Buch- und DVD-Kritik: „Schweinezeiten“, „Death in Paradise“, karibische Gefühle

Oktober 10, 2016

Schon in der „Karibischen Affäre“ musste Miss Marple in der Karibik einen Mord aufklären und in einem gewissen Rahmen hat sich seitdem bis zum „Death in Paradise“ wenig bis nichts verändert. In der enorm erfolgreichen BBC-Serie (nach Zuschauerzahlen und internationalen Verkäufen) muss ein britischer Polizist auf der Karibikinsel Saint Marie Morde aufklären, die immer klassische Locked-Room Mysteries sind. Auch wenn der geschlossene Raum eine Holzhütte oder ein Swimmingpool ist. In jedem Fall haben die Verdächtigen ein bombenfestes Alibi. Bis Detective Inspector Humphrey Goodman (Kris Marshall) mit seinen Ermittlungen beginnt. Er ist ein leicht schusseliger, immer wie ein in die Höhe geschossener Lausbub wirkender Junge. Mit dem Beginn der dritten Staffel übernahm er die Position seines Vorgängers Richard Poole (Ben Miller), der wirklich die Inkarnation des steifen, auf Etikette bedachten Briten war. Goodman klärte damals den Mord auf und wurde zu seinem Nachfolger.

Und genau wie sein Vorgänger versammelt Goodman am Ende jedes Mordfalls die Verdächtigen in einem Raum und erklärt uns, wer warum der Mörder ist.

Die vierte „Death in Paradise“-Staffel, die jetzt auf DVD erschien, ist vor allem von Veränderungen im Team gezeichnet. Am Ende der dritten Staffel verließ Fidel Best (Gary Carr), der junge Streifenpolizist, das Team. Wegen seiner Karriere. Er wird in der ersten Folge der neuen Staffel von Florence Cassell (Joséphine Jobert) ersetzt.

Am Ende der vierten Episode verabschiedet sich Camille Bordey (Sara Martins) aus dem Team. Sie will wieder in Paris undercover arbeiten und ihr Chef, DI Goodman, stimmt nach langem Zögern der Versetzung zu. Auch weil er in sie verliebt ist. Florence Cassell zieht die Uniform aus und nimmt, drehbuchtechnisch nicht besonders geschickt gelöst, Camille Bordeys Position ein.

Ihr uniformierter Nachfolger wird J. P. Hooper (Tobi Bakare), der ein wenig wie eine unbeholfene Version von Fidel wirkt. Aber das liegt auch an seiner mangelnden Berufserfahrung.

Nur Officer Dwayne Myers (Danny John-Jules) ist von Anfang an dabei und er bringt, nachdem der alte Schwerenöter zunächst Cassell beeindrucken wollte, Hooper alles das bei, was ein richtiger Karibik-Polizist für die Arbeit benötigt.

All die personellen Veränderungen veränderten allerdings nicht die bekannt-bewährten Grundpfeiler der Serie. Die Fälle sind immer noch unblutige, traditionelle Rätselkrimis, die mit einem humoristischen Unterton und einem Blick für die Insellandschaft (gedreht wird auf Guadeloupe) präsentiert werden.

Dieses Mal müssen Goodman und sein Team wieder acht verzwickte Fälle aufklären. So wird während einer Séance ein Teilnehmer ermordet, während die Verdächtigen sich an den Händen festhielten. Ein Surflehrer wird in seiner Hütte erschossen. Aber im Sand um die Hütte sind keine Fußspuren zu finden. Der Chef des Heimatvereins von Saint Marie wird vergiftet. Seltsamerweise haben die anderen Mitglieder des Heimatvereins, die das gleiche Essen aßen, die Mahlzeit ohne große Probleme überlebt. Während eines Junggesellinnenabschieds wird die Braut ermordet. Verdächtig sind ihre Brautjungfern. Während der Aufnahmen für eine neue CD stirbt der Sänger der Band im Swimmingpool, während die potentiellen Täter nebenan im Aufnahmestudio waren. Kurz vor dem Finale eines Volleyballturniers wird eine der Spielerinnen ermordet – und Humphrey Goodman hat einen seiner wenigen Fällen, in denen Opfer und Täter unter den Einheimischen zu finden sind.

Während eines Teambuilding-Kurses wird die äußerst unbeliebte Chefin eines Online-Reisebüros gleich zweimal ermordet. Wahrscheinlich von einem ihrer Angestellten.

In dem achten und letzten Fall der vierten „Death in Paradise“-Staffel wird im Gerichtsgebäude in der gut gesicherten und bewachten Zelle ein Mordverdächtiger ermordet.

Wem die vorherigen Staffeln, vor allem die dritte, gefallen haben, dem wird auch die vierte Staffel der harmlosen, aber vergnüglichen Krimiserie „Death in Paradise“ gefallen.

Und es gibt Nachschub. Anfang 2017 zeigt BBC One die sechste Staffel.

 

Währenddessen, eine Insel weiter, herrschen „Schweinezeiten“ und die bedienen den geneigten Krimifan mit all den Dingen, die es in „Death in Paradise“ nicht gibt.

Im Mittelpunkt steht Inspektor Dieuswalwe Azémar, ein Trinker, der regelmäßig die Dienstvorschriften ignoriert. Auf den ersten Seiten des Romans (der für Stephen King noch nicht einmal ein halber Kurzroman ist) hilft Azémar einer Freundin ihre kranke Tochter aus den Händen eines Bòkò, ein Magier, der auch schwarze Magie praktiziert, zu holen, indem er ihn und seine Gefährten erschießt.

Kurz darauf bittet ihn sein ehemaliger Kollege, Wachtmeister Colin, um Hilfe. Eines seiner Probleme ist, dass sich sein Kopf in einen Schweinekopf verwandelt. Seine anderen Probleme haben eher weltliche Gründe.

Als, was relativ spät im Roman geschieht, aber im Klappentext verraten wird, die Kirche vom Blut der Apostel, eine neu gegründete Sekte mit Beziehungen in die USA, Azémars von ihm über alles geliebte Tochter Mireya opfern will, will er das verhindern.

Schweinezeiten“ von Gary Victor ist kein Fantasy-Roman, sondern ein Kriminalroman, in dem übernatürliche Dinge einfach zum way of life von Haiti gehören, die Polizei korrupt und das Land ein Selbstbedienungsladen für Einheimische und Ausländer ist. Eine stringente Geschichte entwickelt sich aus dem Meer von Rückblenden und Einzelepisoden kaum. Denn die Episoden und die sich daraus entwickelnden Erzählstränge sind über eine lange Lesezeit nicht miteinander verknüpft. Stattdessen zeichnet Gary Victor ein impressionistisches Bild des Lebens auf der Insel, das mich niemals wirklich begeisterte.

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Death in Paradise – Staffel 4 (Death in Paradise – Season 4, Großbritannien/Frankreich 2015)

Erfinder: Robert Thorogood

mit Kris Marshall (DI Humphrey Goodman), Sara Martins (DS Camille Bordey), Danny John-Jules (Officer Dwayne Myers), Joséphine Jobert (Florence Cassell), Tobi Bakare (J. P. Hooper), Don Warrington (Commissioner Selwyn Patterson), Élisabeth Bourgine (Catherine)

DVD

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Bild: 1,78:1 (PAL 16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: –

Bonusmaterial: –

Länge: 417 Minuten (4 DVDs)

FSK: ab 12 Jahre

Die aktuellen perfekten Verbrechen, die doch nicht so perfekt sind:

Der Mann, den es nicht gab (Stab in the Dark)

Regie: Richard Signy

Drehbuch: Robert Thorogood

Mord gegen Liebe (Hidden Secrets)

Regie: Richard Signy

Drehbuch: Simon Winstone

Ein bitterer Nachgeschmack (Damned if you do)

Regie. David O’Neill

Drehbuch: Tom Higgins

Im Schein der Kerze (Until Death do your part)

Regie: David O’Neill

Drehbuch: Rebecca Wojciechowski

Eine lange Reise (Swimming in Murder)

Regie: Paul Murphy

Drehbuch: Ian Kershaw

Falscher Ehrgeiz (The perfect Murder)

Regie: Paul Murphy

Drehbuch: Mark Brotherhood

Doppelmord der anderen Art (She was murdered twice)

Regie: Richard Signy

Drehbuch: Dana Fainaru

Besuchszeiten (Unlike Father, unlike Son)

Regie: Richard Signy

Drehbuch: Matthew Barry

Hinweise

BBC über „Death in Paradise“

BBC Germany über „Death in Paradise“

Wikipedia über „Death in Paradise“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von “Death in Paradise – Staffel 1″ (Death in Paradise, GB/Fr 2011)

Meine Besprechung von „Death in Paradise – Staffel 2“ (Death in Paradise, GB/Fr 2013)

Meine Besprechung von „Death in Paradise – Staffel 3“ (Death in Paradise, GB/Fr 2014)

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Gary Victor: Schweinezeiten

(übersetzt von Peter Trier)

Unionsverlag, 2016

160 Seiten

10,95 Euro

Deutsche Erstausgabe

litradukt, 2013

Originalausgabe

Saison de pores

Éditions Mémoire d’Encrier, Montreal 2009

Hinweise

Perlentaucher über „Schweinezeiten“

Wikipedia über Gary Victor


TV-Tipp für den 8. Oktober: Misery (mit königlichen Leseempfehlungen)

Oktober 7, 2016

ZDFneo, 22.00

Misery (USA 1990, Regie: Rob Reiner)

Drehbuch: William Goldman

LV: Stephen King: Misery, 1987 (Sie)

Des Schriftstellers Alptraum (hilflos ans Bett gefesselt in den Händen eines fanatischen Fans), des Zuschauers Vergnügen. Eine der besten Verfilmungen des Grandmasters der Mystery Writers of America.

Kathy Bates erhielt für ihre furchterregende Darstellung der helfenden Krankenschwester den Oscar, den Chicago Film Critics Association Awards und den Golden Globe als beste Schauspielerin.

Mit James Caan, Kathy Bates, Richard Farnsworth, Lauren Bacall, Frances Sternhagen

Wiederholung: Sonntag, 9. Oktober, 03.00 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über “Misery”

Homepage von Stephen King

Mein Porträt zu Stephen Kings Geburtstag

Meine Besprechung von Stephen Kings/Richard Bachmans „Qual“ (Blaze, 2007)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Nachgelassene Dinge“ (The things they left behind) in Ed McBains „Die hohe Kunst des Mordens“ (Transgressions, 2005)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Colorado Kid“ (The Colorado Kid, 2005)

Meine Besprechung von Joe Hill/Stephen King/Richard Mathesons „Road Rage“ (Road Rage, 2012)

Meine Besprechung der auf Stephen Kings Novelle “The Colorado Kid” basierenden TV-Serie “Haven”

Meine Besprechung von Kimberly Peirces Stephen-King-Verfilmung “Carrie” (Carrie, USA 2013)

Stephen King in der Kriminalakte, in seinem Trailer-Park und auf Europa-Tour

Meine Besprechung von Rob Reiners „Das grenzt an Liebe“ (And so it goes, USA 2014)

Bonushinweis

Mind Control von Stephen KingVier nach Mitternacht von Stephen King

Vor einigen Tagen erschien „Mind Control“, der dritte Roman mit Ex-Detective Bill Hodges. Dieses Mal vermutet er, dass der im Wachkoma liegende Brady Hartsfield, verantwortlich für das Mercedes-Killer-Massaker, für eine Selbstmordepidemie verantwortlich ist.

Das klingt doch übernatürlich spannend.

Für seinen ersten Hodges-Roman „Mr. Mercedes“ erhielt King seinen ersten Edgar- und Daggar-Krimipreis. Der zweite Hodges-Roman „Finderlohn“ war für den Dagger-Preis nominiert.

Eine TV-Verfilmung von „Mr. Mercedes“ mit Brendan Gleeson als Bill Hodges ist in Arbeit.

Bis dahin kann man die neu durchgesehene Neuausgabe von „Vier nach Mitternacht“ studieren. Auf dem Cover steht „Vier Kurzromane“ und das ist, wie wir es von Stephen King kennen, ein minderschwerer Fall von Etikettenschwindel. Denn die „Kurzromane“ kommen auf 1136 Seiten. Klein gedruckt. Anders gesagt: andere Autoren würden kurz auf die Silbe „kurz“ verzichten und niemand würde meckern. Auch der Verlag sah es so. Denn die in „Vier nach Mitternacht“ enthaltenen Geschichten erschien früher als „Langoliers“ und „Nachts“. Jetzt sind „Langoliers“ (verfilmt als TV-Zweiteiler), „Das heimliche Fenster, der heimliche Garten“ (verfilmt von David Koepp mit Johnny Depp als „Das geheime Fenster“), „Der Bibliothekspolizist“ und „Zeitraffer“ in einem Buch erschienen. Wie in den USA.

Stephen King: Mind Control

(übersetzt von Bernhard Kleinschmidt)

Heyne, 2016

528 Seiten

22,99 Euro

Originalausgabe

End of Watch

Scribner, New York, 2016

Stephen King: Vier nach Mitternacht – Vier Kurzromane

(übersetzt von Joachim Körber)

Heyne, 2016

1136 Seiten

13,99 Euro

Originalausgabe

Four past Midnight

Viking, New York, 1990


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: „Die Insel der besonderen Kinder“ und die besonderen Bedrohungen

Oktober 6, 2016

Wenn man durch Ransom Riggs‘ Debütroman „Die Insel der besonderen Kinder“ blättert und sich die vor Jahrzehnten entstandenen, von Riggs auf Flohmärkten gesammelten Bilder ansieht, glaubt man, Bilder aus einem Tim-Burton-Film vor sich zu haben – und Tim Burton verfilmte jetzt auch den Roman, der bis auf das Ende der Vorlage ziemlich genau folgt. Der dritte Akt fällt im Film wesentlich pompöser als im Roman aus.

Als Kind lauschte Jake fasziniert seinem Großvater Abraham und seinen abenteuerlichen Erzählungen von einer Insel mit besonderen Kindern und seinen Kämpfen gegen Monster lauschte. Aber das – schwebende Mädchen, ein unsichtbarer Junge, ein Junge, aus dessen Mund, wenn er ihn öffnet, Bienen fliegen – sind nur Gute-Nacht-Geschichten, die Großvater Abraham mit Vintage-Fotos illustrierte.

