Neu im Kino/Filmkritik: „The Menu“ – es ist edel angerichtet

November 17, 2022

Die Karte sieht überaus prächtig aus. Die Zutaten und die gereichten Gerichte ebenso. Aber die Ausführung, vor allem das Finale, enttäuscht dann doch etwas.

Angerichtet wird das Menü von Sternekoch Slowik. Mit seinen Angestellten lebt er auf einer Insel. In dem auf der Insel liegendem Edelrestaurant bewirtet er nur wenige Gäste, die dafür einen auch nach Sterne-Niveau astronomisch hohen Preis zahlen.

Für diesen Abend hat Slowik sich ein besonderes Menü ausgedacht. Die an den sechs Tischen sitzenden zwölf Gäste sind sorgfältig ausgewählt. Die einzelnen Gänge des Menüs sind für jeden Gast speziell angerichtet. Sie berücksichtigen seinen Geschmack und sein Leben.

Zu den Gästen gehören ein älteres Ehepaar, das schon mehrmals Slowiks Essen genossen hat, drei unangenehm auffallende Executives einer High-Tech-Firma, ein snobistischer Schauspieler, der nach seiner Schauspielkarriere eine Reise-Food-Sendung moderiert, mit seiner an eine Kündigung denkenden Assistentin, eine aufgedonnerte Restaurantkritikerin mit ihrem Redakteur und ein junger Mann, der ein fanatischer Fan von Slowik und seinem Essen ist. Dieser Foodie, der stundenlang über Essen reden kann, sorgt schon beim Empfang für die erste Irritation im sorgfältig geplanten Ablauf. Er hat nicht seine namentlich angekündigte Freundin, sondern eine Escort-Dame mitgebracht. Für sie ist Essen keine hohe Kunst, sondern schnöde Nahrungsaufnahme. Aber wenn ihr Kunde sie mitnehmen und ihr ihr Essen bezahlen will, dann begleitet sie ihn.

Vor dem Essen zeigt ihnen Slowiks Assistentin die Gärten und die Schlafbaracken des Personals. Den allseits bewunderten und verehrten Slowik sehen sie zum ersten Mal im Restaurant. Dort tritt er als Küchenmeister auf, der gerne laut in die Hände klatscht und ihnen befiehlt, das Essen zu genießen. Das Fotografieren des Essens verbietet er ihnen.

Der Foodie tut es trotzdem (Hey, warum haben Slowiks Leute am Eingang nicht die Handys eingesammelt?). Slowik äußerst sein Mißfallen so nachdrücklich, dass der Essensfotograf eingeschüchtert auf weitere Bilder verzichtet.

Das ist allerdings nur der erste Gang von einem Essen, das mit jedem Gang weiter eskaliert. Der diabolische Küchenmeister hat jedes einzelne Gericht für eine bestimmten Gast komponiert hat. Er kennt die Geheimnisse seiner Gäste, wie Betrug und Ehebruch. Und er verewigt sie in seinen Gerichten.

Außerdem soll der heutige Abend ein besonderer, ein einmaliger, für alle unvergesslicher Abend werden.

Natürlich ist „The Menu“, geschrieben von Seth Reiss und Will Tracy, inszeniert von Mark Mylod, kein realistischer Film, der auch nur im entferntesten ein auch nur halbwegs reales Abendessen nacherzählt. Spätestens nachdem einem Gast ein Finger abgetrennt wird, ist das offensichtlich. „The Menu“ ist eine surrealistische Satire. Das Menü ist nur der Anlass, um etwas über die Gesellschaft zu sagen.

Trotzdem, oder gerade deswegen, fällt spätestens beim Hauptgang auf, dass bei diesem letzten Menü eine wichtige Zutat fehlt.

Denn alle Figuren bleiben leere Schablonen, über die wir kaum etwas erfahren und das, was wir erfahren, erklärt nicht, warum Slowik gerade sie für diesen Abend auserwählte. Sie sind keine Agatha-Christie-Rätselkrimi-Gesellschaft, in der jeder einen guten Grund hat, den Mord zu begehen, sondern eindimensionale Platzhalter für Gäste, die an jedem Abend in jedem Restaurant auftauchen. Natürlich ist ein fanatischer Fan nervig. Aber hat er deshalb den Tod verdient? Das gleiche gilt für einen vermögenden Gast, der nur deshalb in diesem Restaurant isst, weil er es sich leisten kann. Entsprechend rätselhaft und grotesk ist das Missverhältnis von der Bedeutungslosigkeit der Gäste und Slowiks Wunsch, sich an ihnen zu rächen.

