Wer „Krimi“ mit „der Kommissar ermittelt den Mörder“ übersetzt, muss nicht weiterlesen. Denn in „Veronica Mars: Mörder bleiben nicht zum Frühstück“ ermittelt eine Privatdetektivin und einen Mordfall gibt es auch nicht. Es gibt nur eine vergewaltigte und fast tot geprügelte Frau, die behauptet, sich mehrere Monate nach der Tat an den Täter zu erinnern. Es ist Miguel Ramirez, der inzwischen von der Immigrationsbehörde nach Mexiko abgeschoben wurde und dort untergetaucht ist. Im Auftrag der Versicherungsgesellschaft des Nobelhotels Neptune Grand soll Veronica herausfinden, ob die Behauptung des Opfers, der neunzehnjährigen Grace Elizabeth Manning, stimmt. Veronica kennt ihre Schwester Meg Manning von früher (und wir aus der ersten und zweiten Staffel von „Veronica Mars“).
Natürlich nimmt Veronica Mars den Auftrag an und ebenso natürlich will sie den Täter finden, der nicht Miguel, sondern wahrscheinlich ein Hotelgast ist. Dummerweise gelang es dem Täter, Meg aus dem Hotel zu schmuggeln, ohne von einer der Überwachungskameras aufgenommen zu werden.
Veronica Mars begegneten wir erstmals in der von Rob Thomas erfundenen TV-Serie „Veronica Mars“ (USA 2004 – 2007), die immer noch eine sehr treue Fanbasis hat, die seit dem Ende der Serie nach weiteren Abenteuern von Veronica Mars verlangte. Deshalb entstand 2014 ein Spielfilm, in dem Kristen Bell wieder Veronica Mars spielte und viele Schauspieler wieder in ihren Serienrollen auftraten. Der Film wurde auch per Crowdfunding finanziert und die äußerst erfolgreiche Kampagne zeigte in harten Zahlen, wie sehr die Serienfans auch Jahre nach dem Ende der Serie mehr von Veronica Mars wollen.
Die von Serienerfinder Rob Thomas und Jennifer Graham geschriebenen Veronica-Mars-Romane spielen nach dem Spielfilm und erzählen die weiteren Abenteuer der in dem südkalifornischen Küstenort Neptune groß gewordenen Privatdetektivin, die nach ihrem Studium zurückkehrte und Partnerin in der Detektei ihres Vaters Keith Mars wurde.
Neptune ist als eine durch und durch korrupte Kleinstadt natürlich eine aktuelle Version von Dashiell Hammetts „Rote Ernte“-Ort Personville/Poisonville (bzw. Pissville in der deutschen Übersetzung) und Veronica Mars war in der TV-Serie die Teenie-Version des Hardboiled-Detektiv. Inzwischen ist sie kein auf die Schule gehender Teenager mehr. Aber Neptune ist immer noch ein Ort des Verbrechens und viele ihrer alten Schulfreunde, die mehr oder weniger große Auftritte in der TV-Serie hatten, leben noch in Neptune.
Diese umfangreiche Serienhistorie führt dann auch dazu, dass „Mörder bleiben nicht zum Frühstück“, der zweite Veronica-Mars-Roman, für meinen Geschmack etwas zu sehr mit Hinweisen auf die TV-Serie gefüttert ist. Natürlich begegnet Veronica ständig alten Bekannten, die auch immer wieder in Verbrechen verwickelt sind. Natürlich erinnert sie sich an ihre mehr oder weniger gemeinsame Vergangenheit und ihre damit zusammenhängenden alten Fälle. Das geschieht eher beiläufig in Nebensätzen und weckt bei allen, die die Serie gesehen haben, wohlige Erinnerungen. Aber Rob Thomas und Jennifer Graham schleppen hier mehr Ballast mit, als wir es von anderen Privatdetektiv-Krimis kennen. Ich rede jetzt nicht von dem Continental Op oder Philip Marlowe, die anscheinend keine Familie, Verwandschaft und Freunde hatten. Auch Spenser oder Matt Scudder haben als Einzelgänger ein überschaubares soziales Umfeld. Veronica hat Familie, Freunde, Freundinnen, Bekannte und, als altbekannten Gegner, Sheriff Lamb. Wobei dieser, weil gerade Wahlkampf ist, plötzlich eine aussichtsreiche Gegenkandidatin hat, die Keith Mars aus seiner Jugend kennt.
Das gesagt, ist „Mörder bleiben nicht zum Frühstück“ ein kurzweiliger PI-Krimi, der auch Krimifans gefallen dürfte, die die Serie nicht kennen.
Den Serienfans dürfte er auch gerade wegen der Referenzen zur Serie gefallen.
– Rob Thomas/Jennifer Graham: Veronica Mars: Mörder bleiben nicht zum Frühstück (übersetzt von Sandra Knuffinke und Jessika Komina) script5, 2015 368 Seiten
14,95 Euro
– Originalausgabe
Mr. Kiss and Tell
Vintage Books, 2015
– Hinweise
Das Spiel mit alternativen Geschichtsverläufen ist für Science-Fiction-Fans und Historiker ein alter Hut, der als „Was wäre wenn?“-Frage immer wieder Spaß macht. Was wäre, wenn Adolf Hitler ein erfolgloser Künstler mit seltsamen Ideen geblieben wäre? Was wäre, wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte?
Was wäre, wenn das Attentat auf den US-Präsidenten in Dallas nicht 1963, sondern zehn Jahre später geschehen wäre. John F. Kennedy wäre dann in jedem Fall nicht mehr Präsident der USA gewesen. Aber wer wäre Präsident? Wie hätte sich die Geschichte seit dem 22. November 1963 entwickelt?
Das fragten sich die Szenaristen Fred Duval und Jean-Pierre Pécau in ihrem von Colin Wilson gezeichneten Comic „Tag X: Wer ermordete den Präsidenten?“. Allerdings verlegen sie eigentlich nur das Attentat auf den Präsidenten um zehn Jahre. Statt Kennedy wird Richard Nixon erschossen und es gibt einen ordentlichen Kuddelmuddel zwischen verschiedenen Geheimdiensten und interessierten Gruppierungen. Einige Kleinigkeiten, vor allem natürlich das US-Engagement in Vietnam, gestalteten sich anders, aber sie bleiben der weitgehend austauschbare Hintergrund, vor dem sich die Geschichte des Mordkomplotts abspielt, das wie eine Wiederauflage der sattsam bekannten Verschwörungstheorien zum Kennedy-Mord wirkt. Zwischen anderen Alternativweltgeschichten (im Comicbereich ist „Watchmen“ natürlich der heilige Gral) kommt diese Geschichte dann doch arg bieder daher.
„Wer ermordete den Präsidenten?“ ist der Auftakt von weiteren Comics, die mit der Idee alternativer Geschichtsverläufe spielen. Der zweite Band, „Die Kennedy-Gang“ ist für Oktober angekündigt. In Frankreich sind bereits 18 Bände erscheinen, was bedeutet, dass die Macher irgendetwas richtig machen und was mich hoffen lässt, dass die nächsten Bände intellektuell gewagter sind.
– Fred Duval/Jean-Pierre Pécau (Szenario)/Fred Blanchard (Mithilfe)/Colin Wilson (Zeichnungen): Tag X: Wer ermordete den Präsidenten? (übersetzt von Horst Berner) Panini, 2015 56 Seiten
13,99 Euro
– Originalausgabe
Jour J – Qui a tué le président?
Guy Delcourt Productions, 2011
Dass ich nicht der große Stieg-Larsson-Fan bin, dürfte bekannt sein (siehe hier, hier und hier).
Dass ich keine Probleme habe, wenn andere Autoren neue Romane mit bekannten Figuren schreiben, stört mich auch nicht.
Und David Lagercrantz wurde von den Erben des am 9. November 2004 verstorbenen Stieg Larsson, seinem Vater und seinem Bruder, beauftragt, einen weiteren Roman mit den bekannten Charakteren und der von Larsson etablierten Welt zu schreiben. Immerhin haben die drei „Millennium“-Romane von Larsson, die erst nach seinem Tod erschienen, sich weltweit millionenfach verkauft. Sie wurden erfolgreich verfilmt. Der erste Band sogar zweimal. Es gibt Comics, die von der renommierten Krimi-Autorin Denise Mina geschrieben wurden. Larssons Freundin Eva Gabrielson, die nicht mit ihm verheiratet war, inzwischen eine Biographie über ihre Jahre mit Stieg Larsson schrieb und weil es kein Testament gab, ncht zu seinen Erben gehört, behauptete, das Manuskript eines vierten Romans von Stieg Larsson auf einem Computer zu haben und sie es auch fertig schreiben und veröffentlichen wolle. Bis jetzt ist das nicht geschehen.
Und es gab, selbstverständlich, einige Stieg-Larsson-Parodien.
Angesichts der immer noch vorhandenen Nachfrage nach den Romane von Stieg Larsson war es nur eine Frage der Zeit, bis, wie auch bei anderen verstorbenen Autoren (ad hoc Sir Arthur Conan Doyle, Agatha Christie, Ian Fleming), die Erben einen anderen Autor beauftragen, einen weiteren Roman zu schreiben. Sie beauftragten David Lagercrantz mit der Aufgabe. Und sie wollen, dass die Einnahmen aus diesem Roman in eine Stiftung für linke Projkete fließen.
Lagercrantz erledigt seine Aufgabe auch ganz zufriedenstellend. Immerhin war auch Stieg Larsson kein großartiger Stilist. Dafür füllte er viele Seiten mit teils unerheblichen Details und vollkommen überflüssigen Subplots. Das war schon in seinem ersten Roman „Verblendung“ so. In „Vergebung“ erzählte er dann auf gut achthundertfünfzig Seiten eine Geschichte, die ein erzählökonomischerer Autor als zweiseitigen Epilog von „Verdammnis“ erledigt hätte. Bei den Verfilmungen wurde dann beherzt und problemlos viel erzählerisches Fett weggeschnitten.
Das wird bei „Verschwörung“ etwas schwieriger sein. Der nur sechshundertseitige Roman spielt, auch wenn kein markantes politisches, kulturelles oder gesellschaftliches Ereignis und kein Jahr genannt wird (es wird zwar auf Seite 317, als einziges konkretes Datum, „Mittwoch, der 22. November“ genannt, aber diese Kombination gibt es in diesem Jahrzehnt nur 2017), ungefähr ein Jahrzehnt nach Larssons Romanen. Also ungefähr jetzt. In der Gegenwart des Jahres 2015. In der Nach-Snowden-Zeit, obwohl er sich liest, als sei er in der Prä-Snowden-Zeit geschrieben worden.
Enthüllungsjournalist Mikael Blomkvist erfährt, dass Frans Balder, der führende Forscher auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz, zurück in Stockholm ist und er verfolgt wird. Blomkvist hat zwar keine Ahnung von Künstlicher Intelligenz, aber anscheinend interessiert sich auch die beziehungsgestörte Hackerin Lisbeth Salander, die er seit Ewigkeiten nicht gesehen hat, für Balder.
Als Blomkvist Balder besucht, der von zwei Polizisten wegen einer geheimnisvollen, aber sehr ernst zu nehmenden Todesdrohung (die die NSA aufgeschnappt hat) bewacht wird, wird gerade, mitten in der Nacht, ein Anschlag auf den Wissenschaftler verübt. Balder stirbt. Sein autistischer Sohn mit zwei Inselbegabungen (Zahlen, vor allem Primzahlen, und fotorealistische Zeichnungen) überlebt. Der achtjährige August könnte sie zum Mörder führen.
Zur gleichen Zeit hat Lisbeth Salander sich schon in den Computer der NSA eingehackt und wichtige Dokumente gestohlen, weshalb die NSA den unbekannten Hacker jagt.
Durch einige Umstände, die uns hier nicht genauer interessieren müssen, rettet Salander das Leben von August und versteckt sich mit ihm in einer einsamen Hütte.
Und viel mehr von der Handlung zu verraten, würde das gesamte Buch spoilern, weil die Geschichte von „Verschwörung“ sich über viele hundert Seiten in ominösen Andeutungen ergeht. Geheimdienste, ein Konzern, der mit Geheimdiensten und Gangstern zusammenarbeitet, Forschungen im Bereich Künstlicher Intelligenz, die weltweite Überwachung, die Polizei und Salanders Familie haben alle irgendwie damit zu tun. Sowieso tauchen viele alte Bekannte aus den vorherigen Büchern auf, weshalb sich „Verschwörung“ auch wie ein „Schön, dass wir uns wiedersehen“-Familientreffen liest. Es gibt viele Andeutungen auf den nächsten Roman, der, wie „Verschwörung“, in einem Paralleluniversum spielt, das wir so ähnlich auch großen Comic-Epen kennen, in denen alle wichtigen Figuren miteinander verwandt und verschwägert sind und sie einen epischen Familienzwist austragen.
