Georges pflegt seine Frau Anne, mit der er seit Jahrzehnten verheiratet ist – und Michael Haneke beobachtet diesen Weg in den Tod mit der ihm eigenen Präzision.
Der grandiose Film erhielt unter anderem die Goldene Palme (kurz nach seiner Weltpremiere), den Oscar als bester ausländischer Film (er war auch nominiert als bester Film, beste Regie, bestes Drehbuch und beste Hauptdarstellerin), mehrere Césars und viele weitere Preise.
Kürzlich erschienen und mit deutlich über eintausendreihundert Seiten kein leichtes Buch: „Die Drehbücher“ von Michael Haneke. Es enthält die Drehbücher der Kinofilme von Michael Haneke. Das sind „Der siebente Kontinent“ (1989), „Benny’s Video“ (1992), „71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls“ (1994), „Der Kopf des Mohren“ (1995, verfilmt von Paulus Manker), „Funny Games“ (1997, US-Remake 2008), „Code: Unbekannt“ (2000), „Die Klavierspielerin“ (2001), „Wolfzeit“ (2003), „Caché“ (2005), „Das weiße Band“ (2009), „Liebe“ (2012), „Flashmob“ (noch nicht verfilmt) und „Happy End“ (2017).
Der für uns neue Roman „Das dunkle Herz der Stadt“ von Noir-Poet George Pelecanos ist ein altes Werk. Im Original erschien der Privatdetektiv-Krimi bereits 1995 und er bildet den krönenden Abschluss seiner Nick-Stefanos-Trilogie. Die ersten beiden Bände – „A Firing Offense“ (1992) und „Nick’s Trip“ (1993) – sind noch nicht ins Deutsche übersetzt.
Nach den Stefanos-Romanen und dem Gangsterkrimi „Shoedog“ (ebenfalls noch nicht übersetzt) schrieb Pelecanos das legendäre „DC Quartett“ („Das große Umlegen“/“Big Blowdown“ [The big Blowdown, 1996], „King Suckerman“ [King Suckerman, 1997], „Eine süße Ewigkeit“ [The sweet Forever, 1998], „Shame the Devil“ [2000]). Diese vier Romane wurden schnell und fast vollständig ins Deutsche übersetzt und seitdem immer wieder neu aufgelegt. In diesen Romanen entwirft er eine mehrere Jahrzehnte umspannende Chronik Washingtons abseits der großen Politik. Stattdessen gibt es einen intimen Blick in das Leben der griechischen Einwanderergemeinschaft, soziopolitischer Strömungen und wie Drogen die Stadt infiltrierten.
Die Nick-Stefanos-Romane sind dagegen schlanke, in der ersten Person geschriebene, voneinander unabhängige, in der Hardboiled-Tradition stehenden Privatdetektiv-Kriminalromane.
In „Das dunkle Herz der Stadt“ hat Nick Stefanos das Ermittlerdasein zugunsten eines Lebens als Barkeeper und Alkoholiker aufgegeben. Während einer dieser Nächte beobachtet er stockbesoffen wie am Anacostia River ein schwarzer Teenager ermordet wird. Für die Polizei ist das ein Fall von Gang-Kriminalität. Entsprechend schnell stellt sie ihre Ermittlungen ein. Aber Nick weiß, dass Gangs keine Schalldämpfer benutzen und dass sich niemand außer ihm für den Mord an Calvin Jeter interessiert. Also beginnt er die Täter zu suchen.
Der Krimi ist ein guter Abschluss von Pelecanos‘ Frühwerk. Es ist aber nicht der letzte Aufritt von Nick Stefanos. Weil Pelecanos schnell sein fiktives Washington erschuf, tritt Stefanos auch in den späteren Romanen von Pelecanos auf. Nicht als Protagonist, auch nicht als wichtiger Charakter, sondern als Teil der in Washington lebenden Menschen.
Für einen Einstieg in die düstere Welt von George Pelecanos eignet sich „Das dunkle Herz der Stadt“ vorzüglich. Und selbstverständlich für alle Fans von Privatdetektiv-Krimis.
Welcome back in Burke-County. Dave Robicheaux lebt immer noch in New Iberia, eine Kleinstadt im Südwesten von Louisiana. Sein Geschäft für Anglerbedarf hat er inzwischen an Baptist verkauft. Seine Adoptivtochter Alafair geht aufs College und er lebt das Leben eines allein lebenden Witwers.
Als der im Sterben liegende Troy Bordelon ihm von einem blutbeschmiertem Stuhl erzählt, den er vor Jahrzehnten gesehen hat, erinnert sich Robicheaux an den Sommer von 1958 und die heiße Affäre zwischen seinem Halbbruder Jimmie und der Prostituierten Ida Durbin. Gemeinsam wollten sie nach Mexiko flüchten. Vor ihrer Flucht verschwand sie spurlos.
Jetzt fragt Robicheaux sich, ob sie damals ermordet wurde. Und was die vermögende und einflussreiche Familie Chalon damit zu tun hat.
Gleichzeitig wird er in die Jagd nach dem Baton-Rouge-Serienkiller verwickelt.
In den USA erschien der vierzehnte Dave-Robicheaux-Roman „Flucht nach Mexiko“ bereits 2005 und er hat all die Vor- und Nachteile von James Lee Burkes Spätwerk.
Der trockene Alkoholiker Robicheaux benimmt sich oft wie ein Halbstarker. Sein Kumpel Clete Purcel, ein ehemaliger Kollege beim New Orleans Police Department und Privatdetektiv, ist noch schlimmer. Er hat einen „Hang, stets das reinste Chaos zu hinterlassen“ (Robicheaux). Trotzdem, oder gerade deswegen, sind sie ein nicht zu stoppendes Team. Während Purcel keine Regeln beachten muss und daher ständig Ärger mit dem Gesetz hat, ignoriert Detective Robicheaux bei seinen Alleingängen das Gesetz und alle Dienstvorschriften immer wieder.
Mit zunehmendem Alter wirkt dieses halbstarke, stets Gewalt provozierende und ausübende Verhalten der beiden Männer doch etwas pubertär. Denn, wenn wir die Mathematik machen, war Dave Robicheaux 1958 ungefähr zwanzig Jahre (plus/minus und das macht ihn zum alter ego von seinem Erfinder, dem 1936 geborenen James Lee Burke). 2005, als der in der Gegenwart spielende Roman erschien, war Robicheaux also Mitte Sechzig und damit im pensionsfähigen Alter. In den seitdem erschienenen Robicheaux-Romanen wird das Problem noch offensichtlicher. Denn ein Robicheaux-Roman ist ohne Ausflüge in die Vergangenheit von Louisiana und die von Dave Robicheaux nicht denkbar. Das gibt ihm eine Biographie, die kaum verändert werden kann. Und, im Lauf der Serie, viele alte Bekannte, Freundinnen und reiche, einflussreiche Familien, mit denen er sich anlegt.
Aber während andere Autoren, deren Charaktere in Echtzeit alterten, wie Lawrence Blocks Matt Scudder (er war der erste Autor, der das machte) oder Ian Rankins John Rebus, sie in jeder Beziehung altern ließen und Rankin Rebus in Pension schickte, ignoriert James Lee Burke das Problem weitgehend. Sie spielen immer in der Gegenwart und Robicheaux arbeitet immer noch als Polizist,
Ein anderes Problem ist, dass in „Flucht nach Mexiko“, wie in anderen neueren Romanen von James Lee Burke, die verschiedenen Plots vor sich hin mäandern, bis nach fünfhundert Seiten alles eher hastig beendet wird.
Gleichzeitig, und das macht „Flucht nach Mexiko“ trotz allem lesenswert, gibt es immer wieder eindrucksvolle Schilderungen von Stimmungen, Landschaften, Ereignissen und Menschen. Schon die ersten Zeilen ziehen einen in den Roman hinein: „Es war das Ende einer Epoche, von der ich vermute, dass Historiker sie womöglich als das letzte Jahrzehnt der Amerikanischen Unschuld ansehen. Es war eine Zeit, an die wir uns weniger wegen bestimmter historischer Ereignisse als vielmehr in Bildern und Tönen erinnern – rosafarbene Cadillacs, Autokinos, stilisierte Straßenkriminelle, Rock ’n‘ Roll, in der Musikbox Hank und Lefty, der dirty bop, Baseballspiele am helllichten Tag, ausgeschlachtete ’32er Fords mit Mercury Maschinen, die mit einem Höllenlärm an Drive-in-Lokalen vorbei Rennen veranstalteten, das Ganze vor einer Kulisse aus Palmen, einer sich kräuselnden Brandung und einem violetten Himmel, den Gott ganz offensichtlich als filmisches Tribut an unsere Jugend erschaffen hat.“
Wer will da nicht weiterlesen?
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James Lee Burke: Flucht nach Mexiko – Ein Dave-Robicheaux-Krimi
Inzwischen arbeiten Hap Collins und sein Freund Leonard Pine mehr oder weniger regelmäßig und zuverlässig als Privatdetektive. Ihre Methoden haben sie dagegen kaum geändert. Eigentlich ist es nur eine Methode: kopflos in eine gefährliche Situation hineinstürzen, Chaos verursachen, die Situation verschlimmern und am Ende doch irgendwie lebendig das Abenteuer überstehen. Dabei erfreuen sie uns mit ihren Weisheiten über Gott und die Welt.
Die beiden Freunde könnten kaum gegensätzlicher sein. Hap Collins ist weiß, hetero und Peacenick. Ein desillusionierter Hippie. Leonard Pine ist schwarz, schwul, Republikaner und Vietnamveteran. Großmäulig sind beide und sie haben keine Abneigung gegen Gewalt. Wobei Hap, der Erzähler der Geschichten, da etwas skrupulöser ist. Oh, und beide sind Texaner. Also, genaugenommen Osttexaner.
Ihr erstes Abenteuer erlebten sie 1990 in „Wilder Winter“ (Savage Season). Thematisch ging es – sehr gelungen! – um die Auswirkungen von 1968 und was aus den damaligen revolutionären Idealen wurde. In schneller Folge schrieb Joe R. Lansdale weitere Collins/Pine-Romane, in denen die beiden immer wieder in Kriminalfälle hineinstolperten und die Gewaltspirale immer eskalierte. Nach sechs sehr vergnüglich-rauhbeinigen Abenteuern gab es ab 2001 eine mehrjährige Pause, die Lansdale 2009 mit „Das Dixie-Desaster“ (Vanilla Ride) beendete. 2011 erschien „Roter Drache“ (Devil Red). Seit 2016 erschienen insgesamt fünf neue Bücher mit Hap Collins und Leonard Pine, in denen sie älter, aber nicht viel klüger sind. Sie sind auch nicht viel älter. Denn nach dem sechsten Roman, „Machos und Macheten“ (Captain Outrageous, 2001) lässt Lansdale sie nicht mehr altern.
In ihrem neuen Abenteuer „Bissige Biester“ bittet Louise Elton sie herauszufinden, warum die Cops ihren Sohn Jamar ermordeten. Weil Leonard gerade unterwegs ist, beginnt Hap zunächst allein mit den Ermittlungen im Schwarzenviertel von Camp Rapture. Das sorgt für einige erwartbare Konfrontationen. Zunächst mit der lokalen jugendlichen Bevölkerung, später mit der Polizei.
Zusammen finden sie dann heraus, dass in einem stillgelegtem Sägewerk illegale Boxkämpfe durchgeführt werden, wenigstens einige Polizisten darin involviert sind und Jamar ihnen hinterherschnüffelte.
Gerade am Anfang plätschert die Geschichte vor sich hin. Lansdale, oder der Ich-Erzähler Hap Collins, erzählt mehr aus dem Alltag von Hap und seinen Unterhaltungen mit Leonard über Gott und die Welt. Das ist teils amüsant, oft eher zotig und bringt die Handlung nicht voran. Es wirkt sogar, als fülle Lansdale einfach Seiten mit Blödeleien, bis dann am Ende alles rasend schnell aufgeklärt wird.
„Bissige Biester“ ist wahrlich nicht das beste Abenteuer von Hap und Leonard. Es ist eher eine auf Romanlänge aufgeblähte Kurzgeschichte.
Fast zeitgleich erschien „Die Storys“. Der Sammelband enthält alle bislang erschienenen Kurzgeschichten mit Hap Collins und Leonard Pine und zwei Texte, in denen Joe R. Lansdale weitere Details über die beiden, ähem, Ermittler verrät. Enthalten sind:
Hyänen (Hyenas, 2011)
Veils Besuch (Veil’s Visit, 1999)
Mordsgutes Chili (Death by Chili, 1999)
Todsicher (Dead aim, 2013)
Der Junge, der unsichtbar wurde (The Boy who became invisible, 2009)
Keiner von uns (Not our kind, 2016, Erstveröffentlichung in diesem Band)
Gebogener Zweig (Bent Twig, 2014)
Joe R. Lansdale interviewt Hap Collins und Leonard Pine (Joe R. Lansdale interviews Hap Collins and Leonard Pine, 1999)
Wie ich Hap und Leonard hegte und pflegte, fütterte und großzog (The Care and Feeding and Raising Up of Hap and Leonard, 2016)
Für alte Collins/Pine-Fans ist „Die Storys“ natürlich essentiell. Endlich sind alle kürzeren Texte über die beiden in einem Buch gesammelt. Dabei sind auch Geschichten, die bislang nur schwer erhältlich waren. Auf Deutsch wurde, wenn ich nichts übersehe, noch keine Geschichte veröffentlicht.
