Der fünfzehnjährige Michael muss sich in Neukölln gegen Jugendgangs behaupten. Als einzigen Ausweg gegen die alltäglichen Demütigungen sieht er den Weg in die Kriminalität.
Gut der Abstieg aus der noblen Grunewald-Villa in den schlimmsten Neuköllner Häuserblock geht etwas schnell. Ebenso die Anpassung des Grunewald-Bengels an die für ihn neuen Ghettoregeln.
Aber davon abgesehen ist „Knallhart“ ein verdammt gutes Stück Kino. Der Buck kann’s, wenn er will.
Mit David Kross, Jenny Elvers-Elbertzhagen, Erhan Emre, Oktay Özdemir, Kida Ramadan, Arnel Taci, Kai Müller, Hans Löw, Jan Henrik Stahlberg
Robert B. Parker hat neben den erfolgreichen Kriminalromane mit Privatdetektiv Spenser auch einige andere Romane geschrieben. Dazu gehört die kurzlebige Serie mit Privatdetektivin Sunny Randall, die eine so überdeutliche weibliche Version von Spenser war, dass sie in der Krimi-Szene niemals akzeptiert wurde. Besser erging es Parker mit dem Kleinstadtpolizisten Jesse Stone. Diese Romane weichen deutlich von der „Spenser“-Formel ab. Die erfolgreichen TV-Filme mit Tom Selleck als Jesse Stone halfen auch. Inzwischen führen Ace Atkins die Spenser-Serie und Michael Brandman die Jesse-Stone-Serie fort.
Außerdem schrieb Robert B. Parker einige Einzelwerke, wie „Wildnis“, oder den Western „Appaloosa“, der dann doch der Erste von weiteren Virgil-Cole/Everett-Hitch-Romanen war.
1979, nach fünf „Spenser“-Romanen und dem autobiographischen „Three Weeks in Spring“ geschrieben mit seiner Frau Joan H. Parker über ihren Kampf gegen den Brustkrebs, veröffentlichte Robert B. Parker seinen ersten Einzelroman: „Wildnis“. In dem Thriller kollidiert Spensers Welt mit der des erfolgreichen, glücklich verheirateten Autors Aaron Newman. Er beobachtet beim Joggen einen Mord, geht zur Polizei und kann den Täter identifizieren: den skrupellosen Gangster Adolph Karl, dem es bislang immer gelang, durch die Maschen des Gesetzes zu schlüpfen. Die Beamten freuen sich, dass sie endlich einen Zeugen haben, der vor Gericht nicht einknicken will.
Als Aaron vom Polizeirevier zurückkehrt, findet er seine Frau Janet gefesselt auf ihrem Bett liegen und eine Botschaft von Adolph Karl. Er zieht seine Aussage zurück und damit könnte die Sache, abgesehen von etwas geknickter Ehre und einigen Vorwürfen seiner Frau, erledigt sein.
Aber sein Freund Chris Hood, ein Kriegsveteran, der für den Krieg lebt, setzt ihm den Floh ins Ohr, dass sie den Gangster töten müssen. Auch damit Aaron seine verletzte Ehre wiederherstellt.
Sie beobachten den Verbrecher und als er sich auf den Weg zu seinem einsam gelegenem Wochenendhaus macht, beschließen Aaron, Janet und Chris Hood ihn und seine Begleiter während einer Wanderung durch die titelgebende Wildnis zu töten.
„Wildnis“, das jetzt in einer überarbeiteten Übersetzung vorliegt, ist ein fast schon archetypischer Thriller, in dem Parker sehr schön zeigt, was passiert, wenn kein Hardboiled-Detektiv, sondern ein Normalbürger gegen einen skrupellosen Gangster kämpfen muss. Eben diese veränderte Ausgangslage verändert auch die Diskussionen über Ehre und Selbstjustiz, die hier zwischen dem liberalen Intellektuellen Aaron Newman, der höchstens in seinen Romanen gewalttätig ist, und Chris Hood, der hier die Rolle von Spensers skrupellosem Freund Hawk übernimmt, stattfinden. Hood ist gleichzeitig, obwohl er im Korea-Krieg war, ein Kriegsversehrter, der sich nur im Krieg, im direkten Kampf um Leben und Tod zwischen Männern, lebendig fühlt. Für ihn ist die Jagd nach dem Gangster auch der Beweis, dass er noch lebt.
Allerdings ist die Art, wie in „Wildnis“ über das männliche Selbstverständnis und über seine Rolle als Beschützer gesprochen wird und wie liberale Ansichten über einen funktionierenden Rechtsstaat gegen alttestamentarische Western-Mythen, in denen ein Mann tut, was ein Mann tun muss, aufeinanderprallen, zutiefst ein Diskurs aus den siebziger Jahren, als das traditionelle Bild des Mannes heftig angegriffen wurde.
Abgesehen von diesen gesellschaftspolitischen Implikationen, der naheliegenden Überlegung, wie sehr Robert B. Parker sich in „Wildnis“ fragte, was er in so eine Situation tun würde und dem mühelosem Entdecken von zahlreichen autobiographischen Details (ein erfolgreicher Autor, der an einer Universität unterrichtet, schreibt über einen gleichaltrigen erfolgreichen Autor …), kann „Wildnis“ auch einfach als spannender Seventies-Thriller (Für euch Jungspunde: das war die Zeit vor PCs und Handys) verschlungen werden.
Obwohl Robert B. Parker in seinen Romanen immer wieder Western-Motive aufgreift, wandte er sich erst 2001 dem Western zu. Da erschienen der Spenser-Roman „Potshot“, ein Quasi-Western, und „Gunman’s Rhapsody“ über Wyatt Earp, seine Liebe zu dem Revuemädchen Josie Marcus und wie es zu der Schießerei am O. K. Corral kam.
2005 folgte „Appaloosa“, der erste Roman mit Virgil Cole und Everett Hitch, die als Revolvermänner ihre Art von Recht und Gesetz durchsetzen. Denn gerade Coles Selbstrechtfertigung, dass er sich immer an das Gesetz halte, wenn er jemand erschieße und ihn das von anderen Revolvermännern, die für Geld jeden erschießen, wird immer fadenscheiniger, weil Cole sich nur an die von ihm propagierten Gesetze hält.
