Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Über Ödön von Horvárths „Jugend ohne Gott“ als Dystopie

August 31, 2017

Dass Alain Gsponer in seiner Verfilmung die Geschichte von Ödön von Horváths „Jugend ohne Gott“ aus der Nazi-Zeit in die Zukunft verlegt, ist nicht das größte Problem des Films. Im Gegenteil. Diese Verlegung der Handlung aktualisiert die Geschichte und macht sie auch für ein neues Publikum zugänglich.

Das gleiche gilt für den Wechsel des Protagonisten. Im Roman ist es der Lehrer. Ein Ich-Erzähler, der seinen Schülern etwas beibringen will und in Konflikt mit der herrschenden Ideologie gerät. Danach soll er, wie ihm sein Schuldirektor sagt, seine Schüler „moralisch zum Krieg erziehen“.

Im Film ist er eine Nebenfigur. Zach, einer seiner Schüler, ist der Protagonist. Um ein junges Publikum zu erreichen, ist das eine kluge Entscheidung. Schließlich identifiziert man sich als Jugendlicher eher mit einem Gleichaltrigen als mit einem Lehrer. Vor allem mit einem Lehrer, der an seiner Aufgabe hadert und von Selbstzweifeln darüber geplagt ist.

Diese beiden Änderungen und einige weitere, zu denen ich gleich komme, machen dann aus Gsponers Film eine freie Verfilmung des Romans.

In dem Film – und ich muss jetzt in Teilen der Filmhandlung weit vorgreifen – fährt die Schulklasse des namenlosen Lehrers (Fahri Yardim) in die Berge zu einem Zeltlager. Durch verschiedene Tests ihrer Persönlichkeit sollen die Schüler ausgewählt werden, die sich für einen Platz an Eliteuniversität qualifizieren.

Alle bis auf Zach (Jannis Niewöhner) folgen willig und ohne darüber nachzudenken, der in der Gesellschaft propagierten Leistungsideologie. Er ist, obwohl beliebt, schon in der Klasse ein hochintelligenter Außenseiter. Sein wertvollster Besitz ist ein Tagebuch, dem er seine Gedanken und Gefühle anvertraut. Im Gegensatz zu seinen Klassenkameraden denkt er nach. Er nimmt die gesellschaftlichen Veränderungen wahr und sie gefallen ihm nicht. Denn hinter dem schönen Schein der egalitären Wohlstandswelt gibt es bittere Armut. Letztendlich ist die von Gsponer gezeichnete Welt eine dystopische Zwei-Klassen-Gesellschaft. Es ist eine diktatorische Leistungsgesellschaft, die gnadenlos unliebsame, nicht angepasste oder nicht leistungsfähige Menschen aussortiert.

In dem Zeltlager werden sie von dem Aufseher vor einer im Wald lebenden Bande Jugendlicher, die außerhalb ihrer Zone leben und sich mit Diebstählen über Wasser halten, gewarnt. Zach lernt das im Wald lebende Mädchen Ewa (Emilia Schüle) kennen. Er verliebt sich in die Wilde.

Dann verschwindet Zachs Tagebuch (Leser des Romans kennen den Dieb) und ein Klassenkamerad, mit dem er schon in den vergangenen Tage handgreifliche Auseinandersetzungen hatte, wird ermordet im Wald aufgefunden. Aber hat er ihn auch ermordet?

Das größte Problem von Gsponers von-Horváth-Verfilmung ist die Erzählweise. Anstatt die Geschichte, wie im Roman, einfach chronologisch vom Anfang bis zum Ende zu erzählen, gibt es zahlreiche Rückblenden, die einem zum Verständnis notwendige Informationen erst sehr spät geben und das Geschehen aus einer anderen Perspektive schildern. Das erschwert das Hineinfinden in die Geschichte und die Identifikation mit den Figuren. Das zeigt sich schon in den ersten Minuten. Der Film beginnt mit der Ankunft im Zeltlager und es wirkt, als ob sich die Jugendlichen nicht kennen. Dabei sind sie Klassenkameraden, die mit ihrem Klassenlehrer zu dem Camp gefahren sind und vor der Fahrt schon einen unliebsamen (vulgo nicht leistungsfähigen) Schüler aussortiert haben. Das setzt sich später fort, wenn wir erst später erfahren, wer das Tagebuch geklaut hat und ob der oder die Mordverdächtigen die Tat begangen haben.

Ein anderes Problem ist die zu sparsam gezeichnete dystopische Gesellschaft. Entsprechend diffus bleibt die Gesellschaftskritik.

Am Ende ist „Jugend ohne Gott“ ein weiterer gescheiterter Versuch eines deutschen Science-Fiction-Films, der nicht an seinem Budget, sondern an seinem Drehbuch und seiner Inszenierung scheitert. Jedenfalls in der Form, die im Kino läuft.

Jugend ohne Gott (Deutschland 2017)

Regie: Alain Gsponer

Drehbuch: Alex Buresch, Matthias Pacht

LV: Ödön von Horváth: Jugend ohne Gott, 1937

mit Jannis Niewöhner, Fahri Yardim, Emilia Schüle, Alicia von Rittberg, Jannik Schümann, Anna Maria Mühe, Rainer Bock, Katharina Müller Elmau, Iris Berben

Länge: 114 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage

Ödön von Horváth: Jugend ohne Gott

Suhrkamp, 2017 (Movie Tie-In)

160 Seiten

5 Euro

Erstausgabe

Exil-Verlag, Amsterdam, 1937

Die aktuelle Suhrkamp-Ausgabe basiert auf „Gesammelte Werke. Kommentierte Werkausgabe in Einzelbänden – Band 4: Prosa und Werke 1918 – 1938“ (Suhrkamp, 1988)

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Filmportal über „Jugend ohne Gott“

Moviepilot über „Jugend ohne Gott“

Wikipedia über „Jugend ohne Gott“ (die aktuelle Verfilmung, der Roman) und Ödön von Horváth (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Deutscher Humor: „Frauen“ „Schrotten“

Mai 9, 2016

Deutsche Komödien – – – – nach dem Genuss einiger US-Komödien, deren Humor verklemmt unter der Gürtellinie bleibt und der ungefähr so witzig wie eine Gürtelrose ist, erscheinen deutschsprachige Komödien nicht mehr so schlimm. Gut sind sie trotzdem nicht, wie „Frauen“ und „Schrotten“ zeigen.