Für Neueinsteiger ist „Die Storys“ dagegen eine zwiespältige Angelegenheit. So gibt es mit „Hyänen“ eine grandiose Kurzgeschichte, die als längste Geschichte des Buches alles hat, was man von einem Collins/Pine-Abenteuer erwartet und die die ideale Einstiegsdroge ist.
„Todsicher“ ist die zweite lange Geschichte des Sammelbands. In ihr sollen die beiden Privatdetektive eine Frau vor ihrem zukünftigen Exmann, der sie belästigt, beschützen. In „Gebogener Zweig“ hilft Hap seiner Freundin Brett. Ihre Tochter Tillie ist verschwunden. „Veils Besuch“, geschrieben mit Andrew Vachss, ist ebenfalls sehr gelungen. Weil Leonard wegen vorsätzlicher Brandstiftung an einem Crackhaus im Gefängnis sitzt, hilft ihm der aus New York kommende Anwalt Veil mit einer sehr abenteuerlichen Verteidigungsstrategie. Das ist ein urkomischer Lesespaß, aber keine typische Collins/Pine-Geschichte. „Mordsgutes Chili“ ist letztendlich nur ein Gespräch zwischen den beiden über einen rätselhaften, vor Jahren geschehenen Todesfall, bei dem unklar ist, ob es ein Mord oder ein Suizid war. „Der Junge, der unsichtbar wurde“ und „Keiner von uns“ erzählen Geschichten aus Hap Collins‘ Jugend. Es sind eindrückliche Geschichten über den alltäglichen Rassismus in Texas und wie Gewalt entsteht.
In den letzten beiden Texten erzählt Joe R. Lansdale über Hap Collins, Leonard Pine, ihre Welt, wie sie sich in den vergangenen Jahren veränderten und die Romane. Sie sind, wie die kürzeren Kurzgeschichten, primär Texte für die Fans von Hap Collins und Leonard Pine, die noch mehr über ihre Lieblinge erfahren wollen.
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P. S.: „Zu viele Knarren sind was anderes als zu viele Gitarren.“ (Hap Collins)
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Joe R. Lansdale: Bissige Biester
(übersetzt von Robert Schekulin)
Golkonda, 2018
272 Seiten
16,90 Euro
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Originalausgabe
Rusty Puppy
Mulholland Books, 2017
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Joe R. Lansdale: Hap & Leonard – Die Storys
(übersetzt von Robert Schekulin)
Golkonda, 2018
280 Seiten
16,90 Euro
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Originalausgabe
Hap and Leonard
Tachyon Publications, 2016
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Die Abenteuer von Hap Collins und Leonard Pine
Wilder Winter (Savage Season, 1990)
Texas Blues; Mucho Mojo (Mucho Mojo, 1994)
Mambo mit zwei Bären; Bärenblues (The Two-Bear Mambo, 1995)
Schlechtes Chili (Bad Chili, 1997)
Rumble Tumble (Rumble Tumble, 1998)
Machos und Macheten (Captain Outrageous, 2001)
Das Dixie-Desaster (Vanilla Ride, 2009)
Roter Drache (Devil Red, 2011)
Krasse Killer (Honky Tonk Samurai, 2016)
Hap & Leonard – Die Storys (Hap and Leonard, 2016)
Bissige Biester (Rusty Puppy, 2017)
Blood and Lemonade, 2017 (Kurzgeschichten, die einen Roman ergeben; bei Golkonda geplant für Frühjahr 2019)
Jackrabbit Smile (2018 bei Golkonda geplant für Herbst 2019)
The Elephant of Surprise (angekündigt für März 2019)
Heute wirken die neuen Spenser-Privatdetektivromane mit ihrer vertrauten Formel wie aus einer anderen Zeit. Der am 18. Januar 2010 überraschend verstorbene Robert B. Parker bemühte sich in seinen letzten Jahren nicht, irgendeinem Trend hinterherzuhecheln. Serienkiller kommen bei ihm nicht vor. Das Frauenbild ist, nach all den weiblichen Privatdetektiven und Actionheldinnen, inzwischen doch etwas anachronistisch. Rassen- und Geschlechterfragen werden seit Jahren entlang altbekannter Argumente geführt, die in den Siebzigern neu und in einem Kriminalroman revolutionär waren. Die Romane können, wie man es aus den klassischen Privatdetektiv-Krimiserien (wie Hercule Poirot, Nero Wolfe, Lew Archer,…) kennt, in jeder beliebigen Reihenfolge gelesen werden. Die Spenser-Romane sind inzwischen das literarische Äquivalent zu einer TV-Serie, in der es nur den Fall der Woche gibt, der Hauptcast ein gut funktionierendes Ensemble ist und Gaststars selten einen zweiten Auftritt haben.
Und seine Romane wurden in den vergangenen Jahrzehnten nicht länger. In den US-Ausgaben werden sie deshalb seit Ewigkeiten mit allerlei Layout-Tricks auf über dreihundert Seiten gepimpt. In Deutschland erscheinen die Spenser-Romane seit Jahren im Pendragon-Verlag und dort haben sie alle um die 220 Seiten. Das ist die Länge, die in den siebziger Jahren ein Krimi hatte. Und 1973 erschien mit „The Godwulf Manuscript“ der erste Spenser-Roman. Seitdem veröffentlichte Robert B. Parker ungefähr jedes Jahr einen weiteren Spenser-Roman. Ein Jahr nach seinem Tod erschien mit „Sixkill“ sein vierzigster Spenser-Roman. Seitdem schrieb Ace Atkins sieben weitere von der Kritik und Spenser-Fans gelobte Spenser-Romane.
„Rough Weather“, der jetzt als „Raues Wetter“ erstmals auf Deutsch erschien, ist der 36. Spenser-Roman und es ist alles wie immer. Das gilt auch und vor allem für die Elemente, mit denen Robert B. Parker in den Siebzigern den Privatdetektiv-Roman erneuerte und seitdem alle Autoren von Privatdetektiv-Krimis beeinflusste. Bis dahin war der Privatdetektiv ein einsamer Wolf.
Parker spaltete das Wesen des Ermittlers auf. Aus einem Mike Hammer, der Ermittler, Richter und Henker war, wurden Spenser, der Privatdetektiv, und sein Freund Hawk. Er ist als großer, schwarzer Mann, der skrupellos tötet und unendlich viele Sexabenteuer mit wunderschönen Frauen hat, Spenser dunkle Seite. Spenser und Hawk unterscheiden sich nicht in ihren Werten und Ansichten, sondern in der Wahl ihrer Mittel. Während Spenser noch versucht, die Sache friedlich zu lösen, hat Hawk die bösen Buben schon ermordet. Und während frühere Privatdetektive entweder sexuell inaktiv oder überaktiv waren, ist Spenser fest mit Susan Silverman liiert. Alle sexuellen Angebote von Frauen lehnt er standhaft ab. Sie ist Psychotherapeutin und damit, wenn wir im Freudschen Schema bleiben, sein Gewissen, mit dem er endlos diskutieren kann. Mit Silverman öffnete Parker den Privatdetektiv-Krimi auch hin zur Psychologie. Thematisch beschäftigte sich Spenser in seinen ersten Fällen mit all den Themen, die damals, in den siebziger und frühen achtziger Jahren in den Schlagzeilen standen.
Heute hat sich die von Parker mit Spenser und Hawk vorgenommene Trennung fest etabliert. Aktuelle Beispiele sind die Hap-Collins-Leonard-Pine-Geschichten von Joe R. Lansdale, die Myron-Bolitar-Krimis von Harlan Coben, die Dave-Robicheaux-Krimis von James Lee Burke (auch wenn Robicheaux ein Polizist ist) oder die, aktuell eher nicht übersetzten, Elvis-Cole-Joe-Pike-Romane von Robert Crais (wobei Elvis Cole zunächst allein ermittelte).
Die Spenser-Romane liest man heute, weil man einfach noch einmal einen Abend mit den bekannten Figuren und Parkers Sprache verbringen will. Denn auch wenn das Plotting in seinem Spätwerk nicht so überragend ist, gefällt der Sound immer noch.
In „Raues Wetter“ wird Spenser von Heidi Bradshaw als persönlicher Begleiter engagiert. Er soll bei der Hochzeit ihrer Tochter auf der Insel Tashtego einfach für sie da sein. Spenser nimmt den leichten Auftrag an. Schon vor der Hochzeit weiß er allerdings, dass irgendetwas nicht stimmt. Denn zu den Hochzeitsgästen gehört Rugar, der wegen seiner Kleidung auch ‚der graue Mann‘ genannt wird. Er ist wie Spenser und Hawk. Nur ohne deren moralischen Kompass.
Unmittelbar nach der Trauung entführen Rugar und seine Männer die Braut. Dabei töten sie den Bräutigam, den Priester und vier Sicherheitsleute.
Nachdem schon die Entführung seltsam spektakulär war, geht es seltsam weiter. Denn die Entführer melden sich nicht.
Der tief in seiner Ehre gekränkte Spenser beginnt Rugar und die entführte Braut zu suchen. Wobei Spenser, ohne eine vielversprechende Spur, solange im Nebel herumstochert, bis er genug Verdächtige genervt hat, von denen einer etwas gegen ihn unternimmt.
„Raues Wetter“ ist ein typischer später Spenser-Roman: sehr unterhaltsam zu lesen, mit vielen alten Bekannten und vertrauten Gesprächen und eher lausig geplottet. In diesem Fall ist die Lösung schon relativ schnell erahnbar. Am Ende, das kann gesagt werden, ohne irgendetwas zu verraten, erreicht die Beziehung zwischen Spenser, Hawk (selbstverständlich ist er dabei) und Rugar ein neues Level.
Treue Spenser-Fans werden mit „Raues Wetter“ erfreut einige Stunden verbringen. Neulinge sollten mit den deutlich gelungeneren Spenser-Romanen aus den siebziger Jahren beginnen. Auch die sind bei Pendragon erhältlich.
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Robert B. Parker: Raues Wetter – Ein Auftrag für Spenser
(übersetzt von Marcel Keller)
Pendragon, 2018
216 Seiten
13 Euro
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Originalausgabe
Rough Weather
G. P. Putnam’s Sons, New York 2008
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Spensers frühere Begegnungen mit dem grauen Mann
Robert B. Parker: Spenser und der graue Mann
(übersetzt von Heidi Zerning)
Pendragon, 2015
256 Seiten
12,99 Euro
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Originalausgabe
Small Vices
G. P. Putnam’s Sons, New York 1997
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Neuauflage von „Der graue Mann“ (rororo thriller 1998)
Philipp Reinartz ohne Tatwerkzeuge (Foto: Janina Wagner)
Für die normalen Fälle ist Kommissar Jerusalem ‚Jay‘ Schmitt nicht mehr zuständig. Er ist der Chef der neugegründeten Neunten Berliner Mordkommission, die die ungewöhnlichen Mordfälle aufklären soll. In „Die letzte Farbe des Todes“ (2017) löste sie ihren ersten Fall. Jetzt ist mit „Fremdland“ der zweite Jerusalem-Schmitt-Fall erschienen und weil die Fälle in Berlin spielen, ist das ein guter Grund, Philipp Reinartz, dem Autor der Schmitt-Romane, einige Fragen zu stellen.
In „Fremdland“ verknüpft Philipp Reinartz in kurzen Kapiteln mehrere Erzählstränge. Schmitts neuer Mordfall ist der Mord an der siebenundneunzigjährigen Heimbewohnerin Louisa Sprenger. Sie lebte seit fünfzehn Jahren im Altersheim, hatte keine Kontakte und es gibt keinen offensichtlichen Grund, sie zu töten. Außerdem wäre sie sowieso in einigen Monaten gestorben. Warum wurde sie jetzt ermordet? Und, noch rätselhafter, warum machte der Mörder die Manipulation an ihrer Sauerstoffversorgung nicht rückgängig und legte mit einem Brief neben der Leiche offensichtliche Spuren zu seiner Tat? Denn ohne diese Manipulation und den Brief mit seiner verschlüsselten Botschaft hätte man Sprengers Tod als ganz normalen altersbedingten Tod registriert.
Daneben recherchiert Schmitt über ein Dienstvergehen seines Vaters. Vor zwanzig Jahren ließ er die Meldung über die Alkoholkontrolle bei einem Polizistenkollegen verschwinden. Schmitt will herausfinden, ob es wirklich nur ein längst verjährter Gefallen für einen betrunkenen Kollegen war.
Denn Grezinski war auch der Vorgesetzte von zwei Polizisten, die in dieser Nacht auf dem Koletzikigelände, einer Industriebrache, starben. Neben den toten Beamten fand man die Leichen von zwei Flüchtlingen. Schmitt glaubt, dass die offizielle Beschreibung des Tathergangs falsch ist. Aber hat der manipulierte Tatort etwas mit Grezinskis alkoholisierter Autofahrt zu tun?
In einem weiteren Handlungsstrang verfolgen wir den aus Senegal kommenden Flüchtling Mouhamadou ‚Mo‘ Diallo. Er ist verheiratet, hat eine Tochter und, weil er keine andere Arbeit findet, verdient er das Geld für seine Familie als kleiner Drogendealer. Er wird immer wieder von Polizisten inhaftiert und geschlagen. Das war in den Neunzigern.
Man muss kein erfahrener Krimileser sein, um zu vermuten, dass diese Plots miteinander zusammenhängen. Nur wie?
Der 1985 in Freiburg geborene Philipp Reinartz studierte in Köln, Saragossa und Potsdam Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft, Geschichte, Germanistik, Journalismus und Design Thinking, ist Mitgründer und Geschäftsführer einer Berliner Ideenschmiede und veröffentlichte 2013 seinen Debütroman „Katerstimmung“. 2017 folgte mit „Die letzte Farbe des Todes“ sein erster Kriminalroman.
