Gratis-Comic-Tag 2016: Kostenlose Comics, Aktionen und, wahrscheinlich wieder, endlose Schlangen

Mai 13, 2016

GratisComicTag - Zombie Terror - 4

Comics sind Kindergeschichten.

Comics sind Superheldengeschichten.

Comics sind Erwachsenengeschichten.

Das alles und noch viel mehr sind Comics und der inzwischen schon siebte Gratis-Comic-Tag am Samstag, den 14. Mai, präsentiert einen aufregenden Querschnitt durch die aktuelle Comic-Szene mit 34 verschiedenen kostenlosen Heften. Insgesamt wurden 356.000 Hefte für den Tag gedruckt. 16 Verlage beteiligen sich. Einige Händler begleiten den Tag mit weiteren Aktionen.

Damit liefert der Gratis-Comic-Tag einen umfassenden und auch ziemlich vollständigen Überblick über die gesamte Comicszene in all ihren Facetten.

GratisComicTag - Lucky Luke - 2GratisComicTag - Isaak der Pirat - 2

So gibt es mit „Die Dalton-Ballade“ (Egmont Comic Collection) eine abgeschlossene kürzere „Lucky Luke“-Geschichte von Goscinny/Morris, die wohlige Erinnerungen an unsere frühen Comic-Leseerlebnisse weckt. Neben Asterix und Donald Duck, der auch beim Gratis-Comic-Tag vertreten ist.

Dieses Mal begleitet der unbestechliche Gesetzeshüter Lucky Luke, der dieses Jahr seinen siebzigsten Geburtstag feiert, die Dalton-Brüder, diese Bande von vier dummen, aber engagierten Verbrechern. Ihr Onkel hat ihnen ein Vermögen vermacht, nachdem er am Galgen („natürlicher Tod“ für die Daltons) starb. Die Erbschaft erhalten sie, nachdem sie die Geschworenen und den Richter, die ihren Onkel verurteilten, getötet haben. Als unabhängiger Zeuge soll Lucky Luke dabei sein.

Die Dalton-Ballade“ ist vor allem eine absurd-komische Geschichte.

Weniger komisch ist „Amerika“ (Reprodukt), das erste von fünf erhältlichen „Isaak der Pirat“-Hefte von Christophe Blain. Isaak Sofer ist im Paris des 18. Jahrhunderts ein glückloser Maler. Als er bei einem Schiff als Maler anheuert, hat er keine Ahnung, dass seine Reise länger als geplant dauern wird und er, ungeplant, Piraten in die Hände fällt. Während er mit mehr oder weniger vielen Umwegen Richtung Amerika segelt, lernt seine Frau in Paris einen Mann kennen,

Für meinen Geschmack sind einige Dialoge und das Verhalten einiger Personen, vor allem von Isaak und seiner Frau, zu sehr in der Gegenwart verwurzelt. Aber insgesamt ist „Amerika“ eine äußerst kurzweilige Abenteuergeschichte.

GratisComicTag - Kiste - 2GratisComicTag - Rat Queens - 2

Kiste“ (Reprodukt) von Patrick Wirbeleit und Uwe Heidschötter ist ein Kindercomic über, nun, eine Werkzeugkiste, die alles ausprobieren will und konstant begeistert ist. Auch wenn die Wippe, die Kiste mit seinem Freund Mattis gebaut hat, eine Nicht-Wippe ist.

Sehr witzig!

Rat Queens“ (Dani Books) von Kurtis J. Wiebe und Roc Upchurch richtet sich dagegen an ein etwas älteres Publikum. Die Rat Queens sind eine Bande von vier Mädchen, die keinem Ärger aus dem Weg gehen und jetzt, weil sie, wieder einmal, die halbe Stadt zerstörten, zur Strafe, Goblins aus der Hindman-Höhle verjagen sollen.

Der Gratis-Comic taugt allerdings nur als Appetit-Anreger, weil er lediglich das erste Kapitel des ersten „Rat Queens“-Sammelbandes „Gemetzel, Gold und große Klappen“ enthält. Ach ja: die Rat Queens waren 2014 als beste neue Serie für den Eisner Award nominiert und 2015 gab es den Hugo Award als „Best Graphic Story“.

GratisComicTag - Sherlock Holmes - 2GratisComicTag - Batman - 2

Sherlock Holmes und die Zeitreisenden“ (Splitter) von Sylvain Cordurié und Yladimir Krstic-Laci, die schon mehrere Holmes-Geschichten erzählten, ist eine Geschichte, die sich sehr weit von dem Doyle-Holmes entfernt. Nach einer Konfrontation mit Professor Moriarty um das Necronomicon hat Holmes sich zurückgezogen. Er ist jetzt ein ganz normaler Buchhändler. Als die Königin ihn um Hilfe bittet, kann er nicht ablehnen. Er soll McBride finden, ehe etwas Schlimmes geschieht.

Zur gleichen Zeit sucht McBride, ein Zeitreisender, der aus der Zukunft wieder in die Gegenwart (also das viktorianische London) zurückkehrte, zwei andere Zeitreisende, die aus der Zukunft in die Vergangenheit reisten. McBride will sie unbedingt zur Strecke bringen. Aber er hat keine Ahnung, wie sie aussehen.

In dem Gratis-Comic-Tag-Heft ist das erste Album der aus zwei Alben bestehenden Geschichte abgedruckt, die nach einem langsamen Beginn enorm spannend wird.

Ein anderer nicht tot zu kriegender Charakter ist Batman. Für den Gratis-Comic-Tag gibt es mit „Batman“ (Panini Comics) eine abgeschlossene Batman-Geschichte, in der er, mit überraschendem Ergebnis, gegen Clayface kämpft. Ergänzt wird die Einzelgeschichte um drei kurze „DC You – Dein DC-Universum“-Previews mit Batman/Superman (ohne Superkräfte), Bizarro (ein schräger Anti-Superman) und Green Lantern.

GratisComicTag - Marvel Super Heroes - 2GratisComicTag - Fight Club - 2

Neben DC Comics ist Marvel die andere Superheldenschmiede, die in „Marvel Super Heroes“ (Panini Comics) in einer Geschichte die Avengers, die Guardians of the Galaxy und Spider-Man während einer Zirkusvorstellung miteinander gegen die Zirkusdirektoren kämpfen lässt. Ein schöner Spaß.

Außerdem ist in dem Heft der erste Auftritt einer jüngeren Avengers-Gruppe, die erst noch das richtige Kämpfen lernen müssen, und ein Solo-Auftritt von Spider-Man enthalten. Beides sind Appetithappen auf das neue Marvel-Universum.

Vor zwanzig Jahren wurde Chuck Palahniuk mit seinem Debütroman und der anschließenden Verfilmung „Fight Club“ bekannt. Jetzt erzählt er in „Fight Club 2“ (Splitter) die Geschichte fort. In „Fight Club 2“ sind „Das Prequel“ und „Tyler Durden lebt“, das zehn Jahre nach dem ersten „Fight Club“ spielt, enthalten. Mit beiden Geschichten konnte ich nicht viel anfangen. Allerdings ist „Tyler Durden lebt“ auch nur der Anfang der über 250-seitigen „Fight Club 2“-Geschichte, die Splitter in zwei Bänden veröffentlicht.

Anscheinend schreibt Palahniuk schon an einem dritten Teil, der wieder als Comic erscheinen soll.

GratisComicTag - Frankenstein - 2GratisComicTag - Die Überlebende - 2

Durchgehend gelungen sind die vielen kurzen Geschichten in „Happy Birthday, Frankenstein“ (U-Comix), mit dem U-Comix den zweihundertsten Geburtstag von Frankenstein und seinem Monster feiert. Mary Shelleys Roman erschien zwar erst 1818, aber davor ersann sie die Geschichte. In dem Comicheft gehen die fast ausschließlich deutschen Autoren und Zeichner herrlich respektlos mit dem Monster, seinem Umfeld und seiner popkulturellen Wirkung um. Sogar David Bowie hat einen Auftritt. Wer braucht da noch „Victor Frankenstein“?

Ähnlich respektlos, vergnüglich und nicht unbedingt jugendfrei geht es in „Zombie Terror“ (Weissblech Comics) zu. Auch wenn nicht in allen Geschichten Zombies dabei sind. Eigentlich nur in der ersten „Tote Welt“, dem Beginn einer Zombie-Saga, die mitten in der Geschichte, nachdem einige Zombies getötet wurden, abbricht. Befriedigender ist da die „Captain Berlin“-Geschichten von Jörg Buttgereit und Levin Kurio (der auch für „Tote Welt“ verantwortlich ist). Captain Berlin, die Geheimwaffe des Widerstandes gegen Hitler und seine Schergen, muss gegen Germanikus, den ersten wahren Übermenschen, ein Flickwerk aus Leichenteilen, kämpfen. Von Levin Kurio ist auch die „Kala“-Kurzgeschichte „Wächter des Wassers“, in der die Urweltamazone Kala, arg unbekleidet, gegen ein Untier kämpfen muss.

Nicht jugendfrei kann auch über „Die Überlebende“ (All Verlag) von Paul Gillon (1926 – 2011) gesagt werden. Im Original erschien der vierbändige Comic, der in Deutschland lange nicht mehr erhältlich war, zwischen 1984 und 1991. Gillons in damals naher Zukunft spielende Geschichte einer Frau, die während eines Tauchgangs eine Katastrophe überlebte, die die ganze Menschheit vernichtete, hat viele freizügige Bilder, weil Aude Albrespy bevorzugt nackt oder leicht bekleidet ist. Sie kehrt nach Paris zurück, lässt sich in einem Nobelhotel in jeder Beziehung von den allgegenwärtigen und immer noch funktionierenden Robotern verwöhnen. Als ein Mann, der in einem Raumschiff die Katastrophe überlebte, ändert sich alles.

Während des Gratis-Comic-Tages wird der komplette erste Band des postapokalyptischen Pornos, der neugierig auf die weitere Geschichte von Aude macht, verteilt.

Einen Überblick über die beteiligten Händler gibt es hier.

Einen Überblick über die Aktionen gibt es hier.

Und hier gibt es weitere Informationen zu den diesjährigen Comics.


DVD-Kritik: Die John-le-Carré-Verfilmung „The Night Manager“

Mai 4, 2016

John le Carrés Roman „Der Nachtmanager“ (The Night Manager) erschien 1993 und war sein erster Roman in der nach dem Ende des Kalten Krieges spielenden Welt. Er erzählte die Geschichte eines Hotelportiers, der, vom britischen Geheimdienst rekrutiert und mit einer neuen Identität ausgestattet, in eine undurchsichtige Geschichte von Kokain- und Waffenhandel, höchst illegal, global und tödlich, verwickelt wird.

Der Roman, der mir damals gut gefiel, war ein Beleg dafür, dass der Spionageroman nach dem Ende des Kalten Krieges, der ja die Weltpolitik und das Genre seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs bestimmte, immer noch relevant ist. Schließlich gab und gibt es weiterhin Geheimdienste und Spionage.

Über eine Verfilmung wurde seit dem Erscheinen immer wieder gesprochen, aber alle Pläne zerschlugen sich. Auch Hugh Laurie bemühte sich, wie er im Bonusmaterial von „The Night Manager“ sagt, um die Verfilmungsrechte.

Ein Grund für die gescheiterten Verfilmungspläne war, so hieß es, dass die Handlung des gut sechshundertseitigen Romans unmöglich in einem Zwei-Stunden-Film erzählt werden könne. Entsprechend folgerichtig ist dann auch die Entscheidung, den Roman nicht als Spielfilm, sondern – wie es jetzt geschah – als sechsstündige Miniserie zu verfilmen, die ihre TV-Premiere in England im BBC als Sechsteiler hatte und die bei uns auf DVD und bei Amazon Prime als Achtteiler verfügbar ist. Die einzelnen Folgen sind in dieser Schnittfassung, wie wir es von US-Serien gewohnt sind, jeweils knapp 45 Minuten. An der Gesamtlänge ändert sich nichts. Auch nicht an der langsamen Erzählweise, die sich mehr auf psychologische Entwicklungen und Stimmungen und weniger auf Action und das zügige Abhaken von Plot-Points oder überraschender Wendungen konzentriert.

In den ersten beiden Episoden entwickelt sich die Geschichte langsam und, auch wenn sich die Geschichte konstant vorwärts bewegt, hätte man ohne Mühe viel streichen können. Denn Drehbuchautor David Farr („Spooks“, „Wer ist Hanna?“) und Regisseurin Susanne Bier, die bislang, abgesehen von einem TV-Film, ausschließlich für das Kino arbeitete, erzählen die Geschichte ziemlich detailverliebt und in dem Wissen, dass sie viel Zeit haben.

Deshalb ist die erste Episode eigentlich nur das Vorspiel für die in der Gegenwart spielende Geschichte: In Kairo im Januar 2011, während des Arabischen Frühlings, vertraut Sophie Alekan, die Geliebte des Hotelbesitzers Freddie Hamid, Spross einer reichen und mächtigen ägyptischen Familie, dem immer britisch-höflichen Nachtmanager des Nobelhotels, Jonathan Pine (Tom Hiddleston), Papiere über einen illegalen Waffenhandel zwischen Hamid und Richard Onslow Roper (Hugh Laurie) an. Der Brite Roper ist ein internationaler Waffenhändler, den der britische Geheimdienst gerne überführen würde. In Kairo laufen die Dinge so aus dem Ruder, dass Sophie Alekan am Ende tot ist.

Vier Jahre später arbeitet Pine im schweizerischen Zermatt in einem anderen Nobelhotel. Als Roper mit seinem Gefolge dort als Gast auftaucht, beginnt Pine hinter ihm her zu spionieren. Und er kontaktiert wieder den britischen Geheimdienst. Die Anti-Korruptions-Agentin Angela Burr (Olivia Colman), die Pine in Kairo vor dem Attentat auf Sophie Alekan warnte und um Hilfe bat, kann den Ex-Soldaten überzeugen, sich in einem gefährlichen Undercover-Einsatz bei Roper einzuschleichen.

Das gelingt Pine dann auch in der dritten Episode, als er bei einem Feier von Roper und seinen Freunden in einem Restaurant auf Mallorca einen vom Geheimdienst initiierten Überfall mit anschließender Geiselnahme verhindert und dafür von den Geiselnehmern übel zusammengeschlagen wird. Roper lässt ihn auf seinem Anwesen pflegen und, nach einer ausführlichen Überprüfung, nimmt er Pine in seine Entourage auf. Denn nach der Geheimdienstlegende ist Pine ein skrupelloser, international gesuchter Verbrecher und eine solche Person kann Rober immer gebrauchen.

In den folgenden Episoden taucht Pine immer tiefer in das Leben von Roper ein. Wobei er sich nie sicher sein kann, wann seine Legende auffliegt. Denn nicht jeder von Ropers Gefolgsleuten vertraut ihm und dass Ropers Geliebte sich in ihn verliebt, verkompliziert den ohnehin gefährlichen Undercover-Einsatz.

Gleichzeitig kämpft Burr, die im Roman ein Mann, im Film eine hochschwangere Frau ist (Olivia Colman war wirklich schwanger), gegen Intrigen im Geheimdienst, die ihre sowieso ungeliebte Abteilung und den ganzen, vollkommen geheim gehaltenen Einsatz von Pine gefährden könnten.

Le Carrés Geschichte, die für die Miniserie in die Gegenwart verlegt wurde, hat keine großen Überraschungen. Entsprechend erahnbar ist das Ende und nervenzerfetzende Spannung ist etwas, das man in anderen Filmen findet.

Aber die Besetzung ist gut und man will wissen, wie die doch recht betulich erzählte Geschichte sich weiter entwickelt und wie die Konfrontation zwischen dem Nachtmanager und dem Waffenhändler, der erst ab der dritten Episode mehr Screentime hat, endet.