Das unterscheidet Lagercrantz dann eindeutig von Larsson. In seinen Romanen war die Realität der Hintergrund, vor dem er seine immer wieder überraschend umständlich und dadurch oft sehr spannungsarme Geschichte entfaltete. Er benutzte die Romane, um über seine Themen zu schreiben und weil es ihm wichtig war, schrieb er Seiten darüber. Er lenkte damit die Aufmerksamkeit des Lesers auf Themen, die in der Gesellschaft damals nicht oder nur wenig beachtet wurden. Und Salanders selbstverständlicher Einsatz von Computern, dem Internet und modernen Überwachungstechniken war vor zehn Jahren in einem Kriminalroman noch neu. Damit hatten seine Romane und wie er Stimmungen und Entwicklungen aufgriff, schon etwas prophetisches.
Bei Lagercrantz ist es genau umgekehrt. Er schafft es, einen Roman über die NSA zu schreiben, ohne auch nur einmal Edward Snowden zu erwähnen. Bei ihm wird die gesamte Diskussion über globale Überwachung, die uns seit dem Sommer 2013 begleitet, vollkommen ignoriert. Sogar als Lisbeth sich in den NSA-Computer einhackt, was bei dem zuständigen Beamten zu einer durchaus gerechtfertigten Panikattacke führt, wird Snoden und das durch ihn veränderte Selbst- und Fremdbild des Geheimdienstes nicht erwähnt. Es ist, als habe es nie einen Whistleblower gegeben und die NSA und der schwedische Geheimdienst besteht in „Verschwörung“ eigentlich nur aus netten Menschen, die sich aus altruistischen Motiven um unser Wohlergehen und unsere Privatsphäre sorgen.
Für einen Polit-Thriller, und „Verschwörung“ will irgendwo in diesem Genre mitschwimmen, ist dieses vollständige Ignorieren der Realität der Todesstoß, der die gesamte Geschichte zu einem unglaubwürdigem Gedankenkonstrukt degradiert.
Das gesagt, dürfte „Verschwörung“, auch wenn Womanizer Mikael Blomkvist weniger Kaffee trinkt (dafür ist sein Bierkonsum gestiegen) und sein Sexualleben nicht mehr existent ist (was allerdings auch daran liegt, dass er in den fünf Tagen, in denen die Romangeschichte spielt, kaum zum Schlafen kommt, er den Tod eines jungen Kollegen seelisch verarbeiten muss, seine heißgeliebte Zeitschrift „Millennium“ wieder einmal kurz vor dem Konkurs steht und er von Kollegen als twitterfreies Relikt aus dem letzten Jahrhundert angegriffen wird), den Stieg-Larsson-Fans im Modus „neuer Autor, alte Teile“ gefallen.
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David Lagercrantz: Verschwörung (übersetzt von Ursel Allenstein) Heyne, 2015 608 Seiten
22,99 Euro
– Originaltitel
Det some ine dödar oss
Norstedts, Stockholm, 2015
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Sogar mir als Mitglied der Fußball-ist-mir-egal-Fraktion (außer natürlich wenn es um Bürgerrechte, Polizeirepression, Gewalt und Korruption geht) fällt auf, dass Fußball einerseits ein Milliardengeschäft ist, andererseits aber kaum Romane über Fußball geschrieben werden. Dabei ist das Spiel und sein Umfeld doch ein ideales Biotop für spannende Geschichten.
Jetzt hat Philip Kerr mit „Der Wintertransfer“ eine im Fußballmilieu spielende Detektivgeschichte geschrieben. Scott Manson ist Co-Trainer beim Premier-League-Verein London City, der inzwischen dem ukrainischen Milliardär Viktor Jewegenowitsch Sokolnikow gehört. Nach Medienberichten ist er ein Oligarch mit mehr als guten Kontakten zum Organisierten Verbrechen, weshalb das mitten auf dem Spielfeld des Vereins ausgehobene Grab auch als ein Signal an Sokolnikow, von Russenmafiosi an Russenmafiosi, verstanden wird. Auch wenn es als Warnung arg theatralisch daherkommt und in dem Grab ein Bild von Joao Zarco, dem Trainer des Vereins liegt. Zarco ist in der Öffentlichkeit vor allem als kein Blatt vor den Mund nehmende Choleriker bekannt. Aber er ist auch ein guter Trainer und ein Freund von Manson.
Kurz darauf ist er tot. Er wurde in einem abgelegenen Raum des Stadions zu Tode geprügelt. Täter und Motiv sind vollkommen unklar.
Sokolnikow bittet Manson, den Mörder zu suchen. Denn in so einem Fußballverein gibt es viele Geschichten, von denen die Polizei und die Öffentlichkeit (via einem Informanten bei der Polizei) nichts erfahren muss.
Außerdem ist gerade der titelgebende Wintertransfer, eine Zeit von wenigen Wochen, in denen Vereine wie blöde Spieler kaufen und verkaufen. Da würde negative Presse sich negativ auf die Verkaufspreise auswirken.
Die meisten werden Philip Kerr über seine Bernie-Gunther-Romane, die sogenannte „Berlin Trilogie“ (oder „Berlin Noir“), die zwischen 1989 und 1991 erschien, kennen gelernt haben. Nach einer fünfzehnjährigen Pause schreibt Kerr inzwischen wieder regelmäßig neue Gunther-Romane die während und nach der Hitler-Diktatur spielen und die, als Hardcover bei Wunderlich (zuletzt „Wolfshunger“) und als Taschenbuch bei rororo (dort erscheint die Taschenbuch-Ausgabe von „Wolfshunger“ Ende November) erscheinen. Ich lernte Kerr über seine ab 1992 erschienenen Einzelromane, wie „Das Wittgenstein-Programm“, „Game Over“ und „Esau“, kennen. Es sind gut recherchierte Thriller, in denen Kerr Fakten und Fiktion gekonnt miteinander verbindet und von Buch zu Buch, manchmal auch in Richtung Science-Fiction gehend, zwischen den verschiedenen Thriller-Subgenres wechselt.
Das gilt auch für „Der Wintertransfer“, der von seiner Struktur her ein klassischer, gut konstruierter Rätselkrimi ist, bei dem die Spuren und falschen Spuren gut gelegt sind.
Dazu kommen viele Informationen über Fußball, die oft monologisierend präsentiert werden. Manchmal weil ein Trainer oder eine andere wichtige Person gerade eine Ansprache hält oder jemand anderes, beispielweise einer nicht-fußballbegeisterten Polizistin, etwas erklären will. Das hat oft die Qualität eines Zeitungskommentars, der sich vor allem an den Leser, mal als Fußballfan, mal als Nicht-Fußballfan, richtet und so in der Realität oft nicht gesprochen würde.
Über diese Fußballfakten und Spielbeschreibungen (so gibt es kurz vor der Auflösung ein in jeder Phase detailliert beschriebenes Spiel gegen West Ham, das Manson, abgesehen von einem Blick auf die Gästeliste, nicht einen Schritt näher an die Lösung, aber seine Mannschaft vielleicht näher an den Ligapokal bringt) gerät dann der Rätselplot immer wieder in den Hintergrund. Aber so habe ich genug über Fußball erfahren, um bei den nächsten Gesprächen mit Hintergrundwissen zu punkten.
Und Kerr, selbst ein bekennder Fan, hat Gefallen an Manson und dem Fußballmilieu gefunden. In England sind bereits zwei weitere Manson-Romane erschienen.
– Philip Kerr: Der Wintertransfer (übersetzt von Axel Merz) Tropen, 2015 432 Seiten
14,95 Euro
– Originalausgabe
January Window
Head of Zeus, London, 2014
– Hinweise Homepage von Philip Kerr Krimi-Couch über Philip Kerr (nicht so aktuell)
Wikipedia über Philip Kerr (deutsch, englisch)
Vor einigen Wochen sagte ich zu einem Freund: „Warum soll ich ein Buch von Léo Malet lesen? Der ist schon seit fast zwanzig Jahren tot und Neuausgaben gibt es keine.“
Nun, tot ist Malet immer noch, aber mit „Das Leben ist zum Kotzen“ gibt es eine Neuausgabe von einem seiner alten Romane (mit einem informativem Nachwort von Tobias Gohlis) und damit auch einen guten Grund, einen Malet zu lesen. Malet – für alle, die sich verzweifelt fragen, wer dieser Malet denn ist – ist vor allem bekannt für seine derzeit vor allem antiquarisch erhältliche Nestor-Burma-Privatdetektivserie, von denen jeder Roman in Paris in einem anderen Arrondissement in Paris spielt.
In „Das Leben ist zum Kotzen“, dem ersten Band seiner zwischen 1947 und 1949 entstandenen Schwarzen Trilogie (Band zwei ist „Die Sonne scheint nicht für uns“, Band drei ist „Angst im Bauch“), erzählt Malet die Geschichte von Jean Fraiger. Er ist der Kopf einer kleinen Verbrecherbande, die ihren ersten Überfall auf einen Lohngeldtransporter quasi im Auftrag streikender Bergarbeiter begeht. Dummerweise gerät der einfache Überfall etwas außer Kontrolle. Der Fahrer wird verletzt. Der Beifahrer wird erschossen. Er ist der Vater von Gloria, der Frau von Lautier, was kein Probleme wäre, wenn Fraiger, der ihren Vater erschoss, nicht unsterblich in sie verliebt wäre.
Und die streikenden Arbeiter wollen nach dem aus dem Ruder gelaufenem Überfall auch nicht das Geld. Sie wollen es vollständig verbrennen.
Kein Wunder, dass Fraiger meint: „Das Leben ist zum Kotzen.“
Aber er und seine Bande machen weiter. Dass das kein gutes Ende nimmt, können wir uns denken. Immerhin ist der Roman schon vor über 65 Jahren geschrieben worden und damals war es eine eherne (heute immer noch gültige) Regel, dass die Verbrecher für ihren Taten büßen müssen. Und dass Gloria keinen guten Einfluss auf den Ich-Erzähler Fraiger hat, können wir uns ebenfalls denken und dennoch wollen wir wissen, wie Fraiger sich immer weiter in Schuld verstrickt. Das erzählt Malet auf knapp 140 Seiten, die sich wie die Vorlage für einen französischen Kriminalfilm aus den fünfziger Jahren lesen. Mit Simone Signoret oder Jeanne Moreau als verführerische Gloria. Jean Gabin ist natürlich auch dabei. Und vielleicht Jean-Paul Belmondo als Fraiger. Und so legt sich über die Geschichte, die etwas unglücklich zwischen Sozialdrama, verquerer Liebesgeschichte (aus heutiger Sicht) und knallhartem Gangsterdrama schwankt, die Patina der Vergangenheit.
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Jérémie Guez‘ Debüt „Paris, die Nacht“ erinnert überhaupt nicht an die klassischen französischen Kriminalfilme. Immerhin spielt der ebenfalls angenehm kurze Roman, der ebenfalls „Das Leben ist zum Kotzen“ heißen könnte, im heutigen Paris. Bei einem ihrer abendlichen Streifzüge entdecken die beiden jungen kleinkriminellen Gelegenheitsdealer Abraham und Goran einen illegalen Spielsalon, in dem Verbrecher zocken. Sie halten es für eine geniale Idee, die Verbrecher auszurauben. Denn die können nicht zur Polizei gehen.
Dass das dann doch keine so grandiose Idee war, erfahen sie kurz darauf. Denn die Gangster wollen ihr Geld zurückhaben. Und im Gegensatz zur Polizei müssen sie sich nicht an das Gesetz halten.
