Neapel, Italien. Mafialand. Roberto Saviano zeichnete 2006 in seinem dokumentarischen Roman „Gomorrha“ ein sehr unglamouröses Bild vom organisierten Verbrechens in seiner Heimatstadt. Das Buch wurde ein weltweiter Bestseller. Es wurde als Spielfilm und TV-Serie verfilmt. Weitere Sachbücher, Reportagen und Romane folgten. 2016 erschien in Italien „Der Clan der Kinder“. In dem Roman erzählt er die Geschichte von Nicolas und seinen Freunden, einer Bande Fünfzehnjähriger, die Geld und Ansehen (was vor allem der richtige Tisch im richtigen Nachtclub ist) wollen, dafür zu Verbrechern werden und innerhalb der örtlichen Camorra aufsteigen wollen. Diese besteht aus Banden, die unter sich die Straßen und Viertel Neapels aufgeteilt haben. Finanzieren tun sich sich mit Drogenhandel auf der Straße und Schutzgelderpressung bei den kleinen, örtlichen Einzelhändlern. Das sind nicht die aus Gangsterfilmen bekannten großen Geschäfte, sondern die gelebte Kleinvieh-macht-auch-Mist-Methode.
Der Roman ist schwer zu lesen. Das liegt an Savianos journalistischem, auf objektivierende und zusammenfassende Betrachtungen abzielendem Schreibstil, der kaum erkennbaren Haupthandlung, den vielen austauschbaren Figuren, den ständigen Zeitsprüngen und Pespektivenwechsel. Saviono hat auch kein erkennbares Interesse an einer typischen Gangstergeschichte à la „Little Caesar“ oder „Scarface“. Ihm geht es mehr um ein Porträt der heutigen Camorra in Neapel. Zwischen all den Namen und Episoden, die sich zeitlich oft nicht einordnen lassen, entsteht nie so etwas wie ein richtiger Lesefluss, der einen begeistert die nächsten Seiten umblättern lässt.
Claudio Giovannesi verfilmte jetzt den Roman nach einem Drehbuch, bei dem auch Saviano mitschrieb und das dieses Jahr auf der Berlinale den Silbernen Bären für das Beste Drehbuch erhielt.
Giovannesi inszenierte die Geschichte, die eine Ansammlung von Vignetten des Gangster- und Jugendfilms ist. Er drehte chronologisch. Die Schauspieler, allesamt Laiendarsteller, wussten dabei nicht, wie sich die Geschichte weiterentwickelt. Stilistisch knüpft er dabei an den Neorealismus an.
Am Ende bleibt nicht die Geschichte im Gedächtnis, sondern wie die Jugendlichen mit ihren Vespas durch die Stadt fahren, wie sie durch die Straßen streunen, wie sie Freizeit totschlagen und wie wenig sich diese Bilder von Bildern aus italienischen Filmen der fünfziger und sechziger Jahre unterscheiden.
Paranza – Der Cland der Kinder(La paranza dei bambini, Italien 2019)
Zombies in der deutschen Provinz, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen? Warum nicht.
Nach einer weltweiten Katastrophe, die die Menschheit auf wenige, sehr wenige Überlebende dezimierte, jagen die Zombies in „Endzeit“ in Thüringen, zwischen Weimar und Jena, Menschen. In diesen beiden Städten haben sich die letzten Menschen vor den Zombies verschanzt. In Weimar geht man rabiat gegen die Zombies vor. Man tötet sie und alle die sich infiziert haben könnten. In Jena soll dagegen an einem Gegenmittel geforscht werden und es soll über eine friedliche Koexistenz zwischen Menschen und Zombies nachgedacht werden. Die einzige Verbindung zwischen den zwanzig Kilometer voneinander entfernt liegenden Städten ist ein unbemannter Versorgungszug.
In diesem verstecken sich, als der Zug Weimar verlässt, die 22-jährige Vivi (Gro Swantje Kohlhof) und die 26-jährige Eva (Maja Lehrer). Die taffe Kämpferin Eva wurde bei einem Zombieangriff verletzt. Sie hofft, dass ihr in Jena geholfen werden kann. Vivi ist das komplette Gegenteil von Eva. Sie macht sich Vorwürfe, weil sie ihre jüngere Schwester bei einem Zombieangriff nicht retten konnte. Sie ist auch etwas verpeilt und unbeholfen.
Während der Fahrt bleibt der Zug auf offener Strecke stehen.
Seit der Wiederkehr von Zombies in die Popkultur vor nun schon auch deutlich über zehn Jahren haben die Untoten sich durch alle Länder, Orte und Zeiten (Zombies im viktorianischen England? Warum nicht.) durchgebissen. Nur um Deutschland machten sie einen großen Bogen. Es gab, immerhin, 2010 den in Berlin spielenden Zombie-Film „Rammbock“. Und das war es dann auch schon.
Inzwischen ist die Welle etwas abgeebbt. „Die Nacht der lebenden Toten“-Regisseur George A. Romero, der Erfinder des modernen Zombies in der Popkultur, starb 2017. Im Juli beendete Robert Kirkman mit dem 193. Heft seine langlebige Comicserie „The Walking Dead“. Die TV-Serie läuft weiter und es werden weitere Ableger produziert. Die lange angekündigte Fortsetzung von „World War Z“ wird wohl nicht mehr gedreht werden.
Da kommt „Endzeit“ fast als Nachschlag. Der Film basiert auf Olivia Viewegs Comic „Endzeit“. Seinen Ursprung hatte er in ihrer 2011 entstandenen Diplomarbeit an der Bauhaus-Universität in Weimar. Danach wurde die Diplomarbeit auch veröffentlicht und später von ihr zu einem Drehbuch, das 2015 den Tankred-Dorst-Preis gewann, umgeschrieben. 2018 erschien Carlsen „Endzeit“ in einer deutlich erweiterten Comic-Fassung.
Fast gleichzeitig entstand der von Carolina Hellsgård inszenierte Film. Entsprechend eng miteinander verbunden sind Buch und Film. Der Film wirkt oft sogar, als habe man einfach den Comic als Storyboard genommen. Leider. Denn Comic und Film sind zwei unterschiedliche Medien. Dialoge, die in einem Comic funktionieren, wirken gesprochen hölzern. Details, die in einem gezeichneten Bild nicht weiter auffallen oder überhaupt nicht auftauchen, fallen im Film auf. So sind im Film beide Frauen erstaunlich unvorbereitet auf die Reise gegangen. Sie haben keine Waffen dabei. Sie haben nichts zu essen dabei (Gut, es sind ja nur zwanzig Kilometer mit dem Zug.). Eva hat eine nur halb gefüllte Wasserflasche dabei (im Hochsommer!). Vivi läuft mit Sandalen herum, mit denen ich noch nicht einmal vor die Haustür gehen würde.
Auf der Reise verhalten sie sich oft idiotisch. In der Nacht schlafen sie friedlich nebeneinander, anstatt dass eine Wache schiebt. Sie schlafen ungeschützt auf dem Boden. Bis sie sich Waffen und besseres Schuhwerk besorgen, vergeht viel Zeit.
Und warum verkehrt der Versorgungszug zwischen den beiden Städten ohne einen Fahrer und eine Wache? Schließlich muss die Strecke, selbstfahrende Züge hin, selbstfahrende Züge her, von auf den Gleisen herumlungernden Zombies geräumt werden.
Gut, das kann einfach erklärt werden: wenn ein Fahrer im Zug gewesen wäre, hätten Eva und Vivi nicht so einfach einsteigen können.
Diese Details und die Dialoge reißen einen immer wieder aus der Filmgeschichte heraus. In einem Comic stört das alles nicht. Schließlich wird die Realität in Comiczeichnungen immer stark vereinfacht. Gleichzeitig werden bestimmte Dinge betont.
Die Geschichte ist ein feministischer Zugriff auf das Genre, bei dem die beiden jungen Protagonistinnen kein Interesse an Männern haben. Diese tauchen nur als Neben-Nebenfigur oder Zombie (wobei auch hier viele Frauen dabei sind) auf. Stattdessen begegnen Vivi und Eva im Niemandsland zwischen Weimar und Jena einer Frau (im Film gespielt von Trine Dyrholm), die eine tiefe Koexistenz mit der Pflanzenwelt hat und Vivi gerne bei sich aufnähme.
Gleichzeitig erzählt „Endzeit“ eine Coming-of-Age-Geschichte, die im Buch offensichtlicher und glaubwürdiger als im Film ist. Denn Vieweg zeichnete Vivi und Eva mit ihren großen Augen und ihren mädchenhaften, fast noch kindlichen Körpern als junge Menschen, die irgendwo im Teenageralter sind. Im Film sind sie deutlich älter. Vivi ist 22 Jahre, Eva 26. Damit sind beide erwachsene Menschen.
Während der Comic die Zombieapokalypse aus feministischer und ökologischer Perspektive betrachtet, scheitert der Film an seinen hölzernen Dialogen, den zu vielen nicht plausiblen Details, einer zu sparsamen Charakterisierung der beiden Hauptfiguren und einer damit verbundenen thematischen Diffusität. So schwankt der Film unentschlossen zwischen Zombiefilm, Coming-of-Age-Drama, düsterem Märchen und romantischer Naturverklärung.
P. S. für den Horrorfan: Die Zombieangriffe sind spärlich und oft schnell vorbei. Der Suspensefaktor ist ebenfalls überschaubar.
Endzeit (Deutschland 2018)
Regie: Carolina Hellsgård
Drehbuch: Olivia Vieweg
LV: Olivia Vieweg: Endzeit, 2018
mit Gro Swantje Kohlhof, Maja Lehrer, Trine Dyrholm, Barbara Philipp, Axel Werner, Amy Schuk, Muriel Wimmer
Versprochen wird einem „Pulp Fiction meets Science Fiction: Cooles Ermittlerduo auf Mission im Amerika der Zukunft“ und „ein wilder Ritt durch das Großstadtleben der Zukunft“.
Henry Thompson, der „verklemmteste Korinthenkacker in der Geschichte des Bundesamtes für kommunale Infrastruktur“, wird nach einigen Anschlägen auf die Infrastruktur nach Metropolis geschickt. In dieser Multikultimetropole sind der Dienststellenleiter Terrence Kirklin und seine deutlich jüngere Geliebte, die allseits beliebte, supersportliche, superschlaue achtzehnjährige Tochter des Bürgermeisters, Sarah Laury verschwunden. Es wird vermutet, dass ihr Verschwinden etwas mit den Anschlägen zu tun haben.
Um herauszufinden, wer warum die Anschläge verübte und um weitere Anschläge zu verhindern, wird Henry, der ungeeignetste Mann für den Auftrag, nach Metropolis geschickt. Denn er ist nicht nur der Inbegriff des übergenauen Beamten, sondern er hat auch keinerlei Erfahrung als Ermittler. Begleitet wir er von OWEN, der künstlichen Intelligenz der Behörde. Sie ist ein Hologramm, dem von ihrem Erfinder auch eine Liebe zu alten Noir- und Gangsterfilmen einprogrammiert wurde. Deshalb verhält OWEN sich wie ein Regeln ignorierender, literweise Alkohol konsumierender Hardboiled-Detektiv.
