Neu im Kino/Filmkritik: Über Régis Roinsards „Warten auf Bojangles“

August 4, 2022

Warten auf Bojangles“ beginnt 1958 an der Riviera. Auf High-Society-Partys blendet Georges (Romain Duris) mit seinen Erzählungen die anwesenden, meist älteren Gäste. Er erfindet Berufe und Abenteuer. Er ist charmant. Für ihn ist das Leben ein einziger Urlaub. Auf einer dieser Gesellschaften, die der Hochstapler selbstverständlich ohne eine Einladung besucht, sieht er die wunderschöne Camille (Virginie Efira). Die beiden Geistesverwandten verlieben sich sofort, heiraten und haben einige Monate später einen Sohn.

Neun Jahre später leben sie in Paris in einer riesigen Altbauwohnung. Für sie ist das Leben immer noch eine einzige rauschende Party. Sorgen sind etwas für die anderen Menschen.

Aber das Leben ist nicht so.

Deshalb wird „Warten auf Bojangles“ in der zweiten Hälfte immer düsterer. Camille hat eine immer sichtbarer werdende bipolare Störung. Als ihr Mann Georges und ihr Sohn Gary (Solan Machado-Graner) das nicht mehr leugnen können, weisen sie Camille notgedrungen in eine Psychiatrie ein. Trotzdem versucht Georges den Schein zu wahren.

Régis Roinsard („Mademoiselle Populaire“) begibt sich in seinem neuen Film auf eine Gratwanderung, deren Gelingen zu einem großen Teil vom Wohlwollen des Publikums abhängt. Denn an der Inszenierung gibt es nichts auszusetzen. In der ersten Hälfte erschafft Roinsard ein poppiges Fünfziger-Jahre-Frankreich, das die in damaligen eskapistischen Unterhaltungsfilmen gezeigte Welt auf eine neue Ebene hebt. Alles ist noch bunter und lebensbejahender als wir es aus Filmen kennen. Auch in der zweiten Hälfte, wenn Georges und Camille in ihrer Pariser Wohnung mondäne Parties feiern, ist alles größer und bunter als die Realität jemals wahr. Garys Erlebnisse in der Schule sind „Der kleine Nick“-XXL. Nur dass Gary in der Schule keine Freunde hat. Ein Junge, der von täglichen rauschenden Festen mit hunderten Gästen, unzähligen niemals geöffneten Briefen und einem Kranich als Haustier redet, muss ein Lügner und Spinner sein. Und mit so einem Jungen will ein anständiger Junge nichts zu tun haben. Fortan wird Gary von seinen Eltern zu Hause unterrichtet. Dieser Unterricht macht sowieso mehr Spaß als der dröge Schulunterricht.

Wenn Camilles psychische Probleme immer offentsichtlicher werden, bleibten Georges und Roinsard bei ihrer Haltung, dass es kein Problem gibt, das nicht wegfantasiert werden kann. Diese zunächst durchaus sympathische Haltung wird immer mehr zu einem Problem. Dann irgendwann wird die Grenze von Optimismus zur irrationalen Verkennung der Realität überschritten.

Wegfantasiert wird in der zweiten Hälfte des Films auch der problematische Lebensstil und die problematische Lebenseinstellung von Camille und Georges. Sie nutzen letztendlich, sehr offensichtlich und ohne eine Spur von schlechtem Gewissen und Scham, andere Menschen aus. Sie leben, ohne irgendeine eigene Leistung, auf deren Kosten. Sie sind Parasiten. Auch wenn der Film sie immer noch rundum positiv zeigt.

In der zweiten Stunde wird mit einer atemberaubenden Konsequenz aus einem Feelgood-Film ein Feelbad-Film, der trotzdem weiterhin eine sorglose Komödie sein will und dann, etwas ziellos, zwischen Drama und Komödie pendelt. Das führt zu einer zunehmenden Distanz zu den Hauptfiguren, mit denen wir uns während des Films immer weniger identifizieren wollen.

Wer das akzeptiert und akzeptiert, dass die Filmgeschichte von einem zuckersüßem Anfang auf ein deprimierendes Ende zusteuert, kann sich an den Schauspielern – Virginie Efira und Romain Duris sind gewohnt überzeugend und sympathisch – und der gelungenen Inszenierung erfreuen. Sie spielt mit den Erwartungen des Zuschauers und bietet einen Blick in eine Fantasiewelt, die schon in der ersten Filmminute eindeutig eine Traumwelt ist, die nicht ewig existieren kann.

