Neu im Kino/Filmkritik: „Breakthrough – Zurück ins Leben“ für die Faith-Based-Community

Mai 16, 2019

Natürlich kann Glaube in einem Film behandelt werden und natürlich kein ein solcher Film auch für Atheisten oder am Glauben vollkommen desinteressierte Menschen interessant sein. Der Film kann sogar ein Filmklassiker werden. Zum Beispiel Robert Bressons „Tagebuch eines Landpfarrers“, Ingmar Bergmans „Das siebente Siegel“, Pier Paolo Pasolinis „Das 1. Evangelium – Matthäus“, Martin Scorseses „Die letzte Versuchung Christi“ oder auch Mel Gibsons sehr umstrittene „Die Passion Christi“. In diesen Filmen wird der christliche Glaube in verschiedenen Facetten thematisiert. Die Figuren hadern mit sich, ihrem Glauben, Gott und der christlichen Botschaft, nach der sie bestimmte Dinge tun sollten, und ihrem Leben. Diese Filme stellen Fragen nach dem Sinn des Lebens.

Breakthrough – Zurück ins Leben“ tut das nicht. Er versucht es noch nicht einmal. Denn es handelt sich um einen glaubensbasierten Film (bzw. „faith-based movie“ oder „Christian Movie“). In den USA sind diese Filme ein kommerziell sehr erfolgreiches Marktsegment, das nur die Zuschauer im Bible Belt begeistern soll. Das Budget ist überschaubar. Bekannte Schauspieler, Autoren und Regisseure sind nicht involviert. Die Filme sind meistens in jeder Beziehung grottenschlecht. Bei uns in Deutschland laufen diese Filme fast nie im Kino und sie werden auch nur selten auf DVD veröffentlicht.

Warum das so ist, zeigt „Breakthrough – Zurück ins Leben“ fast schon exemplarisch. Und dabei gehört er dank des straffen Drehbuchs, der professionellen Regie und der engagierten Schauspieler noch zu den besseren Faith-based-Werken. Der Film erzählt die wahre Geschichte von John Smith aus Lake St. Louis, einem Vorort von St. Louis, Missouri. Der vierzehnjährige Junge bricht im Eis ein. Fünfzehn Minuten ist er unter Wasser. In der Notaufnahme wird später erfolglos versucht, ihn wiederzubeleben. Als Johns Adoptivmutter Joyce Smith ins Krankenhaus kommt, sagt der Arzt ihr, sie solle von John Abschied nehmen. Stattdessen beginnt Joyce Smith, aktives Mitglied einer Pfingstler-Gemeinde, Gott anzuflehen, ihren Sohn am Leben zu lassen. Ihr Gebet wird prompt erhört. Jetzt muss John nur noch aus dem Koma erwachen. Das geht, so erzählt uns der Film todernst, am Besten mit Gebeten.

Heute ist John wieder mopsfidel. Und seine Mutter schrieb ein Buch darüber, wie ihr Sohn von dem Tod zurückkehrte.

Das Problem des durchaus kompetent auf TV-Serienniveau gemachten Films (Roxann Dawson ist eine erfahrene TV-Serienregisseurin, Grant Nieporte schrieb „Sieben Leben“ und er hat seinen Syd Field gelesen, die Schauspieler stolpern nicht hilflos aus dem Bild) ist dabei nicht unbedingt seine Botschaft, sondern wie sie präsentiert wird und was für eine Art Glauben präsentiert wird. Präsentiert wird sie humorfrei und pathosgetränkt mit dem Holzhammer, der nur die eh schon Überzeugten in ihrer Meinung bestätigt.

Der christliche Glaube, der hier und in allen faith-based Movies, gezeigt wird, ist ein hoffnungslos naiver, kindischer Glaube. So fleht Joyce Smith Gott an, ihren Sohn vom Tod zurückzuholen und weil ihr Sohn überlebte, ist ihr Glauben gefestigt. Allerdings ist ihr Glaube rein zweckmäßig auf ein egoistisches Ziel ausgerichtet. Beim Tod ihres Sohnes hätte sie ohne zu Zögern von ihrem vorher wie eine Monstranz vor sich her getragenem Glauben abgeschworen. Schließlich hat Gott ihren Wunsch nicht erfüllt.

Es ist auch ein Glaube, der nicht reflektiert wird, über den nicht diskutiert wird und der auch keine rationalen Argumente für sich hat, sondern der nur überwältigen soll. Alles Gute wird auf Gottes Tun reduziert. Andere Erklärungen gibt es nicht oder sie werden in einem Nebensatz als idiotische Meinung eines Experten abgetan. So ist es, was auch ein Arzt im Film sagt, vollkommen normal, wenn eine im Koma liegende Person zuckt. Für Johns Mutter ist das kein Reflex, sondern eine von ihrem Sohn bewusst getätigte Bewegung.

Dieser primitive und von der Richtigkeit der eigenen Meinung überzeugte Laienglaube steht im Mittelpunkt von „Breakthrough“ (und auch anderen Faith-based Movies) und macht den Film zu einem Pamphlet, das noch nicht einmal zur Sonntagspredigt taugt.

Breakthrough – Zurück ins Leben (Breakthrough, USA 2019)

Regie: Roxann Dawson

Drehbuch: Grant Nieporte

LV: Joyce Smith: The Impossible: The Miraculous Story of a Mother’s Faith and Her Child’s Resurrection, 2017

mit Chrissy Metz, Josh Lucas, Topher Grace, Mike Colter, Marcel Ruiz, Sam Trammell, Dennis Haysbert

Länge: 117 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Breakthrough“

Metacritic über „Breakthrough“

Rotten Tomatoes übes „Breaktrough“

Wikipedie über „Breakthrough“

History vs. Hollywood über das Wunder – und warum es nicht auf die Richtigkeit von Fakten, sondern auf deren Interpretation ankommt erfahren wir in der nächsten Folge von…


Longlist für den Crime Cologne Award 2019 veröffentlicht

Mai 15, 2019

Am Mittwoch wurde die Longlist für den diesjährige Crime Cologne Award veröffentlicht. Folgende deutschsprachigen Kriminalromane sind aus Sicht der Jury preiswürdig:

»Der schlaflose Cheng« von Heinrich Steinfest (Piper Verlag)

»Der Turm der blauen Pferde« von Bernhard Jaumann (Galiani Verlag)

»Das Jahr der Katze« von Christoph Peters (Luchterhand Literaturverlag)

»Schmerzensgeld« von Michael Opoczynski (Benevento Verlag)

»Der dunkle Bote« von Alex Beer (Limes Verlag)

»Berlin Prepper« von Johannes Groschupf (Suhrkamp Verlag)

»Liebes Kind« von Romy Hausmann (dtv Verlag)

»Versuchung« von Florian Harms (Benevento Verlag)

»Die Einsamkeit der Schuldigen – Das Verlies« von Nienke Jos (Gmeiner Verlag)

»Sojus« von Martin von Arndt (Ars Vivendi Verlag)

»Der Würfel« von Bijan Moini (Atrium Verlag)

»Im Jahr der Finsternis« von I.L. Callis (Emons Verlag)

Die Jury besteht aus Mike Altwicker (Vorsitz, Buchhändler), Petra Pluwatsch (Journalistin), Marc Raabe (Autor), Birgitt Schippers (Journalistin) und Margarete von Schwarzkopf (Kritikerin).

