TV-Krimi-Buch-Tipps online

September 28, 2007

Die neuen TV-Krimi-Buch-Tipps sind hier mit vielen Plakaten, Buchcovers und Filmbildern online. Denn in der Kriminalakte gibt es nur das Intro:

Klasse statt Masse scheint die Parole der kommenden beiden Wochen zu sein. Es gibt zwei Premieren: die letzte Folge von „Heißer Verdacht“ (auch „Das Finale“ erhielt bereits zahlreiche Preise) und die Ani-Verfilmung „German Angst“ in der Reihe „Kommissarin Lucas“. Die weiteren Höhepunkte sind Oliver Stones John-Ridley-Verfilmung „U-Turn – Kein Weg zurück“, Quentin Tarantinos Elmore-Leonard-Verfilmung „Jackie Brown“, Jules Dassins Eric-Ambler-Verfilmung „Topkapi“ und seine Auguste-le-Breton-Verfilmung „Rififi“ (also Ende und Anfang des Caper-Movies), Ladislao Vajdas Friedrich-Dürrenmatt-Verfilmung „Es geschah am hellichten Tag“ (Oder warum in Deutschland Kindermörder immer wie Gert Fröbe aussehen.), Roman Polanskis Klassiker „Chinatown“ (nach einem Drehbuch von Robert Towne), Fred Schepisis John-le-Carré-Verfilmung „Das Rußland-Haus“ (mit Sean Connery), Sidney Lumets John-Hopkins-Verfilmung Sein Leben in meiner Gewalt“ (wieder mit Sean Connery), David Lynchs Barry-Gifford-Verfilmung „Wild at heart – Die Geschichte von Sailor und Lula“, Jean-Luc Godards Debüt „Außer Atem“ (da erschien später sogar ein Roman zum Film), Robert Wise pessimistische William-P.-McGivern-Verfilmung „Wenig Chancen für morgen“ und Francis Ford Coppolas „Cotton Club“ (bei dem Drehbuch beteiligten sich auch William Kennedy und Mario Puzo).


Eine funkige Reise mit Maceo Parker

September 27, 2007

parker-roots-grooves.jpg

„Roots & Grooves“, die neue Doppel-CD von Maceo Parker ist der beste Ersatz für eines seiner schweißtreibenden Konzerte. Sein Handwerk erlernte Parker in der Band von James Brown. Er prägte entscheidend dessen rhythmusorientierten Funkstil. „Papa got a brand new Bag“ und „Cold Sweat“ stammen aus dieser Zeit. Er spielte in den Bands von George Clinton und Bootsy Collins und ist auf Platten von Bryan Ferry, Keith Richards, Prince, Living Colour, Jane’s Addiction und den Red Hot Chili Peppers zu hören.

In den frühen neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts startete er eine erfolgreiche Solokarriere. Den Durchbruch hatte er mit dem in Köln aufgenommenen Livealbum „Life on Planet Groove“. Sein Werbespruch aus dieser Zeit, „98 Prozent Funk, 2 Prozent Jazz“, gibt die immer noch gültige Richtung vor. Der Altsaxophonist spielt mitreisenden Funk and Soul der alten, immer noch guten Schule.

Doch „Roots & Grooves“ ist nicht nur – was schon ein guter Grund zum Kaufen wäre – eine weitere brillant aufgenommene Live-CD des Mittsechzigers. Die Doppel-CD dokumentiert die erste Zusammenarbeit mit der WDR Big Band. Maceo Parker war von den gemeinsamen Konzerten im Februar und März dieses Jahres so begeistert, dass er unbedingt weitere Konzerte mit der Big Band geben möchte. Immerhin sorgen vierzehn Bläser gleich für einen ganz anderen Druck auf der Bühne und diese Energie ist auch unverfälscht auf den CDs dokumentiert.

Außerdem spielte Parker nicht nur seine alten Hits in neuen Arrangements, sondern er bekennt sich hier erstmals auf Albumlänge zu seinem großen Idol Ray Charles. Vor zehn Jahren spielte Parker mit seiner Band drei Wochen im Vorprogramm von Ray Charles und er stand damals auch gemeinsam mit seinem Jugendidol auf der Bühne. „Ich hörte seinen Gesang an und versuchte, ihm mit dem Saxophon zu entsprechen. Ich dachte: ‚Wenn ich doch nur dasselbe soulige Feeling bekommen würde, das er hat, wenn er eine Ballade sing.’ Das war etwas, woran ich arbeitete. Ich weiß nicht, ob ich es je bekommen habe, aber das war das Ziel.“, beschreibt Parker seine bis in seine Teenagerjahre zurückreichende Beziehung zu Ray Charles. Jetzt widmete er ihm ein halbes Konzertprogramm und sang auch bei vielen Stücken.

„Roots & Grooves“ von Maceo Parker ist eine mitreisende CD. Wenn dieser Mann mit dem Saxophon in ihrer Nähe auftaucht, gehen sie hin. Ihr Fitnesstrainer wird es ihnen danken.  

 

Maceo Parker: Roots & Grooves

Intuition/Sunny Moon

 

CD 1 – Tribute to Ray Charles:

Hallelujah I love her so (Ray Charles)

Busted (Howard Harlan)

Them that’s got (Ray Charles, Ricci Harper)

You don’t know me (Eddy Arnold, Cindy Walker)

Hit the Road, Jack (Percy Mayfield)

Margie (Russel J. Robinson, Con Conrad)

Georgia on my Mind (Hoagy Carmichael, Stuart Gorrell)

What’d I say (Hill, Range)

 

CD 2 – Back to Funk

Uptown up (Maceo Parker)

To be or not to be (Maceo Parker)

Off the Hook (Maceo Parker)

Advanced Funk (Maceo Parker)

Shake everything you got (Maceo Parker)

Pass the Peas (Brown, Starks, Bobbit)

 

Hinweise:

Homepage von Maceo Parker

Homepage von Intuition Music

Bill Milkowski über Maceo Parker und “Roots & Grooves“


TV-Tipp für den 28. September

September 27, 2007

Das kommt jetzt natürlich nicht vollkommen überraschend:

RTL II, 01.55

Jackie Brown (USA 1997, R.: Quentin Tarantino)

Drehbuch: Quentin Tarantino

LV: Elmore Leonard: Rum Punch, Jackie Brown, 1992 (Jackie Brown)

Stewardess Jackie Brown hat Probleme mit der Polizei und dem Gangster Ordell, der sein Schwarzgeld-Konto mit Jackies Hilfe auflösen will.

