„Anklage: Mord – Im Namen der Wahrheit“, der im Original treffender „The Trails of Cate McCall“ heißt, ist ein prominent besetzter und überraschend gelungener Justizkrimi in dem Kate Beckinsale als Cate McCall versucht, ihren Alkoholismus in den Griff zu bekommen, wieder als Anwältin arbeiten zu dürfen, einen Mordprozess zu gewinnen und von ihrer fünfjährigen Tochter wieder als Mutter akzeptiert zu werden, während ihr Ehemann mit der Tochter von Kalifornien nach Seattle umziehen will.
Der Mordprozess ist zwar nur ein Haftprüfungsfall und sie muss den Fall als Pflichtverteidigerin übernehmen, aber immerhin könnte sie so wieder ohne Wenn und Aber als Anwältin zugelassen werden. Außerdem ist sie nach einem Gespräch und einem Blick in die Akten von der Unschuld der zu einer lebenslänglichen Haft verurteilten Frau überzeugt.
Als es zur Gerichtsverhandlung kommt, beginnt sie die von der Polizei manipulierten Beweise und Aussagen auseinanderzunehmen.
Zugegeben, das ist eine Menge Stoff für neunzig Minuten, aber Karen Moncrieff, die das Buch schrieb und Regie führte, gelingt es die vielen Verhandlungen der Cate McCall schlüssig miteinander zu verbinden, weil McCall sich in allen Verhandlungen beweisen muss und sie immer um ihre Selbstachtung kämpft. Als Mutter, als Ehefrau und als Anwältin.
Wie sich diese verschiedenen Plots beeinflussen und ergänzen, ist der interessante Aspekt des Films. Denn gerade die Gerichtsverhandlung läuft doch arg nach den bekannten Mustern ab und McCalls unbedingter Wille, nur Schuldige hinter Gitter zu bringen, ist dann doch arg naiv und überhöht. Vor allem weil sie früher anscheinend eine sehr gute Anwältin war. Da waren die „Anatomie eines Morders“ und der „Lincoln Lawyer“ schon einige Schritte weiter; – vor allem weil es am Ende von „Anklage: Mord“ eine Wendung im Gericht gibt, die so wohl nicht möglich ist. Jedenfalls nach dem, was ich von US-amerikanischen Gerichtsverfahren weiß.
„Anklage: Mord“ bewegt sich durchgehend auf dem Niveau eines guten TV-Films, der gut besetzt ist, fast nur in Innenräumen spielt, auf die Dialoge und Schauspieler baut und die Geschichte in jeder Beziehung altmodisch erzählt bis hin zum für mein Gefühl etwas zu positiven Ende.
Anklage: Mord – Im Namen der Wahrheit (The Trails of Cate McCall, USA 2013)
Regie: Karen Moncrieff
Drehbuch: Karen Moncrieff
mit Kate Beckinsale, Nick Nolte, James Cromwell, Clancy Brown, Taye Diggs, Isaiah Washington, Mark Pellegrino, Brendan Sexton III, David Lyons, Dale Dickey, Kathy Baker
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DVD
Koch Media
Bild: 2.35:1 (16:9)
Ton: Deutsch (DTS, Dolby Digital 5.1), Englisch (Dolby Digital 5.1)
Dank der regelmäßigen Wiederholungen der beiden Spielfilme „Das schwarze Schaf“ und „Er kann’s nicht lassen“ ist für uns natürlich Heinz Rühmann der einzig wahre Father Brown und deshalb dauerte es, jedenfalls bei mir, einige Zeit, bis ich Mark Williams (Arthur Weasley in den „Harry Potter“-Filmen) als Geistlichen akzeptierte. Er spielt in der neuen, in den Fünfzigern spielenden BBC-Serie „Father Brown“ den titelgebenden Geistlichen ähnlich verschmitzt und liebenswürdig wie Heinz Rühmann, bringt aber eine Pfunde mehr auf die Waage.
Der englische Film „Die seltsamen Wege des Pater Brown“ (Father Brown) von 1954 mit Alec Guiness als Priester und die ITV-TV-Serie „Father Brown“ aus den Siebzigern mit Kenneth More sind dagegen bei uns fast vollkommen unbekannt.
Alle diese Filme basieren auf dem von Gilbert Keith Chesterton (1874 – 1936) erfundenem Charakter.
Er schrieb die fünfzig Father-Brown-Geschichten, die in fünf Büchern veröffentlicht wurden, zwischen 1911 und 1936 und gerade die Verbindung von Glaube und rationaler Verbrechensaufklärung verhalfen den Geschichten zum Klassikerstatus. Denn der nach außen hin so unscheinbare Father Brown ist ein genauer Beobachter und ein Menschenkenner, der in zahlreichen Beichten zahllose Schandtaten und Verstöße gegen die zehn Gebote anhören und dann den Sündern, im Namen Gottes, verzeihen musste.
Neben den „Father Brown“-Geschichten schrieb Chesterton zahlreiche weitere Geschichten, Biographien und Essays, die in seiner Heimat auch sehr populär waren. Bei uns sind sie, auch weil sie nicht oder erst sehr spät übersetzt wurden, kaum bekannt.
Die erste Staffel der von Tahsin Guner und Rachel Flowerday erfundenen BBC-Serie „Father Brown“ verlegt Chestertons Geschichten in die fünfziger Jahre in ein malerisches englisches Städtchen irgendwo auf dem Land mit einer intakten religiösen Gemeinde, einer Adligen und einem Kriminalpolizisten, der auch als Gemeindepolizist (sozusagen die weltliche Ausgabe von Father Brown, mit weniger Witz und mehr harter Polizistenschale) fungiert, und immer versucht, den Geistlichen aus den Ermittlungen herauszuhalten. Erfolglos.
Die TV-Serie ist sehr cozy, aber auch kurzweilig und selbstverständlich absolut unrealistisch. Denn, wie in „Inspector Barnaby“, wird in einem kleinen, abseits der Großstadt liegendem Ort, in dem sich auf den ersten Blick alle gern haben, hemmungslos gemordet. Und genau wie „Inspector Barnaby“ richtet „Father Brown“ sich schnell in einer Parallelwelt ein, die ein verklärtes Bild vom Leben auf dem Land in den Fünfzigern zeichnet. „George Gently – Der Unbestechliche“ (neue Fälle gibt es ab Sonntag, den 10. August, um 22.00 Uhr im ZDF) ist da ganz anders: in dieser in den Sechzigern spielenden Serie werden die damaligen Konflikte und gesellschaftlichen Veränderungen zum Ausgangspunkt der Fälle genommen. „George Gently“ ist ohne den sozialpolitischen und historischen Hintergrund nicht denkbar. Für „Father Brown“ ist das Gegenteil konstitutiv.
Außerdem ist der religiöse Anteil in den „Father Brown“-Episoden auf ein allgemeinverträgliches Maß hinuntergebrochen worden. Eigentlich zeugt nur noch das große Verständnis des weltoffenen und neugierigen Geistlichen für die menschlichen Schwächen und sein Glaube an das Gute im Menschen, auch bei einem Verbrecher, von einem religiösem Hintergrund. So will er in „Das blaue Kreuz“ einen Profidieb von einem Diebstahl abhalten. In anderen Episoden will er den Mörder zu einem Geständnis bewegen.
In England wurden bereits zwanzig Fälle mit Mark Williams als Father Brown gezeigt. Eine dritte Staffel, dann mit fünfzehn Fällen, ist in Arbeit.
„Father Brown“ ist eine mehr entspannende als spannende TV-Serie, garantiert jugendfrei, durchaus witzig und mit einigen Einblicken in das Leben vor sechzig Jahren auf dem Land, als es noch keinen Fernseher gab.
Father Brown – Staffel 1(Großbritannien 2013)
Erfinder: Tahsin Guner, Rachel Flowerday
LV: Charakter von Gilbert K. Chesterton
mit Mark Williams (Father Brown), Sorcha Cusack (Mrs. McCarthy), Nancy Carroll (Lady Felicia), Alex Price (Sid Carter), Hugo Speer (Inspector Valentine), Kasia Koleczek (Susie Jasinski)
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DVD
Polyband
Bild: 1,78:1 (16:9)
Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: –
Länge: 466 Minuten (10 x 46 Minuten) (3 DVDs)
FSK: ab 12 Jahre
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Die ersten Bekehrungen von Father Brown
Der Hammer Gottes (The Hammer of God)
Regie: Ian Barber
Drehbuch: Tahsin Guner
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Die fliegenden Sterne (The Flying Stars)
Regie: Ian Barber
Drehbuch: Rachel Flowerday
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Die falsche Form (The wrong Shape)
Regie: Dominic Keavey
Drehbuch: Nicola Wilson
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Der Mann im Baum (The Man in the Tree)
Regie: Dominic Keavey
Drehbuch: Rebecca Wojciechowski
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Das Auge Apollos (The Eye of Apollo)
Regie: Matt Carter
Drehbuch: Tahsin Guner
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Die Braut Christi (The Bride of Christ)
Regie: Ian Barber
Drehbuch: Jude Tindall
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Der Staub des Teufels (The Devil’s Dust)
Regie: Dominic Keavey
Drehbuch: Dan Muirden
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Im Angesicht des Todes (The Face of Death)
Regie: Matt Carter
Drehbuch: Lol Fletcher
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Der Bürgermeister und der Zauberer (The Mayor and the Magician)
Für die „Veronica Mars“-Fans bestanden die letzten Jahren aus persönlichen Wiederholungen der DVDs auf dem heimischen Bildschirm. Aber jetzt gibt es neues Futter. Nämlich einen Spielfilm, der nach einem kurzen Gastspiel in den Kinos jetzt auf DVD erschien und den Roman „Zwei Vermisste sind zwei zu viel“, der am 11. August erscheint. Bis dahin kann man sich den Spielfilm „Veronica Mars“ ansehen. Zum Kinostart schrieb ich:
Was bisher geschah: Als TV-Serie lief „Veronica Mars“ von 2004 bis 2007 im US-TV und sie hatte eine überschaubare, aber sehr treue Fanbasis, zu der auch Stephen King und Ed Brubaker gehörten. In der Serie ist die Heldin eine Privatdetektivin, die auch Schülerin ist und das Ganze wird aus der Hardboiled-Noir-Perspektive, mit einer Prise Humor, erzählt. Eine einfache, aber ziemlich geniale Idee.
Im deutschen TV lief die Serie ab 2006 im ZDF. Zuerst am Samstag Nachmittag, dann Freitag Nacht, beide Male gut versteckt, mit wechselnden Anfangszeiten, vor einem überschaubarem Publikum, das nicht das Zielpublikum der Serie, nämlich Teenager, war. Ich gab bei dieser „Sopranos“-würdigen Programmierung schnell auf.
Nach dem Ende der Serie ließ die Beliebtheit von „Veronica Mars“ nicht nach, die Macher und Schauspieler wurden immer wieder auf die Serie angesprochen – und als Serienerfinder Rob Thomas auf der Crowdfunding-Plattform Kickstarter eine Seite veröffentlichte, um das echte Interesse der Fans an einer „Veronica Mars“-Neuauflage zu testen, war, wie bei „Stromberg“, das Spendenziel schnell erreicht. Genaugenommen sollten bei der Kickstarter-Kampagne zwei Millionen Dollar gesammelt werden. Das erreichten sie innerhalb eines Tages. Am Ende wurden es 5,7 Millionen, die Kampagne brach sämtliche Rekorde und einem „Veronica Mars“-Spielfilm, der neun Jahre nach dem Ende der Serie spielt, stand nichts mehr im Weg.
Die Gegenwart: Veronica arbeitet schon lange nicht mehr als Privatdetektivin. Sie hat ihr Studium abgeschlossen, einen gut dotierten Job in einer Kanzlei in Manhattan in Aussicht und sie hat einen Freund. So einen richtig braven Typen. Kurz: ihr Leben verläuft endlich in ruhigen und gesitteten Bahnen. Da erfährt sie, dass Bonnie DeVille, früher Klassenkameradin, später Sängerin, ermordet wurde und ihr Ex-Freund Logan verdächtigt wird, sie getötet zu haben. Veronica fliegt von der Ostküste zurück nach Neptune, Kalifornien. Eigentlich will sie Logan nur bei der Suche nach einem Anwalt helfen, aber dann beginnt sie doch mit der Mörderjagd.
Außerdem steht das zehnjährige Klassentreffen an, bei dem sie unter keinen Umständen dabei sein will.
Aber auch ohne das Klassentreffen (bei dem sie – das ist jetzt nicht wirklich überraschend – teilnimmt) ist der Spielfilm „Veronica Mars“ vor allem eine Begegnung mit alten Bekannten, die man mehrere Jahre nicht gesehen hat, und die man jetzt, wenn man wieder seinen Heimatort besucht, wieder trifft, sich mit ihnen über die Vergangenheit und die Gegenwart, in der die damaligen Träume an der Gegenwart gemessen werden, unterhält und bemerkt, was sich in den vergangenen Jahren veränderte. In der „Red Harvest“-Kommune Neptune veränderte sich wenig und die Seriennostalgie wird auch dadurch befördert, dass viele alte Serienbekannte wieder dabei sind.
Diese Reunion ist dann schon fast wichtiger als der vernachlässigbare Fall – und knüpft nahtlos an die „Veronica Mars“-TV-Serie an, die ja auch immer ein selbstironischer und stilbewusster Clash zwischen Teenager-Drama und Hardboiled-Privatdetektivkrimi (inclusive dem Voice-Over) ist und die Fälle (jedenfalls in den mir bekannten Episoden) eher mau sind.
Auch optisch bewegt sich „Veronica Mars“ immer auf dem gewohnten TV-Standard, der auf der Kinoleinwand doch etwas deplatziert wirkt.
So ist der Spielfilm nur eine überlange Auftaktepisode für eine neue „Veronica Mars“-TV-Serie, die auch als Einzelfilm, als Nachklapp zur Serie, eigentlich ins Fernsehen gehört, aber wegen der Vorgeschichte im Kino läuft.
„Veronica Mars“ ist von der ersten bis zur letzten Minute Fanservice, der kaum geeignet ist, neue Fans zu gewinnen.
Die Zukunft: In jedem Fall erscheint am 25. März der Roman „The Thousand Dollar Tan Line“ von Rob Thomas und Jennifer Graham. Es ist er erste „Veronica Mars“-Roman einer geplanten Serie und er spielt nach dem Ende des Films. Eine deutsche Übersetzung ist noch nicht angekündigt.