Warten auf Bojangles (En attendant Bojangles, Frankreich 2021)

Regie: Régis Roinsard

Drehbuch: Romain Compingt, Régis Roinsard

LV: Olivier Bourdeaut: En attendant Bojangles, 2016 (Warten auf Bojangles)

mit Virginie Efira, Romain Duris, Gregory Gadebois, Solan Machado-Graner

Länge: 125 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Warten auf Bojangles“

AlloCiné über „Warten auf Bojangles“

Rotten Tomatoes über „Warten auf Bojangles“

Wikipedia über „Warten auf Bojangles“ 


DVD-Kritik: Paul Verhoevens „Benedetta“ verführt jetzt im Heimkino

Februar 28, 2022

Zum Kinostart schrieb ich ziemlich begeistert über das neue Werk des Regisseurs von „Türkische Früchte“, „ RoboCop“, „Die totale Erinnerung – Total Recall“ (Dienstag wieder im Kino), „Basic Instinct“, „Showgirls“, „Starship Troopers“, „Black Book“ und „Elle“:

Nachdem die letzten Werke einiger seit Ewigkeiten hochgeachteter Regisseure, wie Ridley Scott, Clint Eastwood und Woody Allen, enttäuschten, ist Paul Verhoevens neuer Film das komplette Gegenteil. „Benedetta“ ist eine in einem Kloster spielende Geschichte, in der es um Glaube, Macht und Sex geht. Im Mittelpunkt steht die titelgebende Benedetta Carlini (Virginie Efira), die im siebzehnten Jahrhundert als Nonne in einem Theatiner-Kloster in Pescia lebt. Sie ist tiefgläubig. Schon als Kind überzeugte sie mit Gottes Hilfe auf dem Weg zum Kloster eine Bande Strauchdiebe, sie und ihre Eltern mit all ihren Besitztümern unverletzt gehen zu lassen. Inzwischen lebt sie schon achtzehn Jahre im Kloster. Ihr Glaube ist immer noch stark. In der Hierarchie des Klosters könnte sie bis zur Äbtissin aufsteigen. Auf ihrem Körper tauchen immer wieder die Wundmale Jesus auf. Sie hat auch Visionen, in denen Jesus auftaucht.

Außerdem hat sie heimlich mit der Nonnenschülerin Bartolomea (Daphné Patakia), um die sich sich kümmern soll, Geschlechtsverkehr. Den zeigt Paul Verhoeven auch ausführlich, ohne dass sein Film in einen Porno im Kloster abdriftet. Zentral sind für ihn Fragen des Glaubens und der Macht; im Kloster, in der Kirche und außerhalb der Kirche. So ist immer unklar, wie sehr Benedetta von ihren Visionen selbst überzeugt ist oder sie nur benutzt, um im Kloster aufzusteigen. Die Wundmale fügt sie sich jedenfalls manchmal (?) selbst bei. Als die Pest im Land wütet, ergreift sie, mit der Hilfe einer Jesus-Vision, die geeigneten Maßnahmen, um die Bewohner der Stadt zu schützen. Sie lässt die Stadttore schließen. Auch dem Nuntius des Papstes, der herausfinden soll, was in dem Kloster geschieht, wird zunächst der Zutritt verwehrt.

Und es geht immer um die Struktur dieser Gesellschaft, Macht, Einfluss und Geld. Schon beim Gespräch über die Aufnahme von Benedetta ins Kloster zeigt Verhoeven, dass ein Kloster ein Wirtschaftsbetrieb ist, der sich rentieren muss. Für Benedettas Ausbildung zur Nonne muss ihr Vater daher viel Geld bezahlen. Später geht es auch immer wieder um Geld und Macht. Altruistisch handelt in dieser Welt niemand.

Verhoeven hält dabei in seinem präzise komponiertem Drama immer die Balance zwischen den verschiedenen Erklärungen. Deshalb habe ich vorher so oft „auch“ geschrieben. Als Zuschauer steht man ständig vor der Frage, wie sehr Benedetta wirklich eine überzeugte Gläubige oder eine eiskalte Manipulatorin und Karrieristin ist, die das Kloster nach ihren Vorstellungen formt. Auch die anderen Figuren sind in ihren Handlungen ännlich ambivalent angelegt.

Daher stört der Text am Filmende, in dem wir erfahren, was nach den im Film geschilderten Ereignissen mit Bendetta geschieht. Dieser Text präferiert eindeutig eine Erklärung für ihr Verhalten. Er vermittelt eine Gewissheit, die in den vorherigen zwei Stunden vermieden wurde.

Die Filmgeschichte beruht auf den umfangreichen Dokumenten des Prozesses gegen Benetta Carlini (1590 – 1661). Judith C. Brown entdeckte sie in einem Archiv in Florenz und verarbeitete sie zu ihrem Sachbuch „Schändliche Leidenschaften: Das Leben einer lesbischen Nonnein in Italien zur Zeit der Renaissance“.

Verhoevens vorherigen Film „Elle“ nannte ich „Meisterwerk“. Das kann ich jetzt bei „Benedetta“ nicht nochmal schreiben. Was soll besser als ein Meisterwerk sein? Also muss ich wohl sagen: „Benedetta“ ist nicht schlechter als „Elle“. Und wieder steht, wie öfter bei Paul Verhoeven, eine Frau im Mittelpunkt, die nicht nach den Regeln spielt.

Jetzt ist „Benedetta“ in verschiedenen Ausgaben als DVD und Blu-ray erschienen – und wer den Film im Kino verpasst hat, sollte ihn sich jetzt unbedingt ansehen.

