Die Musik dürfte heute noch bekannt sein. Aber wer „California Dreamin‘, „Monday, Monday“ und andere Songs der Band „The Mamas & The Papas“ nur aus dem Radio kennt, der kennt nur die schönen Stimmen der Bandmitglieder, aber nicht ihre Gesichter. Dabei war in den Sechzigern – „The Mamas & The Papas“ existierte von 1965 bis 1968 (1971 veröffentlichte sie ihre fünfte LP, zu der sie vertraglich verpflichtet war) – sowohl der Gesang als auch das Aussehen der Bandmitglieder ungewöhnlich. Bei ihren optimistisch-lebensbejahend-wohlklingenden Popsongs mischten sie im Chorgesang nämlich Männer- und Frauenstimmen.
Bei den Bandmitgliedern fiel Sängerin Cass Elliot sofort auf. Sie entsprach nicht dem Schönheitsideal für Sängerinnen von Popbands, die jung, schlank und überaus attraktiv sein sollen. Wenn sie dann auch noch singen können, ist das kein Hindernis. Cass war übergewichtig. Damals war das ein hundertprozentiger Karrierekiller. Aber die am 13. September 1941 in Baltimore, Maryland, als Ellen Naomi Cohen geborene Sängerin, Kind jüdischer Eltern, wollte unbedingt auf die Bühne. Als Kind war Florence Foster Jenkins ihr Vorbild. Von ihr stammt die berühmte Bemerkung: „Man mag einmal sagen, ich könnte nicht singen, aber nicht, ich hätte nicht gesungen.“
Damit hätte Cass, die singen konnte, auch in Pénélope Bagieus „Unerschrocken“ gepasst. In dem zweibändigen Comic porträtiert sie dreißig bekannte und heute unbekannte Frauen, die für die Verwirklichung ihrer Träume kämpften und auf dem Weg zu ihrem Ziel Barrieren einrissen.
Jetzt hat Bagieu Cass Elliot mit „California dreamin’“ ein eigenes Buch gewidmet.
Sie erzählt vor allem die Geschichte vor dem ersten Hit der Band. Es geht also um Cass‘ Kindheit und Jugend, ihren ersten Erfahrungen als Sängerin bei Veranstaltungen und dem schwierigen Zusammenfinden der vier Musiker, die dann „The Mamas & The Papas“ wurden. Die Folkpopband bestand aus ihr, John Phillips, Denny Doherty und Michelle Phillips. Lange stritten sie sich darüber, ob Folk tot sei (immerhin hatte Bob Dylan damals gerade die E-Gitarre entdeckt), ob Cass ein reguläres Mitglied der Band sein sollte und welche Musik sie machen sollten.
Bagieu schildert auch die ständigen Vorurteile, mit denen Cass wegen ihres Aussehens konfrontiert wird. Sie zeigt aber auch, wie Cass wegen ihres Wesens immer wieder schnell der beliebte Mittelpunkt einer Party oder Gruppe wird. Sie war eine richtige Stimmungskanone. Und wohl auch etwas nervig, weil sie immer im Mittelpunkt stehen musste.
„California dreamin’“ erzählt humorvoll den Weg von Cass und „The Mamas & The Papas“ an die Spitze der Hitparade in pointiert zugespitzten Szenen.
Am 29. Juli 1974 starb Cass in London in einem Hotel. Die Todesursache war ein Herzversagen. Bagieus Comic hört lange vorher, nämlich 1966, auf. Damals war „California dreamin’“ ein Hit und die Band eine glücklich zusammenlebende Kommune. Jedenfalls für die Fans, die gerne ein Leben wie Cass führen würden. Wenn sie nicht gleich Cass sein könnten.
Vor Jahrzehnten erschien ein Science-Fiction-Roman, der es damals immerhin auf die Nominierungsliste für den Nebula-Award schaffte. Über zehn Jahre später wurde das Buch verfilmt. Mit den üblichen Freiheiten, die sich Hollywood gerne nimmt. Der Film war zunächst kein großer Erfolg. Inzwischen ist „Blade Runner“ einer der ikonischen Filme, ein Kultfilm, der unzählige weitere Werke inspirierte. Jüngst eine von Michael Green (auch das Drehbuch für „Blade Runner 2049“) und Mike Johnson geschriebene und von Andrés Guinaldo gezeichnete offizielle Comic-Serie, die in der dystopischen Welt des originalen Films spielt: Los Angeles, 2019.
In dem ersten „Blade Runner 2019“-Sammelband „Los Angeles“ erhält Aahna „Ash“ Ashina, einer der ersten und besten Replikantenjäger, einen Spezialauftrag. Sie soll Isobel, die Frau von Alexander Selwyn, und ihre vierjährige Tochter Cleo finden. Er ist der Chef der Canaan Corporation und mit der menschenähnliche Replikanten bauenden Tyrell Corporation verbandelt.
Bei ihrer Suche erfährt Ash, dass Cleo und Isobel Replikanten sind. Besonders Cleo ist wichtig für die Tyrell Corporation, weil ihr Genom den Schlüssel für ein längeres Leben der Replikanten enthält.
Am Ende des Buches flüchtet Ash mit Cleo auf die von der Erde weitab gelegenen Planeten. Cleos Mutter ist tot.
Der jetzt erschienene zweite Band „Off-World – Jenseits der Erde“ spielt sieben Jahre später. Ash und Cleo haben eine neue Identität angenommen und leben auf Off-World, einer Minen-Kolonialwelt. Sie gehen davon aus, dass sie immer noch gejagt werden. Da taucht die Replikantenjägerin Hythe auf und macht Ash ein Angebot, das sie nicht ablehnen kann.
„Off-World – Jenseits der Erde“ führt die Geschichte von „Los Angeles“ fort und kämpft, falls „Blade Runner 2019“ wie angekündigt mit dem dritten Sammelband endet, mit den üblichen Problemen eines Mittelteils. Mühsam werden, immerhin sind seit den Ereignissen in Los Angeles einige Jahre vergangen, die einzelnen Figuren und ihre Identität etabliert, während die eigentliche Handlung lange Zeit nebulös bleibt. Das liegt auch daran, dass in „Off-World“ eine neue, aus dem Film unbekannte Welt etabliert werden muss. Es ist eine Welt, die an „Outland“ (ein SF-Western von Peter Hyams mit Sean Connery) erinnert. „Los Angeles“ konnte dagegen einfach die aus dem Film bekannte Noir-Welt und ihre Regeln als bekannt voraussetzen und in dieser Welt eine abgeschlossene Kriminalgeschichte erzählen.
Ob „Off World – Jenseits der Erde“ nur einige Seiten füllte oder das Finale konsequent vorbereitete, wird die Zukunft zeigen.
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Michael Green/Mike Johnson/Andrés Guinaldo: Blade Runner 2019: Off-World – Jenseits der Erde (Band 2)
Der Titel „Unnützes James Bond Wissen“ ist eine glatte, hundertfünfzigprozentige Lüge. Es gibt kein unnützes Bond-Wissen. Das sage ich als moderater Bond-Fan, der jetzt nicht erklären möchte, wie viele Regalmeter mit James Bond gefüllt sind.
Bei Danny Morgenstern, dem Autor von „Unnützes James Bond Wissen“ und einiger Bücher über James-Bond-Filme, dürften es deutlich mehr Regalmeter sein.
Im Mittelpunkt von seinem neuen Buch stehen, wenig überraschend, die James-Bond-Filme. Sie werden chronologisch von „Casino Royale“ (dem TV-Film von 1954, der lange als verschollen galt) bis zu dem für nächstes Jahr angekündigtem, neuen Bond-Film „Keine Zeit zu sterben“ (der letzte mit Daniel Craig) behandelt. Neben den offiziellen Bond-Filmen sind auch „Casino Royale“ (1967) und „Sag niemals nie“ (1983) enthalten. In den einzelnen Kapiteln gibt es keine langen Texte, sondern unzählige, wenige Zeilen umfassende Notizen mit wichtigen, um nicht zu sagen lebenswichtigen Informationen, wie dass am Drehbuch zu „Sag niemals nie“ unter anderem Francis Ford Coppola, Ian La Frenais, Dick Clement und Len Deighton mitarbeiteten oder bei den Dreharbeiten für „Sag niemals nie“ (der letzte Auftritt von Sean Connery als James Bond) echte Haie eingesetzt wurden.
Die Bond-Romane von Ian Fleming und, nach seinem Tod, von Kingsley Amis (als Robert Markham), John Gardner, Raymond Benson, Sebastian Faulks, Jeffery Deaver, William Boyd und Anthony Horowitz werden auf wenigen Seiten abgehandelt. Sie haben hier wieder das ihnen aus anderen Büchern über James Bond bekannte Schicksal: sie werden pflichtschuldig erwähnt.
Für Bond-Fans ist Morgensterns Buch mit unnützem Bond-Wissen eine gut gefüllte Fundgrube mehr oder weniger trivialer Informationen über den Geheimagenten ihrer Majestät und seine weltrettenden Missionen rund um den Globus.
Zum Abschluss noch ein Bond-Fakt, der es nicht in Morgensterns Buch geschafft; vielleicht weil er nicht unnütz genug ist: Donald Westlake (aka Richard Stark) wurde vor dem Kinostart von „GoldenEye“ für Ideen für den nächsten Bond-Film gefragt. Westlake schrieb zwei Treatments, die nicht hundertprozentig den Erwartungen der Produzenten entsprachen und weil Westlakes Arbeitsweise (ausgehend von einer Idee einfach drauflos schreiben) mit den Erfordernissen für eine Großproduktion (bei der wenigstens ein grobes Handlungsgerüst mit den notwendigen Schauplätzen feststehen muss) kollidierte, wurde aus dem gemeinsamen Bond-Film nichts. Westlake verarbeitete seine Ideen in dem Roman „Forever and a Death“, der posthum 2017 bei Hard Case Crime erschien. Übersetzt wurde der Thriller noch nicht und das wird sich wahrscheinlich nicht ändern.
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Ein Wort zum Video: Ab der 13. Minute packt Danny Morgenstern „Unnützes James Bond Wissen“ aus und erzählt einiges zum Buch. Danach kündigt er einige Veranstaltungen an, die wegen des Lockdowns nicht stattfinden.