In „Frauen“ steigt K. O. Schott (Heiner Lauterbach) in die falsche Miet-Limousine. Er muss zu einem wichtigen Termin nach Bad Honnersheim. Viel später erfahren wir, dass er ein Millionär ist und zu seinem jüngsten Scheidungstermin gefahren werden will.

Sein Fahrer Rüdiger Kneppke (Martin Brambach) ist, egal welchen Standard man ansetzt, kein guter Chauffeur. Schlecht gekleidet, latent desorientiert, dumm wie Brot und nur am Quatschen, solange er nicht sein Blödel-Lieblingslied singt.

Kurz darauf springt Liz Tucha (Blerim Destani) in ihre Limousine. Der junge Mazedonier ist, wie wir erst viel später erfahren, ein Bräutigam auf der Flucht. Die betrogene Hochzeitsgemeinschaft verfolgt ihn und dass die Brüder der sitzengelassenen Braut Polizisten sind, verschlimmert die Situation von Tucha, Schott und Kneppke.

Ab jetzt ist das Trio, zusammengehalten durch den Willen des Drehbuchautors, auf einer ziemlich planlosen Reise durch Deutschland. Immer wieder unterhalten sie sich über Frauen, welche Probleme sie verursachen und warum Männer nicht von ihnen lassen können.

Aber öfter geht es um andere Dinge, krude Verwicklungen und, angesichts des Alters der beiden Hauptverantwortlichen, Regisseur Nikolai Müllerschön und Hauptdarsteller Heiner Lauterbach, die beide, wie schon bei dem letztendlich misslungenem Gangsterfilm „Harms“ auch zu den Produzenten gehören, einen Altherren- und Kneipenhumor, der selten amüsiert. Auch weil alle Charaktere mindestens grenzdebil sind.

Immerhin ist Tucha der Intelligenteste des Trios.

In „Schrotten“ wird Mirko Talhammer (Lucas Gregorowicz), ein halbseidener Versicherungsvertreter, der von seiner Familie, einer Schrotthändler-Dynastie, nichts mehr wissen will, von ebendiesen Familienmitgliedern bei seiner Arbeit besucht und zusammen geschlagen. Nur so können sie Mirko zur Beerdigung seines Vaters bringen und ihm seinen letzten großen Plan präsentieren: den Diebstahl eines mit wertvollem Schrott gefüllten Zuges. Dafür wollen sie in den Wald ein zweites Gleis legen.

Nach kurzem Zögern beschließt Mirko seinem Bruder Letscho (Frederick Lau) bei dem Diebstahl zu helfen. Denn Letscho beschwört zwar lautstark den Schrotthändler-Ethos, aber mit ihm als Kopf der Bande wird der Plan in einem Desaster enden.

Gleichzeitig verhandelt Mirko, der hoch verschuldet ist, hinter dem Rücken seiner Familie (Ganovenehre ist ja so etwas von 20. Jahrhundert) mit dem gegnerischen Schrotthändler Kercher (Jan-Gregor Kremp) über einen Verkauf des Thalheimerschen Erbe.

Das ist ähnlich ausgedacht wie die Drei-Männer-im-Auto-Idee von „Frauen“ und der geniale Plan in „Schrotten“ ist so bescheuert, dass es einen sprachlos macht.

Aber immerhin sind die Talhammers und ihr Clan ganz sympathisch in ihrem Zusammenhalt und Max Zähle rückt in seinem Spielfilmdebüt, nach seinem Oscar-nominiertem Kurzfilm „Raju“, ein Milieu in den Mittelpunkt, das vor einigen Jahrzehnten noch fest zum Landschaftsbild gehörte. Heute, seitdem Schrott Wertstoff ist, sind Schrotthändler ja eine aussterbende Spezies.

Der Humor ist beide Male eher grob. Die Zahl der Lacher beide Male überschaubar. Die Story beide Male unglaubwürdig.

Immerhin wurde beide Male versucht, keine typisch deutsche Schweiger/Schweighöfer-Familienkomödie abzuliefern.

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Frauen (Deutschland 2016)

Regie: Nikolai Müllerschön

Drehbuch: Nikolai Müllerschön

mit Heiner Lauterbach, Blerim Destani, Martin Brambach, Victoria Mirovaya, Mark Keller, André Hennicke

Länge: 87 Minuten

FSK: ?

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Frauen“

Moviepilot über „Frauen“

Meine Besprechung von Nikolai Müllerschöns „Harms“ (Deutschland 2013)

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Schrotten (Deutschland 2016)

Regie: Max Zähle

Drehbuch: Max Zähle, Johanna Pfaff, Oliver Keidel

mit Lucas Gregorowicz, Frederick Lau, Anna Bederke, Lars Rudolph, Heiko Pinkowski, Jan-Gregor Kremp, Rainer Bock, Alexander Scheer

Länge: 102 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Schrotten“

Moviepilot über „Schrotten“

 


DVD-Kritik: Die John-le-Carré-Verfilmung „A most wanted Man“ mit Philip Seymour Hoffman

Februar 27, 2015

Zwischen den beiden abschließenden „Die Tribute von Panem“-Spektakelfilmen kann man, in aller Ruhe, noch einmal oder – was wahrscheinlich für die meisten gilt – erstmals einen Blick auf die heute als DVD und Blu-ray und als VoD erschienene John-le-Carré-Verfilmung „A most wanted man“ werfen. Über Philip Seymour Hoffmans letzten wirklich wichtigen Film schrieb ich zum Kinostart:

Auch wenn es noch zwei „Die Tribute von Panem“-Filme mit Philip Seymour Hoffman gibt, ist Anton Corbijns John-le-Carré-Verfilmung „A most wanted man“ der letzte richtige Film des am 2. Februar 2014 verstorbenen Charakterschauspielers. Denn in dem Film spielt er, der oft prägnante Nebenrollen hatte und großartige Bösewichter spielte, die Hauptrolle: den deutschen Geheimagenten Günther Bachmann, der in Hamburg eine kleine Agenteneinheit leitet. Im Film wird die Einheit nicht genauer spezifiziert. Im Roman ist es, bitte nicht Lachen, die Spezialeinheit Hintergrund des Hamburger Landesamtes für Verfassungsschutz. Bachmann will nicht den kurzfristigen Erfolg, sondern die Hintermänner des islamistischen Terrors finden. Als Issa Karpov auftaucht, wittert er seine große Chance.
Karpov, ein über den Hafen illegal eingereister Flüchtling mit deutlichen Spuren von Folter an seinem Körper, will an das Geld von seinem Vater, einem Russen, der nach dem Ende der Sowjetunion Geschäfte mit der russischen Mafia machte und vermögend wurde. Das Geld ist bei einer auf Diskretion bedachten Privatbank.
Bachmann glaubt, dass der Halbtschetschene Karpov mit dem Geld den internationalen Terrorismus fördern will.
Auch andere Geheim- und Sicherheitsdienste und die Amerikaner glauben das. Aber die Ansichten, wie man Karpov behandeln soll, gehen auseinander und schnell erleben wir ein Karussell von Geheimdienstintrigen, in die auch eine junge, idealistische Anwältin und ein älterer Bankierssohn, verwickelt werden, während Karpov immer nur die Projektionsfläche der verschiedenen Dienste bleibt. Denn es gibt absolut keinen handfesten Beweis für die Vermutungen der Agenten.
Das alles ist bester le-Carré, der von „Lantana“-Drehbuchautor Andrew Bovell sparsam von 2008 (Prä-NSA, Prä-NSU) in die Gegenwart (Post-NSA, Post-NSU) übertragen wurde. Wahrscheinlich deshalb wirkt die Geschichte, die politischen Hintergründe und die verwandte Technik etwas anachronistisch. Die Schauspieler sind gut. Neben US-Stars wie Hoffman (dem unumstrittenem Zentrum des Films), Rachel McAdams, Willem Dafoe und Robin Wright, spielen auch deutsche Stars, wie Nina Hoss, Daniel Brühl (der zwar viel Screentime, aber nur ungefähr einen Dialogsatz hat), Rainer Bock und Martin Wuttke, mit. Die Bilder (Kamera: Benoit Delhomme) sind, wie bei Corbijn gewohnt, prächtig. Corbijn war vorher ein bekannter Fotograf und so ist auch jedes Bild von „A most wanted man“ geeignet, als Einzelbild gedruckt zu werden. Es gibt auch einen Bildband zum Film.
Aber diese Bilder von Hamburg erinnern in ihrer Stilisierung immer an das Berlin der achtziger Jahre; jedenfalls wie wir es heute von SW-Fotos kennen. Es sieht nie – obwohl ich schon länger nicht mehr in Hamburg war – wie das heutige Hamburg aus.
Außerdem irritiert in der Originalfassung, dass alle Englisch sprechen. Denn es wird eine deutsche Geschichte erzählt wird, die in Deutschland spielt mit deutschen Charakteren, die in der Realität natürlich in ihrer Landessprache sprechen würden. Bis auf die von Robin Wright gespielte CIA-Mitarbeiterin sind die Hauptcharaktere Deutsche, die in den wichtigen Rollen von US-Amerikanern gespielt werden, und alle reden immer Englisch. Deutsch wird höchstens bei der Getränkebestellung gesprochen. Das fühlt sich dann, jedenfalls für uns Deutsche, schon sehr seltsam an.
Corbijn will, wie schon in seinem vorherigen Film „The American“ (mit George Clooney), nicht thrillen. Er inszeniert deshalb diese Episode aus dem Kampf der Geheimdienste, die wie der Roman abrupt endet, in einem getragenen Tempo, in dem jeder Schauspieler seinen langsam gesprochenen Sätzen hinterherlauscht und es meist eine Kunstpause vor dem nächsten Satz gibt. Das ist als Schauspielerkino nicht ohne Reiz, aber es ist auch teilweise genauso spannend, wie Farbe beim Trocknen zuzusehen.
„A most wanted man“ ist ein Agententhriller der im Ränkespiel der Dienste konsequent jeden Thrill vermeidet und so nicht so gut ist, wie er hätte sein können.

Beim zweiten Ansehen, dieses Mal in der deutschen Fassung, gefiel mir der Film besser. Denn der in der Originalfassung für uns vorhandene und immer irritierende Verfremdungseffekt ist nicht mehr vorhanden. Es ist immer noch eine kleine Episode aus dem unglamourösen Agentenleben, die in erster Linie ein intellektuelles Vergnügen ist, bei der wir beobachten, wie die Dienste, unter ständiger Berücksichtigung ihrer Eigeninteressen, zusammenarbeiten und im entscheidenden Moment eiskalt ihre Chance nutzen. Da ist der Einzelne, wie man es auch aus den anderen Romanen von John le Carré kennt, nur ein von anderen benutzter Spielball.
Außerdem können unsere deutschen Schauspieler, befreit von den Fesseln schlechter deutscher Drehbücher, endlich einmal ihr Können zeigen.
Das Bonusmaterial, ein fünfzehnminütiges „Making-of“ und das neunminütiges Featurette „Spy Master – John le Carré in Hamburg“ bieten interessante Einblicke in die Hintergründe des Films. Immerhin kommen Anton Corbijn und John le Carré zu Wort.
Corbijn nächster Film „Life“ über einen Fotografen des Life Magazine, der 1955 eine Fotostrecke über den aufstrebenden Schauspieler James Dean machen soll, lief bereits auf der Berlinale. In Deutschland soll der Film am 1. Oktober anlaufen.