Benedetta (Benedetta, Frankreich 2021)

Regie: Paul Verhoeven

Drehbuch: David Birke, Paul Verhoeven

LV: Judith C. Brown: Immodest Acts: The Life of a Lesbian Nun in Renaissance Italy, 1986 (Schändliche Leidenschaften: Das Leben einer lesbischen Nonne in in Italien zur Zeit der Renaissance)

mit Virginie Efira, Charlotte Rampling, Daphné Patikia, Lambert Wilson, Olivier Rabourdin, Louise Chevillotte, Hervé Pierre, Clotilde Courau, David Clavel, Guilaine Londez

DVD

Capelight

Bild: 2.39:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Französisch

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: –

Länge: 126 Minuten

Der Film ist außerdem erhältlich als Blu-ray, 2-Disc Limited Collector’s Edition im UHD-Mediabook (4K Ultra HD + Blu-ray) und digital.

Hinweise

AlloCiné über „Benedetta“

Moviepilot über „Benedetta“

Metacritic über „Benedetta“

Rotten Tomatoes über „Benedetta“

Wikipedia über „Benedetta“ (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von Paul Verhoevens „Flesh + Blood“ (Flesh + Blood, USA 1985)

Meine Besprechung von Paul Verhoevens Philippe-Djian-Verfilmung „Elle“ (Elle, Frankreich/Deutschland/Belgien 2016) und der DVD

Meine Besprechung von Paul Verhoevens „Benedetta“ (Benedetta, Frankreich 2021)


Neu im Kino/Filmkritik: „Benedetta“ – Paul Verhoeven erzählt die Geschichte einer lesbischen Nonne

Dezember 5, 2021

Nachdem die letzten Werke einiger seit Ewigkeiten hochgeachteter Regisseure, wie Ridley Scott, Clint Eastwood und Woody Allen, enttäuschten, ist Paul Verhoevens neuer Film das komplette Gegenteil. „Benedetta“ ist eine in einem Kloster spielende Geschichte, in der es um Glaube, Macht und Sex geht. Im Mittelpunkt steht die titelgebende Benedetta Carlini (Virginie Efira), die im siebzehnten Jahrhundert als Nonne in einem Theatiner-Kloster in Pescia lebt. Sie ist tiefgläubig. Schon als Kind überzeugte sie mit Gottes Hilfe auf dem Weg zum Kloster eine Bande Strauchdiebe, sie und ihre Eltern mit all ihren Besitztümern unverletzt gehen zu lassen. Inzwischen lebt sie schon achtzehn Jahre im Kloster. Ihr Glaube ist immer noch stark. In der Hierarchie des Klosters könnte sie bis zur Äbtissin aufsteigen. Auf ihrem Körper tauchen immer wieder die Wundmale Jesus auf. Sie hat auch Visionen, in denen Jesus auftaucht.

Außerdem hat sie heimlich mit der Nonnenschülerin Bartolomea (Daphné Patakia), um die sich sich kümmern soll, Geschlechtsverkehr. Den zeigt Paul Verhoeven auch ausführlich, ohne dass sein Film in einen Porno im Kloster abdriftet. Zentral sind für ihn Fragen des Glaubens und der Macht; im Kloster, in der Kirche und außerhalb der Kirche. So ist immer unklar, wie sehr Benedetta von ihren Visionen selbst überzeugt ist oder sie nur benutzt, um im Kloster aufzusteigen. Die Wundmale fügt sie sich jedenfalls manchmal (?) selbst bei. Als die Pest im Land wütet, ergreift sie, mit der Hilfe einer Jesus-Vision, die geeigneten Maßnahmen, um die Bewohner der Stadt zu schützen. Sie lässt die Stadttore schließen. Auch dem Nuntius des Papstes, der herausfinden soll, was in dem Kloster geschieht, wird zunächst der Zutritt verwehrt.

Und es geht immer um die Struktur dieser Gesellschaft, Macht, Einfluss und Geld. Schon beim Gespräch über die Aufnahme von Benedetta ins Kloster zeigt Verhoeven, dass ein Kloster ein Wirtschaftsbetrieb ist, der sich rentieren muss. Für Benedettas Ausbildung zur Nonne muss ihr Vater daher viel Geld bezahlen. Später geht es auch immer wieder um Geld und Macht. Altruistisch handelt in dieser Welt niemand.

Verhoeven hält dabei in seinem präzise komponiertem Drama immer die Balance zwischen den verschiedenen Erklärungen. Deshalb habe ich vorher so oft „auch“ geschrieben. Als Zuschauer steht man ständig vor der Frage, wie sehr Benedetta wirklich eine überzeugte Gläubige oder eine eiskalte Manipulatorin und Karrieristin ist, die das Kloster nach iihren Vorstellungen formt. Auch die anderen Figuren sind in ihren Handlungen ännlich ambivalent angelegt.

Daher stört der Text am Filmende, in dem wir erfahren, was nach den im Film geschilderten Ereignissen mit Bendetta geschieht. Dieser Text präferiert eindeutig eine Erklärung für ihr Verhalten. Er vermittelt eine Gewissheit, die in den vorherigen zwei Stunden vermieden wurde.

Die Filmgeschichte beruht auf den umfangreichen Dokumenten des Prozesses gegen Benetta Carlini (1590 – 1661). Judith C. Brown entdeckte sie in einem Archiv in Florenz und verarbeitete sie zu ihrem Sachbuch „Schändliche Leidenschaften: Das Leben einer lesbischen Nonnein in Italien zur Zeit der Renaissance“.

