyperserie“ (Marburger Schriften zur Medienforschung, 2017 – die wissenschaftliche Perspektive)

Meine Besprechung von Mike O’Sullivans „Marvel Cinematic Universe – Das Film-Kompendium Bd. 1: Die Avengers-Initiative“ (Marvel Cinematic Guidebook: The Avengers Initiative, 2017)


Der „Bastard“ des Herrn Max de Radiguès

Oktober 29, 2018

Irgendwo im Südwesten der USA sind May und ihr Sohn Eugene auf der Flucht vor der Polizei und ihren früheren Freunden. Gemeinsam überfielen sie an einem Tag über fünfzig Banken, Postämter und Geschäfte. Aber nach der Raubserie wurden mehrere Bandenmitglieder tot aufgefunden.

Ehe man sich noch groß darüber wundern kann, warum eine Mutter einerseits ihren Sohn mit ihrem Leben beschützt und sie ihn andererseits durch ihr Verbrecherleben in Lebensgefahr bringt, sind die zwei schon mitten in einer Abfolge turbulenter Abenteuer, die sie in den Norden von New Mexico führen. In dem einsam gelegenen Lager einiger Indianer kommen sie endlich etwas zur Ruhe. Eugene kann wie ein normaler Junge leben. Nachdem May von ihren Verletzungen genesen ist, bricht sie, ohne Eugene, auf, um einige offene Rechnungen zu begleichen.

Max de Radiguès erzählt in seinem ersten auf Deutsch veröffentlichtem Comic „Bastard“ sehr dicht eine Verbrechergeschichte, die in den USA spielt, aber immer einen französischen Tonfall hat. Das zeigt sich vor allem an den Figuren, ihren Beziehungen und den überraschenden Wendungen. Das ist näher am Polar und an französischen Gangsterfilmen, als an US-Gangsterfilmen und fällt gerade deshalb positiv auf.

Dazu kommen de Radiguès‘ nur auf den ersten Blick naiven SW-Zeichnungen. Er bestimmt so die Blickrichtung, hebt wichtige Details hervor und die Stimmung der düsteren Geschichte.

Bastard“ könnte die Vorlage für einen Gangsterfilm sein, der entweder, wie die Vorlage, in den USA oder, was mir persönlich sogar besser gefiele, in Frankreich spielt. Denn abseits der französischen Hauptstadt gibt es viel Raum für eine solche Bonnie-und-Clyde-Geschichte.

Max de Radiguès: Bastard

(übersetzt von Andreas Förster)

Reprodukt, 2018

192 Seiten

14 Euro

Originalausgabe

Bâtard

Casterman, 2017

Hinweise

Homepage von Max de Radiguès

Reprodukt über „Bastard“

Wikipedia über Max de Radiguès


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Über die Håkan-Nesser-Verfilmung „Intrigo – Tod eines Autors“

Oktober 25, 2018

Das wird eine schwierige Besprechung. Denn Daniel Alfredson erzählt in seiner Verfilmung von Håkan Nessers Geschichte „Rein (Tod eines Autors)“ die Geschichte so umständlich und sinnlos verschachtelt, dass man sie eigentlich nur mit vielen Spoilern besprechen kann. Ich werde trotzdem versuchen, sie weitgehend zu vermeiden.

Im Film besucht David Moerk (Benno Fürmann) den älteren, auf einer Insel in einem einsam gelegenem Strandhaus lebenden Autor Henderson (Ben Kingsley). Der Übersetzer Moerk möchte von ihm seine Meinung zu einer von ihm geschriebenen Geschichte haben. Erfahrene Krimifans wissen in dem Moment natürlich, dass Moerk Henderson nicht zufällig besucht und dass er noch mindestens einen Hintergedanken hat. Sonst wäre es kein Krimi.

In Rückblenden, die Moerks autobiographischem Manuskript folgen, erfahren wir jetzt, wie Moerk während eines Bergurlaubs erfährt, dass seine Frau ihn verlassen will und was er dagegen unternimmt, und wie er Jahre später den neuen Roman von Germund Rein übersetzen soll. Während er Reins Manuskript übersetzt, hat er den immer stärkeren Verdacht, dass Rein von seiner Frau und ihrem Liebhaber ermordet wurde.

Diese beiden Geschichten mit vorhersehbaren Pointen werden im Film weitgehend chronologisch hintereinander präsentiert. Sie sind dabei so stark voneinander getrennt, dass ich während des Films vermutete, dass Daniel Alfredson und seine Co-Drehbuchautorin Ditta Bongenhielm zwei oder, wenn man den Besuch des Übersetzers bei dem Autor als eigene Geschichte betrachtet, sogar drei Kurzgeschichten, die nichts miteinander zu tun haben, denkbar ungeschickt in einem Copy&Paste-Verfahren zu einer Filmgeschichte verbunden haben.

Umso größer war meine Überraschung beim Lesen der 1996 erschienenen Vorlage „Rein (Tod eines Autors)“. Denn der Film basiert nur auf einer Geschichte und diese enthält fast alles, was man im Film sieht. Nur anders angeordnet. Im Roman (bei zweihundert Seiten kann man die Erzählung Roman nennen) erhält Moerk den Auftrag, das Manuskript von Rein zu übersetzen. Die Übersetzung will er in der Stadt anfertigen, in der Rein lebte. Während er an der Übersetzung arbeitet, erinnert Moerk sich an die letzten Tage mit seiner spurlos verschwundenen Frau. Nachdem er ihr Hüsteln auf der Aufnahme eines Klassikkonzerts hörte, glaubt er, dass sie dort lebt.

Nesser erzählt die Geschichte, im Gegensatz zum Film, ohne Metaebenen, chronologisch und mit einer klaren Trennung zwischen Haupt- (Reins „Mord“) und Nebenplot (Moerks „Mord“). Das macht die Geschichte nicht wirklich sinnvoller, aber logischer. Und wir werden von den idiotischen Gesprächen zwischen Moerk und Henderson über die Konstruktion einer Geschichte verschont.

Im Film sind die Handlungen der verschiedenen Charaktere durchgehend abstrus und psychologisch fast nie nachvollziehbar. Das gilt vor allem für das Ende. Dazu kommen Dialoge, Schauspielerleistungen und eine Inszenierung, die als Ziel nicht die große Leinwand, sondern das TV-Vorabendprogramm haben.

Dabei hat Daniel Alfredson mit seinen beiden Stieg-Larsson-Verfilmungen „Verdammnis“ (2009) und „Vergebung“ (2009) durchaus bewiesen, dass er mit Schmackes für die große Leinwand inszenieren kann. In dem für den internationalen Markt auf Englisch inszenierten Krimi „Intrigo – Tod eines Autors“ ist davon nichts zu spüren. In ihr agieren alle extrem lustlos. Gerade in der Originalfassung werden die Dialoge so gesprochen, als begriffen alle Schauspieler nie den Inhalt ihrer Sätze. In diesem Fall könnte die deutsche Synchronisation ein Gewinn sein.

Intrigo – Tod eines Autor“ ist der Auftakt einer bereits abgedrehten Anthologie-Trilogie von Nesser-Verfilmungen. Alfredson inszenierte alle Filme. Die Drehbücher sind von ihm und Ditta Bongenhielm. „Intrigo: Samaria“ und „Intrigo: Dear Agnes“, die vollkommen unabhängig von „Tod eines Autors“ sind, sollen nächstes Jahr in unsere Kinos kommen.

Intrigo – Tod eines Autors (Intrigo: Death of an Author, USA/Schweden/Deutschland 2018)

Regie: Daniel Alfredson

Drehbuch: Ditta Bongenhielm (eigentlich Birgitta Bongenhielm), Daniel Alfredson

mit Ben Kingsley, Benno Fürmann, Tuva Novotny, Veronica Ferres, Daniela Lavender, Michael Byrne

Länge: 106 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage

Zum Filmstart veröffentlichte btb den Sammelband „Intrigo“, der die vier für die Kinoserie verfilmten Geschichten, die auf Deutsch bereits in anderen Sammelbänden erschienen, und die brandneue, nicht verfilmte und aus keinem nachvollziehbaren Grund 1995 spielende Geschichte „Tom“ enthält.

In „Tom“ wird die Endfünfzigerin Judith Bendler von einem Mann angerufen, der behauptet ihr vor über zweiundzwanzig Jahren verschwundener Adoptivsohn zu sein.

Mit zweihundert Seiten ist „Rein (Tod eines Autors)“ die längste Geschichte des Sammelbands. In ihr geht es um einen Übersetzer, der glaubt, in einem Romanmanuskript sorgsam platzierte Beweise für den Mord an dem Autor zu entdecken.

In „In Liebe, Agnes“ treffen sich auf einer Beerdigung zwei Schulfreundinnen, die sich seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen haben. Henny, die ihren Mann loswerden will, schlägt ihrer Freundin Agnes vor, dass sie einen Mord im Stil von „Zwei Fremde im Zug“ begehen sollen.

In „Die Wildorchidee aus Samaria“ kehrt ein Sprachlehrer nach dreißig Jahren an den Ort zurück, an dem er sein Abitur machte. Kaum dort angekommen erhielt er einen Brief von Vera Kall, einer spurlos verschwundenen, von ihm begehrten Schulkameradin.

In „Sämtliche Informationen in der Sache“, mit vierzehn Seiten die kürzeste Geschichte des Sammelbands, geht es nur um eine Situation: nach dem Unfalltod einer Schülerin soll ein Lehrer trotzdem für sie das Abschlusszeugnis ausstellen. Aber nach welchen Maßstäben soll er sie beurteilen? Diese Geschichte dürfte zusammen mit „Die Wildorchidee aus Samaria“ verfilmt werden. Sie fällt auch aus dem Raster der anderen Geschichten, in denen die Vergangenheit der Protagonisten einen großen Teil der Geschichte einnimmt und das mehr oder weniger mörderische Geheimnis aus der Vergangenheit für passionierte Krimi-Leser gar nicht so überraschend ist. Kriminalgeschichten sind sie nur peripher. Mit den zahlreichen Erinnerungen der Protagonisten und den teils erst spät enthüllten Geheimnissen, beschreiben sie letztendlich vor allem Situationen. Es gibt wenig sich direkt für eine konventionelle Filmgeschichte empfehlende Handlung.

So schreibt Håkan Nesser im Vorwort: „Ein Buch ist ein Buch, ein Film ist ein Film. Geschichten müssen häufig umgestülpt werden, neue Ausdrucksformen finden, wenn sie aus dem einen Medium in ein anderes übertragen werden. Sie können sogar eine völlig neue Auflösung erhalten. (…) Doch die Ähnlichkeit, der eigentliche Kern jeder Erzählung, das, worum es genauer betrachtet wirklich geht, ist natürlich erhalten geblieben.“

Mal sehen, ob Daniel Alfredson die Umarbeitung der anderen Nesser-Geschichten besser gelang. Denn auf den ersten Blick ist keine der Geschichten ohne größere Umarbeitungen für einen Spielfilm geeignet.

Störend bei allen Geschichten ist, dass die verschiedenen Charaktere sich immer wieder unlogisch verhalten müssen. So, um nur ein Beispiel zu nennen, schreiben Henny und Agnes sich Briefe und, als ob das nicht schon dämlich genug wäre, bietet Henny Agnes eine stattliche Geldsumme für den Mord an ihrem Mann an. Das Geld überweist sie. Und das soll der Polizei nicht auffallen???

Gestandene Krimileser werden immer schnell das Ende der Geschichte erahnen und dann, leicht gelangweilt, bis zur Lösung weiterlesen.

Håkan Nesser: Intrigo

(übersetzt von Paul Berf, Christel Hildebrandt und Gabriele Haefs)

btb, 2018

608 Seiten

12 Euro

Originalausgabe

Intrigo

Albert Bonniers, Stockholm, 2018

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Filmportal über „Intrigo – Tod eines Autors“

Moviepilot über „Intrigo – Tod eines Autors“

Rotten Tomatoes über „Intrigo – Tod eines Autors“

Homepage von Håkan Nesser

Deutsche Homepage von Håkan Nesser

Meine Besprechung von Daniel Alfredsons Stieg-Larsson-Verfilmung „Verdammnis“(Flickan som lekte med elden, Schweden 2009) (Buch und Film)

Meine Besprechung von Daniel Alfredsons Stieg-Larsson-Verfilmung „Vergebung“ (Luftslottet som sprängdes, Schweden/Dänemark/Deutschland 2009) (Buch und Film)


Das „Lexikon des internationalen Films“ über das Filmjahr 2017

Oktober 24, 2018

Diese Besprechung ist schon lange überfällig: denn die aktuelle Ausgabe des immer lesens- und empfehlenswerten „Lexikon des internationalen Films“ ist schon vor einigen Tagen erschienen und sie unterscheidet sich nicht wesentlich von den vorherigen Ausgaben. Vom Aufbau. Nicht vom Inhalt. Der ist hundertprozentig neu.

Das Herzstück des Lexikons ist die alphabetische Auflistung aller in Deutschland 2017 erstmals gezeigten Filme: Spielfilme, die im Kino liefen; Spielfilme, die auf DVD und/oder Blu-ray veröffentlicht wurden, TV-Filme und TV-Serien (was den Begriff des „Films“ arg dehnt) und längere Dokumentarfilme. Zu jedem Film gibt es eine kurze Inhaltsangabe und eine kritische Einschätzung und wichtige Angaben zum Film und den beteiligten Personen. Es gibt eine Übersicht über einige wichtige Filmpreise, die Silberlinge (für herausragende DVD- und Blu-ray-Editionen, dieses Jahr unter anderem „Die Reifeprüfung“), die Auflistung der „Sehenswert“-Filme des Filmdienst (dem Herausgeber des Lexikons) und die Kinotipps der katholischen Filmkritik. Immerhin wird der Filmdienst von der katholischen Kirche herausgeben. Auf den Inhalt des von ausgewiesenen Filmkritikern geschriebenen Heftes hat das allerdings keinen Einfluss.

