Ein Psychologe will einem Kind, das tote Menschen sieht, helfen.
Ein gewaltiger Publikumserfolg, inzwischen schon ein Klassiker und M. Night Shyamalans bester Film. Mit „The Sixth Sense“ erlebten wir ein grandioses Twist-Ende (mit schönen Grüßen von der „Twilight Zone“), das seitdem unzählige, schlechtere Nachahmer inspirierte.
mit Bruce Willis, Toni Collette, Oliva Williams, Haley Joel Osment, Donnie Wahlberg, Mischa Barton
auch bekannt als „Der sechste Sinn“ (Kinotitel, an den sich inzwischen wohl niemand mehr erinnert)
Die US-Amerikanerin Suzy Banyon will in Freiburg an einer renommierten Tanzschule studieren. Verhexterweise ist es keine gewöhnliche Schule.
Inzwischen ein Horrorfilmklassiker und Dario Argentos bester Film: ein (alp)traumhafter Rausch von Farben, Tönen und Kamerabewegungen. „Kino als traumgleiche Fantasie (…) Gothic Horror pur.“ (Ivo Ritzer: Suspiria, in Michael Flintrop/Marcus Stiglegger, Hrsg.: Dario Argento)
Arte zeigt den Film in der ungeschnittenen Fassung.
Im Kino läuft seit einigen Tagen Luca Guadagninos Neuinterpretation, die definitiv nicht ‚einfach noch einmal Argento‘ oder ‚Argento light‘ ist.
mit Jessica Harper, Alida Valli, Stefania Casini, Joan Bennett, Flavio Bucci, Udo Kier
Als Ali Ungár (Jirí Menzel) in Wien vor der Tür der Graubners steht, will er eigentlich den SS-Sturmbannführer Dr. Graubner töten. Denn Graubner ermordete im Zweiten Weltkrieg seine jüdischen Eltern. Georg Graubner (Peter Simonischek) sagt ihm, sein Vater sei bereits verstorben. Er will auch nicht mehr über das Leben seines Vaters wissen, als er eh schon weiß. Schließlich protzte sein Vater in seiner Biographie mit seinen Taten.
Trotzdem bittet er kurz darauf Ungár, ihn als seinen Dolmetscher in die Slowakei zu begleiten. Gegen Entgelt. Dort will er mehr über die Kriegsverbrechen seines Vaters erfahren.
Bis sie diese Orte erreichen, vergeht viel Zeit, in der Graubner und Ungár als ungleiches Paar sich langsam näherkommen.
Denn während Ungár der überkorrekte, humorlose, auf Etiketten bedachte Spießer ist, ist der Ex-Lehrer Graubner in jeder Beziehung das komplette Gegenteil.
Regisseur Martin Sulik erzählt diese sich langsam entwickelnde Freundschaft in einem, angesichts seiner beiden Rentner-Protagonisten, angemessen ruhigem Tempo. Der Anlass der gemeinsamen Reise ist dagegen über weite Strecken des Films noch nicht einmal eine Nebensache. Die Vergangenheitsbewältigung von Tätern, Opfern und ihren Kindern bleibt entsprechend oberflächlich.
Das ruhige Erzähltempo des Buddy-Movies ermöglicht es Jiri Menzel und Peter Simonischek, schauspielerisch zu brillieren. Die Kabbeleien zwischen den beiden alten Herren amüsieren. Auch wenn die sich aus der Prämisse ergebende Geschichte in jedem Moment vorhersehbar ist.
Jedenfalls bis auf den während des gesamten Films nicht vorbereiteten Schlusstwist. Der verleiht der Geschichte allerdings keine neue Dimension. Er lässt nur das Verhalten eines Protagonisten auch rückblickend irrational erscheinen.
„Der Dolmetscher“ ist vor allem Schauspielerkino mit einem ernsten Anliegen.
Der Dolmetscher(Slowakei/Tschechien/Österreich 2018)
Regie: Martin Sulík
Drehbuch: Marek Lescák, Martin Sulík
mit Jirí Menzel, Peter Simonischek, Zuzana Mauréry, Attila Mokos, Anna Rakovska, Eva Kramerová, Karol Simon, Igor Hrabinský, Réka Derzsi, Anita Szvrcsek
Berlin: ein Geiselnehmer kapert die Radiomitmachshow „Cash Call“. Seine Forderung: er will mit seiner Verlobten sprechen. Dummerweise starb sie bei einem Autounfall. Kriminalpsychologin Ira Samin fragt sich, was für ein Spiel der Geiselnehmer treibt, während dieser fröhlich Menschen anruft und, wenn die Angerufenen die Parole nicht kennen, Geisel tötet.
