Erinnert ihr euch noch an die alten Monsterfilme, in denen ein kleines Krabbeltier plötzlich sehr groß und sehr hungrig wird und sich hauptsächlich von Menschen ernährt? Die Menschen finden das nicht so gut und vernichten nach ungefähr siebzig, achtzig Filmminuten das Tier mit brachialer Gewalt. Und haben euch diese Filme gefallen?
Gut. Denn „Sting“ ist so ein Film. Hundertfünfzigprozentig. Angemessen vielversprechend beginnt er mit der Vernichtung des Kammerjägers. Danach springt die Filmgeschichte vier Tage zurück. Die zwölfjährige Charlotte findet in dem alten, heruntergekommenem New Yorker Mietshaus, in dem sie mit ihren Eltern wohnt, eine etwas seltsam aussehende Spinne. Sie nimmt sie gefangen, nennt sie Sting, füttert sie und beobachtet fasziniert ihr rapides Wachstum und ihren Hunger. Kurz darauf sprengt sie das Einmachglas, in dem sie gefangen gehalten wurde, und verschwindet in den riesigen Luftschächten des Hauses und ernährt sich von immer größeren Lebewesen.
Während die Spinne durch das Haus kraxelt, lernen wir die wenigen Bewohner des Hauses kennen.
Das sind Charlottes Eltern – ihre Mutter und ihr Stiefvater, ein Comiczeichner, mit dem sie eine Geschichte über ein Spinnenwesen erfindet -, ihr kleiner Bruder, der noch ein Baby ist, ein nerdischer Student, der in seinem Zimmer ein halbes Versuchslabor für Tiere aufgebaut hat und von der schnell wachsenden Spinne fasziniert ist, eine schwerhörige alte Dame, die anscheinend nichts mitbekommt (aber natürlich mehr mitbekommt, als die anderen vermuten) und einige weitere Haustiere und Mieter, die vor allem Spinnenfutter sind. Wie der Kammerjäger, der immer gerufen wird, wenn es seltsame Geräusche in den Haus gibt.
Für den kundigen Horrorfilmfan verläuft in Kiah Roache Turners Film, mit einigen eingestreuten Anspielungen auf ältere Horrorfilme, alles in wohlig vertrauten Bahnen. Sein Tierhorrorfilm steht eindeutig und bewusst in der Tradition der alten B-Pictures aus den fünfziger und sechziger Jahren, die deutlich unter neunzig Minuten laufen und die früher im Nachmittagsprogramm des Fernsehens liefen. Er würde auch gut als eine 45-minütige „Twilight Zone“-Episode funkionieren.
„Sting“ ist ein netter kleiner, schwarzhumoriger, etwas lang geratener Grusler.
Sting (Sting, Australien 2024)
Regie: Kiah Roache Turner
Drehbuch: Kiah Roache Turner
mit Noni Hazlehurst, Jermaine Fowler, Alyla Browne, Robyn Nevin, Ryan Corr, Kate Walsh, Penelope Mitchell
R. i. P. Michael Verhoeven (13. Juli 1938 – 22. April 2024)
3sat, 23.10
Das schreckliche Mädchen (Deutschland 1990)
Regie: Michael Verhoeven
Drehbuch: Michael Verhoeven
Die Musterschülerin Sonja will einen Aufsatz über die Nazi-Vergangenheit ihres Heimatortes schreiben. Das kommt dort nicht so gut an. Vor allem weil sie nach den ersten Widerständen nicht aufgibt, sonder hartnäckig weiterfragt.
Michael Verhoeven ließ sich für sein Drama von dem Fall Anna Elisabeth Rosmus inspirieren. 1980 wollte die Passauerin für einen Schülerwettbewerb einen Aufsatz über Passau während der Nazi-Zeit und den Umgang mit den einheimischen Juden schreiben. Sie stieß auf heftige Widerstände, wurde als Nestbeschmutzerin angesehen und erhielt auch Morddrohungen.
„engagierter Gegenwartsfilm (…) Verhoeven hat in seiner politischen Moritat in Sachen kollektiver Verdrängung den Humor nicht vergessen.“ (Fischer Film Almanach 1991)
Der Film erhielt 1990 auf der Berlinale den Silbernen Bären. Er war auch für den Golden Globe und den Oscar als bester ausländischer Film nominiert und erhielt in dieser Kategorie den BAFTA.
mit Lena Stolze, Monika Baumgartner, Michael Gahr, Fred Stillkrauth, Elisabeth Bertram
Was wäre, wenn ich nach dem Tod weiterhin mit meiner großen Liebe reden könnte? Wenn sie mir weiterhin gute Ratschläge geben könnte? Auch zu Dingen, die es noch nicht gab, als sie starb? Oder meine Mutter, auch Jahre nach ihrem Tod, mit ihren Kindern und Enkelkindern, die sie zu Lebzeiten nie kannte, reden könnte? Bis vor kurzem war das eine Vorstellung aus einem Science-Fiction-Roman (falls der Autor sie nicht zugunsten einer besseren Idee über denkende Computer verworfen hätte). Jetzt kann dieses Gedankenspiel, mit der Hilfe von Künstlicher Intelligenz, von jedem, der einen Computer hat, ausprobiert werden.
Schon heute bieten findige Geschäftsleute Programme an, in denen Avatare von toten Menschen geschaffen werden. Diese digitalen Klone unterhalten sich dann mit den Hinterbliebenenen über Gott und die Welt.
Wie weit die Technik ist, was Entwickler über ihre Progamme und die damit verbundenen Anwendungen denken, was Benutzer sich von ihnen erhoffen, welche Gefahren und Chancen solche digitalen Klone von Verstorbenen für die Trauernden haben und, als Randthema, welche Abhängigkeiten entstehen können thematisieren Hans Block und Moritz in ihrem neuen Film „Eternal You – Vom Ende der Endlichkeit“. Vor sechs Jahre erhielten sie euphorische Kritiken für ihr Dokumentarfilmdebüt „The Cleaners“ (über Content-Moderatoren in sozialen Netzwerken).