Insgesamt ist „The Night Manager“ eine weitere sehenswerte John-le-Carré-Verfilmung.

Im Kino läuft schon am 7. Juli mit „Verräter wie wir“ die nächste le-Carré-Verfilmung an.

Inszeniert von Susanna White, nach einem Drehbuch von Hossein Amini, mit

Ewan McGregor, Damian Lewis, Stellan Skarsgård, Naomie Harris, Mark Stanley und Mark Gatiss.

Die „The Night Manager“-DVD und Blu-ray haben als Bonusmaterial fünfzig Minuten Interviews mit Hugh Laurie, Tom Hiddleston, Elizabeth Debicki, Olivia Colman, Alistair Petri, John le Carré, Susanne Bier, Rob Bullock (Produzent), Simon Cornwell (Produzent), Stephen Garrett (Ausführender Produzent) und Matthew Patnick (Produktionsleiter) und ein reines Werbe-Featurette von der Premiere in Berlin, in dem alle Beteiligten, auf dem roten Teppich, begeistert von der Miniserie sind.

Ach ja: Der Miniauftritt von John le Carré ist in der fünften Episode in der einundzwanzigsten Minute. Er ist der Gast in einem Nobelrestaurant, das von Roper und seinem Gefolge besucht wird.

The Night Manager - Plakat

The Night Manager (The Night Manager, Großbritannien/USA 2016)

Regie: Susanne Bier

Drehbuch: David Farr

LV: John le Carré: The Night Manager, 1993 (Der Nachtmanager)

mit Tom Hiddleston (Jonathan Pine), Hugh Laurie (Richard Onslow Roper), Olivia Colman (Angela Burr), Tom Hollander (Corcoran), Elizabeth Debicki (Jed Marshall), Michael Nardone (Frisky), Alistair Petrie (Sandy Langbourne), Hovik Keuchkerian (Tabby), Neil Morrissey (Harry Palfrey)

DVD

Concorde Home Entertainment

Bild: 1,78:1 (16:9)

Ton: Deutsch (DTS, Dolby Digital 5.1, Dolby Digital 2.0), Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Interviews, Featurette: Die Premiere in Berlin

Länge: 338 Minuten (3 DVDs)

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage in der aktuellen Ausgabe

Le Carre - Der Nachtmanager

John le Carré: Der Nachtmanager

(übersetzt von Werner Schmitz)

Ullstein 2016

576 Seiten

9,99 Euro

Die gebundene Ausgabe erschien bei Kiepenheuer & Witsch; Taschenbuchausgaben bei Heyne und List.

Hinweise

Amazon Prime über „The Night Manager“ (direkter Link zur Serie)

Deutsche Homepage zur Serie

Moviepilot über „The Night Manager“

Rotten Tomatoes über „The Night Manager“

Wikipedia über „The Night Manager“

Homepage von John le Carré

Meine Besprechung von John le Carrés „Geheime Melodie“ (The Mission Song, 2006)

Meine Besprechung von John le Carrés “Marionetten (A most wanted man, 2008)

Meine Besprechung von John le Carrés “Verräter wie wir” (Our kind of traitor, 2010)

Meine Besprechung von John le Carrés “Empfindliche Wahrheit” (A delicate truth, 2013)

Meine Besprechung der John-le-Carré-Verfilmung “Bube, Dame, König, Spion” (Tinker, Tailor, Soldier, Spy, Großbritannien/Frankreich/Deutschland 2011)

Meine Besprechung der John-le-Carré-Verfilmung “A most wanted man” (A most wanted man, Deutschland/Großbritannien 2014) und der DVD

John le Carré in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Susanne Biers „Serena“ (Serena, USA/Frankreich 2014)

Meine Besprechung von Susanne Biers „Zweite Chance“ (Un chance til, Dänemark 2014)

Meine Besprechung der ersten beiden Episoden von Susanne Biers „The Night Manager“ (The Night Manager, Großbritannien/USA 2016)


Bei Wolfgang Schweiger ist „Ein Dorf in Angst“

Mai 2, 2016

Schweiger - Ein Dorf in Angst

Für die meisten Menschen dürfte der Chiemgau in Südost-Oberbayern eine Ferienregion sein. Für Marius Bieleck soll es für einige Minuten ein Arbeitsplatz sein. Er soll in dem Dorf Beching einen Mord begehen. Allerdings hat der Killer auf dem Weg dorthin einen tödlichen Herzinfarkt – und die Kommissare Andreas Gruber und Ulrike Bischoff von der Kripo Traunstein einen neuen Fall. Sie befürchten, dass Bielecks Auftraggeber einen zweiten Killer engagiert. Aber wen wollte Bieleck ermorden? Während die beiden Polizisten noch nach dem potentiellem Opfer suchen, bekommt der Lokaljournalist Jakob Reiter Wind von der Angelegenheit und er schlachtet sie gleich sensationslüstern aus.

Als kurz darauf Reiter, der eine Nacht in Beching verbringen wollte, ermordet wird und die beiden Kommissare auch Jahrzehnte zurückliegenden Dorfklatsch erfahren, beginnen sich ihre Ermittlungen auf ein mögliches Opfer und eine mögliche Auftraggeberin zu konzentrieren.

Ein Dorf in Angst“ ist der siebte Fall für das angenehm normale Ermittlerduo Gruber/Bischoff und er unterscheidet sich kaum von den vorherigen Fällen, die dank des Verzichts auf private Subplots, vollkommen unabhängig von dem neuesten Fall gelesen werden können. Wieder hat Wolfgang Schweiger einen kurzen Roman geschrieben, in dem sich die Geschichte rasend schnell voranbewegt. Wieder mit einem starken Schlag in Richtung Gangsterroman in dem, dieses Mal, Profikiller und Organisierte Kriminalität (in Frankfurt am Main, nicht im Chiemgau) normal sind. Wieder mit einem Ende, das man so eher aus US-Krimis kennt. Für einen normalen deutschen Krimi irgendwo zwischen Regiokrimi und TV-Serienkost ist es dann doch zu zwiespältig. Das hat mit den üblichen bräsigen Regiokrimis, gerne auch regionale Schmunzelkrimis, nichts zu tun.

Ärgerlich ist allerdings, dass Schweiger es dieses Mal für eine gute Idee hielt, die Hälfte der Dialoge im Dialekt zu schreiben. Das ist, wahrscheinlich sogar für Bayern, nervig und unlesbarer als nötig, „du woaßt scho“.

Wolfgang Schweiger: Ein Dorf in Angst

Pendragon, 2016

280 Seiten

12,99 Euro

Hinweise

Homepage von Wolfgang Schweiger

Lexikon der deutschen Krimi-Autoren über Wolfgang Schweiger

Rosenheimer Nachrichten: Interview mit Wolfgang Schweiger (26. November 2006)

Meine Besprechung von Wolfgang Schweigers „Der höchste Preis” (2008)

Meine Besprechung von Wolfgang Schweigers „Tödlicher Grenzverkehr“ (2010)

Meine Besprechung von Wolfgang Schweigers „Duell am Chiemsee“ (2014)

Mein Interview mit Wolfgang Schweiger


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Über Tom Tykwers Dave-Eggers-Verfilmung „Ein Hologramm für den König“, mit Tom Hanks

April 28, 2016

Tom Tykwers neuer Film beginnt mit einer aktualisierten Version des „Talking Heads“-Klassikers „Once in a Lifetime“, gesungen von Tom Hanks, präsentiert in schönster Musikvideoclip-Optik, und innerhalb weniger Minuten erfahren wir alles wichtige über den Protagonisten.

Alan Clay (Tom Hanks) ist Vertreter und er soll jetzt in Saudi-Arabien dem König ein neues Telefonsystem für eine Stadt, die er in der Wüste errichten will, verkaufen. Der Clou bei dem Telefonsystem ist, dass man dank einer neuen Hologramm-Technik glaubt, der Gesprächspartner befinde sich im gleichen Raum. Clay will den Handel unbedingt abschließen und so seinen drohenden Ruin abwenden. Mit etwas Glück ist dann auch die Uni-Ausbildung seiner Tochter und seine Altersversorgung gesichert.

Aber die Produktpräsentation verzögert sich. Denn König Abdullah kommt nicht und niemand weiß, wann er kommen wird.

Bis dahin muss die Zeit tot geschlagen werden.

Diesen Stillstand beschrieb Dave Eggers in seinem episodischem Roman „Ein Hologramm für den König“ und Tom Tykwer folgt weitgehend den Episoden des Romans, allerdings in einem witzigerem Tonfall. So wartet Clay mit seinen wesentlich jüngeren Mitarbeitern, die für die technische Seite der Präsentation zuständig sind, im Zelt ohne WLAN und ohne Klimaanlage auf den König. Er erkundet die sich noch im Bau befindende, auf dem Reißbrett geplante Millionenstadt King Abdullah Economic City, von der in den letzten Jahren nur ein Empfangsgebäude und ein, zwei Miethäuser (inclusive einer in dem Rohbau schon luxuriös hergerichteten Wohnung) fertiggestellt wurden. Er hat flüchtigen Kontakt zu einer dänischen Angestellten, die ihn mit Alkohol versorgt und auf eine Party in der dänischen Botschaft einlädt, auf der es auch andere Drogen gibt. Er lässt sich von Yousef zur Wüstenstadt fahren und unterhält sich mit ihm. Er lernt, nachdem er betrunken versuchte, ein Geschwulst von seinem Rücken zu entfernte, die Ärztin Zahra Hakem kennen.

Das alles findet sich auch in Dave Eggers eher spröde geschriebenem Roman. Tom Tykwer erzählt diese Begebenheiten witziger und visuell ansprechend. Wobei natürlich schon das Bild eines verloren in der Wüste stehenden Bürogebäudes einen eigenen, absurden Reiz entfaltet. Tom Hanks, mit dem Tykwer schon bei „Cloud Atlas“ zusammenarbeitete, ist die perfekte Verkörperung dieses absolut durchschnittlichen Vertreters, der immer noch versucht, an den amerikanischen Traum zu glauben. Stand-Up-Comedian Alexander Black ist eine Entdeckung. Der Debütant spielt Clays Fahrer Yousef und man weiß nie, wie zurechnungsfähig er ist. Entsprechend witzig sind ihre gemeinsamen Szenen.

Im dritten Akt beschreitet Tykwer dann eigene Wege. Plötzlich und arg unvermittelt steht die bis dahin noch nicht einmal angedeutete Liebesgeschichte zwischen Clay und Zahra im Mittelpunkt. Aus der milden Satire auf die Wirtschaftswelt, in der der Westen als Bittsteller im Nahen Osten auftaucht und Saudi-Arabien in all seinen Widersprüchen gezeigt wird, wird ein kitschiger Liebesfilm, eine Romanze, in der heftig E-Mails ausgetauscht, gemeinsam im Meer gebadet und geknutscht wird als seien die Mittfünfziger Teenager.

Dieser Bruch in der Erzählung, die dem geschiedenen Verkäufer Clay während seines Wartens auf den König plötzlich eine neue Lebensperspektive eröffnet, funktioniert allerdings nicht wirklich. Die Liebesgeschichte passt nicht zum vorherigen Film. Sie wirkt wie der verzweifelte Versuch, die Beschreibung eines Stillstandes zu einem Ende zu bringen, das befriedigender als das abrupte Ende in Dave Eggers‘ Roman ist.

Bis dahin ist „Ein Hologramm für den König“ eine eher leichtgewichtige Business-Komödie, die, trotz deutscher Geldgeber und dreier Nominierungen für den Deutschen Filmpreis, nie wie ein deutscher Film wirkt. Und Tykwers Ende der Geschichte von Alan Clay ist auch besser als Eggers‘ Ende.

Ein Hologramm für den König - Plakat

Ein Hologramm für den König (Deutschland/Großbritannien 2016)

Regie: Tom Tykwer

Drehbuch: Tom Tykwer

LV: Dave Eggers: A Hologramm for the King, 2012 (Ein Hologramm für den König)

mit Tom Hanks, Alexander Black, Sarita Choudhury, Sidse Babett Knudsen, Tom Skerritt, David Menkin, Megan Maczko, Christy Meyer, Ben Whishaw

Länge: 98 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Die Vorlage

Eggers - Ein Hologramm für den KönigEggers - Ein Hologramm für den König - HC

Dave Eggers: Ein Hologramm für den König

(übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann)

KiWi, 2014

352 Seiten

9,99 Euro

Deutsche Erstausgabe

Kiepenheuer & Witsch, 2013

Originalausgabe

A Hologramm for the King

McSweeney’s, 2012

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Filmportal über „Ein Hologramm für den König“

Moviepilot über „Ein Hologramm für den König“

Metacritic über „Ein Hologramm für den König“

Rotten Tomatoes über „Ein Hologramm für den König“

Wikipedia über „Ein Hologramm für den König“ (deutsch, englisch) und Dave Eggers

Homepage von Dave Eggers

Perlentaucher über Dave Eggers‘ „Ein Hologramm für den König“

Meine Besprechung von Lana & Andy Wachowski/Tom Tykwers „Cloud Atlas“ (Cloud Atlas, USA/Deutschland 2012)

Ein aktuelles Gespräch mit Tom Tykwer, Sarita Choudhury und Alexander Black über den Film


Don Winslow, Frank Decker und Neal Carey

April 27, 2016

Winslow - Germany

Eine Katastrophe von Krimi“ und „’Germany‘ ist kein schlechtes Buch. Es ist ein scheußliches Buch“ sagt Christian Buß in seiner Spiegel-Kritik über Don Winslows neuen Roman „Germany“. Thomas Wörtche sieht es ähnlich – und bei mir schlägt dann, schon bevor ich eine Zeile gelesen habe, der „So schlecht kann es doch nicht sein“-Effekt zu. Und so schlecht ist „Germany“ dann auch nicht. Die harschen Kritiken klingen eher nach dem Gejammer eines enttäuschten Liebhabers, der jetzt bei seiner früheren Liebe nur noch das Negative sieht.

2009 begann der Suhrkamp-Verlag die Romane von Don Winslow auf Deutsch zu veröffentlichen. Einige seiner Romane waren bei anderen Verlagen schon in den Neunzigern erschienen und nicht mehr erhältlich. In den USA war er in den zehn Jahren zu einem Liebling der Krimiszene geworden. Die Kritiken zu den bei Suhrkamp veröffentlichten Romanen waren überschwänglich euphorisch. Er wurde, vor allem mit „Tage der Toten“ (The Power of the Dog) über den Drogenkrieg in Südamerika, zum Krimigott hochgejazzt. Mit „Vergeltung“, „Missing. New York“ und „Germany“ schrieb er jetzt mehrere in den USA noch nicht veröffentlichte Romane, in denen die moralischen Ambivalenzen seiner früheren Romane, vor allem natürlich seiner in Kalifornien im Surfer- und Drogenhändlermilieu spielenden Romane, fehlen. Dabei reflektieren seine Romane auch immer den Zeitgeist und das Milieu in dem sie spielen in all seinen Facetten.

Das zeigt sich besonders deutlich an seinen in mehreren Romanen auftretenden Privatdetektiven.

Neal Carey war der erste. Er trat in fünf Romanen auf, die gleichzeitig seine ersten veröffentlichten Romane waren. Er schrieb sie in den Neunzigern, aber sie spielen in den Siebzigern und frühen achtziger Jahren.

Boone Daniels war der zweite. Er trat 2008 und 2009 in „Pacific Private“ (The Dawn Patrol) und „Pacific Paradise“ (The Gentlemen’s Hour) auf und das Besondere an diesen Romanen ist, dass der Detektiv ein passionierter Surfer ist und seine Fälle untrennbar mit diesem Milieu verbunden sind.

