Ein Glücksfall (Coup de Chance, Frankreich/USA/Großbritannien 2023)
Regie: Woody Allen
Drehbuch: Woody Allen
Nach einer Zufallsbegegnung mit einem alten Schulkameraden beginnt Fanny ihren Mann mit ihm zu betrügen. Aber ist sie auch bereit, ihr sorgenfreies Leben als Luxusfrau für einen armen Schriftsteller aufzugeben? Und was wird ihr besitzergreifender und skrupelloser Mann davon halten?
TV-Premiere. Der fünfzigste und bislang letzte Spielfilm von Woody Allen (und, ja, es könnte auch sein letzter Film und damit der Abschluss eines beeindruckenden Werkes sein) ist ein überraschend experimentierfreudiges Werk. So drehte er in Frankreich mit französischen Schauspielern auf französisch, mit sich frei bewegender Kamera und in langen, teils ziemlich komplizierten Szenen. .
Die Story ist eine Liebeserklärung an das französische Kino. Der Kriminalfall könnte direkt aus einem alten französischen Krimi, möglicherweise aus den fünfziger Jahren, stammen.
Die Krimikomödie ist, angesichts von Allens zuletzt arg durchwachsenen Arbeiten, ein überraschend gelungener Film.
Ein knapp dreistündiger Rausch: Laurence (Melvil Poupaud) und Fred (Suzanne Clément) sind ineinander verliebt. Da trifft Laurence eine folgenschwere Entscheidung: Er will ab jetzt als Frau leben.
„Laurence Anyways“ ist, wie alle großen Liebesfilme, letztendlich ein Film über die Unmöglichkeit der großen Liebe, bei dem die ordnende Hand eines Regisseurs fehlt, der beherzt Szenen aus dem Film entfernt, den Film auf verträgliche zwei Stunden gekürzt und die Vision klarer herausgearbeitet hätte. Denn gegen Ende zerfasert der Film etwas. Aber das ist ein kleiner Einwand gegen einen insgesamt mitreißenden Film.
Es ist sein fünfzigster Film. Es könnte gleichzeitig sein letzter sein. Immerhin ist Woody Allen 88 Jahre alt, ’50‘ wäre eine schöne runde Zahl und während der Dreharbeiten wurde kolportiert, es werde sein letzter Film sein. Das deutete Allen auch auf den Filmfestspielen von Venedig bei der Premiere des Films an. Inzwischen wird wieder das Gegenteil gesagt.
In jedem Fall ist, angesichts seines Outputs in den vergangenen Jahren, „Ein Glücksfall“ ein überraschend gelungener Film. Mit vielen Wagnissen und einer jugendlichen Experimentierlust.
Allen drehte die Krimikomödie in Frankreich auf französisch mit auffallend langen Kamerafahrten. Denn normalerweise stellt Allen die Kamera so hin, dass alles Wichtige im Bild ist – und dann lässt er sie laufen. Schnitt, Gegenschnitt, fertig. Seinen neuen Film „Ein Glücksfall“ beginnt er mit einer zufälligen Begegnung von Fanny (Lou de Laâge) und Alain (Niels Schneider) auf der Straße. Er begleitet sie anschließend zu ihrem Arbeitsplatz. Er erzählt dabei, dass er bereits in der Schule in sie verliebt war und jetzt an seinem neuen Buch schreibe. Kameramann Vittorio Storaro, der zum fünften Mal mit Woody Allen zusammenarbeitet, begleitet sie und umkreist sie dabei immer wieder. Einige Filmminuten später unterhält Fanny sich mit ihrem Mann Jean (Melvil Poupaud) in ihrer riesigen Pariser Wohnung. Dabei laufen sie durch die Wohnung. Die Kamera begleitet sie und erkundet die Wohnung. Das geht so durch den gesamten Film.
Dann spielt die Geschichte, wieder einmal, in Paris.
In den vergangenen Jahren hat Woody Allen seine New-Yorker-Heimat öfter in Richtung Europa verlassen. Er drehte, teils mehrmals, in England, Frankreich, Italien und Spanien. Aber das waren nur Ortswechsel mit US-amerikanischen Schauspielern. Auch dieses Mal war das so geplant. Dann wäre Paris die Kulisse für etwas Mord und Totschlag unter in Frankreich lebenden Amerikanern geworden. Aber dann sagte Allen sich, dass es eine tolle Erfahrung wäre, den Film auf französisch zu drehen. Die Produzenten waren einverstanden.