Als Jake ein Teenager ist, wird Abraham ermordet. Offiziell wurde er von einem Rudel Hunde getötet, aber Jake sah die Monster. Allerdings hat nur er die Monster gesehen. Kurz darauf erhält er eine mysteriöse Nachricht und er macht sich, begleitet von seinem Vater, einem Vogelbeobachter, auf den Weg nach Cairnholm Island, der walisischen Insel, auf der Abraham während des Zweiten Weltkriegs als Flüchtling einige Zeit in einem Kinderheim war. Und dort trifft Jake in einer Zeitschleife, die immer wieder einen Kriegstag wiederholt, all die Kinder, von denen Abraham ihm erzählte, und die Schulleiterin, Miss Peregrine, die sich – und das ist eine ihrer besonderen Fähigkeiten – in einen Wanderfalken (Falco Peregrinus) verwandeln kann. Eine andere Fähigkeit von ihr ist, dass sie eine Zeitschleife, die eine kleine Verbindung zur Außenwelt und Gegenwart hat, einrichten und so die Kinder vor Gefahren schützen kann.

Riggs‘ Roman, selbstverständlich der Beginn einer Trilogie, dessen letzter Band im November als „Die Bibliothek der besonderen Kinder“ bei Knaur erscheint, ist ein Fantasy-Roman für Jugendliche, geschrieben mit überschaubaren literarischen Ambitionen und einer überschaubaren Spannungskurve. Das und dass sich alles recht langsam entwickelt (so betritt Jacob erst auf Seiten 80 die Insel und erst auf Seite 172, nachdem er einige Seiten vorher von den besonderen Kindern geschnappt wurde, trifft er Headmistress Peregrine) ist in dem Roman nicht so nachteilig.

Aber in dem Film fällt dann auf, dass es ewig dauert, bis Jacob mit seinem Vater Florida verlässt und nach England fliegt. Dort trifft er zwar ziemlich schnell auf Miss Peregrine und ihre besonderen Kinder, aber weil ihre Charakterisierung niemals tiefer als ihre besondere Fähigkeit geht (Wie oft müssen wir den Unsichtbaren sehen? Wie oft muss Fiona Pflanzen wachsen lassen? Wie oft muss Emma schwerelos gen Himmel schweben, bis wir ihre Fähigkeit verstanden haben?), langweilt dieser Teil schnell. Es gibt einfach keinen Konflikt. Alles spielt sich in einer Bilderbuchidylle ab. Nie ist der typische bizarre und schwarze Humor von Burton spürbar. Nie gibt es einen irgendwie produktiven oder verstörenden Austausch zwischen der normalen Welt und den besonderen Kindern. Auch Jakob, der anfangs behauptet, keine besonderen Fähigkeiten zu haben, nimmt die Fähigkeiten der besonderen Kinder und ihrer Betreuerin als gottgegeben hin. Er staunt noch nicht einmal eine Zehntelsekunde, dass die Fotografien seines Großvaters keine Fälschungen waren.

Und beim großen Finale, wenn dann endlich die Bösewichter auftauchen, die sich vorher gut versteckten, scheint Tim Burton sein Storyboard an die CGI-Abteilung mit dem Kommentar „macht mal, wird schon passen“ abgegeben zu haben. Dabei waren gerade in früheren Tim-Burton-Filmen die liebevoll animierten oder mit Puppen in Stop-Motion-Technik nachgestellten Monsterszenen unvergessliche Höhepunkte.

Die namhaften Schauspieler bleiben durchgehend blass. Nur Samuel L. Jackson als Bösewicht Barron hat einen eindrucksvollen Auftritt. Allerdings erst im Finale. Bis dahin tritt er, abgesehen von einem kurzen Moment am Filmanfang, nicht auf.

Die Musik plätschert ohne irgendeinen Eindruck zu hinterlassen vor sich hin. Sie ist auch nicht von Burton-Hauskomponist Danny Elfman, sondern von Michael Higham und Matthew Margeson.

Damit bleibt Tim Burton zwar der Vorlage treu, aber für diesen seelenlosen Film hätte man keinen Tim Burton gebraucht, der uns zuletzt mit „Frankenweenie“ in eine andere Welt entführte und in „Big Eyes“ sogar dem Fünfziger-Jahre-Amerika mild absurde Seiten abgewann.

Die Insel der besonderen Kinder“ ist da nur Malen nach Zahlen. Daran ändert auch das so entstandene farbenprächtige Bild nichts.

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Die Insel der besonderen Kinder (Miss Peregrine’s Home for Peculiar Children, USA 2016)

Regie: Tim Burton

Drehbuch: Jane Goldman

LV: Ransom Riggs: Miss Peregrine’s Home for Peculiar Children, 2011 (Die Insel der besonderen Kinder)

mit Eva Green, Asa Butterfield, Samuel L. Jackson, Judi Dench, Rupert Everett, Allison Janney, Chris O’Dowd, Terence Stamp, Ella Purnell, Finlay MacMillan, Lauren McCrostie, Hayden Keeler-Stone, Georgia Pemberton, Milo Parker, Raffiella Chapman, Pixie Davies, Joseph Odwell, Thomas Odwell, Cameron King, Louis Davison, Kim Dickens, O-Lan Jones

Länge: 127 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage (zum Filmstart mit besonderem Cover)

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Ransom Riggs: Die Insel der besonderen Kinder

(übersetzt von Silvia Kinkel)

Knaur, 2016

416 Seiten

12 Euro

Deutsche Erstausgabe

Pan-Verlag, 2011

Taschenbuchausgabe

Knaur, 2013

Originalausgabe

Miss Peregrine’s Home for Peculiar Children

Quirk Books, Philadelphia 2011

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Die Insel der besonderen Kinder“

Metacritic über „Die Insel der besonderen Kinder“

Rotten Tomatoes über „Die Insel der besonderen Kinder“

Wikipedia über „Die Insel der besonderen Kinder“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Tim Burtons “Frankenweenie” (Frankenweenie, USA 2012, nach einem Drehbuch von John August)

Meine Besprechung von Tim Burtons „Big Eyes“ (Big Eyes, USA 2014)

Tim Burton in der Kriminalakte

Homepage von Ransom Riggs


Horst Eckert, Vincent Veih und die Aktion „Wolfsspinne“

September 29, 2016

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Nach zwei Seiten Prolog beginnt Horst Eckerts neuer Polit-Thriller „Wolfsspinne“ 2011 in Eisenach. Genaugenommen am 4. November und – genau, richtig erinnert – damals wurde das NSU-Trio enttarnt. Zwei Mitglieder brachten sich um. Eines steht in München vor Gericht. Seitdem deckten mehrere parlamentarische Untersuchungsausschüsse erschreckende Schlampereien, Ignoranz und Vertuschungen bei der Polizei und den Geheimdiensten auf.

Horst Eckert liefert jetzt eine alternative Erklärung für die damaligen Ereignisse, die nicht unwahrscheinlich ist, und spinnt sie in die Gegenwart, nach Düsseldorf im November/Dezember 2015 fort.

Dort wird die Lokalbesitzerin Melli Franck ermordet. Anscheinend war es ein Überfall, der schief ging. Der bereits aus Eckerts vorherigen beiden Romanen „Schwarzlicht“ und „Schattenboxer“ vertraute Kommissar Vincent Veih beginnt mit seinem Team zu ermitteln.

Gleichzeitig muss er sich mit einem Ermittlungsverfahren gegen ihn wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt beschäftigen. Er geriet als Teilnehmer bei einer Demonstration in einen Streit mit Nazis und Polizisten. Seine Kollegen behaupten, die Aggression sei von ihm ausgegangen.

Zur gleichen Zeit ist Ronny Vogt als Verdeckter Ermittler des LKA in die Drogenszene eingeschleust worden. Allerdings hat der zu überführende Drogenhändler Beziehungen zu rechtsextremen Kreisen. Vogt hatte vor Jahren undercover Kontakt zur NSU. Sein jetziger und damaliger Führer möchte deshalb, dass er sich auch in den rechtsextremen Kreisen umhört.

Und Marie Conrath, die Freundin der Toten, entdeckt während ihrer Arbeit bei Franck Development Dokumente, die den Kredit von ihrem Chef an die Ermordete in einem anderen Licht erscheinen lassen.

Diese Plots, bei denen lange nicht erkennbar ist, wie sie zusammengehören, laufen über weite Strecken des Romans parallel. Erst gegen Ende, wenn die Rechtsextremisten einen Anschlag verüben wollen, verknüpft Horst Eckert sie miteinander.

Bis dahin zeichnet er ein allzu realistisches, die bekannten Fakten höchst notdürftig verhüllendes Bild eines Deutschland, das mit Nazis, Ausländerhass und der Zusammenarbeit zwischen Polizei und Nazis beschäftigt ist. Das kennt man aus den verschiedenen Berichten über den NSU und den täglichen Schlagzeilen, wird hier aber zu einem stimmigen Gesamtbild zusammengefügt. Das kennt man schon aus Horst Eckerts vorherigen Polizeiromanen. Der Rätselplot wird dieses Mal zunehmend unwichtig. Letztendlich ist es egal, wer die Restaurantbesitzerin ermordete. Wichtiger sind die Entwicklungen, die durch ihren Tod angestoßen werden.

Veih ist, und das wird in den drei Polit-Thrillern mit ihm als Protagonisten immer deutlicher, eine Allegorie für Deutschland und die politischen Irrwege Deutschlands in den letzten hundert Jahren. Veihs Mutter ist eine politisch immer noch engagierte ehemalige Linksterroristin. Sein verstorbener Großvater war ein Nazi-Polizist, der ihn aufzog, während die Mutter Bomben warf und im Gefängnis saß.

Veihs Mutter ist dieses Mal glücklicherweise weniger präsent als in den vorherigen Romanen und nicht in den Fall involviert. Aber – und das ist auf die Dauer ein Konstruktionsmangel der Veih-Romane – Veih kennt Vogt von einem Verwandtenbesuch in der DDR als es sie noch gab und damit ist Veih, wieder einmal, familiär in den Fall involviert.

Aber nachdem Veihs Vergangenheit in den vorherigen Veih-Romanen als Teil des Krimiplots immer weiter ausgeleuchtet wurde, hat diese Beziehung zwischen Veih und Vogt eher anekdotischen Wert.

Trotzdem sollte Eckert Veih in den kommenden Veih-Romanen eine Weiterentwicklung gestatten, indem er ihn aus seinen Erfahrungen etwas lernen lässt, er sich verändert, seine Familiengeschichte anders betrachtet und er damit seine Überzeugungen und Beziehungen mehr oder weniger radikal überdenkt. Denn das was Veih in „Wolfsspinne“ entdeckt, sollte ihn, auch nach den Erlebnissen in „Schwarzlicht“ und „Schattenboxer“, verändern.

Mit diesem Problem musste Horst Eckert sich in seinen vorherigen Polizeiromanen nicht beschäftigen, weil er für jeden Roman einen neuen Protagonisten auswählte und ihn auf eine emotionale Achterbahnfahrt schickte, die ihn veränderte. In den nächsten Romanen war er dann, falls überhaupt, nur ein Teil des Ensembles vertrauter Charaktere, die in der Polizeistation arbeiteten. Auch in „Wolfsspinne“ trifft der langjährige Eckert-Fan auf einige alten Bekannte.

Horst Eckert: Wolfsspinne

Wunderlich, 2016

496 Seiten

19,95 Euro

Hinweise

Homepage von Horst Eckert

Meine Besprechung von Horst Eckerts „617 Grad Celsius“ (2005)

Meine Besprechung von Horst Eckerts „Königsallee“ (2007)

Meine Besprechung von Horst Eckerts “Sprengkraft” (2009)

Kriminalakte: Interview mit Horst Eckert über „Sprengkraft“

Meine Besprechung von „Niederrhein-Blues und andere Geschichten“ (2010)

Meine Besprechung von Horst Eckerts „Schwarzer Schwan“ (2011)

Meine Besprechung von Horst Eckerts „Schwarzlicht“ (2013)

Meine Besprechung von Horst Eckerts „Schattenboxer“ (2015)


„Schüsse, die von Herzen kommen“ bedrohen eine FBI-Agentin und einen Betrüger

September 19, 2016

Schuesse die von Herzen kommen von Janet Evanovich

Kate O’Hare und Nick Fox sind zurück. Dieses Mal sollen sie einen skrupellosen Geldwäscher überführen. Allerdings ist Fox kein Polizist, sondern ein international gesuchter Trickbetrüger, der vom FBI erpresst wird, Verbrecher zu jagen, weil bestimmte Aufgaben besser außerhalb der normalen Dienstvorschriften erledigt werden können. Sein Aufpasser ist Kate O’Hare, eine FBI-Agentin, die ihn jahrelang fanatisch verfolgte und daher entsprechend gut kennt.

Gut, diese Figurenkonstellation ist nicht unbedingt neu. Die TV-Serie „Ihr Auftritt, Al Mundy!“ ist die Blaupause für die von Janet Evanovich und Lee Goldberg geschriebene Serie. „Remington Steele“ wilderte in ähnlichen Gewässern. Denn selbstverständlich verlieben sich Kate und Nick ineinander und Janet Evanovich, die Erfinderin von Stephanie Plum, und Lee Goldberg, der Autor der „Monk“-Romane, schlagen bei ihren gemeinsamen Erzählungen einen leichten und humorvollen Ton an, der an die genannten TV-Serien (und einige andere) erinnert. „Schüsse, die von Herzen kommen“ ist, neben zwei kürzeren Erzählungen, ihr vierter gemeinsamer O’Hare/Fox-Roman, der sich nicht wesentlich von den vorherigen Romanen unterscheidet.

Es gibt auch einige wiederkehrende Charaktere, wie Kates Vater Jake, der, als Ex-CIA-Agent mit Kampferfahrung an den entlegendsten Orten, nichts gegen den Einsatz von Schusswaffen und Sprengstoff hat, Kates Schwester und Schauspieler und Verbrecher, die Kate und Nick gerne helfen. Gegen Honorar, aber auch wegen der Freundschaft und des Spaßes, den sie bei den gemeinsam durchgeführten Betrügereien haben.

