Neu im Kino/Filmkritik: „Onslaught“, ein Film für den Grindhouse-Fan

September 3, 2026

Celeste (Adria Arjona) war beim Militär und genoss die Ausbildung, die dort Soldaten erhalten, die sich später in Action- und Horrorfilmen gegen skrupellose Bösewichter beweisen müssen. Jetzt lebt sie in der Wüste in einem abgeranztem Trailerpark, kuriert ihre Kriegstraumata aus und arbeitet dort als Mädchen für alles. Sie ist geschieden, aber weil ihr Ex-Mann gerade mit etwas wichtigerem beschäftigt ist, muss sie jetzt außerplanmäßig auf ihre Tochter aufpassen.

In dem Moment weiß sie noch nicht, dass die letzten friedlichen Stunden des Tages sind. In einem nahe gelegenem Militärlabor experiment Dr. Hans Kammler (Dan Stevens) mit Leichenteilen und der DNA von Soldaten herum. Eine Demonstration seiner unbesiegbaren Soldaten auf dem streng gesichtertem Gelände läuft aus dem Ruder. Am Ende sind die Gäste, denen er seine Erfindung vorführen wollte, tot, das geheime Labor zerstört und die drei Super-Soldaten machen sich auf den Weg in Richtung Trailerpark.

Auf dem Weg liegende Gebäude zerstören sie. Menschen töten sie – und wenn doch einmal ein Mensch die Begegnung mit den Super-Soldaten überlebt, ist ein durchgeknallter von der Regierung beauftragter Jäger vor Ort. Er verwischt alle Spuren. Auch wenn er dafür wahrscheinlich ultra-patriotische US-Amerikaner töten muss. Seinen ersten Auftritt im Film hat er als Kunde eines SM-Bordells. Für die Filmgeschichte ist es egal, aber Regisseur Adam Wingard kann in dem Moment etwas nackte Haut und Leder zeigen und so auf die siebziger Jahre mit Filmen wie „Der Nachtportier“ und unzählige schlechtere Folgefilme, anspielen.

Adam Wingard begann vor fast zwanzig Jahren als Teil der Mumblecore-Bewegung. Bekannt wurde er als Horrorfilmregisseur. Zuletzt inszenierte er die Blockbuster „Godzilla vs. Kong“ und „Godzilla x Kong: The New Empire“. Mit „Onslaught“ geht es wieder zurück zu einem deutlich günstigerem Film, der gar nicht das große Publikum ansprechen will und der in der Welt seiner früheren Filme „You’re next“ und „The Guest“ spielt. Der Verleih bewirbt „Onslaught“ als Horror-Actionslasher. Sie hätten ihn auch als Grindhouse-Hommage verkaufen können. Stilistisch und erzählerisch orientiert Wingard sich am Actionfilm der achtziger und auch siebziger Jahre. Da ist der Bösewicht ein durchgeknallter Forscher, der in der Originalfassung deutsch redet (ein Gag, der in der deutschen Fassung nicht funktioniert). Das US-Militär investiert skrupellos in Menschenexperimente und wenn die Supersoldaten sich dann durch das menschenleere Hinterland morden, erinnern sie an Roland Emmerichs „Universal Soldier“. Ein anderer Bezugspunkt ist das Frühwerk von John Carpenter; vor allem „Assault – Anschlag bei Nacht“ (Assault on Precinct 13).

Zwischen den Bildern gibt es, auch weil die Super-Soldaten anfangs an Abu-Ghraib-Gefangene erinnern und später, wenn sie bevorzugt im Gegenlicht, aber mit bedrohlich leuchtenden Augen, gezeigt werden, wie Invasoren aussehen, etwas Systemkritik. Eine auch nur irgendwie tiefergehende Analyse findet natürlich nicht statt. Das erwartet niemand ernsthaft und es würde von den liebevoll ausgestatteten blutigen Actionszenen dieses klischeetriefenden B-Movies ablenken.

Das klingt jetzt nach einem großen Spaß für den B-Movie-Fan. Aber Wingard klatscht Szenen, Motive und, zugegeben, gut aussehende Bilder einfach so hintereinander bis er neunzig Filmminuten zusammen hat. Das kann natürlich als Hommage an die 80er-Jahre-B-Actionfilme, die ihre Heimat irgendwo zwischen Autokino und Videothek fanden, verstanden werden. Besser macht es die aus der Zeit gefallene Liebeserklärung „Onslaught“ nicht.

Onslaught (Onslaught, USA 2026)

Regie: Adam Wingard

Drehbuch: Simon Barrett (nach einer Geschichte von Adam Wingard und Simon Barrett)

mit Adria Arjona, Dan Stevens, Alex Pereira, Drew Starkey, Rebecca Hall

Länge: 92 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Onslaught“

Metacritic über „Onslaught“

Rotten Tomatoes über „Onslaught“

Wikipedia über „Onslaught“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Adam Wingards „Godzilla vs. Kong“ (Godzilla vs. Kong, USA 2021)

Meine Besprechung von Adam Wingards „Godzilla x Kong: The New Empire“ (Godzilla x Kong: The New Empire, USA 2024)


Neu im Kino/Filmkritik: Über Luca Guadagninos William-S.-Burroughs-Verfilmung „Queer“

Dezember 27, 2024

William Lee driftet durch Mexico City. Es sind die frühen fünfziger Jahre und er ist einer der vielen US-Amerikaner, die dort leben und Freiheiten geniessen, die sie in ihrer Heimat nicht haben. In seinem Fall sind das Alkohol, andere Drogen und Sex. Bevorzugt mit Männern. Das neueste Objekt seiner Begierde ist Eugene Allerton, ein gut aussehender junger Mann.

