Über Frank Schmolkes Comic-Adaption von Sebastian Fitzeks „Der Augensammler“

In Berlin ermordet in der Vorweihnachtszeit ein Unbekannter Mütter, entführt ihre Kinder und gibt dem Vater 45 Stunden und 7 Minuten, sein Kind zu retten. Bis jetzt wurden alle entführten Kinder tot aufgefunden. Immer fehlte das linke Auge. Die Presse nennt ihn deshalb in schönster Boulevard-Manier den „Augensammler“.

Alexander Zorbach ist ein Ex-Polizist, Sensationsreporter und eher abwesender Vater. Sein Sohn ist meistens bei seiner Mutter. Er berichtet über den Fall, stört seine ehemaligen Kollegen (die ihn wie die Pest hassen) bei den Ermittlungen und gerät jetzt in Verdacht, der Serienmörder zu sein. Denn seine Brieftasche wurde am Tatort gefunden. Um seine Unschuld zu beweisen, tut er sich mit der blinden Physiotherapeutin Alina Gregoriev, die ihn auf seinem Hausboot erwartet, zusammen. Sie behauptet, sie habe bei einem ihrer Patienten eine Vision gehabt, die sie zu dem Mörder führen könne. Zorbach hält das zwar für ausgemachten Unfug, aber eine bessere Spur hat er nicht.

In seiner Comicadaption von Sebastian Fitzeks Bestseller „Der Augensammler“ begeht Frank Schmolke einen Fehler nicht, den bei den Verfilmungen der Bücher von Fitzek Drehbuchautoren und Regisseure gemacht haben. Sie nahmen einfach das Buch, einen Pageturner mit vielen Wendungen, Dialogen und kurzen Kapiteln, und übertrugen die Geschichte 1-zu-1 in den Film. Aber Dinge, die in einem Roman prächtig funktionieren, funktionieren in einem Film nicht unbedingt. In den späteren Verfilmungen änderte sich das und die Filme wurden besser.

Frank Schmolke versucht erst gar nicht, den gut vierhunderfünfzigseitigen Roman mit seinen ganzen Wendungen 1-zu-1 in ein anderes Medium zu übertragen. Er nimmt die Geschichte und adaptiert sie für ein anderes Medium. Und das heißt halt auch, notwendige Veränderungen vorzunehmen. Schließlich sagt ein Bild manchmal mehr als tausend Worte und in einem zweihundertseitigen Comic muss halt einiges verändert werden.

Er taucht Berlin und die Thrillergeschichte in ein düsteres Noir-Licht, das durch die wenigen Farbtupern noch verstärkt wird. Es ist ein verschneites, kaltes Berlin, dessen Atmosphäre an Fritz Langs „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ erinnert. Zur Noir-Atmosphäre trägt außerdem bei, dass der unschuldig gejagte Zorbach mit seinem Hut und seinem Mantel in einem Film der Schwarzen Serie zwischen Humphrey Bogart und Robert Mitchum nicht negativ auffallen würde. Und natürlich erlebt Zorbach eine fast schon archetypische Noir-Geschichte.

Schmolkes erschuf eine überaus gelungene und sehr eigenständige Adaption von Fitzeks Thriller.

Das sieht auch Sebastian Fitzek so. Im Vorwort des Comics schreibt er: „die fiktive Realität [von Schmolke, A.d.V.) entsprach sogar in vielen Punkten meiner inneren Gedankenwelt. Manchmal aber war ich erstaunt darüber, wie Frank meine Geschichte gesehen hatte. Und – das gestehe ich ganz offen – hin und wieder gefiel mir seine Sichtweise sogar besser als meine eigene. Dieses Werk stellt in meinen Augen keine herkömmliche Adaption dar, sondern ist ein komplexes, eigenständiges Werk, das nicht nur den Leserinnen und Lesern gefallen wird, denen ‚Fitzek‘ ein Begriff ist.“

Frank Schmolke (Textadaption, Zeichnungen, Farbe): Der Augensammler (nach dem Roman vo Sebastian Fitzek)

Splitter, 2021

200 Seiten

35 Euro

Die Vorlage

Sebastian Fitzek: Der Augensammler

Droemer, 2010 (gebundene Ausgabe)

464 Seiten

10,99 Euro (Taschenbuch)

Hinweise

Homepage von Frank Schmolke

Homepage von Sebastian Fitzek

Sebastian Fitzek in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks „Der Seelenbrecher“ (2008)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks „Das Kind“ (2008)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks „Splitter“ (2009)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks “Der Augensammler” (2010)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks “Der Augenjäger” (2011)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzek/Michael Tsokos‘ „Abgeschnitten“ (2012)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks „Der Nachtwandler“ (2013)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks „Das Joshua-Profil“ (2015)

Meine Besprechung von Max Rhodes (Pseudonym von Sebastian Fitzek) „Die Blutschule“ (2015)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks „Passagier 23“ (2014) und Alexander Dierbachs Verfilmung „Passagier 23 – Verschwunden auf hoher See“ (Deutschland 2018)

Meine Besprechung von Zsolt Bács‘ Sebastian-Fitzek-Verfilmung “Das Kind” (Deutschland 2012)

Meine Besprechung von Christian Alvarts Sebastian-Fitzek-Michael-Tsokos-Verfilmung „Abgeschnitten“ (Deutschland 2018)

 

2 Responses to Über Frank Schmolkes Comic-Adaption von Sebastian Fitzeks „Der Augensammler“

  1. […] Ein weiterer Appetitanreger sind die ersten Seiten von Frank Schmolkes grandioser Sebastian-Fitzek-A… […]

  2. […] Meine Besprechung von Frank Schmolkes Sebastian-Fitzek-Adaption „Der Augensammler“ (2021) […]

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