Auch bei ihrem Einsatz gegen den Casino-Magnaten Evan Trace brauchen sie Hilfe, um ihren groß angelegten Schwindel durchzuziehen. Trace, der mehrere Spielcasinos besitzt, betreibt vor allem sein Casino in Macau als Geldwäsche-Dienstleistungsunternehmen für Verbrecherbanden, internationale Terroristen und sonstige Bösewichter.

Schüsse, die von Herzen kommen“ ist wie die vorherigen Romane flott erzählt und es gibt zahlreiche Anspielungen auf Hollywood, das Filmbusiness und James Bond. So empfiehlt sich Trace schon mit seinem Büro in Las Vegas und Macau (gleiche Ausstattung, regional angepasste Gemälde), in dem es ein Becken mit Piranhas und eine darüber führenden Brücke gibt, als Bond-Schurke. Diese Anspielungen rechne ich, weil ich ein größerer Lee-Goldberg- als Janet-Evanovich-Fan bin, Goldberg zu. Er ist auch Hollywood-Drehbuchautor und bekennender James-Bond-Fan.

Das rundum gelungene Vergnügen wird nur durch das Ende getrübt. Denn „Schüsse, die von Herzen kommen“ endet mit einem dieser Cliffhanger, die es inzwischen in jeder TV-Serie gibt und die uns zum Einschalten der nächsten Folge (seltener) oder nächsten Staffel (öfter) animieren soll.

Dabei würde ich das nächste Abenteuer von Kate und Nick auch ohne diesen Cliffhanger lesen wollen.

P. S.: Einige der durchweg lesenswerten fünfzehn „Monk“-Romane von Lee Goldberg, in denen er eigenständige und brandneue Fälle mit Detektiv Adrian Monk erzählte und ihn auch in Deutschland ermitteln ließ, wurden ins Deutsche übersetzt. Inzwischen sind sie nicht mehr erhältlich, aber im Gegensatz zu den meisten gebrauchten Büchern, die bei Amazon für einen symbolischen Cent angeboten werden, werden die „Monk“-Romane dort zu bemerkenswert hohen Preisen von gut vier Euro bis gut dreißig Euro angeboten. Da scheint eine Nachfrage vorhanden zu sein.

Janet Evanovich/Lee Goldberg: Schüsse, die von Herzen kommen – Ein Fall für Kate O’Hare

(übersetzt von Ulrike Laszlo)

Goldmann, 2016

288 Seiten

8,99 Euro

Originalausgabe

The Scam

Bantam Books, 2015

Hinweise

Homepage von Janet Evanovich

Deutsche Homepage von Janet Evanovich

Krimi-Couch über Janet Evanovich

Wikipedia über Janet Evanovich (deutsch, englisch)

Thrilling Detective über Stephanie Plum 

Meine Besprechung von Janet Evanovichs „Kuss mit lustig“ (Fearless Fourteen, 2008)

Meine Besprechung von Julie Anne Robinsons Janet-Evanovich-Verfilmung „Einmal ist keinmal“ (One for the Money, USA 2012) (mit einer Buchbesprechung)

Homepage von Lee Goldberg

Meine Besprechung von Lee Goldbergs „Mr. Monk und die Feuerwehr“ (Mr. Monk goes to the Firehouse, 2006)

Meine Besprechung von Lee Goldbergs “Mr. Monk besucht Hawaii“ (Mr. Monk goes to Hawaii, 2006)

Meine Besprechung von Lee Goldbergs “Mr. Monk und die Montagsgrippe“ (Mr. Monk and the Blue Flu, 2007)

Meine Besprechung von Lee Goldbergs „Mr. Monk und seine Assistentinnen“ (Mr. Monk and the two Assistants, 2008)

Meine Besprechung von Lee Goldbergs „Mr. Monk und die Außerirdischen“ (Mr. Monk in outer space, 2008)

Meine Besprechung von Lee Goldbergs „Mr. Monk in Germany“ (Mr. Monk goes to Germany, 2008)

Meine Besprechung von Lee Goldbergs „Bonjour, Mr. Monk“ (Mr. Monk is miserable, 2008)

Meine Besprechung von Lee Goldbergs „Mr. Monk und die Wurzel allen Übels“ (Mr. Monk and the Dirty Cop, 2009)

Meine Besprechung von Lee Goldbergs „Mr. Monk und Mr. Monk (Mr. Monk in Trouble, 2009)

Meine Besprechung von Lee Goldbergs „The Man with the Iron-On Badge“ (2005)

Meine Besprechung von Janet Evanovich/Lee Goldbergs „Mit High Heels und Handschellen“ (The Heist, 2013)


Über Nathan Larsons Dewey-Decimal-Romane „2/14“, „Boogie Man“ und „Zero One Dewey“

September 17, 2016

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Als Diaphanes vor zwei Jahren in seiner kurzlebigen „Penser Pulp“-Reihe „2/14“ (The Dewey Decimal System, 2011) veröffentlichte, freuten sich die Krimifans über einen ungewöhnlichen Helden, der in einem dystopischen New York als; – ja als was eigentlich? – , arbeitete. Dewey Decimal war Soldat. Vor einiger Zeit, am Valentinstag (bzw. 2/14), gab es eine Katastrophe, die die Bevölkerung New Yorks ziemlich dezimierte und die Welt in irgendein Mittelalter zurückbombte. Seitdem sortiert Dewey Decimal in der New York Public Library die Bücher systematisch. Sein jetziger Name Dewey Decimal basiert auf diesem Sortiersystem. Außerdem desinfiziert er sich alle paar Sekunden die Hände, trägt meistens OP-Handschuhe und einen Mundschutz und wechselt ständig seine Anzüge.

In „2/14“ soll er im Auftrag des nicht gewählten District Attorney von New York, Daniel Rosenblatt, einen ukrainischen Mafiosi töten.

Das bewegte sich noch, auch weil eine Femme Fatale im Spiel ist, im vertrauten Hardboiled-Fahrwasser. In einer dystopischen Welt, über die man mehr erfahren will. Erzählt von einem Ich-Erzähler, dessen mehr oder weniger zuverlässigen Erinnerungen bruchstückhaft, lückenhaft und implantiert sind.

In „Boogie Man“, dem zweiten Band, der noch bei Diaphanes erschien, und „Zero One Dewey“, dem Abschluss der Trilogie, der jetzt bei polar erschien, erzählt Nathan Larson die Geschichte von Dewey Decimal weiter.

In „Boogie Man“ entdeckt Dewey im verwaisten Büro von DA Daniel Rosenblatt eine Akte in der es Beweise für die Involvierung des erzkonservativen, die traditionellen Familienwerte und die Bibel hochhaltenden US-Senators Clarence Howard an dem Mord an einer koreanischen Prostituierten vor zwanzig Jahren gibt. Schnell entwickelt sich eine wilde Hatz, weil mehrere Parteien die Akte über den alten Mordfall haben wollen.

In „Zero One Dewey“ soll Dewey im Auftrag von Senator Howard zwei junge Mitglieder des saudischen Königshauses, Bruder und Schwester, beschützen. Auch hier entwickelt sich schnell eine wilde Hatz. Dieses Mal unter besonderer Beachtung der Kanalisation der entvölkerten Millionenstadt.

Neben diesem Hauptplot erfahren wir auch einige Hintergründe über das Valentinstag-Katastrophe und über Deweys Beteiligung daran. Allerdings gibt es keine groß angelegte, detaillierte Aufklärung darüber, sondern nur Splitter und Teile einer Erklärung, die durch Deweys zunehmenden Gedächtnislücken noch rudimentärer geraten.

Auch der Hauptplot gestaltet sich in „Boogie Man“ und „Zero One Dewey“ zunehmend rudimentärer und auch flacher. Beide Male rennt Dewey durch die Stadt, wird gejagt, zusammengeschlagen und kämpft um sein Überleben, während Erklärungen immer spartanischer ausfallen. So erfahren wir nicht, warum in „Boogie Man“ die Akte über den zwanzig Jahre alten Mord so wichtig ist. In „Zero One Dewey“ warum die beiden Schutzbefohlenen sterben sollen. Daran ändern auch die eingestreuten Erklärungen, die ebenso kompliziert, wie halbherzig und nebulös sind, nichts.

Das mindert das Lesevergnügen ungemein. Am Ende ist die schwarzhumorige Dewey-Decimal-Trilogie eine Trilogie, die nach einem überzeugendem Anfang zunehmend schwächer wird. Das liegt auch an der Idee, die Geschichte von einer Person erzählen zu lassen, die zu einem zunehmend unzuverlässigem Erzähler wird, der niemals auch nur einen kleinen Teil des Spielbrettes und des Spiels, über das man mehr erfahren möchte, überblickt.

Nathan Larson: Zero One Dewey

(übersetzt von Andrea Stumpf)

Polar, 2016

308 Seiten

14,90 Euro

Originalausgabe

The Immune System

Akashic Books, New York, 2015

Nathan Larson: Boogie Man

(übersetzt von Andrea Stumpf)

Diaphanes, 2014

288 Seiten

17,95 Euro

Originalausgabe

The Nervous System

Akashic Books, New York, 2012

Hinweise

Homepage von Nathan Larson

Wikipedia über Nathan Larson (deutsch, englisch)

The Nervous Breakdown hat 21 Fragen an Nathan Larson, die er auch alle beantwortete (10. Juli 2012)

Meine Besprechung von Nathan Larsons „2/14“ (The Dewey Decimal System, 2011)


Neu im Kino/Filmkritik: Mit „Tschick“ in die Walachei

September 16, 2016

Wo warst du in den Ferien?“

Der vierzehnjährige Maik Klingenberg hat seine Sommerferien nicht mit seinen Eltern verbracht. Seine Mutter, eine Alkoholikerin, war auf Entziehungskur und sein Vater mit seiner Assistentin auf Geschäftsreise. Maik hatte das ganze Haus in Marzahn für sich, aber sein neuer Klassenkamerad Andreij ‚Tschick‘ Tschichatschow, ein russischer Spätaussiedler mit extrem uncoolen Klamotten, kommt bei ihm mit einem ausgeliehenen Lada (jaja, geklaut) vorbei. Gemeinsam beschließen die beiden Outsider, die nicht zur Geburtstagsfeier der Klassenschönheit eingeladen wurden, Ostberlin in Richtung Walachei, wo auch immer das ist, zu verlassen.

Als vor sechs Jahren Wolfgang Herrndorfs Jugendbuch „Tschick“ erschien, war es ein Überraschungserfolg, der in Deutschland über 2,2 Millionen mal verkauft wurde, etliche Preise erhielt, in über 25 Ländern veröffentlicht wurde und die Grundlage für ein Theaterstück war. In der Theatersaison 2014/15 war es das meistgespielte Stück auf deutschen Bühnen. Da war, auch weil Herrndorf ein großer Filmfan war (er starb 2013) und „Tschick“ sehr filmisch geschrieben ist, eine Verfilmung nur eine Frage der Zeit.

Fatih Akin, der das Buch schon länger verfilmen wollte, übernahm kurzfristig, nachdem der ursprüngliche Regisseur David Wnendt absagen musste, die Regie. Mit Lars Hubrich, der mit Herrndorf befreundet war und dessen Wunschdrehbuchautor war, überarbeitete er Hubrichs ursprüngliche Fassung. Hark Bohm, der in den Siebzigern mit „Nordsee ist Mordsee“ und „Moritz, lieber Moritz“ zwei der unumstrittenen Klassiker des Jugendfilms inszenierte, wurde als Koautor hinzugezogen. Akin hatte sogar die Idee, dass Bohm den Film inszenieren sollte. Herrndorf erwähnte in seinem Blog „Arbeit und Struktur“ öfter „Nordsee ist Mordsee“ und der Einfluss des heute viel zu unbekannten Films über zwei Hamburger Jungs, einer Deutscher, einer Asiate, die in Wilhelmsburg leben, ein kaum fahrtüchtiges Boot bauen und Richtung Nordsee fahren, ist schon im Roman offensichtlich.

Wobei bei „Tschick“ nicht die Vorbereitung der Fahrt, sondern die Erlebnisse von Maik und Tschick bei ihrer Fahrt durch Ostdeutschland im Mittelpunkt stehen.

Akin erzählt das dann auf Augenhöhe mit den jugendlichen Protagonisten, die beim Dreh dreizehn Jahre alt waren. Als Coming-of-Age-Film steht „Tschick“ dabei in der Tradition von realistischen Jugendfilmen, wie beispielsweise die Stephen-King-Verfilmung „Stand by me – Das Geheimnis eines Sommers“. Es ist, obwohl er in der Gegenwart spielt, ein nostalgischer Film, der sich erkennbar auf diese älteren Filme bezieht und der nichts mit den derzeit erfolgreichen Young-Adult-Dystopien zu tun hat. Entsprechend zurückhaltend und auch konservativ, auf altmodische Erzähltugenden achtend, erzählt Akin die Geschichte.

Außerdem gelingt es Fatih Akin, Richard Claydermans ziemlich unerträgliche „Ballade pour Adeline“ im Film mehrmals, ausführlich so einzusetzen, dass sie nicht nur erträglich, sondern sogar passend und berührend ist.

Tschick“ ist allerdings auch ein Film, der immer wie der gut ausgeleuchtete, fein austarierte, pädagogisch wertvolle Fernsehfilm der Woche wirkt und nie das Gefühl des Aufbruchs, wie „Easy Rider“, oder der Flucht aus beengten Verhältnissen, wie „Nordsee ist Mordsee“, vermittelt. Maik und Tschick, über den wir fast nichts erfahren, sind zwei Mittelstandsjungs, die einfach einen längeren Ausflug unternehmen. Sie protestieren nicht gegen ihre Eltern oder die Gesellschaft. Sie finden sie eigentlich ziemlich in Ordnung. Sogar die Ungewissheiten der Pubertät, die Teenage Angst, die wir aus US-Filmen kennen, und Maiks unerwiderte Liebe in eine Klassenkameradin werden ohne große Gefühlsausbrüche behandelt. Ein Verharren in gut- und kleinbürgerlichen Verhältnissen, aus denen man nicht flüchten will, weil man sich eigentlich schon ganz gut in ihnen eingerichtet hat, bestimmt den Film. Insofern hat Akins Jugendfilm „Tschick“ schon etwas von einem Alterswerk, während sein „Gegen die Wand“ von jugendlicher Energie vibrierte.

