Alles an „Der Brutalist“ sagt überdeutlich, wie wichtig, groß, grandios und monumental dieser Film aus Sicht seiner Macher ist.
Er dauert 216 Minuten. Im Film gibt es eine fest einprogrammierte 15-minütige Pause, in der eine Uhr rückwärts läuft.
Gedreht wurde er im in den fünfziger Jahren benutztem VistaVision-Format. Bekannte VistaVision-Filme sind „Krieg und Frieden“, „Der Schwarze Falke“, „Die oberen Zehntausend“, „Der unsichtbare Dritte“ und „Der Besessene“.
In den wenigen Kinos, in denen es möglich ist, wird „Der Brutalist“ auch in einer 70-mm-Fassung gezeigt. Nur so kann das VistaVision-Bild seine ganze Pracht entfalten,
Die Geschichte versteht sich von der ersten bis zur letzten Minute als das große, die US-amerikanische Seele und den amerikanischen Traum erkundende und erklärende Nationalepos.
Der Lohn für diese Bemühungen und den selbstgewählten Anspruch sind überschwängliches Kritikerlob, Preise, wie, nach seiner Premiere bei den Filmfestspielen von Venedig, der Silberne Löwe für die Beste Regie und zuletzt zehn Oscar-Nominierungen, unter anderem als Bester Film, für die Beste Regie (Brady Corbet), das Beste Drehbuch (Brady Corbet und Mona Fastvold), den Besten Hauptdarsteller (Adrien Brody), den Besten Nebendarsteller (Guy Pearce), die Beste Nebendarstellerin (Felicity Jones), die Beste Kamera (Lol Crawley) und den Besten Schnitt (Dávid Jancsó).
Brady Corbet erzählt die Geschichte des Emgranten László Tóth (Adrien Brody). Der in Europa bekannte Bauhaus-Architekt und titelgebende „Brutalist“ kommt nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs als mittelloser Einwanderer in die USA. Als er Jahre später den Industriellen Harrison Lee Van Buren Sr. (Guy Pearce) trifft und dieser von seinen Entwürfen fasziniert ist, wendet sich sein Schicksal. Tóth soll zu Ehren von Van Burens verstorbener Mutter ein Institut mit Bibliothek, Sporthalle, Auditorium und Kapelle errichten.
Wer jetzt denkt, dass in „Der Brutalist“ der Bau dieses Mammutprojekts im Mittelpunkt steht, irrt sich. Wer denkt, dass es zwischen dem Architekten und dem Bauherrn einen über den Film tragenden Konflikt gibt, irrt sich. Sicher, es gibt einige kleinere Streitigkeiten zwischen den beiden Männern, aber die sind schnell beigelegt. Van Buren ist von der ersten bis zur letzten Minute ein enthusiastischer Förderer von Tóth und des von ihm in Auftrag gegebenen, selbstverständlich immer teurer werdenden Projekts.
Und wer denkt, dass der Film anhand der fiktiven Biographie eines Architekten schnell zu einer informativen Geschichtsstunde über das Bauhaus und den Brutalismus wird, irrt sich ebenfalls. Diese Architekten verbanden mit ihren Gebäuden auch gesellschaftspolitische Utopien. Im Film ist davon nichts zu hören.
Stattdessen erzählt Brady Corbet, meist in langen Szenen in Nahaufnahmen in karg möblierten Innenräumen, elliptisch die Geschichte eines Einwanderers und seiner Jahre nach ihm in die USA kommenden Familie. Das ist nicht schlecht und hat auch einen weitgehend über die epische Dauer von gut vier Stunden andauernden erzählerischen Schwung. Aber „Der Brutalist“ ist niemals „There will be Blood“. Das liegt an seinem Desinteresse an der gezeigten Architektur und dem abwesenden zentralen Konflikt zwischen dem Künstler und dem Kapitalisten.
„Der Brutalist“ ist ein durchaus beeindruckender und gut gemachter Film. Aber er ist auch nicht so gut, wie er gerade hochgejubelt wird. Das Drama ist breitbeiniges, von seiner eigenen Größe hemmungslos überzeugtes Überwältigungskino, das einen geschüttelt, aber nicht berührt zurücklässt.
Der Brutalist (The Brutalist, USA 2024)
Regie: Brady Corbet
Drehbuch: Brady Corbet, Mona Fastvold
mit Adrien Brody, Felicity Jones, Guy Pearce, Joe Alwyn, Raffey Cassidy, Stacy Martin, Emma Laird, Isaach de Bankolé, Alessandro Nivola
Beginnen wir mit einigen Fakten: „Kraven the Hunter“ ist der sechste Film in Sony’s Spider-Man Universe. Es ist wieder ein Einzelfilm ohne irgendeinen erkennbaren Zusammenhang mit den anderen Filmen des SSU und wieder ohne Spider-Man. Es ist auch ein Superheldenfilm ohne eine Szene im oder nach dem Abspann.
Regie führte J. C. Chandor, der mit „Der große Crash – Margin Call“ (2011), „All Is Lost“ (2013) und „A Most Violent Year“ (2014) hintereinander drei großartige Dramen inszenierte. Sein nächster Film war 2019 der Netflix-Actionthriller „Triple Frontier“. Das Drehbuch ist von Richard Wenk, Art Marcum und Matt Holloway. Bei den drei Namen ist unklar, wer letztendlich die Verantwortung für die Geschichte hat und, angesichts der langen Vorgeschichte, wer noch involviert war. Allgemein wird Richard Wenk, dem Autor der „The Equalizer“-Filme, der größte Anteil zugestanden.
Aaron Taylor-Johnson übernahm die Hauptrolle ‚Kraven‘ Sergei Kravinoff. Russel Crowe spielt seinen Filmvater. Ariane DeBose, Fred Hechinger, Alessandro Nivola und Christopher Nivola übernahmen weitere Rollen.
Ben Davis war Kameramann bei „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“, „Guardians of the Galaxy“ „Eternals“ (kein guter, aber ein gut aussehender Film), „The King’s Man“, „Jojo Rabbit“ und „Cry Macho“.
Der Film dauert, mit Abspann, etwas über zwei Stunden und er hat eine FSK-16-Freigabe. Es gibt also einige die Freigabe rechtfertigende blutige Szenen.
Angesichts des vor und hinter der Kamera versammelten Talents und des für einen Superheldenfilm okayen Budgets von 130 Millionen US-Dollar ist das Ergebnis ernüchternd.
Kraven ist in den Marvel-Comics ein von Stan Lee und Steve Ditko 1964 erfundener Bösewicht, der Spider-Man töten will. Im Film ist er ein Jäger, der Bösewichter jagt und oft bestialisch tötet. Die Filmgeschichte dreht sich um seine Beziehung zu seinem Vater Nikolai Kravinoff (Russell Crowe), einem Oligarchen, Verbrecher und passioniertem Großwildjäger, und seinem schüchtern-ängstlichem Halbbruder Dmitri Smerdyakov (Fred Hechinger). Ungefähr in der Filmmitte entführt der Bösewicht ‚Rhino‘ Aleksei Sytsevich (Alessandro Nivola) Dmitri. Kraven will ihn befreien.
Während des gesamten Films tauchen noch weitere Superhelden und Superbösewichtern auf, die vielleicht eifrigen Comiclesern vertraut sind. Kinogänger kennen sie noch nicht. Genauer vorgestellt werden sie trotzdem nicht. Im Film stolpern diese Superschurken und -helden irgendwann durch das Bild und behindern sich meistens beim Entfalten ihrer oft rätselhaft bleibenden Superkräfte. Bei zwei wichtigern Figuren wird sogar erst im dritten Akt enthüllt, dass sie Superkräfte haben.