Tarantinos sehr werkgetreue Huldigung von Leonard und Pam Grier: cool (Leonards Dialoge!), etwas langatmig (Warum muß jedes Lied ausgespielt werden? Warum bemüht sich Tarantino so krampfhaft, die Antithese zu Pulp Fiction zu drehen? Warum nicht 20 Minuten kürzer?) und mit Starbesetzung (Robert de Niro, Samuel L. Jackson, Bridget Fonda, Robert Foster, Michael Keaton, Chris Tucker)

Von Leonards Homepage: „When Quentin Tarantino was a kid, he stole a copy of Elmore Leonard’s The Switch and got caught. Unrepentant, he later went back to the same store and stole the book again. Elmore Leonard was a beacon, lighting the direction that he would soon take in his films. He wrote a movie directed by Tony Scott called True Romance which he said was “an Elmore Leonard novel that he didn’t write.” It certainly was an homage; it even opens in Detroit. After Reservoir Dogs came out, Elmore wrote Rum Punch which reprises the three main characters from Tarantino’s shoplifted book, The Switch. Tarantino read it and wanted to buy it but didn’t have the money. Elmore and his agent, Michael Siegel, offered to hold it for him. When he finally did acquire the book and moved forward on the Rum Punch film project, Tarantino did not contact Elmore Leonard for a long time. When he did, he confessed a reluctance to call sooner. Elmore said, “Why, because you changed the name of my book and cast Pam Grier in the lead?“ No worry. Elmore was down with that. He said, “That’s Ok, just make a good movie.” And Quentin did.

Jackie Brown is Elmore Leonard on the screen. Taking nothing away from Get Shorty and Out of Sight, Tarantino’s manic absorption of Elmore’s essence comes through in a way that only he could pull off especially for a long movie. The acting, the direction, the dialog are all great. There are so many great bits, especially with Jackson, De Niro, Chris Tucker and Bridget Fonda; and then there’s Hattie Winston as Simone the Supreme. Jackie Brown is the Elmore Leonard experience.“

Hinweise:

Wiederholung: Sonntag, 30. September, 02.10 Uhr (Taggenau!)

Homepage von Elmore Leonard:

http://www.elmoreleonard.com/

Meine Besprechung von „Up in Honey’s Room“ (2007) in der Spurensuche:

http://www.alligatorpapiere.de/spurensuche-vierzig.html  

Meine Besprechung von „Callgirls“ (Mr. Paradise, 2004) in der Spurensuche:

http://www.alligatorpapiere.de/spurensuche-dreissig-sechs.html

Mein Porträt „Man nennt ihn Dutch – Elmore Leonard zum Achtzigsten“ erschien im „Krimijahrbuch 2006“:

http://www.nordpark-verlag.de/krimikritiksieben-jahrbuch-2006.html


Magnus Gäfgen, Eva Herman und Lee Goldbergs „Fast Track“

September 27, 2007

Erinnern Sie sich noch an den Fall Magnus Gäfgen? Der Jura-Student entführte ein Kind, brachte es um und gestand seine Tat. Allerdings drohte ihm die Polizei vorher mit unerträglichen Schmerzen, vulgo Folter. Jetzt beschäftigt sich der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte mit dem Fall und es könnte sein, dass der freikommt. Der Grund?

Die Richter sahen Anhaltspunkte, dass die deutschen Behörden gegen das Verbot der Folter und gegen das Grundsatz des fairen Verfahrens verstoßen haben. Diese Fragen wollen die Juristen nun genauer prüfen – ein Etappensieg für Gäfgens Anwalt Michael Heuchemer. (Spiegel Online)

Wenn Gäfgen deshalb freikäme, hätte ich nichts dagegen. Denn im Gegensatz zu den milden Urteilen für die Polizisten, die es okay fanden einen Verdächtigen zu foltern, würde ein solches Urteil eindeutig zeigen, dass Beweise, die mit den falschen Mitteln gefunden werden, vor Gericht nichtig sind. Wir Krimifans kennen diese Konstruktion der „Früchte vom verbotenen Baum“ aus zahlreichen US-amerikanischen Krimis. Sie ist in einem Rechtstaat sehr sinnvoll.

Eva Herman meint, dass sie vor einigen Wochen falsch verstanden wurde und daher auch zu Unrecht ihren Job beim Fernsehen verlor. Deshalb hat sie jetzt das Originalzitat auf ihre Homepage gestellt. – (Kurze Lesepause.) – Wenn ich aus diesem Gebrabbel von Halbsätzen einen vollständigen und sinnvollen Satz machen sollte, käme bei mir genau das heraus, was bereits vor Wochen in den Medien gemeldet wurde. Nur das 68er-Bashing fehlt.

Aber es ist doch immer wieder ämusant, wenn Promis sich falsch verstanden fühlen, dann über die bösen Medien herziehen und ihre Version publizieren, die zeigt, dass die Medien sie genau richtig verstanden haben. Erinnern Sie sich noch an diesen Radfahrer?

Schon seit einigen Tagen ist der Trailer für „Fast Track“ zu sehen. Es ist eine Produktion von action concept (Genau, „Alarm für Cobra 11“) und sieht wie eine Kopie von „The Fast and the Furios“ aus. Aber Lee Goldberg schrieb das Drehbuch und er ist der verantwortliche Produzent/Creator. Seine Monk-Romane (mehr ist von ihm bis jetzt nicht auf Deutsch erschienen) sind jedenfalls sehr gelungen. Deshalb erwarte ich von „Fast Track“ auch viel mehr als der Trailer zeigt.


Die Dokus „The Trap“ und „Taxi to the Dark Side“ und der Thriller „Death Sentence“

September 27, 2007

In den vergangenen Tagen habe ich einige Dokus für das One-World-Festival gesehen. Es ist vom 14. bis 23. November in Berlin und wir von der Humanistischen Union (natürlich wird die Aufgabe irgendwie an mir hängen bleiben) präsentieren einige Filme und vielleicht noch einige andere Sachen. Das sage ich jetzt so vage, weil wir noch beim Planen sind.

Gesehen habe ich den BBC-Dreiteiler „The Trap: What happened to our dream of freedom“ von Adam Curtis. In drei Stunden zeichnet er nach, wie sich während des Kalten Krieges ein reduzierter Begriff von Freiheit und ein ebenso reduziertes ökonomisches Menschenbild (ich sage nur Rational Choice und Public Choice) zuerst in der Wissenschaft und später in der Politik durchsetzte. Er zeigt, wie Ideen die Welt verändern können. Er zeigt, wie das Rational-Choice-Menschenbild und der Glaube, alles messen zu können, die Politik beeinflusst. Denn wenn die Politiker nur noch von selbstinteressierten Menschen ausgehen, werden sie eine bestimmte Politik machen. Eine Politik die bestimmt ist von Misstrauen und Paranoia. Denn eine der Kernpunkte des Rational-Choice-Menschenbildes ist, dass man niemand vertrauen kann. Ein anderer, dass jeder nur noch nach seinem eigenen Glück streben solle. So etwas wie Gemeinschaft, Vertrauen undsoweiter gibt es nicht.

