Neu im Kino/Filmkritik: „The Piano Tuner“ auf kriminellen Abwegen

Juli 2, 2026

Natürlich hat Dustin Hoffman nicht die Hauptrolle in „The Piano Tuner“. Seine Rolle ist klein, aber wichtig und für den gesamten Film prägend. Außerdem ist es nach elf Jahren („The Program – Um jeden Preis“) endlich wieder ein Film mit Dustin Hoffman, der im Kino läuft und den man sich ohne schlechtes Gewissen und lange „Megalopolis“-Entschuldigungen ansehen kann.

The Piano Tuner“ ist das überaus gelungene Spielfilmdebüt von Daniel Roher. Von ihm ist der mit dem Oscar als bester Dokumentarfilm ausgezeichnete „Nawalny“ (Nawalny, USA 2022).

Im Mittelpunkt des Kriminalfilms steht Niki White (Leo Woodall). Er hat das absolute Gehör. Außerdem ist er extrem geräuschempfindlich. Er leidet er an einer Störung seines Hörsinns, die dazu führt, dass er alle Geräusche als extrem laut wahrnimmt. Deshalb trägt der Einzelgänger immer einen Kopfhörer. Inzwischen ist der frühere hochbegabte Pianist der Lehrling von Harry Horowitz (Dustin Hoffman). Harry führt in New York seit Ewigkeiten ein kleines Geschäft als Klavierstimmer. Inzwischen ist er in dem Alter, in dem er vergesslich wird und nur noch nach Gefühl hört, während er aus seinem Leben und seinen Begegnungen mit Jazz-Legenden erzählt. Eines Tages hat er einen Herzinfarkt. Während er im Krankenhaus liegt, türmen sich die Rechnungen für die Behandlung.

Ungefähr in dem Moment trifft Niki in einer Nobelvilla auf den in New Jersey residierenden halbseidenen Sicherheitsunternehmer Uri Stern (Lior Raz) und seine Männer. Uri erzählt Niki zwar etwas von einem Kundenauftrag, aber es ist offensichtlich, dass sie den Safe ausräumen wollen und von Niki beim Öffnen gestört wurden. Niki ist in der Villa, weil er das Klavier stimmen wollte, das er tagsüber bei den lauten Vorbereitungen für eine Feier nicht stimmen konnte. Er hatte gehofft, am Abend ungestört seine Arbeit erledigen zu können. Aber Uris Männer verursachen bei ihrem dilettantischem Versuch, den Safe zu öffnen, einen infernalischen Lärm.

Um seine Arbeit fortsetzen zu können, hilft er Uri. Er öffnet den Safe, indem er die Kombination erlauscht. In dem Moment erkennt Uri Nikis Talent, das ihm bei weiteren Diebstählen nützlich sein kann. Er bietet Niki weitere Aufträge an. Niki, der Harry und Harrys Frau beim Bezahlen der Rechnungen helfen will, nimmt an.

Zur gleichen Zeit verliebt er sich in die ehrgeizige Pianistin und Kompositionsstudentin Ruthie (Havana Rose Liu). Er lernte sie beim Stimmen eines Klaviers kennen.

Die Assoziation mit „Baby Driver“, über einen ähnlich geräuschempfindlichen und musikbegeisterten Fluchtwagenfahrer, trägt nicht länger als der Trailer. Regisseur Daniel Roher setzt in seinem „The Piano Tuner“ gänzlich andere Akzente. Er inszenierte kein brutales Gangsterthriller-Quasi-Musical, sondern eine atmosphärische Noir-Verbrechergeschichte, die deutlich mehr eine komplexe Charakterstudie als ein Thriller ist. Im Mittelpunkt steht Niki, der zufällig eine Gelegenheit zum scheinbar gefahrlosem Geldverdienen erhält, sich in eine Pianistin verliebt und in Teufels Küche gerät. Das ist eine klassische Noir-Geschichte, die in diesem Fall von der feinen Zeichnung der Figuren und ihres Lebens lebt.

Musikalisch unterlegt mit einem gelungenem Mix aus klassischen Jazzstücken, teils garniert mit Erinnerungen von Harry, und E-Musik erzählt Roher gelungen im Siebziger-Jahre-New-Hollywood-Stil eine Kleine-Leute-Gangstergeschichte. Er zeigt auch ein New York, das wohltuend an das damalige New York erinnert und das es heute immer noch gibt.

