Buchkritik/DVD-Kritik: „Ein Abenteuer in Raum und Zeit“ erlebt der erste Doctor Who – und es gibt „11 Doktoren – 11 Geschichten“

September 29, 2014

Als vor über fünfzig Jahren die erste Episode von „Doctor Who“ an einem Samstagnachmittag im BBC ausgestrahlt wurde, war es nur ein halbstündiges Überbrückungsprogramm, das Kindern und Erwachsenen gefallen sollte. Schnell wurde der Doktor ein Kult, den die BBC letztes Jahr zu einem umfassendem Jubiläumsprogramm inspirierte, das es inzwischen auch teilweise bei uns gibt.
In Deutschland war „Doctor Who“ bis vor kurzem, weil die Science-Fiction-TV-Serie mit den verschiedenen Reinkarnationen des Doktors (vulgo Schauspielerwechseln) bei uns erst 1989 auf RTLplus teilweise gezeigt wurde und weil nur einige Romane mit dem Doktor vor langer, langer Zeit übersetzt wurden, höchstens ein Nischenphänomen. Das änderte sich in den vergangenen Jahren, in denen „Doktor Who“, nach einer mit Büchern, Hörspielen und Einzelfilmen gut gefüllten TV-Pause von 1989 bis 2005, von einer halbstündigen TV-Serie auf 45 Minuten verlängert und zu einem weltweitem kulturellem Ereignis wurde, das von der BBC inzwischen auch mit viel TamTam zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit zelebriert wird.
Ein Teil des 2013er Jubiläums ist der fünfhundert Seiten starke Sammelband „Doctor Who: 11 Doktoren – 11 Geschichten“, für den bekannte Autoren längere Kurzgeschichten schrieben, und der Spielfilm „Ein Abenteuer in Raum und Zeit“, der erzählt, wie die Geschichte von „Doctor Who“ begann.
Der für den Hugo nominierte Spielfilm erzählt in pointierten Szenen die Geschichte des ersten „Doctor Who“ von der ersten Idee über die Produktion und den Aufstieg von einer Pausenfüllersendung, die am 23. November 1963 erstmals gezeigt wurde, wegen der Ermordung von John F. Kennedy am 22. November fast sofort wieder gecancelt worden wäre, schnell zu einer beliebten Show wurde, bis zum Ausstieg von William Hartnell, dem Darsteller des ersten „Doctor Who“, aus der arbeitsintensiven Serie.
Autor Mark Gatiss („Sherlock“) und Regisseur Terry McDonough („Breaking Bad“, „The Gates“) erzählen das als vergnügliche Zeitreise, die allerdings eher an eine gute Reportage erinnert und einen ebenso pointierten, wie liebevollen Blick in die Welt des Fernsehens vor einem halben Jahrhundert wirft, als die Schauspieler die Serienfolge zuerst ausführlich probten und dann quasi live einspielten, als Frauen Sekretärinnen waren, aber BBC-Drama-Chef Sydney Newman einfach seine Assistentin Verity Lambert (die danach eine lange, erfolgreiche Karriere hatte) zur Produzentin ernannte und ein alternder Schauspieler zunächst mit seiner Rolle, die er als unter seiner Würde ansah, haderte und später den Ruhm genoss. Dass der 1975 verstorbene William Hartnell, als er den Doktor erstmals spielte 54 Jahre war, während David Bradley, der ihn im Film spielt, bereits 71 Jahre ist, sei hier nur als Randnotiz erwähnt.
Das Bonusmaterial ist mit einer knappen halben Stunde sehr knapp ausgefallen. Es besteht vor allem aus geschnittenen Szenen und zwei Featurettes. Eines über William Hartnell, eines über „Ein Abenteuer in Raum und Zeit“, die beide informativ, aber auch sehr kurz ausgefallen sind.
Bei Cross-Cult erschien der Sammelband „Doctor Who: 11 Autoren – 11 Geschichten“, in dem elf Autoren jeweils eine neue, etwa vierzigseitige Kurzgeschichte mit einem der Doktoren erzählen. Er ist ein Time Lord von Gallifrey, der in einer Polizei-Notrufzelle (die TARDIS) durch Raum und Zeit reist und mit nimmermüder Neugierde oft haarsträubende Abenteuer erlebt und der Probleme vor allem mit seiner Cleverness löst. Die kanonischen und damit wichtigen Inkarnationen des Doktors sind:
Erster Doktor: William Hartnell (1963–1966)
Zweiter Doktor: Patrick Troughton (1966–1969)
Dritter Doktor: Jon Pertwee (1970–1974)
Vierter Doktor: Tom Baker (1974–1981)
Fünfter Doktor: Peter Davison (1981–1984)
Sechster Doktor: Colin Baker (1984–1986)
Siebter Doktor: Sylvester McCoy (1987–1989)
Achter Doktor: Paul McGann (Fernsehsonderausstrahlung, 1996)
Neunter Doktor: Christopher Eccleston (2005)
Zehnter Doktor: David Tennant (2005–2010)
Elfter Doktor: Matt Smith (2010−2013)
Zwölfter Doktor: Peter Capaldi (ab 2013, daher nicht mehr in dem Buch verewigt)
und dann gibt es noch einige Inkarnationen, die zu kurz lebten, um in den „Doctor Who“-Kanon aufgenommen wurden.
Die Geschichten in dem Sammelband sind von Eoin Colfer, Michael Scott, Marcus Sedgwick, Philip Reeve, Patrick Ness, Richelle Mead, Malorie Blackman, Alex Scarrow, Charlie Higson, Derek Landy und Neil Gaiman. Einige der Autoren sind ja auch bei uns bekannt.
Sie erzählen vor allem actionreiche und fast immer witzige Abenteuer, die teils auf der Erde in verschiedenen Jahrhunderten und auf fremden Planeten mit sehr seltsamen Lebewesen spielen. So landet der Doktor mit seiner Begleiterin (die auch mit den Doktoren wechselten) auf einem Spukplaneten, der wie eine Version von einem „Die Rätselsucher“-Jugendkrimi aussieht. Jetzt muss der Doktor gegen eine erfundene Welt, die es nicht geben dürfte, kämpfen (Das Geheimnis des Spukhauses). Er trifft auf freundliche Daleks. Dabei wollen die Daleks immer nur alles zerstören (Wellen am Strand). Er muss sich mit den Kin auseinandersetzen, die aus ihrem Gefängnis entkommen konnten und die Erde entvölkern wollen. Ganz legal und mit viel Geld (Kein Uhr). In der Wüste von Nevada kämpft er gegen außerirdische Lebewesen, die die Erde bevölkern wollen und dafür innerhalb kürzester Zeit alles Leben zerstören, wenn nicht eine Frage, die Intelligenz beweist, richtig beantwortet wird (Die Spore). 1968 fällt ihm in London das Necronomicon in die Hände, und das ist kein guter Fund (Die namenlose Stadt). Um einen Physikalischen Temporalnexus („Äußerst gefährliche Dinger.“) an einen ungefährlichen Ort zu befördern, muss er zu den Wikingern reisen. Der Doktor und seine Begleiterin Jo geraten natürlich gleich in eine Schlacht (Der Speer des Schicksals). Er landet auf einem Baumplaneten, auf dem die Bewohner ihn seit Ewigkeiten erwarteten, um ihn zu töten. Da hilft auch seine angeborene Freundlichkeit nicht weiter (Die Wurzeln des Bösen). Er besucht auf dem Planeten Koturia, der wie Las Vegas aussieht, eine Hochzeit und muss gegen die Rani, eine extrem bösartige Frau, kämpfen (Etwas Geliehenes).
Ich kann zwar nicht beurteilen, ob die elf Autoren die elf Doktoren zutroffen beschreiben, aber mir haben die elf Geschichten durchgehend gut bis sehr gut gefallen. Es sind kurze Abenteuergeschichten, bei denen vor allem die ewige Neugierde und Erfahrung des Doktors, der schon einige Jahrhunderte auf dem Buckel hat, gefallen und sie haben eine verführerische Ich-lese-noch-eine-Geschichte-Länge.

Ein Abenteuer in Raum und Zeit - DVD-Cover - 4
Ein Abenteuer in Raum und Zeit (An Adventure in Space and Time, Großbritannien 2013)
Regie: Terry McDonough
Drehbuch: Mark Gatiss
mit David Bradley, Jessica Raine, Sacha Dhawan, Brian Cox, Claudia Grant

DVD
Polyband
Bild: 1,78:1 (16:9)
Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch, Englisch
Bonusmaterial: William Hartnell: Der erste Doktor; Making of, Originalausschnitte von „An unearthly Child“, „Regeneration“, „Abschied von Susan“, „Weihachtsgrüße“, Titelvorspann, Deleted Scenes, Wendecover mit Retro-Cover, 8-seitiges Booklet
Länge: 83 Minuten
FSK: ab 0 Jahre

Doctor Who - 11 Doktoren 11 Geschichten

Doctor Who: 11 Autoren – 11 Geschichten
(verschiedene Übersetzer)
Cross-Cult, 2014
528 Seiten
16,80 Euro

Originalausgabe
Doctor Who – 11 Doctors 11 Stories
Puffin Books, 2013

Hinweise

BBC über „Doctor Who“ (englisch, deutsch)

Wikipedia über „Doctor Who“ (deutsch, englisch)

BBC-YouTube-“Doctor Who“-Kanal (zum Abtauchen in den Strudel jenseits von Raum und Zeit)

Meine Besprechung von Stephen Baxters „Doctor Who: Rad aus Eis“ (Dcotor Who: The Wheel of Ice, 2012)


„I got Rhythm“ – die Comic-Biographie von Coco Schumann

September 22, 2014

Vor wenigen Wochen, am 14. Mai, feierte Coco Schumann seinen neunzigsten Geburtstag, was keine große Meldung wäre, wenn Schumann nicht Berliner (immerhin halten die Berliner sich dank Geburt für den Nabel des Universums), Musiker und Jude wäre. Genaugenommen Halbjude oder in der Nazi-Sprache „Geltungsjude“, weshalb er dann auch im KZ landete.
Davor, wie der schöne, aber auch etwas didaktische Comic „I got Rhythm – Das Leben der Jazzlegende Coco Schumann“ von Autorin Caroline Gille und Zeichner Niels Schröder zeigt, war er ein typischer Berliner Junge, dem vor allem die Musik in den Vergnügungslokalen gefiel und weil er schon früh seine Liebe zur Musik entdeckte, spielte er als Gitarrist in etlichen Bands mit. Beim Alter schwindelte er oft. Und nach 1933 auch bei seiner Herkunft.
1943 kam er nach Theresienstadt, dem Propaganda-KZ, in dem jüdische Künstler arbeiteten und für ausländische Besucher und den Film „Theresienstadt – Ein Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet“ (auch bekannt als „Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“) immer wieder eine Charade aufgezogen wurde. Schumann war auch Mitglied der „Ghetto Swingers“, die für Gäste gute Laune verbreiten durften. 1944 kam er dann nach Auschwitz.
Diese Jahre, über die Coco Schumann lange nicht sprach, stehen auch im Zentrum von „I got Rhythm“. Sein Leben nach dem Krieg wird dann eher flott abgehandelt: er heiratete Gertraud Goldschmidt, die ebenfalls im KZ war, sie zogen 1950 nach Australien und 1954 wieder zurück nach Berlin. Während seines ganzen Lebens war Schumann Musiker, Jazzgitarrist mit einer Liebe zum Swing, der aber Unterhaltungsmusik spielte, unter anderem zusammen mit Helmut Zacharias. Also die Schlager der fünfziger und sechziger Jahre, die nichts mit den heutigen Schlagern zu tun haben. Er begleitete auch verschiedene US-Stars bei ihren Berlin-Konzerten, wie Dizzy Gillespie und Louis Armstrong, und in dem Heinz-Erhardt-Film „Witwer mit fünf Töchtern“ war er auch dabei.
Einem jüngeren Publikum wurde er 1997 bekannt, als er seine Biographie „Der Ghetto-Swinger“ und Trikont mehrere CDs unter seinem Namen veröffentlichte.
Caroline Gille und Niels Schröder erzählen dieses Leben in ihrem Comic chronologisch nach. Die Panels sind Aquarelle, die gelungen die Atmosphäre der Geschichte wiedergeben. Der Text liest sich weitgehend wie eine mit historischen Fakten angereichterter Lexikonartikel, weshalb der Comic auch gut in der Schule oder der Bildungsarbeit eingesetzt werden kann.
Das ist deutlich braver als Will Eisners biographischer Comic „Zum Herzen des Sturms“ (To the Heart of the Storm, 1992) oder Art Spiegelmans „Maus – Die Geschichte eines Überlebenden“ (Maus – A Survivor’s Tale, 1991), die sich ebenfalls mit Fragen jüdischer Identität und dem Nationalsozialismus befassen.
Aber „Ghetto-Swinger“ Coco Schumann war auch nie ein Konventionen umstürzender Musiker. Insofern ist die Beschreibung „Jazzlegende“ doch arg hoch gegriffen und „I got Rhythm“ reflektiert treffend Coco Schumanns musikalisches Ideal.

Gille - Schröder - I got Rhythm - 2

Caroline Gille/Niels Schröder: I got Rhythm – Das Leben der Jazzlegende Coco Schumann
be.bra Verlag, 2014
160 Seiten
19,95 Euro

Hinweise

Homepage von Niels Schröder (Informatives zum Comic)

be.bra verlag über „I got Rhythm“

Trikont über Coco Schumann (viel Material)

Wikipedia über Coco Schumann


Neu im Kino/Filmkritik: Der Noir geht weiter: „Sin City 2: A Dame to kill for“

September 18, 2014

Dass der zweite „Sin City“-Film nicht mehr den Überraschungseffekt des ersten „Sin City“-Films hat, dürfte niemand überraschen. Denn als das Gemeinschaftswerk von Regisseur Robert Rodriguez und Comicautor und Zeichner Frank Miller, dessen Hollywood-Erfahrungen bis dahin eher ernüchternd waren und Rodriguez ihn mit dem Versprechen der absoluten Werktreue überzeugte, in die Kinos kam, war das im Kino absolut neu. Sie übertrugen Frank Millers formal sehr experimentellen in Schwarz und Weiß gehaltene „Sin City“-Comics, die sich lustvoll und gelungen durch die bekannten Noir- und Hardboiled-Klischees pflügten, Eins-zu-Eins auf die große Leinwand. Auch der Film war Schwarz-Weiß, mit wenigen Farbtupfern. Die Bilder wurden immer wieder zu abstrakten und stilisierten Montagen, teils auch zu Schattenrissen. Und weil die Schauspieler, eine beeindruckende Schar bekannter Gesichter, meistens vor einem Green Screen agierten, konnten später Stadtlandschaften und Räume hinzugefügt werden, die zwischen hyperreal und abstrakt schwankten. Und die Kamera musste sich wirklich nicht um die normalen Begrenzungen kümmern. In der von Frank Miller und Robert Rodriguez gedrehten Kinofassung verbanden sie in „Pulp Fiction“-Manier mehrere „Sin City“-Geschichten zu einem Film, der bei der Kritik, dem Publikum und den Comicfans gut ankam. Ein Klassiker, ein Kultfilm und eine der wirklich bahnbrechenden Comicverfilmungen.
Seitdem wurde über einen zweiten „Sin City“-Film gesprochen. Genug Geschichten waren vorhanden. Bei uns sind alle von Frank Miller geschriebenen „Sin City“-Geschichten bei Cross-Cult in sieben Büchern veröffentlicht worden. Die Namensliste der jetzt beim zweiten „Sin City“-Film beteiligten Schauspieler ist, wieder einmal, beeindruckend. Mickey Rourke, Jessica Alba, Josh Brolin, Joseph Gordon-Levitt, Rosario Dawson, Bruce Willis, Eva Green, Powers Boothe, Dennis Haysbert, Ray Liotta, Christopher Meloni, Jeremy Piven, Christopher Lloyd, Jamie King, Juno Temple, Stacy Keach, Marton Csokas, Jude Ciccolella, Jamie Chung, Julia Garner, Lady Gaga und Alexa Vega sind dabei. Das liest sich nach einem gelungen Mix aus aus dem ersten Film bekannten Gesichtern und neuen Charakteren. Die ersten Bilder aus dem Film hätte man auch als Promo-Bilder für den ersten „Sin City“-Film veröffentlichen können. Und dass Frank Millers Ruf in den vergangenen Jahren arg gelitten hat – geschenkt. Immerhin sollten ja ältere Werke von ihm verfilmt werden und Robert Rodriguez war ja auch dabei.
Entsprechend hoch waren die Erwartungen, die ziemlich umfassend enttäuscht werden. Unter anderem weil „Sin City 2: A Dame to kill for“ auf den ersten Blick wie „Sin City“ aussieht. Wieder SW, wieder mit einer Armada bekannter Namen, wieder wurde vor dem Green Screen gedreht.
Wobei das schon ein Problem des Films ist. Denn jetzt wurde nur noch vor dem Green Screen gedreht. Die Schauspieler hatten, außer Minimal-Requisiten wie einem Stuhl und einem Tisch, überhaupt keine Requisiten mehr. Im Endeffekt spielten sie in einer leeren Halle. Oft entstanden ihre gemeinsamen Szenen auch an verschiedenen Tagen und wurden dann im Schneideraum zusammengefügt. So gelungen das auf technischer Ebene ist, so leblos wirkt dann auch der gesamte Film, der fast ausschließlich am Computer entstand.
Das zweite Problem ist das nervige 3D. Denn, wie in Millers Comics, wird viel mit irrationalen Noir-Perspektiven gespielt, die in 3D noch extremer ausfallen. Dazu kommt der Regen (es regnet immer in Sin City) und das hohe Schnitttempo, das, in Verbindung mit 3D, eher für Verwirrung sorgt.
Vor allem weil Rodriguez und Miller wie kleine Kinder möglichst viel, gerne auch gleichzeitig ausprobieren wollen, wozu auch Spielereien mit Farben gehören. Das erinnert dann eher an einen Jahrmarktbesuch, auf dem einem nacheinander, sehr beliebig und marktschreierisch die verschiedenen Attraktionen angeboten werden.
Wieviel gelungener war dagegen Tim Burtons ebenfalls in SW gedrehter Stop-Motion-Film „Frankenweenie“. Er setzte 3D sehr überlegt ein und die Charaktere wurden auch alle lebendig. Im Gegensatz zu den „Sin City“-Pappkameraden, die alle fest in ihren Klischees stecken bleiben.
Dazu kam die fatale Entscheidung, die Geschichten hintereinander zu erzählen. Dabei nimmt die titelgebende Hauptgeschichte „A Dame to kill for“ (die der grandiosen Comicvorlage ziemlich genau folgt) die meiste Filmzeit in Anspruch. Vor dieser Geschichte werden mehrere „Sin City“-Charaktere knapp eingeführt und wir erleben „Just another Saturday Night“ mir Marv (Mickey Rourke), die mit einigen Leichen endet. Nach der tödlichen Dame gibt es noch die deutlich kürzeren Geschichten „The long, bad Night“ (über einen Spieler, der sich den falschen Gegner aussucht) und „Nancy’s last Dance“ (über Nancys Rache an dem Verantwortlichem für Hartigans Tod). Beide Stories schrieb Frank Miller extra für den Film. Formal zeigen uns Rodriguez und Miller daher, in dieser Reihenfolge, eine Kurzgeschichte, einen Roman, zwei Kurzgeschichten bzw. Subplot, Hauptplot, Subplot, Subplot. Emotional ist der Film allerdings mit dem Ende der „A Dame to kill for“-Geschichte zu Ende. Danach gibt es noch zwei Nachschläge, die man eher gelangweilt verfolgt, weil man sich für keinen der Charaktere interessiert. Auch weil man sich in dem Moment schon daran gewöhnt hat, dass jeder Charakter, dem auch nur etwas Individualität gestattet wird, eine sehr überschaubare Restlebenszeit hat.
Die Hauptgeschichte „A Dame to kill for“ ist dabei als typische Noir-Geschichte gar nicht so schlecht. Dwight McCarthy (Josh Brolin) arbeitet als Privatdetektiv und er hat ein Problem mit seinem Temperament. Da meldet sich seine frühere Freundin Ava Lord (Eva Green), die ihn für den reichsten Mann der Stadt verlassen hat, wieder bei ihm. Die Femme Fatale benutzt Männer wie Spüllappen, weshalb Dwight auch nichts mehr mit ihr zu tun haben will. Aber er verfällt ihr wieder. Er glaubt ihr, dass sie von ihrem Mann Damien gefangen gehalten will. Als er sie befreien will, endet die Aktion mit Damiens Tod. Er selbst kann, angeschossen von Ava, schwer verletzt entkommen. Der Polizei erzählt Ava eine Lügengeschichte, die ihn zum Mörder und Psychopathen macht. Während Dwight seine Wunden leckt, becirct Ava den grundehrlichen ermittelnden Polizisten Mort (Christopher Meloni). Er soll Dwight umbringen.
„Sin City 2: A Dame to kill for“ ist ein ziemlich überflüssiger Nachschlag zu „Sin City“, der dem Original nichts Neues hinzufügt und mindestens acht Jahre zu spät kommt. Jedenfalls erscheint die Noir-Atmosphäre hier nur noch als ein liebloses, aus der Zeit gefallenes und unentschlossenes Abspulen der bekannten Klischees mit viel Sex und Gewalt. Beides eher lustlos, aber exzessiv präsentiert.

