Thor Kunkel präsentiert „Subs“

Juni 6, 2011

Thor Kunkels neuer Roman „Subs“ beginnt mit der Anzeige „Sklavin gesucht“ und endet 442 Seiten später mit der Anzeige „Herr/in gesucht“.

Dazwischen gibt es eine ziemlich gemeine Satire auf das heutige Deutschland, die von Guido Westerwelles Aussage „Wer dem Volk anstrengungslosen Wohlstand verspricht, lädt zu spätrömischer Dekadenz ein“ inspiriert ist. Denn das Ehepaar Claus und Evelyn Müller-Dodt hat die ironisch gemeinte Anzeige nach der Sklavin aufgegeben, weil sie eine neue Haushälterin suchen. Sie kriegen den Altphilologen Bartos und dessen Begleiterin Lana, eine wohlproportionierte, junge Ukrainerin. Bartos erklärt, dass das Sklaventum im alten Rom eine gute Sache gewesen sei und er und Lana ebensolche römischen Sklaven sein wollen. Schönheitschirurg Claus Müller-Dodt ist begeistert (vor allem von deren exorbitant niedrigen Gehaltsvorstellungen) und das Experiment eines römischen Haushalts in einer noblen Grunewaldvilla nimmt seinen anfangs vorhersehbaren Lauf.

Denn die Müller-Dots gewöhnen sich schnell an ihr neues Dasein als Sklavenhalter, Claus will Lana vögeln, die Freunde der Müller-Dots und Evelyns Schwester reagieren durchaus verständnisvoll auf die neuen Sitten in der Grunewaldvilla und die Sklaven werden von Bartos auch, nachdem der mondäne Swimmingpool auf dem Müller-Dotsschen Anwesen kostengünstig gebaut wurde, eifrig an andere Villenbesitzer im Grunewald für deren Bauprojekte (selbstverständlich immer ohne auf die Steuerklärung zu achten) ausgeliehen. Doch nachdem Claus mit Lana auf eine Tagung nach Monaco fliegt und Evelyn in den USA nach einem Besuch bei ihrer in New York lebenden Schwester die Route 66 auf einem Selbstfindungstrip abfährt, ändert sich einiges und Kunkels Geschichte nimmt einige unerwartete Wendungen bis am Ende die Sklaven einen neuen Herren suchen müssen.

„Subs“ führt einige Gedanken von „Schaumschwester“ fort. In dem Science-Fiction-Roman fungierten gut aussehende weibliche Puppen als Triebabfuhr für die Männer. Die Schaumschwester war besser, vulgo anspruchsloser und williger, als eine echte Frau. In „Subs“ werden die Schaumschwestern durch Sklaven, oder „Subs“, wie sie sich lieber nennen, ersetzt. Außerdem hat Kunkel mit dem Bild eines römischen Haushalts eine sehr gemeine Diagnose der herrschenden Klasse und ihrer Ansichten, die sie oft nur zwischen den Zeilen sagen, formuliert.

In der Mitte, wenn die Geschichte von Claus und Evelyn zu sehr in ein breitwandig erzähltes Gesellschaftsporträt mündet, wünscht man sich manchmal mehr satirischen Furor und Zuspitzung.

Aber das ändert nichts daran, dass „Subs“ die subtile Form der Rache an dem Gewäsch von Guido Westerwelle ist, der sich jetzt ausschließlich seinem Amt als Außenminister widmen will. Hört sich das nicht nur für mich wie eine Drohung an?

Und sollte Thor Kunkel angesichts dieser Drohung nicht noch einmal seinen Entschluss, nach seinem sechsten Roman „Subs“ keine weiteren Bücher mehr zu schreiben, überdenken?

Thor Kunkel: Subs

Heyne Hardcore, 2011

448 Seiten

19,99 Euro

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Buchpräsentation

Thor Kunkel und Natalia Wörner lesen

am Montag, den 6. Juni,

um 20.00 Uhr

im Grüner Salon (Volksbühne Berlin, Rosa-Luxemburg-Platz 2, Nähe Alexanderplatz)

aus „Subs“

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Hinweise

Homepage von Thor Kunkel

Wikipedia über Thor Kunkel

Meine Besprechung von Thor Kunkels „Kuhls Kosmos“

Meine Besprechung von Thor Kunkels „Schaumschwester“


TV-Tipp für den 6. Juni: Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins

Juni 6, 2011

 

Arte, 20.15

Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins (USA 1987, R.: Philip Kaufman)

Drehbuch: Jean-Claude Carrière, Philip Kaufman

LV: Milan Kundera: Nesnesitelná lehkost bytí, 1984 (Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins)

Prag in den späten sechziger Jahren: Vor dem Hintergrund des Prager Frühlings erzählt Kaufman die Geschichte des Gehirnchirurgen Tomas, der zwischen zwei Frauen steht: einer Künstlerin und einem Provinzmädchen.

Relativ selten gezeigte Bestsellerverfilmung, die damals in aller Munde war.

„Die harmonische und ambitionierte Teamarbeit von Drehbuch, Regie, Kamera, Ausstattung und den drei Hauptdarstellern hat einen außergewöhnlichen Film hervorgebracht, der seinem Thema gerecht wird. (…) Die Vielschichtigkeit des Romans bleibt spürbar, wenngleich der Film manchen seiner Aspekte vereinfacht, andere auch ganz ausklammert.“ (Fischer Film Almanach 1989)

Das Drehbuch war für den Oscar und den Preis der Writers Guild of America nominiert und erhielt den BAFTA-Award.

mit Daniel Day-Lewis, Juliette Binoche, Lena Olin, Derek de Lint, Erland Josephson, Stellan Skarsgard

Wiederholung: Freitag, 10. Juni, 01.20 Uhr (Taggeanau!)

Hinweise

Deutsche Fanseite über Milan Kundera

Wikipedia über Milan Kundera


TV-Tipp für den 5. Juni: Asphalt-Dschungel

Juni 5, 2011

BR, 23.45

Asphalt-Dschungel (USA 1950, R.: John Huston)

Drehbuch: Ben Maddow, John Huston

LV: W. R. Burnett: The asphalt jungle, 1949 (Asphalt-Dschungel)

Sieben Gangster planen einen Bankraub. Nach dem Raub geht alles schief.

Hustons spannender Krimi gilt als Vorläufer des Caper-Movies: der Geschichte vom großen Ding und – meistens – dessen Scheitern.

Das Drehbuch war unter anderem für den Oscar und Golden Globe nominiert und gewann den Edgar Allan Poe Award.

Heute läuft der Film im Rahmen des Themenabends „Zum 85. Geburtstag von Marilyn Monroe„. Im Anschluss läuft um 01.30 Uhr die knapp einstündige Reportage „All the Misfits“ und dann ist der arg kärgliche MM-Themenabend auch schon vorbei.

Mit Sterling Hayden, Louis Calhern, Jean Hagen, James Whitmore, Jam Jaffe, John McIntire, Marilyn Monroe (nur in einer kleinen Nebenrolle)

Hinweise

Wikipedia über W. R. Burnett (deutsch, englisch) und über den „Asphalt-Dschungel“ (deutsch, englisch)

Noir of the Week über „Asphalt-Dschungel“ (und hier wird der Film noch einmal besprochen)

Krimi-Couch über W. R. Burnett

Mordlust über W. R. Burnett

DetNovel über W. R. Burnett

FilmNoirNet über W. R. Burnett


DVD-Kritik: Auch die dritte Staffel der Polizeiserie „Flashpoint – Das Spezialkommando“ überzeugt

Juni 4, 2011

 

Schon in der ersten Minute der dritten Staffel der kanadischen Polizeiserie „Flashpoint – Das Spezialkommando“, wenn das Team sich zwischen Tür und Angel über einige Urlaubsfotos von Lewis Young frotzelt und dann zu einem Einsatz gerufen wird, stellt sich das wohlige Gefühl ein, dass man in den Händen von Profis ist. Das gilt für die Macher der Serie und auch für das Team, das zu einer Baustelle fährt, auf der gleich eine Bombe explodieren soll. Bevor die ersten drei Minuten der Episode „Eine falsche Bewegung“ vorbei sind ist die Bombe explodiert und die Stratetic Response Unit (SRU) der Polizei von Toronto sichert den ersten Tatort.