Die Verleihung des mit 3.000 Euro dotierten Preises ist am 22. September während der Eröffnungsgala des Krimifestivals.

Die Crime Cologne findet vom 23. bis 29. September in Köln statt. Der Vorverkauf startet am 29. Mai.

Alle weiteren Informationen auf der Festivalhomepage.

Einige bekannte Namen, einige noch nicht so bekannte Namen und „Schmerzensgeld“ (klingt nach der deutschen Version von „Leverage“) und „Berlin Prepper“ (Berlin!) liegen auf meinem Zu-Lesen-Stapel.


TV-Tipp für den 16. Mai: Das #tvDuell zur Europawahl

Mai 15, 2019

ZDF, 20.15

Das #tvDuell zur Europawahl

Das Duell in Spielfilmlänge: in der linken Ecke Manfred Weber (CSU, Europäische Volkspartei), in der anderen Frans Timmermans (Europäische Sozialdemokraten). Welcher Spitzenkandidat wirbt überzeugender für die Europäische Union?

Um 22.15 Uhr treten dann die Spitzenkandidatinnen von Linken, Grünen, FDP und AfD gegeneinander an. Eine Stunde lang sprechen Özlem Demirel (Die Linke), Ska Keller (Bündnis 90/Die Grünen), Nicola Beer (FDP) und Jörg Meuthen (AfD) über ihre Ideen für die EU.

Mehr Infos zu diesen Sendungen

 


Tito Topin meint „Tanzt! Singt! Morgen wird es schlechter“

Mai 15, 2019

In naher Zukunft wurde Frankreich zu einem Gottesstaat, weil – und diese unglaubwürdige Prämisse muss man einfach akzeptieren – die monotheistischen Religionen sich gegen die Ungläubigen zusammenschlossen. Zuerst gab es Umerziehungslager. Aber als auch in ihnen nicht alle Gottlosen bekehrt werden konnten, begannen die religiösen Regierungen die Atheisten zu verfolgen. Inzwischen gibt es nur noch wenige Zufluchtsorte.

Der Journalist Boris hat es sich mit den neuen Machthabern gründlich verscherzt, weil er in einer Reportage einen Bischof der Pädophilie beschuldigt hat. Auf seiner Flucht von Frankreich nach Spanien nimmt er, zur Tarnung, die schwangere Anissa mit.

Später stoßen noch seine Ex-Freundin Soledad, bei der sie kurz untertauchen konnten, und der alte Bankräuber Pablo, dessen Auto sie klauen, zu ihnen.

Dieses Quartett wird von der Polizistin Gladys Le Querrec, einer anderen Ex-Freundin von Boris, und Abdelmalec Chaambi, einem von den religiösen Oberhäuptern beauftragten Killer, nach Lissabon verfolgt.

Mit Fluchtgeschichten hat Tito Topin seine Erfahrung. Er wurde 1932 in Casablanca geboren, emigrierte nach Brasilien, kehrte 1962 zurück und zog 1966 nach Paris. Dort arbeitete er als Illustrator und Autor. Sein erster Kriminalroman erschien 1982 bei Gallimard in der Série Noire. Damit dürfte schon klar sein, wo seine literarischen Vorbilder zu suchen sind. Er schrieb auch Drehbücher, vor allem für TV-Filme und Serien, und er erfand die TV-Serie „Navarro“ (Kommissar Navarro). In Frankreich ein langlebiger Hit. In Deutschland wurden in den Neunzigern einige Folgen von ProSieben gezeigt und von kabel eins wiederholt.

Er schrieb auch den Noir „Exodus aus Libyen“ (Libyan Exodus, 2013) über eine während des Bürgerkriegs auf ihrer Flucht aus dem nordafrikanischen Staat zusammengewürfelte Gruppe.

Sein neuester Roman „Tanzt! Singt! Morgen wird es schlechter“ variiert auf den ersten Blick diese Geschichte. Mit einem anderen Ziel der Flucht. Seine Figuren stammen aus der gut etablierten Welt des Polar, der französischen Version des US-amerikanischen Hardboiled-Krimis und des Film Noir. Sie wirken daher auch etwas aus der Zeit gefallen. Das ist nämlich näher bei Ross Thomas und Jean-Patrick Manchette, als bei der Gegenwart.

Und die Idee eines katholischen Gottesstaates ist angesichts der rapide schwindenden Mitgliederzahlen der christlichen Kirchen doch etwas utopisch.

Das gesagt, ist „Tanzt! Sing!“ ein flott zu lesender Polar, der wohlige Erinnerungen an die Zeiten weckt, als harte Männer böse Dinge taten, lässig noch bösere Bösewichter besiegten und selbstverständlich jede Frau bekamen. Es sind die flott geschriebenen pulpigen Abenteuergeschichten der sechziger, siebziger und auch noch achtziger Jahre, die man heute noch vereinzelt in Antiquariaten findet und die eine wunderschön-entspannte Retro-Lektüre sind.

Außerdem ist Tito Topin inzwischen in dem Alter, in dem von einem Künstler nicht mehr jugendliche Revolten, sondern ein gesittetes Alterswerk erwartet wird. Ein Buch halt, das noch einmal alle Themen der vorherigen Werke quasi archivarisch bündelt, während der Held an Altersgebrechen leidet und sich an seine Vergangenheit erinnert. So ein sentimentaler Schmonz interessiert Topin nicht. Sein Roman ist wie ein Punksong; auch von der Länge. Sein Held ist Mitte Dreißig. Sein Kampfgeist ist ungebrochen. Denn sein Leben liegt noch vor ihm. Und das will er nicht in einem Gottesstaat verbringen.