Es gibt, wie jedes Jahr, einen ausführlichen Überblick über das vergangene Kinojahr und ein Schwerpunktthema. Dieses Jahr ist es „Europas Kinofilme“ mit in den vergangenen Jahren bereits im Filmdienst erschienenen Texten zu wichtigen europäischen Regisseuren, wie Jean-Pierre und Luc Dardenne, Francois Ozon, Pedro Almodóvar, Lars von Trier und Michael Haneke und, mit den ausführlichen Filmdienst-Kritiken, einer Zusammenstellung von sechzig zwischen 2000 und 2017 entstandenen europäischen Kino-Highlights.

Und es gibt die von der Filmdienst-Redaktion erstellte Liste der besten Kinofilme des Jahres 2017. Das waren in der Reihenfolge ihrer Beliebtheit:

Elle (von Paul Verhoeven)

Western (von Valeska Grisebach)

Manchester by the Sea (von Kenneth Lonergan)

Körper und Seele (von Ildikó Enyedi)

Silence (von Martin Scorsese)

Blade Runner 2049 (von Denis Villeneuve)

Personal Shopper (von Olivier Assayas)

Nocturama (von Bertrand Bonello)

La La Land (von Damien Chazelle)

Hell or High Water (von David Mackenzie)

Auch wenn mir der ein oder andere dieser Filme nicht gefallen hat, sind das in jedem Fall sehenswerte Filme.

Ad hoc würde ich noch, im Lexikon blätternd, „Baby Driver, „Certain Women“, „Dunkirk“, „Fences“, „Get Out“, „Die göttliche Ordnung“, „Hidden Figures – Unbekannte Heldinnen“, „Moonlight“ und „Die rote Schildkröte“, dazu nehmen – und dabei ein gutes Dutzend weiterer guter Filme vergessen.

Aber wenn ich noch länger blättere und mir gleichzeitig notiere, welche Filme ich jetzt sehen will…

Ähem: „Das Lexikon des internationalen Films – Filmjahr 2017“ ist, wie die vorherigen Jahresbände, unverzichtbar für den Filmfan. Es zeigt auch, warum ein gedrucktes Jahrbuch besser als eine Internetseite ist.

P. S.: Die Damen auf dem Buchcover sind „Jahrhundertfrauen“.

Filmdienst/Katholische Filmkommission für Deutschland (Redaktion: Horst Peter Koll): Lexikon des internationalen Films – Filmjahr 2017

Schüren, 2018

560 Seiten

24,90 Euro

Hinweise

Homepage der Zeitschrift „Filmdienst“

Meine Besprechung von „Lexikon des Internationalen Films – Filmjahr 2008“

Meine Besprechung von „Lexikon des internationalen Films – Filmjahr 2009“

Meine Besprechung von “Lexikon des Internationalen Films – Filmjahr 2010″

Meine Besprechung von „Lexikon des Internationalen Films – Filmjahr 2011“

Meine Besprechung von „Lexikon des Internationalen Films – Filmjahr 2012“

Meine Besprechung von „Lexikon des internationalen Films – Filmjahr 2013“

Meine Besprechung von „Lexikon des Internationalen Films – Filmjahr 2014“

Meine Besprechung von „Lexikon des Internationalen Films – Filmjahr 2015“

Meine Besprechung von „Lexikon des internationalen Films – Filmjahr 2016“


„Falken jagen“ mit D. B. Blettenberg

Oktober 23, 2018

Es ist schön, wieder die Stimme von D. B. Blettenberg zu hören. Schließlich erschien sein letzter Roman „Murnaus Vermächtnis“ bereits 2010 und der war ein großes Epos.

Jetzt schickt Blettenberg wieder den Problemlöser Farang in die Schlacht. „Falken jagen“ ist allerdings kein weiteres Epos, sondern ein schlanker Hardboiled-Krimi.

In Thailand bringt ein unbekannter Killer Deutsche um und hinterlässt am Tatort, als persönliche Note, ein Epistel. Imelda, die Tochter des verstorbenen Generals Watana, einem ‚Freund‘ von Farang, fordert von Farang eine alte Ehrenschuld ein. Farang soll ihrem von den Ermittlungen hoffnungslos überforderten Bruder zu helfen und die Mordserie zu beenden. Egal wie und egal, ob der Serienmörder dabei stirbt.

Blettenberg-Fans kennen Farang, halb Thai, halb Deutscher, bereits aus den Romanen „Farang“ (1988) und „Berlin Fidschitown“ (2003). Beide Krimis erhielten den Deutschen Krimi Preis. Beide Krimis entführen in Welten, die in deutschen Kriminalromanen normalerweise nicht beachtet werden.

Farang beginnt mit seinen Freunden Tony Rojana, ein Kriminalreporter, und Bobby Quinn, ein Vietnamveteran, nach dem Mörder zu suchen. Sie bemerken, dass alle Tote im Zweiten Weltkrieg deutsche Soldaten waren oder, immerhin gibt es auch jüngere Opfer, deren Väter deutsche Soldaten waren.

Als Farang den Killer, der sich nur der ‚Falke‘ nennt, bei einem Mord fast erwischt, taucht dieser unter. Die Spur führt nach Griechenland zu seinem nächsten Opfer.

Falken jagen“ ist ein klassischer Thriller, der seine Spannung durch den ständigen Wechsel der Perspektive zwischen dem Jäger und dem Gejagten erhält. In Griechenland wird auch das zukünftige Opfer des Falken und sein Umfeld genauer beleuchtet.

Neben der Jagd nach dem Killer geht es in „Falken jagen“ auch um Schuld und Sühne für begangene Verbrechen. Denn das Motiv für die Taten des Falken findet sich in der Vergangenheit, als im Zweiten Weltkrieg deutsche Soldaten alle Bewohner eines griechischen Dorfes kaltblütig ermordeten. Auch Farang und Bobby Quinn erinnern sich an ihre gewalttätige Vergangenheit.

Blettenberg behandelt diese Frage nicht zum ersten Mal in einem Roman. So ging es in „Land der guten Hoffnung“ um den Umgang Südafrikas mit der Apartheid, der sich grundlegend vom Umgang Deutschlands mit seiner Nazi- und DDR-Vergangenheit unterscheidet.

Falken jagen“ ist ein feiner, traditionsbewusster Thriller, der einige überraschende Twists und viele vertraute Klischees hat, die zeigen, in welcher Tradition Blettenberg steht. Es ist die Tradition des US-Hardboiled-Thrillers, die in Deutschland gelesen, aber fast nie geschrieben wird.

D. B. Blettenberg: Falken jagen

Pendragon, 2018

384 Seiten

18 Euro

Hinweise

Homepage von D. B. Blettenberg

Wikipedia über D. B. Blettenberg

Lexikon der deutschen Krimiautoren über D. B. Blettenberg

Krimi-Couch über D. B. Blettenberg

Meine Besprechung von D. B. Blettenbergs „Murnaus Vermächtnis“ (2010)

Mein Gespräch mit D. B. Blettenberg über „Murnaus Vermächtnis“


„Die Flüsse von London“ sind im „Autowahn“

Oktober 15, 2018

In London fährt ein Auto mit seinen Fahrer in die Themse.

Das kann in der Welt von Peter Grant passieren. Er ist in London Polizist bei der Metropolitan Police. Aber Grant ist kein Streifenpolizist oder Mitglied einer normalen Polizeieinheit. Er gehört zur Folly. Diese Spezialeinheit kümmert sich um Geistererscheinungen, wie halt besessene Autos. Dummerweise ist es nicht das einzige besessene Fahrzeug, das mordend durch London fährt, und solange der Ursprung des Unheils unbekannt ist, haben Grant und seine Kollegen alle Hände voll zu tun.

Im Gegensatz zu Ben Aaronovitchs anderen Urban-Fantasy-Kriminalgeschichten mit Peter Grant ist „Autowahn“ kein Roman, sondern ein Comic. Und das ist in diesem Fall ein Problem. Aaronovitch erzählt seine „Die Flüsse von London“-Romane in der ersten Person aus der Sicht von Peter Grant. Er ist ein junger Polizist, der auch das Magierhandwerk erlernt. Was nicht immer ohne Kollateralschäden abgeht. Die Romane sind lakonisch schwarzhumorige Geschichten, in denen es Geister und übernatürliche Erscheinungen gibt. Wie Grant über sie, seine Arbeit, seine Kollegen und Verwandtschaft erzählt, ist ein großer Teil des Lesevergnügens.

Im Comic wird die Geschichte in Bilder übersetzt und nur an einigen Stellen blitzt Aaronovitchs Humor auf. Dafür sehen wir eine in jeder Hinsicht sehr bunte Polizeitruppe und gleitende Übergänge zwischen der allgemein bekannten Realität, Visionen und der Geisterwelt und zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Lee Sullivan, der auch etliche „Doctor Who“-Geschichten zeichnete, zeichnete die von den ebenfalls „Doctor Who“-erfahrenen Ben Aaronovitch und Andrew Cartmel erfundene Geschichte in präzisen, realistischen Strichen.

Autowahn“ ist eine typische Peter-Grant-Geschichte, der allerdings genau das fehlt, was die Bücher so einzigartig macht. An dem Erfolg des Comics beim englischen Publikum änderte das nichts. Seitdem schrieb Aaronovitch weitere Comics, die in der Welt der „Die Flüsse von London“ spielen.

Ben Aaronovitch/Andrew Cartmel/Lee Sullivan/Luis Guerrero: Die Flüsse von London: Autowahn

(übersetzt von Kerstin Fricke)

Panini Comics, 2018

136 Seiten

17 Euro

Originalausgabe

Rivers of London: Body Work

Titan Comics, London, 2016

Hinweise

Homepage von Ben Aaronovitch

dtv über Ben Aaronovitch

Wikipedia über Ben Aaronovitch (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Ben Aaronovitchs „Schwarzer Mond über Soho“ (Moon over Soho, 2011)

Mein Besprechung von Ben Aaronivitchs „Geister auf der Metropolitan Line“ (The furthest station, 2017)


Chinesischer Science-Fiction-Autor Cixin Liu besucht Deutschland

Oktober 13, 2018

Zuerst erhielt er in China viele Preise. Vor allem für den Galaxy Award, den chinesischen Science-Fiction-Preis, scheint er ein Dauerabo zu haben. Und die Leser lieben seine Geschichten.

Dann wurde sein mit dem Galaxy-Award ausgezeichneter SF-Roman „Die drei Sonnen“ ins Englische übersetzt. Das Buch, der Auftakt der Trisolaris-Trilogie, wurde abgefeiert. Als erster chinesischer (und asiatischer) Roman überhaupt erhielt er den Hugo Award. Für den Nebula Award, den Locus Award, den Prometheus Award und den John W. Campbell Memorial Award war das Werk nominiert. Und allein schon diese Nominierungen verraten SF-Fans einiges über die Qualität des Romans.

Danach wurde „Die drei Sonnen“ ins Deutsche übersetzt und auch hier wurde das Buch abgefeiert, gekauft und mit dem Kurt-Laßwitz-Preis ausgezeichnet.

Inzwischen ist „Der dunkle Wald“, der zweite Band der Trilogie auf Deutsch erschienen. Der Abschluss „Jenseits der Zeit“ ist für den April 2019 angekündigt.

In der Trisolaris-Trilogie geht es um die Begegnung der Menschheit mit einer außerirdischen Rasse.

In „Die drei Sonnen“ läuft alles auf die erste Begegnung hinaus. Cixin Liu erzählt das leicht verschachtelt mit Rückblenden und der Teilnahme des Nanowissenschaftlers Wang Miao an einem Computerspiel. Wang Miao sieht plötzlich auf von ihm gemachten Fotos und vor seinen Augen einen Countdown, er lernt die geheimnisvolle Wissenschaftlervereinigung Frontiers of Science (deren Mitglieder gerade reihenweise Suizid begehen) kennen und er spielt zunehmend begeistert das Computerspiel „Three Body“. In dem Spiel, das doch kein Spiel ist, versucht, wie man langsam begreift, die trisolare Zivilisation das Dreikörperproblem, also wie drei gleichartige Körper (zum Beispiel Sonnen) sich untereinander bewegen und beeinflussen, zu lösen.

In den Rückblenden erzählt die Astrophysikerin Ye Wenji, wie sie auf einer einsam gelegenen Militärbasis Rotes Ufer an einem Projekt arbeitet, bei dem nach außerirdischem Leben gesucht wird und wie sie Kontakt zu den Trisolariern aufnahm. Jetzt ist sie die Chefin der Erde-Trisolaris-Organisation.

In „Der dunkle Wald“ versucht die Menschheit die Invasion der Trisolarier in vierhundert Jahren zu verhindern. Vier Menschen, drei bekannte Wissenschaftler und Politiker und ein Nobody, sollen im Rahmen des Abwehrprogramms „Wandschauer“ das Schlimmste verhindern.

Der Hunger nach weiteren Werken von Cixin Liu ist bei seinen deutschen Fans so groß, dass der Heyne Verlag seine Kurzgeschichten und Novellen ebenfalls auf Deutsch veröffentlicht. Allerdings nicht in einem Sammelband, sondern einzeln. Und weil so eine SF-Kurzgeschichte oder Novelle nicht besonders lang ist, wird der Text in einem großzügigem Layout präsentiert und es gibt Bonusmaterial. Wobei das Bonusmaterial in den bislang erschienenen Novellen „Spiegel“ (knapp hundert Seiten) und „Weltenzerstörer“ (etwas über sechzig Seiten) vor allem aus Auszügen aus den Cixin Lius Romanen besteht. Das ist Geldmacherei, aber auch die Möglichkeit, den Autor schnell kennen zu lernen. Denn nicht jeder will gleich mit einem über fünfhundertseitigem Wälzer beginnen, der seine Geschichte sehr langsam entfaltet.