Die Geschichte wurde wahrscheinlich aus im Schneideraum herumliegenden geschnittenen Szenen zusammengefügt. Kaum eine Szene funktioniert. Mal ist das Spiel schlecht. Mal die Action. Die Dialoge sind hingeschluderte Erklärdialoge in der ersten Fassung. Ein ordentliches Set-Up findet nie statt. Das Ergebnis kann als schlampige Einführung in das Kraven-Universum (falls es denn weitere Filme geben sollte) und rudimentäre Entwicklungsgeschichte beschrieben werden, die uns die Szenen erspart, in denen der Superheld (und das ist Kraven in „Kraven the Hunter“) die Möglichkeiten und Grenzen seiner Kräfte kennen lernt. Ein guter Film ist „Kraven the Hunter“ nie. Noch nicht einmal ein annehmbarer Film. Denn sogar ein KI-Programm hätte eine schlüssigere Geschichte erfunden und besere Dialoge geschrieben.
„Kraven the Hunter“ ist ein deprimierender Film, der noch nicht einmal über Trash-Qualitäten verfügt.
Kraven the Hunter(Kraven the Hunter, USA 2024)
Regie: J. C. Chandor
Drehbuch: Richard Wenk, Art Marcum, Matt Holloway (nach einer Geschichte von Richard Wenk)
mit Aaron Taylor-Johnson, Russel Crowe, Ariane DeBose, Fred Hechinger, Alessandro Nivola, Christopher Nivola, Christopher Abbott
Mit friedlichen Protestmärschen will Dr. Martin Luther King 1965 in Selma, Alabama, für das allgemeine Wahlrecht kämpfen. Denn dort ist die Diskriminierung der Afroamerikaner besonders deutlich. Und dort eskaliert die Situation in auch von King ungeahnter Weise. Ein Diakon wird von Weißen erschlagen. Auf der Edmund Pettus Bridge werden die friedlich Demonstrierenden mit Tränengas und nackter Gewalt zurückgedrängt. Die Bilder wurden im Fernsehen ausgestrahlt. An dem Abend schlagen Klu-Klux-Klan-Mitglieder drei weiße Geistliche zusammen. Einer stirbt an den Verletzungen.
Der dritte Versuch, friedlich von Selma nach Montgomery, der Hauptstadt von Alabama, zu marschieren wird dann zwischen dem 21. und 25. März 1965 zu einem Triumphzug für die Bürgerrechtsbewegung.
Das grandiose und wichtige Drama/Biopic „Selma“ setzt King und seinen Mitkämpfern ein würdiges Denkmal. DuVernays Film wurde von der Kritik abgefeiert und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.
mit David Oyelowo, Tom Wilkinson, Tim Roth, Cuba Gooding Jr., Alessandro Nivola, Carmen Ejogo, Lorraine Toussaint, Ophrah Winfrey, Tessa Thompson, Giovanni Ribisi, Common, Dylan Baker, Wendell Pierce, Stan Houston
Face/Off – Im Körper des Feindes (Face/Off, USA 1997)
Regie: John Woo
Drehbuch: Mike Werb, Mike Colleary
FBI-Cop Sean Archer kann den Terroristen Castor Troy verhaften. Naja, fast. Denn Castor liegt jetzt im Koma und niemand weiß, wo in Los Angeles die von Castor deponierte Atombombe ist. Also lässt Archer sich auf eine gefährliche und geheime Operation ein: er nimmt das Gesicht von Troy an und schleicht sich in dessen Bande ein. Dummerweise erwacht Castor aus dem Koma und er beginnt Archer zu verfolgen. Mit der gesamten Polizei als willige Helfer. Denn für sie ist der böse Terrorist jetzt der tapfere Kollege Archer.
Grandioser Actionfilm von John Woo auf dem Höhepunkt seiner Hollywood-Karriere. Und das Spiel von John Travolta und Nicolas Cage als Feinde, die ihre Identität wechseln, ist ein großer Spaß.
„Eine faszinierende, atemberaubende Symphonie – virtuos von John Woo komponiert und dirigiert. (…) Hervorragend.“ (Fischer Film Almanach 1998)
mit John Travolta, Nicolas Cage, Alessandro Nivola, Gina Gershon, Dominique Swann, Nick Cassavetes, Colm Feore, CCH Pounder
Wiederholung: Mittwoch, 10. Januar, 01.15 Uhr (Taggenau! – Und dann mit Sicherheit ungekürtz. Der Film ist nämlich ‚frei ab 16 Jahre‘.)
Face/Off – Im Körper des Feindes (Face/Off, USA 1997)
Regie: John Woo
Drehbuch: Mike Werb, Mike Colleary
FBI-Cop Sean Archer kann den Terroristen Castor Troy verhaften. Naja, fast. Denn Castor liegt jetzt im Koma und niemand weiß, wo in Los Angeles die von Castor deponierte Atombombe ist. Also lässt Archer sich auf eine gefährliche und geheime Operation ein: er nimmt das Gesicht von Troy an und schleicht sich in dessen Bande ein. Dummerweise erwacht Castor aus dem Koma und er beginnt Archer zu verfolgen. Mit der gesamten Polizei als willige Helfer. Denn für sie ist der böse Terrorist jetzt der tapfere Kollege Archer.
Grandioser Actionfilm von John Woo auf dem Höhepunkt seiner Hollywood-Karriere. Und das Spiel von John Travolta und Nicolas Cage als Feinde, die ihre Identität wechseln, ist ein großer Spaß.
„Eine faszinierende, atemberaubende Symphonie – virtuos von John Woo komponiert und dirigiert. (…) Hervorragend.“ (Fischer Film Almanach 1998)
mit John Travolta, Nicolas Cage, Alessandro Nivola, Gina Gershon, Dominique Swann, Nick Cassavetes, Colm Feore, CCH Pounder
Mit friedlichen Protestmärschen will Dr. Martin Luther King 1965 in Selma, Alabama, für das allgemeine Wahlrecht kämpfen. Denn dort ist die Diskriminierung der Afroamerikaner besonders deutlich. Und dort eskaliert die Situation in auch von King ungeahnter Weise. Ein Diakon wird von Weißen erschlagen. Auf der Edmund Pettus Bridge werden die friedlich Demonstrierenden mit Tränengas und nackter Gewalt zurückgedrängt. Die Bilder wurden im Fernsehen ausgestrahlt. An dem Abend schlagen Klu-Klux-Klan-Mitglieder drei weiße Geistliche zusammen. Einer stirbt an den Verletzungen.
Der dritte Versuch, friedlich von Selma nach Montgomery, der Hauptstadt von Alabama, zu marschieren wird dann zwischen dem 21. und 25. März 1965 zu einem Triumphzug für die Bürgerrechtsbewegung.
Das grandiose und wichtige Drama/Biopic „Selma“ setzt King und seinen Mitkämpfern ein würdiges Denkmal. DuVernays Film wurde von der Kritik abgefeiert und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.
mit David Oyelowo, Tom Wilkinson, Tim Roth, Cuba Gooding Jr., Alessandro Nivola, Carmen Ejogo, Lorraine Toussaint, Ophrah Winfrey, Tessa Thompson, Giovanni Ribisi, Common, Dylan Baker, Wendell Pierce, Stan Houston
Green Book – Eine besondere Freundschaft(Green Book, USA 2018)
Regie: Peter Farrelly
Drehbuch: Peter Farrelly, Nick Vallelonga, Brian Currie
Gut gemachtes, auf einer wahren Geschichte basierendes Feelgood-Movie über die sich während einer Konzerttour durch die Südstaaten in den frühen sechziger Jahren entwickelnde Freundschaft zwischen dem Konzertpianisten Don Shirley (Mahershala Ali) und seinem für diese Tournee engagiertem Fahrer und Rausschmeißer Tony ‚The Lip‘ Vallelonga (Viggo Mortensen).
