TV-Tipp für den 20. Juli: Alles koscher!

Juli 20, 2013

 

BR, 22.00

Alles koscher! (GB 2010, R.: Josh Appignanesi)

Drehbuch: David Baddiel

Der in London lebende Mahmud ist ein voll integrierter Feiertagsmoslem. Als sein Sohn die Tochter eines Hasspredigers heiraten will, muss er allerdings den tiefgläubigen Moslem spielen. Dummerweise erfährt er jetzt auch, dass er adoptiert wurde und kein Moslem, sondern Jude ist.

Die Culture-Clash-Komödie „Alles koscher!“ hat Tempo und Witz. Und der auf der Insel als Komiker bekannte Hauptdarsteller Omid Djalili gibt dem Affen ordentlich Zucker: wenn er sich durch sein Viertel flucht, vor dem Spiegel jüdische und muslimische Mimik ausprobiert, er auf einer Pro-Palästina-Demonstration vor den anderen Demonstranten zufällig seine Kippa enthüllt oder er sich mit seinem höchst rudimentärem Wissen über das Judentum auf einer Bar Mizwa integrieren und er auf der Bühne eine Geschichte improvisieren muss. Da wird „Alles koscher!“ immer wieder zu einer Einmannshow, bei der die anderen Schauspieler zu Statisten verblassen.

Und trotzdem wünschte ich mir am Ende mehr satirische Schärfe.

mit Omid Djalili, Richard Schiff, Archie Panjabi, Mina Anwar, Igal Naor, Amit Shah, Soraya Radford, Matt Lucas

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Rotten Tomatoes über „Alles koscher!“

Film-Zeit über „Alles koscher!“

Wikipedia über „Alles koscher!“ (deutsch, englisch)

The Jewish Chronicle: Interview mit David Baddiel

Simon O’Hare interviewt David Baddiel

The Guardian: Interview mit David Baddiel und Omid Djalili


Neu im Kino/Filmkritik: Über Guillermo del Toros „Pacific Rim“

Juli 19, 2013

 

Die ersten Trailer von „Pacific Rim“, dem neuen Film von „Hellboy“-Regisseur Guillermo del Toro, ließen einen etwas ratlos zurück, weil sie ziemlich abschreckend nach „Transformers meets Godzilla“ aussahen und es wirklich rätselhaft war, was del Toro an dieser „Riesenroboter verkloppen Riesenechsen“-Geschichte interessieren sollte.

Auch nach dem Film und der Lektüre des Pressematerials kann ich das nicht genauer sagen. Gut. Er sah in seiner Jugend die kultigen „Godzilla“-Filme von Ishiro Honda und er wollte seinen „Godzilla“-Film drehen. Honda und Ray Harryhausen, dem kürzlich verstorbenen Meister der Stop-Motion-Technik, widmete er den Film. Beide zauberten ihre fantastischen Welten mit Tricks, Modellen, viel Geduld und ohne Computer. Heute werden mit Computerhilfe fantastische Welten und Kämpfe entworfen, denen aber auch der Charme der Werke von Honda und Harryhausen fehlt.

Eben dieser Charme fehlt auch „Pacific Rim“. Denn die Kämpfe zwischen den Kaiju (japanisch für Riesenmonster) und den Jaeger (äh, ja, Jäger), wie die Riesenroboter heißen, sind meistens im Dunkeln stattfindende elend lange und auch langweilige Kloppereien zwischen Monstern und Robotern, die zwar gut inszeniert sind, aber auch auf ein Grundproblem der von Guillermo del Toro und Travis Beacham erfundenen und absolut vorhersehbaren Geschichte, die eigentlich ein „Top Gun“-Recycling ist, hinweisen: alle Charaktere sind uns herzlich egal. Es gibt den tapferen Jaeger-Piloten Raleigh (Charlie Hunnam), der sich in die Einöde zurückzieht, nachdem bei einem Einsatz sein Bruder starb.

2025 wird er von seinem ehemaligen Pan-Pacific-Defense-Corp-Kommandanten Stacker Pentecost (Idris Elba) gefunden. Er braucht ihn für das letzte Gefecht gegen die Kaiju. Diese kommen aus einer Spalte im Meer (und von dort über irgendein Wurmloch aus ihrer Welt) und sie sind kurz davor, die Erde endgültig zu übernehmen. Jetzt, wo ich über die Prämisse nachdenke, wird sie immer idiotischer.

Aber die Menschheit hat eine, ähem, interessante Idee: das Jaeger-Programm. Die Jaeger sind 25 Stockwerke hohe Roboter, die von zwei Menschen, die geistig miteinander verbunden sind und im Kampf daher wie ein Gehirn reagieren, gesteuert werden und die reihenweise Kaijus töten. Die Jaeger-Piloten werden wie Rockstars verehrt, aber dann entwickelen die Kaijus sich weiter und die Jaeger-Piloten sehen alt aus. Die Weltregierung will sich jetzt mit einer anderen Methode gegen die Kaiju verteidigen. Das Jaeger-Programm wird eingestellt.

Pentecost will das nicht akzeptieren und er trommelt seine Soldaten und zwei extrem nervige Wissenschaftler zusammen zur letzten Schlacht gegen die Viecher.

Das alles erzählt del Toro in den ersten fünfzehn, zwanzig Minuten. Danach gibt es in der Jaeger-Basis einen länglichen Ausleseprozess. Denn Raleigh braucht einen Partner – und wir wissen schon von der ersten Sekunde an, wer das wird: nämlich Mako (Rinko Kikuchi), die Gehilfin von Pentecost, die unter seinem besonderen Schutz steht (Yeah, genialer Plot-Zug: der Vorgesetzte als stinkiger, überfürsorglicher „Battleship“-Daddy). Es gibt auch, wie in „Top Gun“, einen anderen Jaeger-Piloten, der Raleigh als Konkurrenten von der ersten Sekunde an hasst.

Und den Rest können wir uns denken. Etwas Liebe, zwar ohne Knutschereien und Sex, aber mit dem ultimativen Gehirntrip, weil die Piloten, wenn ihre Gehirne für die Jaeger-Steuerung miteinander verbunden werden, erfahren sie auch gleichzeitig alles über den anderen. Ein Übungskampf. Und dann ab ins Finale mit zwei großen Kampfszenen, von denen der letzte Kampf unter Wasser, an der Spalte, aus der die Kaijus kommen, stattfindet.

Das ist so konventionell, dass eben auch die schwachen bis nicht vorhandenen Charakterisierungen und – wenn ich an „Hellboy“ denke – der mangelnde Humor auffallen. Vor allem Charlie Hunnam, der ja den Helden Raleigh spielt, und Idris Elba, der den Befehlshaber spielt, werden vom Drehbuch sträflich vernachlässigt. „Sons of Anarchy“-Hunnam vergisst man sofort. Und von Idris Elba bleiben nur die schlecht sitzenden Anzüge im Gedächtnis. Und dabei kann Elba, wie die derzeit im BBC laufende dritte, geniale „Luther“-Staffel zeigt, so viel mehr. Aber in „Pacific Rim“ ist er nur ein Kleiderständer. „Hellboy“ Ron Perlman als Kriegsgewinnler und Kaiju-Schwarzmarkthändler ist in seinen schillernden Kleidern eine Augenweide und auch der einzige Charakter, der mit seiner Dreißiger-Jahre-Hollywood-Asiaten-Bösewicht-Rolle so etwas wie Humor in den Film bringt. Die beiden Wissenschaftler Dr. Newton Geiszler (Charlie Day) und Herman Gottlieb (Burn Gorman) entsprechen dem Bild des durchgeknallten Nerd-Wissenschaftlers mit Dachschaden. Das ist witzig gemeint, aber es ist nicht witzig.