Streamingdienste bedrohen aufgrund ihres Geschäftsmodells unsere Demokratie. Das ist in einem Satz Marcus S. Kleiners These in seinem Buch „Streamland: Wie Netflix, Amazon Prime und Co. unsere Demokratie bedrohen“. Kleiner ist Professor für Medien- und Kommunikationswissenschaft an der SRH Berlin Universitiy of Applied Sciences.
Diese These ist interessant. Aber ist sie auch plausibel? Immerhin sind Streamingdienste Unterhaltungsplattformen, die mehr oder weniger gelungene Serien und Filme zeigen. Meistens fiktionale Filme, seltener Dokumentarfilme. Nachrichten und politische Meinung gehören nicht zu ihrem Geschäftsmodell. Auf dem deutschen Markt, über den Kleiner schreibt, gibt es solche tagespolitischen Formate nicht; – jedenfalls soweit ich diesen Markt überblicke. Außerdem erwähnt Kleiner auch kein entsprechendes Format. Tagespolitik läuft in Deutschland im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, im Radio, in den Printmedien und inzwischen auch auf verschiedenen YouTube-Kanälen und Podcasts. Warum sollten also Streamingdienste mit ihrem Unterhaltungsprogramm unsere Demokratie und den demokratischen Diskurs über wichtige gesellschaftliche Themen bedrohen?
Das liegt nach Kleiner nicht an dem Angebot der Streamtingdienste, sondern wie sie Filme empfehlen: „Wer die Fähigkeit verliert, selbst zu entscheiden, ist nur noch sehr eingeschränkt ein/e mündige/r Bürger*in. Wir werden entmündigt, wenn unsere Urteilskraft zunehmend durch Programmcodes ersetzt wird. Und wir entmündigen uns permanent selbst, wenn wir das zulassen. Wir tragen damit selbst zur Abschaffung unserer Demokratie bei, denn wir reagieren nur noch, klicken auf Felder, die ein Algorithmus für uns vorbereitet hat. Damit ist aber ein Kennzeichen unserer Demokratie verloren, weil diese voraussetzt, dass wir autonome, selbstständige, bewusst urteilende und uns frei entscheidende Individuen sind.“
Streamingdienste sind, so Kleiner, nicht an Aufklärung und einem kritischen Diskurs (also, salopp gesagt, der Demokratie) interessiert. Sie wollen ihre Kunden unterhalten und sie wollen sie möglichst lang auf ihrer Plattform behalten. Und jede Minute, die man mit Unterhaltung verbringt, verbringt man nicht mit anderen Dingen.
Kleiner stellt dann das bundesdeutsche öffentlich-rechtliche Fernsehen den Streamingdiensten gegenüber. Das ÖR-Fernsehen hat einen Neutralitäts- und Bildungsauftrag. Es muss also Informationssendungen zum politischen Geschehen bringen, verschiedene Meinungen neutral präsentieren und Fakten und Ereignisse einordnen.
Ein Streamingdienst hat diese Verpflichtung nicht
Konkret gesagt: ein Streamingdienst wird sich über eine absurde Theorie oder Sensationsreportage freuen, wenn er damit neue Kunden gewinnt. Ein ÖR-Sender wird die absurde Theorie als absurd einordnen; – falls er überhaupt darüber berichtet.
Das ist der einleuchtende Kern von Kleiners These, die er in „Streamland“ allerdings kaum begründet. Anstatt empirischer Beweise, beschränkt er sich auf das Anekdotische. Statt Zahlen von Streamingdiensten, verweist er auf das Geschäftsmodell von Facebook und YouTube, die wollen, dass ihre Kunden möglichst lange bei ihnen bleiben. Das geht am besten mit Sensationsmeldungen, Polemik und extremen Zuspitzungen. Gleichzeitig werden Empfehlungen von Algorithmen aufgrund vorherigen Verhaltens generiert. Wer also – und das könnt ihr auf YouTube einfach ausprobieren – eine Stunde einen Schlager nach dem nächsten anhört, bekommt weitere Schlager vorgeschlagen. Auch wenn er normalerweise Punk hört.
Ein weiteres Problem von Kleiners Argumentation ist, dass er sich ausschließlich auf die deutschen Verhältnisse konzentriert. Diese sind allerdings nicht auf umstandslos auf andere Länder übertragbar.
Er kann auch nicht schlüssig erklären, warum Netflix eine größere Bedrohung für die Demokratie ist, als Facebook und Twitter. Oder warum ein Mediensystem wie in den USA, wo es kein ÖR-Fernsehen gibt und FoxNews als rechter Propagandasender und Lautsprecher für jede noch so absurde Verschwörungstheorie fungiert, die Demokratie weniger bedrohen soll als ein Portal, das vor allem Unterhaltung anbietet.
So liest sich „Streamland“ wie eine dieser alarmistischen konservativen Medienkritiken, in denen das Neue verteufelt und die Vergangenheit verklärt wird. Hier sind es Kleiners Erinnerungen an die Kindheit und Jugend in den achtziger Jahren mit drei Programmen, einem Sendeschluss, die Welt erklärenden und halt gebenden Moderatoren („Stefanie Tücking hat mich als Moderatorin der ARD-Musikvideosendung ‚Formel Eins‘ […] im Sturm erobert.“), tollen Serien (jedenfalls aus der Erinnerung) und einem Sendeschluss.
Den gibt es bei Netflix nicht.
Wer sich aber seines eigenen Verstandes bedient, kann jederzeit ausschalten und die Freiheit eigener Entscheidungen erfahren.
Marcus S. Kleiner: Streamland: Wie Netflix, Amazon Prime und Co. unsere Demokratie bedrohen
Mitten in einer kalten und nebligen Herbstnacht wird auf der Landstraße vor dem einsam gelegenem Haus von Tobias Kern, einem LKW-Fahrer mit bunter Vergangenheit, Sami Haddad erschossen. Für die Polizei ist es ein merkwürdiger Mord. Der 34-jährige Kleingangster Haddad wurde nämlich mit seiner eigenen Pistole erschossen. Alles sieht nach einer geplanten Tat aus oder dass er wenigstens den Täter kannte. Aber die Umstände sprechen dagegen. Und warum fuhr der in München lebende Haddad in der Nacht durch die Provinz?
Was die Polizei nicht weiß, ist, dass Haddad fast eine halbe Million Euro in seinem Auto hatte. Als die Polizei am Tatort eintrifft, ist das Geld weg.
Dieses spurlos verschwundene Geld wollen jetzt seine Kumpels aus München, vor denen er floh, und einige andere mehr oder weniger skrupellose Menschen mit einer mehr oder weniger langen Strafakte haben.
Vier Jahre nach seinem letzten in Traunstein und im Landkreis Altötting spielendem Krimi „Ein Dorf in Angst“ hat Wolfgang Schweiger einen neuen Altötting-Krimi geschrieben, der nur deshalb als „Heimatkrimi“ gelabelt wird, weil das ein verkaufsförderndes Label ist. Denn Schweigers Romane haben, außer dem Handlungsort, nichts mit den handelsüblichen, bei Kritikern normalerweise verhassten Regio-/Provinz-/Heimatkrimis zu tun. Es sind an US-amerikanischen Hardboiled-Vorbildern geschulte Kriminalromane, die diese Themen und Motive gelungen nach Deutschland übertragen. Es sind Romane, wie sie früher Elmore Leonard schrieb oder wie sie heute im Polar Verlag veröffentlicht werden und die hundertprozentig nicht der etablierten Krimiformel von Mord, Sozialkritik und anschließender Aufklärung durch die mit privaten Problemen belasteten Ermittler folgen.
Im „Land der bösen Dinge“ bewegt die Story sich sogar stark in Richtung Western. Die Geschichte spielt fast ausschließlich auf einsam gelegenen Bauernhöfen. Konflikte werden ohne die Polizei gelöst und zitiert immer wieder bekannte Western-Topoi. Auch wenn Kerns Lieblingswaffe eine Machete ist.
In dieser Welt hat die Polizei nur eine Nebenrolle. Da fällt es kaum auf, dass Schweiger mit Simone Gerber eine neue Kommissarin ermitteln lässt und das aus seinen vorherigen Romanen bekannte Ermittlerduo Gruber/Bischoff nicht auftaucht.
Schon die Labelnamen geben die Richtung bei den von Scott Snyder geschriebenen und Greg Capullo gezeichneten Batman-Abenteuern „Der Tod der Familie“ und „Der letzte Ritter auf Erden“ an. „Der Tod der Familie“ erschien jetzt in einer Neuauflage in der „Batman Noir“-Reihe; „Der letzte Ritter auf Erden“ im neuen „DC Black Label“. Düster, sogar ziemlich wahnsinnig und verrückt sind beide Geschichten. Nicht nur, aber auch wegen dem Joker, der in beiden Geschichten der Bösewicht ist.
In „Der letzte Ritter auf Erden“ fragt Bruce Wayne sich, ob er verrückt wurde oder nur einen Alptraum hat. Oder gleich mehrere.
Jedenfalls erwacht er gefesselt in einem Krankenbett im Arkham Asylum. Sein Arzt, Doktor Redmund Hudd aka der Joker, behauptet, dass Wayne seit fast zwanzig Jahren von ihm behandelt werde. Sein Diener Alfred Pennyworth behauptet, er habe seine Eltern ermordet. Beide versuchen ihn zu überzeugen, dass seine Existenz als Verbrechensbekämpfer Batman ein Wahngebilde ist. Kein Wunder, dass Wayne aus der Irrenanstalt ausbrechen möchte.
Kurz darauf ist er in einer postapokalyptischen Wüste. Mit dem munter vor sich hin plapperndem Kopf des Jokers in einer Laterne. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg.
„Der letzte Ritter auf Erden“ ist sicher eine der ungewöhnlichsten Batman-Geschichten.
„Der Tod in der Familie“ fällt dagegen wesentlich konventioneller aus. Nach einem Jahr kehrt der Joker nach Gotham zurück. Als erstes besucht der „Clownprinz des Verbrechens“ (Christian Endres im Vorwort) ein Polizeirevier, das danach etwas anders aussieht. Danach kündigt er im Fernsehen den Tod des Bürgermeisters an. Batman erinnert das an die ersten Verbrechen des Jokers in Gotham. Nur: warum spielt der Joker sie jetzt wieder nach?
Diese Geschichte erschien bereits vor sieben Jahren, auch in einer deutschen Übersetzung, und sie war damals natürlich koloriert. In der „Batman Noir“-Reihe hat man jetzt die Farben weggelassen. So soll ein neuer Blick auf das Werk ermöglicht werden. Für mich war beim Lesen bemerkenswert, wie sehr ich die Farben vermisste.