Also drehte Allen seinen fünfzigsten Film mit französischen Schauspielern auf französisch. Ich habe die Originalfassung, also die französische Fassung, gesehen und es hörte sich gut an. Die Schauspieler spielen natürlich. Der Rhythmus der Sätze und Dialoge ist ebenso natürlich. Das wirkt, als habe ein französischer Regisseur einen Film in seiner Landessprache inszeniert. Angesichts der oft arg künstlich wirkenden US-amerikanischen Schauspieler in Hollywood-Debüts europäischer Regisseure ist das keine kleine, sondern eine sehr beachtliche Leistung. Vor allem weil Allen, so sagt er, kein französisch spricht und es noch weniger versteht. Er musste sich auf die Schauspieler und sein Gefühl verlassen.
Auch die Story ist deutlich besser als die Geschichten der letzten Woody-Allen-Filme, die immer wie ein Griff in den Zettelkasten wirkten. „Ein Glücksfall“ ist zwar nicht so gelungen, wie „Match Point“, aber sehr viel fehlt nicht. „Ein Glücksfall“ ist Woody Allens überaus gelungene Variante eines französischen Kriminalfilms aus den fünfziger Jahren, inclusive Seitensprung, eifersüchtigem Ehemann, Liebesstunden in einer lauschigen Dachgeschoss-Künstlerwohnung und viel cooler Jazzmusik, die beginnend mit Miles Davis improvisierter Musik für Louis Malles Debüt „Fahrstuhl zum Schafott“, öfter in französischen Kriminalfilmen erklang und sehr gut zur noirischen Filmgeschichte passte.
Und diese geht so: Nachdem Fanny und Alain sich zufällig begegnet sind und er ihr von seiner während der Schulzeit ihr nicht offenbarten Liebe erzählt, beginnt sie ihr Leben zu überdenken. Sie ist in zweiter Ehe mit Jean verheiratet. Ihre erste Ehe war mit einem Künstler und eigentlich gefällt ihr das Leben der Künstlerbohème. Mit Jean ist es anders. Finanziell hat sie ausgesorgt. Er ist liebevoll, aber auch etwas langweilig, kontrollsüchtig und skrupellos beim Erreichen seiner Ziele. Als er vermutet, dass Fanny ihn mit Alain betrügt, bittet er einige seiner halbseidenen Geschäftspartner, sich um das Problem zu kümmern.
„Ein Glücksfall“ wäre ein gelungener Abschluss für ein Lebenswerk. Aber inzwischen hat Woody Allen gesagt, dass er einen weiteren Film inszenieren möchte. Die Dreharbeiten könnten im Sommer 2024 in Italien beginnen.
Ein Glücksfall (Coup de Chance, Frankreich/USA/Großbritannien 2023)
Regie: Woody Allen
Drehbuch: Woody Allen
mit Lou de Laâge, Valérie Lemercier, Melvil Poupaud, Niels Schneider, Guillaume de Tonquédec
In ihrem neuen Film erzählt Maïwenn die Geschichte von Jeanne du Barry. Sie lebte von 1743 bis 1793. Geboren wurde sie als Bürgerliche. Später wurde sie zur Geliebten von Louis XV. Sie wurde sogar zu seiner Favoritin, was den anderen Damen und Herren am Hof vor allem wegen ihrer Herkunft als ‚Bastardkind‘ nicht gefiel.
Maïwenn, die auch die erste Fassung des Drehbuchs schrieb (die Co-Autoren Teddy Lussi-Modeste und Nicolas Livecchi stießen erst später dazu), übernahm auch die Hauptrolle. Johnny Depp spielt Louix XY.
Vor seiner Premiere am 16. Mai 2023 in Cannes sorgte das Biopic in Frankreich für heftige Diskussionen. Denn Johnny Depp, der Hauptdarsteller des Films, hatte sich davor mit seiner Ex-Frau Amber Heard vor Gericht und der Weltöffentlichkeit eine Schlammschlacht geliefert. Und Maïwenn hatte einige Monate vorher in einem Restaurant einen Journalisten tätlich angegriffen. Er hatte vorher über ihren Ex-Mann Luc Besson geschrieben. Über den Film wurde dann kaum geredet.