In der mit dem Galaxy Award als beste Erzählung des Jahres ausgezeichneten Geschichte „Spiegel“ geht es um einen Mann, der einen Supercomputer besitzt, mit dem er alles weiß, was jemals geschah und damit auch, was geschehen wird. Es ist eine Welt ohne Geheimnisse. Aber was für eine Welt wäre das? Und was würde ein solcher Computer für seinen Besitzer und die Menschheit bedeuten?

In „Weltenzerstörer“ taucht ein Kristall aus dem Weltraum auf, der die Menschheit vor dem Weltenzerstörer warnt. Vor seiner Ankunft in einhundert Jahren hat die Menschheit Zeit, sich auf den Kampf vorzubereiten oder den Botschafter des Weltenzerstörers zu überzeugen, die Menschheit doch nicht zu vernichten.

In beiden Novellen fällt auf, wie viele philosophische Fragen und Probleme (verstanden in der breitest möglichen Auffassung) Cixin Liu anspricht. Damit bieten diese Geschichten viel Futter zum Nachdenken.

Das ist immer Hard-Science-Fiction, der zum Nachdenken anregt und seinen besonderen Reiz durch den Hintergrund der chinesischen Kultur und des aktuellen Lebens in China entfaltet. Denn gute Science-Fiction erzählt auch immer von der Gegenwart und der Welt, in der der Autor lebt.

Auffallend ist dabei, egal wie die Geschichten bei Cixin Liu enden, die optimistische Grundhaltung. Es sind keine Dystopien, in denen Menschen durch eine postapokalyptische Welt wandern und Zombies erschießen, oder Cypberpunk-Romane, in denen in einer Noir-Welt multinationale Konzerne die Welt beherrschen und der Cyperspace ein Alptraum ist.

Im Dezember erscheint von Cixin Liu der Sammelband „Die wandernde Erde“. In dem Buch sind zehn seiner Erzählungen, unter anderem „Weltenzerstörer“, enthalten.

 

Cixin Liu: Die drei Sonnen

(übersetzt von Marina Haase)

Heyne, 2017

592 Seiten

14,99 Euro

Originalausgabe

San Ti

Chongquing Publishing Group, 2008

(Erstausgabe 2006 in Fortsetzungen in der Zeitschrift „Science Fiction World“)

Cixin Liu: Der dunkle Wald

(übersetzt von Karin Betz)

Heyne, 2018

816 Seiten

16,99 Euro

Originalausgabe

Heian Senlin

Chongqing Publishing Group, 2008

 

Cixin Liu: Spiegel

(übersetzt von Marc Hermann)

Heyne, 2017

192 Seiten

9,99 Euro

Originalausgabe

Jingzi

2004

(enthalten in dem Sammelband „Shíjian yimin“)

Cixin Liu: Weltenzerstörer

(übersetzt von Marc Hermann)

Heyne, 2018

128 Seiten

8,99 Euro

Originalausgabe

Ren he tunshizhe

2012

Die Lesetour

Samstag, 13. Oktober 2018

Frankfurt am Main, Frankfurter Buchmesse

15.00 Uhr: Weltempfang, Halle 4.1

Diskussion mit Dietmar Dath

Moderation: Michael Kahn-Ackermann

17.00 Uhr: Pavilion, Agora

Moderation: Denis Scheck

Übersetzung: Karin Betz

Sonntag, 14. Oktober 2018

Essen, lit.RUHR

17.00 Uhr: Zeche Zollverein, Salzlager, Areal C (Kokerei)

Moderation: Daniel Haas

Montag, 15. Oktober 2018

Hamburg, Harbour Front Literaturfestival

20.00 Uhr: Audimax der Kühne Logistics University

Moderation: Dr. Christoph Bungartz

Mittwoch, 17. Oktober 2018

Berlin, Veranstalter: Otherland Buchhandlung

19.30 Uhr: Heilig-Kreuz-Kirche

Moderation: Dietmar Dath

Hinweise

Blog/Homepage von Cixin Liu (laut Wikipedia und wer…)

Phantastik Couch über Cixin Liu

Die Zukunft über Cixin Liu

Wikipedia über Cixin Liu (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Cixin Lius „Spiegel“ (Jingzi, 2004)


Neu im Kino/Filmkritik: „Abgeschnitten“ – ein Thriller von Sebastian Fitzek und Michael Tsokos, ein Film von Christian Alvart

Oktober 11, 2018

Die Thriller von Sebastian Fitzek sind echte Pageturner. Es sind Thriller, die man innerhalb weniger Stunden oder einer kurzen Nacht bis zum Morgengrauen durchliest.

Die bisherigen Fitzek-Verfilmungen „Das Kind“ und „Das Joshua-Profil“ waren nicht so gelungen.

Abgeschnitten“ ist daher nicht nur die bislang beste Fitzek-Verfilmung, sondern auch ein ziemlich gelungener Thriller. Wenn man über einige Unwahrscheinlichkeiten und schlechte Dialoge hinwegsieht. Und über den zähen Anfang, in dem die Hauptpersonen in jeder Beziehung arg umständlich und ziemlich verkrampft vorgestellt und einige Plots angedeutet werden, die später vollkommen unwichtig sind. Hier hätte ruhig einiges abgeschnitten werden können.

Letztendlich beginnt die Geschichte in der Gerichtsmedizin in Berlin. Rechtsmediziner Paul Herzfeld (Moritz Bleibtreu) entdeckt in einer grausam zugerichteten Leiche in einer kleinen, gut im Körper versteckten Kapsel einen Zettel mit der Telefonnummer seiner Tochter. Durch einen Anruf bei ihr erfährt er, dass sie entführt wurde und er unter keinen Umständen mit der Polizei reden soll.

Er macht sich in sturmumtoster Nacht (mit wunderbar stabiler Handyverbindung) auf den Weg nach Helgoland, um dort eine in einer Leiche eine weitere Spur zur Rettung seiner Tochter zu finden. Weil er nicht schnell genug auf der Insel sein kann, überzeugt er die aus Berlin vor ihrem Stalker nach Helgoland geflohene Comic-Zeichnerin Linda (Jasna Fritzi Bauer) die Leiche zu obduzieren. Unter seiner telefonischer Anleitung. Diese Szene, die im Buch und im Film durch ihre Detailgenauigkeit beeindruckt, ist im Kino dann auch ein schwarzhumorig-absurder Comic-Höhepunkt.

Für diese Detailgenauigkeit bei den gerichtsmedizinischen Details war im Roman Michael Tsokos zuständig. Er ist der Leiter des Instituts für Rechtsmedizin der Charité und des Landesinstituts für gerichtliche und soziale Medizin in Berlin. Die von ihm und Sebastian Fitzek dazu erfundene Geschichte ist dann eine ziemlich vorhersehbare Serienkiller-Geschichte, in der der durchgeknallte Killer den tapferen Helden auf eine Schnitzeljagd schickt. Das kennt man aus unzähligen US-Krimis und will es eigentlich seit Jahren nicht mehr lesen.

Im Film nimmt Christian Alvart sich dann zugunsten einer Thriller-Filmdramaturgie Freiheiten. Es gibt immer noch etliche irrwitzige Wendungen, aber alles erscheint organischer und nicht so formelhaft wie im Roman. Die Schauspieler harmonisieren und schnell entsteht eine ordentliche Thriller-Spannung, die man so in deutschen Filmen selten sieht. Aufgelockert wird sie durch etliche witzige Szenen. Wobei der Witz sich meistens aus der Situation ergibt. Denn die verschiedenen Charaktere müssen immer wieder Dinge tun, die sie unter keinen Umständen tun wollen. Zum Beispiel eine Leiche befördern oder sie aufschneiden.

Das ist spannend, wenn man die zahlreichen Unwahrscheinlichkeiten und Zufälle hinnimmt. Ohne sie würde der Plan des Bösewichts nicht funktionieren. Allein schon, dass Herzfeld die erste Botschaft findet, dass er dann niemand von seinen zahlreichen Polizistenfreunden informiert und dass auf Helgoland jemand ein herrenlos bei einer Leiche herumliegendes Handy findet und gleich die Anrufwiederholung ausprobiert, sind Zufälle, die so unwahrscheinlich sind, dass in der Realität der grandios ausgetüftelte Plan des Bösewichts schon an der ersten Hürde gescheitert wäre. Denn damit sein Plan funktioniert, muss Herzfeld die Kapsel finden und das Telefon bedienen.

Auch die Dialoge, vor allem am Anfang, sind teils peinlich, teils reinstes Schriftdeutsch und die Charaktere sind arg eindimensionale Funktionsträger.

Das kann alles – zu Recht – gegen Christian Alvarts Thriller eingewandt werden. Aber das kann auch gegen die Romane von Sebastian Fitzek gesagt werden. Und die machen Spaß. Wie der Film.

Abgeschnitten (Deutschland 2018)

Regie: Christian Alvart

Drehbuch: Christian Alvart

LV: Sebastian Fitzek/Michael Tskokos: Abgeschnitten, 2012

mit Moritz Bleibtreu, Jasna Fritzi Bauer, Lars Eidinger, Fahri Yardim, Enno Hesse, Christian Kuchenbuch, Urs Jucker, Barbara Prakopenka, Michael Tsokos, Sebastian Fitzek (beide, in verschiedenen Szenen, mit einem Cameo, ziemlich am Filmanfang)

Länge: 132 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Der Roman

zum Filmstart mit einem neuen Cover

Sebastian Fitzek/Michael Tsokos: Abgeschnitten

Knaur, 2018 (Filmausgabe)

400 Seiten

9,99 Euro

Deutsche Erstausgabe

Droemer, 2012

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Abgeschnitten“

Moviepilot über „Abgeschnitten“

Meine Besprechung von Christian Alvarts „Banklady“ (Deutschland 2013)

Meine Besprechung von Christian Alvarts „Halbe Brüder“ (Deutschland 2015)

Meine Besprechung von Christian Alvarts „Steig. Nicht. Aus!“ (Deutschland 2018)

Homepage von Sebastian Fitzek

Sebastian Fitzek in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks „Der Seelenbrecher“ (2008)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks „Das Kind“ (2008)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks „Splitter“ (2009)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks “Der Augensammler” (2010)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks “Der Augenjäger” (2011)

Meine Besprechung der Sebastian-Fitzek-Verfilmung “Das Kind” (Deutschland 2012)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzek/Michael Tsokos‘ „Abgeschnitten“ (2012)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks „Der Nachtwandler“ (2013)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks „Das Joshua-Profil“ (2015)

Meine Besprechung von Max Rhodes (Pseudonym von Sebastian Fitzek) „Die Blutschule“ (2015)

Meine Besprechung von Michael Tsokos‘ „Dem Tod auf der Spur“ (2009)


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Florian Henckel von Donnersmarck schafft ein „Werk ohne Autor“

Oktober 4, 2018

Unabhängig von dem, was ich gleich über Florian Henckel von Donnersmarcks neuen Film „Werk ohne Autor“ schreiben werde, muss ich eins klarstellen: die über drei Stunden, die der Film dauert, vergingen schnell. Ich musste nicht gegen den Schlaf kämpfen, rutschte nicht unruhig im Kinosessel herum und biss nicht die vordere Sesselreihe durch. Das gelingt nicht jedem Film. Vor allem nicht über eine so epische Laufzeit hinweg.

Aber die Entscheidung von Donnersmarcks „Werk ohne Autor“ in das Rennen um den Auslandsoscar zu schicken, verstehe ich nicht. Zur Auswahl standen auch „Transit“, „Mackie Messer – Der Dreigroschenfilm“, „Das schweigende Klassenzimmer“ und „Der Hauptmann“. Alles interessante Filme, die nicht so hemmungslos auf einen Oscar schielen wie „Werk ohne Autor“. Und gegen unseren letztjährigen Oscarbewerber, Fatih Akins „Aus dem Nichts“, ist „Werk ohne Autor“ langweiliges, bildungsbürgerliches Erbauungskino, das brav den Nationalsozialismus, die DDR und die frühen Jahre der BRD an der Biographie des Künstlers Kurt Barnert abhandelt.

Das Vorbild für Kurt Barnert ist Gerhard Richter

Bevor von Donnersmarck das Drehbuch schrieb, konnte er sich einen Monat mit Richter unterhalten und ihn begleiten. Er hätte also genug Material für ein Biopic gehabt. Aber er entschloss sich zur fiktionalisierten Version, in der Kenner des Lebens und Werks von Richter ihn immer erkennen. Aber im Detail ist unklar, ob die Szene erfunden oder wahr ist. Auch andere Charaktere, die auf wahren Personen basieren, haben im Film andere Namen. So heißt Joseph Beuys im Film Antonius van Verten und Oliver Masucci zeigt wieder einmal sein Talent. Auch die anderen Schauspieler überzeugen.

Wer sich mit der deutschen Kunstgeschichte nicht so auskennt, kann die Informationen im Film wie ein Schwamm aufsaugen und sie dann irgendwann kleinteilig mit der Wirklichkeit vergleichen.

Das erste Mal begegnen wir Kurt Barnert als er 1937 mit seiner Tante Elisabeth in Dresden die Ausstellung „Entartete Kunst“ besucht und, wie in einem Brennglas, alle wichtigen Themen des Films angesprochen werden.

In den folgenden drei Stunden erzählt von Donnersmarck dann Barnerts Leben bis zu seiner ersten großen Ausstellung 1966 in der Kunsthalle Wuppertal, wo Barnert Probleme hat, sein Werk zu erklären. Das tut dann ein Journalist, vor dem Portrait von Tante Elisabeth stehend, für eine TV-Reportage: „Zufällig gewählte Illustriertenbilder, Passfotos vom Automaten, beliebige Schnappschüsse aus Familienalben – alles unscharf abgemalt. Mit solchen Bildern, die aus unerklärlichen Gründen eine echte Kraft besitzen, scheint sich Kurt Barnert zum führenden Künstler seiner Generation zu entwickeln – und das mit der totgewähnten Malerei! Aber wie viele in seiner Generation hat er nichts zu erzählen, nichts zu sagen, löst sich von jeder Tradition, verabschiedet sich vom biographischen Ansatz in der Kunst und schafft so zum ersten Mal in der Kunstgeschichte…ein Werk ohne Autor.“

Der Film verästelt sich, nimmt sich Zeit für Abschweifungen und zeigt einiges ausführlicher als nötig, während Barnert eher passiv ist. Er ist nicht der Künstler, der bereits seine Sprache gefunden hat und der fanatisch ein Projekt verfolgt. In der DDR malt er akribisch ein Wandfresko. In Düsseldorf experimentiert er. Wie die anderen Studenten. Dabei wirkt Barnerts Experimentieren nicht wie die Suche nach einer eigenen Sprache, sondern wie das Erfüllen des Pflichtprogramms.