Guez war, als sein Debüt in Frankreich 2010 erschien, 22 Jahre und so überzeugt „Paris, die Nacht“ vor allem als Talentprobe, die er besser nicht im Präsens geschrieben hätte. Allzu oft stockt der Lesefluss, weil ich immer wieder nach zwei, drei, vier Sätzen bemerkte, dass ich in Gedanken mal wieder in der vertrauten, aber hier falschen Zeitform war. Dass sein Debüt den bekannten Genrepfaden folgt, kann ihm nicht wirklich vorgeworfen werden. Immerhin schrieb er nicht, wie andere Debütanten, eine langweilige Selbstbespiegelung und die Geschichte seiner ersten großen Liebe. Frauen haben in „Paris, die Nacht“ noch nicht einmal eine Nebenrolle. Und er verzichtet auf die aus anderen Gangstergeschichten bekannten Klischees über die Banlieue, das Migrantenviertel Belleville und die chancenlosen Migrantenkinder. Hier ist jeder für sein Schicksal verantwortlich. Deshalb buddeln sich der Ich-Erzähler Abraham, sein bester Freund Goran und ihre Freunde, die alle wirklich nicht die Hellsten sind, ohne fremde Hilfe ihr Grab.
– Léo Malet: Das Leben ist zum Kotzen (übersetzt von Sarah Baumfelder und Thomas Mittelstädt) (mit einem Nachwort von Tobias Gohlis) Nautilus, 2015 160 Seiten
14,90 Euro
– Deutsche Erstausgabe
Nautilus, 1987
– Originalausgabe
La vie est dégueulasse
S. E. P.E./Editions du Scorpion, 1948
– Jérémie Guez: Paris, die Nacht (übersetzt von Cornelia Wend) (mit einem Nachwort von Thekla Dannenberg) Polar, 2015 152 Seiten
12,90 Euro
– Originalausgabe
Paris la nuit
La Tengo, 2011
– Hinweise
Wikipedia über Léo Malet (deutsch, französisch) und Jérémie Guez Krimi-Couch über Léo Malet Meine Besprechung von Jalil Lesperts „Yves Saint Laurent“ (Yves Saint Laurent, Frankreich 2013) (Guez ist einer der Drehbuchautoren)
„Ein Noir-Krimi“ steht auf dem Cover von Sebastian Thiels „Sei ganz still“ und natürlich löst das bei mir einen sofortigen, äußerst wohlwollenden Lesereflex aus. Nach der Lektüre empfand ich den Krimi gar nicht als so Noir, sondern eher als ziemlich normalen Hardboiled-Privatdetektiv-Krimi vor einem ungewohnten Hintergrund. Denn die Geschichte spielt 1938 in Deutschland.
Friedrich Wolf sticht seit einigen Wochen in einem Strafgefangenenlager Torf. Er war früher Polizist. Einer von der altmodisch-harten Sorte: ein Trinker, ein Stammgast in den Freudenhäusern, ein Schläger, aber auch einer, der die Bösewichter schnappte. Und, immerhin ist er unser Held, integer. Mit den Nazis, der SS, den Mitläufern und den Hofschranzen hat er nichts zu tun. Deshalb sitzt er auch im Lager, bis Ernst Kampa, ein hochrangiger SS-Arzt, ihn herausholt, neu einkleidet, ihm ein Bündel Geld gibt und beauftragt, seine verschwundene Verlobte Charlotte Rickert, die er demnächst heiraten will, zu finden. Sie ist Wolfs altem Revier, in Düsseldorf, untergetaucht.
Wolf frischt als Privatdetektiv ohne Lizenz zuerst einmal seine alten Kontakte aus dem Milieu auf und schnell hat er eine Spur.
Geübten Krimilesern verrate ich sicher kein Geheimnis, wenn ich sage, dass Kampa mit gezinkten Karten spielt. Immerhin gehört das seit den Tagen von Dashiell Hammett und Raymond Chandler zum festen Inventar einer Privatdetektiv-Geschichte und eine solche Geschichte erzählt Sebastian Thiel in seinem spannenden Krimi, der dank des Handlungsortes und der Handlungszeit mit einigen überraschenden Wendungen aufwarten kann. Inwiefern er in den Details historisch korrekt ist (Gab es 1938 noch eine so offen agierende Halb- und Unterwelt? Konnte ein Bordell so bekannt sein?), weiß ich nicht. Aber die Aussortierung von lebensunwertem Leben und die medizinischen Versuche an Kindern gab es (und in einem Nachwort hätte Thiel als sinnvolle Zusatzinformation noch etwas genauer auf die historischen Hintergründe eingehen können). Das Klima der Verunsicherung ist, auch wenn es ein eher austauschbarer Hintergrund ist, den wir von in totalitären Gesellschaften spielenden Krimis kennen, gut getroffen und natürlich muss man bei einem deutschen Krimi dankbar sein, wenn der Protagonist ein moralisch ambivalenter Ermittler ohne Familienanhang ist und die Halb- und Unterwelt als das natürliche Umfeld des Ermittlers gezeigt wird.
Das klingt jetzt vielleicht etwas negativ. Dabei hat mir „Sei ganz still“ gut gefallen. Es ist ein flott geschriebener PI-Krimi, der auch wegen des actionhaltigen Endes gut verfilmt werden könnte.
– Sebastian Thiel: Sei ganz still Gmeiner, 2015 288 Seiten
10,99 Euro
– Hinweise Homepage von Sebastian Thiel Histo-Couch: Interview mit Sebastian Thiel über „Sei ganz still“
Nach den beiden Wälzern „Tage der Toten“ und „Das Kartell“ über den Drogenkrieg der USA in Südamerika, muss ich einige kurze Bücher lesen (Ah, das ist eine der Schönheiten des Bloggens! Jeder Redakteur hätte diesen Satz sofort gestrichen, weil er nichts mit der nun folgenden Rezension zu tun hat und weil der Kritiker objektiv kritisieren soll und da ist es egal, was er vorher und nachher gelesen hat.).
Jedenfalls gibt es in den nächsten Tagen einige Besprechungen von Krimis, die alle weniger als vierhundert, dreihundert oder zweihundert Seiten haben. Beginnen wir mit „Mord im Farnhaus“ von Jutta Vahrson, einem fast schon klassischen Landhauskrimi. Auch wenn dieses Landhaus nicht in England, sondern in Neuseeland steht und es auch kein Landhaus, sondern eine ziemliche Bruchbude im Wald am Arsch der Welt ist, die von der Ich-Erzählerin Renate Ute Anke Schlingensiel, kurz Reni, zu einer Unterkunft für Rucksacktouristen aufgehübscht wird. Eigentlich überlässt sie den Rucksacktouristen das Renovieren und verlangt dafür noch Geld (Ein Plan, der mir gefällt.).
Reni ist auch keine Miss Marple, sondern eine deutlich jüngere, mäßig erfolgreiche Krimiautorin mit Agatha-Christie-Spleen, die ihr Cottage in England verlässt. Die angedrohte Mieterhöhung hätte sie nicht bezahlen können und die Nachricht, dass ihre Tante ihr ein Haus vermachte, ließen sie die Koffer packen. Das Haus, das „Sand Castle“, ist dann, wie gesagt, doch nicht so prächtig und die Frauenleiche, die, als Begrüßungsgeschenk, vor ihrem neuen Heim liegt, trägt auch nicht dazu bei, ihre Stimmung zu heben. Auch wenn der örtliche Doktor, im Hauptberuf Tierarzt, etwas von einem natürlichen Tod faselt.
Jedenfalls hat sie mit ihren Hostelgästen, darunter ein hilfsbereiter Mann im zeugungsfähigen Alter (sehr, sehr verdächtig!), der Schwester der Toten und dem halben Dorf schnell genug Personal für einen veritablen Rätselplot versammelt. Auch wenn unklar ist, ob Dora-May, die Pächterin von Renis Haus, ermordet wurde.
Als Reni erfährt, dass ihre Tante irgendwo auf dem großen Grundstück einen Schatz versteckt hat, träumt sie von einem Ausweg aus ihrer finanziellen Misere und sie hat auch eine sehr genaue Idee weshalb Dora-May und vielleicht sogar ihre Tante ermordet wurde.
Ihr ahnt es: „Mord im Farnhaus“ ist ein richtig altmodischer, vergnüglich kurzweiliger Rätselkrimi mit einer leicht verpeilten Amateurermittlerin und viel Agatha Christie, die am 15. September ihren 125. Geburtstag hat. Und weil bei einem Rätselkrimi jedes Wort schon die Lösung, also den Mörder (Nein, es ist nicht der Butler. Das Farnhaus hat keinen Butler.), verraten kann, sage ich nur: hat gefallen!
– Jutta Vahrson: Mord im Farnhaus 2015 235 Seiten (ungefähr) 2,99 Euro
(ist ein Ebook und hier ist der Amazon-Link)
– Hinweis Homepage von Jutta Vahrson
Nach der vorbereitenden Lektüre mit zwei kurzweiligen Neal-Carey-Romanen („London Undercover“ und „China Girl“) und seiner siebenhundertseitigen, 2005 erschienenen Chronik des US-Drogenkrieges „Tage der Toten“ bin ich mit „Das Kartell“, dem neuesten Roman von Don Winslow, der fast zeitgleich in den USA und Deutschland erschien, am Ziel von meinem kleinen Don-Winslow-Lesemarathon.
Zehn Jahre nach „Tage der Toten“ erzählt Winslow in „Das Kartell“ die Geschichte von DEA-Fahnder Art Keller und seiner Nemesis, dem mexikanischen Drogenboss Adán Barrera, weiter und widmet sich den Jahren zwischen 2004 und 2012 (mit einem 2014 spielendem Epilog), in denen der Drogenkrieg zunehmend brutaler geführt wurde und die von den Drogenkartellen verursachte Gewalt in Mexiko ungeahnte Ausmaße erreichte.
Am Anfang von „Das Kartell“ gelingt es Barrera, der am Ende von „Tage der Toten“ verhaftet wurde und vor einem US-Gericht angeklagt werden soll, von dem US-Gefängnis in ein mexikanisches Gefängnis überstellt zu werden, aus dem er schnell flüchtet. Art Keller, der sich in ein Kloster zurückgezogen hat, nimmt wieder seine Arbeit als Drogenfahnder auf. Er kennt Barrera am besten und er will ihn zur Strecke bringen.
Die ersten Seiten des über achthundertseitigem Roman lesen sich aufgrund der Ausgangslage eher wie ein klassischer Thriller mit einem klar definiertem Helden und einem ebenso klar definiertem Bösewicht. Das ändert sich im Verlauf des Romans, der in erster Linie eine chronologische Chronik des Anti-Drogenkampfes der USA in Mexiko in den vergangenen zehn Jahren ist und die sich liest, als sei sie direkt von den Schlagzeilen abgeschrieben worden. Diese Struktur, die eine Mischung aus den Titelseiten der Zeitungen und des episodischen Serienfernsehens (das im Rahmen eines daily struggle nicht mehr auf ein festes Ende angelegt ist und daher auch immer wieder mäandert und die Lösung des Konflikts endlos vor sich hin schiebt) ist, führt auch dazu, dass Keller und Barrera immer wieder für Dutzende von Seiten aus der Geschichte verschwinden und dass es breit gezeichnete Subplots gibt, die den Hauptplot (nämlich den Kampf zwischen Keller und Barrea) keinen Millimeter voranbringen.
So gibt es von Seite 383 bis Seite 430 das Kapitel „Journalisten“, das die Arbeit und das Privatleben von einigen Journalisten in Ciudad Juárez, einem Ort mit inzwischen trauriger Berühmtheit, schildert und der Beginn eines eigenständigen Plots ist, der mit Art Keller und Adán Barrera eigentlich nichts zu tun hat. Natürlich geht es in diesem Kapitel auch um die Banden- und Drogenkriminalität, aber jetzt wird der Drogenkrieg plötzlich aus einer Außenperspektive (nämlich der von ehrlichen Menschen, die weder Drogenhändler noch Polizisten sind) geschildert. Das ist nicht uninteressant, aber man hätte das Kapitel auch einfach streichen können, ohne am restlichen Text irgendetwas ändern zu müssen. Solche Episoden, die manchmal zu größeren Subplots werden, gibt es in „Das Kartell“ mehrere und sie tragen auch dazu bei, dass sich mit zunehmender Lektüre ein Gefühl der Erschöpfung einstellt.
Das spiegelt natürlich auch die Vergeblichkeit des Antidrogenkrieges und die zunehmende Erschöpfung von Keller und Barrera wieder. Aber literarisch erinnert dieses Programm dann an die unsäglich „totquatschen, bis alle zustimmen“-Politik, die nicht durch Qualität (die durchaus vorhanden sein kann), sondern nur durch Quantität beeindrucken will.