Nun, die Zukunft zeichnet sich jetzt etwas deutlicher ab. Denn die deutsche Übersetzung von „The Thousand Dollar Tan Line“ erscheint in wenigen Tagen. Ob es weitere Film-Auftritte von Veronica Mars gibt, ist dagegen immer noch unklar. Jedenfalls wären die Macher und Veronica-Mars-Darstellerin Kristen Bell bereit.
Und der Spielfilm, der eine sehr vergnügliche Angelegenheit für die „Veronica Mars“-Fans und Fans von angenehm altmodischen Privatdetektiv-Krimis ist (wie ich, der ohne seine jährliche Dosis Continental Op, Sam Spade, Philip Marlowe, Lew Archer, Jim Rockford undsoweiter nicht leben kann), bei denen Wortwitz wichtiger als Action sind (vor allem Action von der unrealistischen Sorte), funktioniert auf dem inzwischen gar nicht mehr so kleinem kleinen Bildschirm besser als im Kino.
Als Bonusmaterial gibt es auf der DVD (die Blu-ray hat etwas mehr) die 53-minütige Doku „Von den Fans: Das Making-of Veronica Mars“, in dem die Geschichte des Films von der Kickstarter-Kampagne über die Dreharbeiten bis zur Präsentation auf der San Diego Comic-Con erzählt wird. Der Schwerpunkt liegt dabei bei den Fans, denen es wirklich gelang, den Film Realität werden zu lassen. Einige waren auch bei den Dreharbeiten als Statisten dabei und bei der Vorstellung auf der Comic-Con feierten sie die Schauspieler und Rob Thomas frenetisch, bei einem Panel in der für 5000 Leute ausgelegten, vollbesetten Halle H. In der Doku kommen einige der Fans ausführlicher zu Wort. Außerdem werden die Macher, vor allem „Veronica Mars“-Erfinder Rob Thomas und die Schauspieler, die größtenteils auch schon bei der Serie dabei waren, nicht müde, die große Bedeutung der Fans für die Serie zu betonen. Und man muss ihnen zustimmen: denn „Veronica Mars“ ist das erste Beispiel für eine im TV gecancelte Serie, die durch den Willen der Fans, die sich hier auch finanziell am Film beteiligten, wieder zum Leben erweckt wurde.
Veronica Mars(Veronica Mars, USA 2014)
Regie: Rob Thomas
Drehbuch: Rob Thomas, Diane Ruggiero (nach einer Geschichte von Rob Thomas)
mit Kristen Bell, Jason Dohring, Krysten Ritter, Ryan Hansen, Francis Capra, Percy Daggs III, Chris Lowell, Tina Majorino, Enrico Colantoni, Sam Huntington, Jerry O’Connell, Jamie Lee Curtis, James Franco
Bonusmaterial: Von den Fans: Das Making of Veronica Mars
Länge: 103 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
–
Der erste „Veronica Mars“-Roman erschien in den USA Ende März und bei uns am 11. August. Zeitlich spielt er nach dem Spielfilm. Veronica arbeitet jetzt als Privatdetektivin in Neptune und ihr Vater ist davon nicht sonderlich begeistert. In „Zwei Vermisste sind zwei zu viel“ sucht sie, im Auftrag der Handelskammer von Neptune, zwei während des Spring-Break-Besäufnisses verschwundene Teenager.
Ich bin gerade beim Lesen und die erste Hälfte hat sich sehr angenehm weggelesen. Die – wenn kein Unglück geschieht – Jubelrezension gibt es dann in einigen Tagen.
Der zweite“Veronica Mars“-Roman „Mr. Kiss and Tell“ (wieder ein schöner Originaltitel) erscheint am 28. Oktober und wenn die Verkaufszahlen gut sind, wird es sicher weitere Romane mit der Privatdetektivin gegen.
Rob Thomas/Jennifer Graham: Veronica Mars: Zwei Vermisste sind zwei zu viel
Schauspielernde Musiker und Bands, um die herum zur Vermarktung ihrer Musik ein Film geschrieben wird, sind meistens schnell vergessener filmischer Sondermüll. Oder will wirklich jemand alle Elvis-Presley-Madonna-Howard-Carpendale(das war eigentlich nur ein Film)-Filme sehen? Es gibt natürlich, wie immer, einige Ausnahmen und der erste Film der Beatles gehört unbestritten dazu. Bei einer 1999 vom British Film Institute (BFI) durchgeführten Befragung von tausend Filmschaffenden zu den 100 besten britischen Filmen landete „A Hard Day’s Night“ auf dem 88. Platz. Auch das Time Magazin erwähnte ihn in seiner Liste der 100 besten Filme – um nur zwei Listen zu nennen, auf denen der Film steht.
Richard Lester erzählt in einem flotten Reigen kurzer, dokumentarisch anmutender Szenen vom alltäglichen Leben der Band. Die vier Musiker laufen vor kreischenden Fans (die von echten Fans gespielt wurden) davon, sie fahren im Zug von Liverpool nach London, wo sie in einer Live-TV-Sendung auftreten sollen, sie begegnen wieder kreischenden Fans (okay, sie begegnen überall kreischenden Fans, vor denen sie mit jugendlichem Charme flüchten), sie nehmen ihre kleinen Fluchten, was ihren Manager zur Verzweiflung treibt und am Ende treten sie in der Show auf, was dazu führt, dass sie hintereinander einige noch heute bekannte Hits spielen und die überwiegend weiblichen Fans kreischen dürfen.
Und, als Comic-Relief ist Pauls Großvater dabei, ein Mann, über dessen Zurechnungsfähigkeit spekuliert werden kann. Aber nicht über seine Geschäftstüchtigkeit. Und er ist, wie mehrfach betont wird, sauber.
Die Beatles, also John Lennon, Paul McCartney, George Harrison und Ringo Starr werden als fröhliche junge Männer gezeigt, die wie pubertierende Jungs ihr Leben genießen und trotzdem verantwortungsbewußt sind. Denn auch bei ihren zahlreichen Fluchten, die ihren gutmütigen Managers Nerven kosten, kehren sie doch pünktlich zum Auftritt zurück. Sie sind so etwas wie die Klassenclowns, die den Lehrer respektieren. Und sie würden nie etwas wirklich Schlimmes oder Böses tun; nicht so wie spätere Musikergenerationen, die mit Drogen experimentierten und – ähem – seltsame Kleider trugen und – räusper – aufrührerische Parolen skandierten.
Nein, die Beatles waren noch richtig unschuldig – und die Fanekstase mit kreischenden, sie verfolgenden Fans und kreischenden Fans während des Konzertes ist heute fast unvorstellbar; – solange wir nicht über eine austauschbare Boy-Group mit deutlich kürzerem musikalischem Haltbarkeitsdatum und vernachlässigarem Einfluss auf die Musikgeschichte reden.
Richard Lester, der hier am Anfang seiner Karriere stand und in den nächsten Jahren einige Klassiker drehte, inszenierte mit „A Hard Day’s Night“ die Blaupause für künftige Musikerporträts, indem er gelungen zwischen den Stilen, vor allem in einem atemlosen, im Rhythmus der Musk geschnittenem Cinéma-Vérité-Stil zwischen dokumentarischen und eindeutig parodistischen Szenen, wechselte, die Musker als grundsympathische Menschen inszenierte und viele Songs der nach damaliger Meinung langhaarigen Musiker präsentierte, die zuerst zu Hits und später zu Evergreens wurden. Dabei gehorcht Lester nie einer spröden dokumentarisch-faktenbasierten, sondern einer emotionalen Wahrheit.
Heute würde man „Yeah Yeah Yeah“ (so der ursprüngliche deutsche Titel) Mockumentary nennen und den kurzweiligen Film ebenso bedenkenlos genießen, wie damals während der Beatlemania.
A Hard Day’s Night (A Hard Day’s Night, Großbritannien 1964)
Regie: Richard Lester
Drehbuch: Alun Owen
mit John Lennon, Paul McCartney, George Harrison, Ringo Starr, Wilfrid Brambell, Anna Quayle, Norman Rossington
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DVD
Koch-Media
Bild: 1.78:1 (16:9)
Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1/2.0)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Audiokommentar mit Cast und Crew (ungefähr ein Dutzend Menschen und Tonnen Informationen), umfangreiche Bildergalerie, Deutscher und englischer Kinotrailer
Länge: 84 Minuten
FSK: ab 6 Jahre
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Der Film erschien in identischer Ausstattung auch auf Blu-ray.
Außerdem gibt es eine Special Edition mit DVD, Blu-ray und zwei Bonus-DVDs, die insgesamt über 250 Minuten Bonusmaterial enthalten, unter anderem mit über zwei Stunden Interviews, mehrere Dokumentationen über den Film, die Beatles und Richard Lester und Richard Lesters Kurzfilm „The Running, Jumping & Standing Still“. Außerdem gibt es noch ein Booklet.
Normalerweise fasse ich ja die Handlung einer Geschichte selbst zusammen, aber bei „Shocking Shorts 2014“, einer Sammlung von zehn deutschen Kurzfilmen, die vor allem spannend sein sollen, wurde das bereits vom Verleih und der Presseagentur gut erledigt. Deshalb gibt es jetzt, mit kleinen Ergänzungen, erst einmal die Filmzusammenfassungen und danach meine Kritik: 1) Au Pair
Regie: Marc Schießer
Drehbuch: Marc Schießer
Deutschland, 2013
Länge: 25:03 Minuten
Darsteller: Pia Slomczyk, Yvonne Yung Hee, Darell Montoya, Janina Grün
Das französische Au-Pair-Mädchen Joline (Pia Slomczyk) kommt für einige Zeit nach Deutschland, um im chinesischen Restaurant „Blue Dragon“ zu arbeiten. Zwischen ihr und ihrer Gastmutter Frau Zhou (Yvonne Yung Hee) entsteht ein zunehmend angespanntes Verhältnis, das sich schnell zu einem Psycho-Duell zuspitzt.
– 2) Dunkler Wald
Regie: Felix F. Walz
Drehbuch: Florian Wentsch
Deutschland, 2013
Länge: 05:15 Minuten
Darsteller: Sarah Maria Besgen, Oliver Franck
Die junge Simone (Sarah Maria Besgen) erwacht in ihrem Badezimmer. Die Wände sind blutverschmiert und irgendwo in ihrem Haus ertönen merkwürdige Geräusche. Ängstlich und zugleich von Neugier getrieben macht sich Simone auf, um herauszufinden, was geschehen ist. Die Spuren scheinen sie zuerst in die Irre zu führen. Doch als sie einem Auto in den nahen Wald folgt, macht sie eine schockierende Entdeckung.
– 3) Vollnarkose
Regie: Johannes Furrer
Drehbuch: Johannes Furner
Deutschland, 2013
Länge: 12:53 Minuten
Darsteller: Christian Furrer, Jonas Müller-Liljeström, Bernd Michael Straub, Carolin Freund
Der junge Anästhesist Peter (Christian Furrer) wird bei einer OP mit seiner Vergangenheit konfrontiert: Auf dem Operationstisch liegt ein Mann, mit dem Peter noch eine Rechnung offen hat. Hin- und hergerissen zwischen seiner ärztlichen Pflicht und seinen Rachegelüsten, kämpft er mit der Erinnerung.
– 4) Revolve
Regie: Andreas Olenberg, Nils Klatt
Drehbuch: Andreas Olenberg, Nils Klatt, Daniel Littau
Deutschland, 2013
Länge: 17:36 Minuten
Darsteller: Alwin Barg, Martin Geuer, Hans Morgeneyer, Sebastian Sellner
Sechs Menschen, die aus den unterschiedlichsten Gründen in einem abgelegenen Gasthaus zusammengekommen sind, eint ein Ziel: Sie wollen die Nacht überleben. Sie spielen mit hohen Einsätzen und kompromisslosen Regeln. Eine Waffe in der Mitte, in jeder zweiten Kammer eine Patrone, 50 Prozent Überlebenschance, für den, der an der Reihe ist. Und nur ein Gewinner. Wozu ist der Mensch bereit, wenn er nichts zu verlieren hat?
– 5) Anti Cupido
Regie: Andreas Pakull
Drehbuch: Andreas Pakull
Deutschland, 2014
Länge: 15:00 Minuten
Darsteller: Thomas Krutmann, Meike Gottschalk, Christof Düro, Laurenz Dietz
Ein Ehepaar wird von einer bizarren Gestalt (Thomas Krutmann) aus dem Schlaf gerissen und mit einer Armbrust bedroht. Doch der Fremde will das Ehepaar nicht berauben, sondern ein Gespräch erzwingen. Schnell stellt sich heraus, dass „Anti Cupido“ mehr über die beiden weiß, als ihnen recht ist.
– 6) Antlitz des Bösen
Regie: Jasmin Lord
Drehbuch: Jasmin Lord, Marco J. Riedl
Deutschland, 2014
Länge: 17:00 Minuten
Darsteller: Tamara Rohloff, Philipp Danne, Francisco Medina
Die erfolgreiche Autorin Nina Sanders (Tamara Rohloff) lädt den jungen Journalisten Daniel (Philipp Danne) zu einem ihrer seltenen Interviewtermine ein. Daniel recherchiert über einen Serienmörder, der in der Stadt sein Unwesen treibt. Auch Nina wurde als junges Mädchen von einem Psychopathen gefangen gehalten und missbraucht, konnte jedoch fliehen. Während des Interviews stellt sich heraus, dass Daniel mehr als nur Hintergrundwissen eines ehemaligen Opfers will.
– 7) Malik
Regie: Gregor Bös
Drehbuch: Gregor Bös, Thomas Bünger, Laurenz Lerch
Deutschland, 2013
Länge: 08:00 Minuten
Darsteller: Hubert Burczek, Laurenz Lerch, Canan Kir
David (Laurenz Lerch) arbeitet als Barkeeper. Beim Flirt mit der hübschen Sophie (Canan Kir) wird er von einem mysteriösen Mann (Hubert Burczek) gestört, der ihm eine perfide Wette vorschlägt: Er verspricht David einen Sportwagen, sollte sein Feuerzeug zehnmal hintereinander funktionieren. Doch bleibt die Flamme nur einmal aus, verliert David etwas viel Wertvolleres.
– 8) Rotkäppchen: Eine Erzählung von Blut und Tod
Regie: Florian von Bornstädt, Martin Czaja
Drehbuch: Florian von Bornstädt
Deutschland, 2013
Länge: 17:19 Minuten
Darsteller: Cornelia Werner, Alexx Grimm, Vivien Ciskowska
Als Markus (Alexx Grimm) vor seinem Wohnhaus ein verdrecktes Mädchen (Vivien Ciskowska) entdeckt und es mit in seine Wohnung nimmt, ahnt seine Frau Annika (Cornelia Werner) schnell, dass mit diesem Kind etwas nicht stimmt. Sie fühlt sich nicht wohl bei dem Gedanken, es über Nacht in der Wohnung zu haben und soll schnell Recht behalten. Das Mädchen kennt intime Geheimnisse des Ehepaars. Bald beginnt ein Psychospiel, das blutig enden soll.