Das durchwachsene Biopic punktet mit Bildern aus dem Schloss Versailles, den Kostümen und einem genauen Blick auf die heute vollkommen absurd erscheinenden höfischen Etikette. Wenn Jeanne du Barry von ihrem Kammerdiener in diese höfischen Etikette eingeführt wird, blickt sie immer wieder ungläubig in die Kamera. Sie ist von den Etiketten und Vorschriften, die zwischen ämusanten Spleens und vollkommener Absurdität schwanken, genauso irritiert und amüsiert wie das im Saal sitzende Kinopublikum. Schnell verstößt sie, zur Freude des Königs, gegen die Regeln. Die späteren, ebenso überdeutlich gezeichneten Machtspiele am Hof unterscheiden sich kaum von heutigen Machtspielen und Speichelleckereien.
Dabei wirkt Jeanne du Barry immer wie eine naive, gutherzige und lebenslustige Mitläuferin ohne Einfluss. Wegen ihrer Herkunft wird sie von den anderen Hofdamen und Adligen verachtet. Sie selbst intrigiert ein wenig und hat immer ein bezauberndes Lächeln.
Aber was sie zu einer besonderen Frau machte und warum wir uns für ihr Leben mit Louis XV interessieren sollten, wird in dem Kostümdrama nie wirklich deutlich.
Jeanne du Barry – Die Favoritin des Königs (Jeanne du Barry, Frankreich 2023
Regie: Maïwenn
Drehbuch: Maïwenn, Teddy Lussi-Modeste, Nicolas Livecchi
mit Maïwenn, Johnny Depp, Benjamain Lavernhe, Pierre Richard, Melvil Poupaud, Pascal Greggory, India Hair, Suzanne de Baecque, Capucine Valmary, Diego Le Fur, Pauline Pollmann
Ein Mann liebt eine Frau. Zu einem Problem für ihre Mitmenschen wird das in „Im Herzen jung“, weil sie Siebzig und er in den Vierzigern ist. Oh, und er ist glücklich verheiratet mit mehreren Kindern.
Carine Tardieu erzählt diese Liebesgeschichte, top besetzt mit Fanny Ardant, Melvil Poupaud und Cécile de France als betrogene Ehefrau, feinfühlig, aber auch auf dem Niveau einer beliebigen TV-Romanze.
Mehr fällt mir, nach langem Nachdenken und einem wiederholten Blick in meine umfangreicheren Notizen, zu dieser „Love Story“ nicht ein.
Im Herzen jung (Les jeunes amants, Frankreich/Belgien 2021)
Regie: Carine Tardieu
Drehbuch: Agnès de Sacy, Carine Tardieu, Sólveig Anspach
mit Fanny Ardant, Melvil Poupaud, Cécile de France, Florence Loiret-Caille, Sharif Andoura, Sarah Henochsberg, Martin Laurent
LV: Aidan Chambers: Dance on my Grave, 1982 (Tanz auf meinem Grab )
TV-Premiere. Ein Küstendorf in der Normandie in den Achtzigern: der sechzehnjährige Alex muss vor Gericht erklären, warum er auf dem Grab eines Toten tanzte (80er Jahre Provinzprobleme halt). In Rückblenden entfaltet Ozon eine sich über einen Sommer erstreckende Liebes- und Coming-of-Age-Geschichte zwischen dem schüchternen Alex und dem zwei Jahre älteren coolen David.
„Sommer 85“ ist der Auftakt der Reihe „rbb QUEER“. Bis zum 15. August zeigt das rbb Fernsehen dienstags um 22.45 Uhr sieben queere Filme, sechs als deutsche Erstausstrahlung. Die nächsten Filme der sechsten Ausgabe von „rbb QUEER“ sind „Einfach Charlie“ (11. Juli, Großbritannien 2017, Regie: Rebekah Fortune), „Sprung ins kalte Wasser“ (18. Juli, Zypern/Griechenland/Italien 2021, Regie: Stelios Kammitsis), „Sweetheart“ (25. Juli, Großbritannien 2021, Regie: Marley Morrison), „Weekend“ (1. August, Großbritannien 2011, Regie: Andrew Haigh), „Als wir tanzten“ (8. August, Georgien/Schweden 2019, Regie: Levan Akin) und – endlich! – „Tangerine L.A.“ (15. August, USA 2015, Regie: Sean Baker).
