Neu im Kino/Filmkritik: Wes Andersons „Der phönizische Meisterstreich“ ist kein Meisterstreich

Mai 28, 2025

Wenige Tage nach seiner Premiere beim Filmfest in Cannes im Wettbewerb läuft Wes Andersons neuer Film „Der phönizische Meisterstreich“ bei uns im Kino an. Und es ist ein typischer Anderson-Film mit einigen Minuspunkten.

Wie in seinen vorherigen Filmen treten viele bekannte Schauspieler, die teils zum wiederholten Male in einem Wes-Anderson-Film mitspielen, in teilweise absurd kurzen Rollen auf. Es gibt den bekannten Anderson-Humor und die aus seinen vorherigen Komödien bekannten präzisen Bildkompositionen. Sie sind sofort als Bilder aus einem Wes-Anderson-Film erkennbar. Es gibt eine schnell freidrehende Geschichte, die hier noch mehr als früher alle erzählerischen Regeln ignoriert.

Im Mittelpunkt des 1950 spielenden Films steht Anatole ‚Zsa-zsa‘ Korda (Benicio del Toro), einer der reichsten Männer Europas und ein vollkommen skrupelloser Mogul. Jetzt will der Industrielle sein größtes Projekt, den „Korda Land und Meer Phönizische Infrastruktur Meisterstreich“ verwirklichen. Hinter dem umständlich-pompösen Projektnamen, der für den Filmtitel radikal zusammengestrichen wurde, verbirgt sich ein großes Infrastrukturprojekt in einer vergessenen, aber potentiell ertragreichen Region. Viel mehr muss man über das Projekt nicht wissen und mehr erfahren wir auch nicht darüber.

Als die Preise für verformbare Nieten, die für das Projekt von essentieller Wichtigkeit sind, sich plötzlich astronomisch verteuern, muss Korda mit einigen Investoren über ihre Beteiligung an seinem ‚Meisterstreich‘ neu verhandeln.

Dies gelingt ihm immer wieder mit absurden Wettkämpfen. Oder indem sie einfach ihre Meinung ändern.

Begleitet wird er bei dieser Reise von seiner zwanzigjährigen Tochter Liesl (Mia Threapleton), die er seit sechs Jahren nicht gesehen hat und die am Ende des Monats ihr Gelübde als Nonne ablegen will. Korda hat allerdings beschlossen, dass sie und nicht einer ihrer neun Brüder sein Vermögen erben soll. Um Liesl zu überzeugen, das Erbe anzunehmen, schlägt er ihr eine Probezeit bei ihm vor. Sie ist einverstanden.

Natürlich erwartet niemand von einem Wes-Anderson-Film eine konventionell erzählte Geschichte. Aber dieses Mal reiht er nur noch eine absurde Episode an eine weitere, mehr oder weniger absurde Episode. Der titelgebende phönizische Meisterstreich ist bestenfalls ein rudimentär erklärter MacGuffin, der mit zunehmender Laufzeit immer unwichtiger wird. Daran ändern auch die nach jeder Verhandlung Kordas mit einem der Investoren eingeblendeten Prozentzahlen nichts. Es sind einfach Zahlen, die ohne eine Bezugsgröße bedeutungslos sind.

Alle Figuren sind nur eindimensionale Cartoonfiguren, die nicht weiter als einen Gag tragen. Das gilt, leider, auch für den Protagonisten, der ungerührt zahllose Mordanschläge überlebt. Wer sie warum veranlasste ist egal. Sie sind einfach nur ein Running Gag. Gleiches gilt für sein absolut gleichgültiges Verhalten gegenüber seinen Angestellten. Sie sind für ihn Dinge, die er benutzt und wegwirft oder mit dem Schleudersitz aus seinem Flugzeug befördert. Wie in einer Gagshow wird Korda in verschiedene Situationen geworfen, die er stoisch überlebt.

Etwaige Versuche aus der Komödie so etwas wie eine Kritik am Kapitalismus oder am ausbeuterischen Kolonialismus herauszulesen, immerhin geht es um ein Großprojekt, das zum finanziellen Vorteil der Investoren durchgesetzt werden soll, oder Korda mit aktuellen größenwahnsinnigen Milliardären zu vergleichen, sind zum Scheitern verurteilt. Anderson interessiert sich dafür noch weniger als für den titelgebenden MacGuffin.

Der phönizische Meisterstreich“ ist einfach nur ein Planspiel mit verschiedenen Schuhkartons, die nacheinander geöffnet werden und den Schauspielern erinnerungswürdige Auftritte ermöglichen. Ein erinnerungswürdiger Film entsteht so nicht.

Dem phönizischen Meisterstreich fehlt einfach der liebenswürdige Charme des „Grand Budapest Hotel“. Stattdessen erinnert dieser Streich viel zu oft an Wes Andersons vorherigen Film „Asteroid City“.

