Neu im Kino/Filmkritik: Aus den Akten des DC Universe: Wie Clayface „Clayface“ wurde

Oktober 22, 2026

Ein neuer DC-Film und wieder ein Film aus der Welt der Superhelden, in denen uns erzählt wird, wie einer der Bösewichter aus der Superheldenwelt zum Bösewicht wird. Dieses Mal ist es Clayface. Er ist bis jetzt als Schurke aus diversen Batman-Comics (mit verschiedenen Namen und Biographien) und TV-Serien bekannt.

Sein Kinodebüt hat er jetzt in James Watkins‘ „Clayface“. Mike Flanagan und Hossein Amini schrieben das Drehbuch. Tom Rhys Harries übernahm die Hauptrolle. Er spielt den aufstrebenden Schauspieler Matt Hagens, der im Verlauf des Films zu Clayface wird; – einem Menschen, der sein Gesicht und seine Gestalt verändern kann. Matt wurde gerade für einen wichtigen Preis nominiert, ist bei allen beliebt und anscheinend kurz davor, zum internationalen Superstar zu werden. Und er kommt aus Gotham aus ärmlichen Verhältnissen. Das ist für den Film unwichtig, für die im Film präsentierten Zeitschriftengeschichten über ihn wichtig.

Während der Promotour für seinen neuen Film, trifft er in Gotham in einer Disco auf eine dunkelhaarige Schönheit.

Als er am nächsten Tag im Bett neben ihr erwacht, steht ihr Mann vor ihr: der stadtbekannte, unangreifbare Gangsterboss Markos Szabo (David Dencik). Er verunstaltet Matts Gesicht. Damit ist seine Karriere als Schauspieler vorbei. Seine Agenten lassen ihn fallen. Sein Vermögen schmilzt rapide.

Da erfährt er von einer experimentellen Therapie mit Nanozellen. Dr. Caitlyn Corr (Naomi Ackie) behandelt ihn. Die Narben verschwinden aus Matts Gesicht. Aber wie jedes Wunderheilmittel hat auch diese Therapie ihre Nebenwirkungen.

Außerdem will Matt sich an den Menschen rächen, die ihm Unrecht antaten.

„Clayface“ ist, nach „Superman“ und „Supergirl“, der dritte Film im DC Universe (DCU), das von James Gunn und Peter Safran verantwortet wird. Er gehört außerdem zum, etwas umständlich betitelten „Chapter One: Gods and Monsters films“. Clayface gehört zu den Monstern. Immerhin ermordet der Antiheld während des Films, zunehmend kaltblütig, einige Menschen. Wie es mit ihm im DC Universe weitergeht, ist unklar. Im Moment ist „Clayface“ in jeder Beziehung ein Einzelfilm, für den man absolut nichts über Gotham und die DCU-Welt wissen muss.

Im Gegensatz zu den quietschbunten ersten beiden DCU-Filmen ist „Clayface“ ein Bodyhorrorfilm mit einem für einen Superheldenfilm extrem niedrigen Budget von irgendetwas zwischen 30 und 44 Millionen US-Dollar. Das ist ein Budget, das Experimente erlaubt und immer noch für einen Gewinn an der Kinokasse sorgen sollte. Entsprechend eklig sind viele der Horrorszenen. Es ist auch ein Film ohne große Stars und ohne epische Schlachten. Ein Kampf in einer Disco beeindruckt vor allem dadurch, dass Matt ständig seine Gestalt verändert. Dafür wird er von verschiedenen Schauspielern gespielt.

Diese Gestaltwandler-Fähigkeit ist eine Nebenwirkung der von Corr bei ihm angewandten Therapie, die irgendetwas mit Nanozellen zu tun hat. Es ist auch eine Fähigkeit, deren Wirkungsweise im Film mal so, mal so funktioniert. Einmal kommt sie zufällig, einmal wenn er wütend ist (dann verwandelt sich sein Gesicht in das Gesicht der Person auf die er wütend ist) und dann kann er die Verwandlung steuern. Beispielsweise in der eben erwähnten Disco-Szene. Letztendlich setzen Flanagan, Amini und Watkins Matts Gestaltwandler-Fähigkeit nach Belieben und vollkommen willkürlich ein. Für Spannung sorgt das nicht, weil Matt, wenn er in Gefahr ist, einfach seine Gestalt ändert und so aus jeder brenzligen Situation entkommenn kann.