– 9) die Prüfung
Regie: Claudio Franke
Drehbuch: Claudio Franke
Deutschland, 2014
Länge: 06:00 Minuten
Darsteller: Markus Knüfken, Valentin Teufel, Melanie Herbe
„Weil du jetzt zwölf bist. Jeder muss diese Prüfung ablegen.“ Als Léon (Valentin Teufel) zwölf wird, steht die Prüfung an. Der Staat, in dem er lebt, testet jeden Bürger im Alter von zwölf Jahren. Léons Mutter (Melanie Herbe) erklärt ihm, dass es eine Art Intelligenztest sei. Da er immer ein guter Schüler war, macht sich der Junge keine Sorgen. Doch seine Eltern verhalten sich merkwürdig.
– 10) Abbitte eines Mörders
Regie: Julian Cohn
Drehbuch: Julian Cohn
Deutschland, 2013
Länge: 21:30 Minuten
Darsteller: Olaf Krätke, Bernd Gnann, Ludwig Blochberger, David Heim, Marc Adler
Eine Kirche. Ein junger Pater (Ludwig Blochberger) im Beichtstuhl. Ein alter Mann (Olaf Krätke) in der Nachbarkabine. Er will Buße tun – so scheint es zumindest. Doch schon bald wird klar, dass keiner der beiden, der ist, der er vorgibt zu sein.
–
Na, das klingt doch ganz spannend und insgesamt fallen die zehn Kurzfilme auch überraschend spannend aus, sind kurzweilig und haben eine gelungene Pointe, auch wenn einige überdeutlich von bekannten Vorbildern inspieriert sind („Malik“ von einer Episode aus „Four Rooms“) oder die Pointe absehbar ist, vor allem bei den Psychodramen „Abbitte eines Mörders“ oder „Anlitz des Bösen“, dem Gewinner des diesjährigen Shocking Shorts Award, der seit fünfzehn Jahren vom TV-Sender 13th Street vergeben wird.
Ansonsten geht es quer durch die Genres und Genrevarianten zwischen Crime und Horror. Mal mehr, mal weniger ernst. So erzählt „Anti Cupido“, grotesk übersteigert und witzig, von einer Paartherapie der anderen Art. Der Horrorfilm „Dunkler Wald“ beeindruckt durch seine expressionistische SW-Noir-Kamera – und ist der stilistische Gewinner. „die Prüfung“ ist eine hundsgemeine Dystopie, die auf einer Kurzgeschichte von Henry Sleaser, einem Meister der kurzen Form, basiert.
Das sind die drei besten Filme, aber auch das stilisierte „Au Pair“, „Revolve“ (letztendlich ein lupenreiner Gangsterkrimi), die als Drogentrip abfallende „Vollnarkose“ und das in Richtung Fantasy gehende „Rotkäppchen: Eine Erzählung von Blut und Tod“ brauchen sich nicht zu verstecken.
Als Bonusmaterial gibt es einen gut neunminütigen „Bericht vom Shocking Shorts Award 2013“, der ungefähr die Tiefe einer Boulevard-Reportage hat. Da wären einige Hintergrundinformationen zu den für wenig Geld herstellten Kurzfilmen und den Machern deutlich spannender gewesen.
Als ein führerloses Schiff die Dänemark und Schweden verbindende Öresundbrücke rammt und in ihm fünf bewußtlose junge Menschen aus den beiden Ländern entdeckt werden, haben Saga Norén (Sofia Helin) und Martin Rohde (Kim Bodna) wieder einen Grund, um zusammen zu arbeiten. Für Rohde ist es auch der Versuch, mit seiner Vergangenheit ins Reine zu kommen. Denn am Ende der ersten Staffel von „Die Brücke – Transit in den Tod“ war sein Sohn August tot und der Mörder, ein ehemaliger Kollege, kam ins Gefängnis. Dabei hätte Rohde ihn am liebsten getötet. Norén verhinderte das.
Auch die zweite Staffel von „Die Brücke – Transit in den Tod“ besteht wieder aus fünf spielfilmlangen Episoden. In insgesamt gut zehn Stunden erzählt Hans Rosenfeldt, der Erfinder und Hauptautor der Serie, wieder einen Fall, der schnell ziemlich unüberschaubare Dimensionen annimmt. Das entwickelt, wie bei „Kommissarin Lund“, einen enormen Sog. Auch weil der Fall schnell größer wird: die im Schiff betäubten dänischen und schwedischen Jugendlichen waren mit der Pest infiziert, im Internet bekennt sich eine Öko-Terrorgruppe dazu und kündigt weitere Anschläge an, Lebensmittel werden vergiftet, ein Tanklaster wird in Malmö im Hafen in die Luft gejagt und weitere, größere Anschläge sind geplant.
Dieser Krimiplot wird mit Episoden aus dem Privatleben der Ermittler und weiterer Personen, die in den Fall involviert sind, großzügig angereichert. Denn neben den Terroristen, die von einem Hintermann gesteuert werden, und den Polizisten werden etliche Charaktere eingeführt, deren Bedeutung für die Geschichte teilweise über mehrere Folgen vollkommen unklar bleibt. Das gilt vor allem für eine Verlegerin, eine todkranke Firmenbesitzerin, ihren Bruder, eine Veranstaltungsmanagerin, ihren fremd gehenden Ehemann, einen Gigolo und einen jungen Schüler, der mit dem Tod seines Bruders aus der Geschichte verschwindet. Einerseits wissen wir, dass sie für die Geschichte irgendwann wichtig werden, aber Eheprobleme und die Arbeit an einer Biographie sind nicht sonderlich spannend, auch wenn natürlich – wie in einem Dorf – alle Charaktere irgendwie etwas miteinander zu tun haben.
Dahinter verschwindet der Fall immer wieder. Teilweise vollkommen. Vor allem nachdem am Ende der zweiten Folge die Terroristen – jedenfalls die erste Gruppe – von einem Unbekannten ermordet wurde, gibt es in der dritten und vierten Folge viele verschiedene Taten, die teilweise schnell aufgeklärt werden und so den Eindruck hinterlassen, dass alles furchtbar kompliziert ist, es eine große Verschwörung gibt und die verschiedenen Taten und Zusammenhänge unmöglich noch sinnvoll logisch rekonstruiert werden können. Es sind einfach zu viele Verbrechen und zu viele Täter, die teilweise nach einem kurzen Auftritt von der Bildfläche verschwinden, was aber die Spannung auf einem konstanten Level hält, auch wenn die Ermittler in ihrem Hauptfall nicht voran kommen und die letzte Stunde von „Die Brücke“ dann – immerhin geht es um das Verhindern eines Terror-Attentates und damit um ein „24“-Szenario – doch eher vor sich hin plätschert. Da spielt die Thriller-Serie „24“ dann doch in einer anderen Liga, aber „Die Brücke“ schlägt sich als Krimi-Serie wacker.
Im Zentrum stehen dabei die schon aus der ersten „Die Brücke“-Staffel bekannten Ermittler Sofia Norén und Martin Rohde. Er ist ein stinknormaler Kriminalpolizist aus Dänemark, der derzeit, weil er noch mit den psychischen Nachwirkungen des vorherigen „Die Brücke“-Falls zu kämpfen hat, getrennt von seiner Frau lebt, sie aber regelmäßig besucht und ein gutes Verhältnis zu ihr und ihren zahlreichen gemeinsamen Kindern hat. Und er hat, wie es sich für skandinavische Ermittler gehört, ein mehr als erfülltes Sexualleben und einen anscheinend unwiderstehlichen Sex-Appeal auf das andere Geschlecht.
Die Schwedin Norén ist dank ihres ihr Asperger-Syndroms eine begnadete Ermittlerin (sie kann sich wirklich alles merken), aber auch vollkommen beziehungsgestört. Dennoch lebt sie jetzt mit einem Comic-Zeichner zusammen. Aber ihr sprunghaftes und vollkommen undiplomatisches Verhalten deutet schon schnell das Ende der Beziehung an. So findet sie es okay, dass er bei ihr lebt, aber er soll seine Kartons nicht auspacken und auch nichts in der Wohnung verändern. Auch in der Arbeit agiert sie oft wie ein Terminator, der stur sein Ziel verfolgt und überhaupt nicht versteht, dass Menschen Gefühle haben. Das sorgt immer wieder für absurde Situationen. Aber mir erschien diese Situationskomik hier oft etwas zu dick aufgetragen. Denn Norén benimmt sich wie ein kleines Kind oder ein gerade aus einer fremden Galaxie gekommener Alien.
Das klingt jetzt alles furchtbar negativ, dabei ist „Die Brücke“ insgesamt nicht schlecht. Immerhin gelingt es den Machern, die Spannung und das Interesse über gut zehn Stunden aufrecht zu erhalten.
Der Drehstart der dritten Staffel ist im September und die meisten Stammschauspieler sind wieder dabei.
Die Brücke – Transit in den Tod – Staffel 2 (Bron; Broen, Schweden/Dänemark/Deutschland 2013)
Regie: Kathrine Windfeld, Morten Arnfred, Mikael Hansson
Drehbuch: Hans Rosenfeldt, Nikolaj Scherfig, Maren Loiuse Kaehne, Camilla Ahlgren
Erfinder: Mans Marlind, Hans Rosenfeldt, Björn Stein
mit Sofia Helin, Kim Bodnia, Dag Malmberg, Sarah Boberg, Rafael, Pettersson, Henrik Lundström, Vickie Bak Laursen, Lars Simonsen, Camilla Bendix
– DVD
Edel
Bild: 16:9
Ton: Deutsch, Dänisch/Schwedisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Bonusmaterial: Interviews mit den Darstellern (circa 30 Minuten)
Länge: 578 Minuten (5 DVDs)
FSK: ab 12 Jahre
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Hinweise
Nachdem Edgar Reitz‘ Alterswerk „Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht“ bereits etliche Preise abräumte (was erwartbar war) und auch an der Kinokasse ein veritabler Erfolg war (was so nicht erwartbar war), erscheint der vierstündige Film jetzt auf DVD und Blu-ray. Allein letztes Kalenderjahr sahen sich über 120.000 Menschen den Film an, was wegen der Länge (es gibt eine Pause), des SW und der antidramatischen Erzählweise beachtlich ist. Zum Kinostart schrieb ich über den Film und das zum Film erschienene Buch:
Schwarzweiß und gut vier Stunden. Das sind die Eckdaten, die den neuen Film von Edgar Reitz zu einem Film für eine ausgewählte Zuschauermenge machen. Da hilft es auch nicht, dass „The Artist“ (der sogar ein Stummfilm war) erfolgreich war und dass Hollywood-Blockbuster immer länger werden und deshalb manchmal gleich als Zweiteiler ins Kino kommen. Auch Reitz hat ungefähr in der Filmmitte eine Pause eingefügt, die vor allem für einige Dehn- und Streckübungen gut ist. Denn im Gegensatz zu Quentin Tarantinos Racheepos „Kill Bill“, das als Zweiteiler im Kino lief, dessen Teile sich stark unterscheiden und so sogar die kommerzielle Entscheidung rechtfertigte (zwei getrennte Teile sind zwei Filme, ergo zweimal Eintritt), ist Edgar Reitz’ „Die andere Heimat“ die epische Chronik einer sich für den Protagonisten Jakob Simon nicht erfüllenden Sehnsucht, die während der großen Auswanderungswelle im Hunsrück in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts und vor der deutschen Revolution von 1848 spielt. 1842 will der Neunzehnjährige, eine vergeistigte Leseratte, nach Brasilien, in das Land seiner Träume, auswandern. Diese Welt erscheint ihm viel spannender als das Leben in dem Hunsrückdorf Schabbach. Edgar Reitz erzählt die Geschichte von Jakob und den Schabbachern betont undramatisch. Oft treffen die Charaktere wichtige Entscheidungen außerhalb des Films und auch viele Hintergründe zu Politik, Wirtschaft und dem alltäglichen Leben werden als bekannt vorausgesetzt oder erschließen sich durch die Beobachtung des damaligen Alltags. Entsprechend viel Zeit nimmt sich der Film, der fast wie eine Dokumentation über das damalige Leben wirkt, auch für das Zeigen von alltäglichen Arbeiten. Die damit verbundene Ruhe ist anfangs faszinierend, weicht aber mit zunehmender Laufzeit einer gewissen Langeweile. Denn „Die andere Heimat“ erzählt nicht nur von Jakob, sondern auch von seinem Bruder Gustav, den beiden jungen Frauen Jettchen und Florinchen, die in die Brüder verliebt sind, aber die Beziehung ganz pragmatisch angehen, dem Graveur Franz Olm und dem Leben im Wandel der Jahreszeiten zwischen Geburt und Tod, wobei die einzelnen Ereignisse, wie in einer Chronik, nebeneinander stehen und sich nicht immer beeinflussen. Reitz erzählt, mit großer Ruhe, beobachtend von den Zufälligkeiten des Lebens und gibt für die Hauptgeschichte nebensächlichen Ereignissen einen breiten Raum, während wichtige Entscheidungen im Off oder schweigend getroffen werden. Im Kino funktioniert diese epische Erzählweise, im Gegensatz zur im Schüren-Verlag erschienenen, von Edgar Reitz geschriebenen Filmerzählung, nur bedingt. Hier hätte die Konzentration auf den Protagonisten und eine ordentliche Kürzung auf eine publikumsfreundliche Laufzeit gut getan. Im Fernsehen, als Vierteiler, dürfte „Die andere Heimat“, trotz der die große Leinwand fordernden Cinemascope-Bilder des „Heimat“-erfahrenen Kameramanns Gernot Roll, die dem Hunsrück eine ungeahnte, fast schon Western-hafte Weite verleihen, als ein fast schon willkürlicher Ausschnitt aus zwei Jahre im Leben von Jakob Simon deutlich besser funktionieren. Immerhin entstanden auch seine anderen „Heimat“-Filme für das Fernsehen und gerade „Heimat – Eine deutsche Chronik“ (1984), die erste „Heimat“-Serie, die Edgar Reitz einen „Zyklus von 11 Spielfilmen“ nannte, spielt auch in Schabbach und erzählt vom Leben der Familie Simon von 1919 bis 1982. Im Zentrum steht die 1900 geborenen Maria (Marita Breuer). „Die zweite Heimat – Chronik einer Jugend“ (1992) erzählt die Geschichte von Hermann Simons (Henry Arnold) Studienjahren von 1960 bis 1970 in München. Ähnlichkeiten mit Edgar Reitz’ Leben, der am 1. November 1932 in dem Hunsrückdorf Morbach geboren wurde und nach München zog, sind nicht zufällig. Mit „Heimat 3 – Chronik einer Zeitenwende“ (2004), die von 1989 bis 2000 spielt, kehrt er, wieder mit Hermann Simon als Protagonisten, in den Hunsrück zurück und erzählt, etwas konfus (was auch an den vom Fernsehen veranlassten Kürzungen auf 90-Minuten-Happen liegen kann), von den neunziger Jahren und dem Vereinigungsprozess. „Die andere Heimat“ bildet jetzt, mit einer Rückkehr in den Hunsrück und in die Vergangenheit der Familie Simon den würdigen Abschluss seines Lebenswerkes. Denn dass er noch einen weiteren Spielfilm dreht, dürfte unwahrscheinlich sein. Die Musik ist von Michael Riessler, der auch für „Heimat 3“ die Musik schrieb.