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Scott Snyder/Greg Capullo: Batman: Der letzte Ritter auf Erden
(übersetzt von Ralph Kruhm)
Panini, 2020
188 Seiten
20 Euro
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Originalausgabe
Batman: Last Knight on Earth # 1 – 3
DC Black Label, Juli 2019 – Februar 2020
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Scott Snyder/Greg Capullo: Batman: Der Tod der Familie
Vor ihrem neuesten Batman-Abenteuer „Batman: Damned“ erzählten Autor Brian Azzarello und Zeichner Lee Bermejo ähnlich bildgewaltig und düster bereits mehrere Geschichten mit Figuren aus dem DC-Universum. Eine dieser DC-Geschichten ist „Nach dem Feuer“ mit Batman und Deathblow. 2003 erschien die dreiteilige Geschichte auf Deutsch in schon lange ausverkauften Einzelheften. Jetzt liegt die Geschichte bei uns erstmals in einem Band vor.
Als an einer Mautstation eine abgehakte Hand mit einer Todeskarte auftaucht, will ‚Batman‘ Bruce Wayne mehr darüber erfahren.
Zur gleichen Zeit wird der Regierungsagent Scott Floyd mit schweren Verbrennungen in das Krankenhaus eingeliefert. Es war ein Anschlag auf sein Leben. Im Krankenhaus sagt Floyd Wayne, dass es sich bei der in der Mautstation gefundenen Todeskarte um die Visitenkarte von Deathblow handelt.
Vor zehn Jahren ging Deathblow, so der Kampfname des staatlichen Auftragskillers Michael Cray, in Gotham seinem blutigem Handwerk nach. Oder hatte er Skrupel bekommen?
Jedenfalls ging damals bei seinem Auftrag aufgrund fehlerhafter Informationen etwas schief und er wurde nicht vollständig ausgeführt. Soll dieser Fehler jetzt korrigiert werden?
Wie der Titel schon sagt, treten mit Batman und Deathblow zwei DC-Serienfiguren auf. Während Batman allgemein bekannt ist, ist Deathblow deutlich unbekannter. Bürgerlich heißt er Michael Cray. Der Soldat gehört zum Team 7 des US-Geheimdienst IO (International Operations), der in den USA nichts zu suchen hat. Durch Mutation erhielt er übermenschliche Widerstandskräfte und einen Gehirntumor. Außerdem plagt ihn sein Gewissen. Die Figur wurde 1993 von Jim Lee und Brandon Choi erschaffen und erlebte seitdem mehrere Neudefinitionen. Eine war ab 2006 von Brian Azzarello.
Bereits 2002 beschäftigte er sich mit Deathblow. Und zwar in „Nach dem Feuer“.
Azzarello und Bermejo erzählen ihre Geschichte auf zwei Zeitebenen, die sich überlagern. Die von Azzarello erfundene und von Bermenjo kongenial gezeichnete Geschichte ist sehr düster mit sehr dunklen Panels, die an die Filme von Hollywoods Schwarzen Serie und „Blade Runner“ ohne Neonoptik erinnern.
„Nach dem Feuer“ ist ein Noir, wie man es von „100 Bullets“-Erfinder Brian Azzarello erwartet. Auch wenn es dieses Mal nicht um verführerische Frauen (Gut, eine ist doch dabei.), sondern um Terrorismus und konkurrierende Geheimdienste geht. Wenn das nicht so zeitlos wäre, könnte man „Nach dem Feuer“ als Kommentar zur US-Politik nach 9/11 lesen.
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Brian Azzarello/Lee Bermejo: Batman/Deathblow: Nach dem Feuer
Das Team von „Stormwatch“ und „The Authority“, Autor Warren Ellis und Zeichner Bryan Hitch, hat sich wieder zusammengetan für die zwölfteilige Batman-Miniserie „Batmans Grab“. Die ersten sechs Hefte sind jetzt in einem Band auf Deutsch erschienen.
Bruce Wayne bekämpft in Gotham City als Batman immer noch das Verbrechen. Mit Hightech, Gewalt und seinem Butler Alfred Pennyworth. Neu ist allerdings, dass Wayne sich in die Opfer von Verbrechen hineinversetzt und er so Hinweise auf den Tathergang und den Täter erhält.
Jetzt entdeckt er in einem billigem Apartment die Leiche eines ehemaligen Mitarbeiters des stellvertretenden Staatsanwalts von Gotham. Über ihn und einige weitere Leichen kommt Batman auf die Spur der Scorn-Armee. Diese geheimnisvolle Organisation ist gut vernetzt und übt einen beträchtlichen Einfluss auf seine Mitglieder aus.
Was sie allerdings wollen ist am Ende des ersten Bands von „Batmans Grab“ noch unklar.
Letztendlich sind die ersten sechs Kapitel dieser Miniserie eine groß angelegte Einführung wichtiger und vermeintlich wichtiger Personen. Erst in den nächsten sechs Kapiteln werden die Geheimnisse gelüftet. Das gelingt Ellis und Hitch gut. Die Story bewegt sich flott voran. Die Actionszenen sind lang und äußerst dynamisch gezeichnet. Die Lesegeschwindigkeit ist entsprechend hoch.
Der zweite Band ist für 2021 angekündigt.
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Warren Ellis/Bryan Hitch: Batmans Grab – Band 1 (von 2)
„Echte Hexen tragen ganz normale Kleider und sehen auch wie ganz normale Frauen aus. Sie wohnen in normalen Häusern, und sie üben ganz normale Berufe aus.
Eine echte Hexe hasst Kinder so glühend, dass es zischt, und dieser Hass ist verzehrender und verheerender als alle anderen Gefühle, die ihr euch selbst in euren ärgsten Träumen vorstellen könntet.“
(der Erzähler in Roald Dahl: Hexen hexen)
1983 veröffentlichte Roald Dahl „The Witches“, das bei uns den viel schöneren Titel „Hexen hexen“ hat. Ein Kinderbuch, in dem Junge gegen eine böse Oberhexe kämpft, die alle Kinder in Mäuse verwandeln will.
Das Buch war ein Erfolg. Bereits vor über dreißig Jahren wurde es von Nicolas Roeg mit Anjelica Huston als böser Hexe und Figuren von „Muppets“-Erfinder Jim Henson verfilmt. Roegs in der Gegenwart spielender Film beeindruckt durch Hensons lebensechte Figuren und erstaunt, jedenfalls für einen Kinderfilm, durch mehrere furchterregend orgiastische Hexenszenen, die an entsprechende Orgien-Szenen aus Siebziger-Jahre-Filme erinnern. Und er besitzt eine ordentliche Portion schwarzen Humors. Da verzeiht man auch das neue Ende.
Jetzt wurde Dahls Buch wieder verfilmt. Dieses Mal von Robert Zemeckis, dem Regisseur von „Zurück in die Zukunft“, „Forrest Gump“, „The Walk“ und, für „Hexen hexen“ besonders wichtig, „Falsches Spiel mit Roger Rabbit“, „Der Tod steht ihr gut“, „Der Polarexpress“, „Die Legende von Beowulf“ und „Disneys Eine Weihnachtsgeschichte“. Auch in seinem neuesten Film verknüpft Zemeckis reale mit animierten Szenen. Wobei es sich, der Zeit folgend, nicht mehr um gezeichnete Szenen oder traditionelle Spezialeffekte, sondern um computergenerierte Animationen handelt. Und das ist eines der Probleme von seinem Film.
Doch beginnen wir mit der Geschichte, die auch in diesem Film Dahls Geschichte ziemlich genau folgt.
„Ginder sind zum Gotzen! Wir werden sie alle verschwinden lassen! Wir werden sie wegpusten vom Angesicht der Erde. Ginder riechen nach Hündegötteln!“
(die Hoch- und Großmeisterhexe in Roald Dahl: Hexen hexen)
1968 verliert in der Nähe von Chicago ein achtjähriger afroamerikanischer Junge bei einem Autounfall seine Eltern. Seine in Demopolis, Alabama, lebende Großmutter nimmt ihn auf. Sie ist eine strenge, aber auch herzensgute Raucherin, die viel über Hexen weiß. Sie entwickelt einen asthmatischen Husten, der sie zu einem Aufenthalt an der Küste bewegt.
Sie steigen im mondänen Grand Orleans Imperial Island Hotel ab. Der Junge stromert durch das Hotel. In einem leeren Ballsaal, in dem die Königliche Gesellschaft zur Verhinderung von Kindesmissbrauch ihr Jahrestreffen abhalten will, beginnt er seine beiden Mäuse Kunststücke zu trainieren. Währenddessen stürmen die Kinderschützerinnen in den Saal und beginnen ihr Treffen. Erschrocken bemerkt der Junge, als sie ihre Handschuhe und Schuhe ausziehen und ihre Perücken absetzen, dass diese Damen keine Kinderschützerinnen sind. Sie sind Hexen, die ihre nächsten Aktionen planen.
Die Hoch- und Großmeisterhexe, eine extrem herrische, ungeduldige und bösartige Person, will, dass die Hexen alle Kinder mit einem von ihr gebrautem Elixier in Mäuse verwandeln. Die Wirksamkeit ihres Elixiers demonstriert sie an dem ständig essendem Bruno Jenkins, der sich vor ihren Augen schwuppdiwupp in eine Maus verwandelt.
Als sie kurz vor dem Ende ihrer Versammlung den Jungen entdecken, verwandeln sie ihn ebenfalls in eine Maus, die sie sofort töten wollen. Er kann ihnen entkommen.
Jetzt will er den teuflischen Plan der Oberhexe vereiteln. Seine Großmutter und Bruno Jenkins, wenn er nicht gerade mit Essen beschäftigt ist, sollen ihm helfen.
„Kinder sollten niemals baden. Es ist eine lebensgefährliche Gewohnheit.“
(die Großmutter in Roald Dahl: Hexen hexen)
Soweit die Filmgeschichte. Im Roman ist die Großmutter eine Norwegerin, das Hotel ist in England und der Junge ist ein Weißer. Davon abgesehen veränderten die Macher nicht viel.