The Piano Tuner (Tuner, USA 2025)

Regie: Daniel Roher

Drehbuch: Daniel Roher, Robert Ramsey

mit Leo Woodall, Dustin Hoffman, Havana Rose Liu, Lior Raz, Tovah Feldshuh, Jean Reno, Nissan Sakira, Gil Cohen, C.S. Lee, Herbie Hancock, Marius De Vries

Länge: 108 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „The Piano Tuner“

Metacritic über „The Piano Tuner“

Rotten Tomatoes über „The Piano Tuner“

Wikipedia über „The Piano Tuner“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Daniel Rohers Dokumentarfilm „Nawalny“ (Nawalny, USA 2022) (u. a. ausgezeichnet mit dem Oscar als bester Dokumentarfilm)


Neu im Kino/Filmkritik: „Gladiator II“ – Kloppen und Sterben im Kolosseum

November 13, 2024

Dieses Mal gibt es Haie und Seeschlachten im Kolosseum, das vorher natürlich geflutet wurde. Als große Attraktion für das Publikum gab es während des Römischen Imperiums solche nachgestellten Seeschlachten. Die Haie entspringen der Fantasie der Macher von „Gladiator II“, der auf den ersten Blick überflüssigen Fortsetzung von „Gladiator“. Denn „Gladiator“ ist ein Monumentalfilm mit einem perfektem Ende. Da muss es keine Fortsetzung geben.

Russell Crowe ist wieder dabei. In Rückblenden aus dem ersten „Gladiator“-Film. Connie Nielsen ist ebenfalls wieder dabei. In echt. Sie spielt wieder die Kaisertochter Lucilla. Nach den damaligen Ereignissen, die mit dem Tod von Maximus Decimus Meridius (Crowe) und Commodus (Joaquin Phoenix) endeten, schickte sie ihren Sohn Lucius in die Fremde und brach jeden Kontakt zu ihm ab.

Jetzt, knapp zwanzig Jahre später, im Jahr 200 A. D., lebt Lucius Verus (Paul Mescal) in Nordafrika in Numidien. Er ist ein begnadeter Kämpfer und glücklich verheirateter Bauer. Er und seine Frau, ebenfalls eine begnadete Kämpferin und Bogenschützin, kämpfen mit hren Landsleute gegen das römische Heer, das ihre Heimat Numidien zu einer römischen Provinz machen will. Bei einer für beide Seiten verlustreichen Schlacht gegen die von General Marcus Acacius (Pedro Pascal) angeführten römischen Truppen stirbt sie. Lucius wird gefangen genommen und nach Rom verschifft. Dort trifft er den mit Gladiatorenkämpfen Geld verdienenden Geschäftsmann Macrinus (Denzel Washington), der am Hof aufsteigen will, und er muss im Kolosseum um sein Überleben kämpfen. Denn er will sich an General Marcus, der mit Lucilla verheiratet ist, rächen. Das Publikum verliebt sich schnell in den tapferen Gladiator. Gleichzeitig gerät er, ein wenig und vor allem als Spielball, in die Machtkämpfe zwischen den verschiedenen um die Herrschaft in Rom kämpfenden Männern und Fraktionen.

Gladiator II“, der jetzt, 25 Jahre nach „Gladiator“, im Kino anläuft, erzählt eigentlich die aus dem an der Kinokasse, bei Preisverleihungen, unter anderem den Oscar als bester Film des Jahres, und der Kritik enorm erfolgreichen Monumentalfilm bekannte Geschichte noch einmal. Einige neue Namen und eher minimal veränderte Handlungselemente ändern daran nichts. „Gladiator II“ ist einfach nochmal „Gladiator“. Nur nicht so gut.

Während in „Gladiator“ der Konflikt zwischen Maximus und Commodus im Mittelpunkt steht, ist das in „Gladiator II“ nicht so klar. „Gladiator“ erzählt eine Rachegeschichte, eine Geschichte von Verrat und gegensätzlichen Vorstellungen über die Zukunft des römischen Imperiums. Verkörpert wird dieser Konflikt durch die beiden Hauptfiguren, die mal Freunde waren und zu Feinden wurden, nachdem Commodus seinen Vater ermordet, um an die Macht zu gelangen. Als Maximus ihm danach nicht helfen will, sondern sich gegen ihn stellt, lässt er dessen Familie ermorden und gibt den Befehl, Maximus zu ermorden. Maximus überlebt und begibt sich nach Rom, um dort Commodus zu ermorden. Das ist eine einfache Geschichte, die gradlinig mit Schauwerten präsentiert wird.

In „Gladiator II“ sind schon die Motive der beiden Gegner schwächer. General Marcus Acacius ist ein Feldherr, der einfach eine Schlacht gewinnen will. Der Tod von Lucius‘ Frau ist dabei einer der vielen Tote, die es in einer Schlacht gibt. Ein persönliches Motiv ist nicht erkennbar. Auch später, in Rom, hat Marcus kein Interesse daran, Lucius zu töten. Unnötig verklompliziert wird die Beziehung zwischen Marcus und Lucius, weil Marcus mit Lucius‘ Mutter Lucilla verheiratet ist.

Der mit den beiden Hauptfiguren verknüpfte Kampf um das künftige Schicksal des römischen Imperiums, also von wem es wie regiert werden soll, entfällt ebenfalls. Beide Hauptpersonen interessieren sich nicht dafür. Der eine will seine Frau rächen. Der andere will eigentlich in den wohlverdienten Ruhestand gehen. Für Politik und Macht interessieren sie sich nicht.