Das Filmbuch
Pünktlich zum Filmstart erschien im Schüren-Verlag auch das Buch zum Film, in dem Edgar Reitz die Filmgeschichte nacherzählt, die im Buch besser funktioniert als im Kino, und um einige Details und Hintergründe ergänzt, die die Lücken im Film ausfüllen, die Reitz bewusst gelassen hat: „Ich könnte tausend Gelegenheiten aufzählen, bei denen das Drama auf der Hand lag und wo ich nur hätte zugreifen müssen, um den Film zu machen, den die akademischen Dramaturgen mit Freuden aufgenommen hätten. Aber warum mache ich so etwas nicht? Die Antwort ist einfach, und es ist eine Antwort, die mich mein ganzes Leben begleitet hat: Weil ich mit meinen Filmen das reale Leben besser verstehen lernen will. An erster Stelle steht für mich das genaue Beobachten, das Wissen von den Menschen und ihren Verhaltensweisen. Ich weiß einfach, wie die Dinge in einer Hunsrücker Bauernfamilie früher geregelt wurden. Da läuft es anders als im Kino oder in der Psychoanalyse. Diese von wahrer Not und täglichem Existenzkampf gezeichneten Menschen empfinden Dinge wie Verliebtheiten, Bildungshunger, Rivalität unter Geschwistern als vermeidbare Luxusprobleme. Die tödliche Krankheit der Mutter oder eines der Kinder ist eine Bedrohung der gesamten Familie, und es geht um jede Stunde, die die Kranke noch lebt und zur Arbeit gehen kann. (…) Weil es mir nicht um Zuspitzung geht, sondern um die Schilderung von Lebensklugheit, die meist darin besteht, Ambivalenzen auszuhalten. Die Gesetze des Lebens sind mir heilig und ich würde es für eine unverzeihliche Tat halten, diese Wahrheiten, um deren Darstellung ich kämpfe, der Kinodramaturgie zu opfern. (…) Ich bestehe auf dem Recht, den Weg des epischen Erzählens ins Kino einzuführen, auch wenn ich manchen Zuschauer damit strapazieren sollte.“ Außerdem gibt es im letzten Drittel des Buches zahlreiche Hintergrundinformationen zum Film, den Dreharbeiten und der Geschichte, die das spartanisch illustrierte Buch zu einer idealen Ergänzung zum Film machen.
Was soll ich ergänzend dazu sagen? Beim zweiten Ansehen auf dem kleinen Bildschirm bleibt die Faszination erhalten. Das Bild ist allerdings deutlich kleiner (wobei ich den Film auch in einem großen Kinosaal sehen durfte). Der Rhythmus und die Möglichkeit, jederzeit Pausen einzulegen, passt eigentlich besser zum Fernsehen. Denn jetzt kann man bei einem Bild verweilen und sich die vier Filmstunden in der Zeit ansehen, in der man die vier Jahre aus dem Leben der Familie Simon ansehen möchte.
Da ist dann auch der Hinweis von Edgar Reitz im Gespräch mit Thomas Koebner, dass der erste Schnitt fünfeinhalb Stunden war, keine Drohung, sondern das Versprechen auf ein noch tieferes Eintauchen in das 19. Jahrhundert. Diese Fassung, aus der man im Bonusmaterial einige Bilder sieht, sei, so Reitz, fertig geschnitten, aber nicht fertig bearbeitet.
Das Bonusmaterial
Das Bonusmaterial ist mit einer Stunde Laufzeit erfreulich umfangreich geraten. Im Mittelpunkt stehen dabei zwei Gespräche mit Edgar Reitz, die insgesamt vierzig Minuten dauern. Der Blick hinter die Kulissen der Filmpremiere, die Vorstellung der Schauspieler während der Premiere und auch die, oft kurzen Interviews mit den Schauspielern Dieter Schneider, Antonia Bill, Maximilian Scheidt, Philine Lembeck, Marita Breuer, Mélanie Fouché und Barbara Philipp sind dagegen deutlich uninteressanter und bewegen sich irgendwo zwischen dem Chronologischem und dem Werblichen.
In dem informativen Booklet werden dann weitere Hintergründe zum Film und den Drehbarbeiten erklärt. Das sind teilweise Texte, die aus dem bereits erwähntem Filmbuch übernommen wurden, einige historische Hintergründe und Erklärungen zu den im Film verwandten Dialekten: dem Hunsrücker Platt und der von Jakob Simon gesprochenen Indiandersprachen, die für den Film erfunden wurden.
Die zum Film entstandene zweistündige Dokumentation „Making of Heimat“ von Jörg Adolph und Anja Pohl, die zum Filmstart einmal im TV gezeigt wurde, befindet sich leider nicht auf der DVD.
Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht(Deutschland 2013)
Regie: Edgar Reitz
Drehbuch: Edgar Reitz, Gert Heidenreich
mit Jan Dieter Schneider, Antonia Bill, Maximilian Scheidt, Marita Breuer, Rüdiger Kriese, Philine Lembeck, Mélanie Fouché, Eva Zeidler, Reinhard Paulus, Christoph Luser, Werner Herzog
– DVD
Concorde
Bild: 2.40:1 (16:9)
Ton: Deutsch (DD 5.1, DTS 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Regisseur Edgar Reitz im Gespräch mit Medienwissenschaftler Thomas Koebner, Hinter den Kulissen der Filmpremiere, Bühnenpräsentation von Edgar Reitz, Interview mit Edgar Reitz, Interviews mit Darstellern, Kinotrailer, Weitere Trailer (insgesamt über eine Stunde), 38-seitiges Booklet
Länge: 222 Minuten
FSK: ab 6 Jahre
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London, East End, April 1889: Jack the Ripper pausiert seit einem halben Jahr, aber nicht das Verbrechen in Whitechapel, weshalb es für Inspector Edmund Reid und die von ihm geleitete H Division, die eigentlich den Frauenmörder finden sollte, genug zu tun gibt. Die BBC-Serie „Ripper Street“ erzählt die Abenteuer der Polizeieinheit, ihres Privatlebens und des Lebens in Whitechapel.
Dabei gelingt den Machern in den einzelnen Episoden der ersten, aus acht Folgen bestehenden Staffel ein saftiges Sittenporträt mit einer ordentlichen Portion Sex und Gewalt. Es ist ein schonungsloser Blick auf das damalige Verbrechen, die Zustände in London und das damalige Leben in einer für uns heute oft unvorstellbaren Armut. Es geht um Straßenbanden, Krankheiten (beziehungsweise Terror mit der Cholera), revolutionäre Umtriebe, Arbeiterkämpfe, Sklavenhandel und Pornographie. Auch die Polizeimethoden waren noch sehr archaisch. So wurde schon einmal ein Geständnis aus einem Verdächtigen herausgeprügelt. Aber – immerhin haben wir unseren Sherlock Holmes gelesen – die moderne Wissenschaft wurde damals auch in der Kriminalitätsbekämpfung immer wichtiger. Reid, der Chef der Einheit, weiß das. Deshalb nimmt er sich Homer Jackson, einen zwiespältigen, aus der USA geflohenen Charakter, der mit einer Bordellbesitzerin zusammenlebt, als Gehilfen. Jackson untersucht die Leichen und auch an den Tatorten ist er eine große Hilfe. Seiner Vergangenheit müssen er und seine Freundin Long Susan sich in „Einer meiner Männer“ stellen, als Besuch aus den USA kommt und die Pinkerton-Männer London als einen Teil des Wilden Westens betrachten.
Für die normale Arbeit, verstanden als Lauf- und Schlagarbeit, hat Reid Sergeant Bennet Drake und die anderen Polizisten der Polizeistation.
„Ripper Street“ ist eine spannende Krimiserie, die auch ein Blick ins Geschichtsbuch ist, das immer wieder wahre Begebenheiten anspricht, und dabei durchaus interessante Parallelen zwischen der damaligen Zeit und der Gegenwart aufzeigt. Immerhin mussten die Menschen damals und heute mit gewaltigen Umwälzungen umgehen. Doch in erster Linie sind die lose miteinander verknüpften „Ripper Street“-Episoden spannende Unterhaltung, wobei die Episoden, in denen die Ermittler und ihre Probleme im Mittelpunkt stehen zu den schwächeren gehören.
In England wurde bereits eine zweite Staffel ausgestrahlt. Eine dritte Staffel war wegen der hohen Kosten eine Zeit lang fraglich. Aber jetzt laufen die Dreharbeiten.
Ripper Street – Staffel 1(Ripper Street, Großbritannien 2012)
Erfinder: Richard Warlow
mit Matthew Macfadyen (Det. Insp. Edmund Reid), Jerome Flynn (Det. Sgt. Bennet Drake), Adam Rothenberg (Captain Homer Jackson), David Wilmot (Sgt. Donald Artherton), MyAnna Buring (Long Susan), David Dawson (Fred Best), Charlene McKenna (Rose Erskine), Jonathan Barnwell (P.C. Dick Hobbs), Clive Russell (Chief Inspector Fred Abberline)
– DVD
Polyband
Bild: 1,78:1 (16:9)
Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch, Englisch
Bonusmaterial: WAS (12 Minuten)
Länge: 400 Minuten (8 x 50 Minuten, 3 DVDs)
FSK: ab 16 Jahre
Die ersten bluttriefenden Besuche in der „Ripper Street“
Ich brauche Licht (I need light)
Regie: Tom Shankland
Drehbuch: Richard Warlow
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Der schweigende Junge (In my Protection)
Regie: Tom Shankland
Drehbuch: Richard Warlow
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König Cholera (The King came calling)
Regie: Andy Wilson
Drehbuch: Declan Croghan, Richard Warlow
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Die Edlen der Stadt (The God of this City)
Regie: Andy Wilson
Drehbuch: Julie Rutterford, Richard Warlow
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Das Totengericht (The Weight of One Man’s Heart)
Regie: Colm McCarthy
Drehbuch: Toby Finlay
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Die Schatten (Tournament of Shadows)
Regie: Colm McCarthy
Drehbuch: Toby Finlay
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Einer meiner Männer (A Man of My Company)
Regie: Andy Wilson
Drehbuch: Richard Warlow
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Wozu die Mühe? (What Use Our Work?)
Regie: Andy Wilson
Drehbuch: Richard Warlow
– Hinweise BBC über „Ripper Street“ ZDF über „Ripper Street“ Fernsehserien über „Ripper Street“
Wikipedia über „Ripper Street“ (deutsch, englisch)
Auf der einen Seite verstehe ich die Begeisterung für „Orphan Black“. Die Serie hat eine gute Prämisse und die Hauptdarstellerin ist genial. Immerhin muss Tatiana Maslany sieben Rollen spielen, unter anderem eine Polizistin, eine Kleinkriminelle, eine Soccer-Mom, eine nerdige Wissenschaftlerin und eine religiöse Fanatikerin. Allerdings wirkt die 1985 geborene Tatiana Maslany immer viel zu jung für ihre Rolle; – vor allem für die der erfahrenen Polizistin.
Diese wirft sich in den ersten Minuten der Serie vor einen Zug. Sarah Manning, die das beobachtet, schnappt sich die Tasche der Toten und verschwindet. Sie hat wegen eines Drogendiebstahls mächtig Ärger und will untertauchen. Eine neue Identität scheint da ein guter Ausweg zu sein. Vor allem wenn die neue Identität an eine hübsche Wohnung gekoppelt ist. Dummerweise war Beth Childs Polizistin, die gerade ein Verfahren wegen eines dubiosen tödlichen Schusswaffeneinsatzes im Dienst hat.
Und dann setzt sich eine junge Frau in ihr, also in Childs‘ Auto. Sie sieht wie eine weitere, ihr unbekannte Zwillingsschwester aus und sie wird sofort erschossen.
Als Sarah kurz darauf die Vorstadt-Mutter Alison Hendrix und die Doktorandin Cosima Niehaus trifft, erfährt sie, dass sie alle Klone sind, es vielleicht noch weitere Klone gibt (Ja!) und jemand sie töten will. Sie haben allerdings keine Ahnung wer sie warum töten will. Sie wissen auch nicht, warum es sie gibt und woher sie kommen.
Wenn bei „Orphan Black“ nur die Hauptdarstellerin immer zu jung – eher wie eine Zwanzigjährige und nicht wie eine Dreißigjährige – gewirkt hätte, hätte mir die aus zehn 45-minütigen Folgen bestehende erste Staffel der Serie als Science-Fiction-Thrillerserie gefallen können.
Aber es gibt immer wieder extrem unwahrscheinliche Momente: so bemerkt Beths Partner Art Bell nicht, dass er mit einer anderen Person arbeitet. Auch keiner ihrer anderen Arbeitskollegen bei der Polizei oder ihr Freund wird misstrauisch.
Außerdem bildet die erste Staffel eher den Auftakt für die weiteren Staffeln, die beim Dreh noch nicht absehbar waren. Entsprechend wenig erfahren wir über die Hintergründe. Eigentlich erfahren wir nur, wer ihr Schöpfer ist, wer der unbekannte Mörder ist (aber nichts über die Hintermänner) und dass beide Fraktionen quasi unendliche Ressourcen haben. Das ist dann doch etwas wenig für zehn Folgen. Auch weil der Science-Fiction-Anteil immer wieder heruntergespielt wird; was auch daran liegt, dass die Serie in der Gegenwart spielt und damit die Klone Mitte der achtziger Jahre gezeugt wurden. Die auf der Hand liegenden philosophischen Fragen bleiben immer vernachlässigbar. Also Fragen nach der Individualität von Klonen, dem damit verbundenen Konflikt zwischen Freiheit des Einzelnen und genetischer Vorherbestimmung, die den Klonen keinen Raum für Individualität gibt und der Rolle des sozialen Umfeldes. Der Thrilleranteil ist nie so spannend wie möglich. Die globale Verschwörung, – immerhin wurden die Klonen in verschiedenen Ländern auf verschiedenen Kontinenten geboren -, erschöpft sich weitgehend in einem doppelten Spiel der engsten Freunde und Freundinnen der Klone. Dabei läge hier noch einiges an Potential, das vielleicht in den kommenden Folgen ausgeschöpft wird. Eine dritte Staffel ist bereits bestellt. Und die Aufklärung am Ende der ersten Staffel ist unbefriedigend; jedenfalls, was ja bei mauen Quoten möglich gewesen wäre, als potentielles Serienende.