Dann habe ich „Taxi to the Dark Side“ von Alex Gibney gesehen. Der läuft am 8. Oktober als „Taxi zur Hölle“ auf Arte. Gibney thematisiert die Folterungen von US-Soldaten in Afghanistan und wie es dazu kommen konnte. „Taxi to the Dark Side“ ist eine gut recherchierte, beängstigende, spielfilmlange Dokumentation, die gerade wegen ihrer ruhigen Machart mehr beeindruckt als die kommerziell erfolgreicheren, auf kurzfristige Effekte und Lacher angelegten Dokumentationen von Michael Moore.

Vielleicht habe ich nach diesen beeindruckenden Dokumentationen den Rachethriller „Death Sentence – Todesurteil“ (Regie: James Wan, Drehbuch: Ian Jeffers) nur als bittere Allegorie auf den Kampf gegen den Terror sehen können. Kevin „Ich-spiele-die-Rolle-des-Arschlochs“-Bacon spielt einen braven, glücklichen Familienvater. Eines Tages wird sein ältester Sohn von einigen Gangstern umgebracht. Er hat einen der Täter gesehen. Als der Staatsanwalt ihm erklärt, dass aufgrund der Beweise nur eine kurze Gefängnisstrafe möglich sei, beschließt Bacon das Gesetz in die eigenen Hände zu nehmen. So weit, so gut. Auch der Rest folgt, immerhin ist die Vorlage ein Krimi von Brian Garfield aus den Siebzigern, dem vertrauten Schema von Gewalt und eskalierender Gegengewalt bis hin zum tödlichen Ende für die Bösen. Der einzige Unterschied auf dieser Ebene zu den Rachethrillern der Siebziger ist, dass die Morde brutaler sind.

Irritierend und unangenehm für uns Zuschauer wird der Film, wenn er jede Glorifizierung für den amoklaufenden Familienvater vermissen lässt. Wir wollen ihn als Helden sehen, denn er nimmt, nachdem der Staat versagt, stellvertretend für uns das Recht in die eigenen Hände. Das ist der stille Vertrag zwischen uns Zuschauern im dunklen Kinosaal und dem Mann mit der Knarre auf der Leinwand. Aber Bacon unterscheidet sich immer weniger von den Bösen. Er verliert seine bürgerlichen Bindungen. Er verliert seine Seele. Er verliert letztendlich die Rechtfertigung für seine Kampf: seine Familie. Wenn er in der letzten Szene leichenblass und blutend auf seiner Couch sitzt, dann ist er der Verlierer, weil er sich mit den falschen Mitteln gegen die Bösen wehrte.

„Death Sentence – Todesurteil“ ist eine klinische Studie über Gewalt mit einem zutiefst pessimistischen Ende.

(P. S.: In früheren Posts habe ich auf Interviews mit Garfield, den Trailer und die Homepage des Films hingewiesen. Über die Suchen-Funktion müssten die Teile schnell zu finden sein.)


TV-Tipp für den 27. September

September 27, 2007

Das Vierte, 20.15

Das Wespennest (F 1983, R.: Philippe Labro)

Drehbuch: Jacques Labib, Philippe Labro, Jean-Patrick Manchette

Inspektor Martin Griffon soll den Mord an einem bekannten Richter untersuchen. Schnell entdeckt er ein korrumptives Geflecht.

Typisch französischer Kriminalfilm, der den Polizeifilm mit dem Politthriller mischt, wahre Fälle als Inspiration nimmt und die französische Gesellschaft als stockkorrupt zeichnet.

Der lange nicht mehr gezeigte Polizeifilm hat mir vor Jahren sehr gut gefallen. Deshalb: ein unterschätzter Krimi.

„’La Crime’ ist vor allem ein Retro-Werk, ein Film, der viele bekannte Elemente neu ordnet, und allenfalls in seiner rigiden Absage an jede Hoffnung auf ein Durchbrechen des Kreises von Gewalt und Korruption darüber hinausgeht. ‚Die Polizisten’, so heißt es einmal dezidiert, ‚haben gelernt, sich wie Kriminelle zu verhalten.’“ (Georg Seeßlen: Copland)

Mit Claude Brasseur, Jean-Claude Brialy, Jean-Lous Trintignant

Nachtrag:  „Das Vierte“ sendete nicht diesen guten Kriminalfilm, sondern irgendsoeinen Zweiter-Weltkriegs-Murks mit Rock Hudson in der Hauptrolle. Gleicher Titel, falsche Baustelle. Aber wenn die Sender die falschen Filme ankündigen oder ihr Programm kurzfristig ändern,…


Mörderische Berliner Unterwelt

September 25, 2007

 

Ich liebe bei DVDs die „Geschnittenen Szenen“. Am liebsten sogar mit einem Audiokommentar des Regisseurs oder Produzenten, in dem sie sagen warum eine eigentlich gute Szene doch nicht die letzte Schnittfassung überlebte. Die Macher sagen dann immer wieder, sie hätten die Szene gestrichen, weil sie von der eigentlichen Geschichte ablenkte oder diese nicht voranbrachte oder die Information bereits in einer anderen Szene vermittelt wurde.

Beim Lesen von Marcel Feiges Roman „Wut“ dachte ich immer wieder, wie viele überflüssige Szenen in dem Wälzer sind und ohne Verluste gestrichen werden könnten. Ganze Handlungsstränge bringen die Geschichte nicht voran. So erfahren wir alles Mögliche über einen Boulevardreporter. Aber nichts davon hat etwas mit der Jagd nach dem Mörder zu tun. Das gleiche gilt für Jessy Kalkbrenner; die erwachsene Tochter des Kommissars. Es ist für die Handlung vollkommen egal, dass sich ihre Eltern gerade scheiden lassen, dass sie ihren Vater nie ans Telefon bekommt, dass sie in einer Kneipe jobbt, wie anstrengend die Arbeit ist und dass sie mit ihren Freunden einen Geburtstag feiern will. Nichts davon hat etwas mit der Jagd nach dem Mörder zu tun. Nichts davon verrät uns wirklich etwas über die Charaktere. Diese bleiben letztendlich doch nur die aus dem Fernsehen bekannten Klischeefiguren. Denken Sie nur an die zahlreichen Kinder der „Tatort“-Kommissare die auch in ihren Zwanzigern immer noch aus dem elterlichen Nest wollen. An die Myriaden von TV-Kommissare, die gerne mal einen Sexualverbrecher so richtig hart rannehmen würden, keine Zeit für ihre Familie haben, der beste Ermittler der Stadt sind und suspendiert werden.