Trotzdem ist Robert Zemeckis „Hexen hexen“ eine ziemliche Enttäuschung. Der eine Grund sind die schon erwähnten Spezialeffekte. Bei Roeg waren es liebevoll hergestellte Puppen und traditionelle Spezialeffekte. Bei Zemeckis stammt dagegen alles aus dem Computer und das sieht in diesem Fall, vor allem bei den Hexen, sehr künstlich und wenig furchterregend aus. Das kann auch an dem fehlendem schwarzen Humor liegen.
Das zweite Problem ist das Drehbuch. Es dauert zu lange, bis die Oberhexe auftaucht und die eigentliche Filmgeschichte beginnt. Erst ungefähr in der Filmmitte wird der Junge verwandelt. Entsprechend wenig Zeit bleibt dann für seine Versuche, den teuflischen Plan der Hexe zu vereiteln. Die Figuren sind arg eindimensional gezeichnet. Das durch den Handlungsort und -zeit und die Hautfarbe des Jungen und seiner Großmutter angedeutete Thema ‚Rassismus‘ wird nicht weiterverfolgt.
So ist die neueste Version von „Hexen hexen“ eine seelenlose CGI-Schau mit vielen verpassten Chancen, die niemals auch nur den Hauch des Schreckens von Roegs Version versprüht.
Wenige Wochen vor Zemeckis Version erschien Pénélope Bagieus Comicversion von „Hexen hexen“. Auch sie hält sich an Dahls Geschichte. Aber sie verändert das Geschlecht von Bruno Jenkins. Im Comic ist Bruno Jenkins ein Mädchen, das weniger als Bruno isst (was leicht ist) und schlauer ist. Damit verändert sich auch die Beziehung zwischen ‚Bruno‘ und dem Jungen. Diese behutsame Modernisierung und ihre Zeichnungen machen diese Version zu einem witzigen Lesevergnügen.
Hexen hexen (The Witches, USA 2020)
Regie: Robert Zemeckis
Drehbuch: Robert Zemeckis, Kenya Barris, Guillermo del Toro
LV: Roald Dahl: The Witches, 1983 (Hexen hexen)
mit Jahzir Bruno, Octavia Spencer, Anne Hathaway, Stanley Tucci, Charles Edwards, Morgana Robinson, Codie-Lei Eastick, Chris Rock (im Original eine wichtige Stimme)
Länge: 105 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
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Die Vorlage
Roald Dahl: Hexen hexen
(übersetzt von Sybil Gräfin Schönfeldt)
rowohlt rotfuchs, 2020
240 Seiten
10 Euro
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Deutsche Erstübersetzung 1986
Der aktuellen Ausgabe liegt die Neuausgabe von September 2016 zugrunde
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Originalausgabe
The Witches
Jonathan Cape Ltd., London, 1983
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Der Comic
Pénélope Bagieu: Hexen hexen
(übersetzt von Silv Bannenberg)
Reprodukt,2020
304 Seiten
29 Euro
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Originalausgabe
Sacrées sorcières
Gallimard Jeunesse, 2020
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Die erste Verfilmung
Hexen hexen(The Witches, Großbritannien 1989)
Regie: Nicolas Roeg
Drehbuch: Allan Scott
LV: Roald Dahl: The Witches, 1983 (Hexen hexen)
mit Anjelica Huston, Mai Zetterling, Jasen Fisher, Rowan Atkinson, Bill Paterson
Es beginnt mit einer spurlos verschwundenen College-Studentin und endet mit der Aufklärung des Verbrechens. Denn die Studentin verschwand nicht freiwillig.
Aber ein Krimi, in dem ein Ermittler emsig Spuren und falsche Fährten verfolgt, ist „Stadt, Land, Raub“ von Marcie Rendon nicht. Es ist eher die Entwicklungsgeschichte einer jungen Frau mit einer minimalen Krimibeilage. Diese Frau ist Cash Blackbear, eine neunzehnjährige Waise, die quasi von Sheriff Wheaton adoptiert wurde und der sie am Ende von „Am roten Fluss“ nachdrücklich aufforderte, das College zu besuchen.
Am Anfang von „Stadt, Land, Raub“ lernt Cash die für sie sehr ungewohnten und teils abstrusen Regeln des College-Betriebs kennen, während sie weiterhin Rübenlaster fährt, Billard spielt und Bier trinkt. Letztendlich lebt sie das unstudentische Leben, das sie bereits in „Am roten Fluss“ lebte, weiter. Jedenfalls versucht sie das zunächst. Aber dann wird sie gefragt, ob sie im AIM (American Indian Movement) mitmacht, ihr schon vor Ewigkeiten von ihr getrennter Bruder – inzwischen ein Vietnam-Veteran mit postraumatischer Belastungsstörung – klopft bei ihr überraschend an die Tür und ein Professor reicht eines ihrer Essays bei einem Wettbewerb ein. Cash gerät in die Endauswahl und sie muss mit dem Professor und einigen Mitstudenten in die Citys fahren, wie die Städte Minneapolis und St. Paul in Minnesota normalerweise genannt werden. Für Cash, die bislang nie die mehr als ländliche Gegend um Fargo, den Red River und das Valley verließ, sind die wenigen Kilometer von ihrem Revier in die Stadt mehr als eine halbe Weltreise. Immerhin kann sie sich dort die Getreidebörse, die sie bislang nur aus dem Radio kannte, ansehen und sich überzeugen, dass sie wirklich existiert. Und sie trifft auf Prostituierte.
Natürlich gibt es einen Kriminalfall und natürlich hängen Cashs Erlebnisse, Visionen und Beobachtungen ihrer Mitstudentinnen mit der Lösung des Falls zusammen. Auch wenn Cash dieses Mal nicht ermittelt, sondern eher in den Fall hineinstolpert.
Lesenswert ist Marcie Rendons Roman vor allem wegen der Schilderung des Lebens einer deutlich älter wirkenden Frau (Cash ist Neunzehn!), die am Beginn einer neuen Phase ihres Lebens steht. Garniert mit einer ordentlichen Portion Siebziger-Jahre-Zeitkolorit und einer eindrücklichen Beschreibung des damaligen Lebens im US-amerikanischen Hinterland.
Man sollte nur keinen Krimi erwarten; – obwohl „Stadt, Land, Raub“ dann doch ein Krimi ist. Nur halt anders.
Außerdem war Rendons Roman bei den diesjährigen Edgars für den G.P. Putnam’s Sons Sue Grafton Memorial Award nominiert und er steht auf der aktuellen Krimibestenliste.
„Wie geht’s Sportsfreund? Hier ist Hawthorne. (…) Wir werden viel Spaß haben.“
Anthony Horowitz ist ein erfolgreicher Autor. Er schreibt die bei Jugendlichen beliebten Alex-Rider-Romane, in denen ein Jugendlicher James-Bond-artige Abenteuer erlebt. Er schrieb zwei erfolgreiche Sherlock-Holmes-Romane, zwei ebenso erfolgreiche James-Bond-Romane (alle im Auftrag der Erben) und weitere Kriminalromane, von denen etliche zu Serien wurden. Er erfand mehrere TV-Serien und Miniserien. Die wichtigsten sind „Foyle’s War“ (bei uns nie gelaufen) und „Inspector Barnaby“ (Midsomer Murders) . Er schrieb und schreibt Drehbücher für beliebte Krimiserien wie „Agatha Christie’s Poirot“.
Und er begleitet Daniel Hawthorne bei seinen Ermittlungen. Hawthorne ist ein ehemaliger Polizist, der jetzt als freier Berater für die Polizei arbeitet. Er wird immer zu den Fällen hinzugezogen wird, die für die normalen Mordermittler zu schwierig sind. Das sind ungefähr alle Fälle, bei denen der Mörder nicht mit der Tatwaffe in der Hand neben der Leiche steht und seine Tat gesteht.
Horowitz lernte Hawthorne als Drehbuchberater für eine TV-Serie kennen. Jetzt, also schon vor einigen Jahren, aber die Bücher erschienen erst vor kurzem, schlug Hawthorne Horowitz vor, dass Horowitz ihn bei seinem neuesten Mordfall begleitet, alles aufschreibt und dann einen True-Crime-Bestseller schreibt, der beide reich macht. Horowitz ist einverstanden und begleitet als Dr. Watson seinen Sherlock Holmes.
In ihrem ersten Fall „Ein perfider Plan“ wird Diana Cowper, eine wohlhabende, allein lebende Frau in den Sechzigern, in ihrer Wohnung erdrosselt. Mysteriös und damit zu einem Fall für Hawthorne wird der Mord an Cowper, weil sie einige Stunden vor ihrem Ableben in einem Beerdigungsinstitut alles für ihren Tod regelte. Hawthorne glaubt nicht an einen Zufall. Und, soviel kann verraten werden, es handelt sich auch nicht um einen Zufall.
In ihrem zweiten gemeinsamen Fall „Mord in Highgate“ wird der Scheidungsanwalt Richard Pryce in seinem Haus mit einer teuren Weinflasche erschlagen. Der erste Verdacht richtet sich gegen Akira Anno. Wenige Tage vor Pryces Tod drohte sie ihm lautstark in einem vollen Nobelrestaurant. Pryce hatte kurz davor in dem Scheidungsverfahren den Mann der prominenten feministischen Autorin vertreten und eine für ihn günstige finanzielle Regelung erreicht. Damit hätte Anno ein gutes Motiv und auch das entsprechende Temperament. Aber es führt, wie bei „Ein perfider Plan“, auch eine Spur in die Vergangenheit zu einem Unfall, bei dem ein Mensch starb.
Mit seinen bis jetzt erschienenen beiden Hawthorne-Rätselkrimis (in „Mord in Highgate“ schreibt Horowitz, dass er einen Vertrag für drei Hawthorne-True-Crime-Romane abgeschlossen habe) setzt Anthony Horowitz die schöne Erzähltradition fort, in der der Ich-Erzähler identisch mit dem Autor des Romans ist und er in Mordfälle verwickelt wird. Das bekannteste Beispiel sind die momentan nur antiquarisch erhältlichen Kult-Krimis von Kinky Friedman, in denen der Musiker und Freigeist mit seinen Freunden, viel Humor und einigen anderen Dingen in New York Morde aufklärt. Und genau wie in Friedmans Krimis gibt es in den beiden Hawthorne-Krimis viele Informationen aus dem Leben von Anthony Horowitz. Mehr oder weniger nah an den Fakten. Dieser intime Einblick in das Leben eines Schriftstellers ist ein Teil des Spaßes bei „Ein perfider Plan“ und „Mord in Highgate“.