Die Folge endet, dramaturgisch gut vorbereitet, mit einem Schock und in „Trauer und Schmerz“ darf die SRU eine neue Kollegin begrüßen.

Bis auf diesen Neuzugang ändert sich auch in der dritten „Flashpoint“-Staffel nichts am bewährten Team, der Konzentration auf den aktuellen Einsatz und dem straffen Plotting der realistischen Geschichten. Über die einzelnen Teammitglieder erfahren wir auch dieses Mal fast nichts und das ist, angesichts der vielen anderen Serien mit langweilig-austauschbaren Privatgeschichten, auch gut so.

Trotzdem wird es immer wieder persönlich. Meistens wenn einzelne Mitglieder der Spezialeinheit einen Geiselnehmer zur Aufgabe bewegen wollen und dabei auch etwas aus ihrem Leben erzählen. Wirklich persönlich wird es in „Der Beschützer“ für Gregory Parker. Er wurde entführt und soll gegenüber einer jungen Frau, die er vor Jahren, nach einem Schusswechsel bei dem ihre Mutter starb, in Obhut nahm, den Mord an ihrer Mutter gestehen. Die SRU versucht ihren Chef zu retten und fragt sich, was damals wirklich geschah. Denn die Akte ist verschlossen.

In „Trauer und Schmerz“ verschwindet eine junge Kellnerin spurlos. Anscheinend wurde sie von einem Gast entführt, der noch mit dem Verlust seiner Tochter kämpfen muss.

In „Sorgerecht“ dreht ein Anwalt durch, weil er glaubt, dass seine Frau nach der Scheidung mit den Kindern, die ihm zugesprochen wurden, über die Grenze abhauen will.

In „Auf Sendung“ will ein preisgekrönter Radiomoderator von einem aufstrebenden Politiker erfahren, was in einer Nacht vor zehn Jahren geschah, als der Politiker in einen Autounfall verwickelt war, bei dem sein Freund starb.

In „Die Farm“ scheint der Chef einer abgelegenen Farm, in der Drogenabhängige therapiert werden, einen Massenselbstmord zu planen.

In „Der Aufstand“ muss die SRU einen Gefangenenaufstand, der das Ablenkungsmanöver für einen Ausbruch ist, bekämpfen. Außerdem sind zwei Frauen, die zu einer Anhörung im Gefängnis waren, in den Händen der Insassen.

In „Der Samariter“ und „Hinter feindlichen Linien“ sind die Folgen von sozialen und baulichen Veränderungen in einer Großstadt der Hintergrund für die Einsätze der SRU.

In „Der Samariter“ dreht ein Bewohner eines heruntergekommenen Viertels, der sich in der Vergangenheit in Nachbarschaftsprojekten gegen die Drogenhändler engagierte, durch. Er beginnt die Drogenhändler auf eigene Faust zu jagen. Die SRU sucht ihn und steht vor der Frage, ob sie wirklich Drogenhändler schützen sollen.

In „Hinter feindlichen Linien“ hat sich ein Scharfschütze irgendwo in den Rängen der historischen Sportarena Godwin Coliseum (in Wirklichkeit das seit fast zehn Jahren geschlossene Maple Leaf Gardens), die abgerissen werden soll, verborgen. Sam Braddock, der ebenfalls in Afghanistan war, findet eine Verbindung zu dem Sniper.

 

 

Wie in den ersten beiden Staffeln der in Kanada und den USA enorm erfolgreichen Polizeiserie „Flashpoint – Das Spezialkommando“ geht es in den einzelnen Einsätzen der SRU nicht um die Aufklärung von Verbrechen (obwohl das manchmal auch geschieht), sondern um das Verhindern von Verbrechen und das Entschärfen von brenzligen Situationen, ohne dass jemand stirbt. Deshalb müssen die Polizisten mit dem Täter reden und in den besten Folgen der Serie versteht man die Motive des Täters sehr gut. Oft ist man am Ende der Folge auf der Seite des Täters, der nur die falschen Mittel wählte, um an sein Ziel zu gelangen. Das geschieht ziemlich oft in den neun neuen Folgen.

Flashpoint – Das Spezialkommando: Staffel 3 (Kanada, 2009)

Erfinder: Mark Ellis, Stephanie Morgenstern

mit Hugh Dillon (Ed Lane), Enrico Colantoni (Sgt. Gregory Parker), Amy Jo Johnson (Julianna ‘Jules’ Callaghan), David Paetkau (Sam Braddock), Sergio Di Zio (Mike Scarlatti), Michael Cram (Kevin ‘Wordy’ Wordsworth), Mark Taylor (Lewis Young), Olunike Adeliyi (Leah Kerns)

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DVD

Koch Media

Bild: 1.78:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: –

Länge: 365 Minuten (9 Episoden auf 3 DVDs)

FSK: ab 16 Jahre

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Die Einsätze der SRU

Eine falsche Bewegung (One wrong move, Canada 2009)

Regie: David Frazee

Drehbuch: Mark Ellis, Stephanie Morgenstern, James Hurst

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Trauer und Schmerz (Never let you down)

Regie: Ken Girotti

Drehbuch: James Hurst, Shelley Scarrow

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Der Aufstand (Just a man)

Regie: Holly Dale

Drehbuch: Riley Adams

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Sorgerecht (Custody)

Regie: Paul A. Kaufman

Drehbuch: R.B. Carney

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Auf Sendung (Coming to you live)

Regie: Charles Binamé

Drehbuch: Ian Weir

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Die Farm (The Farm)

Regie: Érik Canuel

Drehbuch: Melissa R. Byer, Treena Hancock (nach einer Geschichte von Ian Weir)

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Der Beschützer (You think you know someone)

Regie: David Frazee

Drehbuch: Adam Barken

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Der Samariter (The good citizen)

Regie: Tim Southam

Drehbuch: Peter Mitchell

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Hinter feindlichen Linien (Behind the blue line)

Regie: David Frazee

Drehbuch: Mark Ellis, Stephanie Morgenstern

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Hinweise

CTV über die Serie

CBS über die Serie

RTL II über die Serie

Wikipedia über „Flashpoint“ (deutsch, englisch) und die ETF

Polizei von Toronto über die ETF

Running with my eyes closed: Interview mit Stephanie Morgenstern und Mark Ellis (Oktober 2008, Teil 1, Teil 2)

Complications Ensue: Interview mit Stephanie Morgenstern und Mark Ellis (21. Juli 2009)

Meine Besprechung von „Flashpoint – Das Spezialkommando: Staffel 1“

Meine Besprechung von „Flashpoint – Das Spezialkommando: Staffel 2“

 


TV-Tipp für den 4. Juni: Hawaii Crime Story

Juni 4, 2011

Sat.1, 21.50

Hawaii Crime Story (USA 2003, R.: George Armitage)

Drehbuch: Sebastian Gutierrez
LV: Elmore Leonard: The big bounce, 1969 (Ein schlechter Abgang)

Jack Ryan jobbt auf Hawaii in einem Strandmotel und genießt das Leben, bis Nancy ihn zu einem Diebstahl überredet.

George Armitage inszenierte vor der „Hawaii Crime Story“ (der Originaltitel ist „The big bounce“) die Charles-Willeford-Verfilmung „Miami Blues“ und „Ein Mann, ein Mord“ (Grosse Pointe Blank), zwei herrlich gemeine schwarze Komödien und entsprechend hoch waren die Erwartungen. Sebastian Gutierrez schrieb davor das Buch für den bestenfalls halbgaren Thriller „Gothika“ und danach „Snakes on a Plane“.

Elmore Leonards erster Kriminalroman „The big bounce“ (nach mehreren Western) wurde bereits in den späten Sechzigern verfilmt und Leonard mag beide Verfilmungen nicht.