Was war die Ausgangsidee für „Fremdland“?
Ich wollte einen Plot kreieren, bei dem der Leser ein Verbrechen aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet und dadurch ein und dieselbe Tat immer wieder neu bewertet. Kriminalgeschichten, bei denen es am Ende jeder hätte gewesen sein können, finde ich langweilig – ich wollte die Twists durch reine Perspektivwechsel schaffen. Zudem hat mich die Spaltung der Gesellschaft beschäftigt, die Konflikte zwischen denen, die schon lange hier wohnen, und denen, die neu hier sind. Ein aktuelles Thema, aber eine zeitlose gesellschaftliche Frage.
Im Klappentext steht, dass der Roman auf einer wahren Begebenheit aus den neunziger Jahren basiere. Können Sie uns mehr darüber verraten?
Die Geschichte von Mo und Aissa hat kein konkretes Vorbild, aber sie beruht auf wahren Begebenheiten der 1990er-Jahre: Der so genannte »Hamburger Polizeiskandal« offenbarte Misshandlungen an – hauptsächlich schwarzen – Männern, im Mittelpunkt standen die auch im Roman zentralen Scheinhinrichtungen. Ich habe diese Ereignisse auf Berlin übertragen, wo in den Neunzigern bestimmte Plätze als »Gefährliche Orte« deklariert wurden, an denen Maßnahmen gegen Personen ohne konkreten Tatverdacht vorgenommen werden durften. Vorübergehend Verhaftete sprachen davon, nach dem Verhör in Randgebieten der Stadt ausgesetzt worden zu sein. Auch die vorübergehende Streichung des Senegals von der Liste der sicheren Herkunftsländer entspricht den Fakten. Trotz weiteren Unruhen in der Casamance-Region wurde der Senegal nach einigen Monaten wieder zum sicheren Herkunftsland erklärt.
Was unterscheidet ihren Ermittler, Kommissar Jerusalem ‚Jay‘ Schmitt, von anderen Ermittlern?
Oft stehen Protagonisten im Schatten ihrer übergroßen Eltern oder anderer Bezugspersonen, deren Erwartungen sie schwer erfüllen können. Bei Jay ist es genau umgekehrt: Sein Vater war zwar auch bei der Polizei, aber ist eben nicht die typische Mentorenfigur, der der Sohn nacheifert. Jay überflügelt seinen Vater, der nicht über einen niedrigen Dienstgrad hinauskam, bei weitem. Woraus dann aber ebenso Konflikte entstehen.
Der Roman spielt in Berlin. Wie wichtig ist die Stadt für die Romangeschichte und die Romanserie?
Berlin ist ein toller Schauplatz, weil die Stadt viel Abwechslung bietet. Verlassenes Fabrikgelände, Kriminalität, Haus im Grünen, Großer Polizeiapparat – die meisten Ideen lassen sich hier umsetzen. Aber die Geschichte ist nicht an Berlin gekoppelt, der Plot entsteht bei mir unabhängig von Berlin. Und meine Figuren müssen auch nicht am Brandenburger Tor entlang und alle paar Seiten eine Currywurst essen – ich will ein Berlin jenseits der Klischees.
Wie sieht Ihr Schreibprozess aus?
Selten romantisch chaotisch mit Weinglas auf der Dachterrasse, ich bin ein strukturierter Schreiber. Ich arbeite einige Tage nur am Plot, bis ich eine Geschichte habe, die so einzigartig ist, dass sie es wert ist, erzählt zu werden. Dann überlege ich mir einen groben Fahrplan und beginne mit der Recherche. Die war in diesem Fall so spannend wie schwierig. Wer kennt zum Beispiel heute noch Rechte und Pflichten von Flüchtlingen aus einem vorübergehend nicht sicheren Herkunftsland Mitte der Neunziger? Zum Glück hatte ich hilfsbereite Experten. Recht früh starte ich aber auch schon mit dem ersten Kapitel und teste aus, ob alles funktioniert. Ab dann sitze ich jeweils lange an einer Seite, ist diese aber fertig, wird wenig daran geändert. Ganze Kapitel oder Figuren wurden bisher zum Beispiel weder von mir noch von meinen Lektoren gestrichen.
Welche fünf Bücher empfehlen Sie für die langen Winternächte?
„Sand“ von Wolfgang Herrndorf
„Radetzkymarsch“ von Joseph Roth
„Ostende“ von Volker Weidermann
„Zeit der Zauberer“ meines Mannschaftskollegen in der Fußballnationalmannschaft der Autoren, Wolfram Eilenberger
„Livealbum“ von Benjamin von Stuckrad-Barre
Vielen Dank für das Gespräch!
Philipp Reinartz: Fremdland
Goldmann, 2019
320 Seiten
10 Euro
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Die Buchpremiere ist am Samstag, den 19. Januar, um 21.00 Uhr im „Mein Haus am See, Cosmic Kaspar“ (Brunnenstraße 197/198, 10119 Berlin). Andreas Merkel moderiert, DJ Jazzmin legt danach auf und der Eintritt beträgt 5 Euro.
Die Sache mit dem Geniekult dürfte so langsam der Vergangenheit angehören. Sicher, es gibt Menschen, die auf alle Lehrer, Ratgeber und Fortbildungen verzichten können und grandiose Werke erschaffen. Es gibt noch mehr, die glauben, dass sie Genies sind, auf alle Lehrer, Ratgeber und Fortbildungen verzichten und einfach nur Mist bauen.
Für alle anderen, normalbegabten Menschen sind Ratgeber eine gute Hilfe. Solange sie solchen Ratschlägen mit der nötigen Distanz folgen.
Mit „Krimis schreiben – Wie Sie erfolgreiche Kriminalromane schreiben, überarbeiten und in einem Verlag oder als Selfpublisher veröffentlichen“ und „111 Tipps und Tricks, wie man einen verdammt guten Krimi schreibt“ sind jetzt zwei Schreibratgeber von deutschen Autoren erschienen, die sich vor allem mit dem Kriminalroman beschäftigen. Patrick Baumgärtel ist Gründer und Inhaber der Literaturagentur Schoneburg und organisiert den Krimimarathon Berlin-Brandenburg. Martin Schüller ist Krimiautor. Zu seinen zahlreichen Krimis gehören auch einige Romanfassungen von „Tatorten“. Profis sind beide. Auch wenn sie auf verschiedenen Seiten des Schreibtischs sitzen.
Baumgärtels Ratgeber „Krimis schreiben“ ist konventionell aufgebaut. Zuerst wird erklärt, was ein Krimi ist. Dann geht es durch den Schreibprozess: Plotting, Aufbau der der Geschichte, Figuren, Schauplätze, Erzählperspektiven und -zeiten, Sprache, Spannung erzeugen, überarbeiten und verkaufen des Werkes. Das beschreibt er nicht in langen Texten, sondern bevorzugt in kurzen Abschnitten und abhakbaren Regeln. Erfreulich ist bei Baumgärtels Ratgeber, dass er sich bei seinen Beispielen auf zeitgenössische, deutschsprachige Krimiautoren konzentriert.
Ein durchgehendes Problem des Buches ist allerdings, dass Baumgärtel seine Tipps und Regeln nicht begründet. So schreibt er, zum Beispiel: „Zusätzlich zu Protagonist, Antagonist und Opfer benötigen wir etwa acht namentlich genannte Nebenfiguren, die aus dem privaten Umfeld des Ermittlers, aus dem Ermittlerteams, Zeugen, Informanten (Verwandte und Bekannte des Opfers) und etwa drei oder vier Verdächtigen sowie deren Umfeld bestehen können.“ Er erklärt allerdings nicht, wie er zu dieser Zahl kommt. Dabei hätte die Erklärung ihn kaum Platz gekostet: viel mehr Figuren kann sich ein normaler Leser bei einem 200-Seiten-Krimi nicht merken und innerhalb eines Rätselkrimis sollte jeder Verdächtige genug Zeit haben, um ein glaubwürdiger Mordverdächtiger zu werden. Mit einigen falschen Fährten sind die zweihundert Seiten dann schnell gefüllt.
Am Ende des Buches hat man einen Haufen durchaus zutreffender und sinnvoller Regeln, deren Sinn man nicht versteht (jedenfalls, wenn man nur dieses Buch liest). Wenn man diese Regeln dann anwendet, ohne sie zu verstehen, entsteht kein guter Krimi, sondern ein typischer deutscher Krimi, in dem der Ermittler auch unbedingt ein privates Problem haben muss und alle so furchtbar skurrile Namen und Eigenschaften haben. Also irgendetwas zwischen „Soko“ und „Tatort“.
Schüllers „111 Tipps und Tricks, wie man einen verdammt guten Krimi schreibt“ erscheint, wie der Titel verrät, in der 111er-Reihe des Emons-Verlag. Sie begann mit Tipps, welche Sehenswürdigkeiten man in verschiedenen Städten besuchen muss und ist inzwischen bei „111 Whiskys, die man getrunken haben muss“ (die Fassbrause des Romanciers) angekommen. Der Aufbau der Bände ist immer gleich: auf jeder Doppelseite wird eine Sache vorgestellt. Links mit einer Seite Text. Rechts mit einem Foto. Bei Sehenswürdigkeiten und, ähem, Genussempfehlungen funktioniert das Format gut. Bei einem Ratgeber stößt es an naturgegebene Grenzen. Denn nicht jeder Tipp verdient die gleich lange Behandlung. Deshalb gibt es, zum Beispiel, „Figurennamen I: Vornamen“ und „Figurennamen II: Nachnamen“. Man kann wirklich darüber streiten, ob es genau 111 Tipps und ob es genau diese alphabetisch sortierten Tipps sein müssen. Aber das konnte man auch bei den Sehenswürdigkeit.
Nicht streiten kann man dagegen darüber, dass dieses 111-Tipps-Format für einen Neuling nur von begrenztem Nutzen ist. Es fehlt einfach die Struktur eines Ratgebers, in dem strukturiert in ein Thema eingeführt wird und so auch ein Lernplan verfolgt wird. In Schüllers Buch gibt es dagegen nur eine unsortierte, dank des (selbst)ironischen Tonfalls sehr kurzweilig zu lesende Sammlung von Tipps, Tricks, Gedanken, Überlegungen und Anekdoten, die unterhalten und zum Nachdenken und Diskutieren anregen können. Sie können einen Autor auch wieder an bestimmte Dinge erinnern, wenn er in einer Werbepause oder beim Warten auf den Postboten (der immer zweimal klingelt), einige Minuten Zeit hat.
Insofern ist „111 Tipps und Tricks, wie man einen verdammt guten Krimi schreibt“ ein empfehlenswertes Buch. Es sollte allerdings nicht der erste Schreibratgeber sein, den man liest. Und es sollte nicht der Schreibratgeber sein, den man wegen seines Tipps zur (also gegen) die Schreibblockade kauft.
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Patrick Baumgärtel: Krimis schreiben – Wie Sie erfolgreiche Kriminalromane schreiben, überarbeiten und in einem Verlag oder als Selpfublisher veröffentlichen
Autorenhaus Verlag, 2018
192 Seiten
16,80 Euro
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Martin Schüller: 111 Tipps und Tricks wie man einen verdammt guten Krimi schreibt
Die Menschen haben es geschafft: innerhalb weniger Minuten zerstörten sie in gut hundert Jahren die Welt, wie wir sie kennen. Danach fiel die Menschheit auf eine frühere technische Entwicklungsstufe zurück. Jahrhunderte nach dem Sechzig-Minuten-Krieg ist die Erde immer noch eine Ödnis. Städte bewegen sich über die Erdoberfläche. Kleine Städte werden von größeren Städten gefressen. London ist, jedenfalls von den Städten, die in Christian Rivers‘ Verfilmung des Fantasy-Jugendbuchs „Mortal Engines: Krieg der Städte“, zu sehen sind, die größte Stadt.
In dieser Steampunk-Welt will Hester Shaw (Hera Hilmer) Thaddeus Valentine (Hugo Weaving) töten. Valentine ist der führende Archäologe Londons, ein Abenteurer, der ungekrönte Herrscher Londons, der die riesige Stadt zu neuer, ungeahnter Größe führen will, und der Mörder von Hester Shaws Mutter. Als Valentine sie ermordete, verletzte er Hester im Gesicht. Seitdem ist sie entstellt. Oft verbirgt sie ihr Gesicht hinter einem roten Schal. Im Film hat sie eine Narbe, im Roman ist ihr Gesicht eine Fratze des Schreckens. Über viele Jahre suchte sie Valentine.
Als sie ihn in London töten will, verhindert der junge Hilfshistoriker Tom Natsworthy (Robert Sheehan) die Tat. Hester kann durch einen Abfallschacht aus London flüchten. Davor sagt sie Tom, er solle Valentine fragen, warum er ihre Mutter umbrachte. Tom tut es und wird von Valentine in den Schacht gestoßen.
Beide überleben den Sturz in die Großen Jagdgründe. So wird die Gegend genannt, in der London gerade auf der Suche nach Städtenahrung ist. Hester möchte immer noch Valentine töten. Tom, der als Stadtkind keine fünf Minuten in der Einöde überleben würde, schließt sich ihr an.
Valentine, der seine letzten Zweifel an Hesters Tod ausräumen will, schickt Shrike (Stephen Lang) hinter ihr her. Shrike ist eine Menschmaschine (vulgo Untoter oder Wiedererweckter), der aus zunächst noch unbekannten Gründen, Hester unbedingt töten will.