Die Fälle sind beide Male Rätselkrimis mit vielen falschen Fährten und Hinweisen auf die großen, von Horowitz verehrten Klassiker und Ermittler der Kriminalliteratur. Vor allem Sherlock Holmes ist hier zu nennen.
Dabei ist „Ein perfider Plan“ der gelungenere Roman. Außerdem haben Steven Spielberg und Peter Jackson einen kurzen, für die Ermittlung nicht wichtigen aber – jedenfalls für uns Leser – sehr witzigen Auftritt. „Mord in Highgate“ wirkt dagegen oft wie eine etwas lustlose Wiederholung des Plots von „Ein perfider Plan“ mit anderen Figuren und weniger Humor.
„Bis jetzt hatte ich schon drei wichtige Hinweise übersehen und zwei andere falsch gedeutet.
Und es sollte noch schlimmer kommen.“
(Anthony Horowitz über seine detektivischen Fähigkeiten in „Mord in Highgate“ auf Seite 57)
Anthony Horowitz: Mord in Highgate – Hawthorne ermittelt
(übersetzt von Lutz-W. Wolff)
Insel Verlag, 2020
352 Seiten
22 Euro
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Originalausgabe
The Sentence is Death
Penguin Random House UK, London, 2018
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Anthony Horowitz: Ein perfider Plan – Hawthorne ermittelt
Cixin Liu ist Schuld. Seine mit „Die drei Sonnen“ fulminant beginnende Trisolaris-Trilogie war ein weltweiter Erfolg dank einer Übersetzung ins Englische 2014, einem gewonnenem Hugo Award als bester Roman, Nominierungen für den Nebula Award, den Locus Award, den Prometheus Award und den John W. Campbell Memorial Award, und Lob von Präsident Barack Obama, Mark Zuckerberg und George R. R. Martin. Diese Übersetzung ins Englische führte zu weiteren Übersetzungen (die deutsche Ausgabe erschien 2017). Science-Fiction-Fans verschlangen Cixin Lius dicke Bücher. Aber auch Leser außerhalb der Science-Fiction-Szene griffen zu und waren begeistert. Das Interesse an Zukunftsgeschichten aus China stieg. Nur: welche Autoren sollen gelesen werden?
Um sich einen schnellen Überblick über die chinesische Science-Fiction-Szene zu verschaffen und um neue Autoren zu etablieren, ist daher ein Sammelband eine gute Gelegenheit. Vor allem wenn der Sammelband genau mit dem Ziel zusammengestellt wurde, um chinesische Science-Fiction-Autoren einem nicht-chinesischem Publikum vorzustellen.
Mit „Quantenträume – Erzählungen aus China über Künstliche Intelligenz“ legt der Heyne-Verlag jetzt innerhalb eines halben Jahres einen zweiten Band mit chinesischen Science-Fiction-Geschichten vor. Der erste Sammelband „Zerbrochene Sterne“, zusammengestellt von Ken Liu, gab (und gibt) einen guten Überblick über die chinesische Science-Fiction-Szene hinsichtlich wichtiger Autoren, Stile und Themen. Es wird auch deutlich, wie sehr sich chinesische Science-Fiction-Geschichten von den uns vertrauteren angloamerikanischen Science-Fiction-Geschichten unterscheiden. Die Geschichten reflektieren auch immer die Gesellschaft in der sie spielen und wie in ihnen das Verhältnis zwischen Individuum und Gemeinschaft gesehen wird. In den in „Zerbrochene Sterne“ gesammelten Geschichten ist das Individuum öfter Teil eines Kollektivs. Außerdem spielen sie oft in der Vergangenheit oder in Fantasy-Welten.
„Quantenträume“ konzentriert sich dagegen auf das Thema der künstlichen Intelligenz und der damit verbundenen Frage, was eine künstliche Intelligenz von einem Menschen unterscheidet. Also ob eine Künstliche Intelligenz einen eigenen Willen haben kann und ob ihr die Rechte zugeschrieben werden können und sollen, die ein Mensch hat. Oder ob eine Künstliche Intelligenz letztendlich nur eine Sache ist, die wie ein Staubsauger benutzt werden kann. Die von Xia Jia, Liu Yang, Fei Dao, Sun Wanglu, Luo Longxiang, Shuang Chimu, Qiufan Chen, Gu Shi, Liu Weijia, Wang Jinkang, Hao Jingfang, Baoshu, A Que, Ling Chen und Han Song geschriebenen Geschichten sind dabei deutlich weniger von einem bestimmten Gesellschaftsbild geprägt als die in „Zerbrochene Sterne“ publizierten Geschichten. Künstliche Intelligenz, Computer und die Ideen für eine Interaktion zwischen Mensch und Computer unterscheiden sich in ihrer Anwendung und theoretischen Diskussion darüber zwischen dem Westen und China kaum. Im Westen werden diese Fragen in Geschichten (und uns hier nicht interessierenden Sachbüchern, Aufsätzen, Essays und Berichten) schon lange diskutiert, während Myriaden mehr oder weniger intelligenter und bedrohlicher Roboter den Menschen helfen oder ihnen das Leben zur Hölle machen. Manchmal machen sie ihnen das Leben zur Hölle, indem sie ihnen helfen wollen.
Auch wenn die Autoren in ihren zwischen 2000 und 2020 in der Zeitschrift „Renmin Wenxue – Volksliteratur“ erschienenen Geschichten immer wieder eigene Akzente setzen, drängt sich immer wieder der Eindruck auf, dass man diese Geschichten so ähnlich schon einmal gelesen hat und die Pointe deshalb kennt.
Im Gegensatz zu „Zerbrochen Sterne“, der die Tür weit aufstieß zu einer bislang unbekannten Science-Fiction-Kultur, ist „Quantenträume“ insgesamt etwas enttäuschend. Die fünfzehn Geschichten sind okay, aber keine begeistert wirklich. Letztendlich wirken sie oft wie die Versuche eines durchaus begabten Schülers, der seinen Meister nachahmt.
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Jing Bartz, Shi Zhanjun, in Zusammenarbeit mit der Zeitschrift ‚Renmin Wenxue – Volksliteratur‘ (Hrsg.): Quantenträume – Erzählungen aus China über künstliche Intelligenz
(mit einem Vorwort von Cixin Liu)
(übersetzt von Karin Betz, Johannes Fiederling, Marc Hermann, Michael Kahn-Ackermann und Eva Lüdi Kong)
Der Joker, Black Mask, Sinestro, der Riddler, Harley Quinn, Lex Luthor und Ocean Master sind die Namen einiger Bösewichter, die DC-Fans aus unzähligen Comics und inzwischen sehr vielen Filmen kennen. Besiegt werden diese Bösewichter immer wieder von den DC-Helden Batman, Superman, Green Lantern und Aquaman, die ihre sinistren Pläne immer wieder in letzter Minute verhindern.
Um frisches Leben in diese Routine der Verbrechensbekämpfung zu bringen, hat Bösewicht Lex Luthor jetzt „Das Jahr des Schurken“ ausgerufen. Damit das Jahr ein voller Erfolg für das Verbrechen wird, bietet er den Superbösewichtern alles an, um ihre Träume zu verwirklichen und ihren Heldenerzfeind endgültig zu vernichten.
Das ist die Prämisse, die den jetzt in zwei Sammelbänden vorliegenden Geschichten zugrunde liegt. Die kurzen Geschichten können unabhängig voneinander gelesen werden.
Im ersten Sammelband sind „Der Joker. Das Jahr des Schurken“ (geschrieben von John Carpenter [der bekannte Horrorfilmregisseur] und Anthony Burch, gezeichnet von Philip Tan), „Black Mask: Das zweite Gesicht“ (geschrieben von Tom Taylor, gezeichnet von Cully Hamner), „Sinestro: Mikronen-Management“ (geschrieben von Mark Russell, gezeichnet von Yildiray Cinar) und „Der Riddler: Danke für Nichts“ (geschrieben von Mark Russell, gezeichnet von Scott Godlweski) enthalten.
Im zweiten Sammelband sind „Lex Luthor: Nur Luthor“ (geschrieben von Jason Latour, gezeichnet von Bryan Hitch), „Ocean Master: König“ (geschrieben von Dan Watters, gezeichnet von Miguel Mendonca) und „Harley Quinn: Harley Quinns Schurke des Jahres“ (geschrieben von Mark Russell, gezeichnet von Mike Norton) enthalten.
Auf den ersten Blick ist es eine schöne Idee, den bekannten Schurken eine eigenständige Geschichte zu geben. Sie zum Protagonisten einer Geschichte zu machen und ihre Wünsche Realität werden lassen. Auf den zweiten Blick bemerkt man schnell ein Problem, das in den Geschichten nicht oder nur unbefriedigend gelöst wird. Denn jetzt müssen die Bösewichter irgendwie zu einem Werkzeug für das Gute werden oder sich einem bislang unbekanntem persönlichen Problem, das einem bis dahin herzlich egal war, stellen. Die Bösewichter dürfen letztendlich das Angebot von Lex Luthor, ihre Träume zu verwirklichen und ihre Gegner zu töten, nicht annehmen.
Dabei gefällt einem bei den Comicbösewichtern gerade, dass sie so unverhohlen, ungebremst, radikal Böse sind. Und ihre grandiosen Pläne in schönster Regelmäßigkeit scheitern, weil die Superhelden doch schlauer sind. .
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Das Jahr des Schurken – Band 1
Panini Comics, 2020
140 Seiten
16,99 Euro
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enthält
The Joker: Year of tje Villain 1 (Dezember 2019)
Black Mask: Year of the Villain 1 (Oktober 2019)
Sinestro: Year of the Villain 1 (Oktober 2019)
The Riddler: Year of the Villain (Dezember 2019)
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Das Jahr des Schurken – Band 2
Panini Comics, 2020
108 Seiten
13 Euro
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enthält
Lex Luthor: Year of the Villain 1 (November 2019)
Ocean Master: Year of the Villain 1 (Februar 2020)
Harley Quinn’s Villain of the Year 1 (Februar 2020)
Thies Frühreich kehrt mit seiner Freundin Monique und einem Koffer voller nicht legal erworbenem Geld zurück in seine alte Heimat. In dem menschenleeren Gebiet zwischen Vierheilig und Altglück veränderte sich in den vergangenen vierzehn Jahren, in denen er fort war und keinen Kontakt zu seiner Familie hatte, wenig. Erst jetzt, durch den geplanten Bau eines riesigen Warenlagers für einen Internetversandhändler, scheint sich seine alte Heimat grundlegend zu verändern.