Denn auch die zweite Verfilmung von „The big bounce“ ist, nun ja, eine Gaunerkomödie, „die nie recht in Gang kommt“ (Lexikon des internationalen Films)

„Trotz prominenter Vorlage und ebensolcher Besetzung bleibt diese gemütliche Krimikomödie ein wenig fade.“ (Lothar R. Just: Filmjahrbuch 2005)

Heute ist die TV-Premiere des Films, der vor der Premiere anscheinend heftig umgeschnitten wurde, in den USA floppte und bei uns nur auf DVD veröffentlicht wurde.

mit Owen Wilson, Morgan Freeman, Sara Foster, Charlie Sheen, Vinnie Jones, Gregory Sporleder, Butch Helemano, Willie Nelson, Gary Sinise, Harry Dean Stanton

Wiederholung: Sonntag, 5. Juni, 02.35 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Homepage zum Film

Wikipedia über „Hawaii Crime Story“ (deutsch, englisch)

Homepage von Elmore Leonard

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Djibouti“ (2010)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Road Dogs“ (Road Dogs, 2009)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Up in Honey’s Room“ (2007)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Gangsterbraut“ (The hot Kid, 2005)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Callgirls“ (Mr. Paradise, 2004)

Mein Porträt „Man nennt ihn Dutch – Elmore Leonard zum Achtzigsten“ erschien im „Krimijahrbuch 2006“

Meine Besprechung der Elmore-Leonard-Verfilmung „Sie nannten ihn Stick“ (Stick, USA 1983)

Meine Besprechung der Elmore-Leonard-Verfilmung „Killshot“ (Killshot, USA 2008)

Elmore Leonard in der Kriminalakte

 


And the Arthur Ellis Award goes to…

Juni 3, 2011

Die Crime Writers of Canada (CWC) haben auf der Bloody Words Convention ihre diesjährigen Arthur-Ellis-Preise verliehen. Die glücklichen Gewinner der 28. Verleihung sind:

Best Novel

Bury Your Dead, von Louise Penny (Little, Brown UK)

nominiert

Slow Recoil, von C.B. Forrest (RendezVous Crime)

In Plain Sight, von Mike Knowles (ECW Press)

The Extinction Club, von Jeffrey Moore (Penguin Group)

A Criminal to Remember, von Michael Van Rooy (Turnstone Press)

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Best Short Story

So Much in Common, von Mary Jane Maffini (Ellery Queen Mystery Magazine)

nominiert

In It Up to My Neck, von Jas R. Petrin (Alfred Hitchcock Mystery Magazine)

The Big Touch, von Jordan McPeek (ThugLit)

The Piper’s Door, von James Powell (Ellery Queen Mystery Magazine)

The Bust, von William Deverall (from Whodunnit: Sun Media’s Canadian Crime Fiction Showcase)

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Best Non-Fiction

On the Farm, von Stevie Cameron (Knopf Canada)

nominiert

Our Man in Tehran, von Robert Wright (HarperCollins)

Northern Light: The Enduring Mystery of Tom Thomson and the Woman Who Loved Him, von Roy MacGregor (Random House)

–

Best Juvenile/Young Adult

The Worst Thing She Ever Did, von Alice Kuipers (HarperCollins)

nominiert

Borderline, von Allan Stratton (HarperCollins)

Pluto’s Ghost, von Sharee Fitch (Doubleday Canada)

Victim Rights, von Norah McClintock (Red Deer Press)

The Vinyl Princess, von Yvonne Prinz (HarperCollins)

–

Best Crime Writing in French

Dans le quartier des agités, von Jacques Côté (Alire)

nominiert

Cinq secondes, von Jacques Savoie (Libre Expression)

Vanités, von Johanne Seymour (Libre Expression)

La société des pères meurtriers, von Michel Châteauneuf (Vents D’ouest)

Quand la mort s’invite à la première, von Bernard Gilbert (Québec Amérique)

–

Best First Novel

The Debba, von Avner Mandleman (Other Press)

nominiert

The Damage Done, von Hilary Davidson (Tom Doherty Associates)

The Penalty Killing, von Michael McKinley (McClelland & Stewart)

The Parabolist, von Nicholas Ruddock (Doubleday)

Still Missing, von Chevy Stevens (St. Martin’s Press)

–

Unhanged Arthur (Best Unpublished First Crime Novel)

Better Off Dead, von John Jeneroux

nominiert

Uncoiled, von Kevin Thornton

When the Bow Breaks, von Jayne Barnard

(via The Rap Sheet)

 

 


TV-Tipp für den 3. Juni: Rock am Ring

Juni 3, 2011

EinsPlus, 17.45

Rock am Ring

Heute, morgen und übermorgen gibt es bei EinsPlus täglich mehr als neun Stunden Konzerte, Interviews und Reportagen vom „Rock am Ring“-Festival.

Heute kracht es unter anderem mit „Madsen“ (circa 18.00 Uhr), „Social Distortion“ (circa 20.00 Uhr), „White Lies“ (circa 21.00 Uhr), „Mando Diao“ (circa 21.30 Uhr), „Wolfmother“ (circa 22.50 Uhr), „The Gaslight Anthem“ (circa 00.00 Uhr) und „Interpol“ (circa 00.50 Uhr).

Morgen gibt’s „Ash“, „Coldplay“ und „Korn“; übermorgen „Beatsteaks“, „The Bosshoss“ und „In Extremo“.

Für die Festivalatmosphäre müsst ihr allerdings selbst im heimischen Garten sorgen.

 


Neu im Kino/Filmkritik: „Source Code“ – der zweite Streich von Duncan Jones

Juni 2, 2011


Nach acht Minuten stirbt Colter Stevens (Jake Gyllenhaal) bei einem Anschlag auf einen Zug in Chicago. Die vorherigen acht Minuten war Colter damit beschäftigt, herauszufinden, wie er in den Zug der Berufspendler kam. Denn die letzte Erinnerung des US-Army-Hubschrauberpiloten ist ein Feuergefecht in Afghanistan. Die Frau, die ihm gegenübersitzt, kennt ihn. Er aber kennt Christina Warren (Michelle Monaghah) nicht und im Spiegel erblickt er einen fremden Mann.

Nach seinem Tod wird Colter in einer Kapsel, die eine nicht immer einwandfrei funktionierende Mischung aus Hubschraubercockpit und altertümlicher Raumkapsel ist, wach und via Bildschirm erklärt ihm eine andere Frau, dass er sich auf einer Mission befinde und er wieder zurück müsse. Er habe wieder acht Minuten für seine Mission. Er muss herausfinden, wer für den Anschlag auf den Zug verantwortlich ist. Denn der Attentäter plant noch weitere Anschläge und nur Colter kann sie verhindern.

Er wird wieder in den Source Code geschickt.

Denn der Source Code ermöglicht es den Militär-Wissenschaftlern, jemand für acht Minuten in die Vergangenheit zu schicken. Die Gegenwart könne zwar nicht geändert werden (d. h. der Anschlag wird in jedem Fall stattfinden und die Menschen werden in dem Zug sterben), aber die anderen Anschläge können verhindert werden. Der Source Code ist eine parallele Wirklichkeit, in die man, wie in einem Spiel, jemand immer wieder zurückschicken kann. In einem Interview sagt Drehbuchautor Ben Ripley (Species III, Species IV), dass er eine nichtlineare Geschichte wie „…und täglich grüßt das Murmeltier“ (Groundhog Day, USA 1993) erzählen wollte. Science-Fiction-Fans dürften dagegen eher an die Werke von Philip K. Dick, der sich immer wieder mit der Frage, wie real die Realität ist, ob es parallele Welten gibt und wie frei wir in unseren Entscheidungen sind, denken. Auch Ripleys Drehbuch ist ziemlich düster geraten und stellt die eine allgemeingültige Wirklichkeit infrage.

Aber Colter will nicht stupide Befehle ausführen. Er will die Passagiere retten. Vor allem will er Christina, in die er sich verliebt, retten. Und Colleen Goodwin (Vera Farmiga), die ihm als Befehlshaberin die Situation erklärt und ihn immer wieder zurückschickt, beginnt in ihm auch den Mensch zu sehen, den sie immer wieder, mit spärlichen Informationen ausgestattet, in den virtuellen (?) Tod zu schicken. Dagegen ist Projektleiter Dr. Rutledge (Jeffrey Wright) nur an einem Erfolg von seinem Projekt, das hier zum ersten Mal in der realen Welt ausprobiert wird, interessiert.