A most wanted man - DVD-Cover
A most wanted man (A most wanted man, Deutschland/Großbritannien 2014)
Regie: Anton Corbijn
Drehbuch: Andrew Bovell
LV: John le Carré: A most wanted man, 2008 (Marionetten)
mit Philip Seymour Hoffman, Rachel McAdams, Grigoriy Dobrygin, Willem Dafoe, Robin Wright, Homayoun Ershadi, Nina Hoss, Franz Hartwig, Daniel Brühl, Kostja Ullmann, Vicky Krieps, Rainer Bock, Herbert Grönemeyer, Charlotte Schwab, Martin Wuttke

DVD
Senator
Bild: 2,35:1 (16:9)
Ton: Deutsch, Englisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch, Deutsch für Hörgeschädigte
Bonusmaterial: Making-of; Featurette: Spy Master – John le Carré in Hamburg
Länge: 117 Minuten
FSK: ab 12 Jahre (Hauptfilm ab 6 Jahren)

Hinweise
Englische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „A most wanted man“
Moviepilot über „A most wanted man“
Metacritic über „A most wanted man“
Rotten Tomatoes über „A most wanted man“
Wikipedia über „A most wanted man“ (deutsch, englisch)

Homepage von John le Carré

Meine Besprechung von John le Carrés „Geheime Melodie“ (The Mission Song, 2006)

Meine Besprechung von John le Carrés “Marionetten (A most wanted man, 2008)

Meine Besprechung von John le Carrés “Verräter wie wir” (Our kind of traitor, 2010)

Meine Besprechung von John le Carrés “Empfindliche Wahrheit” (A delicate truth, 2013)

Meine Besprechung der John-le-Carré-Verfilmung “Bube, Dame, König, Spion” (Tinker, Tailor, Soldier, Spy, Großbritannien/Frankreich/Deutschland 2011)

Meine Besprechung der John-le-Carré-Verfilmung „A most wanted man“ (A most wanted man, Deutschland/Großbritannien 2014)

John le Carré in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: Philip Seymour Hoffman ist kein „A most wanted man“

September 11, 2014

Auch wenn es noch zwei „Die Tribute von Panem“-Filme mit Philip Seymour Hoffman gibt, ist Anton Corbijns John-le-Carré-Verfilmung „A most wanted man“ der letzte richtige Film des am 2. Februar 2014 verstorbenen Charakterschauspielers. Denn in dem Film spielt er, der oft prägnante Nebenrollen hatte und großartige Bösewichter spielte, die Hauptrolle: den deutschen Geheimagenten Günther Bachmann, der in Hamburg eine kleine Agenteneinheit leitet. Im Film wird die Einheit nicht genauer spezifiziert. Im Roman ist es, bitte nicht Lachen, die Spezialeinheit Hintergrund des Hamburger Landesamtes für Verfassungsschutz. Bachmann will nicht den kurzfristigen Erfolg, sondern die Hintermänner des islamistischen Terrors finden. Als Issa Karpov auftaucht, wittert er seine große Chance.
Karpov, ein über den Hafen illegal eingereister Flüchtling mit deutlichen Spuren von Folter an seinem Körper, will an das Geld von seinem Vater, einem Russen, der nach dem Ende der Sowjetunion Geschäfte mit der russischen Mafia machte und vermögend wurde. Das Geld ist bei einer auf Diskretion bedachten Privatbank.
Bachmann glaubt, dass der Halbtschetschene Karpov mit dem Geld den internationalen Terrorismus fördern will.
Auch andere Geheim- und Sicherheitsdienste und die Amerikaner glauben das. Aber die Ansichten, wie man Karpov behandeln soll, gehen auseinander und schnell erleben wir ein Karussell von Geheimdienstintrigen, in die auch eine junge, idealistische Anwältin und ein älterer Bankierssohn, verwickelt werden, während Karpov immer nur die Projektionsfläche der verschiedenen Dienste bleibt. Denn es gibt absolut keinen handfesten Beweis für die Vermutungen der Agenten.
Das alles ist bester le-Carré, der von „Lantana“-Drehbuchautor Andrew Bovell sparsam von 2008 (Prä-NSA, Prä-NSU) in die Gegenwart (Post-NSA, Post-NSU) übertragen wurde. Wahrscheinlich deshalb wirkt die Geschichte, die politischen Hintergründe und die verwandte Technik etwas anachronistisch. Die Schauspieler sind gut. Neben US-Stars wie Hoffman (dem unumstrittenem Zentrum des Films), Rachel McAdams, Willem Dafoe und Robin Wright, spielen auch deutsche Stars, wie Nina Hoss, Daniel Brühl (der zwar viel Screentime, aber nur ungefähr einen Dialogsatz hat), Rainer Bock und Martin Wuttke, mit. Die Bilder (Kamera: Benoit Delhomme) sind, wie bei Corbijn gewohnt, prächtig. Corbijn war vorher ein bekannter Fotograf und so ist auch jedes Bild von „A most wanted man“ geeignet, als Einzelbild gedruckt zu werden. Es gibt auch einen Bildband zum Film.
Aber diese Bilder von Hamburg erinnern in ihrer Stilisierung immer an das Berlin der achtziger Jahre; jedenfalls wie wir es heute von SW-Fotos kennen. Es sieht nie – obwohl ich schon länger nicht mehr in Hamburg war – wie das heutige Hamburg aus.
Außerdem irritiert in der Originalfassung, dass alle Englisch sprechen. Denn es wird eine deutsche Geschichte erzählt wird, die in Deutschland spielt mit deutschen Charakteren, die in der Realität natürlich in ihrer Landessprache sprechen würden. Bis auf die von Robin Wright gespielte CIA-Mitarbeiterin sind die Hauptcharaktere Deutsche, die in den wichtigen Rollen von US-Amerikanern gespielt werden, und alle reden immer Englisch. Deutsch wird höchstens bei der Getränkebestellung gesprochen. Das fühlt sich dann, jedenfalls für uns Deutsche, schon sehr seltsam an.
Corbijn will, wie schon in seinem vorherigen Film „The American“ (mit George Clooney), nicht thrillen. Er inszeniert deshalb diese Episode aus dem Kampf der Geheimdienste, die wie der Roman abrupt endet, in einem getragenen Tempo, in dem jeder Schauspieler seinen langsam gesprochenen Sätzen hinterherlauscht und es meist eine Kunstpause vor dem nächsten Satz gibt. Das ist als Schauspielerkino nicht ohne Reiz, aber es ist auch teilweise genauso spannend, wie Farbe beim Trocknen zuzusehen.
„A most wanted man“ ist ein Agententhriller der im Ränkespiel der Dienste konsequent jeden Thrill vermeidet und so nicht so gut ist, wie er hätte sein können.