Sin City 2 - Plakat

Sin City 2: A Dame to kill for (Frank Miller’s Sin City: A Dame to kill for, USA 2014)
Regie: Frank Miller, Robert Rodriguez
Drehbuch: Frank Miller
LV: Frank Miller: Sin City: A Dame to kill for, 1993/1994 (Sin City: Eine Braut, für die man mordet)
mit Mickey Rourke, Jessica Alba, Josh Brolin, Joseph Gordon-Levitt, Rosario Dawson, Bruce Willis, Eva Green, Powers Boothe, Dennis Haysbert, Ray Liotta, Christopher Meloni, Jeremy Piven, Christopher Lloyd, Jamie King, Juno Temple, Stacy Keach, Marton Csokas, Jude Ciccolella, Jamie Chung, Julia Garner, Lady Gaga, Alexa Vega
Länge: 102 Minuten
FSK: ab 18 Jahre

Die Vorlage
Zum Filmstart veröffentlichte Cross-Cult die mit dem Eisner-Award ausgezeichnete Hauptgeschichte des Films in einer günstigen Ausgabe, die ein guter Einstieg in Frank Millers „Sin City“-Kosmos ist.

Miller - Sin City 2 - Eine Braut für die man mordet - Filmedition
Frank Miller: Sin City: Eine Braut, für die man mordet
(übersetzt von Karlheinz Borchert, Paul Scholz und Lutz Göllner)
Cross-Cult, 2014
224 Seiten
10 Euro

Originalausgabe
Sin City: A Dame to kill for
Dark Horse, 1993/1994

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Sin City: A Dame to kill for“
Moviepilot über „Sin City: A Dame to kill for“
Metacritic über „Sin City: A Dame to kill for“
Rotten Tomatoes über „Sin City: A Dame to kill for“
Wikipedia über „Sin City: A Dame to kill for“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Frank Miller/Geoff Darrows „Hard Boiled“ (Hard Boiled, 1990/1992)

Meine Besprechung von Frank Miller/Dave Gibbons’ “Martha Washington – Ein amerikanischer Traum (Band 1)” (Give me liberty, 1990)

Meine Besprechung von Frank Miller/Jim Lee/Scott Williams’ “All-Star Batman” (All Star Batman & Robin: The Boy Wonder, 2005 – 2008)

Meine Besprechung von Frank Millers “Holy Terror” (Holy Terror, 2011)

Meine Besprechung von Robert Rodriguez‘ „Machete Kills“ (Machete Kills, USA 2013)

Ein Gespräch mit Frank Miller über den Film

Das Comic-Con-Panel mit den Regisseuren und einigen Schauspielern

Die Pressekonferenz vom 3. August 2014 in Los Angeles


„Die Entdeckung Deutschlands“ in einem ganz alten Science-Fiction-Film

September 15, 2014

Lange - Die Entdeckung Deutschlands

Das ist jetzt ein bisschen wie früher, als man spannende Texte über Filme las, die man spätestens danach unbedingt sehen wollte, aber aus verschiedenen Gründen nicht sehen konnte. Meistens war es eine Mischung aus im Kino läuft der Film nicht mehr, im Fernsehen läuft er auch nicht und auf Video gibt dieses obskure Zeug sowieso nicht.
Auch „Die Entdeckung Deutschlands durch die Marsbewohner“ kann man sich nicht ansehen. Es ist einer der vielen verschwundenen Stummfilme. Es scheint auch kein wirklich großartiger Film gewesen zu sein, aber, wie Britta Lange in ihrem Essay „Die Entdeckung Deutschlands – Science-Fiction als Propaganda“ überzeugend zeigt, ist es ein durchaus wichtiger Film, der heute auch wegen seiner historischen Aufnahmen sehenswert wäre. Es wurde in München, Berlin und in Fabriken, die Kriegsgerät herstellten, wie der optischen Fabrik von Karl Zeiß in Jena, der Daimler Motorengesellschaft, der Werft der Aktiengesellschaft Weser und dem Martinstahlwerk von Friedrich Krupp in Essen, gedreht. Die ursprüngliche Länge, genehmigt durch die Berliner Polizeizensur, betrug 1729 Meter.
Heute gibt es in verschiedenen Filmarchiven nur noch einige Fragmente, Bilder und Texte zum und über den Film. Einiges von dem Material ist auch in Langes Buch abgedruckt.
„Die Entdeckung Deutschlands durch die Marsbewoher“ entstand 1916 unter der Regie von Georg Jacoby und Richard Otto Frankfurter. Es war der erste deutsche Propagandafilm, der vor allem zeigen sollte, dass Deutschland, entgegen den Behauptungen der anderen Kriegsparteien nicht unter dem Krieg leidet. Aber wie kann man diese Botschaft vor allem im Ausland glaubwürdig verbreiten? Ein deutscher Journalist oder ein Beobachter aus einem befreundeten Staat wäre parteiisch. Ein Beobachter aus einem verfeindetem Land wäre als neutraler Berichterstatter ebenso unglaubwürdig. Also wurde ein Besuch einer Delegation vom Mars erfunden, die herausfinden soll, ob die Meldungen, dass Deutschland kurz vor dem Zusammenbruch stehe und die Bevölkerung demoralisiert sei und hungere, stimmen.
Nun, die Marsianer erleben ein Deutschland, in dem alles paradiesisch ist.
Britta Lange, Wissenschaftlerin am Institut für Kulturwissenschaft der Humboldt-Universit#t Berlin, analysiert in ihrem Essay „Die Entdeckung Deutschlands – Science-Fiction als Propaganda“ vor allem die Konstruktion der Filmgeschichte, wie Propaganda im Gewand von Science-Fiction in diesem Film funktioniert, die historischen Hintergründe der Produktion, die Wirkung des Films und den Umgang mit Propaganda. Denn die Marsianer glauben nicht einfach, was die Medien verbreiten, sondern sie gehen zum Ort des Geschehens. Sie versuchen sich ein eigenes Bild von den Fakten zu machen, die – was natürlich eine schöne Wendung ist – so selbst für propagandistische Zwecke verwandt werden.

Britta Lange: Die Entdeckung Deutschlands – Science-Fiction als Propaganda
(Filit Band 13)
Verbrecher Verlag, 2014
112 Seiten
14 Euro


„Das Ende der Sicherheit“ ist das Ende des rationalen Diskurses

September 9, 2014

Solms-Laubach - Das Ende der Sicherheit - 2

„Das Ende der Sicherheit – Warum die Polizei uns nicht mehr schützen kann“ von Franz Solms-Laubach ist ein absolut ärgerliches Buch und, das mag jetzt etwas hart klingen, aber ich werde es noch begründen, ein Fall für die Mülltonne. Es ist einfach die „Bild“-Zeitung zwischen zwei Buchdeckeln. Der Autor ist „Bild“-Journalist, die Hauptquellen sind, neben der Polizeilichen Kriminalstatistik, vor allem das Artikelarchiv von „Bild“ und, deutlich weniger, „B. Z.“ und „Berliner Morgenpost“ (das Werk ist eh arg Berlin-lastig) und Rainer Wendt (Vorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft – DPolG), Oliver Malchow (Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei – GdP) und André Schulz (Vorsitzender des Bund deutscher Kriminalbeamter – BdK).
Oh, und Politiker, die zu einer der beiden C-Parteien gehören. Meist der CSU. Es kann auch sein, dass einmal ein SPDler etwas zitierfähiges sagte. Aber das lag dann auf CSU-Linie oder diente als schlechtes Beispiel.
Entsprechend einseitig ist „Das Ende der Sicherheit – Warum die Polizei uns nicht mehr beschützen kann“. Denn Solms-Laubauch sieht überall Bedrohungen für die Sicherheit, wie die steigende Kriminalität von Jugendlichen, von Alten, von Terroristen, Extremisten und, selbstverständlich, Ausländern und aus dem Internet. Und er hat darauf eine Antwort: mehr Polizei. Damit ist auch das „Warum die Polizei uns nicht mehr beschützen kann“ beantwortet: Personaleinsparungen.
Nun, es stimmt, dass bei der Polizei gespart wird. Wie auch in Kindergärten, Schulen, Universitäten, Bibliotheken, Theatern und im Sozialen.
Es stimmt auch – obwohl Solms-Laubach das nicht erwähnt -, dass die Ausstattung der Polizei nicht optimal ist. Ich meine jetzt nicht irgendwelchen Hightech-Kram, Body-Scanner und Taser (vulgo Elektroschockpistolen für jeden), sondern Dinge wie Funk, Pistolen (yeah, nicht jede Dienstwaffe ist das neueste Modell), Fahrzeuge (einige Autos haben schon einige Jahre auf dem Buckel), Computer in den Diensträumen (für Schreibarbeiten) und, ganz wichtig, Fortbildungen und Trainings. Denn die beste Waffe nützt nichts, wenn der Beamte sie nicht bedienen kann.
Aber mit der Aus- und Fortbildung der Polizisten beschäftigt Solms-Laubach sich überhaupt nicht.
Außerdem ist die von Solms-Laubach gegebene Antwort „mehr Polizisten, mehr Sicherheit“ Unfug. Denn nur mit „mehr Polizei“ wird es – außer man will einen Polizeistaat mit Uniformträgern an jeder Ecke – niemals für eine sichere Gesellschaft, die auch eine lebenswerte Gesellschaft sein, reichen.
Wenn wir, auch wenn es schwer fällt, die ideologische Komponente von Solms-Laubachs Antwort ignorieren, fällt durch das gesamte Buch auf, wie selektiv Solms-Laubauch Daten benutzt und wie oft er Dinge weglässt. Dafür finden sich auf jeder Seite Beispiele. Ganz links liegen lässt er alle Erklärungen für Verbrechen und die verschiedenen Lösungsansätze, wie die alte, immer noch zutreffende Erkenntnis, dass eine gute Sozialpolitik die beste Verbrechensprävention ist. Dazu gehört auch ein gutes Schulsystem. Denn Bildung verhindert Verbrechen. Jedenfalls die von Solms-Laubach als so bedrohlich hingestellte Kriminalität. Über Wirtschaftskriminalität, die Weiße-Kragen-Kriminalität, die auch laut der Polizeilichen Kriminalstatistik (die hier einen sehr konservativen Ansatz bei der Schadensberechnung verfolgt) enorme Kosten verursacht, sagt er nichts. Denn bei ihm ist ein Wohnungseinbruch schlimmer als ein kompletter Vermögungsverlust durch eine betrügerische Geldanlage.
Werfen wir also, weil auf jeder Seite Mumpitz steht, ohne einen Anspruch auf Vollständigkeit, einen Blick auf die von Solms-Laubach angeführten Beispiele und Behauptungen. Denn: „Nur wer die Fakten kennt, ist auch in der Lage, die vorhandenen Lösungsvorschläge einzuordnen.“ (Solms-Laubach, Seite 11)

 

Die Prämisse ist falsch

 