„Source Code“ ist, wie schon der Debütfilm „Moon“ von Duncan Jones, Science-Fiction-Kino für denkende Menschen, bei dem das geringe Budget (gerade die Effekte bei der Bombenexplosion sind schlecht) durch gute Leistungen der Schauspieler (Michelle Monaghan hat eine sehr undankbare Rolle als blasses Love-Interest; Vera Farmiga, die die ganze Zeit vor einem Bildschirm sitzen muss, ist fantastisch) und ein gewitztes Drehbuch ausgeglichen werden. Denn die Idee der Zeitreise ist zuerst einmal der Aufhänger für einen spannenden Thriller mit vielen falschen Fährten und Überraschungen, und danach ein moralischer Diskurs über Verantwortung (ohne zu moralisieren), Realität und der alten Zeitreise-Frage, ob die Gegenwart verändert werden kann (und muss) und ob wir dann wissen, dass die Gegenwart verändert wurde. D. h. gibt es parallele Welten und wenn ja, wie viele?

Duncan Jones zeigt auch in seinem zweiten Spielfilm, dass ein guter Science-Fiction-Film keine epischen Weltraumschlachten oder ausufernde Kämpfe auf der Erde braucht, sondern nur eine gute Idee. Oder eine alte Idee (Zeitreise in die Vergangenheit ist für SF-Fans wirklich ein alter Hut), der neue Facetten abgewonnen werden. In „Source Code“ gelingt das in neunzig straff erzählten Minuten, die keine Zeit für langwierige Nebengeschichten lassen.

Source Code (Source Code, USA 2011)

Regie: Duncan Jones

Drehbuch: Ben Ripley

mit Jake Gyllenhaal, Michelle Monaghan, Vera Farmiga, Jeffrey Wright, Michael Arden, Cas Anvar

Länge: 93 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

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Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Source Code“

Wikipedia über „Source Code“ (deutsch, englisch)

Script Shadow redet mit Drehbuchautor Ben Ripley über „Source Code“ (9. Februar 2010)

We got this covered redet mit Ben Ripley über „Source Code“ (20. März 2011)

Trailer Addict stellt Ben Ripley einige Fragen über „Source Code“

WGA redet mit Ben Ripley über „Source Code“

Indie Wire unterhält sich mit Ben Ripley und Duncan Jones über „Source Code“ (15. März 2011)

Meine Besprechung von Duncan Jones‘ „Moon“


TV-Tipp für den 2. Juni: Jesse Stone – Eiskalt

Juni 2, 2011

ZDFneo, 22.25

Jesse Stone – Eiskalt (USA 2005, R.: Robert Harmon)

Drehbuch: John Fasano, Michael Brandman

LV: Robert B. Parker: Stone Cold, 2003

Das Städtchen Paradise hat zwei neue Einwohner: die Lincolns. Sie sind Serienkiller und der Polizeichef von Paradise, Jesse Stone, beginnt sie zu jagen.

Neben der erfolgreichen Spenser-Serie und der unter Fans gehassten Sunny-Randall-Serie schrieb Robert B. Parker auch die Jesse-Stone-Romane. In ihnen ist ein geschiedener L.-A.-Cop mit einem Alkoholproblem, der in der Kleinstadt Paradise bei Boston zur Ruhe kommen will, der Held. Gerade die ersten Romane waren düsterer als von Robert B. Parker gewohnt und sorgfältiger konstruiert als die Spenser-Romane, die von Parker teilweise per Autopilot geschrieben werden.

„Stone Cold“ ist der vierte Jesse-Stone-Roman, aber die erste Jesse-Stone-Verfilmung. Der angenehm altmodische Thriller wurde positiv aufgenommen, bis jetzt wurden fünf weitere Jesse-Stone-Filme im US-TV ausgestrahlt und weitere Jesse-Stone-Filme sind geplant.

Mit Tom Selleck, Jane Adams, Reg Rogers, Mimi Rogers

Hinweise

Homepage von Robert B. Parker

Mein Porträt der Spenser-Serie und von Robert B. Parker

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Die blonde Witwe“ (Widow’s walk, 2002)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers “Alte Wunden” (Back Story, 2003)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Der stille Schüler“ (School Days, 2005)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Der gute Terrorist“ (Now & Then, 2007)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers “Hundert Dollar Baby” (Hundred Dollar Baby, 2006)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Trügerisches Bild“ (Painted Ladies, 2010)

Mein Nachruf auf Robert B. Parker

Robert B. Parker in der Kriminalakte


Die KrimiZeit-Bestenliste Juni 2011

Juni 1, 2011

Pünktlich zum Monatsbeginn gibt es auch die neue Bestenliste der KrimiZeit:

1 (1) Friedrich Ani: Süden

2 (-) James Sallis: Der Killer stirbt

3 (2) Peter Temple: Wahrheit

4 (6) Dominique Manotti: Roter Glamour

5 (-) Giancarlo de Cataldo: Schmutzige Hände

6 (10) Reginald Hill: Der Tod und der Dicke

7 (-) Leif GW Persson: Der sterbende Detektiv

8 (3) Daniel Woodrell: Winters Knochen

9 (-) Malla Nunn: Lass die Toten ruhen

10 (5) Patrick Pécherot: Belleville-Barcelona

–

In ( ) ist die Platzierung des Vormonats.

–

Ach, den Peter Temple muss ich noch lesen. Aber jetzt ist erst mal der neue Roman von Thor Kunkel, „SUBS“, dran. Denn Kunkel präsentiert am kommenden Montag um 20.00 Uhr in Berlin im Grünen Salon (Rosa-Luxemburg-Platz 2, Nähe Alexanderplatz) seinen Roman und ich will die Lesung mit einer kleinen Buchkritik ankündigen. Der neue James Sallis ist noch in den Klauen des Postboten. Friedrich Ani und Daniel Woodrell hab ich ja schon abgefeiert. Don Winslows neuer grandioser Roman „Satori“ ist wohl zu unterhaltsam für die Liste.


TV-Tipp für den 1. Juni: Der Chef

Juni 1, 2011

ARD, 00.35

Der Chef (Fr/I 1972, R.: Jean-Pierre Melville)

Drehbuch: Jean-Pierre Melville

Polizist Coleman jagt den Nachtclubbesitzer Simon, mit dem er befreundet ist und der Überfälle begeht. Zwischen den beiden Männern steht Simons Freund Cathy.

Nach „Der eiskalte Engel“ und „Vier im roten Kreis“ war „Der Chef“ die dritte Zusammenarbeit von Alain Delon und Jean-Pierre Melville und zum ersten Mal spielte Delon einen Polizisten. Aber weil es Melville in „Der Chef“ auch um die Austauschbarkeit von Gangstern und Polizisten ging, unterschied Delons Rolle sich kaum von seinen vorherigen Rollen als Gangster. Denn Melville räumt Coleman und Simon etwa gleich viel Leinwandzeit ein.

„Melvilles letzter Film (…) ist ein würdiger Abschluss im Werk eines seines Metiers und seiner Liebe zum Kino sicheren Ultra-Professionellen, der die düstersten und unheimlichsten, aber auch ästhetisch vollkommendsten und menschlichsten Filme schuf, die in Frankreich je gedreht worden sind.“ (Hans Gerhold: Un Flic in „Jean-Pierre Melville, Hanser Reihe Film 27, 1982)

„‚Un Flic‘ ist vermutlich der kälteste Film Melvilles, und Alain Delon gelingt als Chef-Fahnder Edouard Coleman der Pariser Kriminalpolizei eine brillante Charakterstudie über die Einsamkeit und Isolation des professionellen Menschenjägers.“ (Wolfgang Schweiger: Der Polizeifilm, 1989)

Nach der OFDB wurde Jean-Pierre Melvilles letzter Film zuletzt vor zwölf Jahren gezeigt und auf DVD ist er bei uns auch noch nicht veröffentlicht. Also: Aufnahmebefehl.

Mit Alain Delon, Catherine Deneuve, Richard Crenna, Riccardo Cucciolla, Michel Conrad

Hinweise

Wikipedia über Jean-Pierre Melville (deutsch, englisch)

The Guardian über Jean-Pierre Melville (27. Juni 2003)


William Gibson versucht den „Systemneustart“

Mai 31, 2011

„Boah, was war das?“ fragte ich mich am Ende von William Gibsons neuem Roman „Systemneustart“. Das soll das neue Werk des Mannes sein, der in den Achtzigern, neben Bruce Sterling, die Stimme des Cyberpunk war und als Science-Fiction-Autor eine Utopie von einem virtuellem Raum, dem Cyberspace, entwarf, die, knapp gesagt, das heutige Internet in all seinen Schattierungen ist. Vor allem die Neuromancer-Trilogie, aber auch die Idoru-Trilogie (die jetzt gesammelt als Taschenbuch erschien), sind zu recht Kultromane für die Science-Fiction-Gemeinde und die Internet-Geeks. Vor knapp zehn Jahren wandte Gibson sich der Gegenwart zu. Immerhin wurden seine Zukunftsvorstellungen ja langsam Realität.