Jetzt werden sie nach Appaloosa gerufen. Dort erschoss der Ranchbesitzer Randall Bragg kaltblütig den City Marshal. Virgil Cole, der in der Vergangenheit bereits mehrere Städte mit Everett Hitch (der die Geschichte erzählt) befriedete, wird von den Stadtoberen als sein Nachfolger eingestellt. Als erstes hängt Cole seine Gesetze aus – und wer sich nicht an sie hält, wird, nachdem er freundlich darauf hingewiesen wurde, erschossen. Das bekommt auch Bragg zu spüren, den sie, nachdem ein Zeuge auftaucht, verhaften.
„Appaloosa“ nimmt selbstverständlich die bekannten Themen von Freundschaft, Ehre und Verantwortung auf, die wir aus Robert B. Parkers anderen Romanen kennen und die Gespräche zwischen Cole und Hitch sind gar nicht so weit entfernt von den Gesprächen zwischen Spenser und seinem skrupellosem Freund Hawk oder ihm und seiner Freundin Susan. Entsprechend vertraut klingen sie für langjährige Parker-Leser.
Die Geschichte liest sich wie ein Best-of der aus zahlreichen anderen Western bekannten Motive und Situationen. So verhaften Cole und Hitch Bragg, sperren ihn im Gefängnis ein, müssen das Gefängnis gegen die Gefolgsleute von Bragg verteidigen, Bragg wird später aus einem Zug befreit, es gibt eine Verfolgungsjagd durch die Wildnis, eine Belagerung von Indianern, ein Shoot Out in einem Kaff und Bragg, der später versucht, die Stadt mit seinem Geld zu kaufen.
Insofern überzeugt „Appaloosa“ durchaus als zünftiger Western, der den Eindruck hinterlässt, dass Robert B. Parker sich hier beim Schreiben etwas mehr Gedanken über die Handlung gemacht hat, als bei seinen letzten Spenser-Romanen: – was vielleicht auch daran liegt, dass „Appaloosa“, nachdem sie sich bei dem TV-Western „Monte Walsh“ (USA 2003) kennen lernten, als Drehbuch für einen Western mit Tom Selleck begann und, via Romanveröffentlichung, zu einem Western mit Ed Harris, Viggo Mortensen, Renée Zellweger, Jeremy Irons und Lance Henriksen wurde, der dem Buch bildgewaltig ohne große Änderungen folgt.
Trotzdem hatte ich beim Lesen von „Appaloosa“ den Eindruck, dass mehr möglich gewesen wäre. So ist es nur ein flott zu lesender Western, in dem Robert B. Parker seine vertrauten Themen in einem anderen Setting behandelt.
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Robert B. Parker: Wildnis
(vollständig überarbeitete und aktualisierte Übersetzung, übersetzt von Ute Tanner)
Pendragon, 2012
288 Seiten
10,95 Euro
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Originalausgabe
Wilderness
Delacorte, 1979
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Deutsche Erstausgabe
Ullstein, 1984
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Robert B. Parker: Appaloosa
Berkley Books, 2006
320 Seiten
7,99 US-Dollar
(derzeit bei Amazon für 6,30 Euro erhältlich)
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Erstausgabe
G. P. Putnam’s Sons, 2005
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Verfilmung
Appaloosa (Appaloosa, USA 2008)
Regie: Ed Harris
Drehbuch: Robert Knott, Ed Harris
mit Ed Harris, Viggo Mortensen, Renée Zellweger, Jeremy Irons, Lance Henriksen
(Boston Film Festival: Preis für bester Film und bestes Drehbuch)
Sugarland Express (USA 1974, R.: Steven Spielberg)
Drehbuch: Hal Barwood, Matthew Robbins (nach einer Geschichte von Steven Spielberg, Hal Barwood und Matthew Robbins)
Die junge Mutter Lou Jean befreit ihren Mann aus dem Gefängnis. Gemeinsam wollen sie ihr Baby vor einer Zwangsadoption bewahren. Auf ihrer Fahrt zu den Pflegeeltern werden sie, verfolgt von einer Polizeiarmada, zu Volkshelden.
Steven Spielbergs erster Spielfilm (denn „Duell“ war ein Fernsehfilm, der auch im Kino ausgewertet wurde) ist einer seiner schönsten Filme.
„‚The Sugarland Express‘ ist größtenteils eine ausgelassene, verrückte, kapriolenreiche Verfolgungskomödie – eine lebendige Situationskomödie nach Art der Roadrunner-Zeichentrickfilme, nur in Spielfilmlänge.“ (Variety)
Sein nächster Film war „Der weiße Hai“ und der Rest ist Geschichte.
mit Goldie Hawn, Ben Johnson, Michael Sacks, William Atherton, Gregory Walcott, Harrison Zanuck, Louise Latham
Len Wisemans Remake von Paul Verhoevens Science-Fiction-Actionthriller „Total Recall“ ist eine wirklich seltsame Angelegenheit. Denn einerseits bietet der Film unzählige Ansätze für einen Totalverriss, aber andererseits langweilte ich mich beim Ansehen auch niemals. Ich genoss das Remake wie eine Geisterbahnfahrt: ich war mir immer bewusst, dass ich in einem Wagen sitze, während die plötzlich auftauchenden Geister und die schauerlichen Geräusche mich mehr oder weniger gut erschreckten. Gut, eher weniger. Jedenfalls ist eine Geisterbahnfahrt nur eine Abfolge von Schocks, ohne einen tieferen Sinn und eine irgendwie schlüssige Geschichte.
Die Macher von „Total Recall“, die Drehbuchautoren Kurt Wimmer („Equilibrium“, „Ultraviolet“, „Salt“) und Mark Bombach („Stirb langsam 4.0“, „Unstoppable – Außer Kontrolle“) und Regisseur Len Wiseman („Underworld“, „Stirb langsam 4.0“), nahmen einfach die Geschichte des Arnold-Schwarzenegger-Films und folgen ihr, oft sogar bis in die Dialoge, weitgehend ohne Änderungen. Allerdings warfen sie die gesamte Logik des Originals weg und entsorgten dabei auch die einfachen, aber sehr effektiven und glaubwürdigen Motive und Handlungen der Charaktere, bis nur noch ein bunter, aber sinnfreier Actionreigen, teils mit ebenso sinnfreien, aber CGI-intensiven Actionszenen übrig blieb und der geneigte Science-Fiction- und Action-Filmfan eifrig die Vorbilder auf einer beeindruckend langen Liste abhaken kann. Denn die einzige wirklich originelle Idee in dem Remake ist, dass die Welt nach einer Katastrophe, bis auf zwei Zentren, unbewohnbar ist. Das eine Zentrum ist im heutigen London die United Federation of Britain, das andere in Australien, die Kolonie, die auch ganz banal „The Colony“ heißt, und etliche Bewohner der Kolonie (die wie ein vergessenes „Blade Runner“-Set aussieht) fahren täglich mit dem „Fall“, einem Fahrstuhl mit Sitzgelegenheit, in 16 Minuten (Wow, das ist schnell.) von der einen Seite der Erde die 12.700 Kilometer auf die andere Seite der Erde.