Und weil er ein Hologramm ist, kann er sein Aussehen verändern. Er kann auch das Aussehen von Henry verändern und er kann Wesen erschaffen, die vollkommen real erscheinen. Er kann nur keine Türen öffnen und auch keine Waffen abfeuern.
Dieses seltsame Paar wird in Metropolis schnell von den Bösewichtern verfolgt.
Das klingt doch ganz vielversprechend.
Dummerweise löst „Der Metropolis“ keine der von den Ankündigungen und dem Klappentext geschürten Erwartungen ein. Über den Science-Fiction-Part kann man diskutieren. Der Roman spielt 2020, aber in einer Parallelwelt, die mit unserer nichts zu tun hat. Das liegt nicht nur daran, dass es Metropolis nicht gibt und mir in den USA auch keine Großstadt einfällt, die Metropolis sein könnte, sondern dass die im Buch benutzte Hologramm-Technik und die Möglichkeiten einer Künstlichen Intelligenz deutlich fortgeschrittener sind als alles, was es derzeit gibt.
Der Pulp-Fiction-Anteil ist verschwindet gering. Es gibt nur die Erwähnung, dass OWENs Erfinder alte Gangsterfilme mochte und OWEN trinkt. Die Story selbst ist ein gewöhnlicher Terroristenplot in dem Helden mit ihrer ersten Vermutung zuverlässig ans Ziel gelangen. Das liegt auch daran, dass „Der Metropolist“ ein sehr schmales Buch ist.
Humor ist ebenfalls nicht vorhanden. Obwohl man das bei dem Hinweis „wilder Ritt“ und weil Seth Fried laut Autorenbiographie Humorist ist, vermuten könnte.
Selbstverständlich muss ein Humorist nicht immer witzige Bücher schreiben. Allerdings sollte das Wesen und die Weltsicht des Ich-Erzählers, der in „Der Metropolist“ der übergenaue Henry Thompson ist, in jedem Absatz und Satz spürbar sein. Ein detailversessener Beamter sieht die Welt anders als ein von nichts zu beeindruckender Privatdetektiv. Ein Hypochonder nimmt die Welt anders wahr als ein Müllwerker oder eine sich um ihr Baby kümmernde Mutter. Seth Frieds Ich-Erzähler ist dagegen ein Erzähler ohne Eigenschaften.
So ist „Der Metropolist“ kein wilder Ritt durch die Zukunft, sondern ein Langweiler.
Inzwischen sind die Paper Girls auf ihrer Reise durch die Zeit weit in der Zukunft angekommen.
Ihre Reise begann 1988 an Halloween in Stony Stream, Ohio. Damals trugen die zwölfjährigen Mädchen Erin Tieng, MacKenzie Coyle, Karina ‚KJ‘ J. und Tiffany Quilkin in der Vorstadt die Tageszeitung aus, entdecken in einem Keller eine Raumschiffkapsel, sehen Dinosaurier, beobachten eine Alien-Invasion (jedenfalls glauben sie das in dem Moment) und werden fortan durch die Zeit geschleudert. Mal in die Zukunft. Mal in die Vergangenheit.
Autor Brian K. Vaughan, Zeichner Cliff Chiang und Kolorist Matt Wilson erfanden diese „Paper Girls“ 2015. 2016 erhielt die Serie den Eisner und Harvey Award als „Beste neue Serie“.
Inzwischen ist der fünfte Sammelband mit den sympathisch-taffen Mädchen auf Deutsch erschienen. In ihm sind die Hefte # 21 bis 25 enthalten. Und es ist ein schwierig zu besprechender Sammelband. Während in die vorherigen Sammelbänden die Paper Girls durch die Abenteuer stolperten, ihren älteren Ichs begegneten und die Macher immer wieder neue Fragen und Rätsel aufwarfen, beginnen die Macher jetzt Antworten zu liefern. Es wird immer deutlicher, welche Gruppen sich bekämpfen und in welcher Gefahr die Zeitungsausträgerinnen sind.
„Paper Girls 5“ ist, wie die vorherigen Bände, eine gewohnt vergnügliche Lektüre, die aber ohne die Kenntnis der vorherigen Bände kaum verständlich ist.
In den USA endete die Serie im Juli 2019 mit dem dreißigsten Heft. Inzwischen ist eine auf dem Comic basierende TV-Serie angekündigt, die es schwer haben wird, gegen die Vorlage zu bestehen.
Für Oktober ist die deutsche Übersetzung des sechsten und damit finalen „Paper Girls“-Bandes angekündigt.
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Brian K. Vaughan/Cliff Chiang/Matt Wilson: Paper Girls 5
„Sean Duffys letzter Fall?“ steht auf dem Cover und der geneigte Krimifan fragt sich sofort, leicht panisch, ob Duffy am Ende der Geschichte tot ist oder ob Duffy-Erfinder Adrian McKinty keine weiteren Duffy-Romane mehr schreiben will. Dabei hat McKinty auf seinem Blog bereits verraten, dass er schon zwei weitere Duffy-Romane geschrieben hat, die im Original 2020 erscheinen sollen. Ob dann der neunte Duffy-Roman wirklich der letzte Duffy-Roman wird, werden wir in den nächsten Jahren erfahren.
Bis dahin ist der siebte Duffy-Roman „Cold Water“ vor allem der neueste Roman mit dem katholischen Bullen, der jetzt in Belfast noch einen Fall lösen will, ehe er mit seiner Familie nach Schottland umzieht. Die nächsten Jahre wird er als Polizist mit deutlich reduzierter Arbeitszeit und Verbindungsmann für einen anstrengenden Spitzel verbringen. Er muss dann jeden Monat nur sieben Arbeitstage in Belfast verbringen. Nach dreieinhalb Jahren als Teilzeitpolizist hat er dann zwanzig Jahre als Polizist gearbeitet und Anspruch auf eine volle Pension. Das ist sein Plan.
Am 30. Dezember 1989 verschwindet das fünfzehnjährige Travellermädchen Kat McAtamney und weil die Kesselflicker gesellschaftlich geächtet sind, hält sich der Ermittlungseifer der Beamten in sehr überschaubaren Grenzen. Als Sean Duffy Anfang Januar 1990 aus einem Israelurlaub zurückkehrt, stürzt er sich auf diesen Fall. Es soll sein letzter Fall als Vollzeitpolizist sein. Er findet heraus, dass die Minderjährige als Prostituierte arbeitete, wobei sie für die älteren Männer wohl eher eine Begleiterin war, mit der sie Kulturveranstaltungen besuchten und sich über Literatur unterhielten. Denn für ein Tinkermädchen war sie außerordentlich belesen und kulturell interessiert.
Duffys Hauptverdächtigen sind Johnny Dunbar, ein Mann mit langem Strafregister aus den sechziger und siebziger Jahren, der jetzt Politiker mit terroristischer Vergangenheit werden möchte, Terry Jones, ein höherrangiger, allein lebender Beamter mit jahrelanger Auslandserfahrung, und Charles McCawley, ein Universitätsdozent der mit der Tochter des Statthalters der Queen verheiratet ist.
Jeder von ihnen hätte ein Motiv. Jeder von ihnen behauptet, dass er sie nicht tötete und dummerweise hat jeder von ihnen für die Tatnacht ein Alibi, das durchaus glaubwürdig ist, aber nicht überprüft werden kann. Charles McCawley bereitete sich auf einen Vortrag vor. Johnny Dunbar sah mit seiner Frau im Fernsehen „Gesprengte Ketten“ (Wer hat den Film nicht gesehen?) und Terry Jones übersetzte an dem Abend einige Gedichte von Catull.
Hätte ich Adrian McKintys „Cold Water“ vor John Steeles „Ravenhill“ gelesen, wäre ich wahrscheinlich niemals auf die Idee gekommen, sie als fast zeitgleich spielende Bücher über den Nordirland-Konflikt besprechen zu wollen.
Denn über weite Strecken könnte „Cold Water“ fast zu jeder Zeit und an jedem Ort spielen. Weil Kats Auto im Fluss gefunden wird, ihre Leiche bis in den Atlantik abgetrieben sein könnte und es nach dem Mord regnete, können all die modernen Methoden der Spurensuche, die wir dank CSI kennen, nicht angewandt werden. Es ist auch weitgehend egal, ob die Geschichte in Nordirland oder in einem anderen Land spielt. Jüngere Freundinnen und Minderheiten, bei denen der Ermittlungseifer der Polizei gegen Null tendiert, gibt es überall. Und dann ist Duffy hier mit einem typischen Rätselkrimiplot konfrontiert: eine Tote, mindestens drei Verdächtige und die Frage „Wer ist der Mörder?“.
Außerdem ist Sean Duffy 1990 nicht mehr der jugendliche Heißsporn, der er vor zehn Jahren war, als er sich im ersten Duffy-Roman „Der katholische Bulle“ in den Fall stürzte und jeder seiner Romanfälle auch und vor allem eine Chronik des Nordirlandkonflikts war.
In „Cold Water“ ist Duffy zwar erst neununddreißig Jahre, aber er bewegt sich wie ein deutlich älterer Ermittler durch den Fall. Außerdem ist er häuslich geworden. Er hat geheiratet und eine einige Monate alten Tochter.
„Cold Water“ ist, wie die andern Duffy-Romane, ein spannender, gut geplotteter und erzählter Kriminalroman. Gegen Ende wird auch der Nordirlandkonflikt wichtiger. Aber niemals so wichtig, wie ich es für meine Doppelbesprechung von „Ravenhill“ und „Cold Water“ gerne gehabt hätte.
In diesem Fall ist es keine schlechte Idee, vor der Lektüre den Klappentext zu lesen. Denn wer einfach so mit China Miévilles „Die letzten Tage von Neu-Paris“ beginnt, wird sich fragen, was das soll. Schon auf der ersten Seite fahren zwei Frauen auf einem Tandem auf eine Barrikade zu. Hinter ihr haben sich auf sie schießende Wehrmachtssoldaten verschanzt. Die eine Frau ist ein aus dem Fahrrad wachsender Torso. Es ist ‚das Vélo‘.
Das Vélo ist die zur Realität gewordene Zeichnung „I am an Amateur of Velocipides“ (Ich bin eine Liebhaberin von Velocipeden) von Leonora Carrington, einer Surrealistin. Ihre zur Realität gewordene Zeichnung ist nur eine der zahlreichen surrealistischen Manifestationen, die es 1950 in Paris nach der 1941 erfolgten Explosion der S-Bombe gibt. Seitdem ist Neu-Paris ein von der restlichen Welt abgeschotteter Ort, an dem sich in einem Guerilla-Krieg Nazis und Résistance-Kämpfer bekämpfen. Thibaut, der besonders gut surrealistische Werke erkennt, kämpft gegen die Nazis und Dämonen, die man als bösartige Manifestationen begreifen kann. Da trifft er auf die amerikanische Fotografin Sam, die für ein Buchprojekt Bilder von allen Manifestationen machen will. Gemeinsam machen sie sich auf der Suche nach weiteren Manifestationen auf den Weg durch ein sich ständig änderndes, surreales Neu-Paris.