Dort trifft Thies seinen Bruder Karl, den alte Revierjäger Wouter Bisch und einige weitere alte Bekannte. Und er erinnert sich an seine Vergangenheit in der deutschen Provinz.
Als vor drei Jahren Sven Heucherts Debütroman „Dunkels Gesetz“ erschien, war die Begeisterung groß. Auch bei mir. „Dunkels Gesetz“ ist zwar kein perfekter Roman, aber ein sehr gelungener Versuch, Noir- und Hardboiled-Topoi nach Deutschland und in die deutsche Provinz zu versetzen, ohne beim biederen Regiokrimi zu enden. Heuchert gelang nicht alles, aber er machte so viel richtig, dass ich mich auf seinen nächsten Roman freute.
Der liegt jetzt vor, heißt „Alte Erde“ und ist eine riesige Enttäuschung. Der Klappentext und auch die ersten Seiten versprechen einen Noir, der wieder in der deutschen Provinz spielt, ohne provinziell zu sein. Aber dann hat Heuchert an diesem Krimiplot kein Interesse. Der Koffer mit dem Geld wird anfangs noch heimlich von einem Zimmer zum nächsten Zimmer transportiert. Aber nachdem Karl das Geld entdeckt und sofort verbrennt, löst sich in dem Moment, der auf Seite 73 ist, der auf den ersten Seiten angekündigte Konflikt über die Beute in Luft auf.
Im folgenden – und es spricht prinzipiell nichts dagegen, Erwartungen zu enttäuschen, einen ganz anderen Weg zu beschreiten, als es Anfangs aussieht, oder sogar das Genre zu wechseln – verschwindet jeglicher Krimiplot zugunsten einer in Gegenwart und Vergangenheit spielenden Abfolge von unzusammenhängenden Episoden, in denen teils nicht erkennbar oder nur erahnbar ist, wer gerade „er“ oder „sie“ ist. Es werden auch viele Menschen und Tiere getötet. Auch hier ist im ersten Moment nicht immer klar, ob gerade ein Mensch oder ein Tier erschossen wurde. Dieses Töten geschieht so beiläufig, dass man schon einmal einen Tod überlesen kann. Weil man überhaupt keine emotionale Verbindung zu dem Getöteten hat, ist auch egal, wer gerade gestorben ist. Es hat auch keinerlei Auswirkung auf die in diesem Moment nicht mehr erkennbare Handlung.
„Alte Erde“ reiht nämlich schnell Episoden aneinander, die auch in jeder anderen Reihenfolge stehen könnten. Entsprechend zäh gestaltet sich die Lektüre des Romans, den ich nur zu Ende las, weil mir Heucherts Debüt so gut gefiel und er mit zweihundert Seiten erfreulich kurz ist.
Die Legende geht so: In den frühen siebziger Jahren verbringt Colin Dexter einen Familienurlaub in Wales. Es regnet ununterbrochen. Er schreibt zwei Kriminalgeschichten, die ihn nicht überzeugen. Er meint, er könne es besser. Er schreibt „Der letzte Bus nach Woodstock“ (Last Bus to Woodstock) mit Inspector Morse als Ermittler. Der Roman wird 1975 veröffentlicht und ist ein Erfolg.
Bis zu seinem Tod schreibt Colin Dexter (29. September 1930 in Stamford, England – 21. März 2017 in Oxford, England) zwölf weitere Morse-Kriminalromane und einige Kurzgeschichten. Einige mit, einige ohne Inspector Morse.
Der von Dexter erfundene Inspector Endeavour Morse ist einer der großen Ermittler der Kriminalliteratur. Sein Vorname wird erst in „ Der Tod ist mein Nachbar“ (Death is now my Neighbor, 1997) enthüllt. Bis dahin ist sein Vorname wahlweise ‚Inspector‘ oder ‚Morse‘. Bei Morse fällt vor allem seine Normalität auf. Morse ist angenehm unbelastet von privaten und psychischen Problemen. Er hat kein nennenswertes, die Ermittlungen störendes Privatleben. Er ist überzeugter Single. Er liebt Kreuzworträtsel, klassische Musik, ist gebildet und ein leidenschaftlicher Biertrinker. Das sind letztendlich nette Marotten, die beim Leser schnell ein Gefühl von Vertrautheit vermitteln und nicht weiter von dem Rätselplot ablenken. Denn die Morse-Krimis sind traditionsbewusste Rätselkrimis, die wohlige Erinnerungen an die Vergangenheit heraufbeschwören als es noch kein Internet, keine Mobiltelefone, keine DNA-Analyse und keine Videokameras an jeder Ecke gab.
So geht es in seinem jüngst vom Unionsverlag wiederveröffentlichen Morse-Krimis „Der Weg durch Wytham Woods“ (The Way through the Woods, 1992) um eine vor einem Jahr spurlos verschwundene schwedische Studentin. Während der Ermittlungen stößt Morse auf eine Gruppe von Männern, die in ihrer Freizeit gerne freizügige Aufnahmen von jungen Frauen machen und, wenn die Dame aufgeschlossen ist, auch einen Schritt weitergehen.
Dieser Sexkreis erinnert dann doch weniger an die frühen neunziger Jahre, in denen der Roman spielt, sondern an die siebziger Jahre, als die sexuelle Befreiung auch auf dem Land praktiziert wurde und die Kinos mit erotischen Filmen und Pornos überschwemmt wurden „Deep Throat“ wurde sogar zu einem Must-see-Film.
Das, vor allem die Heimlichtuerei und die Schuldgefühle der Männer, wirkte vor knapp dreißig Jahren vielleicht etwas altmodisch. Heute, wo wir den direkten Vergleich zu den damaligen Bestellern (wie „Das Schweigen der Lämmer“ und dem ganzen Serienkillergedöns), nicht mehr haben, liest sich auch dieser Morse-Krimi angenehm nostalgisch. Er ist, wie die anderen Morse-Krimis, gut geschrieben, gut geplottet und mit einem vertrackten Rätsel im Mittelpunkt. Auch wenn man in „Der Weg durch Wytham Woods“ die Zusammenhänge rasch erahnt.
Heute zählt der Roman zu den besten Morse-Krimis. Unter anderem in der „Good Reading Guide to Crime Fiction“ und der „The Rough Guide to Crime Fiction“ wird er als bester Morse-Krimi genannt. Er wurde von der CWA mit dem „Gold Dagger“ ausgezeichnet. In der „Rough Guide to Crime Fiction“ wird außerdem John Maddens Verfilmung für die „Inspector Morse“-TV-Serie gelobt.
Dexters Romane waren in England die Grundlage für die dort sehr erfolgreiche Krimiserie „Inspektor Morse, Mordkommission Oxford“ (Inspector Morse). John Thaw spielte Morse. Regisseure waren Peter Hammond, Jack Gold, John Madden, Danny Boyle und Antonia Bird. Anthony Minghella gehörte zu den Drehbuchautoren. Die Serie entstand von 1987 bis 2000. In Deutschland ist sie fast unbekannt.
Später entstanden die Spin-Offs „Lewis – Der Oxford-Krimi“ (mit dem aus der „Inspektor Morse“-Serie vertrauten Kevin Whately als Lewis) und „Der junge Inspektor Morse“ (gespielt von Shaun Evans).Und Colin Dexter hatte auch in ihnen zahlreiche Cameo-Auftritte.
Alles Gute zum Geburtstag, Colin Dexter! (wenn auch posthum, aber dafür vom Herzen kommend)
Brauchen wir wirklich noch eine Geschichte, in der im amerikanisch-mexikanischen Grenzgebiet ein US-Amerikaner in Mexiko für Gerechtigkeit sorgt? Nach der Lektüre von Sam Hawkens bei uns neuem Roman „Vermisst“ lautet die Antwort: eindeutig Ja.
Außerdem kann „Vermisst“ als gelungener und überfälliger Gegenentwurf zu dem letzten Rambo-Film „Rambo: Last Blood“ gesehen werden. Dabei erschien in den USA „Vermisst“ bereits 2014 und damit lange vor dem letzten Rambo-Film. An seiner Aktualität hat Hawkens Roman nichts eingebüßt.
Jack Searle ist in Laredo, Texas, ein Handwerker und Witwer, der seine beiden pubertierenden Stieftöchter liebevoll aufzieht. Er trifft sich auch regelmäßig mit den mexikanischen Verwandten seiner verstorbenen Frau, die in Nuevo Laredo leben; einer Grenzstadt, die sich in den Händen von Verbrecherkartellen befindet.
Eines Abends gehen seine Tochter Marina und die etwas ältere, mit ihr verwandte Patricia Sigala in Nuevo Laredo zu einem Konzert. Nach dem Konzert verschwinden sie spurlos.
Searle und Patricias Vater Bernardo wenden sich an die Polizei. Dort wird Gonzalo Soler mit dem Fall betraut. Und, im Gegensatz zu anderen Polizisten, legt er den Fall nicht zu den Akten, sondern er ermittelt und findet erste Spuren.
Diesen Teil seiner Noir-Geschichte erzählt Hawken indem er einfach der normalen Ermittlungsroutine folgt. Dank seiner klaren Sprache und der detaillierten Beschreibung der Ermittlungen von Soler und den Gefühlen und Aktionen von Searle und Sigala entsteht schon auf diesen Seiten eine beträchtliche Spannung. Das liegt auch daran, dass Sam Hawken die Gegend und die Menschen gut kennt. Schon seine vorherigen auf Deutsch erschienen Romane „Die toten Frauen von Juárez“ und „Kojoten“ spielen im amerikanisch-mexikanischen Grenzgebiet. Er erzählt seine Kriminalgeschichten vor dem Hintergrund wahrer Ereignisse und Entwicklungen.
Daher ist auch die nächste Entwicklung von „Vermisst“ historisch verbürgt. Das Militär übernimmt die Stadt. 2011 wurde in Nuevo Laredo die gesamte Polizei suspendiert, um sich „Professionalisierungsmaßnahmen und Umschulungen“ zu unterziehen. Drei Jahre später, als Hawken seinen Roman beendete, war die Polizei immer noch suspendiert und die Stadt ein „kriminelles Irrenhaus“ (Hawken).