Auch Slowik ist nur ein Platzhalter, der gut in die Hände klatschen und fies grinsen kann. Ralph Fiennes freut sich erkennbar, diesen kalten, perfektionistischen Koch zu spielen.

Am Ende ist „The Menu“ eine Übung in Stil über Substanz. Oder, kulinarisch gesagt: sieht gut aus, macht nicht satt.

The Menu (The Menu, USA 2022)

Regie: Mark Mylod

Drehbuch: Seth Reiss, Will Tracy

mit Ralph Fiennes, Anya Taylor-Joy, Nicholas Hoult, Hong Chau, Janet McTeer, Reed Birney, Judith Light, Paul Adelstein, Aimee Carrero, Arturo Castro, Rob Yang, Mark St. Cyr, John Leguizamo

Länge: 108 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „The Menu“

Metacritic über „The Menu“

Rotten Tomatoes über „The Menu“

Wikipedia über „The Menu“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 16. September: Albert Nobbs

September 16, 2018

Ric, 20.15

Albert Nobbs (Albert Nobbs, Großbritannien/Irland 2011)

Regie: Rodrigo García

Drehbuch: Gabriella Prekop, John Banville, Glenn Close. István Szabó (Filmgeschichte)

LV: George Moore: The Singular Life of Albert Nobbs, 1918 (erstmals erschienen in „A Story-Teller’s Holiday“)

Dublin, Ende des 19. Jahrhunderts: Albert Nobbs ist in einem piekfeinen Hotel ein tadelloser Butler. Niemand ahnt, dass Nobbs eine Frau ist. Eines Tages verliebt er sich in den Maler Hubert. Ebenfalls eine Frau. Sie beschließen gemeinsam ein Geschäft zu eröffnen.

Klassisches Schauspielerkino mit einem starkem Ensemble,

Glenn Close spielte Albert Nobbs erstmals 1982 im Theater. Sie war auch die treibende Kraft hinter der Verfilmung, der ihr verdiente Nominierungen als beste Hauptdarstellerin für den Oscar, den Golden Globe und den Preis der Screen Actors Guild einbrachte.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Glenn Close, Mia Wasikowska, Aaron Johnson, Janet McTeer, Brendan Gleeson, Pauline Collins, Jonathan Rhys Meyers

Wiederholung: Mittwoch, 19. September, 22.25 Uhr

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

„Albert Nobbs“-YouTube-Kanal

Film-Zeit über „Albert Nobbs“

Moviepilot über „Albert Nobbs“

Metacritic über „Albert Nobbs“

Rotten Tomatoes über „Altert Nobbs“

Wikipedia über „Albert Nobbs“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Benjamin Blacks „Der Lemur“ (The Lemur, 2008)

Meine Besprechung von Rodrigo Garcias „Albert Nobbs“ (Albert Nobbs, Großbritannien/Irland 2011)


TV-Tipp für den 24. Januar: Hannah Arendt

Januar 24, 2018

RBB, 23.00

Hannah Arendt (Deutschland 2012)

Regie: Margarethe von Trotta

Drehbuch: Pamela Katz, Margarethe von Trotta

Grandioses Biopic über Hannah Arendt und den Eichmann-Prozess.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung des Films.

Davor zeigt der HR um 21.00 Uhr ihren Frankfurt-Tatort „Unter uns“. Auch sehenswert.

mit Barbara Sukowa, Axel Milberg, Janet McTeer, Julia Jentsch, Ulrich Noethen, Michael Degen, Victoria Trauttmansdorff, Klaus Pohl, Nicholas Woodeson

Hinweise

Homepage zum Film

Film-Zeit über „Hannah Arendt“

Rotten Tomatoes über „Hannah Arendt“

Wikipedia über „Hannah Arendt“

Meine Besprechung von Margarethe von Trottas “Hannah Arendt” (Deutschland 2012; DVD-Besprechung)


TV-Tipp für den 1. Februar: Hannah Arendt

Februar 1, 2017

Arte, 20.15 Uhr

Hannah Arendt (Deutschland 2012)

Regie: Margarethe von Trotta

Drehbuch: Pamela Katz, Margarethe von Trotta

Grandioses Biopic über Hannah Arendt und den Eichmann-Prozess.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung des Films.