Verhoevens vorherigen Film „Elle“ nannte ich „Meisterwerk“. Das kann ich jetzt bei „Benedetta“ nicht nochmal schreiben. Was soll besser als ein Meisterwerk sein? Also muss ich wohl sagen: „Benedetta“ ist nicht schlechter als „Elle“. Und wieder steht, wie öfter bei Paul Verhoeven, eine Frau im Mittelpunkt, die nicht nach den Regeln spielt.

Benedetta (Benedetta, Frankreich 2021)

Regie: Paul Verhoeven

Drehbuch: David Birke, Paul Verhoeven

LV: Judith C. Brown: Immodest Acts: The Life of a Lesbian Nun in Renaissance Italy, 1986 (Schändliche Leidenschaften: Das Leben einer lesbischen Nonne in in Italien zur Zeit der Renaissance)

mit Virginie Efira, Charlotte Rampling, Daphné Patikia, Lambert Wilson, Olivier Rabourdin, Louise Chevillotte, Hervé Pierre, Clotilde Courau, David Clavel, Guilaine Londez

Länge: 131 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

AlloCiné über „Benedetta“

Moviepilot über „Benedetta“

Metacritic über „Benedetta“

Rotten Tomatoes über „Benedetta“

Wikipedia über „Benedetta“ (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von Paul Verhoevens „Flesh + Blood“ (Flesh + Blood, USA 1985)

Meine Besprechung von Paul Verhoevens Philippe-Djian-Verfilmung „Elle“ (Elle, Frankreich/Deutschland/Belgien 2016) und der DVD


TV-Tipp für den 3. September: Elle

September 2, 2021

One, 22.30

Elle (Elle, Frankreich/Deutschland/Belgien 2016)

Regie: Paul Verhoeven

Drehbuch: David Birke

LV: Philippe Djian: Oh…, 2012 (Oh…)

Michèle Leblanc (Isabelle Huppert), die taffe Chefin einer Videogame-Firma, wird vergewaltigt. Danach reagiert sie anders als erwartet. Denn sie verweigert konsequent die Opferrolle.

Grandioser Thriller von „Basic Instinct“ Paul Verhoeven mit einer grandiosen Isabelle Huppert in der Hauptrolle.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Isabelle Huppert, Laurent Lafitte, Anne Consigny, Christian Berkel, Charles Berling, Virginie Efira, Judith Magre, Jonas Bloquet, Alice Isaaz, Vamila Pons

Die Vorlage

djian-oh

Philippe Djian: Oh…

(übersetzt von Oliver Ilan Schulz)

Diogenes, 2017

240 Seiten

12 Euro

Deutsche Erstausgabe

Diogenes, 2014

Originalausgabe

Oh…

Éditions Gallimard, 2012

Hinweise

Moviepilot über „Elle“

Metacritic über „Elle“

Rotten Tomatoes über „Elle“

Wikipedia über „Elle“ (deutsch, englisch, französisch)

Perlentaucher über Philippe Djian

Wikipedia über Philippe Djian (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von Philippe Djians „Die Rastlosen“ (Incidences, 2010 – und der Verfilmung „Liebe ist das perfekte Verbrechen“)

Meine Besprechung von Paul Verhoevens „Flesh + Blood“ (Flesh + Blood, USA 1985)

Meine Besprechung von Paul Verhoevens Philippe-Djian-Verfilmung „Elle“ (Elle, Frankreich/Deutschland/Belgien 2016) und der DVD


TV-Tipp für den 13. August: Elle

August 12, 2020

Zum heutigen Geburtstag von Alfred Hitchcock würde ich gerne einen seiner Filme (irgendeinen) als Tagestipp empfehlen. Weil aber heute kein Alfred-Hitchcock-Film gezeigt wird, empfehle ich einen Film, der ihm sicher gefallen hätte:

MDR, 23.55

Elle (Elle, Frankreich/Deutschland/Belgien 2016)

Regie: Paul Verhoeven

Drehbuch: David Birke

LV: Philippe Djian: Oh…, 2012 (Oh…)

Michèle Leblanc (Isabelle Huppert), die taffe Chefin einer Videogame-Firma, wird vergewaltigt. Danach reagiert sie anders als erwartet. Denn sie verweigert konsequent die Opferrolle.

Grandioser Thriller von „Basic Instinct“ Paul Verhoeven mit einer grandiosen Isabelle Huppert in der Hauptrolle.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Isabelle Huppert, Laurent Lafitte, Anne Consigny, Christian Berkel, Charles Berling, Virginie Efira, Judith Magre, Jonas Bloquet, Alice Isaaz, Vamila Pons

Die Vorlage

djian-oh

Philippe Djian: Oh…

(übersetzt von Oliver Ilan Schulz)

Diogenes, 2017

240 Seiten

12 Euro

Deutsche Erstausgabe

Diogenes, 2014

Originalausgabe

Oh…

Éditions Gallimard, 2012

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TV-Tipp für den 8. Februar: Elle

Februar 7, 2019

3sat, 22.25

Elle (Elle, Frankreich/Deutschland/Belgien 2016)

Regie: Paul Verhoeven

Drehbuch: David Birke

LV: Philippe Djian: Oh…, 2012 (Oh…)

Michèle Leblanc (Isabelle Huppert), die taffe Chefin einer Videogame-Firma, wird vergewaltigt. Danach reagiert sie anders als erwartet. Denn sie verweigert konsequent die Opferrolle.