Währenddessen soll das Militär gegen die Drogenkartelle kämpfen und gleichzeitig die normale Polizeiarbeit übernehmen. Denn, so die Regierung, die Korruption in der Polizei und die Verflechtung zwischen ihnen und den Kartellen verhindere einen erfolgreichen Kampf gegen sie. Dass das Militär keine Ahnung von der normalen Polizeiarbeit hat, ist egal. Soler wird der Fall entzogen. Er wird, wie alle Polizisten, bis zum Ende seiner Überprüfung in den unbezahlten Urlaub geschickt.
Searle engagiert Soler und gemeinsam beginnen sie nach den verschwundenen Mädchen zu suchen.
Diese gemeinsame Suche führt dann zu einem schon im Klappentext angedeuteten blutgetränkten Rachefeldzug von Searle gegen die Verbrecherkartelle, der auch in „Rambo: Last Blood“ gut aufgehoben wäre. Für mein Empfinden kommt Searles Blutrausch, weil nichts in seinen vorherigen Handlungen einen darauf vorbereitet, zu unvermittelt.
Aber das ist nur ein kleiner Einwand gegen einen hochspannenden Thriller, der eine kleine, alltägliche Geschichte mit differenziert und lebensnah gezeichneten Figuren, äußerst detailliert und mit viel gut präsentiertem Hintergrundwissen (in Teilen liest sich „Vermisst“ wie eine gute Zeitungsreportage) präsentiert. Zu Recht wurde „Vermisst“ für den CWA Gold Dagger Award und den CWA Ian Fleming Award nominiert.
Allein schon die Menge von, je nach Zählung, irgendetwas zwischen deutlich über dreißig und knapp unter fünfzig Filmen für das Kino und das Fernsehen in dreizehn Jahren ist beeindruckend. Auch wenn alle diese Filme nur billiger Schund wären. Aber sogar die schwächeren oder unbekannteren Spielfilme von Rainer Werner Fassbinder sind einen Blick wert. Seine allseits bekannten und kanonisierten Filme sowieso.
Daneben inszenierte er mehrere TV-Filme und (Mini-)Serien, die inzwischen auch zu Klassikern wurden. Ich sage nur „Welt am Draht“ und Berlin Alexanderplatz“. „Martha“ nimmt eine interessante Zwischenstellung ein. Ursprünglich war das Noir-Drama als TV-Film geplant und verschwand nach zwei TV-Ausstrahlungen wegen Rechtsstreitigkeiten im Archiv. Als diese geklärt waren, lief der Film im November 1997 in einer restaurierten Fassung im Kino und wurde breit als Meisterwerk rezipiert.
Vor seinen Spielfilmen arbeitete er im; – gut, eigentlich leitete er das Kollektiv betriebene antiteater. Er schrieb die Stücke, inszenierte sie und verfilmte einige dieser Stücke in einer veränderten Form. Seine Texte waren für ihn immer ein work in progress; eine Spielanweisung, die verschieden interpretiert werden konnte. „Katzelmacher“ ist für dieses Vorgehen, aus einem Theaterstück einen Film zu machen, sicher das bekannteste Werk.
Nach dem Ende des antiteaters 1970 arbeitete Fassbinder weiter am Theater. Einige seiner Stücke verfilmte er. Andere wurden von anderen Regisseuren verfilmt. Manchmal wurde nichts aus der geplanten Verfilmung.
Und, als ob das nicht genug wäre, schrieb er auch Stücke, die von anderen Regisseuren inszeniert wurden, und er arbeitete für das Radio. Wobei sein Hörspielwerk überschaubare vier Werke umfasst.
Das ist viel Stoff, der immer noch erforscht und interpretiert werden kann.
In ihrem Sammelband „Rainer Werner Fassbinder Transmedial“ nehmen sich die Herausgeber Werner C. Barg und Michael Töteberg die unbekannteren, nicht kanonisierten und die aus verschiedenen Gründen die Grenzen der verschiedenen Medien überschreitenden Werke vor. Der Sammelband besteht, bis auf eine Ausnahme, auf Vorträgen und Gesprächen, die in der Abteilung Medien- und Kommunikationswissenschaft am Institut für Musik, Medien- und Sprechwissenschaften der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) 2017 und 2018 gehalten wurden.
Nach einem informativen Überblick von Michael Töteberg über die transmedialen Arbeiten von Fassbinder, wie seine Theaterstücke, die Filme wurden und seine Arbeit für das Fernsehen, geht es in den folgenden Aufsätzen um Einzelaspekte bei bestimmten Werken und auch um geplatzte oder von anderen Künstlern vollendete Projekte.
Alexandra Vasa beschäftigt sich mit Schuldverhältnissen in Fassbinders frühen Filmen „Katzelmacher“, „Warum läuft Herr R. Amok?“ und „Händler der vier Jahreszeiten“. Rolf Giesen schreibt über „Adolf und Marlene“. Das anscheinend ziemlich missratene B-Picture über Adolf Hitler und Marlene Dietrich wurde von Fassbinder produziert und von Ulli Lommel („Die Zärtlichkeit der Wölfe“) inszeniert. Michael Töteberg schreibt über Fassbinders Theaterinszenierung von „Bremer Freiheit“, einem von Fassbinder rasch nach historischen Dokumenten niedergeschriebenem Auftragswerk, das zu seinem meistgespieltem Theaterstück wurde. Töteberg beschäftigt sich auch mit Adriana Hölszkys 1988 uraufgeführter Interpretation des Stückes, die andere Akzente setzt. Hans J. Wulff schreibt über Fassbinders Bearbeitung von „Bremer Freiheit“ für das Fernsehen. Christine Ehardt nimmt sich Fassbinders Hörspiele vor. Gerhard Lampe Fassbinders bekannte, textnahe Literaturverfilmung „Fontane Effi Briest“. Werner C. Barg analysiert die ersten Minuten von Fassbinders „Die dritte Generation“. Bianca Dommes ruft die Diskussion um Fassbinders Skandalstück „Der Müll, die Stadt und der Tod“ und Daniel Schmids vergessene Verfilmung „Schatten der Engel“ in Erinnerung. Werner C. Barg nähert sich Fassbinders letztem Film „Querelle“ aus filmphilosophischer Sicht.
Gespräche mit Rolf Giesen und Werner C. Barg (der in seinem Dokumentarfilm „Casting“ Schauspieler Ausschnitte aus Fassbinders „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ sprechen lässt) und eine kommentierte Bibliographie über die in den letzten zwanzig Jahren über Fassbinder und sein Werk erschienenen Texte runden den lesenswerten Sammelband, der sich primär an Fassbinder-Kenner richtet, ab.
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Werner C. Barg/Michael Töteberg (Hrsg.): Rainer Werner Fassbinder Transmedial
Am zweiten Samstag im Mai sollte der zehnte Gratis Comic Tag für viel Leben in den spezialisierten Comicgeschäften, normalen Buchläden und Stadtbüchereien (die Comics nicht verkaufen, aber Bildergeschichten verleihen und auch Veranstaltungen über grafische Literatur machen) sorgen. Aber am 9. Mai 2020 stand das Leben still.
Weil in dem Moment die 700.000 Gratis-Comics schon gedruckt waren und nur noch auf ihre Verteilung an 650 Standorte in Deutschland, Österreich und der Schweiz warteten, war klar, dass es auch dieses Jahr einen Gratis Comic Tag geben wird. Nur wann und in welcher Form war unklar.
Am Ende entschieden die Macher sich für eine Verschiebung des Termins auf den 5. September. An diesem Samstag sollen dann, natürlich unter Beachtung der Hygiene-Auflagen, die Gratis-Comics verteilt werden. Mit begleitenden Aktionen und die Fans dürfen selbstverständlich verkleidet kommen. Dabei sind einige Outfits bekannt-beliebter Comicfiguren, wie Spider-Man, perfekte Kostüme für die Pandemie.
Zum diesjährigen Gratis Comic Tag gibt es 34 verschiedene Hefte, die zeigen, wie vielfältig die Comicwelt ist. Denn Comics sind nicht nur die Bildergeschichten, mit denen man als Kind anfing zu lesen, oder Superheldengeschichten oder, wenn man als Erwachsener wieder einen Comic in die Hand nimmt, „Werner“-Blödeleien (dieses Jahr mit einem Heft dabei). Sondern Comics sind heute auch Geschichten für Erwachsene, die sich mit ihrem Leben beschäftigen. Stilistisch und thematisch ist in der inzwischen schon zehnten Ausgabe des Gratis Comic Tags wieder alles vertreten. Dabei gibt es einige speziell für den Tag zusammengestellte Hefte, einige Hefte, die eine abgeschlossene Geschichte erzählen und für meinen Geschmack zu viele Hefte, die nur den Anfang einer längeren Geschichte erzählen. Sie spekulieren offen darauf, dass das kostenlose Heft zum Kauf der weiteren Hefte führt. Denn, und das ist kein Geheimnis, der Gratis Comic Tag ist auch eine Verkaufsveranstaltung, die Menschen zum Kauf von Comics bewegen soll. In den vergangenen Jahren erzielten die Buchhandlungen an dem Tag hohe Umsätze. Jedes Jahr beteiligten sich mehr Geschäfte und es wurden mehr Hefte gedruckt.
Wer einen Blick auf die Umschläge der 34 Gratis-Hefte wirft, wird viele aus den vorherigen Gratis Comic Tagen bekannte Figuren, Serien und Verlage wieder sehen (selbstverständlich sind die „Horrorschocker“ wieder dabei) und etliche neue Comics und Mangas sehen. Einige, wie der französische Slapstick-Comic „Valerian“ (von René Goscinny und Jean Tabary, die ihren sympathischen Landstreicher durch eine wüste Kriminalgeschichte stolpern lassen) und „Onkel Dagobert und Donald Duck“ (Don Rosas 1987 erschienene Geschichte „Der Sohn der Sonne“ [vielleicht für einige schon keine Kindheitserinnerung mehr]) wecken wohlige Erinnerungen an die Kindheit.
„Blueberry“ ist zwar nicht für Kinder, aber ein Klassiker, der seit über fünfzig Jahren immer wieder neu aufgelegt wird und den guten Ruf des francobelgischen Comics mit begründete. Als Gratis-Comic wird heuer die von Jean ‚Moebius‘ Giraud und Jean-Michael Charlier erzählte Geschichte „Der Sheriff“ präsentiert.