Neben Barnerts Geschichte erzählt von Donnersmarck auch die Geschichte von Tante Elisabeth, die psychisch gestört ist und von ihrem Arzt, Professor Carl Seeband, in den Tod geschickt wird. Er erzählt auch Seebands Geschichte, dem es immer gelingt, zur herrschenden Klasse der verschiedenen Systeme zu gehören und der sich immer wieder in das Leben seiner Tochter einmischt. Denn für ihn ist ein Künstler kein Mann für seine Tochter.

Und immer wieder gelingen von Donnersmarck einprägsame Szenen. Teils, wenn die Busfahrer auf dem Busbahnhof auf Bitten von Tante Elisabeth hupen und sie „hebt die Arme wie in Ekstase, lässt die Erschütterung des tiefen Hornklangs durch sich wogen. Musikerlebnis der extremen Art.“ (Drehbuch), als Überwältigungskino. Teils dank der Schauspieler und dem Inhalt der Szene.

Werk ohne Autor“ ist allerdings auch ein strikt chronologisch erzählter Film, der weder Fisch noch Fleisch ist. Er ist kein straffer Zwei-Stundenkinofilm, der einen Konflikt zuspitzt. Er ist auch keine vier- oder sechsstündige Mini-TV-Serie, in der verschiedene Plots nebeneinander her laufen können ohne sich jemals zu kreuzen. Wobei von Donnersmarck sich eher für die das bildungsbürgerliche Publikum ansprechende Mini-TV-Serie interessiert, die allerdings zu lang für einen Kinobesuch wäre.

Und so ist die Szene, die visualisiert, warum von Donnersmarck den Film drehte und die in einem Zwei-Stundenfilm die große Szene, auf die alles hinausläuft, wäre, komplett verschenkt.

Die Inspiration für „Werk ohne Autor“ war ein vor etwa zehn geführtes Interview, bei dem der Interviewer, „Tagesspiegel“-Reporter Jürgen Schreiber, von Donnersmarck erzählte, er habe gerade eine Biographie über Gerhard Richter geschrieben. Die Inspiration dazu war seine Tagesspiegel-Reportage über Richter, in der er enthüllte, dass Richters Tante Marianne Schönfelder (verewigt in dem Portrait „Tante Marianne“) von NS-Ärzten umgebracht wurde und dass Richters Schwiegervater, Prof. Dr. Heinrich Eufinger, als SS-Obersturmbannführer bei der Sterilisierung geistig Behinderter eine maßgebliche Rolle spielte. Richter hat das anscheinend erst durch Schreibers Reportage erfahren.

Für von Donnersmarck war diese Geschichte und die damit verbundenen Verstrickungen die Inspiration für „Werk ohne Autor“. Im Film sehen wir dann auch, wie Barnert ausgehend von Fotografien von seiner Tante Elisabeth, Passfotos von Seeband und der Verhaftung des Naziverbrechers Burghard Kroll diese Fotos nachzeichnet und ineinander übergehen lässt. In diesem Bild verbindet er das Schicksal seiner Tante mit dem eines Psychiaters, der das Euthansie-Programm initiierte, das Seeband willig ausführte. Das Bild fasst damit mehrere Jahrzehnte deutscher Geschichte zusammen. Und es wäre, wenn Barnert gewusst hätte, was er malt, eine Anklage gegen seinen Schwiegervater.

Als dieser das Bild bei einem Besuch in Barnerts Atelier sieht, reagiert er verstört. Es ist durch die Inszenierung offensichtlich, dass Seeband die volle Bedeutung des Bilds erfasst, dass er seine Vergangenheit sieht und er davon ausgeht, dass Barnert sie auch kennt.

Dieser Moment könnte die Rache des Künstlers an dem Mörder seiner Tante sein. Er ist es allerdings nicht. Denn Barnert kennt den Mörder seiner Tante nicht. Er hat auch keine Ahnung von Seebands Verstrickungen mit dem Nazi-Regime und wie sehr er sich immer wieder in Barnerts Leben einmischt.

Von Donnersmarck verschenkt genau den Moment, auf den implizit der gesamte Film hinausläuft.

Sein dritter Spielfilm ist auch ein Film über die moderne Kunst, auf die er allerdings immer wieder verächtlich herabblickt. Das zeigt sich vor allem an den in der Kunstakademie Düsseldorf spielenden Szenen. So führt Harry Preuser Barnert am ersten Tag durch die Akademie und äußerst sich sehr spöttisch über die Akademie und seine Mitstudenten. Die Projekte der Studenten scheinen vor allem eine von jeglicher Technik und Handwerk befreite Selbstverwirklichung zu sein. Und Professor van Verten ist ein enigmatischer Scharlatan, der sich nicht für die Werke seiner Studenten interessiert.

Im Gegensatz zum am 31. Oktober startendem „Queen“-Biopic „Bohemian Rhapsody“ zeigt „Werk ohne Autor“ die Phase des Suchens, der Irrwege und der missglückten Versuche im Leben eines Künstlers. Es ist ein Portrait der Kindheit, Jugend und der Lehrlingsphase eines Künstlers. Gleichzeitig zeichnet von Donnersmarck über drei Stunden betulich, im Stil eines TV-Mehrteilers ein Bild Deutschlands von 1937 bis 1966.

Werk ohne Autor (Deutschland 2018)

Regie: Florian Henckel von Donnersmarck

Drehbuch: Florian Henckel von Donnersmarck

mit Tom Schilling, Sebastian Koch, Paula Beer, Saskia Rosendahl, Oliver Masucci, Hanno Koffler, Cai Cohrs, Jörg Schüttauf, Jeanette Hain, Ina Weise, Lars Eidinger, Jonas Dassler, Ben Becker, Hinnerk Schönemann

Länge: 189 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Das Buch zum Film

Mit vielen Filmbildern, dem Drehbuch, einem Interview mit Florian Henckel von Donnersmarck und einem Gespräch zwischen dem Künstler Thomas Demand und dem Filmemacher Alexander Kluge über den Film. Beide Gespräche sind interessant.

Aber gerade wegen der Filmgeschichte hätte man gerne mehr über die Unterschiede zwischen Richters Biographie und dem Film erfahren. In einem eigenem Text oder einem Essay über Richters Wirken und die Kunst in Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg.

Florian Henckel von Donnersmarck: Werk ohne Autor

Suhrkamp, 2018

200 Seiten

18 Euro

 

Die Kinotour

Donnerstag, 04.10.2018

Thalia (Rudolf-Breitscheid-Straße 50, 14482 Potsdam)

Vor Ort: Florian Henckel von Donnersmarck, Sebastian Koch

Filmstart: 18.00 Uhr

Freitag, 05.10.2018

Capitol (Wismarsche Str. 128, 19053 Schwerin)

Vor Ort: Florian Henckel von Donnersmarck, Sebastian Koch

Filmstart: 16.45 Uhr

Filmpalast (Fährsteg 1, 21337 Lüneburg)

Vor Ort: Florian Henckel von Donnersmarck, Sebastian Koch

Filmstart: 19.00 Uhr

Scala (Apothekenstr. 17, 21335 Lüneburg)

Vor Ort: Florian Henckel von Donnersmarck, Sebastian Koch

Filmstart: 20.00 Uhr

Samstag, 06.10.2018

Schauburg (Vor dem Steintor 114, 28203 Bremen)

Vor Ort: Florian Henckel von Donnersmarck, Sebastian Koch

Filmstart: 17.00 Uhr

Casablanca (Johannisstraße 17, 26121 Oldenburg)

Vor Ort: Florian Henckel von Donnersmarck, Sebastian Koch

Filmstart: 19.30 Uhr

Sonntag, 07.10.2018

Arthouse Osnabrück (Erich-Maria-Remarque-Ring 16, 49074 Osnabrück)

Vor Ort: Florian Henckel von Donnersmarck, Sebastian Koch

Filmstart: 11.30 Uhr

Cineplex Schloßtheater (Melchersstraße 81, 48149 Münster)

Vor Ort: Florian Henckel von Donnersmarck, Sebastian Koch

Filmstart: 17.00 Uhr

 

Donnerstag, 11.10.2018

Lichtburg (Elsässer Str. 26, 46045 Oberhausen)

Vor Ort: Florian Henckel von Donnersmarck, Sebastian Koch

Filmstart: 18.30 Uhr

Cinema (Schneider-Wibbel-Gasse 5, 40213 Düsseldorf)

Vor Ort: Florian Henckel von Donnersmarck, Sebastian Koch

Filmstart: 20.00 Uhr

Freitag, 12.10.2018

Kinocenter Gießen (Bahnhofstr. 34, 35390 Gießen)

Vor Ort: Florian Henckel von Donnersmarck, Tom Schilling, Sebastian Koch

Filmstart: 18.30 Uhr

Cineplex (Biegenstraße 8, 35037 Marburg)

Vor Ort: Florian Henckel von Donnersmarck, Tom Schilling, Sebastian Koch

Filmstart: 20.00 Uhr

Samstag, 13.10.2018

Buchmesse Frankfurt am Main (Suhrkamp-Stand Halle 4.1 F14/F17)

11.00 -11.30 Uhr Signierstunde Florian Henckel von Donnersmarck

Werk ohne Autor – Filmbuch“

Spiegel-Stand (Halle 3.0/D56 Hauptstand)

12.00 – 12.30 Uhr Spiegel-Gespräch mit Florian Henckel von Donnersmarck

Casino (Ohmbachgasse 1, 63739 Aschaffenburg)

Vor Ort: Florian Henckel von Donnersmarck, Tom Schilling, Sebastian Koch

Filmstart: 14.45 Uhr

Cinema (Roßmarkt 7, 60311 Frankfurt am Main)

Vor Ort: Florian Henckel von Donnersmarck, Tom Schilling, Sebastian Koch

Filmstart: 16.15 Uhr

Sonntag, 14.10.2018

Schauburg (Marienstraße 16, 76137 Karlsruhe)

Vor Ort: Florian Henckel von Donnersmarck, Tom Schilling, Sebastian Koch

Filmstart: 13.00 Uhr

Forum (Hauptstraße 111, 77652 Offenburg)

Vor Ort: Florian Henckel von Donnersmarck, Sebastian Koch

Filmstart: 18.00 Uhr

Freidrichsbau Lichtspiele (Kaiser-Joseph-Straße 268-270, 79098 Freiburg i. B.)

Vor Ort: Florian Henckel von Donnersmarck, Sebastian Koch

Filmstart: 20.00 Uhr

 

Donnerstag, 18.10.2018

Museum Kino (Am Stadtgraben 2, 72070 Tübingen)

Vor Ort: Florian Henckel von Donnersmarck, Sebastian Koch

Filmstart: 19.00 Uhr

Atelier am Bollwerk (Hohe Str. 26, 70176 Stuttgart)

Vor Ort: Florian Henckel von Donnersmarck, Sebastian Koch

Filmstart: 19.00 Uhr

Freitag, 19.10.2018

Regina (Holzgartenstraße 22, 93059 Regensburg)

Vor Ort: Florian Henckel von Donnersmarck, Sebastian Koch, Paula Beer

Filmstart: 19.00 Uhr

Cinecitta (Gewerbemuseumspl. 3, 90403 Nürnberg)

Vor Ort: Florian Henckel von Donnersmarck, Sebastian Koch

Filmstart: 19.00 Uhr

Samstag, 20.10.2018

Passage (Hainstraße 19 a, 04109 Leipzig)

Vor Ort: Florian Henckel von Donnersmarck, Sebastian Koch

Filmstart: 17.00 Uhr

Programmkino Ost (Schandauer Str. 73, 01277 Dresden)

Vor Ort: Florian Henckel von Donnersmarck, Sebastian Koch

Filmstart: 19.45 Uhr

Puh, das ist ja anstrengender als die Dreharbeiten.

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Werk ohne Autor“

Moviepilot über „Werk ohne Autor“

Rotten Tomatoes über „Werk ohne Autor“

Wikipedia über „Werk ohne Autor“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Tick Tock Tick Tock „Das Haus der geheimnisvollen Uhren“

September 23, 2018

Hier ist sie nun: die Verfilmung eines Kinderbuchklassikers, der sich förmlich für eine Verfilmung anbietet. Nicht weil die Geschichte so neu ist, sondern weil einfach eine sattsam bekannte Geschichte mit dem kleinen Twist erzählt, dass der Held, der einen Toten wieder erweckt ein zehnjähriger Junge ist und alles etwas harmloser abläuft als in einer Stephen-King-Verfilmung. Aber auch nicht so harmlos, dass man der FSK-Freigabe „ab 6 Jahre“ problemlos, aus vollem Herzen zustimmen möchte. Dafür ist „Das Haus der geheimnisvollen Uhren“ dann doch etwas zu düster geraten.

Im Buch und Film wird der zehnjährige Lewis Barnavelt (Owen Vaccaro) von seinem in New Zebedee lebendem Onkel Jonathan (Jack Black) aufgenommen. Lewis hat seine über alles geliebten Eltern verloren. Sein Onkel lebt, wie er schnell erfährt, in einem Zauberhaus und er ist etwas exzentrisch, aber sehr liebenswert. Und er belästigt Lewis nicht mit Regeln und Vorschriften. Außerdem sind er und seine Nachbarin, Mrs. Zimmerman (Cate Blanchett), richtige Zauberer.