Solms-Laubach behauptet, dass das Verbrechen zunimmt und vertieft sich dafür in die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS). In ihr listet die Polizei auf, welche Fälle sie im vergangenen Kalenderjahr bearbeitete. Es ist also ein Arbeitsnachweis, der aus Anzeigen von Betroffenen und eigenen Ermittlungen (vor allem im Bereich Drogendelikte, die durch Razzien aufgeplustert werden) besteht. Es gibt auch die Verstöße gegen das Ausländerrecht, was oft ein Verstoß gegen die Residenzpflicht (also das Verlassen eines Landkreises) ist, und die ein reines Kontrolldelikt ist. Es gibt auch ein Dunkelfeld (über das wegen der in Deutschland fehlenden Dunkelfeldforschung wenig bekannt ist), veränderte Gesetze und Erfassungskriterien. So ist „Häusliche Gewalt“ ein eher neues Delikt. Bis vor einigen Jahren war zum Beispiel die Vergewaltigung in der Ehe nicht strafbar. Homosexualität dagegen schon. Es gibt auch ein verändertes Anzeigenverhalten. So wurde früher eine Vergewaltigung oder eine Dorfschlägerei nicht angezeigt. Und manchmal gibt es auch veränderte Anweisungen von den Arbeitgebern. Dann muss jede Schulhofklopperei angezeigt werden und – Überraschung! – bestimmte Fallzahlen gehen nach oben. Das muss man wissen, wenn man sich die PKS ansieht. Das wird auch in der PKS erklärt und dass die PKS bestimmte Einschränkungen hat, hätte Solms-Laubach erwähnen müssen. Dann ist sie immer noch, wie jede Statistik, ein sinnvolles Arbeitsmittel. Vor allem wenn man sich eine Zeitreihe, also die Entwicklung über viele Jahre, ansieht. Die PKS ist, wenn sie mit anderen Statistiken verknüpft wird, auch zur Kriminalitätsbekämpfung ein viel sinnvolleres Instrument als das von Solms-Laubach so oft beschworene „subjektive Sicherheitsgefühl“, nach dem sich nach seiner Meinung die Kriminalitätspolitik ausrichten sollte. Denn dieses Gefühl basiert vor allem auf sensationsheischenden Boulevard-Berichten.
„Bild“-Journalist Solms-Laubach veranstaltet im ersten Kapitel „Wo stehen wir gerade?“ (Seite 15 – 92) PKS-Zahlenvoodoo, indem er über Seiten einige Delikte ausbreitet, sich auf die letzten beiden Jahre konzentriert und versucht, aus den minimalen Veränderungen irgendetwas zu schließen. Wobei er immer schließt, dass das Verbrechen zunimmt. Denn er behauptett: „die Kriminalität wird zunehmen“.
Nach der PKS ist das Quatsch. Denn laut der PKS gab es
1993: 6.750.613 Fälle
1999: 6.302.316 Fälle.
2013: 5.961.662 Fälle beziehungsweise „Straftaten insgesamt“.
Und diese Entwicklung liegt insgesamt im Trend von einer abnehmenden Kriminalität. Es gab um 2004 eine erhöhte Zahl, aber seitdem sinkt die Zahl, mit geringen, statistisch nicht signifikanten Schwankungen, wobei die Gesamtzahl nichts über Verschiebungen zwischen verschiedenen Delikten und regionalen Besonderheiten aussagt.
Besonders intensiv kümmert sich Solms-Laubach um Einbrüche, Überfälle und die Jugendkriminalität. Halt die Kriminalität, die das subjektive Sicherheitsgefühl des Normalbürgers gefährdet. Das Sicherheitsgefühl und die realen Bedrohungen von Homosexuellen, Obdachlosen, Ausländern, Asylbewerbern und Frauen sind ihm dagegen egal. Denn Taten gegen diese Gruppen erwähnt Solms-Laubach nicht. Damit fällt auch das gesamte Feld des „Hate-Crime“ weg.
Doch kommen wir zurück zu den von Solms-Laubach erwähnten Delikten und Personengruppen. Auch hier ergibt sich im langfristigen Trend, wie den „Straftaten insgesamt“ ein ähnliches Bild. Die Zahl der jugendlichen Straftäter sinkt kontinuierlich.
Bei den Kindern (bis 14 Jahre) von 150.626 (1999) auf 69.275 Tatverdächtige (2013). Nichtdeutsche waren 1999 27.275 und 2013 12.786.
Bei den Jugendlichen von 296.781 (1999) auf 190.205 (2013).
Bei den Heranwachsenden (18 bis unter 21 Jahre) von 240.109 (1999) auf 188.670 (2013).
Für diese Entwicklung, genauso wie das Ansteigen der tatverdächtigen Erwachsenen ab 60 Jahe, gibt es eine ganz einfache Erklärung. Es gibt weniger Kinder und es gibt mehr Alte.
Wie Solms-Laubach aus diesen Zahlen schließen kann „Das Verbrechen wird immer jünger“ (Solms-Laubach, Seite 175) folgern kann, erschließt sich mir nicht.
Es wird auch immer schlimmer: „In der Bundeshauptstadt Berlin kommt es bei rund 3,5 Millionen Einwohnern im Schnitt jeden Tag zu 120 Körperverletzungsdelikten. Wenn nicht bald mehr Polizisten eingestellt werden, wird diese Zahl steigen.“ (Solms-Laubach, Seite 95)
120 Körperverletzung pro Tag; eine ganze Menge, die allerdings nichts darüber aussagt, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass ich Opfer einer solchen Straftat werde. Immerhin kommen zu den Einwohnern auch noch die Pendler, Besucher und Touristen. Jedenfalls wären 120 tägliche Körperverletzungen im Jahr (bei 365 Tagen) 43.800 Delikte. In der aktuellen Berliner-PKS (bzw. im ebenfalls lesenswertem Kriminalitätsatlas) werden für 2013 insgesamt 41.795 Körperverletzungen genannt, was 2.000 Körperverletzungen weniger sind als Solms-Laubach behauptet. 2012 war die Zahl etwas höher und 2004 lag sie bei 45.052 Fällen. Da stellt sich doch die Frage, wie Solms-Laubach zu seiner Behauptung kommt, dass die Zahl steigen wird. Wenn eine Tendenz absehbar ist, dann ist sie entweder stagnierend oder leicht sinkend, während die Einwohner- und Besucherzahl steigt. Und dass mehr Polizisten in der sehr großflächigen Hauptstadt etwas dagegen tun können, darf in seiner Pauschalität bezweifelt werden. Aber glücklicherweise für die Polizei werden die meisten Körperverletzungen in den Innenstadtbezirken angezeigt. Den Ausgeh- und Touristenbezirken.
Ach ja: seit zehn Jahren ist die Fallzahl in Berlin ziemlich unverändert bei 500.000 Fällen. Die Fallzahlen bei „Raub insgesamt“ nahmen in den vergangenen Jahrzehnten ab.
Ebenso die Gewaltkriminalität von 21.501 (2004) auf 17.276 (2013); die niedrigste Fallzahl seit zehn Jahren (PKS Berlin 2013, Seite 97).
Aber es könnte ja sein, dass die Taten zwar abnehmen, die Täter aber immer brutaler werden. Ein entsprechend schockierender Einzelfall fällt sicher jedem ein. Solms-Laubach erwähnt öfter den Tod von Jonny K.. Und die Raubüberfälle auf der Straße könnten zunehmen. Solms-Laubach bezieht sich auf Seite 45 da auf „Sonstige Raubüberfälle auf Straßen, Wegen und Plätzen“ (Schlüssel 217000 – es gibt auch Überfälle auf Taxifahrer, Geldboten, bestimmte Gebäude, Handtaschenraub undsoweiter).
Die waren 1993 bundesweit 25.865. Der Höhepunkt war 1997 mit 32.822 Fällen. Seitdem sank die Fallzahl. Seit sechs Jahren bewegt sie sich um die 20.000 Fälle.
Interessant ist hier auch ein Blick auf „gefährliche und schwere Körperverletzung auf
Straßen, Wegen oder Plätzen“ (Schlüssel 222100). Die hatte von 1993 an bis 2008 einen starken Anstieg von 30.501 auf 72.904 Fälle. Seitdem sinkt sie kontinuierlich auf 57.875 Fälle 2013.
Die Verwendung von Schusswaffen sank, nach der aktuellen PKS, von 19.292 (1999) auf 10.093 Fälle (2013). Geschossen wurde auch seltener. Von 6.844 (1999) auf 5.153 Fälle (2013).
In der PKS wird das Tatmittel „Messer“ nicht erfasst. In der Berliner PKS wird es dennoch seit 2008 bei bestimmten Delikten erfasst. Bei Raub sind sie steigend von 799 (2008) auf 962 Fälle (2013), was ungefähr der Zahl der vorherigen drei Jahre entspricht. Bei „Gefährliche und schwere Körperverletzung“ sank sie von 822 Fälle (2008) auf 608 (2013) Fälle.
Der Schusswaffengebrauch der Polizei nahm allerdings zu.

 

Die Polizei bei der Arbeit – über jede Kritik erhaben

 

Das ist jetzt ein guter Zeitpunkt, um einen Blick auf das zweite Kapitel „Die Polizeiarbeit aus der Innensicht“ (Seite 93 – 161) zu werfen, in dem er die Arbeitsbelastung, die Sparmaßnahmen und die Überalterung der Polizei schildert und dabei konsequent die Sicht der Polizeigewerkschaften übernimmt.
Deshalb fragt er auch niemals, ob die Gefahrenanalysen der Polizei vor Großereignissen, wozu auch die vielen Fußballspiele, Demonstrationen (von denen fast alle friedlich verlaufen) und Veranstaltungen stimmig sind. So schildert Solms-Laubach genau, wie viele Polizisten während des Eurovision Song-Contest im Einsatz waren und wie viele Polizisten gleichzeitig bei anderen Veranstaltungen, vor allem Fußballspielen waren. Une er fordert – Überraschung! -: mehr Polizei.
In Punkto Auslassungen sind hier vor allem die Kapitel „Wie stark die Gewalt gegen Polizisten zunimmt“, „Die Polizei als Zielscheibe von rechtsextremer Gewalt“ und „Die Kritik an der Polizei wächst“ wiederum sehr interessant, wenn auch nicht überraschend. Denn Gewalt von Polizisten gegen Bürger, andere Opfer von rechtsextremer Gewalt und berechtigte Kritik an der Polizei gibt es bei Solms-Laubach nicht.
Es gibt aber zunehmend Widerstand gegen Staatsbeamte und zunehmend Gewalt gegen Polizisten. So nennt Solms-Laubach als Beleg für diese Behauptung Zahlen der Innenverwaltung des Landes Berlin von 2011. Natürlich ohne auf die Jahre davor oder danach einzugehen. Dass die Zahlen in der PKS niedriger sind und eine andere Tendenz (nämlich abnehmend!) festgestellt wird (Polizei Berlin, PKS 2013, Seite 82/83 und Seite 135/136) dürfte inzwischen wenig überraschen. Es gibt sogar eine ‚Erklärung‘: „Wozu die Übergriffe noch anzeigen, wenn die Täter kaum oder wenn, dann nur gering bestraft werden? Das fragen sich viele Polizisten nicht zu Unrecht.“ (Solms-Laubach, Seite 142).
Nach Solms-Laubach sollten mehr Menschen, die die Anweisungen von Polizisten nicht befolgen oder sie angreifen, bestraft werden. Möglichst lange. Länger als wenn sie einen Mitbürger angreifen würden. Diese populistische Forderung klingt gut, dürfte aber in der Realität kaum einen Angreifer abhalten. Denn laut der Berliner PKS war über die Hälfte der Menschen, die „Widerstand gegen die Staatsgewalt“ leisteten, alkoholisiert.
Dass kaum ein Polizist verurteilt wird, wenn er von einem Bürger angezeigt wird, verschweig Solms-Laubach, der solche Fälle, wenn ich seine Ausführungen im Kapitel „Die Kritik an der Polizei wächst“ richtig verstehe, wohl allesamt für unbegründet hält.
Zum Beispiel an dem Polizeikessel in Frankfurt am Main im Juni 2013. Dabei sollte inzwischen jeder Polizist wissen, dass ein Kessel illegal ist. Und wenn dann noch die normale Demonstrationsausrüstung, wie Regenschirme, Sonnenbrillen, Stöcke für Transparente und Werkzeug, zur Bewaffnung erklärt wird, ist klar, wie ungerechtfertigt der Grundrechtseingriff war. Aber dafür wurden 954 Menschen gut zehn Stunden festgehalten. Derzeit wird der Kessel noch vor Gericht verhandelt. Ebenso dreißig Klagen wegen Platzverweisen und dem Einsatz von Pfefferspray.
Dass es für Solms-Laubach Gewalt von Polizisten und Racial Profiling nicht gibt, verwundert da nicht mehr. Das eine sind Einzelfälle, das andere ist polizeiliches Erfahrungswissen, das über jede Kritik erhaben ist und nicht kontrolliert werden muss, auch wenn einem jetzt sofort Dutzende von Fällen einfallen. Deshalb lehnt Solms-Laubach auch eine Beschwerdestelle, die sich unter anderem um solche Fälle kümmern soll, ab.

Was tun? Zum Beispiel Vorratsdatenspeicherung

 

Bei den Vorschlägen wird es kurz interessant. Nicht, weil die Vorschläge neu sind. Sie stehen schon seit Jahren in CDU-Programmen und werden so monoton von den Sicherheitsbehörden vorgetragen, mit wechselnden Begründungen von Organisierter Kriminalität (denken Sie jetzt bitte nicht an die italienische Mafia oder riesige Gangstersyndikate, sondern besser an eine Bande Kleinkrimineller), Terrorismus (auch wenn einige Terrorgruppen wohl vor allem in den Köpfen der Nachrichtendienste herumspuken und die letzten Terroranschläge nicht von gut organisierten Gruppen à la RAF oder IRA, sondern von Einzeltätern und autonomen Kleinstgruppen gemacht wurden; uh, und vor allem nicht in Europa oder den USA.) und Kinderpornographie.
Natürlich fordert Solms-Laubach die Vorratsdatenspeicherung von einem halben Jahr. Mndestens.
Solms-Laubach nennt dann drei Beispiele, die belegen sollen, dass die Vorratsdatenspeicherung sehr wichtig für die Verbrechensbekämpfung ist. Diese Beispiele sind aus einem 158-seitigem Dokument des BKA (wobei die Länge nichts über die Qualität und Textmenge aussagt), in dem seit 2010 Fälle gesammelt werden, die wegen der fehlenden Vorratsdatenspeicherung nicht oder nur erschwert aufgeklärt werden konnten. Nun sind gewisse Erschwernisse bei Ermittlungen gewollt, um die freiheitlich-bürgerlich-demokratische Gesellschaft zu schützen. So darf ein Polizist nicht einfach so eine Wohnung durchsuchen oder jemand verhaften.
Ich denke mal, dass Solms-Laubauch die schlimmsten Beispiele herausgesucht hat. Jedenfalls sind es Beispiele, bei denen „zur Strafverfolgung eine Mindestspeicherfrist für die Vorratsdaten von sechs Monaten nötig gewesen“ (Solms-Laubach, Seite 225) wäre.
Im ersten Fall verschickte jemand über hundert Briefe, in denen er Schulen, Unis und Privatpersonen mit Sprengstoffanschlägen drohte, falls nicht eine bestimmte Geldsumme gezahlt würde. Der Erpresser kontaktierte dann über studiVZ die Person, die fälschlicherweise als Erpresser genannt wurde. Weil die dynamische IP-Adresse beim Internet-Provider nicht gespeichert war, konnte der Absender nicht festgestellt werden.
Ob der Täter über andere Wege ermittelt werden konnte und wie ernst die Briefe waren, wird nicht erwähnt.
Im zweiten Fall drohte jemand einem „Münchner Verein mit religiöser Ausrichtung“, dass in deren Räumen eine Bombe explodieren werde. Eine Bombe wurde nicht gefunden. Der Anrufer ebenfalls nicht; – davon ausgehend, dass er von seinem Privat-Handy und nicht aus einer Telefonzelle angerufen hat.
Im dritten Fall geht es um die Unterstützung einer terroristischen Vereinigung im Ausland, indem der Täter Videos auf einem YouTube-Kanal online stellte.
Wir haben also ein Propagandadelikt, eine Bombendrohung ohne Bombe (könnte auch ein Scherz gewesen sein) und eine Erpressung, bei der unklar ist, wie ernst sie gemeint ist. Das sollen die Fälle sein, für die wir die Vorratsdatenspeicherung brauchen?
Immerhin fordert Solms-Laubach sie nicht, wie Bundeskriminalamt-Chef Jörg Ziercke (ein SPDler, weshalb der BKA-Chef in dem Buch nicht erwähnt wird) unmittelbar nach der Verhaftung von Beate Zschäpe, reflexhaft, zur Aufklärung der NSU-Taten.
Zur Videoüberwachung, die der „Bild“-Journalist selbstverständlich fordert, sage ich jetzt nichts.
Denn es dürfte inzwischen offensichtlich sein, dass „Das Ende der Sicherheit“ ein von der ersten bis zur letzten Seite ein erschreckend dummes Pamphlet ist, das nur zeigt, dass „Bild“ zwischen zwei Buchdeckeln nicht besser wird, sondern immer noch selektiv ausgewählte Fakten mit Halbwahrheiten und Unwahrheiten zu einem unbekömmlichen Brei verrührt.

Franz Solms-Laubach: Das Ende der Sicherheit – Warum die Polizei uns nicht mehr schützen kann
Droemer, 2014
256 Seiten
18 Euro

Hinweise

BKA-Seite zur PKS (mit verschiedenen Tabellen)

Polizei Berlin: Eingangsseite zur PKS (lesenswert, weil die erstellende Abteilung der Polizei sich bemüht, die Zahlen einzuordnen und damit die Zahlen analysiert und in einen umfassenderen Zusammenhang stellt)

Wikipedia über die Polizeiliche Kriminalstatistik

BMJ: Erster periodischer Sicherheitsbericht (2001)

BMJ: Zweiter periodischer Sicherheitsbericht (2006 – beide Male wurde versucht, ein umfassendes Bild der Kriminalität und der Bedrohungen zu zeichnen)

Bildblog (prüft den Unwahrheitsgehalt der „Bild“ – und wird fast täglich fündig)