A most wanted man - Plakat

A most wanted man (A most wanted man, Deutschland/Großbritannien 2014)
Regie: Anton Corbijn
Drehbuch: Andrew Bovell
LV: John le Carré: A most wanted man, 2008 (Marionetten)
mit Philip Seymour Hoffman, Rachel McAdams, Grigoriy Dobrygin, Willem Dafoe, Robin Wright, Homayoun Ershadi, Nina Hoss, Franz Hartwig, Daniel Brühl, Kostja Ullmann, Vicky Krieps, Rainer Bock, Herbert Grönemeyer, Charlotte Schwab, Martin Wuttke
Länge: 122 Minuten
FSK: ab 6 Jahre

Hinweise
Englische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „A most wanted man“
Moviepilot über „A most wanted man“
Metacritic über „A most wanted man“
Rotten Tomatoes über „A most wanted man“
Wikipedia über „A most wanted man“ (deutsch, englisch)

Homepage von John le Carré

Meine Besprechung von John le Carrés „Geheime Melodie“ (The Mission Song, 2006)

Meine Besprechung von John le Carrés “Marionetten (A most wanted man, 2008)

Meine Besprechung von John le Carrés “Verräter wie wir” (Our kind of traitor, 2010)

Meine Besprechung von John le Carrés „Empfindliche Wahrheit“ (A delicate truth, 2013)

Meine Besprechung der John-le-Carré-Verfilmung “Bube, Dame, König, Spion” (Tinker, Tailor, Soldier, Spy, Großbritannien/Frankreich/Deutschland 2011)

John le Carré in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: „Stereo“ für den Genrefan

Mai 15, 2014

Die Prämisse des deutschen Films „Stereo“ – ein Mann wird von einem nur für ihn sichtbarem „Schutzengel“ heimgesucht – klingt nach einer weiteren unsäglichen deutschen Komödie, die „Mein Freund Harvey“ ohne Sinn und Verstand für Klamauk plündert.
Aber schon der überhaupt nicht heimelig-rosarote Anfang irritiert. Erik (Jürgen Vogel) betreibt auf dem Land eine kleine Motorradwerkstatt, sammelt Strafzettel für zu schnelles Fahren mit seinem Motorrad und ist hoffnungslos in Julia (Petra Schmidt-Schaller) verliebt. Sogar ihre kleine Tochter hat den tätowierten Ersatzdaddy akzeptiert. Es könnte das Paradies sein, wenn Erik nicht einen Mann mit Kapuzenpullover und Armeejacke sehen würde, der für alle anderen unsichtbar ist. Während Erik noch überlegt, ob er wahnsinnig wird, mischt der unsichtbare Mann sich immer mehr in sein Leben ein. Teils proletenhaft, teils besserwisserisch mit destruktiven Ratschlägen. Nein, Henry (Moritz Bleibtreu) ist kein „Freund Harvey“ und kein netter Schutzengel, sondern ein Geistesverwandter von Marshall, dem bösen Alter Ego von Earl Brooks in „Mr. Brooks – Der Mörder in dir“.
Obwohl Henry Erik rät, sich nicht mit einigen halbseidenen Gestalten einzulassen, die behaupten, ihn von früher zu kennen, sind Henrys Ratschläge so schräg, dass unklar ist, ob er Erik vor dem Weg ins Verderben bewahren oder diesen Weg beschleunigen will.
Das ist wirklich nicht der Stoff, aus dem die normalen deutschen Komödien gestrickt sind. Autor und Regisseur Maximilian Erlenwein („Schwerkraft“) will auch überhaupt nicht witzig sein. Jedenfalls nicht auf die oberflächlich harmlose Art. „Stereo“ tendiert schon früh in Richtung Krimi, garniert mit einigen wenigen sich aus der Prämisse ergebenden Witzen, wenn Henry Bier-trinkend Beziehungsratschläge gibt oder Erik vor jemand warnt, der gerade ebenfalls im Raum ist.
Es gibt auch am Ende eine psychologisch stimmige Erklärung für Henrys Auftauchen. Man hätte diese Erklärung auch an den Anfang des Films setzen können (was wohl auch einmal geplant war), was „Stereo“ zu einem anderen, aber ebenso gelungenem Film gemacht hätte.
Letztendlich stört bei „Stereo“ nur das altbackene Bild der Verbrecher, die anscheinend direkt aus einem Siebziger-Jahre-Krimi importiert wurden und eine erschreckende Mischung aus Proletentum, Einfalt und Dummheit sind.

Stereo - Plakat

Stereo (Deutschland 2014)
Regie: Maximilian Erlenwein
Drehbuch: Maximilian Erlenwein
mit Jürgen Vogel, Moritz Bleibtreu, Petra Schmidt-Schaller, Georg Friedrich, Rainer Bock, Mark Zak, Helena Schönfeleder, Fabian Hinrichs
Länge: 94 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Hinweise
Homepage zum Film
Film-Zeit über „Stereo“
Moviepilot über „Stereo“


Neu im Kino/Filmkritik: Die Neustarts „Sabotage“, „SuperHypochonder“, „Spuren“ und „Die Poetin“

April 12, 2014

Zwischen schneuzen und husten und nach einem Brüssel-Ausflug, bei dem ich, vor allem im Zug, viel weniger tun konnte, als ich tun wollte, gibt es jetzt einige Kurzkritiken zu den Neustarts der Woche:

„Sabotage“ heißt der neue Arnold-Schwarzenegger-Film. Er spielt John „Breacher“ Wharton, den Leiter eines Special Operations Team der Anti-Drogen-Behörde DEA. Mit seinem Team klaut er bei einem Einsatz gegen einen Drogenbaron zehn Millionen Dollar. Dummerweise ist das Geld, als sie es abholen wollen, verschwunden. Die Untersuchung der Internen Ermittler, die vermuten, dass Breachers Team Geld geklaut hat, überstehen sie, aber danach beginnt jemand sie der Reihe nach umzubringen.
David Ayer, der auch „Training Day“, „Dark Blue“, „Street Kings“ und „End of Watch“ machte, inszeniert Arnold Schwarzenegger. Das weckt Erwartungen, die der Film in keiner Sekunde erfüllt. Anstatt eines intelligenten Noir-Cop-Thrillers ist „Sabotage“ ist ein dumpfes Macho-Abenteuer (auch die einzige Frau in Breachers Team ist ein Vorzeigemacho), das seine wahre Heimat irgendwo im TV-Spätprogramm hat.
Denn der Gegner ist ohne Gesicht, die Konflikte im Team sind banal, ihre nie glaubwürdige Kameradie peinlich dick aufgetragen, die Handlung schleppt sich zäh wie erkaltete Lava vor sich hin. Nein, das alles hat man schon unzählige Male besser gesehen in unzähligen Cop-Thrillern, auch von Ayer, oder der grandiosen TV-Serie „The Shield“, die ähnliche Themen ungleich gelungener durchbuchstabiert. Dass der Film nicht, wie Ayers vorherige Filme, in Los Angeles, sondern in Atlanta, Georgia, spielt, erfährt man durch einige Wald- und Brückenbilder. Dabei lebten Ayers bisherige Filme gerade von seiner symbiotischen Beziehung zwischen Handlungsort und Filmgeschichte. „Sabotage“ könnte dagegen überall spielen.
Nein, von dem Team Ayer-Schwarzenegger hatte ich mehr erwartet. So ist „Sabotage“ der schlechteste Film von Arnold Schwarzenegger nach seiner politikverordneten Pause und ein Werk der verschenkten Möglichkeiten.

Sabotage - Plakat - 4

Sabotage (Sabotage, USA 2014)
Regie: David Ayer
Drehbuch: Skip Woods, David Ayer
mit Arnold Schwarzenegger, Sam Worthington, Joe Manganiello, Josh Holloway, Terrence Howard, Max Martini, Kevin Vance, Mark Schlegel, Martin Donovan, Mireille Enos, Olivia Williams
Länge: 109 Minuten
FSK: ab 18 Jahre

Hinweise
Englische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Sabotage“
Moviepilot über „Sabotage“
Metacritic über „Sabotage“
Rotten Tomatoes über „Sabotage“
Wikipedia über „Sabotage“ (deutsch, englisch)
Meine Besprechung von David Ayers „End of Watch“ (End of Watch, USA 2012)


„Super-Hypochonder“ ist der neue Film der „Willkommen bei den Sch’tis“-Macher und während mir die Prämisse von „Willkommen bei den Sch’tis“ zu altmodisch und damit für einen zeitgenössischen Film zu weit hergeholt war, hat mir „Super-Hypochonder“ wesentlich besser gefallen. Dabei basiert auch diese Geschichte in der guten alten Komödien- und Klamauk-Tradition der fünfziger und sechziger Jahre: Romain Faubert ist der titelgebende Superhypochonder, dessen sozialen Kontakte sich hauptsächlich auf seine Treffen mit seinem Arzt Dr. Dimitri Zvenka beschränken. Der will jetzt seinen besten Patienten, der kerngesund ist, endlich loswerden. Die Idee mit einer Freundin schlägt fehl. Als er ihn mit zu einem Flüchtlingsschiff schleppt, auf dem er und andere Ärzte ehrenamtlich die Flüchtlinge medizinisch versorgen, geraten die Dinge außer Kontrolle. Faubert wird nach einem dummen Zufall für Anton Miroslav, den Anführer der Revolution in Tscherkistan gehalten – und Zvenkas revolutionsbegeisterte Schwester Anna verliebt sich sofort in den sympathischen Revolutionär, den sie, vor seinen Verfolgern, bei sich zu Hause versteckt.
Der Revolutionär versteckt sich währenddessen, schwer verletzt, in Fauberts Wohnung und ist von der gut ausgestatteten Hausapotheke begeistert. Natürlich fliegt der Schwindel auf. Dennoch wird Faubert nach Tscherkistan ausgeliefert.
Ein kurzweiliger Klamauk.

SuperHypochonder - Plakat

Super-Hypochonder (Supercondriaque, Frankreich 2013)
Regie: Dany Boon
Drehbuch: Dany Boon
mit Dany Boon, Alice Pol, Kad Merad, Jean-Yves Berteloot, Judith El Zein, Valérie Bonneton, Bruno Lochet
Länge: 108 Minuten
FSK: ab 6 Jahre

Hinweise
Französische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Super-Hypochonder“
Moviepilot über „Super-Hypochonder“
Wikipedia über „Super-Hypochonder“ (deutsch, französisch)


Und dann gibt es noch zwei Biopics.
In „Spuren“ wird die Geschichte der 27-jährigen Robyn Davidson erzählt, die 1977 mit vier Kamelen in neun Monaten die australische Wüste von Alice Springs bis zum Indischen Ozean durchquerte. Die Reportage über ihre Reise wurde zu einem Verkaufserfolg für das „National Geographic“-Magazin. Ihr kurz darauf geschriebenes Buch ein Bestseller.
Der Film selbst ist eine höchst zwiespältige Angelegenheit. Denn den Machern gelingt es nie, zu zeigen, warum Davidson die gefährliche Reise unternimmt. In den anderen Ein-Personen-Stücken, die in letzter Zeit im Kino liefen, wie „Buried“, „Gravity“ und „All is Lost“ war das klar: der Protagonist wollte überleben. Aber bei Davidson ist es unklar. Am Filmanfang sagt sie, fast schon schnippisch: „Warum nicht?“ Denn warum soll eine Frau nicht auch eine Reise unternehmen können, wenn ein Mann das kann? Ein guter Punkt, der allerdings nicht über einen ganzen Film trägt, sondern, als Gegenfrage, eine klassische Nicht-Antwort ist.
Außerdem scheint in „Spuren“ die einsame Wüste ein Ort des Lebens zu sein. Denn es gibt kaum eine Szene, in der Davidson allein ist. Immer wieder trifft die Frau, die die Einsamkeit sucht, Menschen. Aber auch aus diesem Konflikt schlägt der Film keine dramaturgischen Funken.
Immerhin gibt es einige schöne Landschaftsaufnahmen und Mia Wasikowska in der Hauptrolle.