Außerdem sind in „Wut“ viele Szenen redundant. Nachdem Kommissar Kalkbrenner bei seinem ersten Auftritt ein Treffen mit seiner Tochter verpasst, wissen wir, dass für ihn der Beruf wichtiger als die Familie ist. Wir müssen das nicht unzählige Male mit kleinen Variationen immer wieder lesen. Ebenso müssen wir nicht zweimal lesen, dass Kalkbrenners demente Mutter wieder in ihre alte Wohnung geht und der Nachmieter ein doofer Stinkstiefel ist. Es bringt die Handlung nicht voran. Es sagt auch in der Wiederholung nicht mehr über den Charakter aus. Dramaturgisch gesehen ist es die gleiche Situation und das gleiche Verhalten. Also überflüssig.

Doch so füllt Feige letztendlich hunderte von Seiten. Dabei bewegt sich sein Hauptplot, die Jagd nach dem Mörder, ohne große Wendungen auf ihr Ziel zu. Dieser Plot verläuft sogar so geradlinig, dass der Klappentext fast alles verrät, weil er nicht anders kann.

Denn vor dem ersten Mord führt Feige Kommissar Paul Kalkbrenner, den Studenten Leif Nehring, Kalkbrenners Tochter Jessica, Kommissar Richard Stäuber und den Boulevardjournalisten Harald Sackowitz ein. Wer davon für die Geschichte wichtig sein wird und wer nicht, ist bis dahin – wenn man den Klappentext nicht kennt – vollkommen unklar. Geübte Krimileser dürften richtig vermuten, dass Kalkbrenner und Nehring die beiden Hauptcharaktere sind. Während Kalkbrenner den Mörder sucht und dabei weitere Leichen im Untergrund von Berlin findet, beginnt Nehring seine Sozialstunden beim Obdachlose e. V. abzuleisten. Er versorgt im Untergrund von Berlin Menschen mit Medikamenten. Als er den Dealer Ramon, dem er seine Strafe zu verdanken hat, sieht, verfolgt er ihn in den Untergrund und beobachtet, wie Ramon von einem Mann erschossen wird. Nehring kann flüchten. Als er später wieder zur Sozialstation geht, wird er bereits von Kalkbrenner erwartet. Bei dem Gespräch verheddert Nehring sich in Widersprüche und – jetzt habe ich ein Problem. Bis jetzt sind zwei Drittel des Romans um. Feige enthüllt bei diesem Gespräch die Identität des Mörders. Im letzten Drittel gibt es dann noch den Mord an einer US-Botschaftsangehörigen, ein Besäufnis, eine Kneipenschlägerei, mehrere Auftritte von anzugtragenden Bösewichtern und schließlich ein weiteres Treffen zwischen Kalkbrenner und Nehring, die nur gemeinsam die Mordserie stoppen können.

Letztendlich liest sich „Wut“ wie die Vorlage für den gähnend langweiligen „Großen Fernsehfilm der Woche“. Nie wird das Verhältnis von Haupt- und Nebengeschichten in ein sinnvolles Verhältnis gesetzt. Nie wird deutlich, wer die Hauptcharaktere und wer die Nebencharaktere sind und welche Bedeutung sie für die Geschichte haben. Alles ist in dem fast fünfhundertseitigen Werk irgendwie gleich wichtig. Früher hätte ein Pulpautor auf zweihundert Seiten die gleiche Geschichte mit zwei, drei weiteren Twists und einem weniger vorhersehbarem, gemeinerem Ende erzählt. Das wäre dann ein spannender Thriller und ein düsteres Großstadtporträt geworden.

 

Marcel Feige: Wut

Goldmann, 2007

480 Seiten

8,95 Euro

 

Homepage des Autors

 

Lesung

Marcel Feige liest aus seinem Thriller „Wut“ am Donnerstag, den 27. September, um 20.30 Uhr in den Räumen der Berliner Unterwelten (Brunnenstraße 108a). Vor der Lesung gibt es eine Führung durch die historische Luftschutzanlage im U-Bahnhof Gesundbrunnen. Der Treffpunkt ist die südliche Vorhalle des U-Bahnhofs Gesundbrunnen (Ausgang Humboldthain/Brunnenstraße). 

(Weitere Informationen zur Lesung)


TV-Tipp für den 26. September

September 25, 2007

Kabel 1, 20.15

Copland (USA 1997, R.: James Mangold)

Drehbuch: James Mangold

Freddy Heflin hat als frühes Gnadenbrot eine Stelle als Sheriff in Garrison, New Jersey bekommen. Die Einwohner sind von ihm bewunderte New Yorker Polizisten. Als eines Tages ein Interner Ermittler aus New York ihn um Hilfe bei Ermittlungen gegen korrupte Polizisten bittet, muss Heflin sich zwischen seinem Job und dem polizeilichen Ehrenkodex entscheiden.

Gutes Schauspielerkino mit einem kräftigen Touch 70-Jahre-Kino und einem genießbaren Stallone, der in diesem Cop-Movie versuchte von seinem Rambo/Rocky-Image wegzukommen.

Mit Sylvester Stallone, Robert De Niro, Harvey Keitel, Ray Liotta, Peter Berg, Michael Rapaport, Annabella Sciorra, Robert Patrick, Noah Emmerich


Zwei Buchhinweise: Louis ist Swierczynski, „Geheime Melodie“ als Taschenbuch

September 25, 2007

Duane Swierczynskis Roman „The Blonde“ (2006) ist jetzt auf Deutsch erschienen. Allerdings, Swierczynski hat es bereits vor längerem in seinem Blog gesagt, nicht unter seinem richtigen Namen. Der Heyne Verlag meinte, Swierczynski könne sich kein Deutscher merken (in anderen Ländern erscheinen Swierczynskis Romane unter seinem richtigen Namen Swierczynski) und schlug Duane Louis vor. Swierczynski fand’s seltsam, war aber letztendlich einverstanden und jetzt liegt „Blondes Gift“ als Werbeschwerpunkt des Heyne Verlages in den Buchläden ihres Vertrauens. (Eine Besprechung gibt’s demnächst.)

Also greifen sie bei Duane Louis zu. Sie erhalten Duane Swierczynski.