Am Donnerstag läuft François Ozons neuer Film „Mein fabelhaftes Verbrechen“ an. Die Screwball-Comedy ist ein herrlich schwarzhumoriger Spaß über einen Mord und wie viele Damen davon profitieren wollen.
mit Félix Lefebvre, Benjamin Voisin, Philippine Velge, Valeria Bruni Tedeschi, Melvil Poupaud, Isabelle Nanty, Laurent Fernandez, Aurore Broutin
TV-Premiere. Intensives, sehr nah an den erschreckenden Fakten, die das Erzbistum Lyon erschütterten und in Frankreich entsprechend bekannt sind, entlang inszeniertes Drama. Es geht um den praktizierenden Katholiken Alexandre Guérin, der als Kind von Pater Bernard Preynat missbraucht wurde. Jahrzehnte später, inzwischen selbst Vater, entdeckt er, dass Preynat im Erzbistum Lyon immer noch im Kindern arbeitet. Er will etwas dagegen unternehmen. Als erstes wendet er sich an Preynats Arbeitgeber, die katholische Kirche. Sie ist ihm dabei keine große Hilfe.
Zusammen mit anderen Betroffenen gründet er später die Interessengruppe „La Parole Liberée“ (Das gebrochene Schweigen). Sie machen den Skandal öffentlich und finden zahlreiche weitere Betroffene.
Als Ozon seinen Film drehte, war das Verfahren gegen Preynat immer noch nicht abgeschlossen. Am 4. Juli 2019 wurde Preynat von einem Kirchengericht des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger für schuldig befunden und aus dem Klerus ausgeschlossen. Das staatliche Gerichtsverfahren gegen ihn endete am 16. März 2020 mit einer fünfjährigen Haftstrafe. Gegen zahlreiche weitere Mitglieder des Erzbistums gab es ebenfalls Klagen.
Anschließend, um 22.30 Uhr, zeigt Arte in der losen Reihe „Es war einmal…“ eine brandneue, gut einstündige Doku über den Film.
Auch wer nichts über den Fall Dreyfus weiß, weiß, dass es sich um den wahrscheinlich größten Justizskandal in der Geschichte Frankreichs handelt. 1894 wird der junge jüdische Offizier Alfred Dreyfus als Spion verurteilt. Der Landesverräter soll sein restliches Leben am anderen Ende der Welt auf der Teufelsinsel verbringen. Einige Jahre später, nachdem Émile Zola seinen legendären Brief „J’accuse“ (Ich klage an) in der Zeitung „L’Aurore“ veröffentlichte und es zahlreiche weitere Aufrufe, Proteste und Gerichtsverhandlungen gegeben hatte, wird Dreyfus freigesprochen. Die Beweise gegen ihn waren fabriziert worden, weil er ein Jude war.
Die Geschichte von diesem in Frankreich immer noch bekanntem Skandal erzählen jetzt Roman Polanski und Robert Harris in „Intrige“. Die Idee, die Geschichte noch einmal zu erzählen, äußerte Polanski gegenüber Harris Anfang 2012 in Paris bei einem Mittagessen. Davor hatte Polanski mit dem Bestsellerautor, nach seinem gleichnamigem Roman, das Drehbuch für den Polit-Thriller „Der Ghostwriter“ geschrieben. Nach diesem Mittagessen begann Harris mit den Recherchen. 2013 veröffentlichte er seinen Roman „Intrige“, in dem er aus der Sicht von Oberstleutnant Marie-Georges Picquart die Geschichte des Dreyfus-Skandals nacherzählt. Picquart ist der Mann, der nach der Verurteilung und öffentlichen Degradierung von Dreyfus zum Chef der Statistik-Abteilung (vulgo dem Geheimdienst) befördert wird und bei seiner Arbeit auf Merkwürdigkeiten im Fall Dreyfus stößt. Die Beweise die gegen Dreyfus in nicht öffentlichen Verhandlungen präsentiert wurden, sind dünn. Teilweise sind es auch keine Beweise für seine Schuld und teilweise sind sie fabriziert. Picquart zweifelt immer mehr an der Schuld von Dreyfus. Dazu trägt auch bei, dass er Hinweise auf einen weiteren deutschen Spion stößt, der wahrscheinlich die Taten, die Dreyfus vorgeworfen werden, verübte. Nur: kann er das beweisen und werden seine Vorgesetzten und die Regierung auf ihn hören?