Mit Frank Decker hat er jetzt, wie es sich für einen Privatdetektivroman gehört, geschrieben in der ersten Person Singular, einen neuen Privatdetektiv in den Startlöchern, der, wie seine beiden vorherigen Privatdetektive (was sie auch ohne Lizenz sind), ein Kind seiner Zeit ist. Decker ist Ex-Soldat, Ex-Polizist, geschieden und, wenn auch kein Donald-Trump-Wähler, sicher ein Republikaner, der den alten Western-Idealen nachhängt und keine Probleme hat, Waffen einzusetzen und zu töten. Entsprechend einfach ist seine und die in Romanen protegierte Weltsicht: auf der einen Seite sind die Guten. Frank Decker und die von ihm gesuchte vermisste Person. Auf der anderen Seite die Bösen, die ziemlich Böse sind. In „Germany“, seinem zweiten Fall nach „Missing. New York“, verschwindet in Florida Kim Sprague spurlos. Sie ist die junge, gutaussehende Frau von seinem Army-Kameraden und Lebensretter Charlie. Die Spur führt in Richtung Organisierte Kriminalität, Zwangsprostitution und Menschenhandel. Alles Dinge, die die Verbrecher, vor allem wenn sie aus Russland kommen, zu Kandidaten für die Todesstrafe machen.

Das ist natürlich flott, aber auch arg humorlos geschrieben und wenn Frank Decker ab Seite 267 in Deutschland nach Kim sucht, wird der Thriller zu einer für uns Ortskundigen langweiligeren Angelegenheit. Denn Decker besucht auf seiner Suche quer durch Deutschland ungefähr ein halbes Dutzend Städte als lägen sie nebeneinander und als ob die Bösen nur auf ihn warteten.

Als Dank an seine deutschen Leser und als Verarbeitung von Reiseerlebnissen (immerhin führten mehrere Lesereisen Don Winslow quer durch Deutschland) ist dieser Teil zwar als Fanservice nachvollziehbar, aber die Orte bleiben austauschbar.

Aus dramaturgischer Sicht ist der Schauplatzwechsel für etwas über hundert Seiten vollkommen unnötig. Letztendlich wäre es besser gewesen, die ganze Geschichte an einem Schauplatz, also Florida, spielen zu lassen. Auch wegen der Lösung, die gar nicht so weit weg von den guten alten Hardboiled-Krimis ist.

Winslow - Way down the High Lonely - 2Winslow - A long walk up the water side - 2

Das Gegenmodell zu Frank Decker ist Neal Carey, der erste Seriencharakter von Don Winslow, dessen Fälle jetzt teilweise erstmals auf Deutsch erscheinen. Immer in neuen Übersetzungen von Conny Lösch, der Stammübersetzerin von Don Winslow. Jüngst erschienen bei Suhrkamp „Way down the High Lonely“, der dritte Carey-Roman in einer neuen Übersetzung, und „A long Walk up the Water Slide“, der vierte Carey-Roman, auf Deutsch.

Neal Carey ist ein New Yorker Junge, der von Joe Graham, seinem „Daddy“, der als Detektiv für die Freunde der Familie, einer besonderen Abteilung einer noblen Privatbank, arbeitet, groß gezogen wird. Graham lehrt ihn alles, was man zum Leben braucht von englischer Literatur über das Putzen der Wohnung und dem unauffälligen Observieren bis hin zum gepflegten Einbruch. Auch Neal soll für die Freunde der Familie, die ihm seine Ausbildung bezahlen, arbeiten. Was vor allem bedeutet, dass er die sprichwörtlichen Kastanien aus dem Feuer holen soll. Dabei würde er viel lieber sein Universitätsstudium mit einer Arbeit über den Literaten Tobias Smollett abschließen.

Am Ende von „China Girl“ wurde er in China in ein sehr abgelegenes buddhistisches Kloster verbannt.

Drei Jahre später, am Anfang von „Way down the High Lonely“, ist Ronald Reagan Präsident der USA. Joe holt ihn aus seinem Gefängnis. Die Freunde der Familie brauchen ihn. Er soll Cody McCall, den zweijährigen Sohn einer Hollywood-Produzentin, finden. Cody wurde von seinem Vater Harley McCall entführt. Er ist ein waschechter Cowboy, den die Produzentin während den Dreharbeiten für einen Western kennen und lieben lernte und später, in Hollywood, bemerkte, dass er nicht in ihre Welt passt. Die Ehe ging in die Brüche. Er wurde zum cholerischen Trinker und verschwand vor drei Monaten spurlos mit Cody.

Neal übernimmt den Fall. Seine Ermittlungen führen ihn nach Nevada in ein menschenleeres Gebiet, das als The High Lonely bekannt ist. Dort vermutet er Harley als Mitglied einer Gruppe von Rassisten, die die jüdische Machtübernahme befürchten und sich für den Endkampf rüsten. Neal versucht sich in die Gruppe einzuschleichen.

In „A long Walk up the Water Slide“ soll Neal Carey das Englisch von Dolly Paget aufbessern. Die Wuchtbrumme behauptet nämlich, von dem beliebten TV-Präsentator einer Familiensendung und Inhaber des TV-Senders Family Cable Network Jack Landis vergewaltigt worden zu sein. Dabei war sie vorher seine außereheliche Affäre und, was Neal erst später erfährt, sie ist schwanger.

Während Neal sie noch in die Feinheiten der englischen Sprache einführt, haben mehrere Parteien, unter anderem ein geheimnisvoller Profikiller, die Mafia und ein Herausgeber von Sexheften, ein großes Interesse an der Dame, die sie, wahlweise, ausziehen oder töten wollen.

Nachdem schon die vorherigen Neal-Carey-Romane dank des trockenen Humors eine witzig-kurzweilige Lektüre waren, ist der für den Dily Award nominierte „A long Walk up the Water Slide“ eine waschechte Krimikomödie, in der alle Pläne regelmäßig schief gehen, Irrtümer und Missverständnisse für ungeahnte Konflikte sorgen und Neal, nach einem nächtlichen Überfall auf sein Haus, Dolly, Jack Landis‘ Frau Candy und seine Freundin Karen in Las Vegas in einem Hotel versteckt, in dem gerade die Jahreskonferenz des Erotikfilm-Verbandes ist; was für weitere Verwicklungen sorgt.

Don Winslow schrieb seine fünf Neal-Carey-Romane zwar in den Neunzigern, aber weil sie in den späten Siebzigern und frühen Achtzigern spielen, atmen sie genau diesen Zeitgeist ein. Es ist der Zeitgeist der sexuellen Revolution, der cleveren Außenseiter-Helden, die die Fälle nicht mit Gewalt, sondern mit Grips (und ihrem Mundwerk) lösen und der großen Sympathie für schräge, oft moralisch zwiespältige Charaktere, verschiedener Lebensentwürfe und einer insgesamt liberalen, offenen Haltung.

Es ist auch die Zeit, in der TV-Serien wie „Detektiv Rockford – Anruf genügt“, „Magnum“, „Simon & Simon“, „Das Model und der Schnüffler“ und „Remington Steele“ mit ihren sprücheklopfenden Helden äußerst beliebt waren und Robert B. Parker mit seinen „Spenser“-Romanen das Genre fast im Alleingang revolutionierte. Don Winslows Neal Carey, der edle Ritter im Auftrag einer Bank (und einem von Hassliebe zu seinem Geldgeber geprägtem Verhältnis) steht in dieser Tradition.

Das ist großartige Krimi-Unterhaltung mit einem realistischen Unterton, die ziemlich direkt zu seinen in Kalifornien spielenden, weniger witzigen, lakonisch erzählen Krimis führt, in denen Verbrecher die durchaus sympathischen Helden wurden. Immerhin folgten sie einem Kodex und die mexikanischen Drogenkartelle und korrupte Polizisten sind viel schlimmer.

Der fünfte Carey-Roman „Palm Desert“ soll Mitte Juni erscheinen.

Don Winslow: Way Down on the High Lonely – Neal Careys dritter Fall

(übersetzt von Conny Lösch)

Suhrkamp, 2016

352 Seiten

11,99 Euro

Deutsche Erstausgabe

Das Schlangenmaul

(übersetzt von Ulrich Anders)

Piper, 1998

Originalausgabe

Way Down on the High Lonely

St. Martin’s Press, 1993

Don Winslow: A long Walk up the Water Slide – Neal Careys vierter Fall

(übersetzt von Conny Lösch)

Suhrkamp, 2016

304 Seiten

11,99 Euro

Originalausgabe

A long Walk up the Water Slide

St. Martin’s Press, 1994

Don Winslow: Germany

(übersetzt von Conny Lösch)

Droemer, 2016

384 Seiten

14,99 Euro

Originalausgabe

Germany

2016 (noch nicht in den USA veröffentlicht)

Hinweise

Hollywood & Fine: Interview mit Don Winslow (11. Juli 2012)

Homepage von Don Winslow (etwas veraltet, weil eigentlich eine Verlagsseite)

Deutsche Homepage von Don Winslow (von Suhrkamp)

Don Winslow twittert ziemlich oft

Meine Besprechung von Don Winslows “London Undercover” (A cool Breeze on the Underground, 1991)

Meine Besprechung von Don Winslows “China Girl” (The Trail to Buddha’s Mirror, 1992)

Meine Besprechung von Don Winslows „Bobby Z“ (The Death and Life of Bobby Z, 1997)

Meine Besprechung von Don Winslows „Tage der Toten“ (The Power of the Dog, 2005)

Meine Besprechung von Don Winslows „Pacific Private“ (The Dawn Patrol, 2008)

Meine Besprechung von Don Winslows „Pacific Paradises“ (The Gentlemen’s Hour, 2009) und „Tage der Toten“ (The Power of the Dog, 2005)

Meine Besprechung von Don Winslows „Satori“ (Satori, 2011)

Mein Interview mit Don Winslow zu “Satori” (Satori, 2011)

Meine Besprechung von Don Winslows “Savages – Zeit des Zorns” (Savages, 2010)

Meine Besprechung von Don Winslows “Kings of Cool” (The Kings of Cool, 2012)

Meine Besprechung von Don Winslows „Vergeltung“ (Vengeance, noch nicht erschienen)

Meine Besprechung von Don Winslows “Missing. New York” (Missing. New York, noch nicht erschienen)

Meine Besprechung von Don Winslows „Das Kartell“ (The Cartel, 2015)

Mein Hinweis auf Don Winslows „London Undercover – Neal Careys erster Fall“ (A Cool Breeze on the Underground, 1991)

Meine Besprechung von Oliver Stones Don-Winslow-Verfilmung „Savages“ (Savages, USA 2012)

Don Winslow in der Kriminalakte

 


Altes und Neues von Alan Moore

April 25, 2016

Es ist mal wieder an der Zeit für ein kleines Moore-Fest.

Beginnen wir in tief in der Vergangenheit von Alan Moore, als er auch Geschichten für bestehende Serien schrieb. Zum Beispiel für Todd McFarlanes „Spawn“. In der Geschichte „Bloodfeud – Blutfehde“ kämpft Al Simmons (aka Spawn) in New York gegen sein böses Ich, beziehungsweise gegen einen Dämon, der ihn kontrollieren möchte. Gleichzeitig kämpft er weiterhin gegen Bösewichter, die die Stadtbewohner bedrohen.

Zur gleichen Zeit taucht der Vampirjäger John Sansker in der Stadt auf. Er möchte Spawn, den für einen Vampir hält, töten. Denn Spawn sieht nicht menschlich aus und er jagt vor allem nach Sonnenuntergang. Bei seiner Jagd folgt die ganze Polizei seinen Anweisungen. Dabei hat auch Sansker seine Geheimnisse.

Mehr soll nicht verraten werden, weil die von Alan Moore ersonnene Geschichte eher eine kurze Episode aus dem Leben von Al Simmons ist, die allerdings als Alan-Moore-Geschichte nicht so richtig begeistert. Es ist halt vor allem eine „Spawn“-Geschichte.

Schließlich ist Moore ja vor allem bekannt für sein Spiel mit verschiedenen Ebenen und Metaebenen zwischen Schein und Sein, gerne auch mit einer politischen Botschaft. „Watchmen“ ist dafür ein Beispiel. Oder sein seit 1999 bestehendes Mega-Mashup „Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“, in dem, beginnend im viktorianischen England bekannte Helden der Populärkultur, wie Wilhelmina „Mina“ Murray (aus „Dracula“), Allan Quatermain, Dr. Henry Jekyll/Mr. Edward Hyde, Orlando und A. J. Raffles für Gerechtigkeit kämpfen. Letztendlich über mehrere Jahrhunderte.

Im „Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“-Kosmos gibt es jetzt, nach „Herz aus Eis“ und „Die Rosen von Berlin“ mit „Fluss der Geister“ den ziemlich eigenständigen Abschluss der „Nemo“-Geschichte. Denn man muss die vorherigen Bände nicht gelesen zu haben, um am „Fluss des Geister“ gefallen zu finden.

1975, vierunddreißig Jahre nachdem Janni Nemo (die Tochter von Käpitan Nemo, bekannt aus Jules Vernes „Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer“) in Berlin Ayesha enthauptete, erhält sie Meldungen, dass Ayesha doch noch lebt. Im Amazonasdelta. Mit der Nautilus und einigen Gefährten macht die Achtzigjährige sich auf die Reise und sie entdecken mitten im Dschungel einen kleinen Nazi-Staat mit einem gigantischem Mensch-Maschinen-Forschungsprojekt mit allem Drum und Dran, was das Herz des Pulp-Fans begehrt.

Denn wie in den anderen „Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“-Geschichten (wobei man „Nemo“ auch als Spin-off sehen kann) würzt Alan Moore seine Geschichte mit popkulturellen Anspielungen.

Fluss der Geister“ ist daher ein zünftiges Dschungelabenteuer, das nach einer Begegnung mit Sauriern (wegen Sir Arthur Conan Doyles „The lost world“ [Die vergessene Welt]) äußerst lustvoll mit den bekannten Klischees von geheimnisvollen Einrichtungen, in denen seltsame Dinge getan werden, spielt. Oft stehen sie an abgelegenen und unzugänglichen Orten, die manchmal auch Heiligtümer oder Kultstätten sind. Entsprechend großformatig können Alan Moore und sein Zeichner Kevin O’Neill sich austoben. Fast als ob sie einen James-Bond-Film, gekreuzt mit den „Boys from Brazil“ und den „Metropolis“-Roboterträumen, garniert mit Impressionen aus Siebziger-Jahre-Sadomaso-Nazi-Frauengefängnisfilmen und der obligatorischen Portion nackter Haut, inszenieren wollten.

Am Ende des furiosen, witzigen und actionhaltigen Dschungelabenteuer bleibt nur eine Frage: Wann erscheinen die drei „Nemo“-Geschichten in einem Sammelband?

Mit seiner neuesten Serie „Providence“ steigt Alan Moore mit Zeichner Jacen Burrows, die bereits in „Neonomicon“ eine von Lovecraft inspirierte Welt schufen, vollständig in die Welt von H. P. Lovecraft (1890 – 1937) ein.

1919 beginnt Robert Black, Reporter der Zeitung von Providence, Rhode Island, mit einer Recherche für die die „Vermischtes“-Seite. Er soll mit Doktor Alvarez reden. Der hatte ein Essay über Robert Chambergs „König in Gelb“ (das auf „Sous le Monde“ und den damit zusammenhängenden skandalösen Begebenheiten basiert) geschrieben und das Buch soll einige Leser verrückt gemacht haben.