Vor Jahren beschwerte Sebastian Fitzek sich, dass seine Thriller zwar Bestseller seien, aber niemand sie verfilmen wolle. Inzwischen hat sich das geändert. „Abgeschnitten“ läuft noch im Kino und jetzt läuft „Amokspiel“, mit Werbepausen, im Puschenkino. Mal sehen, ob’s ein spannender Thriller oder ein Desaster wird.
Tittelbach.tv ist jedenfalls zufrieden: „Als Spannungsspektakel funktioniert der weitgehend als Kammerspiel inszenierte Film…gut.“
P. S.: die Buchvorstellung in einem Radiosender in Berlin war jedenfalls ziemlich denkwürdig mit allem, was zu einem SEK-Einsatz gehört.
mit Franziska Weisz, Kai Schumann, Eko Fresh, Manuel Mairhofer, Christian Tramitz, Johann von Bülow
Er und Antônio Carlos Jobim sind die Begründer der Bossa Nova, einer in den sechziger Jahren unglaublich erfolgreichem, aus Brasilien kommenden Musikrichtung, die Samba mit dem Cool Jazz mischte. „The Girl from Ipanema“ dürfte der in unzähligen Versionen eingespielte Überhit sein. Zum Beispiel 1964 auf der legendären LP „Getz/Gilberto“ (bzw. Stan Getz/João Gilberto).
In den vergangenen Jahrzehnten zog der am 10. Juni 1931 in Juazeiro, Bahia, geborene Gitarrist João Gilberto sich immer mehr aus der Öffentlichkeit zurück. Sein letztes Studioalbum „João Voz e Violão“ erschien 2000. Später gab er noch Konzerte; wenn er sie nicht kurz vorher absagte. Und er wurde immer schrulliger.
2011 veröffentlichte Marc Fischer sein Buch „Hobalala. Auf der Suche nach João Gilberto“ in dem er von seiner erfolglosen Suche nach dem Bossa-Nova-Gitarristen in Rio de Janeiro erzählt.
Georges Gachot las das Buch und, selbst Gilberto- und Bossa-Nova-Fan, nahm es als Vorlage für seinen Dokumentarfilm „Wo bist du, João Gilberto?“.
In dem Film geht er die Wege ab, die Fischer abging. Er wundert sich, warum sie sich damals nicht begegneten. Denn auch er war damals in Rio de Janeiro in den gleichen Viertel auf der Suche nach dem Geist des Bossa Nova. Er engagiert eine Übersetzerin, die schon für Marc Fischer arbeitete. Er redet mit Brasilianern über Gilberto. Einige kennen ihn vom Hörensagen. Einige kennen ihn von früher. Zum Beispiel sein Koch. Oder sein Friseur. Oder seine Ex-Frau. Oder musikalische Weggefährten von ihm. Aber wirklich gesehen und gesprochen hat ihn seit Ewigkeiten niemand. Und die Menschen, die Gachot ein Gespräch mit dem scheuen Künstler vermitteln könnten, zögern oder lehnen ab.
„Wo bist du, João Gilberto?“ erzählt von Gachots erfolgloser Suche nach Gilberto in der Form eines Doku-Essays, das teilweise sogar wie eine Mockumentary wirkt, in der ein schweizer Filmemacher in Rio de Janeiro nach einem Musiker sucht, der weltberühmt ist, den aber niemand gesehen hat. Denn Gilbertos absolute Zurückgezogenheit von der Welt klingt zu unglaubwürdig, um wahr zu sein.
Dummerweise erfährt man während der Suche fast nichts über Gilberto, sein Werk, seinen Einfluss auf andere Musiker und die brasilianische Kultur. Das wäre ein konventioneller, aber informativerer Film.
So ist Gachots Doku-Essay dann ein Film von einem Fan für andere Fans, die wissen, dass all die Geschichten über João Gilberto wahr sind.
Wo bist du, João Gilberto? (Schweiz/Deutschland/Frankreich 2018)
Ein Superheldenfilm aus Ungarn? Warum nicht? Und dann noch gedreht mit einem Budget, das bei einem Marvel-Film gerade die Portoausgaben deckt. Das klingt interessant und natürlich muss ein Superheldenfilm kein überbordendes Trickfeuerwerk sein. Schließlich richtet „Jupiter’s Moon“ sich nicht unbedingt an Teenager. Und bei einem Science-Fiction-Film geht es letztendlich immer um die Idee und wie sie ausformuliert wird. Siehe beispielsweise „Moon“ oder „Ex Machina“.
