Uhrwerk Orange (A Clockwork Orange, Großbritannien 1971)
Regie: Stanley Kubrick
Drehbuch: Stanley Kubrick
LV: Anthony Burgess: A Clockwork Orange, 1962 (Uhrwerk Orange)
Der Halbstarke Alex terrorisiert mit seinen Freunden die Gegend. Nachdem er zu einer langen Haftstrafe verurteilt wird, ist er bereit an einem neuen Rehabilitationsprogramm teilzunehmen. Mit fatalen Folgen.
Als „Uhrwerk Orange“ 1971 in die Kinos kam, war er hochumstritten. Zwar sagte Kubrick, sein Film sei eine Verteidigung des freien Willens, aber Gewalt (wenn auch sehr stilisiert) und Beethoven oder „Singing in the Rain“ in einer Szene und der Verzicht auf eine eindeutige Position des Regisseurs im Film war dann für die meisten Kritiker doch zuviel.
Heute ist der stilisierte Alptraum als Meisterwerk der Filmgeschichte anerkannt – und der Roman schaffte es in die Time-Liste der 100 besten englischsprachigen Romane sein 1923.
Drehbuch: Michael Lloyd Green (nach einer Geschichte von Grant Sputore und Michael Lloyd Green)
Nach einem Krieg, der die Welt unbewohnbar machte, wird in einer hermetisch von der Außenwelt abgeriegelten Station ein Mädchen, „Tochter“ genannt, von einem Roboter, der sich „Mutter“ nennt, groß gezogen. Eines Tages steht eine verletzte Frau vor der Tür der Station. Sie behauptet, dass sie verfolgt werde. Wenn das stimmt, hat Mutter Tochter, die inzwischen ein Teenager ist, über die Außenwelt belogen.
In jeder Beziehung gut aussehender und zum Nachdenken anregender Science-Fiction-Film.
Barry Egan ist Unternehmer. Allerdings läuft sein Verkauf von Kitschartikeln eher schlecht. Seine sieben Schwestern erdrücken ihn mit ihrer Fürsorge. Ein Telefonsex-Anbieter versucht ihn zu erpressen. Und er selbst findet die Welt immer wieder etwas ver-rückt. Da wird in der Einfahrt zu seinem Garagengeschäft ein alte Harmonium abgestellt und er trifft die überaus liebenswerte Lena.
„Punch-Drunk Love“ ist ein wundervoll derangierter Film. Wie die Hauptfigur, die am amerikanischen Traum, der Realität, seiner Familie (sieben Schwestern!) und sich selbst verzweifelt ohne zu scheitern. Denn Paul Thomas Anderson erzählt gleichzeitig eine romantische Liebesgeschichte mit psychedelischen Einschüben.
mit Adam Sandler, Emily Watson, Philip Seymour Hoffman, Luis Gusmán, Mary Lynn Rajskub, Robert Smigel
Für ein eher windiges Inkassobüro sollen Mehdi und Hamid im Süden Marokkos Schulden eintreiben. Die Schuldner sind arme Schlucker, die kein Geld haben, niemals Geld hatten und nie Geld haben werden. Sie nahmen, wie sie Mehdi und Hamid wortreich erzählen, den Kredit für Ausgaben wie eine Hochzeit auf. Danach trafen sie einige Unglücke, teils selbstverschuldet, teils nicht, und sie konnten die Tilgungsraten nicht mehr bezahlen. Aber auch ohne diese Unglücke hätten sie die Raten nicht bezahlen können. Immer wieder verstecken die Schuldner sich vor den Geldeintreibern. Einige bieten ein abgehungertes Tier oder einen Teppich als Teilzahlung an. Es ist eine frustrierende Arbeit, die von den beiden Geldeintreibern mit stoischer Ruhe erledigt wird. Manchmal haben sie Mitleid für ihre Kunden. Entsprechend schlecht sehen ihre Zahlen in der Zentrale aus. Und entsprechend gefährdet ist ihre Weiterbeschäftigung.
In der zweiten Hälfte wechselt Regisseur, Drehbuchautor und Schauspieler Faouzi Bensaïdi (er spielt den Lebensmittelhändler) dann von einer absurden Komödie zu einer abstrakten Rachegeschichte, die nichts mehr von dem Humor und dem Erzähltempo der ersten Hälfte hat.
Der zweite Teil beginnt, als sie auf einen Verbrecher treffen, der an ein Motorrad gefesselten ist. Später kann er sich befreien. Er ist auf einer Rachemission. Zu dritt begeben sie sich auf eine Reise, die hauptsächlich aus langen unbewegten Aufnahmen von der Wüste, viel Schweigen und sehr wenigen länglichen Monologen besteht.
Faouzi Bensaïdis neuer Film „Déserts – Für eine Handvoll Dirham“ zerfällt klar in zwei vollkommen unterschiedliche Teile. Der erste Teil ist eine Zustandsbeschreibung eines dysfunktionalen Landes und eine Satire voller Comedy und Slapstick. Es passiert ständig etwas, auch wenn die beiden Geldeintreiber bei ihrer Arbeit keinen Schritt vorankommen. Schleichender Stillstand, der von allen stoisch ertragen wird.
Die zweite Hälfte ist ein vollkommen anderer Film. Bis auf den Schauplatz und Mehdi und Hamid, die hier nur noch als Platzhalter fungieren, hat dieser Teil nichts dem ersten Teil zu tun. Die Geschichte wird immer abstrakter. Es passiert immer weniger und es ist immer unklarer, ob es sich hier um reales Geschehen, einen Traum oder eine Art Purgatorium handelt. Aber klar ist der Stillstand, der diese Stunde zu einem Kampf gegen den Schlaf macht. Über Minuten passiert nichts, während die drei Männer in die Wüste starren. Wenn einer dann doch mal etwas sagt, ist es ein bestenfalls mäßig interessanter Monolog. Das ist nicht mehr Slow-Cinema, sondern Slow-Slow-Cinema.
Außerdem ist die Komödie mit über zwei Stunden Laufzeit mindestens eine halbe Stunde zu lang geraten.
Déserts – Für eine Handvoll Dirham (Déserts, Frankreich/Deutschland/Marokko/Belgien/Katar 2023)
The Boys from Brazil (The Boys from Brazil, USA/Großbritannien 1978)
Regie: Franklin J. Schaffner
Drehbuch: Kenneth Ross, Heywoud Gould
LV: Ira Levin: The Boys from Brazil, 1976 (Die Boys aus Brasilien; The Boys from Brazil – Geheimakte Viertes Reich)
Mengele klont im Dschungel massenhaft kleine Hitlers und möchte mit ihnen weltweit das „Vierte Reich“ ausrufen. Aber Nazi-Jäger Liebermann ist ihm auf der Fährte.
Absurder und immer noch sehr utopischer Politthriller mit Starbesetzung. Das Suchen und Entdecken bekannter Gesichter in etlichen Nebenrollen steigert das Filmvergnügen mit Freunden beträchtlich.
„Das Handlungskonzept an sich (…) ist vom Autor Gould gut ausgearbeitet, aber der widersprüchliche Schauspielstil von Olivier, der auf dem Auftreten des echten Nazi-Jägers Simon Wiesenthal basiert, und Peck, der in der Rolle des von seinem Ziel Besessenen eine ungewöhnlich zurückhaltende Darstellung zeigt, führen dazu, dass der Film zu einem faden Abenteuer in der Art von Boy’s Own verkommt.“ (Paul Hardy, Hrsg.: Die Science Fiction Filmenzyklopädie) Ähnlich ungnädig: „Ein Langweiler.“ (Ronald M. Hahn/Volker Jansen: Lexikon des Science Fiction Films)
Für die deutsche Kinoauswertung wurde der Film um fast zwanzig Minuten gekürzt und erst 1985, nach dem Bekanntwerden von Mengeles Tod, in die Kinos gebracht.
Der BR zeigt die ungekürzte zweistündige Fassung.
Mit Gregory Peck, Laurence Olivier, James Mason, Lilli Palmer, Uta Hagen, Steve Guttenberg, Bruno Ganz, Wolfgang Preiss, Sky Dumont, Georg Marischka
Aus diesen deutschsprachigen Kriminalromanen wird eine Shortlist erstellt und dann der Gewinner ausgewählt.
Die Jury besteht aus dem Buchhändler Mike Altwicker (Vorsitz), der Autorin Judith Merchant, der Journalistin Birgitt Schippers und der Literaturkritikerin Margarete von Schwarzkopf.