Die beiden Freigeister führen Lewis in die wundervolle Welt der Zauberei ein.

Als Lewis, um einen Klassenkameraden zu beeindrucken, einen Toten wieder zum Leben erweckt, setzt er unwissentlich eine katastrophale Dynamik in Gang.

Denn er erweckte Isaac Izard (Kyle MacLachlan), den früheren Besitzer des Hauses. Izard ist ein böser Zauberer, der auch irgendetwas mit der tickenden Uhr zu tun hat, die irgendwo im Haus in der Wand verborgen ist und die einen Countdown schlägt.

Lewis, Onkel Jonathan und Mrs. Zimmerman versuchen die Katastrophe zu verhindern. Dummerweise haben sie keine Ahnung, wieviel Zeit sie noch haben und wer ihre Gegner sind.

Das klingt doch nach einer zünftigen Horrorgeschichte mit all den vertrauten und liebgewonnenen Genretopoi und Figuren, die dieses Mal für ein jüngeres Publikum erzählt wird.

Zu den Produzenten gehört, was für die kindgerechte Version spricht, Amblin Entertainment. Spielbergs Firma ist vor allem bekannt für familienfreundliche Filme, wie „E. T. – Der Außerirdische“. Zu den Amblin-Filmen gehört auch „Gremlins“. Und, obwohl es strenggenommen kein Amblin-ist, auch „Poltergeist“. Der Horrorfilm wurde von „The Texas Chainsaw Masscre“-Regisseur Tobe Hooper inszeniert. Hooper war damals und heute nicht für familien- und kindertaugliche Filme bekannt.

Ich sage das, weil „Das Haus der geheimnisvollen Uhren“ von Eli Roth inszeniert wurde. Roth ist für alles bekannt, außer für Kinderfilme. Horrorfilme, die oft Probleme mit der Zensur haben, sind sein Metier. Auch wenn er zuletzt mit „Knock Knock“ und „Death Wish“ Thriller drehte, die nicht gut waren.

Das Haus der geheimnisvollen Uhren“ ist jetzt ein Kinderfilm, der nicht gut ist.

Das beginnt schon mit den Gruselszenen, die für ein kindliches Publikum wirklich sehr gruselig geraten sind. Wenn Lewis, Onkel Jonathan und Mrs. Zimmerman von einer Horde Halloween-Kürbisse oder einer Armada Puppen angegriffen werden und sie diese mit spürbarer Lust an brachialer Gewalt vernichten, dann ist da kein Hauch von Magie, sondern nur die Lust am Gemetzel zu spüren. Es sind Szenen, die sich an ein älteres Publikum richten.

Humor könnte solchen Momenten seinen Schrecken nehmen, aber in „Das Haus der geheimnisvollen Uhren“ wirkt der Humor, vor allem die Neckereien zwischen Onkel Jonathan und Mrs. Zimmerman, immer etwas zu forciert. Er hat auch keine reale Grundierung. Das trifft auf den gesamten Film, der 1955 in einem typischen Fünfziger-Jahre-All-America-Ort spielt. Bellairs‘ Roman spielt bereits 1948; was nichts daran ändert, dass Buch und Film in einem Traum-Amerika spielen, in dem der amerikanische Traum als Traum des weißen Mannes noch ungebrochen zelebriert wurde. Es ist auch ein Ort, der immer wie eine leblose, aus dem Fundus zusammengestellte Theaterkulisse wirkt.

Zu diesen Problemen, die sich ausschließlich aus der Präsentation ergeben, kommt eine sehr schleppend erzählte Filmgeschichte, die bei all ihren Änderungen doch erstaunlich nahe an der Vorlage bleibt. Schon der Roman ist kein prototypischer Pageturner, sondern ein Kinderbuch, dessen Geschichte sich über viele Monate erstreckt, in dem Izard erst in der Buchmitte von den Toten aufersteht und in dem die potentiell gruseligen Momente schnell abgehandelt werden. In einem Roman ist das weniger ein Problem als in einem Film. Es dauert eine Stunde, bis Lewis, um bei einem Klassenkameraden Eindruck zu schinden, mitten in der Nacht den Bösewicht des Films wieder erweckt. Dass er dadurch eine tödliche Dynamik in Gang setzt, begreift er erst später. Spannender wird die Geschichte in den folgenden ungefähr vierzig Minuten dadurch allerdings nicht. Roth reiht einfach, ohne ein Gefühl für Stimmungen, Episoden aneinander, währen Jack Black und Cate Blanchett erstaunlich blass bleiben.

Besser man sieht sich noch einmal „Gänsehaut“ an. Das ist, ebenfalls mit Jack Black, ein richtig vergnüglicher Horrorfilm für Kinder, der auch Erwachsenen gefällt und etliche gelungene Anspielungen hat.

Das Haus der geheimnisvollen Uhren (The House with a Clock in its Walls, USA 2018

Regie: Eli Roth

Drehbuch: Eric Kripke

LV: John Bellairs: A House with a Clock in its Walls, 1973 (Das Geheimnis der Zauberuhr, Das Haus der geheimnisvollen Uhren)

mit Owen Vaccaro, Jack Black, Cate Blanchett, Renée Elise Goldsberry, Sunny Suljic, Collen Camp, Lorenza Izzo, Kyle MacLachlan

Länge: 106 Minuten

FSK: ab 6 Jahre (nicht unumstritten)

Die Vorlage

John Bellairs: Das Haus der geheimnisvollen Uhren

(übersetzt von Alexander Schmitz)

Heyne, 2018

224 Seiten

9,99 Euro

Deutsche Erstausgabe

Das Geheimnis der Zauberuhr

Diogenes, 1977

Originalausgabe

A House with a clock in its walls

Puffin Books, Penguin, New York, 1973

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Das Haus der geheimnisvollen Uhren“

Metacritic über „Das Haus der geheimnisvollen Uhren“

Rotten Tomatoes über „Das Haus der geheimnisvollen Uhren“

Wikipedia über „Das Haus der geheimnisvollen Uhren“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Eli Roths „Knock Knock“ (Knock Knock, USA/Chile 2015)

Meine Besprechung von Eli Roths „Death Wish“ (Death Wish, USA 2018)


„Der Riss“ – mehrere Reportagereisen, ein Buch, eine Ausstellung

September 18, 2018

Der Anfang war im Dezember 2013: Journalist Guillermo Abril und Fotograf Carlos Spottorno werden von der Chefredakteurin des Magazins „El Pais Semanal“ beauftragt, an mehrere, besonders konfliktträchtige Orte an Europas Grenzen zu reisen und über das Erlebte eine Titelgeschichte zu schreiben.

Die erste Station ihrer Reise ist in Nordafrika die von Marokko umgebene spanische Enklave Melilla. Danach reisen sie nach Griechenland und in das benachbarte Bulgarien. Ihre dritte Reise führt sie im März 2014 nach Lampedusa, Sizilien und auf das Schiff Grecale, das an der Operation Mare Nostrum beteiligt ist. Dort dokumentieren sie eine Seerettung von über zweihundert Flüchtlingen.

Diese Reisen werden, mit viel Multimediamaterial, zur zwanzigseitigen Titelgeschichte „Vor den Toren Europas“. Das Video erhält einen World Press Photo Award.

2015, eineinhalb Jahre nach ihren ersten Reisen, erhalten sie von ihrer Redaktion den Folgeauftrag. Jetzt wollen Abril und Spottorno die Ostgrenze der Europäischen Union erkunden. Sie fahren nach Ungarn und Kroatien. Im November 2015 geht es in die Ukraine, Litauen, Lettland und Polen, wo sie Militärübungen beobachten und Flüchtlingslager besuchen. Ihre letzte Reise geht dann nach Estland und Finnland, wo sie an der Grenze auf eine Gruppe Flüchtlinge aus Afghanistan und Kamerun treffen.

Bei diesen Reisen bemerken sie auch das zunehmend flüchtlingsfeindliche Klima.

Danach fragten die beiden Reporter sich, wie sie ihre Reisen, die sie in Reportagen dokumentierten, in einen größeren Zusammenhang stellen und einem breiteren Publikum präsentieren könnten. Abseits der Schnelllebigkeit des journalistischen Tagesgeschäfts, in dem auch prämierte Reportagen schnell reales und virtuelles Altpapier sind. Fotobände haben einen guten Ruf, aber Bestseller sind sie eher nicht. Und sie dachten daran, dass die neue Präsentation des Materials auch anders als die schon erfolgte Präsentation in dem Magazin sein sollte.

Carlos Spottorno erklärt: „Ich glaube nicht, dass wir es mit einer Fotostrecke plus Prolog geschafft hätten, so detailliert und genau zu erzählen wie es in der Graphic Novel möglich wurde. Und egal, wie gut so ein normales Buch geworden wäre: Ich glaube nicht, dass wir damit ein breites Publikum erreicht hätten. Ich weiß aus Erfahrung, dass Fotobücher es schwer haben. Nur wenige Leute kaufen sie. Als ich darüber nachgedacht habe, wie man die Reportage so erzählen kann, dass Text und Foto gleichberechtigt sind und sich gegenseitig bereichern, habe ich mich mit der Graphic Novel beschäftigt und erkannt, dass das die perfekte Sprache für uns ist. Dann musste ich nur noch die Fotos so bearbeiten, dass das Ergebnis nicht aussah wie ein Fotoroman.“

Die so entstandene, in jeder Hinsicht beeindruckende Graphic Novel dokumentiert ihre Reisen mit knappen Texten und Bildern, die nach der Bearbeitung für das Buch meistens wie alte, leicht verblasste Farbfotografien aussehen. Die Texte ergänzen die Fotos und umgekehrt. Zusammen dokumentieren sie auf hundertsiebzig Seiten ein zunehmend auf Abschottung setzendes Grenzregime.

Guillermo Abril meint: „An der Grenze der EU sagte uns ein Asylbewerber, was Europa für ihn bedeute: den Unterschied zwischen einer gefährlichen und einer sicheren Welt. Wenn du das hörst, an den Grenzen des Kontinents, ist es unmöglich, nicht zu spüren, dass die Union mit all ihren Fehlern, eine der größten Errungenschaften der Menschheit ist. Und dass sie es wert ist, dass man darum kämpft, sie so gut wie möglich zu machen.“

Carlos Spottorno/Guillermo Abril: Der Riss

(übersetzt von André Höchemer)

Avant-Verlag, 2017

176 Seiten

32 Euro

Originalausgabe

La Grieta

Astiberri ediciones, 2016

Die Ausstellung in Berlin (wobei mental ‚zwischen Berlin und Potsdam‘ treffender ist):

Zur Eröffnung am 19. September 2018 um 19.30 Uhr sprechen Guillermo Abril und Carlos Spottorno mit Anna Kemper über ihre Arbeiten. In Zusammenarbeit mit dem Literaturhaus Stuttgart.

Im Auftrag des spanischen Magazins El País Semanal recherchierten der Fotograf Carlos Spottorno und der Journalist Guillermo Abril an den Außengrenzen der EU. Zwischen 2013 und 2016 entstanden zahlreiche Reportagen und Filmbeiträge: Von Melilla, der spanischen Enklave in Marokko, schwer bewacht und durch einen nahezu unüberwindbaren Zaun geschützt, bis in den Norden Finnlands und die Wälder Weißrusslands, wo NATO-Truppen für einen möglichen Grenzkonflikt mit Russland trainieren. Die Autoren treffen Flüchtende, Grenzsoldaten, Kommunalpolitiker und halten ihre Erlebnisse in Wort und Bild fest. Für ihre Reportagen wurden sie mit einem World Press Award ausgezeichnet. Im Dezember letzten Jahres erschien zudem ihr Comicband »La grieta«, eine Fotoreportage in Form eines Comics, ein Reisebericht mit authentischem Bildmaterial. Unter dem Titel »Der Riss« veröffentlichte der Berliner avant-verlag die deutsche Ausgabe des Comics. Kuratiert von Anna Kemper, Redakteurin des ZEITmagazins, und konzipiert vom Literaturhaus Stuttgart und der Agentur Gold & Wirtschaftswunder, entstand parallel eine Wanderausstellung, die nun im LCB gezeigt wird.

Vor und nach den Abendveranstaltungen bzw. mit Voranmeldung (unter 030-8169960) ist die Ausstellung im LCB bis zum 3.12.2018 zu sehen.

Hinweise

Avant-Verlag über „Der Riss“

Perlentaucher über „Der Riss“


„Das erste Jahr“, „Die Übermenschen“ – alte und neue Batman-Geschichten von Frank Miller

September 12, 2018

Früher war Frank Miller einer der Neuerer in der Comic-Welt. Er schrieb und zeichnete sich durch die verschiedenen Superheldencomics. Legendär sind seine Batman-Neuinterpretation „Die Rückkehr des dunklen Ritters“, „300“ und selbstverständlich „Sin City“.

In den letzten Jahre fiel er vor allem durch, höflich formuliert, sehr grenzwertige Formulierungen auf. Seine Comics spiegelten diese reaktionären, islamophoben und auch verschwörungstheoretischen Verirrungen in Geschichten, die arm an Dialog waren und deren Bildsprache die Ideologie spiegelten. Wobei einige seiner problematischen Ansichten auch zur Noir-Ursuppe gehören und daher auch zur Ursuppe von Batman und „Sin City“. Aber in dem Kontext haben sie eine andere Bedeutung, wie ein Blick auf seinen jetzt wieder veröffentlichten frühen Batman-Comic „Das erste Jahr“ und seinen neuesten Batman-Comic „Die Übermenschen“ (auch „Dark Knight III“), geschrieben mit „100 Bullets“ Brian Azzarello, zeigt.

Das erste Jahr“ erschien 1987, ein Jahr nach Frank Millers stilbildendem „Batman: Die Rückkehr des dunklen Ritters“. In der vierteiligen Geschichte schildert Miller die Anfänge von Bruce Wayne als Batman. Wayne kehrt nach einer jahrelangen Abwesenheit in seinen Geburtsort zurück und sich fragt, was er mit seinem künftigem Leben anstellen soll.