Dummerweise versagt „Jupiter’s Moon“ nach einem verheißungsvollen Anfang in diesem Punkt vollständig.
Es beginnt an der serbisch-ungarischen Grenze. Eine Gruppe Flüchtlinge will illegal über die Grenze nach Ungarn. Sie werden entdeckt, verfolgt und ein Polizist erschießt einen der Flüchtlinge. Aber der Syrer Aryan ist nicht tot. Er überlebt die tödlichen Schüsse, schwebt Richtung Himmel, dreht sich mehrmals ungläubig staunend um die eigene Achse, kehrt auf die Erde zurück und lebt weiter. Zunächst in einem Auffanglager für Flüchtlinge.
Dort entdeckt ihn der korrupte Arzt Dr. Stern, der dringend Geld benötigt. Er befreit Aryan. Denn er sieht in Aryans Fähigkeit, sich selbst zu heilen, eine Möglichkeit schnell an viel Geld zu kommen.
Als bitterer, durchaus satirisch zugespitzter Blick auf den Umgang Ungarns mit Flüchtlingen und wie ein Flüchtling aus egoistischen Motiven von einem Einheimischen als Goldesel benutzt wird, könnte „Jupiter’s Moon“ sehr gut funktionieren. Diese Beschreibung ist intensiv und gelungen.
In dem Rahmen wäre auch der Actionplot – der Polizist, der Aryan an der Grenze erschoss, sucht ihn jetzt – akzeptabel.
Aber dann ist da noch die Superheldengeschichte, die nur ein ärgerlicher Gimmick ist, um Interesse am Film zu wecken. Aryan ist als „Engel oder ein noch höheres Wesen“ (Presseheft) von der ersten bis zur letzten Minute passiv. Seine Fähigkeiten werden nicht erklärt. Es ist auch unklar, für was Aryan steht oder was er für sich mit seiner Fähigkeit anfangen kann oder will. Anstatt eines klaren erzählerischen Fokus, einer Erklärung für Aryans Fähigkeiten und einer thematischen Geschlossenheit bietet Regisseur Kornél Mundroczò nach über zwei Stunden Filmzeit nur ein frustrierendes Potpourri an Möglichkeiten.
Sein vorheriger Film „Underdog“ (TV-Titel „Weißer Gott“) ist als dystopische Parabel ungleich gelungener.
Auf der technischen Ebene beeindrucken, von den ersten Minuten an, die vielen langen Plansequenzen. Hier hat Kameramann Marcell Rév erstaunliches geleistet. Zu seinen anderen Werken gehören „Assassination Nation“ und „Underdog“.
Die Szenen, in denen Aryan schwebt, sind in ihrer Mischung aus Effektivität und Einfachheit beeindruckend. Letztendlich sind sie eine Mischung aus Doppelbelichtung und frei schwebender, sich drehender Kamera. Das ist nichts, was es nicht schon seit über hundert Jahren gibt, aber das Gefühl der Desorientierung ist vorhanden.
Nur: Wer sieht sich schon Filme wegen der Kameraarbeit an?
Jupiter’s Moon (Jupiter’s Moon, Ungarn 2017)
Regie: Kornél Mundruczó
Drehbuch: Kata Wéber
mit Merab Ninidze, Zsombor Jéger, György Cserhalmi, Móni Balsai, András Bálint, Farid Larbi, Máté Mészáros
Im Bann des Jade Skorpions (The Curse of the Jade Scorpion, USA 2001)
Regie: Woody Allen
Drehbuch: Woody Allen
New York, Vierziger Jahre: Woody Allen spielt einen Versicherungsdetektiv, der sich in seine Chefin verliebt. Sie möchte ihn am liebsten feuern. Eines Abends hypnotisiert ein Magier die beiden. Sie werden ein leidenschaftliches Liebespaar und Juwelendiebe. Am nächsten Tag muss Woody den Diebstahl aufklären.
„Im Bann des Jade Skorpions“ ist ein weiterer Ausflug von Woody Allen in das Krimigenre. Für diese Komödie standen vor allem die Schwarze Serie und die Screwball-Comedy Pate.