Außerdem verfolgt Valentine ein geheimes Projekt. Aus Artefakten aus der Vergangenheit der Menschheit will er eine Waffe herstellen, die ihm unbegrenzte Macht verleihen könnten.
Bevor Valentine diese Waffe aus der Vergangenheit erstmals einsetzt, vergeht viel Filmzeit, in der Hester und Tom sich näher kommen und viele Abenteuer erleben.
Christian Rivers inszenierte diese Geschichte mit viel CGI als Abenteuergeschichte für junge Zuschauer. Er ist ein jahrzehntelanger Mitarbeiter von „Herr der Ringe“-Regisseur Peter Jackson, der „Mortal Engines: Krieg der Städte“ zunächst selbst inszenieren wollte. Er drehte dann die drei „Der Hobbit“-Filme und produzierte diesen Fantasyfilm.
Der Roman von Philip Reeve ist ein Jugendbuch. „Mortal Engines: Krieg der Städte“ erhielt den Nestlé Smarties Book Prize in der Alterskategorie 9 – 11 Jahre; – und das kann als empfohlenes Lesealter genommen werden. Im Buch sind Hester und Tom fünfzehn Jahre alt. Im dem Roman nicht sklavisch folgendem Film sind sie fünf Jahre älter. Das ist vor allem kommerziellen Erwägungen geschuldet. Davon abgesehen spricht „Mortal Engines: Krieg der Städte“ von seiner gesamten Machart vorpubertäre Jugendliche an, die ein bildgewaltiges Science-Fiction/Fantasy-Abenteuer erleben wollen. Sie werden sich auch nicht an der simplen Und-dann-Dramaturgie stören, die auf ein Finale bei der im Osten in den Bergen liegenden Großstadt Shan Guo zuschlurft.
Ältere Zuschauer werden sich daran stören und die Zeit bis dahin mit Vergleichen zu anderen Filmen vertreiben. Vor allem die „Krieg der Sterne“-Filme werden als reichlich gefüllter Fundus an Bildern, Ideen (so gibt es einen Moment, in dem bei der Pressevorführung der gesamte Saal am liebsten den einen legendären Satz aus „Das Imperium schlägt zurück“ gesagt hätte), Geräten und Flugzeugen. Wenn nicht gerade „Star Wars“ als Ideengeber benutzt wird, geht es munter durch Filme wie „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ (der Stummfilm, mit Max Schreck als Graf Dracula, der in Shrike seinen Wiedergänger gefunden hat) und „V wie Vendetta“. In ein, zwei Sätzen wird auch ein Kampf zwischen Traktionisten und Anti-Traktionisten (bzw. fahrenden, alles verschlingenden Städtern und ihren Gegnern) angesprochen. Politisch interessierte Zuschauer können diese Sätze, die Handlungsorte und den Ort des Finales politisch interpretieren. Aber den Konflikt muss man noch nicht einmal im Ansatz verstehen, um die Filmgeschichte zu verstehen. Am Ende will Valentine einfach nur eine Stadt zerstören, weil er es kann und er sein neues Spielzeug ausprobieren will.
Für Philip Reeve war sein Romandebüt „Mortal Engines: Krieg der Städte“ der Auftakt zu einer Tetralogie und ergänzender Geschichten aus dieser von ihm erfundenen Fantasywelt der fahrenden Städte. Damit haben die Filmemacher genug Material für weitere Filme, die auch erkennbar geplant sind. Denn einige Szenen und groß eingeführte Figuren sind für die Geschichte dieses Films unwichtig. Aber sie könnten in den späteren Filmen wichtiger werden. Die Filmgeschichte selbst ist dagegen vollkommen in sich abgeschlossen. Das gilt auch für das Filmende, das keine eindeutigen Hinweise auf den nächsten „Mortal Engines“-Film enthält. Nachdem in den letzten Jahren einige Blockbuster nur die nächsten Filme vorbereiten sollten, die dann doch nicht gedreht wurden, ist das Ende ein erfreulicher Gegenentwurf.
Ob man „Mortal Engines: Krieg der Städte“ jetzt für einen gelungenen Steampunk-Abenteuerfilm oder für ein schamloses Plündern anderer Filme hält, hängt stark von der Erwartung und dem Standpunkt ab. Als Zwölfjähriger wäre „Mortal Engines: Krieg der Städte“ wahrscheinlich mein „Star Wars“ und damit der beste Film aller Zeiten. So ist er ein „Star Wars“-Rip-Off, das einfach nur, noch einmal, alte und uralte Ideen und Bilder in glänzender Optik präsentiert. Das ist dann alles zu sehr Altbekanntes in neuer Verpackung mit flachen Figuren in einer schlecht entwickelter Filmgeschichte, die sich nicht an Erwachsene, sondern an Kinder richtet.
Auf der großen Leinwand sehen die durch die Matschlandschaft fahrenden Steampunk-Städte allerdings grandios aus. Auch wenn die Idee, dass eine Millionenstadt wie London quer durch Old Europe Richtung Osten fährt und alles verschlingt, was ihr in den Weg kommt, vollkommen idiotisch ist.
Mortal Engines: Krieg der Städte(Mortal Engines, USA/Neuseeland 2018)
Regie: Christian Rivers
Drehbuch: Fran Walsh, Philippa Boyens, Peter Jackson
LV: Philip Reeve: Mortal Engines, 2001 (Großstadtjagd; Mortal Engines: Krieg der Städte)
mit Hera Hilmar, Robert Sheehan, Hugo Weaving, Jihae, Ronan Raftery, Leila George, Patrick Malahide, Stephen Lang
Länge: 129 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
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Die Vorlage – und was nach dem Abspann geschah
Wer nicht bis zum nächsten Film warten will, kann schon jetzt lesen, wie die Geschichte von Hester Shaw und Tom Natsworthy weitergeht; – wenn die Macher sich an die Romangeschichte halten.
Pünktlich zum Filmstart veröffentlichte der Fischer Verlag die ersten beiden „Mortal Engines“-Romane. Die nächsten „Mortal Engines“-Romane „Der Grüne Sturm“ und „Die verlorene Stadt“ folgen im Februar und Mai 2019. Die Romane richten sich an ein junges Publikum und erhielten in Großbritannien mehrere Kinder- und Jugendbuchpreise.
Und jedes Wort über „Jagd durchs Eis“ würde viel über „Krieg der Städte“ verraten. Daher schreibe ich jetzt nichts über die weiteren Abenteuer von Hester und Tom in der Welt der „Mortal Engines“.
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Philip Reeve: Mortal Engines: Krieg der Städte
(übersetzt von Nadine Püschel und Gesine Schröder)
Fischer Verlag/TOR, 2018
336 Seiten
12 Euro
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Originalausgabe
Mortal Engines
Scholastic Ltd., 2001
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Deutsche Erstausgabe
Großstadtjagd
(übersetzt von Anja Hansen-Schmidt)
Beltz & Gelberg, 2003
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Zweite deutsche Ausgabe
Mortal Engines: Krieg der Städte
Ravensburger Buchverlag, 2008
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Philip Reeve: Mortal Engines: Jagd durchs Eis
(übersetzt von Nadine Püschel und Gesine Schröder)
Passagier 23 – Verschwunden auf hoher See (Deutschland 2018)
Regie: Alexander Dierbach
Drehbuch: Miriam Rechel
LV: Sebastian Fitzek: Passagier 23, 2014
Wenn jemand auf einer Kreuzfahrt spurlos verschwindet, ist es meistens Suizid oder Suff. Aber was ist, wenn eine solche verschwundene Person wieder auftaucht? Mit diesem Problem müssen sich auf dem Kreuzfahrtschiff „Sultan of the Seas“ einige Menschen beschäftigen. Denn die vor acht Wochen verschwundene und für tot erklärte elfjährige Anouk Lamar ist schwer traumatisiert wieder aufgetaucht. Von ihrer Mutter fehlt immer noch jede Spur. Bei sich hatte Anouk den Teddybär des fast gleichaltrigen Timmy Schwartz. Timmy und seine Mutter gingen vor fünf Jahren auf der „Sultan of the Seas“ über Bord.
Jetzt kehrt der Berliner Polizeipsychologe Martin Schwartz auf das Kreuzfahrtschiff zurück. Er will das Rätsel um den Tod seiner Frau und seines Sohns und das rätselhafte Auftauchen von Anouk lösen. Auf dem Schiff trifft er Daniel Bonhoeffer, der damals und heute der Kapitän des Schiffes ist.
(Zwischenbemerkung: diese Inhaltsangabe folgt dem Roman. Für den Film wurde der Schiffsname und die Dauer von Anouks Verschwinden geändert.)
„Unterm Strich sind die 120 Minuten zwar spannend, aber „Passagier 23“ hätte ein noch besserer Film werden können.“ (tittelbach.tv)
mit Lucas Gregorowicz, Oliver Mommsen, Judy Winter, Kim Riedle, Mercedes Müller, André Röhner, Picco von Groote, Martin Lindow
Was für ein Filmjahr für Sebastian Fitzek. Nachdem zunächst alle Produzenten abwinkten, gab es dieses Jahr mit den TV-Filmen „Das Joshua-Profil“, „Amokspiel“ (noch nicht gesehen), „Passagier 23“ (dito) und dem Kinofilm „Abgeschnitten“ wahre Fitzek-Festspiele mit zwiespältigem Ergebnis. Immerhin gelang es Christian Alvart in „Abgeschnitten“ aus dem Serienkiller-Pageturner einen Serienkiller-Thriller zu machen, der mir sogar besser als der Roman gefiel.
Auch die Verfilmung von „Passagier 23“ dürfte schwierig sein. Denn der Pageturner ist ein typischer Fitzek-Roman. Es beginnt mit einem Rätsel (Warum kehrte die vor acht Wochen über Bord gegangene Anouk zurück? Wo war sie die ganze Zeit?) und schnell wird aus dem Ermittlerkrimi ein Thriller, in dem ständig etwas passiert. Die Figuren bleiben dabei immer spärlich charakterisierte Erfüllungsgehilfen der sich rasend schnell entwickelnden Ereignisse. In einem Roman funktioniert das. Für einen Film muss die Romangeschichte verändert werden. Charaktere müssen eingeführt werden. Beziehungen müssen etabliert werden und auch die falschen Fährten müssen anders ausgelegt oder vollkommen aus der Filmgeschichte gestrichen werden. Die Aufgabe des Drehbuchautors ist es, die Essenz des Romans und warum der Roman gelesen wurde, in ein anderes Medium zu übertragen. Dafür kann und muss die Vorlage verändert werden.
„Passagier 23“ ist ein ziemlich abstruser Thriller, der bis zur überraschenden Auflösung das Prinzip des Cliffhangers perfektioniert hat. Ehe man lange darüber nachdenken kann, ob das alles besonders wahrscheinlich ist, hat man das Buch zu Ende gelesen. Gleich danach streicht man die Idee mit der Kreuzfahrt von der nächsten Urlaubswunschliste. Gibt ja noch andere Orte, an denen es schön ist. Vielleicht ist da einer dabei, an dem keine Verbrechen geschehen.
Nero Wolfe steht auf einer Wiese. Ihm gegenüber steht ein kampfeslustiger Stier. Weil diese Situation in der Welt von Nero Wolfe vollkommen ungewöhnlich ist, erinnern sich alle, die den Kriminalroman irgendwann gelesen haben, an diese Szene. Denn Nero Wolfe ist ein übergewichtiger, in New York lebender Privatdetektiv, Orchideenzüchter, Genießer (er beschäftigt einen Koch, der locker in jedem Sterne-Restaurant reüssieren könnte) und er verlässt so ungern sein Brownstone-Haus, dass man auch sagen kann, er verlässt es nie. Das tut sein Assistent Archie Goodwin, der Erzähler der Nero-Wolfe-Geschichten.
In „Der rote Stier“ hat Wolfe seine Wohnung verlassen, um an einem Wettbewerb von Orchideenzüchtern teilzunehmen. Und er musste das von Goodwin gefahrene Auto verlassen und über eine Wiese gehen und vor dem Stier, den er und Goodwin zu spät entdecken, auf einen Felsen flüchten, der mitten auf der Wiese liegt. Jetzt ist Nero Wolfe an dem Ort, an dem man ihn am wenigsten erwarten würde.
Gegenüber diesem Bild verblast die restliche Geschichte.
Dabei ist „Der rote Stier“, der sechste von Rex Stout geschriebene Nero-Wolfe-Roman, ein wundervoller Privatdetektivkrimi. Im Original erschien der Krimi 1938 in einer gekürzten Ausgabe in „The American Magazine“. 1939 erschien er ungekürzt als Buch. Seitdem gab es mehrere deutsche Veröffentlichungen. Die jüngste ist von Conny Lösch und ihre vollständige Neuübersetzung ist ein Lesevergnügen. Sprachlich wirkt ist da nichts verstaubt oder altmodisch. Das gilt auch für den Krimiplot, den man mit einigen kleinen Änderungen mühelos in die Gegenwart verlegen könnte.
Denn selbstverständlich ermitteln Nero Wolfe und Archie Goodwin schnell in einem Mordfall. Der titelgebende, preisgekrönte Zuchtbulle Hickory Caesar Grindon gehört Thomas Pratt. Der Besitzer einer gut laufenden Fastfood-Restaurantkette hat ihn Monte McMillan für eine erkleckliche Summe abgekauft. Er will ihn in einigen Tagen, mit geladenen Gästen und begleitet von einem großen Presserummel, verspeisen.