Dass dieser Fahrstuhl durch den Erdkern eine vollkommen absurde Idee ist, soll uns nicht weiter kümmern. Denn die Macher versuchen auch nie, ihre in dem Science-Fiction-Spektakel entworfene Welt schlüssig zu erklären. Denn hätten sie das auch nur eine Nanosekunde versucht, hätten sie kein Best-of der SF-Filme der letzten Jahre auf die Leinwand geklatsch.
Unser Held Douglas Quaid (Colin Farrell) lebt mit seiner Frau Lori (Kate Beckinsale) in der Kolonie. In London baut er im Akkord die Synths zusammen. Diese menschenähnlichen Polizeiroboter erinnern an das Kanonenfutter aus den „Krieg der Sterne“-Filme. Er hat auch Alpträume und irgendwann geht er zu „Rekall“, einer Firma, die anscheinend in einer hinteren Ecke des Vergnügungsviertels liegt und wie die Hollywood-Version eines chinesischem Freudenhaus mit Triadenconnection aussieht. „Rekall“ implantiert falsche Erinnerungen. Quaid hätte gerne die Erinnerungen vom gefahrvollen Leben eines Geheimagenten. Als die Ärzte ihm die Erinnerungen implantieren wollen, stellen sie fest, dass Quaid Geheimagent ist – und schon stürmt eine Armada schwerbewaffneter Soldaten in den Raum. Quaid tötet sie und kann flüchten. Zu Hause erfährt er, dass seine Frau eine Agentin ist, die ihn bewachen sollte und jetzt töten will.
Ab da ist „Total Recall“ nur noch einige einzige Jagd, unterbrochen von spartanischen Erklärungen und einer kleinen Etüde auf dem Klavier.
Und man kann sich, auch ohne das Original zu kennen (schwierig) oder es noch szenengenau im Kopf zu haben (schon eher möglich), über den unlogischen Plot nur wundern. Denn es wird niemals klar, wogegen die Rebellen rebellieren, warum der Bösewicht so böse ist und warum Lori ihren Geheimagenten-Göttergatten wie gedopt im allerbesten Terminator-Stil verfolgt. Das ist alles l’art pour l’art.
Es wird auch nie ein schlüssiges Bild der Zukunft gezeichnet. Da geht alles kunterbunt durcheinander und die Logik ist in „Total Recall“ nicht mehr der ärgste Feind des Regisseurs. Denn hier ist nichts logisch.
Die Actionszenen sind zwar zahlreich und auf den ersten Blick auch optisch beeindruckend, wenn es lange Verfolgungsjagden, natürlich immer mit exzessivem Schusswaffengebrauch, in halb fliegenden Autos (weil sie zwar fliegen, aber durch Magneten auf der Fahrbahn gehalten werden) und zwischen sich in rätselhafter Weise kreuz und quer bewegenden Fahrstühlen gibt.
Gute Schauspieler, wie Bill Nighy als Rebellenführer Matthias, werden lieblos mit einer beliebigen Szene abgefertigt. Aber warum sollte es ihm besser gehen als der Frau mit den drei Brüsten. Im Original hatte sie eigene kleine Geschichte und deshalb berührte uns ihr Tod. Im Remake entblößt sie sich am Anfang und zeigt dem an ihren Reizen desinteressierten Quaid den Weg zu „Rekall“. Das hat die Qualität eines Cameos, das die Macher schnell und lieblos hinter sich bringen, um die Zuschauer nicht von der eigentlichen Geschichte abzulenken.
Insofern ist Wisemans Remake ein grandioses Beispiel für ein gescheitertes Remake: denn anstatt die Fehler des Originals auszumerzen oder der bekannten Geschichte neue Aspekte abzugewinnen oder sie für die Gegenwart zu aktualisieren oder, basierend auf der Prämisse der literarischen Quelle eine neue Geschichte zu erzählen, begnügt sich Wiseman mit einem Malen nach Zahlen. Seinem Remake fehlt der schwarze Humor, die Inspiration, der Ideenreichtum, auch im detaillierten Zeichnen einer damals fernen Zukunft mit Bildtelefonen, implantierten GPS-Sonden und zimmergroßen Flachbildschirmen, das vielschichtige Ansprechen von philosophischen Fragen, wie dem Unterschied von Realität und Traum, und die ätzende Kapitalismuskritik des Originals.
Es gibt eigentlich nichts, was wirklich für Len Wisemans Film spricht oder ihn über das Niveau eines 08/15-Actionfilms mit den schon hunderttausendmal gesehenen Standardsituationen hebt, abgesehen natürlich von den guten Schauspielern, den hübschen Tricks und der Philip-K.-Dick-Vorlage, die ungleich witziger, absurder und logischer als diese Verfilmung ist.
Und trotzdem hat mir der Film gefallen. Beim Sehen. Denn die Erinnerung verblasst schnell.
Total Recall (Total Recall, USA 2012)
Regie: Len Wiseman
Drehbuch: Kurt Wimmer, Mark Bomback (nach einer Geschichte von Ronald Shusett & Dann O’Bannon und John Povill und Kurt Wimmer)
LV: Philip K. Dick: We can remember it for you wholesale (Kurzgeschichte, Erstveröffentlichung in „The Magazine of Fantasy & Science Fiction“, April 1966, deutscher Titel „Erinnerungen en gros“, zahlreiche Nachdrucke in beiden Sprachen in verschiedenen Sammelbänden)
mit Colin Farell, Kate Beckinsale, Jessica Biel, Bryan Cranston, John Cho, Bill Nighy, Bokeem Woodbine
Eine „geführte Meditation“ sei ihr Film „Samsara“, sagen Regisseur Ron Fricke und Produzent Mark Magidson. „Samsara“ ist das Sanskrit-Wort für das unaufhörlich drehende Rad des Lebens, den Kreislauf des Entstehens und Vergehens, der in hundert Filmminuten visualisiert wird.