Aber vielleicht sehen Jugendliche das anders. Vielleicht sind sie von „Tschick“ so begeistert, wie ich es als Jugendlicher von „Nordsee ist Mordsee“, „Moritz, lieber Moritz“ und „Easy Rider“ war.

P. S.: Trivia: Uwe Bohm, der in „Tschick“ den Vater von Maik spielt, war in „Nordsee ist Mordsee“ einer der beiden jugendlichen Ausreißer.

tschick-plakat

Tschick (Deutschland 2016)

Regie: Fatih Akin

Drehbuch: Lars Hubrich, Hark Bohm (Koautor)

LV: Wolfgang Herrndorf: Tschick, 2010

mit Tristan Göbel, Anan Batbileg, Mercedes Müller, Anja Schneider, Uwe Bohm, Udo Samel, Claudia Geisler-Bading, Alexander Scheer, Marc Hosemann, Friederike Kempter

Länge: 93 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage

zum Filmstart mit einem neuen Cover und einem Anhang zum Film. Auf 18 Seiten gibt es Bilder, Statements von Fatih Akin und Michael Töteberg schreibt über Wolfgang Herrndorf im Kino.

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Wolfgang Herrndorf: Tschick

rororo, 2016

272 Seiten

9,99 Euro

Das Drehbuch

selten, sehr selten wird auch das Drehbuch veröffentlicht. In diesem Fall sogar mit einem kurzen, aber informativen Interview mit Fatih Akin

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Lars Hubrich: Tschick – Das Drehbuch

Rowohlt E-Book

60 Seiten (Verlagsangabe, mein E-Book-Reader sagt 112 Seiten und den Rest regelt das individuelle Größenbedürfnis)

2,99 Euro

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Tschick“

Moviepilot über „Tschick“

Wikipedia über „Tschick“

Perlentaucher über Wolfgang Herrndorf und „Tschick“

Meine Besprechung von Fatih Akins „Müll im Garten Eden“ (Deutschland 2012)

Meine Besprechung von Fatih Akins „The Cut“ (Deutschland/Frankreich 2014)


John Scalzi schickt uns auf eine „Galaktische Mission“

September 9, 2016

Galaktische Mission von John Scalzi

Die Menschen haben ferne Planeten und fremde Welten besiedelt – unter den misstrauischen Augen der Aliens und unter dem Schutz der Kolonialen Union. Wenn diese nun wie geplant aufgelöst wird, wären die menschlichen Kolonien den feindlich gesinnten Aliens hilflos ausgeliefert. Ausgerechnet in dieser prekären Lage taucht ein neuer Feind auf, der Menschen und Aliens gegeneinander ausspielt. Für Lieutenant Harry Wilson beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit, denn sollte er nicht herausfinden, wer hinter dem intergalaktischen Intrigenspiel steckt, sind Menschen und Aliens gleichermaßen dem Untergang geweiht …

Dieser Teasertext für John Scalzis neuestem Science-Fiction-Roman „Galaktische Mission“ ist einerseits hundertprozentig zutreffend, andererseits hundertprozentig irreführend.

Denn das Buch besteht aus vier Novellen, die in den USA zuerst einzeln innerhalb eines Monats erschienen und kurz darauf in „Galaktische Mission“ (The End of all Things) zusammengefasst wurden. Deshalb können die Novellen, obwohl sie aufeinander aufbauen, auch unabhängig voneinander gelesen werden. Das liegt daran, dass Scalzi jede Geschichte von einem anderen Ich-Erzähler erzählen lässt und sie, auch wenn sie chronologisch hintereinander spielen, vollkommen verschiedene Aspekte der titelgebenden „Galaktischen Mission“ betrachten und damit dem Roman einen sehr eigenen Touch geben.

In „Das Leben des Geistes“ erzählt Rafe Daquin wie er Pilot eines Handelsschiffes war, das mit Staatssekretär Ocampo als Passagier in die Hände der Rraey fiel. Die Rraey sind eine Alienrasse, die auch den leisesten Widerspruch mit einem Kopfschuss beantworten. Sie gehören zum Equilibrium. So nennt sich eine geheimnisvolle Organisation, die die Koloniale Union gegen die Erde und gegen die Konklave, einem Zusammenschluss hunderter Alienzivilisationen, ausspielen will. Dafür soll Rafe, der von den Rraey entleibt und zu einem Gehirn in einem Tank wurde, als Gehirn das Frachtschiff an einen unbekannten Ort fliegen. Rafe versucht das zu verhindern.

In „Das ausgehöhlte Bündnis“ erzählt Hafte Sorvalh, die engste Beraterin von General Tarsem Gau, dem Anführer der Konklave, von den Vorbereitungen für ein Treffen mit der Kolonialen Union und der Erde, in der über verschiedene Angriffe gegen sie gesprochen werden soll. Gleichzeitig versucht sie die Position von Gau zu festigen. Nach dem von ihm geleiteten Aufbau der Konklave ist jetzt seine Position gefährdet.

In „Was Bestand haben kann“ geht es auf ein Raumschiff der Kolonialen Verteidigungsarmee und Lieutenant Heather Lee erzählt von ihren gefährlichen Einsätzen, in denen sie nur noch verschiedene Formen von Aufstand gegen die Koloniale Union niederschlagen müssen.

In „Siegen oder Untergehen“ betritt dann endlich der schon auf dem Buchcover erwähnte Lieutenant Harry Wilson, der vorher ein-, zweimal durchs Bild huschte, die Bühne. Er versucht den drohenden Untergang der Kolonialen Union zu verhindern und er hat dabei einen Plan, für den die Koloniale Union, die Konklave und die Erde miteinander kooperieren müssen. Es gibt nur ein Problem: sie alle sind in herzliche Feindschaft und Misstrauen miteinander verbunden.

Am Ende von „Galaktische Mission“, und hier stimmt dann der inflationär gebrauchte Satz, dass am Ende der Geschichte nichts mehr ist, wie es vorher war, endlich einmal.

Stilistisch unterscheiden sich die vier Geschichten erheblich. Während in der zweiten und vierten Geschichte die Politik und damit Verhandlungen zwischen den verschiedenen Koalitionen und Gruppen im Mittelpunkt stehen, ist die Dritte eher klassische Military-SF und die Erste erzählt vor allem die tragische Geschichte eines Mann, der zu einem Gehirn im Tank wird. Sie ist die – und Scalzi ist für seinen Humor bekannt – witzigste Geschichte des Buches. Auch bei „Was Bestand haben kann“ kann gelacht werden, wenn die Soldaten sich über den Essensplan und Musik austauschen und ihre Missionen ausführen.

So ist „Galaktische Mission“ weniger ein Roman im klassischen Sinn, sondern vier Geschichten, die sich einem Ereignis aus verschiedenen Perspektiven nähern. Damit hat John Scalzi eine interessante Lösung für seine Geschichte gefunden.

Angehängt hat Scalzi eine frühere Version von „Das Leben des Geistes“, in der er die Geschichte traditioneller beginnt.

John Scalzi: Galaktische Mission

(übersetzt von Bernhard Kempen)

Heyne, 2016

496 Seiten

9,99 Euro

Originalausgabe

The End of all Things

Tor, 2015

Mehr aus dieser Galaxie

Krieg der Klone - Die Trilogie von John Scalzi

Parallel zu „Galaktische Mission“ veröffentlichte Heyne John Scalzis erste drei Romane über die Koloniale Union in einem Sammelband und betitelte das gut tausendseitige Buch etwas unglücklich mit „Krieg der Klone – Die Trilogie“ (auf dem Buchrücken fehlt dann „Die Trilogie“). Der Sammelband enthält die auch einzeln erhältlichen Romane „Krieg der Klone“ (Old Man’s War, 2005), „Geisterbrigaden“ (The Ghost Brigades, 2006) und „Die letzte Kolonie“ (The last Colony, 2007).

Das Buch liegt zwar etwas schwer in der Hand und es passt auch nur in XXL-Hosentaschen, aber lesenswert ist es trotzdem.

John Scalzi: Krieg der Klone – Die Trilogie

(übersetzt von Bernhard Kempen)

Heyne, 2016

976 Seiten

16,99 Euro

Hinweise

Homepage von John Scalzi

Blog von John Scalzi

Phantastik-Couch über John Scalzi

Wikipedia über John Scalzi (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von John Scalzis (Hrsg.) „Metatropolis“ (METAtropolis, 2009)


Kurzkritik: Max Annas: Die Mauer

August 31, 2016

Annas - Die Mauer

Mit 224 Seiten ist auch der zweite Thriller von Max Annas sympathisch kurz geraten. Wie schon seit Debüt „Die Farm“ spielt auch „Die Mauer“ in Südafrika.

An einem heißen Nachmittag verreckt das Auto des jungen Schwarzen Moses in der Nähe der Gated Community „The Pines“. Dort war der Student einmal bei einem Studienkollegen und jetzt hofft er, dass dieser ihm hilft. Allerdings findet Moses, weil alle Häuser gleich aussehen, das Haus nicht. Stattdessen wird er vom Sicherheitsdienst entdeckt. Moses, der keine Lust auf eine Tracht Prügel hat (wenn er Glück hat), flüchtet.

Zur gleichen Zeit brechen, ebenfalls in „The Pines“, Nozipho und Thembi in ein leeres Haus ein. Das schwarze Einbrecherpärchen entdeckt in einer Schublade einen Haufen Geld und in der Tiefkühltruhe die noch warme Leiche der Hausherrin. Gerne würden sie mit ihrer Beute möglichst schnell die Gated Community verlassen. Dummerweise stehen inzwischen die Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes vor dem Haus. Von dort koordinieren sie ihre Suche nach dem flüchtigen Moses.

Und dann kommen die Mörder der Hausherrin zurück.

Mit seinen vielen Szenenwechseln – das Buch hat 115 Kapitel – , der kargen Sprache und der kaum vorhandenen Psychologisierung der Charaktere (wir wissen eigentlich nur, was sie gerade tun) liest sich „Die Mauer“ wie ein „Roman zum Film“, bei dem der Autor ein Drehbuch mit wenigen ausschmückenden Sätzen zu einem Roman umformulierte. Das hat unbestritten Pageturner-Qualitäten. Denn die an einem Ort spielende Geschichte entwickelt sich, je nach Lesegeschwindigkeit, in Echtzeit.

Allerdings simulieren die vielen Szenenwechsel eine Dynamik, die in der Geschichte, wenn Moses über die nächste Mauer springt und wieder entdeckt wird, wenn Nozipho und Thembi sich im Schrank verstecken, nicht wirklich vorhanden ist. Insofern ist es auch etwas rätselhaft, warum „Die Mauer“ zweimal hintereinander auf dem ersten Platz der KrimiZeit-Bestenliste stand und in der mir im Moment noch unbekannten September-Liste wieder auf einem der vorderen Plätze stehen wird.

Max Annas gehört zu den wenigen deutschen Autoren, die längere Auslandserfahrung haben und diese literarisch verarbeiten. Der gebürtige Kölner lebt inzwischen in Berlin. Davor lebte er länger in Südafrika und er arbeitet immer noch an einem Forschungsprojekt der University of Fort Hare über die südafrikanische Jazzmusik. Da lernt man, auch wenn es in „Die Farm“ und „Die Mauer“ keine Anspielungen auf den Cape Jazz gibt, Land und Leute kennen.

Max Annas: Die Mauer

rororo, 2016

224 Seiten

12 Euro

Hinweise

Rowohlt über Max Annas

Krimi-Couch über Max Annas

Perlentaucher über Max Annas

Wikipedia über Max Annas

Meine Besprechung von Max Annas „Die Farm“ (2014)

Lesung

Max Annas liest am Freitag, den 9. September, um 20.00 Uhr, im Cafe Brel (Savignyplatz 1, Berlin) aus seinem Roman „Die Mauer“.

Die Lesung findet im Rahmen der „Crime Time“-Veranstaltungsreihe statt.


TV-Tipp für den 29. August: The Night Manager -Teil 1

August 29, 2016

ZDF, 22.15

The Night Manager – Teil 1 (The Night Manager, Großbritannien/USA 2016)

Regie: Susanne Bier

Drehbuch: David Farr

LV: John le Carré: The Night Manager, 1993 (Der Nachtmanager)

Nachtmanager Jonathan Pine will im Auftrag des britischen Geheimdienstes den skrupellosen Waffenhändler Richard Onslow Roper überführen. Dazu muss er erst einmal dessen Vertrauen erlangen.

Gut sechstündige BBC-Verfilmung, die das ZDF als Dreiteiler zeigt. An der Qualität der überaus sehenswerten und gelungenen, inzwischen aber auch etwas überbewerteten John-le-Carré-Verfilmung ändert sich dadurch nichts.

Das ZDF zeigt den zweiten und dritten Teil an den kommenden Montagen.

Mehr dazu in meiner Besprechung der gesamten Miniserie.

mit Tom Hiddleston (Jonathan Pine), Hugh Laurie (Richard Onslow Roper), Olivia Colman (Angela Burr), Tom Hollander (Corcoran), Elizabeth Debicki (Jed Marshall), Michael Nardone (Frisky), Alistair Petrie (Sandy Langbourne), Hovik Keuchkerian (Tabby), Neil Morrissey (Harry Palfrey)

Wiederholung: Mittwoch, 31. August, 00.20 Uhr (Taggenau!)

Die DVD

The Night Manager - Plakat

The Night Manager (The Night Manager, Großbritannien/USA 2016)

Concorde Home Entertainment

Bild: 1,78:1 (16:9)

Ton: Deutsch (DTS, Dolby Digital 5.1, Dolby Digital 2.0), Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Interviews, Featurette: Die Premiere in Berlin

Länge: 338 Minuten (3 DVDs)

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage in der aktuellen Ausgabe

Le Carre - Der Nachtmanager

John le Carré: Der Nachtmanager

(übersetzt von Werner Schmitz)

Ullstein 2016

576 Seiten

9,99 Euro

Die gebundene Ausgabe erschien bei Kiepenheuer & Witsch; Taschenbuchausgaben bei Heyne und List.