Der mit über sechshundert Seiten etwas zu umfangreich gewordene Roman erzählt die Geschichte nah, sehr nah, an den tatsächlichen Ereignissen entlang.
Schon während des Mittagessens planten Polanski und Harris eine Verfilmung. Der jetzt nach einem Drehbuch von Harris und Polanski entstandene Film folgt dem Roman und, mit einigen Straffungen und einer Konzentration auf Picquart, den historisch verbürgten Ereignissen.
Polanski erzählt Picquarts Geschichte arg gediegen. Sehr ruhig breitet er den sich für Picquart in seiner ganzen Dimension erst langsam erschließenden Skandal aus. Dabei dauert es einige Zeit, bis Picquart sich in seiner neuen Arbeit eingelebt hat und auf die ersten Spuren stößt, die ihn veranlassen, den eigentlich schon abgeschlossenen Fall Dreyfus wieder aufzurollen.
Am Ende wirkt Polanskis Polit-Thriller wie ein bebilderter Wikipedia-Artikel. Die Fakten stimmen. Die Empörung über die Verurteilung von Dreyfus und die anschließende Vertuschung durch die Regierung stellt sich dagegen im Film nicht so sehr ein wie im Roman, wo der damals allgegenwärtige Judenhass auf jeder Seite spürbar ist. Es ist ein Hass, der den gesamten Staatsapparat beherrscht. Für die Militärs, Geheimdienstler und Politiker ist Dreyfus aufgrund seiner Herkunft der ideale Täter. Er ist so ideal, dass sie später skrupellos den wahren Spion beschützen.
Damit ist „Intrige“ nicht nur eine historische Lehrstunde, sondern ein zeitlos aktueller Aufruf zur Zivilcourage und eine Anklage gegen den wieder zu alltäglich werdenden Antisemitismus.
Intrige (J’accuse, Frankreich/Italien 2019)
Regie: Roman Polanski
Drehbuch: Robert Harris, Roman Polanski
LV: Robert Harris: An Officer and a Spy, 2013 (Intrige)
mit Jean Dujardin, Louis Garrel, Emmanuelle Seigner, Grégory Gadebois, Hervé Pierre, Wladimir Yordanoff, Didier Sandre, Melvil Poupaud, Eric Ruf, Mathieu Amalric, Laurent Stocker, Vincent Perez, Michel Vuillermoz
Der Film könnte überall spielen. Denn wer in den letzten Jahren aufmerksam die Zeitung gelesen hat, hat oft genug vom sexuellen Missbrauch von Kindern durch Würdenträger in der katholischen Kirche gelesen.
Zum Beispiel von diesem Fall aus Lyon, den François Ozon in seinem neuen Film „Gelobt sei Gott“ akribisch nachzeichnet.
Es beginnt damit, dass Alexandre Guérin (Melvil Poupaud), glücklich verheirateter Vater mehrerer Kinder und praktizierender Katholik, erfährt, dass Pater Preynat, der ihn als Kind missbrauchte, schon vor einigen Jahren in die Nähe von Lyon zurückkehrte, immer noch Priester ist und immer noch mit Kindern arbeitet.
Alexandre wendet sich an Kardinal Barbarin, den Erzbischof von Lyon. Die Kirche nimmt geduldig und verständnisvoll sein Anliegen auf, die von der Kirche angestellte Mediatorin Régine Maire redet mit ihm und sie lässt immer viel Zeit verstreichen zwischen Alexandres Schreiben. Und sie denkt nicht daran, den beschuldigten Priester, der die Taten nie bestreitet, aus dem Dienst zu entfernen.
Alexandre ist der erste Mann, den Ozon in seinem neuen Film porträtiert. Danach folgen François Debord (Denis Ménochet) und Emmanuel Thomassin (Swann Arlaud).
François ist ein militanter Atheist, der ihren Fall an die Öffentlichkeit bringt und die Interessengruppe „La Parole Liberée“ (Das gebrochene Schweigen) gründet. Die Gruppe bringt Preynats Taten und die Untätigkeit der Kirche an die Öffentlichkeit.
Emmanuel ist innerlich zerbrochen. Diese Figur besteht, im Gegensatz zu Alexandre und François, nicht aus einer realen Figur, sondern orientiert sich an einem Opfer und veränderte bei ihm einige Details. Er steht damit für die Opfer, die nach dem sexuellen Missbrauch kein normales Leben führen können.