Pacific Rim“ ist nicht so schlecht, wie ich befürchtete. Es ist deutlich besser als „Battleship“, aber auch ein Film der verpassten Chancen. Es ist ein Film, der so viel besser sein könnte und dann doch nur ein Honda-“Godzilla“-Film mit besseren Tricks ist. Aber ohne den dilletantisch-billigen Charme der Originale und ohne einen irgendwie erkennbaren politischen Subtext, der in Hondas Filmen immer erkennbar war.

Guillermo del Toros Film ist nur mäßig spannendes und mäßig unterhaltsame Blockbuster-Kino mit guten Tricks, echt wirkenden Sets, einem gerade so die Geschichte zusammenhaltendem Drehbuch und einer Parade sträflich unterforderter Schauspieler.

Pacific Rim - Plakat

Pacific Rim (Pacific Rim, USA 2013)

Regie: Guillermo del Toro

Drehbuch: Travis Beacham, Guillermo del Toro (nach einer Geschichte von Travis Beacham

mit Charlie Hunnam, Idris Elba, Rinko Kikuchi, Charlie Day, Burn Gorman, Max Martini, Robert Kazinsky, Clifton Collins Jr., Ron Perlman, Diego Klattenhoff

Länge: 131 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Pacific Rim“

Metacritic über „Pacific Rim“

Rotten Tomatoes über „Pacific Rim“

Wikipedia über „Pacific Rim“ 

Pacific Rim - Teaser

 

 


Horst Eckert über seinen neuen Thriller „Schwarzlicht“

Juli 19, 2013

Bis zur Veröffentlichung von „Schwarzlicht“, dem neuen Thriller von Horst Eckert, am 20. September (also ziemlich genau zur Bundestagswahl), dauert es noch einige Tage.

Aber die ersten Clips mit Horst Eckert zum Buch sind schon online:

Eine Lesereise gibt es auch.

Meine Besprechung gibt es zum Erscheinungstermin.

Darum geht es in „Schwarzlicht“:

Walter Castorp ist tot.

Der Ministerpräsident von NRW, ertrunken in seinem Swimmingpool. Sechs Tage vor der Wahl.

Vincent Veih leitet die Ermittlungen. Der Hauptkommissar ist gerade erst zum Leiter des KK11 ernannt worden. Nicht alle Kollegen sind davon begeistert. Auch seine Mutter nicht. Die Ex-Terroristin hat den Großteil ihres Lebens in Haft verbracht. Sein Großvater hingegen wäre stolz auf ihn gewesen – doch das ist eine andere Geschichte …

Als alle Spuren auf einen Mord deuten, gerät Vincent auch unter politischen Druck. Doch er ermittelt gegen alle Widerstände. Denn Gerechtigkeit geht Vincent über alles. Auch wenn es bedeutet, dass er sich seiner eigenen Vergangenheit stellen muss …

Horst Eckert: Schwarzlicht

Wunderlich, 2013

384 Seiten

19,95 Euro

 

 


Die Dagger 2013 – die ersten Gewinner und weitere Nominierungen

Juli 19, 2013

Die British Crime Writers’ Association (CWA) hat ihre ersten diesjährigen Daggers vergeben:

The CWA International Dagger (gemeinsam)

Alex, von Pierre Lemaitre, übersetzt von Frank Wynne (Quercus)

The Ghost Riders of Ordebec, von Fred Vargas, übersetzt von Siân Reynolds (Harvill Secker)

nominiert

The Missing File, von D.A. Mishani, übersetzt von Steven Cohen (Quercus)

Two Soldiers, von Anders Roslund and Börge Hellström, übersetzt von Kari Dickson (Quercus)

Death in Sardinia, von Marco Vichi, übersetzt von Stephen Sartarelli (Hodder & Stoughton)

The Collini Case, von Ferdinand von Schirach, übersetzt von Anthea Bell (Michael Joseph)

The CWA Non-Fiction Dagger

Midnight in Peking, von Paul French (Penguin Viking)

nominiert

The Boy in the River, von Richard Hoskins (Pan Macmillan)

Against a Tide of Evil, von Mukesh Kapila, mit Damien Lewis (Mainstream)

A Fine Day for a Hanging, von Carol Ann Lee (Mainstream)

Injustice, von Clive Stafford Smith (Random House)

Murder at Wrotham Hill, von Diana Souhami (Quercus)

The CWA Ellis Peters Historical Dagger

The Scent of Death, von Andrew Taylor (HarperCollins)

nominiert

The Heretics, von Rory Clements (John Murray)

Pilgrim Soul, von Gordon Ferris (Corvus)

The Paris Winter, von Imogen Robertson (Headline)

Dead Men and Broken Hearts, von Craig Russell (Quercus)

The Twelfth Department, von William Ryan (Mantle)

The CWA Short Story Dagger

Come Away with Me, von Stella Duffy (aus The Mammoth Book of Best British Crime, Volume 10, herausgegeben von Maxim Jakubowski; Constable)

nominiert

Method Murder, von Simon Brett (aus The Mammoth Book of Best British Crime, Volume 10)

Stairway C, von Piero Colaprico (aus Outsiders, herausgegeben von Ben Faccini; MacLehose Press)

The Case of Death and Honey, von Neil Gaiman (aus The Mammoth Book of Best British Crime, Volume 10)

Ferengi, von Carlo Lucarelli (aus Outsiders)

Lost and Found, von Zoë Sharp (aus Vengeance, herausgegeben von Lee Child; Corvus)

The CWA Dagger in the Library

Belinda Bauer

nominiert

Alison Bruce

Gordon Ferris

Christopher Fowler

Elly Griffiths

Michael Ridpath

The CWA Debut Dagger

Finn Clarke (UK), Call Time

nominiert

Aine Oomhnaill (Ireland), The Assassin’s Keeper

Sue Dawes (UK), TAG

Alex Sweeney (UK), Working in Unison

Marie Hannan-Mandel (USA), Lesson Plan for Murder

Ron Puckering (UK), Honour or Justice

David Evans (UK), Torment

Jayne Barnard (Canada), When the Bow Breaks

D.B. Carew (Canada), Fighting Darkness: The Killer Trail

Mike Craven (UK), Born in a Burial Gown

Emma Melville (UK), The Journeyman

Joanna Dodd (UK), A Cure for All Evils

Diamond Dagger

Lee Child

Außerdem wurden einige Longlists, die später zu Shortlists werden, veröffentlicht:

The CWA Gold Dagger

Rubbernecker, von Belinda Bauer (Bantam/Transworld)

The Shining Girls, von Lauren Beukes (HarperCollins)

Tequila Sunset, von Sam Hawken Serpent’s Tail)

Dead Lions, von Mick Herron (Soho Crime)

Rage Against the Dying, von Becky Masterman (Orion)

Breakdown, von Sara Paretsky (Hodder & Stoughton)

Say You’re Sorry, von Michael Robotham (Sphere)

The Kings of Cool, von Don Winslow (Heinemann)

The CWA Ian Fleming Steel Dagger

Ghostman, von Roger Hobbs (Transworld) (deutsche Ausgabe erscheint am 22. Juli bei Goldmann; Verfilmung geplant)

The Uninvited, von Liz Jensen (Bloomsbury)

The Necessary Death of Lewis Winter, von Malcolm Mackay (Pan Macmillan)

Ratlines, von Stuart Neville (Random House)

The Sentinel, von Mark Oldfield (Head of Zeus)

The Poison Tide, von Andrew Williams (John Murray)

Capital Punishment, von Robert Wilson (Orion)

The CWA John Creasey Dagger

Ghostman, von Roger Hobbs (Doubleday)

Something You Are, von Hanna Jameson (Head of Zeus)

The Necessary Death of Lewis Winter, von Malcolm Mackay (Mantle)

Rage Against the Dying, von Becky Masterman (Orion)

Norwegian von Night, von Derek B. Miller (Faber and Faber)

Shadow of the Rock, von Thomas Mogford (Bloomsbury)

The City of Shadows, von Michael Russell (Avon)

City of Blood, von M.D. Villiers (Harvill Secker).