Hinweise

ZDF über „The Night Manager“

Amazon Prime über „The Night Manager“ (direkter Link zur Serie)

Deutsche Homepage zur Serie

Moviepilot über „The Night Manager“

Rotten Tomatoes über „The Night Manager“

Wikipedia über „The Night Manager“

Homepage von John le Carré

Meine Besprechung von John le Carrés „Geheime Melodie“ (The Mission Song, 2006)

Meine Besprechung von John le Carrés “Marionetten (A most wanted man, 2008)

Meine Besprechung von John le Carrés “Verräter wie wir” (Our kind of traitor, 2010)

Meine Besprechung von John le Carrés “Empfindliche Wahrheit” (A delicate truth, 2013)

Meine Besprechung der John-le-Carré-Verfilmung “Bube, Dame, König, Spion” (Tinker, Tailor, Soldier, Spy, Großbritannien/Frankreich/Deutschland 2011)

Meine Besprechung der John-le-Carré-Verfilmung “A most wanted man” (A most wanted man, Deutschland/Großbritannien 2014) und der DVD

Meine Besprechung der John-le-Carré-Verfilmung „Verräter wie wir“ (Our Kind of Traitor, Großbritannien 2016)

John le Carré in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Susanne Biers „Serena“ (Serena, USA/Frankreich 2014)

Meine Besprechung von Susanne Biers „Zweite Chance“ (Un chance til, Dänemark 2014)

Meine Besprechung der ersten beiden Episoden von Susanne Biers „The Night Manager“ (The Night Manager, Großbritannien/USA 2016) und der gesamten Miniserie

Bonushinweis

le Carre - Der Taubentunnel - 4

Am 9. September erscheint „Der Taubentunnel“, die Memoiren von John le Carré, der am 19. Oktober seinen 85. Geburtstag feiert

Über „Die Memoiren eines Jahrhundertautors“ schreibt der Verlag:

Was macht das Leben eines Schriftstellers aus? Mit dem Welterfolg „Der Spion, der aus der Kält kam“ gab es für John le Carré keinen Weg zurück. Er kündigte seine Stelle im diplomatischen Dienst, reiste zu Recherchezwecken um den halben Erdball – Afrika, Russland, Israel, USA, Deutschland –, traf die Mächtigen aus Politik- und Zeitgeschehen und ihre heimlichen Handlanger. John le Carré ist bis heute ein exzellenter und unabhängiger Beobachter, mit untrüglichem Gespür für Macht und Verrat. Aber auch für die komischen Seiten des weltpolitischen Spiels.

In seinen Memoiren blickt er zurück auf sein Leben und sein Schreiben.“

John le Carré: Der Taubentunnel

(aus dem Englischen von Peter Torberg)

Ullstein, 2016

384 Seiten

22,00 Euro


TV-Tipp für den 21. August: Ender’s Game

August 21, 2016

Pro 7, 20.15

Ender’s Game – Das große Spiel (Ender’s Game, USA 2013)

Regie: Gavin Hood

Drehbuch: Gavin Hood

LV: Orson Scott Card: Ender’s Game, 1985 (Enders Spiel)

Der junge Ender Wiggin soll zum Anführer im Kampf gegen die außerirdischen Formics ausgebildet werden. Dabei ist Ender noch ein Kind.

Durchaus gelungene Mainstream-Verfilmung eines Science-Fiction-Klassikers, die nicht die Komplexität der Vorlage erreicht.

Mehr in meiner Besprechung des Films und der Vorlage.

mit Asa Butterfield, Harrison Ford, Ben Kingsley, Abigail Breslin, Hailee Steinfeld, Moises Arias, Viola Davis, Nonso Anozie, Aramis Knight, Jessica Harthcock

Wiederholung: Montag, 22. August, 08.00 Uhr

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Ender’s Game – Das große Spiel“

Moviepilot über „Ender’s Game – Das große Spiel“

Metacritic über „Ender’s Game – Das große Spiel“

Rotten Tomatoes über „Ender’s Game – Das große Spiel“

Wikipedia über „Ender’s Game – Das große Spiel“ (deutsch, englisch)

Homepage von Orson Scott Card

Phantastik-Couch über Orson Scott Card

Wikipedia über Orson Scott Card (deutsch, englisch)

Epilog: Interview mit Orson Scott Card (2004)

Meine Besprechung von Orson Scott Card (Projektleitung)/Christopher Yost (Skript)/Pasqual Ferrys (Zeichnungen) „Ender’s Game – Das große Spiel (Band 1)“ (Ender’s Game: Battle School 1 – 5, 2009)

Meine Besprechung von Orson Scott Card (Projektleitung)/Christopher Yost (Skript)/Pasqual Ferry (Zeichnungen) „Ender’s Game – Das große Spiel (Band 2)“ (Ender’s Game: Command School 1 – 5, 2010)

Meine Besprechung von Orson Scott Cards „Enders Spiel“ (Ender’s Game, 1985, 1991 erschien eine vom Autor leicht überarbeitete Ausgabe) und Orson Scott Cards „Enders Schatten“ (Ender’s Shadow, 1999)

Meine Besprechung von Gavin Hoods „Ender’s Game – Das große Spiel“ (Ender’s Game, USA 2013)


Die Vorlage

Man kann die Romane unabhängig voneinander lesen und man muss „Enders Schatten“ nicht lesen, um „Enders Spiel“ zu verstehen, aber „Enders Schatten“ ist eine wirklich lesenswerter anderer Blick auf die Ausbildung von Ender Wiggins. Und daher empfehle ich beide Romane; in chronologischer Reihenfolge.

Card - Enders Spiel - 2Card - Enders Schatten - 2

Orson Scott Card: Enders Spiel

(übersetzt von Karl-Ulrich Burgdorf)

Heyne, 2012

464 Seiten

8,99 Euro

Originalausgabe

Ender’s Game

Tor, 1985

(1991 erschien eine vom Autor leicht überarbeitete Ausgabe)

Frühere deutsche Ausgaben als „Das große Spiel“ und, als Doppelband mit dem zweiten Ender-Roman, als „Ender“.

Orson Scott Card: Enders Schatten

(übersetzt von Regina Winter)

Heyne, 2013

592 Seiten

8,99 Euro

Originalausgabe

Ender’s Shadow

Tor, 1999

 


„Lady Killer“ – Hausfrau, Mutter und Profikillerin

August 19, 2016

Jones - Rich - Lady Killer - 4

Josie Schuller ist die perfekte Hausfrau. Sie schmeißt den Haushalt, erzieht die Kinder, erträgt klaglos die biestige Mutter von ihrem Gatten und, als I-Tüpfelchen in dieser perfekten Sechziger-Jahre-US-Vorstadtidylle, ist sie Avon-Vertreterin. Wobei; – – – das ist sie nur, um sich bei Mrs. Roman einzuschleichen und sie für ein erkleckliches Honorar umzubringen. Denn Josie ist auch eine Killerin.

Autor Jamie S. Rich und Zeichnerin Joëlle Jones, die schon „12 Gründe, dich zu lieben“ und „You have killed me“ gemeinsam erschufen, haben jetzt eine Killerin erfunden, die in einer Zeit arbeitet, als anständige Frauen als Hausfrauen für ihre Männer das Abendessen kochten und nicht an Emanzipation dachten. Es ist die heile Wirtschaftswunderwelt von „Bettgeflüster“ und „Ein Pyjama für zwei“. Es ist aber auch die Welt, in der Richard Starks Profigangster Parker seinen ersten Auftritt hatte und das National Crime Syndicate die kriminelle Welt bestens organisiert hatte. Rich und Jones verschmelzen in ihrem neuen Werk „Lady Killer“ beide Welten und garnieren sie, wenn Josie Schuller einen ihrer Aufträge ausführt, mit einer ordentlichen Portion Action, die eher an einen modernen Actionfilm irgendwo zwischen „Lara Croft: Tomb Raider“ und einem Auftritt von Black Widow in einem Marvel-Blockbuster erinnert. Denn zimperlich ist Josie Schuller nicht, wenn sich das Opfer wehrt und dann sieht eine Wohnung nach erledigter Arbeit auch einmal aus wie nach einer Umdekoration von „Kill Bill“-Braut Beatrix Kiddo.

Aus diesen Elementen entsteht in diesem Fall ein Lesevergnügen, das in jeder Beziehung wunderschön zwischen Heile-Welt-Kitsch und eiskaltem Gangsterdrama schwankt.

In dem jetzt erschienenem „Lady Killer“-Sammelband sind die ersten fünf Hefte des Comics enthalten, der den Broken Frontier Award 2015 als beste Miniserie des Jahres erhielt.

Nach dem Mord an Mrs. Roman erzählen Rich und Jones, wie Schuller sich gegen ihren Boss wehren muss, der glaubt, dass sie als Mutter nicht mehr in der Lage sei ihre Arbeit mit der nötigen Konsequenz auszuüben.

Diese Geschichte erzählen Rich und Jones, mit weiteren Mordaufträgen garniert, in „Lady Killer – Volume 1“ etwas unschön zwischen einer abgeschlossenen Geschichte, einer rein episodischen Erzählweise (so in Richtung „ein Auftrag pro Heft“) und dem Auftakt zu einer größeren, auf kein konkretes Ende hin angelegten Geschichte schwankend. Denn für eine abgeschlossene Geschichte gibt es zu viele lose Fäden, die bis jetzt noch nicht wieder aufgenommen wurden.

Jamie S. Rich kündigt zwar auf seiner Homepage für dieses Jahr eine Fortsetzung an. Aber ein genauerer Termin wird nicht genannt. Und dabei erschienen die fünf Hefte in den USA zwischen Januar und Mai 2015.

Jamie S. Rich/Joëlle Jones: Lady Killer – Volume 1

(übersetzt von Marc-Oliver Frisch)

Panini, 2016

140 Seiten

16,99 Euro

Originalausgabe

Lady Killer

Dark Horse, 2015

enthält

Lady Killer # 1 – 5

Dark Horse, Januar – Mai 2015

Hinweise

Homepage von Jamie S. Rich

Homepage von Joëlle Jones


Neu im Kino/Filmkritik: „Jason Bourne“ ist zurück

August 11, 2016

Wenn „Jason Bourne“ meine erste Begegnung mit Jason Bourne wäre, wäre ich begeistert.

Aber es ist die vierte. Und dann gab es noch „Das Bourne Vermächtnis“ mit Jeremy Renner als Bourne-Ersatz Aaron Cross.

Jetzt sind Matt Damon, der den CIA-Killer ohne Gedächtnis dreimal spielte, und Paul Greengrass, der Damon zweimal als Bourne inszenierte, zurück in der Welt von Jason Bourne. Fast zehn Jahre nach dem dritten Bourne-Film „Das Bourne Ultimatum“ kehren sie zu dem Agenten, der von seinem ehemaligen Arbeitgeber gejagt wird, zurück und letztendlich erzählen sie die gleiche Geschichte noch einmal. Mit viel Action, wenigen Dialogen, pulsierender Musik, nahtlosen Schnitten und einer Wackelkamera, die damals das Genre hin zu einem quasi-dokumentarischen Stil revolutionierte und eben für diese jede Filmschul-Regel missachtende Kameraarbeit kritisiert wurde. Das ändert nichts daran, dass Greengrass ein Meister dieses oft kopierten, in dieser Perfektion und Eleganz fast nie erreichten Stils ist.

In ihrem neuesten Film „Jason Bourne“ ist alles wie vor zehn Jahren und wenn „Jason Bourne“ 2009 (oder so) in die Kinos gekommen wäre, wäre er sicher als okaye bis grandiose Fortsetzung durchgegangen. Aber nach einer gut zehnjährigen Pause ist „Jason Bourne“ einfach nur eine Wiederholung des allseits bekannten, mit ein, zwei im Nichts verlaufenden Anpassungen an den Zeitgeist, die in der Post-Snowden-Zeit altbacken sind.

Anscheinend verbrachte Jason Bourne die letzten zwölf Jahre („Das Bourne Ultimatum“ spielt 2004) mit der Teilnahme an Undergrund-Faustkämpfen. Seine Gegner schlägt er umstandslos K. O..

In Athen trifft er Nicky Parsons (Julia Stiles). Sie hat aus dem CIA-Computer Daten über Geheimprojekte geklaut. Eines ist Treadstone, das CIA-Projekt, an dem Bourne teilnahm. Eines ist Iron Hand, ein brandneues, noch größeres, bedrohlicheres und geheimeres Projekt als Treadstone. In diesem Projekt geht es um eine Hintertür in einem populärem Computerprogramm (irgendetwas zwischen ganz vielen Apps, die miteinander verknüpft werden, und Facebook), das aber nur die Funktion eines MacGuffins hat und dazu dient, alle wichtigen Figuren nach Las Vegas zu bringen zu dem internationalen EXOCON-Kongress, auf dem sich Hacker, Überwachungs- und Cyber-Security-Industrie treffen.

Dabei beginnen die Probleme für Jason Bourne schon in Athen. Kaum hat er Nicky getroffen, will die CIA ihn schon umbringen. Dieses Mal wird die CIA von CIA-Chef Robert Dewey (Tommy Lee Jones) und der jungen, ehrgeizigen Computeranalystin Heather Lee (Alicia Vikander) verkörpert. Der eiskalte CIA-Killer Asset (Vincent Cassel) (Asset? Als CIA-Tarnname? Wirklich? Wie soll ich das übersetzen? Aktivposten? Spion?) soll Bourne und Nicky töten. In dem Getümmel zwischen Demonstranten und Polizisten kann er nur Nicky erschießen. Bourne kann am Ende dieser atemberaubenden Actionszene mit dem USB-Stick mit den Daten über die CIA-Geheimprojekte flüchten. Zuerst nach Berlin. Dann nach London und nach Las Vegas. Asset verfolgt ihn, Leichen stapeln sich (in London eine Handvoll Toter). Jede Plausibilität geht in einem Meer von Action unter. Denn das Chaos, das Asset und der CIA bei der Verfolgung von Jason Bourne anrichten, ist unglaublich. Jedenfalls wenn man unauffällig operieren möchte.

Bei dieser Hatz um den halben Globus erfährt Bourne, wie sein Vater in Treadstone involviert war und warum er sterben musste.