John le Carrés neuester Roman „Geheime Melodie“ (The Mission Song, 2006) liegt inzwischen bei List als Taschenbuch vor. Ich fand ihn nicht so toll.


TV-Tipp für den 25. September

September 24, 2007

RTL, 23.10

Law & Order: Blutrache (USA 2004, R.: Matthew Penn)

Drehbuch: Richard Sweren

Creator: Dick Wolf

Reservistin Lindsay Starr wird ermordet. Anscheinend ist das Motiv für den Mord Rache für Folgerungen im irakischen Militärgefängnis Abu Ghraib.

Heute startet die 15. Staffel des Dauerbrenners. Nach dem plötzlichen Tod von Jerry Orbach tritt Dennis Farina in seine Fußstapfen als Mordermittler der New Yorker Polizei. Sein Partner meint zutreffend nach dem ersten Treffen „I wasn’t sure if he was a cop or a wise guy.”

Krimifans kennen den ehemaligen Chicagoer Polizisten Dennis Farina seit seinen ersten Auftritten. In Michael Manns Thriller „Der Einzelgänger“ (Thief, USA 1981) gab er sein Debüt. Kurz darauf spielte er in „Miami Vice“ einen charismatischen Gangsterboss und in „Crime Story“ übernahm er die Hauptrolle als Lieutenant Mike Torello. Martin Compart meinte „eine der besten Polizeiserien aller Zeiten“ (Crime TV). In „Blutmond“/“Roter Drache“ (Manhunter, USA 1986) spielte Farina  den FBI-Ermittler Jack Crawford. Das war seine bislang letzte Zusammenarbeit mit Michael Mann. Seitdem bereicherte er mit seiner Präsenz zahlreiche Filme. Mal als Polizist, mal als Verbrecher. Unvergessen sind seine Auftritte in den Elmore-Leonard-Verfilmungen „Get Shorty“ (USA 1995) und „Out of sight“ (USA 1998), wenn er seiner Tochter zum Geburtstag eine Pistole schenkt und ihren Freund elegant über den Tisch zieht.

In der heutigen Folge tritt Michael Bloomberg als Bürgermeister von New York auf.

Mit Dennis Farina (Detective Joe Fontana), Jesse L. Martin (Detective Ed Green), S. Epatha Merkerson (Lt. Anita Van Buren), Sam Waterston (Executive A.D.A. Jack McCoy), Elisabeth Röhm (A.D.A. Serena Southerlyn), Fred Dalton Thompson (D.A. Arthur Branch)


R. i. P. Schulze-Rohr, Behm – und das „The Black Dahlia“-Drehbuch

September 24, 2007

R. i. P.: Peter Schulze-Rohr, 25. Mai 1926 – 22. September 2007

Mehr über ihn gibt es hier oder hier.  Genau wie Jürgen Roland prägte er den deutschen TV-Krimis.

R. i. P.: Marc Behm, 12. Januar 1925 – 12. Juli 2007

Im Rap Sheet findet sich ein Nachruf über den Autor des Krimis „Das Auge“. Neben weiteren Krimis (einige erschienen vor Jahren bei Piper) schrieb er auch Drehbücher. Seine bekanntesten Arbeiten für den Film dürften „Charade“ und „Hi-Hi-Hilfe!“ sein.

Ich muss mal in den Tiefen meiner Festplatte wühlen. Denn vor Ewigkeiten habe ich die Romane von Behm abgejubelt.  Wenn Sie sie also in einem Antiquariat finden, greifen Sie zu.

Bei Daily Sript gibt es eine frühe Drehbuchfassung von „The Black Dahlia“ von Josh Friedman. Diese James-Ellroy-Verfilmung von Brian De Palma gehörte für mich zu den großen Enttäuschen des letzten Kinojahres.


Ein bisschen Luxus – Kapitel 19 online

September 24, 2007

Sodele, das nächste Kapitel ist online.


TV-Tipp für den 24. September

September 23, 2007

R. i. P.: Jürgen Roland, 25. Dezember 1925 – 21. September 2007

Deshalb:

NDR, 21.00

TATORT: Tod eines Mädchens (D 1991, R.: Jürgen Roland)

Drehbuch: Horst Bieber

Hat Bading ein Mädchen umgebracht? Stoever und Brockmöller meinen ja, bis sie ihren Hauptverdächtigen ermordet finden.

Guter Einsatz der damals noch nicht singenden Kommissare.

Mit Manfred Krug, Charles Brauer, Lutz Reichert, Helmut Zierl, Monica Bleibtreu, Katja Studt

Hinweise:

Am Freitag, den 28. September, zeigt die ARD um 21.45 Uhr den Tatort „Stoevers Fall“, ebenfalls von Jürgen Roland, nach einem Drehbuch von Willi Voss (Der könnte auch mal wieder einen neuej Kriminalroman schreiben.), inszeniert. Das ist der Tatort mit Dieter Thomas Heck als Kriminalpolizist, der ständig „Fein. Fein.“ sagt. Ein schönes Teil; auch weil Horst Frank einen Anwalt spielt.

Mehr über Jürgen Roland und die Stoever-Tatorte

Mehr über Horst Bieber


TV-Tipp für den 23. September

September 22, 2007

Mickey Spillane schreib einige sehr erfolgreiche Bücher und versuchte sich auch einige Male als Schauspieler. Zum Beispiel hier:

SRTL, 21.45

Columbo: Schreib oder stirb (USA 1974, R.: Robert Butler)

Drehbuch: Peter S. Fischer

Verleger Riley Greenleaf ist stinkig. Sein Bestsellerautor Alan Mallory möchte den Verlag wechseln. Greenleaf denkt sich ‚nicht mit mir’ und der tapsige Lieutenant Columbo hat einen neuen Fall

Für Krimifans ist „Schreib oder Stirb“ ein Highlight. Es gibt zahlreiche Anspielungen auf den Literaturbetrieb und Mickey Spillane (Ja, genau der!) spielt einen Bestsellerautor.

Mit Peter Falk, Jack Cassidy, Mickey Spillane


TV-Tipp für den 22. September

September 21, 2007

Es ist wirklich nicht der beste Film von Chabrol, aber Donald Sutherland ist einfach immer gut.

MDR, 00.00

Blutsverwandte (F/Can 1977, R.: Claude Chabrol)

Drehbuch: Claude Chabrol, Sydney Banks

LV: Ed McBain: Blood relatives, 1975 (Blutschwestern)

Carella vom 87. Revier untersucht den Überfall auf die 15-jährige Patricia und den Mord an ihrer Cousine.

Chabrol inszenierte eine hochkarätig besetzte, psychologische Kriminalgeschichte.