Anschließend zeigt Arte „Hannah Arendt und die Pflicht zum Ungehorsam“ (Deutschland 2016).

mit Barbara Sukowa, Axel Milberg, Janet McTeer, Julia Jentsch, Ulrich Noethen, Michael Degen, Victoria Trauttmansdorff, Klaus Pohl, Nicholas Woodeson

Wiederholung: Freitag, 10. Februar, 14.00 Uhr

Hinweise

Homepage zum Film

Film-Zeit über „Hannah Arendt“

Rotten Tomatoes über „Hannah Arendt“

Wikipedia über „Hannah Arendt“

Meine Besprechung von Margarethe von Trottas “Hannah Arendt” (Deutschland 2012; DVD-Besprechung)


TV-Tipp für den 10. März: Hannah Arendt

März 10, 2016

SWR, 00.00 Uhr
Hannah Arendt (Deutschland 2012)
Regie: Margarethe von Trotta
Drehbuch: Pamela Katz, Margarethe von Trotta
Grandioses Biopic über Hannah Arendt und den Eichmann-Prozess.
Mehr in meiner ausführlichen Besprechung des Films.
mit Barbara Sukowa, Axel Milberg, Janet McTeer, Julia Jentsch, Ulrich Noethen, Michael Degen, Victoria Trauttmansdorff, Klaus Pohl, Nicholas Woodeson

Hinweise

Homepage zum Film

Film-Zeit über „Hannah Arendt“

Rotten Tomatoes über „Hannah Arendt“

Wikipedia über „Hannah Arendt“

Meine Besprechung von Margarethe von Trottas “Hannah Arendt” (Deutschland 2012; DVD-Besprechung)


TV-Tipp für den 2. Mai: Hannah Arendt

Mai 1, 2015

Bayern, 22.00 Uhr
Hannah Arendt (Deutschland 2012)
Regie: Margarethe von Trotta
Drehbuch: Pamela Katz, Margarethe von Trotta
Grandioses Biopic über Hannah Arendt und den Eichmann-Prozess.
Mehr in meiner ausführlichen Besprechung des Films.
mit Barbara Sukowa, Axel Milberg, Janet McTeer, Julia Jentsch, Ulrich Noethen, Michael Degen, Victoria Trauttmansdorff, Klaus Pohl, Nicholas Woodeson

Hinweise

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Film-Zeit über „Hannah Arendt“

Rotten Tomatoes über „Hannah Arendt“

Wikipedia über „Hannah Arendt“

Meine Besprechung von Margarethe von Trottas “Hannah Arendt” (Deutschland 2012; DVD-Besprechung)


TV-Tipp für den 7. Dezember: Hannah Arendt

Dezember 7, 2014

ARD, 21.45 Uhr
Hannah Arendt (Deutschland 2012)
Regie: Margarethe von Trotta
Drehbuch: Pamela Katz, Margarethe von Trotta
Grandioses Biopic über Hannah Arendt und den Eichmann-Prozess.
Mehr in meiner ausführlichen Besprechung des Films.
mit Barbara Sukowa, Axel Milberg, Janet McTeer, Julia Jentsch, Ulrich Noethen, Michael Degen, Victoria Trauttmansdorff, Klaus Pohl, Nicholas Woodeson

Hinweise

Homepage zum Film

Film-Zeit über „Hannah Arendt“

Rotten Tomatoes über „Hannah Arendt“

Wikipedia über „Hannah Arendt“

Meine Besprechung von Margarethe von Trottas „Hannah Arendt“ (Deutschland 2012; DVD-Besprechung)


Neu im Kino/Filmkritik: Die Märchenverfilmung „Maleficent – Die dunkle Fee“ und Dornröschen