So wirkt die erste Staffel wie ein zu lang geratener Prolog; – was auch verständlich ist: immerhin will Serienerfinder Graeme Manson die Geschichte von Sarah Manning über acht Staffeln und einen Kinofilm erzählen. Da will man in den ersten Stunden nicht alles enthüllen. Dennoch hätte er in der ersten Staffel mehr über die Hintergründe verraten, die Geschichten dichter miteinander verbinden und einige durchaus vergnügliche Subplots, die den Hauptplot nicht voran bringen, weglassen können.
Als Bonusmaterial gibt es eine halbe Stunde Infos, von denen die Statements der Macher und der Hauptdarstellerin interessant sind. Vor allem, wenn gezeigt wird, wie die Szenen entstanden, in denen Tatiana Maslany sich in einem Raum mit ihren Klonen unterhält. Aber insgesamt ist das Bonusmaterial eine Ansammlung von eher uninteressanten Werbeschnipseln.
Orphan Black – Ein Klon ist niemals allein: Staffel 1(Orphan Black, Kanada 2013)
Regie: John Fawcett (Episode 1, 2, 6, 10), David Frazee (Episode 3), Grant Harvey (Episode 4), T. J. Scott (Episode 5, 9), Brett Sullivan (Episode 7), Ken Girotti (Episode 8)
Drehbuch: Graeme Manson (Episode 1, 2, 3, 10), Karen Walton (Episode 4), Alex Levine (Episode 5, 9), Will Pascoe (Episode 6), Tony Elliott (Episode 7), Karen Walton (Episode 8)
Erfinder: John Fawcett, Graeme Manson
mit Tatiana Maslany (Sarah Manning und ihre Klone), Dylan Bruce (Paul Dierden), Jordan Gavaris (Felix Dawkins), Kevin Hanchard (Detective Art Bell), Maria Doyle Kennedy (Mrs. S), Skyler Wexler (Kira), Evelyne Brochu (Delphine Cormier), Kristian Bruun (Donnie Hendrix), Inga Cadranel (Detective Angela DeAngelis), Michael Mando (Vic), Matt Frewer (Dr. Aldous Leekie)
– DVD Polyband
Bild: 1,78:1 (16:9)
Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch, Englisch
Bonusmaterial: Send in the Clones, Orphan Black on the Nerdist, Insiders
Länge: 400 Minuten (10 x 45 Minuten) (3 DVDs)
FSK: ab 16 Jahre
– Hinweise BBC über „Orphan Black“
Milan (Olivier Marchal) und Victor (Jacques Gamblin) sind Jugendfreunde, waren Nachtclubbesitzer, die vor sechs Jahren, aufgrund eines finanziellen Engpasses, ein illegales Geschäft in Mexiko durchzogen, mächtig Ärger bekamen, und sich danach trennten. Victor eröffnete ein Nobelrestaurant. Milan betreibt den Nachtclub weiter.
Da wird Serki (Carlo Brandt) vorzeitig aus der Haft entlassen. Er kommt nach Paris, um sich an Victor und Milan für den Verrat in Mexiko zu rächen.
Und was jetzt der Auftakt zu einem spannendem französisichem Thriller, gerne mit einer ordentlichen Portion Noir und Action, werden könnte, wird zu einer erstaunlich langweiligen Angelegenheit. Immerhin schrieb Regisseur Edgar Marie auch am Drehbuch für „A Gang Story“ mit, das Olivier Marchal verfilmte. Der Ex-Polizist Marchal selbst war als Regisseur, Drehbuchautor und Schauspieler in etliche Filme involviert, die in den vergangenen Jahren bei Genrefans zum glänzenden Ruf von französischen Kriminalfilmen beitrugen. Ich sage nur „36 – Tödliche Rivalen“, „MR 73 – Bis dass der Tod dich erlöst“ und „Diamond 13“.
Aber hier liefern sie ein laues Lüftchen ab, das wie die auf Spielfilmlänge gestreckte Nebengeschichte eines anderen Films wirkt. Denn über Milan und Victor erfahren wir fast nichts und die Beschwörung ihrer Freundschaft wirkt hohl. Da helfen auch nicht mehr die zahlreichen atmosphärischen Aufnahmen vom nächtlichen Paris, inclusive einer Paddeltour auf der Seine.
Paris Countdown – Die Zeit läuft ab(Paris Countdown/Le jour Attendra, Frankreich 2013)
Regie: Edgar Marie
Drehbuch: Edgar Marie
mit Jacques Gamblin, Olivier Marchal, Carlo Brandt, Reda Kateb, Igor Skreblin, Francis Renaud, Anne Charrier
– DVD
Tiberius Film
Bild: 2,35:1 (16:9)
Ton: Deutsch (DTS, Dolby Digital 5.1), Französisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Trailer
Länge: 86 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
– Hinweise AlloCiné über „Paris Countdown“ Moviepilot über „Paris Countdown“ Rotten Tomatoes über „Paris Countdown“ Wikipedia über „Paris Countdown“
Nein, viel Zeit nimmt sich Qunshu Gao wirklich nicht. „Wind Blast – Der Hauch des Todes“ beginnt sofort mit einem Auftragsmord auf der Terrasse eines innerstädtischen Restaurants. Dann geht es in der Wüste Gobi weiter, wo irgendwelche Männer, eine gut aussehende Dunkelhaarige und eine Schwangere sich gegenseitig das Leben schwer machen. Warum wird allerdings nur viel zu langsam klar.
Es sind, auf der einen Seite, Polizisten, die den Auftragsmörder jagen, verhaften und beschützen, weil er ein Bild von seinem Auftraggeber machte. Der Mörder will sich hier mit seiner schwangeren Freundin treffen. Auf der anderen Seite gibt es ein Killerpärchen, das auch das Bild will. Das von allen begehrte Bild muss als Begründung für viel Remmidemmi in der Wüste herhalten.
Aber weil alle Charaktere noch nicht einmal eindimensional, sondern, abgesehen von ihren Kleidern (ein Cowboyhut, ein Mantel, eine rote Jacke), vollkommen austauschbar sind, kommt auch nie der Hauch des Interesses an den Charakteren, ihrem oft vollkommen seltsamem Verhalten und der chaotisch erzählten Geschichte auf. Es ist einfach nur eine öde Endlosklopperei in der Wüste. So als hätte Regisseur Qunshu Gao (der auch das Drehbuch schrieb) ein Drehbuch von Luc Besson gefunden, eifrig die von ihm produzierten Filme studiert und jetzt alle Marotten der Besson-Factory, wie Action-Szenen im Schnittgewitter, Gegenlicht und Lichtfilter, immer exzessiv bis zum Umfallen und ohne Sinn und Verstand, übernommen nach der Methode ‚was für Frankreich gut ist, kann für China nicht schlecht sein‘. Ein guter Film entsteht so nicht. Auch kein genießbarer Action-Western vor menschenleerer Kulisse, sondern nur ein in jeder Beziehung schlechter, langweiliger und vollkommen überflüssiger Film.
Wind Blast – Der Hauch des Todes(Wind Blast/Xi Feng Lie, China 2010)
Regie: Qunshu Gao
Drehbuch: Qunshu Gao
mit Yihong Duan, Zhang Li, Guowei Ma, Francis Ng, Dahong Ni
– DVD
Tiberius Film
Bild: 1,85:1 (16:9)
Ton: Deutsch (DTS 5.1, Dolby Digital 5.1/2.0), Chinesisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Trailer
Länge: 114 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
– Hinweise Rotten Tomatoes über „Wind Blast“ Moviepilot über „Wind Blast“
Nach „Die Profis“ war Lewis Collins ein Weltstar. Er war sogar als neuer James Bond im Gespräch und er wäre sicher ein guter Bond geworden. Aber es kam anders. Nach der TV-Serie war er nur noch in dem in England spielendem Action-Thriller „Das Kommando“, der durchaus als James-Bond-Bewerbungsvideo gesehen werden kann, und in den Söldner-Filmen „Geheimcode Wildgänse“, „Kommando Leopard“ und „Der Commander“ im Kino zu sehen.
In den vergangenen Jahren waren die Filme teils gekürzt und weitgehend ohne Bonusmaterial eher schlecht als recht erhältlich. Nach einer Neuprüfung sind sie jetzt alle „frei ab 16 Jahre“ und ungekürzt erhältlich. Auch das Bonusmaterial ist erfreulich umfangreich ausgefallen; bei den Blu-rays wurde teils noch eine Schippe draufgelegt.
Anthony M. Dawson (eigentlich Antonio Margheriti) inszenierte alle drei Filme mit einem überschaubarem Budget in einem durchaus flotten Tempo, das allerdings auch nicht verdecken kann, dass die Geschichten wild zusammengeklaut sind, teilweise wie der Zusammenschnitt von mehreren Filmen wirken und vor allem Söldner- und Dschungel-Romantik liefern. Mit einer ordentlichen Portion handgemachter Action, was heute, nach dem x-ten CGI-Gewitter, Spaß macht. Vor allem wenn Brücken, Staudämme, Fahrzeuge und Gebäude, gerne Lagerhallen mit Drogen, in die Luft gesprengt oder in Flammen aufgehen. Dazu laufen schwitzende Männer, wild um sich schießend, durch das Bild.
In „Geheimcode Wildgänse“ soll eine von Lewis Collins angeführte Söldnergruppe im Goldenen Dreieck ein Heroinlager vernichten.
In „Kommando Leopard“ ist Collins dann „El Leopardo“, ein legendärer Guerilla-Führer, der gegen Silveira und die von ihm geführte Militär-Diktatur kämpft.
In „Der Commander“ spielt Collins wieder einen Söldner, der wieder im Goldenen Dreieck ein Drogenlager vernichten soll – und wieder spielen seine Auftraggeber ein doppeltes Spiel.
Die Story ist in allen drei Filmen der Vorwand, um Männer durch den Dschungel kämpfen zu lassen und, möglichst fotogen, möglichst viel in die Luft zu jagen, zu schießen und sich zu schlagen. Immer ist, hauptsächlich als Eye Candy, auch eine Frau dabei. Einige Altstars, wie Klaus Kinski, Lee Van Cleef und Donald Pleasance, und, auf deutscher Seite, versierte Synchronsprecher, wie Manfred Lehmann, Thomas Danneberg und Frank Glaubrecht, spielen mit. Das hat dann schon etwas von einem Betriebsausflug in südliche Gefilde.
Für die Filmgeschichte sind „Geheimcode Wildgänse“, „Kommando Leopard“ und „Der Commander“ mehr als vernachlässigbare Werke, aber für die Fans von 80er-Jahre-Actionfilmen sind die Söldnerfilme einen kleinen Blick wert. Es gibt Action, Explosionen, eine herrliche Exploitation-Atmosphäre (man hat die Zeitungsschlagzeilen genommen und eine mehr als krude Story drumherum geschrieben) und schön gezeichnete Plakate, die es dieses Mal auch auf das DVD-Cover (und Wendecover) geschafft haben.
Dabei ist „Geheimcode Wildgänse“ der beste der drei Filme. „Kommando Leopard“ verlegt dann die ganze Geschichte mehr oder weniger nach Südamerika. Dass dann Lewis Collins ein südamerikanischer Revolutionsführer sein soll, ist nicht besonders glaubwürdig. Auch weil er auf jegliche Revolutionärsprosa verzichtet. Stattdessen kämpft er sich in bester Söldner-Manier mit seinen Männern durch den Dschungel. „Der Commander“ ist „Geheimcode Wildgänse“ mit einem geringem Budget und nicht verwandten Aufnahmen von „Geheimcode Wildgänse“.
Geheimcode Wildgänse(Deutschland/Schweiz/Italien 1984)
Regie: Anthony M. Dawson
Drehbuch: Michael Lester
mit Lewis Collins, Ernest Borgnine, Lee Van Cleef, Mimsy Farmer, Klaus Kinski, Manfred Lehmann, Thomas Danneberg, Frank Glaubrecht, Wolfgang Pampel, Hartmut Neugebauer
– DVD
Ascot Elite
Bild: 2,35:1 (16:9)
Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1), Spanisch, Französisch, Italienisch (Dolby Digital 2.0)
Untertitel: –
Bonusmaterial: Audiokommentar, Film Soundtrack (von Eloy), Fotogalerie, Kinotrailer, „Mädchen, Machos und Moneten – Die unglaubliche Geschichte des Schweizer Kinounterunternehmers Erwin C. Dietrich“ (Sachbuch von Benedikt Eppenberger und Daniel Stapfer, als pdf), Wendecover
Länge: 98 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
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Kommando Leopard (Deutschland/Schweiz/Italien 1985)
Regie: Anthony M. Dawson
Drehbuch: Roy Nelson
mit Lewis Collins, Klaus Kinski, Manfred Lehmann, Cristina Donadio, John Steiner, Thomas Danneberg, Hans Leutenegger, Alan C. Walker, Subas Herrera
– DVD
Ascot Elite
Bild: 2,35:1 (16:9)
Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1), Spanisch, Französisch, Italienisch (Dolby Digital 2.0)
Untertitel: –
Bonusmaterial: Audiokommentar, Behind the Scenes Audiokommentar, Fotogalerie, Kinotrailer, „Mädchen, Machos und Moneten – Die unglaubliche Geschichte des Schweizer Kinounterunternehmers Erwin C. Dietrich“ (Sachbuch von Benedikt Eppenberger und Daniel Stapfer, als pdf), Wendecover
Länge: 100 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
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Der Commander(Deutschland/Schweiz/Italien 1988)
Regie: Anthony M. Dawson
Drehbuch: Arne Elsholtz, Tito Capri
mit Lewis Collins, Lee Van Cleef, Donald Pleasence, John Steiner, Manfred Lehmann, Brett Halsey, Chat Silayan, Bobby Rhodes, Thomas Danneberg, Paul Muller, Frank Glaubrecht, Hans Leutenegger
– DVD
Ascot Elite
Bild: 1.85:1 (16:9)
Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1), Spanisch, Italienisch (Dolby Digital 2.0)
Untertitel: –
Bonusmaterial: Fotogalerie, Kinotrailer, „Mädchen, Machos und Moneten – Die unglaubliche Geschichte des Schweizer Kinounterunternehmers Erwin C. Dietrich“ (Sachbuch von Benedikt Eppenberger und Daniel Stapfer, als pdf), Wendecover
Länge: 101 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
– Hinweise
Obwohl „Grand Piano“ nicht besonders lang ist – ohne Abspann ist die Geschichte nach knapp 75 Minuten vorbei – ist der Thriller keine Minute zu lang, weil er trotz aller Spannung seine idiotische Prämisse nicht verleugnen kann.
