Neu im Kino/Filmkritik: Hugh Grant fragt „Wie schreibt man Liebe?“

November 13, 2014

Es ist schon erstaunlich, wie gut es „Wie schreibt man Liebe?“ gelingt, all die erzählerischen Trüffel, die Autor-Regisseur Marc Lawrence auf dem Silbertablett präsentiert werden, zu ignorieren und sich allein auf die Präsenz des immer liebenswerten Hugh Grant zu verlassen.
Grant spielt Keith Michaels, einen geschiedenen Hollywood-Drehbuchautor, der vor fünfzehn Jahren einen Drehbuchoscar für „Paradise Misplaced“ bekam. Seine späteren Filme waren nicht so gut und jetzt braucht er, weil er keine Bücher verkauft, Geld. Ein Lehrerjob in Binghampton, ein Uni-Kaff bei New York, bringt ihm das benötigte Geld. Dass er glaubt, dass man Schreiben nicht lehren kann, ist nur ein kleines Hindernis. Er will die finanziell einträgliche Lehrer-Charade einfach hinter sich bringen, weshalb er die Teilnehmer für den Drehbuchkurs auch nach ihrem Aussehen auswählt. Trotzdem verirren sich zwei Nerds in seinen Kurs, der sonst nur aus Uni-Schönheiten besteht. Und eine Mittvierzigerin ist auch dabei. Holly Carpenter macht noch ein Bachelor-Studium, hat zwei Kinder (die wir eigentlich nie sehen und die für die Geschichte egal sind), immer einen patenten Ratschlag für den sympatisch verwuschelten Kursleiter und nebenher jobbt sie. Passenderweise in dem Uni-Buchladen und einem Nobelrestaurant.
Weil Holly Carpenter von Marisa Tomei gespielt wird, wissen wir auch, wer am Filmende nach der bewährten RomCom-Formel zusammenfindet, obwohl sie nur den Schein haben will und er nicht die Frau fürs Leben sucht. Eine gut aussehende Studentin, mit der er gleich am ersten Abend ins Bett hüpft, tut es auch. Jedenfalls für den Moment. Dass das ein an der kleinen Universität nicht akzeptiertes Verhalten ist, erfährt er kurz darauf und nachdem er am Begrüßungsabend gleich eine Brandrede gegen starke Frauen und Jane Austen hält, hat er es sich mit Professor Mary Weldon (Allison Janney) verscherzt. Denn sie ist die anerkannte Jane-Austen-Expertin, die humorlose und stocksteife Dekanin der Universität und sie hält absolut nichts von Hollywood-Drehbuchautoren, die keine Ahnung von Literatur haben. Sie ist die Person, die den literarisch vollkommen unbefleckten Keith Michaels jederzeit feuern kann.
„Wie schreibt man Liebe?“, das im Original „The Rewrite“ heißt, hätte so einfach ein Film über zweite Chancen und die Wechselwirkungen von Literatur und Leben, von Drehbuchdramaturgie und Leben, von den Genreerfordernissen einer romantischen Komödie und dem Leben, werden können. Es hätte ein wundervoller, auf mehreren Ebenen funktionierender Film werden können, wie zuletzt zum Beispiel Lasse Hallströms „Madame Mallory und der Duft von Curry“, wo es um das richtige Zubereiten von Mahlzeiten, unterschiedliche Kulturen und Lebensphilosophien geht, oder Fred Schepisis „Words and Pictures“, wo Clive Owen und Juliette Binoche ein Feuerwerk von Weisheiten und Zitaten abbrennen, um vor ihren Schülern einen Kampf um die höhere Kunst zu entfachen, der natürlich kaum verdeckt, dass sie ineinander verliebt sind.
Oder, ein ganz anderes Genre, der selbstreferentielle Slasher-Film „Scream“. Schon vor fast zwanzig Jahren spielten Regisseur Wes Craven und Drehbuchautor
Kevin Williamson gelungen mit den Genreklischees, wenn die Studierenden sich über die Klischees in Horrorfilmen unterhalten und so den Killer finden wollen, während gerade die halbe Universität von einem maskierten Slasher gemeuchelt wird.
Gerade im direkten Vergleich mit „Words and Pictures“, der ja ein ähnliches Thema in einem ähnlichen Milieu behandelt, wird deutlich, wie lieblos „Wie schreibt man Liebe?“ zusammengeschustert ist. Marc Lawrences Film hätte dringend mindestens ein Rewrite gebraucht. Aber anscheinend wurde die erste Fassung verfilmt.