Der mit 3000 Euro dotierte Preis wird während der Crime Cologne verliehen. Das Krimifestival ist vom 20. bis 29. September in Köln.
Am späten Abend steigt eine junge Frau (Dakota Johnson), die in den Stabangaben nur „Girlie“ genannt wird, am John F. Kennedy Airport in das Taxi von Clark (Sean Penn). Er soll sie nach Manhattan zu ihrer Wohnung fahren. Während der Fahrt verwickelt er sie in ein Gespräch. Denn als langjähriger Taxifahrer weiß er alles über die Menschen. Er interpretiert jeden Blick auf ihr Smartphone, jedes Fingertippen und Stirnrunzeln. Er liest in ihr wie in einem offenem Buch und er gibt er schnell gute Ratschläge. Sie antwortet ihm und, wie das so geht, wenn zwei Fremde, die sich nie wieder begegnen werden, sich in einem Taxi, einem Zugabteil, einer Hotelbar begegnen, plaudern sie schnell auch sehr intime Details aus.
„Daddio – Eine Nacht in New York“ ist das Regiedebüt von Christy Hall. Sie inszenierte ihr Drehbuch, das 2017 auf der prestigeträchtigen Blacklist stand. Auf dieser Liste stehen jedes Jahr die besten Drehbücher, die in Hollywood herumgereicht werden und noch nicht verfilmt wurden. Einige der später entstandenen Verfilmungen sind richtig gut. Andere, so auch „Daddio“, zeigen Potential, sind aber letztendlich enttäuschend. Es ist offensichtlich, warum das Drehbuch damals nicht verfilmt wurde. Es fehlen einfach noch ein, zwei Überarbeitungen.
So ist „Daddio“ ein verfilmtes Zwei-Personen-Theaterstück, in dem kein Satz echt klingt. Es sind immer Theaterdialoge, die pflichtschuldig die üblichen Themen zwischen Männern und Frauen und den Zustand von Beziehungen, mehr Prä-Weinstein als Post-Weinstein, in der erwartbaren Art und Weise abhandeln. Dabei zeigt Clark im Rahmen aktueller Diskurse über Geschlechterbeziehungen ein unangenehm übergriffiges Verhalten. Er gehört zu den Männern, die ungefragt ihre Meinung sagen und die ihre Weisheiten für die größten Weisheiten auf dem Planeten halten.
Da sehe ich mir lieber noch einmal Jim Jarmuschs äußerst witzigen Taxifilm „Night on Earth“ an.
Daddio – Eine Nacht in New York (Daddio, USA 2023)
2018 war John Krasinskis Science-Fiction-Film „A quiet Place“ ein Überraschungserfolg. Er erzählte von einer Familie, die nördlich von New York auf einer einsam gelegenen Farm lebt. Seit über einem Jahr schweigen sie, weil Alien-Monster die Erde angegriffen haben und sich auf alles stürzen, was Geräusche verursacht.
Diese Idee ist faszinierend und gut für etliche Suspense-Szenen. Aber sie ist auch, wenn man darüber nachdenkt, vollkommen idiotisch.
Nachdem der Film mit einem Budget von 17 Millionen US-Dollar über 340 Millionen US-Dollar einspielte, war eine Fortsetzung unvermeidlich. Die kam 2020 bzw. 2021 – wegen der Coronavirus-Pandemie verschob sich der geplante Starttermin – und sie spielte gut 300 Millionen US-Dollar ein. In dem Science-Fiction-Film gibt es eine Rückblende auf den ersten Tag der Alien-Invation in der Kleinstadt Millbrook. Gleichzeitig und hauptsächlich erzählt Krasinski die Geschichte des ersten Films weiter. Für nächstes Jahr ist der dritte und (bis jetzt) abschließende Teil angekündigt.
Dazwischen läuft jetzt „A quiet Place: Tag Eins“ an. In ihm erzählt „Pig“-Regisseur Michael Sarnoski, der auch das Drehbuch schrieb, eine Geschichte vom Anfang der Alien-Invasion.
Die konstant schlechtgelaunte Dichterin Samira (Lupita Nyong’o) hat Krebs im Endstadium. Einen Partner oder eine Familie scheint sie nicht zu haben. Jedenfalls spielen sie in dem Film keine Rolle. An einem sonnigen Tag macht sie zusammen mit anderen, ebenfalls in dem Hospiz lebenden Krebspatienten einen Ausflug nach Manhattan. In Chinatown besuchen sie in einem Theater die Nachmittagsvorstellung eines Puppenspielers. Danach wollen sie noch Pizza essen gehen. Dieses Vorhaben wird von dem Angriff der Aliens sabotiert. Die Wesen stürzen sich auf alles, was Geräusche verursacht und schwuppdiwupp ist New York eine fast menschenleere Stadt. Die letzten Überlebenden sollen zum Hafen gehen und von dort mit einem Schiff evakuiert werden. Anscheinend sind die Monster extrem wasserscheu.
Mit ihrer Katze Frodo geht Samira in die andere Richtung. Sie will nach Harlem und in ihrer Stammpizzeria noch einmal Pizza essen. Auf ihrem Weg trifft sie einige Menschen, wie Henri (Djimon Hounsou, der auch in „A quiet Place 2“ dabei ist). Der aus Großbritannien kommende Jura-Studenten Eric (Joseph Quinn) wird dabei ihr treuester Begleiter. Nachdem er aus einer überfluteten Subwaystation auftaucht und keine Ahnung hat, was passiert ist und wie er sich verhalten soll, ist Samira die erste Person, die er trifft. Er folgt ihr wie ein streunender Hund, der endlich eine Person gefunden hat, der er vertrauen kann.
„A quiet Place: Tag Eins“ ist ein zwiespältiger Film. Die Prämisse – Monster stürzen sich auf alles, was Geräusche verursacht – ist inzwischen etabliert. Jetzt können in dieser Welt weitere Geschichten erzählt werden. Mal stehen diese, mal jene Menschen im Mittelpunkt der Geschichte. Einige Figuren überleben, andere nicht. Und das kann auch auf die Hauptfigur zutreffen. Sie wird ja nicht unbedingt für den nächsten Film gebraucht. Die Geschichte kann hier oder da spielen. Schließlich wurde die gesamte Welt angegriffen und so können überall „A quiet Place“-Geschichten spielen. Und die Geschichten können zu jedem Zeitpunkt nach der Invasion spielen. Dieses Konzept kann zu langlebigen Reihen führen.
Comicfans erinnern sich vielleicht an Garth Ennis‘ „Crossed“. Ennis schrieb eine Geschichte über eine Gruppe Menschen in einer Welt nach einer Zombieapokalypse. Danach erzählten andere Autoren weitere, in dieser Welt spielende, großartige Geschichten. Ennis einzige Bedingung war, dass die von ihm erfundenen menschlichen Figuren nicht wieder auftauchten.
Ähnlich ist es in dem von James DeMonaco erfundenem „The Purge“-Franchise. Nachdem die Prämisse etabliert war – in einer Nacht sind alle Straftaten erlaubt -, erzählten die Macher Geschichte aus verschiedenen „Purge“-Nächten. Dabei sparten sie nie mit ätzender Zeitkritik. In jedem „The Purge“-Film wurden andere Aspekte aus dieser Welt angesprochen und die Geschichte der Purge entwickelte sich weiter.
Dagegen ist „Tag Eins“, obwohl es sich erst um den dritten Film im „A quiet Place“-Franchise handelt, schon erstaunlich repetitiv. Gezeigt wird weniger eine Fortentwicklung dieser sehr, sehr leisen Welt, sondern eine Wiederholung des Bekannten und des damit verbundenen immergleichen Spannungsaufbaus. Zuerst ist alles still. Dann gibt es ein Geräusch. Die Monster tauchen auf. Die Menschen flüchten. Meistens sterben sie, seltener können sie entkommen.
In „Tag Eins“ erzählt Michael Sarnoski mit einer anderen Hauptfigur und an einem anderen Ort einfach noch einmal die bekannte Geschichte. Das ist in den zahlreichen Suspense-Szenen spannend. Der Handlungsort, das menschenleere New York, sieht gruselig aus. Die Hauptstory – Samira will eine Pizza – wird ohne Abschweifungen erzählt. Dass sie auf ihrem Weg zur Pizzeria einigen Menschen hilft, stört nicht weiter.