Mit Woody Allen, Helen Hunt, Dan Aykroyd, Wallace Shawn, David Ogden Stiers, Charlize Theron, Elizabeth Berkley
Butch Cassidy und Sundance Kid (Butch Cassidy and Sundance Kid, USA 1969)
Regie: George Roy Hill
Drehbuch: William Goldman
In Wirklichkeit waren Butch Cassidy und Sundance Kid zwei Verbrecher, die zu Legenden wurden, und deren Leben öfters verfilmt wurde. Am erfolgreichsten von George Roy Hill, nach einem Drehbuch von William Goldman, der damit in die Topliga der Drehbuchautoren aufstieg, und mit Paul Newman als Butch Cassidy und Robert Redford als Sundance Kid. Der eine war damals schon ein Star, der andere danach.
In „Butch Cassidy und Sundance Kid“ erzählen sie das Leben der beiden Verbrecher in einem locker-flockigen Stil, bei dem die beiden einfach nette Jungs sind, die gegen die Autoritäten kämpfen, Züge und Banken überfallen, immer ihren Spaß haben und die besten Freunde sind.
Der Film war ein Kinohit. 1973 trafen sich George Roy Hill, Paul Newman und Robert Redford wieder für die ebenfalls sehr erfolgreiche Gaunerkomödie „Der Clou“ (The Sting, USA 1973), die mir nicht so gefällt. William Goldman erhielt für „Butch Cassidy und Sundance Kid“ einen Drehbuchoscar und schrieb in den nächsten Jahren die Drehbücher für „Vier schräge Vögel/Zwei dufte Typen“ (The hot rock, USA 1972), „Die Frauen von Stepford“ (The Stepford Wives, USA 1975), „Tollkühne Flieger“ (The great Waldo Pepper, USA 1975, ein schöner, unterschätzter Film mit Robert Redford), „Die Unbestechlichen“ (All the President’s Men, USA 1976, für den er seinen zweiten Drehbuchoscar erhielt) und „Der Marathon-Mann“ (Marathon Man, USA 1976, nach seinem Roman).
mit Robert Redford, Paul Newman, Katherine Ross, Strother Martin, Henry Jones, Jeff Corey
Du kannst anfangen zu beten (Adieu l’ami, Frankreich/Italien 1968)
Regie: Jean Herman
Drehbuch: Sébastien Japrisot, Jean Herman
LV/Buch zum Film: Sébastien Japrisot: Adieu l’Ami, 1968 (Weekend im Tresor)
Dino Barran (Alain Delon) und Franz Propp (Charles Bronson), zwei Veteranen des Algerienkrieges, die nichts voneinander wissen wollen, rauben notgedrungen an einem langen Wochenende in einem Bürohaus einen Safe aus.
Ein bei uns, trotz der Besetzung, fast unbekannter Klassiker des Caper-Films, in dem Blicke mehr als Worte sagen. Sowieso wird hier nicht besonders viel geredet, was bei den begnadeten Schweigern Alain Delon und Charles Bronson okay ist.
mit Alain Delon, Charles Bronson, Olga Georges-Picot, Bernard Fresson, Brigitte Fossey
auch bekannt als „Bei Bullen singen Freunde nicht“
Lisbeth Salander ist zurück im Kino und obwohl einiges neu ist, bewegt sich auch vieles in „Verschwörung“ auf vertrautem Terrain.
Doch beginnen wir mit den Änderungen. Nachdem die drei posthum erschienenen „Millennium“-Romane „Verblendung“ (2005), „Verdammnis“ (2006) und „Vergebung“ (2007) von Stieg Larsson weltweit unglaublich erfolgreich waren, wurden sie verfilmt. Zunächst in einer gekoppelten Kino- und TV-Auswertung (in längeren Fassungen) von Niels Arden Oplev und Daniel Alfredson mit Noomi Rapace als Lisbeth Salander und Michael Nyqvist als Mikael Blomkvist. David Fincher verfilmte 2011 „Verblendung“ noch einmal. Mit Rooney Mara als Lisbeth Salander und Daniel Craig als Mikael Blomkvist. Seine Version ist etwas polierter, aber sonst unterscheidet sie sich kaum von der schwedischen Originalversion. Die damals geplante und, seien wir ehrlich, überflüssigen Verfilmungen von „Verdammnis“ und „Vergebung“ in einer US-Version wurden so lange auf die lange Bank geschoben, dass inzwischen die Erbstreitigkeiten um Stieg Larssons Vermögen so weit beigelegt wurden, dass David Lagercrantz den Auftrag erhielt, weitere „Millennium“-Romane zu schreiben. 2015 erschien, weltweit beachtet, „Verschwörung“. In dem ziemlich missratenen Thriller (meine Besprechung) fällte er eine sehr gute Entscheidung. Er verlegte, ohne die Hauptcharaktere merklich altern zu lassen, die Handlung in die Gegenwart.