Während die Handlung sich, immer nah an den Tatsachen, chronologisch fortbewegt, konzentriert Ozon sich nacheinander auf einen der drei Männer. Somit besteht „Gelobt sei Gott“ aus drei jeweils ungefähr gleich langen, thematisch miteinander verbundenen Kurzfilmen. Stilistisch verfolgt Ozon die Ereignisse mit dem ruhigen, objektiv-distanzierten Blick eines Dokumentarfilmers. Weil es ein Spielfilm ist, kann Ozon, der das Thema ursprünglich als Dokumentarfilm bearbeiten wollte, Ereignisse zeigen, bei denen in der Realität niemals eine Kamera dabei wäre. Zum Beispiel wenn die Männer erfahren, dass ihr Vergewaltiger noch immer aktiv ist, wenn sie sich entschließen, den Kampf gegen die mächtige Kirche aufzunehmen, und wenn sie sich hinter verschlossenen Türen unterhalten.
„Gelobt sei Gott“ behandelt sein Thema facettenreich und mit eindeutiger Sympathie für die Opfer, die teilweise immer noch gläubig sind. Er gibt ihnen eine Stimme und lässt sie durch die verschiedenen Figuren zu Wort kommen. So sind Alexandres Briefe an die Kirche, die er im Voice-Over vorliest, die Briefe, die Alexandre Guérin an den Erzbischof von Lyon schrieb.
Ozons dokumentarischer Spielfilm zeigt auch, wie – höflich formuliert – unbefriedigend die bisherige Auseinandersetzung der katholischen Kirche mit dem Thema ist. Anstatt sich um die Opfer die kümmern, wurden (und werden?) die Täter und die Institution geschützt. Immerhin wurde Pater Preynat am 4. Juli 2019 von einem Kirchengericht des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger für schuldig befunden und aus dem Klerus ausgeschlossen. Ob er gegen diese Entscheidung Berufung eingelegt hat, konnte ich jetzt nicht herausfinden. Das staatliche Gerichtsverfahren gegen ihn hat immer noch nicht stattgefunden. Kardinal Barbarin, Régine Maire (die Kirchenpsychologin, die für die Unterstützung der Opfer von Priestern zuständig ist) und fünf weitere kirchliche Amtsträger wurden im Januar 2019 wegen der Nichtanzeige sexueller Übergriffe auf Minderjährige unter 15 Jahren und wegen unterbliebener Hilfeleistung angeklagt. Kardinal Barbarin erhielt eine eine Bewährungsstrafe, gegen die er Berufung einlegte. Im November soll darüber verhandelt werden.
Gelobt sei Gott(Grâce à Dieu, Frankreich 2019)
Regie: François Ozon
Drehbuch: François Ozon
mit Melvil Poupaud, Denis Ménochet, Swann Arlaud, Èric Caravaca, François Marthouret, Bernard Verley, Josiane Balasko, Martine Erhel
Ein Abend mit Eric Rohmer (geb. 21. März 1920 in Tulle, Département Corrèze; gest. 11. Januar 2010 in Paris)
Arte, 20.15
Sommer (Conte d’été, Frankreich 1996)
Regie: Eric Rohmer
Drehbuch: Eric Rohmer
Gaspard fährt in die Bretagne. Seine Freundin Lena soll später kommen. Bis dahin verliebt er sich in einige andere Frauen.
Dritter Film von Rohmers „Jahreszeiten“-Zyklus und eine Wiederbegegnung mit Amanda Langlet, der Pauline aus „Pauline am Strand“.
„besteht das leichtfüßig daherkommende Beziehungsdrama größtenteils aus Gesprächen über die Irrungen und Wirrungen der Liebe. Auch hier zeigt sich wieder Rohmers unnachahmliche Kunst, das Allerweltsthema inszenatorisch so zu überhöhen, dass die Zuschauer regen Anteil nehmen an den Nöten und Macken der Durchschnittsfiguren.“ (Fischer Film Almanach 1997 – das kann eigentlich über jeden Rohmer-Film gesagt werden)
Pauline am Strand (Paulie à la plage, Frankreich 1982)
Regie: Eric Rohmer
Drehbuch: Eric Rohmer
Sommer in der Normandie: drei Frauen, drei Männer, lange Gespräche über die Liebe.