DVD- und Buchkritik: Der Alpen-Western „Das finstere Tal“

September 8, 2014

Das gelingt nur ganz wenigen Filmen: hier in Berlin läuft „Das finstere Tal“ immer noch in ganz normalen Kinos und es gab fast keinen Tag, an dem man sich seit dem Kinostart am 13. Februar Andreas Prochaskas Alpen-Western nicht hätte ansehen können. Der Film erhielt acht deutsche Filmpreise und ist jetzt der Oscar-Kandidat von Österreich für den besten ausländischen Film.
Die Filmgeschichte könnte den Amerikanern gefallen. Schon die ersten Bilder sind reinstes Americana: ein Mann reitet in den Bergen in ein einsam gelegenes Dorf, das im Winter komplett von der Welt abgeschnitten ist. Die Bewohner beäugen ihn misstrauisch. Mit einem Sack voll Gold erkauft er sich ein Quartier für den Winter. Was die Bewohner nicht wissen, aber jeder, der schon zwei Western gesehen hat, nach den atmosphärischen Bildern weiß: der Mann will sich an den Dörflern für ein in der Vergangenheit liegendes Ereignis rächen. Die Überlebenschancen der Bösewichter tendieren gegen Null, wozu auch die gar nicht so unschuldigen Dorfbewohner zählen, wenn sie nicht schnell genug in Deckung gehen.
Dennoch lässt sich Prochaska (u. a. einige Folgen für „KDD – Kriminaldauerdienst“, die TV-Filme „Spuren des Bösen“, „Das Wunder von Kärnten“, „In 3 Tagen bist du tot“ und die Fortsetzung) viel Zeit, bis es die erste Leiche gibt: ein scheinbar unglücklicher Unfall beim Transport von Bäumen in einer Baumrutsche.
Greider (Sam Riley), so heißt der schweigsame Fremde, der behauptet, mit seiner Kamera Fotos machen zu wollen, kam aus den USA zurück in die Alpen. In Wirklichkeit will er seine Eltern rächen. Sie wurden von dem Brenner-Bauer, der seit Jahrzehnten als unumstrittener Patriarch über das abgelegene Tal herrscht, und seinen Söhnen, unterstützt vom Dorfpfarrer, vergewaltigt und getötet.
Diese Geschichte, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in den Alpen spielt, verweist immer wieder auf den Western. Die Cinemascope-Bilder, der konsequente Verzicht auf typisch alpenländische Attribute (es gibt keinen Sepplhut und bei den Kleidern wurde konsequent stilisiert) und die karge Landschaft mit ihren ebenso kargen Gebäuden (so steht die Kirche, ein Steingemäuer, auf einem waldlosem Hügel und sie wirkt wie eine ungastliche Trutzburg) erinnert dann an die bekannten Bilder aus US-und Italo-Western, wie Sergio Corbuccis im Schnee spielender Western „Leichen pflastern seinen Weg“. Auch Robert Altmans „McCabe & Mrs Miller“, dessen Finale ebenfalls im Schnee spielt, fällt einem ein. Und natürlich die zahllosen, konsequent ironiefreien Rachewestern der vergangenen Jahrzehnte, gerne mit Clint Eastwood in der Hauptrolle.
Das alles ist so gut, dass gerade die Kleinigkeiten umso deutlicher auffallen. So ist der Brenner-Bauer, der als kranker Herrscher, kaum noch sein Haus und Bett verlässt, als greifbarer Bösewicht kaum vorhanden. Diese Rolle des Bösewichts müssen seine Söhne übernehmen, die aber auch weitgehend austauschbare Handlanger des Bösewichts bleiben. Im Film allerdings weniger als im Roman, wo sie nur eine anonyme Masse sind.
Auch die Rolle Brenners bei der Kindererzeugung (er hat das Recht auf die erste Nacht) und die Beziehungen der Brenner-Buben zu ihren Frauen werden nur sparsam angedeutet.
In diesen Momenten hätten sich Filmemacher noch deutlicher von der Vorlage entfernen können. Denn der Film folgt dem Roman sehr genau. Thomas Willmann bedankt sich im Nachwort seines Romandebüts bei Ludwig Ganghofer und Sergio Leone, wobei der Roman für meinen Geschmack zu viel Ganghofer und zu wenig Leone hat. Denn wer den Film nicht kennt und auch nicht den Klappentext gelesen hat, liest sich im ersten Drittel durch das Porträt einer Dorfgemeinschaft und der beginnenden Liebe von Luzi zu ihrem künftigem Bräutigam. Auch nach dem ersten Todesfall nehmen die Hochzeitsvorbereitungen viel Raum ein und nach der Romanmitte gibt es eine sechzigseitige Rückblende, in der wir erfahren, was mit Greiders Mutter geschah. Im Film ist das eine kurze Montage.
Auffallend sind zwei große Änderungen. Die erste ist, dass die Filmgeschichte von Luzi erzählt wird. Im Roman gibt es dagegen einen neutralen Erzähler, der einfach, wie ein Zeitungsreporter berichtet, was geschieht. Die zweite ist, dass Greider im Roman ein Maler, im Film ein Fotograf ist. Beide Änderungen sind nachvollziehbar und gerade bei der zweiten Änderung wundert es, dass Willmann, der auch Filmjournalist ist, das nicht selbst tat. Immerhin gibt es in Western öfter Fotografen als Maler.
Auf den ersten Blick wirkt das Bonusmaterial vernachlässigbar. Drei entfallene Szenen, ein Making of und ein Audiokommentar. Aber beim Ansehen fällt auf, wie gut es ist. Das gut 45-minütige, absolut sehenswerte „Making of“ gibt einen umfassenden und werbefreien Blick in den gesamten Entstehungsprozess des Films mit Interviews mit allen Beteiligten und einigen Blicken hinter die Kulissen. Und der Audiokommentar (den Filmton hätte man etwas leiser drehen können) ist absolut hörenswert. Regisseur Andreas Prochaska lud den Filmjournalisten Christian Fuchs als Gesprächspartner ein und, auch wenn Fuchs kaum etwas sagt, hatte Prochaska damit einen Gesprächspartner, dem er alles über den Film erzählen konnte. Entsprechend informativ fällt der Audiokommentar aus.

Das Finstere Tal - DVD-Cover - 4

Das finstere Tal (Österreich/Deutschland 2013)
Regie: Andreas Prochaska
Drehbuch: Martin Ambrosch, Andreas Prochaska
LV: Thomas Willmann: Das finstere Tal, 2010
mit Sam Riley, Tobias Moretti, Paula Beer, Clemens Schick, Erwin Steinhauer, Hans-Michael Rehberg, Carmen Gratl, Helmuth A. Häusler, Martin Leutgeb, Florian Brückner

DVD
Warner Brothers/X-Edition
Bild: 2.35:1 (16:9)
Ton: Deutsch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Bonusmaterial: Audiokommentar von Regisseur Andreas Prochaska und Filmjournalist Christian Fuchs, Making of, Entfallene Szenen, Trailer, Audiodeskription
Länge: 110 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage

Willmann - Das finstere Tal - 2

Thomas Willmann: Das finstere Tal
Ullstein, 2014
320 Seiten
9,99 Euro

Erstausgabe
Liebeskind, 2010

Hinweise

Homepage zum Film

Perlentaucher über „Das finstere Tal“

Film-Zeit über „Das finstere Tal“

Moviepilot über „Das finstere Tal“

Wikipedia über „Das finstere Tal“


Im Verhörzimmer: Joe R. Lansdale über seinen neuen Roman „Das Dickicht“

August 27, 2014

Lansdale - Das Dickicht - 4

Für die Kriminalakte ist das Erscheinen des neuen Romans „Das Dickicht“ von Joe R. Lansdale eine gute Gelegenheit, dem Mann einige Fragen zu stellen.

Der Texaner Joe R. Lansdale schrieb in den vergangenen Jahrzehnten zahlreiche Romane und Kurzgeschichten in unterschiedlichen Genres, die alle irgendwie zur Spannungsliteratur gehören: Kriminalromane, Thriller, Horror-Geschichten, Western und abgedrehte Variationen davon. Einige Comics schrieb er auch und er schnüffelte an den Rändern von Hollywood herum. Ein kleiner Klassiker ist „Bubba Ho-Tep“. Don Coscarelli verfilmte mit Bruce Campbell Lansdales gleichnamige Kurzgeschichte, in der im Altersheim Elvis Presley und John F. Kennedy (ein Schwarzer) gegen eine ägyptische Mumie kämpfen. Ein großer Spaß. Demnächst läuft auf dem Fantasy-Filmfest die brandneue, prominent besetzte Romanverfilmung „Cold in July“ von Jim Mickle, mit Michael C. Hall, Don Johnson und Sam Shepard.

Äußerst beliebt bei Krimilesern sind seine knochentrockenen Geschichten mit Hap Collins und Leonard Pine. Neun Romane mit dem seltsamen Paar sind bereits erschienen.

In den vergangenen Jahren, vor allem seit dem mit dem Edgar ausgezeichntem „Die Wälder am Fluss“ (The Bottoms), schrieb Lansdale auch mehrere Romane, die in der ersten Hälfte des Jahrhunderts in seiner Heimat Osttexas spielen. Protagonist ist oft ein sehr junger Mensch und die Rassenfrage wird immer thematisiert.

Auch die Abenteuergeschichte „Das Dickicht“ spielt zu Beginn des letzten Jahrhunderts: Autos und Telefone gibt es schon, aber normalerweise bewegt man sich auf einem Pferd von einem Ort zum nächsten. Der sechzehnjährige Jack Parker macht sich, nach dem Pockentod seiner Eltern und der Ermordung seines Großvaters auf dem Sabine River, mit dem Afroamerikaner Eustace Cox, seinem Wildschwein Keiler, dem Zwerg Shorty, dem Freudenmädchen Jimmie Sue und dem Sheriff und früheren Kopfgeldjäger Winton auf die Jagd nach dem Mörder seines Großvaters und den Entführern seiner jüngeren Schwester. Das sind Cut Throat Bill, Nigger Pete und Fatty Worth, drei skrupellose Banditen, die im titelgebenden Dickicht, einer gesetzlosen Gegend, untergetaucht sind.

 

 

Was war die Inspiration für „Das Dickicht“?

 

Die Hauptinspiration für „Das Dickicht“ waren Geschichten über Ost-Texas, die ich als Jugendlicher hörte. Dazu kam die Lektüre von Mark Twain und pure Einbildung. Ich nehme gerne etwas, das einen Bezug zur Realität hat und entfessele meine Fantasie. Mein Vater, zum Beispiel, hatte als Kind Pocken. Er wurde 1909 geboren, ein Jahr bevor Mark Twain starb. Er hörte viele Geschichten über Ost-Texas, das große Dickicht, wo meine Geschichte spielt, und ich verwendete Geschichten, die ich von meiner Großmutter hörte. Und einige Kleinigkeiten von meiner Mutter. Wieder einmal verschmolz ich meine Fantasie mit diesen Geschichten und so entstand dieser Roman. Der Zwerg Shorty war für mich eine Überraschung. Über seinen Ursprung kann ich nichts sagen.

 

 

In den vergangenen Jahren, vor allem seit „The Bottoms“ spielen viele ihrer Geschichten in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts und oft erzählen sie die Abenteuer von jungen Menschen. Woher kommt ihr Interesse an dieser Zeit und den jugendlichen Charakteren?

 

 

Ich habe mich schon immer für Geschichte interessiert. Meine Eltern waren während dieser Zeit junge Erwachsene und Erwachsene. Es war eine schwere Zeit, also war ich neugierig. Wie ich schon bei der vorherigen Frage sagte: ich hörte viele Geschichten über die Große Depression. Sie hatte, wie du dir denken kannst, einen großen Einfluss auf meine Eltern. Meine anderen Romane entstanden, wie „Das Dickicht“, ausgehend vom Hörensagen oder eher mündlichem Geschichtenerzählen. Einige Geschichten, die mir erzählt wurden, waren wahr. Andere nicht. Manchmal waren es nur alte Geschichten, die weitererzählt wurden und nichts mit meiner Familie zu tun hatten. Aber es waren die Erfahrungen und Geschichten von anderen.

Ich denke, ich bin einer der letzten, der noch da war, um diese alten Geschichten zu hören, weil meine Eltern, als ich geboren wurde, älter waren als die Eltern von meinen Klassenkameraden. Sogar mein Bruder ist siebzehn Jahre älter als ich. Daher hat er etwas andere Erfahrungen als ich und ich habe viele Dinge von ihm gelernt. Das war so nicht geplant. Es geschah einfach.

Ich bin ein guter Zuhörer, wenn es um Geschichten geht. Vorausgesetzt, sie interessieren mich. Während die anderen Kinder spielten, saß ich bei den Erwachsene und hörte ihnen zu.

 

 

Sie schreiben in vielen verschiedenen Genres und Comics. Woher wissen Sie, welches Genre das richtige Genre für die Geschichte ist und was sind die Vorteile von Genres?

 

 

Wenn mich jemand fragt, ob ich einen Kriminal-, Horror- oder was auch immer für eine Genre-Geschichte schreiben soll, dann kenne ich die Richtung. Aber das ist auch alles. Zuerst muss es mich interessieren, und dann habe ich die grobe Richtung in die die Erzählung sich bewegen soll. Aber danach lasse ich die Geschichte ihren eigenen Weg finden. Manchmal setzte ich mich einfach hin und beginne mit dem Schreiben. Ausgehend von einer Stimmung oder einer einzigen Idee. Dann entwickelt sich die Geschichte und sie wird, was immer sie werden will.

Ich denke, ich kann nur schreiben, indem ich die Geschichte ihre Stimme finden lasse. Ich kann gelenkt, aber nicht kontrolliert werden.

 

 

Können Sie uns etwas über ihren Schreibprozess erzählen? Wie entsteht ein Lansdale-Roman?

 

Ich recherchiere ohne zu denken, dass ich recherchiere. Ich lese einfach, was mich interessiert oder fasziniert, Erzählungen und Sachbücher. Ich lese viel über Geschichte; Biographien und so. Ich lese viel und ich lese fast ständig, mit kurzen Pausen, weil ich es sowieso tun würde und es mir gefällt.

Ich schreibe gern. Normalerweise schreibe ich am Morgen, kurz nachdem ich aufstehe. Ich versuche täglich mindestens drei bis fünf Seiten zu schreiben, und oft wird es mehr. Ich mache das fünf bis sieben Tage pro Woche, manchmal auch im Urlaub. Aber ich arbeite selten mehr als drei Stunden. So tue ich regelmäßig etwas und ich fühle mich jeden Tag wie ein Held.

Ich schreibe eine sehr gewissenhafte erste Fassung, mit Überarbeitungen während des Schreibens. Danach wird diese Fassung noch einmal in Details überarbeitet.

Manchmal habe ich eine Geschichte, die eine größere Überarbeitung erfordert, aber während des Schreibens überarbeite ich bereits das Geschriebene und am nächsten Tag überarbeitete ich die Arbeit des vorherigen Tages und tauche so wieder in die Geschichte ein. So erledige ich viele Überarbeitungen während des Schreiben.

Mehrere Fassungen mag ich nicht. Es deprimiert mich einfach und meine Geschichten werden mit dieser Methode nicht besser, sondern schlechter.

Am besten funktioniert für mich: Sorgfältig jetzt, kleine Veränderungen später.

 

 

Welche fünf Bücher würden Sie für den späten Sommerurlaub empfehlen?

 

Adventures of Huckleberry Finn (Die Abenteuer des Huckleberry Finn; Huckleberry Finn; Huckleberry Finns Abenteuer), von Mark Twain

To Kill a Mocking Bird (Wer die Nachtigall stört), von Harper Lee

True Grit (Die mutige Mattie, True Grit), von Charles Porties

The Great Gatsby (Der große Gatsby), von F. Scott Fitzgerald

The Martian Chronicles (Die Mars-Chroniken), von Ray Bradbury

Diese Liste kann sich verändern, aber diese Bücher gehören immer zu meinem Lieblingsbüchern.

Wenn ich etwa schwindeln darf, indem ich eine Kurzgeschichtensammlung hinzufüge, empfehle ich

A Good Man is hard to find, von Flannery O’Connor (diese Sammlung wurde so anscheinend nicht übersetzt, aber die Kurzgeschichten von Flannery O’Connor erschienen in verschiedenen, antiquarisch erhältlichen Sammelbänden)

Joe R. Lansdale: Das Dickicht

(übersetzt von Hannes Riffel)

Tropen, 2014

336 Seiten

19,95 Euro

Originalausgabe

The Thicket

Mulholland Books, 2013

Hinweise

Homepage von Joe R. Lansdale

Stuttgarter Zeitung: Thomas Klingenmaier hat Joe R. Lansdale getroffen (25. März 2013)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Wilder Winter“ (Savage Season, 1990)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Rumble Tumble“ (Rumble Tumble, 1998 )

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Der Gott der Klinge” (The God of the Razor, 2007)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Der Teufelskeiler” (The Boar, 1998)

Meine Besprechung  von Joe R. Lansdales „Akt der Liebe“ (Act of Love, 1981)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Die Wälder am Fluss“ (The Bottoms, 2000)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Kahlschlag” (Sunset and Sawdust, 2004)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Gauklersommer” (Leather Maiden, 2008)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Ein feiner dunkler Riss” (A fine dark Line, 2003)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Dunkle Gewässer“ (Edge of Dark Water, 2012)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Straße der Toten“ (Deadman’s Road, 2010)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Machos und Moneten“ (Captains Outrageous, 2001)

Mulholland Books: Joe R. Lansdale über die Ursprünge von „Das Dickicht“


Hap Collins und Leonard Pine treffen in Mexiko auf „Machos und Macheten“

August 27, 2014

Lansdale - Machos und Macheten - 2

Das hat verdammt lange gedauert. Immerhin erschien die Originalausgabe von „Machos und Macheten“ in den USA bereits 2001. Aber ein neues Abenteuer von Hap Collins, weiß, hetero und eher friedliebend, und Leonard Pine, schwarz, schwul und sehr schlagkräftig, ist wie alter Wein. Er wird mit der Zeit besser.

Am Anfang von „Machos und Macheten“ arbeiten Hap und Leonard als Nachtwächter in East Texas in einer Geflügelfarm. Der Job ist ziemliche Hühnerkacke, bezahlt aber die Miete. Eines Nachts sieht Hap nach Dienstschluss, wie ein Irrer direkt vor der Farm eine Frau vergewaltigen will. Er stürzt sich ins Getümmel und, mit etwas Hilfe von einer Kollegin, gelingt es ihm, den Irren, der vorher einige Drogen eingeworfen hat, zu überwältigen. Weil die Frau die sechzehnjährige Tochter von Elmer Bond, dem Besitzer der Geflügelfarm, ist, erhält Hap eine saftige Belohnung und die Erlaubnis für einen längeren Urlaub, den er dann auch mit seinem Kumpel Leonard nimmt. Eine Kreuzfahrt, die für die Beiden beim ersten Landgang endet. Denn es gelang ihnen, sich auf dem Schiff so viele Feinde zu machen, dass das Schiff ohne sie weiterfuhr.

In Playa del Carmen, Mexiko, treffen sie dann auf einige Strauchdiebe, die sie ausrauben wollen. Noch während sie sich mit ihnen prügeln, taucht Ferdinand auf und schlägt sie mit seiner Machete in die Flucht. Von einer Anzeige sehen sie ab, weil die Strauchdiebe Polizisten waren.

Und es kommt noch schlimmer. Denn das Boot von Ferdinand, der eine hübsche Tochter hat, in die Hap sich sofort verliebt, wurde von einem blonden Arschloch für viel Geld und der Option auf absolute Narrenfreiheit während des Ausflugs gemietet, weshalb er Beatrice als unwillige Gespielin betrachtet. Schnell, ungefragt und gegen Beatrices Wunsch mischen die beiden Kumpels sich ein.