Mit Donald Sutherland, Stéphane Audran, Donald Pleasence, David Hemmings

Hinweise:

Homepage von Ed McBain:

http://www.edmcbain.com/  

Meine ausführliche Besprechung des von Ed McBain herausgegebenen Buches „Die hohe Kunst des Mordens“ (Transgressions) in der „Kriminalakte“:

https://kriminalakte.wordpress.de/2007/06/12/zehn-autoren-ein-buch-tausend-seiten/


Stephen King und Ich

September 20, 2007

stephen-king-press-photo.jpg

„Im Hetton House begann John, Geschichten zu schreiben. Es waren holprige Sachen, mit starken Anleihen bei den Filmen, die er sich mit Blaze ansah, aber allmählich verschaffte er sich mit ihnen eine gewisse Popularität unter den Gleichaltrigen. Die anderen Jungs fanden es nicht gut, wenn man klug war, aber sie bewunderten eine gewisse Art von Cleverness. Und sie liebten Geschichten. Sie sehnten sich nach Geschichten.

Bei einem ihrer Ausflüge sahen sie sich einen Vampirfilm mit dem Titel Messias des Bösen an. John Cheltzmanns Version gipfelte darin, dass Graf Igor Yorga einer halb nackten jungen Schönheit ‚mit bebenden Brüsten, so groß wie Wassermelonen’, den Kopf abriss und dann mit dem Kopf unter dem Arm in den Fluss Yorba sprang. Der Titel dieses seltsamen Underground-Klassikers lautete Yorga beobachtet dich.“

Wenn wir Stephen Kings unterhaltsamer Mischung aus Schreibratgeber und Memoiren „Das Leben und das Schreiben“ (On Writing – A Memoir of the Craft) glauben dürfen, war King genau wie der in seinem gerade erschienenen Schubladenroman „Qual“ beschriebene John Cheltzmann. Ein Junge, der Geschichten aufsog, schrieb und bereits auf dem Schulhof verkaufte. Seitdem hat sich nur sein Schulhof vergrößert.

Meine erste Begegnung mit Stephen King war „Carrie“. Ich fand sein Debüt, diese Mischung aus Carries Geschichte und den Zeitungsartikeln, grauenhaft und schwor mir nie wieder ein Buch von King zu lesen. Denn damals wurde der neue König des Horrorromans bereits exzessiv abgefeiert und ich dachte mir, wenn seine anderen Bücher genauso sind, kann ich meine Lesezeit besser investieren. Später las ich dann „Dead Zone“ und „Feuerkind“. Beide Bücher – irgendwie King-untypisch mehr Thriller als Horrorroman – gefielen mir viel besser und seitdem las ich immer wieder Romane, Novellen (dazu gehört bei King alles zwischen dreißig und zweihundert Seiten) und Kurzgeschichten von ihm.

In den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts schien auch kein Monat ohne eine neue Stephen-King-Verfilmung zu vergehen. „Carrie“ (von 1976), „Shining“, „Christine“, „Dead Zone“, „Stand by me“ und “Misery” waren die guten. Etliche andere Verfilmungen von Romanen und Kurzgeschichten des produktiven Horrorautors sind inzwischen ziemlich vergessen. Eine kleine Ausnahme bildet die verfilmte Kurzgeschichte „Kindes des Korns“. Kritiker ließen kein gutes Haar an dem Film. Aber es gingen genug Menschen ins Kino, um fünf Fortsetzungen zu rechtfertigen, die oft die schon nicht herausragende Qualität des Originals unterboten. Bei „Rhea M. – Es begann ohne Warnung“ (Maximum Overdrive) führte King Regie und wurde als schlechtester Regisseur für einen Razzie nominiert. Prince gewann.

King schrieb in diesen Jahren „Cujo“ (anscheinend im Vollrausch), „Friedhof der Kuscheltiere“, „Christine“, „Sie“ (Misery) und „Stark – The Dark Half“. In letzterem bereitet ein lebendig werdendes Pseudonym einem Autor massive Probleme. „Stark“ war natürlich auch eine Abrechnung mit Richard Bachman. King hatte unter diesem Pseudonym einige Romane veröffentlicht, weil sein Verlag meinte, die Leser würden nicht so viele King-Bücher kaufen, wie er schrieb. Außerdem wollte King wissen, ob seine Bücher wegen seinem Namen oder dem Inhalt gekauft würden. Nachdem das Pseudonym enthüllt war, verkauften sich auch die Richart-Bachman-Romane prächtig.

Das Jahrzehnt schloss mit der Uncut-Edition des schon im Original unglaublich dicken „The Stand – Das letzte Gefecht“ ab. Bereits die kurze Version von um die 900 Seiten legte ich nach etwa einem Drittel weg. Die Schicksale der verschiedenen Charaktere, die auf getrennten Wegen durch ein entvölkertes Amerika gehen und sich am Ende zu dem titelgebenden letzten Gefecht treffen, faszinierten mich nicht so sehr. Außerdem lagen damals sicher einige Bücher von Jim Thompson auf meinem Nachttisch.

Die Neunziger Jahre begann Stephen King mit einem „Dark Tower“-Wälzer.

Das war für mich dann entschieden zuviel Fantasy (mit einer Portion Horror) und zu wenig Krimi. Aber ich griff trotzdem immer wieder zu einer Kurzgeschichte oder einem Roman von Stephen King und sie gefiel mir jedes Mal.

Inzwischen ebbte hier die große mediale King-Euphorie ab. Denn er war nicht mehr die neue Sensation, sondern ein etablierter Autor. Die ersten Bücher über das Phänomen King landeten bereits auf den Ramschtischen. Die Verfilmungen wurden seltener. Jedenfalls die Verfilmungen, die im Kino liefen. Denn auf Video erschienen zahlreiche weitere Verfilmungen. Außerdem gab es im Fernsehen Miniserien, die selten wiederholt werden; falls sie in Deutschland gezeigt wurden.

Die beste King-Verfilmung der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts basierte auf einem Kurzroman, war ein Krimi und wurde im Kino nicht als King-Verfilmung beworben. Denn „Die Verurteilten“ hat einfach nichts mit übernatürlichem Horror zu tun.

Zwei weitere „Dark Tower“-Romane folgten. Er schrieb 1996 den Fortsetzungsroman „The Green Mile“. Und er gründete mit anderen Schriftstellern die Rockband „Rock Bottom Remainders“.