Der phönizische Meisterstreich (The Phoenician Scheme, USA/Deutschland 2025)

Regie: Wes Anderson

Drehbuch: Wes Anderson (nach einer Geschichte von Wes Anderson und Roman Coppola)

mit Benicio del Toro, Mia Threapleton, Michael Cera, Riz Ahmed, Tom Hanks, Bryan Cranston, Mathieu Amalric, Richard Ayoade, Jeffrey Wright, Scarlett Johannsson, Benedict Cumberbatch, Rupert Friend, Hope Davis, Alex Jennings, Stephen Park, F. Murray Abraham, Charlotte Gainsbourg, Willem Dafoe, Bill Murray

Länge: 102 Minuten

FSK: ab 12 Jahre 

Kinostart: 29. Mai 2025

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Filmportal über „Der phönizische Meisterstreich“ (weil gedreht in Babelsberg)

Moviepilot über „Der phönizische Meisterstreich“

Metacritic über „Der phönizische Meisterstreich“

Rotten Tomatoes über „Der phönizische Meisterstreich“

Wikipedia über „Der phönizische Meisterstreich“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Wes Andersons „The Grand Budapest Hotel“ (The Grand Budapest Hotel, USA/Deutschland 2014)

Meine Besprechung von Wes Andersons „Isle of Dogs – Ataris Reise“ (Isle of Dogs, USA 2018)

Meine Besprechung von Wes Andersons „The French Dispatch“ (The French Dispatch, USA/Deutschland 2021)

Meine Besprechung von Wes Andersons „Asteroid City“ (Asteroid City, USA 2023)


TV-Tipp für den 25. April: Verleugnung

April 24, 2025

One, 23.00

Verleugnung (Denial, USA/Großbritannien 2016)

Regie: Mick Jackson

Drehbuch: David Hare

LV: Deborah E. Lipstadt: History on Trial: My Day in Court with a Holocaust Denier, 2005

Damit hat die Historikerin Deborah E. Lipstadt nicht gerechnet, als sie in ihrem neuesten Buch den Holocaust-Leugner David Irving scharf angreift. 1996 reicht Irving beim höchsten englischen Zivilgericht eine Verleumdungsklage gegen sie ein. Jetzt muss sie vor Gericht beweisen, dass es den Holocaust wirklich gab.

Eine sehr gute, sehr ehrenwerte und in jeder Sekunde honorige, aber auch etwas bieder geratene Geschichtsstunde. Absolut sehenswert.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Rachel Weisz, Timothy Spall, Tom Wilkinson, Andrew Scott, Jack Lowden, Caren Pistorius, Alex Jennings, Harriet Walter

Hinweise

Moviepilot über „Verleugnung“

Metacritic über „Verleugnung“

Rotten Tomatoes über „Verleugnung“

Wikipedia über „Verleugnung“ (deutsch, englisch)

Wer gerade Zeit hat: die Dokumentation des Prozesses

Meine Besprechung von Mick Jackson „Verleugnung“ (Denial, USA/Großbritannien 2016)


TV-Tipp für den 23. Januar: Verleugnung

Januar 22, 2025

RBB, 20.15

Verleugnung (Denial, USA/Großbritannien 2016)

Regie: Mick Jackson

Drehbuch: David Hare

LV: Deborah E. Lipstadt: History on Trial: My Day in Court with a Holocaust Denier, 2005

Damit hat die Historikerin Deborah E. Lipstadt nicht gerechnet, als sie in ihrem neuesten Buch den Holocaust-Leugner David Irving scharf angreift. 1996 reicht Irving beim höchsten englischen Zivilgericht eine Verleumdungsklage gegen sie ein. Jetzt muss sie vor Gericht beweisen, dass es den Holocaust wirklich gab.

Eine sehr gute, sehr ehrenwerte und in jeder Sekunde honorige, aber auch etwas bieder geratene Geschichtsstunde. Absolut sehenswert.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Rachel Weisz, Timothy Spall, Tom Wilkinson, Andrew Scott, Jack Lowden, Caren Pistorius, Alex Jennings, Harriet Walter

Wiederholungen

MDR: Freitag, 24. Januar, 00.10 Uhr (Taggenau!)