Blacks Recherchen führen ihn, nachdem er bei Doktor Alvarez war, der in einem heruntergekühlten Wohnung lebt, zu Mr. Robert Suydam, einem Mann mit einem besonderen Interesse am Okkulten und einem Keller, in dem Black glaubt, Knochen und seltsame Wesen zu sehen, zur in einem Fischerdorf gelegenen Kirche St. Judas und einem einsam gelegenem Farmhaus mit einer sehr merkwürdigen Familie. Er gerät bei seiner Suche immer tiefer in die von Geheimnissen und Wahnsinn geprägte Welt von Cthulhu.

Natürlich strotzen die ersten vier „Providence“-Episoden nur so vor Anspielungen, Querverweisen und Verarbeitungen von Lovecraft-Erzählungen. Das erste Heft bezieht sich auf „Kühle Luft“, das zweite auf „Grauen in Red Hook“, das dritte auf „Schatten über Innsmouth“ und das vierte auf „Das Grauen von Dunwich“. Weitere Anspielungen schlüsselt Antonio Solinas in seinem Nachwort auf.

Der zweite „Providence“-Sammelband ist für den 26. Juli angekündigt und Alan Moore könnte hier wirklich ein weiteres äußerst langlebiges Projekt am Start haben.

Moore - Spawn - Blutfehde

Alan Moore/Tony S. Daniel/Kevin Conrad: Spawn: Bloodfeud – Blutfehde

(übersetzt von Claudia Fliege)

Panini, 2015

116 Seiten

14,99 Euro

Originalausgabe

Blood Feud, Preludes & Nocturnes (Spawn 32, Juni 1995)

Spawn: Blood Feud, Part One – Four (Spawn: Blood Feud # 1 – 4, Juni – September 1995)

Moore - Nemo - Fluss der Geister

Alan Moore/Kevin O’Neill: Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen: Nemo – Fluss der Geister

(übersetzt von Gerlinde Althoff)

Panini, 2015

60 Seiten

9,99 Euro

Originalausgabe

Nemo: River of Ghosts

Top Shelf Productions/Knockabout Comics, 2015

Moore - Providence 1

Alan Moore/Jacen Burrows: Providence – Band 1

(übersetzt von Gerlinde Althoff)

Panini, 2015

176 Seiten

19, 99 Euro

Originalausgabe

Providence, #1 – 4

Mai – August 2015

Zusatzlektüre

Lovecraft - Horror Stories

Ob es wirklich „Das Beste vom Meister des Unheimlichen“ ist, weiß ich nicht, aber „Cthulhus Ruf“ (The Call of Cthulhu), „Der Fall Charles Dexter Ward“ (The Case of Charles Dexter Ward, verfilmt als „Die Folterkammer des Hexenjägers“), „Die Farbe aus dem All“ (The Colour out of Space), „Berge des Wahnsinns“ (At the Mountains of Madness), „Stadt ohne Namen“ (The nameless City), „Die Ratten im Gemäuer“ (The Rats in the Walls), „Schatten über Innsmouth“ (The Shadow over Innsmouth; – von Moore/Burrows in „Providence“ verarbeitet) und „Die Musik des Erich Zann“ (The Music of Erich Zann) sind gute Geschichten und ein Vorwort von Wolfgang Hohlbein, der die Geschichten auswählte, ist auch nicht schlecht.

Und danach kann man ja die anderen Geschichten von Lovecraft lesen.

H. P. Lovecraft: Horrorstories – Das Beste vom Meister des Unheimlichen

(übersetzt von H. C. Artmann, Charlotte Gräfin von Klinckowstroem und Rudolf Hermstein)

Suhrkamp, 2015

528 Seiten

12 Euro

Hinweise

Comic Book Database über Alan Moore

Alan-Moore-Fanseite (etwas veraltet)

Wikipedia über Alan Moore (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Alan Moore/Dave Gibbons’ „Watchmen” (Watchmen, 1986/1987)

Meine Besprechung von Alan Moore/Eddie Campbells “From Hell” (From Hell, 1999)

Meine Besprechung von Alan Moore (Manuskript, Original-Drehbuch)/Malcolm McLaren (Original-Drehbuch)/Antony Johnston (Comic-Skript)/Facundo Percio (Zeichnungen) „Fashion Beast: Gefeuert (Band 1)“ (Fashion Beast # 1 – 5, 2012/2013)

Meine Besprechung von Alan Moore/Kevin O’Neills „Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen: 2009“ (The League of Extraordinary Gentlemen #3: 2009, 2011)

Meine Besprechung von Alan Moore/Kevin O’Neills „Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen: Das schwarze Dossier“ (The League of Extraordinary Gentlemen: Black Dossier, 2007)

Meine Besprechung von Alan Moore/Jacen Burrows’ „Neonomicon“ (The Courtyard, 2003; Neonomicon #1 – 4, 2010/2011)

Meine Besprechung von Alan Moore/Gabriel Andrades „Crossed + Einhundert (Band 1)“ (Crossed plus one hundred # 1 – 6, 2015)

Meine Besprechung von Alan Moore/Kevin O’Neills „Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen – Band 3: Century“ (The League of extraordinary Gentlemen, Volume III: Century # 1: 1910, #2: 1969, #3: 2009; 2009/2011/2012)

Wikipedia über H. P. Lovecraft (deutsch, englisch)


Französisch morden mit Léo Malet und Christian Roux

April 20, 2016

pbRoux - Der Mann mit der Bombe

Wahrscheinlich wird in Frankreich genauso viel Mist veröffentlicht wie bei uns, aber es wird nicht alles übersetzt und das, was übersetzt wird, hat dann oft einen sehr eigenen Ton, der gefällt. Jedenfalls wenn man auf Noir steht.

Dass es düster wird, verrät schon der Titel von Léo Malets jetzt wieder veröffentlichtem zweiten Band der Schwarzen Trilogie: „Die Sonne scheint nicht für uns“. Und der Klappentext des im Original 1949 erschienenen hundertzwanzigseitigen Romans verrät das Ende: „Der sechzehnjährige André wird wegen Vagabundierens ins Jugendgefängnis gesteckt – und endet als jüngster Geköpfter Frankreichs unter der Guillotine.“ Aber über den Weg dorthin verrät der Klappentext nichts und dieser gradlinige Weg ins Verderben, natürlich beschritten mit einer Femme Fatale, ist überaus lesenswert. Immer noch. Denn während mir Malets erster Band der Schwarzen Trilogie „Das Leben ist zum Kotzen“ nicht so gefiel, ist „Die Sonne scheint nicht für uns“ ein spannender Einblick in das Leben der Unterschicht in den zwanziger Jahren (das Buch spielt 1926), das mit dem heute immer noch allseits bekanntem Leben der Bohème nichts zu tun hat. Woody Allen beschrieb es ja in seinem 2011er „Midnight in Paris“ wieder in den schönsten Farben, die in „Die Sonne scheint nicht für uns“ nichts zu suchen haben. Außerdem ist Malets Ich-Erzähler André für seine jungen Jahre schon erstaunlich desillusioniert. Aber er hatte auch nie eine Chance.

Neben der Schwarzen Trilogie ist Léo Malet vor allem als Erfinder von Nestor Burma bekannt. Aber das ist eine andere Geschichte.

Mit hundertvierzig Seiten ist Christian Roux‘ „Der Mann mit der Bombe“ ebenfalls ziemlich kurz geraten und auch hier würde niemand ernsthaft auf ein glückliches Ende wetten. Der Arbeitslose Mittvierziger Larry, der Tontechniker war, Frau und Kind hat, hat sich eine Bombenattrappe gebaut. Das verleiht ihm vor allem bei den peinlichen Vorstellungsgesprächen ein Gefühl von Macht. Als er, während er selbst gerade die Bank überfallen will, zufällig in einen aus dem Ruder laufenden Banküberfall gerät, zeigt er seine Bombe und flüchtet mit der Bankräuberin Lu, einer jungen, kokssüchtigen Frau, die panische Angst vor dem Alleinsein hat. Auf ihrer ziellosen Reise durch Frankreich überfallen sie kleine Postfilialen, werden von ihren Kompagnons und der Polizei verfolgt und fragen sich, wie ihr Leben enden soll.

Das hat natürlich etwas von Bonnie & Clyde, erinnert auch an all die französischen Krimis, in denen sich im Hinterland (also alles, was nicht das Zentrum Paris ist), garniert mit Sex und Gewalt, eine wilde Hatz zwischen Polizisten und mehr oder weniger unschuldig Verfolgten entwickelt.

Der Mann mit der Bombe“ ist der erste ins Deutsche übersetzte Roman des 1963 geborenen Christian Roux. Für seine Romane erhielt er mehrere Krimipreise.

Léo Malet: Die Sonne scheint nicht für uns

(übersetzt von Andrea Jossen, mit einem Nachwort von Tobias Gohlis)

Nautilus, 2016

144 Seiten

14,90 Euro

Deutsche Erstausgabe

Edition Nautilus, 1989

Originalausgabe

Le soleil n’est pas pour nous

Editions du Scorpion, 1949

Christian Roux: Der Mann mit der Bombe

(übersetzt von Cornelia Wend, mit einem Vorwort von Frank Göhre )

Polar, 2016

154 Seiten

12,90 Euro

Originalausgabe

L’homme à la bombe

Editions Payot & Rivages, 2012

Hinweise

Wikipedia über Léo Malet (deutsch, französisch)

Krimi-Couch über Léo Malet

Meine Besprechung von Leo Malets „Das Leben ist zum Kotzen“ (La vie est dégueulasse, 1948)

Polar über Christian Roux

Wikipedia über Christian Roux


Gerald Kersh meint „Die Toten schauen zu“

April 18, 2016

Kersh - Die Toten schauen zu

Zur Information: Diese Besprechung enthält Spoiler. Aber nach meiner Einschätzung sind das keine das Lesevergnügen beeinträchtigende Spoiler.

Schon Gerald Kersh „Ouvertüre um Mitternacht“ spielte während der Nazi-Diktatur. 1935 suchten die Sozialreformerin Asta Thundersley und Detective Inspector Dick Turpin in London den Mörder eines zehnjährigen Mädchens. Das war ein Kriminalroman.

Von seinem jetzt auf Deutsch veröffentlichtem Werk „Die Toten schauen zu“ (das Original erschien 1943) kann man das nicht behaupten. Es ist ein Roman und aus der Krimileser-Perspektive, die auf Rätseln, überraschende Wendungen und, meist, die Überführung des Übeltäters geeicht ist, ist das durchaus ein Nachteil. Kersh, dessen heute noch bekanntestes Werk der zweimal verfilmte Noir „Nachts in der Stadt“ (Night and the City, 1938) ist, erzählt, wie die Nazis eine Stadt ausradieren.

In der von den Nazis besetzten Tschechoslowakei erschießt ein Motorradfahrer den skrupellosen SS-Obergruppenführer Max von Bertsch. Die Nazis, die das Land besetzt haben, wollen ein Exempel statuieren. Das Dorf Dudicka, in dessen Nähe ein Motorrad gefunden wurde (später erfahren wir, dass es ein schrottreifes, seit Jahren nicht mehr benutztes Motorrad war), soll den Täter übergeben. Um den Widerstand der Dörfler zu brechen, beginnt SS-Offizier Heinz Horner die Dorfbewohner zu drangsalieren und er lässt sie der Reihe nach erschießen, während seine Männer die Stadt plündern.

Das auch im ausführlichen Nachwort von Angelika Müller erwähnte reale Vorbild für von Bertsch war Reinhard Heydrich, stellvertretender Reichsprotektor von Böhmen und Mähren, genannt der „Schlächter von Prag“. Auf ihn wurde am 27. Mai 1942 ein Attentat verübt. Am 4. Juni starb er. Am 9. Juni wurde das Dorf Lidice von der Landkarte getilgt. Die Nazis erschossen 177 Männer zwischen 14 und 84 Jahren, deportierten die Frauen nach Ravensbrück, ‚germanisierten‘ neun Kinder und töteten die anderen Kinder.

Kersh schildert diese Racheaktion mit erstaunlich vielen Details, die heute zum Allgemeinwissen gehören, und die damals anscheinend auch schon mehr oder weniger bekannt waren. Die Ereignisse in Dudicka schildert Kersh in vielen kurzen, nüchtern geschilderten Szenen, die ein Kaleidoskop der Ereignisse entfalten und ohne einen Protagonisten auskommen. Am ehesten bieten sich, bei den Dörflern noch die jung Verliebten Max Marek und Anna Horak an. Aber sie sind weitgehend passiv und an den Ereignisse können sie nichts ändern. Sie können die Vernichtung von Dudicka nicht aufhalten. Sie können auch kein Leben retten. Noch nicht einmal ihr eigenes. Aber, wie die letzten Zeilen dieses Panoramas des Schreckens verraten, ist der Widerstand in der Tschechoslowakei ungebrochen.

Deshalb wirkt „Die Toten schauen zu“ auch niemals wie ein schon vor über siebzig Jahren geschriebenes Buch, das vor allem der Propaganda, also der Mobilisierung der Alliierten gegen Nazi-Deutschland, dienen sollte.

Gerald Kersh: Die Toten schauen zu

(übersetzt von Ango Laina und Angelika Müller)

pulp master, 2016

240 Seiten

12,80 Euro

Originalausgabe

The Dead look on

William Heinemann LTD., 1943

Hinweise

Krimi-Couch über Gerald Kersh

Perlentaucher über Gerald Kersh

Wikipedia über Gerald Kersh

Meine Besprechung von Gerald Kershs „Ouvertüre um Mitternacht” (Prelude to a Certain Midnight, 1947)


Kurzkritik: Über William Giraldis „Wolfsnächte“

April 15, 2016

Giraldi - Wolfsnächte

Auf dem Cover von William Giraldis „Wolfsnächte“ steht „Thriller“ und die ersten Seiten lassen einen Jack-London-Roman erwarten: Tierforscher und Naturschriftsteller Russell Core wird von Medora Slone gebeten ihren von den Wölfen aus dem Dorf Keelut verschleppten sechsjährigen Sohn zu finden und den Wolf zu töten. Er sei das jüngste Opfer der Wölfe, die sich bereits mehrere Kinder aus Keelut geholt haben. Core, der weiß, dass Wölfe normalerweise Menschen meiden und höchstens wenn sie hungrig sind, Menschen töten, beginnt den Wolf in der Wildnis von Alaska zu jagen.

Diese Thrillergeschichte nimmt schnell eine überraschende Wende. Denn bereits auf Seite fünfzig entdeckt Core die Leiche von Bailey im Keller des Hauses. Und als Täterin kommt nur Baileys Mutter Medora in Frage. Sie ist in die Wildnis geflüchtet.

Kurz darauf kommt ihr Mann Vernon aus dem Kriegseinsatz zurück. Auch der Soldat jagt, neben der Polizei, Medora.

Aber William Giraldi hat wenig Interesse an den Thrillerkonventionen. Stattdessen wandelt sich seine Geschichte immer mehr zu einer sehr spezifischen und düsteren Version einer Geistergeschichte. Da fehlt dann zwar die Thrillerspannung, aber, auch dank Giraldis Sprache, wird „Wolfsnächte“ dadurch nicht weniger lesenswert.