Juni 2, 2014

Wahrscheinlich wird den meisten der Name Maleficent oder die deutsche Version davon, Malefiz, nichts sagen. Mir sagte er jedenfalls nichts. Aber als ich das Märchen zuletzt las, war ich noch deutlich jünger und den Disney-Zeichentrickfilm „Dornröschen“ von 1959 habe ich, glaube ich, nie gesehen. Malefiz ist nämlich die böse Fee, die in dem Film Dornröschen verflucht.
Für die jetzt im Kino gestartete, von Disney produzierte Neuverfilmung des Märchens „Maleficent – Die dunkle Fee“ wurde von dem bekannten Märchen, das es in mehreren Versionen gibt, dann auch nur der Fluch übernommen: An ihrem sechzehnten Geburtstag soll die Prinzessin in einen hundertjährigen Schlaf verfallen. Der Rest der Geschichte konzentriert sich auf Maleficent und das könnte durchaus interessant sein. Als erstes sollte man allerdings alle Erinnerungen an das Märchen tilgen. Denn Robert Stromberg, der Produktionsdesigner von „Avatar“, „Alice im Wunderland“ und „Die fantastische Welt von Oz“, erzählt in seinem Regiedebüt nicht eine Spiegelversion der bekannten Geschichte, sondern eine vollkommen andere Geschichte, die mit dem Märchen nur noch den Fluch, in einer deutlich abgemilderten Form, gemeinsam hat.
In dem Film ist Maleficent eine junge, lebenslustige Fee, die sich in den Menschen Stefan verliebt. Um an die Macht zu kommen, verrät er sie und schneidet ihr die Feenflügel ab. Ohne Flügel wird Maleficent zu einer hasserfüllten Frau, die auf dem Fest zu Ehren der gerade geborenen Tochter von König Stefan auftaucht und das Baby verflucht. An ihrem sechzehnten Geburtstag soll Aurora in einen hundertjährigen Schlaf verfallen; – was für eine hasserfüllte Frau, die von einem Mann um ihr Lebensglück gebracht wurde, doch ein ziemlich moderater Fluch ist.
Der König beauftragt drei Feen, seine Tochter an einem einsamen Ort groß zu ziehen und sie bis nach ihrem sechzehnten Geburtstag zu beschützen.
Maleficent beobachtet das Kind beim Älter werden, beschützt es auch (es wäre ja schade, wenn das Balg frühzeitig sterben würde) und sie freunden sich an, was dann dazu führt, dass Maleficent spätestens im finalen Akt des Films gar nicht mehr böse ist, aber immer noch einen sehr dunklen Kleidungsstil hat.
Ein großes Problem bei „Maleficent – Die dunkle Fee“ ist, dass die böse Fee zugleich böse und gut sein soll. Eigentlich ist sie als Bösewicht überhaupt nicht böse, sondern die gute Schwiegermutter mit einem leicht abseitigem Humor und Kleidungsstil.
Das Problem, dass die Macher einen guten Bösewicht haben wollen, zeigt sich schon im zweiten Akt, wenn Maleficent, nachdem sie ihren Fluch ausgesprochen hat, die Prinzessin beobachtet und abwartet. Sechzehn Jahre! Anstatt irgendetwas zu unternehmen, um ihren Rachedurst möglichst schnell, möglichst lange und möglichst gemein zu stillen. Zum Beispiel indem sie Aurora entführt, ihr Schmerzen zufügt oder – was eigentlich das naheliegendste wäre – sich direkt an ihrem Peiniger zu rächt. Das wäre psychologisch glaubwürdig, wäre aber auch ein vollkommen anderer Film. Die Macher wollten aber, im Kern die Geschichte von Maleficent und Aurora und die Vorgeschichte erzählen, ohne wirkliche Konsequenzen aus ihrer Prämisse zu ziehen.
Das führt dazu, dass die einzelnen Teile eher unverbunden nebeneinander stehen. Die Liebesgeschichte und der Verrat von Stefan, die zu dem von Maleficent ausgesprochenem Fluch führen, haben nichts mit den Folgen des Fluchs zu tun. Denn die danach erzählte Mutter-Tochter-Geschichte hat nichts mit mit der Liebesgeschichte zu tun. Und wenn es dann im dritten Akt zur Konfrontation zwischen ihr und Stefan kommt, wirkt das wieder wie aus einem anderen Film. Einem Actionfilm, bei dem es kein Problem gibt, das nicht mit einer ordentlichen Schlägerei und Gebäudevernichtung erledigt werden kann. Nur: warum hat Maleficent das nicht vorher getan? Und warum hat sie sich über Jahre von ihrem eigentlichem Ziel, der Rache an dem Mann, der sie um ihr Leben betrogen hat, abhalten lassen? Und warum rächt sie sich nicht auf eine intelligentere Art? Zum Beispiel, indem sie ihn verflucht?
Dass König Stefan in der Zwischenzeit wahnsinnig wurde und von Paranoia und Angst zerfressen ist, hat ebenfalls keinen Einfluss auf die Filmgeschichte. Dabei läge hier eine weitere potentielle Geschichte, die auch mit seinem Verrat an Maleficent zusammenhängt. Doch die Macher wollten eine Geschichte mit Maleficent und Aurora erzählen, in der auch irgendwann, weil in Märchen immer ein Prinz auftaucht, ein Prinz auftaucht, der aber letztendlich nur durch das Bild reitet.
Ein weiteres Problem ist, dass der Film als Märchenfilm für Kinder erstaunlich düster geraten ist. Da hilft es auch nicht, dass für die deutsche Ab-6-Jahre-Freigabe einige Sekunden aus dem Film herausgeschnitten wurden. Die Bilder aus dem dunklen Wald, der Kampf zwischen Stefans Welt der Menschen und der magischen Welt von Maleficent und der Schlusskampf sind sehr düster geraten.
Und „Maleficent“ wirkt immer wie ein Animationsfilm, in den sich zufällig einige Schauspieler hinein verirrten. Angelina Jolie, die nach einer vierjährigen Leinwandabstinenz als Schauspielerin (der 2010er Film „The Tourist“ war ihr letzter Film), die dunkle Fee spielt, hat ein absolut makellos-künstliches Gesicht, in dem dann auch keine Gefühlsregung erkennbar ist. Die anderen Schauspieler dürfen zwar ab und an die Stirn runzeln, aber gegen die Bilder aus dem Computer haben sie keine Chance.
Und so ist „Maleficent – Die dunkle Fee“ dann kein märchenhafter Märchenfilm, sondern ein CGI-Exzess, der gerade das märchenhafte vermissen lässt.