Der allgemeine Jubel über den Film, die zahlreichen Preise, unter anderem der Oscar als bester Film des Jahres (Spike Lee hatte mit seinem Wutausbruch, dass jeder andere nominierte Film den Oscar mehr verdient hätte als „Green Book“, vollkommen recht), können nicht über die doch ziemlich altbackene Ideologe des Films (der weiße Mann als Retter des Schwarzen und mit etwas gutem Willen kann der Rassissmus besiegt werden) hinwegtäuschen. „Green Book“ ist halt perfektes Hollywood-Wohlfühlkino.
Mit friedlichen Protestmärschen will Dr. Martin Luther King 1965 in Selma, Alabama, für das allgemeine Wahlrecht kämpfen. Denn dort ist die Diskriminierung der Afroamerikaner besonders deutlich. Und dort eskaliert die Situation in auch von King ungeahnter Weise. Ein Diakon wird von Weißen erschlagen. Auf der Edmund Pettus Bridge werden die friedlich Demonstrierenden mit Tränengas und nackter Gewalt zurückgedrängt. Die Bilder wurden im Fernsehen ausgestrahlt. An dem Abend schlagen Klu-Klux-Klan-Mitglieder drei weiße Geistliche zusammen. Einer stirbt an den Verletzungen.
Der dritte Versuch, friedlich von Selma nach Montgomery, der Hauptstadt von Alabama, zu marschieren wird dann zwischen dem 21. und 25. März 1965 zu einem Triumphzug für die Bürgerrechtsbewegung.
Das grandiose und wichtige Drama/Biopic „Selma“ setzt King und seinen Mitkämpfern ein würdiges Denkmal. DuVernays Film wurde von der Kritik abgefeiert und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.
mit David Oyelowo, Tom Wilkinson, Tim Roth, Cuba Gooding Jr., Alessandro Nivola, Carmen Ejogo, Lorraine Toussaint, Ophrah Winfrey, Tessa Thompson, Giovanni Ribisi, Common, Dylan Baker, Wendell Pierce, Stan Houston
Wie wurde Tony Soprano Tony Soprano? Diese Frage wird in „The many Saints of Newark“ nicht wirklich beantwortet.
Doch bevor wir zu diesem Kinofilm, der immer wie ein hoch budgetierter Prestige-TV-Film wirkt, kommen, muss ich einiges über Tony Soprano sagen. Gespielt wurde er von James Gandolfini in der Rolle seines Lebens. In den USA war die sich auf ihn, sein Leben und seine Familie konzentrierende TV-Serie ein Hit und ein kulturelles Phänomen. Sie revolutionierte das Erzählen im Fernsehen und wurde auch noch nach ihrem Ende in den höchsten Tönen gelobt. Die Writers Guild of America nannte „Die Sopranos“ die am besten geschriebene TV-Serie aller Zeiten. Das Magazin „Rolling Stone“ setzte „Die Sopranos“ auf den ersten Platz ihrer Liste der besten TV-Serien aller Zeiten. Bei uns wurde die Serie vor zwanzig Jahren zunächst auf einem schlechten Sendeplatz gezeigt, der durch einem noch schlechteren Sendeplatz ersetzt wurde, ehe auf die weitere TV-Ausstrahlung verzichtet wurde. Immerhin erschien auch in Deutschland die Serie vollständig auf DVD. Entsprechend überschaubar dürfte hier die Zahl der „Sopranos“-Fans sein.
Tony Soprano ist in der TV-Serie, die von 1999 bis 2007 produziert wurde, ein hoffnungslos überforderter, in New Jersey lebender Caporegime. Der Mafiosi muss auf seine Leute aufpassen, Konkurrenten in Schach halten, ein guter Vater, Ehemann und Sohn sein. Vollkommen überfordert von diesen Anforderungen begibt er sich in Psychotherapie. Mit seiner nichtsahnenden Therapeutin konnte er über seine Probleme reden. Nach acht Jahren und sechs Staffeln war dann Schluss.
„The many Saints of Newark“ springt jetzt zurück in die Kindheit und Jugend von Tony Soprano, der in dem Film nur eine Nebenrolle hat.
Die erste Hälfte des Mafiafilms spielt 1967. Tony ist noch ein Kind. ‚Hollywood Dick‘ Moltisanti kommt aus Italien mit einer deutlich jüngeren, wie Sophia Loren aussehenden Frau zurück. Giuseppina stellt schnell fest, dass das Leben in den USA nicht ihrem Bild von Amerika entspricht. Moltisantis Sohn Dickie Moltisanti ist ebenfalls ein Mobster. Er kümmert sich um das Tagesgeschäft. Er sammelt Schutzgeld. Er fährt, stilvoll gekleidet, mit seinem Chevrolet Impala Cabrio durch Newark. Er ist der Onkel von Tony Soprano. Und der elfjährige Tony bewundert seinen Onkel.
Als die Polizei einen schwarzen Taxifahrer zu Tode prügelt, ist das der Ausgangspunkt für mehrtägige, historisch verbürgte Straßenschlachten.
1971 ist Tony ein Teenager, der kleinere Verbrechen begeht. Tonys Vater ist aus dem Gefängnis entlassen worden. Schwarze Verbrecher machen der DiMeo-Verbrecherfamilie das Leben schwer. Wenn die Mafiosi nicht gerade ihre Familienmitglieder umbringen.
Auch in diesem Teil ergeben die Episoden aus Newark keine Geschichte. Es ist ein Blättern im Familienalbum. Tony Soprano stolpert manchmal durch das Bild. Einen Einfluss auf die Ereignisse hat er nicht. Dafür ist er noch zu jung und viel zu weit unten in der Mafia-Hierarchie. Immerhin kann er für die abendlichen Partys mit seinen Klassenkameraden stimmungssteigernde Drogen besorgen.
Viel wichtiger als Tony Soprano sind die anderen Familienmitglieder. Fans der TV-Serie müssten sie kennen und sich darüber freuen, sie in diesem Prequel-Film in jungen Jahren zu sehen. Alle anderen müssen die unzähligen familiären und kriminellen Verflechtungen erdulden, die nur deshalb Teil der Filmgeschichte sind, weil sie in der TV-Serie wichtig waren und ein solches Prequel in jedem Fall ein Film sein muss, der die Fans der Serie bedient.
Der gesamte Film zerfällt in unzählige Episoden. Figuren, die teils von hochkarätigen und bekannten Schauspielern wie Vera Farmiga, Ray Liotta, Jon Bernthal und Corey Stoll gespielt werden, tauchen kurz auf, verschwinden für Ewigkeiten aus der Filmhandlung und sind dann plötzlich wieder da. Die geisterhafte Voice-Over-Stimme könnte die disparaten Episoden zusammenhalten. Dieser Erzähler verrät uns schnell, von wem er später erschossen wird und wir sehen Ereignisse, bei denen er nicht dabei war. Da ist es fast schon überflüssig, zu sagen, dass das Voice-Over in „The many Saints of Newark“ niemals die Präsenz und den Druck entwickelt, den die Erzählerstimme in Martin Scorseses grandiosem Mafia-Epos „GoodFellas – Drei Jahrzehnte in der Mafia“ hatte. Die Erinnerungen an Scorseses Gangsterfilm zeigen schmerzlich, wie sehr Alan Taylor („Thor – The Dark Kingdom“ [Thor: The Dark World], „Terminator: Genisys“ und mehrere „The Sopranos“-Episoden“) als Regisseur versagt. Wobei das auch am Drehbuch von „Sopranos“-Erfinder David Chase und Lawrence Konner liegt.