Der Angelausflug endet in einem Desaster, die beträchtliche Heuer wird nicht bezahlt und Beatrice und ihr Vater Ferdinand sitzen in der Patsche. Denn die Heuer sollte ihre Schulden bei dem Kartellchef Juan Miguel begleichen, der jetzt die Schulden anderweitig eintreiben will, was dazu führt, dass Hap und Leonard, mal wieder, Ärger haben und es auch einige Leichen gibt.

Machos und Macheten“, das sechste Collins-Pine-Abenteuer, ist ein herrlich abgedrehter Hardboiled-Krimi-Spaß voller Witze und Gewalt. Denn auch südlich der Grenze machen die beiden Kumpels das, was sie am Besten können: blöde Sprüche, sich mächtig Ärger einhandeln und dabei die Pläne von einigen Verbrechern stören.

Und Joe R. Lansdale erzählt das in seiner üblichen schnörkellosen Prosa mit einer gehörigen Portion schwarzen Humor.

Joe R. Lansdale: Machos und Macheten

(übersetzt von Heide Franck)

Golkonda, 2014

280 Seiten

16,90 Euro

Originalausgabe

Captains Outrageous

Mysterious Press, 2001

Hinweise

Homepage von Joe R. Lansdale

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Wilder Winter“ (Savage Season, 1990)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Rumble Tumble“ (Rumble Tumble, 1998 )

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Der Gott der Klinge” (The God of the Razor, 2007)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Der Teufelskeiler” (The Boar, 1998)

Meine Besprechung  von Joe R. Lansdales „Akt der Liebe“ (Act of Love, 1981)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Die Wälder am Fluss“ (The Bottoms, 2000)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Kahlschlag” (Sunset and Sawdust, 2004)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Gauklersommer” (Leather Maiden, 2008)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Ein feiner dunkler Riss” (A fine dark Line, 2003)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Dunkle Gewässer“ (Edge of Dark Water, 2012)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Straße der Toten“ (Deadman’s Road, 2010)

Stuttgarter Zeitung: Thomas Klingenmaier hat Joe R. Lansdale getroffen (25. März 2013)

 

 


Vorbereitende Lektüre mit den „Guardians of the Galaxy“

August 26, 2014

Bendis - Guardians of the Galaxy - CollectionBendis - Guardians of the Galaxy - 3

Am Donnerstag startet James Gunns kurzweiliger Science-Fiction-Abenteurfilm „Guardians of the Galaxy“, der in den USA seit einem Monat sehr erfolgreich im Kino läuft, endlich auch in Deutschland. Das ist wenig, aber noch genug Zeit, um einen Blick in die gezeichnete Vorlage zu werfen.

Gunns Film basiert auf der von Dan Abnett und Andy Lanning erfundenen Inkarnation der „Guardians of the Galaxy“. In „Guardians of the Galaxy – Collection“ und „Guardians of the Galaxy – Kampf um die Erde“ erzält Brian Michael Bendis, der die Serie 2013 übernahm, eine Geschichte mit den Rettern der Galaxis, die sich in zwei Punkten vom Film unterscheidet: sie ist ernster und Peter Quill, der Anführer der Guardians, nennt sich nicht wegen irgendwelcher größenwahnsinniger Anwandlungen Star-Lord, sondern der Erdling (mütterlicherseits) ist der Sohn des Herrschers von Spartax und in dem Comic „Guardians of the Galaxy – Collection“ (enthält „Guardians of the Galaxy – Vol. 1 – 7“) und „Guardians of the Galaxy – Kampf um die Erde (Band 3)“ (enthält „Guardians of the Galaxy – Vol. 8 – 10“) sind die Guardians, also ‚Star-Lord‘ Peter Quill, Kriegerin Gamora (sie ist auch die Adoptivtochter von Thanos), Waschbär Rocket Raccoon, Baumwesen Groot und Kämpfer Drax schon länger zusammen. Im Film finden sie sich erst.

In dem Comic müssen sie die Erde beschützen. Denn der Tyrann Thanos will die Erde vernichten, weil dieser Planet nur Probleme verursacht und so die verschiedenen Herrscherfamilien des Weltalls munter, wie wir es schon von den griechischen Göttern kennen, gegeneinander intrigieren können.

Die Guardians und Iron-Man Tony Stark (uh, ja, der spielt im Film nicht mit; – außer er hat in der Abspann-Sequenz, die ich nicht kenne, einen Auftritt) versuchen die Erde zu retten.

Später, in „Kampf um die Erde“, hilft ihnen auch noch Angela. Die Kriegerin gelangte durch einen Riss im Raum-Zeit-Gefüge in die Welt von Star-Lord und sie hilft den Guardians bei ihrem Kampf gegen Thanos.

Das liest sich flott und vergnüglich weg, wird aber zunehmend auf eine episodische Endlosigkeit angelegt, was sich besonders deutlich daran zeigt, dass der „Kampf um die Erde“ mal schnell in den erdnahen Orbit und auf andere Welten verlagert wird und nicht endet, weil erst der für den vierten „Guardians of the Galaxy“-Sammelband angekündigte „Prozess gegen Jean Grey“ durchgeführt werden muss. Das wäre dann schon das nächste Crossover, dieses Mal mit den X-Men, und es setzt die beliebte Marvel-Strategie fort, verschiedene Serien miteinander zu verknüpfen. Denn dieses „Guardians of the Galaxy“-Abenteuer von Bendis ist auch mit dem großen „Infinity“-Crossover verknüpft. Das Verknüpfen verschiedener Serien erfreut natürlich das Herz des Fanboys und des Alles-Sammlers, aber wer neu einsteigt oder nur eine Serie verfolgen will, fühlt sich doch, wieder einmal, etwas außen vor gelassen.

Und dann gibt es noch Probleme mit dem Raum-Zeit-Kontinuum, was leider auch zu einer Anything-can-happen-Einstellung führt.

Abnett-Lanning - Guardians of the Galaxy - Vorgeschichte

 

Ergänzend zum Film gibt es „Guardians of the Galaxy – Die offizielle Vorgeschichte zum Film“, die von Dan Abnett und Andy Lanning, den Erfindern der aktuellen „Guardians of the Galaxy“-Inkarnation, geschrieben wurde. In dem Heft werden zwei kurze Geschichten erzählt. In der ersten kämpfen die beiden Killerinnen und Töchter von Thanos, Gamora und Nebula, mit- und gegeneinander bei verschiedenen Killer-Trainings. Auf Praxius kämpfen sie gegeneinander um den Orb.

Witziger und deutlich gelungener ist die zweite Geschichte, in der es Söldner-Action mit Rocket Racoon und Groot auf der Raumstation Hub gibt. Weil sie mal wieder Pleite sind, übernehmen sie für den Verbrecherboss Zade Scraggot den Auftrag, aus der gut gesicherten Zollstation eine Kiste zu klauen. Als sie erfahren, was in der Kiste ist, verändert sich alles.

Aber eine Vorgeschichte zum Film, die wichtige Informationen zur Filmhandlung liefert, konnte ich nicht erkennen.

Brian M. Bendis/Steve McNiven/Sara Pichelli: Guardians of the Galaxy – Collection (Marvel Now)

(übersetzt von Alexander Rösch)

Panini, 2014

188 Seiten

16,99 Euro

enthält

Guardians of the Galaxy 0, 1 – 7

Marvel, 2013

Brian M. Bendis/Francesco Francavilla/Kevin Maguire: Guardians of the Galaxy – Kampf um die Erde (Band 3) (Marvel Now)

(übersetzt von Alexander Rösch)

Panini, 2014

100 Seiten

12,99 Euro

enthält

Guardians of the Galaxy 8 – 10

Guardians of the Galaxy: Tomorrow’s Avengers (2013) 1

Marvel 2013/2014

Dan Abnett/Andy Lanning/Wellinton Alves: Guardians of the Galaxy – Die offizielle Vorgeschichte zum Film

(übersetzt von Alexander Rösch)

Panini, 2014

52 Seiten

4,99 Euro

enthält

Guardians of the Galaxy – Prelude

Marvel, 2014

Die Verfilmung

Guardians of the Galaxy (Guardians of the Galaxy, USA 2014)

Regie: James Gunn

Drehbuch: James Gunn, Nicole Perlman

LV: Comic/Charaktere von Dan Abnett und Andy Lanning

mit Chris Pratt, Zoe Saldana, David Bautista, Vin Diesel (nur Stimme), Bradley Cooper (nur Stimme), Lee Pace, Michael Rooker, Karen Gillan, Djimon Hounsou, John C. Reilly, Glenn Close, Benicio Del Toro, Gregg Henry, Stan Lee, Nathan Fillion (nur Stimme), James Gunn

Länge: 121 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Guardians of the Galaxy“

Moviepilot über „Guardians of the Galaxy“

Metacritic über „Guardians of the Galaxy“

Rotten Tomatoes über „Guardians of the Galaxy“

Wikipedia über „Guardians of the Galaxy“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Brian Michael Bendis (Autor)/Michael Avon Oemings (Zeichner) „Powers: Wer ermordete Retro Girl? (Band 1)“ (Powers: Who killed Retro Girl?, 2000/2012)

Meine Besprechung von Brian Michael Bendis (Autor)/Alex Maleevs (Zeichner) „Scarlet: Kinder der Revolution (Band 1)“ (Scarlet 1 – 5, Juli 2010 – März 2011)

Meine Besprechung von Brian Michael Bendis (Autor)/Kelly Sue Deconnick (Autor)/Lan Medinas (Zeichner) „Richard Castles Deadly Storm – Tödlicher Sturm: Ein Fall für Derrick Storm“ (Castle: Richard Castle’s Deadly Storm, 2011)


„Der Krake auf meinem Kopf“ geht es ganz gut

August 24, 2014

Nisbet - Der Krake auf meinem Kopf

Wir haben Drogenkonsum, Diebstahl, Tote, einen Serienmörder – und trotzdem ist „Der Krake auf meinem Kopf“, der neue Roman von Jim Nisbet, nichts für den 08/15-Krimileser. Nicht weil der Roman besonders experimentell ist, so mit Zeitsprüngen und Perspektivenwechsel (obwohl es einen gibt), oder gegen Genreregeln verstößt. Am Ende ist das Verbrechen aufgeklärt und der Weg dorthin folgt schon, in groben Zügen, den bekannten Regeln und verstößt dabei doch in einer ganz lässigen Das-ist-mir-vollkommen-egal-Einstellung gegen die wichtigste: die Wer-ist-der-Täter-Spannung.

Denn Jim Nisbet, der auch die grandiosen Noirs „Dunkler Gefährte“ und „Tödliche Injektion“ schrieb, kümmert sich in „Der Krake auf meinem Kopf“ einfach nicht um die Tätersuche, weil er die Krimihandlung eher nebenbei erzählt, während er Curly Watkins, der die titelgebende Krake auf seinen Kopf tätowiert hat, aus seinem Leben als gut fünfzigjähriger Gitarrist am unteren Ende des amerikanischen Traums erzählen lässt.

Curly besucht Ivy Pruitt, Junkie mit sauberer Wohnung, Jazzdrummer und ein wandelndes Chaosgebiet. Als sie etwas Heroin geniesen wollen, stürmt die Polizei in Ivys Wohnung. Während Ivy noch im Gefängnis schmorrt, macht der für die Polizei unbescholtene Curly sich mit Lavinia Hahn, ihre gemeinsamen Freundin und Drogenkonsumentin, auf den Weg zu Stefan Stepnowski. Er hat bei Sal Kramer Schulden. Der Lohn für die kleine Geldbeschaffung würde Ivy aus dem Gefängnis holen und sie hätten noch etwas Geld für Drogen übrig.

Als sie den Musiker Stepnowski finden ist er tot. Erschossen und mit Bündel Geldscheine in seiner Hosentasche. Damit es nicht nach einem Raubmord aussieht, nimmt Curly ihm nicht alles ab.

In diesem Moment ist das Fundament für einen ordentlichen Krimi gelegt. Aber Nisbet interessiert sich nicht für die möglichen Konflikte der drei Junkies über die unverhoffte Beute oder um die Mörderjagd, was besonders deutlich wird, als Curly und Lavinia bei Musikinstrumentenhändler Kramer auf Lieutenant Garcia, Abteilung Tötungsdelikte, treffen. Anstatt sie irgendwie zu drangsalieren, erklärt er ihnen höflich und ausführlich, warum sie keine Mordverdächtigen sind.

Nisbet interessiert sich in seinem Noir viel mehr für den Alltag von Curly, Ivy und Lavinia, die das gefundene Geld, brüderlich geteilt, für den Drogenkonsum verwenden wollen, nach einem Missgeschick (es ging um Glasscherben und Kokain) einen Eipochierer besorgen müssen und über Seiten tiefsinnige Junkie-Dialoge führen, während im Hintergrund ein ausgesucht guter Jazz-Soundtrack läuft. Und das ist überhaupt nicht langweilig. Immerhin sind Curly, Ivy und Lavinia keine Dummköpfe.

Nach zwei Dritteln gibt es einen abrupten Perspektivwechsel, der den Roman in eine vollkommen neue Richtung lenkt.

Der Krake auf meinem Kopf“ ist ein feiner, schwarzhumoriger Noir und ein interessantes Porträt von San Francisco und wie sich die Stadt in den vergangenen Jahrzehnten veränderte.

Jim Nisbet: Der Krake auf meinem Kopf

(übersetzt von Ango Laina und Angelika Müller)

pulp master, 2014

320 Seiten

14,80 Euro

Originalausgabe

The Octopus on my Head

Dennis McMillan, 2007

Hinweise

Homepage von Jim Nisbet

Meine Besprechung von Jim Nisbets „Tödliche Injektion“ (Lethal Injection, 1987)

Meine Besprechung von Jim Nisbets „Dunkler Gefährte“ (Dark Companion, 2006)

Mein Interview mit Jim Nisbet

Jim Nisbet in der Kriminalakte


Veronica Mars glaubt „Zwei Vermisste sind zwei zu viel“

August 12, 2014

Spring Break ist eine für uns esoterische Sitte von US-Studenten, die sich tagelang in Massen betrinken und die Bewohner ihrer Reiseziele mit den üblichen Ausfällen von erhöhtem Drogengebrauch nerven. Aber für die lokale Wirtschaft ist der Spring Break ein gutes Geschäft.

Ein vermisster Teenager ist dagegen sehr schlecht für das Geschäft und weil Dan Lamb, der Sheriff von Neptune, Kalifornien, eine von den lokalen Honoratioren eingesetzte Null ist, beauftragt Petra Landros, Ex-Unterwäschemodell, Nobelhotelbesitzerin und Vorsitzende der Handelskammer von Neptune, Veronica Mars, ebenfalls die während des Spring Breaks verschwundene achtzehnjährige Hayley Dewalt zu suchen.

Veronica Mars erblickte 2004 in der gleichnamigen, von Rob Thomas erfundenen TV-Serie das Licht der Welt. Damals war sie eine 17-jährige Schülerin, die den Tod ihrer besten Freundin aufklären wollte und nebenbei ihrem Vater in der Detektei half. Die Serie, eine gelungene und witzige Verbindung von Highschool-Drama und Hardboiled-Privatdetektiv-Serie mit zahlreichen Anspielungen für den Genre-Junkie, wurde drei Jahre lang ausgestrahlt und hatte viele treue Fans, die später auch den Spielfilm „Veronica Mars“ mit einem Rekord-Crowfunding-Ergebnis ermöglichten.

Mit „Zwei Vermisste sind zwei zu viel“ erschien jetzt der erste Roman mit Veronica Mars, der zeitlich einige Wochen nach dem Spielfilm spielt und auch für Fans von Privatdetektiv-Romanen eine gelungene Lektüre ist. Dabei hat Veronica, wie die Fans der Serie wissen, für einen Hardboiled-Detektiv erstaunlich viele Freunde und Helfer und eine gute Beziehung zu ihrem Vater, bei dem sie inzwischen wieder lebt. Außerdem ist sie gar nicht so hartgesotten, trink- und schlagfreudig wie ihre zahlreichen männlichen und weiblichen Vorgänger. Sie hat noch nicht einmal eine Waffe. Obwohl ihr Vater Keith Mars ihr in dem Roman einen Revolver schenkt und sie zum Schießtraining schickt. Wenn sie nach ihrem Studium schon Privatdetektivin sein will, so der väterliche Befehl, muss sie auch eine Schusswaffe haben und mit ihr umgehen können.

Veronicas Ermittlungen in dem Fall des vermissten Teenagers führen sie zu einer Nobelvilla, in der täglich eine gut organisierte Spring-Break-Party stattfindet, unter anderem mit kostenlosen Drogen, bewaffneten Bodyguards, die alle kontrollieren, und einem unbekannten Organisator. Auf dieser Party wurde Hayley vor einigen Tagen zuletzt gesehen. Auf ihrer Facebook-Seite postete sie ein Bild, das sie, wie Veronica auf der Party erfährt, mit Rico Gutiérrez Ortega in einer eindeutigen Pose zeigt. Er ist einer der beiden Organisatoren der Partys, die am Hearst College studieren und künftige Erben eines mexikanischen Drogenkartells sind.

Da verschwindet ein zweites Mädchen: Aurora Scott, die sechzehnjährige, am Hearst College studierende Stieftochter von Veronicas Mutter Lianne. Die Alkoholikerin verließ sie vor elf Jahren. Seitdem hatten sie keinen Kontakt mehr zueinander. Jetzt ist Lianne scheinbar glücklich mit einem ebenfalls trockenen Alkoholiker verheiratet.

Aurora wurde zuletzt von Veronica auf der Party von Ortega und Eduardo Gutiérrez Costillo gesehen.