Spuren - Plakat

Spuren (Tracks, Australien 2013)
Regie: John Curran
Drehbuch: Marion Nelson
LV: Robyn Davidson: Tracks, 1980 (Spuren – Eine Reise durch Australien)
mit Mia Wasikowska, Adam Driver, Rainer Bock, Rolley Mintuma, John Flaus, Robert Coleby, Tim Rodgers
Länge: 113 Minuten
FSK: ab 6 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Spuren“
Moviepilot über „Spuren“
Metacritic über „Spuren“
Rotten Tomatoes über „Spuren“
Wikipedia über „Spuren“
Meine Besprechung von John Currans “Stone” (Stone, USA 2010)


In „Die Poetin“ ist dagegen die dramaturgische Klammer sehr deutlich: „The art of losing isn’t hard to master.“
Es ist die erste Zeile von Elizabeth Bishops Gedicht „The art of losing“ und der Film erzählt, wie sie das lernte: 1951 ist sie in einer Schaffenskrise. Als sie mit diesem Gedicht nicht weiterkommt, entschließt sie sich zu einer Reise. In Rio de Janeiro besucht sie ihre alte Studienfreundin Mary, die mit Lota de Macedo Soares liiert ist. Die burschikose Architektin kann zuerst nichts mit der sanften Dichterin und ihrem elitärem Künstlergehabe anfangen. Sie verlieben sich dann doch ineinander und der Film zeichnet ihre Beziehung, die am Anfang auch eine lesbische Dreiecksbeziehung ist, nach.
Lota de Macedo Soares (1910 – 1967) schuf später den zum UNESCO-Weltkulturerbe gehörenden Flamengo Park in Rio de Janeiro.
Elizabeth Bishop (1911 – 1979) erhielt 1956 den Pulitzer-Preis für ihrem Gedichtzyklus „North & South – A Cold Spring“. Weitere wichtige Literaturpreise folgten.
Konventionell, fast schon unterkühlt inszeniert, bietet das Biopic, das sich auf Bishops fünfzehnjährigen Aufenthalt in Brasilien konzentriert, einen gelungenen Einblick in das Leben von zwei Frauen – und wie Bishop „the art of losing“ erlernte.

Die Poetin - Plakat

Die Poetin (Flores Raras/Reaching for the Moon, Brasilien 2013)
Regie: Bruno Barreto
Drehbuch: Matthew Chapman, Julie Sayres (basierend auf dem Drehbuch von Carolina Kotscho)
mit Miranda Otto, Glória Pires, Tracy Middendorf, Marcello Airoldi, Treat Williams
Länge: 120 Minuten
FSK: ab 6 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Die Poetin“
Moviepilot über „Die Poetin“
Metacritic über „Die Poetin“
Rotten Tomatoes über „Die Poetin“
Wikipedia über „Die Poetin“


Neu im Kino/Filmkritik: „Die Bücherdiebin“ ist ein nettes Mädchen in einer schlimmen Zeit

März 16, 2014

Bestsellerverfilmungen.

Nächste Runde.

Dieses Mal mit „Die Bücherdiebin“.

Markus Zusak schrieb den seitenstarken Roman, der ewig auf den Bestsellerlisten blieb und daher natürlich verfilmt werden musste. Ebenso natürlich, dass die Änderungen – immerhin kennen Millionen das Jugendbuch – sich in einem überschaubaren Rahmen bewegen. Drehbuchautor Michael Petroni sagt dazu: „Das Buch folgt keiner linearen Chronologie. Häufig macht der Erzähler den Leser mit kleinen Informationshappen neugierig, die später dann in der Geschichte eine Rolle spielen werden. Deshalb musste ich zunächst einmmal diese Struktur aufbrechen, die Geschichte chronologisch ordnen und dann bestimmte Szenen modifizieren, damit sie im Film emotional auch die größte Wirkung erzielen konnten. Dafür musste ich allerdings manchmal die Chronologie der Geschichte, wie man sie aus dem Buch kennt, verändern. Ich wage zu bezweifeln, dass das überhaupt jemandem auffallen wird – trotzdem bereiten gerade diese Änderungen immer große Probleme.“ Trotzdem wirkt der Film von der ersten bis zur letzten Minute wie eine sklavische Illustration des Buches, die deshalb als Film nie funktioniert.

In dem Film geht es um die elfjährige Liesel Meminger (Sophie Nélisse), die in den dreißiger Jahren, zu Pflegeeltern aufs Dorf kommt. Ihre Mutter konnte nicht alle Kinder durchfüttern. Hans Hubermann (Geoffrey Rush) ist ein liebevoller, geduldige Pflegevater, während seine Frau Rosa (Emily Watson) sich zunächst als fluchender Hausdrache profiliert. Bei Hans lernt Liesel, die bis dahin eine Analphabetin war, das Lesen. Die Leselust des aufgeweckten Mädchens wird weiter befördert von der Frau des Bürgermeisters. Sie haben eine große Bibliothek und Liesel darf sich dort durch die abendländische Kultur lesen.

Gleichzeitig freundet Liesel sich mit ihrem Schulkameraden Rudi (Nico Liersch), der gerne ein großer Sprinter wäre, an.