Und Heather Lee glaubt, nachdem sie ein psychologisches Gutachten über Bourne gelesen hat, dass Bourne eigentlich wieder zurück in den Schoß der CIA will. Das ist, immerhin ist Jason Bourne kein Jack Bauer, ein psychologisch durchgehend unplausibler Handlungsstrang. Denn warum sollte Bourne wieder zu dem Unternehmen zurückkehren, das ihn unter allen Umständen töten will?

Jason Bourne“ ist ein einziges Déjà Vu, das bei den bekannten Teilen oft langweilt (weil wir das alles in den vorherigen Bourne-Filmen schon besser und glaubwürdiger gesehen haben), bei den Aktualisierungen, wie dem neuen CIA-Projekt, hinter der Wirklichkeit zurückbleibt und in diesen Momenten politisch naiv von einem Geheimprojekt redet, während die CIA und die NSA aus ihrer Gier nach unseren Daten keinen Hehl machen. Das gilt, ihr müsst nur eine aktuelle Tageszeitung aufschlagen, auch für Sicherheitspolitiker und Geheimdienstchefs aus anderen Ländern. In der Post-Snowden-Ära sind diese Fakten über die globale Geheimdienstüberwachung in großen Teilen bekannt. Die Zusammenarbeit zwischen Firmen und Geheimdiensten auf mehr oder weniger gesetzlicher Grundlage ist auch bekannt. Die Sicherheitspolitiker und -behörden äußern offen ihre Überwachungswünsche und der Kampf dagegen wird ebenfalls in der Öffentlichkeit ausgetragen.

Aber diese Aktualisierung ist nur ein Seitenstrang in Jason Bournes mehr oder weniger stringent betriebener Suche nach dem Mörder seines Vaters, der – Überraschung! – in der CIA sitzt. Sowieso wird die CIA hier endgültig zu einer Organisation, die vor allem mit sich selbst beschäftigt ist (nicht unwahrscheinlich) und vor allem eigene Mitarbeiter tötet. Das ist dann in der Häufung von inzwischen fünf Filmen, die im Bourne-Universum spielen, doch arg unglaubwürdig.

Das gilt auch für die Action, die nach dem atemberaubenden Auftakt in Griechenland, eine gewisse Routine nicht verleugnen kann und sich im Lauf des Films zunehmend in überbordende Kollateralschäden flüchtet. Schon in London werden am helllichten Tag innerhalb weniger Minuten in einem Gebäudekomplex eine Handvoll Menschen, die wahrscheinlich alle einen US-Pass und teils wichtige Jobs hatten, ermordet – und niemand soll sich dafür interessieren? In Las Vegas wird das, als Teil eines längeren Action-Set-Pieces, mit einer Dutzende Autos und Gebäude zerstörender Autoverfolgungsjagd auf einer Hauptstraße überboten. Da wandelt Jason Bourne durchaus spektakulär auf den Spuren von James Bond. Aber was in der James-Bond-Welt in Ordnung ist, funktioniert in der Jason-Bourne-Welt, in der der Held und seine Gegner sich möglichst unauffällig durch die Welt bewegen, nicht.

Diese Rückkehr von Paul Greengrass und Matt Damon in die Welt von Jason Bourne ist – zugegeben – unterhaltsam, rasant und durchaus überraschend inszeniert; wenn man die anderen Bourne-Filme nicht kennt. Aber sie fügt den vorherigen Filmen nichts wesentliches bei und als Zeitdiagnose wirkt er schon heute hoffnungslos veraltet.

Jason Bourne - Plakat

Jason Bourne (Jason Bourne, USA 2016)

Regie: Paul Greengrass

Drehbuch: Paul Greengrass, Christopher Rouse (nach Charakteren von Robert Ludlum)

mit Matt Damon, Alicia Vikander, Tommy Lee Jones, Riz Ahmed, Vincent Cassel, Ato Essandoh, Bill Camp, Julia Stiles, Stephan Kunken, Gregg Henry

Länge: 124 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Jason Bourne“

Metacritic über „Jason Bourne“

Rotten Tomatoes über „Jason Bourne“

Wikipedia über „Jason Bourne“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Tony Gilroys “Das Bourne-Vermächtnis” (The Bourne Legacy, USA 2012)

Meine Besprechung von Paul Greengrass’ “Captain Phillips” (Captain Phillips, USA 2013)

Jason Bourne besucht das AOL-Gebäude

Matt Damon und Paul Greengrass besuchen die BBC

Nachtrag (20. August 2016)

Die Bourne Herrschaft von Robert Ludlum

Jason Bourne trat erstmals 1980 in dem Roman „Die Bourne-Identität“ von Robert Ludlum auf. Er schrieb zu Lebzeiten noch zwei weitere Romane mit Jason Bourne, der bei ihm ein Vietnam-Veteran war. Für die Filme mit Matt Damon als Jason Bourne wurde das geändert. Neben vielen anderen Details.

Seit 2004 schrieb Eric Van Lustbader zehn weitere Jason-Bourne-Romane, die, auch wenn auf dem aktuellen Buchcover Jason Bourne Matt Damon ähnelt, unabhängig von den Filmen sind.

Mit „Die Bourne-Herrschaft“ ist jetzt sein neunter Bourne-Roman auf Deutsch erschienen. In dem Thriller wird Jason Bourne, der als Doppelgänger eines syrischen Ministers bei einem Gipfeltreffen teilnahm, von dem Terroristen El Ghadan enttarnt und erpresst, den Präsidenten der USA innerhalb der nächsten sieben Tage umzubringen. Wenn Bourne das nicht gelingt, wird El Ghadan Bournes Freundin und deren kleine Tochter töten.

Klingt nach einem Pageturner für die nächste lange Zugfahrt oder den Strandkorb.

Eric Van Lustbader/Robert Ludlum: Die Bourne-Herrschaft

(übersetzt von Norbert Jakober)

Heyne, 2016

528 Seiten

9,99 Euro

Originaltitel

The Bourne Ascendancy

Grand Central Publishing, 2014

Hinweise

Homepage von Eric Van Lustbader

Homepage von Robert Ludlum

Heyne über Robert Ludlum

Wikipedia über Robert Ludlum (deutsch, englisch) und Eric Van Lustbader (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: „Julieta“ – Pedro Almodóvars Hommage an Alice Munro

August 4, 2016

Nachdem „Fliegende Liebende“ eine Entspannungsübung war, ist Pedro Almodóvar mit seinem zwanzigsten Spielfilm wieder zurück in gewohnt dramatischen Gefilden und die Welt der Kritiker ist wieder in Ordnung. Außerdem stellt Almodóvar, wie schon der Titel „Julieta“ verrät, wieder eine Frau in den Mittelpunkt seines gewohnt stilvoll erzählten Dramas.

Im heutigen Madrid trifft die fünfzigjährige Julieta (Emma Suárez) zufällig Beatriz, eine alte Freundin ihrer Tochter. Beatriz erzählt ihr, dass sie Antia mit ihren drei Kindern vor kurzem am Comer See gesehen habe.

Für Julieta ist diese Begegnung der Grund, ihre Umzugspläne mit ihrem neuen Freund nach Portugal über den Haufen zu werfen. Denn vor zwölf Jahren hat Antia sie ohne ein Abschiedswort verlassen. Seitdem hat Julieta nichts mehr von ihr gehört.

Julieta zieht wieder zurück in die Wohnung, in der sie zuletzt mit ihrer Tochter lebte und beginnt einen langen Brief an sie zu schreiben. Ein Brief, in dem sie ihre Sicht der Dinge erklären will. Auch wenn ihre Tochter den Brief vielleicht niemals lesen wird.

Ihr Brief beginnt Mitte der Achtziger. Während einer Zugfahrt begegnet die Aushilfslehrerin für Klassische Literatur (jetzt gespielt von Adriana Ugarte) Xoan (Daniel Grao), einem Fischer aus Galizien, dessen Frau im Koma liegt. Sie haben Sex, verlieben sich ineinander und Antia ist ihre Tochter.

Diese Beichte, die auf den Erzählungen „Entscheidung“, „Bald“ und „Schweigen“ von Literaturnobelpreisträgerin Alice Munro basiert, ist dann eine Mischung aus Selbstrechtfertigung und Selbstanklage, die genau deshalb kunstvoll die Balance zwischen Leichtigkeit und Düsternis hält. Denn Julietas Leben ist auf der einen Seite eine von Toten geprägte Verlustgeschichte einer Mutter, der es noch nicht einmal gelingt, Kontakt zu ihrer Tochter zu halten. Im Gegenteil: ihre Tochter, die wir als Erwachsene nie sehen, will so wenig von ihr wissen, dass sie ihrer Mutter noch nicht einmal sagt, wo sie jetzt lebt. Was muss eine Mutter getan haben, um so eine Reaktion zu provozieren?

Auf der anderen Seite ist es die Selbstbehauptungsgeschichte einer passiven, introvertierten Frau, der es gelingt, im katholischen Spanien mit seinen engen Familienbindungen ihr Leben zu leben und, weil es die klassische Biographie nicht mehr gibt, immer wieder, teilweise radikal neu anzufangen. Wobei ein Neuanfang immer auch einen Ortswechsel bedeutet.

Zwischen diesen beiden Polen, sein Leben zu betrachten (immerhin sehen wir die Vergangenheit aus Julietas Sicht), fragt Almodóvars Film, ob Julieta die richtigen Entscheidungen getroffen hat oder ob ihr Leben, wenn sie sich an einem Punkt anders entschieden hätte, nicht ganz anders verlaufen wäre. Almodóvar formuliert diese Frage so, dass sie vollkommen in der Geschichte aufgeht, die gerade durch ihre südländische Reichhaltigkeit und die elegant zurückgenommene Inszenierung beeindruckt. Er liefert in jeder Beziehung und durchgehend stärkere Bilder als Alice Munro in ihren drei Erzählungen, die die Vorlage für „Julieta“ sind. Dabei folgt Almodóvar erstaunlich genau den Vorlagen. Eigentlich brachte er im Drehbuch nur die Ereignisse in eine chronologische Reihenfolge und verlegte die Geschichte nach Spanien.

Bei Munro spricht die Frage, ob man ein anderes Leben hätte leben können, eher den Intellekt an. Ihre Charaktere sind skizzierte Figuren auf einem Spielbrett, das nie seine Konstruktion verleugnen kann. Das liegt auch daran, dass Munro ihre Figuren nicht näher beschreibt. Ein Name, eine dürftige Ortsangabe (manchmal auch nicht), eine ebenso dürftige Zeitangabe (falls überhaupt) müssen genügen, bevor sie in ihren Erzählungen zwischen Gegenwart und Vergangenheit hin und her springt. Dabei, jedenfalls in den acht Erzählungen von „Tricks“, in denen auch die lose miteinander verbundenen „Julieta“-Geschichten sind, wechselt sie oft auch die grammatische Zeit. Das behindert den Lesefluss und hält einen so zusätzlich auf Distanz zu den Figuren.

Diese Distanz ist bei Almodóvar, der „Julieta“ bescheiden eine Hommage an Munro nennt, nicht vorhanden. Seine Julieta ist eine Frau in einer klar erkennbaren Welt mit Freunden und Bekannten, die ebenso klare Eigenschaften haben.

Und er hat, wieder einmal, Rossy de Palma, die als Xoans strenge Haushälterin wirklich furchteinflößend sein kann.

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Julieta (Julieta, Spanien 2016)

Regie: Pedro Almodóvar

Drehbuch: Pedro Almodóvar

LV: Alice Munro: Runaway, 2004 (Tricks)

mit Emma Suárez, Adriana Ugarte, Daniel Grao, Inma Cuesta, Darío Grandinetti, Rossy de Palma, Michelle Jenner, Pilar Castro

Länge: 100 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Die Vorlage

Munro - Tricks - Taschenbuch

Alice Munro: Tricks – Acht Erzählungen

(übersetzt von Heidi Zerning)

Fischer Taschenbuch Verlag

384 Seiten

9,95 Euro (Taschenbuch)

21,99 Euro (gebundene Ausgabe)

Deutsche Erstausgabe

Fischer, 2006

Originalausgabe

Runaway

Alfred A. Knopf, 2004

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Spanische Homepage zum Film

Moviepilot über „Julieta“

Metacritic über „Julieta“

Rotten Tomatoes über „Julieta“

Wikipedia über „Julieta“ (englisch, spanisch) und Alice Munro (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Pedro Almodóvars „Fliegende Liebende“ (Los amates Pasajeros, Spanien 2013)

Pedro Almodóvar in der Kriminalakte

Die Cannes-Pressekonferenz (die englische Fassung, weil die Originalfassung für die meisten wohl kaum verständlich sein wird)

 


„Fräulein Rühr-mich-nicht-an“ arbeitet im Bordell

August 3, 2016

Hubert - Kerascoet - Fräulein Rühr-mich-nicht-an - Cover 2

Paris, frühe dreißiger Jahre: junge Frauen suchen bei Tanzveranstaltungen Männer für eine Nacht oder für das Leben. Auch Agathe lässt keinen Abend in einem Tanzlokal aus. Ihre Schwester Blanche ist dagegen der ruhige Typ, der sich aus so profanen Vergnügen nichts macht. Außerdem beunruhigt sie eine Mordserie an jungen Frauen, vor allem Prostituierten.

Als ihre Schwester nach einem ähnlichen Modus Operandi ermordet wird, beschließt sie, ihren Mörder zu suchen. Ihre Spur führt sie in das Nobelbordell Pompadour, wo sie als junge Frau gleich eine Stelle erhält. Weil sie als Jungfrau vehement jeden Geschlechtsverkehr ablehnt, wird sie zum titelgebenden „Fräulein Rühr-mich-nicht-an“, die mit einer Peitsche gegen gutes Geld die Kundschaft erzieht. Wenn sie nicht gerade als peitschenschwingende Furie arbeitet, versucht sie herauszufinden, wer der Frauenmörder ist. Und sie schlägt sich mit ihren Arbeitskolleginnen, die, wie sie, im Bordell schlafen, herum. Das erinnert dann, auch mit ihren Zickigkeiten und den strengen Aufseherinnen, an ein Mädcheninternat.