Wie schon „Tage der Toten“, gehört „Das Kartell“ nicht zu Don Winslows besten Büchern. Vor allem der Humor und die pointierte Verknappung fehlen. Stattdessen werden die Ereignisse oft in einer nüchternen Nachrichtenprosa beschrieben, die über die Strecke von achthundertdreißig Seiten ermüdet. Denn die Gewalt der Drogenkartelle gegeneinander und gegen die Bevölkerung geriet in den vergangenen zehn Jahren in Mexiko vollkommen außer Kontrolle. Aber nach dem dritten Massaker tendiert der Erkenntnisgewinn der Beschreibung des vierten Massakers an einer anderen Verbrecherbande, an Polizisten oder Zivilisten gegen Null. Es ist einfach nur mehr vom Gleichen.
Und wegen der vielen Charaktere und Handlungsstränge (die auch manchmal schnöde fallen gelassen werden; so begibt sich auf Seite 668 ein Drogengangster mit Kellers Hilfe in US-Schutzhaft. Erst viele Seiten später, auf Seite 715, erfahren wir in wenigen Sätzen, was mit ihm geschah, nachdem er sich bei Keller meldete und in US-amerikanische Schutzhaft begeben hat) und der langen Zeit, die die Geschichte umfasst, bleibt „Das Kartell“ dann als ein an allen Ecken und Enden ausfaserndes Werk, das wirklich alles über den Drogenkrieg sagen will (und dabei doch einiges weglässt), doch an der Oberfläche. Dass Don Winslow es besser kann, zeigt er in seinen kürzeren Romanen, die auch nicht durch den Duktus der Faktentreue gebremst werden. In ihnen steigt er wesentlich tiefer in den von den USA in Südamerika geführten, in jeder Beziehung absurden und zunehmend irrationalen Drogenkrieg ein. Also besser „Bobby Z“, „Savages – Zeit des Zorns“ oder „Kings of Cool“, die auch stilistisch überzeugender sind, lesen.
Don Winslow: Das Kartell (übersetzt von Chris Hirte) Knaur, 2015 832 Seiten
16,99 Euro
– Originalausgabe
The Cartel
Alfred A. Knopf, 2015
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Es hilft nichts. Auch die Veränderungen im Drehbuch von Nikolaj Arcel und Rasmus Heisterberg machen aus Jussi Adler-Olsen spannungsloser Geschichte „Schändung“ keinen Thriller. Die Täter sind beide Male von Anfang an bekannt, was ja nicht unbedingt ein Nachteil ist. So basiert die grandiose Krimiserie „Columbo“ auf dieser Idee. Aber in „Columbo“ sind die Verbrecher intelligent, die Konfrontationen zwischen dem Ermittler und dem Mörder sind vergnügliche Schlagabtäusche, Katz-und-Maus-Spiele zwischen intelligenten Kontrahenten, und in jeder Szene erfahren wir etwas neues. In „Schändung“, und da unterscheiden sich der Roman seine Verfilmung nicht, ist es anders. Es gibt einfach keine nennenswerten Konfrontationen und, nachdem wir die Ausgangssituation kennen, auch keine neuen Erkenntnisse. Die gesamte Geschichte quält sich über 450 Seiten (im Roman) oder gut 120 Minuten (im Film) auf ihr Ende zu. Schon am Anfang erfahren wir, dass eine Gruppe stinkreicher Internatsschüler vor zwanzig Jahren zwei Jugendliche ermordeten. Bjarne Thøgersen gestand den Doppelmord und sitzt dafür im Gefängnis. Der Fall ist offiziell abgeschlossen. Jetzt beginnt Carl Mørck vom Sonderdezernat Q, der Abteilung für alte, nicht abgeschlossene Fälle, den Fall neu aufzurollen. Im Roman weil die Akte wie von Geisterhand auf seinem schon gut gefülltem Schreibtisch auftaucht und es, anstatt sich irgendeinen ungeklärten alten Mordfall vorzunehmen, natürlich grundvernünftig ist, einfach einen geklärten alten Mordfall noch einmal zu untersuchen. Vielleicht haben die Kollegen ja Mist gebaut und vielleicht ist der geständige Täter, der sein Geständnis nicht widerrufen möchte, doch nicht der Täter. Wer jetzt glaubt, dass Mørcks Verhalten idiotisch ist, wird an Adler-Olsens Roman keine Freude haben. Aber eigentlich sollte er nach dem ersten Sonderdezernat-Q-Roman „Erbarmen“ schon vorgewarnt sein. Im Film ist Mørcks Verhalten immerhin besser motiviert: Eines Nachts begegnet er im Regen (wegen der atmosphärischen Bilder) einem offensichtlich verwirrten Mann, der ihm die alte Akte gibt. Am nächsten Tag ist er tot. Suizid. Er war ein Ex-Polizist und der Vater der beiden toten Teenager. Getrieben von dem Gefühl, dem Mann nicht geholfen zu haben, sieht Mørck sich den Fall wieder an. Zur gleichen Zeit läuft die Obdachlose Kimmie durch Kopenhagen. Sie ist eine der damaligen Täter und jetzt will sie sich an den anderen Tätern rächen. Ohne jetzt allzutief in die Psychologie einzusteigen: weil Jussi Adler-Olsen es so will und es in der Theorie doch gut klingt: während die Polizei die Täter sucht, will einer der Täter die anderen umbringen und jetzt haben wir einen Wettlauf mit der Zeit. Denn wer erreicht zuerst sein Ziel? Die Ausführung steht dann auf einem anderen Blatt und das Ende bringt diese beiden Plots mit mehr Zufall als Verstand oder innerer Logik zusammen. Unglaubwürdige Charaktere, eine unplausible Geschichte, fehlende Konfrontationen, fehlende Konflikte – das ist das Rezept für einen veritablen Langweiler, der in diesem Fall immerhin Mørcks Privatleben links liegen lässt. Dieses Fazit gilt für den Roman und die Verfilmung.
Jetzt, nach der zweiten Sichtung, fällt mir auf, dass ich die gewohnt wertige skandinavische Optik nicht lobte. Und in zwei Punkten war ich etwas ungenau. Bjarne Thøgersen hat seine Strafe nämlich schon verbüßt und er wurde für sein Geständnis, was den beiden Ermittlern sofort auffällt, fürstlich entlohnt. Und Kimmie ist im Film nur noch eine gequälte Seele; – was einige Wendungen psychologisch umso unverständlicher macht. Im Roman verfolgt sie konsequenter ihren Racheplan; – was psychologisch auch nicht sonderlich nachvollziehbar ist. Immerhin ist die Verfilmung gelungener als der Roman.
Ob ich jemals ein Adler-Olsen-Fan werde? Immerhin gibt es mit „Erlösung“ einen dritten Versuch, der ab Mitte Juni 2016 in unseren Kinos laufen soll und der, bis auf den Regisseur (Hans Petter Moland übernahm), mit dem bewährtem Team gedreht wird. Vielleicht ist dieser Mørck-Film, in dem es um verschwundene Kinder geht, kein Murks, für den vor allem Romanautor Jussi Adler-Olsen verantwortlich ist.
Das Bonusmaterial ist ziemlich umfangreich und auch informativ geraten, was vor allem daran liegt, dass Regisseur Mikkel Nørgaard im 26-minütigem „Making of“ ausführlich zu Wort kommt. Mit den beiden Hauptdarstellern Nikolaj Lie Kaas und Fares Fares gibt es außerdem kürzere Interviews (8 und 6:30 Minuten), die im Rahmen der Werbung für den deutschen Kinostart gemacht wurden.
Schändung – Die Fasanentöter (Fasandræberne, Dänemark/Deutschland/Schweden 2014)
Regie: Mikkel Nørgaard
Drehbuch: Nikolaj Arcel, Rasmus Heisterberg
LV: Jussi Adler-Olsen: Fasandræberne, 2008 (Schändung)
mit Nikolaj Lie Kaas, Fares Fares, Pilou Asbaek, David Dencik, Danica Curcic, Johanne Louise Schmidt
– DVD
NFP marketing & distribution (Vertrieb: Warner Bros.)
Bild: 2,35:1 (16:9)
Ton: Deutsch, Dänisch
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Making of, Interviews mit Nikolaj Lie Kaas und Fares Fares, Trailer, Teaser, Hörfilmfassung
Länge: 115 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
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Über „From Hell“ muss ich wohl wenig sagen. Immerhin gehört der auch verfilmte Comic (Alan Moore war auch von dieser Verfilmung nicht begeistert) zu den unumstrittenen Graphic-Novel-Klassikern und bei sechshundert Seiten kann man wirklich von ‚Novel‘ sprechen. Autor Alan Moore und Zeichner Eddie Campbell erzählen ihre faktengespickte Version der Geschichte von Jack the Ripper (meine ausführliche Besprechung gibt es hier).
Nachdem die vorherige Hardcover-Ausgabe wie ein Backstein in den Händen lag, erschien jetzt bei Cross Cult eine günstigere und auch leichtere Papberback-Edition.
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Alan Moore (Autor)/Eddie Campbell (Zeichnungen): From Hell
Zombies sind schon nervig. Vor allem wegen ihrer Essgewohnheiten und ihres oft rudelhaften Auftretens. Aber fünf Jahre nachdem die ersten Untoten über die Erde stampften, ist Manhattan eine sichere Festung gegen sie geworden. Regiert wird die Stadt von Bürgermeister Chandrake, der ein Vampir ist. Das weiß allerding,s außer den anderen Vampiren seines Clans, niemand. Und das ist auch die größte Überraschung in der von George A. Romero erfundenen Comicserie „Empire of the Dead“, die natürlich bruchlos an seine Spielfilme und die in ihnen etablierte Zombie-Mythologie anknüpft.
Neben dem Chandrake-Clan ist die Ärztin Penny Jones eine der Hauptpersonen des Comics. Sie versucht herauszufinden, ob es ein friedliches Zusammenleben zwischen Menschen und Untoten geben kann. Als sie Xavier, einen zum Zombie mutierten Polizisten, trifft und dieser anscheinend immer noch über Empathie und Intelligenz verfügt, hat sie ein vielversprechendes Forschungsobjekt, das auch Einfluss über andere Zombies gewinnt.
Und dann, aber das wissen die New Yorker im zweiten Akt von „Empire of the Dead“ nicht, lauert vor den Toren der Stadt eine aus den Südstaaten kommende Rebelleneinheit darauf, die Stadt zu überfallen. Sie wartet nur noch auf das Einverständnis ihrer in der Stadt undercover lebenden Anführerin.
Nachdem der erste Akt von „Empire of the Dead“ in die Welt einführte, plätschert der zweite Akt reichlich spannungslos zwischen den verschiedenen Handlungsorten und angedeuteten Handlungssträngen hin und her. Im Mittelpunkt steht dabei, soweit davon gesprochen werden kann, ein mäßig interessanter Bürgermeisterwahlkampf, während im Hintergrund, als neue Bedrohung, eine Gruppe Südstaatler darauf wartet, endlich New York zu überfallen.
Insofern ist der zweite Akt nur die Vorbereitung für den dritten Akt, der auch die auf fünfzehn Hefte angelegte Miniserie beendet. In den USA erscheint das finale Heft von „Empire of the Dead“ am 26. August 2015. Der Sammelband „Act Three“ ist für Oktober angekündigt. Die deutsche Ausgabe dürfte kurz danach erschienen.
– George A. Romero/Dalibor Talajic: Empire of the Dead – Zweiter Akt (übersetzt von Joachim Körber) Panini, 2015 116 Seiten
14,99 Euro
– Originalausgabe
Empire of the Dead: Act Two # 1 – 5
Marvel, November 2014 – März 2015
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Hinweise
Der neue Comic von Autor Andy Diggle und Zeichner Jock, denen wir die grandiosen „Losers“ verdanken, ist eigentlich ein ziemlich alter. Denn im Original erschien „“Green Arrow: Year One“ bereits 2007 und er war die Inspiration für die seit 2012 laufende TV-Serie „Arrow“; was sich deutlich an einer Story-Linie der ersten Staffel und der fast schon inflationären Verwendung des Nachnamens Diggle zeigt. Oh, und China White ist dabei.
Doch die Serie, die im deutschen TV bei Vox läuft, soll uns hier nicht weiter interessieren. In der abgeschlossenen Comicserie „Green Arrow: Das erste Jahr“ erzählen Andy Diggle und Jock, wie aus Oliver Queen, einem vergnügungssüchtigem, egozentrischem, ziellos durch das Leben driftendem, den Adrenalinkick suchendem Milliardenerbe, der für die Gerechtigkeit kämpfende ‚Green Arrow‘ wird.