Auch „Systemneustart“ spielt in der Gegenwart und es treten bekannte Charaktere aus seinen beiden vorherigen Romanen „Mustererkennung“ und „Quellcode“ auf. Und es geht wieder um die Welt der Werbung und der Waren.

Hollis Henry soll im Auftrag von Bigend herausfinden, wer der Designer hinter dem Modelabel Gabriel Hounds ist. Denn diese Kleider werden nur an halbseidenen Orten an ausgewählte Kunden verkauft. Es gibt auch keine Werbung dafür. Milgrim, der das vergangene Jahrzehnt in der Drogenrehabilitation verbrachte und einen Blick für Details hat, soll ihr helfen.

Schon diese Prämisse ist etwas haarig. Denn um das Modelabel wird ein Bohei gemacht, als ob es sich um eine Lieferung von illegalen Drogen oder Waffen handelt und der Verkauf von Klamotten ein Kapitalverbrechen ist. Denn es geht in „Systemneustart“ nicht um Industriespionage (was ja bedeuten würde, dass Konkurrenten um einen Markt kämpfen und sich einen Vorteil verschaffen wollen), sondern einfach nur darum herauszufinden, wer die Klamotten entwirft und das ist etwa so gefährlich wie eine Recherche in der städtischen Bibliothek. Aber Gibson inszeniert diese Suche, als ob es um das Ei des Kolumbus oder die drohende Vernichtung der Erde geht; – was dann doch etwas übertrieben-hysterisch wirkt. Jedenfalls für einen Roman, der sich nicht als Komödie oder Satire versteht. Humor ist sowieso in „Systemneustart“ Mangelware.

Stattdessen bewegen sich die blassen Charaktere mit großem Ernst von einem Ort an einen anderen Ort (immer in dieser Welt, nie in den tiefen des Cyberspace) und gefallen sich in ihrer Paranoia. Dafür verfremdet Gibson die Gegenwart bis zum Gehtnichtmehr und, während er mit seinen Cyberpunk-Romanen eine faszinierende, sich aus der Gegenwart speisende Utopie entwarft, hat er in „Systemneustart“ nichts zur Gegenwart und auch nichts zur Zukunft zu sagen.

Bis zum Ende bleibt vollkommen unklar, worum es überhaupt geht (Gabriel Hounds? Militärkleidung? Etwas anderes?) und, damit verbunden, was auf dem Spiel steht. Aber wenn unklar ist, worum es geht, ist einem auch die Geschichte egal.

Auch nachdem einer von Bigends Mitarbeitern entführt wird, wird es nicht klarer und, was beim Benutzen eines so altbewährten Erzählkniffs eigentlich ein Kunststück ist, auch nicht spannender. Es gibt sogar, kurz vor dem Geiselaustausch auf Seite 452 einen absurden Dialog zwischen einigen Hauptcharakteren, der das Dilemma des Buches ziemlich gut zusammenfasst:

„Verstehst du, was er da treibt?“

„Nein, aber es ist kompliziert.“

(…)

„Sie wollen, dass er für Milgrim gehalten wird.“

„Das weiß ich! Aber warum?“

„Jemand hat Bigends Starinformatiker entführt. Die verlangen, dass wir ihnen im Tausch Milgrim ausliefern.“

„Warum denn das?“

„Genau genommen“, sagte Hollis, „hat es wohl etwas damit zu tun, dass du dem Kerl, der euch verfolgt hat, einen Pfeil an den Kopf geworfen hast.“

Und auch wir Leser sind keinen Deut schlauer als Hollis. Außerdem ist uns reichlich egal, ob die Befreiungsaktion à la Schlechte-A-Team-Kopie gelingt oder schiefgeht. Deutlicher kann man wohl das Scheitern eines Romans nicht formulieren. Der Roman ist ein, auf gut fünfhundert, engbebruckte Seiten ausgewalzter literarischer Leerlauf von einem Mann, der das Genre revolutionierte.

„Systemneustart“ liest sich als ob man ein Spiel von Freizeitsoldaten beobachtet, ohne die Regeln zu kennen und die Freizeitsoldaten auch nur gegen imaginäre Gegner kämpfen. Dagegen ist das Beobachten von trocknender Farbe eine hochspannende Angelegenheit.

 

William Gibson: Systemneustart

(übersetzt von Hannes und Sara Riffel)

Tropen, 2011

496 Seiten

24,95 Euro

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Originalausgabe

zero history

G. P. Putnam’s Sons, New York 2010

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William Gibson: Die Idoru-Trilogie (Virtuelles Licht, Idoru, Futuremantic)

(überarbeitete Neuausgabe)

(übersetzt von Peter Robert)

Heyne, 2011

1056 Seiten

13,99 Euro

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Die Werke von William Gibson

Die Neuromancer-Trilogie

Neuromancer (Newromancer, 1984)

Biochips (Count Zero, 1986)

Mona Lisa Overdrive (Mona Lisa Overdrive, 1988)

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Die Idoru-Trilogie

Virtuelles Licht (Virtual Light, 1993)

Idoru (Idoru, 1996)

Futuremantic (All Tomorrow’s Parties, 1999)

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Die Bigend-Romane

Mustererkennung (Pattern Recognition, 2003)

Quellcode (Spook Country, 2007)

Systemneustart (zero history, 2010)

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Einzelwerke

(mit Bruce Sterling) Die Differenzmaschine (The Difference Engine, 1990)

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Kurzgeschichtensammlung

Vernetzt – Johnny Mnemonic und andere Geschichten (Burning Chrome, 1986)

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Hinweise

Homepage von William Gibson

Deutsche Homepage von William Gibson

Rolling Stone interviewt William Gibson (2007)

De:Bug Magazin redet mit William Gibson (2008 )

Intor redet auch mit William Gibson (2008 )

The Boston Globe macht „Q&A“ mit William Gibson (2007)

Powells telefoniert mit William Gibson (2007)

 

Blog zu „Systemneustart“ (studentisches Projekt)

DShed: Lesung und Diskussion mit William Gibsonüber „Systemneustart“ (6. Oktober 2010, 69 Minuten)

William Gibson in der Kriminalakte


Cover der Woche

Mai 31, 2011


TV-Tipp für den 31. Mai: Mörder ohne Erinnerung

Mai 31, 2011

ZDFneo, 23.00

Mörder ohne Erinnerung (NL/B 2003, R.: Erik van Looy)

Drehbuch: Carl Joos, Erik van Looy

LV: Jef Geeraerts: De zaak Alzheimer, 1985

Ein Auftragsmörder wendet sich gegen seine Auftraggeber, einen Pädo-Ring, und bringt sie um. Zunehmend gehemmt ist er dabei von seinem fortschreitenden Alzheimer.

In Deutschland erlebte der spannende Thriller seine Premiere auf dem Fantasy-Filmfest und wurde anschließend nur als DVD veröffentlicht.

„Geheimtipp“ (Fantasy Filmfest)

„Düsterer, realistisch anmutender Soziokrimi von überraschender Qualität.“ (Just: Film-Jahrbuch 2005)

Jef Geeraerts schrieb seinen Roman lange vor dem Belgien und Europa erschütternden Fall Dutroux.

Auf dem Fantasy-Filmfest 2010 lief „Dossier K. – Das Recht auf Rache“. Die beiden Drehbuchautoren Joos und van Looy schickten, wieder nach einem Roman von Geeraerts, die beiden Polizisten aus „Mörder ohne Erinnerung“ wieder auf die Jagd. Die ersten Kritiken sind vielversprechend.