Wobei es in Miévilles neuem Roman nicht um die Abenteuer von Thibaut und Sam geht. Die sind nur ein vernachlässigbarer Rahmen für das Ausmalen einer surrealistischen Welt, in der surrealistische Kunstwerke (andere Kunstwerke fristen ihr bekanntes Dasein), Dämonen, Nazis, Widerstandskämpfer und was es sonst noch zwischen Kunst, fehlgeleiteter Kunst, Himmel und Hölle gibt, gegeneinander kämpfen. Oder, manchmal, auch einfach nur da sind.
Das ist ein kurzweiliger und auch sehr kurzer Spaß. Denn „Die letzten Tage von Neu-Paris“ hat, wenn man das Nachwort (das man als Teil des Romans sehen kann) und die Erklärungen zu den im Roman auftauchenden Kunstwerken abzieht, keine zweihundert Seiten. Für gestandene Science-Fiction-Fan ist das ungefähr die Länge eines Kurzromans.
Miéville ist vor allem für „Perdido Street Station“ und „Die Stadt und die Stadt“ bekannt. Seine SF-Romane erschienen bei Bastei-Lübbe und Heyne. Einige seiner Romane sind nicht mehr, andere nur noch als E-Book erhältlich. Als Einstieg in Miévilles Welt sind diese deutlich umfangreicheren Romane besser geeignet. Denn „Die letzten Tage von Neu-Paris“ ist als durchgedrehte, kunstbeflissene Alternativweltgeschichte ein ziemlich schräges Nebenwerk.
Das gesagt, ist „Die letzten Tage von Neu-Paris“ ein lesenswertes Porträt einer Welt in der eine sehr verspielte, teils sehr witzige, teils sehr bedrohliche Kunstrichtung sich in Realität manifestiert.
2011 begann „American Vampire“-Erfinder Scott Snyder „Batman“-Geschichten zu erzählen. „Der schwarze Spiegel“ und „Die Pforten von Gotham“ hießen seine ersten beiden in sich abgeschlossenen „Batman“-Geschichten, die jetzt wieder auf Deutsch erhältlich sind.
„Der schwarze Spiegel“ spielt nach den Ereignissen von „Final Crisis“. Batman wird für tot gehalten. Dick Grayson, Batmans originaler Sidekick Robin, lebt jetzt in Bruce Waynes riesigem Anwesen und beschützt als Batman die in Gotham lebenden Menschen. Waynes Sohn Damian ist jetzt Robin und Tim Drake, der zu einer anderen Zeit Robin war, ist jetzt Red Robin – und alle, die nicht ständig „Batman“-Heft lesen, dürften jetzt etwas verwirrt sein. Dabei ist der wichtigste Unterschied zwischen Bruce Wayne, dem originalen Batman, und Dick Grayson, dem neuen Batman, dass ihre Motivation für die Verbrechensbekämpfung unterschiedlich ist. Wayne wurde, nachdem er als Kind den Mord an seinen Eltern beobachtete, zu einer von Hass getriebenen Person. Er will das Verbrechen vernichten. Je nachdem, wer gerade Batman-Geschichten erzählt, wird deutlich, wie sehr sich sein fanatischer und auch paranoider Rachefeldzug von einem normalen, zur Not auch mit harten Bandagen geführtem Kampf für Gerechtigkeit unterscheidet.
Das will der ehemalige Zirkusartist Grayson, der in der zehn Hefte umspannenden Saga „Der schwarze Spiegel“ die Maske von Batman überstreift. Er will die Menschen von Gotham zu beschützen ohne zu einem Fanatiker zu werden.
Sein erster, zunächst unbekannter Gegner hat einem Zwölfjährigem ein gefährliches Mutagen verabreicht, das das Opfer zuerst aggressiv macht und schnell zu seinem Tod führt. Das Mutagen befand sich vorher anscheinend in den Händen des „Dealers“. In dem von ihm geleitetem „Spiegelhaus“ verkauft er bei illegalen Auktionen Dinge, die vorher Gothams bekanntesten Schurken gehörten. Batman schleicht sich maskiert in die nächste Auktion.
Mit dem Auftauchen von James Gordon Jr., dem verbrecherischen und psychopathischen Sohn von Commissioner Jim Gordon, rückt die Familie Gordon in den Mittelpunkt. Ihre Geschichte und wie Commissioner Gordon und seine Tochter mit dem Auftauchen von James Gordon umgehen, wird zu einem heftübergreifendem Subplot, während Batman gegen verschiedene Gegner kämpft und manchmal fast aus der Geschichte verschwindet. Erst am Ende fügen Autor Scott Snyder und die Zeichner Jock („The Losers“) und Francesco Francavilla Batmans Kampf gegen verschiedene Bösewichter und die Geschichte von Commissioner Gordon und seinen Kindern zusammen.
In „Die Pforten der Gotham“ muss Batman Bruce Wayne sich mit seiner Familiengeschichte und der damit verbundenen Geschichte der Großstadt Gotham auseinandersetzen. Ende des neunzehnten Jahrhunderts errichteten die damals einflussreichen Familien Wayne, Kane, Cobblepot und Elliot (deren Nachkommen nicht alle Kämpfer für die Gerechtigkeit sind) mehrere für die Entwicklung von Gotham City wichtige Brücken. Es sind die titelgebenden Pforten von Gotham. Ihre Errichtung forderte viele Opfer. Nicht nur bei den Arbeitern.
Jetzt gibt es Anschläge auf diese Brücken und der Täter scheint es wegen damaliger Ereignisse auf die Erbauerfamilien abgesehen zu haben.
„Die Pforten von Gotham“ ist eine in sich abgeschlossene Miniserie, die zwei Zeitebenen miteinander verbindet und viele bekannte „Batman“-Charaktere auftreten. Dabei wirft der in der Vergangenheit spielende Erzählstrang auch einen Blick auf den damals ungezähmten Kapitalismus.
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Scott Snyder/Jock/Francesco Francavilla: Batman: Der schwarze Spiegel
(übersetzt von Steve Kups und Jürgen Zahn)
Panini, 2019
300 Seiten
29 Euro
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enthält
Detective Comics # 871 – 881
DC Comics, 2011
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Scott Snyder/Kyle Higgins/Trevor McCarthy: Batman: Die Pforten von Gotham
Wenn Autor Brian Azzarello und Zeichner Eduardo Risso eine neue Geschichte vorlegen, ist ihnen die Aufmerksamkeit der Noir-Comicgemeinde sicher. Mit ihrem mit mehreren Eisner Awards ausgezeichnetem Crime-Epos „100 Bullets“ schrieben sie Geschichte. Kleinere Werke, wie „Jonny Double“ (1998, ihre erste Zusammenarbeit), oder Geschichten für bereits bestehende Figuren, wie Batman, vervollständigen das Bild, dass sich zwei Geistesverwandte gefunden haben. „Moonshine“ heißt ihre neueste Zusammenarbeit und der erste Sammelband liegt jetzt auf Deutsch vor.
Die Geschichte spielt 1929 in den Appalachen in Spine Ridge, West Virginia. Es ist die Zeit der Prohibition. Für Gangster ist sie ein einträgliches Geschäft. Vor allem an der Ostküste. Aus New York schickt Joe Massseria Lou Pirlo nach Spine Ridge. Er soll mit Hiram Holt verhandelt. Denn der Schwarzbrenner destilliert einen besonders bekömmlichen Schnaps. Allerdings denkt Holt überhaupt nicht daran, mit Pirlo ins Geschäft zu kommen. Während Pirlo noch versucht mit Holt und Holts Kindern zu verhandeln, bemerkt er, dass noch etwas anderes in den Wäldern ist und dieses Wesen sieht verdammt nach einem Werwolf aus.
„Moonshine“ hat alles, was zu einer zünftigen Gangstergeschichte gehört. Der Horrorplot ist auch schon sehr präsent. Und wie Azzarello und Risso nach dem Ende des ersten „Moonshine“-Bandes ihre Geschichte weitererzählen wollen, ist vollkommen unklar.
Denn die kompromisslos und ohne Rücksicht auf Verluste ausgetragene Konfrontation zwischen skrupellosen New Yorker Gangstern und sehr wehrhaften Hinterwäldlern, hat einen hohen Blutzoll und einige überraschende Wendungen. Eine klare Leseempfehlung.
In den USA ist bereits ein zweiter „Moonshine“-Sammelband erschienen. Die deutsche Ausgabe soll am 13. November erscheinen. Weitere Bände sind im Moment nicht angekündigt. Aber das sagt wenig. Azzarello und Risso sind gut beschäftigt. Image Comics, wo „Moonshine“ im Original erschient, ist ein Verlag, bei dem die Schöpfer alle Rechte an ihren Comics behalten. Das heißt, dass die Autoren darüber entscheiden, ob und wie sie eine Serie weiterführen.
Mit der überragenden und auch überragend langen Noir-Crime-Serie „100 Bullets“ entwarfen Autor Brian Azzarello und Zeichner Eduardo Risso zwischen 1999 und 2009 in hundert Heften eine alternative und sehr verwickelte Geschichte der USA. In ihren Batman-Geschichten, die jetzt vollständig in dem Sammelband „Kaputte Stadt und weitere Geschichten“ vorliegen und wenigstens teilweise schon auf Deutsch veröffentlicht wurden, zeigen sie, dass ihre düstere „100 Bullets“-Weltsicht gut in den Batman-Kosmos passt. Aber das hatte spätestens seitdem „Sin City“-Erfinder Frank Miller Batman-Geschichten schrieb, niemand mehr bezweifelt.
In „Kaputte Stadt und weitere Geschichten“ sind die beiden langen Geschichten „Kaputte Stadt“ (sechs Hefte) und „Ritter der Rache“ (drei Hefte) und zwei kurze Geschichten enthalten.
In „Kaputte Stadt“ sucht ‚Batman‘ Bruce Wayne den Mörder von Elizabeth, der jungen Schwester des halbseidenen Autohändlers Angel Lupos. Er glaubt, dass „Killer Croc“ Waylon Jones das Mädchen in Lupos‘ Auftrag ermordete. In dieser Geschichte wird Batman, kurz nach 9/11, zu einem humorlosen Folterer, der Beweise nach eigenem Gutdünken verwendet.
Die „Flashpoint“-Crossover-Story „Ritter der Rache“ spielt in einer Parallelwelt, in der in der dunklen Gasse in Gotham City nicht die Eltern von Bruce Wayne, sondern Bruce Wayne starb. Danach wurde Bruces Vater zu Batman, der auch in dieser Welt gegen den Joker kämpfen muss. Wenn es denn der Joker ist.