Für die örtlichen Züchter ist das ein Sakrileg. Und Clyde Osgood wettet mit Pratt, dass er Caesar nicht verspeisen werden. Noch in der Nacht stirbt Osgood. Offensichtlich wollte er Caesar von der Wiese entführen und wurde dabei von Caesar getötet.
Als Nero Wolfe einen Blick auf den Toten und den blutbefleckten Stier wirft, weiß er, dass Osgood ermordet wurde und dass Caesar nicht der Täter ist.
Die Ermittlungen, also die Befragungen all der möglichen und unmöglichen Täter, werden von Rex Stout etwas hinausgezögert, weil Wolfe zuerst einen Klienten finden muss, der sein unverschämt hohes Honorar bezahlen will.
Anschließend entwickelt sich das übliche, aus Ratekrimis bekannte Spiel, in dem alle Menschen befragt werden, die etwas über die Hintergründe des Mordes wissen könnten, und es gibt selbstverständlich deutlich mehr Verdächtige als Täter. Diesen Rätselplot erzählt Stout, mit leichtem Humor, so flott, dass „Der rote Stier“ echte Pageturner-Qualitäten hat.
Unter Fans gilt „Der rote Stier“ als einer der besten Nero-Wolfe-Romane. Das hat mehrere Gründe. Alle wichtigen Punkte von Nero Wolfes Welt sind bereits etabliert, aber sie sind noch nicht so fest zementiert wie in den späteren Romanen. Innerhalb der bekannten Formel gibt es noch viel Raum für unangestrengte Experimente, wie Nero Wolfe für einen gesamten Roman aus seiner New Yorker Wohnung zu holen und so dem Leser schon von der ersten Seite an ein besonderes Abenteuer zu bieten. Aber vor allem ist die Erzählfreude von Rex Stout auf jeder Seite spürbar und der Plot ist glänzend konstruiert.
Das nennt man dann: einen auch heute noch lesenswerten Klassiker.
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Rex Stout: Der rote Stier – Ein Fall für Nero Wolfe
(vollständig neu übersetzt von Conny Lösch)
Klett-Cotta, 2018
352 Seiten
16 Euro
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Originalausgabe
Some Buried Caesar
Farrar & Rineheart, 1939
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Ursprünglich, in gekürzter Form 1938 in The American Magazine als „The Red Bull“.
Der jetzt erschienene zweite Band von „Marvel Cinematic Universe – Das Film-Kompendium“ mit dem Untertitel „Die Guten, die Bösen & die Guardians“ schließt unmittelbar an den ersten Band „Die Avengers-Initiative“ an und bespricht chronologisch die nach „Thor: The Dark Kingdom“ ins Kino gekommenen Marvel-Filme. Das sind, zur Erinnerung, „The Return of the First Avenger“, „Ant-Man“, „Guardians of the Galaxy“, Avengers: Age of Ultron“, „The First Avenger: Civil War“, „Doctor Strange“ und „Guardians of the Galaxy Vol. 2“.
Die neuesten Marvel-Filme und auch das Ende des ersten Teils von „Infinity War“ werden in diesem Filmbuch nicht verraten. Dafür gibt es ja einen späteren Band. Denn der in den USA im Januar erschienene dritte Band „It’s all connected“ beschäftigt sich mit den TV-Serien „Agents of S. H. I. E. L. D.“ und „Agent Carter“.
Die Filme werden, wie im ersten Band nicht mit ihrer Filmgeschichte vorgestellt. Stattdessen gibt es Informationen über die wichtigen Charaktere, Gebäude und Gegenstände, die im Film auftauchen und es wird gesagt, was mit ihnen in diesem Film geschieht.
Wenn sie in mehreren Filmen auftauchen, wird das, was mit ihnen in einem Film geschieht, bei diesem Film besprochen, und das, was im nächsten Film geschieht, im nächsten Film besprochen. Was bei Tony Stark und Hawkeye viel Blättern bedeutet. Diese lexikalische Form verschafft einem einen schnellen Überblick über bestimmte Fakten im Marvel-Kinouniversum und, wenn man etwas blättert, was mit einer Person von Film zu Film geschieht. Aber wer die Filme nicht kennt, wird wenig mit den Beschreibungen und Nacherzählungen von Teilen der Filmhandlung anfangen können. Es wird ja nicht der Film, sondern das, was der Charakter erlebt, nacherzählt.
In Kästchen gibt es wieder Informationen zu den ersten Auftritte der besprochenen Personen und Gegenstände in den Comics. Weiter heraus aus dem Kosmos der Filme begibt sich das Film-Kompendium nicht. Es gibt keine Informationen über die Schauspieler, Regisseure und Autoren. Es wird noch nicht einmal erwähnt, wer wen spielt. Diese Informationen gehören zu einem anderen Universum, in dem die Avengers gegen ganz andere Gegner kämpfen müssen.
Insofern hat Koordinator Mike O’Sullivan mit dem zweiten MCU-Film-Kompendium wieder ein Buch herausgegeben, das nur für die Fans ist, die schon alle Filme in mindestens einer Ausgabe in ihrem Regal stehen haben…und für die Kritiker, die beim Besprechen des neuesten Marvel-Films elegant mit ihrem scheinbar unendlichem Hintergrundwissen über die verschiedenen Charaktere und ihre Herkunft prahlen wollen.
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Mike O’Sullivan (Chefautor/Koordinator): Marvel Cinematic Universe – Das Film-Kompendium Bd. 1: Die Guten, die Bösen & die Guardians
(übersetzt von Stefan Pannor)
Panini, 2018
184 Seiten
29,99 Euro
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Originalausgabe
Marvel Cinematic Guidebook: The The Good, The Bad, The Guardians
Irgendwo im Südwesten der USA sind May und ihr Sohn Eugene auf der Flucht vor der Polizei und ihren früheren Freunden. Gemeinsam überfielen sie an einem Tag über fünfzig Banken, Postämter und Geschäfte. Aber nach der Raubserie wurden mehrere Bandenmitglieder tot aufgefunden.
Ehe man sich noch groß darüber wundern kann, warum eine Mutter einerseits ihren Sohn mit ihrem Leben beschützt und sie ihn andererseits durch ihr Verbrecherleben in Lebensgefahr bringt, sind die zwei schon mitten in einer Abfolge turbulenter Abenteuer, die sie in den Norden von New Mexico führen. In dem einsam gelegenen Lager einiger Indianer kommen sie endlich etwas zur Ruhe. Eugene kann wie ein normaler Junge leben. Nachdem May von ihren Verletzungen genesen ist, bricht sie, ohne Eugene, auf, um einige offene Rechnungen zu begleichen.
Max de Radiguès erzählt in seinem ersten auf Deutsch veröffentlichtem Comic „Bastard“ sehr dicht eine Verbrechergeschichte, die in den USA spielt, aber immer einen französischen Tonfall hat. Das zeigt sich vor allem an den Figuren, ihren Beziehungen und den überraschenden Wendungen. Das ist näher am Polar und an französischen Gangsterfilmen, als an US-Gangsterfilmen und fällt gerade deshalb positiv auf.
Dazu kommen de Radiguès‘ nur auf den ersten Blick naiven SW-Zeichnungen. Er bestimmt so die Blickrichtung, hebt wichtige Details hervor und die Stimmung der düsteren Geschichte.
„Bastard“ könnte die Vorlage für einen Gangsterfilm sein, der entweder, wie die Vorlage, in den USA oder, was mir persönlich sogar besser gefiele, in Frankreich spielt. Denn abseits der französischen Hauptstadt gibt es viel Raum für eine solche Bonnie-und-Clyde-Geschichte.
Das wird eine schwierige Besprechung. Denn Daniel Alfredson erzählt in seiner Verfilmung von Håkan Nessers Geschichte „Rein (Tod eines Autors)“ die Geschichte so umständlich und sinnlos verschachtelt, dass man sie eigentlich nur mit vielen Spoilern besprechen kann. Ich werde trotzdem versuchen, sie weitgehend zu vermeiden.
Im Film besucht David Moerk (Benno Fürmann) den älteren, auf einer Insel in einem einsam gelegenem Strandhaus lebenden Autor Henderson (Ben Kingsley). Der Übersetzer Moerk möchte von ihm seine Meinung zu einer von ihm geschriebenen Geschichte haben. Erfahrene Krimifans wissen in dem Moment natürlich, dass Moerk Henderson nicht zufällig besucht und dass er noch mindestens einen Hintergedanken hat. Sonst wäre es kein Krimi.
In Rückblenden, die Moerks autobiographischem Manuskript folgen, erfahren wir jetzt, wie Moerk während eines Bergurlaubs erfährt, dass seine Frau ihn verlassen will und was er dagegen unternimmt, und wie er Jahre später den neuen Roman von Germund Rein übersetzen soll. Während er Reins Manuskript übersetzt, hat er den immer stärkeren Verdacht, dass Rein von seiner Frau und ihrem Liebhaber ermordet wurde.
Diese beiden Geschichten mit vorhersehbaren Pointen werden im Film weitgehend chronologisch hintereinander präsentiert. Sie sind dabei so stark voneinander getrennt, dass ich während des Films vermutete, dass Daniel Alfredson und seine Co-Drehbuchautorin Ditta Bongenhielm zwei oder, wenn man den Besuch des Übersetzers bei dem Autor als eigene Geschichte betrachtet, sogar drei Kurzgeschichten, die nichts miteinander zu tun haben, denkbar ungeschickt in einem Copy&Paste-Verfahren zu einer Filmgeschichte verbunden haben.
Umso größer war meine Überraschung beim Lesen der 1996 erschienenen Vorlage „Rein (Tod eines Autors)“. Denn der Film basiert nur auf einer Geschichte und diese enthält fast alles, was man im Film sieht. Nur anders angeordnet. Im Roman (bei zweihundert Seiten kann man die Erzählung Roman nennen) erhält Moerk den Auftrag, das Manuskript von Rein zu übersetzen. Die Übersetzung will er in der Stadt anfertigen, in der Rein lebte. Während er an der Übersetzung arbeitet, erinnert Moerk sich an die letzten Tage mit seiner spurlos verschwundenen Frau. Nachdem er ihr Hüsteln auf der Aufnahme eines Klassikkonzerts hörte, glaubt er, dass sie dort lebt.
Nesser erzählt die Geschichte, im Gegensatz zum Film, ohne Metaebenen, chronologisch und mit einer klaren Trennung zwischen Haupt- (Reins „Mord“) und Nebenplot (Moerks „Mord“). Das macht die Geschichte nicht wirklich sinnvoller, aber logischer. Und wir werden von den idiotischen Gesprächen zwischen Moerk und Henderson über die Konstruktion einer Geschichte verschont.
Im Film sind die Handlungen der verschiedenen Charaktere durchgehend abstrus und psychologisch fast nie nachvollziehbar. Das gilt vor allem für das Ende. Dazu kommen Dialoge, Schauspielerleistungen und eine Inszenierung, die als Ziel nicht die große Leinwand, sondern das TV-Vorabendprogramm haben.
Dabei hat Daniel Alfredson mit seinen beiden Stieg-Larsson-Verfilmungen „Verdammnis“ (2009) und „Vergebung“ (2009) durchaus bewiesen, dass er mit Schmackes für die große Leinwand inszenieren kann. In dem für den internationalen Markt auf Englisch inszenierten Krimi „Intrigo – Tod eines Autors“ ist davon nichts zu spüren. In ihr agieren alle extrem lustlos. Gerade in der Originalfassung werden die Dialoge so gesprochen, als begriffen alle Schauspieler nie den Inhalt ihrer Sätze. In diesem Fall könnte die deutsche Synchronisation ein Gewinn sein.
„Intrigo – Tod eines Autor“ ist der Auftakt einer bereits abgedrehten Anthologie-Trilogie von Nesser-Verfilmungen. Alfredson inszenierte alle Filme. Die Drehbücher sind von ihm und Ditta Bongenhielm. „Intrigo: Samaria“ und „Intrigo: Dear Agnes“, die vollkommen unabhängig von „Tod eines Autors“ sind, sollen nächstes Jahr in unsere Kinos kommen.
Intrigo – Tod eines Autors (Intrigo: Death of an Author, USA/Schweden/Deutschland 2018)
Regie: Daniel Alfredson
Drehbuch: Ditta Bongenhielm (eigentlich Birgitta Bongenhielm), Daniel Alfredson
mit Ben Kingsley, Benno Fürmann, Tuva Novotny, Veronica Ferres, Daniela Lavender, Michael Byrne
Länge: 106 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
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Die Vorlage
Zum Filmstart veröffentlichte btb den Sammelband „Intrigo“, der die vier für die Kinoserie verfilmten Geschichten, die auf Deutsch bereits in anderen Sammelbänden erschienen, und die brandneue, nicht verfilmte und aus keinem nachvollziehbaren Grund 1995 spielende Geschichte „Tom“ enthält.
In „Tom“ wird die Endfünfzigerin Judith Bendler von einem Mann angerufen, der behauptet ihr vor über zweiundzwanzig Jahren verschwundener Adoptivsohn zu sein.
Mit zweihundert Seiten ist „Rein (Tod eines Autors)“ die längste Geschichte des Sammelbands. In ihr geht es um einen Übersetzer, der glaubt, in einem Romanmanuskript sorgsam platzierte Beweise für den Mord an dem Autor zu entdecken.
In „In Liebe, Agnes“ treffen sich auf einer Beerdigung zwei Schulfreundinnen, die sich seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen haben. Henny, die ihren Mann loswerden will, schlägt ihrer Freundin Agnes vor, dass sie einen Mord im Stil von „Zwei Fremde im Zug“ begehen sollen.