Mit Jan Decleir, Koen de Bouw, Wernder de Smedt, Jo de Meyere

Auch bekannt als „Totgemacht – The Alzheimer Case“

Hinweise

Jef-Geeraerts-Fanseite

Wikipedia über Jef Geeraerts

Unionsverlag über Jef Geeraerts


TV-Tipp für den 30. Mai: Red Riding – Yorkshire Killer: 1983

Mai 30, 2011

HR, 23.30

Red Riding – Yorkshire Killer: 1983 (GB 2009, R.: Anand Tucker)

Drehbuch: Tony Grisoni

LV: David Peacy: Nineteen Eighty-Three, 2002 (1983)

Anwalt John Piggott soll den unschuldig verurteilten, psychisch kranken Kindermörder Michael Myshkin frei bekommen. Gleichzeitig hadert der Polizist Maurice Jobson mit seinem Gewissen. Denn er ist tief in die schmutzigen Geschäfte und verbrecherischen Ermittlungsmethoden der Yorkshire-Polizei verwickelt. Und wieder ist ein Mädchen verschwunden.

Grandioser Abschluss der Verfilmung von David Peaces Red-Riding-Romanen.

Mit Mark Addy, Daniel Mays, David Morrissey, Lisa Howard, Chris Walker, Shaun Dooley, Jim Carter, Warren Clarke, Sean Bean

Hinweise

Meine Besprechung von David Peaces „1974“ (Nineteen Seventy-Four, 1999)

Meine Besprechung von David Peaces „1977“ (Nineteen Seventy-Seven, 2000)

Meine Besprechung von David Peaces „1980“ (Nineteen Eighty, 2001)

Meine Besprechung von David Peaces „1983“ (Nineteen Eighty-Three, 2002)

Meine Besprechung von David Peaces „Tokio im Jahr Null“ (Tokyo Year Zero, 2007)

Meine Besprechung von David Peaces „Tokio, besetzte Stadt“ (Occupied City, 2009)

Meine Besprechung der „Red Riding Trilogy“ (der Verfilmung der entsprechenden Bücher)

David Peace in der Kriminalakte


Gestern „Skandalfilme“, heute Langweiler?

Mai 29, 2011

 

 

Ein Buch zum Durchlesen ist Stefan Volks „Skandalfilme – Cineastische Aufreger gestern und heute“ nicht. Es ist eher ein Lexikon, das zum Blättern einlädt; auch wenn der Text arg klein geraten ist und die Bilder eher der Illustration dienen. Denn sie sind in SW und ebenfalls ziemlich klein geraten.

Dafür hat Volk auf etwas über dreihundert Seiten eine sehr informative Chronik des Skandals im Film von den Anfängen bis zur Gegenwart geschrieben. Bis auf ganz wenige Ausnahmen konzentriert er sich dabei auf Filme, die in Deutschland für Aufregung sorgten. So entsteht auch eine kleine Sittengeschichte Deutschlands von „Anders als die anderen“ (über Homosexualität) über „Panzerkreuzer Potemkin“, „Ein andalusischer Hund“, „Im Westen nichts Neues“, „Die Sünderin“ (läuft manchmal im Nachmittagsprogramm), „Baby Doll“, „Das Mädchen Rosemarie“, „Das Schweigen“, „Spur der Steine“, „O. K.“, „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“, „Salò oder Die 120 Tage von Sodom“, „Im Reich der Sinne“, „Die Konsequenz“, „Das Gespenst“ (damals ein Skandal, heute ohne Probleme als FSK-12 auf DVD veröffentlicht), „Die letzte Versuchung Christi“, „Basic Instinct“, „Funny Games“ (das Original), „Baise-Moi“, „Die Passion Christi“ bis hin zu „Tal der Wölfe – Irak“.

Die meisten Diskussionen in der Gesellschaft gab es, wie die Auswahl zeigt, wenn es um Sex, bevorzugt gleichgeschlechtlicher Sex und/oder mit Minderjährigen und/oder um Religion ging. Also Tabus angegriffen wurden. Das waren vor allem moralische Diskurse. Politischer im engeren Sinn wurde es dagegen seltener. Bei dem heute immer noch schockierendem Kriegsfilm „Im Westen nichts Neues“ ging es um die Rolle des Soldaten im Krieg und die Nazis instrumentalisierten den Film schamlos für ihre politischen Ziele, indem sie gegen Aufführungen protestierten. Hier bietet Volk eine tiefen und sicher für die meisten Leser vollkommen unbekannten Einblick in die damalige politische Gefechtslage und die damalige Filmzensur. In „O. K.“ wurde die Vergewaltigung und Ermordung einer Vietnamesin 1966 in Vietnam fiktionalisiert und die Berlinale war, wie einige Jahre später mit „Im Reich der Sinne“, der Auslöser für heftige Diskussionen über den Film und den Umgang mit dem Film. Beide Male kam es auch schon auf der Berlinale zum Eklat.

38 Filme und die durch den Film entstandenen Diskurse werden von Stefan Volk in „Skandalfilme“ ausführlich mit zeitgenössischen Kritiken, einem Ausblick auf die Wirkung des Films und weitergehenden Informationen zum Film und den Machern, vorgestellt.

Außerdem hat Volk mehrere Überblickstexte geschrieben, in denen er die ausgewählten Filme in einen größeren soziokulturellen Zusammenhang stellt (ach, das klingt so wissenschaftlich; besser vielleicht: indem er auch auf andere Filme und die Stimmung in der Gesellschaft eingeht). Jedenfalls ist „Skandalfilme“ auch eine deutsche Sittengeschichte.

Horror- und Action-Filme und die damit verbundenen Diskussionen über Gewalt werden von Volk ignoriert. Das kann man bedauern, aber diese Geschichte ist in anderen Büchern auch gut dokumentiert und hat, wenigstens in Deutschland, niemals, obwohl gerade diese Filme immer wieder mit Verboten und Schnittauflagen zu kämpfen hatten, die großen Diskussionen in der Gesellschaft ausgelöst.

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Stefan Volk: Skandalfilme – Cineastische Aufreger gestern und heute

(unter Mitarbeit von Barbara Scherschlicht)

Schüren, 2011

320 Seiten

24,90 Euro

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Hinweise

Homepage zum Buch

Radio Dreyeckland: Interview mit Stefan Volk zum Buch

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Bonushinweis

Am Samstag, den 4. Juni, um 23.25 Uhr, zeigt Arte in seinem Kulturmagazin „Metropolis“ einen Bericht über Stefan Volk und sein Buch. Wahrscheinlich garniert mit ausgewählten Bildern, die damals die Republik schockierten.

Wiederholt wird die Sendung am Sonntag, den 5. Juni, und jederzeit in der Mediathek.

 


TV-Tipp für den 29. Mai: Warum musste Staatsanwalt Traini sterben?

Mai 29, 2011

MDR, 00.55

Warum musste Staatsanwalt Traini sterben? (I 1975, R.: Damiano Damiani)

Drehbuch: Damiano Damiani, Fulvio Gicca, Enrico Ribulsi

Regisseurs Solaris will herausfinden, warum Staatsanwalt Traini, der Verbindungen zur Mafia haben soll, in Palermo erschossen wurde.

Selten gezeigter Politthriller von einem der wichtigsten Italo-Politthriller-Regisseure. Damiani war auch für die erfolgreiche TV-Serie „Allein gegen die Mafia“ verantwortlich.

„Damianis intelligente, zynische Spiegelfechterei stellt die Frage nach der Verantwortung des Künstlers/Ermittlers gegenüber der Wahrheit, ihren Trugbildern und Facetten. (…) Darüber hinaus präsentiert Damiani eine in all ihren Schichten heillos verfaulte Welt, der sein Regisseur Solaris wie ein Simplizissimus gegenübertritt. Der Polit-Thriller tendiert bisweilen zur zynischen Farce, was sich auch hier wie bei [Leonardo] Sciascia als konsequent erweist.“ (Horst Schäfer/Wolfgang Schwarzer: Von „Che“ bis „Z“, 1991)

Mit Franco Nero, Françoise Fabian, Pierluigi Aprà, Giancarlo Badessi, Ennio Balbo, Marco Guglielmi

auch bekannt als „Der Terror führt Regie“

Hinweise

Wikipedia über Damiano Damiani (deutsch, englisch)

Moviepilot: Englischer Trailer zum Film

F-lm bespricht „Warum musste Staatsanwalt Traini sterben?“

Kriminalakte über Damiano Damiani


TV-Tipp für den 28. Mai: Dark Star – Finsterer Stern

Mai 28, 2011

 

ZDFkultur, 22.45

Dark Star – Finsterer Stern (USA 1974, R.: John Carpenter)

Drehbuch: John Carpenter, Dan O’Bannon

Roman zum Film: Alan Dean Foster: Dark Star, 1974 (Reiseziel Ewigkeit, Dark Star)

„Dark Star – Finsterer Stern“ entstand als Abschlussarbeit eins Filmstudiums, wurde zu einem Welterfolg (vor allem gemessen am Budget), einem Kultfilm und dem Grundstein der Karrieren von John Carpenter (sein nächster Film war „Assault – Anschlag bei Nacht“) und Dan’Bannon (Drehbücher für „Alien“, „Das fliegende Auge“ und „Total Recall“).