Azzarello und Risso erzählen in „Kaputte Stadt und weitere Geschichten“ düstere Noir-Geschichten, in denen Batman kein Strahlemann ist.
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„Batman: Damned“ ist Brian Azzarellos neueste Batman-Geschichte. Gezeichnet wird sie von Lee Bermejo. Mit ihm arbeitete er bereits bei „Batman/Deathblow“, Batman: Joker“, „Lex Luthor: Mann aus Stahl“ und „Before Watchmen: Rorschach“ zusammen.
Ihre neueste Zusammenarbeit ist der Start der neuen Reihe „DC Black Label“. Die Geschichten spielen außerhalb der bekannten Batman-Chronologie und es sollen explizit erwachsene Geschichten erzählen werden. Das tun Azzarello und Bermejo. Für einen Einstieg in den Batman-Kosmos eignet sich Azzarello/Bermejos Batman-Geschichte allerdings nur bedingt. Denn ohne wenigstens rudimentäre Kenntnisse der Welt von Batman ist sie verwirrend und undurchschaubar.
In „Damned“ trifft Batman Bruce Wayne auf Hellblazer John Constantine, der die Geschichte erzählt und der von sich behauptet, der unzuverlässigste Erzähler von allen zu sein. Nachdem Batman bei einem Kampf mit verletzt wird, kann er kurz vor seiner Enttarnung aus einem Krankenwagen fliehen. Später erfährt er aus den Nachrichten, dass sein Erzfeind, der Joker, tot ist. Er möchte herausfinden, ob er ihn getötet hat.
Aber „Batman: Damned“ ist keine einfach nacherzählbare Ermittlergeschichte, sondern ein Fiebertraum, in dem er auf alte Gegner und Dämonen trifft. Lee Bermejos wild über die Seiten angeordneten Zeichnungen visualisieren sofort, wie sehr Wayne die Kontrolle über die Ereignisse und Gotham verliert. Aber John Constantine ist da.
„Damned“ ist ein in sich abgeschlossenes auf drei Bücher aufgeteiltes Batman-Abenteuer. Die ersten beiden großformatigen Bände liegen inzwischen auf Deutsch vor. Der dritte und die Miniserie abschließende Band ist für den 3. Dezember angekündigt.
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Demnächst: Meine Besprechung von Brian Azzarello und Eduardo Rissos neuester Zusammenarbeit: der während der Prohibition in den Appalachen spielenden Krimiserie „Moonshine“.
Brian Azzarello/Eduardo Risso: Batman: Kaputte Stadt und weitere Abenteuer
(übersetzt von Steve Kups)
Panini, 2019
260 Seiten
26 Euro
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enthält
Batman: Gotham Knights #8, 2000
Batman # 620 – 625, 2003/2004
Flashpoint: Batman – Knight of Vengeance # 1 – 3, 2011
Wednesday Comics # 1 – 12, 2009
Brian Azzarello/Lee Bermejo: Batman: Damned – Band 1
(übersetzt von Josef Rother)
Panini, 2019
60 Seiten
12,99 Euro
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Originalausgabe
Batman: Damned # 1
DC Black Label, 2018
Brian Azzarello/Lee Bermejo: Batman: Damned – Band 2
Nach über zwanzig Jahren kehrt Jackie Shaw nach Belfast zurück. Als er seinen Geburtsort 1993 verließ, herrschte Bürgerkrieg. Während der Troubles bekämpften sich für Außenstehende zahlreiche, kaum unterscheidbare terroristische, militärische und parlamentarische Gruppen. Die Grenzen verliefen zwischen religiösen und politischen Fronten – und selbstverständlich mischten Polizei, Geheimdienste und Militär mit.
Mit dem Karfreitagsabkommen (Good Friday Agreement) wurde am 10. April 1998 der Frieden zwischen den verschiedenen nordirischen Konfliktparteien, dem Vereinigten Königreich und Irland besiegelt. Die Grenze zwischen Irland und Nordirland verschwand. Das Morden hörte auf.
Wie brüchig dieser Frieden ist, den der künftige britische Premierminister (und dabei ist es egal, ob es der Favorit Boris Johnson oder sein inzwischen chancenloser Konkurrent Jeremy Hunt wird) zugunsten illusionärer Brexit-Träume opfern will, zeigt John Steele in seinem Debütroman. Dabei erschien „Ravenhill“ im Original bereits 2017.
Sein Protagonist Jackie Shaw kehrt nach Belfast zur Beerdigung seines Vaters zurück. Seit seinem damaligen Verschwinden wurde er für tot gehalten.
Kaum hat er das Flugzeug verlassen, wird er von einem MI5-Agenten begrüßt. Kurz darauf wird er von zwei alten UDA-Bekannten, die inzwischen Fulltime-Gangster sind, quasi entführt. Rab Simpson will, dass er Billy Tyrie tötet. Tyrie, dass er Simpson tötet. 1993 gehörten sie zur Belfast East Brigade der UDA (Ulster Defence Association) und sie taten, was Terroristen in kaderhaft geführten Organisationen so tun. Schon damals waren sie auch in kriminelle Geschäfte verwickelt.
Nach einem bis heute nicht aufgeklärten Bombenanschlag auf eine Videothek an der Ravenhill Road, bei der elf Menschen, darunter neun Zivilisten, starben, wurde über den Urheber des Anschlags gerätselt und die UDA vermutete, dass es in den eigenen Reihen einen Polizeispitzel gab.
John Steele springt in seinem Krimi kapitelweise zwischen der Gegenwart und 1993 hin und her. Das ist einerseits eine gute Idee, um das Interesse wach zu halten und schnell eine den Roman überspannende, auf zwei Zeitebenen spielende Spannungskurve zu etablieren. Außerdem wird gezeigt, wie gegenwärtig die Troubles sind und dass die früheren Gegner nur einen jederzeit aufkündbaren Waffenstillstand geschlossen haben. Allerdings ist durch das ständige Hin- und Herspringen der Lesefluss etwas stockend.
Wie sein Protagonist Shaw verließ der gebürtige Belfaster John Steele als junger Erwachsener seinen Heimatort, reiste durch die Welt und lebt inzwischen in England. Er ist ein Fan der harten siebziger Jahre TV-Krimiserien wie „The Sweeney“, von Filmen wie „The Long Good Friday“, „The French Connection“, „The Taking von Pelham One Two Three“, und von Noir-Autoren wie Ted Lewis und Derek Raymond. Diese Vorbilder erkennt man mühelos in „Ravenhill“. Außerdem ist sein Noir seine Liebeserklärung an seine Heimatstadt und ihre Geschichte. Im Nachwort schreibt er, dass es zwar das Attentat auf die Videothek niemals gegeben habe, aber vieles auf Tatsachen basiere. Das Buch soll, so Steele, seiner Tochter, wenn sie alt genug ist, um diese Sorte Roman zu lesen, zeigen, wo er herkommt und wie schön Belfast ist.
Es ist allerdings auch eine Stadt, die erst seit einigen Jahren kein Bürgerkriegsgebiet mehr ist. Die alten, teilweise seit Jahrhunderten gepflegten Konflikte bestehen immer noch. Die damals an den Morden beteiligten Männer leben heute immer noch und sie sind noch etliche Jahre von der Pensionsgrenze entfernt. Da ist, wenn das Karfreitagsabkommen gekündigt wird, der Griff zu den Waffen nicht weit.
Selbstverständlich ist „Ravenhill“ kein Sachbuch, sondern ein Noir. Aber Steele erzählt Jackie Shaws Geschichte so nah an der Realität entlang, dass sie immer mühelos erkennbar ist. Es ist auch immer erkennbar, welches Pulverfass Nordirland immer noch ist. Den Rest erledigt ein Blick in die Tageszeitung.
Da ist, wenn die Tories im Rahmen ihrer Brexit-Fantasien nebenbei das Karfreitagsabkommen kündigen, der Griff zu den Waffen nicht weit.
Eine Möglichkeit das zu verhindern, wäre wenn Nordirland das Vereinigte Königreich verlässt und Teil von Irland wird. Diese Möglichkeit wird im Moment in Nordirland diskutiert.
Die Postmoderne ist schuld. Mal wieder. Schließlich haben postmoderne Philosophen erklärt, dass es keine endgültige Wahrheit und auch keine unumstrittenen Fakten gibt. Alles kann in jeder beliebigen Richtung interpretiert und dekonstruiert werden.
Das ist natürlich zuerst einmal ein philosophisches Programm und damit eine Anleitung, Texte zu lesen. Es ist auch, in einem gewissen Rahmen, nicht besonders neu, sondern nur eine Radikalisierung des alten wissenschaftlichen Programms, nach dem es einen Erkenntnisfortschritt nur geben kann, indem alte Gewissen in Frage gestellt und überprüft werden. Die Radikalisierung bestand darin, dass der Universitätslehrer nicht mehr den Schiedsrichter spielt, der durch seine Notenvergabe die richtige von der falschen Meinung unterscheidet.
Folgerichtig tobten postmoderne Philosophen sich in Textwelten und der Literatur aus. In der politischen Wissenschaft war diese Philosophierichtung niemals richtig populär.
Trotzdem hat, so Michiko Kakutanis These, postmodernes Denken Einzug in die Politik gefunden und der Erfolg der Trump-Administration sei so erklärbar. Weil es im postmodernen Denken keine ‚Wahrheit‘ und keine ‚Lüge‘ gebe, könne Trump alles mögliche behaupten und die Menschen glaubten ihm. Auch weil es in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten Entwicklungen gab, die dazu führten, dass Vernunft, Wahrheit, rationales Denken und ein öffentlicher Diskurs, der Meinungen von Fakten und vollkommenem Blödsinn trenne, nicht mehr gebe.
Das ist in jedem Fall eine interessante These, die die ehemalige „New York Times-Hauptrezensentin Michiko Kakutani in ihrem Buch „Der Tod der Wahrheit“ ausbreitet. Sie untermauert sie mit vielen gut gewählten Zitaten von postmodernen Philosophen, ehe sie sich die „alternativen Fakten“ der Trump-Administration vornimmt. In dem Moment rekurriert sie dann wieder auf das klassische Konzept von „Wahrheit“ und „Lüge“ bzw. von wahren und falschen Aussagen. Es sind Aussagen, die mit unumstrittenen Fakten untermauert werden. Wie die Zahl von Besuchern bei einer Veranstaltung. Es sind auch Fakten, auf die wir uns verständigt haben. Dazu gehören wissenschaftliche Erkenntnisse und Regelwerke, wie Gesetze und Verträge. Ohne ein solches von allen geteiltes Fundament von Wissen, Regeln und Erkenntnissen ist ein Zusammenleben nicht möglich.
Das bestätigt Kakutani in ihrem Sachbuch, das auch zahlreiche Lügen von Donald Trump und seiner Gefolgschaft Revue passieren lässt. In dem Moment lässt sie, und das ist gut so, ihre Ausgangsthese links liegen.