„The many Saints of Newark“ ist ein Film, der beständig in seine Teile zerfällt, die unverbunden nebeneinander stehen und sich in unzählige Sackgassen verirrt. Das führt dazu, dass der Gangsterfilm sich deutlich länger anfühlt als er ist.
The many Saints of Newark – A Sopranos Story(The many Saints of Newark, USA 2021)
Regie: Alan Taylor
Drehbuch: David Chase, Lawrence Konner (basierend auf von David Chase erfundenen Figuren)
mit Alessandro Nivola, Leslie Odom Jr., Vera Farmiga, Jon Bernthal, Corey Stoll, Ray Liotta, Michela De Rossi, Michael Gandolfini, Billy Magnussen, John Magaro, Michael Imperioli
A most violent Year(A most violent Year, USA 2014)
Regie: J. C. Chandor
Drehbuch: J. C. Chandor
New York, 1981: Heizölhändler Abel Morales will ehrlich bleiben, während die Stadt im Verbrechen versinkt und seine Laster am helllichten Tag überfallen werden. Seine aus einer Gangsterfamilie stammende Frau rät ihm, zurückzuschlagen. Und die Polizei verdächtigt ihn, wie alle Geschäftsleute aus der Branche, mit der Mafia Geschäfte zu machen.
Starker Wirtschaftsthriller in der Tradition von Sidney Lumet.
„A most violent Year“ ist ein düsteres, sich langsam entwickelndes Drama, ein Noir über einen Mann, der ehrlich bleiben möchte (jedenfalls so weit das in seiner Branche möglich ist) und der sich zwischen seinen hehren Prinzipien und seiner Existenz, der seiner Familie und ihrem durchaus gehobenem Lebensstil entscheiden muss. Weil Chandor „A most violent Year“ wie einen Weiße-Kragen-Gangsterfilm inszeniert und die Geschichte sich im Bereich der alltäglichen Graustufen, in denen es nur mehr oder weniger richtige und falsche Entscheidungen gibt, geht es vor allem um die Frage, welche und wie viele Kompromisse Abel Morales eingehen muss, um als Unternehmer erfolgreich zu sein. Und, auch das ist von Anfang an klar: Morales wäre nicht so weit gekommen, wenn er sich immer hundertprozentig an die Gesetze gehalten hätte.
Face/Off – Im Körper des Feindes (Face/Off, USA 1997)
Regie: John Woo
Drehbuch: Mike Werb, Mike Colleary
FBI-Cop Sean Archer kann den Terroristen Castor Troy verhaften. Naja, fast. Denn Castor liegt jetzt im Koma und niemand weiß, wo in Los Angeles die von Castor deponierte Atombombe ist. Also lässt Archer sich auf eine gefährliche und geheime Operation ein: er nimmt das Gesicht von Troy an und schleicht sich in dessen Bande ein. Dummerweise erwacht Castor aus dem Koma und er beginnt Archer zu verfolgen. Mit der gesamten Polizei als willige Helfer. Denn für sie ist der böse Terrorist jetzt der tapfere Kollege Archer.
Grandioser Actionfilm von John Woo auf dem Höhepunkt seiner Hollywood-Karriere. Und das Spiel von John Travolta und Nicolas Cage als Feinde, die ihre Identität wechseln, ist ein großer Spaß.
„Eine faszinierende, atemberaubende Symphonie – virtuos von John Woo komponiert und dirigiert. (…) Hervorragend.“ (Fischer Film Almanach 1998)
Wahrscheinlich zeigt Vox heute eine gekürzte Fassung. Der Film ist „frei ab 16 Jahre“.
mit John Travolta, Nicolas Cage, Alessandro Nivola, Gina Gershon, Dominique Swann, Nick Cassavetes, Colm Feore, CCH Pounder
Mit friedlichen Protestmärschen will Dr. Martin Luther King 1965 in Selma, Alabama, für das allgemeine Wahlrecht kämpfen. Denn dort ist die Diskriminierung der Afroamerikaner besonders deutlich. Und dort eskaliert die Situation in auch von King ungeahnter Weise. Ein Diakon wird von Weißen erschlagen. Auf der Edmund Pettus Bridge werden die friedlich Demonstrierenden mit Tränengas und nackter Gewalt zurückgedrängt. Die Bilder wurden im Fernsehen ausgestrahlt. An dem Abend schlagen Klu-Klux-Klan-Mitglieder drei weiße Geistliche zusammen. Einer stirbt an den Verletzungen.
Der dritte Versuch, friedlich von Selma nach Montgomery, der Hauptstadt von Alabama, zu marschieren wird dann zwischen dem 21. und 25. März 1965 zu einem Triumphzug für die Bürgerrechtsbewegung.
Das grandiose und wichtige Drama/Biopic „Selma“ setzt King und seinen Mitkämpfern ein würdiges Denkmal. DuVernays Film wurde von der Kritik abgefeiert und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.
mit David Oyelowo, Tom Wilkinson, Tim Roth, Cuba Gooding Jr., Alessandro Nivola, Carmen Ejogo, Lorraine Toussaint, Ophrah Winfrey, Tessa Thompson, Giovanni Ribisi, Common, Dylan Baker, Wendell Pierce, Stan Houston
A most violent Year(A most violent Year, USA 2014)
Regie: J. C. Chandor
Drehbuch: J. C. Chandor
New York, 1981: Heizölhändler Abel Morales will ehrlich bleiben, während die Stadt im Verbrechen versinkt und seine Laster am helllichten Tag überfallen werden. Seine aus einer Gangsterfamilie stammende Frau rät ihm, zurückzuschlagen. Und die Polizei verdächtigt ihn, wie alle Geschäftsleute aus der Branche, mit der Mafia Geschäfte zu machen.
TV-Premiere. Starker Wirtschaftsthriller in der Tradition von Sidney Lumet.
„A most violent Year“ ist ein düsteres, sich langsam entwickelndes Drama, ein Noir über einen Mann, der ehrlich bleiben möchte (jedenfalls so weit das in seiner Branche möglich ist) und der sich zwischen seinen hehren Prinzipien und seiner Existenz, der seiner Familie und ihrem durchaus gehobenem Lebensstil entscheiden muss. Weil Chandor „A most violent Year“ wie einen Weiße-Kragen-Gangsterfilm inszeniert und die Geschichte sich im Bereich der alltäglichen Graustufen, in denen es nur mehr oder weniger richtige und falsche Entscheidungen gibt, geht es vor allem um die Frage, welche und wie viele Kompromisse Abel Morales eingehen muss, um als Unternehmer erfolgreich zu sein. Und, auch das ist von Anfang an klar: Morales wäre nicht so weit gekommen, wenn er sich immer hundertprozentig an die Gesetze gehalten hätte.
Mit friedlichen Protestmärschen will Dr. Martin Luther King 1965 in Selma, Alabama, für das allgemeine Wahlrecht kämpfen. Denn dort ist die Diskriminierung der Afroamerikaner besonders deutlich. Und dort eskaliert die Situation in auch von King ungeahnter Weise. Ein Diakon wird von Weißen erschlagen. Auf der Edmund Pettus Bridge werden die friedlich Demonstrierenden mit Tränengas und nackter Gewalt zurückgedrängt. Die Bilder wurden im Fernsehen ausgestrahlt. An dem Abend schlagen Klu-Klux-Klan-Mitglieder drei weiße Geistliche zusammen. Einer stirbt an den Verletzungen.
Der dritte Versuch, friedlich von Selma nach Montgomery, der Hauptstadt von Alabama, zu marschieren wird dann zwischen dem 21. und 25. März 1965 zu einem Triumphzug für die Bürgerrechtsbewegung.