Grandioser Thriller von „Basic Instinct“ Paul Verhoeven mit einer grandiosen Isabelle Huppert in der Hauptrolle.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Isabelle Huppert, Laurent Lafitte, Anne Consigny, Christian Berkel, Charles Berling, Virginie Efira, Judith Magre, Jonas Bloquet, Alice Isaaz, Vamila Pons

Die Vorlage

djian-oh

Philippe Djian: Oh…

(übersetzt von Oliver Ilan Schulz)

Diogenes, 2017

240 Seiten

12 Euro

Deutsche Erstausgabe

Diogenes, 2014

Originalausgabe

Oh…

Éditions Gallimard, 2012

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TV-Tipp für den 1. September: Elle

September 1, 2018

One, 22.00

Elle (Elle, Frankreich/Deutschland/Belgien 2016)

Regie: Paul Verhoeven

Drehbuch: David Birke

LV: Philippe Djian: Oh…, 2012 (Oh…)

Michèle Leblanc (Isabelle Huppert), die taffe Chefin einer Videogame-Firma, wird vergewaltigt. Danach reagiert sie anders als erwartet. Denn sie verweigert konsequent die Opferrolle.

Grandioser Thriller von „Basic Instinct“ Paul Verhoeven mit einer grandiosen Isabelle Huppert in der Hauptrolle.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Isabelle Huppert, Laurent Lafitte, Anne Consigny, Christian Berkel, Charles Berling, Virginie Efira, Judith Magre, Jonas Bloquet, Alice Isaaz, Vamila Pons

Wiederholung: Montag, 3. September, 01.15 Uhr (Taggenau!)

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Meine Besprechung von Paul Verhoevens Philippe-Djian-Verfilmung „Elle“ (Elle, Frankreich/Deutschland/Belgien 2016) und der DVD


DVD-Kritik: Über Paul Verhoevens Meisterwerk „Elle“

Juli 26, 2017

Zum Kinostart im Februar schrieb ich sehr begeistert über „Elle“:

Im Moment ist Paul Verhoeven Präsident der Berlinale-Jury und gleichzeitig läuft sein neuer Film „Elle“ endlich in unseren Kinos an. Seine grandiose Philippe-Djian-Verfilmung wurde bereits 2016 bei den Filmfestspielen von Cannes gezeigt. Seitdem gab es Preise, wie Golden Globes als bester fremdsprachiger Film und für Isabelle Huppert als beste Darstellerin, eine Oscar-Nominierung für Huppert, elf César-Nominierungen und Nominierungen für den Europäischen Filmpreis in den Kategorien „Bester Film“, „Beste Regie“ und „Beste Darstellerin“, die auf die Qualitäten von Verhoevens neuem Film hinweisen.

Isabelle Huppert spielt Michèle Leblanc, die Chefin einer Videogame-Firma.

Als sie in ihrer Wohnung vergewaltigt wird, kriegt sie keine Panikattacke oder ruft um Hilfe. Stattdessen räumt sie äußerlich ungerührt die Scherben weg. Sie geht zum Arzt und lässt sich auf mögliche Krankheiten und Infektionen testen. Sie kauft sich Pfefferspray. Bei einem Abendessen in einem noblen Restaurant mit ihrem Ex-Mann Richard, einem erfolglosem Schriftsteller, ihrer Geschäftspartnerin und Freundin Anna und deren Mann Robert (mit dem Michèle ein Verhältnis hat), sagt sie ihnen beiläufig, dass sie vergewaltigt wurde. Weiter will sie nicht darüber reden.

Sie ist ein Biest, das sich schon früh einen Panzer zulegte,und ihren Mitmenschen in einer Mischung aus schnippischer Kaltschnäuzigkeit, gnadenloser Ehrlichkeit und offensichtlicher Ungerührtheit über ihre Gefühle begegnet, Sie ist in keinster Weise liebenswert, aber dank Isabelle Hupperts Spiel schließt man sie dann doch ins Herz. Soweit das möglich ist, bei einer Person, die sich nie als Opfer sieht, immer die Kontrolle behält und keine Emotionen zeigt.

Die anderen Menschen und Paul Verhoevens eiskalt-illusionsfreier Blick auf die conditio humana zeichnet ein reichlich misanthropisches Bilder der Menschheit. Kein Mann ist auch nur im Ansatz eine Zierde seines Geschlechts. Es sind Jammerlappen. Robert ist einfach nur ein ständig notgeiler Trottel. Christian Berkel hatte erkennbar seinen Spaß an diesem tumben Mannsbild. Die Frauen sind kaum besser. Michèles Mutter lässt sich ständig liften und hält sich jüngere Liebhaber. Ihre Nachbarin ist eine überzeugte Katholikin, die auf einem Tischgebet besteht und am Ende einen harmlos klingenden Satz sagt, der, weil wir den Hintergrund und die wahre Dimension des Satzes kennen, schlimmer kaum sein könnte. Ob er aus ehrlicher Erkenntnis oder vollkommener Verlogenheit gesagt wurde, bleibt dagegen dem Zuschauer überlassen. Ihre Freundin Anna erscheint da schon fast wie eine moralische Lichtgestalt.