Denn die postmodernen Philosophen haben sicher nicht gewollt, dass ihre Theorie so auf die Realität angewandt wird und dass in der Politik alles zu einer offenen Interpretationssache wird, in der jede Meinung die gleiche Bedeutung hat und es egal ist, ob die Interpretation irgendetwas mit der Realität und Fakten zu tun hat. Also Lügen, ein Wahngebilde, Illusionen und Fantasien den gleichen Stellenwert haben wie eine rationalen, faktenbasierte Politik.
Insofern ist Kakutanis These, dass postmoderne Theorien die Grundlage für Trumps Politik der Lüge legten, eine Adelung, die er und seine Gefolgsleute (in den USA und anderen Ländern) nicht verdienen.
Denn Trump und seine Konsorten sind keine Theoretiker und auch keine Menschen, denen ich komplexes Denken in abstrakten Theoriegebäuden zutraue. Sie sind auch keine Menschen, die mit den Kategorien von „Wahrheit“ und „Lüge“ etwas anfangen können. Sie sind Gebrauchtwagenverkäufer, die einem alles erzählen, um ein Schrottauto zu verkaufen und, kaum hat das Auto den Parkplatz verlassen, jede Verantwortung für ihre Handlungen ablehnen.
Vor allem wegen der vielen gut gewählten Zitate, die zum Nachdenken anregen können, ist „Der Tod der Wahrheit“ lesenswert. Im Hauptteil rekapituliert die Literaturkritikerin Kakutani vor allem die Lügen der Trump-Regierung. Wer in den vergangenen Monaten die US-Politik in einer Mischung aus Entsetzen und Faszination für eine fehlgeleitete Horrorshow verfolgte, wird diese Zitate weitgehend kennen.
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Michiko Kakutani: Der Tod der Wahrheit – Gedanken zur Kultur der Lüge
(übersetzt von Sebastian Vogel)
Klett-Cotta, 2019
200 Seiten
20 Euro
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Originalausgabe
The Death of Truth. Notes on Falsehood in the Age of Trump
„Geheimnis eines Lebens“ ist lose inspiriert von dem Fall Melita Norwood. Sie wurde 1999 als Spionin enttarnt. Zu dem Zeitpunkt war die Spion-Oma bereits 87 Jahre alt. Sie studierte kurz und ohne Abschluss Latein und Logik am University College of Southampton. Sie war Mitglied der britischen Kommunistischen Partei. Für verschiedene sowjetische Geheimdienste war sie von 1937 bis 1972, ihrer Pensionierung bei der British Non-Ferrous Metals Research Association, als Spionin tätig. Sie verriet Geheimnisse über die britische Atomforschung. Der KGB hielt sie für wertvoller als den bekannten Cambridge-Five-Spionagering. Aufgrund ihres Alters wurde die 1912 geborene Spionin nicht verurteilt.
Dieser Fall inspirierte Jennie Rooney zu ihrem 2013 erschienenen Roman „Geheimnis eines Lebens“ (Red Joan), der mit den wahren Ereignissen so gut wie nichts zu tun hat. Das ist eigentlich kein Problem. Schließlich handelt es sich um einen Roman und kein Sachbuch. Ein Romanautor kann, ausgehend von einer x-beliebigen Zeitungsmeldung, seiner Fantasie freien Lauf lassen. Man sollte in diesem Fall von dem Roman und dem Film, trotz der Hinweise auf den wahren Fall, keine Aufklärung über die wahren Ereignisse erwarten. Man hätte bei der Werbung vielleicht auch auf die prominenten, etikettenschwindlerischen Hinweise auf den wahren Fall verzichten können.
In dem Roman und der dem Roman weitgehend folgenden Verfilmung von Trevor Nunn wird Joan Stanley 2000 (im Roman 2005) verhaftet. Der Geheimdienst MI5 beschuldigt die Frau, vor langer Zeit Staatsgeheimnisse verraten zu haben. Joan Stanley, die einen großen Teil ihres Lebens in Australien lebte und nach dem Tod ihres Ehemannes nach England zurückkehrte, soll eine Spionin sein.
Während sie verhört wird, erinnert sie sich an ihre Vergangenheit, als sie 1938 in Cambridge Physik studiert, den Vamp Sonya kennenlernt und sich in Leo Galisch, Sonyas Cousin, verliebt. Er ist ein überzeugter Kommunist. Sie besuchen Parteiveranstaltungen. Joan schließt ihr Studium erfolgreich ab und erhält während des II. Weltkriegs eine Stelle in einem geheimen Forschungsprojekt. Sie verliebt sich in Max Davis, den unglücklich verheirateten Leiter des Atombombenprojekts. Er erwidert ihre Liebe.
Jetzt arbeitet Joan an einem Ort, von dem aus sie die Sowjetunion mit wichtigen Informationen versorgen könnte. Leo bittet sie auch darum.
Ob und, wenn ja, welche Informationen sie an die Sowjetunion weitergibt und warum sie das tut (oder auch nicht), wird erst am Ende von „Geheimnis eines Lebens“ verraten. Damit konzentrieren sich der Roman und die Verfilmung offensichtlich auf die Frage, ob Joan Landesverrat begangen hat. Und was sie tut, um ihre Unschuld zu beweisen oder einer Enttarnung zu entgehen; – sofern sie überhaupt daran ein Interesse hat und nicht einfach den Vorwurf, eine Spionin zu sein, als Gelegenheit benutzt, um reinen Tisch zu machen.
Für diesen Thrillerplot interessieren die Macher sich nicht. Denn Joans Erinnerungen werden in Rückblenden strikt chronologisch erzählt, es handelt sich dabei immer um die Wahrheit und es ist unklar, ob sie den MI5-Beamten und ihrem Sohn, der später bei den Verhören dabei ist, das oder etwas anderes erzählt.
Daneben gelingt es ihnen auch, alle weiteren Tiefen und interessanten Aspekte der Geschichte von Joan Stanley zugunsten einer im Akademikermilieu spielenden Liebesgeschichte zu umgehen. Vor allem das erste Drittel des Romans, wenn die Liebesbeziehung zwischen Joan und Leo an der Universität im Mittelpunkt steht, liest sich wie ein Loreroman, in dem das schüchterne Landei sich in den feschen, charismatischen Russen verliebt. Danach, wenn sie die Stelle in dem streng geheimen Forschungsprojekt erhält, wird es nicht besser.
Aus einem drögen Roman wurde eine biedere Literaturverfilmung, die den Roman mit all seinen Schwächen illustriert ohne eigene Akzente zu setzen.
Geheimnis eines Lebens (Red Joan, USA 2018)
Regie: Trevor Nunn
Drehbuch: Lindsay Shapero
LV: Jennie Rooney: Red Joan, 2013 (Geheimnis eines Lebens)
mit Judi Dench, Sophie Cookson, Stephen Campbell Moore, Tom Hughes, Tereza Srbova, Ben Miles, Freddie Gaminara
Der Untertitel „Der Streit um die Flüchtlingspolitik und der Mythos vom Rechtsbruch“ beschreibt ziemlich genau den Inhalt von Stephan Detjen und Maximilian Steinbeis‘ lesenswertem Sachbuch „Die Zauberlehrlinge“. Detjen, Chefkorrespondent des Deutschlandfunk, und Steinbeis, Gründer und Chefredakteur des „verfassungsblog.de“, zeichnen detailliert die Geschichte vom behaupteten Rechtsbruch und der „Herrschaft des Unrechts“ nach. Danach habe Angela Merkels Beschluss die Grenzen für Flüchtlinge zu öffnen zu einer „Herrschaft des Unrechts“ geführt. Diese zuerst von Horst Seehofer als Appetitanreger für das jährliche CSU-Aschermittwochsdrama ins Gespräch gebrachte Behauptung entwickelte schnell ein Eigenleben. Besonders die AfD, ihr Umfeld und konservative Staatsrechtler rezipierten sie eifrig, während die Bundesregierung eisern schwieg. Dabei – und das zeichnet „Die Zauberlehrlinge“ detailliert nach – hätten hier einige klärende Worte die falsche Behauptung schnell widerlegen können.
Denn, so Detjen und Seinbeis: „Die Flüchtlinge waren nicht aufgrund irgendeiner besonderen Anordnung nicht nach Österreich zurückgeschickt worden, sondern weil dies in den Augen der Verantwortlichen das europarechtlich korrekte Vorgehen war. Nicht das deutsche Asylgesetz mit seinem § 8 war die Norm, die in dieser Konstellation zur Anwendung kam, sondern die Dublin-III-Verordnung, die im Konfliktfall als vorrangiges Europarecht das nationale Recht verdrängt.“
Letztendlich beruht, wie die beiden Autoren ausführlich und nachvollziehbar begründen, das Gerede vom Rechtsbruch auf einer konsequenten Missachtung von europäischem und internationalem Recht. Außerdem wird in diesen Kreisen das deutsche Volk als eine Blutsgemeinschaft gesehen. In fast allen anderen Ländern besteht dagegen das Staatsvolk aus den auf dem Staatsgebiet geborenen Menschen.
Interessant sind in „Die Zauberlehrlinge“ vor allem die Teile, in denen sie die Ereignisse im Sommer 2015 und den folgenden Monaten chronologisch nachzeichnen und sie einen Einblick in die Gemeinschaft der deutschen Rechtsgelehrten geben. Vor allem die Staatsrechtler, vor allem wenn sie schon etwas älter sind, sind eine konservative bis sehr konservative Gemeinschaft, die eine Lesart des Verfassungsrechts hat, das sich deutlich von anderen Ländern unterscheidet. Oder anders formuliert: sie nehmen am internationalen Diskurs nicht teil.
Detjen und Steinbeis zeichnen den damaligen Diskurs nach, der dazu führte, dass nationalpopulistische Meinungen hoffähig wurden.
Auch wenn Detjen und Steinbeis einen Teil der Schuld bei den Medien sehen, die entsprechend der Aufmerksamkeitsökonomie berichteten und die schon lange keine auch nur halbwegs tiefschürenden juristischen Analysen und Diskurse initiieren und moderieren, liegt die größte Schuld bei der Regierung. Die CDU erklärte und verteidigte ihre Politik nicht, sondern schwieg und erging sich anschließend in nebulösen Erklärungen. Die CSU spielte, mal wieder, Opposition in der Regierung. So verfestigte sie den Eindruck, dass es einen Rechtsbruch und eine „Herrschaft des Unrechts“ gegeben habe.
Die hat es allerdings nie gegeben.
Detjen und Steinbeis erklären das sehr schlüssig in ihrem Sachbuch, das auch einen gelungenen Einblick in die Kaste der Staatsrechtler liefert.
Stephan Detjen/Maximilian Steinbeis: Die Zauberlehrlinge – Der Streit um die Flüchtlingspolitik und der Mythos vom Rechtsbruch
Schule ist, wie wir vor allem aus US-Highschoolfilmen wissen, die Hölle. Bei uns gibt es ja nur Paukerfilme, „Fack ju Göhte“ und die eigenen, gar nicht so schlimmen Erfahrungen. Jedenfalls im Vergleich zu dem, was an US-Schulen passiert.