Auf einer Auktion ersteht Oliver den Langbogen von Howard Hill, einem Kunstschützen, der Errol Flynn in dem legendären Abenteuerfilm „Robin Hood, König der Vagabunden“ (The Adventures of Robin Hood, USA 1938) in den Szenen mit Pfeil und Bogen doubelte.
Weil er bei dieser Auktion betrunken aus der Rolle des gesitteten Playboys fiel, beschließt er, seinen Bodyguard und Vertrauten Hackett bei einer Bootstour zu den Fidschis zu begleiten. Dummerweise wollte Hackett die Bootstour benutzen, um mit 14 Millionen Dollar, die er von Oliver geklaut hat, zu verschwinden. Als Oliver das erfährt, kämpfen sie auf der Luxusyacht miteinander und Hackett wirft den schwer verletzten Playboy über Bord.
Aber Oliver stirbt nicht. Er wird an den Strand einer Insel gespült. Er richtet sich dort ein, erledigt mit einem Bogen Tiere und entdeckt eine riesige Mohnplantage. Auf der Plantage schuften die Einheimischen. Betrieben wird sie von Chien Na-Wei, auch bekannt als China White, einer ebenso schönen wie skrupellosen Drogenhändlerin. Sie wird von Hackett begleitet.
Der bislang selbstsüchtige Oliver will sich jetzt nicht nur an Hackett für den Verrat rächen, sondern auch den Einheimischen helfen. Er wird zu Green Arrow.
„Green Arrow: Das erste Jahr“ ist ein flotter Actionthriller, der – und da verrate ich wohl kein großes Geheimnis – auf der Insel in einem blutigen Kampf zwischen Oliver und der Drogenbande mündet. Aber wer hätte ernsthaft von den Erfindern der „Losers“ etwas anderes erwartet?
– Andy Diggle/Jock: Green Arrow: Das erste Jahr (übersetzt von Marc Schmitz) Panini, 2015 148 Seiten
14,99 Euro
– Originalausgabe
Green Arrow: Year One # 1 – 6
DC Comics, 2007
(2008 als Sammelband)
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Hinweise
Als Don Winslow in den USA schon seit einigen Jahren abgefeiert wurde, war er vom deutschen Buchmarkt komplett verschwunden. Erst Suhrkamp änderte das vor sechs Jahren mit „Pacific Private“, „Pacific Paradise“ und „Frankie Machine“ und dann erschien im September 2010 Don Winslows Opus Magnum; was man halt so sagt, wenn das Buch deutlich dicker als die anderen Werke des Abgefeierten ist und die deutsche Kritik war entsprechend euphorisch. Aus dem Hinterkopf war der Tenor der Besprechungen:
Meisterwerk
Meisterwerk
Meisterwerk
Meisterwerk
Meisterwerk
Meisterwerk
und manchmal auch
Bester Roman des Jahres
Bester Roman des Jahrzehnts
Nur „der Roman, der das Genre neu erfindet“ wurde, glaube ich (wenn ich mich irre: sagt es in den Kommentaren), nie geschrieben. Das wird dafür seit einigen Jahren bei jeder zweiten neuen TV-Serie gesagt.
Eine negative Kritik gab es nur im „Spiegel“ (wenn es irgendwo einen richtigen Verriß gab, verratet es ebenfalls in den Kommentaren).
„Tage der Toten“ stand auf dem ersten Platz der „Buchkultur“-Liste der Krimis, die man in diesem Sommer (also damals diesem) lesen sollte. Naja, mit siebenhundert Seiten empfiehlt er sich schon wegen des Umfangs als Strandlektüre.
Er stand auf dem ersten Platz der Jahresbestenliste der KrimiWelt-Juroren (inzwischen KrimiZeit).
Die Ausbeute an Preisen war dagegen überschaubar: es gab den deutschen Krimipreis und, in Japan, den Maltese Falcon Award
und wie liest sich „Tage der Toten“ zehn Jahre nach seiner US-Publikation und fünf Jahre nach seiner deutschen Veröffentlichung?
Gut.
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Ausführlicher?
Gut, aber nicht so überragend, wie man nach dem Presseecho meinen könnte. Die wenigen Preise und Nominierungen (so war „Tage der Toten“ nicht für den Edgar nominiert) verraten schon etwas und natürlich hat ein megadickes Buch auch immer etwas von einer Fleißarbeit. So als möchte der Autor, wenn er seine normale Seitenlänge massiv überschreitet, sagen: Seht her, ich kann den großen amerikanischen Roman, das Buch, das alles über unsere Gesellschaft verrät, schreiben. Und diese Anstrengung ist dann auch auf jeder Seite spürbar.
Nach den fünf Neal-Carey-Romanen, „Manhattan“ (Isle of Joy) und den beiden California-Noirs „Bobby Z“ (The Death and Life of Bobby Z) und dem mit dem Shamus ausgezeichnete „Die Sprache des Feuers“ (California Fire and Life) legte Don Winslow eine sechsjährige Veröffentlichungspause ein, in der er „Tage der Toten“ (The Power of the Dog) schrieb. Er erzählt von dem Kampf zwischen DEA-Agent Art Keller und dem mexikanischem Drogenbaron Adán Barrera zwischen 1975 und, ohne den 2004 spielenden Epilog, 1999.
Dazu kommen noch einige wichtige Nebencharaktere: die Prostituierte Nora Hayden, die zu Barreras Geliebten wird, der irische, im Hell’s Kitchen in New York aufgewachsene Gangster Callan, der auch in Südamerika mordet, und, weil in Südamerika ohne die Religion überhaupt nichts geht, der katholische Geistliche Vater Parada, der zum Erzbischof von Guadalajara wird.
Außerdem zeichnet Don Winslow die Verflechtungen zwischen nord- und südamerikanischer Politik nach. Denn, – das geriet in den letzten Jahren im Rahmen des Antiterrorkampfes etwas aus dem öffentlichem Fokus -, die USA betrachteten Südamerika seit Ewigkeiten als ihren Hinterhof. Sie mischten sich ungefragt in die dortige Politik ein. Sie stürzten Staatsoberhäupter und unternahmen, im Rahmen der Dominotheorie alles, damit es im Süden keine linken Regierungen (die natürlich alles kommunistisch waren) gibt. Und sie führten eine (erfolglosen) Antidrogenkrieg, der das Wort Krieg wirklich verdient hatte.
Es ist also ein großes Epos, das Don Winslow hier schreiben will. Es ist auch ein nur leicht fiktionalisiertes Geschichtsbuch, das einen heute noch mehr als 2005 verdrängten und auch vergessenen Krieg in Erinnerung ruft. Die Menge an Fakten, die Winslow, der bekennende Geschichts-Geek, ausbreitet, ist schon beeindruckend, hat aber auch etwas von einem Geschichtsbuch, in dem ohne große Unterschiede das Wichtige und das Unwichtige aufgenommen wurde. Unter den Details und breit geschilderten Szenen, wie geplanten, aus verschiedenen Perspektiven geschilderten Verhaftungen oder einer tödlichen Rache, gehen dann schon einmal die großen Linien verloren.
Vom Tonfall liest sich „Tage der Toten“ wie eine lange Reportage, die damit auch das von Don Winslow oft benutzte Präsens rechtfertigt. Es ist für Zeitungsberichte die normale Erzählzeit. Der gewitzte und pointierte Tonfall seiner vorherigen und späteren Romane findet sich hier nicht. „Tage der Toten“ ist, verglichen mit den gerade gelesenen Neal-Carey-Romanen, erschreckend dröge.
Storytechnisch erinnert „Tage der Toten“ dann an eine dieser langen TV-Serie, in der bestimmte Ereignisse breit gezeigt werden, während in einer gerafften Zusammenfassung andere Ereignisse schnell zusammengefasst werden und bestimmte Charaktere über viele Seiten vollkommen aus der Handlung verschwinden. Das gilt auch erstaunlich oft für den Protagonisten Art Keller, der damit erstaunlich blass bleibt. Sowieso bleiben alle Charaktere eher blass.
Dieses Jahr erschien, fast zeitgleich, „Das Kartell“ (The Cartel), die Fortsetzung von „Tage der Toten“ und ich bespreche es die Tage.
Von der Verfilmungsfront gibt es auch Neuigkeiten: „Frankie Machine“ (The Winter of Frankie Machine, 2006) soll jetzt von William Friedkin verfilmt werden. Er möchte es, mit einem kleinen Budget, als harten Thriller verfilmen. Don Winslow soll am Drehbuch mitarbeiten.
Don Winslow: Tage der Toten (übersetzt von Chris Hirte) Suhrkamp, 2010 704 Seiten
9,99 Euro (Taschenbuchausgabe)
– Originalausgabe
The Power of the Dog
Alfred A. Knopf, 2005
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Dass der „Polizeiruf 110“ der bessere „Tatort“ ist, wird niemand behaupten. Eher schon das Gegenteil und er war nach der Einheit ein Minigeschenk an die DDR. Denn dort gab es, als Alternativprogramm zum westdeutschen „Tatort“, den „Polizeiruf 110“, der Verbrechen sozialistisch aufklärte. Diese Piefigkeit bewahrte er sich. Einerseits. Andererseits wurde auch teilweise wild experimentiert und die aus München kommenden „Polizeirufe“ waren und sind immer einen Blick wert.
Einen Blick in die Vergangenheit gestattet die „Polizeiruf 110“-Box „Die Folgen des BR 2000 – 2003“, in denen Kommissar Jürgen Tauber ermittelte. Edgar Selge spielte den einarmigen Ermittler von 1998 bis 2009 in zwanzig Folgen. In der Box sind sechs Fälle enthalten und, auch wenn einige legendäre Folgen erst später liefen (wie „Der scharlachrote Engel“ und „Er sollte tot“, beide von Dominik Graf, beide mit mehreren Preisen ausgezeichnet), sind die hier gesammelten und ebenfalls ausgezeichneten Fälle ebenfalls, immer noch, einen Blick wert. „Gelobtes Land“ war für den Grimme-Preis nominiert; Nadeshda Brennicke erhielt für „Silikon Walli“ den Deutschen Fernsehpreis als beste Schauspielerin und Edgar Selge für „Tiefe Wunden“ und „Pech und Schwefel“ (ebenfalls von 2003, aber nicht in dieser Box enthalten) den Deutschen Fernsehpreis.
In der 3-DVD-Box sind enthalten: Verzeih‘ mir (Deutschland 2000)
Regie: Hartmut Griesmayr
Drehbuch: Horst Vocks
– Gelobtes Land (Deutschland 2001)
Regie: Peter Patzak
Drehbuch: Christian Limmer
– Fluch der guten Tat (Deutschland 2001)
Regie: Hans-Günther Bücking
Drehbuch: Peter Probst
– Um Kopf und Kragen (Deutschland 2002)
Regie: Peter Patzak
Drehbuch: Carolin Otto
– Silikon Walli (Deutschland 2002)
Regie: Manfred Stelzer
Drehbuch: Wolfgang Limmer
– Tiefe Wunden (Deutschland 2003)
Regie: Buddy Giovinazzo
Drehbuch: Christian Limmer
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Die meisten Namen werden den Krimifans etwas sagen. Auch weil einige der Drehbuchautoren auch Romane veröffentlichten. Christian Jeltsch schrieb einige Jugendbücher; Wolfgang Limmer eher anekdotisches. Christian Limmer und Peter Probst schreiben inzwischen erfolgreich Kriminalromane. Horst Vocks schrieb auch einige Kriminalromane, aber bekannter ist er vor allem für seine Bücher für „Der Fahnder“ und mehrere „Tatorte“, die fast immer etwas mit Horst Schimanski zu tun hatten. Unter anderem „Duisburg Ruhrort“, „Der unsichtbare Gegner“, „Freunde“ und „Zahn um Zahn“, der auch erfolgreich im Kino lief (die Kritiker waren weniger begeistert). Später, für die Serie „Schimanski“ schrieb er auch mehrere Drehbücher. Angesichts dieser Vita fallen in „Verzeih‘ mir“, inszeniert von Routinier Hartmut Griesmayr, einige Dialoge arg hölzern aus. Aber der einarmige Kommissar Jürgen Tauber (Edgar Selge) darf einige herrliche Gemeinheiten absondern und seine Beziehung zur Kriminalpsychologin Dr. Sylvia Jansen (Gaby Dohm) ist angenehm erwachsen. Der Fall selbst – ein Automechaniker wird ermordet in einem verbrannten Auto gefunden; eine Mutter und ihre Tochter, die beide Bettgenossinen von ihm waren, verdächtigen sich gegenseitig des Mordes und das Organisierte Verbrechen, in Form von Autoschiebern, ist ebenfalls involviert – ist in Punkto Tätersuche nicht sonderlich kompliziert. Dafür gibt es eine interessante Familiengeschichte, die bis zum Kriegsende zurückreicht.