In „Die Wildorchidee aus Samaria“ kehrt ein Sprachlehrer nach dreißig Jahren an den Ort zurück, an dem er sein Abitur machte. Kaum dort angekommen erhielt er einen Brief von Vera Kall, einer spurlos verschwundenen, von ihm begehrten Schulkameradin.
In „Sämtliche Informationen in der Sache“, mit vierzehn Seiten die kürzeste Geschichte des Sammelbands, geht es nur um eine Situation: nach dem Unfalltod einer Schülerin soll ein Lehrer trotzdem für sie das Abschlusszeugnis ausstellen. Aber nach welchen Maßstäben soll er sie beurteilen? Diese Geschichte dürfte zusammen mit „Die Wildorchidee aus Samaria“ verfilmt werden. Sie fällt auch aus dem Raster der anderen Geschichten, in denen die Vergangenheit der Protagonisten einen großen Teil der Geschichte einnimmt und das mehr oder weniger mörderische Geheimnis aus der Vergangenheit für passionierte Krimi-Leser gar nicht so überraschend ist. Kriminalgeschichten sind sie nur peripher. Mit den zahlreichen Erinnerungen der Protagonisten und den teils erst spät enthüllten Geheimnissen, beschreiben sie letztendlich vor allem Situationen. Es gibt wenig sich direkt für eine konventionelle Filmgeschichte empfehlende Handlung.
So schreibt Håkan Nesser im Vorwort: „Ein Buch ist ein Buch, ein Film ist ein Film. Geschichten müssen häufig umgestülpt werden, neue Ausdrucksformen finden, wenn sie aus dem einen Medium in ein anderes übertragen werden. Sie können sogar eine völlig neue Auflösung erhalten. (…) Doch die Ähnlichkeit, der eigentliche Kern jeder Erzählung, das, worum es genauer betrachtet wirklich geht, ist natürlich erhalten geblieben.“
Mal sehen, ob Daniel Alfredson die Umarbeitung der anderen Nesser-Geschichten besser gelang. Denn auf den ersten Blick ist keine der Geschichten ohne größere Umarbeitungen für einen Spielfilm geeignet.
Störend bei allen Geschichten ist, dass die verschiedenen Charaktere sich immer wieder unlogisch verhalten müssen. So, um nur ein Beispiel zu nennen, schreiben Henny und Agnes sich Briefe und, als ob das nicht schon dämlich genug wäre, bietet Henny Agnes eine stattliche Geldsumme für den Mord an ihrem Mann an. Das Geld überweist sie. Und das soll der Polizei nicht auffallen???
Gestandene Krimileser werden immer schnell das Ende der Geschichte erahnen und dann, leicht gelangweilt, bis zur Lösung weiterlesen.
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Håkan Nesser: Intrigo
(übersetzt von Paul Berf, Christel Hildebrandt und Gabriele Haefs)
Diese Besprechung ist schon lange überfällig: denn die aktuelle Ausgabe des immer lesens- und empfehlenswerten „Lexikon des internationalen Films“ ist schon vor einigen Tagen erschienen und sie unterscheidet sich nicht wesentlich von den vorherigen Ausgaben. Vom Aufbau. Nicht vom Inhalt. Der ist hundertprozentig neu.
Das Herzstück des Lexikons ist die alphabetische Auflistung aller in Deutschland 2017 erstmals gezeigten Filme: Spielfilme, die im Kino liefen; Spielfilme, die auf DVD und/oder Blu-ray veröffentlicht wurden, TV-Filme und TV-Serien (was den Begriff des „Films“ arg dehnt) und längere Dokumentarfilme. Zu jedem Film gibt es eine kurze Inhaltsangabe und eine kritische Einschätzung und wichtige Angaben zum Film und den beteiligten Personen. Es gibt eine Übersicht über einige wichtige Filmpreise, die Silberlinge (für herausragende DVD- und Blu-ray-Editionen, dieses Jahr unter anderem „Die Reifeprüfung“), die Auflistung der „Sehenswert“-Filme des Filmdienst (dem Herausgeber des Lexikons) und die Kinotipps der katholischen Filmkritik. Immerhin wird der Filmdienst von der katholischen Kirche herausgeben. Auf den Inhalt des von ausgewiesenen Filmkritikern geschriebenen Heftes hat das allerdings keinen Einfluss.
Es gibt, wie jedes Jahr, einen ausführlichen Überblick über das vergangene Kinojahr und ein Schwerpunktthema. Dieses Jahr ist es „Europas Kinofilme“ mit in den vergangenen Jahren bereits im Filmdienst erschienenen Texten zu wichtigen europäischen Regisseuren, wie Jean-Pierre und Luc Dardenne, Francois Ozon, Pedro Almodóvar, Lars von Trier und Michael Haneke und, mit den ausführlichen Filmdienst-Kritiken, einer Zusammenstellung von sechzig zwischen 2000 und 2017 entstandenen europäischen Kino-Highlights.
Und es gibt die von der Filmdienst-Redaktion erstellte Liste der besten Kinofilme des Jahres 2017. Das waren in der Reihenfolge ihrer Beliebtheit:
Elle (von Paul Verhoeven)
Western (von Valeska Grisebach)
Manchester by the Sea (von Kenneth Lonergan)
Körper und Seele (von Ildikó Enyedi)
Silence (von Martin Scorsese)
Blade Runner 2049 (von Denis Villeneuve)
Personal Shopper (von Olivier Assayas)
Nocturama (von Bertrand Bonello)
La La Land (von Damien Chazelle)
Hell or High Water (von David Mackenzie)
Auch wenn mir der ein oder andere dieser Filme nicht gefallen hat, sind das in jedem Fall sehenswerte Filme.
Ad hoc würde ich noch, im Lexikon blätternd, „Baby Driver, „Certain Women“, „Dunkirk“, „Fences“, „Get Out“, „Die göttliche Ordnung“, „Hidden Figures – Unbekannte Heldinnen“, „Moonlight“ und „Die rote Schildkröte“, dazu nehmen – und dabei ein gutes Dutzend weiterer guter Filme vergessen.
Aber wenn ich noch länger blättere und mir gleichzeitig notiere, welche Filme ich jetzt sehen will…
Ähem: „Das Lexikon des internationalen Films – Filmjahr 2017“ ist, wie die vorherigen Jahresbände, unverzichtbar für den Filmfan. Es zeigt auch, warum ein gedrucktes Jahrbuch besser als eine Internetseite ist.
P. S.: Die Damen auf dem Buchcover sind „Jahrhundertfrauen“.
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Filmdienst/Katholische Filmkommission für Deutschland (Redaktion: Horst Peter Koll): Lexikon des internationalen Films – Filmjahr 2017
Es ist schön, wieder die Stimme von D. B. Blettenberg zu hören. Schließlich erschien sein letzter Roman „Murnaus Vermächtnis“ bereits 2010 und der war ein großes Epos.
Jetzt schickt Blettenberg wieder den Problemlöser Farang in die Schlacht. „Falken jagen“ ist allerdings kein weiteres Epos, sondern ein schlanker Hardboiled-Krimi.
In Thailand bringt ein unbekannter Killer Deutsche um und hinterlässt am Tatort, als persönliche Note, ein Epistel. Imelda, die Tochter des verstorbenen Generals Watana, einem ‚Freund‘ von Farang, fordert von Farang eine alte Ehrenschuld ein. Farang soll ihrem von den Ermittlungen hoffnungslos überforderten Bruder zu helfen und die Mordserie zu beenden. Egal wie und egal, ob der Serienmörder dabei stirbt.
Blettenberg-Fans kennen Farang, halb Thai, halb Deutscher, bereits aus den Romanen „Farang“ (1988) und „Berlin Fidschitown“ (2003). Beide Krimis erhielten den Deutschen Krimi Preis. Beide Krimis entführen in Welten, die in deutschen Kriminalromanen normalerweise nicht beachtet werden.
Farang beginnt mit seinen Freunden Tony Rojana, ein Kriminalreporter, und Bobby Quinn, ein Vietnamveteran, nach dem Mörder zu suchen. Sie bemerken, dass alle Tote im Zweiten Weltkrieg deutsche Soldaten waren oder, immerhin gibt es auch jüngere Opfer, deren Väter deutsche Soldaten waren.
Als Farang den Killer, der sich nur der ‚Falke‘ nennt, bei einem Mord fast erwischt, taucht dieser unter. Die Spur führt nach Griechenland zu seinem nächsten Opfer.
„Falken jagen“ ist ein klassischer Thriller, der seine Spannung durch den ständigen Wechsel der Perspektive zwischen dem Jäger und dem Gejagten erhält. In Griechenland wird auch das zukünftige Opfer des Falken und sein Umfeld genauer beleuchtet.
Neben der Jagd nach dem Killer geht es in „Falken jagen“ auch um Schuld und Sühne für begangene Verbrechen. Denn das Motiv für die Taten des Falken findet sich in der Vergangenheit, als im Zweiten Weltkrieg deutsche Soldaten alle Bewohner eines griechischen Dorfes kaltblütig ermordeten. Auch Farang und Bobby Quinn erinnern sich an ihre gewalttätige Vergangenheit.
Blettenberg behandelt diese Frage nicht zum ersten Mal in einem Roman. So ging es in „Land der guten Hoffnung“ um den Umgang Südafrikas mit der Apartheid, der sich grundlegend vom Umgang Deutschlands mit seiner Nazi- und DDR-Vergangenheit unterscheidet.
„Falken jagen“ ist ein feiner, traditionsbewusster Thriller, der einige überraschende Twists und viele vertraute Klischees hat, die zeigen, in welcher Tradition Blettenberg steht. Es ist die Tradition des US-Hardboiled-Thrillers, die in Deutschland gelesen, aber fast nie geschrieben wird.
In London fährt ein Auto mit seinen Fahrer in die Themse.
Das kann in der Welt von Peter Grant passieren. Er ist in London Polizist bei der Metropolitan Police. Aber Grant ist kein Streifenpolizist oder Mitglied einer normalen Polizeieinheit. Er gehört zur Folly. Diese Spezialeinheit kümmert sich um Geistererscheinungen, wie halt besessene Autos. Dummerweise ist es nicht das einzige besessene Fahrzeug, das mordend durch London fährt, und solange der Ursprung des Unheils unbekannt ist, haben Grant und seine Kollegen alle Hände voll zu tun.
Im Gegensatz zu Ben Aaronovitchs anderen Urban-Fantasy-Kriminalgeschichten mit Peter Grant ist „Autowahn“ kein Roman, sondern ein Comic. Und das ist in diesem Fall ein Problem. Aaronovitch erzählt seine „Die Flüsse von London“-Romane in der ersten Person aus der Sicht von Peter Grant. Er ist ein junger Polizist, der auch das Magierhandwerk erlernt. Was nicht immer ohne Kollateralschäden abgeht. Die Romane sind lakonisch schwarzhumorige Geschichten, in denen es Geister und übernatürliche Erscheinungen gibt. Wie Grant über sie, seine Arbeit, seine Kollegen und Verwandtschaft erzählt, ist ein großer Teil des Lesevergnügens.
Im Comic wird die Geschichte in Bilder übersetzt und nur an einigen Stellen blitzt Aaronovitchs Humor auf. Dafür sehen wir eine in jeder Hinsicht sehr bunte Polizeitruppe und gleitende Übergänge zwischen der allgemein bekannten Realität, Visionen und der Geisterwelt und zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Lee Sullivan, der auch etliche „Doctor Who“-Geschichten zeichnete, zeichnete die von den ebenfalls „Doctor Who“-erfahrenen Ben Aaronovitch und Andrew Cartmel erfundene Geschichte in präzisen, realistischen Strichen.
„Autowahn“ ist eine typische Peter-Grant-Geschichte, der allerdings genau das fehlt, was die Bücher so einzigartig macht. An dem Erfolg des Comics beim englischen Publikum änderte das nichts. Seitdem schrieb Aaronovitch weitere Comics, die in der Welt der „Die Flüsse von London“ spielen.
Ben Aaronovitch/Andrew Cartmel/Lee Sullivan/Luis Guerrero: Die Flüsse von London: Autowahn
Zuerst erhielt er in China viele Preise. Vor allem für den Galaxy Award, den chinesischen Science-Fiction-Preis, scheint er ein Dauerabo zu haben. Und die Leser lieben seine Geschichten.
Dann wurde sein mit dem Galaxy-Award ausgezeichneter SF-Roman „Die drei Sonnen“ ins Englische übersetzt. Das Buch, der Auftakt der Trisolaris-Trilogie, wurde abgefeiert. Als erster chinesischer (und asiatischer) Roman überhaupt erhielt er den Hugo Award. Für den Nebula Award, den Locus Award, den Prometheus Award und den John W. Campbell Memorial Award war das Werk nominiert. Und allein schon diese Nominierungen verraten SF-Fans einiges über die Qualität des Romans.
Danach wurde „Die drei Sonnen“ ins Deutsche übersetzt und auch hier wurde das Buch abgefeiert, gekauft und mit dem Kurt-Laßwitz-Preis ausgezeichnet.
Inzwischen ist „Der dunkle Wald“, der zweite Band der Trilogie auf Deutsch erschienen. Der Abschluss „Jenseits der Zeit“ ist für den April 2019 angekündigt.
In der Trisolaris-Trilogie geht es um die Begegnung der Menschheit mit einer außerirdischen Rasse.