Für Marcus Lopez ist eine Schule allerdings in mehrfacher Hinsicht ein Fortschritt. Er muss dann nicht mehr in San Francisco auf der Straße leben, er erhält Bildung, ein Dach über dem Kopf und, in dieser Schule, sogar eine Zusatzausbildung als Profikiller. Denn selbstverständlich muss auch die Kunst des Tötens gelehrt werden. An der elitären, im Geheimen existierenden Kings-Dominion-Schule der Tödlichen Künste, in der meistens schon die Eltern und Großeltern der jetzigen Schüler das Assassinen-Handwerk lernten, steht auch die Kunst des Tötens auf dem Lehrplan.
Gerade diese Ausbildung gefällt Marcus besonders gut. Denn er will Ronald Reagan töten. Der hat nämlich dafür gesorgt, dass alle psychiatrischen Anstalten kein Geld mehr erhalten. Also entließen die Anstalten ihre Patienten und eine der Entlassenen tötete Marcus‘ Eltern.
Bevor Marcus den Präsidenten der USA töten kann, muss er sich mit den normalen Schulproblemen herumschlagen: strenge Lehrer und schnöselige Schulkameraden und -kameradinnen. Diese Blicken, auch wenn Marcus nicht direkt von der Straße gekommen wäre, auf den Neuling herab. Davon abgesehen zerfallen sie in verschiedene Cliquen, die auch von den 80er-Jahre-Subkulturen beeinflusst sind. Sie sind die Söhne und Töchter von CIA-Agenten, Arischen Brüdern, Rednecks, Drogenbossen, South-Central-LA-Gangstern und Yakuza-Killern.
Die Coming-of-AgeProbleme zwischen Krach mit diesen verschiedenen Cliquen, Freundschaften, erster Liebe und ersten (?) Drogenerfahrungen nehmen dann auch in „Deadly Class“ einen großen Raum ein.
Rick Remender erfand vor sechs Jahren die Serie „Deadly Class“, die viele Reminiszenzen an achtziger Jahre (seine Schulzeit) enthält und von eigenen Erinnerungen inspiriert ist. Obwohl er damals in Phoenix Skatepunk hörte und San Francisco ganz weit weg war. Zeichner Wes Craig und Kolorist Lee Loughridge setzen die Geschichte in bunten Hardboiled-Noir-Bildern um, die gekonnt die Brücke zwischen Gegenwart und Vergangenheit schlagen.
Über die spannende Handlung kann ich allerdings wenig schreiben, weil der zweite Band an den ersten anknüpft.
Der dritte „Deadly Class“-Band „Die Schlangengrube“ ist für Mitte August angekündigt. Und weil die Serie in den USA seit Januar 2014 veröffentlicht wird und seitdem fast jeden Monat ein weiteres „Deadly Class“-Comicheft erscheint, ist für Nachschub gesorgt.
Inzwischen wurde aus dem Comic eine Syfy-Serie, die bei uns auf verschiedenen Streaming-Plattformen gezeigt wird. Nach dem stylischen Trailer sieht die Serie mehr nach den achtziger Jahren aus, als die achtziger Jahre jemals aussahen:
Rick Remender/Wes Craig/Lee Loughridge: Deadly Class: 1987 – Die Akademie der tödlichen Künste (Band 1)
(neu übersetzt von Michael Schuster)
Cross Cult, 2019
176 Seiten
16, 80 Euro
–
Originalausgabe
Deadly Class Volume 1: Reagan Youth
Image Comics, 2014
–
enthält
Deadly Class # 1 – 6
–
Rick Remender/Wes Craig/Lee Loughridge: Deadly Class: 1988 – Kinder ohne Heimat (Band 2)
(neu übersetzt von Michael Schuster)
Cross Cult, 2019
176 Seiten
16,80 Euro
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Originalausgabe
Deadly Class Volume 2: Kids of the Black Hole
Image Comics, 2015
–
enthält
Deadly Class # 7 – 11
–
Die deutschen Erstausgaben erschienen bei Panini Comics und wurden von Marc-Oliver Frisch übersetzt.
Wer hätte das gedacht? Nachdem die ersten drei Jussi-Adler-Olsen-Verfilmungen „Erbarmen“, „Schändung“ und „Erlösung“ massive Probleme hatten, machen die Macher bei der vierten Verfilmung alles richtig. Jedenfalls wenn man auf skandinavische Krimis steht und sich nicht an den oft elaborierten Plänen der Bösewichter und den Logiklöchern stört. Dass für die Verfilmung der Plot des Romans für den Film stark verändert wurde, kennen die Adler-Olsen-Fans von den vorherigen Sonderdezernat-Q-Verfilmungen.
Carl Mørck und sein Kollege Assad vom Sonderdezernat Q, der in den Keller verbannten Cold-Case-Abteilung der Polizei von Kopenhagen, stehen im Film „Verachtung“ vor einem wahrlich bizarren Rätsel. Als die Mietwohnung von Gitte Charles von Handwerkern aufgebrochen wird, entdecken sie eine luftdicht abgeschlossene Kammer. In dieser Kammer sitzen drei mumifizierte Menschen an einem Tisch. Ein Platz ist noch frei und die Mieterin der Wohnung, die seit zwölf Jahren pünktlich die Miete zahlt, ist verschwunden.
Durch die Rückblenden und den Subplot mit Dr. Curt Wad und der von ihm angeführten rechtsradikalen Partei kann man sich in Christoffer Boes Thriller schnell zusammenreimen, wie alles miteinander zusammenhängt. Entsprechend uninteressant ist für uns Zuschauer die Frage, wer der Mörder ist.
Im Roman wird das Zimmer mit den fünf Leichen erst kurz vor dem Finale entdeckt und geöffnet. Hier beginnen die Ermittlungen, weil Mørck und Assad sich wieder den Fall der 1987 spurlos verschwundenen ‚erotischen Tänzerin‘ Rita Nielsen vornehmen. Aufgrund der Umstände ihres Verschwindens glauben sie die offizielle These, dass sie sich selbst umbrachte, nicht. Als die Ermittler nach weiteren nicht gelösten Vermisstenfällen suchen, entdecken sie mehrere ähnlich gelagerte Fälle aus dem Jahr 1987. Sie fragen sich, ob es einen Zusammenhang gibt. Bei ihren Ermittlungen stoßen sie ebenfalls auf Dr. Wad und die Mietwohnung, die im Film von Gitte Charles, im Roman von Nete Rosen, geborene Hermansen, seit Jahren pünktlich bezahlt wird.
Weil Jussi Alder-Olsen den Roman auf zwei bis drei Zeitebenen (der Roman spielt 2010 und 1987, wo die Täterin sich an ihre Kindheit und Jugend in den fünfziger Jahren erinnert) spielen lässt, gibt es hier für den Leser ebenfalls keine großen Überraschungen. Der Roman zerfällt letztendlich in eine 1987 spielende Rachegeschichte und einen 2010 spielenden Ermittlerkrimi.
Der Film legt dagegen den Schwerpunkt auf den Thrillerplot, in dem Mørck und Assad gegen einen scheinbar übermächtigen Gegner kämpfen müssen. Damit entwickelt sich die sinnvoll entwickelte Geschichte, mit deutlichen Unterschieden zur Romangeschichte, spannend auf die finale Konfrontation(en) zwischen Mørck, Assad, Gitte Charles/Nete Hermansen (der Mieterin der Wohnung mit dem Todeszimmer) und Dr. Wad und seiner Organisation.
Außerdem gibt es im Film zwei wichtige, im Buch nicht enthaltene Subplots. In dem einen kümmert sich Assad um eine junge, schwangere Nichte. Weil ihr Vater davon nichts erfahren soll, geht sie zu dem renommierten Abtreibungsarzt Dr. Wad, der immer noch die Gesellschaft vor lebensunwertem Leben beschützen will.
Gleichzeitig will Assad aufgrund einer Beförderung das Team verlassen. Mørck, der immer behauptet, es sei ihm egal, ist nicht damit einverstanden. Aber er sagt es nicht.
Trotzdem, und das ist die schon seit dem ersten Film überfällige Veränderung, arbeiten sie, wozu auch ihre Assistentin Rose gehört, zusammen und sie werden erstmals als sich ergänzendes und sich vertrauendes Team gezeigt. Außerdem ist Mørck nicht mehr, wie in den vorherigen Filmen (und auch noch im Buch) der blindgeleitete Sturkopf, der ohne irgendwelche Beweise Spuren verfolgt, ständig Grundlagen des Ermittlerhandwerks ignoriert und alle beleidigt. Er war bis jetzt das unaufmerksame Kind, das man mit einem Gameboy in die Ecke setzt, damit die Erwachsenen ihre Arbeit tun können. In „Verachtung“ arbeitet er endlich mit. Er ist Teil des Teams.
Das Thema des Films ist historisch verbürgt, erschreckend, immer noch aktuell und wird als Mordmotiv im Trailer noch deutlicher verraten als im Klappentext des Buches.
Von 1923 bis 1961 wurden auf der Insel Sprogø Frauen gebracht, die mit dem Gesetz oder den damaligen Moralvorstellungen in Konflikt gerieten oder für debil erklärt wurden. Dort wurden sie drangsaliert und sterilisiert. Diese Sterilisationen geschahen aufgrund damals gültiger Gesetze zur Rassenhygiene und Eugenik. In Dänemark waren für diese Gesetze und ihre Durchführung sozialdemokratische Regierungen verantwortlich.
Zwischen 1929 und 1967 wurden in Dänemark etwa elftausend Personen, vor allem Frauen, sterilisiert. Etwa die Hälfte der Fälle waren Zwangssterilisationen. In „Verachtung“ führt Dr. Wad, ein glühender Anhänger der Rassenlehre, diese Sterilisationen ohne das Einverständnis der Frauen durch.
So ist der Thriller eine willkommene Ergänzung im Feld der skandinavischen Kriminalfilme und die bislang beste Adler-Olsen-Verfilmung. All die von den Drehbuchautoren Nikolaj Arcel, Drehbuchautor der vorherigen Adler-Olsen-Verfilmungen „Erbarmen“, Schändung“ und „Erlösung“, Mikkel Nørgaard, Regisseur der Adler-Olsen-Verfilmungen „Erbarmen“ und „Schändung“, und Bo Erhard Hansen gemachten Änderungen stärken die Geschichte, ohne sie zu verraten. Im Rahmen eines konventionellen Thrillerplots wird sogar Adler-Olsens Anklage gegen die staatlich verordneten Zwangssterilisationen und sein Hinweis auf das Fortbestehen rassistischen Denkens deutlicher.