Es ist, wie Core am Ende des Romans meint „nur eine Geschichte (…) – die, wie ihm schien, halb im Traum stattgefunden hatte und der echten Welt, wie er sie kannte, nur entliehen war -, und diese Geschichte trug die Kleider der Wahrheit.“

William Giraldi: Wolfsnächte

(übersetzt von Nicolai von Schweder-Schreiner)

Hoffmann und Campe, 2016

224 Seiten

20 Euro

Originalausgabe

Hold the Dark

Liveright Publishing Corporation/W. W. Norton & Company Ltd., New York, 2014

Hinweise

Homepage von William Giraldi

Hoffmann und Campe über William Giraldi

Huffington Post: Interview mit William Giraldi über „Wolfsnächte“


Mit James Lee Burke und Dave Robicheaux im “Mississippi Jam”

April 7, 2016

Burke - Mississippi Jam - 2

Als die Romane von James Lee Burke noch regelmäßig übersetzt wurden, wurde “Dixie City Jam”, der siebte Dave-Robicheaux-Roman, der zwischen “Im Schatten der Mangroven” (In the Electric Mist with Confederate Dead) und “Im Dunkel des Deltas” (Burning Angel) erschien, galant ignoriert. An der Qualität des im Original 1994 erschienen Romans kann es nicht gelegen haben. Denn er unterscheidet sich nicht sonderlich von Burkes vorherigen und späteren Robicheaux-Romanen. Dass es um ein vor der Küste von Louisiana gesunkenes Nazi-U-Boot geht, schon eher. Obwohl das auch eher nach einem Stellvertreter-Argument klingt.

Jedenfalls erschien jetzt bei Pendragon als „Mississippi Jam“ die deutsche Ausgabe von “Dixie City Jam”.

In dem Roman wollen mehrere Menschen das 1942 von der US-Navy zum Versinken gebrachte Nazi-U-Boot haben und weil Dave Robicheaux es schon während seiner College-Zeit bei einem Tauchgang entdeckte, steht er im Zentrum ihres Interesses. Dave, Detective von der Polizei von New Iberia, will dem mächtigen jüdischen Aktivisten und Geschäftsmann Hipp Bimstine für 25.000 Dollar den Fundort verraten. Das Geld braucht er, um einem Freund zu helfen.

Will Buchalter, ein durchgeknallter Nazi, der bei seinen zahlreichen Verbrechen keine Spuren hinterlässt und, zusammen mit seiner Schwester, schon in jedem Nazi-Netzwerk war, will das U-Boot vor Bimstine haben und er schreckt vor nichts zurück.

Damit ist das Fundament für einen typischen Robicheaux-Roman gelegt, in dem der menschliche Abschaum von halb Amerika und die New-Orleans-Mafia sich in dem kleinen Ort New Iberia versammelen und schnell eine tödliche Dynamik in Gang gesetzt wird, in der man – wie auch die handelnden Charaktere – ebenso schnell den Überblick verliert, bis der in jedem der inzwischen zwanzig Robicheaux-Roman auftauchende psychopathische Killer Dave Robicheaux, seine Familie und seine Freunde belästigt, bis er erkennt, dass er sich mit dem falschen Südstaatler angelegt hat. So undurchschaubar und auch kaum noch nacherzählbar die Handlung dann oft ist (und in seinen späteren Romanen wurde es noch undurchschaubarer), so stark sind die einzelnen Szenen.

In „Mississippi Jam“ gelingt James Lee Burke noch die Balance zwischen den verschiedenen Elementen, die sich später zu oft zuungunsten der Geschichte verschob.

James Lee Burke: Mississippi Jam

(übersetzt von Jürgen Bürger)

Pendragon, 2016

592 Seiten

17,99 Euro

Originalausgabe

Dixie City Jam

Orion, 1994

Hinweise

Homepage von James Lee Burke

Wikipedia über James Lee Burke (deutsch, englisch)

Mein Porträt von James Lee Burke

James Lee Burke in der Kriminalakte

„In the Electric Mist“ in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Bertrand Taverniers James-Lee-Burke-Verfilmung „In the Electric Mist – Mord in Louisiana“ (In the Electric Mist, USA 2009)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Regengötter“ (Rain Gods, 2009)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Sturm über New Orleans“ (The Tin Roof Blowdown, 2007)


Neu im Kino/Film- und Buchkritik: Über Hans Steinbichlers „Das Tagebuch der Anne Frank“

März 3, 2016

Schullektüre sei „Das Tagebuch der Anne Frank“. So heißt es, aber ich habe es nicht in der Schule gelesen. Wir lasen „Der Untertan“.
„Das Tagebuch der Anne Frank“ wurde auch schon öfter verfilmt. Die erste Verfilmung von 1959 war für den Oscar als bester Film nominiert. George Stevens‘ hundertsiebzigminütige Verfilmung kam in einer um fast zwanzig Minuten gekürzten Fassung in die deutschen Kinos und inzwischen dürften nur noch ältere Semester und Cineasten sie kennen. Denn im Fernsehen lief sie schon seit Ewigkeiten nicht mehr. Die späteren Verfilmungen sind noch unbekannter und sie kamen auch immer aus dem Ausland.
Hans Steinbichlers „Das Tagebuch der Anne Frank“ ist jetzt der erste deutsche Kinofilm, der ihre Geschichte erzählt. Das ist insofern erstaunlich, weil ihre Geschichte eine deutsche Geschichte ist und es immer heißt, alles, was mit der Nazi-Diktatur zu tun habe, sei schon verfilmt worden.
Die Geschichte und die damit zusammenhängenden Fakten dürften bekannt sein.
Anne Frank wird am 12. Juni 1929 in Frankfurt am Main geboren. Otto Frank, ihr Vater, organisiert, aus Angst vor weiter zunehmenden Repressionen gegen die Juden, schon 1933 den Umzug der Familie nach Amsterdam. Im Februar 1934 ziehen Anne Frank, ihre 1926 geborene Schwester Margot und ihre Mutter Edith nach Amsterdam. 1940 kapitulierten die Niederlande vor den Nazis. Im Mai 1942 wird auch in den Niederlande der ‚Judenstern‘ eingeführt. Am 5. Juli 1942 erhält Margot Frank den Aufruf, sich zum ‚Arbeitseinsatz im Osten‘ zu melden. Am nächsten Tag taucht die Familie Frank in dem schon länger von Otto Frank mit einigen Vertrauten vorbereiteten Versteck im Hinterhaus der Prinsengracht 263, das zu Otto Franks Firma gehört, unter. Einige Tage später werden Auguste und Hermann van Pels und ihr Sohn Peter aufgenommen. Im November 1942 wird mit Fritz Pfeffer eine achte Person aufgenommen.
Anne Frank, die ihr Tagebuch am 12. Juni 1942 beginnt, schreibt bis zum 1. August 1944 vor allem über das Leben in dem Versteck.
Am 4. August 1944 werden sie in ihrem Versteck verhaftet. Sie werden nach Auschwitz deportiert, getrennt und, bis auf Otto Frank, sterben alle in verschiedenen KZs.
Anne Frank stirbt an Typhus Ende Februar/Anfang März 1945 im Lager Bergen-Belsen.
Fred Breinersdorfer schrieb das Drehbuch, das den Abschluss seiner Trilogie über Opfer- und Heldenbiographien aus der NS-Zeit bildet. Davor beschäftigte er sich mit Sophie Scholl (Sophie Scholl – Die letzten Tage, 2005) und Georg Elser (Elser – Er hätte die Welt verändert, 2015) und wie bei diesen beiden Filmen konnte er für sein Anne-Frank-Drehbuch auch auf umfangreiche Originaldokumente zurückgreifen. So stand ihm das Archiv des Anne Frank Fonds, das den Film initiierte, offen. Deshalb erzählt er nicht nur die aus Anne Franks Tagebuch aus der Perspektive der Schreiberin bekannte Geschichte, sondern auch die Geschichte vor ihrem ersten und nach ihrem letzten Tagebucheintrag. Also wie sie und ihre Familie vor dem Untertauchen in Amsterdam leben und wie sie den zunehmenden Hass auf und die zunehmenden Repressionen gegen Juden erlebt und wie ihre Familie und die Mitbewohner verhaftet und, während der letzten Kriegstage in Konzentrationslager deportiert werden.
An dem Drehbuch ist auch nichts auszusetzen. Es ist eine berührende Geschichte, die keine wirklichen Dramatisierungen benötigt und, auch mit direkten Übernahmen, den Originaltext in dem Mittelpunkt stellt. Es gibt natürlich kleinere Änderungen und Wiederholungen, die sich im Tagebuch finden, wurden gestrichen. Anne Franks sexuelles Erwachen, das in ihrem Tagebuch (in der finalen Fassung, der Version d) ausführlich geschildert wird, wird im Film eher nebenbei behandelt. Was auch dazu führt, dass die Liebesgeschichte zwischen ihr und Peter unwichtig ist.
Gleichzeitig wird Anne Frank als Teenager gezeigt, der mit seiner Selbstgerechtigkeit und Überheblichkeit auch nerven kann.
Im Film zeigt sich dann immer wieder, dass Regisseur Hans Steinbichler dieser Geschichte und der Kraft der Worte nicht genug vertraut. Schon in der ersten Szene, – ein Monolog von Anne Frank, während Amsterdam gerade bombardiert wird, und die Kamera langsam auf sie zufährt -, kleistert die Musik jede originäre Emotion zu. Sebastian Pilles Musik entwickelt sich, nachdem sie sich schon in den ersten Minuten absolut unpassend in den Vordergrund drängt, zu einem konstanten Ärgernis.
Störend ist auch Steinbichlers exzessiv ausgelebte Vorliebe für Großaufnahmen, die im Fernsehen vielleicht weniger störend sind. Im Kino hätte ich mir – und dass das geht, hat Quentin Tarantino vor wenigen Wochen mit seinen langen, nur in einer Hütte spielenden Szenen in „The Hateful 8“ gezeigt – eine Kamera gewünscht, die den Schauspielern mehr Raum für die Interaktion gegeben hätte.
Abseits dieser Kritteleien ist „Das Tagebuch der Anne Frank“ ein insgesamt gelungener und sehenswerter Film, der wieder die Aufmerksamkeit auf Anne Frank und das Schicksal der verfolgten Juden lenkt. Es ist auch ein Film, der heute wieder erschreckend aktuell ist. Denn die Familie Frank musste sich im Hinterhaus verstecken, weil Bitten von Otto Frank um Asyl in den USA für sich und seine Familie abschlägig beschieden wurde. Eine Entscheidung, die zu ihrem Tod führte. Nur Otto Frank überlebte den Holocaust.

Das Tagebuch der Anne Frank - Plakat

Das Tagebuch der Anne Frank (Deutschland 2016)
Regie: Hans Steinbichler
Drehbuch: Fred Breinersdorfer
mit Lea van Acken, Martina Gedeck, Ulrich Noethen, Stella Kunkat, André Jung, Margarita Broich, Leonard Carow, Arthur Klemt, Gerti Drassl, Stefan Merki
Länge: 128 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage

Anne Frank - Gesamtausgabe TB - 4

Wer nach (oder vor) dem Film so richtig in die Schriften von Anne Frank einsteigen möchte, sollte sich die Gesamtausgabe, die auch ganz banal „Gesamtausgabe“ heißt, zulegen. In ihr sind die verschiedenen Versionen ihres Tagebuchs (es gibt das ursprüngliche Tagebuch, eine von ihr für eine Veröffentlichung schon überarbeitete Fassung, die von ihrem Vater Otto Frank für die Veröffentlichung erstellte Fassung und die von Mirjam Pressler 2001 im Auftrag des Anne Frank Fonds erstellte und autorisierte „Version d“, die die heute verbindliche Fassung ist und in der für frühere Veröffentlichungen gekürzte und weggelassene Teile wieder aufgenommen wurden), die „Geschichten und Ereignisse aus dem Hinterhaus“ (ihre Erzählungen, die teils auf selbst Erlebtem basieren und die auch teils von ihr in ihr Tagebuch übernommen wurden), weitere Erzählungen, Briefe, Einträge in Poesiealben, „Das Schöne-Sätze-Buch“ (das hauptsächlich eine Sammlung von Texten, die ihr gefielen und die sie im Versteck abschrieb, ist) und ‚Das Ägyptenbuch‘ (das ebenfalls vor allem aus anderen Texten besteht und das Anne Franks Faszination für das alte Ägypten dokumentiert) abgedruckt. Damit ist ihr schriftstellerisches Gesamtwerk in diesem Buch enthalten.
Ergänzt wird der Sammelband durch Fotos und Dokumente über sie und ihre Familie und vier Aufsätze über Anne Frank, ihre Familie, den zeitgeschichtlichen Kontext und die Rezeptionsgeschichte.
Diese umfassende Ausgabe eignet sich vor allem für das vertiefte und auch vergleichende Studium.
Für den Hausgebrauch reicht natürlich auch die Ausgabe ihres Tagebuchs.

Anne Frank: Gesamtausgabe
(herausgegeben vom Anne Frank Fonds)
(übersetzt von Mirjam Pressler)
Fischer, 2015
816 Seiten
12,99 Euro

Deutsche Erstausgabe
Fischer, 2013

Hinweise
Homepage zum Film
Filmportal über „Das Tagebuch der Anne Frank“
Moviepilot über „Das Tagebuch der Anne Frank“
Wikipedia über „Das Tagebuch der Anne Frank“ (deutsch, englisch) und Anne Frank (deutsch, englisch)
Der Anne Frank Fonds

Anne-Frank-Seite des Fischer Verlags

Homepage von Fred Breinersdorfer


„Von Mr. Holmes zu Sherlock“, begleitet von seinen Erschaffern und zahlreichen Fans

Februar 24, 2016

Von Mr Holmes zu Sherlock von Mattias Bostroem

Über Sherlock Holmes gibt es einige Biographien. Denn für seine Fans ist der von Sir Arthur Conan Doyle erfundene Detektiv realer als einige im gleichen Haus lebende Nachbarn.
Über Sir Arthur Conan Doyle gibt es selbstverständlich auch einige Biographien.
Und, wo wir gerade dabei sind, über die verschiedenen Inkarnationen von Sherlock Holmes im Film, Radio und anderen Romanen (okay, da könnte es wirklich, wirklich nichts geben. Denn das wäre eine echte Herkules-Arbeit) gibt es auch Bücher.
Aber das Buch, das Mattias Boström schrieb, gab es noch nicht. Sagt er jedenfalls in seinem Vorwort und ich glaube ihm einfach. Denn in „Von Mr. Holmes zu Sherlock“ zeichnet er die Geschichte von Sherlock Holmes aus dem Blick der Menschen nach, die ihn erfanden (also Sir Arthur Conan Doyle), die ihn zeichneten, die Holmes-Geschichten veröffentlichten und die Sherlock Holmes später im Theater, im Radio und im Film, zuerst im Kino, später auch im Fernsehen, zum Leben erweckten. Und er beschäftigt sich mit den Fans von Sherlock Holmes, die Clubs, wie die Baker Street Irregulars, gründeten und sich intensiv mit ihm beschäftigten. Auch in mehr oder weniger ernst gemeinten wissenschaftlichen Untersuchungen.
Das so entstandene, gut sechshundert Seiten umfassende Werk ist ein umfassender und auch immer interessanter Rundumschlag und Marsch durch die Geschichte von den Anfängen des Detektivs – sein erster Auftritt war 1887 in Beeton’s Christmas Annual in dem Fall „A Study in Scarlet“ (Eine Studie in Scharlachrot) – bis zur Gegenwart, der neuesten Inkarnation des Detektivs in der grandiosen BBC-Serie „Sherlock“, die sich schnell zu einem weltweiten Phänomen entwickelte und das Interesse an dem Detektiv neu entfachte.
Es ist allerdings auch ein arg episodisches Buch, das in Teilen einfach nur Anekdote an Anekdote reiht. Und die Struktur des Buches ist, wenn man es nicht einfach wie einen Roman lesen möchte, arg unglücklich gewählt. Mattias Boström erzählt die Geschichte strikt chronologisch, was „Von Mr. Holmes zu Sherlock“ immer wieder etwas lexikalisches gibt. Wenn man allerdings etwas finden möchte, ist man in dem Textkonvolut verloren. Da hilft dann auch das Register kaum weiter. Insofern wären mindestens eine Chronik der wichtigsten Ereignisse und aussagekräftige Kapitelüberschriften (und ein Inhaltsverzeichnis, das es jetzt nicht gibt, weil die Kapitel einfach durchnummeriert sind) schon ein Anfang.
Boström beschäftigt sich auch mit den Nachkommen und Erben von Sir Arthur Conan Doyle und ihren Versuchen, die Sherlock-Holmes-Geschichten und die Figur zu Geld zu machen. Immer im Kampf gegen das ablaufende Urheberrecht, schlechte, teils von Sir Arthur Conan Doyle selbst geschlossene, Verträge und ein teils nicht mehr zu klärendes Rechtekuddelmuddel. Diese Abschnitte, gerade weil dieser Teil normalerweise kaum betrachtet wird, ist sehr interessant zu lesen; wobei auch hier Zusammenfassungen besser als die strikt chronologische Erzählweise gewesen wären.
Äußerst interessant sind dabei auch deren und, schon davor, Sir Arthur Conan Doyles Bemühungen um das Urheberrecht durchzusetzen und die verschiedenen mehr oder weniger illegalen Nachdrucke, Holmes-Kopien und -Pastichen einzudämmen, zu lesen. Als Conan Doyle anfing zu Schreiben, gab es so etwas wie das Urheberrecht wie wir es heute kennen noch nicht und auch danach war es sehr lückenhaft. Weil heute der Eindruck vermittelt wird, dass es das Urheberrecht schon seit Ewigkeiten gibt, ist es natürlich sehr erhellend zu lesen, dass vor etwas über hundert Jahren die Situation für die Autoren noch ganz anders war.