Gleichzeitig werden die Schwächen des Konzepts immer offensichtlicher. Es gibt keinen Spielraum für Variationen, weil es nur um die Spannung geht, wann es ein Geräush gibt, das zu einem Alienangriff führt. Also verstößt man immer wieder nonchalant gegen die aufgestellten Regeln. So reagieren die Monster mehrmals auf leisere Geräusche, die im Lärm unhörbar sind oder sie reagieren auf laute Geräusche nicht, aber Sekunden später auf ein viel leiseres Geräusch. Mal haben sie panische Angst vor Wasser, mal nicht. Die Monster sind hier nur noch die immer wieder plötzlich zuschlagende Bedrohung. Mehr erfahren wir nicht über sie. Über die Menschen erfahren wir auch nicht mehr. Ihre Funktion für die Handlung besteht weitestgehend darin, Monsterfutter zu sein.
Wenn man die Prämisse akzeptiert und nicht über Logiklöcher nachdenkt, wird man im Kino spannende, ziemlich stille hundert Minuten mit sehr schweigsamen Menschen erleben.
A quiet Place: Tag Eins (A quiet Place: Day One, USA 2024)
Regie: Michael Sarnoski
Drehbuch: Michael Sarnoski (nach einer Geschichte von John Krasinski und Michael Sarnoski, basierend auf von Bryan Woods und Scott Beck erfundenen Figuren)
mit Lupita Nyong’o, Joseph Quinn, Alex Wolff, Djimon Hounsou
Warten auf Bojangles(En attendant Bojangles, Frankreich 2021)
Regie: Régis Roinsard
Drehbuch: Romain Compingt, Régis Roinsard
LV: Olivier Bourdeaut: En attendant Bojangles, 2016 (Warten auf Bojangles)
1958 begegnen sich an der Riviera auf einer High-Society-Party der charmante Hochstapler Georges und die lebenslustige Camille. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Sie heiraten, bekommen ein Kind und Georges muss feststellen, dass Camilly psychisch ernsthaft krank ist.
TV-Premiere zu nachmitternächtlicher Stunde. Und mit dem Beginn des Abspanns geht die Sonne auf.
In der ersten Hälfte eine poppige Feelgood-Komödie, in der zweiten ein zunehmend düsteres Drama mit zwei zunehmend problematischen Hauptfiguren. Ein gut gespielter, gut inszenierter, aber auch sehr zwiespältiger Film.
Das neue Werk von Noir-Comicautor Ed Brubaker ist ein ganz altes Werk. Es erschien im Original bereits 2001 und spielt in der von Neil Gaiman erfundenem „The Sandman“-Welt. Dort hatten die Dead Boy Detectives Edwin Paine und Charles Rowland ihren ersten Auftritt. Sie sind Geister, die als Jungs starben und sich weigerten, dem Tod ins Jenseits zu folgen.
Seitdem sind sie in unserer Welt für andere Geister und einige wenige Menschen sichtbar. Für alle anderen sind sie unsichtbar. Das wird in der von Ed Brubaker erfundenen Geschichte zu einem kleinen Running Gag; wobei ich immer wieder den Eindruck hatte, dass sie mal mehr, mal weniger sichtbar waren und als Geister in unserer Welt mal mehr, mal weniger tun konnten. Halt so, wie es gerade in die Geschichte passt. Den Spaß an der Geschichte mindert es nicht. Die beiden Jungs sind große Fans von Sam Spade und Sherlock Holmes. Durch lange Tage in Kinos und Bibliotheken haben sie sich das nötige Wissen über die Arbeit eines Detektivs erworben. Das wollen sie in der von ihnen gegründeten Detektei praktisch anwenden.
Ihren ersten Auftrag in ihrem neuen Büro, einem Baumhaus, erhalten sie von der jungen Ausreißerin Marcia. Seit einiger Zeit verschwinden ihre ebenfalls auf der Straße lebenden gleichaltrigen Freunde spurlos. Kurz darauf tauchen sie wieder auf. Tot. Ihre Leichen sehen aus, als seien sie innerhalb weniger Stunden um Jahrhunderte gealtert und vollkommen ausgetrocknet. Ihr Verschwinden könnte etwas mit der Geisterwelt, magischen oder okkulten Ritualen zu tun haben.
Auf ihrer Suche begegnen die beiden Jungdetektive Francisco Marquez, dem Marquis de Marquez, und vielen anderen zwischen den Welten lebenden Wesen. Edwin und Charles sind noch sehr unerfahren und wissen wenig über die Geisterwelt. Entsprechend dankbar und oft auch leichtgläubig nehmen sie jede Hilfe, die ihnen angeboten wird, an.
Marquez erzählt ihnen eine abenteuerliche Geschichte über den Täter. Dieser ist Gilles de Rais, der im 15. Jahrhundert lebte, erkannte, dass er nicht sterben möchte und sich seitdem von dem Blut von Kindern ernährt. Das wäre eine Erklärung für das spurlose Verschwinden der vielen Kinder und den Zustand ihrer Leichen. Nur wo versteckt sich de Rais und wie sieht er aus?
„Das Geheimnis der Unsterblichkeit“ ist ein flott erzählter Jugendkrimi mit humoristischem Unterton. Für Erwachsene sind die Wendungen ziemlich vorhersehbar. Brubaker garniert die Geschichte mit einigen literarischen Anspielungen. Bryan Talbot zeichnete sie detailreich. Das ist, durchaus sympathisch, irgendwo zwischen den „drei ???“ und den Hardy Boys, die inzwischen zu einer Streamingserie wurden. Und damit wären wir bei dem Grund für die jetzt erfolgte deutsche Veröffentlichung von „Das Geheimnis der Unsterblichkeit“. Nach der „Sandman“-Netflix-Serie und einem Auftritt der beiden Geisterdetektive in einer Folge der Serie „Doom Patrol“ haben die Dead Boy Detectives jetzt eine eigene Netflix-Serie bekommen. Seit Ende April kann sie dort angesehen werden. Und sie soll gut sein.
Für Menschen, die Ed Brubaker wegen seiner Noir- und Hardboiled-Geschichten lieben, ist „Sandman – Dead Boy Detectives: Das Geheimnis der Unsterblichkeit“ keine essenzielle Lektüre. Für Fans des „Sandman“-Universums sieht das anders aus. Für sie und für Menschen, die einen Retro-Jugendkrimi lesen wollen, in dem der Fall nicht mit Smartphones und Computern, sondern mit Witz und Magie gelöst wird, sieht das anders aus. Denen dürfte die eher kurze Geschichte, in der am Ende auch das Geheimnis der Unsterblichkeit gelüftet wird, ausnehmend gut gefallen.
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Ed Brubaker/Bryan Talbot/Steve Leialoha: Sandman – Dead Boy Detectives: Das Geheimnis der Unsterblichkeit
(übersetzt von Bernd Kronsbein)
Panini Comics, 2024
108 Seiten
14 Euro
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Originalausgabe
The Sandman presents: The Dead Boy Detectives # 1 – 4
Los Angeles, 1937: Evelyn Mulwray beauftragt Privatdetektiv Jake Gittes, das Verschwinden ihres Mannes, dem Chef der Wasserwerke, aufzuklären. Schnell gerät der kleine Detektiv in eine Verschwörung, die er nie ganz durchschaut.
Sozusagen die Essenz der Schwarzen Serie. Georg Seeßlen hält „Chinatown“ für den definitiven private eye-Film der siebziger Jahre.
„Heute“ vor fünfzig Jahren lief der Klassiker in den Kinos an. In den USA startete er am 17. Juni 1974. In Deutschland am 19. Dezember 1974 und pünktlich zu diesem Jubiläum wurde in den vergangenen Tagen in etlichen Artikeln auf die Bedeutung des Noirs hingewiesen.
Die Originale könnten im Rahmen einer kleinen Serie über die Schwarze Serie auch mal wieder gezeigt werden.
Mit Jack Nicholson, Faye Dunaway, John Huston, Perry Lopez, John Hillerman, Diane Ladd, Roman Polanski, Bruce Glover, James Hong, Burt Young
Schon vor zwei Jahren, als „City on Fire“ erschien, sagte Don Winslow, dass die Trilogie um Danny Ryan seine letzten Romane seien. Er höre mit dem Schreiben auf, um als politischer Aktivist den Trumpismus zu bekämpfen. „City in Ruins“, der fulminante Abschluss der Trilogie, ist somit sein letztes Buch.