Ein Unbekannter erpresst den Starpianisten Tom Selznick (Elijah Wood mit unangenehm starrem Blick), der nach einer fünfjährigen Konzertpause mit einem großen Orchester und einem ganz besonderem Piano vor großer Kulisse auftritt. Wenn Selznick während des Konzertes einen Spielfehler macht, eine falsche Taste anschlägt, wird er ihn erschießen. Und als Beweis für seine Ernsthaftigkeit schießt er gleich einmal, während des Konzertes, neben das Piano auf den Bühnenboden.
Selznick spielt also wirklich um sein Leben. Vor allem nachdem er das unspielbare Stück, an dem er schon einmal vor fünf Jahren scheiterte (damals ohne schießwütige Motivationshilfe), spielen soll. Gleichzeitig versucht er herauszufinden, wer der Unbekannte ist.
Das hat, wenn Selznick gleichzeitig spielt, mit dem Erpresser telefoniert und Textnachrichten verschickt, eine beträchtliche Spannung. Vor allem, solange das Motiv des Bösewichts unklar ist.
Allerdings ist die ganze Geschichte nicht besonders glaubwürdig. Ein Erpresser, der seinem Opfer Angst einjagt, um ihn zum fehlerfreien Spielen anzuleiten, hat eigentlich genau die Methode erwischt, die sein Ziel besonders gut sabotiert. Dass dann Selznick ein so guter Pianist ist, dass er während des Konzerts gleichzeitig spielt und telefoniert, auch mal schnell von der Bühne verschwindet, gehört in das Land der Fantasie, in dem sich niemand über so ein seltsames Verhalten wundert und Multitasking ein leistungssteigerndes Elixier ist.
Sowieso taugt das Motiv des Bösewichts allenfalls als schlechter MacGuffin. Seine Ziele hätte er auf vielen anderen Wegen einfacher und sicher auch erfolgreicher erreichen können.
„Grand Piano“ ist eine Übung in Suspense, bar jeglicher psychologischen Glaubwürdigkeit und Erklärungen. Ein kaltes, mechanisches Stück, das mit seiner technischen Bravour und seinem optischen Einfallsreichtum beeindruckt und auch eine Liebeserklärung an Alfred Hitchcock, den Master of Suspense ist.
Grand Piano – Symphonie der Angst (Grand Piano, Spanien 2013)
Regie: Eugenio Mira
Drehbuch: Damien Chazelle
mit Elijah Wood, John Cusack, Kerry Bishé, Tamsin Egerton, Don McManus, Dee Wallace
– DVD
Koch Media
Bild: 2.35:1 (16:9)
Ton: Deutsch (Dolby Digital 5.1, DTS 5.1), Englisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Trailer
Länge: 86 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
– Hinweise Moviepilot über „Grand Piano“ Metacritic über „Grand Piano“ Rotten Tomatoes über „Grand Piano“ Wikipedia über „Grand Piano“
Im Vorspann steht es noch: „Inspiriert von den Inspector Morse Romanen von Colin Dexter“. Dabei sind die Morse-Romane von Colin Dexter bei uns nur noch antiquarisch erhältlich, was schade ist, denn die Kriminalromane sind eine hübsche Verbindung von Rätselkrimi und Oxford. Die auf den Romanen basierende Serie „Inspektor Morse, Mordkommission Oxford“, die zwischen 1987 und 2000 entstand, lief nie in Deutschland. Abgesehen von einigen Folgen 1989 im DDR-Fernsehen.
In England ist die Serie „Inspector Morse“, mit John Thaw („The Sweeney“) in der Hauptrolle, immer noch beliebt. Die Drehbücher wurden unter anderem von Anthony Minghella und Danny Boyle geschrieben.
2006 entschlossen sich die Macher, Endeavour Morses Sidekick DI Robert Lewis (Kevin Whately) mit einer eigenen Serie, die einfach nur „Lewis“ heißt zu ehren. Bis jetzt wurden in England sieben Staffeln des Spin-offs ausgestrahlt. Eine achte Staffel ist für nächstes Jahr angekündigt und ein Ende ist noch nicht abzusehen. In Deutschland sind wir gerade bei der sechsten Staffel angelangt.
In der Auftaktfolge „Gefangen im Netz“ wird Literaturprofessorin Miranda Thornton tot in ihrer Wohnung gefunden. Obwohl es offensichtlich ein Suizid war, glaubt DI Robert Lewis, dass sie ermordet wurde.
In „Das Rätsel des Genies“ wird im Wald die Leiche von Professor Murray Hawes gefunden. Bei ihren Ermittlungen erfahren Lewis und sein Kollege DS James Hathaway, dass Hawes kurz davor war, das Geheimnis von Lewis Carrolls „The Hunting of the Snark“, an dem sich schon etliche Gelehrte und Hobbyforscher die Zähne ausbissen, zu lösen. Sie glauben daher, dass ein anderer „Snark“-Jäger der Täter ist.
In „Heimliche Spiele“ wird ein Babysitter ermordet und an ein Bett gefesselt. Die beiden Polizisten fragen sich bei der Mörderjagd, ob der Mörder wirklich die richtige Frau ermordete. Denn Jessica Lake sprang kurzfristig für ihre Freundin ein.
In „Der unauslösliche Makel“ wird der Kriminologie-Professor Paul Yelland, der vor Jahrzehnten auch in Oxford studierte, nach einem Vortrag über Kriminelle Gefährlichkeit, in dem er auch sehr umstrittene Thesen äußerte, ermordet. Lewis und Hathaway vermuten zunächst einen politischen Hintergrund.
Die erste Folge „Gefangen in Netz“ (eigentlich die zweite Folge der sechsten Staffel) beginnt flott mit der etwas schieflaufenden Verhaftung eines Drogenhändlers und das Internet ist ein wichtiger Teil der Geschichte. Allerdings, wieder einmal, nur als Hort des Bösen und DI Robert Lewis muss sich, als er Obszönitäten und Schmuddelkram im Netz entdeckt, empören wie der Blockwart in der Eckkneipe, der die vergangenen Jahre auf einem anderen Planeten verbrachte. Das dämpft dann doch gründlich die Sympathie für den bodenständigen Helden, der zwar nicht makellos sein muss, aber als Kriminalbeamter auch nicht so dumm sein sollte, wie er hier gemacht wird. Davon abgesehen wirkt die Episode wie eine modernisierte Version von „Inspector Barnaby“ mit vielen Bildern aus der malerischen Universitätsstadt Oxford, einer Vorgesetzten und einer Gerichtsmedizinerin.
Auch in den anderen drei Fällen der sechsten Staffel bieten Oxford und das universitäre Leben den Hintergrund für die sehr gemächlich und humorfrei erzählten Fälle. Da gefällt „Inspector Barnaby“ dann doch besser als dieser eher glanzlose, konventionelle Rätselkrimi aus Oxford.
Lewis – Der Oxford-Krimi: Staffel 6 (Großbritannien 2012)
Erfinder: Chris Burt, Stephen Churchett
LV: Charakter von Colin Dexter
mit Kevin Whately (DI Robert Lewis), Laurence Fox (DS James Hathaway), Clare Holman (Dr. Laura Hobson), Rebecca Front (Chief Superintendent Jean Innocent)
– DVD
edel:motion
Bild: 16:9
Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0 Stereo)
Untertitel: –
Bonusmaterial: –
Länge: 354 Minuten (4 DVDs)
FSK: ab 12 Jahre
– Die Fälle
Gefangen im Netz (Generation of Vipers, Staffel 6, Folge 2)
Regie: David O’Neill
Drehbuch: Patrick Harbinson
–
Das Rätsel des Genies (The Soul of Genius, Staffel 6, Folge 1)
Regie: Brian Kelly
Drehbuch: Rachel Bennette
–
Heimliche Spiele (Fearful Symmetry, Staffel 6, Folge 3)
Regie: Nicholas Renton
Drehbuch: Russell Lewis
–
Der unauslösliche Makel (The indelible Stain, Staffel 6, Folge 4)
Regie: Tim Fywell
Drehbuch: Simon Block
– Hinweise ITV über „Lewis“ ZDF über „Lewis“
Wikipedia über „Lewis“ (deutsch, englisch) Krimi-Couch über Colin Dexter
Mit der vierten Collector’s Box sind jetzt die 81 spielfilmlangen Fälle von „Inspector Barnaby“ komplett in handlichen und damit auch platzsparenden, stabilen Pappboxen erhältlich.
In der Box sind die vorher bereits als Volume 16, 17, 18, 19 und 20 erschienen Fälle enthalten:
Volume 16
Blick in den Schrecken (Second Sight, GB 2005, Staffel 8, Episode 5)
Regie: Richard Holthouse
Drehbuch: Tony Etchelis
–
Tod im Liebesnest (The Maid in Splendour, GB 2004, Staffel 7, Episode 5)
Regie: Richard Holthouse
Drehbuch: Andrew Payne
–
Tief unter der Erde (Hidden Depths, GB 2005, Staffel 8, Episode 6)
Regie: Sarah Hellings
Drehbuch: David Hoskins
–
Haus voller Hass (Ghosts of Christmas Past, GB 2004, Staffel 7, Episode 7)
Regie: Renny Rye
Drehbuch: David Hoskins
–
Volume 17
Die Leiche ist heiß (Sauce for the Goose, GB 2005, Staffel 8, Episode 7)
Regie: Renny Rye
Drehbuch: Andrew Payne
–
Pikante Geheimnisse (Country Matters,GB 2006, Staffel 9, Episode 6)
Regie: Richard Holthouse
Drehbuch: Andrew Payne
–
Mord – Nur für Mitglieder (The Dogleg Murders, GB 2009, Staffel 12, Episode 1)
Regie: Richrad Holthouse
Drehbuch: Andrew Payne
–
Morden ist auch eine Kunst (The black Book, GB 2009, Staffel 12, Episode 2)
Regie: Peter Smith
Drehbuch: Nicholas Martin
–
Volume 18
Sportler und Spione (Secrets and Spies, GB 2009, Staffel 12, Episode 3)
Regie: Renny Rye
Drehbuch: Michael Aitkins
–
Sag Ja und stirb! (The Glitch, GB 2009, Staffel 12, Episode 4)
Regie: Richard Holthouse
Drehbuch: Michael Russell
–
Böse kleine Welt (Small Mercies, GB 2009, Staffel 12, Episode 5)
Regie: Peter Smith
Drehbuch: Peter Hammond
–
Über den Dächern von Chattham (The Creeper, GB 2009, Staffel 12, Episode 6)
Regie: Renny Rye
Drehbuch: Andrew Payne
–
Volume 19
Schreie in der Nacht (The Great and the Good, GB 2010, Staffel 12, Episode 7)
Regie: Richard Holthouse
Drehbuch: David Hoskins
–
Köpfen ist auch keine Lösung (The Sword of Guillaume, GB 2010, Staffel 13, Episode 1)
Regie: Renny Rye
Drehbuch: Michael Aitkens
–
Du musst dran glauben (The Made-of-Measure Murder, GB 2010, Staffel 13, Episode 2)
Regie: Peter Smith
Drehbuch: Andrew Payne
–
Blut am Sattel (Blood on the Saddle, GB 2010, Staffel 13, Episode 3)
Regie: Richard Holthouse
Drehbuch: David Harsent
–
Volume 20
Geisterwanderung (The silent Land, GB 2010, Staffel 13, Episode 4)
Regie: Peter Smith
Drehbuch: Peter Hammond
–
Mord von Meisterhand (Master Class, GB 2010, Staffel 13, Episode 5)
Regie: Renny Rye
Drehbuch: Nicholas Martin
–
Unter die Gürtellinie (The noble Art, GB 2010, Staffel 13, Episode 6)
Regie: Richard Holthouse
Drehbuch: Barry Purchese
–
Eine Schande fü das Dorf (Not in my Backyard, GB 2010, Staffel 13, Episode 7)
Regie: Peter Smith
Drehbuch: J.C. Wilsher
.
Gesund, aber tot (Fit for Murder, GB 2011, Staffel 13, Episode 8)
Regie: Renny Rye
Drehbuch: Andrew Payne
–
Als das ZDF vor neun Jahren mit der Ausstrahlung von „Inspector Barnaby“ begann, zeigten sie die Episoden ohne Rücksicht auf die ursprüngliche Ausstrahlung. Entsprechend unchronologisch wurden die Folgen dann auch veröffentlicht. Erst bei den letzten Folgen wurde die Chronologie eingehalten. Aber weil die Folgen, abgesehen vom Älterwerden von Cully Barnaby, der Tochter von Tom und Joyce Barnaby, die in ungefähr dr Hälfte der „Inspector Barnaby“-Fälle auftaucht, voneinander unabhängig sind, ist es vollkommen egal, in welcher Reihenfolge man sich die Filme ansieht. Denn abgesehen von wechselnden Assistenten, Autos, Computern und Telefonen verändert sich in der malerischen Grafschaft Midsomer nichts: fidele Engländer bringen sich gegenseitig um. Ein glücklich verheirateter, absolut normaler Polizist ermittelt und alle aktuellen Probleme, die in den vergangenen über fünfzehn Jahren für Schlagzeilen sorgen (wie Rassismus, Jugendkriminalität, Homophobie, Terrorismus, Bankenkrise, Militäreinsätze im Ausland undsoweiter), machen einen großen Bogen um Midsomer, wo Briten Briten umbringen, weil Mord, teils sehr bizarr ausgeführt, halt eine probate und bewährte Methode ist, um Probleme zu lösen.
Das macht wegen der Unaufgeregheit der Ermittlungen und dem normalen Protagonisten (vor allem nachdem in fast allen anderen Krimiserien anscheinend nur noch wandelnde Psychopathen und seelische Wracks ermitteln dürfen) durchaus Spaß. Allerdings schleicht sich bei den späteren Fällen auch eine gewisse Routine ein, die auch zu dem Eindruck führt, dass alle Beteiligten etwas zu sehr im gewohnten und vertrauten Trott die leichengesättigten Mordfälle lösten.
