
Hamburg, 1951, sechs Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Nazi-Diktatur: In den USA hätte Martha Kiesler als Jazzpianistin Karriere machen können. Aber sie fremdelt mit der dortigen Kultur. Sechs Jahre nach dem Ende des Krieges kehrt sie in ihre alte Heimat zurück.
Ihr erstes Engagement ist in einer Seitenstraße der Reeperbahn als Bar-Pianistin im Hotel König-Royal. Das anspruchslose Hintergrundgeklimper geht ihr auf die Nerven. Sie will den damals in Deutschland noch verpönten und in seinen aktuellen Strömungen unbekannten Jazz spielen.
Eher schon gefällt ihr das Engagement in der neu eröffneten, von ihrem alten Freund Jack betriebenen Jazzkneipe „Bohemia Bar“. Sie stellt eine Band zusammen, hat Probleme mit ihrem immer unzuverlässigem, aber fantastischem Bassisten, einem fahnenflüchtigem US-Soldaten mit Drogenproblemen, und freut sich über die euphorischen Reaktionen des Publikums und den über sie erscheinenden Berichten. Sie könnte mit ihrer Musik Geld verdienen.
Währenddessen werden Anschläge gegen die „Bohemia Bar“ verübt.
Wer Robert Bracks neuen Roman „Die nackte Haut“ primär als Kriminalroman liest, dürfte enttäuscht sein. Der Krimianteil ist verschwindend gering und wirkt wie eine lästige Pflichtübung, weil Robert Brack ein Krimi-Autor ist, Krimi-Autoren Kriminalromane schreiben und weil jemand auf das ansprechende Retro-Cover das Wort „Kriminalroman“ schrieb.
Sein neuer Roman überzeugt als Jazzroman und als Sittengemälde von St. Pauli bevor Frank Göhre in einer Reihe grandioser Kriminalromane die Ereignisse auf dem Kiez ab den achtziger Jahren chronologisierte. Heute scheint der Kiez ein sehr ruhiger, um nicht zu sagen langweiliger Ort zu sein; – jedenfalls habe ich schon lange keinen auf St. Pauli spielenden Roman gelesen und auch in den Zeitungen wurde nichts über aufsehenerregende aktuelle kriminelle und halblegale Umtriebe geschrieben. Schon 2015 bemerkte Bernd Begemann in einem Song „St. Pauli hat uns ausgespuckt“, dass Paare in Versace-Sportkleidung und Junggesellinenabschiede den Kiez übernommen haben und die alten Mieter aus ihren Wohnungen vertrieben.
1951 war eine solche Gentrifizierung noch nicht einmal Zukunftsmusik. Schon damals hatte St. Pauli, wie Brack erzählt, ein ausgeprägtes Nachtleben mit dem damit zusammenhängenden Verbrechen, wie Prostitution, Schutzgelderpressung und Drogenkonsum. Im Mittelpunkt der Geschichte steht allerdings Martha Kiesler. Brack erzählt kundig, wie sie versucht, als Jazzpianistin zu überleben. Sie will den echten, gerade in der USA angesagten Jazz spielen. Brack streut die Namen der Musiker ein. Er erzählt vom Zusammenspiel der Jazzmusiker auf und hinter der Bühne und wie sie die Welt sehen. Da vermisst man die Krimihandlung nicht.
Wer nach „Die nackte Haut“ einen weiteren Jazz-Krimi lesen möchte, sollte Jake Lamars „Viper’s Dream“ lesen, kongenial übersetzt von Robert Brack. Der Krimi spielt 1961 zu großen Teilen in New York im legendären Cathouse der Baroness Pannonica de Koenigswarter. Auch in diesem Fall können die im Buch erwähnten Musikernamen als Ausgangspunkt für eine gute Playlist genommen werden.
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TV-Tipp: Am Donnerstag, den 30. Juli, zeigt der MDR um 22.40 Uhr die Doku „Being Hipp – First Lady of European Jazz“ über die Pianistin Jutta Hipp. Sie war für Brack die Inspiration für Martha Kiesler.
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Robert Brack: Die nackte Haut
Edition Nautilus, 2026
224 Seiten
18 Euro
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Hinweise
Perlentaucher über „Die nackte Haut“
Meine Besprechung von Robert Bracks „Schneewittchens Sarg“ (2007)
Meine Besprechung von Robert Bracks „Und das Meer gab seine Toten wieder” (2008)
Meine Besprechung von Robert Bracks „Psychofieber” (1993, Neuausgabe 2008)
Meine Besprechung von Robert Bracks „Blutsonntag“ (2010)
Meine Besprechung von Robert Bracks „Unter dem Schatten des Todes“ (2012)
Meine Besprechung von Robert Bracks „Die drei Leben des Feng Yun-Fat“ (2015)
Meine Besprechung von Robrt Bracks „Dammbruch – Ein Sturmflut-Thriller“ (2020)
Veröffentlicht von AxelB 