Nach seinem 1953 unter dem Pseudonym Willliam Lee erschienenem Debüt „Junkie“ erzählt William S. Burroughs in seinem als zweiten Roman geplantem Roman „Queer“, literarisch kaum vermäntelt, seine Erlebnisse in Mexiko. Burroughs stellte den Roman nie fertig. Aber die Arbeit bahnte, in jeder Beziehung, den Weg zu seinem nächsten Roman. „Naked Lunch“ erschien 1959 und wurde ein Klassiker. David Cronenberg verfilmte den Roman 1991. „Naked Lunch“ ist auch der einzige Roman von Burroughs, der aktuell auf Deutsch erhältlich sind.

In den Jahren nach der Veröffentlichung von „Naked Lunch“ wurde Burroughs immer wieder auf den nicht publizierten Roman angesprochen. Er nannte das nie fertig geschriebene Buch ‚artist’s poor art school sketches‘ und wollte es lange nicht veröffentlichen. 1985 veröffentlichte er das Romanfragment dann doch. Dieses Fragment wurde bislang nicht ins Deutsche übersetzt.

Das Fragment umfasst in der „25th Anniversary Edition“ knapp hundertzwanzig großzügig gelayoutete Seiten. Der Anfang ist ein gelungener Einblick in das damalige Leben der Expats. Später verliert die Geschichte sich in längliche Monologe. Sie wird kurzatmiger. Die einzelnen Szenen sind zunehmend nur skizziert. Plötzlich interessiert sie sich nicht mehr für die Liebesgeschichte zwischen Lee und Allerton, sondern für die Suche nach der legendaren Yage-Wunderdroge. Außerdem hat die Geschichte kein befriedigendes Ende. Sie hört einfach mit einem zwei Jahr später spielendem Epilog auf.

Dieses Ende hat Luca Guadagnino in seiner kongenialen Verfilmung des Romans jetzt im Geist von Burroughs erfunden. Daniel Craig übernahm die Hauptrolle und ein radikalerer Bruch mit seiner vorherigen Rolle als James Bond ist kaum vorstellbar. William Lee ist in der Beziehung ein Anti-Bond – und wie James Bond ein Kind des Kalten Krieges. Seinen ersten Auftritt hatte Bond 1953 in Ian Flemings Roman „Casino Royale“.

Drew Starkey spielt das Objekt seiner Begierde. Jason Schwartzman, Henrique Zaga, Drew Droege, Ariel Schulman und David Lowery spielen weitere in Mexico ziellos vor sich hin lebende Expats, die alle auch als exzellente Verkörperungen des sprichwörtlichen hässlichen Amerikaners sind. Mit ihnen zeichnet Guadagnino in der erste Hälfte ein bestechendes Porträt der damaligen Expat-Szene. Sie treffen sich in Bars, hängen ab, reden miteinander, trinken viel Alkohol, probieren Drogen aus und durchstreifen die Straßen nach dem nächsten Sexabenteuer. Für die Einheimischen und deren Leben interessieren sie sich nicht.

Queer“ ist ein Sittengemälde, weitgehend ohne eine erkennbare Geschichte. Anfangs, wenn Lee seine neue Liebe verfolgt und sie ins Bett bringen will, hat die Geschichte noch einen dramatische Fokus. Später nicht mehr. Lee überzeugt Allerton von einer gemeinsamen Reise nach Südamerika. Im Dschungel hofft Lee, die sagenumwobene Wunderdroge Yage zu finden. Hier verliert der Film, wie die Vorlage, ihren Plot zugunsten einer beliebigen Abfolge von nicht sonderlich interessanten Episoden, die in einer Begegnung mit Doctor Cotter und dem Genuss der Droge münden.

Guadagninos nah an der Vorlage mäandernde und damit zu lang geratene Burroughs-Verfilmung erinnert mehr als einmal an David Cronenbergs „Naked Lunch“. Das liegt daran, dass Burroughs Romanfragment rückblickend als Vorstudie für seinen zweiten veröffentlichten Roman angesehen werden kann und dass Cronenberg in seinem Film ikonische Bilder schuf.

Und so bleibt am Ende ein zwiespältiger Eindruck: „Queer“ ist von Guadagnino-Stammkameramann Sayombhu Mukdeeprom vorzüglich gefilmt, gut gespielt, wobei vor allem Daniel Craig überrascht, und überzeugend in seinem Porträt der damaligen Expat-Szene. Aber bei einer Laufzeit von deutlich über zwei Stunden fällt auch die nicht vorhandene Geschichte auf. Und keine der mehr oder weniger unsympathischen, ziellos vor sich hin lebenden Figuren weckt nachhaltiges Interesse. Guadagninos Verfilmung hat, trotz des etwas anderen Endes, die gleichen Probleme wie das Romanfragment.

Queer (Queer, Italien/USA 2024)

Regie: Luca Guadagnino

Drehbuch: Justin Kuritzkes

LV: William S. Burroughs: Queer, 1985

Musik: Trent Reznor, Atticus Ross

mit Daniel Craig, Drew Starkey, Jason Schwartzman, Henrique Zaga, Drew Droege, Andra Ursuta, Ariel Shulhman, Andres Duprat, Omar Apollo, David Lowery

Länge: 137 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Aktuell wird „Queer“ in einigen wenigen Kinos gezeigt. Der bundesweite Start ist am 2. Januar 2025.

Hinweise

Moviepilot über „Queer“

Metacritic über „Queer“

Rotten Tomatoes über „Queer“

Wikipedia über „Queer“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Luca Guadagninos „A bigger Splash“ (A bigger Splash, Italien/Frankreich 2015) und der DVD

Meine Besprechung von Luca Guadagninos „Call me by your Name“ (Call me by your Name, USA 2017)

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