Maleficent - Plakat

Maleficent – Die dunkle Fee (Maleficent, USA 2014)
Regie: Robert Stromberg
Drehbuch: Linda Woolverton
mit Angelina Jolie, Sharlto Copley, Elle Fanning, Sam Riley, Imelda Staunton, Juno Temple, Lesley Manville, Janet McTeer (Erzählerin in der Originalversion)
Länge: 96 Minuten
FSK: ab 6 Jahre

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Maleficent – Die dunkle Fee“
Moviepilot über „Maleficent – Die dunkle Fee“
Metacritic über „Maleficent – Die dunkle Fee“
Rotten Tomatoes über „Maleficent – Die dunkle Fee“
Wikipedia über „Maleficent – Die dunkle Fee“ (deutsch, englisch)


DVD-Kritik: Glenn Close ist „Albert Nobbs“

Dezember 27, 2013

 

Glenn Close spielte Albert Nobbs erstmals 1982 im Theater. Seitdem ließ sie die Geschichte der Frau, die im viktorianischen England als Butler lebt, nicht mehr los. Sie spielte Nobbs mehrmals auf der Bühne und war auch die treibende Kraft hinter der Verfilmung, der ihr verdiente Nominierungen als beste Hauptdarstellerin für den Oscar, den Golden Globe und den Preis der Screen Actors Guild einbrachte.

Die Geschichte spielt im späten 19. Jahrhundert in einer exklusiven, sehr auf Traditionen achtenden Pension in Dublin. Dort ist der zurückhaltende, immer korrekte Albert Nobbs bei den Gästen und dem Personal beliebt. Allerdings darf auch niemand erfahren, dass er eine sie ist.

Als er älter wird und Geld gespart hat, denkt er an die Zukunft: er will ein Geschäft eröffnen. Am liebsten mit einer Frau. Aber er weiß nicht, wie er sich einer Frau nähern soll. Dennoch wählt er das ebenfalls in der Pension arbeitende Hausmädchen Helen (Mia Wasikoska) aus. Die ist allerdings in Joe (Aaron Johnson) verliebt, einen jugendlichen Filou, der nach Amerika auswandern will und Albert Nobbs als leicht zu schröpfenden Geldesel betrachtet.

Überhaupt nicht als Geldesel betrachtet der Handwerker Hubert Page (Janet McTeer) Albert Nobbs. Denn Page ist ebenfalls eine Frau, die glücklich verheiratet ist und sich offensichtlich wohl fühlt. Nobbs ist fasziniert von ihr. Er fragt sich, wie sehr das Ehepaar Page auch ein Vorbild für seine künftige Ehe sein könnte.