Die Idee für „Dark Star“ war, eine realistische Version von „2001“ ohne die religiösen Tendenzen zu drehen. Deshalb ist das Raumschiff in „Dark Star“ auch entsprechend versifft und die Raumfahrer sind, nach den vielen Jahren im All, geistig degeneriert. Da bemerkt ein Astronaut, dass sich in einem Bombenschacht eine scharfe Bombe verklemmt hat, die jetzt überzeugt werden muss, nicht zu explodieren.

Der Film war für den Hugo, das Drehbuch für den Nebula Award nominiert.

„Carpenters Film zählt zu den interessantesten Beispielen aktueller amerikanischer Gesellschaftskritik.“ (Fischer Film Almanach 1980; denn der deutsche Kinostart war am 9. Februar 1979)

mit Brian Narelle, Dre Pahich, Cal Kuniholm, Dan O’Bannon, Joe Saunders, Miles Watkins

Hinweise

Wikipedia über „Dark Star“ (deutsch, englisch)

Drehbuch „Dark Star“ von John Carpenter und DanO’Bannon (ursprüngliche Fassung)

Homepage von John Carpenter

Senses of Cinema über John Carpenter

Kriminalakte: Mein Nachruf auf Dan O’Bannon


Altlastenbeseitigung: Nur Text

Mai 27, 2011

Es hilft nichts. Ich muss endlich mal wieder meinen Schreibtisch aufräumen. Dabei kann ich dann auch einige Werke, die ich teils schon vor Monaten genossen, aber bis jetzt immer noch nicht besprochen habe, endlich, nicht immer in der gebührenden Länge, besprechen.

Kulturwissenschaftler Terry Eagleton versucht in seinem Essay „Das Böse“ zu erklären, was, wir ahnen e bei dem Titel, das Böse ist. Dabei kann er aus seiner eigenen Biographie als überzeugter Katholik und Marxist schöpfen. Denn er versucht das Böse zwischen diesen beiden Extremen und ihren Welterklärungen zu deuten und zu anderen Begriffen wie „das Schlechte“ und „das Gute“ abzugrenzen.

Aber das Essay ist keine soziologische oder psychologische Abhandlung, sondern eine philosophische Schrift, die ihre These vor allem an verschiedenen Romanen wie Graham Greenes „Am Abgrund des Lebens“, William Goldings „Pincher Martin“ oder Flann O’Briens „Der dritte Polizist“ (Geniales Buch!) prüft.

Eagleton meint: „Das Böse, wie ich es verstehe, ist tatsächlich metaphysisch, insofern es sich gegen das Sein als solches wendet und nicht gegen diesen oder jenen seiner Teile. Grundsätzlich will es das Ganze vernichten Womit aber nicht gesagt ist, dass es zwangsläufig übernatürlich ist oder jeglicher menschlichen Kausalität entbehrt.“

Dabei unterscheidet Eagleton zwischen dem Bösen und dem Schlechten: „Böse Menschen lassen sich von ihrem destruktiven Verhalten nicht abbringen, weil ihre Handlungen keine rationale Grundlage haben. Für sie sind die vernünftigen Argumente, die andere in diesem Zusammenhang geltend machen, ein Teil des Problems. Dagegen ist es theoretisch möglich, mit Menschen zu argumentieren, die skrupellose Mittel anwenden, um rationale oder sogar bewundernswerte Zwecke zu erreichen.“ Das gilt auch für Terroristen.

Das gut zu lesende Buch ist eine inspirierende Lektüre voller Geistesblitze und Bonmots, das, wie es sich für einen philosophischen Text gehört, zum Nachdenken über das Böse in seinen verschiedenen Schattierungen einlädt.

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Terry Eagleton: Das Böse

(übersetzt von Hainer Kober)

Ullstein, 2011

208 Seiten

18,00 Euro

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Originalausgabe

On Evil

Yale University Press, New Haven and London, 2010

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Hinweise

Wikipedia über Terry Eagleton (deutsch, englisch)

Die Zeit: Interview mit Terry Eagleton über „Das Böse“ (28. April 2011)

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Ich bin kein Freund der Bodensee-“Tatorte“. Genaugenommen finde ich die meisten „Tatorte“ mit Eva Mattes als Kommissarin Klara Blum unerträglich. Die Besten sind gerade so genießbar (und da ist der Konstanz-Bonus schon enthalten. Immerhin habe ich einige Jahre in dieser schönen Stadt, die solche „Tatorte“ nicht verdient hat, verbracht.). Bei „Seenot“ gefielen mir die unendlich langen, atmosphärischen Aufnahmen von Sonnenauf- und -untergängen am See (Man ist ja sooo genügsam.), während ich mich über die episch ausgewaltze falsche Fährte ärgerte und den üblichen kindischen Hickhack unter Kollegen, der anscheinend zu jedem „Tatort“ gehört, tapfer ertrug, während ich mich fragte, wer dieses infantile Gehabe witzig oder auch nur interessant findet.

Susanne Kraft schrieb jetzt in schönstem süddeutschen Barock eine Romanfassung von „Seenot“ und, abgesehen von der gewöhnungsbedürftigen Sprache, gefiel mir die Romanfassung besser als der Film. Ja, im Gegensatz zum Film, erscheint die Konstruktion der Geschichte mit ihren richtigen und falschen Fährten jetzt sogar sehr schlüssig.

Oh, und darum geht es: Zusammen mit ihrem Schweizer Kollegen Reto Flückiger suchen Kommissarin Blum und ihr Adlatus Kai Perlmann den Mörder des Werftbesitzers Urs Stähli. Er wurde auf dem Bodensee ermordet und, wie es sich für einen dieser Whodunit-“Tatorte“ gehört gibt es auch genug Verdächtige, aber wenig Spannung.

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Susanne Kraft: Seenot

Emons, 2010

208 Seiten

8,95 Euro

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Vorlage

Tatort: Seenot (D 2008, Folge 692)

Regie: René Heisig

Drehbuch: Dorothee Schön

mit Eva Mattes, Sebastian Bezzel, Stefan Gubser, Justine Hauer, Ralph Gassman, Hinnerk Schönemann

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Hinweise

Tatort-Fundus über Klara Blum

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Genug Verdächtige gibt es auch in dem Frankfurt-“Tatort“ „Bevor es dunkel wird“ mit den Kommissaren Fritz Dellwo und Charlotte Sänger (beide inzwischen im Ruhestand). In einer Armenküche wird eine ehrenamtliche Mitarbeiterin vergiftet. Die beiden Kommissare fragen sich, ob der Anschlag dem Mittagstisch (und damit den Hilfebedürftigen) oder der Toten oder jemand anderes galt und sie einfach von der falschen Frucht gegessen hat.

Nachdem ich mich bei dem Vorgänger des Teams Dellwo/Sänger, Kommissar Brinkmann (aka Der Mann mit der Fliege), immer fragte, ob die Macher eine Parodie auf den konventionellen TV-Krimi (okay, sehr schlechte Parodie) machen wollten oder einfach nur grottenschlechte Krimis abdrehten, war der erste Dellwo/Sänger-“Tatort“ „Oskar“ eine Wohltat. Es ging. Auch die Frankfurter konnten gute Krimis drehen. „Oskar“ ist ein Krimi, der sich mit der deutschen Wirklichkeit beschäftigt, eine Blick auf die Schattenseite der Gesellschaft wirft, ohne in Klischees zu ersticken, die Grenzen des Genres auslotet und auch filmisch in der ersten Liga mitspielt. Zwischen 2002 und 2010 hielten die Frankfurter „Tatorte“ in achtzehn Fällen ein beachtlich hohes Niveau. „Bevor es dunkel wird“ gehört allerdings, weil die Ermittlungen nur den Prinzipien Zufall und Intuition gehorchen, zu den schwächeren Fällen des Teams Dellwo/Sänger.