Zu einer Meditation gehören, jedenfalls bei einem Kinofilm, Musik und Bilder. Die Musik ist von Ambient-Musiker Michael Stearns, „Dead Can Dance“-Sängerin Lisa Gerrard und Marcello De Francisci. Die Bilder wurden in den letzten fünf Jahren rund um den Globus aufgenommen und sie sind, auf der großen Leinwand, ziemlich atemberaubend.
Fricke und Magidson waren in 25 Ländern. Indien, Japan, Türkei, China, Myanmar, Äthiopien, Frankreich, USA und Brasilien standen auf ihre Reiseliste und dort besuchten sie auch abgelegene und entsprechend selten bis nie abgefilmte Orte.
Sie beobachteten die Natur. Sie filmten alte, neue und auch zerstörte Gebäude. Sie filmten Menschen, bevorzugt in der Masse, beim Sport und Tanz und Soldaten beim Paradieren. Sie werfen einen Blick in eine Schlachterei und in eine Massentierhaltung. Es gibt die Performance eines Künstlers, der sich mit Lehm beschmiert. Es werden Schusswaffen gezeigt, die sich auch in den Händen von Afrikanern befinden.
Sie zeigen diese Bilder mal in Zeitlupe, öfters aber im Zeitraffer.
Mit der Musik entwickelt sich dann ein eigener Rhythmus, bei dem vor allem die ästhetische Komponente zählt. Letztendlich haben das Elend in Afrika, die Akkordarbeit in Fabriken und die giftigen Dämpfe einer Schwefelmine in Indonesien nur noch eine fotogene Funktion, bei der sich, in ihrer Wirkung, die Bilder von einem Slumviertel nicht mehr von den nächtlichen Bildern einer Metropole unterscheiden.
Denn die Gegenüberstellung vom Leben der buddhistischen Mönche, die im Einklang mit der Natur leben, und dem entseelten Leben im Westen, sich blindwütig-monoton bewegenden Menschenmassen, Akkordarbeitern in Schlachtereien und vom Kapitalismus zerstörten Gegenden ist doch arg plakativ und letztendlich ohne größeren Erkenntnisgewinn.
Allerdings sind diese wortlosen, nicht-narrativen Experimentalfilme – Fricke war auch in „Koyaanisqatsi“, „Chronos“ und „Baraka“ involviert – im Kino nichts für mich. Denn ich sehe sie nicht als Kinofilme, sondern als Musikvideos oder Kunstinstallationen in einem Museum oder auch, ganz respektlos, als Bildteppich in einer Kneipe und auf dieser rein ästhetischen Ebene ist „Samsara“ durchaus gelungen.
R. i. P.: Tony Scott (21. Juni 1944, North Shields, England – 19. August 2012, San Pedro, Kalifornien/USA)
Am Sonntagnachmittag sprang Tony Scott von der Vincent-Thomas-Hängebrücke, die Los Angeles mit San Pedro verbindet. Seinen Selbstmord hatte der Regisseur gut geplant: im Auto lag eine Liste mit den Menschen, die benachrichtigt werden sollen, und in seinem Büro ein Abschiedsbrief. Der Grund für seinen Selbstmord ist bis jetzt noch nicht bekannt. Denn er war gesund (so heißt es) und er arbeitete an mehreren Projekten.
Tony Scott, der jüngere Bruder von „Alien“- und „Blade Runner“-Regisseur Ridley Scott, drehte keine Filme, die Kritiker zu Jubelstürmen hinrissen. Aber schon in seinem ersten Spielfilm, der Vampirliebesgeschichte „Begierde“ (The Hunger, USA 1983) mit Catherine Deneuve, David Bowie und Susan Sarandon, ist sein durch unzählige Werbefilme geschulter bildgewaltiger Stil vorhanden, den er in den nächsten Jahren vor allem in Thrillern, die fast immer auch Kassenhits waren, weiterentwickelte und der etliche jüngere Regisseure beeinflusste.
Sein zweiter Film, die Militärschmonzette „Top Gun“ (USA 1986), mit Tom Cruise, war dann der große Durchbruch. „Beverly Hills Cop II“ (USA 1987) ist so etwas wie ein Tony-Scott-Best-of. Danach kamen „True Romance“ (USA 1993), nach einem Drehbuch von Quentin Tarantino, „Der Staatsfeind Nr. 1“ (Enemy of the State, USA 1998) und „Mann unter Feuer“ (Man on Fire, USA 2004), obwohl er den Film durch seine damalige Manie, möglichst jede Zehntelsekunde einen Schnitt zu setzten, fast ruinierte. Bei dem Komplettdesaster „Domino“ (USA 2005) gelang ihm das. Danach wurden seine Filme wieder ruhiger und Denzel Washington, der schon in in den Tony-Scott-Filmen „Crimson Tide – In tiefster Gefahr“ (USA 1995) und „Mann unter Feuer“ der Hauptdarsteller war, übernahm auch in Scotts nächsten und letzten drei Spielfilmen „Déjà Vu – Wettlauf gegen die Zeit“ (USA 2006), „Die Entführung der U-Bahn Pelham 123“ (The Taking of Pelham 123, USA 2009) und „Unstoppable – Außer Kontrolle“ (USA 2010), die Hauptrolle. Es waren nicht seine schlechtesten Filme, denn in ihnen ist eine leichte Altersweisheit und eine, im heutigen Kino, angenehme Hinwendung zu altmodischen Erzähltugenden erkennbar.
Dann mache ich mal etwas „Copy&Paste“ für die Deutsche Filmakademie und Margot Käßmann, weil wir Western-Junkies nicht jeden Tag die Möglichkeit bekommen, einen alten Winnetou-Film auf der großen Leinwand zu sehen und „Der Schatz im Silbersee“ wirklich, wirklich, auch dank der regelmäßigen Wiederholungen im TV, zu unseren Jugenderinnerungen gehört:
Die Deutsche Filmakademie setzt ihre Veranstaltungsreihe MEIN FILM fort: Margot Käßmann stellt am 29. August in der Astor Film Lounge DER SCHATZ IM SILBERSEE (Regie: Harald Reinl) vor.