Albert Nobbs“ ist klassisches Schauspielerkino mit einem starkem Ensemble, bei dem vor allem Glenn Closes Spiel im Gedächtnis bleibt. Denn ihr gelingt es mit minimalen Gesten und zurückhaltender Mimik den Charakter, der immer seine Gefühle verbergen muss und, nachdem sie vor Ewigkeiten als Mann eine sie erfüllende Arbeit fand, sich seitdem vor einer Entdeckung fürchtet, als einen Menschen mit Ängsten und Sehnsüchten begreifbar zu machen. Das zurückhaltend inszenierte Drama liefert auch einen Blick in eine Vergangenheit, als Gleichberechtigung für Frauen noch ein Fremdwort war und es für sie nur wenige Möglichkeiten eines ehrbaren Berufslebens gab.

Das verfilmte Drehbuch stammt von John Banville (aka Benjamin Black), der auf frühere Drehbuchfassungen zurückgreifen konnte. Denn „Albert Nobbs“ war lange geplant. In den frühen Neunzigern sollte die Geschichte von István Szabó verfilmt werden, aber immer wieder zerschlug sich der Drehbeginn.

Das Bonusmaterial besteht aus einigen „Geschnittenen Szenen“, die wirklich verzichtbar sind und weitgehend informativen Interviews mit den Hauptdarstellern, den Produzenten, dem Regisseur und dem Drehbuchautor.

Albert Nobbs - DVD-Cover - 4

Albert Nobbs (Albert Nobbs, Großbritannien/Irland 2011)

Regie: Rodrigo García

Drehbuch: Gabriella Prekop, John Banville, Glenn Close. István Szabó (Filmgeschichte)

LV: George Moore: The Singular Life of Albert Nobbs, 1918 (erstmals erschienen in „A Story-Teller’s Holiday“)

mit Glenn Close, Mia Wasikowska, Aaron Johnson, Janet McTeer, Brendan Gleeson, Pauline Collins, Jonathan Rhys Meyers

DVD

Pandastorm

Bild: 2,35:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch, Englisch

Bonusmaterial: Deleted Scenes, Interviews mit Cast & Crew, Kinotrailer, Wendecover

Länge: 109 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Albert Nobbs“-YouTube-Kanal

Film-Zeit über „Albert Nobbs“

Moviepilot über „Albert Nobbs“

Metacritic über „Albert Nobbs“

Rotten Tomatoes über „Altert Nobbs“

Wikipedia über „Albert Nobbs“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Benjamin Blacks „Der Lemur“ (The Lemur, 2008)

 

 


DVD-Kritik: Über Margarethe von Trottas „Hannah Arendt“

Oktober 14, 2013

 

Der Film startete schon im Januar in den Kinos und hier in Berlin läuft „Hannah Arendt“ derzeit immer noch in zwei Kinos. Das gelingt nur wenigen Filmen.

Die gut ausgestattete DVD erschien erst jetzt und für alle, die meine damalige Besprechung nicht gelesen haben, mache ich jetzt einen Repost.

Danach gibt es einige Anmerkungen dazu und ich beschäftige mich mit dem Bonusmaterial.

Die Filmkritik

Hannah Arendt.

Große Philosophin.

Hat „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ und „Eichmann in Jerusalem – Ein Bericht über die Banalität des Bösen“ geschrieben.

Und wenn Ihr Wissen über Hannah Arendt ungefähr jetzt erschöpft ist, dürfte es ihnen wie mir gehen.

Aber das ist auch keine schlechte Ausgangsposition, um sich Margarethe von Trottas neuen Film anzusehen, der ganz banal „Hannah Arendt“ heißt und vier Jahre aus ihrem Leben als reife Frau erzählt. Es sind die Jahre, in denen die damals hochgeachtete Philosophin in New York lebte, am Brooklyn College in New York lehrte, einen Kreis teils deutschstämmiger Intellektueller um sich gescharrt hatte (entsprechend flüssig wechseln sie in ihren Gesprächen die Sprachen) und sich normalerweise an ihr Alterswerk gemacht hätte, wenn nicht der Mossad 1960 Adolf Eichmann in Argentinien gefangen genommen hätte und der noch junge Staat Israel ihn vor Gericht stellen wollte. Nur vor welches? Eine internationale Gerichtsbarkeit, wie wir sie heute kennen, gab es noch nicht und Deutschland hatte an so einem Prozess überhaupt kein Interesse. Also wurde Eichmann in Jerusalem vor ein Gericht gestellt und die am 14. Oktober 1906 geborene, 1933 nach kurzer Inhaftierung aus Deutschland geflüchtete Jüdin Hannah Arendt, die bis dahin gut in ihren philosophischen Gedankengebäuden lebte, wollte in Israel den Prozess beobachten und darüber schreiben.