Für Westernfans gibt es außerdem Paolo Eleuteri Serpieris unveröffentlichte Geschichte „Der Bote“. Sie ist Teil der „Serpieri Collection“ und ziemlich düster. Weniger düster ist der erste Auftritt von „Lincoln“. Das liegt aber daran, dass der maulfaule Verbrecher Lincoln in „Auf Teufel komm raus“ ständig schlecht gelaunt ist und Gott und der Teufel mit ihm böse Spiele treiben.
Im Bereich „Comics für Kids“ gibt es außerdem die „Minions“, die von Fußballspieler Cristiano Ronaldo erfundene Serie „Strike Force 7“ (mit dem Fußballer als Helden; naja) und in den Heften „Hallo Justice League“ und „Harley Quinn“ gibt es jeweils drei Leseproben in denen bekannte Superhelden kindgerechte Abenteuer erleben.
Die Superhelden sind auch bei den Erwachsenen vertreten mit „Spider-Man“ (zwei abgeschlossene Geschichten), „Invincible“ (eine neue Serie von „The Walking Dead“-Schöpfer Robert Kirkman) und dem ersten Auftritt der „Teenage Mutant Ninja Turtles“. Der war 1984. Damals waren die Turtles noch kein infantiles Hollywoodabenteuer, sondern tiefster Underground.
Bei den Superhelden gibt es auch bayerische und österreichische Gewächse wie „Tracht Man“ und „Ash Austrian Superheroes“, die für mich dann doch zu sehr in den altbekannten Klamauk gehen, bei dem regionale Befindlichkeiten und Traditionen starkbierig mit Superhelden aufgehübscht werden. Das war mir schon als Jugendlicher zu infantil.
Werke wie das Historienepos „ Die Ilias“ (Teil 1 von 3), „Ein Leben für den Fußball – Die Geschichte von Oskar Rohr“ (ein deutscher Torschützenkönig, der 1932 für den FC Bayern spielte, nach Frankreich ging und später in eine Konzentrationslager interniert wurde; auch hier gibt es leider nur die ersten Seiten) und, ebenfalls nur die ersten Seiten von Pénélope Bagieus Roald-Dahl-Interpretion „Hexen hexen“ sind dann nur der vielversprechende Anfänge.
Auch „Pik As – Die fantastische Detektei“ (die erste Hälfte des ersten Falls, der um die Jahrhundertwende in Paris spielt und in dem eine junge naseweise Frau Detektivin sein möchte und daher mit dem Meisterdetektiv Auguste Dupin ermitteln möchte. Der glaubt allerdings, auf weibliche Hilfe verzichten zu können) und das von Alan Moore initiierte Projekt „Cinema Purgatorio“ fungieren vor allem als Appetitanreger.
Das kann über die höchst vergnügliche „Die Rückkehr auf Land: Das wahre Leben“, in dem Jean-Yves Ferri und Manu Larcenet ihre Stadtflucht humorvoll verarbeiten, nicht gesagt werden. Eine dicke Empfehlung für diesen Comic.
Insgesamt zeigen die 34 Hefte, wie vielfältig die aktuelle Comicwelt ist.
Mitten in einer Oktobernacht erschießt Billy Flynn auf einer einsamen Landstraße im ländlichen Florida den jungen Afroamerikaner Derek Willis. Auf den ersten Blick ist Billys Schusswaffeneinsatz während der Routine-Verkehrskontrolle gerechtfertigt gewesen. Immerhin wollte Willis fliegen, neben der Leiche liegt ein Revolver und im Kofferraum des Autos finden sich in einer Nylontasche weitere Schusswaffen. Außerdem gehört das Auto nicht Willis.
Aber Sara Cross, die frühere Freundin von Billy und, nach Billys Meldung in die Zentrale, erste Beamtin am Tatort, fragt sich trotzdem, ob es wirklich so war, wie Billy erzählt. Immerhin ist der zweiundzwanzigjährige Willis bislang ein unbescholtener Bürger, der brav in Newark, New Jersey, an der Universität studiert und eine Familie gründen will. Cross fragt sich, was Willis auf der einsamen Landstraße so weit weg von seiner Heimat gesucht hat.
Währenddessen beauftragt in Newark der Drogenboss Mikey-Mike den Killer Morgan, ihm sein Geld wieder zu besorgen. Denn in Willis‘ Auto sind neben den Waffen 350.000 Dollar versteckt. Mit dem Geld sollten Drogen bezahlt werden. Morgan soll, wenn er schon in Florida ist, auch gleich Billy und Sara töten. Immerhin sind sie die Polizisten, die als erste am Tatort waren, und damit für den Tod seines Kuriers verantwortlich sind.
Auf dem Cover von „Zum Greifen nah“ steht „Sara-Cross-Krimi“. Das erweckt den Eindruck, dass es sich um den Auftakt einer Serie handelt. Dabei ist „Zum Greifen nah“ ein Einzelroman. Die alleinerziehende Cross ist nur die Protagonistin von diesem Krimi, den Wallace Stroby genauso schnörkellos wie seine vier Romane um die Profieinbrecherin Crissa Stone erzählt. Nur dass dieses Mal, wie man es aus den Romanen von George Pelecanos kennt, Musik und damit verbundene popkulturelle Referenzen eine wichtige Rolle spielen. Besonders Morgan achtet immer auf den richtigen Soundtrack. Die Story selbst läuft, mit kleinen Überraschungen geradlinig auf das finale Duell zwischen Morgan und Sara Cross hinaus.
Bis es dazu kommt, steigt in Hopedale die Mordrate kräftig.
Für die Hardboiled-Fans ist „Zum Greifen nah“ ein echter Pageturner, der für seine Story nicht allzu viele Seiten und Worte benötigt.
Hoffentlich entschließt der Pendragon-Verlag sich noch, die anderen Romane von Wallace Stroby zu übersetzen. Im Moment sind nämlich keine weiteren Übersetzungen geplant. Bis dahin kann man die schon übersetzten Crissa-Stone-Gangsterromane lesen. Die Reihenfolge ist egal. Sie sind als zeitgemäßes, menschliches Update von Richard Starks Parker eine ausgezeichnete, spannende und sehr kurzweilige Lektüre.
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Wallace Stroby: Zum Greifen nah
(übersetzt von Bernd Gockel)
Pendragon, 2020
360 Seiten
18 Euro
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Originalausgabe
Gone ‚til November
Minotaur Books/St. Martin’s Press, 2010
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Die bisherigen Verbrechen des Herrn Stroby
Harry Rane
1. The Barbed-Wire Kiss (2003)
2. The Heartbreak Lounge (2005)
Crissa Stone
1. Kalter Schuss ins Herz (Cold Shot to the Heart, 2011)
2. Geld ist nicht genug (Kings of Midnight, 2012)
3. Fast ein guter Plan (Shoot the Woman First, 2013)
Auf dem Cover wird Ulrike Blatters neues Buch „Töchter des Todes“ „Roman“ genannt und auch im Klappentext steht „Roman“, obwohl es um einen islamistischen Anschlag in dem nah an der Grenze zur Schweiz liegendem Ort Taufingen geht und eine der Töchter der Stadt, die seit kurzem als Kämpferin für den Islamischen Staat aus dem Kalifat hetzerische Videos postet, in den Anschlag verwickelt ist.
Aber dann interessiert die Krimiautorin Blatter sich nicht für den Krimiplot. Den erzählt sie fast ausschließlich über einige, im Roman verstreute Zeitungsartikel. Bei ihr stehen dieses Mal die Menschen im Mittelpunkt der Geschichte, die das Geschehen nur vom Rand beobachten. Aylin, Jordan, Kristina und Stefanie dürfen die Geschichte erzählen. Die fünfte Erzählstimme gehört einer Frau, die Star genannt wird, im Kalifat lebt und von dort flüchten möchte. Wie Stars Geschichte mit den Ereignissen in Taufingen zusammen hängt, wird erst am Ende des Romans deutlich.
Von den Erzählerinnen ist Aylin Hodzic sicherlich die wichtigste Erzählerin. Sie ist die jüngere Schwester von Semina. Ihre Eltern flüchteten in den neunziger Jahren aus Bosnien nach Deutschland. Semina ist nach Aylins Ansicht die am besten angepasste Migrantin, die man sich vorstellen kann. Zum Sozialpädagogikstudium geht sie nach Köln, schließt sich dem Islamischen Staat an, reist in das Kampfgebiet, postet IS-Videos und verübt jetzt, während des Solidaritäts- und Bürgerfest, in Taufingen in der Metzgerei ein Selbstmordattentat. Jedenfalls gehen die Polizei, die Medien und die Öffentlichkeit sofort davon aus. Aylin will dagegen nicht glauben, dass ihre weltliche Schwester zur Terroristin wurde. Aylin hat gerade Abitur gemacht und sich jetzt in den einige Jahre älteren Jordan verliebt. Er ist ihre erste große Liebe.
Jordan studiert Theaterpädagogik und macht ein Praktikum an Aylins Schule. Dort leitet er, nachdem die Leiterin der Theater-AG erkrankte, einen Theaterworkshop zum Thema „Deine Menschenrechte – Meine Träume“. Aylin hilft bei dem Projekt mit.
Kristina ist Aylins Mutter und arbeitet im Kindergarten. Und Stefanie ist die rechte Hand des Baudezernenten. Sie ist schon seit Ewigkeiten mit Kristina und ihrer Familie befreundet. Außerdem ist Aylin die Babysitterin von ihrem Sohn Tim.
Durch sie und ihr Umfeld entsteht ein Porträt des linksliberalen Bürgertums von Taufingen, ihren Befindlichkeiten und Problemen. Und des Lebens in einer sehr gewöhnlichen Kleinstadt und wie sich durch von außen kommende Ereignisse und Stimmungen verändert. Den Fortgang der Ermittlungen erfahren sie (und wir) aus der Zeitung.
„Töchter des Todes“ ist ein Kleinstadtporträt, das den Thrillerplot als MacGuffin benutzt, und davon erzählt, welche Auswirkungen ein Verdacht auf die Familie und die Bekannten der Täterin haben kann. Diese ist in „Töchter des Todes“, abgesehen von kryptischen Textnachrichten abwesend. Die von Blatter gewählte Perspektive, die genaugenommen eine Komposition aus fünf Ich-Erzähler*innen ist, eröffnet einen neue Sicht auf eine vertraute Geschichte.
Und, ja, am Ende gibt es einige Überraschungen. Denn der Gesellschaftsroman ist auch ein Kriminalroman; nur halt kein Kriminalroman im vertrauten „Tatort“-Format. Und das ist gut so.