Das grandiose und wichtige Drama/Biopic „Selma“ setzt King und seinen Mitkämpfern ein würdiges Denkmal. DuVernays Film wurde von der Kritik abgefeiert und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.
mit David Oyelowo, Tom Wilkinson, Tim Roth, Cuba Gooding Jr., Alessandro Nivola, Carmen Ejogo, Lorraine Toussaint, Ophrah Winfrey, Tessa Thompson, Giovanni Ribisi, Common, Dylan Baker, Wendell Pierce, Stan Houston
Mit friedlichen Protestmärschen will Dr. Martin Luther King 1965 in Selma, Alabama, für das allgemeine Wahlrecht kämpfen. Denn dort ist die Diskriminierung der Afroamerikaner besonders deutlich. Und dort eskaliert die Situation in auch von King ungeahnter Weise. Ein Diakon wird von Weißen erschlagen. Auf der Edmund Pettus Bridge werden die friedlich Demonstrierenden mit Tränengas und nackter Gewalt zurückgedrängt. Die Bilder wurden im Fernsehen ausgestrahlt. An dem Abend schlagen Klu-Klux-Klan-Mitglieder drei weiße Geistliche zusammen. Einer stirbt an den Verletzungen.
Der dritte Versuch, friedlich von Selma nach Montgomery, der Hauptstadt von Alabama, zu marschieren wird dann zwischen dem 21. und 25. März 1965 zu einem Triumphzug für die Bürgerrechtsbewegung.
Das grandiose und wichtige Drama/Biopic „Selma“ setzt King und seinen Mitkämpfern ein würdiges Denkmal. DuVernays Film wurde von der Kritik abgefeiert und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.
mit David Oyelowo, Tom Wilkinson, Tim Roth, Cuba Gooding Jr., Alessandro Nivola, Carmen Ejogo, Lorraine Toussaint, Ophrah Winfrey, Tessa Thompson, Giovanni Ribisi, Common, Dylan Baker, Wendell Pierce, Stan Houston
Nach der Mitternachtspremiere des Films am Samstag, läuft „Selma“ heute zu einer guten Uhrzeit (für Normalsterbliche)
One, 20.15
Selma(Selma, USA/Großbritannien 2014)
Regie: Ava DuVernay
Drehbuch: Paul Webb
Mit friedlichen Protestmärschen will Dr. Martin Luther King 1965 in Selma, Alabama, für das allgemeine Wahlrecht kämpfen. Denn dort ist die Diskriminierung der Afroamerikaner besonders deutlich. Und dort eskaliert die Situation in auch von King ungeahnter Weise. Ein Diakon wird von Weißen erschlagen. Auf der Edmund Pettus Bridge werden die friedlich Demonstrierenden mit Tränengas und nackter Gewalt zurückgedrängt. Die Bilder wurden im Fernsehen ausgestrahlt. An dem Abend schlagen Klu-Klux-Klan-Mitglieder drei weiße Geistliche zusammen. Einer stirbt an den Verletzungen.
Der dritte Versuch, friedlich von Selma nach Montgomery, der Hauptstadt von Alabama, zu marschieren wird dann zwischen dem 21. und 25. März 1965 zu einem Triumphzug für die Bürgerrechtsbewegung.
Das grandiose und wichtige Drama/Biopic „Selma“ setzt King und seinen Mitkämpfern ein würdiges Denkmal. DuVernays Film wurde von der Kritik abgefeiert und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.
Mit friedlichen Protestmärschen will Dr. Martin Luther King 1965 in Selma, Alabama, für das allgemeine Wahlrecht kämpfen. Denn dort ist die Diskriminierung der Afroamerikaner besonders deutlich. Und dort eskaliert die Situation in auch von King ungeahnter Weise. Ein Diakon wird von Weißen erschlagen. Auf der Edmund Pettus Bridge werden die friedlich Demonstrierenden mit Tränengas und nackter Gewalt zurückgedrängt. Die Bilder wurden im Fernsehen ausgestrahlt. An dem Abend schlagen Klu-Klux-Klan-Mitglieder drei weiße Geistliche zusammen. Einer stirbt an den Verletzungen.
Der dritte Versuch, friedlich von Selma nach Montgomery, der Hauptstadt von Alabama, zu marschieren wird dann zwischen dem 21. und 25. März 1965 zu einem Triumphzug für die Bürgerrechtsbewegung.
Heute ist die TV-Premiere eines grandiosen und wichtigen Films zu einer unsäglichen Uhrzeit nach einer unerträglichen Sendung mit Überlänge („Schlagerchampions“ – würg).
„Selma“ setzt King und seinen Mitkämpfern ein würdiges Denkmal.
mit David Oyelowo, Tom Wilkinson, Tim Roth, Cuba Gooding Jr., Alessandro Nivola, Carmen Ejogo, Lorraine Toussaint, Ophrah Winfrey, Tessa Thompson, Giovanni Ribisi, Common, Dylan Baker, Wendell Pierce, Stan Houston
Ob „Selma“ den Oscar als bester Film des Jahres gegen eine starke Konkurrenz gewinnt, wissen wir in wenigen Stunden. Immerhin sind bei der Academy historische Stoffe beliebt und letztes Jahr gewann das Sklavendrama „12 Years a Slave“. Im Gegensatz zu Steve McQueens formal strengem Film ist Ava DuVernays Film über Martin Luther King und seinen Kampf um das Wahlrecht für Afroamerikaner in Alabama und den USA deutlich gefälliger. Sie schildert, nach einem Drehbuch von Paul Webb und mit David Oyelowo in der Hauptrolle, in über zwei mitreisenden Stunden, wie Martin Luther King Jr., nach seiner auch heute noch bekannten „I have a Dream“-Rede 1963 in Washington, D. C., und der Verleihung des Friedensnobelpreises am 11. Dezember 1964, mit seinen Kampfgefährten von der Bürgerrechtsbewegung in den ersten Monaten des Jahres 1965 ihre Aufmerksamkeit auf die Stadt Selma im Bundesstaat Alabama lenkt. Dort sollen ihre nächsten politischen Aktionen für das uneingeschränkte Wahlrecht für alle US-Amerikaner stattfinden. Denn obwohl Afroamerikaner seit 1870 formal wählen dürfen, sind in Selma nur zwei Prozent der Afroamerikaner als Wähler registriert. Über die Hälfte der dortigen Bevölkerung sind Afroamerikaner. Sie werden durch absurde Tests („Wie heißen die Bezirksrichter?“), eine Kopfsteuer, die sie meist nicht bezahlen können, und einen Fürsprecher, der im Wahlregister eingetragen ist und sich für sie verbürgt, davon abgehalten. In Alabama gab es damals Wahlkreise, in denen in den letzten fünfzig Jahren keine einzige schwarze Person an einer Wahl teilgenommen hatte. Und nur registrierte Wähler dürfen vor Gericht Geschworene sein, was dazu führt, dass vor einem Geschworenengericht Weiße über Schwarze urteilen. Diese Ungerechtigkeit, die durch den rassistischen Polizeichef Jim Clark und den ebenso rassistischen Gouverneur George Wallace noch potenziert wird, ist für King – und das zeigt „Selma“ sehr genau – das ideale Schlachtfeld für seinen friedlichen Kampf. Mit öffentlichen Aktionen, Demonstrationen und Märschen will er das Klima so anheizen, dass US-Präsident Lyndon B. Johnson ein Gesetz unterzeichnet, das den Afroamerikanern das volle Wahlrecht ohne Wenn und Aber zugesteht. Auch wenn King keine Toten einplant, geht er davon aus, dass die Staatsmacht und die Weißen Gewalt anwenden werden. Kings erste Aktion in Selma führt am 2. Februar 1965 zur Verhaftung von ihm und mehreren hundert Menschen, die für das allgemeine Wahlrecht protestierten. Dennoch demonstrieren sie weiter. Am 18. Februar 1965 wird der 26-jährige Diakon Jimmie Lee Jackson, der