MEIN FILM heißt die öffentliche Veranstaltungsreihe der Deutschen Filmakademie, die mit Peer Steinbrück vergangenen Winter eröffnet wurde. Am 29. August steht die Fortsetzung an: Margot Käßmann, Theologin und Botschafterin des Rates der EKD für das Reformationsjubiläum 2017, präsentiert DER SCHATZ IM SILBERSEE und wird darüber sprechen, warum die Verfilmung des Karl-May-Klassikers ihre Liebe zum Kino geweckt hat. „DER SCHATZ IM SILBERSEE war mein erster Kinofilm. Und ich war absolut fasziniert: von den Charakteren, dem Ringen zwischen Gut und Böse, der Musik und der Landschaft“, begründet Käßmann ihre Wahl.
DER SCHATZ IM SILBERSEE (Regie: Harald Reinl, 1962) war der erste von insgesamt elf überaus erfolgreichen Karl-May-Western, die in den sechziger Jahren entstanden. Die Berliner Produzenten-Legende Horst Wendlandt hatte sich diese Reihe ausgedacht und die meisten der Filme produziert. Eine der Hauptrollen besetzte er mit dem Hollywood-Schauspieler Lex Barker, der in vielen Tarzan-Verfilmungen zu sehen war und später hauptsächlich in Europa arbeitete, beispielsweise mit Federico Fellini (LA DOLCE VITA). Er war Old Shatterhand. Für den Apachen-Häuptling Winnetou fand Wendlandt einen relativ unbekannten französischen Theater- und Filmschauspieler namens Pierre Brice. Für ihn sollte das die Rolle seines Lebens werden.
Die deutsch-jugoslawisch-französische Koproduktion lockte schätzungsweise 17 Millionen Zuschauer in die Kinos und versammelte neben Barker, Brice und dem britischen Kinostar Herbert Lom (DER ROSAROTE PANTHER) auch ein deutsches Ensemble um Götz George, Karin Dor, Eddi Arent, Ralf Wolter und Marianne Hoppe. Das Titelthema der von Martin Böttcher komponierten Filmmusik – die „Old Shatterhand-Melodie“ – führte 1962 17 Wochen lang die Charts in Deutschland an und wurde mehr als 100.000 Mal verkauft.
Noch in diesem Herbst soll die Reihe mit einem weiteren spannenden Gast aus dem öffentlichen Leben fortgesetzt werden. MEIN FILM ist eine Veranstaltungsreihe der Deutschen Filmakademie in Zusammenarbeit mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung mit freundlicher Unterstützung des Hôtel Concorde Berlin und der Astor Film Lounge.
Das Mädchen und der Kommissar (F/I 1971, R.: Claude Sautet)
Drehbuch: Claude Sautet, Jean-Loup Dabadie, Claude Néron
LV: Claude Néron: Max et les ferrailleurs, 1968
Ein ehrgeiziger Polizist animiert, mit Hilfe einer Prostituierten, eine Gruppe von Kleingangstern zu einem Banküberfall. Er will sie auf frischer Tat ertappen.
Der vorzügliche französische Kriminalfilm mit Starbesetzung ist eine beklemmende Charakterstudie über einen ehrgeizigen Polizisten und die Annahme, dass der Zweck die Mittel heilige.
Mit Romy Schneider, Michel Piccoli, Bernard Fresson
Ein Frühwerk von Christoph Schlingensief (24. Oktober 1960 – 21. August 2010), das als Experimentalfilm keine wirklich nacherzählbare Geschichte hat, aber in der richtigen Stimmung sehr komisch ist. Jedenfalls geht es in „Menu Total“ um die deutsche Vergangenheit: den Nationalsozialismus und auch den jungen deutschen Film.
„Sein Film ist eine Zumutung. Ob er auch der beanspruchte Neubeginn ist, scheint schon zweifelhafter, aber der Kerl ist ja noch jung, und was immer ihm fehlen mag: Selbstbewusstsein ist es nicht.“ (Fischer Film Almanach 1987)
Damals gab es für solche Filme im Forum der Berlinale einen Platz, viele, unter anderem Wim Wenders, verließen nach wenigen Minuten ihren Platz und es gab, kurz darauf, sogar einen richtigen Kinostart.
Mit „100 Jahre Adolf Hitler – Die letzte Stunde im Führerbunker“, „Das deutsche Kettensägen-Massaker“, „Terror 2000 – Intensivstation Deutschland“ und seinem Afrika-Film „United Trash“ setzte er ziemlich kompromisslos sein filmisches Werk fort.
mit Helge Schneider (auch Musik), Volker Bertzky, Dietrich Kuhlbrodt, Alfred Edel, Anne Fechter, Joe Bausch
Vor hundert Jahren wurde in der auf der Insel Bastøy liegenden Haftanstalt, wo der bedrückende Film „King of Devil’s Island“ spielt, versucht, Jugendlichen mit harter Hand zu wertvollen Mitgliedern der Gemeinschaft zu machen. Dafür wurden sie auf der kleinen Insel uniformiert, mit Nummern angesprochen und nach rigiden Regeln erzogen. Wer sich unterordnete, hatte die Chance, irgendwann die Insel zu verlassen.
Eines Tages trifft Erling (Benjamin Helstad) ein. Er passt nicht wirklich zu den anderen Sträflingen. Denn er ist anscheinend älter als die anderen Jugendlichen, die teilweise noch Kinder sind oder als Kinder auf die Insel kamen, und er arbeitete vorher schon als Seemann. Viel mehr erfahren wir nicht über ihn. Auch nicht, weshalb er, oder irgendein anderer der inhaftierten Jugendlichen, nach Bastøy geschickt wurde.
Er befreundet sich mit Olav (Trond Nilssen), versucht zu fliehen, erkennt schnell, dass das über den Fjord fast nicht möglich ist.
Sein Gegenspieler ist der von Stellan Skarsgård gespielte Anstaltsleiter. Es gelingt ihm, den gläubigen Heimleiter in wenigen Szenen als einen Mann zu zeichnen, der zwar Gutes tun will, der dafür aber die falschen Mittel einsetzt und durch seinen Führungsstil und seine Entscheidungen letztendlich eine Revolte der Jugendlichen provoziert.
In diesen Momenten erinnert er an den von Burghart Klaußner in Michael Hanekes „Das weiße Band“ gespielten Pastor. Sowieso hat Marius Holsts „King of Devil’s Island“ mehr Ähnlichkeiten mit Hanekes fast zeitgleich spielendem Film, als mit Hollywoodfilmen wie „Gesprengte Ketten“, „Papillon“ oder „Flucht von Alcatraz“, die den Kampf des Individuums gegen ein unterdrückerisches System feiern.