Jedenfalls sind mit der „Collector’s Box 4“ alle Fälle von DCI Tom Barnaby auf Deutsch erhältlich und nebeneinander nehmen die Boxen nur siebzehn Zentimeter im Regal ein.
Inspector Barnaby (Midsomer Murders, GB 1997 – 2011)
LV: Charaktere von Caroline Graham
mit John Nettles (DCI Tom Barnaby), Daniel Casey (Sergeant Gavin Troy, 1997 – 2003), John Hopkins (Sergeant Dan Scott, 2004 – 2005), Jason Hughes (DS Ben Jones, 2005 – 2011), Jane Wymark (Joyce Barnaby), Barry Jackson (Dr Bullard), Laura Howard (Cully Barnaby)
– Inspector Barnaby Collector’s Box 4
(Volume 16 – 20)
Edel: Motion
Bild: Pal 16:9
Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0 Stereo)
Untertitel: –
Bonusmaterial: Interviews mit den Schauspielern
Länge: 1928 Minuten (21 DVDs)
FSK: ab 12 Jahre
–
Lohnt sich der Kauf der Blu-ray, wenn man den Film doch schon kennt oder auf DVD hat? Das kann man sich bei den beiden Science-Fiction-Klassikern „Andromeda – Tödlicher Staub aus dem All““ und „Lautlos im Weltraum“ fragen, bis man einen Blick auf das Bonusmaterial wirft. Es ist zwar nicht brandneu, aber es wird erstmals in Deutschland veröffentlicht und es ist – erstens – umfangreich und – zweitens – informativ.
Außerdem sind bei beiden Filmen Bild und Ton brillant und die Tricks überzeugen immer noch. Douglas Trumbull hatte da seine Finger im Spiel. Vorher arbeitete für Stanley Kubricks „2001“ als Special Photographic Effects Supervisor. Bei „Andromeda“ war er ebenfalls für die Spezialeffekte zuständig. Mit „Lautlos im Weltraum“ gab er sein Regiedebüt. Sein zweiter Spielfilm war, elf Jahre später, „Projekt Brainstorm“. Er konzentrierte sich lieber auf die Spezialeffekte in Filmen wie „Unheimliche Begegnung der dritten Art“, „Star Trek: Der Film“ (ebenfalls von Robert Wise) und „Der Blade Runner“.
In „Andromeda – Tödlicher Staub aus dem All“, nach einem Roman von Michael Crichton (es war der erste, den er unter seinem Namen veröffentlichte), inszenierte Robert Wise einen spannenden Science-Thriller, in dem eine Gruppe Forscher ein Gegenmittel gegen einen aus dem Weltraum kommenden Virus finden müssen.
Als Crichton den gleichnamigen Roman 1969 schrieb, war unklar, ob es solche Gefahren gibt. Entsprechend aktuell war damals das Filmthema. Außerdem wird in Laboren an entsprechend tödlichen biologischen und chemischen Waffen geforscht. Der tödliche Staub muss nicht aus dem All kommen.
Wise inszenierte den Film angenehm zurückhaltend und frei von plumpen zeitgeschichtlichen Anspielungen, die sich vor allem an den Frisuren, der Kleidung, der Musik und gewissen Inszenierungsmarotten zeigen, die während der Dreharbeiten gerade trendy waren und schon zwei Jahre später hoffnungslos veraltet sind. So ist die Innenausstattung des unterirdischen Forschungslabors futuristisch, aber vor allem funktional und könnte noch heute, natürlich mit einigen neueren Computern, in einem Labor stehen. Die Darsteller, die auch alle das richtige Alter für ihre Rollen haben (d. h. es sind ältere Männer und Frauen, die anerkannte Wissenschaftler sind, und keine 25-jährigen Superhirne und Sexbomben), agieren, wie man es von erwachsenen Menschen erwartet. Und all die Dinge, die heute einen Science-Thriller zu einem Ärgernis machen, wie überflüssige Liebesgeschichten und ebenso überflüssige Actionszenen fehlen.
Insgesamt wirkt „Andromeda“ in keinem Moment veraltet. Er ist einfach gutes, klassisches Erzählkino. Lars-Olav Beier nannte den Film in seinem Buch „Der unbestechliche Blick – Robert Wise und seine Filme“ „Höhepunkt in Wises Werk“.
„Lautlos im Weltraum“ ist vor allem für seine Öko-Botschaft bekannt. Auch die Tricks und das Design (es wurde auf dem ausgemusterten Kriegsschiff „Valley Forge“ gedreht) beeindrucken. Bruce Dern, der die Hauptrolle spielte, ist gewohnt gut.
Er spielt Freeman Lowell, einen Raumfahrer, der Mitglied der vierköpfigen Besatzung des Raumschiffs „Valley Forge“ ist (zu ihr gehört auch „Alias“ Ron Rifkin). Die vier Männer sind eigentlich seit einem guten Jahrzehnt, weil auf der Erde durch die Umweltverschmutzung kein Baum mehr wächst, Gärtner. Sie sollen in dem Raumschiff die letzten Überreste der irdischen Natur für künftige Generationen bewahren. Aber nur Freeman entwickelt eine emotionale Beziehung zur Natur. Für seine Kollegen sind sie Fracht. Und als von der Erde der Befehl kommt, die Fracht vor ihrem Heimflug abzusprengen, wollen sie es auch sofort tun. Freeman verhindert das. Anschließend flüchtet er mit der „Valley Forge“ in den dunklen Weltraum. Und hier zeigt sich, als die Pflanzen eingehen, weil sie kein Licht mehr haben, erschreckend deutlich das vollkommen naive und kenntnisfreie Naturverständnis von Freeman, der über das für ihn unerklärliche Absterben der Pflanzen verzweifelt. Er weiß nicht, dass Pflanzen Licht brauchen!
Die Öko-Botschaft wird arg plakativ verbreitet und, weil es für Bruce Dern in der zweiten Hälfte (nachdem er seine Kollegen tötete) keinen Antagonisten und keine Gefahr mehr gibt, verbreitet „Lautlos im Weltraum“ zunehmend ein Gefühl von Ennui. Allein schon, wenn wir gewusst hätten, dass Freeman und das Raumschiff weiterhin gesucht werden, wäre er Film besser geworden.
Phil Hardy sagt in „Die Science Fiction Filmenzyklopädie“ über „Lautlos im Weltraum“: „Ein wundervoller Film. (…) Das letzte Bild – der Wald, der von dem übriggebliebenen Roboter mit einer alten Gießkanne bewässert wird – ist eines der kraftvollsten des modernen Science-Fiction-Films – traurig und optimistisch zugleich.“
Das Bonusmaterial
Das Bonusmaterial ist bei beiden Blu-rays umfangreich und sehr informativ ausgefallen. Bei „Andromeda“ gibt es zwei neuere Dokumentationen, insgesamt gut 45 Minuten, in denen fundiert die Entstehungsgeschichte des Films beleuchtet wird.
Bei „Lautlos im Weltraum“ gibt es eine während der Drehbarbeiten entstandene fünfzigminütige Dokumentation, einen Audiokommentar und informative Interviews mit Douglas Trumbull (35 Minuten) und Bruce Dern (11 Minuten). Beide Interviews entstanden 2001. Außerdem gibt es, als Schmankerl, die deutsche Super8-Version des Films.
Selbstverständlich gibt es umfangreiche Bildergalerien und die Trailer. Aber das ist ja Pflichtprogramm.
Andromeda – Tödlicher Staub aus dem All (The Andromeda Strain, USA 1970)
Regie: Robert Wise
Drehbuch: Nelson Gidding
LV: Michael Crichton: The Andromeda Strain, 1969 (Andromeda)
mit Arthur Hill, David Wayne, James Olson, Kate Reid, Richard O’Brien, Paula Kelly, George Mitchell
– Blu-ray
Koch Media (Masterpieces of Cinema)
Bild: 2.35:1
Ton: Deutsch, Englisch (DTS-HD Master Audio 2.0)
Untertitel: Deutsch, Englisch
Bonusmaterial: Making of, Ein Porträt von Michael Crichton, Deutscher Trailer, Englischer Trailer, Bildergalerie
Länge: 130 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
–
Lautlos im Weltraum (Silent Running, USA 1972)
Regie: Douglas Trumbull
Drehbuch: Deric Washburn, Mike Cimino (aka Michael Cimino), Steve Bochco
mit Bruce Dern, Cliff Potts, Ron Rifkin, Jesse Vint
– Blu-ray
Koch Media (Masterpieces of Cinema)
Bild: 1.85:1 (16:9)
Ton: Deutsch, Englisch (DTS-HD Master Audio 2.0)
Untertitel: Deutsch, Englisch
Bonusmaterial: Audiokommentar, Making of, Super8-Fassung, Interview mit Regisseur Douglas Trumbull, Interview mit Bruce Dern, Englischer Trailer, Bildergalerie
Länge: 89 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
– Hinweise
Kommerziell ging es dem deutschen Film in den frühen sechziger Jahren prächtig. Aber die Schlagerfilme, Tourismusfilme, Operettenfilme und Kriminalfilme (Remember Edgar Wallace?) waren künstlerisch – höflich formuliert – nicht besonders bemerkenswert. Und über Deutschland sagten sie auch nichts aus. In diesem Klima formulierten 1962 junge deutsche Filmemacher das Oberhausener Manifest, das die Geburtsstunde des Neuen Deutschen Films (auch Junger Deutscher Film) war. „Schonzeit für Füchse“ von Peter Schamoni, einem der Autoren des Oberhausener Manifestes, und „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Gesellschaft in der er lebt“ gehörten einige Jahre später zu den frühen Werken dieses Jungen Deutschen Films, die sich mit der Bundesrepublik Deutschland auseinandersetzten. Die Hochzeit des Jungen Deutschen Films waren die siebziger Jahre; Rainer Werner Fassbinder war eine der wichtigsten Kräfte. Herbert Achternbusch, Werner Herzog, Alexander Kluge, Edgar Reitz, Volker Schlöndorff und Wim Wenders gehörten auch dazu und sind heute noch bekannt.
Peter Schamoni, der vor seinem ersten Spielfilm mehrere Kurzfilme gedreht hatte, erzählt in „Schonzeit für Füchse“ keine Geschichte im herkömmlichen Sinn (was ihn dann auch ziemlich lang erscheinen lässt), sondern eine eher beobachtende Zustandsbeschreibung einer erstarrten Gesellschaft.
Er erzählt von einem jungen, namenlosen Journalisten (Helmut Förnbacher), der als Freiberuflicher eher vor sich hin lebt, immer wieder als Treiber zu den Fuchsjagden in die Provinz fährt und sich in Clara (Andrea Jonasson) verliebt. Sein Freund Viktor (Christian Doermer) ist zwar begütert, aber ähnlich ziellos. Ihre aus dem niederrheinischen Großbürgertum kommenden Eltern geben ihnen noch die titelgebende „Schonzeit für Füchse“. Sie dürfen sich noch etwas Austoben, bevor der Ernst des Lebens zuschlägt.
Schamonis Film skizziert, mit eher milden satirischen Überspitzungen, einen Zustand, der vor allem zeigt, dass sich etwas ändern muss. Dass die alten Herrschenden, die Spießer, die Männer, die schon während der Nazi-Zeit Befehle gaben und anschließend zu lupenreinen Demokraten wurden, abgelöst werden müssen. Aber die Jugend ist noch nicht bereit. Die beiden Endzwanziger protestieren nicht. Sie haben sich mehr schlecht als recht mit der Gesellschaft arrangiert und sie sind das Sinnbild für eine Jugend, die noch kein Ziel hat. Weder persönlich, noch politisch.
Kurz darauf löste sich dieser geisterhafte Zustand in der 68er-Revolution.
Vieles, was wir in „Schonzeit für Füchse“ sehen, ist heute fast unvorstellbar. Es werden Bahnsteigkarten gelöst, ein nicht verheiratetes Paar bekommt kein Hotelzimmer, der Protagonist darf ohne Schlips keinen Club betreten (und es gibt überall Türsteher, die nach dem Anklopfen misstrauisch durch ein Fenster blicken), die Freundin lebt noch bei ihrer Mutter, einer Kriegswitwe, die argwöhnisch aufpasst, dass die beiden nichts verbotenes Tun (wegen Kuppelei!) und die gemeinsamen Abende haben eine unvorstellbare Tristesse.
Nach seinem vielversprechendem Debüt drehte Schamoni hauptsächlich Kurz- und Dokumentarfilme. Zu seinen späteren Filmen gehören der vergurkte Pseudo-Western „Potato Fritz“ und das Robert-Schumann-Biopic „Frühlingssymphonie“, mit Herbert Grönemeyer und Nastassja Kinski.
Auf der DVD gibt es außerdem einen kurzen Drehbericht, einen Ausschnitt aus einer Pressekonferenz und Schamonis witzigen Kurzfilm „Die Teutonen kommen“, der bereits 1962 den damaligen Massentourismus in den Süden satirisch dokumentierte und der heute kaum veraltet ist.
Auch Rosa von Praunheims „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation in der er lebt“ überzeugt vor allem als Zeitdiagnose und ist wegen seiner Wirkung, vor allem für die Schwulenbewegung, wichtig. Denn mit dem Film begannen Homosexuelle über ihre Situation zu reden und überall im Land gründeten sich, nach der Vorführung des Films, zu der auch Rosa von Praunheim oder andere Mitwirkende des Films anwesend waren, Schwulengruppen. Filmisch ist das Werk eher uninteressant.
In dem Film zeichnet Praunheim die Geschichte von Daniel (Bernd Feuerhelm), einem Jungen aus der Provinz, der nach Berlin kommt, in schwule Kreise aufgenommen wird und durch die verschiedenen schwulen Milieus driftet, bis er in einer politischen Gruppe landet. Gedreht wurde ohne Ton. Der über die Bilder gesprochene Kommentar ist eine Mischung aus wenigen nachgesprochenen Dialogen zwischen den Charakteren und einem soziologisch-psychologisch analysierendem Text, der im Duktus zwischen Gelehrtendeutsch und Satire (vielleicht auch teilweise nicht intendierter Satire) schwankt und punktgenau auf die schwulen Befindlichkeiten und das Zertrümmern ihrer Wohlfühlzonen zielt, um die Homosexuellen dazu zu bringen, aus dem Klosett zu kommen und für ihre Rechte und – wir reden von den frühen siebziger Jahren – eine neue Gesellschaft zu kämpfen.
Dass die Macher mit ihrem unbequemen Film trafen, zeigten schon am 4. Juli 1971 die aufgebrachten Reaktionen bei Premiere auf der Berlinale.