Und Hollywood entschloss sich, die noch ausstehenden Larsson-Verfilmung zu überspringen und gleich mit „Verschwörung“ weiterzumachen. Mit einem neuen Team vor und hinter der Kamera. Claire Foy spielt jetzt Lisbeth Salander und Sverrir Gudnason Mikael Blomkvist. Das ist eine sehr unglückliche Besetzungsentscheidung, weil Gudnason zu jung für die Rolle des altgedienten Investigativjournalisten ist. Und Foy in diesem Moment zu alt für Salander ist. Sie sind nicht mehr das seltsame Gespann von altgedientem Profi und junger Hackerin, sondern eher Bruder und Schwester.
Dass auch die „Millennium“-Herausgeberin Erika Berger mit Vicky Krieps eine massive Verjüngungskur erfuhr, ist da folgerichtig. Sie ist in „Verschwörung“ noch mehr eine Nebenfigur als Mikael Blomkvist. Und auch er ist in diesem Film nur eine Nebenfigur.
Eine kluge Entscheidung ist allerdings, den sechshundertseitigen Roman deutlich zu straffen und sich auf den Thrillerplot zu konzentrieren, der auch thrillen soll. Außerdem – und das dürfte die beste Entscheidung der Macher gewesen sein – konzentriert sich der Thriller auf Lisbeth Salander. „Verschwörung“ erzählt ihre Geschichte. Und die ihrer Schwester.
Dabei beginnt alles mit einem kleinen Auftrag. Salander soll für Frans Balder (Stephen Merchant) das von ihm geschriebene Programm Firefall beschaffen. Mit dem Programm kann man alle Atomraketen kontrollieren. Ein solches Programm ist der Traum jedes James-Bond-Schurken. Es sollte daher nicht in die falschen Hände fallen.
Salander kann das Programm aus dem NSA-Server stehlen. Dummerweise wird sie dabei entdeckt (Okay, sie stellte sich bei ihrem Diebstahl auch ziemlich dämlich an).
Jetzt wollen der NSA-Agent Ed Needham (Lakeith Stanfield), ein Ex-Navy-Seal, der schwedische Geheimdienst und eine Verbrecherbande, die von Salanders tot geglaubter Schwester Camilla (Sylvia Hoeks) angeführt wird, die Datei haben.
Fede Alvarez, der sich mit den Horrorfilmen „Evil Dead“ (ein respektables Remake eines Klassikers) und „Don’t breathe“ einen guten Ruf erarbeitete, inszenierte mit „Verschwörung“ eine Nordic Noir, der sich in keiner Sekunde vor den anderen, von der Kritik oft hochgelobten Nordic Noirs unterscheidet. Dazu gehört auch die teilweise krachende, jede Glaubwürdigkeit strapazierende Unlogik.
Die im Gegensatz zum Roman vollständig in sich abgeschlossene Filmgeschichte spielt in einem Stockholm, das weniger wie das reale Stockholm, sondern wie eine sauber abgewrackte Science-Fiction-Metropole aussieht, in der auch der Teufelsberg, eine Berliner Sehenswürdigkeit, problemlos als Teil Stockholms akzeptiert wird. Aus den unterschiedlichen Drehorten (es wurde auch in Hamburg gedreht) entsteht eine in sich geschlossene Noir-Dystopie mit dunkler Farbpalette und einem aus halb Europa stammendem Schauspielerensemble.
Am Ende ist „Verschwörung“ ein guter Nordic Noir, den man sich ansehen kann, ohne vorher die Romane oder die anderen Filme gesehen zu haben. Mit einer coolen Actionheldin, die vor allem das tut, was Actionheldinnen halt so tun.
Verschwörung (The Girl in the Spider’s Web: A New Dragon Tattoo Story, USA 2018)
Regie: Fede Alvarez
Drehbuch: Fede Alvarez, Jay Basu, Steven Knight
LV: David Lagercrantz: Det some ine dödar oss, 2015 (Verschwörung)
mit Claire Foy, Sverrir Gudnason, Sylvia Hoeks, Lakeith Stanfield, Claes Bang, Stephen Merchant, Christopher Convery, Vicky Krieps, Cameron Britton, Synnøve Macody Lund,
Mikael Persbrandt
Länge: 116 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
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Die Vorlage im Filmcover
David Lagercrantz: Verschwörung
(Filmausgabe)
(übersetzt von Ursel Allenstein)
Heyne, 2018
608 Seiten
22,99 Euro (gebundene Ausgabe)
9,99 Euro (Taschenbuch)
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Gebundene Ausgabe
Heyne, 2015
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Originaltitel
Det some ine dödar oss
Norstedts, Stockholm, 2015
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Der fünfte Roman mit Lisbeth Salander
David Lagercrantz: Verfolgung
(übersetzt von Ursel Allenstein)
Heyne, 2017
480 Seiten
22,99 Euro (gebundene Ausgabe)
9,99 Euro (Taschenbuch, erscheint am 10. Dezember 2018)
Ein Schriftsteller und Wilderer plant seine Flucht aus dem verhassten Bayern.