„Eternal You – Vom Ende der Endlichkeit“ ist in den vergangenen Jahren an der Grenze zwischen dem damaligen Nicht-Wissen über Künstliche Intelligenz und der heutigen allgemeinen Verfügbarkeit von KI entstanden. Als sie mit den Dreharbeiten begannen, war KI ein Spezialistenthema. Heute ist es, dank allgemein verfügbaren Programmen wie ChatGPT, ein breit diskutiertes Thema mit vielen Hoffnungen, Befürchtungen und Unwissen.
In ihrem Dokumentarfilm verzichten Block und Riesewieck auf plakative Bewertungen. Sie zeigen eine Anwendung von Künstlicher Intelligenz und wie sie sich auf die Gesellschaft auswirken könnte. Denn noch steckt diese, wie auch viele andere KI-Anwendungen, in den Kinderschuhen. Deshalb ist „Eternal Your“ ein Film, der in den Tagen und Wochen nach dem Kinostart am Donnerstag, den 20. Juni 2024, Diskussionen initiieren sollte.
Für mich war das ein Grund, mich vor dem Kinostart mit den beiden Regisseuren Hans Block und Moritz Riesewieck zusammen zu setzen und mit ihnen über „Eternal You – Vom Ende der Endlichkeit“ zu reden.
Eternal You – Vom Ende der Endlichkeit (Deutschland/USA 2024)
Kevin Kruse, nicht gerade die hellste Birne in Hamburg, gelernte Koch und Nazi, nimmt kurz vor einem Bewerbungsgespräch ein Video auf, in dem er droht, den künftigen Arbeitgeber umzubringen, wenn er den Job nicht erhält. Nun, das mit dem Job geht schief. Kruse hat das mit der Morddrohung auch nicht ganz ernst gemeint. Das ändert nichts daran, dass er mit seinem Online-Video eine Dynamik in Gang setzt, in der ein arbeitsloser Koch, seine hochschwangere Freundin, mehr oder weniger kriminelle Menschen mit Migrationshintergrund und kriminelle Nazis, die teilweise gerade für das Parlament kandidieren, sich einen munteren Reigen liefern.
Mitten drin versucht Kommissar Erichsen (Armin Rohde) in der ersten Nacht mit seinen neuen Kolleginnen Tülay Yildirim (Idil Üner) und Lulu Koulibaly (Sabrina Ceesay) den Überblick zu behalten.
Gewohnt pointiert humorig respektloser Krimi, der alles hat, was wir seit Jahren an der von Lars Becker verantworteten „Nachtschicht“-Reihe lieben.
Mit Armin Rohde, Idil Üner, Sabrina Ceesay, Özgür Karadeniz, Albrecht Ganskopf, Aurel Manthei, Marleen Lohse, Kais Setti, Tristan Seith, Navid Navid, Bernhard Schir, Jule Böwe, Frederic Linkemann, Katharina Heyer
Vor sechzig Jahren, während in Frankfurt am Main der Auschwitzprozess für volle Gerichtssäle in der Stadt und Diskussionen in der ganzen deutschen Gesellschaft sorgten, fand im Hunsrück auf der Burg Waldeck ein Musikfestival statt, das der Beginn der langlebigen Karrieren von, unter anderem, Franz Josef Degenhardt, Reinhard Mey, Dieter Süverkrüp, Hannes Wader und Hanns Dieter Hüsch war.
In Jürgen Heimbachs neuestem Thriller „Waldeck“ ist das Festival der Ort, an dem am Ende des Romans die bis dahin parallel geführten Handlungsstränge zu einem furiosen Finale zusammengeführt werden und die wichtigen Figuren zum ersten Mal alle aufeinandertreffen.
Bis dahin springt Heimbach souverän zwischen den verschiedenen Plots, verknüpft geschickt die große Politik mit alltäglichen Sorgen. Er entwirft ein dichtes Porträt der damaligen Zeit und der beginnenden Umwälzungen. Die jungen Menschen wollen ein anderes Leben als ihre Eltern leben. Diese waren teilweise tief in die damals noch keine zwanzig Jahre zurückliegende Nazi-Diktatur verstrickt, leugneten standhaft ihre Mittäterschaft und versuchten, teilweise mit kriminellen Mitteln, diese zu verschleiern.
Der 35-jährige Journalist Ferdinand Broich ist einer, der etwas gegen diesen falschen Frieden tun will. Als ihm die Holocaust-Überlebende Ruth Lachmann sagt, sie habe in München einen Zahnarzt aus dem Konzentrationslager Lublin-Majdanek gesehen, der dort unter einem falschen Namen ein geachteter und vermögender Zahnarzt ist, macht Broich sich auf den Weg nach München. Er will mit seiner Informantin reden, sich überzeugen, ob der Zahnarzt Ulrich Fischer der KZ-Zahnarzt Gernot Tromnau ist und eine Reportage darüber schreiben.
Noch ehe er mit seinen Recherchen beginnen kann, erfährt er, dass die Frau, die ihm den Tipp gegeben hat, tot ist. Es soll sich um einen natürlichen Tod handeln. Immerhin war sie schon älter. Aber Broich ist misstrauisch.
Fischers Tochter Silvia soll Hajo Bremer heiraten. Der Jurist hat vermögende Eltern und legt in wenigen Tagen sein zweites Staatsexamen ab. Ihr Vater hält ihn für den perfekten Ehemann. Aber sie hat andere Pläne und sie hofft auf ihren bald anstehenden 21. Geburtstag und die damit verbundene Volljährigkeit. Als Silvia und Hajo in ihrem Elternhaus in einen Streit geraten, stößt sie ihn von sich weg. Er stolpert unglücklich und ist tot. Anstatt jetzt ihren Vater oder die Polizei anzurufen, flüchtet sie. Mit einer Aktentasche ihres Vaters, in der wichtige Dokumente über seine Vergangenheit sind. Sie will sich bei dem Waldeck-Festival mit Martin, der hoffentlich nicht nur ein Urlaubsflirt war, treffen und anschließend in Düsseldorf an der Kunstakademie studieren.