Der Thriller beginnt sechs Jahre nach „City of Dreams“, dem zweiten Band der Trilogie. In dem Roman flüchteten Danny Ryan und seine verbrecherischen, ebenfalls zur irischen Mafia von Providence, Rhode Island, gehörenden Freunde quer durch die USA. Nach den Ereignissen aus „City on Fire“ mussten sie ihre Heimat verlassen. Die italienische Mafia, die Polizei, das FBI und andere Gangster wollten sie aus verschiedenen Gründen tot sehen. Und die große, spurlos verschwundene Heroinlieferung haben.
Am Ende von „City of Dreams“ hatten die Mafiosi an verschiedenen Orten in den USA einen mehr oder weniger sicheren Unterschlupf gefunden. Sie begannen, entgegen ihres Lebensplans, ein bürgerliches Leben.
1997 lebt Danny in Las Vegas. Er ist alleinerziehender Vater, Multimillionär und offiziell Geschäftsführer der in Las Vegas erfolgreich mehrere Casinos betreibenden Tara Group. In Wirklichkeit ist er, gegen die Glücksspielgesetze verstoßend, Teilhaber. Er will weiter expandieren und ein neues Hotel mit noch nie gesehenen Attraktionen bauen. Im Alltagsgeschäft konzentriert er sich in seinen Casinos nicht auf das Glücksspiel, sondern auf Familien-Entertainment und eine Rundum-Versorgung der Gäste, die wieder kommen sollen. Verbrechen, illegale Geschäfte und Verflechtungen mit der Mafia werden in diesen Jahren in Las Vegas unwichtiger. Dannys Las Vegas ist das Las Vegas, das in Martin Scorseses „Casino“ für den Mafiosi Sam „Ace“ Rothstein (Robert de Niro) am Ende des Films der Alptraum, der Untergang seiner Welt, ist.
Don Winslow beschreibt in kurzen Kapiteln, wie Danny versucht, seine Pläne zu verwirklichen und er dabei in immer größere Schwierigkeiten gerät. Obwohl Konkurrenten jetzt primär mit legalen Mitteln bekämpft werden, stapeln sich die Leichen.
Neben Dannys Geschichte erzählt Winslow auch weiter über das Leben der anderen aus „City on Fire“ bekannten Figuren; – solange sie nicht verstorben sind. Sie sind älter, aber ihre damaligen Taten als Kriminelle beeinflussen immer noch ihr Leben.
Für Spannung ist also gesorgt. Und während „City of Dreams“ ohne Kenntnis des ersten Bands kaum verständlich war, kann „City in Ruins“ auch vollkommen separat gelesen werden. Winslow versorgt die Leser mit den nötigen Informationen. Trotzdem ist eine chronologische Lektüre der gesamten Trilogie besser und befriedigender.
Winslows in Las Vegas spielender faktengesättigter Thriller ist der fulminante Abgesang auf das Ende einer Ära. Danach war die traditionelle, aus zahlreichen Romanen und Filmen bekannte Mafia tot. Gleichzeitig zeigt Winslow in seinem zwischen 1986 und 1998 spielendem Epos (mit einem kurzen 2023 spielendem Epilog) wie das Leben weitergeht und wie sich Einstellungen und Lebensstile verändern. Dabei stellt Winslow auf jeder Seite des dritten Bandes der Trilogie die Frage, wie sehr jeder für seine Sünden büßen muss, ob Erlösung möglich ist und wie Zufälle Leben bestimmen.
„City in Ruins ist ein grandioser Abschluss einer überzeugenden Trilogie und ein verdammt gelungener Kriminalroman, der die Regeln des Genres gleichzeitig befolgt und dehnt. Trotzdem ist „City in Ruins“ für mich kein „Roman“, sondern ein waschechter Krimi, ein Thriller und Pageturner, der den Leser mit der ersten Seite packt und knapp 450 Seiten später wieder entlässt.
Das ergibt, wenig überraschend, eine unbedingte Leseempfehlung.
Don Winslow im Maschinenhaus der Kulturbrauerei, Berlin, 26. Mai 2022 (Foto: Axel Bussmer)
Ob „City in Ruins“ wirklich Don Winslows letzter Roman ist? Das wissen wir erst in einigen Jahren. Im Moment ist für ihn das Verhindern einer zweiten Trump-Präsidentschaft wichtiger. Möge er erfolgreich sein.
Für alle, die erst jetzt Don Winslow entdecken, bricht dennoch eine tolle Zeit an. Denn sie können in den kommenden Monaten alle seine vorherigen Werke entdecken. Auch sein schlechtester Roman ist immer noch verdammt gut. Ein guter Einstieg ist „Tage der Toten“ (The Power of the Dog), seine umfangreiche, faktengesättigte Chronik des ‚war on drugs‘ und sein Durchbruch beim großen Publikum. Wem der Roman zu lang ist, kann mit einem seiner in Florida spielenden Romane beginnen. Sie sind alle sehr gut, wurden mit vielen wichtigen Krimipreisen ausgezeichnet und sie begründeten unter Krimifans seinen exzellenten Ruf. Und dann gibt es noch die Neal-Carey-Serie. Diese fünf Privatdetektiv-Krimis, die gleichzeitig seine ersten Krimis sind, sind witziger und absurder als seine später geschriebenen Romane. Sie sind gelungene Mischungen aus pulpigen Abenteuergeschichten und Krimikomödien.
Die anderen können natürlich noch einmal die Bücher von Don Winslow lesen. Oder sie werfen einen Blick auf die Werke der Autoren, die Don Winslow in seiner Danksagung als die Kollegen nennt, die ihm halfen und mit denen er freundschaftlich verbunden ist. Es sind: „Michael Connelly, Robert Parker, Elmore Leonard, Lawrence Block James Ellroy, T. Jefferson Parker, Adrian McKinty, Steve Hamilton, Lee Child, Lou Berney, Anthony Bourdain, Ian Rankin, John Katzenbach, John Sandford, Joseph Wambaugh, Gregg Hurwitz, David Corbett, TJ Newman, Mark Rubenstein, Jon Land, Richard Ford, Pico Iyer, Meg Gardiner, Dervla McTiernan, Reed Farrel Coleman, Ken Bruen, Jake Tapper, John Grisham, David Baldacci und so viele andere. (…) Mein besonderer Dank gilt natürlich dem großen Stephen King. Wie freundlich, gütig und großzügig du zu mir warst.“
Auch wenn gestandene Krimifans die meisten der hier genannten Autoren bereits seit einigen Jahren kennen sollten, kann die Danksagung mühelos als Post-Don-Winslow-Leseliste gelesen werden.
Der Smaragdwald(The emerald forest, Großbritannien 1985)
Regie: John Boorman
Drehbuch: Rospo Pallenberg
Während der Vater Bill Markham als Ingenieur ein Staudammprojekt im Amazonas überwacht, verschwindet sein siebenjähriger Sohn Tommy spurlos. Bill Markham sucht ihn und als er ihn nach einer zehnjährige Suche bei einem zurückgezogen lebendem Indiostamm findet, erlebt er eine Überraschung.
Man kann „Der Smaragdwald“ als geglückte und sehr eigenständige Variante von John Fords „Der schwarze Falke“ (mit John Wayne) sehen, oder einfach als ein bildgewaltiges, von einem wahren Fall von 1972 inspiriertes Ökoabenteuer. Während der Dreharbeiten erfuhr Boorman von weiteren ähnlichen Fällen.
In jedem Fall ist „Der Smaragdwald“ ein weiterer lohnenswerter Film von Regisseur John Boorman („Point Blank“, „Beim Sterben ist jeder der erste“, „Der General“, „Der Schneider von Panama“). Es ist ein vor Ort gedrehtes, facettenreiches Plädoyer für den Schutz des Regenwaldes und die Rechte der Ureinwohner.