Der Roman selbst ist ein langweiliges Desaster. Über viele Seiten herrscht immer wieder Stillstand. Überraschende Wendungen gibt es nicht. Und auch sonst fehlt „Verachtung“ alles, was man von einem Thriller erwartet. Naja, eigentlich erwartet man von einem Thriller nur diese atemlose Spannung, die einen immer weiter lesen lässt, auch wenn langsam die Sonne aufgeht.
Inzwischen ist mit „Marco effekten“ für 2020 eine fünfte Sonderdezernat-Q-Verfilmung angekündigt. Dann allerdings mit Ulrich Thomsen und Zaki Youssef als Carl Mørck und Assad.
Drehbuch: Nikolaj Arcel, Bo Erhard Hansen, Mikkel Nørgaard
LV: Jussi Adler-Olsen: Journal 64, 2010 (Verachtung)
mit Nikolaj Lie Kaas, Fares Fares, Johanne Louise Schmidt, Søren Pilmark, Fanny Leander Bornedal, Clara Rosager, Luise Skov, Amanda Radeljak, Anders Hove, Nicolas Bro, Elliott Crosset Hove, Birthe Neumann, Anders Juul, Michael Brostrup, Marianne Høgsbro
Der Titel und das Cover sind schon einmal zu gute Argumente, um das Buch zu lesen. Also jedenfalls, um mit der Lektüre zu beginnen. Auch der Klappentext klingt interessant.
Aber das heißt vor allem, dass die Werbeabteilung gute Arbeit geleistet hat.
Fachlicher ist da schon die Krimibestenliste. Dort steht Johannes Groschupfs „Berlin Prepper“ auf dem ersten Platz.
Groschupf, ein früherer Reisejournalist und Jugendbuchautor, erzählt in „Berlin Prepper“ eine Geschichte nah an den aktuellen Schlagzeilen und gesellschaftlichen Problemen. Sein Ich-Erzähler, der Mittvierziger Walter Noack, ist Content Moderator einer großen Zeitung (die ungefähr im Axel-Springer-Hochhaus beheimatet ist). Er liest und löscht unzählige Leserkommentare. Im Sekundentakt muss er entscheiden, ob ein pöbelnd-hetzerischer Kommentar gegen die Regierung und Flüchtlinge noch gerade zu tolerieren ist oder gelöscht werden muss.
In seiner Freizeit ist er ein Prepper. In seiner Wohnung lagert er Vorräte für mehrere Monate und alle erdenklichen Katastrophen (Kleiner Hinweis: es gibt auch andere Dosennahrung als Ravioli). In der Stadt hat er einige Verstecke mit Vorräten angelegt. Er treibt Sport, lebt allein und hat sporadisch Kontakt zu seinem erwachsenem Sohn Nick.
Eines Nachts wird er beim Verlassen des Redaktionsgebäudes zusammengeschlagen. Der Täter kann unbekannt entkommen.
Wenige Wochen später wird seine Kollegin Peppa, eine Studentin, mit der er befreundet ist, ebenfalls vor dem Redaktionsgebäude angegriffen. Sie kann sich allerdings wehren und beißt dem Angreifer in die Hand.
Die an den Ermittlungen desinteressierte Polizei kommt bei ihren Ermittlungen nicht weiter. Also beginnen Noack, Nick und Peppa den Täter zu suchen. Er soll aus dem Containerdorf für Flüchtlinge kommen.
Zur gleichen Zeit gerät Noack immer stärker in die rechte und Reichsbürgerszene, die sich für einen kommenden Krieg präpariert und sehr gute Kontakte zur Polizei hat.
Das liest sich jetzt vielleicht wie der Auftakt für einen spannenden Thriller. Immerhin wird „Berlin Prepper“ als Thriller angekündigt. Aber das ist er nicht. Eher schon ein Roman und das Psychogramm eines Mannes, der ein Prepper ist und der etwas ins rechte Milieu hineinschnuppert.
Groschupf schildert das mit einem Blick für Details, die für ein authentisches Berlin-Feeling sorgen. Die zahlreichen Nennungen von Straßen und Plätzen tragen ebenfalls dazu bei. Auch sprachlich überzeugt der Roman, der nicht witschig sein will und auch dem Leser auch nicht die richtige Meinung einhämmern will. Kühl, fast wie ein objektiver Beobachter, schildert Noack sein Leben und warum es sinnvoll ist, sich auf Katastrophen vorzubereiten. Er selbst erlebte als Jugendlicher Tschernobyl und die darauf folgende Angst vor Strahlen. Ältere Berliner erinnern sich noch an die Luftbrücke und noch immer gibt es von der Regierung Hinweise für den Fall einer Katastrophe. Ein ausreichender Vorrat von Lebensmitteln gehört dazu.
Umso enttäuschender ist der Plot. Wenn man „Berlin Prepper“ streng innerhalb der Konventionen eines Thrillers betrachtet, muss man sogar von einem Reinfall sprechen.
Noack findet viel zu leicht heraus, wer die Straftaten begangen hat. Letztendlich gestehen die Täter ihm frank und frei, was sie warum getan haben und das Finale (laut Klappentext: „während der brutalen Sommerhitze zu Großbränden, Unruhen und offener Anarchie kommt“) enttäuscht. In dem Moment will auch keine Spannung aufkommen, weil es keinen Antagonisten gibt und es auch vollkommen unklar ist, auf welchen finalen Konflikt die Geschichte sich hinbewegt. Denn die verschiedenen Täter sind schon vor dem Finale überführt und, was entscheidender ist, Noack interessiert sich nicht weiter für sie. Die im Finale folgenden Ereignisse haben dann auch keine sich aus den vorherigen Ereignissen ergebenden Konsequenzen, weil sie mit diesen Ereignissen nichts zu tun haben. Emotional berühren sie nicht.
Als Roman, sozusagen als verspätete Coming-of-Age-Geschichte, in der der Protagonist am Ende der Geschichte endlich seinen Heimatort verlässt, ist das etwas anderes. Aber mit dieser Leseerwartung bin ich nach Cover und Klappentext nicht an „Berlin Prepper“ herangegangen.
Letztendlich ist „Berlin Prepper“ ein Roman, der eine gute Idee, aber keinen Plot hat. Er ist nicht wirklich schlecht, aber auch nie so gut, wie die Werbeabteilung verspricht und man nach dem ersten Platz auf der Krimibestenliste glauben könnte.
Klinger, der vornamenlose Protagonist in Jim Nisbet neuestem Noir „Welt ohne Skrupel“, ist ein kleiner Verbrecher. Ganz unten auf der Futterleiter. Seine Coups gehen meistens schief. Immerhin gelingt es ihm immer wieder, in San Francisco der Polizei zu entkommen. Danach muss er seine Ex-Frau um Geld bitten. Dass Klinger jemals seine Schulden bezahlt, erwartet sie nicht. Auch der Wirt in Klingers Stammlokal und der Vermieter in der billigen Absteige, in der er übernachtet, sind erstaunt, wenn Klinger mal etwas Geld hat, mit dem er mehr als eine Nacht bezahlen kann und sogar seine Schulden etwas abstottern kann.
Als er nach einem Taschendiebstahl, bei dem er assistierte, das Smartphone eines App-Entwicklers hat, verändert sich sein Leben. Denn der Entwickler hat sich gerade mit seiner Geschäftspartnerin zerstritten (sie hat ihn finanziell gnadenlos über den Tisch gezogen) und jetzt will sie unbedingt dieses Telefon haben.
Plötzlich ist Klinger in einer Welt, die er bisher nicht kannte. Nicht, weil er keinen Computer besitzt, sondern weil hier Geldsummen bewegt werden, von denen er bislang nicht zu träumen wagte.
Unter Noir-Fans ist der 2017 von San Francisco nach Sausalito umgezogene Jim Nisbet ein bekannter Name. Bei Pulp Master erschienen in den vergangenen Jahren seine tiefschwarzen Romane „Dunkler Gefährte“, „Der Krake auf meinem Kopf“ und „Tödliche Injektion“. Der Noir, inzwischen ein kleiner Klassiker, erschien in den USA erstmals im kultigen Black Lizard Verlag.
„Welt ohne Skrupel“ ist ein weiterer tiefschwarzer Noir. Wie der Titel schon andeutet, ist die von Jim Nisbet präzise gezeichnete Welt eine Welt, in der jeder jeden betrügt und Nächstenliebe eine Mischung aus etwas Geld und einem kostenlosen Drink ist. Viel mehr soll über die sparsame Handlung dieser starken Charakterstudie eines alternden Möchtegern-Verbrechers, dessen Leben bislang sogar für eine richtige Gefängniskarriere zu uninteressant war, nicht verraten werden.
Nisbet zeichnet eine kalte Welt ohne Skrupel und auch ohne Mitleid. Aber einer wie Klinger lässt sich davon nicht unterkriegen. Oder doch?
TV-Premiere. Die Geschichte von Anne Frank, die sich mit ihrer Familie von 6. Juli 1942 bis 4. August 1944 in Amsterdam in einem Hinterhaus vor den Nazis versteckte. Bis zu ihrer Entdeckung schrieb sie ein Tagebuch, das, neben weiteren Schriftstücken aus dem Archiv des Anne Frank Fonds, die Grundlage für das berührende Drama bildete.
Nach ihrer Entdeckung werden sie nach Auschwitz gebracht. Bis auf Anne Franks Vater Otto sterben sie in verschiedenen KZs. Anne Frank stirbt an Typhus Ende Februar/Anfang März 1945 im Lager Bergen-Belsen.
Hans Steinbichlers „Das Tagebuch der Anne Frank“ ist, nach einem Drehbuch von Fred Breinersdorfer, der erste deutsche Kinofilm, der die Geschichte von Anne Frank erzählt. Es ist ein sehr sehenswerter Film.
mit Lea van Acken, Martina Gedeck, Ulrich Noethen, Stella Kunkat, André Jung, Margarita Broich, Leonard Carow, Arthur Klemt, Gerti Drassl, Stefan Merki
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Die Vorlage
Wer nach (oder vor) dem Film so richtig in die Schriften von Anne Frank einsteigen möchte, sollte sich die Gesamtausgabe, die auch ganz banal „Gesamtausgabe“ heißt, zulegen. In ihr sind die verschiedenen Versionen ihres Tagebuchs (es gibt das ursprüngliche Tagebuch, eine von ihr für eine Veröffentlichung schon überarbeitete Fassung, die von ihrem Vater Otto Frank für die Veröffentlichung erstellte Fassung und die von Mirjam Pressler 2001 im Auftrag des Anne Frank Fonds erstellte und autorisierte „Version d“, die die heute verbindliche Fassung ist und in der für frühere Veröffentlichungen gekürzte und weggelassene Teile wieder aufgenommen wurden), die „Geschichten und Ereignisse aus dem Hinterhaus“ (ihre Erzählungen, die teils auf selbst Erlebtem basieren und die auch teils von ihr in ihr Tagebuch übernommen wurden), weitere Erzählungen, Briefe, Einträge in Poesiealben, „Das Schöne-Sätze-Buch“ (das hauptsächlich eine Sammlung von Texten, die ihr gefielen und die sie im Versteck abschrieb, ist) und ‚Das Ägyptenbuch‘ (das ebenfalls vor allem aus anderen Texten besteht und das Anne Franks Faszination für das alte Ägypten dokumentiert) abgedruckt. Damit ist ihr schriftstellerisches Gesamtwerk in diesem Buch enthalten.