Margarethe von Trotta zeigt in ihrem fantastischen Film die Konfrontation der Denkerin mit dem Bürokraten und welche Folgen das für ihr Denken hatte. Dabei bleibt sie anscheinend immer sehr nahe bei den Fakten und dem damaligen Wissen. Denn neuere Forschungen über Eichmann zeichnen ein anderes Bild von ihm. Jedenfalls wollte Eichmann vor Gericht für sein Handeln keine Verantwortung übernehmen. Er habe schließlich nur Befehle befolgt. Und das sagte der unscheinbar-ungelenkte Bürokrat in ebenso bürokratischen und grammatikalisch haarsträubenden Sätzen. Dieser Unterschied zwischen monströsen Taten und unscheinbarer Person brachte Arendt auf ihren weltberühmten Begriff „die Banalität des Bösen“. In der mit zweijähriger Verspätung erschienenen Artikelserie „Eichmann in Jerusalem“ für den „The New Yorker“ und dem darauf basierendem Buch weigerte sie sich, Eichmann, wie man es von ihr erwartet hatte, zu dämonisieren. Stattdessen beschrieb sie ihn, wie sie ihn während des Prozesses erlebte und griff auch die Rolle der Judenräte an.

Sie erhielt hasserfüllte Briefe, wurde von anderen Juden angegriffen und auch Freunde wanden sich von ihr ab. Von Trottas Film endet mit einer Rechtfertigungsrede von Hannah Arendt in einem überfüllten Hörsaal, die gerade in ihrer Sprödigkeit und intellektuellen Schärfe, wie der gesamte Film, beeindruckt.

Die Regisseurin, die vor allem für ihre Porträts starker Frauen, wie „Rosa Luxemburg“, bekannt ist, zeigt Hannah Arendt (glänzend gespielt von Barbara Sukowa) als kantige, teils harsche, immer scharfsinnige Denkerin, die Spaß am intellektuellen Diskurs hatte, heftig streiten konnte und dabei niemals ihre Freundschaften vergaß. So endet mehr als ein lautstarker Disput mit einem „So, und jetzt ist gut. Lasst uns einen Tee trinken!“ und einem kleinmädchenhaftem Lachen.

Sie stand für ihre Überzeugungen, verteidigte sie, hörte aber auch den anderen zu und war bereit ihre Meinung zu ändern, weil sie verstehen und nicht verurteilen wollte. – Und gerade hier zeigt sich in ihrem Charakter und in ihrer fast ein halbes Jahrhundert zurückliegenden Auseinandersetzung über ihre Texte über Eichmann (zuerst die Zeitungsartikel, später das Buch) die Aktualität des Films, der fragt, ob wir selbst denken wollen, ob wir für unsere Überzeugungen kämpfen wollen und wie wichtig uns Freundschaften sind.

Dabei ist „Hannah Arendt“ kein in blinder Ehrfurcht erstarrendes Heldinnenporträt, sondern ein mitreisendes Stück Kino, das auch einen Einblick in die damalige Ostküsten-Intellektuellenszene und das damalige Denken liefert, mit scharfzüngigen Dialogen, die, aufgrund des Themas und der Charaktere, in Richtung Thesentheater gehen. Denn wenn der „Tribe“, wie der Intellektuellenzirkel, der sich regelmäßig in Hannah Arendts Wohnung traf, miteinander stritt, dann stritten einige der größten Denker des Jahrhunderts miteinander.