In den vergangenen Jahren zog Stephen King (der allerdings noch nie einen Ruf als Partylöwe zu verlieren hatte) sich aus der Öffentlichkeit etwas zurück. Schuld daran war im Juni 1999 ein schwerer Autounfall. Während eines Spaziergangs wurde er von einem Auto erfasst und schwer verletzt. Bis er wieder in seinem normalen Tempo Schreiben konnte, verging viel Zeit. In „Das Leben und das Schreiben“ erzählte er von dem Unfall und seiner Genesung.

Die Zahl der Verfilmungen ebbte nicht ab. In Deutschland bekamen wir davon allerdings wenig mit, weil nur wenige Verfilmungen im Kino starteten und viele weder auf DVD noch im Fernsehen gezeigt wurden. In den USA startete die erfolgreiche TV-Serie „Dead Zone“. In Deutschland wurde nur etwas mehr als die Hälfte der Episoden ausgestrahlt.

Ich begann wieder mehr von Stephen King zu lesen. Es begann mit “Das Leben und das Schreiben”. In dem Buch erzählt King viel von sich und gibt nützliche Tipps zum Schreiben von Geschichten. Danach gab es bei Hard Case Crime seine sehr umstrittene Novelle „The Colorado Kid“ (Bei King gelten immer noch andere Maßstäbe für die Seitenzahl.). Denn „Colorado Kid“ ist eine Kriminalgeschichte. King sagt „Softboiled“. Sie hat keine richtige Auflösung. Aber mir gefiel es, den beiden alten Journalisten zuzuhören, wie es ihnen so gelingt, die junge Frau letztendlich von dem Job in der Provinzzeitung zu überzeugen. Da schrieb ein Erzähler auf der Höhe seines Könnens.

Zuletzt veröffentlichte Stephen King „Blaze“ (hat hier den unpassenden Titel „Qual“). Diesen Kriminalroman schrieb Stephen King als Richard Bachmann bereits vor ungefähr 35 Jahren und, auch nach den Überarbeitungen, gibt er immer noch einen Blick in die Anfangstage des Königs des Horrorromans.

Heute feiert Stephen King seinen sechzigsten Geburtstag. Er lebt immer noch in Maine. Er ist immer noch mit Tabitha King verheiratet. Seine Söhne Joe Hill und Owen King schreiben ebenfalls.

Herzlichen Glückwunsch!

Hinweise:

Homepage von Stephen King

Fantastic Fiction listet die Werke von Stephen King, die wichtigsten Nominierungen und Preise und die Bücher über Stephen King auf (dürfte ziemlich vollständig sein)

Meine Besprechung von „Qual“

Meine Besprechung der in „Die hohe Kunst des Mordens (herausgegeben von Ed McBain) enthaltenen Kurzgeschichte „Nachgelassene Dinge“


TV-Tipp für den 21. September

September 20, 2007

Pro 7, 20.15

Out of Time – Sein Gegner ist die Zeit (USA 2003, R.: Carl Franklin)

Drehbuch: Dave Collard

Matt Whitlock schiebt als Polizeichef von Banyan Key eine ruhige Kugel in dem Sunshine State Florida. Seine verheiratete Geliebte Ann verzuckert seinen Alltag. Als sie unheilbar an Krebs erkrankt und ihn als Begünstigten in ihre Lebensversicherung einsetzt, will er ihr helfen. Er gibt ihr die seinem Polizeisafe gebunkerte halbe Million Dollar Drogengeld. Wenige Stunden später sind sie und ihr Mann tot. Sie wurden ermordet und anschließend verbrannt. Whitlocks Ex Alex leitet die Ermittlungen. Alle Beweise deuten auf den unbekannten Geliebten als Mörder. Matt Whitlock muss daher das Komplott aufdecken, bevor er als Mörder verhaftet wird.

Für Genre-Junkies ist der wunderschön entspannte Florida-Noir-Thriller „Out of Time – Sein Gegner ist die Zeit“ ein Festschmaus.

Collard schrieb ein wendungsreiches, kunstvoll die Balance zwischen Tradition und Innovation haltendes, Drehbuch. Franklin setzte es punktgenau um. Das Ensemble, angeführt von dem immer guten Denzel Washington, spielte genussvoll auf. Gerade die vielen Nebendarsteller, wie der Pathologe (als Sidekick des Helden ist er natürlich sehr wichtig), die Untergebenen von Alex und Matt, die DEA-Agenten, der Hotelchef und die ältere Zeugin, hatten prächtige Auftritte. Die Stuntmen durften vor allem bei einem Kampf auf Leben und Tod an einem Balkongitter im siebten Stock eines Hotels ihr Können zeigen. Die Aufnahmen Florida, besonders der Sonnenuntergängen, sind traumhaft und die Musik von Graeme Revell gibt allem einen entspannt-südamerikanischen Touch.

Mit Denzel Washington, Eva Mendes, Salma Latham, Dean Cain, John Billingsley

Wiederholung:

Samstag, 22. September, 02.00 Uhr (Taggenau!)

Homepage zum Film:

http://www.outoftimemovie.com/


TV-Tipp für den 20. September

September 19, 2007

Das Vierte, 20.15

Ein Fall für Harper (USA 1966, R.: Jack Smight)

Drehbuch: William Goldman

LV: Ross MacDonald: The moving target, 1949 (Reiche sterben auch nicht anders, Das wandernde Ziel)

Privatdetektiv Lew Harper soll den verschwundenen Mann der reichen Mrs. Sampson finden.

Wenn wir von einflussreichen Privatdetektivromanautoren sprechen, darf ein Name nicht fehlen: Ross MacDonald.

Hier die kommerziell erfolgreiche Verfilmung des ersten Archer-Romans. Lew Archer heißt im Film Lew Harper. Der Grund dafür war, so Goldman im Audiokommentar zur DVD, dass MacDonald die Rechte am Namen nicht abgeben wollte. „Ein Werk nur mittlerer Qualität“ (Meinolf Zurhorst: Lexikon des Kriminalfilms)

Drehbuchautor William Goldman schreibt im lesenswerten „Das Hollywood-Geschäft“ (Adventures in the Sreen Trade, 1984) über „Ein Fall für Harper“ und die Qualität seines Drehbuchs: „Der daraus entstandene Film war übrigens aus einer Vielzahl von Gründen sehr erfolgreich, von denen ich keinen für mich verbuchen kann.“

Mit Paul Newman, Lauren Bacall, Julie Harris, Janet Leigh, Arthur Hill, Robert Wagner, Robert Webber, Shelley Winters, Strother Martin

Hinweise:  

Krimi-Couch über Ross MacDonald 

Thrilling Detective über Ross MacDonald 

Thrilling Detective über Lew Archer

January Magazine über Ross MacDonald und Lew Archer


Frühes Werk eines Königs

September 19, 2007

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Das Gebaren der Verlage ist schon seltsam. Bei „Colorado Kid“ wurde das Nachwort von Stephen King nicht übersetzt. Bei seinem neuesten Roman „Qual“ wurde aus dem Vorwort ein irgendwo hinten verstecktes Nachwort. Denn nach den amüsant-selbstkritischen Erklärungen von Stephen King gibt es noch die neuere Kurzgeschichte „Erinnerung“.