Ergänzt wird der Sammelband durch Fotos und Dokumente über sie und ihre Familie und vier Aufsätze über Anne Frank, ihre Familie, den zeitgeschichtlichen Kontext und die Rezeptionsgeschichte.
Diese umfassende Ausgabe eignet sich vor allem für das vertiefte und auch vergleichende Studium.
Für den Hausgebrauch reicht natürlich auch die Ausgabe ihres Tagebuchs.
– Anne Frank: Gesamtausgabe (herausgegeben vom Anne Frank Fonds) (übersetzt von Mirjam Pressler) Fischer, 2015 816 Seiten
12,99 Euro
– Deutsche Erstausgabe
Fischer, 2013
– Hinweise Homepage zum Film Filmportal über „Das Tagebuch der Anne Frank“ Moviepilot über „Das Tagebuch der Anne Frank“
Wikipedia über „Das Tagebuch der Anne Frank“ (deutsch,englisch) und Anne Frank (deutsch, englisch) Der Anne Frank Fonds
Die bekannte Geschichte der am 12. Juni 1929 geborenen Anne Frank, die sich in Amsterdam während des Zweiten Weltkriegs mit ihrer Familie in einem Hinterhaus versteckte, erzählt Raymond Ley primär aus der Sicht von Annes Vater Otto Frank, der den Krieg überlebte.
„Die künstlerisch ambitionierte Collage setzt sich eindrucksvoll aus Spielszenen und dokumentarischen Einsprengseln zusammen.“ (Lexikon des internationalen Films)
mit Mala Emde, Götz Schubert, Axel Milberg, Lion Wasczyk, Harald Schrott, André M. Hennicke
Wer nach (oder vor) dem Film so richtig in die Schriften von Anne Frank einsteigen möchte, sollte sich die Gesamtausgabe, die auch ganz banal „Gesamtausgabe“ heißt, zulegen. In ihr sind die verschiedenen Versionen ihres Tagebuchs (es gibt das ursprüngliche Tagebuch, eine von ihr für eine Veröffentlichung schon überarbeitete Fassung, die von ihrem Vater Otto Frank für die Veröffentlichung erstellte Fassung und die von Mirjam Pressler 2001 im Auftrag des Anne Frank Fonds erstellte und autorisierte „Version d“, die die heute verbindliche Fassung ist und in der für frühere Veröffentlichungen gekürzte und weggelassene Teile wieder aufgenommen wurden), die „Geschichten und Ereignisse aus dem Hinterhaus“ (ihre Erzählungen, die teils auf selbst Erlebtem basieren und die auch teils von ihr in ihr Tagebuch übernommen wurden), weitere Erzählungen, Briefe, Einträge in Poesiealben, „Das Schöne-Sätze-Buch“ (das hauptsächlich eine Sammlung von Texten, die ihr gefielen und die sie im Versteck abschrieb, ist) und ‚Das Ägyptenbuch‘ (das ebenfalls vor allem aus anderen Texten besteht und das Anne Franks Faszination für das alte Ägypten dokumentiert) abgedruckt. Damit ist ihr schriftstellerisches Gesamtwerk in diesem Buch enthalten.
Ergänzt wird der Sammelband durch Fotos und Dokumente über sie und ihre Familie und vier Aufsätze über Anne Frank, ihre Familie, den zeitgeschichtlichen Kontext und die Rezeptionsgeschichte.
Diese umfassende Ausgabe eignet sich vor allem für das vertiefte und auch vergleichende Studium.
Für den Hausgebrauch reicht natürlich auch die Ausgabe ihres Tagebuchs.
– Anne Frank: Gesamtausgabe (herausgegeben vom Anne Frank Fonds) (übersetzt von Mirjam Pressler) Fischer, 2015 816 Seiten
12,99 Euro
– Deutsche Erstausgabe
Fischer, 2013
Für eine erfolglose TV-Serie ist „Firefly“ erstaunlich langlebig. Zwischen September und Dezember 2002 wurden in den USA elf Folgen ausgestrahlt, ehe die Serie eingestellt wurde. Die restlichen drei bereits produzierten Folgen zeigte Fox im Juni und Juli 2003. Aber die DVD verkaufte sich prächtig. 2005 kam der die Serie fortsetzende Film „Serenity – Flucht in neue Welten“ in die Kinos. In Deutschland erschien die DVD mit allen Serienfolgen parallel zum Filmstart und 2009 zeigte Super RTL sie. Nach dem Serienende gab es mehrere Comics, eine Romanfassung des Kinofilms und jetzt den ersten offiziellen Roman zur von Joss Whedon erfundenen humorvollen Science-Fiction-Westernserie.
Im Mittelpunkt der Serie steht Captain Malcolm ‚Mal‘ Reynolds, ein ehemaliger Soldat des Widerstands gegen die Allianz im Vereinigungskrieg. Die Seite, auf der er kämpfte, verlor. Bei der Buchlektüre musste ich, auch wenn wir letztendlich nichts über die Hintergründe des Krieges erfahren, immer an den US-amerikanischen Bürgerkrieg denken und damit wäre Reynolds ein Südstaatler, der immer noch nicht verwinden kann, dass er zu den Kriegsverlierern gehört. Seit dem Kriegsende düst Reynolds mit seinem Schiff, der Serenity, als Abenteurer und Halunke durch das Weltall.
Zur Besatzung der Serenity gehören Zoë Washburne, Erster Offizier der Serenity und eine alte Kampfgefährtin von Reynolds bei ihrem Kampf gegen die Allianz, Zoës Mann Hoban ‚Wash‘ Washburne, der begnadete und humorvolle Pilot der Serenity, die ebenso begnadete Schiffsmechanikerin Kaywinnit Lee „Kaylee“ Frye und der einfältige Söldner Jayne Cobb. Die ständigen Schiffsgäste und letztendlich inzwischen auch Teil der Besatzung sind der Companion (vulgo Kurtisane) Inara Serra, der geheimnisumwitterte Geistliche Shepherd Derrial Book, und die Geschwister Dr. Simon und River Tam. Er ist ein Arzt. Sie eine Hochbegabte, mit ungewöhnlichen geistigen und körperlichen Fähigkeiten. Deswegen wurde sie von der Allianz mit einem Stipendium geködert und dann gefoltert. Er befreite seine Schwester. Seitdem werden sie von der Allianz gejagt. Die Männer und Frauen der Serenity sind eine bunte Mischung liebenswerter Charaktere.
Ihre Abenteuer erleben sie meistens auf abgelegenen Planeten, auf denen die Technik noch nicht so wahnsinnig weit entwickelt ist und im Zweifelsfall das Recht des Stärkeren und die Ganovenehre gelten. Wie im Wilden Westen.
Die Serie ist ein netter Zeitvertreib, die niemals ihr Potential auch nur halbwegs ausschöpfen konnte. Das lag auch daran, dass die Serie unentschlossen zwischen durchgehender Geschichte und Einzelgeschichten pendelt und so nie klar wird, in welche Richtung Joss Whedon die Serie über mehrere Staffeln entwickeln wollte.
In dem jetzt erschienenem, ersten offiziellem Roman zur TV-Serie hat die Serenity auf Persephone gerade mehrere Kisten hochexplosiven Sprengstoff geladen. Vor dem Abflug will Malcolm Reynolds sich noch mit Hunter Covington treffen. Der ihm unbekannte Mann übergibt Reynolds bei ihrem Treffen dann allerdings nicht die versprochene Ware, sondern nimmt ihn gefangen und entführt ihn an einen unbekannten Ort.
Während die Mannschaft der Serenity Reynolds sucht, muss er sich einer illegalen Gerichtsverhandlung stellen. Ihm wird vorgeworfen, seine Freunde im Vereinigungskrieg verraten zu haben.
„Großer, verdammter Held“ ist der erste „Firefly“-Roman von James Lovegrove. Er schrieb ihn nach einem Story-Konzept von Nancy Holder. Lovegrove war für den Arthur C. Clarke Award und den John W. Campbell Award nominiert. Er schrieb mehrere Sherlock-Holmes-Romane und die Cthulhu Casebooks. Sein Debüt „The Hope“ (1990) erschien 1998 im Heyne-Verlag als „Die Hoffnung“ und ist nur noch antiquarisch erhältlich.
In seinem ersten „Firefly“-Roman erzählt er jetzt eine Geschichte, die tief in Reynolds Vergangenheit eintaucht. Auch über Sheperd Book erfahren wir einige Details aus seiner Vergangenheit, während die Geschichte zwischen den verschiedenen Handlungssträngen hin und herspringt. Denn, wie in der TV-Serie, muss jede Figur etwas zu tun haben. Dabei wird Reynolds, auch wenn er sich über viele Buchseiten an seine Jugend auf dem Planeten Shadow erinnert, zu einer auf seinen Prozess und seine Rettung wartenden Nebenfigur. Er wird von seinen Entführern, meistens betäubt, zum Ort der Verhandlung transportiert, die mit seinem Tod enden soll.
Währenddessen gestaltet sich die Suche der „Serenty“-Besatzung nach dem spurlos verschwundenen Reynolds schwierig. Das liegt vor allem daran, dass die in der „Firefly“-Welt verwandte Technik sogar aus heutiger Sicht ziemlich altmodisch ist. Mit einem GPS-Tracker wären unsere Helden von der Serenity nämlich schnell am Ziel gewesen. So sind schnell gut dreihundertfünfzig Seiten mit farbenprächtigen Abenteuer auf fremden Welten gefüllt sind.
„Großer, verdammter Held“ ist natürlich vor allem für die Fans der Serie geschrieben. So erzählt Lovegrove wenig über die Serenity-Besatzung. Schließlich wissen die Fans der Serie alles über sie und für sie müssen die Charaktere und ihre Geschichte nicht über viele Seiten vorgestellt werden. Der Tonfall ist in diesem Roman weniger humoristisch als in der TV-Serie, was natürlich auch daran liegt, dass wir im Roman nicht Nathan Fillion, der Captain Malcolm Reynolds spielt, sehen können.
In den USA erschien Ende März „The Magnificent Nine“, Lovegroves zweiter „Firefly“-Roman. Schon der Titel klingt nach einer waschechten „Firefly“-Geschichte. Die TV-Serie ist ja deutlich vom Western beeinflusst und spielt immer wieder mit Western-Motiven. Mit „The Ghost Maschine“ hat Lovegrove bereits einen dritten „Firefly“-Roman geschrieben.
James Lovegrove: Firefly: Großer, verdammter Held
(nach einem Story-Konzept von Nancy Holder, basierend auf der TV-Serie von Joss Whedon)