„Gelobtes Land“, der erste Auftritt von Taubers neuer Kollegin ‚Jo‘ Obermeier (Michaela May), Mutter, verheiratet mit einem türkischen Besitzer einer kleinen Autowerkstatt, ist ein gelungener Krimi über Asylbewerber und wie sie nach Deutschland kommen.
Peter Patzak, der seit „Kottan ermittelt“ im Pantheon des deutschsprachigen Kriminalfilms ist, inszenierte auch „Um Kopf und Kragen“. In dem Fall ermittelt Jo Obermaier undercover in einer Polizeistation. Eine Kollegin, die gemobbt wurde, soll sich umgebracht haben. Aber die Schwangere wurde ermordet. In einigen Szenen scheint der Geist von Kottan durch, aber insgesamt ist „Um Kopf und Kragen“ ein durch die hoffnungslos überbelichtete Inszenierung und die gewollt übertriebenen Darstellungen ein unansehbares Werk geworden.
In „Fluch der guten Tat“ wird ein Roma-Junge, der von einer Initiative für sozial schwache Kinder betreut wurde, ermordet. Tauber und Obermaier sehen sich bei der Initiative, die nicht nur von altruistischen Motiven getriebne ist, um.
„Silikon Walli“ und „Tiefe Wunden“ gehören zu den unbestrittenen Höhepunkten der Serie. In „Silikon Walli“ stirbt ein Busenwunder (nachdem ihre Oberweite mehrmals künstlich vergrößert wurde) eines unnatürlichen Todes – und Kommissar Tauber ist sehr fasziniert von den Gepflogenheiten des Sexgewerbes. Grandios!
Ebenfalls grandios ist „Tiefe Wunden“, inszeniert von Buddy Giovinazzo, der auch einige grandiose Noirs schrieb. Im Wald wird eine erschossene Goldschmiedin gefunden. In ihrer Hand hält sie einen Zigarillo, der Tauber an ein Gaunertrio, das er von früher kennt, erinnert. Entsprechend schnell führen die Ermittlungen in Taubers Vergangenheit und wir erfahren, wie er seinen Arm verlor.
Allein schon wegen der sechs „Polizeirufe“, die ein insgesamt erstaunlich hohes Niveau haben (eigentlich enttäuscht nur „Um Kopf und Kragen“) ist „Die Folgen des BR 2000 – 2003 – Box 2“ eine empfehlenswerte DVD-Box. Trotzdem ist es ärgerlich, dass es keine Untertitel und kein Bonusmaterial (Gab es wirklich kein Interview und keine Reportage in den TV-Archiven? Hätte man nicht ein „Making of“ machen können?) gibt.
Polizeiruf 110: Die Folgen des BR 2000 – 2003 (Box 2)
mit Edgar Selge (Kommissar Jürgen Tauber), Michaela May (Kommissarin Jo Obermeier), Gaby Dohm (Polizeipsychologin Dr. Sylvia Jansen), Tayfun Bademsoy (Tarik Yilmaz)
Gaststars: Karin Boyd, Dennenesch Zoudé, Matthias Koeberlin, Henning Baum, Heikko Deutschmann, Axel Hacke, Jacques Breuer, Nadeshda Brennicke, Bernd Tauber, Wanja Mues, Catherine Flemming, Thure Riefenstein
– DVD
Eurovideo
Bild: 1.78:1 (16:9 anamorph – mit zum Teil eigeschränkter Bild- und Tonqualität)
Ton: Deutsch (DD 2.0)
Untertitel: –
Bonusmaterial: –
Länge: 503 Minuten (3 DVDs)
FSK: ab 12 Jahre
– Hinweise
Horst Vocks hat nach langem Schweigen einen neuen Roman veröffentlicht. Zusammen mit Elfi Hartenstein schrieb er den Krimi „Ausstieg“ über Kriminalhauptkommissar Lou Feldmann, der keinen Bock mehr hat und reihenweise Verbrecher laufen lässt, bis er sich entscheiden muss, ob er so weitermachen will.
Ist natürlich, weil die Geschichte in Berlin spielt und blinder Lokalpatriotismus alles schlägt, ein verdammt guter Krimi.
– Elfie Hartenstein/Horst Vocks: Ausstieg Pendragon, 2015 328 Seiten
12,99 Euro
Über seinen Privatdetektiv Jack Taylor sagte Ken Bruen, die Fälle würden nicht wegen, sondern trotz ihm gelöst. Das gleiche hätte er über die Romane mit Inspector Brant, einer aus sieben, zwischen 1998 und 2007 erschienenen Romanen bestehende Serie von in London spielenden Polizeiromanen, sagen können. Denn Brant und seine Kollegen lösen die Fälle auch nicht aufgrund guter Polizeiarbeit. Die meiste Zeit sind sie mit Drogen, Alkohol, persönlichen Problemen und internen Feindseligkeiten beschäftigt, während die Ermittlungen sich meist als eine persönliche Vendetta gestalten, in der Recht und Gesetz manchmal benutzte Leitplanken sind, um ihre Aggressionen abzubauen. Das ist zwar formal immer noch von Ed McBain und seiner Serie um das 87. Polizeirevier beeinflusst, aber bei Ken Bruen liest sich das wie McBain auf Speed und mit einer Punkattitüde.
Jetzt, nachdem seine bekanntere Serie mit dem Galway-Privatdetektiv Jack Taylor seit einigen Jahren kontinuierlich übersetzt wird (wobei die Übersetzungen von Harry Rowohlt nicht unumstritten sind), und die Brant-Verfilmung „Blitz“ (mit Jason Statham) regelmäßig im Fernsehen läuft und auf DVD gut erhältlich ist, hat der Polar-Verlag einen ersten Brant-Roman veröffentlicht. Mit „Kaliber“ ist es der sechste Brant-Roman, in dem ein selbsternannter Manierenkiller die Londoner zu einem höflicheren Umgang miteinander erziehen will. Deshalb wendet er sich mit seiner Mission an die Öffentlichkeit. Er hat allerdings nicht mit Southeast-Sergeant Brant gerechnet. Der bittet eine Kollegin, der er vor kurzem geholfen hat (es war natürlich ein nicht ganz legaler Gefallen), darum, sich in der Öffentlichkeit möglichst unhöflich zu Benehmen. Sein ebenso einfacher wie bestechender Plan sieht vor, dass der Manierenkiller auf den Lockvogel hereinfällt und er ihn dann umbringen kann.
Daneben versucht Brant sich jetzt als Krimiautor. Sein Vorbild ist Ed McBain, von dem er alle Bücher hat. Seine Muse ist ein Kollege, den er unter Drogen setzt. Der Manierenkiller nennt sich – Ken Bruen geizt nie mit literarischen Verweisen – Ford. Nach Lou Ford, dem Ich-Erzähler in Jim Thompsons Noir-Klassiker „Der Mörder in mir“ (The Killer inside me, 1952 – Lesebefehl!). Aber er liest auch, wie er in seinem Tagebuch schreibt, die Herren Charles Willeford und Cornell Woolrich.
Langjährige Ken-Bruen-Fans werden „Kaliber“, wie seine anderen Romane an einem Abend lesen. Bruen verknappt seine Erzählung – in seinen Polizeiromanen jongliert er mit mehreren parallelen Plots – so sehr, dass fast nur noch die Pointe, die präzise Beobachtung, die sarkastische Bemerkung und die düstere, gegen alles und jeden austeilende Weltsicht übrigbleibt. Das verlangt einen aufmerksamen Leser, macht Spaß und steht in der Tradition von G. F. Newmans zwischen 1970 und 1974 im Original publizierter Bastard-Trilogie über den skrupellosen Scotland-Yard-Inspector Terry Sneed, der für seinen Aufstieg in einem korrupten System über Leichen geht und jede Dienstregel bricht. Diese umfassende Entmystifizierung des edlen britischen Polizisten erschienen erst in den Achtzigern auf Deusch bei Ullstein. James Ellroy ist ein aktuellerer und bekannterer Einfluss. Aber gegenüber Bruen erscheint Ellroy als verquast pompöser Erzähler. Während Ellroy hunderte Seiten braucht, um die Polizisten als Schweine zu zeigen, genügen Bruen – großzügig gelayoutet – knapp zweihundert Seiten um seine korrupten, rassistischen, homophoben und frauenfeindliche Beamte auf das Podest zu heben sie, die selbst all das sind, was sie ablehnen, herunterstoßen. Zum Vorbild taugt keiner und im wirklichen Leben möchte man ihnen auch nicht begegnen. Aber für einen Noir sind sie grandioser Stoff.
Uh, und noch eine erfreuliche Meldung: Max Fisher und Angela Petrakos erleben weitere Abenteuer. Ken Bruen und Jason Starr haben einen weiteren Noir mit ihnen geschrieben. „Pimp“ ist für März 2016 bei Hard Case Crime angekündigt. Wann und ob die deutsche Übersetzung erscheint ist unklar.
Ken Bruen: Kaliber (übersetzt von Karen Witthuhn) Polar, 2015 184 Seiten
12,90 Euro
– Originalausgabe
Calibre
St. Martin’s Minotaur, 2006
– Die Inspector-Brant-Ermittlungen
1. A White Arrest (1998)
2. Taming the Alien (1999)
3. The McDead (2000)
4. Blitz: or Brant Hits the Blues (2002)
5. Vixen (2003)
6. Calibre (2006)
7. Ammunition (2007)
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Hinweise
Das ist wohl die Marvel-Version von einem kleinem Film. Und das liegt nicht an der Größe des Superhelden, der mit einem Anzug auf die Größer einer Ameise (daher auch der Titel „Ant-Man“) schrumpfen kann, sondern an der, nach dem Riesen-“Avengers: Age of Ultron“-Remidemmi kleinen und überschaubaren Geschichte.
Scott Lang (Paul Rudd) will nach einem Gefängnisaufenthalt nur noch ein ehrliches Leben führen und sich mit seiner Frau Maggie (Judy Greer) und seiner Tochter Cassie (Abby Ryder Fortson) aussöhnen. Maggie hat dummerweise einen neuen Liebhaber: den Polizisten Jim Paxton (Bobby Cannavale). Mit der Arbeit funktioniert es auch nicht wie geplant. Seine Einbrechertalente sind auf dem freien Arbeitsmarkt nicht gefragt und wenn seine Chefs erfahren, was er früher getan hat, ist er den Job los. Die Jobs, die ihm sein Freund Luis (Michael Peña, mal wieder grandios) anbietet, sind vor allem illegal. Trotzdem erklärt Lang sich bereit, bei einem Einbruch mitzumachen.
Kurz darauf wird er vom Hausherrn geschnappt. Es ist Dr. Hank Pym (Michael Douglas). Der Erfinder will Lang als neuen Ant-Man haben. Denn Pym hat sich mit seinem früheren Schützling Darren Cross (Corey Stoll) überworfen und Cross hat ihn aus seiner Firma Pym Technologies rausgedrängt. Jetzt steht Cross kurz vor dem Durchbruch bei seinen Forschungen für einen Ant-Man-Anzug: das Yellowjacket. Pym möchte das verhindern. Auch weil er weiß, welche seelischen Schäden das Verändern der Körpergröße hervorrufen kann. Also soll Lang das Yellowjacket aus der gut gesicherten Firmenzentrale von Pym Technologies klauen. Lang, Luis und ihre Freunde (nicht gerade Leuchten in ihrem Job) planen also, während einer Präsentation, den Anzug zu stehlen.
Marvel nennt „Ant-Man“ ihren Heist-Film. Aber letztendlich ist es ein Marvel-Film mit den typischen Vor- und Nachteilen, wie einem blassen Bösewicht (obwohl Corey Stoll sehr gehässig grinsen kann), einer teilweise arg plätschernden Story, einem gut aufgelegtem Cast und überzeugenden Action-Szenen. Es gibt einige Querverweise zu den anderen Marvel-Filmen, die – bis auf eine Kampfszene, die am Ende wieder aufgenommen wird – dieses Mal so nebenbei formuliert werden, dass sie auch als Scherz durchgehen können. Und es gibt in der schon erwähnten Kampfszene auch einen größeren Auftritt von einem aus den vorherigen Marvel-Filmen (ohne die „Guardians of the Galaxy“) bekannten Charakter. Damit werden, wie gewohnt, die anderen Geschichten etwas weiter erzählt und es wird gezeigt, dass auch dieser Film zu einem größeren Ganzen gehört. Und es gibt die bekannten Abspann-Sequenzen.