„’Servus Bayern’ ist auch Kritik am gängigen ‚sensiblen’ Dichterbild der Siebziger Jahre und einem aufs Neue, Interessante, ja Neurotische fixierten Kulturbetrieb.“ (Helmut Schödel in Peter W. Jansen/Wolfram Schütte: Achternbusch – Hanser Reihe Film Band 32, 1984)
Mit Annamirl Bierbichler, Herbert Achternbusch, Sepp Bierbichler, Heinz Braun, Barbara Gass, Gerda Achternbusch
Achternbusch (Deutschland 2008, Regie: Andreas Niessner)
Drehbuch: Andreas Niessner
Spielfilmlange Doku über den Schriftsteller, Autorenfilmer und Maler Herbert Achternbusch. Heute in der auf 45 Minuten gekürzten Fassung. Morgen zeigt der BR um 00.25 Uhr den Achternbusch-Klassiker „Servus Bayern“ (Deutschland 1977)
In der legendären Hanser-Filmreihe wird Achternbusch so vorgestellt: „Herbert Achternbusch, 1938 in München geboren, gehört nicht erst seit seinem Christus-Film Das Gespenst (1982), dem ersten Zensurfall des Neuen deutschen Films, zu den eigenwilligsten deutschen (bayerischen) Autorenfilmern. (…) Sein anarchisches, komisches, bajuwarisches und anstößiges Kino wurde zum dichtesten Zeugnis eines autobiographisch-poetischen Autorenfilms in Deutschland. Seine Vorbilder Groucho Marx, Karl Valentin, Jerry Lewis, John Ford und Yazujiro Ozu hat er, bis zur Kenntlichkeit einer eigenen kinematographischen Sprache, sich anverwandelt.“
Mit Herbert Achternbusch, Sepp Bierbichler, Margarethe von Trotta, Gabi Geist
Am Filmanfang warnt Lily die Zuschauer, dass in dem nun folgenden Film Mobbing, Tod, Alkoholkonsum, Drogenmissbrauch, sexuelle Handlungen, toxische Männlichkeit, Homophobie, Transphobie, Schusswaffen, Nationalismus, Rassismus, Entführung, Sexismus, Flüche, Folter, Gewalt, Blutvergießen und fragile männliche Egos gezeigt werden. Alles wird mit aussagekräftigen Bildern unterlegt, die klarmachen, dass der Film kein harmloses Abendvergnügen wird. Außerdem kündigt die achtzehnjährige Lily an, dass sie uns erzählen werde, wie es dazu kam, dass die Einwohner der US-Kleinstadt Salem sie und ihre drei Schulfreundinnen umbringen wollen.
Damit hat Autor und Regisseur Sam Levinson in seinem neuen Film „Assassination Nation“ in den ersten Minuten fulminant den Ton für die nächsten gut zwei Stunden gesetzt. „Assassination Nation“ wird ein richtiger Rundumschlag gegen die US-Gesellschaft werden. Es wird erzählt werden, wie Mobs entstehen und funktionieren. Und es wird viel Gewalt, Vulgarität und auch die blutige Gegenwehr von Frauen geben. Das versprechen jedenfalls die ersten Minuten.
Dabei sind Lily (Odessa Young) und ihre Freundinnen Bex (Hari Nef), Em (R&B-Sängerin Abra) und Sarah (Suki Waterhouse) normale Schülerinnen. Sie interessieren sich mehr für das gemeinsame Abhängen als für die Hausaufgaben. Das Smartphone ist ihr ständiger Begleiter, dem sie alles anvertrauen. Wie es heute halt alle Teenager und viele Erwachsene tun.
Als eines Tages die persönlichen Daten von einigen wichtigen Bürgern von Salem online veröffentlicht werden, interessiert sie das kaum.
Als einige Tage später die persönlichen Daten von allen Bewohnern der Stadt veröffentlicht werden, interessiert sie das schon. Immerhin sind auch ihre Nacktaufnahmen und privaten Chats dabei. Es hindert sie aber nicht daran, weiterhin ihre persönlichen Informationen dem Computer anzuvertrauen.