Tito Topin: Tanzt! Singt! Morgen wird es schlechter

(übersetzt von Katarina Grän)

Distel Literaturverlag, 2018

192 Seiten

14,80 Euro

Originalausgabe

L’exil des mécréants

SL Publications, Paris, 2017

Hinweise

Homepage von Tito Topin

Distel Literaturverlag über Tito Topin

Wikipedia über Tito Topin

Perlentaucher über Tito Topin

Meine Besprechung von Tito Topins „Exodus aus Libyen“ (Libyan Exodus, 2013)

Meine Besprechung von Tito Topins „Fieber in Casablanca“ (55 de fièvre, 1983)


TV-Tipp für den 15. Mai: Julieta

Mai 15, 2019

Arte, 20.15

Julieta (Julieta, Spanien 2016)

Regie: Pedro Almodóvar

Drehbuch: Pedro Almodóvar

LV: Alice Munro: Runaway, 2004 (Tricks)

Als Julieta in Madrid zufällig eine Jugendfreundin ihrer Tochter, die vor zwölf Jahren gruß- und spurlos aus ihrem Leben verschwand, trifft, erinnert sie sich an ihr Leben und die Entscheidungen, die sie getroffen hat.

Ruhiges, komplexes Drama von Almodóvar, das er bescheiden eine Hommage an die Literaturnobelpreisträgerin Alice Munro nennt. Die Grundlage für Julietas Geschichte sind die in „Tricks“ veröffentlichten Erzählungen „Entscheidung“, „Bald“ und „Schweigen“.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Emma Suárez, Adriana Ugarte, Daniel Grao, Inma Cuesta, Darío Grandinetti, Rossy de Palma, Michelle Jenner, Pilar Castro

Die Vorlage

Munro - Tricks - Taschenbuch

Alice Munro: Tricks – Acht Erzählungen

(übersetzt von Heidi Zerning)

Fischer Taschenbuch Verlag

384 Seiten

9,95 Euro (Taschenbuch)

21,99 Euro (gebundene Ausgabe)

Deutsche Erstausgabe

Fischer, 2006

Originalausgabe

Runaway

Alfred A. Knopf, 2004

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Spanische Homepage zum Film

Moviepilot über „Julieta“

Metacritic über „Julieta“

Rotten Tomatoes über „Julieta“

Wikipedia über „Julieta“ (englisch, spanisch) und Alice Munro (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Pedro Almodóvars „Fliegende Liebende“ (Los amates Pasajeros, Spanien 2013)

Meine Besprechung von Pedro Almodóvars „Julieta“ (Julieta, Spanien 2016)

Pedro Almodóvar in der Kriminalakte


Cover der Woche

Mai 14, 2019


TV-Tipp für den 14. Mai: Rocker

Mai 13, 2019

3sat, 22.25

Rocker (Deutschland 1972)

Regie: Klaus Lemke

Drehbuch: Klaus Lemke

Als Rocker Gerd aus dem Knast entlassen wird, hat seine Freundin ihn verlassen. Sie ist jetzt mit dem Kleinkriminellen Ulf zusammen. Der hat gerade ein Auto geklaut und Probleme beim Finden eines Käufers.

Und schon sind wir mitten drin im Hamburger Kiezleben, das Klaus Lemke mit Laiendarstellern, Improvisationen und Feeling inszenierte. „Rocker“ ist ein in Hamburg immer wieder gern gezeigter Kultfilm.

mit Hans-Jürgen Modschiedler, Gerd Kruskopf, Paul Lys, Marianne Mim

Hinweise

Filmportal über „Rocker“

Wikipedia über „Rocker“


Neu im Kino/Filmkritik: „Stan & Ollie“ auf großer Tour durch England

Mai 13, 2019

Obwohl ihre Filme nicht mehr so oft im Fernsehen laufen, sind Stan Laurel und Oliver Hardy immer noch bekannt. Auch wenn man in Deutschland das Komikerduo lange Zeit vor allem als „Dick & Doof“ kannte und damit die Qualität ihrer Sketche konsequent auf Blödelniveau hinuntersanierte. Bis auf ein, zwei Ausnahmen entstanden ihre Filme zwischen 1927 und 1945.

1953 war ihre große Zeit als Hollywood-Duo vorbei. Die Wiederentdeckung im Fernsehen lag noch in der Zukunft. Stan Laurel (Steve Coogan) kann seinen früheren Arbeitskollegen Oliver Hardy (John C. Reilly), mit dem er sich vor Jahren verkrachte, überreden, eine Theatertour durch England zu machen. Dabei kann er mit den Finanziers für einen neuen Laurel-und-Hardy-Film sprechen. Und beide könnten ihre klammen Finanzen aufbessern.

Jon S. Baird („Drecksau“) erzählt, nach einem Drehbuch von Jeff Pope („Philomena“), die Geschichte dieser Tour und wie aus den Arbeitskollegen Freunde werden. Und es gibt einige immer noch vergnügliche Sketche von Laurel und Hardy, die hier von Steve Coogan und John C. Reilly mit einem beeindruckendem Timing präsentiert werden.

Dazwischen bemühen sich die beiden, wieder ihr Publikum zu erreichen. Stan Laurel ist die kreative Kraft des Duos, die an den Sketchen feilt und das Geld für einen Film auftreiben will. Oliver Hardy der gesundheitlich schwer angeschlagene Lebemann. Beide sind sie, einzeln und als Duo, Schnee von Gestern. Am Anfang sind in dem kleinen Provinztheater, in dem sie auftreten, die meisten Plätze frei und das Hotel, in dem sie übernachten sollen, ist eine billige Absteige. Nachdem sie während der Tour kräftig die Werbetrommel rühren, werden die Säle voller und größer.

Baird erzählt das betont altmodisch und sich dabei auf die Chemie zwischen Coogan und Reilly und die Laurel-und-Hardy-Sketche verlassend. Das so entstehende Tourtagebuch ist ein sehr vergnügliches Biopic mit etlichen garantierten Lachern und etwas Sentiment.

Stan & Ollie (Stan & Ollie, Großbritannien/Kanada/USA 2018)

Regie: Jon S. Baird

Drehbuch: Jeff Pope

LV (Inspiration): A.J. Marriot: Laurel and Hardy – The British Tours, 1993

mit Steve Coogan, John C. Reilly, Nina Arianda, Shirley Henderson, Danny Huston, Rufus Jones

Länge: 99 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Stan & Ollie“

Metacritic über „Stan & Ollie“

Rotten Tomatoes über „Stan & Ollie“

Wikipedia über „Stan & Ollie

Meine Besprechung von Jon S. Bairds „Drecksau“ (Filth, Großbritannien 2013 – mit weiteren Videoclips) und der DVD

Und ein bekannter Film von und mit Stan Laurel und Oliver Hardy


Neu im Kino/Filmkritik: „Ray & Liz“, ein wundervolles Paar

Mai 13, 2019

Es gibt Feelgood-Filme.