Die TV-Ausstrahlung im ersten Programm wurde, immerhin ist „Nicht der Homosexuelle ist pervers,…“ eine reine TV-Produktion, zunächst abgesagt. Der Film lief dann in den dritten Programmen, die damals nur eine regionale Verbreitung hatten. Nachdem die vorgesehene gemeinsame Ausstrahlung im ARD-Programm „aus Fürsorge für die homosexuelle Minderheit“ (so die Ständige Programmkonferenz der ARD) scheiterte, war die Erstausstrahlung im TV am 31. Januar 1972 im WDR. Ein Jahr später, am 15. Januar 1973, wurde er auch im ersten Programm gezeigt. Zu später Stunde, ohne den Bayerischen Rundfunk (der seine Zuschauer mit einem alternativen Programm erfreute) und mit einer anschließenden 97-minütigen Diskussion, die vorher aufgezeichnet wurde. An dem Abend war weit nach Mitternacht Sendeschluss.
Auf der jetzt erschiennen DVD ist neben dem Film eben diese TV-Diskussion, ein halbstündiger Zusammenschnitt einer Diskussion über den Film in New York (wegen des schlechten Tons sind die deutschen Untertitel sehr hilfreich) und ein elfminütiges aktuelles Vorwort von Rosa von Praunheim zum Film, in dem er über die Wirkung des Films und warum er heute immer noch wichtig ist, spricht.
Die WDR-Diskussion ist gerade am Anfang ungewöhnlich gesittet (später wird es etwas lauter) und vor allem die Homosexuellen dürfen ausführlich ihre Sicht schildern, während die Experten und Politiker (Interessanter Fakt: ihre Parteizugehörigkeit wird nicht verraten.) wenig sagen. Der Film wird durchgehend politisch interpretiert und er wird von den Experten und Politikern kritisiert, als ob Rosa von Praunheim ein Regierungsprogramm vorgelegt hätte. Das ist, auch wenn die allgemeinen Publikums- und Medienreaktionen deutlich ablehnender waren als die Stimmung während der Diskussion vermuten lässt, ein Blick in eine vergangene Zeit. Ein Panoptikum der siebziger Jahre.
Die Diskussion in New York zeigt dagegen ein aufgebrachtes schwules Publikum, das sich heftig gegen den Film wehrt. Eine solche Mischung aus Saalschlacht und Gruppentherapie war damals nach Aufführungen von „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ wohl üblich.
Für die DVD-Veröffentlichung wurde das 16-mm Negativ in HD abgetastet und der Bildausschnitt, in Abstimmung mit Rosa von Praunheim, auf 1,78:1 festgelegt. Entsprechend gut ist das Bild.
Insgesamt fehlt bei dieser tollen DVD-Ausgabe des Klassiker nur noch eine Dokumentation über den Film und seine Wirkungsgeschichte.
Schonzeit für Füchse (Deutschland 1966)
Regie: Peter Schamoni
Drehbuch: Günter Seuren
LV: Günter Seuren: Das Gatter, 1964
mit Helmut Förnbacher, Christian Doermer, Andrea Jonasson, Monika Peitsch, Edda Seipel, Helmut Hinzelmann, Willy Birgel
–
DVD
Ascot Elite
Bild: 4:3 (Pillarbox/16:9)
Ton: Deutsch (Dolby Digital 2.0 Mono)
Untertitel: –
Bonusmaterial: 24-seitiges Booklet, Originaltrailer, Bericht über die Dreharbeiten (1965), Bericht zur Filmpremiere (1966), „Die Teutonen kommen“ (Kurzfilm von 1962), Interview mit Hauptdarsteller Helmut Förnbacher und Kameramann Jost Vacano (2014)
Im Kino ging „Shadow Dancer“ fast sang- und klanglos unter. Der zeitgleich gestartete Action-Kracher „White House Down“ war dann doch eher für die Massen, während James Marsh stiller, aber intensiver Polit-Thriller über den Nordirland-Konflikt eher das überschaubare Arthaus-Publikum ansprach.
Colette McVeigh (Andrea Riseborough) wird 1993 in London verhaftet. Für die IRA sollte sie in einer vollbesetzten U-Bahn eine Bombe zünden. Dass sie noch nicht einmal den Zünder aktiviert hatte, interessiert MI5-Mann Mac (Clive Owen) nicht. Er will sie als Spitzel haben und er macht ihr ein Angebot, das sie als liebende Mutter nicht ablehnen kann: entweder arbeitet sie für ihn oder sie landet für Jahre in einem englischen Gefängnis weitab von ihrer Heimat Belfast.
Sie geht notgedrungen auf das Angebot ein.
Aber der überhaupt nicht zimperliche IRA-Mann Kevin vermutet einen Spitzel in den eigenen Reihen. Ganz oben auf seiner Liste steht, nach dem missglückten Attentat, Colette.
Aus dieser überschaubaren Ausgangslage macht James Marsh einen ruhig erzählten Polit-Thriller mit einem Minimum an Dialog. Die starken Bilder und die Schauspieler erzählen, vor dem Hintergrund des heute bei uns fast vergessenen Nordirland-Konflikts, eine komplexe Geschichte von Lüge, Betrug, Verrat und der alle Beziehungen zerstörenden Kraft des Misstrauens. Ein Spiel, in dem keiner gewinnen kann.
„Shadow Dancer“ ist ein in jeder Beziehung überzeugender Polit-Thriller mit einem überraschendem und explosivem Ende.
Das ist schon etwas außergewöhnlich: Jane Fonda, Alain Delon, Brigitte Bardot, Terence Stamp und ein vor „Easy Rider“noch unbekannter Peter Fonda in einem Film, der 1968 seine Premiere auf dem Filmfest in Cannes hatte; der von Roger Vadim, Louis Malle und Federico Fellini inszeniert wurde; dessen Geschichten, wie einige damals erfolgreiche Filme von Roger Corman, die heute Kultfilme sind, auf Erzählungen von Edgar Allan Poe basierten, und der Film erscheint erst jetzt in Deutschland.
Das wäre eine außergewöhnliche Geschichte, ein lange vergessener filmischer Missing Link, wenn „Außergewöhnliche Geschichten“ keiner dieser Omnibusfilme wäre, in denen bekannte Regisseure Kurzfilme drehen, die dann hintereinander als ein Film gezeigt werden. In den sechziger Jahren war das ein bei Produzenten seltsamerweise beliebtes Subgenre, das sich meistens kommerziell nicht besonders lohnte und auch künstlerisch höchstens zwiespältige Ergebnisse zustande brachte.
Sowohl als Einzelfilm, bei dem die verschiedenen Herangehensweisen der Regisseure für produktive Reibungen sorgen könnten, als auch im Oeuvre des Regisseurs, wo es oft noch nicht einmal als Nebenwerk oder Experiment interessant ist. Da ist es fast überflüssig zu sagen, dass Omnibusfilme fast nie im Fernsehen gezeigt werden und als Einzelfilm fast unbekannt sind. Manchmal sind einzelne Kurzfilme, die dann auch als Einzelwerk gezeigt werden, beliebter. Auch „Außergewöhnliche Geschichten“ gehört in diese Kategorie der von der Allgemeinheit schnell vergessenen Filme.
Roger Vadim erzählt in „Metzengerstein“ die Geschichte der schönen Contessa Frederique de Metzengerstein (Jane Fonda), die noch nie von einem Mann zurückgewiesen wurde. Als ihr Cousin, mit dessen Familien die Metzengersteins schon seit Generationen verfeindet sind, es doch tut, nimmt das Schicksal, also eine von ihr angestoßene Verkettung unglücklicher Umstände die immer weiter ins Verderben führt, seinen Lauf.
Wer von einem Film mehr als eine durch die Landschaft reitende und alte Gemäuer stolzierende Jane Fonda erwartet, wird enttäuscht werden.
Der zweite Kurzfilm, „William Wilson“ von Louis Malle, ist die beste außergewöhnliche Geschichte. Zum ersten Mal begegnete der Sadist William Wilson (Alain Delon) seinem Doppelgänger in der Schule. Schon damals sabotierte der Doppelgänger Wilsons Stellung. Später begegnet er ihm immer wieder und ihr Kampf findet seinen Höhepunkt, als er, inzwischen ein geachtet-gefürchteter Offizier, gegen eine dunkelhaarige Schönheit (Brigitte Bardot mit schwarzen Haaren) Karten spielt.
„William Wilson“ ist ein schöner, eher kühl inszenierter Abstieg in den Wahnsinn eines arroganten Arschlochs, der von seinen Dämonen gejagt wird. Louis Malle inszenierte die Geschichte in Rückblenden. Der ängstliche Wilson beichtet einem Priester seine Sünden. Er behauptet, von einem Dämon verfolgt zu werden, dem er zum ersten Mal als Jugendlicher begegnete. Durch diese Struktur stehen wir auf der Seite des verfolgten Wilson und wir sind gespannt auf die Auflösung der Geschichte.
Federico Fellinis „Toby Dammit“ ist ein Über-Fellini, der Rom als eine alptraumhafte Dystopie zeichnet und auch eine Satire auf den Kunstbetrieb ist. In diesem Film wird der englische Filmstar Toby Dammit (Terence Stamp), eine Art Über-Richard-Burton-Marlon-Brando-auf-Droge, nach Italien eingeladen, um dort einen Film zu drehen. Doch vor dem Dreh muss er in einer TV-Sendung auftreten und einer Preisverleihung beiwohnen. Gut, dass es überall Drogen und Frauen gibt.
„Toby Dammit“ ist, wie Vadims „Metzengerstein“ eindeutig zu lang geraten, was auch daran liegen kann, dass diese Geschichte, wie die beiden vorherigen, zielstrebig auf den Tod des nicht besonders liebenswerten Protagonisten zusteuert. Aber während man bei William Wilson noch, bedingt durch die Struktur der Geschichte – sie entfaltet sich in Rückblenden während einer Beichte -, sein Leid mitfühlen kann und Contessa Frederique de Metzengerstein als zurückgewiesene Braut immerhin schön anzusehen ist, ist Toby Dammit einfach nur ein seelisches Wrack auf Droge. Immerhin benimmt er sich so schlecht, dass das schon wieder witzig ist.
Im Bonusmaterial besteht die Möglichkeit, die Filme einzeln anzusehen. Und wahrscheinlich sollte man die Filme als Einzelwerke genießen.
Insgesamt ist es schön, dass diese Lücke geschlossen wurde, aber letztendlich ist „Außergewöhnliche Geschichten“ doch nur etwas für Komplettisten, die jeden Film von Louis Malle oder Federico Fellini haben wollen. Bei Roger Vadim genügt wohl „Barbarella“ mit Jane Fonda.
Außergewöhnliche Geschichten (Histoires Extraordinaires, Frankreich/Italien 1968)
Regie: Roger Vadim, Louis Malle, Federico Fellini
Drehbuch: Roger Vadim, Pascal Cousin, Louis Malle, Daniel Boulanger, Clement Biddle Wood, Federico Fellini, Bernardino Zapponi
LV: Edgar Allan Poe: Metzengerstein (1832), William Wilson (1839), Never bet the Devil your Head (1841)
mit Jane Fonda, Peter Fonda, Philippe Lemaire, Alain Delon, Brigitte Bardot, Katia Cristina, Umberto d’Orsi, Terence Stamp, Vincent Price (Erzähler in der englischen Version)
– Blu-ray
Koch Media (Masterpieces of Cinema)
Bild: 1.78:1 (16:9)
Ton: Deutsch, Französisch, Englisch (DTS-HD Master Audio 2.0)
Untertitel: Deutsch, Englisch
Bonusmaterial: Französischer Trailer, Bildergalerie
Länge: 121 Minuten
FSK: frei ab 16 Jahre
– Hinweise Rotten Tomatoes über „Außergewöhnliche Geschichten“
Wikipedia über „Außergewöhnliche Geschichten“ (deutsch, englisch, französisch)
Die Geschichten „Metzengerstein“ (1832) (deutsch), „William Wilson“ (1839) (deutsch) und „Never bet the Devil your Head“ (1841) von Edgar Allan Poe Meine Besprechung von Louis Malles „Fahrstuhl zum Schafott“ (L’Ascenceur pour l’échafaud, Frankreich 1957)
Fanny Ardant, die seit „8 Frauen“ nicht mehr im deutschen Kino zu sehen war, deren neueren Film- und TV-Auftritte höchstens vereinzelt im TV liefen und die Cineasten seit den Francois-Truffaut-Filmen „Die Frau nebenan“ und „Auf Liebe und Tod“ in ihr Herz geschlossen haben, hat mit „Die schönen Tage“ endlich wieder einen Kinofilm gedreht, der auch in unseren Kinos lief, gute Kritiken erhielt und jetzt auf DVD vorliegt.
Ardant, die für meinen Geschmack hier etwas zu zurückhaltend und ätherisch spielt, spielt Caroline, eine frisch pensionierte Zahnärztin, die auch den Tod ihrer besten Freundin verarbeiten muss, und die von ihren beiden Töchtern einen Gutschein für „Die schönen Tage“, einen Seniorenclub, geschenkt bekommt. Sie fühlt sich in dem Club reichlich deplatziert, aber als sie dort Julien, den 39-jährigen Computerlehrer, kennen lernt, verbringt sie mit ihm einige schöne Tage – und wir mit dem Liebespaar einige schöne Minuten.
Denn Marion Vernouxs Film ist mit 94 Minuten ziemlich kurz geraten. Sie erzählt auch nur eine Episode aus dem Leben einer reifen Frau mit der Leichtigkeit, die wir aus französischen Filmen kennen. Denn natürlich hat die Liebe zwischen Caroline und Julien keine Zukunft. Es ist ein Seitensprung, der frei von den falschen Illusionen der Jugend ist, die bei jeder neuen Liebe an die ewige Liebe glauben. Es ist für Caroline eine Auszeit, in der sie sich ihrer Attraktivität vergewissert, während Julien, der einfach alle Frauen liebt, ihr schon am Anfang sagt, dass sie vor ihm wisse, wann die Beziehung vorüber sei. Er erhebt auch keine weiteren Ansprüche – und Carolines Mann, der schon früh von der Affäre erfährt, weiß, dass sie mehr verbindet, als eine flüchtige Bettgeschichte.
„Die schönen Tage“ ist ein feinfühlig erzähltes Melodrama, das im positiven Sinn an die Filme von Claude Lelouch, Claude Sautet und Francois Truffaut, um nur einige zu nennen, erinnert, die sich auch immer wieder mit den Fallstricken der Liebe beschäftigten.
Für Fanny-Ardant-Fans gibt sogar zwei Premieren: sie hat ihre Haare blond gefärbt und sie trägt erstmals Jeans in einem Film.