Marius Holst erzählt in nüchternen, ruhigen Bildern, die sich den offensichtlichen Dramatisierungen verschließen, von den Bastøy-Jugendlichen. Durch eben diese distanzierte Erzählweise, die auch die meisten Klischees des Gefängnisfilms meidet, ist man allerdings auch immer ein eher objektiver Beobachter des Geschehens. Die in den Bildern liegende Anklage gegen das damalige Bastøy-Regime kann man intellektuell gut nachvollziehen.
Emotional bleibt man allerdings eher unbeteiligt und weil die Geschichte auch keine großen Überraschungen hat, wird „King of Devil’s Island“ auch etwas zäh.
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King of Devil’s Island (Kongen av Bastøy, Norwegen 2010)
Regie: Marius Holst
Drehbuch: Dennis Magnusson, Eric Schmid (nach einer Geschichte von Mette M. Bølstad und Lars Saabye Christensen)
mit Stellan Skarsgård, Benjamin Helstad, Kristoffer Joner, Trond Nilssen, Morten Løvstad, Daniel Berg, Odin Gineson Brøderud, Magnar Botten, Magnus Langlete
Europa (Deutschland/Frankreich/Dänemark 1990, R.: Lars von Trier)
Drehbuch: Lars von Trier, Jean-Paul Meurisse
Deutschland 1945: Ein Schlafwagenschaffner verliebt sich im Zug in die Tochter des Besitzers der Eisenbahngesellschaft. Gleichzeitig bittet ihn ein US-Oberst im Zug nach „Werwölfen“, einer Gruppe von faschistischen Untergrund-Kämpfern, zu suchen.
Lars von Triers dritter Spielfilm ist, nach „Element of Crime“ und „Epidemie“, der Abschluss seiner europäischen Trilogie und er steht schon lange auf meiner Zu-Sehen-Liste.
„In thematischer Anlehnung an die Figurenkonstellation von Franz Kafkas Roman ‚Amerika‘ wirkt ‚Europa‘ trotzt einiger Manierismen wie ein faszinierend bebilderter Alptraum. (…) Wegen seiner Bildphantasie zählt Trier seit ‚Europa‘ zu den Hoffnungsträgern des europäischen Kinos“ (Fischer Film Almanach 1992)
mit Jean-Marc Barr, Barbar Sukowa, Udo Kier, Ernst-Hugo Järegard, Eddie Constantine, Dietrich Kuhlbrodt, Lars von Trier (jüdischer Zeuge), Max von Sydow (Erzähler, im Original)
Der Mann, der niemals lebte (USA 2008, R.: Ridley Scott)
Drehbuch: William Monahan
LV: David Ignatius: Body of Lies, 2007 (Der Mann, der niemals lebte)
CIA-Agent Roger Ferris fahndet im Nahen Osten nach einer islamistischen Terrorzelle. Als sie nicht weiterkommen, hecken Ferris und sein in Washington, D. C., sitzender Chef einen verwegenen Plan aus.
Okayer, schrecklich ausgewogener, realistischer Polit-Thriller, bei dem man nie den Eindruck los wird, dass hier alle unter ihren Möglichkeiten bleiben. Außerdem ist das Ende enttäuschend.
Ein geschasster CIA-Agent will seine Memoiren veröffentlichen. Sie stoßen vor allem in Agentenkreisen auf großes Interesse.
Nette Agentenkomödie, die in Deutschland nur eine Videopremiere erlebte.
„Witzige und größtenteils schwungvolle Agenten-Komödie.“ (Lexikon des internationalen Films)
Der Film war für einen Edgar nominiert, das Drehbuch für den Preis der Writers Guild of America , der Roman erhielt den Edgar als bester Krimi des Jahres und auch Brian Garfield ist mit dieser Verfilmung sehr zufrieden.
mit Walter Matthau, Glenda Jackson, Sam Waterston, Herbert Lom, Ned Beatty, David Matthau, George Baker
Auch bekannt als „Bluff Poker – Ein Schlitzohr packt aus“ (Videotitel)
P. S.: Der Trailer ist “bäh”, aber es gelingt ihm verdammt gut, den Film nicht zu verkaufen.
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BR, 22.00
Der große Coup (USA 1973, R.: Don Siegel)
Drehbuch: Dean Riesner, Howard Rodman
LV: John Reese: The Looters, 1968 (später wegen des Films “Charley Varrick”)
Zufällig klaut Charley Varrick bei einem Überfall auf eine Provinzbank eine dreiviertel Million Dollar. Dummerweise gehört das Geld der Mafia – und die versteht keinen Spaß.
Herrlich amoralischer Gangsterfilm, bei dem ein Einzelner einen scheinbar hoffnungslosen Kampf gegen eine große, skrupellose Organisation aufnimmt.
„In diesem besten von Siegels späten Filmen wird nicht nur mit dem Genre gespielt, bis ein Westernmuster in einem Mafiafilm aufscheint, sondern sein Drehbuch ist auch derart ausgefeilt, dass es seine Wahrheit erst im letzten Moment offenbart.“ (Kevin Gough-Yates, in Frank Arnold/Michael Esser [Hrsg.]: Dirty Harry – Don Siegel und seine Filme)
John Reese schrieb in erster Linie Western.
Mit Walter Matthau, Joe Don Baker, John Vernon, Felicia Farr, Don Siegel (als Tischtennisspieler)
Es dauert zwar noch einige Monate, bis 2013 beginnt (wenn sich vorher nicht die Prophezeiung vom diesjährigen Weltuntergang bewahrheitet), aber die ersten Kalender sind bereits erhältlich. So auch der vom Schüren-Verlag herausgegebene „Filmkalender 2013“, der gut in jede Hosentasche passt. Für jede Woche gibt es eine Doppelseite. Täglich werden die Geburtstage und Todestage von wichtigen Filmschaffenden genannt. Die IMDB-Geburtstagsliste ist zwar umfangreicher, aber letztendlich, weil jeder Geburtstag gelistet wird, auch zu umfangreich. Jim Jarmusch, Constantin Costa-Gavras, Quentin Tarantino, Jean-Paul Belmondo, Coverboy Johnny Depp, Andreas Dresen, Nanni Moretti, Randy Newman, Yasujiro Ozu und Hanna Schygulla, die alle einen runden Geburtstag haben, werden auf zwei bis sechs Seiten ausführlicher porträtiert. Es gibt informativeTexte über Hollywoodstars im Zweiten Weltkrieg, Dinosaurier in Digital (über „Jurassic Park“, der als Blockbuster 1993 zeigte, was digital alles möglich ist), Federico Fellini schreibt über seinen Film „Achteinhalb“ (1963), Hans-Christian Schmid über „Lichter“ (2003) und einen Text über den seit dann siebzig Jahren auf der Leinwand aktiven „Batman“. Im Comic durfte „Batman“ bereits 1939 erstmals zuschlagen.