(via The Rap Sheet)


TV-Tipp für den 19. Juli: Im inneren Kreis

Juli 19, 2013

3sat, 22.00

Im inneren Kreis (USA/D 2001, R.: Daniel Algrant)

Drehbuch: John Robin Baitz

Ein New Yorker Presseagent (Al Pacino) wird Zeuge eines Mordes und gerät in eine Intrige, die sein bisheriges Weltbild und den Glauben an das Gute im Menschen auf den Kopf stellt.

TV-Premiere eines starbesetzten Thrillers, der bei uns nur eine DVD-Premiere erlebte. Dabei sind die Kritiken gar nicht so schlecht: „Der von seinem guten Hauptdarsteller getragene Polit-Thriller erzählt die düstere Geschichte in verhaltenem Tempo und vielen Großaufnahmen, wobei er einem Kino im Stil der 1970er-Jahre verpflichtet ist.“ (Lexikon des internationalen Films)

Düsteres Drogendrama mit Thrilleransätzen, schwer erträglicher Atmosphäre, aber einem brillanten Pacino.“ (Lothar R. Just: Filmjahrbuch 2005)

ein angenehm ruhig erzähltes, atmosphärisch dichtes und hervorragend gespieltes Drama“ (Kai Mihm, epd-Film)

Die Musik ist von Jazzmusiker Terence Blanchard.

mit Al Pacino, Kim Basinger, Ryan O’Neal, Téa Leoni, Richard Schiff, Bill Nunn

Wiederholung: Samstag, 20. Juli, 03.10 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Metacritic über „Im inneren Kreis“

Rotten Tomatoes über „Im inneren Kreis“

Wikipedia über „Im inneren Kreis“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: „Only God Forgives“ – – – na immerhin einer

Juli 18, 2013

Das Team der grandiosen James-Sallis-Neo-Noir-Verfilmung „Drive“ – Regisseur Nicolas Winding Refn, Hauptdarsteller Ryan Gosling und Musiker Cliff Martinez – ist wieder zusammen und dieses Mal ist auch Kristin Scott Thomas dabei. Als Blondine und kaum erkennbar.

Kaum erkennbar ist auch die Geschichte. Sie kryptisch zu nennen, ist fast schon eine unverschämte Überhöhung. In Bangkok verdienen die Brüder Julian (Ryan Gosling) und Billy (Tom Burke) mit wahrscheinlich schmutzigen Geschäften ihr Geld – und stehen dabei noch unter der Fittiche ihrer Mutter Crystal (Kristin Scott Thomas als Cartoon-Sexy-Böse-Mutter), die aber erst zur Beerdigung von ihrem über alles geliebtem Sohn Billy nach Bangkok kommt. Billy hatte eine Prostituierte ermordet. Chang (Vithaya Pansringarm), ein im Film namenloser Polizist, stiftet den Vater und (oder?) Zuhälter der Toten an, Billy zu ermorden.

Danach entspinnt sich ein langatmiger Kampf zwischen Chang, der scheinbar jeden, der ihn stört, ermordet, und Julian, der seinen Bruder auf Befehl seiner Mutter, die ihn ständig herabsetzt, rächen soll.

Die meiste Zeit starren die Charaktere in Nicolas Winding Refns Film, der zu sehr die Antithese zu „Drive“ sein will, in gekonnt ausgeleuchteten Räumen nämlich Luftlöcher. Schnell wird deutlich, dass „Only God Forgives“ ungefähr so faszinierend wie das minutenlange, bewegungslose Anstarren von sich bedeutungsschwer gebenden, schön komponierten und schön anzusehenden Standbildern, unterlegt mit meditativ-einschläfernder Musik, ist.

Der Neunzigminüter ist eine Versuchsanordnung ohne irgendeine Dynamik, aber mit vielen Posen, die besser in einem Bildband oder einer Modefotostrecke zum Ausdruck kommen und „Only God Forgives“ zu einen der großen Enttäuschungen des Kinojahres macht.

Denn so ehrenwert und auf den ersten Blick erfreulich (Das war vor dem Filmgenuss.) es auch ist, dass das Team von „Drive“ nicht einfach die Erfolgsformel, dieses Mal mit etwas fernöstlicher Philosophie und Kampfkunst, wiederholt, so sehr muss man auch konstatieren, dass „Only God Forgives“ nur prätentiöser Quark mit einem Übermaß an Gewalt (die man meistens nicht sieht) ist, der verärgert und schnell tödlich langweilt.

Only God Forgives - Plakat

Only God Forgives (Only God Forgives, Frankreich/Dänemark 2013)

Regie: Nicolas Winding Refn

Drehbuch: Nicolas Winding Refn

mit Ryan Gosling, Kristin Scott Thomas, Vithaya Pansringarm, Tom Burke, Rhatha Phongam, Byron Gibson, Gordon Brown, Sahajak Boonthanakit, Joe Cummings

Länge: 90 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Film-Zeit über „Only God Forgives“

Metacritic über „Only God Forgives“

Rotten Tomatoes über „Only God Forgives“

Wikipedia über „Only God Forgives“

Meine Besprechung von Nicolas Winding Refns „Fear X“ (Fear X, USA 2003)

Meine Besprechung von Nicolas Winding Refns „Drive“ (Drive, USA 2011)


Erster Trailer für „Inside Wikileaks – Die fünfte Gewalt“ veröffentlicht

Juli 18, 2013

Alex Gibneys sehenswerter Wikileaks-Film „We steal Secrets“ läuft noch in den Kinos, da kündigt sich schon der erste Spielfilm über Wikileaks und die Geschichte von Julian Assange (Benedict Cumberbatch) und Daniel Domscheit-Berg (Daniel Brühl) an. Regie führte Bill Condon, das Drehbuch ist von Josh Singer.

Der Kinostart von „Inside Wikileaks – Die fünfte Gewalt“ ist am 31. Oktober. Der Trailer ist vor allem dunkel:


Neu im Kino/Filmkritik: Über das Feelgood-Roadmovie „Jackie – Wer braucht schon eine Mutter“

Juli 18, 2013

Sofie und Daan, zwei gegensätzliche, 33-jährige Zwillingsschwestern, könnten eigentlich mit ihren Eltern zufrieden sein. Denn sie haben richtige Traumeltern, die dummerweise homosexuell sind. Zweimal Papa, keinmal Mama. Ihre Mutter haben sie nie gekannt. Sie war damals nur eine Samenspenderin, die aus den USA kam und wieder dorthin verschwand.