Auf ihrem Weg zum Musikfestival wird sie von Edgar Winter verfolgt. Er war bei der SS und, nach dem Krieg, Mitglied der Organisation Gehlen und, bis zu seiner Pensionierung, des BND. Für Fischer und eine kleine Gruppe von Nazi-Verbrechern, die nichts mehr von ihren damaligen Taten wissen wollen, ist er der skrupellose Problemlöser.
Im Hunsrück hadert die neunzehnjährige Wilhelmine ‚Mine‘ Karges mit ihrem Schicksal. Sie ist eine gute Turnerin und soll demnächst bei beim Kreisturnfest für ihr Dorf siegenn. Außerdem ist, auch ohne dass es explizit gesagt wird, ihre Heirat mit einem Jungen aus dem Dorf schon beschlossen. Dummerweise ist sie schwanger und nur sie kennt den Vater. Als sie von dem Festival erfährt, will auch sie das Festival besuchen. Dort hofft sie, den Vater ihres Kindes zu treffen.
Zwischen diesen Figuren springt Heimbach in knappen, die Geschichte konsequent vorantreibenden Szenen hin und her. Gleichzeitig taucht er tief in die damalige, uns heute sehr fern erscheinende Zeit ein. Er entwirft ein Panorama von einem Deutschland, das sich aus dem Muff der fünfziger Jahre befreit und auf ‚1968‘ vorbereitet.
Eine spannende Geschichtsstunde.
Jürgen Heimbach: Waldeck
Unionsverlag, 2024
352 Seiten
19 Euro
–
Bonushinweis
Ferdinand Broich trat bereits in einer kleinen, aber wichtigen Nebenrolle in dem 2020 mit dem Glauser als bester Kriminalroman ausgezeichnetem Krimi „Die Rote Hand“ auf. In dem Thriller wird 1959 in Frankfurt am Main ein Waffenhändler ermordet. Er lieferte Waffen an die algerische Befreiungsfront FNL, die damals gegen die Kolonialmacht Frankreich kämpfte.
Hauptperson des ebenfalls lesenswerten, ebenfalls nah an historischen Fakten entlang geschriebenen Noir-Thrillers ist der ehemalige Fremdenlegionär Arnold Streich. Er lebt inzwischen ein unauffälliges Leben als schlecht bezahlter, alleinstehender Wachmann. Als er von der „Roten Hand“ erpresst wird, der Waffenhändler in einer von ihm bewachten Garage ermordet wird und ein kleines Mädchen, das eine wichtige Zeugin ist, ebenfalls ermordet werden soll, ist das ruhige Leben für ihn vorbei.
Ron, offene Stadt (Roma città aperta, Itallien 1945)
Regie: Roberto Rossellini
Drehbuch: Sergio Amidei, Federico Fellini (Mitarbeit), Robert Rossellini (Mitarbeit), Alberto Consiglio (Mitarbeit, ungenannt)
Deshalb lieben Cineasten den Sommer: selten gezeigte Klassiker werden zu vernünftigen Uhrzeiten gezeigt. So auch hier: „Rom, offene Stadt“ ist eines der wichtigsten Werke des italienischen Neorealismus und ein Klassiker des Kinos. Und ein Stück Zeitgeschichte.
1943 ist Rom von den Deutschen besetzt und jagt gnadenlos Widerstandskämpfer. Pina verrät ihren Freund, eine kommunistischen Ingenieur, an die Nazis. Diese wollen von ihm die Namen von weiteren Mitgliedern der Widerstandsgruppe.
mit Marcello Pagliero, Aldo Fabrizi, Anna Magnani, Harry Feist
LV: Richard Hough: Captain Bligh and Mr. Christian, 1972 (Neuauflage zum Filmstart als „The Bounty“)
Die Geschichte der Meuterei auf der „Bounty“ 1789. Aber dieses Mal wird die wahre Geschichte erzählt und da kommt Fletcher Christian, der Anführer der Meuterer, nicht mehr so gut weg – und Captain Bligh erscheint nicht mehr so böse.
„Dass das Leben die besten Geschichten schreibe, ist zwar nur ein hartnäckig sich behauptendes Gerücht, aber die recht aufwendige ‚Bounty‘-Neufassung vereint tatsächlich Historie und Spannung recht gut – und widerlegt somit streckenweise ein weiteres hartnäckiges Gerücht, nämlich dass ein Remake immer schlechter sein müsse als das Original.“ (Fischer Film Almanach 1986)
An der Kinokasse hat es nicht geholfen. Auch nicht, dass die Besetzung ziemlich prominent war.
Anschließend, um 22.25 Uhr, zeugt Arte die knapp einstündige Doku „Mel Gibson: Vergöttert und verteufelt“ (Belgien/Frankreich 2022)
mit Mel Gibson, Anthony Hopkins, Laurence Olivier, Edward Fox, Daniel Day-Lewis, Philip Davis, Bernard Hill, Liam Neeson
Rassismus andersrum: ein junges Paar (er: weiß, sie: schwarz) zieht in das noble Lakeview-Terrace-Viertel von Los Angeles. Schnell bekommen sie Ärger mit einem Nachbarn. Er ist Polizist, Rassist – und schwarz.
Dank Samuel L. Jackson als bösem Nachbarn und vielen präzisen Beobachtungen ist „Lakeview Terrace“, auch wenn das Ende zu sehr in Richtung konventioneller Thriller geht, einen Blick wert.