Dieses Mal gibt es sogar eine ordentliche Portion Humor. Allein schon die Idee eines auf Ameisengröße schrumpfenden Mannes und sein Training sind gut genug für einige Lacher in diesem immer bescheiden, um nicht zu sagen klein auftretenden Film.
Aber ein Heist-Film, auch wenn hier mehrmals eingebrochen wird, ist „Ant-Man“ nicht. Jedenfalls nicht mehr als ein James-Bond-Film. In einem klassischen Einbruchsfilm dreht sich alles um den Einbruch. Das Herzstück des Films ist die genaue Schilderung der Durchführung des Einbruchs. Die bekanntesten Heist-Filme sieht man sich wegen des Einbruchs an. In „Ant-Man“ sind die Einbrüche flott vorbei. Eigentlich wird nur der erste genauer geschildert, während die anderen Einbrüche sich vor allem auf die Action konzentrieren und wir kaum erfahren, was warum wie geklaut wird.
Die Action ist gewohnt spektakulär und gewinnt hier allein schon durch die Größe der Kämpfenden neue Dimensionen. So findet, weil die Kämpfenden auf Ameisengröße geschrumpft sind, ein Teil des Schlusskampfes in einem Kinderzimmer auf einer Modelleisenbahn statt. Die Zerstörung ist entsprechend überschaubar.
Seinen ersten Auftritt hatte Ant-Man Hank Pym 1962 in Band 27 der Comicreihe „Tales to Astonisch“ und er ist ein Mitglied der ursprünglichen Avengers. Pym hatte, so seine ursprüngliche Geschichte, eine Substanz entdeckt (das Pym-Partikel), die es ihm ermöglichte, seine Größe beliebig zu verändern und übermenschliche Kräfte zu haben, was in einem Gefecht vorteilhaft sein kann. Denn eine Ameise kann im Gefecht unverletzt hinter feindliche Linien gelangen und auch Gebäude infiltrieren. Das ist eine durchaus faszinierende Idee, über die man allerdings nicht zu lange nachdenken sollte, weil sie dann immer idiotischer wird. Und das würde einem den Spaß an diesem Film verderben.
Eine Comicversion
Pünktlich zum Filmstart erschien bei Panini Comics auch Robert Kirkmans („The Walking Dead“) „Ant-Man“-Version, die in den USA bereits 2007 erschien. Hier ist Ant-Man Eric O’Grady, ein kleiner S.H.I.E.L.D.-Soldat der unzuverlässigen Sorte. Zusammen mit seinem Freund Chris McCarthy soll er auf einem S.H.I.E.L.D.-Helicarrier (ein in der Luft schwebender Flugzeugträger) eine Tür bewachen. Weil sie allerdings nicht wissen, ob sie Leute am verlassen oder betreten des Raums hindern sollen, schlagen sie Dr. Hank Pym, der den Raum verlassen will, ohnmächtig, betreten den Raum und McCarthy probiert den Ant-Man-Anzug aus, was dazu führt, dass er auf Ameisengröße schrumpft und erst einmal tagelang durch die Station irrt. Bei einem Angriff von Hydra (den Bösewichtern) stirbt McCarthy und O’Grady schnappt sich den Anzug, den er fortan zum Beobachten von duschenden Frauen benutzt. Weil Shield befürchtet, dass der Anzug in die falschen Hände fällt (als sei er bei O’Grady in den richtigen), wird Mitch Carson, der auch ein guter Terminator wäre, beauftragt, O’Grady zu finden.
Robert Kirkmans Ant-Man ist eigentlich ein selbstbezogener Teenager, der außer Sex wenig im Kopf hat. Das ist im Superheldengenre ein witziger und respektloser Ansatz. Trotzdem sehen wir mehr seitenfüllende Kloppereien als nackte Frauen und O’Grady wird am Ende – und da verrate ich wohl kein großes Geheimnis – doch zu einem guten und ziemlich verantwortungsbewussten S.H.I.E.L.D.-Agenten. Kirkman erzählt in „Ant-Man“ eine ziemlich klassische Entwicklungsgeschichte, die, – für die Marvel-Fans -, vor und nach dem Civil War spielt.
Ant-Man (Ant-Man, USA 2015)
Regie: Peyton Reed
Drehbuch: Edgar Wright, Joe Cornish, Adam McKay, Paul Rudd (nach einer Geschichte von Edgar Wright und Joe Cornish)
LV: Charakter von Stan Lee, Larry Lieber, Jack Kirby
mit Paul Rudd, Michael Douglas, Evangeline Lilly, Corey Stoll, Bobby Cannavale, Michael Peña, T. I., Wood Harris, Judy Greer, Abby Ryder Fortson, David Dastmalchian, Anthony Mackie, Hayley Atwell, John Slattery, Martin Donovan, Stan Lee
Länge: 117 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
–
Wir wissen schon nach der ersten Minute, wenn Bathsheba Everdene, eine junge, unabhängige Frau, und Gabriel Oak, ein zuverlässiger Schäfer, sich begegnen, dass sie, auch ohne Thomas Hardys Wessex-Roman „Am grünen Rand der Welt“ zu kennen, füreinander bestimmt sind. Bathsheba braucht dann noch gut zwei Kinostunden für diese Erkenntnis. In dieser Zeit übernimmt sie den Hof ihres verstorbenen Onkels und führt ihn, entgegen den damaligen viktorianischen Konventionen, als Chefin. Außerdem balzen noch zwei andere Männer um die Aufmerksamkeit der schönen Frau. Es sind der schon etwas ältere, immer noch allein lebende und deshalb bei den Frauen des Dorfes begehrte Großgrundbesitzer William Boldwood und der junge Soldat James Troy, den wir schon auf den ersten Blick als verantwortungslosen Blender und Spieler erkennen.
Gabriel, der durch ein Unglück seine gesamte Schafherde verlor, hat inzwischen als Schäfer eine Stelle auf Bathshebas Hof gefunden.
Bathsheba heiratet – wir ahnen es – den für sie schlechtesten Verehrer: den Soldaten Troy. Schon in der Hochzeitsnacht betrinkt er sich mit den Gästen, anstatt das zum Verkauf bestimmte Getreide vor einem aufziehenden Gewitter zu schützen. Gabriel deckt es, bis Bathsheba ihm hilft, alleine ab. Auch danach hilft Troy nicht auf dem Hof mit, sondern verzockt das von seiner Frau erarbeitete Geld und er trifft wieder Fanny Robin, eine frühere Freundin, die er heiraten wollte und die von ihm schwanger ist.
Für einen ereignisreichen Kinofilm gibt es also genug Konflikte in Thomas Hardys schon mehrfach verfilmtem Liebesroman, der immer noch zu den wichtigen Werken der englischen Literatur gehört. Drehbuchautor David Nicholls (mehrere Romane, unter anderem „Zwei an einem Tag“, und mehrere Drehbücher, unter anderem die Charles-Dickens-Verfilmung „Große Erwartungen“ [2012] und die Thomas-Hardy-Verfilmung „Tess of the D’Urbervilles“ [2008]) und Thomas Vinterberg („Das Fest“, „Die Jagd“) folgen der bekannten Geschichte genau. Aber sie setzen andere Akzente und modernisierten sie in einigen Bereichen behutsam, indem sie Bathsheba eindeutig ins Zentrum stellen. Im Roman ist Gabriel Oak im ersten Viertel die Hauptfigur; auch danach ist Bathsheba nur ein Charakter unter mehreren. Außerdem lässt Hardy oft einen Charakter einem anderen Charakter von wichtigen Ereignissen erzählen oder er rafft es zu einem kurzen Bericht zusammen. Vinterberg zeigt diese Ereignisse, wie den Tod von Gabriels Schafherde oder Bathshebas Ankunft in ihrem neuen Haus. Und er kann sich auf das differenzierter Spiel seiner in jeder Szene sympathischen Schauspieler – Carey Mulligan als Bathsheba Everdene, Matthias Schoenaerts als Gabriel Oak, Michael Sheen als William Boldwood und Tom Sturridge als Frank Troy – verlassen. Ihnen sieht man in jeder Sekunde gerne zu, auch wenn Vinterberg konsequent in der antidramatischen Erzählhaltung des neunzehnten Jahrhunderts bleibt, in der einfach chronologisch von den Ereignissen berichtet wird und sie fast schon zufällig aufeinander folgen, während die Menschen ihr Schicksal ertragen. Heute erwarten wir von Geschichten eine Kette von aufeinander folgenden Aktionen von verschiedenen Charakteren, die alle immer etwas erreichen wollen. Aber Bathsheba sucht keinen Ehemann. Sie kommt – und das macht sie schon in Hardys Roman zu einer modernen Frau – gut ohne einen Mann aus. Sie ist auch erstaunlich desinterressiert an männlicher Gesellschaft. Gabriel, der sie begehrt, akzeptiert klaglos ihre Ablehnung und er landet eher zufällig auf ihrem Hof. Dort arbeitet er als Schäfer, der wegen seines jetzt niederen Standes, überhaupt nicht mehr an eine Heirat denkt. Im Roman ist er, viel stärker als im Film (wo er einen stoischen Heroismus ausstrahlt), ein passiver Leidender und Beobachter, den man am liebsten ohrfeigen würde. Aus solch passiven Gestalten kann sich natürlich keine dramatische Handlung (was schade ist) und auch keine Nicholas-Sparks-Schmonzette (was gut ist) entwickeln.
Zu den guten Schauspielern kommen noch die schönen Kostüme und die wundervolle Landschaft der im Südwesten Englands liegenden Grafschaft Dorset, dem realen Vorbild von Thomas Hardys Wessex.
Und so ist „Am grünen Rand der Welt“ eine konventionell erzählte, werkgetreue, stimmungsvolle und in jeder Beziehung traditionsbewusste Romanverfilmung, die vor allem wegen der Schauspieler gefällt.
P. S.: Suzanne Collins benannte ihre „Die Tribute von Panem“-Heldin Katniss Everdeen nach Bathsheba Everdene. Aber das habt ihr natürlich alle gewusst?
Am grünen Rand der Welt(Far from the Madding Crowd, USA/Großbritannien 2015)
Regie: Thomas Vinterberg
Drehbuch: David Nicholls
LV: Thomas Hardy: Far from the Madding Crowd, 1874 (Am grünen Rand der Welt)
mit Carey Mulligan, Matthias Schoenaerts, Michael Sheen, Tom Sturridge, Juno Temple, Bradley Hall, Jessica Barden
Länge: 119 Minuten
FSK: ab 6 Jahre
– Die Vorlage
Natürlich könnte ich mich einfach auf Couch legen (nachdem ich sie freigeräumt habe) und „Das Kartell“, den neuen Roman von Don Winslow, lesen. Ist okay. Ist eine Möglichkeit. Aber der erfahrene Jäger nähert sich seiner Beute auf Umwegen. Zum Beispiel über die Lektüre von anderen Werken des Autors. Zum Beispiel mit seinen ersten beiden Romanen „London Undercover“ und „China Girl“, in denen Neal Carey für die Freunde der Familie die Kastanien aus dem Feuer hohlen soll und nicht alles nach Plan läuft.
Neal Carey ist ein literaturbegeisterter New Yorker Jungspund, der sein Studium mit einer Arbeit über Tobias Smollett abschließen will. Als Junge hielt er sich, bis er von Joe Graham erwischt wurde, mit Diebstählen über Wasser. Der einarmige Graham nahm den Elfjährigen unter seine Fittiche. Er lernte ihn alles, was ein gut ausgebildeter junger Mann wissen muss. Jedenfalls wenn er irgendwann als Privatdetektiv und als Kastanien-aus-dem-Feuer-Hohler der Freunde der Familie, einer geheimen Spezialabteilung einer noblen in Providence, Rhode Island, residierenden Privatbank, arbeiten soll. Daher dienen seine Aufträge nicht irgendeinem hehren Ziel, sondern es geht um die Interessen der Bank, wozu auch ihr Einfluss in die Politik gehört.