In „Die drei Sonnen“ läuft alles auf die erste Begegnung hinaus. Cixin Liu erzählt das leicht verschachtelt mit Rückblenden und der Teilnahme des Nanowissenschaftlers Wang Miao an einem Computerspiel. Wang Miao sieht plötzlich auf von ihm gemachten Fotos und vor seinen Augen einen Countdown, er lernt die geheimnisvolle Wissenschaftlervereinigung Frontiers of Science (deren Mitglieder gerade reihenweise Suizid begehen) kennen und er spielt zunehmend begeistert das Computerspiel „Three Body“. In dem Spiel, das doch kein Spiel ist, versucht, wie man langsam begreift, die trisolare Zivilisation das Dreikörperproblem, also wie drei gleichartige Körper (zum Beispiel Sonnen) sich untereinander bewegen und beeinflussen, zu lösen.
In den Rückblenden erzählt die Astrophysikerin Ye Wenji, wie sie auf einer einsam gelegenen Militärbasis Rotes Ufer an einem Projekt arbeitet, bei dem nach außerirdischem Leben gesucht wird und wie sie Kontakt zu den Trisolariern aufnahm. Jetzt ist sie die Chefin der Erde-Trisolaris-Organisation.
In „Der dunkle Wald“ versucht die Menschheit die Invasion der Trisolarier in vierhundert Jahren zu verhindern. Vier Menschen, drei bekannte Wissenschaftler und Politiker und ein Nobody, sollen im Rahmen des Abwehrprogramms „Wandschauer“ das Schlimmste verhindern.
Der Hunger nach weiteren Werken von Cixin Liu ist bei seinen deutschen Fans so groß, dass der Heyne Verlag seine Kurzgeschichten und Novellen ebenfalls auf Deutsch veröffentlicht. Allerdings nicht in einem Sammelband, sondern einzeln. Und weil so eine SF-Kurzgeschichte oder Novelle nicht besonders lang ist, wird der Text in einem großzügigem Layout präsentiert und es gibt Bonusmaterial. Wobei das Bonusmaterial in den bislang erschienenen Novellen „Spiegel“ (knapp hundert Seiten) und „Weltenzerstörer“ (etwas über sechzig Seiten) vor allem aus Auszügen aus den Cixin Lius Romanen besteht. Das ist Geldmacherei, aber auch die Möglichkeit, den Autor schnell kennen zu lernen. Denn nicht jeder will gleich mit einem über fünfhundertseitigem Wälzer beginnen, der seine Geschichte sehr langsam entfaltet.
In der mit dem Galaxy Award als beste Erzählung des Jahres ausgezeichneten Geschichte „Spiegel“ geht es um einen Mann, der einen Supercomputer besitzt, mit dem er alles weiß, was jemals geschah und damit auch, was geschehen wird. Es ist eine Welt ohne Geheimnisse. Aber was für eine Welt wäre das? Und was würde ein solcher Computer für seinen Besitzer und die Menschheit bedeuten?
In „Weltenzerstörer“ taucht ein Kristall aus dem Weltraum auf, der die Menschheit vor dem Weltenzerstörer warnt. Vor seiner Ankunft in einhundert Jahren hat die Menschheit Zeit, sich auf den Kampf vorzubereiten oder den Botschafter des Weltenzerstörers zu überzeugen, die Menschheit doch nicht zu vernichten.
In beiden Novellen fällt auf, wie viele philosophische Fragen und Probleme (verstanden in der breitest möglichen Auffassung) Cixin Liu anspricht. Damit bieten diese Geschichten viel Futter zum Nachdenken.
Das ist immer Hard-Science-Fiction, der zum Nachdenken anregt und seinen besonderen Reiz durch den Hintergrund der chinesischen Kultur und des aktuellen Lebens in China entfaltet. Denn gute Science-Fiction erzählt auch immer von der Gegenwart und der Welt, in der der Autor lebt.
Auffallend ist dabei, egal wie die Geschichten bei Cixin Liu enden, die optimistische Grundhaltung. Es sind keine Dystopien, in denen Menschen durch eine postapokalyptische Welt wandern und Zombies erschießen, oder Cypberpunk-Romane, in denen in einer Noir-Welt multinationale Konzerne die Welt beherrschen und der Cyperspace ein Alptraum ist.
Im Dezember erscheint von Cixin Liu der Sammelband „Die wandernde Erde“. In dem Buch sind zehn seiner Erzählungen, unter anderem „Weltenzerstörer“, enthalten.
Cixin Liu: Die drei Sonnen
(übersetzt von Marina Haase)
Heyne, 2017
592 Seiten
14,99 Euro
–
Originalausgabe
San Ti
Chongquing Publishing Group, 2008
(Erstausgabe 2006 in Fortsetzungen in der Zeitschrift „Science Fiction World“)
–
Cixin Liu: Der dunkle Wald
(übersetzt von Karin Betz)
Heyne, 2018
816 Seiten
16,99 Euro
–
Originalausgabe
Heian Senlin
Chongqing Publishing Group, 2008
–
Cixin Liu: Spiegel
(übersetzt von Marc Hermann)
Heyne, 2017
192 Seiten
9,99 Euro
–
Originalausgabe
Jingzi
2004
(enthalten in dem Sammelband „Shíjian yimin“)
–
Cixin Liu: Weltenzerstörer
(übersetzt von Marc Hermann)
Heyne, 2018
128 Seiten
8,99 Euro
–
Originalausgabe
Ren he tunshizhe
2012
–
Die Lesetour
Samstag, 13. Oktober 2018
Frankfurt am Main, Frankfurter Buchmesse
15.00 Uhr: Weltempfang, Halle 4.1
Diskussion mit Dietmar Dath
Moderation: Michael Kahn-Ackermann
–
17.00 Uhr: Pavilion, Agora
Moderation: Denis Scheck
Übersetzung: Karin Betz
–
Sonntag, 14. Oktober 2018
Essen, lit.RUHR
17.00 Uhr: Zeche Zollverein, Salzlager, Areal C (Kokerei)
Die Thriller von Sebastian Fitzek sind echte Pageturner. Es sind Thriller, die man innerhalb weniger Stunden oder einer kurzen Nacht bis zum Morgengrauen durchliest.
Die bisherigen Fitzek-Verfilmungen „Das Kind“ und „Das Joshua-Profil“ waren nicht so gelungen.
„Abgeschnitten“ ist daher nicht nur die bislang beste Fitzek-Verfilmung, sondern auch ein ziemlich gelungener Thriller. Wenn man über einige Unwahrscheinlichkeiten und schlechte Dialoge hinwegsieht. Und über den zähen Anfang, in dem die Hauptpersonen in jeder Beziehung arg umständlich und ziemlich verkrampft vorgestellt und einige Plots angedeutet werden, die später vollkommen unwichtig sind. Hier hätte ruhig einiges abgeschnitten werden können.
Letztendlich beginnt die Geschichte in der Gerichtsmedizin in Berlin. Rechtsmediziner Paul Herzfeld (Moritz Bleibtreu) entdeckt in einer grausam zugerichteten Leiche in einer kleinen, gut im Körper versteckten Kapsel einen Zettel mit der Telefonnummer seiner Tochter. Durch einen Anruf bei ihr erfährt er, dass sie entführt wurde und er unter keinen Umständen mit der Polizei reden soll.
Er macht sich in sturmumtoster Nacht (mit wunderbar stabiler Handyverbindung) auf den Weg nach Helgoland, um dort eine in einer Leiche eine weitere Spur zur Rettung seiner Tochter zu finden. Weil er nicht schnell genug auf der Insel sein kann, überzeugt er die aus Berlin vor ihrem Stalker nach Helgoland geflohene Comic-Zeichnerin Linda (Jasna Fritzi Bauer) die Leiche zu obduzieren. Unter seiner telefonischer Anleitung. Diese Szene, die im Buch und im Film durch ihre Detailgenauigkeit beeindruckt, ist im Kino dann auch ein schwarzhumorig-absurder Comic-Höhepunkt.
Für diese Detailgenauigkeit bei den gerichtsmedizinischen Details war im Roman Michael Tsokos zuständig. Er ist der Leiter des Instituts für Rechtsmedizin der Charité und des Landesinstituts für gerichtliche und soziale Medizin in Berlin. Die von ihm und Sebastian Fitzek dazu erfundene Geschichte ist dann eine ziemlich vorhersehbare Serienkiller-Geschichte, in der der durchgeknallte Killer den tapferen Helden auf eine Schnitzeljagd schickt. Das kennt man aus unzähligen US-Krimis und will es eigentlich seit Jahren nicht mehr lesen.
Im Film nimmt Christian Alvart sich dann zugunsten einer Thriller-Filmdramaturgie Freiheiten. Es gibt immer noch etliche irrwitzige Wendungen, aber alles erscheint organischer und nicht so formelhaft wie im Roman. Die Schauspieler harmonisieren und schnell entsteht eine ordentliche Thriller-Spannung, die man so in deutschen Filmen selten sieht. Aufgelockert wird sie durch etliche witzige Szenen. Wobei der Witz sich meistens aus der Situation ergibt. Denn die verschiedenen Charaktere müssen immer wieder Dinge tun, die sie unter keinen Umständen tun wollen. Zum Beispiel eine Leiche befördern oder sie aufschneiden.
Das ist spannend, wenn man die zahlreichen Unwahrscheinlichkeiten und Zufälle hinnimmt. Ohne sie würde der Plan des Bösewichts nicht funktionieren. Allein schon, dass Herzfeld die erste Botschaft findet, dass er dann niemand von seinen zahlreichen Polizistenfreunden informiert und dass auf Helgoland jemand ein herrenlos bei einer Leiche herumliegendes Handy findet und gleich die Anrufwiederholung ausprobiert, sind Zufälle, die so unwahrscheinlich sind, dass in der Realität der grandios ausgetüftelte Plan des Bösewichts schon an der ersten Hürde gescheitert wäre. Denn damit sein Plan funktioniert, muss Herzfeld die Kapsel finden und das Telefon bedienen.
Auch die Dialoge, vor allem am Anfang, sind teils peinlich, teils reinstes Schriftdeutsch und die Charaktere sind arg eindimensionale Funktionsträger.
Das kann alles – zu Recht – gegen Christian Alvarts Thriller eingewandt werden. Aber das kann auch gegen die Romane von Sebastian Fitzek gesagt werden. Und die machen Spaß. Wie der Film.
Abgeschnitten (Deutschland 2018)
Regie: Christian Alvart
Drehbuch: Christian Alvart
LV: Sebastian Fitzek/Michael Tskokos: Abgeschnitten, 2012
mit Moritz Bleibtreu, Jasna Fritzi Bauer, Lars Eidinger, Fahri Yardim, Enno Hesse, Christian Kuchenbuch, Urs Jucker, Barbara Prakopenka, Michael Tsokos, Sebastian Fitzek (beide, in verschiedenen Szenen, mit einem Cameo, ziemlich am Filmanfang)
Unabhängig von dem, was ich gleich über Florian Henckel von Donnersmarcks neuen Film „Werk ohne Autor“ schreiben werde, muss ich eins klarstellen: die über drei Stunden, die der Film dauert, vergingen schnell. Ich musste nicht gegen den Schlaf kämpfen, rutschte nicht unruhig im Kinosessel herum und biss nicht die vordere Sesselreihe durch. Das gelingt nicht jedem Film. Vor allem nicht über eine so epische Laufzeit hinweg.
Aber die Entscheidung von Donnersmarcks „Werk ohne Autor“ in das Rennen um den Auslandsoscar zu schicken, verstehe ich nicht. Zur Auswahl standen auch „Transit“, „Mackie Messer – Der Dreigroschenfilm“, „Das schweigende Klassenzimmer“ und „Der Hauptmann“. Alles interessante Filme, die nicht so hemmungslos auf einen Oscar schielen wie „Werk ohne Autor“. Und gegen unseren letztjährigen Oscarbewerber, Fatih Akins „Aus dem Nichts“, ist „Werk ohne Autor“ langweiliges, bildungsbürgerliches Erbauungskino, das brav den Nationalsozialismus, die DDR und die frühen Jahre der BRD an der Biographie des Künstlers Kurt Barnert abhandelt.
Das Vorbild für Kurt Barnert ist Gerhard Richter
Bevor von Donnersmarck das Drehbuch schrieb, konnte er sich einen Monat mit Richter unterhalten und ihn begleiten. Er hätte also genug Material für ein Biopic gehabt. Aber er entschloss sich zur fiktionalisierten Version, in der Kenner des Lebens und Werks von Richter ihn immer erkennen. Aber im Detail ist unklar, ob die Szene erfunden oder wahr ist. Auch andere Charaktere, die auf wahren Personen basieren, haben im Film andere Namen. So heißt Joseph Beuys im Film Antonius van Verten und Oliver Masucci zeigt wieder einmal sein Talent. Auch die anderen Schauspieler überzeugen.
Wer sich mit der deutschen Kunstgeschichte nicht so auskennt, kann die Informationen im Film wie ein Schwamm aufsaugen und sie dann irgendwann kleinteilig mit der Wirklichkeit vergleichen.
Das erste Mal begegnen wir Kurt Barnert als er 1937 mit seiner Tante Elisabeth in Dresden die Ausstellung „Entartete Kunst“ besucht und, wie in einem Brennglas, alle wichtigen Themen des Films angesprochen werden.