„It’s a challenging journey LaBute takes us on. Some will find it exciting. Some will find it an opportunity for an examination of conscience. Some will leave feeling vaguely uneasy. Some won’t like it and will be absolutely sure why they don’t, but their reasons will not agree. Some will hate elements that others can’t even see. Some will only see a thriller. I find movies like this alive and provoking, and I’m exhilarated to have my thinking challenged at every step of the way.“(Roger Ebert, Chicago Sun-Times)
mit Samuel L. Jackson, Patrick Wilson, Kerry Washington, Ron Glass, Justin Chambers, Robert Pine
Der wahre Fall, von dem Joachim Lafosses „Ein Schweigen“ inspiriert ist, hat alle Zutaten für ein süffiges Drama oder eine ätzende Gesellschaftssatire in der Tradition von Claude Chabrol. Aber Lafosses Version der Geschichte ist ein extrem langsam erzähltes Drama, in dem vieles nur angedeutet wird, sich schwer, kaum oder oft auch sehr spät im Film langsam erschließt. Einiges bleibt auch nach dem Abspann nebulös.
Als Inspiration diente der Fall Viktor Hissel. Er war bei den Verhandlungen gegen den Kinderschänder Marc Dutroux der Anwalt von zwei Opferfamilien. Der Fall Dutroux erschütterte Mitte der neunziger Jahre Belgien. Auch hier in Deutschland wurde ausführlich über den Fall Dutroux berichtet. Über den Fall Hissel nicht. Er war eine bekannte Symbolfigur im Kampf gegen Kindesmissbrauch. Als seine pädophilen Neigungen bekannt wurden, war das für viele Belgier ein Schock. Er wurde angeklagt, sich zwischen 2005 und 2008 7500 kinderpornografische Bilder angesehen zu haben. Letztendlich wurde er zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. 2009 versuchte sein Sohn ihn zu erstechen. Der Mordversuch misslang. Das Gericht hielt ihn zum Zeitpunkt der Tat für unzurechnungsfähig.
In „Ein Schweigen“ porträtiert Joachim Lafosse die Familie des renommierter Anwalts François Schaar. Es geht um aktuelle und dreißig Jahre zurückliegende Ereignisse über die bislang in der Familie des Anwalts geschwiegen wurde.
Was damals geschah, wird erst sehr spät und kryptisch – auch wenn wir es uns schon früh denken können – enthüllt. Davor und danach wird von einer zum begüterten Provinzbürgertum gehörenden Familie berichtet, die ihre Leichen im Keller verbuddelt und schweigt. Die noble Fassade wird immer gewahrt. Dass dieses Schweigen Auswirkungen auf alle Betroffenen hat, ist offensichtlich. Trotzdem unternimmt niemand etwas dagegen. Die Kamera beobachtet die Ereignisse extrem zurückhaltend. Lafosse vermeidet alles, was emotionalisieren könnte.
Er erzählt elliptisch und unterkühlt, gibt dem Publikum wenig Orientierung und bietet ihm keine Identifikationsfigur an. Keine Figur erzeugt ein nennenswertes Interesse. Dafür erfahren wir zu wenig über sie, ihre Gefühle, Probleme, inneren Konflikte und Wünsche.
Das Ergebnis ist ein dröges Drama, das einen auch als intellektuelles Puzzlespiels unbefriedigt zurücklässt.
Nicht auszudenken, was Claude Chabrol aus dem Stoff gemacht hätte.
Zu Lafosses früheren Filmen gehören „Die Ökonomie der Liebe“ und „Die Ruhelosen“.
Ein Schweigen(Un Silence, Belgien/Frankreich/Luxemburg 2023)
Regie: Joachim Lafosse
Drehbuch: Joachim Lafosse, Thomas Van Zuylen, Chloé Duponchelle (Co-Autor), Paul Ismaël (Co-Autor), Sarah Chiche (Mitarbeit), Matthieu Reynaert (Mitarbeit), Valérie Graeven (Mitarbeit)
mit Daniel Auteuil, Emmanuelle Devos, Matthieu Galoux, Jeanne Cherhal, Louise Chevillotte, Nicolas Buysse
Nun also die Pubertät. 2015 erlebten wir in dem Pixar-Film „Alles steht Kopf“, wie es in dem Kopf der elfjährigen Riley Andersen aussieht und wie ihre unterschiedlichen Emotionen zusammenarbeiten, damit sie sich Riley-vernünftig verhält. Sie muss nämlich den Umzug von einem Dorf in Minnesota nach San Francisco verarbeiten. Der Film war ein Hit.
Und nachdem auch Pixar in den vergangenen Jahren neben erfolgreichen Einzelfilmen auch Fortsetzungen erfolgreicher Filme produzierte, war die Fortsetzung von „Alles steht Kopf“ wohl nur eine Frage der Zeit. Dramaturgisch notwendig war und ist sie nicht. Wobei die Pubertät neue erzählerische Möglichkeit eröffnet.
Denn Riley ist jetzt ein dreizehnjähriger Teenager. An der Schule ist sie beliebt und erfolgreich. Mit ihren beiden Freundinnen Bree und Grace wird sie zu einem Eishockey-Trainingslager eingeladen, das ihr auch neue schulische Möglichkeiten eröffnet. Wenn sie von der strengen Trainerin aufgenommen wird, hatsie nämlich gleichzeitig einen Platz an einer guten High School. Außerdem möchte Riley die Freundin von Valentina ‚Val‘ Ortiz, dem beliebt-bewunderten Star des Eishockey-Teams, werden.
In dem Moment übernehmen neue, mit der Pubertät zusammenhängende Gefühle die Herrschaft über Riley. Zu den aus dem ersten Film bekannten Emotionen Freude (Joy), Kummer (Sadness), Wut (Anger), Angst (Fear) und Ekel (Disgust) kommen
Zweifel (Anxiety), Neid (Envy), Peinlich (Embarrassment) und Ennui (Ennui; hauptsächlich mit dem lustlosen Herumlungern auf der Couch und der Pflege einer Null-Bock-Haltung beschäftigt) dazu. Sogar Nostalgie (Nostalgia) darf als weitere Emotion, die sich nach der Vergangenheit sehnt, schon zweimal kurz auftauchen.