„Ein meisterhafter Abenteuerfilm von mitreisender Schönheit ist dabei entstanden – als geglückte Mischung aus Fantasy- und Actionelementen, aus Mythologie und Anthropologie -, der sich nie in einer idyllisch-heilen Scheinwelt verliert, sondern beiläufig und unaufdringlich an die Gefährdung des Dschungels und seiner Bewohner durch Technik und Zivilisation gemahnt.“ (Fischer Film Almanach 1986)
Danach geht’s cineastisch gelungen weiter: um 22.05 Uhr kommt Samuel Fullers auf eigenen Erlebnissen basierender Kriegsfilm „The Big Red One – Die unbesiebare Erste“ (USA 1978 – leider nur in der 110-minütigen Kinofassung; es gibt eine um 47 Minuten längere rekonstruierte und gelungenere Fassung; – wenn Arte diese Fassung zeigen würde, wäre Fullers Film mein heutiger Tagestipp) und um 23.55 Uhr Paul Wegener/Carl Boeses Horror-Stummfilmklassiker „Der Golem, wie er in die Welt kam“ (Deutschland 1920). Arte zeigt wahrscheinlich die 2002 vom Filmmuseum München restaurierte und viragierte Fassung des Film. Die Musik ist eine 2023 von Burkhard Götze für Orchester bearbeitete und eingespielte Aufnahme der lange verschollenen Originalpartitur von Hans Landsberger.
mit Powers Boothe, Meg Foster, Charley Boorman, William Rodriguez, Yara Vaneau, Estee Chandler, Dira Paes, Rui Polonah, Maria Helena Velasco, Tetchie Agbayani, Claudio Moreno
Wer die Spiele der deutschen Mannschaft doof fndet und auf „Das Traumschiff“ in Marokko (legt um 20.15 Uhr im ZDF an) verzichten kann, darf staunen über
2008/2009 brechen in Hollywood einige reiche und verwöhnte Jugendliche in die Häuser von Prominenten ein. Sie bestaunen die Einrichtung, klauen Schmuck und Kleider und geben anschließend auf Facebook und vor ihren Klassenkameraden mit ihren Einbrüchen. Denn: was soll schon passieren?
Köstliche Sozialstudie, basierend auf einem wahren Fall. Die unglaublichsten Momente des Films sind wahr.
Sofia Coppola drehte teilweise in den Anwesen der Beklauten und diese spielen sich selbst in dem Film.
In der nahen Zukunft gibt es im Labor entstandene, genetisch perfekte Menschen und natürlich entstandene Menschen, die nicht perfekt sind und deshalb nicht alles tun dürfen. Vincent will dennoch seinen Traum, Astronaut zu werden, verwirklichen. Unter falscher Identität und mit damit verbundenen Betrügereien bei Gen-Tests gelingt es ihm, im Raumfahrtkonzern Gattaca eine Stelle zu bekommen und in die engere Auswahl für eine wichtige Raumfahrtmission zu kommen. Wenn er nicht vorher entdeckt wird.
„Außergewöhnlich schöner Science-Fiction-Thriller, der in elegischem Ton von einer manipulierten Welt zwischen Kafka, Orwell und Huxley erzählt und – heute eine Seltenheit – mit einem Spezialeffekt (der Raketenstart) auskommt.“ (Fischer Film Almanach 1999)
Science-Fiction zum Nachdenken.
mit Ethan Hawke, Uma Thurman, Alan Arkin, Jude Law, Loren Dean, Gore Vidal, Ernest Borgnine, Blair Underwood, Xander Berkeley, Elias Koteas
1968 veröffentlichte Danny Lyon den Bildband „The Bikeriders“. In ihm sind Bilder aus dem Leben und von Mitgliedern des Outlaws Motorcycle Club und Interviews, die er mit ihnen führte. Lyon war selbst mehrere Jahre Mitglied der Bikergang. Aber die Entstehung dieses Buch ist eine andere Geschichte, die hier jetzt nicht erzählt wird.
Vor zwanzig Jahren erhielt Jeff Nichols diesen Bildband von seinem älteren Bruder. Er war sofort fasziniert von den Fotografien und wollte das Buch verfilmen. Er wusst nur nicht, wie.
Als Lyon die Mitschnitte der Interviews veröffentlichte und Nichols Kathy reden hörte, hatte er eine Idee, wie er aus dem Bildband einen Film machen könnte.
Das tat er jetzt mit einer Riege bekannter Schauspieler, wie Jodie Comer als Kathy, die „Erzählerin“ des Films und Frau von Benny, Austin Butler als Benny, die Nummer 2 in der Bikergang, Tom Hardy als Johnny, Gründer und Anführer der fiktiven Bikergang Vandals, Michael Shannon, Norman Reedus und Boyd Holbrook als Mitglieder der Vandals und einer oft peinlich genauen Nachstellung der Bilder aus dem Bildband. Einige von Lyons Aufnahmen werden Im Abspann des Films gezeigt.
Obwohl Nichols viel Zeit und Mühe in eine authentische Rekreation der sechziger Jahre und dem Leben in einer Bikergang steckte und wahrscheinlich jeder andere Regisseur den Film als „eine wahre Geschichte“ oder als „inspiriert von einer wahren Geschichte“ verkauft hätte, erfand Jeff Nichols eine Bikergang. Im Interview erklärt er, warum er das tat.
„The Bikeriders“ ist ein Film iwie ein Bildband, den man geruhsam durchblättert, in den vorzüglichen Fotografien versinkt und dabei den Text, eine ebenfalls vorzügliche Reportage, garniert mit Interviews, liest. Es ist ein guter Film mit Auslassungen. Die negativen Seiten der Motorradgangs, ihre Gewalttätigkeit, ihre Verbrechen und ihre politische Einstellung, werden kaum beleuchtet oder in die Zeit nach dem Filmende verschoben. „The Bikeriders“ hat auch keine emotional packende Geschichte nach den Regeln eines konventionellen Hollywood-Dramas. Sein Film ist eine Reportage über den Aufstieg und Niedergang des Gründers eines Motorradfahrerclubs und die Liebesgeschichte zwischen einer Frau, die als Fremde die Welt der Bikergangs betritt und sich in ein Mitglied der aus gesellschaftlichen Outsidern bestehenden Gruppe verliebt. Außerdem hat der Film ein wundervoll zwiespältiges, fast schon zynisches Ende, über das wir uns während des Interviews nicht unterhielten
Als Jeff Nichols vor einigen Tagen Berlin besuchte, unterhielten wir uns im Waldorf Astoria über den Weg zum Film, das Verhältnis von Fakten zu Fiktion, die Besetzung, die Struktur des Films, wie wichtig für ihn das von ihm geschriebene Drehbuch ist, in welchem Rahmen die Schauspieler improvisieren dürfen und das Thema des Films.
Frage
Seit zwanzig Jahren wollen Sie Danny Lyons Bildband „The Bikeriders“ verfilmen. Warum hat es so lange gedauert?
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Jeff Nichols
Mein Bruder Ben hat es mir damals gegeben. Ich bin der jüngste von drei Jungs. Ben ist mein ältester Bruder. Er spielt in einer Band namens Lucero. Er war immer der Coolste in unserer Familie. Und er hat mir das coolste Buch gegeben, das ich je gelesen habe. Erzählerisch war ich noch nicht weit genug. Ich wusste nicht, wie ich die Geschichte erzählen sollte. Ich verstand, was Danny getan hatte. Er war nicht nur ein Fotograf, sondern tatsächlich ein Anthropologe. Mit seinen Fotos und Interviews hatte er eine Subkultur in ihrer Gesamtheit eingefangen.
Als Filmemacher, der Menschen in eine Welt entführen will, mit der sie vielleicht nicht vertraut sind oder in der sie sich nicht wohl fühlen, braucht man all diese Details. Danny hatte sie alle auf wirklich schöne Weise gesammelt. Ich musste mir nur eine Handlung ausdenken, und das hat mich etwa 20 Jahre gekostet.
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Frage
Apropos Danny. Wenn ich es richtig verstehe, spielt in diesem Film nur Mike Faist eine reale Person. Alle anderen Figuren sind fiktionalisierte Versionen echter Menschen.
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Jeff Nichols
Alle Figuren sind fiktionalisiert. Sogar Dannys Version. Vor kurzem unterhielt ich mich mit Danny und er meinte, das sei das Einzige, was ihm an dem Film nicht gefalle. Er sei viel schmutziger als Mike Faist. Er nimmt die Tatsache, dass er selbst ein Rebell war, wirklich sehr ernst.
Es ist wirklich schwierig, das zu erklären oder darüber zu sprechen. Im Buch wurde eine echte Kathy interviewt. Es gab einen echten Mann namens Johnny, der diesen Club gegründet hat. Kathy war mit einem echten Mann namens Benny verheiratet. Andere Charaktere sind Amalgame. Da war ein Typ namens Brucie, aber er ist nicht so gestorben, wie ich es im Film erzähle. Ungefähr siebzig Prozent der Dialoge im Film sind wahrscheinlich direkt aus diesen Interviews übernommen. Aber die Handlung ist komplett von mir erfunden. Es gab nie diese Dreiecksbeziehung zwischen den drei Personen. Kathy war mit Benny verheiratet, aber ich habe keine Ahnung, wie Johnny sich fühlte. Johnny war in dem Buch keine wirklich wichtige Figur. Sie sind Menschen. Es ist also eine Art hybrider narrativer Dokumentarfilm.