Die jetzt erschienene „Fräulein Rühr-mich-nicht-an“-Gesamtausgabe besteht aus den vier Comicalben, die in Frankreich zwischen 2006 und 2009 und danach auch bei uns als Einzelbände erschienen, und einem 14-seitigem Anhang mit Skizzen. Dabei gibt es zwischen den ersten beiden Comics „Die Jungfrau im Freudenhaus“ und „Blut an den Händen“ und den letzten Beiden, „Der Märchenprinz“ und „Bis dass der Tod uns scheidet“, keinen größeren Zusammenhang und das Ende der Geschichte ist so offen, dass eine weitere Geschichte mit Blanche nicht ausgeschlossen, sondern erwünscht ist. Bis jetzt haben Hubert (Szenario) und Kerrascoët (Zeichnungen), von denen auch die Geschichte „Schönheit“ (ebenfalls bei Reprodukt erschienen) ist, sie noch nicht erzählt.

Nachdem nach der Hälfte des Sammelbandes Agathes Mörder und das Mordkomplott arg hastig aufgeklärt sind, beginnt mit „Der Märchenprinz“ eine neue Geschichte, in der die vorherigen Ereignisse seltsamerweise nicht erwähnt werden.

Blanche, die immer noch Jungfrau ist, trifft bei ihrer Arbeit auf Antoine. Ihr neuer Kunde ist ein seltsamer Vogel. Denn im Gegensatz zu allen anderen Männern will er sich nicht auspeitschen lassen, sondern nur mit ihr reden. Blanche findet ihn sympathisch, geht mit ihm aus und lernt auch seine Mutter kennen. Nur: welches Geheimnis hat ihr vermögender Märchenprinz?

Bei der Geschichte von „Fräulein Rühr-mich-nicht-an“ gefällt vor allem der schräge Humor, der spitze Blick auf das Leben im Paris der dreißiger Jahre und das daraus entstehende reichhaltige Sittengemälde. Dabei geht es in den ersten beiden Bänden, die auch spannender sind, in Richtung Kriminalgeschichte und in den letzten beiden Bänden in Richtung Liebesgeschichte.

Hubert/Kerascoët: Fräulein Rühr-mich-nicht-an

(übersetzt von Kai Wilksen)

Reprodukt, 2016

216 Seiten

39 Euro

Originalausgabe

Miss Pas Touche – L’intégrale

Dargaud, 2015

Hinweise

Reprodukt über „Fräulein Rühr-mich-nicht-an“

 

Homepage von Kerascoët

Wikipedia über Hubert und Kerascoët


Alter Scheiß? Eric Ambler schreibt einen „Nachruf auf einen Spion“

August 2, 2016

Ambler - Nachruf auf einen Spion - 2

Mit „Nachruf auf einen Spion“ geht die Reihe der uneingeschränkt lobenswerten Eric-Ambler-Wiederveröffentlichungen bei Atlantik weiter. „Nachruf auf einen Spion“ ist ein weiteres Werk aus seiner ersten Schreibphase, als er in den Dreißigern mehrere Polit-Thriller, heute allesamt Klassiker, schrieb, die als Zeitdiagnose und als Thriller funktionieren und in denen die Ambler-Formel von dem unschuldigen Normalbürger, der sich plötzlich als Spielball in einer ihm fremden Welt wiederfindet, mustergültig ausgeführt wird.

Josef Vadassy, der zweiundreißigjährige Ich-Erzähler von „Nachruf auf einen Spion“, wird von der Polizei verhaftet, weil er in Südfrankreich Bilder von geheimen Militäranlagen und Waffen machte; – und hier muss ich wohl für die Jüngeren eine kleine Erklärung einschieben. Früher wurden Bilder mit Fotoapparaten auf einen Film gemacht. Dieser Rollfilm ist in der Kamera, lichtempfindlich und kann nicht manipuliert werden. Ein Bild folgt auf das nächste. Wie die Glieder einer Kette. Weil Vadassy vor der Polizei zugibt, dass er die sich auf dem Film befindlichen Fotos von Eidechsen gemacht hat, muss er auch die anderen Bilder gemacht haben.

Ein klarer Fall, wenn Kommissar Beghin nicht bemerkt hätte, dass Vadassys Kamera vertauscht wurde. Der echte Spion muss also noch in dem Hotel sein und er hat die gleiche Kamera.

Beghin erpresst den staatenlosen Sprachlehrer, zurück in das an der Riviera liegende Hotel de la Réserve zu gehen und den Besitzer der anderen Kamera zu finden. Aber wie soll ein Normalbürger einen Spion überführen?

Nachruf auf einen Spion“ folgt formal der Struktur eines Rätselkrimis, was jetzt nicht so thrillend ist. Und Vadassy stellt sich als Amateurdetektiv oft nicht besonders geschickt an, was ihn sympathisch macht. Denn auch wenn wir in unserer Fantasie gerne James Bond wären, sind wir es in der Realität nicht.

Die von Eric Ambler gewählten Hotelgäste aus Frankreich, Deutschland, der Schweiz, England und Amerika bieten einen schönen Überblick über damalige Schicksale, inclusive dem aus Nazi-Deutschland geflüchtetem Widerstandskämpfer, der all Dinge erzählt, die die anderen Deutsche jahrzehntelang nicht wissen wollten. Auch die anderen Gäste haben einige Geheimnisse.

Insgesamt ist „Nachruf auf einen Spion“ ein gelungener Roman, der überraschend wenig Patina angesetzt hat, und eine viertel Geschichtsstunde über die „gute alte Zeit“ zwischen den beiden Weltkriegen ist.

Eric Ambler: Nachruf auf einen Spion

(übersetzt von Matthias Fienbork)

Atlantik, 2016

336 Seiten

12 Euro

Deutsche Erstausgabe

Die Stunde des Spions

(übersetzt von Peter Fischer)

Fischer Verlag, 1963

1979 publizierte Diogenes den Roman als „Nachruf auf einen Spion“.

Dort erschient auch 2002 die Neuübersetzung von Matthias Fienbork.

Originalausgabe

Epitaph for a Spy

Hodder & Stoughton, London, 1938

Verfilmung

Hotel Reserve (USA/Großbritannien 1944)

Regie: Lance Comfort, Max Greene (eigentlich Mutz Greenbaum), Victor Hanbury

Drehbuch: John Davenport

mit James Mason, Lucie Mannheim, Raymond Lovell, Julien Mitchell, Herbert Lom, Martin Miller, Clare Hamilton, Frederick Valk, Patricia Medina

1953 und 1963 entstanden TV-Mehrteiler, die als verschollen gelten.

Hinweise

Wikipedia über Eric Ambler (deutsch, englisch)

Kirjasto über Eric Ambler

Krimi-Couch über Eric Ambler

Kaliber .38: Thomas Wörtche über Eric Ambler

California Literary Review: Brett F. Woods: Beyond the Balkans – Eric Ambler and the British Espionage Novel, 1936 – 1940 (26. März 2007)

Meine Besprechung von Eric Amblers „Ungewöhnliche Gefahr“ (Uncommon Danger; Background to Danger, 1937)

Meine Besprechung von Eric Amblers „Die Maske des Dimitrios“ (The Mask of Dimitrios; A Coffin for Dimitrios, 1939)


Neu im Kino/Filmkritik: Die „Legend of Tarzan“ kehrt zurück

Juli 28, 2016

Tarzan, der Herrscher des Urwalds ist zurück – und „Legend of Tarzan“ ist viel besser als der letzte Tarzan-Film „Tarzan 3D“, bei dem nur die computergenerierten Bilder als Leistungsschau der Hersteller überzeugten. Manchmal.

Davor gab es in den letzten Jahrzehnten einige Tarzan-Filme, die sich – auch wenn „Greystoke – Die Legende von Tarzan“ (Großbritannien 1984, von Hugh Hudson) und „Tarzan – Herr des Urwalds“ (USA 1981, von John Derek mit Bo Derek als sexy Dame in ständig feuchter Bekleidung) die Grenzen zwischen Kunst und Trash markierten – bei weiten nicht so in das kollektive Gedächtnis einbrannten wie die legendären Tarzan-Filme mit Johnny Weissmuller.

Legend of Tarzan“, der kein naiver Abenteuerfilm sein will, wird das gleiche Schicksal des schnellen Vergessens ereilen. Daran ändert auch die lange Entwicklungsgeschichte des Films (wobei das 2006er Tarzan-Projekt von Guillermo del Toro mit diesem Film sicher nichts mehr zu tun hat) und das exorbitante Budget von offiziell 180 Millionen US-Dollar nichts.

Dieses Mal lebt Tarzan (Alexander Skarsgård) schon seit längerem unter seinem bürgerlichem Namen John Clayton III, fünfter Lord Greystoke, auf seinem Landsitz und er erledigt klaglos seine Pflichten als Lord und Hausherr. Da wird er vom Parlament gebeten, als Sonderbotschafter für Handelsfragen in den Kongo zu reisen.

Auf seiner Fahrt in seine alte Heimat begleiten ihn seine Freundin Jane (Margot Robbie), die ebenfalls alte Bekanntschaften auffrischen will, und der US-Amerikaner George Washington Williams (Samuel L. Jackson als doofer, alle Klischees bestätigender Sidekick), der Beweise für einen florierenden Sklavenhandel finden will.

In Afrika werden, kurz nach ihrer Ankunft in seinem Heimatdorf, Jane und etliche Dorfbewohner bei einem nächtlichen Überfall entführt und das Dorf verwüstet.

Verantwortlich dafür ist der Belgier Leon Rom (Christoph Waltz). Der Händler und Bösewicht des Films wollte in der Nacht eigentlich den legendären Tarzan entführen.

Lord Greystoke, der entkommen konnte, reißt sich seine Kleider vom Leib und beginnt als Tarzan Rom und seine Bande quer durch den Dschungel und die Steppe und Steinwüsten und Gewässer und Seen zu jagen, weil in Afrika alle Landschaften in Lianenentfernung sind.

Es gibt in „Legend of Tarzan“ zwischen all den CGI-Effekten (so sehen wir nur CGI-Tiere, die auch fast immer so aussehen) einige Momente, die schmerzlich zeigen, was für ein grandioser Film aus dem Stoff hätte werden können. So in Richtung Sam Peckinpahs Spätwestern „The Wild Bunch“. Allerdings n Afrika spielend und den Kolonialismus, die Zerstörung von Menschen, Tieren und Natur, der Ausbeutung eines Kontinents und der Grundsteinlegung von noch heute virulenten Konflikte ansprechend. In dem Wissen, dass der von Tarzan und Jane und seinen afrikanischen Freunden, in trauter Einheit mit den Tieren, gelebte glückliche Naturzustand (der natürlich auch immer nur eine Fiktion war) schon damals nicht mehr existierte. Es hätte also ein bildgewaltiger Abenteuerfilm mit einer ernsten Grundierung werden können.

Entstanden ist ein von einem Komitee gemachter Film. Nichts fügt sich sinnvoll zusammen, weil jeder eine Idee in den Film einbringen durfte. Es gibt immer wieder haarsträubende erzählerische Mängel und inszenatorische Schwächen. So erfahren wir wichtige Teile von Roms Plan erst viel zu spät, teilweise erst am Ende. Auch den Grund für den Konflikt zwischen Tarzan und Häuptling Mbonga (Djimon Hounsou) erfahren wir viel zu spät. Wenn man das alles (ja, Spoilervermeidung) am Anfang weitgehend verraten hätte, hätte man in diesem Moment den Grundstein für eine kraftvolle Geschichte gelegt. Denn in diesem Moment wäre der Grundkonflikt zwischen Tarzan, Rom und Mbonga etabliert gewesen und man hätte ausgehend von dieser Prämisse ein Netz von Konflikten und Beziehungen zwischen den Charakteren aufgespannt. So plätschert der Film vor sich hin, während er erzählt, wie Tarzan seine Frau retten will.

Die zahlreichen Rückblenden, die David Yates wild über den Film verteilt, sind bestenfalls manieristisch, schlimmstenfalls nervig. Der Geschichte hätten sie mehr gedient, wenn sie an den wenigen Punkten in der Geschichte, in der sie erzählerisch Sinn machen, präsentiert worden wären. Also wenn Tarzan von Vertretern des Parlaments gebeten wird, nach Afrika zurückzukehren, hätte man eine große Rückblende mit seiner Geschichte, wie seine Eltern sterben, er von Affen großgezogen wird, Jane kennen lernt und nach England zurückkehrt, einfügen können. Denn in diesem Moment steht John Clayton vor der Frage, ob er wieder in seine Vergangenheit zurückkehren will. Yates verteilt diese Hintergrundgeschichte auf mehrere Rückblenden, die dann nur unnötig die Haupthandlung verlangsamen. Denn letztendlich kenne wir doch alle die Geschichte von Tarzan.

Und dann etabliert „Harry Potter“-Regisseur mehrmals Ort so ungeschickt und auch unlogisch, dass man glaubt, gerade habe man eine Szene verpasst zu haben. So scheint, um nur ein Beispiel zu nenne, das Dorf, in dem Tarzan seine alten Freunde nach einem langen Fußmarsch durch trockenes Grasland, mitten in einer wasserlosen Gegend zu liegen. In der Nacht werden sie von Roms Männern überfallen und Jane wird auf einen Dampfer entführt, der anscheinend wenige Meter neben dem Dorf anlegte.

Wo „Legend of Tarzan“ schon auf der erzählerischen Ebene Schiffbruch erleidet, bringen die überall eingesetzten CGI-Effekte das Schiff dann endgültig zum Sinken. Und im Finale wird dann, während eine Horde CGI-Tiere eine Hafenstadt verwüstetet, auch munter Schiffe versenken gespielt. Das ist visuell selten überzeugend, meistens spektakulär langweilig und wenig beeindruckend.

Legend of Tarzan“ ist wohl der Tarzan-Film mit den meisten verpassten Chancen.

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Legend of Tarzan (The Legend of Tarzan, USA 2016)

Regie: David Yates

Drehbuch: Adam Cozad, Craig Brewer (nach einer Geschichte von Craig Brewer und Adam Cozad, basierend auf den „Tarzan“-Geschichten von Edgar Rice Burroughs)

mit Alexander Skarsgård, Christoph Waltz, Samuel L. Jackson, Margot Robbie, Djimon Hounsou, Sidney Ralitsoele, Osy Ikhile, Mens-Sana Tamakloe, Rory J. Saper, Christian Stevens, Jim Broadbent, Ben Chaplin

Länge: 110 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Lesetipp

Die Johnny-Weismuller-“Tarzan“-Filme laufen ja immer wieder und für mich sind sie die klassischen und definitiven „Tarzan“-Filme. Immerhin sah ich sie als Kind.