seine Mutter und seinen Großvater beschützen will, von State Troopern zusammengeschlagen und erschossen. Sein Tod ist die Initialzündung für den Marsch von Selma nach Montgomery, der Hauptstadt von Alabama. Am 7. März 1965, als unter der Führung von John Lewis und Hose Williams, zwei Kampfgefährten von King, der an dem Tag nicht dabei sein kann, der Marsch von Selma nach Montgomery beginnt, werden die sechshundert friedlichen Demonstranten wenige Meter nach dem Beginn ihres Marsches auf der Edmund Pettus Bridge mit Tränengas und nackter Gewalt zurückgedrängt. Die brutale Aktion wird im Fernsehen übertragen und der „Bloody Sunday“ wird zu einem Wendepunkt im Kampf um das Wahlrecht. Denn danach schließen sich auch viele Weiße und Christen aus dem ganzen Land den von King geleiteten Märschen an. Bei einem zweiten Marsch, am 9. März, kehrt King, obwohl die State Trooper den Weg räumen, auf der Brücke um, weil er eine Falle befürchtet. An dem Abend werden drei weiße Geistliche von Klu-Klux-Klan-Mitgliedern zusammengeschlagen. Einer von ihnen, James Reeb, stirbt kurz darauf an den Verletzungen. In diesen Tagen erhöht King auch den Druck auf Präsident Johnson, der in dem Film „Selma“ etwas eindimensional als gutwilliger Zauderer gezeigt wird. Nach einer Gerichtsverhandlung, die den Marsch erlaubt, will Alabama-Gouverneur Wallace den Marsch trotzdem verbieten. Präsident Johnson erläßt eine Verfügung, die die Nationalgarde in Alabama zur Bundessache macht und damit die Möglichkeit eröffnet, dass der friedliche Marsch ohne größere Zusammenstößre gelingen kann. Geschützt durch Bundestruppen gelingt den Demonstranten im dritten Versuch der Marsch von Selma, wo sie am 21. März mit 4000 Demonstranten loslaufen, nach Montgomery, wo sie am 25. März mit fast 25000 Teilnehmern ihr Ziel erreichen und King eine weitere seiner umjubelten Reden hält. Am 9. August 1965 unterzeichnet Präsident Johnson den Voting Rights Act. Diese kurze, für die Bürgerrechtsbewegung sehr wichtige Episode zeichnet Ava DuVernay in ihrem Biopic über Martin Luther King nach und, wie bei einigen anderen gelungen Biopics der letzten Jahre, führt diese Konzentration auf einen kurzen Abschnitt im Leben des Porträtierten zu einem vielschichtigen und äußerst gelungenem Porträt, das die übliche Biopic-Falle, nämlich das ganze Leben einer Person in knapp drei Stunden buchhalterisch abzuhandeln, vermeidet. DuVernay zeichnet stattdessen die Dynamik politischer Prozesse zwischen öffentlichen Aktionen und Verhandlungen in Hinterzimmern genau nach. Dazu gehören auch die politischen Ränkespiele in Washington. Denn in der Politik kommt es nicht nur auf die richtige Meinung und Mehrheiten, sondern auch auf das Ergreifen von günstigen Gelegenheiten an. Dass sie dabei die Politik auf Präsident Johnson, seinen engsten Berater, den Gouverneur von Alabama und FBI-Chef J. Edgar Hoover konzentriert, kann verziehen werden. Vor allem weil diese Personen von Tom Wilkinson, Giovanni Ribisi, Tim Roth und Dylan Baker mit spürbarer Lust an den moralischen Untiefen der Politik und ihrer Charaktere gespielt werden. Denn während Johnson mit King über mögliche Kompromisse verhandelt, wirde King auch vom FBI ständig überwacht (Auszüge aus den Überwachungsprotokollen werden immer wieder eingeblendet) und Hoover schlägt Johnson in einem Nebensatz auch die Ermordung Kings vor. Johnson lehnte nicht empört ab. Natürlich wird „Selma“ immer wieder pathetisch. Vor allem wenn King als Pfarrer eine seiner Reden hält. Aber es wird auch der private King gezeigt und dass er Teil einer größeren Bewegung war. Er diskutiert mit seinen Vertrauten und Freunden über die Strategien und Ziele ihrer Aktionen und er ist sich durchaus unsicher, ob er den richtigen Weg beschreitet. In diesen Momenten wird aus der Symbolfigur ein Mensch mit ganz normalen Ängsten und Sorgen. Und der Blick in die Vergangenheit schärft auch den Blick auf die Gegenwart. Vor einem halben Jahrhundert wurde in den USA um das Wahlrecht und die Gleichberechtigung gekämpft, die heute immer noch nicht erreicht ist. Der Film regt auch zum Nachdenken über die Verhältnisse hier in Deutschland an. Denn die Gastarbeiter und ihre Kinder, wenn sie nicht die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen, dürfen Steuern bezahlen, aber nicht wählen. Das unterhaltsame und spannende Biopic „Selma“ ist ein Film, nach dem man das Kino klüger verläßt.
Nun, den Oscar als bester Film erhielt „Birdman“. „Selma“, der schon bei den Nominierungen weitgehend ignoriert wurde, erhielt nur einen Trost-Oscar für den besten Song. Dafür erhielt „Selma“ einige andere Preise, wie den AFI Award als bester Film, mehrere Preise der African-American Film Critics Association (u. a. bester Film, Regie, Hauptdarsteller), Black Film Critics Circle Award (dito), Black Reel Award (dito) und African-American Film Critics Association, die für den Film, sein Thema und seine Geschichte, wohl wichtiger sind als der Oscar.
Das Bonusmaterial
Auf der DVD gibt es genug Bonusmaterial, um gierig nach noch mehr zu werden. Wie einer historischen Dokumentation oder einem Audiokommentar eines Historikers oder von Zeitzeugen, die wahrscheinlich vor allem bestätigen würden, wie historisch genau der Film ist. Schon jetzt gibt es auf der DVD zwei Audiokommentare. Einen von Regisseurin Ava DuVernay und Hauptdarsteller David Oyelowo, einen von ihr, zusammen mit Kameramann Bradford Young und Cutter Spencer Averick. Es gibt ein knapp halbstündiges „Making of“ und das zwölfminütige Featurette „Die Entstehung von ‚Selma’“, die zusammen gesehen einen guten Einblick in die historischen Hintergründe (mit vielen Statements von Zeitzeugen), die Produktion und den Dreh liefern. Es gibt eine halbe Stunde „Geschnittene Szenen“, die dem Film nichts wesentlich neues hinzufügen; was auch daran liegt, dass es sich um erweiterte oder für den Film redundante Szenen handelt. Die meisten Szenen sind allerdings ungeschnittene Gerichtsaussagen, die als Hintergrundinformation interessant sich und die es niemals in den Film geschafft hätten.
Es gibt ein siebenminütes Featurette „Über das National Voting Rights Museum and Institute“, das sich mit den im Film gezeigten Ereignissen beschäftigt. Und es gibt als „Aus dem Archiv: Die Geschichte von ‚Selma’“ zwei Universal Newsreels, also damalige Berichte über die Ereignisse in Selma, bei denen vor allem auffällt, wie genau sie in „Selma“ nachgestellt wurden.
Und das ist noch nicht alles. Es gibt das Video von Commons „Glory“, der den Oscar als bester Song erhielt, und, als Pflichtprogramm nach der ausführlichen Kür, den Trailer.