So soll Neal in „London Undercover“ die schon länger verschwundene, minderjährige Tochter eines demokratischen US-Senators nach Hause hohlen. Er ist ein möglicher Anwärter für das Amt des Vizepräsidenten. Wichtig für die geplante Familienzusammenführung ist dabei nicht, dass Vater, Mutter und Tochter sich wieder in die Arme schließen können, sondern dass Neal Allie Chase zu dem Datum wieder zurück in den USA bringt, an dem für die Medien die heile Familienwelt inszeniert werden soll. Zuletzt wurde sie in London gesehen.
Neal macht sich auf den Weg in die Stadt, die gerade vom Punk beherrscht wird. Schnell taucht der 23-jährige in die Subkultur ein. Er hofft Allie zwischen Prostituierten (was sie wahrscheinlich ist), Drogensüchtigen (was sie ziemlich sicher ist), Punks und Nachtschwärmern in der 8-Millionen-Stadt zu finden.
„China Girl“, das zweite Abenteuer von Neal Carey beginnt sieben Monate nach „London Undercover“ und schließt, obwohl die Romane voneinander unabhängig gelesen werden können, nahtlos an den ersten Roman an. Denn Neal ging am Ende von „London Undercover“ nach Yorkshire in ein selbstgewähltes Exil, in dem er seine Abschlussarbeit schreiben wollte. Auf der ersten Seite klopft Joe Graham an Neals Tür. Er hat einen neuen Auftrag für Neal. Neal soll in San Francisco einen Chemiker von einem Seitensprung zurückholen. Dr. Robert Pendleton, dessen Wissen über Düngemitteln für AgriTech in Raleigh, North Carolina unersetzbar ist, hat sich in eine Chinesin verliebt und er will mit ihr durchbrennen, was auch Auswirkungen auf die Investition der Bank in AgriTech hätte.
In San Francisco erlebt Neal schnell einige Überraschungen: die Schönheit heißt Li Lan. Sie ist eine Malerin und Neal verguckt sich ebenfalls in sie. Als er die beiden Turteltauben überzeugen will, in den USA zu bleiben, wird auf ihn geschossen und Li Lan und Pendleton verschwinden nach Hongkong.
Neal, der in seiner Ehre gekränkt ist, verfolgt sie undercover nach Hongkong und schon befindet er sich zwischen den Fronten von CIA, dem chinesischen Geheimdienst und den Triaden.
Während „London Undercover“ sich weitgehend im Fahrwasser eines klassischen Privatdetektivromans bewegt, ist „China Girl“ eher ein Agententhriller. Bei beiden Romanen gefällt vor allem Don Winslows trockene, pointierte Sprache und wie er Neal Carey als soften Hardboiled-Privatdetektiv zeichnet. Da ist deutlich das Erbe von Robert B. Parkers Spenser spürbar. Wobei Neals Kampftechnik, im Gegensatz zu der von Spenser, vor allem in einer schnellen Flucht vor seinem Gegner besteht, bis dieser erschöpft zusammenbricht. Gewalt ist also nicht Neal Careys Lösung bei Problemen. Eher schon Mutterwitz und Improvisationstalent. In beiden Romanen, die in den Siebzigern spielen, badet Don Winslow in kulturellen und politischen Referenzen, was den Lesespaß erhöht.
Lohnt sich die Lektüre? „Scheiße, na klar.“ (Neal Carey)
– Don Winslow: London Undercover – Neal Careys erster Fall (übersetzt von Conny Lösch) Suhrkamp, 2015 384 Seiten
9,99 Euro
– Originalausgabe
A Cool Breeze on the Underground
St. Martin’s Press, 1991
– Deutsche Erstausgabe (übersetzt von Ulrich Anders)
Ein kalter Hauch im Untergrund
Piper, 1997
– Don Winslow: China Girl – Neal Careys zweiter Fall (übersetzt von Conny Lösch) Suhrkamp, 2015 448 Seiten
9,99 Euro
– Originalausgabe
The Trail To Buddha’s Mirror
St. Martin’s Press, 1992
– Deutsche Erstausgabe (übersetzt von Ulrich Anders)
Das Licht in Buddhas Spiegel
Piper, 1997
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Die Entstehungsgeschichte ist etwas komplizierter als nötig und sie wird mit etwas mehr Schulterklopfen als nötig im Vorwort der „Panini-Eigenproduktion mit namhaften italienischen Künstlern“ ausgebreitet, aber die Idee, „Highway to Hell – Kopflos in die Hölle“ wie einen Spielfilm mit Vor- und Abspann zu präsentieren, ist äußerst sympathisch. Sinnvoll ist auch der „Empfohlen ab 18 Jahren!“-Hinweis, wobei einige Bilder aus dem Comic auch in einem FSK-18-Film Probleme hätten.
Szenarist Victor Gischler (der neben mehreren „Deadpool“- und „Punisher“-Geschichten auch einige hochgelobte, nicht ins Deutsche übersetzte Noirs schrieb) erzählt, ausgehend von Davide ‚Boosta‘ Dileos Erzählung „Il Tramontatore“, die Geschichte der beiden FBI-Ermittler Isaac Brew und Jayesh Mirchandani. Brew ist der typische schlecht gekleidete, sich schlecht benehmende Macho, der jede Frau anbaggert. Mirchandani ist Inder. Mit einem Turban. Sie wurden abgeschoben zu den ’seltsamen Fällen‘.
Jetzt wurden an der Route 5, an der Staatsgrenze zwischen Maine und Massachusetts, mehrere Leichen gefunden. Der erste Tatort, den sie sehen, sieht wie eine in das amerikanische Hinterland verpflanzte Brueghelsche Höllenvision mit einem Skelett, mehreren Enthaupteten und unzähligen Köpfen in verschiedenen Verwesungsstadion aus.
Dass das kein normaler Tatort ist, ist auf den ersten Blick klar.
Dass sie nicht gegen einen durchgeknallten Serienkiller, sondern gegen Vampire kämpfen, erfahren sie kurz darauf von Dusker (dessen Kampfmontur an eine demolierte Ritterrüstung erinnert) und seiner Gehilfin, zwei aus dem Nichts auftauchenden Helfern, die schon lange gegen die Vampire und andere Alptraumgestalten kämpfen und die jetzt alles für eine große Schlacht vorbereiten.
„Highway to Hell – Kopflos in die Hölle“ ist ein gezeichneter Grindhouse-Traum, in dem alles überlebensgroß ist. Vor allem die Gewalt, wenn auf doppelseitigen Panels die liebevoll-detailliert ausgebreiteten Eingeweide von Toten präsentiert werden oder über mehrere Seiten Menschen verzweifelt gegen Alptraumwesen kämpfen. Da braucht es kein reichhaltig gedecktes Vampirdinner (gibt es auch) oder ein Trio sprechender Köpfe, die in Duskers Schrank hängen. Subtil ist etwas anderes. Auch die Macho-Allüren von Brew sind so überdeutlich gezeichnet, dass sie nur noch als grobe Parodie einer Parodie taugen.
Und natürlich macht diese Autobahn in die Hölle, genossen im angemessenen Sicherheitsabstand, höllischen Spaß.
– Davide Dileo/Victor Gischler/Riccardo Burchielli/Francesco Mattina: Highway to Hell – Kopflos in die Hölle (übersetzt von Michael Bregel) Panini, 2015 148 Seiten
18,99 Euro
– Originalausgabe
Highway to Hell
Italien Job Studio 2014
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Solange Superheldencomics Kinderkram waren, die man nach der Pubertät nicht mehr anrührte (außer natürlich um die Hefte zu utopischen Summen als Sammlerstück zu kaufen oder zu verkaufen), stellte sich die Frage nach dem Geschlechtsverkehr, und wie er dargestellt werden kann, nicht. Superman, Batman undsoweiter haben zwar eine Freundin (will ja jeder Teenie haben), oft ist die Beziehung auch etwas problematisch (Soll ich sie ansprechen? Wenn ja: wie? Immerhin bin ich der kleine picklige Typ mit der Brille und nicht dieser andere Typ.), aber die Sache mit Heirat, Sex, Kinder kriegen und Familienvater sein (in dieser Reihenfolge) stand nie zur Debatte. Das änderte sich auch in den letzten Jahren, als die Comics erwachsen wurden (wie man so sagt, wenn die Geschichten länger, komplexer und düsterer werden und die Geschichten immer stärker ethische und politische Fragen, die auch die Tagespolitik bestimmen, behandelen ohne alte Feindbilder platt zu wiederholen). Und dennoch: die Triebe des Helden konzentrierten sich auf die Verbrechensbekämpfung. So als sei Sex etwas aus einer anderen Dimension.
Nun, mit „Sex“ und „Sex Criminals“ wird auch an dem Sex-Tabu gerüttelt und das Ergebnis fällt, noch, ernüchternd aus. Denn beide Comics wirken, als ob die Macher einfach einige knallige Sexszenen in eine Standardsuperheldengeschichte einfügten und sich dann zufrieden zurücklehnten. Der Trick hat ja auch früher funktioniert, als man in einen banalen Film eine saftige Sexszene reinknallte, einen Skandal provozierte und utopische Einnahmen hatte.
In „Sex“ von Autor Joe Casey und Zeichner Piotr Kowalski kehrt Simon Cooke nach einer Auszeit in seine Heimatstadt Saturn City (yeah, Sin City, Gotham City, New York) zurück. Er ist Konzernchef (naja, irgendwie Bruce Wayne) und war früher der Kettenheilige, manchmal auch nur der Heilige (Batman) und auch bei ihm war die Verbrechensbekämpfung nicht sonderlich erfolgreich. Denn die Bösewichter sind immer noch da.
Und Cooke hat eine Freundin/Geliebte: Annabelle Lagravenese (aka „Schattenluchs“), die als Bordellchefin mit Escort-Service ihr Geld verdient, wenn sie nicht gerade im Catwoman-Stil über die Dächer springt.
Im ersten „Sex“-Sammelband versucht Simon Cooke mit seinem bürgerlichem Leben zurechtzukommen und alles das nachzuholen, was er als junger Superheld nicht tun konnte. Was vor allem die Sache mit den drei Buchstaben ist. Aber er zweifelt, ob er die richtige Entscheidung getroffen hat und natürlich hängt er immer noch an seiner ersten Liebe Annabelle.
Das ist dann, wenn wir im „Batman“-Kosmos bleiben, doch nur ein weiteres „Batman“-Abenteuer, aufgehübscht mit viel nackter Haut (keine Angst, vor allem die Bösewichter haben Sex) und daher ziemlich konventionell, aber durchaus gelungen, im bekannten Fahrwasser.
Bei „Sex Criminals“ von Autor Matt Fraction und Zeichner Chip Zdarsky, das 2014 den Eisner-Preis als Beste neue Serie erhielt, begeisterte mich dieser Satz aus dem Klappentext: „Also tun sie, was jedes vernünftige Paar tun würde, das die Welt einfrieren kann, wenn es Sex hat: Die beiden ziehen los und rauben eine Bank aus.“
Das tun Suzie und Jon auch. Immerhin steht die Zeit still, wenn sie einen Orgasmus haben und in dieser Zeit können sie, wie sie uns vor dem ersten Bankraub erzählen, ganz viele Dinge erledigen. Dummerweise haben noch andere Menschen diese Fähigkeit und schnell verfolgen einige engelsweiß eingekleidete Polizisten das Liebespaar.
Wie bei „Sex“ ist bei „Sex Criminals“, wenigstens im ersten Sammelband, die Sache mit dem Sex noch ein Gimmick, der der Geschichte keine umwerfend neue Dimension verleiht. Denn verbrecherische Superhelden gibt es schon einige und dass gute und böse Superhelden miteinander im Clinch liegen, ist jetzt auch nicht neu. Dass in „Sex Criminals“ dieser Kampf in eine andere Dimension verlegt wird – nun, ja, mal sehen, wie es weitergeht.
Aber vielleicht wäre ich als prüder Amerikaner auch schockierter über die nackten Tatsachen und, vor allem in „Sex“, dem respektlosen Spiel mit dem Superheldengenre. Wir Europäer sind da ja einiges gewohnt.
– Joe Casey (Autor)/Piotr Kowalski (Zeichner): Sex – Ein steifer Sommer (Band 1) (übersetzt von Marc-Oliver Frisch) Panini, 2014 160 Seiten
17,99 Euro
– Originalausgabe
The Summer of Hard
Image, 2013
(enthält Sex 1 – 8)
– Hinweise Image Comics über Joe Casey Wikipedia über Joe Casey