Jetzt erhalten die Holländerinnen eine Nachricht aus New Mexico: ihre Mutter liegt in einem Krankenhaus und benötigt ihre Hilfe. Sie hat einen komplizierten Knochenbruch (ihr rechtes Bein ist komplett eingegipst) und sie soll vom Krankenhaus in das Reha-Zentrum am anderen Ende des Staates gebracht werden. Während Sofie das herzlich egal ist, immerhin ist sie der pragmatisch-realistische Teil der Geschwister, die auch erfolgreich im Job ist, ist die leicht spleenig-verträumte Daan begeistert. Endlich kann sie ihre Mutter kennen lernen.

In New Mexico entpuppt sich Jackie als arg schwierige Persönlichkeit. Eigenbrötlerisch, schweigsam, störrisch und, wenigstens bei den ersten Begegnungen eine unausstehliche Nervensäge, die jede Hilfe ablehnt, obwohl sie auf Hilfe angewiesen ist. Und sie weigert sich, in ein Flugzeug zu steigen.

Also lassen die beiden Schwestern sich breitschlagen, ihre Mutter in ihrem alten Trailer von dem einen Ende New Mexicos zum anderen zu fahren – und auf der Fahrt nähern die drei Frauen sich an, lernen voneinander und verändern sich.

Das ist mit vielen herrlich abgedrehten Episoden, wie dem Auftritt der Bikerinnen-Gang in der Wüste, einer ordentlichen Portion Alternative-Country-Musik und einer überflüssigen Pointe am Ende schön erzählt und unterhält als leichtgewichtiges, konventionelles Feelgood-Roadmovie auch kurzweilig.

Es ist auch schön, dass man Holly Hunter („Das Piano“, „Crash“, „Copykill“, „Arizona Junior“, „O Brother, Where Art Thou?“), die zuletzt die Hauptrolle in der TV-Serie „Saving Grace“ (noch nicht im deutschen TV gezeigt) hatte, mal wieder im Kino sieht und dann noch in einer so dankbaren Rolle als eigensinnige, auf ihre Unabhängigkeit bedachte Mutter, die immer ihren Kopf durchsetzen muss.

Jackie – Wer braucht schon eine Mutter“ ist ein Frauenfilm, der auch Männern gefallen kann, viel Americana hat, in der zweiten Hälfte immer musikalischer wird und im dritten Akt, wenn sie zu Jackies Familie fahren, mit dem Auftritt von Alternative-Country-Musiker Howe Gelb (Giant Sand) auch etwas für den Rockfan bietet.

Jackie - Plakat

Jackie – Wer braucht schon eine Mutter (Jackie, Niederlande/USA 2012)

Regie: Antoinette Beumer

Drehbuch: Marnie Blok, Karen van Holst Pellekaan

mit Carice van Houten, Jelka van Houten, Holly Hunter, Mary Woods, Howe Gelb (Yeah, der „Giant Sands“-Musiker), Chad E. Brown

Länge: 98 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Jackie“

Rotten Tomatoes über „Jackie“

Wikipedia über „Jackie“ (englisch, niederländisch)


TV-Tipp für den 18. Juli: Im Schatten

Juli 18, 2013

ZDFkultur, 20.15

Im Schatten (D 2010, R.: Thomas Arslan)

Drehbuch: Thomas Arslan

Profigangster Trojan, gerade aus dem Knast entlassen, plant gleich seinen nächsten Coup: einen Überfall auf einen Geldtransporter.

Ein guter Hardboiled-Gangsterfilm, der eindeutig vom französischen Kriminalfilm (Melville!) und den harten amerikanischen Krimis beeinflusst ist. So ist der Einfluss von Richard Starks Parker und seinen Epigonen Nolan (von Max Allan Collins) und Wyatt (von Garry Disher) unübersehbar.

Ein erfrischend undeutscher Kriminalfilm, den sich auch Genrejunkies ohne Fremdschäm-Anfälle ansehen können.

mit Mišel Matičević, Karoline Eichhorn, Uwe Bohm, Rainer Bock, Hanns Zischler, Peter Kurth, David Scheller

Wiederholung: Freitag, 19. Juli, 00.45 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Homepage zum Film

Film-Zeit über „Im Schatten“

taz: Interview mit Thomas Arslan über “Im Schatten” (6. Oktober 2010)

Film-Dienst: Interview mit Thomas Arslan über “Im Schatten”

Meine Besprechung von Thomas Arslans “Im Schatten”


Buchkritik & Filmkritik: „Paperboy“ – ein Roman von Pete Dexter, ein Film von Lee Daniels

Juli 17, 2013

Der Plot von „Paperboy“ klingt gut und hat sich schon in zahlreichen Büchern und Filmen bewährt: ein Fremder kommt in die Stadt und räumt auf. In Pete Dexters Roman kommen zwei Reporter in den sechziger Jahren in eine US-Kleinstadt, um den Mörder des Sheriffs zu finden. Denn sie glauben nicht, dass der zum Tode verurteilte Hillary Van Wetter der Mörder ist.

Auch die ersten Zeilen von Peter Dexters „Paperboy“ sind gut. In ihnen führt er pointiert seine Charaktere und die Konflikte ein. Thurmond Call, der ermordete Sheriff von Moat County, einem Flecken Land in den Sümpfen von Florida, war ein Mann, „der in Ausübung seines Amtes eine selbst für die Verhältnisse von Moat County unangemessen hohe Anzahl von Schwarzen umgebracht hatte“. Nachdem er einen Weißen zu Tode trampelte, wird er bestialisch ermordet und Hillary Van Wetter, ein Verwandter des Toten, einer seit Ewigkeiten in den Sümpfen lebenden Hinterwäldlersippe, wird zum Tode verurteilt.

Während er im Gefängnis sitzt, verliebt sich Charlotte Bless in ihn und will ihn freibekommen. Zwei Reporter der Miami Times, Ward James und Yardley Acheman, sollen mit ihrer Hilfe eine Reportage über ihn schreiben, die den damaligen Fall wieder aufrollt. Ward ist der eine Sohn des Herausgebers der örtlichen Tageszeitung. Jack ist sein zweiter Sohn und der Erzähler von „Paperboy“. Der Junge verdient, nachdem er kurz nach Studienbeginn wegen Vandalismus von der University of Florida exmatrikuliert wurde, sein Geld als Zeitungsausfahrer und dann als Fahrer von seinem Bruder und Yardley. Außerdem verliebt er sich in die Mittvierzigerin Charlotte, der Inbegriff eines „Heißen Fegers“, einer Frau, die Männer reihenweise den Kopf verdreht und immer den falschen Mann auswählt.

Sie beginnen den Fall aufzurollen und stoßen schnell auf einige Ungereimtheiten. Van Wetter scheint unschuldig im Gefängnis zu sitzen.

Aber der Krimiplot und das Aufdecken der kleinstädtischen Bigotterie steht nicht wirklich im Mittelpunkt von Pete Dexters mit dem Literary Award des PEN Center USA ausgezeichneten Romans.

Stattdessen geht es auch um das sexuelle Erwachen von Jack, der sich in Charlotte verliebt, die Beziehung zwischen den beiden Brüdern und zu ihrem Vater William Ward James und verschiedene kleinere Erlebnisse von Jack, die die Haupthandlung nicht voranbringen. Jedenfalls wenn man die Recherchen von Ward und Yardley als die Haupthandlung betrachtet und nicht das Leben von Ward (immerhin beginnt Dexter seinen Roman mit dem Satz „Mein Bruder Ward war einmal berühmt.“) oder die Entwicklungsgeschichte des Ich-Erzählers oder die Geschichte der Familie James. Sowieso ist der Ich-Erzähler eher ein passiver Beobachter der Recherchen als ein aktiver Teil. Wichtige Erkenntnisse erfährt er, und damit auch wir, sogar nur vom Hörensagen.