Es sind, wenn auch mit mehr oder weniger großen Abweichungen von der Norm, ganz normale Menschen, die immer ihr Geheimnis bewahren. Das liegt auch an David Birkes Drehbuch, in dem jeder Satz ein Treffer ist, und Paul Verhoevens präziser Regie. Sie haben aus Philippe Djians Roman „Oh…“ vieles übernommen, ihn aber an den entscheidenden Stellen verbessert und Motive und Beziehungen klarer herausgearbeitet. Dem mit dem Prix Interallié ausgezeichneten Roman fehlt die klare Struktur, der ironische Ton und die satirische Schärfe des Films. So ist Michèle im Roman eine Filmproduzentin, die oft zu Hause Drehbücher liest. Im Film ist sie eine Videogame-Produzentin, die vor allem junge Männer angestellt hat, die gerade ein neues, sehr sexistisches und gewaltverherrlichendes Spiel programmieren. Michèles reale Vergewaltigung wird im Spiel mehr als einmal in verschiedenen Facetten reflektiert. Im Roman wird das Verbrechen von ihrem Vater nur angedeutet. Im Film erfahren wir die ganze Wahrheit. Der Katholizismus von ihrer Nachbarin spielt im Film eine größere Rolle. Sowieso wurden etliche Szenen dazu erfunden, die gleichzeitig Konflikte stärker zuspitzen als im Roman, die Charaktere in einem kälteren Licht erscheinen lassen und der gesamten Geschichte eine faszinierende Zwiespältigkeit verleihen. Denn Verhoeven und sein grandioses Ensemble lassen den Charakteren immer einen Hauch ihres Geheimnisses und fast jeder Satz und jede Handlung kann auf mindestens zwei Arten interpretiert werden.

Auch weil Michèle, nachdem sie die Identität ihres Vergewaltigers enthüllte, mit ihm eine Beziehung eingeht.

Elle“ gehört zu den Filmen, die beim zweiten Ansehen besser als beim ersten Ansehen sind. Wie gut wird der Erotik-Thriller dann beim dritten Ansehen sein?

 

Verdammt gut.

Die DVD ist dagegen eine Enttäuschung. Neben der Hörfilmfassung (keine Selbstverständlichkeit!), gibt es kein weiteres Bonusmaterial und das Bild ist, jedenfalls auf dem Screener, den ich bekommen habe, erstaunlich blass und unscharf. Aber da kann auch die Erinnerung an das Kinobild trügen.

Elle (Elle, Frankreich/Deutschland/Belgien 2016)

Regie: Paul Verhoeven

Drehbuch: David Birke

LV: Philippe Djian: Oh…, 2012 (Oh…)

mit Isabelle Huppert, Laurent Lafitte, Anne Consigny, Christian Berkel, Charles Berling, Virginie Efira, Judith Magre, Jonas Bloquet, Alice Isaaz, Vamila Pons

DVD

MFA

Bild: 2.40:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Französisch (Dolby Digital 5.1), Deutsche Hörfilmfassung für Blinde und Sehbehinderte

Untertitel: Deutsch, Deutsch für Hörgeschädigte

Bonusmaterial: Trailer

Länge: 125 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Blu-ray identisch

Die Vorlage

djian-oh

Philippe Djian: Oh…

(übersetzt von Oliver Ilan Schulz)

Diogenes, 2017

240 Seiten

12 Euro

Deutsche Erstausgabe

Diogenes, 2014

Originalausgabe

Oh…

Éditions Gallimard, 2012

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Französische Homepage zum Film

Filmportal über „Elle“

Moviepilot über „Elle“

Metacritic über „Elle“

Rotten Tomatoes über „Elle“

Wikipedia über „Elle“ (deutsch, englisch, französisch)

Perlentaucher über Philippe Djian

Wikipedia über Philippe Djian (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von Philippe Djians „Die Rastlosen“ (Incidences, 2010 – und der Verfilmung „Liebe ist das perfekte Verbrechen“)

Meine Besprechung von Paul Verhoevens „Flesh + Blood“ (Flesh + Blood, USA 1985)

Meine Besprechung von Paul Verhoevens Philippe-Djian-Verfilmung „Elle“ (Elle, Frankreich/Deutschland/Belgien 2016)

Und jetzt einige Interviews, die nach der Premiere von „Elle“ entstanden:

Die Cannes-Pressekonferenz

Das Cannes-Interview mit Paul Verhoeven, Isabelle Huppert und Laurent Lafitte

Paul Verhoeven und Isabelle Huppert beim NYFF

Ebenfalls beim NYFF: Paul Verhoeven im HBO Directors Dialogue

BFI Screen Talk mit Paul Verhoeven beim London Film Festival

Isabelle Huppert beim TIFF

DP/30 unterhält sich mit „Elle“ Isabelle Huppert


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: „Oh…“ – Philippe Djians Roman ist jetzt Paul Verhoevens „Elle“