Weil Freude und die anderen aus dem ersten Film bekannten Emotionen die neue Emotion Zweifel bei ihrer Arbeit zu sehr stören, sperrt sie sie in ein Einmachglas und befördert sie in einen Safe in einer abgelegenen Region von Rileys Gehirn. Dort können sie sich aus dem Safe befreien. Sie machen sich auf den beschwerlichen Weg zurück in Rileys Schaltzentrale.
Kelsey Mann übernahm die Regie. Er arbeitet seit 2009 in verschiedenen Positionen bei Pixar. „Alles steht Kopf 2“ ist sein Spielfilmdebüt. „Alles steht Kopf“-Co-Drehbuchautorin Meg LeFauve und Dave Holstein schrieben das Drehbuch. Und in der Originalfassung liehen viele bekannte Schauspieler, die schon beim ersten Teil dabei waren, den Figuren wieder ihre Stimme. In der deutschen Fassung durften dann Olaf Schubert, Hans-Joachim Heist (bekannter als Gernot Hassknecht aus der „heute-show“), Tahnee und Bastian Pastewka, teils ebenfalls zum zweiten Mal, ran.
Manns Spielfilmdebüt ist ein durchaus unterhaltsamer, aber auch ziemlich hektischer Pixar-Film, der mit den Problemen einer Fortsetzung kämpft. Die Idee von „Alles steht Kopf“, dass wir uns im Kopf einer Person befinden und erleben, wie verschiedene Emotionen zusammenarbeiten, einen Charakter formen und zusammen Entscheidungen fällen, war grandios und sie wurde in ihrer Reduzierung auf fünf wichtige Emotionen überzeugend umgesetzt. Komplexe wissenschaftliche Erkenntnisse konnten so für ein aus Kindern bestehendes Publikum präsentiert und von diesem verstanden werden. Jedenfalls genug, um die Filmgeschichte begeistert mitzuverfolgen, während die Erwachsenen ganz andere Dinge in dem Film sahen. Diese Idee wird jetzt nicht mit fünf, sondern mit, je nach Zählung, neun bis zehn Emotionen wiederholt. Das mag näher an der Wirklichkeit, vor allem der Wirklichkeit eines Teenagers, sein, aber einige Emotionen ähneln sich sehr und keine Emotion kann sich wirklich entfalten. „Alles steht Kopf 2“ ist jetzt keine spannende Diskussion im kleinen Kreis mehr, in dem die verschiedenen Diskursteilnehmenden die anderen ausreden lassen und zu einer Lösung kommen, sondern eine typische chaotische Talkshow, in der irgendwann alle durcheinander reden, während Ennui gelangweilt wegdöst.
Die in Rileys Kopf spielende Geschichte ist zwar unterhaltsam, aber ohne große dramaturgische Dringlichkeit. Die in der realen Welt spielende Geschichte, also Rileys Kampf um die Aufnahme in das Eishockey-Team und den damit verbundenen Platz in dieser High School, das damit verbundene Leistungsdenken und der Umgang miteinander sind sehr amerikanisch.
Natürlich ist „Alles steht Kopf 2“ kein schlechter Film. Es ist ein Pixar-Film und da ist ein bestimmtes Niveau immer vorhanden. Aber es handelt sich um eine überflüssige Fortsetzung, die niemals die Qualität von „Alles steht Kopf“ erreicht.
Alles steht Kopf 2 (Inside Out 2, USA 2024)
Regie: Kelsey Mann
Drehbuch: Meg LeFauve, Dave Holstein (nach einer Geschichte von Kelsey Mann und Meg LeFauve)
mit (im Original den Stimmen von) Amy Poehler, Liza Lapira, Tony Hale, Lewis Black, Phyllis Smith, Maya Hawke, Ayo Edebiri, Adèle Exarchopoulos, Paul Walter Hauser, Kensington Tallman, Lilimar, Grace Lu, Sumayyah Nuriddin-Green, Diane Lane, Kyle MacLachlan, Frank Oz, Flea, June Squibb
(in der deutschen Synchronisation den Stimmen von) Olaf Schubert, Hans-Joachim Heist, Tahnee, Leon Windscheid, Younes Zarou, Bastian Pastewka
Kommissar Hanns von Meuffels soll den Mord an der Eigentümerin einer Möbel-Manufaktur aufklären. Die Firma sollte von einem Investor übernommen werden und mit dem Eigentümerwechsel sollten 72 Arbeitsplätze wegfallen. Der Hauptverdächtige ist ihr Ex-Mann, dem die Polizei nichts nachweisen kann.
Christian Petzold, der in den vergangenen Jahren hauptsächlich für das Kino arbeitete und dessen TV-Filme immer wie Kinofilme aussehen, inszeniert seinen ersten „Polizeiruf 110“. Es wurde, wie erwartet, ein ebenso ungewöhnlicher, wie gelungener Krimi. Mit „Wölfe“ (2016) und „Tatorte“ (2018), gleichzeitig der letzte von-Meuffels-Polizeiruf, inszenierte Petzold zwei weitere hochgelobte „Polizeiruf 110“-Krimis mit Kommissar von Meuffels.
Ach ja: Petzolds Inspiration für „Kreise“ war Claude Gorettas „Ganz so schlimm ist er auch nicht“ mit einem noch jungen und schlanken Gérard Depardieu in der Hauptrolle.
mit Matthias Brandt, Barbara Auer, Justus von Dohnányi, Luise Heyer, Daniel Sträßer, Jan Messutat
Vom Dschungel in den Dschungel. Nur ist der Dschungel, den Alejandro aus seiner Heimat El Salvador kennt, ein magischer Dschungel in dem es viel Fantasie und keine Bedrohungen gibt. Der Dschungel von New York ist dagegen anders. Er arbeitet in einer Kryokonservierungsfirma als Bewacher der Behälter, in denen Menschen in einen Kryo-Tiefschlaf versetzt werden. Es ist ein Idiotenjob. Trotzdem vermasselt er ihn, indem er kurzzeitig bei einem Behälter den Stecker zieht. Die Folge von dem Malheur ist seine sofortige Entlassung. Sein Traum bei Hasbro als Spielehersteller zu arbeiten, scheint sich in Luft aufzulösen. Denn in wenigen Tagen erlischt seine Arbeitserlaubnis. Falls er bis dahin nicht irgendeine Lohnarbeit und einen für ihn bürgenden Arbeitgeber gefunden hat, wird er zurückgeschickt.