Und nach zwei Dritteln ist der Krimiplot ziemlich abgehandelt. Denn nachdem auf Seite 205 die beiden Journalisten ihre Recherche-Ergebnisse veröffentlichen, kommt Van Wetter frei – und anstatt jetzt im letzten Drittel des Romans den Krimiplot, den Dexter auch auf den vorherigen Seiten eher mitschleppte als energisch zu entwickeln, weiter voranzutreiben, lässt er ihn links liegen und erzählt zunehmend langatmig vor sich hin plätschernd von dem weiteren Leben der Hauptcharaktere. Dabei wird die Geschichte von Wards Berühmtheit durch den Artikel über Van Wetter, für den er sogar den Pulitzer-Preis erhielt, zunehmend beliebiger und langweiliger. Denn plötzlich geht es nur noch über gefühlt tausende von Seiten um die Befindlichkeiten von Jack, Ward und Yardley, aber es ist auch vollkommen unklar, welches Ende Pete Dexter ansteuert; also was er erzählen will.

Auch die Verfilmung von „Paperboy“ ist eine überraschend große Enttäuschung. Pete Dexter schrieb eine frühere Fassung des Drehbuchs. Regisseur Lee Daniels („Precious“) überarbeitete sie, so erzählt er im Bonusmaterial der DVD, und wahrscheinlich stammt die starke Betonung der Rassenkonflikte, die so im Buch nicht vorhanden ist, von ihm. Obwohl dieses Thema auch in Dexters Werk wichtig ist und dem Film eine durchaus interessante Dimension beifügt.

Indem sich stärker auf den Krimiplot konzentriert wird, unterscheidet die Filmgeschichte, die von der afroamerikanischen Haushälterin der Jansens erzählt wird, sich – zu ihrem Vorteil – kräftig vom Roman. Ebenso wird Jacks Verliebtheit in Charlotte Bless und sein damit verbundenes Coming-of-Age-Drama klarer herausgearbeitet. Es geht auch deutlicher um die damaligen Umbrüche, vulgo Rassenkonflikte, Alltagsrassismus, Homosexualität und Homophobie.

Die Besetzung, unter anderem Matthew McConaughey, Nicole Kidman, John Cusack, Scott Glenn und Ned Bellamy, ist hochkarätig und spielfreudig. Die unbekannteren Schauspieler Zac Efron und David Oyelowo, die als Jack Warden und Yardley Acheman wichtige Rollen spielen, sind ebenfalls gut. Aber sie alle werden von Nicole Kidman als Charlotte Bless und John Cusack als Hillary Van Wetter in den Schatten gestellt. Beide sind konträr zu ihrem Typ besetzt und sie werfen sich lustvoll in ihre Rollen. Sie spielen unsympathische Charaktere, die auch unsympathisch bleiben. So ist Hillary Van Wetter ein Arschloch vor dem Herrn, das sich in seiner Rolle gefällt und überhaupt nicht sympathisch sein will. Er ist einfach nur ein notgeiler, dummer, bauernschlauer Hinterwädler und ziemlich böse.

Die Locations, vor allem die Bilder aus den Sümpfen, gefallen und verleihen dem Film eine fiebrige Atmosphäre.

Aber all die Teile bleiben Splitter, die sich nie zu einem kohärentem Ganzen zusammenfügen. „Pete Dexters The Paperboy“ wird somit schnell zu einem zähen Drama irgendwo zwischen Coming-of-Age-Drama und Film Noir, das sich nie wirklich entscheiden kann, wessen Geschichte erzählt wird, weil Lee Daniels irgendwie alles erzählen will.

Letztendlich ist die Verfilmung – wie das Buch – eine große Enttäuschung. Nicht weil sie so schlecht ist, sondern weil sie so viel besser hätte sein können. Aber als Camp funktioniert der hysterisch-schwüle „The Paperboy“, mit etlichen abgedrehten Szenen (meistens mit Kidman und Cusack) prächtig.

Dexter - Paperboy

Pete Dexter: Paperboy

(übersetzt von Bernhard Robben)

Liebeskind, 2013

320 Seiten

19,80 Euro

Originalausgabe

The Paperboy

Random House, 1995

Verfilmung

The Paperboy - DVD-Cover

Pete Dexters The Paperboy (The Paperboy, USA 2012)

Regie: Lee Daniels

Drehbuch: Pete Dexter, Lee Daniels

mit Zac Efron, Matthew McConaughey, Nicole Kidman, John Cusack, Macy Gray, David Oyelowo, Scott Glenn, Ned Bellamy

DVD

Studiocanal

Bild: 2,35:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Making Of, Hinter den Kulissen, Interviews mit Cast und Crew, Trailer, Wendecover

Länge: 102 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Krimi-Couch über Pete Dexter

Englische Homepage zum Film

Film-Zeit über „The Paperboy“

Metacritic über „The Paperboy“

Rotten Tomatoes über „The Paperboy“

Wikipedia über Pete Dexter (deutsch, englisch) und „The Paperboy“ 


TV-Tipp für den 17. Juli: Hotte im Paradies

Juli 17, 2013

RBB, 23.00

Hotte im Paradies (D 2003, R.: Dominik Graf)

Drehbuch: Rolf Basedow

Der kleine Zuhälter Hotte träumt von einem besseren Leben. Mit seiner neuen Hure könnte es klappen.

Grandioser Film über einen Berliner Zuhälter

mit Misel Maticevic, Nadeshda Brennicke, Birge Schade, Stefanie Stappenbeck

Hinweise

Meine Besprechung von Dominik Grafs „Schläft ein Lied in allen Dingen“

Meine Besprechung der von Dominik Graf inszenierten TV-Serie  „Im Angesicht des Verbrechens“

Meine Besprechung von Johannes F. Sieverts Interviewbuch „Dominik Graf – Im Angesicht des Verbrechens: Fernseharbeit am Beispiel einer Serie“

Meine Besprechung von Chris Wahl/Jesko Jockenhövel/Marco Abel/Michael Wedel (Hrsg.) “Im Angesicht des Fernsehens – Der Filmemacher Dominik Graf”

Dominik Graf in der Kriminalakte

Und danach, um 00.55 Uhr: Miami Blues


Cover der Woche

Juli 15, 2013

Woolrich - Im Dunkel der Nacht


TV-Tipp für den 16. Juli: Sue – Eine Frau in New York

Juli 15, 2013

ZDFkultur, 21.45

Sue – Eine Frau in New York (USA 1997, R.: Amos Kollek)

Drehbuch: Amos Kollek

Musik: Chico Freeman

Nachdem sie ihren Job verliert, beginnt der unaufhaltsame Abstieg der Mittdreißigerin Sue. „Dennoch ist der Film nicht deprimierend, der ganz von der großartigen Anna Thomson bestimmt wird, die erwachsene Sexualität, gepaart mit Verletzlichkeit, spontaner Wärme und Mutterwitz (…), als faszinierende Charakterstudie einer Manhattanite präsentiert.“ (Fischer Film Almanach 1999)

Damals, im Kino, sah ich es genauso.

Auf der Berlinale erhielt „Sue“ den FIPRESCI Preis und den Preis der ökumenischen Jury.