Wie schreibt man Liebe - Plakat

Wie schreibt man Liebe? (The Rewrite, USA 2014)
Regie: Marc Lawrence
Drehbuch: Marc Lawrence
mit Hugh Grant, Marisa Tomei, Bella Heathcote, J. K. Simmons, Chris Elliot, Allison Janney, Veanne Cox, Lily Wan, Olivia Luccardi, Emily Morden, Andrew Keenan-Bolger, Steven Kaplan
Länge: 106 Minuten
FSK: ab 0 Jahre

Hinweise
Deutsche Facebook-Seite zum Film
Moviepilot über „Wie schreibt man Liebe?“
Metacritic über „Wie schreibt man Liebe?“
Rotten Tomatoes über „Wie schreibt man Liebe?“
Wikipedia über „Wie schreibt man Liebe?“


Neu im Kino/Filmkritik: „Tammy – Voll abgefahren“, aber etwas ziellos

Juli 3, 2014

„Tammy – Voll abgefahren“ ist eine Mogelpackung. Denn der neue Film von und mit Melissa McCarthy ist nur am Anfang eine Komödie. Da wird ihr Auto von einem Hirsch gestoppt. Das Tier überlebt, Ihr Auto ist dagegen ziemlich demoliert. Kurz darauf wird sie von ihrem Chef (Ben Falcone) gefeuert. In einem sinnlosen Wutanfall wirft sie mit Lebensmitteln (soweit das über Fastfood-Kost gesagt werden kann) um sich. Sie fährt nach Hause und erwischt ihren Göttergatten mit einer anderen Frau.
Tammy hat genug. Sie will abhauen, aber nur ihre Oma Pearl (Susan Sarandon, auf steinalt frisiert) verfügt über genug Geld und, was noch wichtiger ist, ein Auto. Die beiden gegensätzlichen Frauen, die in den vergangenen Jahrzehnten wahrscheinlich keine drei Worte miteinander wechselten, machen sich auf den Weg zu den Niagara-Fällen, die Pearl schon immer besuchen wollte. Sagt sie. Außerdem ist Pearl Trinkerin, sexuellen Freuden nicht abgeneigt und sie vergisst schon einmal ihre Tabletten. Einige Tabletten hat sie auch durch wirksamere Medikamente bei dem jugendlichen Drogenhändler um die Ecke eingekauft. Kurz: sie ist vollkommen verantwortungslos.
Bei dieser Prämisse könnte „Tammy“ eine weitere „Hangover“-Variante mit Frauen werden. Auch der Trailer schlägt in diese Kerbe und damit weit daneben. Denn ziemlich schnell wird „Tammy“ immer ernster und zu einer sehr interessanten Variante von Alexander Paynes grandiosem Road-Movie „Nebraska“. Denn beide Male geht es bei dieser Reise, die ein Kind mit einem Elternteil (beziehungsweise Großelternteil) unternimmt, um ein letztes Kennenlernen der Generationen, um Versöhnung und auch um neue Lebensperspektiven. In „Nebraska“ sagt der Sohn auch ausdrücklich, dass diese Reise die letzte Gelegenheit sei, um mit seinem zunehmend dement werdendem Vater, der auch ein Alkoholiker ist, noch einige Tage zu verbringen. In „Tammy“ ist die Reise für Tammy wahrscheinlich die letzte Gelegenheit, aus ihrem Leben auszubrechen. Denn bislang endete jede ihrer Fluchtversuche an der Stadtgrenze. Für Pearl ist es die letzte Möglichkeit, noch einmal etwas anderes zu sehen. Dabei geht es in beiden Filmen um die Reise und die Selbsterkenntnisse der Charaktere. Denn das Ziel – ein falscher Lottogewinn, ein Besuch der Niagara-Fälle – ist nebensächlich. Beide Male geht es auch um Familienbeziehungen. So treffen Tammy und Pearl auf ihrer Reise auch Pearls Cousine Lenore (Kathy Bates), die als bekennende Lesbe ein Leben weitab der Konventionen von Tammys Leben führt.
Aber während „Nebraska“ ein in sich geschlossenes melancholisches SW-Drama ist, ist „Tammy“ eine Komödie, die zu einem Drama wird und die mehr aus Einzelteilen als aus der Summe der Teile besteht. So ist „Tammy“ nie so gut, wie er sein könnte, aber die Komödie ist doch ein Schritt weg von dem inzwischen bekannten Melissa-McCarthy-Fahrwasser. Ich sage nur „Brautalarm“, „Voll abgezockt“ und „Taffe Mädels“.
Wieder beweist Melissa McCarthy einen herrlichen Hang zu unvorteilhaften Kleidern, wilden Frisuren und Schminkkatastrophen. Hässlicher sah wohl schon lange kein Star mehr aus. Wenn man weiß, dass sie zusammen mit ihrem Ehemann Ben Falcone das Drehbuch schrieb, sie den Film mitproduzierten und Falcone hier sein Regiedebüt gab, dann sagt das einiges über die Eitelkeit von Melissa McCarthy aus. Und wohin sie sich in kommenden Filmen bewegen könnte. Denn unter der Komödie scheint auch immer eine gesellschaftskritische und liberale Agenda durch, die auch einen Traum von einem anderen Amerika zeigt.
Insofern ist „Tammy“ ein sehr interessanter filmischer Bastard, den ich trotz seiner Fehler mag. Dazu trägt auch die gute Besetzung bei. Neben Susan Sarandon und Kathy Bates spielen auch Dan Akroyd, Toni Colette und Sandra Oh in kleinen, aber wichtigen Rollen mit. Und „The Descendants“- und „Ganz weit hinten“-Drehbuchautor Nat Faxon spielt Tammys Ehemann, der für die falsche Frau Essen kocht.