Es gibt einen großen Anhang mit Adressen von Filmarchiven, Buchhandlungen, DVD-Geschäften, Ausbildungsstätten, Institutionen, Verlagen und Zeitschriften aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Bei den Festivals wurden auch Filmfestivals aus anderen Ländern aufgenommen. Und sogar die Werbung, immerhin geht es um spezielle Werbung für Filmfans, ist einen Blick wert.
Langer Rede kurzer Sinn: der „Schüren Filmkalender 2013“ ist absolut empfehlenswert – und ich weiß jetzt auch, dass heute Mae West, Maureen O’Hara, Robert De Niro und Sean Penn und am Samstag Roman Polanski, Robert Redford, Patrick Swayze, Heino Ferch und Christian Slater Geburtstag haben.
Weil ich nicht schon wieder einen Sherlock-Holmes-Film empfehlen will, auch wenn das grandiose Staffelfinale der ersten Staffel der grandiosen BBC-Sherlock-Holmes-Serie „Sherlock: Das große Spiel“ um 23.30 Uhr im Ersten läuft, gibt es dieses Mal sozusagen einen prominent besetzten Anti-Tipp
Pro 7, 23.00
Entgleist (USA 2005, R.: Mikael Häfström)
Drehbuch: Stuart Beattie
LV: James Siegel: Derailed, 2003 (Entgleist)
Der Plot ist klassisch: ein biederer, glücklich verheirateter Angestellter lernt in der U-Bahn eine Frau kennen. Sie hüpfen ins Bett, werden erwischt, erpresst und plötzlich steht die Existenz des Mannes auf dem Spiel.
Die Ausführung ist, trotz der vielen bekannten Namen, eine einzige Enttäuschung, die nur in einem Punkt nicht vorhersehbar ist: dass der Angestellte sich wirklich so strunzdämlich verhält.
Es könnte inzwischen der gar nicht so falsche Eindruck entstehen, dass Steven Soderbergh den Herren Allen und Eastwood in punkto Produktivität nacheifert. Denn kaum hat man den einen Film gesehen, wird schon der nächste angekündigt. Dabei sieht Soderbergs neuester Film oft wie die Negation des vorherigen aus. Er wagt dabei immer wieder stilistische Experimente und er probiert der Reihe nach die Filmgenres aus.
Während „Haywire“ ein actionreicher Agententhriller war, dessen Handlung sich über den halben Globus erstreckte und seine Heldin sich von den Männern nichts vormachen ließ, wenn sie sie nicht gerade als Punchingball oder Zielscheibe benutzte, spielt „Magic Mike“ in Tampa, Florida, und dort die halbe Zeit in einer Bar, in der Männer vor Frauen strippen.
Das heißeste Pferd im Stall von Dallas (Matthew McConaughey, der sich schamlos zum Affen macht) ist der Dreißigjährige Mike (Channing Tatum, der selbst als 18/19-jähriger acht Monate Stripper war), der noch den Traum von einer eigenen Möbelschreinerei hat. Aber das Nachtleben mit Drogen und Frauen ist reizvoller. Während seiner Tagesarbeit lernt er den 19-jährigen, bei seiner älteren Schwester lebenden Slacker Adam (Alex Pettyfer) kennen, den er auch gleich in die Welt der Stripper einführt.
Adams bodenständige Schwester Brooke (Cody Horn) ist davon absolut nicht begeistert. Dennoch, oder gerade weil Brooke nicht sofort mit ihm ins Bett steigen will, verliebt Mike sich in sie und er verspricht ihr, auf ihren Bruder aufzupassen.
Steven Soderbergh inszenierte seine Variante der Geschichte vom amerikanischen Traum im semidokumentarischen New-Hollywood-Stil, bei dem die Charaktere und ihr Leben im Mittelpunkt stehen. Dabei driften die Stripper alle mehr oder weniger ziellos durch ihr Leben und ihre Komfortzonen mit den kleinen Träumen von einem eigenen kleinen Geschäft, einem Stripclub in Miami oder einfach nur etwas mühelos erworbenem Geld durch Kleindealerei und einer heißen Tanznummer. Diese zahlreichen, knallig-glamourös inszenierten Tänze zu pointiert ausgewählten Hits wie „Like a Virgin“, beim ersten Auftritt von Adam, oder „It’s raining Men“ gehören zu den optischen Höhepunkten des Films. Allerdings fällt bei dem Blick hinter die Kulissen des Striplokals auf, wie wenig glamourös, oft sogar bieder, das Leben der Stripper ist. In diesen Szenen werden die männlichen Sexsymbole dann zu Menschen mit Sorgen, Gefühlen und Ängsten.
Diesen Widerspruch zwischen Schein und Sein unterstreicht Soderbergh auch indem er die Auftritte der Stripper und deren Leben abseits des Rampenlichts verschieden inszeniert: ersteres fast schon in edler Werbefilmästhetik, letzteres schmuddelig dokumentarisch mit warmen, ausgewaschenen Farben.
Und es fällt immer wieder auf, wie prüde Hollywood inzwischen ist. Denn obwohl die ganze Geschichte im Stripper-Milieu spielt, sehen wir – was die deutsche „ab 12 Jahre“-Freigabe erklärt – nie mehr als bei einem gewöhnlichen Schwimmbadbesuch. In den USA reichte es trotzdem für ein R-Rating und die IMDB listete die schockierenden „Nacktszenen“ akribisch auf:
Magic Mike does include a lot of nudity, both male and female, however, it does not include any direct shots of genitalia, male or female. There are two shots where penis shown, but in both scenes, the penis is difficult to make out. There is quite a bit of female nudity, but only breasts and buttocks. The film also contains it’s fair share of male buttocks. (This is the main portion of the nudity section.)
Well, well, einmal habe ich sogar eine unverhüllte weibliche Brust gesehen…
Allerdings kann diese eklatante Kluft zwischen dem Versprechen auf hemmungslosen Sex und dem konsequenten Vorenthalten von entsprechenden Bildern auch ein subtiler Kommentar von Steven Soderbergh zur US-amerikanischen Bigotterie sein. Dann hätte diese züchtig erzählte Geschichte sogar einen sehr gemeinen Subtext.