Ich habe ziemlich schnell gemerkt, wenn Kathy heute noch leben würde und zu mir käme, könnte ich ihr nicht in die Augen sehen und sagen: „Ich habe deine Geschichte erzählt.“ Ich habe ihr Interview von 1965 genommen. Den Rest habe ich erfunden. Ich habe keine Ahnung, was mit Kathy danach passiert ist.
Also sagt man am besten, mein Film ist eine Erfindung, die stark von diesen Interviews und diesen Leuten beeinflusst ist.
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Frage
Sie sind Autor und Regisseur. Sie machen also beides. Was waren für Sie in „The Bikeriders“ und in „Loving“ (sein Drama über den Fall des Ehepaares Loving, der 1967 zu einem einsitmmigen Urteil des Obersten Gerichtshofs führte, das ein Verbot von Eheschließungen aufgrund von Rassenmerkmalen für verfassungswidrig erklärte) die Herausforderungen beim Erzählen einer Geschichte mit bereits existierende Charakteren?
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Jeff Nichols
Es war interessant, „The Bikeriders“ nach „Loving“ zu machen. Ich glaube nicht, dass ich diesen Film ohne „Loving“ hätte machen können. Es sind zwei völlig unterschiedliche Projekte. Nicht nur ästhetisch oder erzählerisch, sondern auch in der Art und Weise, wie ich an sie herangegangen bin. Bei „Loving“ wollte ich mir nichts ausdenken. Als weißer, 1978 geborener Mann aus der Mittelschicht war es nicht meine Aufgabe, ihre Geschichte zu fiktionalisieren. Meine Aufgabe war es, so viel wie möglich über sie als Menschen zu erfahren und sie so angemessen wie möglich darzustellen. Das war bei „The Bikeriders“ anders.
Ich interessiere mich eigentlich nicht sehr für die Motorradkultur. Die heutigen Biker-Gangs sind mir vollkommen egal. Was mich interessierte, waren die Menschen, die Danny interviewte. Irgendwann wurde mir klar, dass mir die Fiktionalisierung die Freiheit geben würde, näher an das Buch heranzukommen. Es gibt ein Gefühl, das man bekommt, wenn man das Buch liest und wenn man sich die Fotos ansieht. Es gibt eine Spannung zwischen den Fotos und den Interviews. Die Fotos sind romantisch. Sie sind wunderschön. Die Interviews sind manchmal bösartig, manchmal humorvoll. Aber die Fassade ist definitiv weg. Zwischen ihnen entsteht eine Spannung. Um das im Film zu erreichen, musste ich es fiktionalisieren. Wenn ich mich der Herausforderung gestellt hätte, nur zu versuchen, die Geschichte der Chicago Outlaws zu erzählen, den echten Club, den Danny fotografierte und der zur zweitgrößten Motorradgang der Welt wurde, dann wäre das nicht die Geschichte, die mir wichtig war. Die Geschichte, die mir wichtig war, waren die Menschen.
Also brauchte ich die Freiheit, alles drumherum fiktionalisieren zu können, damit ich tatsächlich zu dem gelangen konnte, was ich für das Wesentliche hielt.
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Frage
Austin Butler sieht in seiner Rolle wie James Dean aus. War sein Aussehen von Anfang an geplant?
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Jeff Nichols
Ich würde sagen, es liegt nicht am Aussehen. Es war etwas, das ich beim Drehen entdeckt habe und das sich beim Schnitt noch vertieft hat, und es war eine Fehlkalkulation meinerseits. Wenn diese echte Frau, Kathy, über den Mann spricht, den sie geheiratet hat, Benny, spricht sie davon, dass er emotional nicht erreichbar war. Er ist innerlich irgendwie tot. Austin Butler ist dagegen so unglaublich charmant. Beim Dreh sagte ich immer wieder zu ihm: „Hör auf zu lächeln.“ „Nein, hör auf zu lächeln.“ Und er konnte es nicht. Er konnte nicht anders. Ich sagte: „Nein, du musst emotional nicht erreichbar sein. Du musst innerlich tot sein.“ Aber ich hatte Austin Butler, der das Gegenteil von innerlich tot ist.
Er ist voller Emotionen, aber sein Mund ist verschlossen. Er kann nicht reden. Das ist James Dean. Wenn Sie sich „Rebel Without a Cause“ (… denn sie wissen nicht, was sie tun) ansehen, ist da ein Mann, der nicht in der Lage ist, all das auszudrücken, was in ihm vorgeht. Wir hatten das Glück, dass Austin Butler dabei war. Er war besser als sein Regisseur.
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Frage
Ist „The Bikeriders“ der neue „Easy Rider“ oder „The Wild One“ (Der Wilde) (In „The Bikeriders“ wird er im Fernsehen gezeigt. Danach gründet Johnny die Vandals) für unsere Generation oder ist er etwas völlig anderes?
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Jeff Nichols
Ich denke, mein Film ist etwas Eigenes. Die von ihnen genannten Filme waren repräsentativ für ihre Zeit.
Wenn man sich „The Wild One“ ansieht, ist er sehr stark ein Produkt des Studiosystems der fünfziger Jahre. Er beginnt mit diesem kitschigen Bild von Marlon Brando auf einem falschen Motorrad mit einer Rückprojektion hinter ihm. Heute sieht das fast absurd aus. Trotzdem hat „The Wild One“, was ich faszinierend finde, die Idee der Rebellion besser auf den Punkt gebracht als vielleicht irgendjemand davor oder danach. Wogegen rebellierst du? Was willst du? Ich kann mir nicht vorstellen, dass es einen Teenager auf der Welt gibt, der dem nicht zustimmt, oder ein Punkrock-Kid. Das Erstaunliche ist, dass man dann fünfzehn Jahre später „Easy Rider“ sieht. Was zum Teufel ist in diesen fünfzehn Jahren in der Gesellschaft und in der Kultur passiert, um ihr jetzt diesen Gegenkultur-Drogenfilm zu geben? Er ist im Grunde ein unabhängiger amerikanischer Film, der aus einem völlig anderen System als „The Wild One“ hervorgegangen ist. Und was auch immer passiert ist, darüber wollte ich einen Film machen. Das, was diese beiden Filme verbindet, ist das, worüber ich einen Film machen wollte.
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Frage
Sie zeigen uns eine Männerwelt aus der Sicht einer Frau. Das finde ich interessant. Ich denke, der Film wäre anders, wenn Sie ihn aus der Perspektive von Johnny oder Benny erzählen würden. Warum haben Sie sich für Kathy entschieden?
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Jeff Nichols
Der pragmatische Grund ist, dass sie die interessanteste Person ist, wenn man sich die Interviews im Buch durchliest. Sie ist nachdenklich. Sie ist selbstironisch. Sie ist manchmal verärgert. Sie ist eine echte Person aus Fleisch und Blut, die sich mit der Realität auseinandersetzt und sich fragt, warum sie sich mitten in dieser Welt befindet. Ich habe mich in sie verliebt. Wenn man den Film nur aus der männlichen Perspektive erzählt hätte, wäre er zu schwer.
Einer der Subtexte des ganzen Films ist, dass die Männer sich nicht ausdrücken können. Warum sollte ich einen von ihnen als Erzähler auswählen? Der Film würde sich falsch anfühlen. Er wäre gestellt. Es wäre auch sehr schwierig, zum Kern der Sache vorzudringen. Aber dann ist da Kathy. Sie denkt nach. Das kann man in den Interviews lesen. Es fühlt sich an, als würde sie beim Sprechen versuchen, herauszufinden, was in ihrem Leben vor sich geht.
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Frage
Können Sie uns ein bisschen etwas über die Struktur erzählen? Sie erzählen die Geschichte nicht gerade heraus, sondern mehrfach gebrochen. Sie blicken aus der Gegenwart auf die Bikerkultur von vor sechzig Jahren zurück. Dafür benutzen sie einen Bildband und einen Reporter, der Interviews führte und in den Interviews erzählt eine Frau, wie sie eine Männergesellschaft erlebt. Die Erzählungen der Frau bilden dann das Rückgrat der Filmgeschichte.