Diese lasche Konstruktion der Geschichte, die im Film wenigstens teilweise überspielt wurde, fällt bei Uli Aechtners Romanfassung des Films gnadenlos auf.

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Uli Aechtner: Bevor es dunkel wird

Emons, 2010

160 Seiten

8,95 Euro

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Vorlage

Tatort: Bevor es dunkel wird (D 2007, Folge 680)

Regie: Martin Enlen

Drehbuch: Henriette Piper

mit Andrea Sawatzki, Jörg Schüttauf, Peter Lechbaumer, Sascha Göpel, Ina Weise, Fritz Karl

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Hinweise

Homepage von Uli Aechtner

Tatort-Fundus über das Team Dellwo/Sänger

Kriminalakte: Gespräch mit Hejo Emons über die Tatort-Reihe

Kriminalakte: Tatort-Romane – zum Ersten (Oliver Wachlin: Blinder Glaube; Martin Schüller: Die Blume des Bösen)

Kriminalakte: Tatort-Romane – zum Zweiten (Martin Schüller: A gmahde Wiesn, Christoph Ernst: Strahlende Zukunft)

Kriminalakte: Tatort-Romane – zum Dritten (Martin Conrath: Aus der Traum…, Oliver Wachlin: Todesstrafe)

Meine Besprechung von Martin Schüllers „Tatort“-Romanen „Moltke“ und „Tempelräuber“

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Die zweite Lieferung der „Suite Noire“ besteht aus vier weiteren, ebenfalls verfilmten, jeweils hundertseitigen Krimis, die gelungen verschiedene Spielarten des Noirs bedienen und immer auch eine Hommage an einen anderen Noir- oder Pulp-Roman sind. Bei Didier Daeninckxs „Nur DJs gibt man den Gnadenschuss“ ist auch für uns offensichtlich, dass es eine Hommage an Horace McCoys „Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss“ (verfilmt von Sydney Pollack mit Jane Fonda) ist. Die von Daeninckx erzählte Geschichte hat dann, wie auch bei den anderen Hommagen, höchstens sehr entfernt noch etwas mit dem anderen Werk zu tun. In „Nur DJs gibt man den Gnadenschuss“ verliebt sich eine Radiomoderatorin bei einem alternativen Radioprojekt in einen gerade entlassenen Häftling. Der erwirbt schnell das Vertrauen der Mitarbeiter und niemand ahnt, dass er seine eigenen Ziele verfolgt.

Marc Villard erzählt in „Die Stadt beißt“ (eine Hommage an „Der Asphalt-Dschungel“ von W. R. Burnett) die Geschichte der aus dem Kongo geflüchteten Sara, die Malerin werden will, sich aber, als Illegale, als Prostituierte durchschlagen muss und, nachdem ihre Mitbewohnerin ermordet wird, von Allen im Viertel gejagt wird.

„Die Königin der Pfeifen“ von Laurent Martin beginnt mit einer Irritation, wenn man nach einigen Seiten erfährt, dass die Ich-Erzählerin Annabelle ein Mann ist, der sich mühselig das Geld für eine Geschlechtsumwandlung anspart. Da erhält sie (oder er?) eine Chance, schnell viel Geld zu machen.

Romain Slocombes „Das Tamtam der Angst“ erzählt die Geschichte des Künstler Fridelance Ambroise, der von allen immer unterdrückt und über den Tisch gezogen wird. So soll er für ein Taschengeld einen Schmöker, in dem detailliert magische Rituale der Afrikaner geschildert werden, illustrieren und beim Verkauf eines wertvollen Stuhls beschissen werden. Fridelance probiert die Zaubersprüche aus und, nun, es geschehen seltsame Dinge.

Die vier kurzen Romane zeigen die Bandbreite des zeitgenössischen französischen Krimis auf und machen Lust auf weitere Werke der Autoren. Allerdings wurden bislang nur einige Romane von Didier Daeninckx übersetzt.

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Laurent Martin: Die Königin der Pfeifen

(übersetzt von Katarina Grän)

Distel Literaturverlag, 2010

108 Seiten

10 Euro

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Originalausgabe

La reine des connes

Éditiones La Branche, Paris, 2007

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Hommage an „La Reine des pommes“ (The five cornered square) von Chester Himes

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Verfilmung

Die Königin der Pfeifen (La reine des connes, Frankreich 2009)

Regie: Guillaume Nicloux

Drehbuch: Nathalie Leuthreau

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Marc Villard: Die Stadt beißt

(übersetzt von Katarina Grän)

Distel Literaturverlag

108 Seiten

10 Euro

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Originalausgabe

Quand la ville mord

Éditions La Branche, Paris, 2007

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Hommage an „Quand la ville dort“ (The asphalt jungle) von William R. Burnett

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Verfilmung

Die Stadt beißt (Quand la ville mord, Frankreich 2009 )

Regie: Dominique Cabrera

Drehbuch: Dominique Cabrera

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Romain Slocombe: Das Tamtam der Angst

(übersetzt von Katarina Grän)

Distel Literaturverlag, 2010

108 Seiten

10 Euro

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Originalausgabe

Envoyez la fracture

Éditions La Branche, Paris, 2007

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Hommage an „Envoyez la soudure“ (The Victim) von Carter Brown

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Verfilmung

Das Tamtam der Angst (Envoyez la fracture!, Frankreich 2009)

Regie: Claire Devers

Drehbuch: Jean-Louis Benoît, Claire Devers

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Didier Daeninckx: Nur DJs gibt man den Gnadenschuss

(übersetzt von Katarina Grän)

Distel Literaturverlag, 2010

96 Seiten

10 Euro

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Originalausgabe

On achève bien les disc-jockeys

Éditions La Brance, Paris, 2007

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Hommage an „On achève bien les chevaux“ (They shoot horses, don’t they?) von Horace McCoy

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Verfilmung

Nur DJs gibt man den Gnadenschuss (On achève bien les disc jockeys, Frankreich 2009)

Regie: Orso Miret

Drehbuch: Orso Miret

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Hinweise

Seite der Éditions La Branche über die „Suite Noire“

Meine Besprechung von Patrick Raynals „Suite Noire“-Buch „Landungsbrücke für Engel“ (Le débarcadère des anges, 2007)

Meine Besprechung von Colin Thiberts „Nächste Ausfahrt Mord“ (Vitrage à la corde, 2007)

Meine Besprechung von José-Louis Bocquets „Papas Musik“ (La musique de papa, 2007)

Meine Besprechung von Chantal Pelletiers „Schießen Sie auf den Weinhändler“ (Tirez sur la caviste, 2007)

Meine Besprechung der Verfilmungen „Serie in Schwarz“


TV-Tipp für den 27. Mai: Lesbian Vampire Killers

Mai 27, 2011

RTL II, 22.05

Lesbian Vampire Killers (GB 2009, Regie: Philip Claydon)

Drehbuch: Stewart Williams, Paul Hupfield

Jimmy und Fletch landen auf ihrem Spaziergang durch das englische Hinterland in dem Dorf Cragwich, in dem Mädchen an ihrem achtzehnten Geburtstag zu lesbischen Vampiren werden. Jimmy und Fletch nehmen den Kampf gegen die lesbischen Vampire auf.

Was kann bei dem Titel noch schiefgehen? Oder anders gefragt: Wenn interessiert bei dem Titel noch der Film?

„‚Lesbian Vampire Killers‘ hat alles, was ein zünftiger britischer Vampirspaß braucht (…) eine frech-blutige Orgie der Körperflüssigkeiten, in der kein Auge trocken und kein Körper…ähem…ungepfählt bleibt.“ (Fantasy Film Festival 2009)

„Freizügige, geschmacklose Horrorfilmparodie, die Vorgaben des Genres auf recht eindeutige, sexistische Weise interpretiert.“ (Lexikon des internationalen Films)

mit Paul McGann, James Gorden, MyAnna Buring, Matthew Horne, James Corden, Silvia Colloca, Vera Filatova

Wiederholung: Samstag, 28. Mai, 23.05 Uhr

Hinweise

Wikipedia über „Lesbian Vampire Killers“ (deutsch, englisch)