Es gibt Feelbad-Filme.

Und dann gibt es noch „Ray & Liz“, ein Film, der ungefähr so vergnüglich wie eine Wurzelbehandlung ohne Betäubung ist.

Richard Billingham, der bereits als Fotograf Preise erhielt und für den Turner-Preis nominiert war, erzählt in seinem Spielfilmdebüt die Geschichte seiner Kindheit und die seiner Eltern. Sie waren auch die Motive seiner ersten hochgelobten Bilder und Doku-Videos.

Dabei ist „Ray & Liz“ nicht offensichtlich platt autobiographisch, wie man es von anderen Erstlingswerken kennt, in denen die Debütanten ihre Geschichte und ihre Probleme mit sich, der Welt und ihren Eltern aufschreiben und sich als den Mittelpunkt der Welt sehen.

Im Gegenteil. Wenn man nicht wüsste, dass Billingham Szenen aus dem Leben seiner Eltern in den späten siebziger und achtziger Jahren, als er ein Kind war, und der Gegenwart nachinszeniert, würde man sie für dystopische Visionen aus einem anderen England halten. Ein England, das vollkommen aus der Zeit gefallen ist und aussieht, als habe man noch nicht den Schutt vom letzten Krieg weggeräumt. Nicht den vom II., sondern den vom I. Weltkrieg.

Es sind quälend langer Szenen aus einem deprimierendem Milieu. Es ist die untere Arbeiterklasse, die den Konsum von Alkohol für Bildung hält. Ray, Richard Billinghams Vater, hat eine Abfindung erhalten, die er in Alkohol umsetzt. Seine Frau Liz sitzt vor allem am Tisch, wo sie puzzelt und näht. Ob sie jemals etwas davon fertigstellt, wissen wir nicht. Sie raucht, schweigt und ist der fleischgewordene Inbegriff schlechter Laune. Ihre mütterliche Fürsorge besteht darin, ihre Kinder meistens nicht zu beachten. Den Alkoholvorrat bewacht sie dagegen mit Argusaugen.

In einer Rahmenhandlung begegnen wir einem älteren Ray, der immer noch billigen Schnaps in rauen Mengen trinkt und niemals sein Zimmer verlässt. Schließlich ist erhält er problemlos seine tägliche Dosis Fusel.

Billingham gestaltet diese Szenen wie detailgenaue Fotografien. Er beobachtet. Er erklärt nichts. Er verurteilt sie nicht. Er entschuldigt auch nichts. Er bemüht sich auch nicht, seine Figuren sympathisch zu gestalten. Und gerade das macht „Ray & Liz“ so großartig als absolut unsentimentaler Blick in das Leben in Armut, die hier keinen Glamour hat. Die Armen sind auch keine besseren Menschen. Sie sind Trinker. In jungen Jahren funktionierende Trinker. Später nur noch Trinker.

Ray & Liz“ ist ein wichtiger und sehenswerter Film. Als Filmkunst. Es ist auch ein Film, der nur wenige Zuschauer finden wird.

Daran ändern die Preise, die das Drama bis jetzt erhielt, nichts. „Ray & Liz“ erhielt unter anderem in Locarno den Spezialpreis der Jury und bei den British Independent Film Awards 2018 den Douglas Hickox Award (Best Debut Director).

Ray & Liz (Ray & Liz, Großbritannien 2018)

Regie: Richard Billingham

Drehbuch: Richard Billingham

mit Ella Smith, Justin Salinger, Patrick Romer, Deirdre Kelly, Tony Way, Sam Gittins, Joshua Millard-Lloyd

Länge: 108 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Ray & Liz“

Metacritic über „Ray & Liz“

Rotten Tomatoes über „Ray & Liz“

Wikipedia über „Ray & Liz“


Neu im Kino/Filmkritik: „Master Z: The Ip Man Legacy“: Mit den Fäusten gegen die bösen Jungs kämpfen

Mai 13, 2019

Wing-Chun-Meister Cheung Tin Chi (Max Zhang), der in „Ip Man 3“ von dem titelgebenden Ip Man besiegt wurde, lebt inzwischen mit seinem Sohn ein ruhiges und unauffälliges Leben als Besitzer eines kleinen Ladens in Hongkong. Eines Tages rettet er die junge Julia (Liu Yang) vor einigen Schlägern und schon ist er mitten im Krieg mit den Triaden. In ihnen tobt ein Machtkampf über das neue Geschäftsfeld Drogenhandel.

Als die Verbrecher ihn, seine Familie und Freunde angreifen, muss er wieder zu dem Kämpfer werden, der er früher war.

Master Z: The Ip Man Legacy“ ist ein von den Machern der erfolgreichen „Ip Man“-Filme produziertes Spin-off, das eine so lose Verbindung zur „Ip Man“-Geschichte hat, dass man sie getrost vernachlässigen kann.

Auch die Filmgeschichte kann man vernachlässigen. Sie dient vor allem dazu, die verschiedenen Kampfszenen sinnvoll miteinander zu verbinden, ohne die Zuschauer und Schauspieler zu überfordern. Das gelingt der altbekannten, niemals innovativen oder überraschenden B-Movie-Geschichte mit ihrer simplen Moral und den schablonenartigen Figuren gut. Sie führt sinnvoll und ohne die Intelligenz des Zuschauer zu beleidigen von Kampfszene zu Kampfszene.

Im Mittelpunkt stehen nämlich die atemberaubend choreographierten Kämpfe und, ziemlich ein Anfang des Films, ein sich über mehrere Stockwerke auf der Bar Street entwickelnder, atemberaubender Tanz auf Drahtseilen, Balkonen und Leuchtreklamen. Dafür verantwortlich ist Regisseur Yuen Woo-Ping, der seit den frühen siebziger Jahren Actionszenen choreographiert und Regie führt. Seine bekanntesten Arbeiten waren für Hollywood in den „Matrix“-Filmen und in „Kill Bill“.

Dave Bautista, der den englischen Geschäftsmann Owen Davidson spielt, ist vor allem das Gesicht aus Hollywood, das dem Film eine internationale Verwertung sichern soll. Viel mehr hat er in „Master Z“, auch wenn er im Finale seine Muskeln spielen lässt, nicht zu tun.