Zwei Vermisste sind zwei zu viel“ (wobei mir der Retro-Originaltitel „The Thousand Dollar Tan Line“ besser gefällt) ist die von Rob Thomas und Jennifer Graham (die wahrscheinlich die gesamte Schreibarbeit übernahm) geschriebene spannende Fortführung der vertrauten „Veronica Mars“-Serienwelt in Buchform, bei der die bekannten Charaktere aus der Serie gleich im Dutzend auftreten, was den Fan erfreut, den Neuling wegen der vielen Charaktere etwas verwirrt. Immerhin sind hier mehr Charaktere dabei, als andere Detektive in ihrem gesamten Leben treffen.

Der Fall selbst ist sauber geplottet mit etlichen Überraschungen bei der Aufklärung und, verglichen mit den vielen blutgetränkten Serienkillerthrillern, angenehm unblutig und realistisch. Lange Zeit ist sogar unklar, ob die vermissten Teenager tot sind.

Es gibt, wie schon in der TV-Serie und dem Film, ein bitterböses Porträt einer Dashiell Hammettschen „Red Harvest“-Stadt und sobald wir mehr über Hayley und Aurora erfahren, gibt es, wie bei Ross Macdonalds ebenfalls in Kalifornien ermittelnden Privatdetektiv Lew Archer, einen Blick in verkorkste Familien und ihre Vergangenheit. Das bewegt sich immer gelungen und kurzweilig in den vertrauten Hardboiled-Privatdetektivkrimipfaden, wobei Veronica gar nicht so hartgesotten wie der Continental Op, Sam Spade, Philip Marlowe oder Lew Archer ist.

Der zweite „Veronica Mars“-Roman „Mr. Kiss and Tell“ (wieder ein schöner Originaltitel) erscheint in den USA am 28. Oktober. Wenn die Verkaufszahlen gut sind, wird es sicher weitere Romane mit der smarten Privatdetektivin gegen – und das ist gut so.

Thomas - Veronica Mars - 4

Rob Thomas/Jennifer Graham: Veronica Mars: Zwei Vermisste sind zwei zu viel

(übersetzt von Silvia Kinkel)

script 5, 2014

336 Seiten

14,95 Euro

Originalausgabe

Veronica Mars: The Thousand Dollar Tan Line

Alloy Entertainment, 2014

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Veronica Mars“

Moviepilot über „Veronica Mars“

Metacritic über „Veronica Mars“

Rotten Tomatoes über „Veronica Mars“

Wikipedia über „Veronica Mars“

Thrilling Detective über Veronica Mars

Meine Besprechung von Rob Thomas’ „Veronica Mars“ (Veronica Mars, USA 2014)

Meine Besprechung von Rob Thomas‘ „Veronica Mars“ (Veronica Mars, USA 2014) (DVD-Besprechung)


Im Verhörzimmer: Wolfgang Schweiger erklärt das „Duell am Chiemsee“ – und einige andere Dinge

August 11, 2014
Wolfgang Schweiger (Bild: Pendragon)

Wolfgang Schweiger (Bild: Marietta Heel)

 

Die Veröffentlichung von „Duell am Chiemsee“, der sechste Fall der am Chiemsee ermittelnden Kommissare Andreas Gruber und Ulrike Bischoff, war für die Kriminalakte die Gelegenheit, Wolfgang Schweiger, den Autor der Chiemgau-Krimis, in eines unserer Verhörzimmer zu bitten.

Wolfgang Schweiger veröffentlichte zwischen 1984 und 1994 elf Romane, die vor allem im Bereich Noir, Hardboiled und Gangsterkrimi angesiedelt waren, und das Sachbuch „Der Polizeifilm“. 1999 gab es mit „Kein Job für eine Dame“ einen einmaligen Nachschlag. Erst 2008 veröffentlichte er mit „Der höchste Preis“ einen weiteren Roman. Seitdem erschienen fünf weitere Kriminalromane. Immer mit den Kommissaren Gruber und Bischoff.

In seinem neuesten Kriminalroman „Duell am Chiemsee“ wird der Ex-Kriminelle und Schauspieler Frank Janek von einem alten Komplizen und Freund erpresst, einen Drogenhändler zu überfallen. Eine einfache Sache, die mit mehreren Toten endet. Gruber und Bischoff beginnen mit den Ermittlungen – und Janek wird unweigerlich immer tiefer in den kriminellen Sog, dem er anscheinend schon vor Jahren entkommen war, gezogen.

Duell am Chiemsee“ ist ein spannender Gangsterkrimi unter der Tarnkappe eines Regiokrimis mit den ermittelnden Polizisten als Zaungäste in einem blutigen und leichengesättigten Drama.

Was war die Ausgangsidee für „Duell am Chiemsee“?

Schon Schiller schrieb, in jedem von uns stecke ein Borgia. Das wollte ich auf die Hauptfigur übertragen, einen solide gewordenen Ex-Gangster, der von seiner Vergangenheit eingeholt wird. Die Herausforderung dabei war für mich, diesen Mann als halbwegs positive Figur zu erhalten, obwohl er bedenkenlos tötet, wenn er es für nötig hält.

Wie sähe Ihre Wunschbesetzung für eine Verfilmung des Romans aus, wenn Sie vollkommen freie Hand hätten und auch Tote mitspielen dürften?

– Ray Winstone (Gruber),

– Julia Koschitz (Bischoff)

– Josh Brolin (Janek)

– Thomas Kretschmann (Bosch)

– Christoph Waltz (Friesinger)

Ihre frühen Romane waren alle Einzelromane. Mit den Gruber-Bischoff-Polizeiromanen schreiben Sie inzwischen eine Serie, die auch noch in einer erkennbaren Ferienregion spielt. Wo sehen Sie die Unterschiede einer Serie gegenüber Einzelromanen und wie vermeiden Sie die Fallen des Regiokrimis?

Eine (Polizei)Serie engt zunächst ein, weil vorhersehbar ist, dass die Ermittler sich zu helfen wissen und am Ende die Gewinner sind.

Andererseits kann ich die Figuren der Ermittler im Verlauf der Serie weiter entwickeln und dem Leser so vertraut machen, dass er sie wie gute Bekannte empfindet, die er im besten Fall einmal im Jahr trifft.

Bei Einzelromanen muss man stets auf neue um die Aufmerksamkeit der Leser kämpfen.

Für meinen Geschmack wird im Regiokrimi häufig zu viel Wert auf Lokalkolorit gelegt zu Lasten der Handlung. Vor allem, wenn die Krimis in (Ober)Bayern spielen und Gaudi und Klischees die Oberhand gewinnen. Auch den Gebrauch von Dialekt in diesen Krimis kann ich nichts abgewinnen. Das ist mühsam für den Leser und bringt atmosphärisch gar nichts.

Sie haben früher auch Drehbücher für „Der Fahnder“ und „Soko 5113“ geschrieben. Wie unterscheidet sich für Sie die Arbeit an einem Drehbuch von der Arbeit an einem Roman?

Rein technisch gesehen ist die Arbeit an einem Drehbuch um Vieles einfacher, da alles über den Dialog und die Handlung läuft, komplizierte Beschreibungen aller Art (Sonnenuntergänge, die Gedankenwelt eines Serienkillers etc) entfallen.

Andererseits muss man, schreibt man z. B. für eine Krimiserie, alle möglichen Vorgaben beachten („unsere Hauptfigur macht so etwas nicht!“) und ständig darauf achten, ob diese oder jene Szene auch finanzierbar (und aus Sicht der TV-Sender moralisch vertretbar) ist.

Bei einem Roman hingegen habe ich alle Freiheiten, kann meine Geschichte überall und zu jeder Zeit spielen lassen. Am Ende ist nicht irgendein Produzent, Redakteur oder Regisseur die letzte Instanz, sondern ich selbst (in Absprache mit dem Verleger).

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus?

Der Schreib- oder besser gesagt Herstellungsprozess bei meinen jährlichen Gruber/Bischoff Krimis sieht so aus, dass ich bald nach Erscheinen des letzten Buches anfange, auf ausgedehnten Spaziergängen nach einer neuen Grundidee zu suchen. Ist die gefunden, skizziere ich auf ein paar Seiten das vorläufige Handlungsgerüst und die wichtigsten Figuren, gefolgt von einer Kapiteleinteilung.

Für mich ist ganz wichtig, dabei, dass ich das Ende der Geschichte kenne. Erst dann fange ich an zu schreiben, meist vormittags zwischen acht und zwölf.

Ist nach sechs bis acht Wochen eine erste durchgeschriebene Fassung fertig, geht sie an den Verlag, damit der Verleger weiß, was auf ihn zukommt und er seine Anmerkungen und Änderungsvorschläge dazu machen kann. Und da Schreiben Überarbeiten heißt, dauert es dann bis zur 4. oder 5. Fassung, bis ich zufrieden bin.

Die Recherche gestaltet sich manchmal recht skurril: Als ich für meinen zweiten Gruber/Bischoff-Roman einen Blick in die JVA Traunstein werfen wollte, wurde mir dies aus Datenschutzgründen verweigert und der zuständige Herr meinte allen Ernstes, ich solle es doch wie der Karl May halten, der die Schauplätze seiner Geschichten ja auch nicht gekannt habe.

Welche fünf Bücher empfehlen Sie für den Sommerurlaub?

– David Weddle „If They Move … Kill ’Em!“

Die beste Sam Peckinpah-Biografie und zugleich das interessanteste Filmbuch, das ich kenne.

– Philipp Blom „Böse Philosophen“

Aufklärung tut not.

– Stephen Hunter „Pale Horse Coming“

Pulp Fiction vom Feinsten. Hunter auf dem Höhepunkt. Leider hat er in den vergangenen Jahren furchtbar nachgelassen.

– Jörg Fauser „Rohstoff“

Ein Klassiker, immer wieder lesenswert.

– Robert Hültner „Tödliches Bayern“

Authentische Kriminalfälle aus Bayern und der Stoff, aus dem Regiokrimis geschnitzt sein sollten.

Schweiger - Duell am Chiemsee - 2

Wolfgang Schweiger: Duell am Chiemsee

Pendragon, 2014

264 Seiten

10,99 Euro

Hinweise

Homepage von Wolfgang Schweiger

Lexikon der deutschen Krimi-Autoren über Wolfgang Schweiger

Rosenheimer Nachrichten: Interview mit Wolfgang Schweiger (26. November 2006)

Meine Besprechung von Wolfgang Schweigers „Der höchste Preis” (2008)

Meine Besprechung von Wolfgang Schweigers „Tödlicher Grenzverkehr“ (2010)

Meine Besprechung von Wolfgang Schweigers „Duell am Chiemsee“ (2014)


Dominique Manotti träumt „Madoffs Traum“

August 11, 2014

Manotti - Madoffs Traum - 2

Erst vor wenigen Wochen feierte ich den neuen Roman „Ausbruch“ von Dominique Manotti ab und schon liegt ihr nächster Roman auf meinem Schreibtisch. Wobei Roman falsch ist. Der Verlag nennt das 64-seitige Werk eine „Novelle“, ich würde eher längere Kurzgeschichte (so ungefähr in der epischen Stephen-King-Kurzgeschichten-Länge) sagen und ein herkömmlicher Krimi mit Mord und Totschlag ist es auch nicht.

Es ist die an den Fakten entlang erzählte Lebensbeichte von Bernie Madoff, der wegen seiner Betrügereien zu 150 Jahren Gefängnis verurteilt wurde und in Manottis Buch über sich sagt: „Ich bin kein Verbrecher. Ich bin einer der Gründerväter der neuen Ökonomie.“

Er erzählt, wie er in den Sechzigern als Börsenmakler begann, als 22-jähriger eine Wertpapierfirma gründete und in den folgenden Jahrzehnten zum Großverdiener aufstieg. Das begann in den Siebzigern mit dem Einsatz von Computern und der Gründung der NASDAQ: „wir Jungbörsianer [setzten] alles auf eine Karte und gründeten 1971 die weltweit erste voll computerisierte und voll automatisierte Börse, die NASDAQ. Gewagt, gewonnen. In weniger als zehn Jahren entwickelte sich die Nasdaq zur zweitgrößten amerikanischen Börse.“

Als er als Vierzigjähriger in den Achtzigern an den Ruhestand dachte, kam Ronald Reagan an die Macht und das Jahrzehnt der Gier brach aus, wie wir in Oliver Stones „Wall Street“ und Tom Wolfes „Fegefeuer der Eitelkeiten“ (und der Verfilmung) sehen konnten.

So formulierte der Börsenmakler Ivan Boesky (eines der Vorbilder für „Wall Street“ Gordon Gekko) in einer legendären Rede an der Universität Kalifornien: „Gier ist eine Tugend. Lebensgier, Geldgier, Liebesgier, Wissbegier – Gier ist die Essenz des Fortschrittgeistes. Sie ist das, was die Welt in Bewegung versetzt. Sie ist der Motor für das Voranschreiten der Menschheit. Die Gier wird dieses schlecht geführte Unternehmen namens USA retten. Ich denke, dass Gier gesund ist. Sie haben das Recht, gierig zu sein und sich daher wohl in Ihrer Haut zu fühlen.“

Madoff und die anderen Börsianer waren begeistert. Hier formulierte einer eloquent, was er dachte. Auch wenn der Aufschwung der Börse, so Madoff, damals vor allem von Schrottanleihen befeuert wurde.

In den Neunzigern beteiligte Madoff sich auf Anregung von P. an einem Ponzi-System. Als der Betrug während der Finanzkrise aufflug, wurde Madoff als Betrüger auch bei uns bekannt. Immerhin betrog er in großer Dimension die Reichen, die über zwanzig Jahre klaglos die Dividende bezogen und rund um den Globus wohnten.

Madoffs Traum“ ist keine überdrehte Satire wie zuletzt Martin Scorseses „The Wolf of Wall Street“, sondern eine fast schon nüchterne und sich objektiv gebende Annäherung an Madoff beziehungsweise den Typus des Finanzbankers und Börsenmaklers, der sich nicht als schlechten Menschen sieht und, so befürchtet Dominique Manotti in ihrer moralischen Erzählung „der Held Ihrer kommenden Jahre“ ist.

Ergänzend empfiehlt sich nach der Lektüre des schmalen, aber lesenswerten Buches das Ansehen von „Master of the Universe“. In der Doku erzählt der ehemalige Investmentbanker Rainer Voss aus seinem Leben und wie er und seine Kollegen in den frühen Achtzigern die gemütliche deutsche Wirtschaft mit US-amerikanischen Methoden auf Vordermann brachten.

Dominique Manotti: Madoffs Traum

(übersetzt von Iris Konopik)

Ariadne, 2014

64 Seiten

8 Euro

Originalausgabe

La rêve de Madoff

Édtions Allia, Paris 2013

Hinweise

Krimi-Couch über Dominique Manotti

Wikipedia über Dominique Manotti (deutsch, französisch) und Bernie Madoff 

Meine Besprechung von Dominique Manottis „Zügellos“ (À nos Chevaux!, 1997)

Meine Besprechung von Dominique Manottis „Ausbruch“ (L’évasion, 2013)


„Der Dokumentarfilm ist tot, es lebe der Dokumentarfilm“ – aber wie?

August 9, 2014

Leitner-Sorg-Sponsel HRSG Der Dokumentarfilm ist tot - 2

In den Kinos laufen immer mehr Dokumentarfilme. Im Fernsehen werden dagegen die spielfilmlangen Dokumentarfilme im Nachtprogramm und in Spartensendern versteckt (Wissen Sie, wo auf ihrer Fernbedienung ZDFinfo ist?). Auf YouTube und anderen, deutlich unbekannteren Plattformen gibt es beachtliche Dokumentarfilme mit unklaren Gewinnaussichten für die Macher. Wie steht es also um den Dokumentarfilm?

In ihrem Sammelband „Der Dokumentarfilm ist tot, es lebe der Dokumentarfilm“ versuchen Matthias Leitner, Sebastian Sorg und Daniel Sponsel diese Frage für Deutschland zu beantworten und dank der Einzelbeiträge, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven dem Thema nähern, entsteht auch ein vielfältiges Bild.

Es gibt historische Überblicke, theoretische Annäherungen, Praxisberichte und Wissenswertes über die Finanzierung durch Crowdfunding, rechtliche Probleme und Gedanken zu Verbreitungsmöglichkeiten im Internet; soweit die Regisseure die Rechte an ihren Filmen haben.

Besonders interessant sind dabei die historischen Rückblicke („Der Dokumentarfilm – Die Kunst der Stunde“ von Daniel Sponsel und „Dokufiktion – Hybride Formen als Chance“ von Kay Hoffmann), die Einblicke in die Arbeit („Making of ‚Heimat‘ – Ein Werkstattbericht“ von Jörg Adolph und „Tanzende Zwerge. 3D und das Realismusproblem“ von Wim Wenders und Daniel Sponsel), Frédéric Jaegers „Neue kritische Praxis für neue Medien?“ und, wenn man sich für die finanzielle Seite interessiert, die fünf Texte, die sich mit der Finanzierung und Distribution beschäftigen.

Bei den theoretischen Texten, in denen versucht wird, aufzuzeigen, wie sich der Dokumentarfilm wirklich verändert und wo die wirklichen Potentiale dieser Veränderungen liegen, war mir dagegen der Punkt, der die neuen Dokumentarfilme von den alten Dokumentarfilmen unterscheidet, teils unklar und ich fragte mich immer wieder, ob eine Hinwendung zu einem nicht-linearem, einem gamifiziertem und einem Erzählen mit den Zuschauern wirklich ein Fortschritt ist oder ob nicht einfach durchaus begrüßenswerte Experimente mit gut klingenden Phrasen einen philosophischen und theoretischen Überbau bekommen, der in den Filmen nicht erkennbar ist. Es ist auch unklar, ob hier wirklich mit neuen Formen experimentiert wird, ob der Zuschauer wirklich zu neuen Erkenntnissen kommen kann oder ob die Macher einfach ihr Material nicht selbst sinnvoll ordnen wollen, auf jeden Gestaltungswillen verzichten und die Arbeit letztendlich dem Zuschauer überlassen.