Diese Umstellung ist keine Kleinigkeit. Denn in seinem ab Seite 343 abgedruckten Vorwort sagt King, dass „Qual“ ein altes Manuskript von ihm sei. Er habe es in den frühen Siebzigern als weiteres Richard Bachmann-Buch geschrieben. „Ich fand ihn toll, als ich ihn schrieb, und Schrott, als ich ihn anschließend las.“, schreibt King in seinem Vorwort. Das Manuskript verschwand, ohne dass er es einem Verleger anbot, in der Schublade. Dort blieb es viele Jahre. Auch wenn die Schublade von Kings Haus in die Fogler Library der Universität von Maine wanderte und die dortige Sammlung von Texten des Schriftstellers ergänzte. Nachdem King von Charles Ardai gefragt wurde, ob er für die „Hard Case Crime“-Serie eine Geschichte habe, erinnerte er sich an „Blaze“ (so der treffendere Originaltitel). Aber King war immer noch nicht richtig zufrieden mit „Qual“ und er schrieb „The Colorado Kid“. Später überarbeitete er „Qual“ und veröffentlichte jetzt die Leidensgeschichte von Blaze. „Dies ist (…) ein alter Roman, aber ich glaube, ich habe mich geirrt, was mein anfängliches Urteil betrifft, dass es ein schlechter Roman sei.“, sagt King über seinen Ende 1972/Anfang 1973 geschriebenen Schubladenroman. Dabei gehen die Einkünfte aus „Qual“ an die Haven Foundation, eine Organisation, die notleidende Künstler unterstützt.

Der Grund für Kings erstes Urteil ist die Hauptfigur Clayton ‚Blaze’ Blaisdell jr. Er ist ein Trottel, der das Pech gleich eimerweise gepachtet hat. Zuerst bringt ihn sein alkoholsüchtiger, alleinerziehender Vater fast um. Seitdem hat Blaze ein Loch im Kopf und ist geistig zurückgeblieben. In der Schule wird der Muskelprotz gehänselt. Im Kinderheim ist es nicht besser. Als er später George kennen lernt, beginnen sie eine Karriere als Kleingangster. Ihr größtes Projekt ist die Entführung des Babys der stinkreichen Familie Gerard. Bei dem Kidnapping gibt es nur ein Problem. Kurz bevor Blaze und George ihren Plan in die Tat umsetzen können, stirbt George. Blaze, auf sich allein gestellt, will es trotzdem tun. Immerhin hilft George ihm aus dem Reich der Toten. Blaze kann das Baby entführen. Dabei hinterlässt er mehr Spuren, als eine durch ein Einkaufszentrum rasende Büffelherde. Entsprechend einfach kann die Polizei ihn Spur verfolgen.

„Qual“ ist, trotz der Überarbeitung des Autors, unverkennbar ein vor Jahrzehnten geschriebener Roman. Damals war King ein junger Autor. Seine Sprache ist hölzerner. Der Aufbau der Geschichte einfach. Der Hauptplot, die Geschichte des Kidnappings, wird immer wieder von chronologisch angeordneten Rückblenden unterbrochen, in denen King von Blaze und dessen Kindheit und Jugend erzählt. Diese Geschichte einer unglücklichen Kindheit in einem zeitlosen, gotisch-düsteren Amerika, in dem die Klassenschranken festgemauert sind, ist wesentlich gelungener als die mit wenigen Wendungen auf ihr fatales Ende zusteuernde Entführungsgeschichte. Denn dass Blaze bei der Entführung Mist bauen wird, dass er von seiner Rolle als Pfleger für das Baby überfordert ist und dass er beschützende Gefühle für es entwickeln wird, ist alles nicht sonderlich überraschend. Auch nicht, dass die Polizei unglaublich leicht seine Fährte aufnehmen kann. Das verläuft entlang den Konventionen der düsteren Pulp-Romane, die King in seiner Jugend verschlang und weshalb er auch dachte, dass „Qual“ eine Geschichte für Hard Case Crime sein könnte.

„Qual“ ist nicht Kings bester Roman. Es ist auch kein unentdeckter Klassiker. Es ist nur der eindrückliche Beweis, wie gut King bereits in seinen frühen Jahren war und, das zeigt die ebenfalls in „Qual“ abgedruckte Kurzgeschichte „Erinnerung“, wie sehr er sich seitdem als Geschichtenerzähler entwickelte. Sie inspirierte King zu seinem neuen, in den USA für Januar angekündigten Roman „Duma Key“.

Stephen King wird am 21. September sechzig Jahre.

 

Stephen King (schreibt als Richard Bachmann): Qual

(übersetzt von Jürgen Bürger)

Heyne, 2007

384 Seiten

19,95 Euro

 

Originalausgabe:

Blaze

Scribner, New York, 2007

 

Homepage von Stephen King

Besprechung der in „Die hohe Kunst des Mordens (herausgegeben von Ed McBain) enthaltenen Kurzgeschichte „Nachgelassene Dinge“


TV-Tipp für den 19. September

September 19, 2007

ARD, 23.45

Politik. Macht. Sucht. (D 2007, R.: Jürgen Leinemann, Viktor Grandits)

Drehbuch: Jürgen Leinemann, Viktor Grandits

45-minütige Doku über die Droge Politik und den Realitätsverlust unserer Politiker. Der frühere Spiegel-Reporter und Egon-Erwin-Kisch-Preisträger Jürgen Leinemann veröffentlichte zuletzt den Bestseller „Höhenrausch – Die wirklichkeitsleere Welt der Politiker“. Anscheinend wendet er seine These, dass Politiker Süchtige sind, auf Edmund Stoiber, seinen Abschied und die Diadochenkämpfe in der CSU an. Dürfte also ganz vergnüglich werden.

Wiederholungen:

ARD, Donnerstag, 20. September, 04.05 Uhr (Taggenau!)

SWR, Donnerstag, 27. September, 00.30 Uhr (VPS 00.29) (Taggenau!)

Interview mit Jürgen Leinemann zu „Politik.Macht.Sucht.“:

http://www.presseportal.de/text/story.htx?nr=1041334&firmaid=7169