Währenddessen sucht die Polizei fieberhaft den Hacker. Lily, die es definitiv nicht war, gerät in den Fokus der Ermittlungen.
Eine Woche später sind die Einwohner von Salem dann im allerschönsten „The Purge“-Modus und Lily, Bex, Em und Sarah sind Freiwild.
Bis es soweit kommt, vergeht weit über die Hälfte des Films.
Bis dahin gibt es einen Einblick in das Leben von Teenagern, der die Stilistik von YouTube-Videos imitiert und teilweise mit Splitscreens aufpeppt. Das könnte man als zeitgemäßes Update von Larry Clarks „Kids“ sehen. Clarks bedrückendes Porträt alleingelassener Jugendlicher zwischen Drogen und Sex in der Großstadt kommt mit einem Minimum an Story aus. Mit seinen Laiendarstellern und dem präzisen Blick eines Dokumentarfotografen erzielt er ein Maximum an Wirkung.
Aber Levinson will eine Geschichte über Amerika und das Entstehen von Hexenjagden erzählen. Nur haben die Veröffentlichungen aus dem Intimleben der High Society von Salem zunächst keinen Einfluss auf die vier Schülerinnen. Sie leben ihr Leben einfach weiter und benutzen ihre Telefone, als sei nichts geschehen. Auch ihr Umfeld reagiert in einer Mischung aus Schulterzucken, Amüsement und, solange der eigene Account nicht gehackt wurde, wohlfeiler Empörung auf die Veröffentlichungen.
In dieser ersten Filmstunde besticht Levinsons Porträt von vier Kleinstadtjugendlichen vor allem durch die YouTube-Videos imitierende Gestaltung.
Später gibt es mit dem Zeitsprung von einer Woche eine Lücke, in der aus friedlichen Einwohnern ein wilder Mob wird. Wie das geschieht, bleibt der Fantasie des Publikums überlassen. Das ist, als ob in einem Rätselkrimi der Detektiv am Ende den Täter präsentiert, aber nicht erklären will wie und warum er zum Täter wurde und seine Tat beging. Damit ignoriert Levinson die wichtigste Frage des Films: Wie kann aus gesitteten Kleinstadtbewohnern ein wilder Mob werden? Wie kann es innerhalb weniger Tage zu einem vollkommen Zusammenbruch der Zivilisation und zu einer Hexenjagd auf unschuldige Frauen kommen?
Im letzten Filmdrittel befinden sich Salem dann im schönsten „The Purge“-Modus und die vier Freundinnen können plötzlich erstaunlich gut mit Waffen umgehen und sich wehren. Diese Minuten lösen zwar einen Teil des am Filmanfang gegebenen Versprechens ein. Aber der Weg dahin ist zäh und ohne Erkenntnisse. Denn es bleibt, im Gegensatz zu den „The Purge“-Filmen, unklar, wogegen der Film sich richtet. Damit laufen auch alle satirischen und anklägerischen Aspekte ins Leere. Dieser mangelnde Fokus kann auch nicht durch die Explosion von Gewalt im letzten Filmdrittel gelöst werden.
„Assassination Nation“ ist ein enttäuschender Film.
Assassination Nation (Assasination Nation, USA 2018
Regie: Sam Levinson
Drehbuch: Sam Levinson
mit Odessa Young, Suki Waterhouse, Hari Nef, Abra, Bill Skarsgård, Joel McHale, Bella Thorne, Anika Noni Rose, Colman Domingo, Maude Apatow, Cody Christian, Danny Ramirez, Kelvin Harrison Jr., Noah Galvin
BR, 22.45 Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht (Deutschland 2013)
Regie: Edgar Reitz
Drehbuch: Edgar Reitz, Gert Heidenreich
Grandioses, fast vierstündiges Alterswerk von Edgar Reitz, in dem er vom Leben der Familie Simon im Hunsrückdorf Schabbach um 1840, zwischen hartem Alltag, Hungersnöten und revolutionärem Aufbruch erzählt. Einer der Simon-Jungs möchte, wie viele Hunsrücker, nach Brasilien auswandern, wo er auf ein besseres Leben hofft.
Mehr in meiner ausführlichen Besprechung zum Kino- und DVD-Start (mit unterschiedlichem Bonusmaterial).
mit Jan Dieter Schneider, Antonia Bill, Maximilian Scheidt, Marita Breuer, Rüdiger Kriese, Philine Lembeck, Mélanie Fouché, Eva Zeidler, Reinhard Paulus, Christoph Luser, Werner Herzog
Tucker Crowe war in den Neunzigern ein bekannter Musiker. Nicht so bekannt wie Kurt Cobain, eher so, auch stilistisch, in Richtung Jeff Buckley und Elliott Smith. Dann verschwand er.