Die einzige Spielfilmmusik von Jazzmusiker Chico Freeman.

mit Anna Thomson, Matthew Powers, Tahnee Welch, Tracee Ellis Ross

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Sue – Eine Frau in New York“

Wikipedia über „Sue – Eine Frau in New York“ (deutsch, englisch)

Ikonen-Magazin über „Sue – Eine Frau in New York“

Satt über „Sue – Eine Frau in New York“


DVD-Kritik: Klaus Kinski mordet im „Crawlspace – Killerhaus“

Juli 15, 2013

 

Sie haben noch nie etwas von David Schmoellers „Crawlspace – Killerhaus“ gehört? Dabei hat der Horrorfilm als einer der letzten Filmauftritte von Klaus Kinski (1926 – 1991) durchaus eine gewisse Bedeutung für seine Fans. Immerhin spielte er laut IMDB in 135 Filmen mit und wir kennen ihn alle als irren Killer aus den Edgar-Wallace-Filmen. Nach „Crawlspace“ spielte Kinski noch in fünf Filmen mit, unter anderem Werner Herzogs „Cobra Verde“.

Und diese Stellung als einer seiner letzten Filme ist dann auch das einzig bemerkenswerte an diesem billig in Italien gedrehtem Horrorfilm. Kinski spielt Dr. Karl Gunther, der die Zimmer in seinem großen, leicht altertümlichem Apartmenthaus nur an schöne, junge Frauen vermietet. Mit dem Hintergedanken, sie durch die Lüftungsschächte zu beobachten.

Außerdem hat er auf dem Dachboden ein Labor eingerichtet. Dort experimentiert er im Geiste seines Vaters, eines Nazi-Arztes, fröhlich vor sich hin an Tieren und hält in einem kleinen Käfig einen abgehungerten Menschen gefangen. Ebenfalls irgendwie zu Studienzwecken. Zur Entspannung sieht er sich Filme aus der guten alten Nazi-Zeit an.

Außerdem spielt er Russisch Roulette und bringt in unregelmäßigen Abständen die Mieterinnen um. Vor allem, wenn sie auf dem Dachboden herumschnüffeln.

Das könnte ewig so weitergehen, wenn nicht die Studentin Lori (Talia Balsam) sich unerwartet heftig gegen ihn wehren würde – und wir uns einige ungewöhnliche Mordmethoden und fotogen dekorierte Leichen ansehen könnten. Denn Dr. Gunther will anscheinend dieses Mal alle seine Wohnungen auf einen Schlag neu vermieten.

Crawlspace“ ist ein ziemlich lahmer Budenzauber ohne eine richtige Geschichte, einigen spekulativen Szenen und Klaus Kinski, der dieses Mal ziemlich introvertiert (man könnte auch sagen gelangweilt über den logikfreien Mist) vor sich hinspielt.

Wesentlich ausdruckstärker ist er im Bonusmaterial. Denn das 45-minütige „Making of“ ist der fast ungekürzte Mitschnitt eines Interviews, das Klaus Kinski während der Dreharbeiten Jay Miracle gab, der es mit einer vor Kinskis Augen verborgenen Kamera filmen musste, während der Star über das Drehgelände marschiert und einen einzigen langen, wild vor sich hin assoziierten Monolog auf Gott, die Welt und die eigene Genialität loslässt. Für Kinski-Fans ist das pures Gold.

Dann gibt es noch den selbstironischen Kurzfilm „Please Kill Mister Kinski“ von David Schmoeller, in dem er über die Dreharbeiten und seine Gefühle gegenüber Klaus Kinski, der seinem Ruf, schwierig zu sein, alle Ehre machte, erzählt. Die Bildqualität ist, wie bei dem Kinski-Interview, lausig. Die Tonqualität besser.

Crawlspace - DVD-Cover

Crawlspace – Killerhaus (Crawlspace, USA/Italien 1986)

Regie: David Schmoeller

Drehbuch: David Schmoeller

Musik: Pino Donaggio

mit Klaus Kinski, Talia Balsam, Barbara Whinnery, Carol Francis, Tané, Sally Brown, Kenneth Robert Shippy

auch bekannt als „Killerhaus – Horror der grausamen Art“ (Videotitel; einen Kinostart gab es nicht)

DVD

Ascot-Elite

Bild: 1.85:1 (16:9)

Ton: Deutsch (DTS 2.0 Mono/DD 2.0 Mono), Englisch (Dolby Digital 2.0 Mono)

Untertitel: –

Bonusmaterial: Making of, Featurette, TV-Spots, Originaltrailer, Please kill Mister Kinski (Kurzfilm), Wendecover

Länge: 78 Minuten

FSK: ab 18 Jahre

Hinweise

Homepage von David Schmoeller (seine informative Einleitung zur Präsentation des Films in Alamo)

Rotten Tomatoes über „Crawlspace“

Wikipedia über „Crawlspace“

 

 


Die Gewinner des Thriller Award 2013

Juli 15, 2013

Jetzt ist es amtlich: die Autorenvereinigung International Thriller Writers (ITW) hat am Wochenende die diesjährigen Thriller Awards an folgende Thriller verliehen:

Best Hardcover Novel

Spilled Blood, von Brian Freeman (SilverOak)

nominiert

The Trinity Game, von Sean Chercover (Thomas & Mercer)

The Survivor, von Gregg Hurwitz (St. Martin’s Press)

Catch Me, von Lisa Gardner (Dutton)

Defending Jacob, von William Landay (Delacorte Press)

Best First Novel

The 500, von Matthew Quirk (Reagan Arthur)

nominiert

Don’t Ever Get Old, von Daniel Friedman (Minotaur)

The Professionals, von Owen Laukkanen (Putnam)

The Expats, von Chris Pavone (Crown)

Black Fridays, von Michael Sears (Putnam)

Best Paperback Original Novel

Lake Country, von Sean Doolittle (Bantam)

nominiert

Pines, von Blake Crouch (Thomas & Mercer)

And She Was, von Alison Gaylin (Harper)

The Wicked Girls, von Alex Marwood (Penguin)

Night Blind, von Michael W. Sherer (Thomas & Mercer)

Best Short Story

Lost Things, von John Rector (Thomas & Mercer e-book)

nominiert

The Devil to Pay, von David Edgerley Gates (Alfred Hitchcock Mystery Magazine, April 2012)

The Street Ends at the Cemetery, von Clark Howard (Ellery Queen Mystery Magazine [EQMM], August 2012)

The Consumers, von Dennis Lehane (aus Mystery Writers of America Presents: Vengeance, herausgegeben von Lee Child; Mulholland Books)

The History Lesson, von Gordon McEachern (EQMM, Mai 2012)

Best Young Adult Novel

False Memory, von Dan Krokos (Hyperion)

nominiert

Don’t Turn Around, von Michelle Gagnon (HarperCollins)

If We Survive, von Andrew Klavan (Thomas Nelson)

Crusher, von Niall Leonard (Delacorte)

Dark Eyes, von William Richter (Razorbill)

Best E-Book Original Novel

Blind Faith, by C.J. Lyons (C.J. Lyons)

nominiert

Pandora’s Temple, von Jon Land (Open Road)

Huntress Moon, von Alexandra Sokoloff (Alexandra Sokoloff)

Dead End Deal, von Allen Wyler (Astor + Blue Editions)

Dead Wrong, von Allen Wyler (Astor + Blue Editions)

Thriller Master

Anne Rice

Literary Silver Bullet Award

Steve Berry

Corporate Silver Bullet Award

USO

Herzlichen Glückwunsch an alle Gewinner!

(via The Rap Sheet)

 

 


TV-Tipp für den 15. Juli: Der diskrete Charme der Bourgeoisie/Dieses obskure Objekt der Begierde

Juli 15, 2013

Arte, 20.15

Der diskrete Charme der Bourgoisie (Frankreich 1972, R.: Luis Buñuel)

Drehbuch: Luis Buñuel, Jean-Claude Carrière

Eine noble Abendgesellschaft will gemeinsam dinieren. Dummerweise geht immer etwas schief.