Matt selbst ist – und das ist ein durchgängiges Problem aller Superbösewichter-Origin-Geschichten – kein sympathischer Charakter. Nicht am Anfang, nicht am Ende und auch nicht dazwischen. Er ist eine eindimensionale Figur, die im Verlauf des Films keine Wandlung erfährt. Er ändert sich nicht. Er ist böse. Er hat keinen moralischen Konflikt. Er fragt sich nie, ob er dieses oder jenes tun soll, ob er etwas lernt aus seinen Erfahrungen und ob er ein besserer Mensch werden möchte. Er fragt sich nie, wie er mit seiner Veränderung umgeht. Darum ging es beispielsweise in „Die Fliege“ (David Cronenberg zeigt in seiner Version, wie ein Mensch und eine Fliege zu einem neuen Wesen werden) oder in Sam Raimis „Darkman“. ‚Clayface‘ Matt Hagens will sich einfach nur rächen an den Menschen, die ihm sein Aussehen, seine Karrieren und sein Geld stahlen. Anfangs geschehen seine Morde eher zufällig, später geplant. Dabei haben Szabos Handlanger ebenfalls den Tod verdient.

Diese Rachegeschichte erzählt James Watkins durchaus effektiv, aber auch strikt entlang der bekannten Storykonventionen.

Clayface (Clayface, Großbritannien/UUSA 2026)

Regie: James Watkins

Drehbuch: Mike Flanagan, Hossein Amini (nach einer Geschichte von Mike Flanagan, basierend auf Figuren aus dem DC-Universum)

mit Tom Rhys Harries, Naomi Ackie, David Dencik, Max Minghella, Eddie Marsan, Nancy Carroll, Joshua James

Länge: 109 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

–

Hinweise

Moviepilot über „Clayface“

Metacritic über „Clayface“

Rotten Tomatoes über „Clayface“

Wikipedia über „Clayface“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von James Watkins‘ „Bastille Day“ (Bastille Day, USA/Frankreich/Großbritannien 2016)

Meine Besprechung von James Watkins‘ „McMafia – Staffel 1“ (McMafia, Großbritannien 2018)

Meine Besprechung von James Watkins‘ „Speak no evil“ (Speak no evil, USA 2024)

Meine Besprechung von James Gunns „Superman“ (Superman, USA 2025)

Meine Besprechung von Craig Gillespies „Supergirl“ (Supergirl, USA 2026)


TV-Tipp für den 20. August: Sisi & Ich

August 19, 2026

BR, 22.45

Sisi & Ich (Deutschland/Schweiz/Österreich 2023)

Regie: Frauke Finsterwalder

Drehbuch: Frauke Finsterwalder, Christian Kracht

Irma Gräfin von Sztáray (Sandra Hüller) wird Hofdame von Kaiserin Elisabeth von Österreich, bekannter als Sisi (Susanne Wolff) – und Frauke Finsterwalder erzählt die Geschichte der beiden Frauen beherzt faktenfrei und mit einem rein weiblichen Soundtrack. Schade, dass die zweite Hälfte des Dramas nicht die Qualität der ersten Hälfte hat.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Sandra Hüller, Susanne Wolff, Stefan Kurt, Georg Friedrich, Sophie Hutter, Maresi Riegner, Johanna Wokalek, Sibylle Canonica, Angela Winkler, Markus Schleinzer, Anne Müller, Anthony Calf, Tom Rhys Harries, Annette Badland

Hinweise

Filmportal über „Sisi & Ich“

Moviepilot über „Sisi & Ich“

Rotten Tomatoes über „Sisi & Ich“

Wikipedia über „Sisi & Ich“ (deutsch, englisch)

Berlinale über das Werk

Meine Besprechung von Frauke Finsterwalders „Finsterworld“ (Deutschland 2013)

Meine Besprechung von Frauke Finsterwalders „Sisi & Ich“ (Deutschland/Schweiz/Österreich 2023)