Für Martial-Arts-Fans ist „Master Z: The Ip Man Legacy“ einen Kinobesuch wert.

Master Z: The Ip Man Legacy (葉問外傳:張天志, Hongkong 2018)

Regie: Yuen Woo-Ping

Drehbuch: Edmond Wong, Chan Tai Lee

Mit Max Zhang, Dave Bautista, Michelle Yeoh, Tony Jaa, Yan Liu

Länge: 107 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Master Z: The Ip Man Legacy“

Metacritic über „Master Z: The Ip Man Legacy“

Rotten Tomatoes über „Master Z: The Ip Man Legacy“

Wikipedia über „Master Z: The Ip Man Legacy


TV-Tipp für den 13. Mai: Die Taschendiebin

Mai 13, 2019

Arte, 22.00

Die Taschendiebin (The Handmaiden, Südkorea 2016)

Regie: Park Chan-wook

Drehbuch: Seo-kyeong Jeong, Park Chan-wook

LV: Sarah Waters: Fingersmith, 2002 (Solange du lügst)

In dem ruhig erzählten Krimidrama „Die Taschendiebin“ mit einige erzählerischen Finessen erzählt Park Chan-wook in wunderschönen Bildern die Geschichte von dem jungen und naiven Dienstmädchen Sookee, das im Korea der dreißiger Jahre auf einem einsam gelegenem Anwesen Lady Hideko dienen soll. Sie lebt dort mit ihrem Onkel, der über eine große Bibliothek erotischer Bücher verfügt, die er in besonderen Lesungen meistbietend verkauft.

Sookee ist allerdings kein normales Dienstmädchen, sondern eine Betrügerin die alles für Graf Fujiwara vorbereiten soll. Der Graf will Lady Hideko verführen, heiraten und um ihr Vermögen bringen. Aber auch Sookee verliebt sich in die Hausherrin.

mit Kim Min-hee, Kim Tae-ri, Ha Jung-woo, Cho Jin-woong, Kim Hae-sook, Moon So-ri

Hinweise

Moviepilot über „Die Taschendiebin“

Metacritic über „Die Taschendiebin“

Rotten Tomatoes über „Die Taschendiebin“

Wikipedia über „Die Taschendiebin“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Park Chan-wooks “Stoker” (Stoker, USA 2012)

Meine Besprechung von Park Chan-wooks „Die Taschendiebin“ (The Handmaiden, Südkorea 2016)


TV-Tipp für den 12. Mai: Three Burials – Die drei Begräbnisse des Melquiades Estrada

Mai 11, 2019

Arte, 20.15

Die drei Begräbnisse des Melquiades Estrada (Three Burials of Melquiades Estrada, USA/Frankreich 2005)

Regie: Tommy Lee Jones

Drehbuch: Guillermo Arriaga

Ein junger Grenzpolizist erschießt irrtümlich den Rancharbeiter Melquiades Estrada. Sein bester Freund, der Vorarbeiter Pete Perkins, will Estradas letzten Wunsch, eine Beerdigung in seiner Heimat Mexiko, erfüllen. Weil die Polizei sich nicht für den Tod eines Illegalen interessiert und Perkins altmodische Vorstellung von Moral und Ehre hat, entführt er den Todesschützen und begibt sich mit ihm und der Leiche auf den Weg zu Estradas Heimatdorf.

Toller noirischer Neo-Western, der leider nie richtig in unseren Kinos lief. In Cannes erhielten Tommy Lee Jones und Guillermo Arriaga die Preise für beste Regie und bestes Drehbuch. Außerdem erhielt „Die drei Begräbnisse des Melquides Estrada“ den Bronze Wrangler der Western Heritage Awards als bester Kinofilm.

Der Film ist Tommy Lee Jones’ erster Kinofilm. 2014 folgte der Western „The Homesman“.

mit Tommy Lee Jones, Barry Pepper, Julio César Cedillo, Dwight Yoakam, January Jones, Melissa Leo, Levon Helm, Guillermo Arriaga

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Rotten Tomatoes über “Die drei Begräbnisse des Melquiades Estrada”

Wikipedia über „Die drei Begräbnisse des Melquiades Estrada“ (deutsch, englisch)

Unionsverlag über Guillermo Arriaga

Meine Besprechung von Tommy Lee Jones‘ „The Homesman“ (The Homesman, USA 2014)


TV-Tipp für den 11. Mai: State of Play – Stand der Dinge

Mai 10, 2019

Servus TV, 20.15

State of Play – Der Stand der Dinge (State of Play, USA/Großbritannien 2009)

Regie: Kevin Macdonald

Drehbuch: Matthew Michael Carnahan, Tony Gilroy, Billy Ray (nach der gleichnamigen TV-Serie von Paul Abbott)

In Washington, D. C., verunglückt die sehr junge Mitarbeiterin eines Kongressabgeordneten tödlich in der U-Bahn. Zur gleichen Zeit wird ein Kleindealer von einem Killer erschossen. „Washington Globe“-Reporter Cal McAffrey beginnt zu recherchieren.

Auf de Insel war der spannende Sechsteiler „State of Play“ von „Cracker“-Autor Paul Abbott, der bei uns eher unter Ausschluss der Öffentlichkeit als „Mord auf Seite 1“ auf Arte lief (und mal wiederholte werden könnte), ein Riesenerfolg. Natürlich interessierte Hollywood sich für ein Remake. Die guten Politthriller-Autoren Carnahan, Gilroy und Ray machten aus der Vorlage einen hochkarätig besetzten Paranoia-Thriller, der natürlich nie die Komplexität des Originals erreicht und eigentlich perfekte Unterhaltung wäre, wenn Russell Crowe nicht wie der Mann aus den Bergen aussehen würde. Aber anscheinend konnte Hollywood sich 2009 einen investigativen Journalisten nur noch als verspätetes Hippie-Modell aus den Siebzigern vorstellen.

Da waren Robert Redford, Dustin Hoffman, Warren Beatty (okay, die hatten zeitgenössisch ziemlich lange Matten) und John Simm (der Original McAffrey) besser frisiert.