Die Geschichte ist eher eine Zusammenstellung mehrere unabhängiger Kurzgeschichten über Verbrechen in Gotham City, die lose miteinander verknüpft sind durch zwei durchgehende Geschichten. Einmal geht es darum, wie Batman Batman wird und einmal, wie ‚Batman‘ Bruce Wayne und Lieutenant James Gordon Vertrauen zueinander fassen. David Mazzucchelli zeichnete Millers Geschichte in einem heute doch sehr altmodischen Stil. Das erinnert alles an die später entstandenen von Ed Brubaker und Greg Rucka geschriebene Serie „Gotham Central“.

Die Übermenschen“ ist mit 376 Seiten deutlich umfangreicher und liegt im Trend der neuen Miller-Werke, in denen die Bilder eindeutig über den Text dominieren. Und während „Das erste Jahr“ Geschichten aus Gotham City erzählte, die sich zwischen der Polizei und Batman abspielen, wird in „Die Übermenschen“ gleich der ganze DC-Kosmos ins Bild gebracht. Neben der Hauptgeschichte gibt es in dem Sammelband auch die dazu gehörenden Minicomics mit Atom, Wonder Woman, Green Lantern, Batgirl, Lara und Commissioner Yindel, die die Hauptgeschichte vertiefen.

Diese in neun Heften zwischen November 2015 und Juni 2017 erschienene Geschichte dreht sich um den Kryptonier Quar, der von der Menschheit verlangt, dass sie ihn als Gott anerkennen. Sonst werden er und seine Getreuen die Erde vernichten.

Auf der ideologischen Ebene – immerhin lässt, nach Millers letzten Werken, der Titel „Die Übermenschen“ Schlimmes befürchten – kann eine Entwarnung gegeben werden. Das kann an Co-Autor Brian Azzarello liegen. Das kann auch daran liegen, dass Miller nach eigenem Bekunden die schlimme Phase, die er vor einigen Jahren hatte, überstanden hat.

Dafür hat „Die Übermenschen“ andere Probleme. So glänzt Batman in einer Batman-Geschichte weitgehend durch Abwesenheit. Stattdessen dürften Superman, Wonder Woman, Batgirl und die Polizei von Gotham City sich mit Quar auseinandersetzen. Und die Story ist für den Umfang, den sie hat, arg gestreckt und oft kaum nachvollziehbar. Immerhin dürfen Hauptzeichner Andy Kubert, Frank Miller und Eduardo Risso (bei den Zwischenspielen) sich in oft großformatigen, teils experimentellen Panels austoben. Das sieht dann gut aus, während die erzählerische Stringenz über die Länge des Buches nicht mehr erkennbar ist.

Frank Miller/David Mazzucchelli/Richmond Lewis: Batman – Das erste Jahr

(übersetzt von Steve Kups)

Panini, 2018

100 Seiten

9.99 Euro

Originalausgabe

Batman # 404 – 407

DC Comics, 1987

Frank Miller/Brian Azzarello/Andy Kubert/Klaus Janson/Brad Anderson/Alex Sinclair: Batman – Die Übermenschen

(übersetzt von Bernd Kronsbein)

Panini, 2018

376 Seiten

34 Euro

Originalausgabe

Dark Knight III: The Master Race # 1 – 9

DC Comics, 2018

Hinweise

DC Comics über Batman

Wikipedia über Batman (deutsch, englisch)

Blog/Homepage von Frank Miller

Meine Besprechung von Frank Miller/Geoff Darrows „Hard Boiled“ (Hard Boiled, 1990/1992)

Meine Besprechung von Frank Miller/Dave Gibbons’ “Martha Washington – Ein amerikanischer Traum (Band 1)” (Give me liberty, 1990)

Meine Besprechung von Frank Miller/Jim Lee/Scott Williams’ “All-Star Batman” (All Star Batman & Robin: The Boy Wonder, 2005 – 2008)

Meine Besprechung von Frank Millers “Holy Terror” (Holy Terror, 2011)

Meine Besprechung von Frank Miller/Geoff Darrows „Hard Boiled“ (Hard Boiled, 1990/1992)

Meine Besprechung von Frank Miller/Robert Rodriguez‘ „Sin City 2: A Dame to kill for (Frank Miller’s Sin City: A Dame to kill for, USA 2014)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos “Jonny Double” (Jonny Double, 2002)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Marcello Frusins “Loveless 1 – Blutrache” (Loveless: A Kin’ of Homecoming, 2006)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Marcello Frusins „Loveless 2 – Begraben in Blackwater“ (Loveless: Thicker than Blackwater, 2007)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Danijel Zezeljs „Loveless 3 – Saat der Vergeltung” (Loveless: Blackwater Falls, 2008)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Danijel Zezeljs “Loveless 4 – Stunde der Abrechnung” (Loveless, Vol. 19 – 24, 2008)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos “100 Bullets 3 – Alle guten Dinge” (100 Bullets: Hang up on the Hang Low, 2001)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos „100 Bullets 5 – Du sollst nicht töten“ (100 Bullets Vol. 5: The Counterfifth Detective, 2002)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos „100 Bullets – Dekadent (Band 10)“ (100 Bullets: Decayed, Volume 68 – 75)

Meine Besprechung von Brian Azzarellos/Eduardo Rissos „!00 Bullets: Das Einmaleins der Macht (Band 11)“ (100 Bullets: Once upon a crime, Volume 76 – 83)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos „100 Bullets: Das dreckige Dutzend (Band 12)“ (100 Bullets: Dirty, Volume 84 – 88)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos “100 Bullets: Freitag (Band 13) (100 Bullets: Wilt, Volume 89 – 100)

Meine Besprechung von Brian Azzarello (Autor)/Eduardo Risso (Zeichner): Batman – Kaputte Stadt, 2012 (Broken City: Part 1 – 5, Conclusio (Batman # 620 – 625), Dezember 2003 – Mai 2004)

Meine Besprechung von Brian Azzarellos “Wonder Woman: Blut (Band 1)” (Wonder Woman #1 – 6, 2011/2012)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Lee Bermejos „Before Watchmen: Rorschach“ (Before Watchmen: Rorschach – Damntown (Part One – Four), 2012/2013)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Goran Sudžuka/Cliff Chiangs „Wonder Woman: Königin der Amazonen (Band 6)“ (Wonder Woman # 30 – 35, 2014)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Matteo Casalis „Batman: Europa (Batman: Europa, 2016)

 


Buch- und DVD-Kritik: „McMafia“ – eine Krimiserie, basierend auf einem Sachbuch

September 5, 2018

2008 veröffentlichte Journalist Misha Glenny eine über fünfhundertseitige Reportage über die Globalisierung des Organisierten Verbrechens nach dem Zusammenbruch des Ostblocks. Denn obwohl das Organisierte Verbrechen schon immer global war, blieben die Mafia, die Cosa Nostra und die Triaden weitgehend unter sich.

2018 lief die auf Glennys Buch basierende zehnteilige TV-Serie im BBC. Eine zweite Staffel ist schon in Arbeit.

Für die in der Gegenwart spielende Serie musste natürlich einiges aktualisiert und alles dramatisiert werden. Denn eine Serie ist kein Dokumentarfilm und kein Sachbuch. Mit Drehbuchautor Hossein Amini („Drive“, „Die zwei Gesichter des Januars [auch Regie]) und James Watkins („Eden Lake“, „Die Frau in Schwarz“) schien das hoch budgetierte Projekt in den richtigen Händen zu sein. Denn die Dreharbeiten erstreckten sich über den halben Globus und mit James Norton, David Strathairn und David Dencik wurden auch international bekannte Namen verpflichtet. Und Misha Glenny schreibt im Vorwort der Neuausgabe von seinem Sachbuch „McMafia“: „Schon nach einem fünfminütigem Gespräch mit den beiden war ich überzeugt: Wenn wir eine Fernsehanstalt dazu bringen konnten, sich des Themas von ‚McMafia‘ anzunehmen, waren sie diejenigen, mit denen ich arbeiten wollte. (…) An den beiden beeindruckte mich vor allem, dass sie die Welt, die ich in dem Buch abbilden wollte, begriffen und richtig einschätzen.“

Der Kosmos des globalen Verbrechens entfaltet sich in der achtteiligen TV-Serie um Alex Godman, den Sohn eines mit seiner Familie aus Russland nach London geflohenen, sich im alkoholgetränkten Ruhestand befindenden Oligarchen. Godman will mit der Welt seines Vaters und seiner Verwandtschaft nichts zu tun haben. Er ist ein Banker und er wird, gegen seinen Willen, in die Welt des internationalen, organisierten Verbrechens involviert.

Das ist die Ausgangslage, von der Amini und Watkins vom globalen Verbrechen erzählen. Leider nicht besonders gelungen, erstaunlich zäh und langweilig. Aus den vielen, rund um den Globus verstreuten Szenen schält sich nur sehr langsam so etwas wie eine Geschichte heraus.

Ein packendes Drama entsteht allerdings nie. Denn eine Story ist nicht erkennbar und alles zieht sich elend lang hin. „McMafia“ ist kein Gangsterthriller, sondern ein verfilmtes Sachbuch, in dem jede Szene eine weitere Seite des Buchs illustriert. Weil es eine Serie ist, wurden die Informationen dann auf einige Sprechende verteilt. Die Schauspieler wirken immer so, als ob sie in die Serie gezwungen wurden und jetzt ihre Texte vom Blatt ablesen. Die Inszenierung bewegt sich, erschreckend einfallslos, auf dem Niveau einer altertümlichen, schon lange vergessenen TV-Serie.

Das hat nichts mit Miniserien wie „The Night Manager“, „Narcos“, „Romanzo Criminale“ oder, um auch ein deutsches Beispiel zu nennen, „Im Angesicht des Verbrechens“ zu tun. An „Im Angesicht des Verbrechens“ hat mir vieles nicht gefallen, aber es hatte immer die packende „ich will wissen, wie es weitergeht“-Qualität, die „McMafia“ nie hat. Hier muss ich mich förmlich zwingen, die nächste Folge zu sehen – und nicht dabei einzuschlafen.

McMafia – Staffel 1 (McMafia, Großbritannien 2018)

Regie: James Watkins

Drehbuch: Hossein Amini, James Watkins, David Farr, Laurence Coriat, Peter Harness

Erfinder: Hossein Amini, James Watkins

mit James Norton, David Strathairn, Juliet Rylance, Merab Ninidze, David Dencik, Aleksey Serebryakov, Maria Shukshina, Caio Blat, Faye Marsay, Kirill Pirogov, Nawazuddin Siddiqui, Karel Roden

DVD

Polyband

Bild: 1,78:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch, Englisch

Bonusmaterial: The Cast, The McMafia World, Bringing The McMafia World to Life

Länge: 450 Minuten (8 x 56 Minuten) (3 DVDs)

FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage

Misha Glenny: McMafia – Die grenzenlose Welt des organisierten Verbrechens

(überarbeitete und ergänzte Neuausgabe)

(übersetzt von Sebastian Vogel)

Tropen, 2018

600 Seiten

14,95 Euro

Deutsche Erstausgabe

Deutsche Verlags-Anstalt, 2008

Originalausgabe

McMafia. Crime without frontiers

The Bodley Head, London, 2008

Hinweise

BBC über „McMafia“

Rotten Tomatoes über „McMafia“

Wikipedia über „McMafia“ (deutsch, englisch) und Misha Glenny (deutsch, englisch)

Perlentaucher über das Buch „McMafia“

Meine Besprechung von James Watkins‘ „Bastille Day“ (Bastille Day, USA/Frankreich/Großbritannien 2016)


„Mythos Cyberwar“ – echt jetzt?

September 3, 2018

Dass die Welt in den vergangenen Jahren sich zunehmend vernetzte – geschenkt.

Dass Firmen und Staaten zunehmend angreifbarer wurden, ist bekannt. Da legt ein Computervirus schon einmal den Bahnverkehr lahm (was die Bahn auch ohne fremde Hilfe schafft). Der Bundestag muss nach einem Hackerangriff sein Computernetzwerk neu aufsetzen. Immer wieder sind, weil irgendjemand irgendwo Mist gebaut hat, sensible persönliche Daten für jedermann online einsehbar.

Und was noch alles passieren kann, kennen wir aus den verschiedenen Hollywood-Dystopien, in denen die Menschheit sich mit der Hilfe von Computern in eine vorindustrielle Zeit zurückkatapultiert. Mal mit, mal ohne Zombies.

Aber wie realistisch sind diese Szenarien und wie berechtigt sind die von verschiedenen, oft sehr interessierten Seiten kommenden Warnungen vor einem Cyberwar?

Nach Thomas Rid, Professor für Strategic Studies an der John Hopkins University’s School of Advanced International Studies in Washington, D. C., sind sie nicht sehr realistisch und stark übertrieben. Oft sind sie gespickt mit irreführenden Analogien und Metaphern aus dem Krieg. Das liegt daran, dass Militärs am Lautesten vor einem Cyberwar warnen und für den Kampf dagegen Geld erhalten. So koordinierte in Deutschland das Verteidigungsministerium die kürzlich vom Kabinett beschlossene Vorlage für die Gründung der „Agentur für Innovation in der Cyber-Sicherheit“ (kurz Cyber-Agentur). 13.000 Soldaten sollen Cyberattacken abwehren und zurückschlagen. Sicherheitsbehörden, vor allem natürlich Polizei und Geheimdienste, und Sicherheitsfirmen warnen vor einem Cyberwar, der eine neue Form des Krieges sei und der mindestens ähnlich bedrohlich wie ein konventioneller Krieg sei. Also ein Einmarsch mit Truppen, Bombardierungen, unzähligen Toten (wobei in den letzten Jahrzehnten die Zahl der zivilen Opfer kontinuierlich stieg) und Verwüstungen von Landschaften. Die Hinterlassenschaften diese Kriege findet man noch Jahrzehnte später. So war vor einigen Wochen wieder die Potsdamer Innenstadt wegen einer Weltkrieg-II-Fliegerbombe gesperrt. Es war in diesem Jahr schon die zweite großflächige Sperrung. Weitere Sperrungen werden folgen.