Elizabeth (Tilda Swinton, gewohnt grandios) könnte ihm eine Arbeit geben. Irgendeine. Sie ist die Geliebte von Bobby, einem Maler, der sich vor seinem Tod einfrieren ließ. Elizabeth ist eine chaotische, dauerplappernde, konfuse, unkonzentrierte, Stimmungsschwankungen auslebende frühere Kunstkritikerin. Sie ist von Bobbys Talent überzeugt und möchte seine Bilder in einer bekannten Galerie präsentieren. Es handelt sich dabei um eine Reihe von Gemälden, die immer ein Ei vor einem anderen Hintergrund zeigen.
Das Interesse der Kunstwelt an diesen Bildern ist erwartbar gering. Aber der Enthusiasmus von Elizabeth und Alejandro, diesem perfekt zusammenpassendem, ungleichen Paar voller Gegensätze, ist groß.
Julio Torres, der Alejandro als leicht verpeilten, schüchternen, mit federnden Schritten durch New York schwebenden Nerd spielt, schrieb auch gleichzeitig das Drehbuch und inszenierte den Film. „Problemista“ ist sein Spielfilmdebüt und die überaus gelungene, im Zweifelsfall fiktionale Verarbeitung seiner Geschichte, die ihn aus El Salvador nach New York zu Saturday Night Live (SNL) und jetzt nach Hollywood und zu A24 brachte.
Die von ihm erfundene Geschichte ist ein detailfreudig ausgestattetes Märchen voller witziger und pointierter Szenen zwischen magischem Realismus und Kafka. Vor allem der Prozess der Einwanderung ist ein einziger Alptraum. Torres schildert dies alles wundervoll warmherzig und respektvoll gegenüber seinen Figuren. Da ist der Beamte bei der Einwanderungsbehörde nur ein kleines Rädchen, das Alejandro gerne helfen würde. Wenn die Gesetze es zulassen. Elizabeth ist gar nicht so furchteinflößend böse, wie gesagt wird. Jedenfalls meistens. Nur Alejandros Chefin bei der Kryokonservierungsfirma ist ziemlich böse. Aber ohne sie hätte er niemals Elizabeth kennen gelernt.
Die Arthaus-Perle „Problemista“ ist mit Abstand der beste Film, der diese Woche im Kino anläuft.
Problemista(Problemista, USA 2023)
Regie: Julio Torres
Drehbuch: Julio Torres
mit Julio Torres, Tilda Swinton, RZA, Isabella Rossellini, Catalina Saavedra, James Scully, Laith Nakli, Spike Einbinder, Kelly McCormack
Sie sind jung. Sie sind radikal links. Sie engagieren sich in Berlin in verschiedenen Bewegungen für eine bessere, eine gerechtere Welt. Sie sind miteinander befreundet und Joana Georgi begleitet sie für ihren Dokumentarfilm „Niemals allein, immer zusammen“ ein Jahr lang.
Der Film beginnt im Januar 2022. Bei einem Abendessen treffen sich die fünf Protagonisten des Films. Es sind Feline, Quang Paasch, Patricia Machmutoff, Simin Jawabreh und Zaza. Teils kennen sie sich schon länger, teils wurden sie von Georgi für den Film zu ihrem idealen Cast zusammengestellt.
Die alleinerziehende Mutter Feline backt Kuchen für Menschen, die sich keine leisten können, und versucht ihre Tochter antirassistisch zu erziehen. Quang Paasch engagiert sich in Fridays for Future, gehört zum radikalen Teil der Bewegung und er bezeichnet sich als Sozialist. Patricia Machmutoff engagiert sich bei „Deutsche Wohnen & Co. enteignen“. Simin Jawabreh ist Kommunistin und engagiert sich unter anderem für die Abschaffung der Polizei. Der neunzehnjährige Zaza engagiert sich in der Krankenhausbewegung. Er ist der Jüngste in der Gruppe. Die anderen sind etwas älter.
Neben ihrem Schwerpunktthema wollen sie auch die gesamte Gesellschaft verändern.
Nach dem gemeinsamen Abendessen widmet Georgi jedem ihrer fünf Protagonisten ein eigenes Kapitel, in dem sie über sich reden und Demonstrationen besuchen. So sollen wir sie besser kennen lernen.
Das funktioniert nur sehr begrenzt. Wenn sie zusammen sind und sich austauschen, wirken die Gespräche wie peinliche Kennenlern-Spiele, in denen sie sich anhand von vorgegebenen Stichworten an bestimmten Themen abarbeiten. Sie reden nicht miteinander, sondern für ein in dem Moment abwesendes Publikum. Es sind Pseudo-Gespräche. Wenn sie dann allein sind und über sich und ihr Engagement reden, hört sich das immer wie eine Ansammlung vorher aufgeschriebener Statements und Plattitüden an. Georgi zeigt sie immer nur in Bezug zu ihrer politischen Arbeit. Alles andere wird ausgeblendet. Sie haben keine Familie, keine anderen Freunde oder einen Partner. In einem Spielfilm wären sie eindimensionale Figuren. Auch die Bewegungen, in denen sie sich aus einer explitzit linken Position irgendwo zwischen der Partei Die Linke und noch weiter links engagieren, bleiben blass. Auf einer Demonstration halten sie eine flammende Rede oder sie posten ein TikTok-Video, aber sie diskutieren nicht über ihre Position. Weder mit anderen Aktivisten, noch mit Menschen, die ihre Positionen hinterfragen. Widersprüche zwischen Forderungen und Positionen bleiben unverbunden nebeneinander stehen. Die Frage, wie die auf Demonstrationen leidenschaftlich vorgetragenen Forderungen umgesetzt werden könnten, wird nicht gestellt.