TV-Tipp für den 7. März: Sisi & Ich

März 6, 2025

Arte, 20.15

Sisi & Ich (Deutschland/Schweiz/Österreich 2023)

Regie: Frauke Finsterwalder

Drehbuch: Frauke Finsterwalder, Christian Kracht

TV-Premiere. Irma Gräfin von Sztáray (Sandra Hüller) wird Hofdame von Kaiserin Elisabeth von Österreich, bekannter als Sisi (Susanne Wolff) – und Frauke Finsterwalder erzählt die Geschichte der beiden Frauen beherzt faktenfrei und mit einem rein weiblichen Soundtrack. Schade, dass die zweite Hälfte des Dramas nicht die Qualität der ersten Hälfte hat.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

Anschließend, um 22.15 Uhr, zeigt Arte die 55-minütige brandneue Doku „Sandra Hüllers Geheimnis“ (Deutschland 2024).

mit Sandra Hüller, Susanne Wolff, Stefan Kurt, Georg Friedrich, Sophie Hutter, Maresi Riegner, Johanna Wokalek, Sibylle Canonica, Angela Winkler, Markus Schleinzer, Anne Müller, Anthony Calf, Tom Rhys Harries, Annette Badland

Hinweise

Filmportal über „Sisi & Ich“

Moviepilot über „Sisi & Ich“

Rotten Tomatoes über „Sisi & Ich“

Wikipedia über „Sisi & Ich“ (deutsch, englisch)

Berlinale über das Werk

Meine Besprechung von Frauke Finsterwalders „Finsterworld“ (Deutschland 2013)

Meine Besprechung von Frauke Finsterwalders „Sisi & Ich“ (Deutschland/Schweiz/Österreich 2023)


Neu im Kino/Filmkritik: Frauke Finsterwalder, „Sisi & Ich“

April 1, 2023

Zehn Jahre nach ihrem Spielfilmdebüt „Finsterworld“, einer schwarzen Komödie über Deutschland, seziert Frauke Finsterwalder jetzt das Leben von Kaiserin Elisabeth von Österreich-Ungarn, bekannter als Sisi (bzw. seit den Romy-Schneider-Filmen Sissi). Das Drehbuch schrieb sie wieder mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Christian Kracht. Aber während „Finsterworld“ ein Ensemble- und Episodenfilm war, konzentriert sie sich in ihrem neuen Film, wie der Titel „Sisi & Ich“ schon verrät, auf zwei Personen: die Kaiserin Elizabeth (Susanne Wolff) und Irma, Gräfin von Sztáray (Sandra Hüller), ihre neue Hofdame. Irma ist eine mit 42 Jahren schon ältere, immer noch nicht verheiratete Frau, die unter der strengen Fuchtel ihrer Mutter steht und von ihr in diese Anstellung gedrängt wird. Sisis vorherige Hofdame begutachtet sie wie ein Stück Vieh, stellt sie ein und schickt sie sofort nach Korfu. Dort hält sich die Kaiserin mit ihrem Hofstaat auf.

Als Irma nach einer qualvollen Reise auf der Insel ankommt, entdeckt sie eine Welt, die nichts mit dem strengen Hofprotokoll zu tun hat. Graf Berzeviczy ist der einzige Mann auf der Insel. Er ist ein der Kaiserin treu ergebener, am Rand stehender, für flüssige Abläufe sorgender Diener. Das Leben der Frauen auf Korfu ähnelt dem Leben in einer freien, dauerbekifften Frauenkommune mit einem Oberhaupt, das sich wie ein von allen abgöttisch verehrter Popstar verhält. Sisi leidet an Stimmungsschwankungen, benimmt sich wie ein kleines Kind, will immer ihren Spaß haben, vergibt spontan ihre Gunst und entzieht sie genauso schnell. Jetzt schenkt sie ihre Gunst ihrer neuen Hofdame Irma. Und diese erwidert sie. Schnell entsteht eine Freundschaft, in der das Machtgefälle zwischen den beiden Frauen immer präsent ist.