Die Kritiker (vulgo Journalisten) waren von der okayen Kinoversion der BBC-Miniserie begeistert.

mit Russell Crowe, Ben Affleck, Rachel McAdams, Helen Mirren, Robin Wrigth Penn, Jason Bateman, Jeff Daniels, Viola Davis

Wiederholung: Sonntag, 12. Mai, 00.25 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „State of Play“

Wikipedia über „State of Play“ (deutsch, englisch)

Tony Macklin vergleicht Original und Kopie (und hält das Original für etwas besser)

Meine Besprechung von David Yates‘ TV-Serie „State of Play – Mord auf Seite Eins (State of Play, Großbritannien 2003, nach einem Buch von Paul Abbott)

Mene Besprechung von Kevin Macdonalds „Black Sea“ (Black Sea, USA/Großbritannien/Russland 2014)

 


Gratis-Comic-Tag, Runde 10 am Samstag – und noch mehr Comics in Berlin

Mai 10, 2019

Morgen, am Samstag, den 11. Mai, ist es wieder soweit. Der Gratis-Comic-Tag lädt Comic-Fans (nicht nur die pickeligen Nerds, sondern auch Kinder, ihre Eltern, Großeltern, Erwachsene, Fans aller möglichen Genres und einfach nur Neugierige) ein, in einem von bundesweit vierhundertfünfzig Geschäften in den Comics zu stöbern und kostenlose Comics mitzunehmen. Dieses Jahr gibt es 34 verschiedene Gratis-Comics. Insgesamt wurden über 600.000 Hefte gedruckt. Beim ersten Gratis-Comic-Tag waren es 170.000 speziell für diesen Tag gedruckte Hefte, in denen Verlage manchmal ein ganzes Comicalbum, manchmal nur einige Seiten aus einem Comic (das ist dann nicht so spannend), manchmal eine oder mehrere Einzelgeschichten und manchmal sogar eine speziell für diesen Tag geschriebene und gezeichnete Geschichte veröffentlichen.

So präsentiert Schreiber & Leser mit „Bouncer“ und „Ghost Money“ jeweils das erste Album. „Bouncer“ ist ein düsterer Western von Alejandro Jodorowsky, der deutlich konventioneller als seine psychedelischen Kino-Meisterwerke („El Topo“, „Montana Sacra – Der heilige Berg“) ist. Es geht um Rache und die Suche nach einem riesigen Diamanten

Ghost Money: Die Dame aus Dubai (Band 1)“ von Thierry Smolderen und Dominique Bertail ist in Frankreich bereits 2008 erschienen. Das ergibt jetzt eine interessante Meta-Ebene, weil die Geschichte 2024, also demnächst, spielt und sie sich ausdrücklich auf 9/11 bezieht. US-Geheimdienste suchen immer noch nach dem Geld von Al-Kaida und die schöne, vermögende, geheimnisvolle Chamza scheint der Schlüssel dazu zu sein. Da will man unbedingt wissen, wie es weitergeht.

Andere Hefte sind vom Carlsen Verlag, Cross Cult, Egmont, Panini Comics, Reprodukt, Splitter Verlag, Kazé Manga, dani books, Kult Comics, Dantes Verlag, Plem Plem Productions, Weissblech Comics, TheNextArt und Tokyopop. Einige Verlage sind seit dem ersten deutschen Gratis-Comic-Tag dabei, andere sind später dazugestoßen.

Sieben Comichefte sind speziell für Kinder. Die restlichen 27 Hefte richten sich an ein älteres Publikum. Es gibt Geschichten mit teils seit Jahrzehnten bekannten Figuren. Zum Beispiel eine neue „Werner“-Geschichte. „Donald Duck“ (bei den Kindern), „Lucky Luke“ (das komplette „Hommage 2 – Jolly Jumper antwortet nicht“-Album), „Spider-Man“, „Conan“ und „Captain Berlin“ (Yeah, Lokalpatriotismus) sind ebenfalls alte Bekannte.

Zu den neueren Namen gehören Olivia Viewegs in Deutschland spielende, inzwischen verfilmte Zombie-Apokalypse „Endzeit“, Warren Ellis‘ pulpige Abenteuergeschichte „Simon Spector: Apparat“, Régis Hautières „Der Krieg der Knirpse 1: Das Haus der Findelkinder“ (ebenfalls der gesamte erste Band) und Greg Ruckas in der Zukunft spielende Thrillerserie „Lazarus“ (dito).

Außerdem ist der asiatische Raum mit mehreren Comics und Mangas, die unbekümmert die verschiedensten Genres vermischen, vertreten. Es gibt die Cyberpunk-Geschichte „Ex-Arm“ von HiRock und Shinya Komi, Tsuyoshi Takakis in Frankreich beliebten Fantasy-Horror „Black Torch“, den Westernspaß „Renjoh Desperado“ von Ahndongshik und Jimmy Liaos Bilderbuch für Erwachsene „Reiche der Fantasie“.

Neben den Gratis-Comic-Heften haben einige Comicläden noch ein Programm organisiert. Details dazu gibt es hier.

Außerdem geibt es in Berlin am Samstag und Sonntag im Museum für Kommunikation die ComicInvasionBerlin.


TV-Tipp für den 10. Mai: Das Kaninchen bin ich

Mai 9, 2019

3sat, 23.00

Das Kaninchen bin ich (DDR 1965)

Regie: Kurt Maetzig

Drehbuch: Kurt Maetzig, Manfred Bieler

LV: Manfred Bieler: Maria Morzeck oder Das Kaninchen bin ic, 1969 (Biederstein-Verlag, Müncheh; unklar, ob es bereits früher in der DDR veröffentlicht wurde)

Die 19-jährige Maria, die gerne studieren würde, muss kellnern. Denn ihr Bruder wurde kurz nach dem Bau der Berliner Mauer wegen ’staatsfeindlicher Hetze‘ verurteilt. Dann verliebt sie sich in den verheirateten Richter, der ihren Bruder verurteilte.

Und noch ein DDR-Film, der damals direkt ins Regal gestellt wurde. Die Uraufführung war am 23. November 1989 in Berlin im Kino International. 1990 wurde Kurt Maetzigs kritische Auseinandersetzung mit der DDR-Realität im Kino gezeigt. „Auch heute noch besticht er trotz einer gewissen formalen Konventionalität durch seine ausgezeichneten Darsteller.“ (Fischer Film Almanach 1991)

Mit Angelika Waller, Alfred Müller, Irma Münch, Ilse Voigt, Wolfgang Winkler

Hinweise

Filmportal über „Das Kaninchen bin ich“

Wikipedia über „Das Kaninchen bin ich“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: „Glam Girls – Hinreißend verdorben“ diese Mädels

Mai 9, 2019

Die eine sieht gut aus. Die andere nicht. Die eine ist schlau. Die andere nicht. Die eine ist ein Profi. Die andere nicht. Aber Josephine Chesterfield (Anne Hathaway) entdeckt sofort das Potential, das Penny Rust (Rebel Wilson) als Trickbetrügerin hat.