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Jeff Nichols
Also, ich werde jetzt einiges erzählen und vielleicht beantwortet das ihre Frage.
Es gibt nur eine Szene, die ich aus diesem Film herausgeschnitten habe, und zwar eine Szene nur mit Mike Faists Charakter Danny. Es war die einzige Szene ohne Biker, und ich erinnere mich: als wir sie drehten, sagte Mike Faist zu mir: „Du wirst das niemals in den Film aufnehmen.“ Ich sagte: „Auf keinen Fall. Dies ist meine Gelegenheit, durch die Figur Danny meinen Standpunkt zu vertreten. Hier sage ich, warum es wichtig ist, mit diesen Leuten zu sprechen.“ Ich wettete mit ihm um 1000 $, dass sie drin bleiben würde.
In der Szene versuchte ich, meinen eigenen Kommentar einzubringen. Es war eine Szene zwischen Danny und einer Frau, mit der er aufs College gegangen ist. Sie waren in seinem dunklen Zimmer, der nur sein Badezimmer war. Sie sitzt da, raucht einen Joint, sieht sich seine Fotos an und fragt: „Wie kannst du mit diesen Leuten reden?“ Er gibt eine Antwort, die halb Blödsinn, halb wahr ist. Und eigentlich war ich es, der euch ansieht und die Frage stellt, warum er das gemacht hat. Ich erkannte, dass es für die Erzählung nicht wichtig war. In der Erzählung können wir darüber reden und ich kann euch meine Antwort geben, aber die Wahrheit ist, dass wir in der Filmerzählung nicht von diesen Leuten ablenken wollten. Wir wollten auf Kurs bleiben.
Es war die erste Szene, die ich aus dem Film herausgeschnitten habe. Ich hatte sie nicht einmal im Rohschnitt.
Diese Szene war direkt vor der Szene mit dem roten Kleid. In dem Moment wart bereit für die Veränderung im Film. Ich weiß also nicht, ob das ihre Frage direkt beantwortet, aber es ist definitiv Teil meines Prozesses, zu verstehen, wo mein Standpunkt hineinpasst. Und die Wahrheit ist, dass er nicht direkt in diesen Film passte.
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Frage
Die Besetzung ist offensichtlich eine All-Star-Besetzung und es ist nicht so sehr die Frage, warum Sie diese Schauspieler engagierten, sondern warum Sie sie für diese Charaktere auswählten. Können Sie uns etwas darüber erzählen?
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Jeff Nichols
Wir hatten das Glück, Mike Faist für diese Rolle zu bekommen. Diese Rolle hätte ein Mauerblümchen sein können. Es hätte jemand sein können, der einfach nur da sitzt und wartet bis er die paar Zeilen zu sagt, die er hatte. Aber Mike ist ein wirklich kluger Kerl. Er interessiert sich für Kunst. Er interessiert sich dafür, wie die Dinge funktionieren. Er schreibt selbst ein Drehbuch und möchte, glaube ich, selbst Filmemacher werden. Was man also statt eines Mauerblümchens bekommt, ist ein Mensch, der wirklich zuhört. Wenn ich also zu ihm zurückschneide ist da ein anderer Blick und er unterscheidet sich stark von den Bikern. Das hilft, weil er wirklich ein Außenseiter ist.
Ich denke, das ist ein Grund, warum der echte Danny sich nicht mit dieser Figur identifiziert. Danny hat große Anstrengungen unternommen, um sich schmutzig zu machen und ein Teil dieser Welt zu werden, damit die Jungs sich wohl genug fühlten, um sich ihm zu öffnen. Das war ein Teil, den wir anders gestaltet haben.
Wenn Sie nach dem Rest der Besetzung fragen, hatte ich wirklich Glück. Das Casting ist ein so kniffliger Prozess, weil es wirklich der wichtigste Teil ist. Ich habe Austin Butler gecastet, bevor „Elvis“ herauskam. Wissen Sie, es gibt etwas Interessantes über Benny in dem Buch. Es gibt mehrere Fotos von ihm, aber sie zeigen nie sein Gesicht und er wird nie direkt interviewt. Er wird nur von Kathy erwähnt. Er ist irgendwie mythologisch und ich habe ihn als eine solche Figur geschrieben. In der ersten Stunde des Films fühlt er sich fast wie eine Legende an. Und dann ändert sich das, wenn man Austin Butler persönlich trifft.
Er kann die Last dieser Mythologie tragen. Körperlich ist er wunderschön. Gleichzeitig steckt in ihm all das andere Zeug, über das wir gesprochen haben. Er war der erste Schauspieler, den ich für die Rolle traf, und ich habe ihn sofort engagiert.
Jodie Comer war ein Vorschlag meiner unglaublichen Casting-Direktorin Francine Maisler. Sie meinte, ich solle Jodie Comer einfach dazu bringen, die Rolle anzunehmen. Das einzige Mal, dass Francine das zuvor zu mir gesagt hat, war als sie mir für „Midnight Special“ Adam Driver empfahl. Also lernte ich, auf Francine zu hören, und glücklicherweise sagte Jodie zu. Danach sah ich sie in London in dem Ein-Frauen-Stück „Prima Facie“, das im West End lief. Ich war eigentlich in London, um Tom Hardy zum ersten Mal zu sehen. Als ich aus dem Stück kam, dachte ich, das ist die beste Aufführung, die ich je gesehen habe, und sie ist in meinem Film die Hauptdarstellerin. Ich hatte das Gefühl, ein Ass im Ärmel zu haben.
Sie ist wirklich eine der besten Schauspielerinnen, mit denen ich je gearbeitet habe. Und dann ist da noch Tom Hardy, bei dem wir einfach Glück hatten, dass er zusagte. Tom Hardy ist kein traditioneller Schauspieler. Tom Hardy ist eine Naturgewalt. Wirklich. Er ist wie ein Tornado oder ein Hurrikan oder ein Zugunglück. Man kann einfach nicht die Augen von ihm abwenden. Und er ist gefährlich und sexuell. Seine Figur wird durch Tom Hardy unglaublich verbessert. Diese Szene am Lagerfeuer, in der er Austin so nahe kommt, und es ist so sinnlich und gefährlich und unangenehm und erstaunlich. Das ist alles Tom Hardy. Es war nicht so geschrieben. Die Zeilen sind alle gleich, aber die Art, wie er ihn vorgetragen hat, war außergewöhnlich.
Das gleiche gilt für Michael Shannon. Es gibt einen Monolog, den er am Lagerfeuer hält, und ich habe ihn ziemlich wörtlich aus dem Buch übernommen. Kennen Sie die Geschichte von einem Typen, der am Abend vor der Sitzung des Einberufungsausschusses so betrunken ist, dass seine Mutter ihn aus dem Bett ziehen muss? Und dann stinkt er nach Wein und fällt bei den Tests durch. Bevor wir die Szene filmten, kommt Mike Shannon zu mir. Normalerweise reden wir nicht. Wir proben nicht, weil er so verdammt schlau ist. Wissen Sie, er macht einfach, was er tun muss. Aber er kommt zu mir und sagt: „Jeff, du findest das ziemlich lustig, oder?“ Ich antworte: „Ja, ich finde es ziemlich lustig, oder?“ Er entgegnet: „Ich finde es überhaupt nicht lustig.“ Ich dachte mir: „Also gut, zeig mir, wie du das siehst.“ Wir waren in der ersten Woche des Drehs. Er setzt sich hin und versammelt all diese jungen Schauspieler um das Lagerfeuer. Sie schauen ihn an. Allein das war schon ziemlich erstaunlich. Er fängt an, die Geschichte zu erzählen und alle lachen.
Dann kommt er zu der Stelle, an der der Musterungsbeamte ihm sagt: „Wir wollen dich nicht. Du bist eine unerwünschte Person. Wir wollen dich nicht.“ Karl Glusman, ein unglaublicher junger Schauspieler, lacht. Mike sieht ihn an und dann lachte niemand mehr. Mike nahm eine wirklich gute Rede, die ich für ihn geschrieben hatte, und macht sie großartig, weil er im Grunde in einem Rutsch die Psychologie dieser Typen enthüllt. Er zeigt, warum sie die Mainstream-Gesellschaft ablehnen, sich aber trotzdem verletzt fühlen, wenn sie als Außenseiter betrachtet werden. Das ist eine wirklich seltsame Sache. Es ist eine seltsame Psychologie, die er in dieser einen Rede perfekt auf den Punkt bringt. Das ist Michael Shannon. Ihm verdanke ich meine Karriere.