Und dann – immerhin spielt der Film während des Tausendjährigen Reichs – muss Liesel auch mit den bücher- und judenfeindlichen Nazis zurechtkommen. Es gibt sogar eine Bücherverbrennung mit allem Drum und Dran.

Außerdem verstecken die herzensguten Hubermanns in dieser schwierigen Zeit im Keller den jungen Juden Max (Ben Schnetzer). Hans trägt so eine Ehrenschuld aus dem ersten Weltkrieg dessen Familie ab.

Regisseur Brian Percival und Drehbuchautor Michael Petroni pendeln unentschlossen zwischen diesen drei Hauptplots hin und her, wobei gerade der quasi-titelgebende Plot mit Liesels Leselust der schwächste ist. Denn zwischen Lesestunden im Keller mit Max und Nachmittagen in der freien Natur mit Rudi bleibt keine Zeit, um die Faszination des Lesens visuell erfahrbar zu machen.

Dazu kommt noch – wie im Roman – als allwissender Erzähler, der sich in teilnehmender Beobachtung übende Tod. Diese Erzählerstimme, die im Roman vielleicht funktioniert, bricht dem Film das Genick. Prätentiös schwafelt der Tod von der ersten Minute an über sein Leben, seine Taten und seine Gefühle. Später gleitet die Kamera über das ansprechend ausgeleuchtete Kriegselend, der Tod salbadert, dass er damals reiche Ernte hielt und der Zuschauer windet sich angesichts solcher Platitüden. Redundanter hätte auch ein Michael Bay keine Botschaft formulieren können.

So zeigt „Die Bücherdiebin“ das gesamtes Elend gediegener Literaturverfilmungen. Die Schauspieler sind gut. Auch gut ernährt. Die Ausstattung gefällt. Sie sieht vielleicht etwas zu sauber, zu unbenutzt und zu gut für einen unter armen Leuten spielenden Film aus. Auch dieser Film wurde in Babelsberg gedreht und die Ausstattung wirkt so vertraut, dass ich inzwischen glaube, dass es gibt bei der Ausstattung und Ausleuchtung einen wiedererkennbaren Babelsberg-Touch gibt. Gegen die Musik – sie ist von John Williams – kann auch nichts gesagt werden.

Nur ist nichts davon emotional berührend. Der gesamte Film erinnert von der ersten bis zur letzten Minute an die Besichtigung einer Musterwohnung: sauber, ordentlich, aufgeräumt, leblos, und der Makler preist die Vorzüge der Wonung an.

Die Bücherdiebin - Plakat

Die Bücherdiebin (The Book Thief, USA/Deutschland 2013)

Regie: Brian Percival

Drehbuch: Michael Petroni

LV: Markus Zusak: The Book Thief, 2005 (Die Bücherdiebin)

mit Sophie Nélisse, Geoffrey Rush, Emily Watson, Ben Schnetzer, Nico Liersch, Barbara Auer, Rainer Bock, Oliver Stokowski, Matthias Matschke, Ben Becker (nur Stimme)

Länge: 132 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Die Bücherdiebin“

Moviepilot über „Die Bücherdiebin“

Metacritic über „Die Bücherdiebin“

Rotten Tomatoes über „Die Bücherdiebin“

Wikipedia über „Die Bücherdiebin“ (deutsch, englisch)

Homepage von Markus Zusak

Perlentaucher über Markus Zusaks Roman „Die Bücherdiebin“


TV-Tipp für den 4. Februar: Im Schatten

Februar 4, 2014

ZDFkultur, 20.15

Im Schatten (D 2010, R.: Thomas Arslan)

Drehbuch: Thomas Arslan

Profigangster Trojan, gerade aus dem Knast entlassen, plant gleich seinen nächsten Coup: einen Überfall auf einen Geldtransporter.

Ein guter Hardboiled-Gangsterfilm, der eindeutig vom französischen Kriminalfilm (Melville!) und den harten amerikanischen Krimis beeinflusst ist. So ist der Einfluss von Richard Starks Parker und seinen Epigonen Nolan (von Max Allan Collins) und Wyatt (von Garry Disher) unübersehbar.

Ein erfrischend undeutscher Kriminalfilm, den sich auch Genrejunkies ohne Fremdschäm-Anfälle ansehen können.

mit Mišel Matičević, Karoline Eichhorn, Uwe Bohm, Rainer Bock, Hanns Zischler, Peter Kurth, David Scheller

Wiederholung: Mittwoch, 5. Februar, 04.15 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Homepage zum Film

Film-Zeit über „Im Schatten“

taz: Interview mit Thomas Arslan über “Im Schatten” (6. Oktober 2010)

Film-Dienst: Interview mit Thomas Arslan über “Im Schatten”

Meine Besprechung von Thomas Arslans “Im Schatten”


TV-Tipp für den 18. Juli: Im Schatten

Juli 18, 2013

ZDFkultur, 20.15

Im Schatten (D 2010, R.: Thomas Arslan)

Drehbuch: Thomas Arslan

Profigangster Trojan, gerade aus dem Knast entlassen, plant gleich seinen nächsten Coup: einen Überfall auf einen Geldtransporter.

Ein guter Hardboiled-Gangsterfilm, der eindeutig vom französischen Kriminalfilm (Melville!) und den harten amerikanischen Krimis beeinflusst ist. So ist der Einfluss von Richard Starks Parker und seinen Epigonen Nolan (von Max Allan Collins) und Wyatt (von Garry Disher) unübersehbar.

Ein erfrischend undeutscher Kriminalfilm, den sich auch Genrejunkies ohne Fremdschäm-Anfälle ansehen können.

mit Mišel Matičević, Karoline Eichhorn, Uwe Bohm, Rainer Bock, Hanns Zischler, Peter Kurth, David Scheller

Wiederholung: Freitag, 19. Juli, 00.45 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Homepage zum Film

Film-Zeit über „Im Schatten“

taz: Interview mit Thomas Arslan über “Im Schatten” (6. Oktober 2010)

Film-Dienst: Interview mit Thomas Arslan über “Im Schatten”

Meine Besprechung von Thomas Arslans “Im Schatten”