Februar 17, 2017

Im Moment ist Paul Verhoeven Präsident der Berlinale-Jury und gleichzeitig läuft sein neuer Film „Elle“ endlich in unseren Kinos an. Seine grandiose Philippe-Djian-Verfilmung wurde bereits 2016 bei den Filmfestspielen von Cannes gezeigt. Seitdem gab es Preise, wie Golden Globes als bester fremdsprachiger Film und für Isabelle Huppert als beste Darstellerin, eine Oscar-Nominierung für Huppert, elf César-Nominierungen und Nominierungen für den Europäischen Filmpreis in den Kategorien „Bester Film“, „Beste Regie“ und „Beste Darstellerin“, die auf die Qualitäten von Verhoevens neuem Film hinweisen.

Isabelle Huppert spielt Michèle Leblanc, die Chefin einer Videogame-Firma.

Als sie in ihrer Wohnung vergewaltigt wird, kriegt sie keine Panikattacke oder ruft um Hilfe. Stattdessen räumt sie äußerlich ungerührt die Scherben weg. Sie geht zum Arzt und lässt sich auf mögliche Krankheiten und Infektionen testen. Sie kauft sich Pfefferspray. Bei einem Abendessen in einem noblen Restaurant mit ihrem Ex-Mann Richard, einem erfolglosem Schriftsteller, ihrer Geschäftspartnerin und Freundin Anna und deren Mann Robert (mit dem Michèle ein Verhältnis hat), sagt sie ihnen beiläufig, dass sie vergewaltigt wurde. Weiter will sie nicht darüber reden.

Sie ist ein Biest, das sich schon früh einen Panzer zulegte,und ihren Mitmenschen in einer Mischung aus schnippischer Kaltschnäuzigkeit, gnadenloser Ehrlichkeit und offensichtlicher Ungerührtheit über ihre Gefühle begegnet, Sie ist in keinster Weise liebenswert, aber dank Isabelle Hupperts Spiel schließt man sie dann doch ins Herz. Soweit das möglich ist, bei einer Person, die sich nie als Opfer sieht, immer die Kontrolle behält und keine Emotionen zeigt.

Die anderen Menschen und Paul Verhoevens eiskalt-illusionsfreier Blick auf die conditio humana zeichnet ein reichlich misanthropisches Bilder der Menschheit. Kein Mann ist auch nur im Ansatz eine Zierde seines Geschlechts. Es sind Jammerlappen. Robert ist einfach nur ein ständig notgeiler Trottel. Christian Berkel hatte erkennbar seinen Spaß an diesem tumben Mannsbild. Die Frauen sind kaum besser. Michèles Mutter lässt sich ständig liften und hält sich jüngere Liebhaber. Ihre Nachbarin ist eine überzeugte Katholikin, die auf einem Tischgebet besteht und am Ende einen harmlos klingenden Satz sagt, der, weil wir den Hintergrund und die wahre Dimension des Satzes kennen, schlimmer kaum sein könnte. Ob er aus ehrlicher Erkenntnis oder vollkommener Verlogenheit gesagt wurde, bleibt dagegen dem Zuschauer überlassen. Ihre Freundin Anna erscheint da schon fast wie eine moralische Lichtgestalt.

Es sind, wenn auch mit mehr oder weniger großen Abweichungen von der Norm, ganz normale Menschen, die immer ihr Geheimnis bewahren. Das liegt auch an David Birkes Drehbuch, in dem jeder Satz ein Treffer ist, und Paul Verhoevens präziser Regie. Sie haben aus Philippe Djians Roman „Oh…“ vieles übernommen, ihn aber an den entscheidenden Stellen verbessert und Motive und Beziehungen klarer herausgearbeitet. Dem mit dem Prix Interallié ausgezeichneten Roman fehlt die klare Struktur, der ironische Ton und die satirische Schärfe des Films. So ist Michèle im Roman eine Filmproduzentin, die oft zu Hause Drehbücher liest. Im Film ist sie eine Videogame-Produzentin, die vor allem junge Männer angestellt hat, die gerade ein neues, sehr sexistisches und gewaltverherrlichendes Spiel programmieren. Michèles reale Vergewaltigung wird im Spiel mehr als einmal in verschiedenen Facetten reflektiert. Im Roman wird das Verbrechen von ihrem Vater nur angedeutet. Im Film erfahren wir die ganze Wahrheit. Der Katholizismus von ihrer Nachbarin spielt im Film eine größere Rolle. Sowieso wurden etliche Szenen dazu erfunden, die gleichzeitig Konflikte stärker zuspitzen als im Roman, die Charaktere in einem kälteren Licht erscheinen lassen und der gesamten Geschichte eine faszinierende Zwiespältigkeit verleihen. Denn Verhoeven und sein grandioses Ensemble lassen den Charakteren immer einen Hauch ihres Geheimnisses und fast jeder Satz und jede Handlung kann auf mindestens zwei Arten interpretiert werden.

Auch weil Michèle, nachdem sie die Identität ihres Vergewaltigers enthüllte, mit ihm eine Beziehung eingeht.