Mit diesen konventionellen Kriegen ist ein „Cyberwar“ nicht vergleichbar. So weist Rid schon auf den ersten Seiten darauf hin, dass es bei einem Cyber-Angriff bis jetzt keine Toten und auch keine irreparablen Schäden gab. Es gab Verzögerungen. Manchmal wurden die Angriffe erst spät entdeckt (wenn sie entdeckt wurden). Wahrscheinlich wurden dabei auch Informationen gestohlen. Und fast immer ist unklar, wer der Angreifer war.

Gerade die Unsicherheit über den Angreifer und die Abwesenheit von Toten sind Kennzeichen eines Cyberwar. Bei einem Krieg ist das anders.

Rid definiert in seinem Buch „Mythos Cyberwar“ Krieg in Anlehnung an die Kriegsdefinition von Carl von Clausewitz. Das ist eine allgemein anerkannte Definition, die daher auch zeigen kann, was das neue am Cyberwar ist und ob es sich dabei wirklich um einen Krieg handelt (oder handeln könnte). Rid schreibt: „Ein Akt des Angriffs muss bestimmten Kriterien genügen, um als kriegerische Handlung gelten zu können: Es muss instrumentell, also ein Mittel zum Zweck sein; er muss politisch und vor allem potentiell gewaltsam sein.“

Dazu gehört, dass klar ist, welche Staaten die Kriegsparteien sind und was sie in dem Konflikt erreichen wollen.

In seinem Buch analysiert Thomas Rid in sieben Kapitel, die unabhängig voneinander gelesen werden können, verschiedene Aspekte des „Cyberwar“. Es sind: Gewalt, Cyberwaffen, Sabotage, Spionage, Subversion und Attribution. Die ersten vier Kapitel beziehen sich dabei auf die klassische Definition von Krieg und damit das Handeln zwischen Staaten, ihre Armeen und Geheimdiensten. „Attribution“ hängt damit zusammen, weil es um die Frage geht, wie man die Verantwortlichen für die Angriffe auf Computernetzwerke herausfindet. Weil sich meistens niemand zu einer Cyberattacke bekennt, ist das eine Detektivarbeit, die sich an der Komplexität eins Codes und den Uhrzeiten, an denen er geschrieben wurde und an den Zeiten, an denen die Angriffe erfolgten, orientiert. Damit ist eine Cyberattacke näher an einem Sabotageakt als an einem normalen militärischen Angriff.

Während Rid in diesen Kapiteln dem normalen Verständnis der Begriffe folgt, ist „Subversion“ das merkwürdigste Kapitel des Buches. Es ist auch am meisten aus der Zeit gefallen. Rid sieht Subversion als die etablierte und notwendige Gegenrede in einer Demokratie, die auch zu einer immer wieder notwendigen Erneuerung der staatlichen Institutionen beitrage. Es geht also um den Diskurs in einer liberaldemokratischen Gesellschaft. In totalitären Staaten ist Subversion dann der Angriff auf die Institutionen, um zu einer Demokratie zu kommen. Als Beispiele nennt er den Arabischen Frühling und verschiedene Protestbewegungen, vor allem Globalisierungskritiker. Sie alle wollen „die Autorität einer herrschenden Ordnung (…) untergraben“. Dafür treten sie normalerweise öffentlich auf und stellen Forderungen.

Heute, nach dem Wahlsieg von Donald Trump, der Brexit-Abstimmung und den berechtigten Befürchtungen der westlichen Demokratien von Angriffen auf ihre Wahlen und der Unterstützung von demokratiefeindlichen Bewegungen (eigentlich immer führt die Spur nach Russland) wirkt das Kapitel anachronistisch. Auch weil „Subversion“ nach konventionellem Verständnis „meist im Verborgenen betriebene, auf die Untergrabung, den Umsturz der bestehenden staatlichen Ordnung zielende Tätigkeit“ (Google-Wörterbuch) ist. Rids Erklärung, warum er Subversion hier anders definiert, überzeugt nicht.

Die Initialzündung für „Mythos Cyberwar“ war sein Aufsatz „Cyber War will not take place“, den er Anfang 2012 im „Journal of Strategic Studies“ veröffentlichte. Das Buch erschien 2013 im Original als „Cyber War will not take place“ und wurde letztes Jahr in England unverändert wieder veröffentlicht. Denn, so Rid, seine Argumentation und das damit verbundene Analyseraster seien noch heute zutreffend. Das stimmt.

Trotzdem hat das informativ zu lesende Buch zwei große Probleme. Das eine ist die für die Analyse verwendete Definition von Krieg. Sie ermöglicht zwar eine eindeutige Analyse, aber die Definition ist sehr eingeschränkt. Letztendlich bestimmt die Definition das Ergebnis.

Das andere Problem hängt damit zusammen. Die Konzentration auf diesen engen Kriegsbegriff verstellt etwas den Blick auf die anderen Gefahren, die für Gesellschaften viel destabilisierender sein können als ein konventioneller Krieg, bei dem junge Männer sich auf dem Schlachtfeld der Ehre gegenseitig umbringen. Da hilft ein Blick in die USA.

Rid ignoriert sie nicht. Aber – und das liegt sicher daran, dass das Buch bereits vor fünf Jahren erschien – bei ihm sind die zahlreichen in dem Buch geschilderten Cyberattacken Ärgernisse, die letztendlich keine gravierenden Folgen haben. Noch.

Thomas Rid: Mythos Cyberwar – Über digitale Spionage, Sabotage und andere Gefahren

(übersetzt von Bettina Engels und Michael Adrian)

Edition Körber, 2018

352 Seiten

18 Euro

Originalausgabe

Cyber War will not take place

Oxford University Press/Hurst, London 2013

Unveränderte Neuauflage (naja, bis auf das in der deutschen Ausgabe zehnseitige Nachwort)

C. Hurst & Co. Publishers Ltd., London, 2017

Hinweise

Homepage von Thomas Rid

Thomas Rid: Cyber War will not take place, Journal of Strategic Studies 1/2012 (der Aufsatz, der die Initialzündung für „Mythos Cyberwar“ war)

Wikipedia über Thomas Rid (deutsch, englisch)

 


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Ian McEwan denkt über das „Kindeswohl“ nach, Emma Thompson hilft ihm im Kino

August 30, 2018

Familienrichterin Fiona Maye (Emma Thompson) ist seit über dreißig Jahren glücklich verheiratet. Ihre Ehe ist kinderlos; vor allem weil für die brillante Juristin die Karriere immer wichtiger war. Ihr Mann Jack (Stanley Tucci) ist Universitätsprofessor und viel mehr erfahren wir über seinen Beruf nicht. Er ist unzufrieden, weil sie inzwischen nebeneinander her leben. Er möchte noch einmal ‚Leben‘. Eines Abends kündigt er ihr daher an, dass er mit einer Studentin eine außereheliche Beziehung beginnen werde. Noch ehe der Ehestreit richtig eskalieren kann, erhält Fiona Maye einen neuen Fall: sie soll entscheiden, ob ein fast achtzehnjähriger Junge, der Leukämie hat, eine lebensrettende Bluttransfusion erhalten soll. Das ist eine medizinischen Routinemaßnahme, die nur deshalb vor Gericht landet, weil die Eltern strenggläubige Zeugen Jehovas sind und aufgrund ihres Glaubens die Bluttransfusionen ablehnen.

Wer jetzt glaubt, in „Kindeswohl“ stünde die mit allen juristischen Finessen vor Gericht ausgetragene Schlacht um das Kindeswohl und die damit verbundene Abwägung, welche Prinzipien wichtiger sind, im Mittelpunkt, irrt sich. Zuerst dauert es in Ian McEwans Roman und jetzt in Richard Eyres Romanverfilmung (nach einem Drehbuch von McEwan) sehr lange, bis die Gerichtsverhandlung, also der erste Vortrag der beiden Konfliktparteien, beginnt und dann ist der Fall ziemlich schnell entschieden. Maye entscheidet, dass Adam Henry (Fionn Whitehead) die lebensrettende Bluttransfusion erhält und damit wieder gesund wird. Diese Entscheidung folgt dem in Großbritannien geltendem Children Act von 1989, wonach die Bedürfnisse von Kindern über die von Erwachsenen gestellt werden. Also das Bedürfnis des Kindes nach Leben ist höher einzustufen als das Bedürfnis der Eltern, einem religiösen Ritus zu folgen, der in diesem Fall zum Tod des Kindes führen wird. Dass Adam in einigen Tagen erwachsen ist und sich dann so entscheiden kann, wie er sich entscheiden möchte, ist für die Urteilsfindung unerheblich. Noch ist Adam ein Kind.

Durch ihre Entscheidung wird Adams Leben gerettet. Kurz darauf versucht er, Kontakt mit ihr aufzunehmen.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht Maye und ihr perfekt durchgeplantes Leben, das auf die Probe gestellt wird. Einerseits ihr Privatleben, in dem ihr Mann – grandios gespielt von Stanley Tucci – die Rolle der Ehefrau übernimmt. Es geht auch um ihre Freunde, wie Kronanwalt Mark Berner (Anthony Cox), mit dem sie musiziert. Hausmusik mit dem Anspruch, vor den kritischen Arbeitskollegen aufzutreten. Sie will die Musik, wie alles in ihrem Leben, möglichst perfekt spielen. Für sie heißt das auch: ohne das Spiel störende Emotionen. Und natürlich und vor allem um ihre Arbeit. Autor McEwan und Regisseur Eyre führen uns hinter die Kulissen eines Familiengerichts. Sie zeigen uns die Abläufe in einem großen Gericht, wie Richter Entscheidungen fällen und wie sie bei der Arbeit miteinander umgehen.

In der Originalfassung werden die Klassenschranken zwischen Maye und ihrem langjährigen juristischen Sekretär Nigel Pauling (Jason Watkins) schon an der Sprache deutlich. Als Sekretär macht er für sie genau das, was früher eine Sekretärin für ihren Chef getan hat. Er kümmert sich um alles, damit sie in Ruhe arbeiten kann und bemüht sich ansonsten, möglichst nicht aufzufallen.

In dieses wohlgeordnete, durchstrukturierte Leben voller rationaler, juristisch gut begründeter Entscheidungen gerät plötzlich auf privater und beruflicher Ebene die Emotio. Einerseits, weil ihr Mann sie verlassen will; andererseits weil sie, entgegen dem normalen Verfahren, Adam am Krankenbett besucht und der feinfühlige, musisch begabte, für sein Alter schon sehr reife Junge sie nach seiner Genesung stalkt. Jetzt steht sie vor Entscheidungen, die, weil sie persönlich davon betroffen ist, nicht mehr mit juristischen Sprüchen verhandelbar sind. Im Roman, der ausschließlich aus Mayes Perspektive erzählt ist, erzählt McEwan, wie Maye sich öfter sagt, dass sie jetzt genauso falsch und emotional (was für sie noch schlimmer ist) handele, wie die betrogene Ehefrau in einer ihrer Gerichtsverhandlungen. Im Film spielt Emma Thompson diesen Konflikt grandios.

Kindeswohl“ ist ein Schauspielerfilm, der eine fein komponierte Geschichte erzählt, die man so eher in einem Roman findet.

Kindeswohl (The Children Act,Großbritannien 2017)

Regie: Richard Eyre

Drehbuch: Ian McEwan

LV: Ian McEwan: The Children Act, 2014 (Kindeswohl)

mit Emma Thompson, Stanley Tucci, Fionn Whitehead, Anthony Calf, Jason Watkins, Ben Chaplin, Nikki Amuka-Bird, Rosie Cavaliero, Eileen Walsh

Länge: 106 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage

Ian McEwan: Kindeswohl

(übersetzt von Werner Schmitz)

Diogenes, 2018 (Filmausgabe)

224 Seiten

12 Euro

Deutsche Erstveröffentlichung

Diogenes, 2015

Taschenbuchausgabe

Diogenes, 2016

Originalausgabe

The Children Act

Jonathan Cape Ltd., London, 2014

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Kindeswohl“

Metacritic über „Kindeswohl“

Rotten Tomatoes über „Kindeswohl“

Wikipedia über „Kindeswohl“ (deutsch, englisch)

Homepage von Ian McEwan

Perlentaucher über „Kindeswohl“


„Nico – Biographie eines Rätsels“, das auch sang

August 30, 2018

Durch Susanna Nicchiarellis sehenswertes, vor wenigen Wochen gestartetes Biopic „Nico, 1988“ dürfte die Biographie von Nico, bürgerlich Christa Päffgen wieder bekannter sein. Sie wurde am 16. Oktober 1938 in Köln geboren, zog als Kind mit ihrer Mutter nach Berlin, wurde in den Fünfzigern zum Fotomodell, spielte als sie selbst in Federico Fellinis „La dolce vita“ mit, hatte Sex mit ungefähr jedem prominenten Musiker und Schauspieler, von Alain Delon bekam sie 1962 einen Sohn (den dieser niemals anerkannte), hing in Andy Warhols Factory herum, trat in etlichen Warhol-Filmen auf, sang bei der legendären, legendären Kult-Band „The Velvet Underground“ mit, veröffentlichte selbst einige LPs, von denen vor allem die ersten legendär sind, und war drogensüchtig.

Am 18. Juli 1988 starb sie, noch keine fünfzig Jahre alt, auf Ibiza. Sie stürzte während einer Fahrradtour und starb an den Folgen eines zu spät erkannten geplatzten Aneurysmas.