Luis Buñuel surrealistische Satire auf das genusssüchtige Großbürgertum erhielt unter anderem den Oscar als bester fremdsprachiger Film.

mit Fernando Rey, Paul Frankeur, Delphine Seyrig, Bulle Ogier, Stéphane Audran, Jean-Pierre Cassel, Julien Bertheau, Michel Piccoli

Wiederholung: Dienstag, 16. Juli, 14.05 Uhr

Hinweise

Arte über „Der diskrete Charme der Bourgeoisie“

Rotten Tomatoes über „Der diskrete Charme der Bourgeoisie“

Wikipedia über „Der diskrete Charme der Bourgeoisie“

Arte, 21.55

Dieses obskure Objekt der Begierde (Frankreich/Spanien, R.: Luis Buñuel)

Drehbuch: Luis Buñuel, Jean-Claude Carrière

LV: Pierre Louÿs: La femme et le pantin, 1898 (Das Weib und der Hampelmann; Dieses obskure Objekt der Begierde)

Luis Buñuels letzter Spielfilm: Ein vermögender, verwitweter, älterer Geschäftsmann verliebt sich in sein 18-jähriges Hausmädchen. Dummerweise weist sie seine plumpen Annäherungsversuche standhaft zurück.

Das Objekt der Begierde wird von Carole Bouquet (die kühle Intellektuelle) und Ángela Molina (die sinnliche Verführerin) gespielt. Durch die Aufspaltung der Rolle auf zwei Schauspielerinnen konnte Luis Buñuel auch optisch ihre verschiedenen Charakterzüge zeigen.

Ein würdiger letzter Film

mit Fernando Rey, Carole Bouquet, Ángela Molina, Julien Bertheau, André Weber

Hinweise

Arte über Luis Buñuel (eigentlich nur eine lieblose Ankündigung der Buñuel-Reihe)

Wikipedia über Luis Buñuel

Arte über „Dieses obskure Objekt der Begierde“

Rotten Tomatoes über „Dieses obskure Objekt der Begierde“

Wikipedia über „Dieses obskure Objekt der Begierde“


TV-Tipp für den 14. Juli: Die schwarze Windmühle

Juli 14, 2013

RBB, 23.00

Die schwarze Windmühle (GB 1974, R.: Don Siegel)

Drehbuch: Leigh Vance

LV: Clive Egleton: Seven days to a killing, 1973

Der Sohn des britischen Geheimagenten Tarrant wird entführt. Tarrants Vorgesetzten scheinen kein Interesse an einer Befreiung zu haben. Also kämpft Tarrant allein um das Leben seines Sohnes.

Ein Spätwerk von Don Siegel: ein harter, eiskalter Agententhriller, der seine Story konzentriert und ohne Mätzchen geradlinig erzählt.

„‘The black Windmill’ ist kein bedeutendes Werk in Siegel Karriere, aber etwas, das es heute kaum noch gibt: ein mit Konzentration und Originalität erzählter Genrefilm.“ (Marcus Stiglegger in Frank Arnold/Michael Esser, Hrsg.: Dirty Harry – Don Siegel und seine Filme, 2003)

Mit Michael Caine, Donald Pleasence, John Vernon, Delphine Seyrig

Hinweise

Wikipedia über Clive Egleton und über “Die schwarze Windmühle” (deutschenglisch)

Fantastic Fiction über Clive Egleton

Meine Besprechung von Don Siegels „Der Tod eines Killers“ (The Killers, USA 1964 – Ronald Reagans letzter Film)

Meine Besprechung von Don Siegels „Der letzte Scharfschütze“ (The Shootist, USA 1976 – John Waynes letzter Film)

Kriminalakte über Don Siegel

 


TV-Tipp für den 13. Juli: James Bond: Liebesgrüße aus Moskau

Juli 13, 2013

ZDF, 23.00

JAMES BOND: Liebesgrüße aus Moskau (GB 1963, R.: Terence Young)

Drehbuch: Richard Maibaum, Johanna Harwood

LV: Ian Fleming: From Russia with love, 1957 (Liebesgrüße aus Moskau)

James Bond soll ein Dechiffriergerät und eine in ihn verliebte Sekretärin aus der Sowjetunion schmuggeln. Aber er hat seine Rechnung ohne die bösen Russen gemacht.

Zweiter Auftritt von James Bond in einer harten, ziemlich realistischen Agenten-Story (im Verhältnis zu seinen späteren Auftritten).

mit Sean Connery, Lotte Lenya (Frau von Kurt Weill und hochgelobte Brecht-Interpretin), Robert Shaw (ein Autor und Shakespeare-Darsteller, der später den Weißen Hai jagen durfte), Daniela Bianchi (die, nun ja, auf Neudeutsch das Love-Interest von Bond war), Pedro Armendariz, Bernhard Lee, Lois Maxwell, Desmond Llewelyn

Wiederholung: ZDFneo, Montag, 15. Juli, 00.25 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „James Bond: Liebesgrüße aus Moskau“

Wikipedia über “James Bond: Liebesgrüße aus Moskau“ (deutsch, englisch)

Homepage von Ian Fleming

Meine Besprechung von Sebastian Faulks’ James-Bond-Roman „Der Tod ist nur der Anfang“ (Devil may care, 2008)

Meine Besprechung von Jeffery Deavers James-Bond-Roman “Carte Blanche” (Carte Blanche, 2011)

Meine Besprechung von Ian Flemings ersten drei James-Bond-Romanen “Casino Royale”, “Leben und sterben lassen” und “Moonraker”

Meine Besprechung des James-Bond-Films „Skyfall“ (Skyfall, GB/USA 2012)

James Bond in der Kriminalakte

Ian Fleming in der Kriminalakte

In neuer, ungekürzter Übersetzung ist Ian Flemings Roman jetzt wieder erhältlich. Als Teil der CrossCult-James-Bond-Gesamtausgabe.

Fleming - Liebesgruesse aus Moskau

Ian Fleming: Liebesgrüße aus Moskau

(übersetzt von Stephanie Pannen und Anika Klüver)

CrossCult, 2013

384 Seiten

12,80 Euro


Sam Mendes inszeniert den nächsten James-Bond-Film

Juli 12, 2013

In der Pressemitteilung von Sony Pictures steht auch, dass Daniel Craig wieder James Bond spielt (keine Neuigkeit), dass John Logan das Drehbuch schreibt (er war auch einer der „Skyfall“-Autoren) und dass der Film Ende Oktober 2015 (!) in die Kinos kommt:

Die Produzenten Michael G. Wilson und Barbara Broccoli, EON Productions; Gary Barber, Chairman & CEO, Metro-Goldwyn-Mayer; Michael Lynton, CEO, Sony Entertainment, Inc, und Amy Pascal, Co-Chairman of Sony Pictures Entertainment, gaben bekannt, dass Daniel Craig im 24. James Bond Film erneut als der legendäre britische Geheimagent zurückkehren wird, und dass auch Sam Mendes zurückkehren wird, um nach einem Drehbuch von John Logan Regie zu führen. Der Film wird in Großbritannien am 23. Oktober 2015 in die Kinos kommen
SKYFALL™, der 23. James Bond Film, hat weltweit 1,1 Milliarden Dollar eingespielt und in Großbritannien eine neue Bestmarke als der finanziell erfolgreichste Film aller Zeiten gesetzt.
Außerdem war SKYFALL™ der meistverkaufte Bond Film auf DVD/Blu-ray und der von Kritikern meistgelobte Film in der Geschichte der langlebigsten Film-Franchise der Welt.