In den folgenden drei Stunden erzählt von Donnersmarck dann Barnerts Leben bis zu seiner ersten großen Ausstellung 1966 in der Kunsthalle Wuppertal, wo Barnert Probleme hat, sein Werk zu erklären. Das tut dann ein Journalist, vor dem Portrait von Tante Elisabeth stehend, für eine TV-Reportage: „Zufällig gewählte Illustriertenbilder, Passfotos vom Automaten, beliebige Schnappschüsse aus Familienalben – alles unscharf abgemalt. Mit solchen Bildern, die aus unerklärlichen Gründen eine echte Kraft besitzen, scheint sich Kurt Barnert zum führenden Künstler seiner Generation zu entwickeln – und das mit der totgewähnten Malerei! Aber wie viele in seiner Generation hat er nichts zu erzählen, nichts zu sagen, löst sich von jeder Tradition, verabschiedet sich vom biographischen Ansatz in der Kunst und schafft so zum ersten Mal in der Kunstgeschichte…ein Werk ohne Autor.“
Der Film verästelt sich, nimmt sich Zeit für Abschweifungen und zeigt einiges ausführlicher als nötig, während Barnert eher passiv ist. Er ist nicht der Künstler, der bereits seine Sprache gefunden hat und der fanatisch ein Projekt verfolgt. In der DDR malt er akribisch ein Wandfresko. In Düsseldorf experimentiert er. Wie die anderen Studenten. Dabei wirkt Barnerts Experimentieren nicht wie die Suche nach einer eigenen Sprache, sondern wie das Erfüllen des Pflichtprogramms.
Neben Barnerts Geschichte erzählt von Donnersmarck auch die Geschichte von Tante Elisabeth, die psychisch gestört ist und von ihrem Arzt, Professor Carl Seeband, in den Tod geschickt wird. Er erzählt auch Seebands Geschichte, dem es immer gelingt, zur herrschenden Klasse der verschiedenen Systeme zu gehören und der sich immer wieder in das Leben seiner Tochter einmischt. Denn für ihn ist ein Künstler kein Mann für seine Tochter.
Und immer wieder gelingen von Donnersmarck einprägsame Szenen. Teils, wenn die Busfahrer auf dem Busbahnhof auf Bitten von Tante Elisabeth hupen und sie „hebt die Arme wie in Ekstase, lässt die Erschütterung des tiefen Hornklangs durch sich wogen. Musikerlebnis der extremen Art.“ (Drehbuch), als Überwältigungskino. Teils dank der Schauspieler und dem Inhalt der Szene.
„Werk ohne Autor“ ist allerdings auch ein strikt chronologisch erzählter Film, der weder Fisch noch Fleisch ist. Er ist kein straffer Zwei-Stundenkinofilm, der einen Konflikt zuspitzt. Er ist auch keine vier- oder sechsstündige Mini-TV-Serie, in der verschiedene Plots nebeneinander her laufen können ohne sich jemals zu kreuzen. Wobei von Donnersmarck sich eher für die das bildungsbürgerliche Publikum ansprechende Mini-TV-Serie interessiert, die allerdings zu lang für einen Kinobesuch wäre.
Und so ist die Szene, die visualisiert, warum von Donnersmarck den Film drehte und die in einem Zwei-Stundenfilm die große Szene, auf die alles hinausläuft, wäre, komplett verschenkt.
Die Inspiration für „Werk ohne Autor“ war ein vor etwa zehn geführtes Interview, bei dem der Interviewer, „Tagesspiegel“-Reporter Jürgen Schreiber, von Donnersmarck erzählte, er habe gerade eine Biographie über Gerhard Richter geschrieben. Die Inspiration dazu war seine Tagesspiegel-Reportage über Richter, in der er enthüllte, dass Richters Tante Marianne Schönfelder (verewigt in dem Portrait „Tante Marianne“) von NS-Ärzten umgebracht wurde und dass Richters Schwiegervater, Prof. Dr. Heinrich Eufinger, als SS-Obersturmbannführer bei der Sterilisierung geistig Behinderter eine maßgebliche Rolle spielte. Richter hat das anscheinend erst durch Schreibers Reportage erfahren.
Für von Donnersmarck war diese Geschichte und die damit verbundenen Verstrickungen die Inspiration für „Werk ohne Autor“. Im Film sehen wir dann auch, wie Barnert ausgehend von Fotografien von seiner Tante Elisabeth, Passfotos von Seeband und der Verhaftung des Naziverbrechers Burghard Kroll diese Fotos nachzeichnet und ineinander übergehen lässt. In diesem Bild verbindet er das Schicksal seiner Tante mit dem eines Psychiaters, der das Euthansie-Programm initiierte, das Seeband willig ausführte. Das Bild fasst damit mehrere Jahrzehnte deutscher Geschichte zusammen. Und es wäre, wenn Barnert gewusst hätte, was er malt, eine Anklage gegen seinen Schwiegervater.
Als dieser das Bild bei einem Besuch in Barnerts Atelier sieht, reagiert er verstört. Es ist durch die Inszenierung offensichtlich, dass Seeband die volle Bedeutung des Bilds erfasst, dass er seine Vergangenheit sieht und er davon ausgeht, dass Barnert sie auch kennt.
Dieser Moment könnte die Rache des Künstlers an dem Mörder seiner Tante sein. Er ist es allerdings nicht. Denn Barnert kennt den Mörder seiner Tante nicht. Er hat auch keine Ahnung von Seebands Verstrickungen mit dem Nazi-Regime und wie sehr er sich immer wieder in Barnerts Leben einmischt.
Von Donnersmarck verschenkt genau den Moment, auf den implizit der gesamte Film hinausläuft.
Sein dritter Spielfilm ist auch ein Film über die moderne Kunst, auf die er allerdings immer wieder verächtlich herabblickt. Das zeigt sich vor allem an den in der Kunstakademie Düsseldorf spielenden Szenen. So führt Harry Preuser Barnert am ersten Tag durch die Akademie und äußerst sich sehr spöttisch über die Akademie und seine Mitstudenten. Die Projekte der Studenten scheinen vor allem eine von jeglicher Technik und Handwerk befreite Selbstverwirklichung zu sein. Und Professor van Verten ist ein enigmatischer Scharlatan, der sich nicht für die Werke seiner Studenten interessiert.
Im Gegensatz zum am 31. Oktober startendem „Queen“-Biopic „Bohemian Rhapsody“ zeigt „Werk ohne Autor“ die Phase des Suchens, der Irrwege und der missglückten Versuche im Leben eines Künstlers. Es ist ein Portrait der Kindheit, Jugend und der Lehrlingsphase eines Künstlers. Gleichzeitig zeichnet von Donnersmarck über drei Stunden betulich, im Stil eines TV-Mehrteilers ein Bild Deutschlands von 1937 bis 1966.
Werk ohne Autor (Deutschland 2018)
Regie: Florian Henckel von Donnersmarck
Drehbuch: Florian Henckel von Donnersmarck
mit Tom Schilling, Sebastian Koch, Paula Beer, Saskia Rosendahl, Oliver Masucci, Hanno Koffler, Cai Cohrs, Jörg Schüttauf, Jeanette Hain, Ina Weise, Lars Eidinger, Jonas Dassler, Ben Becker, Hinnerk Schönemann
Länge: 189 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
–
Das Buch zum Film
Mit vielen Filmbildern, dem Drehbuch, einem Interview mit Florian Henckel von Donnersmarck und einem Gespräch zwischen dem Künstler Thomas Demand und dem Filmemacher Alexander Kluge über den Film. Beide Gespräche sind interessant.
Aber gerade wegen der Filmgeschichte hätte man gerne mehr über die Unterschiede zwischen Richters Biographie und dem Film erfahren. In einem eigenem Text oder einem Essay über Richters Wirken und die Kunst in Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg.
Hier ist sie nun: die Verfilmung eines Kinderbuchklassikers, der sich förmlich für eine Verfilmung anbietet. Nicht weil die Geschichte so neu ist, sondern weil einfach eine sattsam bekannte Geschichte mit dem kleinen Twist erzählt, dass der Held, der einen Toten wieder erweckt ein zehnjähriger Junge ist und alles etwas harmloser abläuft als in einer Stephen-King-Verfilmung. Aber auch nicht so harmlos, dass man der FSK-Freigabe „ab 6 Jahre“ problemlos, aus vollem Herzen zustimmen möchte. Dafür ist „Das Haus der geheimnisvollen Uhren“ dann doch etwas zu düster geraten.
Im Buch und Film wird der zehnjährige Lewis Barnavelt (Owen Vaccaro) von seinem in New Zebedee lebendem Onkel Jonathan (Jack Black) aufgenommen. Lewis hat seine über alles geliebten Eltern verloren. Sein Onkel lebt, wie er schnell erfährt, in einem Zauberhaus und er ist etwas exzentrisch, aber sehr liebenswert. Und er belästigt Lewis nicht mit Regeln und Vorschriften. Außerdem sind er und seine Nachbarin, Mrs. Zimmerman (Cate Blanchett), richtige Zauberer.
Die beiden Freigeister führen Lewis in die wundervolle Welt der Zauberei ein.
Als Lewis, um einen Klassenkameraden zu beeindrucken, einen Toten wieder zum Leben erweckt, setzt er unwissentlich eine katastrophale Dynamik in Gang.
Denn er erweckte Isaac Izard (Kyle MacLachlan), den früheren Besitzer des Hauses. Izard ist ein böser Zauberer, der auch irgendetwas mit der tickenden Uhr zu tun hat, die irgendwo im Haus in der Wand verborgen ist und die einen Countdown schlägt.
Lewis, Onkel Jonathan und Mrs. Zimmerman versuchen die Katastrophe zu verhindern. Dummerweise haben sie keine Ahnung, wieviel Zeit sie noch haben und wer ihre Gegner sind.
Das klingt doch nach einer zünftigen Horrorgeschichte mit all den vertrauten und liebgewonnenen Genretopoi und Figuren, die dieses Mal für ein jüngeres Publikum erzählt wird.
Zu den Produzenten gehört, was für die kindgerechte Version spricht, Amblin Entertainment. Spielbergs Firma ist vor allem bekannt für familienfreundliche Filme, wie „E. T. – Der Außerirdische“. Zu den Amblin-Filmen gehört auch „Gremlins“. Und, obwohl es strenggenommen kein Amblin-ist, auch „Poltergeist“. Der Horrorfilm wurde von „The Texas Chainsaw Masscre“-Regisseur Tobe Hooper inszeniert. Hooper war damals und heute nicht für familien- und kindertaugliche Filme bekannt.
Ich sage das, weil „Das Haus der geheimnisvollen Uhren“ von Eli Roth inszeniert wurde. Roth ist für alles bekannt, außer für Kinderfilme. Horrorfilme, die oft Probleme mit der Zensur haben, sind sein Metier. Auch wenn er zuletzt mit „Knock Knock“ und „Death Wish“ Thriller drehte, die nicht gut waren.
„Das Haus der geheimnisvollen Uhren“ ist jetzt ein Kinderfilm, der nicht gut ist.
Das beginnt schon mit den Gruselszenen, die für ein kindliches Publikum wirklich sehr gruselig geraten sind. Wenn Lewis, Onkel Jonathan und Mrs. Zimmerman von einer Horde Halloween-Kürbisse oder einer Armada Puppen angegriffen werden und sie diese mit spürbarer Lust an brachialer Gewalt vernichten, dann ist da kein Hauch von Magie, sondern nur die Lust am Gemetzel zu spüren. Es sind Szenen, die sich an ein älteres Publikum richten.
Humor könnte solchen Momenten seinen Schrecken nehmen, aber in „Das Haus der geheimnisvollen Uhren“ wirkt der Humor, vor allem die Neckereien zwischen Onkel Jonathan und Mrs. Zimmerman, immer etwas zu forciert. Er hat auch keine reale Grundierung. Das trifft auf den gesamten Film, der 1955 in einem typischen Fünfziger-Jahre-All-America-Ort spielt. Bellairs‘ Roman spielt bereits 1948; was nichts daran ändert, dass Buch und Film in einem Traum-Amerika spielen, in dem der amerikanische Traum als Traum des weißen Mannes noch ungebrochen zelebriert wurde. Es ist auch ein Ort, der immer wie eine leblose, aus dem Fundus zusammengestellte Theaterkulisse wirkt.
Zu diesen Problemen, die sich ausschließlich aus der Präsentation ergeben, kommt eine sehr schleppend erzählte Filmgeschichte, die bei all ihren Änderungen doch erstaunlich nahe an der Vorlage bleibt. Schon der Roman ist kein prototypischer Pageturner, sondern ein Kinderbuch, dessen Geschichte sich über viele Monate erstreckt, in dem Izard erst in der Buchmitte von den Toten aufersteht und in dem die potentiell gruseligen Momente schnell abgehandelt werden. In einem Roman ist das weniger ein Problem als in einem Film. Es dauert eine Stunde, bis Lewis, um bei einem Klassenkameraden Eindruck zu schinden, mitten in der Nacht den Bösewicht des Films wieder erweckt. Dass er dadurch eine tödliche Dynamik in Gang setzt, begreift er erst später. Spannender wird die Geschichte in den folgenden ungefähr vierzig Minuten dadurch allerdings nicht. Roth reiht einfach, ohne ein Gefühl für Stimmungen, Episoden aneinander, währen Jack Black und Cate Blanchett erstaunlich blass bleiben.
Besser man sieht sich noch einmal „Gänsehaut“ an. Das ist, ebenfalls mit Jack Black, ein richtig vergnüglicher Horrorfilm für Kinder, der auch Erwachsenen gefällt und etliche gelungene Anspielungen hat.
Das Haus der geheimnisvollen Uhren (The House with a Clock in its Walls, USA 2018
Regie: Eli Roth
Drehbuch: Eric Kripke
LV: John Bellairs: A House with a Clock in its Walls, 1973 (Das Geheimnis der Zauberuhr, Das Haus der geheimnisvollen Uhren)
mit Owen Vaccaro, Jack Black, Cate Blanchett, Renée Elise Goldsberry, Sunny Suljic, Collen Camp, Lorenza Izzo, Kyle MacLachlan