Tammy - Plakat

Tammy – Voll abgefahren (Tammy, USA 2014)
Regie: Ben Falcone
Drehbuch: Melissa McCarthy, Ben Falcone
mit Melissa McCarthy, Susan Sarandon, Allison Janney, Gary Cole, Dan Akroyd, Kathy Bates, Nat Faxon, Toni Colette, Sandra Oh, Ben Falcone
Länge: 97 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Tammy“
Moviepilot über „Tammy“
Metacritic über „Tammy“
Rotten Tomatoes über „Tammy“
Wikipedia über „Tammy“
Meine Besprechung der Melissa-McCarthy-Filme „The Nines – Dein Leben ist nur ein Spiel“ (The Nines, USA 2007), „Voll abgezockt“ (Identity Thief, USA 2013) und „Taffe Mädels“ (The Heat, USA 2013)

Zwei Interviews mit Melissa McCarthy über „Tammy“


Neu im Kino/Filmkritik : „Ganz weit hinten“ erzählt vom Erwachsenwerden

Dezember 6, 2013

 

Sommerferien sind die Hölle. Vor allem wenn man, wie der 14-jährige Duncan (Liam James) schon auf dem Weg zum Ferienhaus von dem neuen Freund der Mutter verbal zusammengestaucht wird. Denn Trent (Steve Carell) fragt Duncan nach seiner Selbsteinschätzung auf einer Skala von eins bis zehn und korrigiert Duncans schon sehr vorsichtige Einschätzung gnadenlos nach unten. Seine Mutter Pam (Toni Colette) überhört es und auch im Ferienhaus wird es nicht besser. Denn anstatt sich um die Kinder zu kümmern, feiern die Erwachsenen in Cape Cod am Strand ihre Version des Spring Break: Sex, Trinken und Drogen bis zum Umfallen.