Selma (Selma, USA/Großbritannien 2014)
Regie: Ava DuVernay
Drehbuch: Paul Webb
mit David Oyelowo, Tom Wilkinson, Tim Roth, Cuba Gooding Jr., Alessandro Nivola, Carmen Ejogo, Lorraine Toussaint, Ophrah Winfrey, Tessa Thompson, Giovanni Ribisi, Common, Dylan Baker, Wendell Pierce, Stan Houston
– DVD
Studiocanal/Arthaus
Bild: 2,40:1 (anamorph)
Ton: Deutsch, Englisch (5.1 DD)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Audiokommentar von Regisseurin Ava DuVernay und Hauptdarsteller David Oyelowo, Audiokommentar von Regisseurin Ava DuVernay, Kameramann Bradford Young und Cutter Spencer Averick, Making of, Die Entstehung von „Selma“, Über das National Voting Rights Museum and Institute, Aus dem Archiv: Die Geschichte von „Selma“, Geschnitte Szenen, Musikvideo „Glory“, Trailer
Länge: 123 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
–
Zuletzt sank in New York die Mordrate auf ein über fünfzigjähriges Rekordtief. Vielleicht sogar auf den tiefsten Stand, seitdem dort eine Kriminalitätsstatistik erhoben wird. Letztes Jahr wurden in der Millionenstadt 328 Menschen ermordet. Auch die Zahl der Gewaltverbrechen sank auf Zahlen, die man vor einigen Jahren noch für utopisch hielt.
Zum Beispiel gab es 1981 1826 Morde. 1981 war auch das Jahr mit der höchsten Kriminalitätsrate. So wird jedenfalls am Anfang von J. C. Chandors neuem, bei den Oscars seltsamerweise vollkommen übergangenem Film „A most violent Year“ gesagt und, obwohl ich jetzt keinen Beleg dafür finde, könnte es stimmen. Denn New York war damals keine harmlose Stadt.
Auch die Heizöllaster von Abel Morales (Oscar Isaac) werden regelmäßig überfallen. Aber im Gegensatz zu seinen Konkurrenten will der Einwanderersohn ehrlich bleiben. Und er vertraut der Polizei. Dennoch ermittelt der Stellvertretende Bezirksstaatsanwalt Lawrence (David Oyelowo) gegen ihn. Er vermutet, dass Morales Kontakte zur Mafia hat. Die Gründe dafür liegen, neben dem allgemeinen Geschäftsgebaren der Branche, auf der Hand: Abel Morales ist mit Anna (Jessica Chastain), der Tochter eines bekannten Gangsters, verheiratet und er hat das Geschäft von ihrem Vater übernommen.
Die aus seiner Sicht ebenso lästigen wie überflüssigen Ermittlungen des Staatsanwalts werden, neben den Überfällen auf seine Fahrzeuge und dem damit verbundenem Diebstahl seiner kostbaren Ladung, allerdings zu einer Bedrohung seiner Existenz, als er eine Option auf ein Industriegelände am Fluss erwirbt. Mit den auf diesem Gelände stehenden Tanks hätte er die Grundlage für eine ordentliche Geschäftsvergrößerung. Er könnte größer als seine Konkurrenten werden. Die Besitzer des Grundstücks verlangen, dass in einem Monat die restliche Kaufsumme im sechsstelligen Bereich bezahlt wird. Da würden polizeiliche Ermittlungen bei seiner Hausbank seine Kreditwürdigkeit nur unnötig schmälern und seine Expansionspläne gefährden. Wenn es dumm läuft, könnte er sogar pleite gehen.
In seinem dritten Spielfilm, nach dem Finanzthriller „Der große Crash – Margin Call“ und dem Ein-Mann-Segler-Thriller „All is Lost“, die beide von der Kritik abgefeiert wurden, legt J. C. Chandor grandios nach. „A most violent Year“ ist ein düsteres, sich langsam entwickelndes Drama, ein Noir über einen Mann, der ehrlich bleiben möchte (jedenfalls so weit das in seiner Branche möglich ist) und der sich zwischen seinen hehren Prinzipien und seiner Existenz, der seiner Familie und ihrem durchaus gehobenem Lebensstil entscheiden muss. Weil Chandor „A most violent Year“ wie einen Weiße-Kragen-Gangsterfilm inszeniert und die Geschichte sich im Bereich der alltäglichen Graustufen, in denen es nur mehr oder weniger richtige und falsche Entscheidungen gibt, geht es vor allem um die Frage, welche und wie viele Kompromisse Abel Morales eingehen muss, um als Unternehmer erfolgreich zu sein. Und, auch das ist von Anfang an klar: Morales wäre nicht so weit gekommen, wenn er sich immer hundertprozentig an die Gesetze gehalten hätte.
Während Abel Morales noch hadert, hat seine Frau Anna schon längst Fakten geschaffen. Das ist, vor allem nachdem sie fast während des gesamten Films als treue, die Buchhaltung erledigende, sich um die Kinder kümmernde Hausfrau mit Hang zu teuren Kleidern gezeigt wurde, eine Überraschung, die von Chandor aber – wie alles in dem Film – gut vorbereitet wurde. Bereits bei einem Wildunfall reagierte sie schneller und konsequenter als ihr Mann. Außerdem sahen wir sie nie bei der Hausarbeit und die Kinder tauchen kaum auf, weil sie im Geschäftsleben von Abel und Anna nicht im Mittelpunkt stehen.
Gleichzeitig zeigt J. C. Chandor präzise, wie Strukturen und kurzfristige Interessen zu Ergebnissen führen, die niemand wirklich will.
„A most violent Year“ ist ein düsteres Drama mit einem bitteren Ende, obwohl es keine Schuldigen gibt und auch niemand wirklich böse ist. Das ist klassisches, gut gespieltes Schauspielerkino in der Tradition von Sidney Lumet mit stimmigem Zeitkolorit, klug platzierten Anspielungen, einem feinen Blick auf die vielen Gruppen, die in New York leben und um ihren Platz kämpfen, und moralischen Ambivalenzen und Fragen, die auch heute noch aktuell sind.
Ob „Selma“ den Oscar als bester Film des Jahres gegen eine starke Konkurrenz gewinnt, wissen wir in wenigen Stunden. Immerhin sind bei der Academy historische Stoffe beliebt und letztes Jahr gewann das Sklavendrama „12 Years a Slave“. Im Gegensatz zu Steve McQueens formal strengem Film ist Ava DuVernays Film über Martin Luther King und seinen Kampf um das Wahlrecht für Afroamerikaner in Alabama und den USA deutlich gefälliger.
Sie schildert, nach einem Drehbuch von Paul Webb und mit David Oyelowo in der Hauptrolle, in über zwei mitreisenden Stunden, wie Martin Luther King Jr., nach seiner auch heute noch bekannten „I have a Dream“-Rede 1963 in Washington, D. C., und der Verleihung des Friedensnobelpreises am 11. Dezember 1964, mit seinen Kampfgefährten von der Bürgerrechtsbewegung in den ersten Monaten des Jahres 1965 ihre Aufmerksamkeit auf die Stadt Selma im Bundesstaat Alabama lenkt. Dort sollen ihre nächsten politischen Aktionen für das uneingeschränkte Wahlrecht für alle US-Amerikaner stattfinden.