Mattias Boström: Von Mr. Holmes zu Sherlock
(übersetzt von Susanne Dahmann und Hanna Granz)
btb, 2016
608 Seiten
14,99 Euro

Originalausgabe
Fran Holmes till Sherlock
Piratförlaget, 2013

Hinweise

Homepage von Sir Arthur Conan Doyle (Erben)

Krimi-Couch über Sir Arthur Conan Doyle

Kirjasto über Sir Arthur Conan Doyle

Wikipedia über Sir Arthur Conan Doyle (deutsch, englisch)

Sherlockian.net (Einstiegsseite mit vielen Links)

Facebook-Seite der deutschen Sherlock-Holmes-Gesellschaft

Thrilling Detective über Sherlock Holmes

Meine Besprechung von Arthur Conan Doyles “Sherlock Holmes Geschichten”, “Sherlock Holmes Kriminalgeschichten” und “The Adventures of Sherlock Holmes” (und hier eine Auflistung der in diesen Werken enthaltenen Geschichten)

Meine Besprechung von Anthony Horowitzs „Das Geheimnis des weißen Bandes“ (The House of Silk, 2011)

Meine Besprechung von Ian Edginton (Autor)/Davide Fabbris (Zeichner): Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Zombies! (Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Zombies, 2010)

Meine Besprechung von Ian Edginton (Autor)/Horacio Domingues/Davide Fabbris (Zeichner) „Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Dracula“ (Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Jekyll/Hyde; Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Dracula, 2010/2011)

Meine Besprechung von „Sherlock: Ein Fall von Pink“ (A Study in Pink, GB 2010)

Meine Besprechung von „Sherlock: Eine Legende kehrt zurück – Staffel 1“ (Sherlock, GB 2010)

Meine Besprechung von “Sherlock: Eine Legende kehrt zurück -Staffel 2″ (GB 2012)

Meine Besprechung von “Sherlock: Ein Skandal in Belgravia” (A Scandal in Belgravia, GB 2012)

Meine Besprechung von Guy Ritchies „Sherlock Holmes: Spiel im Schatten“ (Sherlock Holmes: A Game of Shadows, USA 2011)

Sherlock Holmes in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 18. Februar: My Blueberry Nights (+ Buchtipp: „Die Sünden der Väter“ von Lawrence Block)

Februar 18, 2016

Eins Plus, 23.10

My Blueberry Nights (China/USA 2007, Regie: Wong Kar-wai)

Drehbuch: Wong Kar-wai, Lawrence Block (nach einer Geschichte von Wong Kar-wai)

Elizabeth hat Liebeskummer. In einem kleinen New Yorker Café schüttet sie dem Kellner ihr Herz aus. Der verliebt sich in sie, aber sie macht sich auf eine Reise durch die USA. Auf ihrem Selbstfindungstrip begegnet sie anderen einsamen Seelen.

Lawrence Block war zwar irgendwie am Drehbuch beteiligt, aber letztendlich ist es ein Wong-Kar-wai-Film geworden.

Mit Norah Jones, Jude Law, Rachel Weisz, David Strathairn, Natalie Portman

Wiederholung: Freitag, 19. Februar, 03.25 Uhr (Taggenau!)

Bonushinweis/Buchtipp

Block - Die Sünden der Väter

Eine erfreuliche Fans für Lawrence-Block-Fans: der Grandmaster höchstselbst hat jetzt veranlasst, dass seine Romane mit dem Ex-Polizisten Matthew Scudder, der in New York als Privatdetektiv ohne Lizenz arbeitet, wieder auf Deutsch erscheinen. Jedes Jahr sollen, so ist der Plan, mindestens zwei Scudder-Romane erscheinen. Dazwischen soll es Scudder-Kurzgeschichten geben.
(Einschub: genau der Scudder, der vor kurzem von Liam Neeson in Scott Franks „Ruhet in Frieden – A Walk among the Tombstones“ verkörpert wurde.)
In dem ersten Scudder-Roman, der in den USA 1976 erschien, will ein Vater wissen, wer seine Tochter warum ermordete. Denn er glaubt nicht an die offizielle Version und er will wissen, wie sie die vergangenen Jahre lebte. Scudder, der damals noch ein Trinker war, sucht den Mörder der Prostituierten.
Als Lawrence Block Mitte der siebziger Jahre schnell hintereinander die ersten Matt-Scudder-Romane schrieb, unterschieden sie sich nicht sehr von vielen anderen Privatdetektiv-Romanen. Vor allem die Länge (oder besser Kürze) und der damit verbundene Handlungsaufbau entsprachen den Konventionen. Trotzdem setzt Lawrence Block, wie schon in seinen vorherigen Romanen und der witzigen Evan-Tanner-Serie, eigene Duftnoten.
Einige Jahre später, nachdem Scudder sich zu seinem Alkoholismus bekennt, Mitglied der Anonymen Alkoholiker wird und versucht, seine Sucht zu bekämpfen, nehmen die Romane, die dann auch länger wurden, die entscheidende Wende, die Matt Scudder zu einem der großen Privatdetektive des 20. Jahrhunderts machte.
Aber diese Geschichte wird erst später erzählt. Bis dahin kann noch einmal tief in das New York der siebziger Jahre eingetaucht werden.

Lawrence Block: Die Sünden der Väter
(übersetzt von Stefan Mommertz)
CreateSpace Independent Publishing Platform, 2016
200 Seiten
10,69 Euro (auch als E-Book erhältlich) (via Amazon)

Originalausgabe
The Sins of the Fathers
Dell, 1976

Deutsche Erstausgabe als „Mord unter vier Augen“

Hinweise

Homepage von Lawrence Block

Unbedingt kaufen müssen Sie das von mir herausgegebene Buch „Lawrence Block – Werkschau eines New Yorker Autors“ (KrimiKritik 5, Nordpark-Verlag)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks “Telling Lies for Fun and Profit – A Manual for Fiction Writers” (1994)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks “Spider, spin me a web – A Handbook for Fiction Writers” (1995)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks: “All the flowers are dying” (2005)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks “Lucky at Cards” (2007)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks „Abzocker“ (Grifter’s Game, 2004; frühere Ausgaben: Mona, 1961; Sweet slow death, 1986)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks “Verluste” (Everybody dies, 1998)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks „Killing Castro“ (Originalausgabe unter dem Pseudonym Duncan Lee als „Fidel Castro Assassinated“, 1961)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks „Falsches Herz“ (The Girl with the long green Heart, 1965)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks „A drop of the hard stuff“ (2011)

Meine Besprechung von Hal Ashbys Lawrence-Block-Verfilmung „8 Millionen Wege zu sterben“ (8 Million Ways to die, USA 1986)

Meine Besprechung von Scott Franks Lawrence-Block-Verfilmung „Ruhet in Frieden – A Walk among the Tombstones“ (A Walk amont the Tombstones, USA 2014) (und die DVD-Kritik)

Lawrence Block in der Kriminalakte

Wikipedia über „My Blueberry Nights“ (deutsch, englisch)

Deutsche Homepage zum Film

Französische Homepage zum Film (nicht so umfangreich)

Film-Zeit über „My Blueberry Nights“

Rotten Tomatoes über “My Blueberry Nights”

Meine Besprechung von Wong Kar-wais “The Grandmaster” (Yi Dai Zong Shi, Hongkong/China 2013)


Verursacht R. L. Stines „Buch zum Film“ eine „Gänsehaut“?

Februar 17, 2016

Gaensehaut - Das Buch zum Film von RL Stine

Eigentlich wollte ich R. L. Stines Romanfassung von „Gänsehaut“, Rob Lettermans vergnüglicher Horrorkomödie für Kinder (Danny Elfmans Musik und die vielen filmischen Anspielungen helfen), zum Filmstart besprechen.
Das war der Plan, der natürlich nicht funktionierte, weil das Buch erst einige Tage nach dem Kinostart erschien. Aber so schlimm ist das nicht. Denn schon früher habe ich „Romane zum Film“ mehr oder weniger unabhängig vom Film gelesen. Was manchmal einfach daran lag, dass ich den Film noch nicht sehen konnte oder das Filmerlebnis wiederholen wollte (was in der Prä-DVD-Zeit gar nicht so leicht war, aber dafür liefen einige Filme verdammt lang in den Kinos). Einige Filmromane, wie Colin Higgins‘ „Harold und Maude“ oder mehrere Bücher von Alan Dean Foster (vor allem seine „Alien“-Romanfassungen und, auch wenn ein anderer Name auf dem Cover steht, „Krieg der Sterne“), wurden dann nicht zur zu Bestsellern, sondern auch zu veritablen, immer wieder neu aufgelegten Klassikern. Und auch wenn viele Filmromane einfach nur schnell geschriebene Werke mit einer kurzen Lebensdauer sind, empfinde ich immer noch eine tiefe Sympathie für sie. Denn sie gehörten zu meinen ersten Leseerlebnissen.
Warum die lange Vorrede für ein Kinderbuch, das nicht unbedingt zum Hardcore-Kriminalakte-Zielpublikum gehört?
Nun, weil R. L. Stine schon mit seinen erfolgreichen „Gänsehaut“-Büchern abertausende (Millionen?) Jugendlicher zu Leseratten machte und „Gänsehaut – Das Buch zum Film“ einen ähnlichen Effekt haben könnte. Oder wie Champ (ein wahrer Feigling vor dem Herrn) sagt: „Kinderbücher helfen beim Einschlafen. Diese Bücher sorgen dafür, dass du die ganze Nacht wach bleibst.“
Und wach bleiben die Figuren in dem Film. Und in dem Buch, das von dem sechzehnjährigem Zach Cooper erzählt wird, der gerade mit seiner Mutter von New York in die Kleinstadt Madison, 28.245 Einwohner, zog. Ihr Nachbar, Mr. Shivers, ist ein rechter Stinkstiefel, aber seine Tochter Hannah ist überaus nett. Als Zach glaubt, dass sie in Gefahr schwebt, bricht er mitten in der Nacht mit seinem neuen Kumpel Champ in das Haus ein. Dort entdecken sie ein Bücherregal mit den Originalmanuskripten von R. L. Stine, dem bekannten Kinderbuchautor, der in seinen Büchern Monster auf die Menschheit los lässt. Durch Neugierde und einen dummen Zufall öffnen sie eines der Bücher. Der Schneemensch, der in dem Buch gefangen war, bricht aus. Und kurz darauf brechen, mit der Hilfe der bösartigen Bauchrednerpuppe Slappy, auch die anderen Monster von R. L. Stine, die er in seine Bücher schrieb, aus. Sie beginnen die Kleinstadt zu verwüsten, während Zach, Hannah, Champ und R. L. Stine (so der wahre Name des grummeligen Nachbarn) versuchen, das schlimmste zu verhindern.
Selbstverständlich folgt der Roman bis auf einige kleine Abweichungen der Filmgeschichte.
Aber dank dem selbstironischen Tonfall von Stine (also eigentlich von seinem Ich-Erzähler Zach, der sich für einen gar nicht so gut aussehenden, eher tölpelhaften Teenager hält) und den pointierten Dialogen liest sich der Roman schnell und sehr vergnüglich weg. Die Geschichte bewegt sich in atemberaubendem Tempo auf ihr Ende zu. Für längere Beschreibungen hat Stine da keine Zeit; was auch dazu führt, dass er seine Monster, die wir aus dem Film oder, wenn wir sie gelesen haben, den anderen „Gänsehaut“-Büchern kennen, nicht beschreibt. Der Roman ist nur, in einer einfachen Sprache geschrieben, Handlung.
Das ist absolut empfehlenswert für Kinder, die eine Karriere als Leseratte anstreben. Schließlich hat niemand von uns „Unterm Birnbaum“ mit „Effi Briest“ angefangen.