Aber man kann die jetzige Verfilmung auch als Gelegenheit nehmen, einen Blick in die Vorlage, die „Tarzan“-Romane von Edgar Rice Burroughs zu werfen. Denn der Heyne-Verlag bietet, mit einem kundigen Nachwort von Georg Seeßlen, einen Sammelband mit drei „Tarzan“-Romanen an. Enthalten sind die Ursprungsgeschichte „Tarzan bei den Affen“ (Tarzan of the Apes, 1912) und die beiden deutlich kürzeren „Tarzan“-Romane „Tarzan und die Schiffbrüchigen“ (Tarzan and the Castaways, 1940/1941/1964) und „Tarzan und der Verrückte“ (Tarzan and the Madman, 1964) und die ersten Seiten lesen sich verdammt gut.

Burroughs - Tarzan - 4

Edgar Rice Burroughs: Tarzan – Drei Romane in einem Band

Heyne, 2013

688 Seiten

11,99 Euro

Taschenbuch-Ausgabe entspricht der Ausgabe von Walde & Graf, Zürich 2012.

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Legend of Tarzan“

Metacritic über „Legend of Tarzan“

Rotten Tomatoes über „Legend of Tarzan“

Wikipedia über „Legend of Tarzan“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Über Steven Spielbergs Roald-Dahl-Verfilmung „BFG – Big Friendly Giant“

Juli 22, 2016

Ab und an, erstaunlich selten für seinen Ruf, dreht Steven Spielberg einen richtigen Kinderfilm; wie jetzt in seinem erstem Walt-Disney-Film. „BFG – Big Friendly Giant“ über die Freundschaft zwischen einem Waisenmädchen und einem Riesen. Einem freundlichem Riesen, der in einer seltsamen Sprache spricht und Träume sammelt und verteilt.

Der Film basiert auf dem Kinderbuch „Sophiechen und der Riese“ von Roald Dahl, das 1985 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet wurde. Es war – Dahl starb 1990 – seine Lieblingsgeschichte und bevor er sie aufschrieb, erzählte er sie seinen Kindern und Enkeln. Es ist eine kurze, schlichte Geschichte in der ein Mädchen von einem Riesen entführt wird, nachdem es ihn in der Nacht gesehen hat. Schnell befreundet sich Sophiechen mit ihm und erfährt, dass es noch andere Riesen gibt, die vor allem Kinder fressen und die sich wie Schulhofhalbstarke benehmen. Mit dem BFG (Big Friendly Giant) oder, in der deutschen Übersetzung, dem GuRie (Der gute Riese) will sie alle Kinder vor den Menschenfressern retten. Dafür benötigt sie die Hilfe der Queen – und das Frühstück von Sophie und dem Riesen bei der Queen ist im Roman und im Film ein humoristischer Höhepunkt. „Sophiechen und der Riese“ ist auch ein sehr dialoglastiges Buch mit sehr wenigen Beschreibungen. Das meiste wird der Fantasie der jungen Leseratten überlassen.

Für einen Spielfilm ist Dahls Buch, eher eine kurzweilige Ansammlung von Episoden und oft sehr witzigen Dialogen und Wortspielen, allerdings zu kurz geraten. Einige der Dialoge, etwa wenn der BFG sich über die Essgewohnheiten der anderen Riesen auslässt sind für einen Kinderfilm nicht so geeignet.

Die 2015 verstorbene Melissa Mathison, die für Spielberg bereits „E. T. – Der Außerirdische“ (USA 1982) schrieb, musste den Roman zu einem Spielfilm aufpeppen und der Vorlage treu bleiben. So folgt die Verfilmung der Vorlage, baut sie allerdings immer wieder aus, was Steven Spielberg die Gelegenheit gibt, in Bildern und Actionszenen zu schwelgen. Das beginnt schon in den ersten Minuten, wenn Sophie (Sophiechen in der deutschen Übersetzung) von dem Riesen entführt wird und sie sich kurz darauf in der Höhle des Riesen zuerst vor ihm verstecken will (Indiana Jones wäre stolz auf sie) und anschließend vor den bösen Riesen, die durch die Wohnung des BFG randalieren, verstecken muss. Sie tut es in einer Kotzgurke. Die schmecken, in den Worten des BFG, „nach Hurgelgurgel und Würgelrülps“.

Schon in diesen Minuten fällt auf, wie gut das Zusammenspiel von Mark Rylance, der den guten Riesen spielt, und Ruby Barnhill, die die zehnjährige Sophie spielt, ist und wie nahtlos die Verbindung zwischen realen und digital bearbeiteten Bildern ist. Fast nie hat man den Eindruck, dass hier Bilder zusammengefügt wurden. Denn selbstverständlich ist Rylance keine sieben Meter groß und die Schauspieler der anderen, noch größeren Riesen sind auch keine zwölf bis sechzehn Meter groß. Aber die gezeigte Welt ist bis ins letzte Detail stimmig.

Das gefällt, auch wenn die Filmgeschichte immer noch sehr episodisch ist und es eigentlich keinen Konflikt und damit keine Spannung gibt. Denn die Idee, wie die Riesen besiegt werden können, kommt aus heiterem Himmel, die Queen ist sofort überzeugt und der Kampf gegen die Menschenfresser-Riesen ist schnell vorbei.

Es ist auch ein Film, der sich gezielt an Kinder richtet. Die dürften verzaubert sein. Jugendliche und Erwachsene werden sich da, im Gegensatz zu „E. T.“, konsequent unterfordert fühlen.

BFG - Big Friendly Giant - Plakat

BFG – Big Friendly Giant (The BFG, USA 2016)

Regie: Steven Spielberg

Drehbuch: Melissa Mathison

LV: Roald Dahl: The BFG, 1982 (Sophiechen und der Riese; BFG – Big Friendly Giant)

mit Mark Rylance, Ruby Barnhill, Penelope Wilton, Jermaine Clement, Rebecca Hall, Rafe Spall, Bill Hader

Länge: 117 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Die Vorlage

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Zum Filmstart erschien Roald Dahls „Sophiechen und der Riese“ unter dem Filmtitel, mit dem Teaser-Filmplakat als Titelbild und einigen Filmfotos, die nichts von der Bildgewalt des Films verraten.

Lesenswert!

Roald Dahl: BFG – Big Friendly Giant

(übersetzt von Adam Quidam, mit Zeichnungen von Quentin Blake)

Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2016

256 Seiten

9,99 Euro

Deutsche Erstausgabe

Sophiechen und der Riese

Rowohlt Verlag, 1984

Originalausgabe

The BFG

Jonathan Cape, London, 1982

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „BFG – Big Friendly Giant“

Metacritic über „BFG – Big Friendly Giant“

Rotten Tomatoes über „BFG – Big Friendly Giant“

Wikipedia über „BFG – Big Friendly Giant“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs “Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels” (Indiana Jones and the kingdom of the skull, USA 2008)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs “Gefährten” (War Horse, USA 2011)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs “Lincoln” (Lincoln, USA 2012)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „Bridge of Spies – Der Unterhändler“ (Bridge of Spies, USA 2015)

Steven Spielberg in der Kriminalakte

Homepage von Roald Dahl

Wikipedia über Roald Dahl (deutsch, englisch)

„Behind the Scenes“-Interview mit Steven Spielberg

Die Cannes-Pressekonferenz


Wieder erhältlich: James Lee Burkes erster Dave-Robicheaux-Krimi „Neonregen“

Juli 20, 2016

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Als 1987 „Neonregen“ in den USA erschien, war James Lee Burke schon lange kein Jungspund mehr und seine literarische Karriere war, nach durchaus erfolgversprechenden Anfängen in den Sechzigern, von Absagen gepflastert. Egal in welchem Genre er sich versuchte. Sein Freund Charles Willeford, selbst ein gefeierter Noir-Autor, riet ihm, es doch einmal mit einem Kriminalroman zu versuchen und der Rest ist, wie es so schön heißt, Geschichte. Gleich drei New Yorker Verlage wollten „Neonregen“ veröffentlichen. Der Krimi war in den USA bei Kritik und Publikum ein Erfolg. Burke war mit diesem und den folgenden Dave-Robicheaux-Romanen einer der Erneuerer des Hardboiled-Romans und er erhielt, teilweise mehrmals, alle wichtigen Krimipreise. Sein Held Dave Robicheaux wurde zu einem der beliebtesten Charaktere des Genres. Seitdem veröffentlichte der 1936 geborene James Lee Burke, neben mehreren anderen Romanen, zwanzig Robicheaux-Krimis.

In „Neonregen“ ist Dave Robicheaux noch Lieutenant beim New Orleans Police Department, Trinker und, so sagt ihm ein Mafia-Killer kurz vor seiner Hinrichtung, er soll ermordet werden. Die Kolumbianer wollen ihn umbringen, weil er sie bei ihren kriminellen Geschäften störte.

Robicheaux hat keine Ahnung, welche Geschäfte er von wem störte. Aber er vermutet, dass der Mordauftrag etwas mit der Farbigen zu tun haben könnte, deren Leiche er vor zwei Wochen bei einem Angelausflug im Wasser entdeckte.

Mit der mehr als überfälligen Neuveröffentlichung von dem lange nicht mehr erhältlichen Kriminalroman „Neonregen“ können jetzt, nachdem die über zehnjährige Übersetzungspause vor knapp zwei Jahren beendet wurde, auch all die seitdem neu hinzugekommenen James-Lee-Burke-Fans den enorm kraftvollen Auftakt der Robicheaux-Serie lesen. Er ist eines seiner besten Bücher.

Robicheaux ist nämlich ein interessanter Protagonist, der in diesem und den nächsten Romanen versucht, sein Leben in den Griff zu bekommen. „Neonregen“ erzählt eine spannende Geschichte mit politischen Anspielungen an einem unverbrauchtem Handlungsort in einer Sprache, die einen förmlich die schwüle Louisianas spüren lässt.

In den kommenden Jahren will der Pendragon-Verlag weitere Robicheaux-Romane veröffentlichen und das ist für den Krimifan eine gute Nachricht. Denn gerade die ersten Robicheaux-Romane gehören zum Besten, was es im Genre gibt und die neueren Robicheaux-Romane sind, bis auf „Sturm über New Orleans“, noch nicht übersetzt.

James Lee Burke: Neonregen

(überarbeitete Neuausgabe)

(mit einem Vorwort von James Lee Burke und einem Nachwort von Alf Mayer)

(übersetzt von Hans H. Harbort)

Pendragon, 2016

432 Seiten

17 Euro

Deutsche Erstausgabe

Ullstein, 1990

Originalausgabe

The Neon Rain

Henry Holt & Co., New York, 1987

Hinweise

Thrilling Detective über „the Great Lost P. I.“ Dave Robicheaux

Homepage von James Lee Burke

Wikipedia über James Lee Burke (deutsch, englisch)

Mein Porträt von James Lee Burke

James Lee Burke in der Kriminalakte

„In the Electric Mist“ in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Bertrand Taverniers James-Lee-Burke-Verfilmung „In the Electric Mist – Mord in Louisiana“ (In the Electric Mist, USA 2009)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Regengötter“ (Rain Gods, 2009)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Sturm über New Orleans“ (The Tin Roof Blowdown, 2007)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Mississippi Jam“ (Dixie City Jam, 1994)


Kommissar Nettelbeck trifft „Stumme Hechte“

Juli 18, 2016

Wittkamp - Stumme Hechte - 2

Auf einem Campingplatz am Krossinsee am südöstlichen Ortsrand von Berlin wird ein Mann tot aufgefunden. Während Kommissar Martin Nettelbeck noch rätselt, ob es ein Mord oder, immerhin wurde der Revolver neben dem Toten gefunden, ein Suizid war, wissen wir, dass René Walcha ermordet wurde. Er war mit seinen drei Freunden unterwegs, die ebenfalls hochrangige Polizisten sind. Vor zwanzig Jahren studierten sie gemeinsam an der Polizeiakademie. Jetzt arbeiten sie über ganz Deutschland verstreut und treffen sich immer noch zweimal im Jahr. Dieses Mal war ihr halbjährliches Treffen eine mehrtägige Radtour.

Aufgrund ihrer Position sollen die Ermittlungen schnell abgeschlossen werden und sie müssen fehlerfrei durchgeführt werden. Immerhin will das LKA sich nicht vor den Kollegen blamieren. Da hilft es nicht, dass Nettelbeck schnell einige Geheimnisse und Widersprüche aufdeckt, die ihn weiter im Leben der Kollegen herumschnüffeln lassen.

Nachdem der dritte Nettelbeck-Krimi „Frettchenland“ von Rainer Wittkamp ein waschechter Polit-Thriller mit mehr als einem Touch Ross Thomas war, ist der vierte Nettelbeck-Krimi „Stumme Hechte“ ein eher konventioneller Ermittlerkrimi, der durch das Opfer und seine Verstrickungen (es geht auch um Wirtschaftskriminalität, Korruptionsvorwürfe und Seitensprünge) an Spannung gewinnt. Allerdings sind Nettelbecks Ermittlungen, weil unklar ist, ob es sich um einen Mord oder einen Suizid handelt, lange ein Stochern im Nebel. Dazu kommt, fast schon nach Lehrbuch, etwas Privatleben und ein zweiter Fall, in dem Nettelbecks Tochter Efua Marie von der gerade aus der Haft entlassenen Nadine Lemmnitz entführt wird. Sie will sich an ihm rächen.

Weil Wittkamp die Geschichte wieder einmal auf etwas über zweihundert Seiten erzählt, kommt keine Langeweile auf und für die Berliner gibt es genug Lokalkolorit, um die Handlungsorte zu erkennen, ohne dass der Roman zu einem Reiseführer mit Krimibeilage wird.

Rainer Wittkamp: Stumme Hechte

grafit, 2016

224 Seiten

11 Euro

Hinweise

Homepage von Rainer Wittkamp

Meine Besprechung von Rainer Wittkamps „Schneckenkönig“ (2013)

Meine Besprechung von Rainer Wittkamps „Frettchenland“ (2015)