„Pauline am Strand“ ist der dritte Film aus Rohmers Serie „Komödien und Sprichwörter“: „Von manchen Kritikern hoch gelobt, ist ‚Pauline am Strand‘ doch eher ein akademisches Alterswerk.“ (Fischer Film Almanach 1984, dem Rohmers frühere Filme besser gefielen)
Auf der Berlinale erhielt er den Silbernen Bären für Rohmer.
mit Amanda Langlet, Arielle Dombasle, Pascal Gregory, Feodor Atkine, Simon de la Brosse
Mein Film ist eine Hommage an die ultimative Liebesgeschichte: voller Ambitionen, unmöglich, eine Liebe, die spektakulär und grenzenlos sein soll. Die Liebe, von der wir nicht zu träumen wagen, die Liebe, die nur im Kino, in Büchern und in der Kunst vorkommt.
„Laurence Anyways“ ist eine Hommage an die Zeit in meinem Leben, bevor ich Regisseur wurde, als ich ein Mann werden musste.
Xavier Dolan
Während andere gerade ihren ersten Film drehen, dreht der 1989 geborene Kanadier Xavier Dolan nach „I killed my Mother“ (2009) und „Herzensbrecher“ (2010) bereits seinen dritten Spielfilm „Laurence Anyways“, der, wie seine vorherigen Filme, in Cannes Preise gewann wurde und für den César als bester ausländischer Film nominiert war. Und während Gleichaltrige laue, in der Provinz spielende, autobiographische Coming-of-Age-Dramen abliefern, dreht Dolan einen Film über die Liebe, der zutiefst persönlich, aber nicht autobiographisch ist.
Denn Xavier Dolan ist nicht transsexuell.
Aber im Mittelpunkt seiner sich über ein Jahrzehnt erstreckenden Liebesgeschichte steht Laurence Alia (Melvil Poupaud), ein eloquenter, lebensbejahender, beliebter Frauenschwarm, Dichter und Schullehrer, der mit 35 Jahren feststellt, dass er eigentlich eine Frau sein möchte. Das sagt er seiner Freundin Fred (Suzanne Clément), mit der er seit zwei Jahren zusammen ist. Sie fragt sich, ob sie Laurence auch noch liebt, wenn er eine Frau ist. Denn sie ist nicht lesbisch und auch nicht bisexuell. Aber sie unterstützt den Menschen, den sie liebt. Ebenso seine Mutter (Nathalie Baye in einer kleinen, aber prägnanten Rolle), die ihr Kind als ihr Kind liebt.
Laurence stürzt sich voller Hoffnungen in das Abenteuer der Geschlechtsumwandlung und ausgehend von Laurences Geständnis entfaltet Dolan einen knapp dreistündigen Film, der wegen seiner Maßlosigkeit für sich einnimmt und auch deswegen verärgert. Denn „Laurence Anyways“ ist mit 159 Minuten einfach zu lang geraten. In dem ersten und längsten Teil erzählt Dolan, wie Laurence und seine Freunde mit seinem Geständnis umgehen. Da ist der Film eine mitreißende und für sich einnehmende Eloge an die Freundschaft, die Liebe und die Lebensfreude, unterlegt mit einer fetzigen Mischung aus damals aktuellen Popsongs und klassischer Musik.
Aber nach diesem grandiosen ersten Teil, in dem Xavier Dolan fast schon traumwandlerisch immer den richtigen Ton trifft, entgleitet ihm in den wesentlich kürzeren, 1995 und 1998 spielenden Teilen die Geschichte. Sie verliert ihren Schwung. Denn jetzt geht es um das Ende der Beziehung von Laurence und Fred. Sie verließ ihn in den frühen Neunzigern. Aber er verfolgt sie, die für ihn die große Liebe ist, mit teils behutsamer, teils penetranter Hartnäckigkeit. Gleichzeitig sind nicht alle seine Wünsche in Erfüllung gegangen. Diesen traurigen Teil, der auch radikal mit der vorherigen Stimmung bricht, will man nicht unbedingt sehen. Auch weil die Geschichte jetzt episodisch wirkt und zerfasert. So als ob Dolan nicht wüsste, wie er den Film beenden soll.
„Laurence Anyways“ ist, wie alle großen Liebesfilme, letztendlich ein Film über die Unmöglichkeit der großen Liebe, bei dem die ordnende Hand eines Regisseurs fehlt, der beherzt Szenen aus dem Film entfernt, den Film auf verträgliche zwei Stunden gekürzt und die Vision klarer herausgearbeitet hätte.