R. L. Stine: Gänsehaut – Das Buch zum Film
(übersetzt von Christoph Jehlicka) (mit einem Vorwort von R. L. Stine, beendet von Slappy)
cbj 2016
160 Seiten
9,99 Euro
empfohlen ab 10 Jahre (also, eigentlich wie der Film)

Originalausgabe
Goosebumps The Movie: The Movie Novel
Scholastic, New York, 2015

Die Vorlage

Gänsehaut (Goosebumps, USA 2015)
Regie: Rob Letterman
Drehbuch: Darren Lemke (nach einer Geschichte von Scott Alexander und Larry Karaszewski)
LV: Charaktere von R. L. Stine
Buch zum Film: R. L. Stine: Goosebumps The Movie: The Movie Novel, 2015 (Gänsehaut – Das Buch zum Film)
mit Jack Black, Dylan Minnette, Odeya Rush, Amy Ryan, Ryan Lee, Jillian Bell, R. L. Stine (Cameo)
Länge: 104 Minuten
FSK: ab 12 Jahre (aber auch schon für etwas jüngere Kinder geeignet)

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über “Gänsehaut”

Metacritic über „Gänsehaut“

Rotten Tomatoes über „Gänsehaut“

Wikipedia über „Gänsehaut“ (deutsch, englisch) und R. L. Stine (deutsch, englisch)
Homepage von R. L. Stine

Meine Besprechung von Rob Lettermans „Gänsehaut“ (Goosebumps, USA 2015)


Neu im Kino/Filmkritik mit Bonushinweis: „Deadpool“ Wade Wilson hat jetzt seine große Marvel-Verfilmung

Februar 11, 2016

Der Film war jahrelang, mal mehr, mal weniger, in Planung. Er war ein Traumprojekt von Hauptdarsteller Ryan Reynolds, dessen „Green Lantern“ bei den Fans, der Kritik und dem Publikum nicht besonders gut ankam. In den vergangenen Jahren trat er, nachdem er schon einen kurzen Auftritt als Deadpool in „X-Men Origins: Wolverine“ hatte, in mehreren guten Filmen auf. Zuletzt in dem Spieler-Drama „Dirty Trip – Mississippi Grind“ (Besprechung folgt; DVD erschien bei Ascot Elite), „The Voices“, „Woman in Gold“ und „Self/Less“.
Trotzdem blieb „Deadpool“ sein Traumprojekt und wie das mit Träumen so geht. Meistens bleiben sie besser Träume.
Entsprechend skeptisch hoffnungsvoll sah ich mir den Film an und es ist wirklich ein „Deadpool“-Film, der das Wesen der Comicfigur und der Comics trifft. Was, ironischerweise, ein Vor- und Nachteil ist.
Die Filmgeschichte ist, mit zahlreichen Rückblenden (was in Comics ja ein gern benutztes Stilmittel ist), eine Origin-, Rache- und Liebesgeschichte, die von dem titelgebendem Söldner mit der großen Klappe ständig und in jeder Beziehung respektlos kommentiert wird, was dazu führt, dass die Handlung immer wieder stoppt, weil Deadpool uns im Kinosaal noch schnell irgendetwas erklärt, das mehr oder weniger wichtig für die Handlung ist.
Nachdem der Söldner Wade Wilson (Ryan Reynolds) erfährt, dass er unheilbar an Krebs erkrankt ist, verlässt er seine große Liebe Vanessa Carlysle (Morena Baccarin) und nimmt an einem geheimen Programm teil, das ihn heilen soll. Mad-Scientist Ajax (Ed Skrein, hier wesentlich überzeugender als in „The Transporter Refueled“) verantwortet mit sadistischer Lust die schmerzhafte Operation. Danach ist Wilson vom Krebs geheilt, hat übermenschliche Selbstheilkräfte und sieht absolut abstoßend aus. Nur seine große Klappe übersteht die Operation unverändert. Er will, dass Ajax das mit dem Aussehen rückgängig macht und er will sich an ihm für die ihm zugefügten Schmerzen rächen; was eigentlich zwei sich widerstrebende Ziele sind. Und dann, als Zugabe, entführt der Bösewicht auch noch Wilsons Freundin.
Gut, das ist nicht wirklich die stärkste „Deadpool“-Geschichte. Denn gerade die Origin-Story und Liebesgeschichten interessierten „Deadpool“-Fans nie wirklich. Im Gegensatz zu anderen Superhelden hat Deadpool auch keine immer wiedergekäute Origin-Story und was man als Comicleser über Deadpools Vergangenheit weiß, kann auch ein Hirngespinst von Wade Wilson sein. Eine Nachwirkung der Operation, die ihn zu Deadpool machte.
Aber diese beiden Geschichten und auch alles andere wird in Tim Millers Spielfilmdebüt „Deadpool“ angenehm konsequent gegen den Strich gebürstet. Jedes Superheldenklischee, das es gibt, wird durch den Kakao gezogen und mit mindestens drei Sprüchen von Deadpool garniert. Dabei ist sein Humor meist pubertär, immer respektlos und damit auch erfrischend. Vor allem natürlich im bierernsten Superheldengenre, das schon in der Titelsequenz ordentlich parodiert wird und auch dem Hauptdarsteller gleich einige Klatschen gibt. Und so geht es weiter. Wade Wilsons große Liebe ist eine Prostituierte, die ihre Arbeit liebt. Seine Wohnung ist kein Abklatsch von Wayne Manor, sondern eine billige Mietwohnung, in der er Untermieter ist. Seine Gehilfin ist kein distinguierter Batman-Butler Alfred, sondern eine alte, blinde Afroamerikanerin, die auf jeden Cent angewiesen ist. Die Söldner treffen sich in einer quasi frauenfreien Kellerspelunke, die „Sister Margaret’s Home for Wayward Girls“ heißt. Undsoweiterundsofort wird Szene an Szene, Witz an Witz gereiht, während die eh schon nebensächliche Geschichte immer mehr zur absoluten Nebensache wird. „Deadpool“ funktioniert vor allem als Abfolge von Episoden und Szenen, in denen die Beteiligten sich ebenso kräftig wie liebevoll über das Superheldengenre lustig machen.
Dieser Spaß ist in jeder Sekunde spürbar und macht „Deadpool“ zu einem kurzweiligen Jungs-Vergnügen. Bis hin zur Marvel-typischen Szene nach dem Abspann dieses etwas anderen Superheldenfilms mit einem latent unzurechnungsfähigem, von psychischen Problemen und hehren Zielen angenehm unbelasteten Helden, der mindestens in jedem zweiten Satz eine popkulturelle Referenz unterbringt.
P. S.: Der läuft auch im IMAX in 2D. Und das ist gut so.

Deadpool - Plakat

Deadpool (Deadpool, USA 2016)
Regie: Tim Miller
Drehbuch: Rhett Reese, Paul Wernick
LV: Charakter von Rob Liefeld und Fabian Nicieza
mit Ryan Reynolds, Morena Baccarin, Ed Skrein, T. J. Miller, Gina Carano, Brianna Hildebrand, Leslie Uggams, Stan Lee (sein Cameo)
Länge: 109 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Englische Homepage zum Film
Moviepilot über „Deadpool“
Metacritic über „Deadpool“
Rotten Tomatoes über „Deadpool“
Wikipedia über „Deadpool“ (deutsch, englisch)

Aber das ist noch nicht alles. Ergänzend, aber vollkommen unabhängig vom Film, hat Panini „Die Deadpool-Anthologie“ (Untertitel) herausgeben. „Deadpool – Greatest Hits“ enthält elf Geschichten mit dem Söldner mit der großen Klappe, die eine gute, ziemlich kurze und sehr kurzweilige Einführung in die Welt von Deadpool sind. Denn die Bildergeschichten, die eine Bogen spannen von Deadpools erstem Auftritt (1991 in „The New Mutants 98: Der Anfang vom Ende“) bis zur Gegenwart („Deadpool 27: Die Hochzeit von Deadpool“ [wer’s glaubt]) werden ergänzt durch informative Vorbemerkungen, die die Geschichten in jeder Beziehung in die Deadpool-Welt einordnen. Vorbildlich und für Neueinsteiger und Altfans sehr informativ.
Wer es kürzer haben will, kann sich „Das Film-Special“ zulegen, das die ebenfalls in „Deadpool: Greatest Hits“ enthaltene Geschichte „Der große Kinofilm“ enthält. Thriller-Autor Duane Swierczynski schrieb 2010 diese Geschichte, in der Wade Wilson sein Leben gerne als Hollywood-Film sehen möchte. Dafür erzählt er einem Drehbuchautor seine Lebensgeschichte und wir erfahren einiges über Hollywood und auch einiges über die Herkunft von Wade Wilson. Denn das ist für einen Hollywood-Film wichtig.

Deadpool - Greatest Hits
Deadpool: Greatest Hits – Die Deadpool-Anthologie
Panini, 2016
324 Seiten
24,99 Euro
Deadpool - Das Film-Special
Duane Swierczynski (Autor)/Leandro Fernandez (Zeichner): Deadpool: Das Film-Special
(übersetzt von Jürgen Petz)
Panini, 2016
52 Seiten
3,99 Euro

Originalausgabe
X-Men Origins: Deadpool: The Major Motion Picture
Marvel, September 2010

Hinweise

Meine Besprechung von Victor Gischler (Autor)/Bong Dazo (Zeichner): Deadpool – Der Söldner mit der großen Klappe: Kopfsprung (Band 1 von 2) (Deadpool: Merc with a Mouth 1 – 6: Headtrip, 2009/2010)

Meine Besprechung von Victor Gischler (Autor)/Bong Dazo (Zeichner)/Kyle Baker (Zeichner): Deadpool – Der Söldner mit der großen Klappe (Band 2 von 2) (Deadpool: Merc with a Mouth 7: Are you there? It’s me, Deadpool; Deadpool: Marc with a Mouth 8 – 15: Next Stop: Zombieville, 2010)

Meine Besprechung von Daniel Way (Autor)/ Shawn Crystal (Zeichner)/Paco Medina (Zeichner): Deadpool 1 (Deadpool 13/14: Wave of Mutilation; Deadpool 15: Want you to want me, Part 1: The complete idiot’s guide to metaphers, 2009)

Meine Besprechung von Duane Swierczynski (Autor)/Jason Pearson (Zeichner): Deadpool: Weiber, Wummen & Wade Wilson! (Sonderband 1) (Deadpool: Wade Wilson’s War, Vol. 1 – 4, 2010)

Meine Besprechung von Victor Gischler (Autor)/Rob Liefeld/Whilce Portacio/Philip Bond/Paco Medina/Kyle Baker (Zeichner) „Deadpool Corps (Deadpool Sonderband 2)“(Prelude to Deadpool Corps, Vol. 1 – 5, März 2010)

Meine Besprechung von Victor Gischler (Autor)/Rob Liefeld/Marat Mychaels (Zeichner) “Deadpool Corps 2 (Deadpool Sonderband 3)” (Deadpool Corps 1 – 6, Juni 2010 – November 2010)

Meine Besprechung von Victor Gischler (Autor)Rob Liefeld/Marat Mychaels (Zeichner) “Deadpool Corps 3: You say you want a Revolution (Deadpool Sonderband 4)” (Deadpool Corps 7 – 12: You say you want a Revolution (Part 1 – Part 6), Dezember 2010 – Mai 2011)


P. P. S.: Die beiden „Deadpool“-Drehbuchautoren Rhett Reese und Paul Wernick sitzen bereits am Drehbuch für den zweiten „Deadpool“-Film. Regisseur Tim Miller soll auch wieder dabei sein. Ryan Reynolds sowieso.


„Star Wars: Vor dem Erwachen“ war auch schon etwas los in der weit, weit entfernten Galaxis

Februar 1, 2016

Rucka - Star Wars - Vor dem Erwachen - 2

Eigentlich könnte ich jetzt die Hälfte meiner „Mad Max: Fury Road“-Besprechung wiederverwenden. Denn „Star Wars: Vor dem Erwachen“ besteht aus drei von Greg Rucka geschriebenen Kurzgeschichten, die vor dem neuen „Star Wars“-Film „Das Erwachen der Macht“ spielen und in denen wir einiges über drei Hauptfiguren des Films erfahren. Allerdings auch nichts weltbewegendes und nichts, was wir uns nicht schon beim Film gedacht haben. Es sind im besten Fall Geschichten, die vielleicht einmal in einer frühen Fassung des Drehbuchs waren und dann -zu Recht – herausgekürzt wurde. Insofern ist „Vor dem Erwachen“ erfrischend überflüssig.
So erzählt Greg Rucka von Finns Ausbildung als Sturmtruppler. Er ist natürlich der Beste in seiner Einheit und seine Vorgesetzten setzen große Hoffnungen in ihn. Dummerweise plagt ihn schon da sein Verantwortungsgefühl und sein Gewissen. Er hilft lieber dem schwächsten Mitglied seiner Einheit, als ihn sich selbst zu überlassen. Die Geschichte endet mit dem Flug nach Jakku, wo der Film wenige Minuten später beginnt.
Mit seinem Gewissen hat Poe Dameron keine Probleme. Der Pilot der Republik (also der Guten) ist der Sohn von kampferprobten Piloten (was dann auch eine Verbindung zur originalen „Krieg der Sterne“-Trilogie herstellt). Jetzt entdeckt er durch wagemutige Manöver (also Verstößen gegen Anweisungen und Vorschriften) Raumschiffe der bösen Ersten Ordnung. General Leia Organa holt ihn in eine Spezialtruppe, den Widerstand, und gleich bei seinem ersten „Mission: Impossible“-Auftrag entdeckt er Hinweise auf noch größere Pläne der Bösewichter. Leia schickt ihn nach Jakku zu Lor San Tekka, wo der Film wenige Minuten später mit einem Gespräch zwischen Poe und Lor San Tekka beginnt.
Auf Jakku ist Rey schon länger als Schrottsammlerin, die auf irgendjemand, der sie abholen soll, wartet. Nach einem Sturm entdeckt sie ein gut erhaltenes Raumschiffwrack, das sie herrichten und für viel Geld an den örtlichen Schrotthändler verkaufen möchte. Als die Schrottsammler Devi und Strunk ihr ihre Hilfe anbieten, fragt sie sich, ob sie ihnen vertrauen kann.
Alle drei von Greg Rucka geschriebenen Geschichten lassen sich flott lesen und sie sind, weil sie vor dem Film spielen, unabhängig von dem Film verstehbar. Letztendlich sind die Geschichten kaum ummäntelte Charakterszenen, die, wie gesagt, normalerweise aus einem Film herausgeschnitten würden, weil sie die Haupthandlung nicht voran bringen und wir in ihnen auch nichts erfahren, was wir nicht in anderen Szenen genausogut oder besser erfahren würden.
Insofern sind sie vor allem Lesefutter für die „Star Wars“-Hardcorefans, die einfach alles dazu lesen müssen.
Für Greg-Rucka-Komplettisten, eine in Deutschland sicher sehr rare Spezis, ist „Star Wars: Vor dem Erwachen“ natürlich auch wichtig.
Mich erinnerten sie daran, dass ich mal wieder einen Roman von Greg Rucka lesen sollte.

Greg Rucka: Star Wars: Vor dem Erwachen
(übersetzt von Marc Winter)
Panini Books, 2016
224 Seiten
9,99 Euro

Originalausgabe
Star Wars: Before the Awakening
Disney/Lucasfilm, 2015

Hinweise

Homepage von Greg Rucka

Meine Besprechung von Greg Rucka/Steve Liebers „Whiteout“ (Whiteout, 1998/1999)

Meine Besprechung von Greg Rucka/Steve Liebers „Whiteout: Melt“ (Whiteout: Melt, 1999/2000)

Meine Besprechung von Greg Ruckas “Die Welt ohne Superman” (The Sleepers, 2009)

Meine Besprechung von Greg Ruckas “Batman: Hinter der Maske” (Cutter, März – Mai 2010/Beneath the Mask,  Juni – Juli 2010/Good King Wencesias, Februar 2009)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Greg Ruckas “Gotham Central: In Erfüllung der Pflicht (Band 1)” (Gotham Central # 1 – 5, 2003)

Meine Besprechung von Greg Ruckas „Star Wars: Imperium in Trümmern (Journey to Star Wars: Das Erwachen der Macht) (Star Wars: Shatterd Empire # 1 – 4, Disney/Lucasfilm 2015)

Greg Rucka in der Kriminalakte

 


Wieder aufgelegt: Der „Texas Blues“ ist jetzt „Mucho Mojo“

Januar 29, 2016

Lansdale - Mucho Mojo - 2

Natürlich hat der langjährige Joe-R.-Lansdale-Fan schon „Mucho Mojo“ in seinem Bücherregal stehen. Denn das zweite Abenteuer von Hap Collins und Leonard Pine, die gegensätzlichen Texaner, die zwar immer an Geldnot leiden, aber nie ihren Humor verlieren, erschien bereits 1996 als „Texas Blues“ bei rororo und danach trat Joe R. Lansdale eine kleine Reise durch die bundesdeutsche Verlagslandschaft an. Denn Rowohlt ließ ihn irgendwann fallen. Bei Dumont erschien in der kurzlebigen Noir-Reihe das Collins/Pine-Abenteuer „Schlechtes Chili“. Seit einigen Jahren veröffentlicht Golkonda die Hap-Collins-Leonard-Pine-Romane und nimmt sich neben den neuen Abenteuern des chaotischen Duos auch deren ältere Abenteuer vor. Vor der Neuveröffentlichung werden die Übersetzungen noch einmal durchgesehen. Dieses Mal tat das der Übersetzer der Erstausgabe. Christoph Schuenke änderte an seiner alten, gut lesbaren Übersetzung, so meine kursorischer Vergleich, wenig bis nichts.
Dieses Mal beginnt das Abenteuer des Duos auf den Rosenfeldern von Osttexas, wo Hap als schlecht bezahlter Tagelöhner schuftet. Als Leonard ihm erzählt, dass sein Onkel Chester tot ist, gehen sie zur Beerdigung und dort erfährt Leonard, dass Onkel Chester, der ihn vor Jahren wegen seiner Homosexualität enterbte, jetzt doch im Testament berücksichtigte.
Als die beiden sich Onkel Chesters zugemülltes Haus in LaBorde ansehen, entdecken sie im Keller eine Kinderleiche und weil sie dem Verstorbenen die Tat nicht zutrauen, suchen sie den Täter und, wer auch nur ein Collins/Pine-Abenteuer gelesen hat, weiß, dass das der Beginn einer abgedrehten Kriminalgeschichte ist, in der respektlos und humorvoll die dunkle Seite von Texas beschrieben wird.
Gut, wer die alte Übersetzung hat, muss sich „Mucho Mojo“ nicht unbedingt zulegen, aber das einheitlichere Layout sieht im Buchregal natürlich schöner aus. Wer „Texas Blues“ nicht hat und keine Mondpreise bezahlen will (bei Amazon kann man derzeit zwischen 37 und 165 Euro für das Buch ausgeben [Will ich jetzt meine alte Ausgabe verkaufen? Gibt es Angebote?]) sollte natürlich zuschlagen.