Aber trotzdem sollte mehr experimentiert werden, sollte versucht werden, die Möglichkeiten der neuen Medien besser auszuschöpfen (wozu auch lange, ungeschnittene Interviews zählen können, wenn die Kamera nicht vom Gesagten ablenkt) und sich nicht nur auf animierte Diashows beschränken, wie das von Jaeger ausführlicher vorgestellte, mit dem Grimme Online Award ausgezeichnete 2470media/taz-Gemeinschaftsprojekt „Berlinfolgen“, die eigentlich nur eine auch mich nicht sonderlich beeindruckende selbstablaufende Diashow mit Tonspur waren. Dass mehr möglich ist, zeigt die New York Times mit „1 in 8 Million“.

Wenn Ihr also gute Dokumentarfilme kennt, hinterlasst einen Kommentar. Immerhin gehöre ich zu den Schizophrenen, die zwar schon Wochen ungesehener Filme bei sich herumliegen haben, aber immer noch neugierig sind.

Matthias Leitner/Sebastian Sorg/Daniel Sponsel (Hrsg.): Der Dokumentarfilm ist tot, es lebe der Dokumentarfilm – Über die Zukunft des dokumentarischen Arbeitens

Schüren, 2014

148 Seiten

16,90 Euro

Hinweise

Homepage zum Buch

DOK.forum (Filmfest mit und über Dokumentarfilme – der Urknall des Buches)

AG Dok (bzw. Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm – die Vereinigung deutscher Dokumentarfilmer)

Onlinefilm.org (Dokumentarfilme von deutschen Dokumentarfilmern)

realeyz (auch Spielfilme, solange sie nicht zu den Hollywood-Blockbustern gehören)


„Krieg“ zwischen Rick Grimes, Negan und „The Walking Dead“

August 6, 2014

Kirkman - The Walking Dead 20

Nachdem in den vorherigen Sammelbänden der grandiosen Comic-Serie „The Walking Dead“, in der einige wenige Überlebende in einer von Zombies bevölkerten Welt versuchen zu Überleben und dabei ihre Menschlichkeit zu bewahren, wenig passierte und ich den Eindruck hatte, dass Serienerfinder Robert Kirkman die Zeit totschlug, endete „Auf dem Kriegspfad“ damit, dass die von Rick Grimes geführten Überlebenden endlich in den Krieg gegen Negan, den Anführer der Erlöser, zogen.

Negan ist ein durchaus intelligenter Anführer, der mit seinen Männern mehrere Siedlungen von Menschen unterdrückt und von ihnen Schutzgeld verlangt. Grimes und die von ihm angeführte Gruppe Überlebender soll Negan beseitigen. Das ist ihre Eintrittskarte in diese Welt der miteinander Handel treibenden und in Frieden lebenden Siedlungen und das wissen wir seit dem sechzehnten „The Walking Dead“-Sammelband „Eine größere Welt“, als Grimes meinte, als Teil dieser Gemeinschaft könnten sie endlich auch wieder an den Aufbau einer Gesellschaft denken.

Seitdem plätscherte der Konflikt zwischen Grimes und Negan, bei dem nur einer der beiden Männer überleben kann, abgesehen von kleineren Scharmützeln, vor sich hin.

Aber jetzt bricht er endlich aus. Grimes zieht mit einigen Gefährten in die Schlacht. Sie belagern die Festung von Negan und machen so viel Lärm, dass Horden von Zombies auf die Festung zu marschieren. Das Schicksal von Negan scheint besiegelt.

Krieg – Band 1“ bietet endlich wieder das, was wir zuletzt im „The Walking Dead“-Universum vermissten: Zombies. Dazu gibt es jetzt einen Krieg, der der militärischen Logik gehorcht und weil der Kampf zwischen Negan und Grimes in diesem Sammelband noch nicht beendet ist, wird es in „Krieg – Band 2“ sicher zu einem furiosen Ende kommen. Jedenfalls endet „Krieg – Band 1“ mit einem gemeinen Cliffhanger, der Ende August, wenn der abschließende Band dieses Zweiteilers erscheint, aufgelöst wird.

Robert Kirkman/Charlie Adlard/Stefano Gaudiano/Cliff Rathburn: The Walking Dead: Krieg – Teil 1 (Band 20)

(übersetzt von Marc-Oliver Frisch)

Cross Cult, 2014

144 Seiten

16 Euro

Originalausgabe

The Walking Dead, Vol. 20: All Out War, Part One

Image 2014

enthält

The Walking Dead # 115 – 120

Hinweise

Offizielle „The Walking Dead“-Seite

Wikipedia über „The Walking Dead“ (deutsch, englisch)

AMC-Blog zu „The Walking Dead“

„The Walking Dead“-Fanseite

„The Walking Dead“-Wiki

Spiegel Online: Interview mit Charlie Adlard (21. Oktober 2011)

Kriminalakte: Meine Gesamtbesprechung der ersten zehn „The Walking Dead“-Bände

 Meine Besprechung von Robert Kirkman/Charlie Adlard/Cliff Rathburns „The Walking Dead 11: Jäger und Gejagte“ (The Walking Dead Vol. 11: Fear the hunters)

Meine Besprechung von Robert Kirkman/Charlie Adlard/Cliff Rathburns „The Walking Dead 12: Schöne neue Welt“ (The Walking Dead Vol. 12: Life among them)

Meine Besprechung von Robert Kirkman/Charlie Adlard/Cliff Rathburns „The Walking Dead 13: Kein Zurück“ (The Walking Dead Vol. 13: Too far gone, 2011)

Meine Besprechung von Robert Kirkman/Charlie Adlard/Cliff Rathburns „The Walking Dead 14: In der Falle“ (The Walking Dead Vol. 14: No way out, 2011)

Meine Besprechung von Robert Kirkman/Charlie Adlard/Cliff Rathburns “The Walking Dead 15: Dein Wille geschehe” (The Walking Dead Vol. 15: We find ourselves, 2012)

Meine Besprechung von Robert Kirkman/Charlie Adlard/Cliff Rathburns „The Walking Dead: Eine größere Welt (Band 16)“ (The Walking Dead, Vol. 16: A larger world, 2012)

 Meine Besprechung von Robert Kirkman/Charlie Adlard/Cliff Rathburns „The Walking Dead: Fürchte dich nicht (Band 17)“ (The Walking Dead, Vol. 17: Something to Fear, 2013)

Meine Besprechung von Robert Kirkman/Charlie Adlard/Cliff Rathburns „The Walking Dead: Grenzen (Band 18)“ (The Walking Dead, Vol. 18: What comes after, 2013)

Meine Besprechung von Robert Kirkman/Charlie Adlard/Cliff Rathburns „The Walking Dead: Auf dem Kriegspfad (Band 19)“ (The Walking Dead, Vol. 19: March to War, 2013)

Meine Besprechung von Robert Kirkman/Tony Moore/Charlie Adlard/Cliff Rathburns „The Walking Dead – Die Cover, Volume 1“ (The Walking Dead: The Covers, Vol. 1, 2010)

Meine Besprechung der TV-Serie „The Walking Dead – Staffel 1“ (USA 2010)

Meine Besprechung der TV-Serie „The Walking Dead – Staffel 2“ (USA 2011/2012)

Meine Besprechung der TV-Serie “The Walking Dead – Staffel 3″ (USA 2013)

Kriminalakte: das Comic-Con-Panel zur TV-Serie

“The Walking Dead” in der Kriminalakte 

Meine Besprechung von Todd McFarlane (Tusche, Co-Creator)/Robert Kirkman (Autor, Co-Creator)/Ryan Ottley (Zeichner)/Greg Capullo (Zeichner) „Haunt – Band 1“ (Haunt, Vol 1 – 5, 2010)

Meine Besprechung von Todd McFarlane (Tusche, Co-Creator)/Robert Kirkman (Autor, Co-Creator)/Greg Capullo (Zeichner) „Haunt – Band 2“ (Haunt, Vol. 6 – 12, 2010)

Meine Besprechung von Todd McFarlane (Tusche, Co-Creator)/Robert Kirkman (Autor, Co-Creator)/Greg Capullo (Zeichner) “Haunt – Band 3″ (Haunt, Vol. 13 – 18, 2011)

Meine Besprechung von Robert Kirkman/Nick Spencer (Autoren)/Shawn Martinbroughs (Zeichner) „Dieb der Diebe: „Ich steige aus“ (Band 1)“ (Thief of Thieves # 1 – 7, 2012)

 


„Duell am Chiemsee“ mit tödlichem Ausgang

August 4, 2014

Schweiger - Duell am Chiemsee - 2

Mal steht „Chiemgau-Krimi“ auf dem Cover. Mal nicht, aber dann heißt der Roman „Tödliches Landleben“, was auch ein passender Titel für den neuen Roman von Wolfgang Schweiger gewesen wäre. Jetzt heißt der sechste Roman mit den Traunsteiner Kommissaren Andreas Gruber und Ulrike Bischoff „Duell am Chiemsee“ und es gibt mehr als ein Duell und eine erkleckliche Zahl von Leichen, nachdem Markus Bosch seinen früheren Freund Frank Janek besucht. Früher waren sie Verbrecher und nach ihrem letzten Coup trennten sich ihre Wege. Im Gefängnis kam Janek in Kontakt mit der Schauspielerei. Inzwischen verdient er als Schauspieler gut und das bürgerliche Leben gefällt ihm. In Traunstein spielte er einen Kommissar in einem TV-Krimi, der bei entsprechenden Quoten, in Serie gehen kann. Da taucht der totgeglaubte Bosch nach über zwanzig Jahren wieder auf und erpresst Janek, ihm bei einem Überfall zu helfen.

Der Überfall auf die Drogenhändler an einer Tankstelle geht schief. Am Ende sind die Drogenhändler, Bosch und ein Drogenfahnder tot. Sein Kollege überlebt verletzt.

Janek flüchtet unerkannt mit den Drogen und hofft sein bürgerliches Leben wieder aufnehmen zu können, was ein grandioser Irrtum ist.

Nachdem in dem ersten Roman mit den Kommissaren Gruber und Bischoff die Geschichte sich weitgehend in den bekannten Regiokrimi-Bahnen mit zwei sympathischen Ermittlern, etwas Privatleben und viel Lokalkolorit bewegte, liefert Wolfgang Schweiger, der mit Gangster-Krimis und Noirs bekannt wurde, in „Duell am Chiemsee“ einen düsteren, schwarzhumorigen Gangsterkrimi unter dem Deckmantel des Regiokrimis ab. Denn die beiden Kommissare und die Polizei haben nur noch eine Nebenrolle, die sich fast im Aufsammeln der Leichen erschöpft. Traunstein und der gesamte Chiemgau werden zur austauschbaren Kulisse für ein veritables Blutbad genommen, das den Regeln des Gangsterkrimis folgt – und das ist gut so.

Wolfgang Schweiger: Duell am Chiemsee

Pendragon, 2014

264 Seiten

10,99 Euro

Die bisherigen Fälle der Kommissare Gruber und Bischoff

Der höchste Preis, 2008

Kein Ort für eine Leiche, 2009

Tödlicher Grenzverkehr, 2010

Draußen lauert der Tod, 2012

Tödliches Landleben, 2013

Duell am Chiemsee, 2014

Hinweise

Homepage von Wolfgang Schweiger

Lexikon der deutschen Krimi-Autoren über Wolfgang Schweiger

Rosenheimer Nachrichten: Interview mit Wolfgang Schweiger (26. November 2006)

Meine Besprechung von Wolfgang Schweigers „Der höchste Preis“ (2008)

Meine Besprechung von Wolfgang Schweigers „Tödlicher Grenzverkehr“ (2010)


Romane, die mit Filmen zusammenhängen: „Planet der Affen“ und „Planet der Affen – Revolution: Feuersturm“

Juli 28, 2014

Boulle - Planet der Affen - CrossCult

Das läuft jetzt unter nicht notwendiger vorbereitender Lektüre für den neuen „Planet der Affen“-Film, der weiter, im Reboot-Modus, die Vorgeschichte für den klassischen „Planet der Affen“-Film mit Charlton Heston erzählt. Der landete in dem 1968er Science-Fiction-Film nach einer langen Raumfahrt auf einem von Affen beherrschten Planeten, auf dem Menschen wie Tiere gehalten wurden. Am Ende entdeckte er, dass er auf der Erde gelandet war und die Menschheit sich mit dem Einsatz von Atombomben überflüssig machte.

Der Film basiert auf dem 1963 erschienenem Roman „Planet der Affen“ von Pierre Boulle, der auch „Die Brücke am Kwai“ schrieb. Es ist eine Satire, eine „politische Parabel im Sinne von Jonathan Swift“ (Ilona Grzeschik in „Filmgenres: Science Fiction“), eine Zivilisationskritik, die auch heute noch trifft und die in den neuen „Planet der Affen“-Filmen, die mit dem Roman nichts zu tun haben, nicht mehr vorhanden ist.

In Boulles Roman lesen wir ein Manuskript des Journalisten Ulysse Mérou, das er als warnende Flaschenpost dem Weltraum anvertraute. Mérou war mit zwei Wissenschaftlern auf dem Weg zum Sternensystem Beteigeuze, als sie den erdähnlichen Planeten Soror entdecken und, nach ihrer Landung, feststellen, dass Soror von Affen beherrscht wird und Menschen jede Vernunft abgesprochen wird.

Zum Filmstart veröffentlichte Cross-Cult jetzt den Roman in einer neuen Übersetzung und er kann vollkommen unabhängig von allen anderen „Planet der Affen“-Filmen, -Büchern und -Comics, die alle irgendwie mit den Hollywood-Filmen der vergangenen Jahrzehnte zusammenhängen, als eigenständiges literarisches Werk und gelungene Gesellschaftssatire gelesen werden.

Keyes - Planet der Affen - Feuersturm

 

Als vor drei Jahren „Planet der Affen: Prevolution“ in die Kinos kam, glaubte niemand an den ganz großen Erfolg. Immerhin war 2001 Tim Burtons „Planet der Affen“-Film, der ein wenig packendes Remake vom 1968er „Planet der Affen“-Film ist und zu einer Wiederbelebung des in den frühen siebziger Jahren enorm populären „Planet der Affen“-Franchise führen sollte, zwar an der Kasse erfolgreich, aber von der Kritik und den Fans ungeliebt.

Der Spielfilm „Planet der Affen: Prevolution“ erzählt, ohne sich sonderlich um die vorherigen Filme zu kümmern, den Anfang der Geschichte die zur Herrschaft der Affen über die Menschen führt. In der Gegenwart sucht das Biotech-Unternehmen GenSys nach einem Mittel gegen Alzheimer und macht dafür auch Tierversuche mit Affen. Die Versuchstiere werden durch das Medikament intelligenter, sie brechen aus, liefern sich auf der Golden-Gate-Brücke eine Schlacht mit der Polizei und verschwinden im Redwood-Nationalpark.

Planet der Affen: Revolution“, der am 7. August im Kino startet, setzt zehn Jahre später ein und erzählt eine weitere Geschichte aus dem Kampf der Menschen gegen die Affen. Die ausführliche Besprechung des insgesamt sehenswerten Films gibt es zum Filmstart.

In seinem Roman „Planet der Affen – Revolution: Feuersturm“ erzählt Greg Keyes die offizielle Vorgeschichte zum Film; wobei das durchaus großzügig interpretiert werden kann. Denn man muss das Buch nicht gelesen haben, um den Film zu verstehen. Neben den Affenanführern Caesar und Koba und einigen ihrer Freunde hat es nur Dreyfus, Ex-Polizeichef, Kurzzeitbürgermeister und, im Film, Anführer der in San Francisco überlebenden Menschen, geschafft, die zehn Jahre zwischen der Handlungszeit des Romans und dem des Films zu überleben.

Der Roman beginnt unmittelbar nach dem Ende von „Planet der Affen: Prevolution“. Die Affen haben sich in den Wald zurückgezogen. Gegenüber der Öffentlichkeit wird die Schlacht auf der Brücke heruntergespielt. GenSys, die Biotech-Firma, die für die Experimente an den Affen verantwortlich war, hat über ihren Mutterkonzert und beauftragt vom Bürgermeister von San Francisco ein von einem paramilitärischem Dienstleister geleitetes Expeditionsteam zusammengestellt, das die Affen im Muir-Woods-Nationalpark finden soll. Während der Jagd bemerkt der afrikanische Affenjäger Malakai, dass diese Affen sich intelligenter verhalten als gewöhnliche Affen.

Gleichzeitig gibt es in San Francisco die ersten Anzeichen einer Seuche. Ein enorm aggressiver Virus, die Simianische Grippe, bringt Menschen innerhalb weniger Tage um. Eine Ärztin versucht zu helfen. Ein Journalist versucht die Wahrheit herauszufinden. Und Dreyfus, der von der Bevölkerung immer noch respektierte Ex-Polizeichef mit Ambitionen auf das Amt des Bürgermeisters, versucht die Bevölkerung zu beruhigen, was ihm auch immer wieder gelingt. Er wird, während der Bürgermeister komplett versagt, zur Stimme der Vernunft.

Und die von Caesar angeführten Affen versuchen im Wald in Ruhe zu Leben.