An der französischen Riviera nimmt sie die laute, großmäulige Penny unter ihre Fuchtel. Zuerst bringt sie ihr Manieren bei. Später streiten sie sich und sie schließen eine Wette ab: wer als erste von ihrem nächstem Opfer eine halbe Million erschwindelt, darf in der Stadt bleiben. Die andere verlässt die Stadt.

Ihr spontan ausgewähltes Opfer ist ein junger Internet-Millionär (Alex Sharp), der noch grün hinter den Ohren ist.

Der deutsche Titel deutet es schon an: „Glam Girls – Hinreißend verdorben“ ist „Zwei hinreißend verdorbene Schurken“ (Dirty rotten Scoundrels, 1988) mit vertauschten Geschlechtern. Damals spielten Michael Caine und Steve Martin die Gauner. Der Film ist ein Remake von „Zwei erfolgreiche Verführer“ (Bedtime Story, 1964) mit David Niven und Marlon Brando. Die anspruchslose Komödie gehört zu den vergessenen Filmen von Brando.

In „Glam Girls“ dürfen jetzt also Frauen Männer ausnehmen. Eine besonders neue Idee ist das nicht. In den vergangenen Jahren hat man Frauen als erfolgreiche Trickbetrügerinnen schon öfter gesehen. Letztes Jahr lief, ebenfalls mit Anne Hathaway, „Ocean’s 8“ im Kino. In den TV-Serien „Hustle – Unehrlich währt am längsten“ (2004 – 2012) und „Leverage“ (2008 – 2012), in denen Gauner noch größere Gauner ausnehmen, gehören Trickbetrügerinnen zum Team und ihr Können war essentiell wichtig für das Gelingen der Betrügereien. Diese klugen Frauen waren auch deutlich emanzipierter als die „Glam Girls“.

Denn alles in Chris Addisons in jeder Beziehung vorhersehbarer Komödie scheint direkt aus den muffigen fünfziger Jahren zu kommen. Nur dass jetzt nicht die Frauen intelligenzbefreite Wesen sind, denen Männer Schmuck umhängen, sondern dass alle Männer Trottel sind, die beim Anblick einer Frau noch dümmer werden. Spitzer Humor, treffsichere Pointen und irgendeine Spur von Ambitionen fehlen durchgehend.

Das ist Dienst nach Vorschrift, der mit dem geringstmöglichen Einsatz von Mitteln eine schwarze Null schreiben will. Bei einem Budget von 18 Millionen Dollar dürfte das auch locker gelingen.

Während des Films fragte ich mich die ganze Zeit, was eine glänzend aufgelegte Melissa McCarthy wohl aus Penny gemacht hätte? Rebel Wilson ist dagegen nur ein zahmer Abklatsch. Anne Hathaway kann auch in der deutschen Fassung bezaubernd gickeln. Eine wirkliche Chemie ist zwischen beiden nicht spürbar. Das liegt allerdings weniger an ihnen, sondern an dem schwachen Drehbuch. Die Männer sind austauschbare Staffage. Die einzige nennenswerte dritte Frauenrolle ebenso.

Glam Girls“ ist bestenfalls anspruchslose Unterhaltung mit Postkartenbildern von schönen Menschen in einer schönen Umgebung, die niemand wehtut, nicht zum Nachdenken anregt und keinerlei aktuelle Relevanz hat. Es ist einer dieser Filme, die man sich an einem verregneten Nachmittag im Halbschlaf ansieht, weil man zu faul ist, den Kanal zu wechseln.

Glam Girls – Hinreisend verdorben (The Hustle, USA 2019)

Regie: Chris Addison

Drehbuch: Jac Schaeffer, Stanley Shapiro, Paul Henning, Dale Launer

mit Rebel Wilson, Anne Hathaway, Alex Sharp, Casper Christensen, Ingrid Oliver, Nicholas Woodeson, Dean Norris, Timothy Simons, Hannah Waddingham

Länge: 94 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Glam Girls“

Metacritic über „Glam Girls“

Rotten Tomatoes über „Glam Girls“

Wikipedia über „Glam Girls“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 9. Mai: Spur der Steine

Mai 9, 2019

3sat, 22.25

Spur der Steine (DDR 1966)

Regie: Frank Beyer

Drehbuch: Karl Georg Engel, Frank Beyer

LV: Erik Neutsch: Spur der Steine, 1964

Ende der fünfziger Jahre auf einer Großbaustelle in der DDR-Provinz: der anarchistische Zimmermann und Anführer einer Brigade Hannes Balla (Manfred Krug) kriegt Ärger mit einem linientreuen Parteisekretär.

In der DDR verschwand der systemkritische Film schnell im Giftschrank. Im Gegensatz zu anderen ‚Regalfilmen‘ lief er allerdings im Sommer 1966 kurz und ziemlich erfolgreich im Kino. Nach organisierten Protesten wurde er aus den Kinos genommen und nicht mehr öffentlich gezeigt. Erst zur Wende wurde der Giftschrank geöffnet.1989 wurde „Spur der Steine“ in DDR-Kinos und ab dem 10. Mai 1990 auch in BRD-Kinos gezeigt.

Symptomatisch für den Zustand des deutschen Kinofilms ist es, dass einer der besten deutschen Filme, die 1990 in die Kinos der alten Bundesrepublik gelangten, ein DDR-Film von 1966 war. (…) Alles in allem erreicht Beyers Werktätigen-Film eine satirische Qualität, die ihn zu einem Meilenstein der DDR-Filmgeschichte macht.“ (Fischer Film Almanach 1991)

mit Manfred Krug, Krystyna Stypulkowská, Eberhard Esche, Johannes Wieke, Hans-Peter Minetti

Hinweise

Filmportal über „Spur der Steine“

Moviepilot über „Spur der Steine

Rotten Tomatoes über „Spur der Steine“

Wikipedia über „Spur der Steine“ (deutsch, englisch)


(Bald) Neu im Kino/Filmkritik: „Die Kinder der Utopie“ – nur am 15. Mai im Kino

Mai 8, 2019

Die große Kinoauswertung erfolgt am Mittwoch, den 15. Mai, in vielen deutschen Kinos und mit anschließenden Publikumsgesprächen über das Thema des Films.