Die fünf Protagonisten werden in einer sich selbst genügenden Blase gezeigt. Sie wird nur in zwei Momenten durchbrochen. Einmal wenn gesagt wird, dass bei den Demonstrationen auch die „Omas gegen Rechts“ seien. Die Omas sind für die im Film porträtierten Aktivisten ein Kuriosum. Das Gespräch zwischen Patricia Machmutoff und Ferat Koçak, Abgeordneter für Die Linken im Abgeordnetenhaus (dem Berliner Landtag), ist da ein Lichtblick und einer der interessantesten Momente des Films. Machmutoff unterhält sich mit Koçak über sein Leben, seine politischen Ansichten, seinen Aktivismus und wie er sich in den vergangenen Jahren veränderte.
Georgi verzichtet in ihrem Film auf jede Analyse warum frühere linksradikale Bewegungen scheiterten. Damit fehlt dem Film auch jedes Bewusstsein für die eigene Geschichte, aus der man für die Zukunft lernen könnte. Sie zeigt nur fünf junge radikallinke Aktivisten, die on- und offline um sich selbst kreisen.
„Niemals allein, immer zusammen“ ist Erbauungskino für die eigene Blase.
LV: Marc Behm: The eye of the beholder, 1980 (Das Auge)
Ein Privatdetektiv soll eine Frau beschatten. Dummerweise ist sie eine Serienmörderin und er entwickelt väterliche Gefühle für sie.
Von der Kritik hochgelobtes, düster-humorvolles Roadmovie mit Hitchcock-Anleihen über eine obsessive Liebe.
Claude Miller über seinem vierten Spielfilm: „Das ist wie in den großen Erziehungsromanen, in denen die Personen reisen, um sich am Ende ihres Lebens mit einer Fülle von Erfahrungen in ihrem eigenen Garten wiederzufinden. Diese innerliche Reise gibt es im Film – sie ist etwas, das ich auf der Reise der männlichen Hauptfigur, des ‚Auges’, wie eine Art von Therapie behandeln möchte.“
Mit Michel Serrault, Isabelle Adjani, Guy Marchand, Stéphane Audran, Geneviève Page, Sami Frey, Jean-Claude Brialy
„Hier erlebt man buchstäblich Berlin“, sagt Malina Morgenstern zu Kara Kowalski im Buchstabenmuseum. In dem Moment sind die erfolgreiche Malerin Kara und die mit einem Studentenjob Geld verdienende, noch nicht publizierte Schriftstellerin Malina bereits ein Paar. Sie lernten sich kennen nachdem Kara herausfand, wer sie erpresste und sie die auf der gegenüberliegenden Seite des Hofes wohnende Erpresserin aus verschiedenen Gründen ganz sympathisch fand. Erpresst wurde Kara mit einer Videoaufnahme, die zeigt, wie sie, mitten in der Nacht, ihren Ex-Freund in ihrem Atelier über die Brüstung stößt. Anschließend entsorgte sie, mit der Hilfe einiger Chemikalien, die Leiche in der städtischen Kanalisation.
In diesem im Roman erwähnten Buchstabenmuseum stellte Kristina Schippling am 6. Juni 2024 ihren zuammen mit Matthias A. K. Zimmermann geschriebenen Psychothriller „Intoxikation“ vor.
Der Berlin-Krimi hat nichts mit dem deutschen Krimieinerlei von Serienkillerthrillern, Regiokrimis und Krimischnurren zu tun. Er unterhält prächtig mit einigen ungewöhnlichen Figuren und unvorhersehbaren Wendungen. Er beginnt als fast normaler Kriminalroman mit einer Mörderin, einer Erpresserin, neugierigen Nachbarn und einem penetranten Kommissar. Dann wird er zum Psychothriller, zwinkert in Richtung Magischer Realismus und endet als Horrorroman.
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Die Lesung beginnt mit einer Begrüßug und einer Vorstellung der Autorin. Danach führt Kristina Schippling mit einigen Bildern und einem Video in den Roman ein. Anschließend liest sie einige Stellen aus „Intoxikation“ und spricht über die Entstehung des Romans und ihre Zusammenarbeit mit ihrem Co-Autor Matthias A. K. Zimmermann.
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Aufgenommen wurde die Lesung am Donnerstag, den 6. Juni 2024, in Berlin im Buchstabenmuseum, mit einer aus rumpelnden S-Bahn-Zügen und zwitschernden Vögeln bestehenden Großstadtgeräuschkulisse. Da soll noch jemand sagen, die S-Bahn fahre nicht.
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Was fehlt noch? – Einerseits die Ankündigung, dass ich in den nächsten Monaten weitere Lesungen und andere Veranstaltungen dokumentieren möchte. Andererseits das während der Lesung gezeigte Video in seiner ganzen Pracht:
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Kristina Schippling/Matthias A. K. Zimmermann: Intoxikation
Peter Hyams schildert die erste Marslandung. Diese wurde allerdings, aufgrund von Sicherheitsproblemen, von den USA gefälscht. Als beim Eintritt in den Erdorbit die Raumkapsel verglüht, ahnen die NASA-Astronauten, dass ihre Tage gezählt sind. Offiziell sind sie ja schon tot. Aber ein Journalist versucht das Komplott aufzudecken.
Kommerziell erfolgreicher, erzählerisch unbeholfener Science-Fiction-Verschwörungsthriller mit viel Action und einer Top-Besetzung. Inzwischen kann der Thriller durchaus als Kultfilm bezeichnet werden. Und nach dem Film wissen wir, wie das mit der gefakten Mondlandung war. Ehrlich!