Wilson und Broccoli kommentierten die Ankündigung wie folgt: „Nach dem außergewöhnlichen Erfolg von SKYFALL, sind wir begeistert, erneut mit Daniel Craig, Sam Mendes und John Logan zusammenarbeiten zu können.“

„Ich bin sehr froh, dass es mir die Produzenten ermöglicht haben, bei Bond 24 die Regie zu übernehmen, indem sie mir die Zeit gegeben haben, die ich brauche, um all meinen Verpflichtungen am Theater nachkommen zu können. Ich freue mich sehr darauf, die Zügel wieder in die Hand zu nehmen und zum zweiten Mal mit Daniel Craig, Michael G. Wilson und Barbara Broccoli zu arbeiten,“ sagte Mendes.

Barber fügte hinzu: „Wir sind begeistert, dass wir für das nächste großartige Bond-Abenteuer das außerordentliche Talent von Regisseur Sam Mendes erneut mit dem unseres Stars Daniel Craig bündeln können. Wie der phänomenale Erfolg unserer letzten Zusammenarbeit mit EON Productions und Sony unter Beweis gestellt hat, hat das unglaubliche Vermächtnis dieser 51 Jahre alten Franchise bis heute nichts von ihrer Anziehungskraft eingebüßt.“

Lynton und Pascal sagten: „Es ist ein Privileg, an den Bond-Filmen mitarbeiten zu dürfen. EON, John Logan und Sam Mendes haben einen herausragenden Nachfolger für SKYFALL ausgearbeitet, und wir, ebenso wie unsere Partner bei MGM, können es kaum abwarten, dieses neue Kapitel mit dem Publikum in aller Welt zu teilen.“


Neu im Kino/Filmkritik: Über Alex Gibneys Wikileaks-Dokumentation „We steal secrets: Die Wikileaks-Geschichte“

Juli 11, 2013

 

Die Geschichte von Wikileaks und Julian Assange kennen wir doch. Immerhin haben in den vergangenen Jahren genug Medien darüber berichtet und viele Menschen haben ihre Meinung über das Veröffentlichen von Staatsgeheimnissen geäußert.

Bradley Manning ist dagegen vergessen worden. Der Gefreite gab Wikileaks hunderttausende Geheimdokumente, unter anderem auch das bekannte 17-minütige Video „Collateral Murder“ über einen Militäreinsatz 2007 in Bagdad, bei dem auch zwei Reuters-Journalisten erschossen wurden. Er wurde Ende Mai 2010 verhaftet, verbrachte die folgenden Jahre teilweise in Isolationshaft und als Alex Gibney seine Dokumentation „We steal Secrets: Die Wikileaks-Geschichte“ im März 2013 beendete, wartete Manning immer noch auf seinen Prozess. Der begann am 3. Juni 2013 vor einem Kriegsgericht, aber die deutsche Presse berichtete kaum darüber.

Dass Gibney in seiner Dokumentation nicht nur dem vergessenen Whistleblower viel Zeit widmet, ist nicht die einzige Überraschung. Die andere ist, – falls man noch keinen Film von Gibney, wie die Oscar-nominierte Doku „Enron: The smartest Guys in the Room“ (2005) und die Oscar-prämierte Doku „Taxi zur Hölle“ (Taxi to the Dark Side, USA 2007), gesehen hat -, wie viele neue oder wenig bekannte Informationen er zusammengetragen hat, wen er alles interviewen konnte (Julian Assange verlangte für ein Interview eine Unsumme und Einfluss auf den Schnitt. Gibney lehnte dankend ab.) und wie er die Informationen strukturiert. Weitgehend folgt er dabei der Chronologie vom rasanten Aufstieg von Wikileaks, dem großen Erfolg mit der Veröffentlichung von US-Geheimdokumenten, der Diskussion über Transparenz und Staatsgeheimnisse und, nachdem die Vergewaltigungsvorwürfe gegen Julian Assange bekannt wurden, dem Abstieg der Plattform. Gleichzeitig erzählt er die Geschichte von Bradley Manning, der die Informationen für den großen medialen Erfolg von Wikileaks beschaffte und als Landesverräter wahrscheinlich einer langen Haftstrafe entgegenblickt. Es ist die Geschichte von zwei gegensätzlichen Charaktere und einer Idee.

Der Anfang der mit über zwei Stunden etwas lang geratenen Dokumentation liefert interessante Einblicke in das Leben und die Psyche von Julian Assange, dem paranoid-egomanischen Kopf von Wikileaks, und die Arbeitsweise und den Ethos von Wikileaks. In der Mitte erfahren wir viel über Bradley Manning, den jungen, homosexuellen Geheimdienst-Analytiker, der sein Geschlecht wechseln wollte und in der Militärbasis bei Bagdad ein mit sich selbst hadernder Außenseiter war, der nur im Internet einen Gesprächspartner fand, der ihn später an die Regierung verriet.

Am Ende beleuchtet Gibney dann die Vergewaltigungsvorwürfe gegen Assange und hier wird die Dokumentation zu einem länglichen er-sagte/sie-sagte, dem eben der dramaturgische Fokus, den der Film vorher hatte, fehlt. Denn dass Julian Assange die Vorwürfe als von den USA lancierte Sexfalle umstandslos in sein paranoides Weltbild einfügte und weltweit seine Anhänger für seine Interessen mobilisierte, wird schnell deutlich. Ebenso, dass Assange die Situation einfach hätte entschärfen können.

Er tat es nicht und sitzt seit Juni 2012 als Flüchtling in London in der Botschaft von Ecuador.

Das Gerichtsverfahren gegen Bradley Manning, den Whistleblower, dem eine lebenslange Gefängnisstrafe droht, läuft derzeit quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Die von Alex Gibney in seinem informativen und sehenswerten Film angesprochenen Fragen, wie Regierungen mit dem Verrat von Staatsgeheimnissen umgehen, wie viel Transparenz nötig ist und welchen Wert die Bürgerrechte künftig haben werden, werden uns noch weiter beschäftigen. Im Moment anhand der von Edward Snowden veröffentlichten Dokumente über die Überwachung des Internets durch amerikanische und britische Geheimdienste, von der die Bundesregierung nicht gewusst haben will.

We steal secrets - Plakat

We steal Secrets: Die Wikileaks-Geschichte (We steal Secrets: The Story of Wikileaks, USA 2013)

Regie: Alex Gibney

Drehbuch: Alex Gibney

mit Julian Assange, Adrian Lamo, Bradley Manning, James Ball, Michael Hayden, Timothy Douglas Webster, Smári McCarthy, Daniel Domscheit-Berg, Jihrleah Showman, Nick Davies, Mark Davis, James Ball

Länge: 130 Minuten

FSK: ?

Hinweise

Amerikanische Facebook-Seite zum Film

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Film-Zeit über „We steal Secrets: Die Wikileaks-Geschichte“

Metacritic über „We steal Secrets: Die Wikileaks-Geschichte“

Rotten Tomatoes über „We steal Secrets: Die Wikileaks-Geschichte“

Wikipedia über „We steal Secrets: Die Wikileaks-Geschichte“ (deutsch, englisch), Wikileaks (deutsch, englisch), Julian Assange (deutsch, englisch) und Bradley Manning (deutsch, englisch)

Homepage von Wikileaks