Magic Mike – Die ganze Nacht (Magic Mike, USA 2012)
Regie: Steven Soderbergh
Drehbuch: Reid Carolin
mit Channing Tatum, Alex Pettyfer, Matthew McConaughey, Cody Horn, Olivia Munn, Matt Bomer, Riley Keough, Joe Manganiello, Kevin Nash, Adam Rodriguez, Gabriel Iglesias
Music Box – Die ganze Wahrheit (USA 1989, R.: Constantin Costa-Gavras)
Drehbuch: Joe Eszterhas
Die renommierte Chicagoer Anwältin Ann Talbot verteidigt ihren Vater Mike Laszlo. Er soll nach Ungarn ausgeliefert werden, weil er im Zweiten Weltkrieg zahlreiche, grauenvolle Kriegsverbrechen begangen soll. Sie glaubt ihrem Vater und beginnt vor Gericht für ihn zu kämpfen.
Spannendes Gerichtsdrama, das moralische Fragen stellt und zum Nachdenken bewegt.
Polit-Filmer Costa-Gavras („Z“) erhielt auf der Berlinale, zu recht, einen Goldenen Bären für den Film.
Eszterhas schrieb auch die Drehbücher für „Flashdance“, „Das Messer“, „Basic Instinct“, „Sliver“ und „Showgirls“.
mit Jessica Lange, Armin Mueller-Stahl, Frederic Forrest, Donald Muffat, Lukas Haas, Michael Rooker
Für „Rampart“ hat Oren Moverman, der Regisseur des allgemein abgefeierten Dramas „The Messenger – Die letzte Nachricht“ (unter anderem der Silberner Bär für das Drehbuch auf der Berlinale, eine Golden-Globe- und zwei Oscar-Nominierungen), neben den „The Messenger“-Hauptdarstellern Woody Harrelson und Ben Foster, eine beeindruckende Schauspielerriege versammelt: Sigourney Weaver, Robin Wright, Anne Heche, Cynthia Nixon (ähem „Sex & the City“), Steve Buscemi (leider nur in einer Szene), Ice Cube, Ned Beatty (zuletzt „In the electric Mist“ und „The Killer inside me“) und, eher unbekannter, Jon Bernthal („The Walking Dead“) und sie heben mit ihrem Spiel das Drama über einen selbstgerechten Streifenpolizisten als Charakterstudie eines Mannes am Abgrund auf ein sehr hohes Level.
Die 1999 in Los Angeles, kurz nach dem titelgebenden Rampart-Skandal, bei dem polizeiinterne Korruption und andere Verbrechen von Polizisten bekannt und anschließend kräftig im Los Angeles Police Department aufgeräumt wurde, spielende, kaum vorhandene Geschichte zerflettert dagegen in unzähligen Subplots aus dem Leben des Streifenpolizisten Dave Brown (Woody Harrelson), in denen es um einen gewalttätigen, auf Video dokumentierten Einsatz von ihm, seine seltsame Beziehung zu seinen beiden Ex-Frauen, die auch Schwestern sind, und zu seinen Kindern, sein unermüdlicher Sextrieb, sein überbordender Drogenkonsum, den Mord an einem Dieb, seine Freundschaft zu seinem mit allen Wassern gewaschenen Mentor und die Ermittlungen eines internen Ermittlers gegen ihn geht. Nach gut zwei Stunden endet der Film so offen, dass er wie eine Skizze über einen Mann, der sich immer mehr in Schuld und Paranoia verstrickt, wirkt.
Woody Harrelson hält diesen Film zusammen und als erstklassig besetzte Charakterstudie überzeugt „Rampart“, der eindeutig vom US-amerikanischen New Hollywood der siebziger Jahre, als der „Taxi Driver“ und „Der Pate“ das Publikum mit komplexen und wenig vorbildlichen Charakteren konfrontierte, und dem europäischen Kino inspiriert ist.
Weil Moverman in seinem Film die Geschichte eines selbstverschuldeten Abstiegs erzählt, der von Harrelson gespielte Officer Dave Brown keinen eindeutigen Antagonisten hat (eher schon eine Handvoll Antagonisten, die sich gegenseitig neutralisieren und teilweise auch keine klassischen Antagonisten sind) und Polizeikorruption und Polizeigewalt nur nebenbei gestreift werden, ist dieses Cop-Drama auch ungleich schwächer als die Cop-Thriller „Dark Blue“ und „Street Kings“, die letztendlich auch vor dem Hintergrund des Rampart-Skandals spielten, bei denen James Ellroy als Ideenlieferant und Drehbuchautor involviert war und in denen im Film (vor allem wenn man die Vorgeschichte in der Entwicklungshölle kennt) erstaunlich viel von Ellroys Themen und Obsessionen enthalten ist. In „Rampart“ ist dagegen eher wenig James Ellroy enthalten, was auch daran liegen kann, dass während der Dreharbeiten der Fokus stärker auf Officer Dave Brown gelegt wurde, während Ellroys ursprüngliches Skript einen stärkeren Fokus auf den Rampart-Skandal hatte.
Als Bonusmaterial gibt es ein „Making of“, in dem James Ellroy sich dennoch sehr zufrieden mit der Verfilmung zeigt, es gibt Interviewschnipsel mit Woody Harrelson, Ben Foster, Robin Wright, Brie Larson und Oren Moverman und einen kleinen Zusammenschnitt der besten Sprüche des von Woody Harrelson gespielten Officer Dave Brown. Das ist ein informativ unauffälliges Paket, in dem immer wieder Hauptdarsteller Woody Harrelson, das Drehbuch von James Ellroy und Oren Moverman und Regisseur Oren Moverman, der seinen Schauspielern viel Raum für Improvisationen gibt, gelobt wird.
Rampart – Cop außer Kontrolle (Rampart, USA 2011)
Regie: Oren Moverman
Drehbuch: James Ellroy, Oren Moverman
mit Woody Harrelson, Robin Wright, Anne Heche, Cynthia Nixon, Steve Buscemi, Ice Cube, Sigourney Weaver, Ben Foster, Ned Beatty, Jon Bernthal, Brie Larson
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DVD
Ascot Elite
Bild: 1:,35 (16:9)
Ton: Deutsch (DTS 5.1, Dolby Digital 5.1), Englisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Making of, Sh*t Dave Brown says, Interviews mit Cast und Crew, Originaltrailer, Deutscher Trailer, Wendecover