Feuersturm“ erzählt parallel eine Handvoll Geschichten, die in und um San Francisco spielen und ein allererstes Bild von der beginnenden Gesellschaft der Affen und, wie wir wissen, dem Ende der Menschheit, ergeben. Außerdem erzählt Greg Keyes in zahlreichen Rückblenden auch von Malakais Jugend in Belgisch-Kongo, das später zur Demokratischen Republik Kongo wurde, und dem früheren Leben von Caesar (weniger, wir haben ja „Planet der Affen: Prevolution“ gesehen) und Koba, der die Menschen hasst, weil sie ihn immer quälten und als Forschungsobjekt benutzten.

In dem Roman werden einige Tage aus einer größeren Geschichte erzählt, deren Ende wir kennen, wobei diese „Planet der Affen“-Welt auch mit einer friedlichen Koexistenz von Affen und Menschen enden könnte. Bis dahin können allerdings noch viele Geschichten erzählt werden und „Feuersturm“ ist wie eine TV-Episode aufgebaut mit einigen Geschichten, die innerhalb des Romans zu Ende erzählt werden, anderen, die irgendwann weiter erzählt werden und einem Personal, dessen Geschichten in weiteren Romanen weiter erzählt werden können.

Für einen in sich abgeschlossenen Roman fehlt dagegen eben diese Geschlosenheit und die einzige nacherzählbare Geschichte, was die Lektüre für sich allein etwas sinnlos macht. Wer allerdings „Planet der Affen: Prevolution“ gesehen hat und wissen möchte, was nach dem Kampf auf der Brücke geschah, sollte zugreifen.

Ach ja, der dritte Teil heißt selbstverständlich „Planet der Affen: Evolution“.

Pierre Boulle: Planet der Affen

(übersetzt von Merle Taeger)

Cross Cult, 2014

272 Seiten

12,80 Euro

Originalausgabe

La Planète des Singes

Editions Julliard, Paris, 1963

Der Roman erschien schon in einer anderen Übersetzung in mehreren Ausgaben.

Greg Keyes: Planet der Affen – Revolution: Feuersturm

(übersetzt von Susanne Döpke)

Cross Cult, 2014

384 Seiten

12,80 Euro

Originalausgabe

Dawn of the Planet of the Apes: Firestorm

Titan Books, 2014

Hinweise

Wikipedia über Pierre Boulle (deutsch, englisch, französisch) und  Greg Keyes (deutsch, englisch)

Amerikanische Homepage zum Film „Planet der Affen: Revolution“

Deutsche Facebook-Seite zum Film „Planet der Affen: Revolution“

Film-Zeit über „Planet der Affen: Revolution“

Moviepilot über „Planet der Affen: Revolution“

Metacritic über „Planet der Affen: Revolution“

Rotten Tomatoes über „Planet der Affen: Revolution“

Wikipedia über „Planet der Affen: Revolution“ (deutsch, englisch)

„Planet der Affen“-Wiki


„Capote in Kansas“ erzählt das Making-of zu „Kaltblütig“

Juli 27, 2014

Parks - Capote in Kansas - 2

1959 fährt Truman Capote nach Kansas. Er hat in der Zeitung von dem bestialischen Mord an der Farmerfamilie Clutter in Holcomb am 15. November 1959 gelesen. Er, der in New York gefeierte, homosexuelle Bestsellerautor von Werken wie „Frühstück bei Tiffany“, wollte ein Buch über das wahre Leben und die Auswirkungen eines Verbrechens auf die Gemeinschaft schreiben. Seine Recherchen, bei der er von seiner Kollegin Harper Lee („Wer die Nachtigall stört“) begleitet wird, gestalten sich zunächst schwierig. Denn die Landbewohner wollen nichts mit dem Paradiesvogel aus der Großstadt zu tun haben. Dennoch erlangt er ihr Vertauen und als die beiden Täter Perry Edward Smith und Richard Eugene Hickock sechs Wochen nach ihrer Tat verhaftet werden, kann er sich auch mit ihnen unterhalten. Sie werden zum Tod verurteilt. Am 14. April 1965 wird das Urteil vollstreckt.

1966 veröffentlicht Capote den Tatsachenroman „Kaltblütig“ (In cold blood), der zum Bestseller und Sachbuch-Klassiker wird. Es war sein letztes längeres Werk.

Das Buch wird zweimal verfilmt. Die Richard Brooks‘ Verfilmung von 1967 ist ein Klassiker. Jonathan Kaplans TV-Zweiteiler von 1996 ist dagegen wesentlich unbekannter, soll aber auch gelungen sein.

Die Entstehungsgeschichte des Buches wurde 2005 fast zeitgleich von Bennett Miller und Douglas McGrath in zwei Spielfilmen behandelt. Millers „Capote“ mit Philip Seymour Hoffman in der Hauptrolle überzeugte Kritik und Publikum. McGraths „Kaltes Blut“ (Infamous), immerhin mit Toby Jones und Sandra Bullock in den Hauptrollen, wurde dagegen als zweites Werk zum gleichen Thema innerhalb weniger Wochen weitgehend ignoriert.

Mit seiner zeitgleich entstandenen Graphic Novel „Capote in Kansas“, die erst jetzt auf Deutsch erschien, erzählt Autor Ande Parks seine Version der Recherchen von Truman Capote in Kansas, die sich natürlich an den inzwischen weithin bekannten Fakten orientiert. Aber auch er nimmt sich einige Freiheiten,

Bei der Geschichte setzte Parks das Wissen über das Verbrechen, die Aufklärung und das Gerichtsverfahren voraus. Denn im Mittelpunkt steht, wie der Titel verrät, Truman „Capote in Kansas“ und seine Versuche, das Material in den Griff zu bekommen. Dabei hilft ihm auch der Geist von Nancy Clutter, was die größte und entscheidende Veränderung gegenüber den anderen Annäherungen an die Geschichte ist.

Stilistisch orientieren Parks und Zeichner Chris Samnee in seinen SW-Panels sich an alten Zeitungscomics und Noir- und Kriminalgeschichten, was dann auch wieder an die eindrückliche SW-Fotografie von Brooks‘ Film erinnert.

Capote in Kansas“ ist ein spannender Einblick in die Entstehungsgeschichte von „Kaltblütig“ und eine konzentrierte Auseinandersetzung mit einem Thema. Im Nachwort sagt Parks dazu: „Die allumfassende Thematik von ‚Capote in Kansas‘ ist, dass große Kunst dem Künstler große Mengen Blut kosten kann. Um es einfacher auszudrücken: Genialität verbrennt.“ Dieses Thema formulierte Parks schon im ersten Vorschlag für den Comic, der im umfangreichen Anhang von „Capote in Kansas“ abgedruckt ist. Dort findet man auch eine gestrichene Szene und mehrere Seiten mit Skizzen von Chris Samnee.

Dieser informative Anhang rundet das rundum gelungene Buch und Parks‘ interessante Interpretation der Arbeit von Truman Capote an seinem bekanntesten Buch (neben „Frühstück bei Tiffany“) ab.

Ande Parks/Chris Samnee: Capote in Kansas

(übersetzt von Monja Reichert)

Panini, 2014

164 Seiten

19,99 Euro

Originalausgabe

Capote in Kansas

Oni Press, 2005

Für die Übersetzung wurde die Neuauflage von 2014 genommen.

Hinweise

Blog von Ande Parks

Wikipedia über Ande Parks, Truman Capote (deutsch, englisch) und „Kaltblütig“ (deutsch, englisch)


Manu Larcenet erzählt sehr noir vom „Blast“

Juli 21, 2014

Larcenet - Blast 3 - 2

Zwei Polizisten verhören einen dicken Mann. Ein Monstrum, das eine so unvorstellbare Tat begangen hat, dass die Beamten bis zum Äußersten gefordert sind und das Verhör mehrmals unterbrechen müssen. Dabei wissen wir in Manu Larcenets Comic „Blast“, dessen dritter Band „Augen zu und durch“ (von vier) kürzlich erschien, lange nicht, was Polza Mancini, 38 Jahre, ohne festen Wohnsitz, Alkoholiker, mehrfache Aufenthalte in der Psychiatrie, vorgeworfen wird. Denn er besteht darauf, dass er die Geschichte in seinem eigenen Tempo erzählt. Er erzählt von seiner Jugend, seiner Karriere als geachteter Gastrokritiker, wie er dann plötzlich sein Leben aufgab, in den Wald zog, eine neue Freiheit spürte und mit anderen gesellschaftlichen Außenseitern zusammenlebte. Er erzählt auch, wie er Carole Oudinot, die er später versuchte zu töten (sie liegt in einem künstlichem Koma), kennen lernte. Und er erzählt von seiner Drogensucht. Seinen geistigen Aussetzern, die er „Blast“ nennt und die von Manu Larcenet wie ein überirdischer Drogenrausch, bei dem alle Synapsen im Gehirn explodieren, in farbigen Panels gezeichnet wurde.
Allerdings nimmt Mancini es – wie die Polizisten öfter sagen – mit der Wahrheit nicht so genau. Daher könnte seine gesamte Geschichte auch das Hirngespinst eines Wahnsinnigen sein.
Manu Larcenet erzählt die Geschichte vor allem über die atmosphärischen SW-Panels, in denen die Menschen immer wieder grotesk überzeichnet sind und so einen Blick in Mancinis derangierte Psyche liefern. Das fasziniert von der ersten Seite an und weil „Blast“, trotz der Aufteilung in vier Bände (der vierte Band soll nächstes Jahr erscheinen), eine zusammenhängende, düstere Geschichte, nämlich die Biographie Mancinis in seiner Interpretation mit Korrekturen der Beamten, erzählt, sollte man sie unbedingt chronologisch lesen.

Manu Larcenet: Blast: Augen zu und durch (Band 3)
(übersetzt von Ulrich Pröfrock)
Reprodukt, 2014
208 Seiten
29 Euro

Orignalausgabe
Blast 3 – La Tête la première
Dargaud, 2012

Das Geständnis des Herrn Mancini
Blast: Masse (Band 1) (Blast 1 – Grasse Carcasse, 2009)
Blast: Die Apokalypse des Heiligen Jacky (Band 2) (Blast 2 – L’Apocalypse selon Saint Jacky, 2011)
Blast: Augen zu und durch (Band 3) (Blast 3 – La Tête la premieère, 2012)
Blast 4 – Pourvu que les bouddhistes se trompent, 2014

Hinweise
Homepage über Manu Larcenet
Reprodukt über Manu Larcenet
Wikipedia über Manu Larcenet (deutsch, französisch) und „Blast“


Der Punisher erlebt ein „Nightmare“

Juli 18, 2014

Gimple - Punisher - Nightmare - 2

Diese Tat erinnert „Punisher“ Frank Castle an seine Vergangenheit: im Central Park geraten Elitesoldat Jake Niman, seine Frau und seine Tochter in einen Schusswechsel zwischen Mafiosi. Nimans Familie stirbt. Er selbst überlebt schwer verletzt mit mehreren Schusswunden und Verbrennungen dritten Grades. Noch während er im Koma liegt, beginnt Castle, dessen Familie vor Jahren bei einem ähnlichem Anschlag starb, die Täter zu suchen.
Als Niman überraschend schnell von den Verletzungen genest, macht er sich mit Castle auf die Jagd. Dabei bemerkt Castle, dass das Militär an Niman genetische Experimente durchführte, die ihn unbesiegbar machen. Denn Nimans Verletzungen heilen atemberaubend schnell und mit jeder Verletzung wird er stärker. Niman wird zu Nightmare und der Punisher, der sich normalerweise mit höchst irdischen Gegner (vulgo verbrecherischem Abschaum) herumschlagen muss, hat es dieses Mal mit einem Gegner zu tun, der eher in den „Batman“- und Superhelden-Kosmos passt.
Scott M. Gimple, der auch Bücher für die TV-Serien „Life“, „Flash Forward“ und „The Walking Dead“ und den Film „Ghost Rider: Spirit of Vengeance“ (okay, bei dem Nicolas-Cage-Desaster hatten noch einige andere Autoren ihre Finger im Spiel) schrieb, schrieb die fünfteilige Miniserie „Nightmare“, die in dem gleichnamigem Sammelband komplett vorliegt, über zwei Geistesverwandte, die sich schnell bekämpfen und dabei ein mörderisches Spektakel abbrennen, bei dem es auch einige, eher homöopathische Dosen Kritik am Militär, dem Militärisch-Industriellem-Komplex und den US-Kriegen der letzten Jahrzehnte gibt. Castle ist Vietnam-Veteran, Niman Afghanistan-Veteran – und beide wurden in dieser Zeit unbesiegbar.
Aber Castle, der bekanntlich einer sehr alttestamentarischen Moral folgt, hat immer noch ein Gewissen.

Scott M. Gimple (Autor)/Mark Texeira (Zeichner): 100 % Marvel 72 – Punisher: Nightmare
(übersetzt von Robert Syska)
Panini, 2014
124 Seiten
16.99 Euro

Originalausgabe
Punisher: Nightmare # 1 – 5
Marvel, März 2013

Hinweise

Wikipedia über “The Punisher” Frank Castle (deutsch, englisch)

Wikipedia über Garth Ennis (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Garth Ennis/Will Simpson/Steve Dillons “Hellblazer – Gefährliche Laster” (Dangerous Habits, 1991)

Meine Besprechung von Garth Ennis (Autor)/Leandro Fernandez (Zeichner) „The Punisher – Garth Ennis Collection 7“ (Up is Down and Black is White, The Slavers, 2005/2006)

Meine Besprechung von Garth Ennis/Goran Parlov/Leandro Fernandezs “The Punisher – Garth-Ennis-Collection 8″ (Barracuda, Part 1 – 6 (Punisher [MAX] 31 – 36), Man of Stone, Part 1 – 6 (Punisher [MAX] 37 – 42), 2006/2007)

Meine Besprechung von Garth Ennis (Autor)/Adriano Batista/Marcos Marz/Kewber Baal (Zeichner) „Jennifer Blood – Selbst ist die Frau (Band 1)“ (Garth Ennis’ Jennifer Blood: A Woman’s Work is Never Done, 2012)

Meine Besprechung von Jason Aaron (Autor)/Steve Dillons (Zeichner) “PunisherMax: Kingpin (Max 40)” (PunisherMax: Kingpin, Part 1 – 5, 2010)

Homepage von Greg Rucka

Meine Besprechung von Greg Rucka/Steve Liebers „Whiteout“ (Whiteout, 1998/1999)

Meine Besprechung von Greg Rucka/Steve Liebers „Whiteout: Melt“ (Whiteout: Melt, 1999/2000)

Meine Besprechung von Greg Ruckas “Die Welt ohne Superman” (The Sleepers, 2009)

Meine Besprechung von Greg Ruckas “Batman: Hinter der Maske” (Cutter, März – Mai 2010/Beneath the Mask,  Juni – Juli 2010/Good King Wencesias, Februar 2009)

Greg Rucka in der Kriminalakte

Pulp Noir: Homepage/Blog von Charlie Huston

Meine Besprechung von Charlie Hustons „Killing Game“ (The Shotgun Rule, 2007)

Meine Besprechung von Charlie Hustons „Das Clean-Team“ (The mystic arts of erasing all signs of death, 2009)

Meine Besprechung von Charlie Hustons „Bis zum letzten Tropfen“ (Every last drop, 2008)

Meine Besprechung von Charlie Hustons “Die Hank-Thompson-Trilogie”

Meine Besprechung von Charlie Huston (Autor)/ Lan Medina (Zeichner) „Deathlok: Der Zerstörer (MAX 41)“ (Deathlok: The Demolisher, Vol. 1 – 7, Januar – Juli 2010)

Mein Interview mit Charlie Huston

Charlie Huston in der Kriminalakte

Meine Besprechung von David Lapham (Autor)/Kyle Bakers (Zeichner) “Deadpool MAX: Lang lebe Hydra!” (Deadpool MAX 7 – 12, 2011)

Homepage von Andy Diggle

Blog von Andy Diggle

Meine Besprechung von Andy Diggle/Jocks „The Losers: Goliath – Band 1“

Meine Besprechung von Andy Diggle/Jock/Shawn Martinbroughs „The Losers: Die Insel – Band 2“

Meine Besprechung von Andy Diggle/Jock/Nick Dragotta/Alé Garza: The Losers: Der Pass, Band 3 (The Losers 13 – 19, 2005)
Meine Besprechung von Andy Diggle/Jock/Ben Olivers (Zeichner) „The Losers: London Calling (Band 4) (The Losers # 20 – 25, 2005)

Meine Besprechung von Andy Diggle/Jock/Colin Wilsons “The Losers: Endspiel (Band 5)” (The Losers # 26- 32, 2005/2006)

Meine Besprechung von Andy Diggle (Autor)/Leonard Manco/Danijel Zezelj (Zeichner) „John Constantine, Hellblazer: Spritztour (Band 10)“ (Hellblazer: Vol. 230 – 239, 2008)

Meine Besprechung von Garth Ennis‘ „The Punisher – Garth-Ennis-Collection 9“
Meine Besprechung von Garth Ennis‘ „The Punisher – Garth-Ennis-Collection 10“
Meine Besprechung von Jason Aaron/Steve Dillons „The Punisher (MAX) 48: Frank“ (PunisherMax: Frank, 2011)
Meine Besprechung von Jason Aaron/Steve Dillons „The Punisher (MAX) 49: Der letzte Weg“ (PunisherMax: Homeless, 2011/2012)
Meine Besprechung von Greg Rucka (Autor)/Marco Checcetto (Zeichner)/Max Fiumaras (Zeichner) „Punisher 1: Ermittlungen“
Meine Besprechung von Charlie Huston/Andy Diggle/Kyle Hotz‘ „PunisherMAX: Hässliche kleine Welt“