Elle“ gehört zu den Filmen, die beim zweiten Ansehen besser als beim ersten Ansehen sind. Wie gut wird der Erotik-Thriller dann beim dritten Ansehen sein?

elle-plakat

Elle (Elle, Frankreich/Deutschland/Belgien 2016)

Regie: Paul Verhoeven

Drehbuch: David Birke

LV: Philippe Djian: Oh…, 2012 (Oh…)

mit Isabelle Huppert, Laurent Lafitte, Anne Consigny, Christian Berkel, Charles Berling, Virginie Efira, Judith magre, Jonas Bloquet, Alice Isaaz, Vamila Pons

Länge: 126 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage

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Philippe Djian: Oh…

(übersetzt von Oliver Ilan Schulz)

Diogenes, 2017

240 Seiten

12 Euro

Deutsche Erstausgabe

Diogenes, 2014

Originalausgabe

Oh…

Éditions Gallimard, 2012

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Französische Homepage zum Film

Filmportal über „Elle“

Moviepilot über „Elle“

Metacritic über „Elle“

Rotten Tomatoes über „Elle“

Wikipedia über „Elle“ (deutsch, englisch, französisch)

Perlentaucher über Philippe Djian

Wikipedia über Philippe Djian (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von Philippe Djians „Die Rastlosen“ (Incidences, 2010 – und der Verfilmung „Liebe ist das perfekte Verbrechen“)

Meine Besprechung von Paul Verhoevens „Flesh + Blood“ (Flesh + Blood, USA 1985)


Neu im Kino/Filmkritik: „Familie zu vermieten“, etwas Chaos und Liebe inclusive

April 1, 2016

Paul-André Delalande ist schon etwas älter, lebt allein, ist depressiv, wird höflich umsorgt von seinem Diener und er dämmert zwischen ausgewachsener Midlife-Krise und grundmelancholisch-pessimistischer Lebenseinstellung in seinem großen Anwesen vor sich hin. Der Frührentner hat noch nicht einmal die Kraft, nach dem Sinn des Lebens zu suchen. Durch eine Fernsehsendung lernt er Violette Mandini kennen. Sie ist das absolute Gegenteil: arm, gesegnet mit zwei Kindern von verschiedenen Vätern, ebenfalls Single, und, weil sie beim Ladendiebstahl erwischt wurde, mal wieder vor Gericht. Auf der Gerichtstreppe hält sie vor laufender Kamera eine pathetische Rede über die Wichtigkeit von Familie. Paul-André ist fasziniert. Er will eine Familie haben. Aber bevor er eine Familie gründet, will er erst einmal herausfinden, ob ihm das Familienleben überhaupt gefällt. Also schlägt er Violette ein Arrangement vor: Er mietet sich ein halbes Jahr in ihre Familie ein. Violette ist zunächst skeptisch, aber sie braucht das Geld und wirklich gefährlich wirkt der schüchterne Paul-André nicht.

Nachdem Jean-Pierre Améris („Die Anonymen Romantiker“) seine Prämisse etabliert hat, geht es, mit vielen verschenkten Möglichkeiten, im Fahrwasser einer märchenhaften romantischen Komödie zum vorhersehbaren Ende. Denn die Prämisse ist arg ausgedacht, böte aber die Gelegenheit, sich an Klassengegensätzen und damit auch an der französischen Realität abzuarbeiten. Aber die Realität – vor allem Violettes Haus ist ein reines Märchenhaus – und alle Konflikte, die im Zusammenprall von chaotischer Familie und pedantischem Single liegen, werden oft eher unelegant umschifft oder gleich gänzlich ignoriert. Entsprechend unplausibel und auch widersprüchlich handeln Paul-André und Violette. So erzählt Violette ihren Kindern, dass Paul-André ihr neuer Freund sei. Aber anstatt dann den Abend mit ihm zu verbringen, geht sie auf Männerjagd. Und niemand wundert sich. Auch die Liebesgeschichte zwischen ihnen entwickelt sich weniger aus den Charakteren heraus, sondern vor allem weil es im Drehbuch so steht. Bis hin zu einer Begegnung mit Paul-Andrés Mutter und einer Schulfreundin.

Das ist zwar in den Hauptrollen nett gespielt. Vor allem Benoit Poelvoorde und Francois Morel, der seinen Diener spielt, sehen als Paar immer angemessen zerknautscht aus. Der Humor, dafür ist man nach mehreren Fäkalkomödien dankbar, entgleitet nicht in Geschmacklosigkeiten. Sowieso dominiert ein eher stiller, nicht unsympathischer Humor. Aber der gesamte Film ist auch entsetzlich banal.

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Familie zu vermieten (Une Famille à louer, Frankreich/Belgien 2015)

Regie: Jean-Pierre Améris

Drehbuch: Murielle Magellan, Jean-Pierre Améris

mit Benoit Poelvoorde, Virginie Efira, Francois Morel, Philippe Rebbot, Pauline Serieys, Calixte Broisin-Doutaz, Nancy Tate, Edith Scob

Länge: 97 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

 

Moviepilot über „Familie zu vermieten“

AlloCiné über „Familie zu vermieten“

Wikipedia über „Familie zu vermieten“ (englisch, französisch)


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