Wie „Corsage“, Marie Kreutzers Sisi-Interpration, die letztes Jahr im Kino lief, interpretiert Frauke Finsterwalder Sisi und den Sisi-Mythos frei für die Gegenwart. Beide Filme konzentrieren sich auf die zweite Hälfte von Sisis Leben und enden mit ihrem Tod. Beide Filme entfernen sich immer wieder von den historisch verbürgten Fakten; wozu auch Sisis Tod gehört. In beiden Filmen gibt es bewusste Brüche. In „Corsage“ sind das moderne Gegenstände und eine auf einer Abendgesellschaft präsentierte Neuinterpretation von „As Time goes by“.

In „Sisi & Ich“ erfolgt die Modernisierung des historischen Stoffes überzeugender, gelungener und weniger störend vor allem über die Haltung der Figuren, das Spiel der Schauspieler, satirische Zuspitzungen und die Musik. Es gibt nämlich achtzehn von Frauen gespielte und gesungene Lieder, die ein gutes Mixtape ergeben. Es sind vor allem in der breitest möglichen Definition Rocksongs, die Frauke Finsterwalder nicht nach ihrer Popularität bei der breiten Masse, sondern nach ihrem Geschmack und der Stimmigkeit für den Film auswählte.

(Einschub: Es beginnt mit „Wandering Star“ von Portishead. Es folgen „Deceptacon“ von Le Tigre, „Meantime“ von Beaumont, „Things That We Do“ von Rose Melberg, „Lady with the Braid“ von Dory Previn, „Life after youth“ von Tess Parks, „Waiting“ von Alice Boman, „Sinks of Gandy“ von The Other Years, „Death a la carte“ von Would-Be-Goods, „Baby alive“ von Nina Hynes, „Angel“ von Seagull Screaming Kiss Her Kiss Her, „Festival of Kings“ von The Mark Wirtz Orchestra and Chorus, „Girlie Pop“ von Pop Tarts, „Shchedryk (Carol of the Bells)“ von Bel Canto Choir Vilnius, „Afraid“ von Nico, „Shining“ von Peace Orchestra, „Cosmic Dancer“ von Sandra Hüller [ursprünglich ein „T. Rex“-Song, aber es sollten nur Frauen singen] und, etwas Klassik muss sein, „Clara Schumann: Piano Sonata G-Minor II Adagio“ von Yoshiko Iwai.)

Nach der auf Korfu spielenden ersten Hälfte der Komödie, begibt Sisi sich auf eine Reise durch ihr Königreich, halb Europa und nach Ägypten. Dabei zeigt sie immer wieder ihr schon von Korfu bekanntes sprunghaftes, triebgesteuertes, mit den Konventionen des Hofprotokolls haderndes manisch-depressives Verhalten. Immer wieder bricht sie kurzzeitig aus dem goldenen Käfig aus. Und kehrt wieder zurück. Das ergibt eine schnell redundant werdende Aneinanderreihung des Immergleichen. Denn zwischen den zweiten und dem zehnten Ausbruchversuch aus dem Hofprotokoll ergeben sich keine neuen Erkenntnisse.

Damit reiht „Sisi & Ich“ sich in die Reihe aktueller Filme ein, die eine sehr gelungene, in sich geschlossene erste Hälfte, in der eigentlich alles gesagt wird, und eine zerfasernde, zunehmend uninteressantester werdende zweite Hälfte haben.

Sisi & Ich (Deutschland/Schweiz/Österreich 2023)

Regie: Frauke Finsterwalder

Drehbuch: Frauke Finsterwalder, Christian Kracht

mit Sandra Hüller, Susanne Wolff, Stefan Kurt, Georg Friedrich, Sophie Hutter, Maresi Riegner, Johanna Wokalek, Sibylle Canonica, Angela Winkler, Markus Schleinzer, Anne Müller, Anthony Calf, Tom Rhys Harries, Annette Badland

Länge: 132 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

–

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Sisi & Ich“

Moviepilot über „Sisi & Ich“

Rotten Tomatoes über „Sisi & Ich“

Wikipedia über „Sisi & Ich“ (deutsch, englisch)

Berlinale über das Werk

Meine Besprechung von Frauke Finsterwalders „Finsterworld“ (Deutschland 2013)