Der Film selbst ist ein Nachtrag zu Hubertus Siegerts „Klassenleben“ (2005). In dem Dokumentarfilm erzählte er von einigen Schülern an der Fläming-Schule in Berlin-Schöneberg. Seit 1975 ist sie eine Integrationsschule. In ihr werden nichtbehinderte und behinderte Kinder gemeinsam unterrichtet. Nach dem Film hatte Siegert mit dem Thema abgeschlossen.

Dann entdeckte er einen Zeitungsartikel. In dem stand, dass einer der von ihm porträtierten Grundschüler einen wichtigen Nachwuchs-Wettbewerb für Musicaldarsteller gewonnen hatte. In dem Moment fragte Siegert sich, was aus den anderen Grundschülern, die er für „Klassenleben“ porträtierte, geworden ist und was sie rückblickend über ihre Jahre auf der Fläming-Schule denken.

Die Kinder der Utopie“ ist jetzt seine spielfilmlange Antwort. Er begleitet, zwölf Jahre nach den damaligen Dreharbeiten, Christian, Dennis, Johanna, Luca, Marvin und Natalie, die sechs Hauptfiguren aus „Klassenleben“, in ihrem Alltag. Er zeigt, wie einige Jugendliche heute leben. Sie studieren, sie sind in einer Ausbildung, sie arbeiten, sie planen ihre Zukunft und sind gleichzeitig unsicher über ihren weiteren Lebensweg. Und sie erinnern sich gerne an ihre Grundschulzeit. Sie sind sich alle einig, dass sie auf einer guten Schule waren und wahrscheinlich aufgrund dieser Schule toleranter sind.

Dabei bedient Siegert sich einer Reigen-Dramaturgie, die jedem seiner Protagonisten ausreichend Raum gibt. Erst am Ende treffen sie sich alle wieder.

Siegert erzählt das, als sympathisierender Beobachter und ohne kommentierenden Erzähler, feinfühlig und mit spürbarem Interesse an den jungen Menschen. Es gibt auch einige Ausschnitte aus „Klassenleben“.

Objektivierende Fakten, Fachmeinungen und Forschungsergebnisse werden nicht erwähnt. Damit kann anhand dieses Films nicht kundig über Inklusion gesprochen werden. Er ist sogar als Initialzündung für eine Diskussion kaum geeignet. Denn bei Bildung geht es nicht darum, ob die Schüler eine gute Zeit hatten, sondern darum, was sie gelernt haben und ob das sinnvoll und wichtig für ihr weiteres Leben und für die Gesellschaft ist. Es geht auch um die Frage, ob diese Ziele besser in einer Inklusionsschule oder in Regelschulen (also einer der Schulen, die die meisten Deutschen besucht haben und besuchen) erreicht werden kann.

Insofern ist „Die Kinder der Utopie“ ein „14 Jahre später“-Appendix zu „Klassenleben“, der ohne die Kenntnis von „Klassenleben“ etwas sinnfrei ist. Schließlich liest man bei einem Buch auch nicht nur den Epilog.

Die Kinder der Utopie (Deutschland 2019)

Regie: Hubertus Siegert

Drehbuch: Hubertus Siegert

Länge: 84 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film (umfangreich und mit den Kinos, die den Film zeigen)

Filmportal über „Die Kinder der Utopie“

Moviepilot über „Die Kinder der Utopie“

Meine Besprechung von Hubertus Siegerts „Beyond Punishment“ (Deutschland 2015)

Nachtrag: der Abend in Berlin:
Cineplex ADRIA Filmtheater, Filmbeginn 20.15 Uhr:
Gäste: Annette Frier (Schauspielerin), Christiane Wendt (Fläming-Schulleiterin), Denise Linke (Journalistin & Autorin)
Moderation: Susanne Bauer (Redaktionsleiterin „Krauthausen – face to face“)

Filmtheater am Friedrichshain, Filmbeginn 18.30 Uhr:
Gäste: Hubertus Siegert (Filmemacher), Svenja Hartmann (Publizistin), Jürgen Dusel (Bundesbehindertenbeauftragter), Jenny Lau (Schauspielerin, Theater RambaZamba)
Moderation: Gesa Ufer (Radio Eins)

Delphi LUX, Filmbeginn 19.30 Uhr:
Gäste (Saal 2 / mit Gebärdensprachdolmetschung): Kerstin Griese (Parl. Staatssekretärin, Bundesministerium für Arbeit und Soziales), Anne Gersdorff (Integrationsberaterin), Ina Döttinger (Bertelsmann Stiftung), Fred Ziebarth (ehem. Jugendpsychotherapeut an Fläming-Grundschule),
Moderation: Graf Fidi (Rapper & Inklusionsbotschafter)
Gäste (Saal 6): Raúl Krauthausen (Inklusions-Aktivist & „Gesicht der Kampagne“), Christine Braunert-Rümenapf (Landesbehindertenbeauftragte Berlin), Leo Gergs (ehem. Schüler der Fläming-Grundschule)
Moderation: Lena Steenbuck (Landeszentrale für pol. Bildungsarbeit Berlin)


TV-Tipp für den 8. Mai: Jagdszenen aus Niederbayern

Mai 8, 2019

3sat, 22.00

Jagdszenen aus Niederbayern (Deutschland 1968)

Regie: Peter Fleischmann

Drehbuch: Peter Fleischmann (nach dem Theaterstück von Martin Sperr)

Der zwanzigjährige Abram kehrt nach einem längeren Aufenthalt in Landshut wieder zurück in das niederbayerische Dorf, in dem er aufwuchs. Die Dorfbewohner glauben, dass er homosexuell ist und deswegen im Gefängnis saß. Sie verachten ihn. Nur Hannelore begegnet ihm ohne Vorurteile. Als sie behauptet, Abram habe sie geschwängert, eskaliert die Situation.

Ein Klassiker des Neuen Deutschen Films, der ein wenig schmeichelhaftes Bild der Provinz zeichnet. Der Verleih nennt Fleischmanns Antiheimatfilm zutreffend „eine verstörende Parabel auf Grausamkeit und den alltäglichen Faschismus“.

mit Martin Sperr, Angela Winkler, Else Quecke, Maria Stadler, Hanna Schygulla

Hinweise

3sat über „Jagdszenen aus Niederbayern“

Filmportal über „Jagdszenen aus Niederbayern“

Wikipedia über „Jagdszenen aus Niederbayern“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Peter Fleischmanns „Der dritte Grad“ (La Faille, Deutschland/Frankreich/Italien 1974)


Cover der Woche

Mai 7, 2019