Heute ist sie, als erstes It-Girl, vor allem bekannt für die wenigen Lieder, die sie für „The Velvet Underground“ (mehr oder weniger gegen den Willen der Band) sang, und für die von John Cale produzierte und arrangierte LP „The Marble Index“ (1969). Sie war und ist als Pop-Platte so weit entfernt vom Mainstream, wie es nur möglich ist. Mit dieser LP, ihrer Musik und ihrem Image wurde sie einige Jahre später zum Vorbild für etliche Musikerinnen und die Gothic-Gemeinde, die sie fortan kultisch verehrt.

Tobias Lehmkuhl, der als freier Journalist für die „Zeit“, die „Süddeutsche Zeitung“ und den „Deutschlandfunk Kultur“ arbeitet, schrieb jetzt die erste deutschsprachige Biographie über Nico. In „Nico – Biographie eines Rätsels“ zeichnet er ihr Leben chronologisch nach, versucht einige ihrer Provokationen einzuordnen und entlarvt einige Geschichten, die über sie in Umlauf sind, als falsch. Dabei war Nico als immer wieder unzuverlässige Erzählerin ihrer eigenen Biographie die Quelle dieser mehr oder weniger frei erfundenen Geschichten über ihre Herkunft, ihre Kindheit und Jugend.

Er konzentriert sich in seiner Biographie auf die Zeit bis zur Veröffentlichung ihren ersten LPs. So schreibt er ab Seite 206 (von 271) über die Produktion von „The Marble Index“, ihrer zweiten LP und die LP, in der sie ihre Stimme fand. Die folgenden Jahre, in denen sie lange mit dem Avantgarde-Regisseur Philippe Garrel liiert war und nur sehr unregelmäßig LPs bei kleinen Labels veröffentlichte, fasst er auf wenigen Seiten zusammen.

Er erzählt Nicos Leben in einem gefühligen Stil. Immer wieder stellt er verständnisheischende, sich in sie hinein versetzende Fragen, anstatt die Fakten hinzuschreiben oder verschiedene Zeitzeugen zu Wort kommen zu lassen. Dieser Mangel an Gesprächspartnern und Texten, aus denen er zitieren kann, ist angesichts des Lebens von Nico schon auffällig. Es entspricht aber auch dem Bild, das er von ihr zeichnet. So sind viele Punkte einfach unklar. Zum Beispiel wie sie ihr Geld verwaltete. Sie war auch eine Frau ohne besondere Interessen. Sie war zuerst ein It-Girl, das möglichst ohne eigene Anstrengung berühmt sein wollte. Entsprechend schnell brach sie als als Zwölfjährige nach wenigen Stunden die Ballettschule ab. Sie besuchte nur wenige Jahre die Schule und sie gefiel sich in ihrer Dummheit. Einige ihrer Bekannten, so Lehmkuhl, hielten sie sogar für eine Analphabetin. Später war Nico eine drogensüchtige Musikerin, die nicht spielen und singen konnte. Das kultivierte sie aber perfekt.

Sie taumelte wie Forrest Gump durch ihr Leben. Anfangs war sie, auf der Suche nach Berühmtheit, an den richtigen Orten. Es waren die Orte, an denen Künstler und vergnügungssüchtige High Society sich trafen. Ab den frühen siebziger Jahren war sie nicht mehr in den In-Locations, sondern lebte in einer Abbruchbude, das als Künstlerrefugium fungierte. Immer hatte sie Sex. Meistens waren die Männer jünger als sie und eigentlich nie hielt die Beziehung länger. Als Mutter war sie eine Vollkatastrophe.

Exemplarisch für Lehmkuhls Stil und die Schwierigkeiten beim Beschaffen von Informationen über Nico zeigt diese Passage aus seinem Buch: „…wie überhaupt die Beweggründe für Nicos Tun und Lassen sehr oft nicht nachvollziehbar sind. Ihre Reisebewegungen dieser Jahre bilden ein engmaschiges Netz über Europa und Nordamerika, aber weder gibt es Aufzeichnungen von ihr über die eigenen Umtriebe, noch besaß Nico eine Agentur, die über ihre zahlreichen Modeljobs Buch geführt hätte.

Überhaupt ist schwer nachvollziehbar, wie die Niederungen des Alltags in Nicos Leben der sechziger Jahre ausgesehen haben mögen. Da sie kein Konto besaß: Wie fand das Geld zu ihr? Wie buchte sie ihre Flüge? Kaufte sie ihr Essen im Supermarkt, oder aß sie ausschließlich außer Haus? Was waren ihre irdischen Besitztümer? Gab es einen Plattenspieler, auf dem sie ihre oder die Musik ihrer Bekannten hörte? Alte Donizetti- oder Zarah-Leander-Aufnahmen? Oder hörte sie Musik nur auf Konzerten und im Studio? Was tat sie, wenn sie nicht mit Musik, Modeln oder Männern beschäftigt war? Las sie, sah sie fern, oder sinnierte sie vor sich hin?“

Diese verständnisheischenden Fragen, die den Leser einbeziehen sollen, nerven mich. Sie und zahlreiche Abschweifungen, die wenig bis nichts über Nico verraten, blähen die Biographie unnötig auf.

Am Ende erfährt man in der Biographie nicht mehr über die Sängerin als in einer gut recherchierten Reportage. Und man erfährt mehr über ihre Zeit als It-Girl als über ihre Musik und ihren Einfluss auf andere Musiker. Das liegt sicher auch daran, dass Tobias Lehmkuhl vor allem ein Literatur- und kein Musikkritiker ist.

Tobias Lehmkuhl: Nico – Biographie eines Rätsels

Rowohlt, Berlin, 2018

288 Seiten

24 Euro

Lesung

Am Montag, den 1. Oktober, liest Tobias Lehmkuhl in der Fahimi Bar (Skalitzer Straße 133, Berlin) um 20.00 Uhr aus seinem Buch vor.

Weitere Infos und Tickets.

Hinweise

Wikipedia über Nico (deutsch, englisch)

AllMusic über Nico

Rowohlt über „Nico – Biographie eines Rätsels“

Perlentaucher über „Nico – Biographie eines Rätsels“

Meine Besprechung von Susanna Nicchiarellis „Nico, 1988“ (Nico, 1988, Italien/Belgien 2017)


„Sherlock Holmes – Seine Abschiedsvorstellung“, wieder neu übersetzt

August 27, 2018

Mit „Sherlock Holmes – Seine Abschiedsvorstellung“ liegt jetzt der achte Band der Kriminalfälle von Sherlock Holmes vor. In der neuen Übersetzung von Henning Ahrens. Bevor wir jetzt zu der Frage kommen, ob sich die Übersetzung lohnt, zuerst einmal die Fakten. In „Seine Abschiedsvorstellung“ sind folgende von Sir Arthur Conan Doyle geschriebenen Holmes-Geschichten enthalten:

Das Abenteuer der Wisteria Lodge (The Adventure of Wisteria Lodge)

Das Abenteuer mit der Pappschachtel (The Adventure of the Cardboard Box)

Das Abenteuer mit dem Roten Ring (The Adventure of the Red Circle)

Das Abenteuer mit den Bruce-Partington-Plänen (The Adventure of the Bruce-Partingon Plans)

Das Abenteuer mit dem sterbenden Detektiv (The Adventure of the dying Detective)

Das Verschwinden von Lady Frances Carfax (The Disappearance of Lady Frances Carfax)

Das Abenteuer mit der Teufelsfußwurzel (The Adventure of the Devil’s Foot)

Seine Abschiedsvorstellung (His last Bow)

Die Geschichten erschienen zwischen 1892 und 1917 im Strand Magazine. Gesammelt erschienen sie 1917 als „His last Bow“. Seitdem wurden die Geschichten des Sammelbands mehrmals übersetzt und sind in verschiedenen Zusammenstellungen und Gesamtausgaben gut erhältlich. Sehr gelobt wurde die Neuübersetzung aller Sherlock-Holmes-Geschichten im Haffmans Verlag. Krimiautor Gisbert Haefs übersetzte damals einige Geschichten. Leslie Giger übersetzte „His last Bow“. Diese Übersetzung wurde von Kein und Aber, insel Taschenbuch und Weltbild nachgedruckt und sie war die Grundlage für die Hörbuchfassungen des NDR mit Friedrich Schoenfelder, des Hörverlags mit Oliver Kalkofe und den Hörspielfassungen des SWF mit Walter Renneisen. Diese Übersetzung habe ich nicht zur Hand.

Aber eine andere Übersetzungen habe ich in greifbarer Nähe. Für einen schnellen Vergleich reicht sie vollkommen aus.

Nehmen wir, blind herausgegriffen, die ersten Zeilen von „The Adventure of the Red Circle“:

Well, Mrs. Warren, I cannot see that you have any particular cause for uneasininess, nor do I understand why I, whose time is of some value, should interfere in the matter. I really have other things to engage me.“ So spoke Sherlock Holmes and turned back to the great scrapbook in which he was arranging and indexing some of his recent material.

But the landlady had the pertinacity and also the cunning of her sex. She held her ground firmly.

Margarethe Nedem übersetzte diese Zeilen so (zitiert nach „Sherlock Holmes Geschichten“, Diogenes):

„Nun, Mrs. Warren, weder kann ich einen besonderen Grund zur Besorgnis erkennen, noch verstehe ich, warum ich, dessen Zeit so wertvoll ist, mich in diese Angelegenheit einmischen sollte. Ich muss mich wirklich anderen Dingen widmen.“ So sprach Sherlock Holmes und wandte sich wieder seiner Kartei zu; er war gerade mit dem Einordnen und Indexieren von neuem Informationsmaterial beschäftigt.

Aber die Wirtin besaß die Beharrlichkeit und Schlauheit ihres Geschlechts. Sie hielt standhaft ihre Stellung.

Henning Ahrens so:

Tja, ich glaube nicht, dass Sie einen Grund zur Beunruhigung haben, Mrs. Warren, sehe auch nicht ein, warum ich in dieser Sache ermitteln sollte, denn meine Zeit ist kostbar. Ich habe wirklich Besseres zu tun.“ So sprach Sherlock Holmes und wandte sich wieder dem Buch zu, in dem er neues Material sortierte und einklebte.

Aber die Pensionsbetreiberin zeichnete sich nicht nur durch die Hartnäckigkeit, sondern auch durch die Listigkeit ihres Geschlechts aus. Sie ließ nicht locker.

Hier gefällt mir Nedems Übersetzung besser. Sie liest sich moderner und flüssiger, während Ahrens im ersten Satz stolpert und „Listigkeit“ heute doch sehr ungebräuchlich ist. Auch an anderen Stellen wirkt seine Übersetzung altertümlicher und verschnörkelter als nötig. Vor allem im direkten Vergleich mit dem Original.

Der letzte Band der Neuübersetzung, das „Buch der Fälle“ (The Case-Book of Sherlock Holmes), ist für September 2019 angekündigt.

Wer Sir Arthur Conan Doyles Sherlock-Holmes-Geschichten im Original lesen will, kann zwischen zahlreichen, oft sehr günstigen Ausgaben wählen. Weil die Texte immer gleich sind, kann man hier die Ausgabe nehmen, die einem am besten gefällt hinsichtlich Cover, Druckbild und Handhabbarkeit. Jedenfalls wenn man die immer noch spannenden und flott zu lesenden Geschichten auch lesen will.

Und das sollte man. Egal in welcher Ausgabe. Insofern ist die Fischer-Ausgabe mit ihrer modernen Umschlaggestaltung ein guter Startpunkt.

Arthur Conan Doyle: Sherlock Holmes – Seine Abschiedsvorstellung

(übersetzt von Henning Ahrens)

Fischer Verlag, 2018

256 Seiten

12 Euro

Originalausgabe

His last Bow

John Murray, 1917

Hinweise

Homepage von Sir Arthur Conan Doyle (Erben)

Krimi-Couch über Sir Arthur Conan Doyle

Kirjasto über Sir Arthur Conan Doyle

Wikipedia über Sir Arthur Conan Doyle (deutsch, englisch)

Sherlockian.net (Einstiegsseite mit vielen Links)

Facebook-Seite der deutschen Sherlock-Holmes-Gesellschaft

Thrilling Detective über Sherlock Holmes

Meine Besprechung von Arthur Conan Doyles “Sherlock Holmes Geschichten”, “Sherlock Holmes Kriminalgeschichten” und “The Adventures of Sherlock Holmes” (und hier eine Auflistung der in diesen Werken enthaltenen Geschichten)

Meine Besprechung von Anthony Horowitz‘ „Das Geheimnis des weißen Bandes“ (The House of Silk, 2011)

Meine Besprechung von Anthony Horowitz‘ „Der Fall Moriarty“ (Moriarty, 2014)

Meine Besprechung von Mattias Boströms „Von Mr. Holmes zu Sherlock“ (Fran Holmes till Sherlock, 2013)

Meine Besprechung von Ian Edginton (Autor)/Davide Fabbris (Zeichner): Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Zombies! (Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Zombies, 2010)

Meine Besprechung von Ian Edginton (Autor)/Horacio Domingues/Davide Fabbris (Zeichner) „Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Dracula“ (Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Jekyll/Hyde; Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Dracula, 2010/2011)

Meine Besprechung von „Sherlock: Ein Fall von Pink“ (A Study in Pink, GB 2010)

Meine Besprechung von „Sherlock: Eine Legende kehrt zurück – Staffel 1“ (Sherlock, GB 2010)

Meine Besprechung von “Sherlock: Eine Legende kehrt zurück -Staffel 2″ (Sherlock, GB 2012)

Meine Besprechung von „Sherlock – Staffel 3“ (Sherlock, GB 2014)

Mein Hinweis auf „“Sherlock: Eine Legende kehrt zurück – Staffel 4“ (Sherlock, GB 2017)

Meine Besprechung von “Sherlock: Ein Skandal in Belgravia” (A Scandal in Belgravia, GB 2012)

Meine Besprechung von Guy Ritchies „Sherlock Holmes: Spiel im Schatten“ (Sherlock Holmes: A Game of Shadows, USA 2011)

Sherlock Holmes in der Kriminalakte