Denn obwohl Afroamerikaner seit 1870 formal wählen dürfen, sind in Selma nur zwei Prozent der Afroamerikaner als Wähler registriert. Über die Hälfte der dortigen Bevölkerung sind Afroamerikaner. Sie werden durch absurde Tests („Wie heißen die Bezirksrichter?“), eine Kopfsteuer, die sie meist nicht bezahlen können, und einen Fürsprecher, der im Wahlregister eingetragen ist und sich für sie verbürgt, davon abgehalten. In Alabama gab es damals Wahlkreise, in denen in den letzten fünfzig Jahren keine einzige schwarze Person an einer Wahl teilgenommen hatte. Und nur registrierte Wähler dürfen vor Gericht Geschworene sein, was dazu führt, dass vor einem Geschworenengericht Weiße über Schwarze urteilen. Diese Ungerechtigkeit, die durch den rassistischen Polizeichef Jim Clark und den ebenso rassistischen Gouverneur George Wallace noch potenziert wird, ist für King – und das zeigt „Selma“ sehr genau – das ideale Schlachtfeld für seinen friedlichen Kampf. Mit öffentlichen Aktionen, Demonstrationen und Märschen will er das Klima so anheizen, dass US-Präsident Lyndon B. Johnson ein Gesetz unterzeichnet, das den Afroamerikanern das volle Wahlrecht ohne Wenn und Aber zugesteht. Auch wenn King keine Toten einplant, geht er davon aus, dass die Staatsmacht und die Weißen Gewalt anwenden werden. Kings erste Aktion in Selma führt am 2. Februar 1965 zur Verhaftung von ihm und mehreren hundert Menschen, die für das allgemeine Wahlrecht protestierten. Dennoch demonstrieren sie weiter.
Am 18. Februar 1965 wird der 26-jährige Diakon Jimmie Lee Jackson, der seine Mutter und seinen Großvater beschützen will, von State Troopern zusammengeschlagen und erschossen. Sein Tod ist die Initialzündung für den Marsch von Selma nach Montgomery, der Hauptstadt von Alabama.
Am 7. März 1965, als unter der Führung von John Lewis und Hose Williams, zwei Kampfgefährten von King, der an dem Tag nicht dabei sein kann, der Marsch von Selma nach Montgomery beginnt, werden die sechshundert friedlichen Demonstranten wenige Meter nach dem Beginn ihres Marsches auf der Edmund Pettus Bridge mit Tränengas und nackter Gewalt zurückgedrängt. Die brutale Aktion wird im Fernsehen übertragen und der „Bloody Sunday“ wird zu einem Wendepunkt im Kampf um das Wahlrecht. Denn danach schließen sich auch viele Weiße und Christen aus dem ganzen Land den von King geleiteten Märschen an.
Bei einem zweiten Marsch, am 9. März, kehrt King, obwohl die State Trooper den Weg räumen, auf der Brücke um, weil er eine Falle befürchtet. An dem Abend werden drei weiße Geistliche von Klu-Klux-Klan-Mitgliedern zusammengeschlagen. Einer von ihnen, James Reeb, stirbt kurz darauf an den Verletzungen.
In diesen Tagen erhöht King auch den Druck auf Präsident Johnson, der in dem Film „Selma“ etwas eindimensional als gutwilliger Zauderer gezeigt wird.
Nach einer Gerichtsverhandlung, die den Marsch erlaubt, will Alabama-Gouverneur Wallace den Marsch trotzdem verbieten. Präsident Johnson erläßt eine Verfügung, die die Nationalgarde in Alabama zur Bundessache macht und damit die Möglichkeit eröffnet, dass der friedliche Marsch ohne größere Zusammenstößre gelingen kann. Geschützt durch Bundestruppen gelingt den Demonstranten im dritten Versuch der Marsch von Selma, wo sie am 21. März mit 4000 Demonstranten loslaufen, nach Montgomery, wo sie am 25. März mit fast 25000 Teilnehmern ihr Ziel erreichen und King eine weitere seiner umjubelten Reden hält.
Am 9. August 1965 unterzeichnet Präsident Johnson den Voting Rights Act.
Diese kurze, für die Bürgerrechtsbewegung sehr wichtige Episode zeichnet Ava DuVernay in ihrem Biopic über Martin Luther King nach und, wie bei einigen anderen gelungen Biopics der letzten Jahre, führt diese Konzentration auf einen kurzen Abschnitt im Leben des Porträtierten zu einem vielschichtigen und äußerst gelungenem Porträt, das die übliche Biopic-Falle, nämlich das ganze Leben einer Person in knapp drei Stunden buchhalterisch abzuhandeln, vermeidet.
DuVernay zeichnet stattdessen die Dynamik politischer Prozesse zwischen öffentlichen Aktionen und Verhandlungen in Hinterzimmern genau nach. Dazu gehören auch die politischen Ränkespiele in Washington. Denn in der Politik kommt es nicht nur auf die richtige Meinung und Mehrheiten, sondern auch auf das Ergreifen von günstigen Gelegenheiten an. Dass sie dabei die Politik auf Präsident Johnson, seinen engsten Berater, den Gouverneur von Alabama und FBI-Chef J. Edgar Hoover konzentriert, kann verziehen werden. Vor allem weil diese Personen von Tom Wilkinson, Giovanni Ribisi, Tim Roth und Dylan Baker mit spürbarer Lust an den moralischen Untiefen der Politik und ihrer Charaktere gespielt werden. Denn während Johnson mit King über mögliche Kompromisse verhandelt, wirde King auch vom FBI ständig überwacht (Auszüge aus den Überwachungsprotokollen werden immer wieder eingeblendet) und Hoover schlägt Johnson in einem Nebensatz auch die Ermordung Kings vor. Johnson lehnte nicht empört ab.
Natürlich wird „Selma“ immer wieder pathetisch. Vor allem wenn King als Pfarrer eine seiner Reden hält.
Aber es wird auch der private King gezeigt und dass er Teil einer größeren Bewegung war. Er diskutiert mit seinen Vertrauten und Freunden über die Strategien und Ziele ihrer Aktionen und er ist sich durchaus unsicher, ob er den richtigen Weg beschreitet. In diesen Momenten wird aus der Symbolfigur ein Mensch mit ganz normalen Ängsten und Sorgen.
Und der Blick in die Vergangenheit schärft auch den Blick auf die Gegenwart. Vor einem halben Jahrhundert wurde in den USA um das Wahlrecht und die Gleichberechtigung gekämpft, die heute immer noch nicht erreicht ist. Der Film regt auch zum Nachdenken über die Verhältnisse hier in Deutschland an. Denn die Gastarbeiter und ihre Kinder, wenn sie nicht die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen, dürfen Steuern bezahlen, aber nicht wählen.
Das unterhaltsame und spannende Biopic „Selma“ ist ein Film, nach dem man das Kino klüger verläßt.
Face/Off – Im Körper des Feindes (USA 1997, Regie: John Woo)
Drehbuch: Mike Werb, Mike Colleary
FBI-Cop Sean Archer kann den Terroristen Castor Troy verhaften. Naja, fast. Denn Castor liegt jetzt im Koma und niemand weiß, wo in Los Angeles die von Castor deponierte Atombombe ist. Also lässt Archer sich auf eine gefährliche und geheime Operation ein: er nimmt das Gesicht von Troy an und schleicht sich in dessen Bande ein. Dummerweise erwacht Castor aus dem Koma und er beginnt Archer zu verfolgen. Mit der gesamten Polizei als Helfer, für die der Terrorist jetzt der tapfere Polizist Archer ist.
Grandioser Actionfilm von John Woo, der ihn auf dem Höhepunkt seiner Hollywood-Karriere zeigt. Und das Spiel von John Travolta und Nicolas Cage als Feinde, die ihre Identität wechseln, ist ein großer Spaß.
„Eine faszinierende, atemberaubende Symphonie – virtuos von John Woo komponiert und dirigiert. (…) Hervorragend.“ (Fischer Film Almanach 1998)
mit John Travolta, Nicolas Cage, Alessandro Nivola, Gina Gershon, Dominique Swann, Nick Cassavetes, Colm Feore, CCH Pounder