Beim zweiten Ansehen fällt mir auf, wie kunstvoll Margarethe von Trotta und ihre Kamerafrau Caroline Champetier (zuletzt „Holy Motors“, „Von Menschen und Göttern“ und „Eine fatale Entscheidung“) das Cinemascope-Format ausnutzen und wie viele Einstellungen sie in der Halbtotale drehen, die natürlich für die große Leinwand gut geeignet ist, ein Gefühl des Raums vermittelt und auch oft mehrere Schauspieler miteinander interagieren lässt. Das ist nicht das banale „Totale“ damit wir wissen, wo die Szene spielt und dann ein Schnitt-Gegenschnitt von Gesichtern. „Hannah Arendt“ ist für die große Leinwand gemacht.

Seit dem Kinostart erhielt der Film beim Deutschen Filmpreis die Auszeichnung „Bester Spielfilm in Silber“ und Barbara Sukowa wurde als beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet. Nominiert waren außerdem die Regie, das Drehbuch, die Maske und die Kostüme. Außerdem erhielt „Hannah Arendt“ den diesjährigen Gilde-Filmpreis als bester Film.

Und bei Rotten Tomatoes ist „Hannah Arendt“ mit einem Frischegrad von 88 Prozent ihr am höchsten bewerteter Film; – wobei Rotten Tomatoes bei nicht-englischsprachigen Filmen nicht besonders aussagekräftig ist und bei älteren Filmen die Bewertung eher der heutigen als der damaligen Bewertung entspricht, weil oft zeitgenössische Bewertungen und nicht-englischsprachige Besprechungen in der Datenbank fehlen. So gibt es für „Das zweite Erwachen der Christa Klages“, „Die bleierne Zeit“ und „Rosa Luxemburg“, weil es nicht genug Kritiken gibt, keine Frischegrade.

Das Bonusmaterial

Auf den ersten Blick sieht das Bonusmaterial nach dem Üblichen aus: Geschnittene Szenen, Hinter den Kulissen, zwei Clips von Premieren und ein Audiokommentar. Es ist aber mehr. Vor allem der Audiokommentar – ein informatives Gespräch zwischen Filmjournalist Robert Fischer und Regisseurin Margathe von Trotta – ist grandios. Hier zeigt sich wieder einmal, dass es eine gute Idee ist, dem Regisseur einen Gesprächspartner an die Hand zu geben. Fischer und von Trotta gehen in ihrem Kommentar, immer wieder ausgehend von den Bildern, aber nicht an ihnen festklebend, vor allem auf die realen Hintergründe und die Dreharbeiten ein. Sie erzählt auch ein wenig von den Reaktionen auf den Film. Hier war sicher der Abstand zwischen Film- und DVD-Premiere hilfreich.

Das „Behind the Scenes“ ist ein Etikettenschwindel. Denn es ist ein fundiertes, informatives und sehr journalistisches halbstündiges „Making of“, das uns fast vollständig von den üblichen „Making of“-Lobhuddeleien verschont, was sicher auch daran liegt, dass vor allem von Trotta und ihre Drehbuchautorn Pamela Katz reden.

Die beiden Premierenberichte „Premiere in Essen“ und „Premiere in Stuttgart“ sind vor allem werblich-unkritische Premierenberichte. Immerhin gibt es bei der „Premiere in Stuttgart“ längere Szenen aus Margarethe von Trottas und Winfried Kretschmanns Gespräch mit dem Publikum.

Die „Deleted Scenes“ bestehen aus einem gestrichenen Szene über einen Verkehrsunfall, den Hannah Arendt hatte, der für die Geschichte des Films nicht wirklich nötig war und der deshalb zu Recht gestrichen wurde.

Oh, und es gibt den Trailer.

Hannah Arendt - DVD-Cover

Hannah Arendt (Deutschland 2012)

Regie: Margarethe von Trotta

Drehbuch: Pamela Katz, Margarethe von Trotta

mit Barbara Sukowa, Axel Milberg, Janet McTeer, Julia Jentsch, Ulrich Noethen, Michael Degen, Victoria Trauttmansdorff, Klaus Pohl, Nicholas Woodeson

DVD

NFP/EuroVideo

Bild: 16:9 (2.35:1)

Ton: Deutsch, Englisch (genaugenommen Deutsch und Englisch durcheinander)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Deleted Scenes, Behind the Scenes, Premiere in Essen, Premiere in Essen, Trailer, Audiokommentar, Hörfilmfassung für Blinde, Booklet

Länge: 109 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Film-Zeit über „Hannah Arendt“

Rotten Tomatoes über „Hannah Arendt“

Wikipedia über „Hannah Arendt“

 

 


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