Die Kinder bleiben sich selbst überlassen und weil Duncan ein schüchterner Einzelgänger ist, beginnt er allein die Gegend zu erkunden. Dabei trifft er auf Owen (Sam Rockwell), einen lustig-lässigen, in den Tag hinein lebenden Sprücheklopfer, der ihn wie einen Erwachsenen behandelt.

Kurz darauf entdeckt er den Wasser-Freizeitpark „Water Wizz“, in dem Owen arbeitet und der ihn sofort einstellt. Duncan hat in dieser Ersatzfamilie seinen Spaß, während er nach Feierabend die Eskapaden seiner Mutter und ihrer Freunde beobachtet.

Mit ihrem Regiedebüt „Ganz weit hinten“ knüpfen Nat Faxon und Jim Rash, obwohl das jetzt verfilmte Drehbuch schon länger in Hollywood herumgereicht wurde und 2007 auf der Black List (einer Liste der besten nicht verfilmten Drehbücher) landete, an ihren vorherigen Erfolg „The Descendants – Familie und andere Angelegenheiten“ an. Ihr Buch wurde von Alexander Payne mit George Clooney verfilmt und erhielt den Oscar als bester Film und für das beste Drehbuch. Auch in „Ganz weit hinten“ geht es um Familienangelegenheiten und wieder entscheiden sie sich nicht für eine stringent nach Lehrbuch durcherzählte Geschichte, sondern für ein Kaleidoskop verschiedener Geschichten, die immer wieder Zeit lassen für Abwege, und einen humanistischen Tonfall. Denn auch wenn alle Charaktere ihre Probleme und schlechten Angewohnheiten haben, betrachten sie sie mit großer Sympathie.

Allerdings plätschert der Film so auch immer wieder vor sich hin und immer wieder hatte ich den Eindruck, dass Nat Faxon und Jim Rash die Coming-of-Age-Geschichte von Duncan vernachlässigen zugunsten der höchstens mäßig interessanten Beziehungsprobleme der Erwachsenen. Auch sind die beiden Ersatzväter von Duncan, Trent und Owen, zu ähnlich angelegt. Beide sind auf den ersten Blick egozentrische Großmäuler, die sich für den Mittelpunkt des Geschehens halten. Nur traut Trent Duncan nichts zu und er putzt ihn deshalb immer wieder grundlos herunter. Owen traut ihm dagegen etwas zu, übergibt ihm Verantwortung (manchmal auch nur, um seinen Spaß zu haben) und behandelt ihn, wie er alle anderen Menschen behandelt.

Ganz weit hinten“ ist ein Feelgood-Movie mit rauer Grundierung, das seine Charaktere, vor allem die Jugendlichen, ernst nimmt und unspektakulär die Geschichte eines Sommerurlaubs erzählt: er plätschert, wie ein Urlaub, entspannt vor sich hin, es gibt etwas Streit, ein absehbares Ende, in dem Duncan sich den Respekt seiner Eltern verdient, und in dem Moment fragt man sich, warum die Zeit, die vorher endlos erschien, so schnell vorbeiging.

Ganz weit hinten - Plakat

Ganz weit hinten (The Way Way Back, USA 2013)

Regie: Nat Faxon, Jim Rash

Drehbuch: Nat Faxon, Jim Rash

mit Liam James, Steve Carell, Toni Colette, Allison Janney, Annasophia Robb, Sam Rockwell, Maya Rudolph, Rob Corddry, Amanda Peet, Nat Faxon, Jim Rash (beide gehören zum Personal von „Water Wizz“)

Länge: 104 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Ganz weit hinten“

Moviepilot über „Ganz weit hinten“

Metacritic über „Ganz weit hinten“

Rotten Tomatoes über „Ganz weit hinten“

Wikipedia über „Ganz weit hinten“ (deutsch, englisch)

Und noch zwei Ausschnitte aus dem Film