Joe R. Lansdale: Mucho Mojo
(übersetzt von Christoph Schuenke)
Golkonda, 2015
272 Seiten
16,90 Euro

Originalausgabe
Mucho Mojo
Mysterious Press/Warner Books, 1994

Deutsche Erstausgabe
Texas Blues
rororo, 1996

Hinweise

Homepage von Joe R. Lansdale

Stuttgarter Zeitung: Thomas Klingenmaier hat Joe R. Lansdale getroffen (25. März 2013)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Rumble Tumble“ (Rumble Tumble, 1998 )

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Der Gott der Klinge” (The God of the Razor, 2007)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Der Teufelskeiler” (The Boar, 1998)

Meine Besprechung  von Joe R. Lansdales „Akt der Liebe“ (Act of Love, 1981)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Die Wälder am Fluss“ (The Bottoms, 2000)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Kahlschlag” (Sunset and Sawdust, 2004)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Gauklersommer” (Leather Maiden, 2008)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Ein feiner dunkler Riss” (A fine dark Line, 2003)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Dunkle Gewässer“ (Edge of Dark Water, 2012)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Straße der Toten“ (Deadman’s Road, 2010)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Machos und Moneten“ (Captains Outrageous, 2001)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Wilder Winter“ (Savage Season, 1990)

Mein Interview mt Joe R. Lansdale zu „Das Dickicht“ (The Thicket, 2013)


Lauren Beukes erzählt vom „Moxyland“

Januar 27, 2016

Beukes - Moxyland

Jetzt ist, nachdem ihre späteren Werke, wie der mit dem Arthur-C.-Clarke-Preis ausgezeichnete Roman „Zoo City“ oder der Dagger-nominierte „Shining Girls“ schon länger auf Deutsch erhältlich sind, auch Lauren Beukes‘ 2008 erschienener Debütroman auf Deutsch erhältlich. „Moxyland“ spielt in Südafrika in Kapstadt in naher Zukunft.
Im Mittelpunkt stehen die Analog-Fotografin und Künstlerin Kendra, die mittels Nanobots zu einer Werbebotschafterin für einen Softdrink wird; der Videoblogger Toby, der immer alles aufzeichnet und, um seine Reichweite in den Sozialen Netzwerken zu steigern, auch mit Systemgegnern zusammenarbeitet und besonders gerne möglichst spektakuläre Aktionen filmt; Tendeka, der mit antikapitalistischen Aktionen das System stürzen will und die systemkonforme Programmiererin Lerato, die Toby bei seinen Aktionen hilft. Toby und Tendeka verbringen einen beträchtlichen Teil ihrer Zeit in globalen Internet-Computerspielen und in Alternate Reality Games. Die großen Konzerne sind natürlich auch Teil dieser Spiele.
Und jetzt nähern wir uns dem großen Problem des Romans. Denn selbstverständlich hängen ihre Schicksale miteinander zusammen und alles bewegt sich auf eine große Umwälzung zu, in die sie irgendwie involviert sind. Dieses Ereignis ist natürlich der Höhepunkt und das Ende des Romans. Davor, auch wenn man schnell ahnt, auf was es hinausläuft, gibt es nur Zufälligkeiten und Betrachtungen aus dem Leben der vier Hauptpersonen, deren Wichtigkeit für das Ende oft nicht erkennbar ist. Was auch oft daran liegt, dass bestimmte Ereignisse einfach nicht wichtig sind. Daher passiert die ersten Zweidrittel des Romans fast nichts und auch danach bleiben wichtige Dinge rätselhaft, weil „Moxyland“ aus den Perspektiven von Tendeka, Toby, Kendra und Lerato, die alle Ich-Erzähler sind, erzählt wird.
Sie sind eher Beobachter, Herumgestoßene und Mitgerissene (im Guten wie im Schlechten) als aktiv Handelnde. Keiner von ihnen hat auch nur halbwegs einen Überblick über das doch nicht so weltbewegende Komplott, in das sie hineingezogen werden.
Dummerweise sprechen die Vier so ähnlich, dass man sie ohne die ihren Kapiteln vorangestellten Namen, ihre Arbeit und ihrer sehr unterschiedlichen Lebenswelten nicht auseinanderhalten kann. Glücklicherweise hat Lauren Beukes einen angenehmen, leicht schnodderigen Tonfall, der zum Weiterlesen einlädt und auch auf ihre nach ihrem Debüt erschienenen drei Science-Fiction-Romane „Broken Monsters“, „Shining Girls“ und „Zoo City“ neugierig macht.
Ihr Cyberpunk-Roman „Moxyland“ selbst ist von der Konstruktion seiner Geschichte her eine eher dröge Angelegenheit, die, wie wir spätestens aus dem Nachwort erfahren, eng mit der südafrikanischen Realität verknüpft ist.

Lauren Beukes: Moxyland
(übersetzt von Mechthild Barth)
rororo, 2016
368 Seiten
9,99 Euro

Originalausgabe
Moxyland
Jacana Media, Johannesburg, 2008 (und)
Angry Robot/Osprey Group, Oxford, 2008

Hinweise
Homepage von Lauren Beukes
Wikipedia über Lauren Beukes (deutsch, englisch)


Buchkritik: Über Evelyn Waughs „Tod in Hollywood“

Januar 25, 2016

Waugh - Tod in Hollywood

Normalerweise hätte ich Evelyn Waughs „Tod in Hollywood – Eine anglo-amerikanische Tragödie“ nicht zu Ende gelesen, aber mit unter hundertfünfzig Seiten ist der Roman so kurz, dass ich fertig war, ehe ich es weglegen konnte. Das lag natürlich auch daran, dass ich wissen wollte, warum das Buch so vielen Menschen gefällt.
In der Geschichte geht es um den jungen englischen Dichter Dennis Barlow, der nach dem Krieg nach Hollywood geht. Dort hofft er auf den großen Durchbruch. Die meiste Zeit verbringt er allerdings mit anderen Briten auf dem Kricketplatz. Dort pflegen sie ihr Britischsein und die älteren Herrschaften, die schon länger in der Traumfabrik keine Karriere haben, blicken voller Verachtung auf die ungebildeten Amerikaner herab. Sie haben zwar kein Geld, aber dafür die besseren Manieren. Sein Geld verdient Barlow in dem Tierbestattungsunternehmen „Die ewigen Jagdgründe“. Als sein Vermieter stirbt, soll er im Auftrag der Kricketclubmitglieder die Trauerfeier arrangieren. Natürlich in dem besten Bestattungsunternehmen von Los Angeles und Umgebung: den „Elysischen Gefilde“. Dort wird für die Toten alles von der Trauerfeier bis zur Beerdigung auf dem zu den Gefilden gehörendem Friedhof (wobei man genaugenommen zwischen mehrere Friedhofslandschaften und Inseln wählen kann) getan. Als Barlow sich dort als Tierbestatter auch aus beruflichem Interesse umsieht, trifft er eher zufällig die junge Leichenkosmetikerin Aimée Thanatogenos und die beiden feinfühligen Geister finden mehr oder weniger zueinander.
Der Klappentext von „Tod in Hollywood“ (ein guter, aber auch in die Irre führender Titel) lässt eine Satire auf Hollywood und die Engländer, zusammengehalten von einer Liebesgeschichte, erwarten. Aber eigentlich ist der Roman eine Abfolge eher unzusammenhängender Betrachtungen, in denen gerade die ersten gefallen. Hier beschreibt Waugh, der selbst in einer ähnlichen Situation in Hollywood war (ein Produzent wollte seinen Roman „Wiedersehen mit Brideshead“ verfilmen und Waugh, der die Filmrechte nicht verkaufen wollte, ließ sich mehrere Wochen aushalten), in meist langen Monologen das Leben und die Weltsicht der snobistischen Engländer in Hollywood. Diese Beschreibungen sind wahrscheinlich nur leicht überspitzt. Aber schon die ellenlangen Beschreibungen des Umgangs mit verstorbenen Haustieren, die schon damals in Kalifornien eine würdige (lies „menschenähnliche“) Beerdigung erhielten, langweilen. Die noch längeren Beschreibungen der Bestatter, ihres Handwerks und der kalifornischen Beerdigungssitten und -rituale in den „Elysischen Gefilden“ langweilen noch mehr. Jedenfalls wenn man kein gesteigertes Interesse an einer inzwischen historischen Betrachtung dieses Gewerbes hat. Irgendwann nach der Mitte gibt es dann eine ebenfalls nicht sonderlich interessante Liebesgeschichte zwischen der Leichenkosmetikerin Aimée Thanatogenos und ihren beiden Liebhabern, dem Einbalsamierer Mr. Joyboy und dem Dichter Dennis Barlow. Sie kann sich nicht zwischen den beiden Männern entscheiden und sucht Rat bei der Lebensberatung einer Zeitschrift. Das ist dann mehr eine Abfolge von Episoden, die oft auf verschiedenen Perspektiven und mit Zeitsprüngen erzählt werden, die vor allem Waughs Desinteresse an einer durchgehenden Geschichte zeigen.
Trotzdem war der Roman ein Bestseller. 1965 wurde er, sehr frei, von Tony Richardson, nach einem Drehbuch von Terry Southern und Christopher Isherwood, als „Tod in Hollywood“ (The Loved One) verfilmt. Der Trailer des fast unbekannten Films sieht nach einer ziemlich durchgeknallten Nummernrevue aus. Der Roman ist das Gegenteil.

Evelyn Waugh: Tod in Hollywood
(neu übersetzt von Andrea Ott)
Diogenes, 2015
160 Seiten
20 Euro

Originalausgabe
The Loved One
Chapman & Hall, London, 1948

Deutsche Erstausgabe
Die Arche, Zürich, 1950

Hinweise
Wikipedia über Evelyn Waugh (deutsch, englisch) und „Tod in Hollywood“
Perlentaucher über „Tod in Hollywood“


Seamus Smyth spielt die „Spielarten der Rache“ durch

Dezember 30, 2015

Smyth - Spielarten der Rache - 2

In seinem Vorwort findet „pulp master“-Herausgeber Frank Nowatzki lobende Worte über Seamus Smyth, was nicht verwundert. Immerhin brachte er mit „Spielarten der Rache“ die erste Übersetzung eines Werkes des irischen Autors bei uns heraus und ein Verleger muss, auch wenn er nicht ständig damit hausiert, von seinen Büchern begeistert sein. Smyth wird allerdings auch von Kollegen wie Ken Bruen und Declan Burke, die beide Smyths 1999 erschienenes Debüt „Quinn“ für einen der wichtigsten irischen Kriminalromane der letzten Jahre halten, abgefeiert. In Japan und Frankreich erschienen seine Bücher. In seiner irischen Heimat nicht.
Wer dann im Internet über Seamus Smyth recherchiert, wird wenig finden.
Über „Red Dock“, so der Originaltitel von „Spielarten der Rache“, ist noch weniger zu finden, weil es anscheinend im englischsprachigen Raum immer noch nicht veröffentlicht wurde, obwohl Smyth den Roman bereits 2010 beendete und er schon in Frankreich veröffentlicht wurde. Dabei hat der Roman alles, was das Herz des Noir- und Hardboiled-Fans erfreut und auch in England, Irland und den USA gibt es für solche Romane ein Publikum.
Der im Original titelgebende Red Dock wurde als Kind zusammen mit seinem Zwillingsbruder in ein christliches Waisenhaus gegeben. Sein Bruder starb an den Misshandlungen durch die Klosterbrüder.
Als Erwachsener will er einen sich über Jahre erstreckenden Racheplan ausführen. Er entführt das Baby des Polizisten, der ihn im Waisenhaus ablieferte, erstellt eine falsche Geburtsurkunde und gibt das Baby in einem Waisenhaus ab. Die katholischen Schwestern nehmen es auf und zwanzig Jahre später macht sich Red, der in Dublin seine Brötchen als Gangster verdient, an sie, die inzwischen Lucille Kells heißt, heran. Jetzt will er sich endgültig an Chilly Winters, der ihn damals als zuständiger Polizist in dem Waisenhaus abgab, und seiner leiblichen Familie, die ein Gestüt betreibt, rächen.
Zur gleichen Zeit beschließt der Maler Cornelius Hockler, der als Serienmörder Picasso genannt wird und von der Polizei schon seit gut zehn Jahren erfolglos gesucht wird, seine Zeichenobjekte zuerst zu entführen und dann zu verstümmeln und zu töten. Bislang tat er es umgekehrt. Aber er hofft, in seinem Atelier mit einem lebendem Modell zu besseren Ergebnissen kommen.
Als er die auch als Prostituierte arbeitende Gemma, Lucilles Zimmergenossin, in einem Hotelzimmer tötet, fällt Red Dock eine Videoaufzeichnung davon in die Hände. Normalerweise werden die Aufnahmen benutzt, um von den honorigen und einflussreichen Freiern Geld oder Gefälligkeiten zu erpressen. In diesem Fall ist Red Dock eher an anderen Gefälligkeiten interessiert.
Smyth erzählt diese in Irland spielende Geschichte vor dem Hintergrund der Geschichte des Landes, was jetzt einerseits eine Selbstverständlichkeit ist, andererseits aber grell die unschöne Geschichte Irlands beleuchtet. Denn erst in den vergangenen Jahren wurden die Umtriebe der katholischen Kirche gegenüber Schutzbefohlenen thematisiert und breit diskutiert. Jeder wusste es oder ahnte es, aber alle schwiegen darüber.
„Spielarten der Rache“ ist kein perfekter Roman. Dafür ist der Racheplan von Red zwar perfide, aber über die Jahrzehnte, die er bis zur Vollendung braucht, auch viel zu anfällig für viel zu viele verschiedene Arten des Scheiterns. Und wenn Red nach dem Mord im Hotelzimmer die Identität von Hockler erfährt und ihn erpresst, auch etwas zu, hm, episodisch. So als habe Smyth einige Wendungen eingeführt, um auf die nötige Seitenzahl zu kommen. Es sind allerdings auch, weil kein Plan wie geplant funktioniert, einige sehr überraschende und hundsgemeine Wendungen.
Trotzdem ist Smyths Noir für alle, die von einem Roman mehr als nur ein Feierabendvergnügen, eine Ablenkung vom grauen Alltag erwarten, absolut lesenswert. Und jetzt sollte pulp master sich an das Übersetzen von „Quinn“ machen.

Seamus Smyth: Spielarten der Rache
(übersetzt von Ango Laina und Angelika Müller)
pulp master, 2015
272 Seiten
14,80 Euro

Originalausgabe
Red Dock
2010

Hinweis
pulp master über Seamus Smyth