Heute hat er immer noch einige fanatische Fans. Einer von ihnen ist Duncan Thomson (Chris O’Dowd), dessen Leben eine Tucker-Crowe-Gedächtnisveranstaltung ist. Er tauscht sich mit anderen Fans über kleinste Kleinigkeiten aus. Der College-Dozent schreibt und reden auf allen elektronischen Kanälen über sein großes Idol. Seine Frau Annie Platt (Rose Byrne) erträgt sein Fantum mit stoischer Gelassenheit. Sie leitet, wie ihr Vater, das Museum des englischen Küstendorfs Sandcliff. Von ihrem Leben hatte sie mehr erwartet.
Als Duncan die bislang unbekannte Demoaufnahme „Juliet, Naked“ erhält, ist er begeistert. Er schreibt sofort einen langen Text, in dem er die Demos zu Tucker Crowes Albumklassiker „Juliet“ frenetisch abfeiert. Annie ärgert sich darüber und sagt im Tucker-Crowe-Fanforum, dass die Aufnahme nicht so gut sei.
Während der Haussegen bei ihnen in Sandcliff schief hängt, pflichtet ihr elektronisch der seit 25 Jahren von der Bildfläche verschwundene Tucker Crowe höchstpersönlich bei. Eine Brieffreundschaft entwickelt sich zwischen Annie und dem in New Jersey in einer wohnlichen Garage hausenden Tucker.
Als er wegen einiger familiärer Probleme (wie es sich für einen Rockstar gehört, hat er teils erwachsene Kinder von mehreren Frauen, die sich nicht alle kennen) nach England muss, treffen sich Annie und Tucker Crowe (Ethan Hawke). Er verbringt einige Tage bei ihr…
Fanatische Musikfans. Männer, die nicht erwachsen werden wollen. Willkommen in der Welt von Nick Hornby. Von ihm stammt auch die Vorlage für „Juliet, Naked“. Jesse Peretz inszenierte den Film und er ist der perfekte Mann dafür. Denn bevor er Regisseur wurde, vor allem für TV-Serien wie „Girls“, „Nurse Jackie“ und „Glow“, war er Musiker bei der Indie-Band „The Lemonheads“. Dummerweise vor ihrem Durchbruch. Danach blieb er ihnen als Fotograf und Musikvideo-Regisseur verbunden. Er inszenierte auch für andere Band, vor allem für die „Foo Fighters“, Musikvideos. Er gehört zu der Szene, zu der auch Tucker Crowe gehört hätte, wenn er damals Musik gemacht hätte. Und das merkt man bis zum letzten Bild im Abspann.
Der Film selbst ist ein feinfühlig erzähltes Porträt mit liebenswerten Männern, die nicht erwachsen werden wollen, und einer Frau, die schon deutlich erwachsener ist. Dass die Filmgeschichte dabei vorhersehbar wie ein gut abgehangener Folksong ist, stört nicht. Denn die Hauptdarsteller Rose Byrne, Ethan Hawke und Chris O’Dowd, die eine Dreiecksbeziehung der etwas anderen Art haben, und die Nebendarsteller ergänzen sich vorzüglich. Dazu gibt es Humor, Drama, beiläufige eingestreute Lebensweisheiten und gute Musik. Und fertig ist die angenehm unaufgeregte, sehr wahrhaftige RomCom; – wenn wir schon ein Genre nehmen und nicht auf Richard Linklaters Trilogie „Before Sunrise“/“Before Sunset“/“Before Midnight“ hinweisen wollen.
Drehbuch: Nanni Moretti, Francesco Piccolo, Valia Santella (nach einem Treatment von Gaia Manzini, Nanni Moretti, Valia Santella und Chiara Valerio)
Während der Dreharbeiten für einen Agitpropfilm über revoltierende Arbeiter muss Regisseurin Margherita sich mit ihrer im Sterben liegenden Mutter herumschlagen. Neben ihrer Tochter, die kein Interesse an ihrer Lateinnote hat, ihrem Bruder, der sich liebevoll um ihre Mutter kümmert und ihrem Hauptdarsteller, der sehr schwierig ist.
Autobiographisch inspiriertes Drama mit feinen Personenzeichnungen. Klug, wahrhaftig, zum Nachdenken anregend und, bei aller Komplexität und Schwere der Themen, angenehm leicht.