„Unglücklicherweise wird die interessante Grundidee von Hyams Drehbuch (…) durch Hyams unausgeglichene Regie abgeschwächt.“ (Phil Hardy, Hrsg.): Die Science Fiction Filmenzyklopädie)
mit Elliott Gould, James Brolin, Karen Black, Brenda Vaccaro, Sam Waterston, O. J. Simpson, Hal Holbrook, Telly Savalas
Die Purge ist im „The Purge“-Franchise diese US-amerikanische Tradition, in der während einer Nacht alle Verbrechen, auch Mord, ohne eine Strafe begangen werden können. Und wie jede Tradition hat sie einen Anfang. „The First Purge“ schildert diese erste Purge-Nacht und wie die Organisatoren, die New Founding Fathers of America (NFFA), kräftig nachhelfen, weil in dem Testgebiet Staten Island die Schwarzen sich nicht gegenseitig umbringen, sondern einfach nur feiern wollen.
So macht ein Prequel Sinn. Einerseits werden die Stärken der „Purge“-Reihe bewahrt (knallige politische Statements, Gewalt und ein ordentlicher B-Movie-Vibe), andererseits wird etwas erzählt, was bis dahin nicht bekannt war, aber interessant ist und die in den Filmen präsentierte Welt mit Black Power erweitert.
Die Idee ist sicher etwas gaga, aber sie funktiniert: Comickünstler werden gebeten, Bildergeschichten zu Songs zu schreiben. Nach dem Konzept sind im Ventil Verlag bereits mehrere Bücher erschienen, unter anderem „Keine Macht für Niemand – Ein Ton Stiene Scherben Songcomic“ und „Sie wollen uns erzählen – Zehn Tocotronic-Songcomics“.
Ton Steine Scherben lieferte in den siebziger Jahren, vor allem mit ihren ersten LPs den Soundtrack zur Revolte. Einige ihrer Songs erklingen immer noch auf Demonstrationen und Kundgebungen. Dank ihrer ziemlich frühen Auflösung und dem Tod von ihrem Sänger und Hauptsongschreiber Rio Reiser 1996 verharren sie immer noch im Gestus jugendlicher Revolte. Ein „Ich will nicht werden was mein Alter ist“ ist immer noch ein Solitär. Die Weitererzählung „Ich bin was mein Alter ist“ wurde nie geschrieben.
Zwanzig Jahre später lieferte Tocotronic mit jugendlicher Larmoyanz, Schrammelgitarren und bildungsbürgerlichem Hintergrund den Soundtrack für die damalige Jugend. „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“ und „Digital ist besser“ (auch wenn damals keine Smartphones gemeint waren) ertönten in jeder Indie-Disco. Fast dreißig Jahre nach ihrer 1995 erschienenen Debüt-CD machen sie als Band immer noch gute Musik.
In „Keine Macht für niemand“ haben die Kathrin Klinger, Nicolas Mahler, Bianca Schaalburg, Sheree Domingo/Rahel Suesskind, Reinhard Kleist, Mia Oberländer, Sascha Hommer, Daniela Heller, Jan Soeken, 18 Metzger, Ulli Lust und Michael Jordan die zweite LP von Ton Steine Scherben illustriert. Es handelt sich um „Wir müssen hier raus“, „Feierabend“, „Die letzte Schlacht gewinnen wir“, „Paul Panzer Blues“, „Menschenjäger“, „Allein machen sie dich ein“, „Schritt für Schritt ins Paradies“, „Der Traum ist aus“, „Mensch Maier“, „Rauch-Haus-Song“, „Keine Macht für Niemand“ und „Komm, schlaf bei mir“.
Bei dem Tocotronic-Songcomic dürften Jim Avignon, Sascha Hommer, Tine Fetz, Katja Klengel/Christopher Tauber, Eva Feuchter, Anna Haifisch, Julia Bernhard, Moni Port, Jan Schmelcher und Philip Waechter aus dem gesamten Werk der Band ihren Lieblingssong auswählen. Illustriert wurden „Digital ist besser“ (aus „Digital ist besser“, 1995), „Drüben auf dem Hügel“ (aus „Digital ist besser“, 1995), „Der schönste Tag in meinem Leben“ (aus „Es ist egal, aber“, 1997), „Let there be Rock“ (aus „K. O. O. K.“, 1999), „Aber hier leben, nein Danke“ (aus „Pure Vernunft darf niemals siegen“, 2005), „Kapitulation“ (aus „Kapitulation“, 2007), „Warte auf mich auf dem Grund des Swimmingpools“ (aus „Wie wir Leben wollen“, 2013), „Die Erwachsenen“ (aus „Tocotronic“, 2015), „Rebel Boy“ (aus „Tocotronic“, 2015) und „Electric Guitar“ (aus „Die Unendlichkeit“, 2018), Als Zugabe und ohne einen Song zeichnet Tocotronic-Schlagzeuger Arne Zank biographisch „Tocotronic spielen sich selber“.
Beide Bücher sind gleich aufgebaut. Es gibt vor jedem Song eine kurzen Text eines Bandmitglieds (bei Ton Steine Scherben Nikel Pallat, Jörg Schlotterer, Rio Reiser, Kai Sichtermann, Angie Olbrich, Bernhard Ka und R. P. S. Lanrue, bei Tocotronic Dirk von Lowtzow) und des Zeichner. Während die Musiker etwas über die Entstehung des Liedes erzählen, erzählen die Zeichner, welche Bedeutung der ausgewählte Song für ihn hat und warum er ihn ausgewählt hat. Die verschiedenen Songcomics sind dann so vielfältig interpretiert zwischen reiner Illustration des Textes bis hin zu freier Bearbeitung, wie man es bei den Künstlern erwarten kann.
Sicher, die Comics richten sich primär an Fans der Band, die sich an der Interpretation erfreuen können, die danach die Songs wieder hören wollen und davor die Doppel-LP (bei Ton Steine Scherben) oder die CD (bei Tototronic) entstauben müssen. Danach können sie jede Zeile mitsingen und sich durch die Songcomic-Bücher blättern.
Gunther Buskies/Jonas Engelmann (Hrsg.): Keine Macht für Niemand – Ein Ton Steine Scherben Songcomic
Ventil Verlag, 2022
128 Seiten
25 Euro
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Michael Büsselberg (Hrsg.): Sie wollen uns erzählen – Zehn Tocotronic-Songcomics