Macrinus (Denzel Washington) interessiert sich dafür. Er ist eine Mischung aus Unternehmer und politischem Profiteur. Er will in die Herrschaftsriege aufsteigen. Eine besondere Mission oder eine Vorstellung, was sich unter seiner Herrschaft ändern soll, hat er nicht. Er ist einfach nur ein Profiteur, der die Macht um ihrer selbst will.

Seine Gegner sind die Kaisergeschwister Caracalla und Geta. Sie sind verwöhnte, psychotische, leicht beeinflussbare reiche Kinder. Besonders angsteinflößend sind sie nicht. Wie sie, nachdem am Ende von „Gladiator“ die Zeichen für eine bessere Zukunft gesetzt waren, an die Macht kamen, wird nicht erklärt und bleibt rätselhaft. Denn nichts qualifiziert sie für das Amt, das sie auch nicht ausfüllen möchten. Fred Hechinger und Joseph Quinn sorgen im ihrem Overacting eher für einen schrägen Camp-Humor in dem ernsten Film.

In diesen Momenten erzählt „Gladiator II“, neben der Rachegeschichte, auch eine Polit-Intrige, ohne sich für den politischen noch für den intriganten Teil zu interessieren. Eine detaillierte Auseinandersetzung mit den Mechanismen der Macht würde vom Spektakel im Kolosseum ablenken. Aber vielleicht erzählt Scott das ja in epischer Breite in der schon jetzt angedeuteten möglichen und deutlich längeren Fassung des zweieinhalbstündigen Films.

In der Langfassung wird dann vielleicht auch erkennbar, ob Scott möchte, dass die Filmgeschichte als Metapher für die aktuelle Situation in den USA gelesen werden soll und wie sie gelesen werden soll. Im Moment kann sie nämlich mühelos in jede politische Richtung interpretiert werden. „Gladiator II“ ist kein Monumentalfilm mit einer politischen Agenda oder einem klar gekennzeichnetem Konflikt verschiedener Vorstellungen von Gesellschaft und dem richtigen Leben. Das war früher, als es in Monumentalfilmen um den Kampf gegen das Christentum oder um Sklavenaufstände ging, anders. In „Gladiator II“ geht es um nichts.

Weitere Probleme von „Gladiator II“ sind schon in den ersten Minuten offensichltich. Der Monumentalfilm beginnt mit einer epischen, CGI-gesättigten Schlacht, bei der brennende Kugeln und Pfeile locker Festungsmauern und Rüstungen durchschlagen und Schiffe schwuppdiwupp zum Sinken bringen. Während der Schlacht fällt Lucius ins Wasser und taucht erst lange nach dem Ende der Schlacht wieder auf. Eigentlich müsste er ertrunken sein. Realismus und Wahrscheinlichkeit werden schon in diesen Minuten zugunsten vermeitlicher Schauwerte geopfert.

Etwas später muss Lucius in der Kampfarena gegen Fantasy-Monsterpaviane auf Speed kämpfen. In diesem Moment qualifiziert „Gladiator II“ sich endgültig zum todernsten Fantasy-Film mit teilweise erstaunlich schlechten und unglaubwürdigen CGI-Effekten.

Als Spektakel erreicht der Sandalenfilm mühsam seine Ziellinie. Als ernstzunehmender Film hat er sich schon in den ersten Filmminuten Richtung Trash und freudlos-züchtiger Anything-can-go-Fantasy verabschiedet. Bei Ridley Scotts neuem Film ist nur beeindruckend, wie wenig beeindruckend der Film ist. Dabei war schon „Gladiator“ nicht wirklich gut, aber immerhin über die gesamte Laufzeit unterhaltsam.

Gladiator II (Gladiator II, USA 2024)

Regie: Ridley Scott

Drehbuch: David Scarpa (nach einer Geschichte von Peter Craig und David Scarpa, nach Charakteren von David Franzoni)

mit Paul Mescal, Pedro Pascal, Joseph Quinn, Fred Hechinger, Lior Raz, Derek Jacobi, Connie Nielsen, Denzel Washington

Länge: 148 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Gladiator II“

Metacritic über „Gladiator II“

Rotten Tomatoes über „Gladiator II“

Wikipedia über „Gladiator II“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Ridley Scotts „Thelma & Louise“ (Thelma & Louise, USA 1991)

Meine Besprechung von Ridley Scotts “Prometheus” (Prometheus, USA 2012)

Meine Besprechung von Ridley Scotts “Exodus – Götter und Könige (Exodus – Gods and Kings, USA 2014)

Meine Besprechung von Ridley Scotts „Der Marsianer – Rettet Mark Watney“ (The Martian, USA 2015)

Meine Besprechung von Ridley Scotts „Alien: Covenant“ (Alien: Covenant, USA 2017)

Meine Besprechung von Ridley Scotts „Alles Geld der Welt“ (All the Money in the World, USA 2017)

Meine Besprechung von Ridley Scotts „The Last Duel“ (The Last Duel, USA 2021)

Meine Besprechung von Ridley Scotts „House of Gucci“ (House of Gucci, USA 2021)

Meine Besprechung von Ridley Scotts „Napoleon“ (Napoleon, USA 2023)