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Frage
Haben sie in dem Film eine Lieblingsszene?
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Jeff Nichols
Das ist schwierig. Der Film hat viele großartige Momente. Aber einer sticht heraus. Es gibt eine Szene, in der Tom Hardys Charakter am Ende des Films zu Kathys Haus kommt. Sie geht auf die Veranda hinaus. Ich liebe diese Szene, denn hier ist dieser Mann, der unfähig ist, danach zu fragen, was er wirklich will. Tom schafft es großartig, das in sich hineinzufressen und irgendwie zu unterdrücken. Aber es ist das, was Jody macht, während er spricht. Sie fragt immer wieder, was er braucht. Am Ende sagt er diese eine Zeile, die ich geschrieben habe, dass man alles, was man hat, in eine Sache stecken kann und diese trotzdem tut, was sie tun will. Und so denke ich sehr über das Filmemachen und das Leben im Allgemeinen.
Aber sie fragt ihn wieder: „Was brauchst du?“ Und er sagt nichts. Und sie macht diese Sache, wenn sie dich packt und mit ihren Augen verrät, dass sie erkennt, dass dieser Mann nicht in der Lage ist, zu sagen, was er wirklich sagen will. Er will sagen, ich will Benny sehen. Ich bin in Benny verliebt. Ich will mit dir reden. Denn wenn ich nicht mit Benny reden kann, bist du die Person, die am nächsten an der Person ist, die wir miteinander geteilt haben. Wir haben diesen jungen Mann miteinander geteilt und ich liebe ihn und ich habe Angst zu sterben und ich habe Angst davor, wo mein Platz in der Welt ist. Alles das will er sagen und er kann nichts davon sagen. Sie akzeptiert das. Es ist fast so, als würde sie ihn mit diesem Blick, den sie ihm zuwirft, aus der Verantworung entlassen. Und ich liebe es einfach. Ich liebe ihre Leistung in diesem Moment einfach.
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Frage
Können sie uns etwas über ihren Regiestil erzählen und wie sehr sie sich bei den Dreharbeiten an ihr Buch halten. Es gibt ja Regisseure, die keine Änderungen zulassen und andere, bei denen beim Dreh viel improvisiert wird.
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Jeff Nichols
Ich mag es nicht, wenn die Schauspieler den Dialog ändern. Ich verbringe viel Zeit mit meinen Drehbüchern und führe beim Schreiben Regie auf dem Papier. Ich kann den Film in meinem Kopf sehen. Aber dann haben Sie eine Szene, und ich habe bereits darüber gesprochen, wie Tom Hardy und Austin Butler, die von diesem Lagerfeuer gestört werden. Diese Szene ist so geschrieben, dass sich zwei Männer gegenüberstehen. Der ältere Mann sitzt auf der Kante seines Motorrads. Er steht irgendwann auf, stellt sich vor ihn und bietet ihm den Knüppel an. Ich glaube, ich habe geschrieben, dass der Knüppel ihn an der Brust berührt. Näher kommen sie sich nicht. Weil wir auf Film drehen ist das, vor allem wenn man nachts dreht, sehr schwierig. Es erfordert viel Vorbereitung. Und wir wollten diesen Film nachts auf Film drehen. Also mussten wir vorab beleuchten. Wir mussten festlegen, wo unser Kran steht. Wir hatten diese große Lampe, die diese spezielle Art von Natriumdampflicht auf diese Schauspieler werfen sollte. Und ich sagte, also, wenn hier die beiden Schauspieler sind, stellen wir einfach den Kransockel hierhin. Denn ich werde eine Über-die-Schulter-Kamera so und eine Über-die-Schulter-Kamera so machen. Unsere Kamera wird sich nie in die Richtung des Krans schwenken. Und dann steigt Tom Hardy von seinem Motorrad und kommt immer näher und näher. Mein Steadicam-Operator muss sich bewegen und was eine Einzelaufnahme sein sollte, wird zu einer Zweieraufnahme. Ich sehe zu meinem Kamermann Adam Stone rüber. Er senkt seinen Kopf, weil wir die Szene anders ausgeleuchtet haben. Toms Gesicht wird dunkel. Aber er ist so verdammt gut. Er neigt seinen Kopf. Und dieser Lichtstrahl fällt auf sein Gesicht und dann sieht es plötzlich so aus, als würde er Austin küssen. Das ist das Sexuellste, was ich je gesehen habe. Ich konnte es nicht glauben. Er hat alle Zeilen genau so gesagt, wie sie geschrieben waren. Aber durch sein Spiel ist es eine völlig andere Szene.
Wenn wir also über Improvisation sprechen, wenn wir darüber sprechen, was Schauspieler mitbringen, geht es um diese ganze Welt. Du kannst ein sehr gutes Drehbuch haben und sie können es großartig machen.
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Frage
Ihr Film hat mich auf vielen Ebenen berührt. Trotzdem war für mich das Wichtigste, dass Sie uns eine universelle Geschichte über Identität erzählen. Ich frage mich, wie wir unsere Identität aufbauen. Was sind die Einflüsse in unserem Leben? Ich glaube, wir alle möchten Teil von etwas Größerem sein und unserem Leben Sinn geben.
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Jeff Nichols
Wahrscheinlich ist die Suche nach Identität die treibendste Kraft, die es derzeit in der Gesellschaft gibt. Teilweise wegen der sozialen Medien. Jetzt möchte jeder berühmt sein. Aber in Wirklichkeit möchte jeder einzigartig sein, weil jeder seinem Leben einen Sinn geben möchte. Ich meine, wir müssen jeden Tag aus dem Bett aufstehen. Warum sollten wir einen Fuß vor den anderen setzen? Weil wir einzigartig sind. Unsere Identität, sei es durch unser Geschlecht, unsere Rasse, unsere sexuelle Orientierung, was auch immer wir wählen, je einzigartiger es ist, desto mehr Sinn haben wir. Aber weil wir Menschen sind, schließen wir uns zusammen. Wir fühlen uns zu Gruppen hingezogen. Und je einzigartiger diese Gruppe ist, desto einzigartiger wird möglicherweise deine Identität sein.
Aber wir fühlen uns auch zu gefährlichen Dingen hingezogen. Das ist Teil der menschlichen Natur. Wenn wir mit Dingen in Verbindung gebracht werden, die uns töten können, macht uns das lebendiger und unsere Identität wird prägnanter und spezifischer. Wenn Sie sich zum Beispiel ein Motorrad ansehen, ist da eine Spannung in einem Motorrad. Es ist wunderschön. Sie wollen darauf steigen, Sie wollen es fahren. Es steht für Freiheit und kann Sie in einem Sekundenbruchteil töten. Wenn Sie also auf einem Motorrad sitzen, sind Sie lebendiger.
Vielleicht fühlen sich die Leute deshalb zu diesen Gruppen hingezogen. Das kann eine äußerst positive und kraftvolle Sache sein. Es kann aber auch eine sehr, sehr gefährliche Sache sein. Ich denke, bei „The Bikeriders“ geht es um beides.
The Bikeriders(The Bikeriders, USA 2023)
Regie: Jeff Nichols
Drehbuch: Jeff Nichols
LV: Danny Lyon: The Bikeriders, 1968
mit Jodie Comer, Austin Butler, Tom Hardy, Michael Shannon, Mike Faist, Norman Reedus, Boyd Holbrook, Damon Herriman, Beau Knapp, Emory Cohen, Karl Glusman, Toby Wallace, Paul Sparks, Will Oldham
Alles was kommt (L’Avenir, Frankreich/Deutschland 2016)
Regie: Mia Hansen-Løve
Drehbuch: Mia Hansen-Løve
Eine Philosophie-Lehrerin (Isabelle Huppert) wird nach 25 Jahren von ihrem Mann verlassen, ihre Mutter stirbt und ihr Verleger sagt ihr nach einem Disput über den Relaunch einer von ihr herausgegebenen Reihe, dass ihre Dienste nicht mehr benötigt werden. Danach fragt sie sich, was sie mit ihrem Leben und der neu gewonnenen Freiheit anfangen soll.
Hochgelobtes Drama
„mit großer Leichtigkeit, zugleich mit viel Gelassenheit und Klarheit erzähltes Porträt einer nicht mehr jungen bürgerlich-intellektuellen Frau“ (Lexikon des internationalen Films)
mit Isabelle Huppert, André Marcon, Roman Kolinka, Edith Scob