3sat, Freitag, 24. Januar, 20.15 Uhr

RBB: Freitag, 24. Januar, 22.00 Uhr

Hinweise

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Wer gerade Zeit hat: die Dokumentation des Prozesses

Meine Besprechung von Mick Jackson „Verleugnung“ (Denial, USA/Großbritannien 2016)


Neu im Kino/Filmkritik: Steve McQueens „Blitz“ – heute im Kino, morgen im Stream

November 8, 2024

1940 bombardierte Nazi-Deutschland täglich London. Dieser Teil der Luftschlacht um England ging als „The Blitz“ in die Geschichtsbücher über den Zweiten Weltkrieg ein. Jede Nacht flüchteten die Menschen vor den Bomben in Keller und U-Bahn-Stationen. Tagsüber wurden die Trümmer notdürftig weggeräumt. Und die Regierung organisierte die Verschickung von Kindern aufs Land, wo es sicherer war. Auch der neunjährige George (Elliott Heffernan) soll in Sicherheit gebracht werden, während seine alleinerziehende, in einer Rüstungsfabrik in der Produktion arbeitende Mutter Rita (Saoirse Ronan) und sein Großvater Gerald (Rockmusiker Paul Weller, der einen Musiker spielt) in ihrer Wohnung im Osten Londons bleiben.

Schon der Abschied am Bahnhof verläuft anders, als Rita es sich erhoffte. Denn George will nicht weg.

Kurz hinter London spring er aus dem Zug und macht sich, wie Lassie, auf den Weg zurück zu seiner Mutter.

Steve McQueen erzählt in seinem neuen Film „Blitz“ parallel Georges und Ritas Geschichte. Das so entstehende, primär aus Georges Perspektive erzählte Drama ist ein seltsamer Mix aus Kinobildern und der Dramaturgie einer TV-Serie, die auf Kinolänge gekürzt wurde. Beide Handlungsstränge sind so angelegt, dass sie mit beliebig vielen weiteren Episoden und Personen verlängert oder, bei Bedarf, gekürzt werden können. Darum entsteht auch nie das Gefühl, dass sie zu elliptisch erzählt sind. Denn ob George bei seiner Reise zurück nach London noch einige weitere Tage unterwegs ist, einige weitere Menschen trifft und Abenteuer erlebt oder auch nicht, ist egal. Gleiches gilt für die Erlebnisse von seiner Mutter und seinem Großvater in London.

Diese durchgehend episodische Erzählweise erlaubt es Steve McQueen viele verschiedene Themen, wie den damaligen Rassismus, anzusprechen. Zusammengehalten werden die Episoden durch den aus „Lassie“ bekannten Plot.

Blitz“ ist ein guter, humanistisch geprägter und zu Herzen gehender Film. Das Drama ist gleichzeitig Steve McQueens in jeder Hinsicht konventionellester Film. Zu seinen vorherigen Filmen gehören „Hunger“, „Shame“ und „12 Years a Slave“.

Steve McQueens neuer Film läuft jetzt in einigen Kinos. Aktuell wird „Blitz“ in Berlin in zwei kleinen Arthaus-Kinos einmal am Tag gezeigt. Ab dem 22. November ist er auf Apple TV+ verfügbar.

Blitz (Blitz, Großbritannien 2024)

Regie: Steve McQueen

Drehbuch: Steve McQueen

mit Saoirse Ronan, Elliott Heffernan, Harris Dickinson, Benjamin Clémentine, Kathy Burke, Paul Weller, Stephen Graham, Leigh Gill, Mica Ricketts, CJ Beckford, Alex Jennings, Joshua McGuire, Hayley Squires, Erin Kellyman, Sally Messham

Länge: 120 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

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Rotten Tomatoes über „Blitz“

Wikipedia über „Blitz“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Steve McQueens „Shame“ (Shame, Großbritannien 2011)

Meine Besprechung von Steve McQueens „12 Years a Slave“ (12 Years a Slave, USA 2013)

Meine Besprechung von Steve McQueens „Widows – Tödliche Witwen“ (Widows, USA 2018)


TV-Tipp für den 4. April: Verleugnung

April 3, 2023

HR, 23.55

Verleugnung (Denial, USA/Großbritannien 2016)

Regie: Mick Jackson

Drehbuch: David Hare

LV: Deborah E. Lipstadt: History on Trial: My Day in Court with a Holocaust Denier, 2005

Damit hat die Historikerin Deborah E. Lipstadt nicht gerechnet, als sie in ihrem neuesten Buch den Holocaust-Leugner David Irving scharf angreift. 1996 reicht Irving beim höchsten englischen Zivilgericht eine Verleumdungsklage gegen sie ein. Jetzt muss sie vor Gericht beweisen, dass es den Holocaust wirklich gab.

Eine sehr gute, sehr ehrenwerte und in jeder Sekunde honorige, aber auch etwas bieder geratene Geschichtsstunde.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Rachel Weisz, Timothy Spall, Tom Wilkinson, Andrew Scott, Jack Lowden, Caren Pistorius, Alex Jennings, Harriet Walter

Hinweise

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Wer gerade Zeit hat: die Dokumentation des Prozesses

Meine Besprechung von Mick Jackson „Verleugnung“ (Denial, USA/Großbritannien 2016)


TV-Tipp für den 6. November: Verleugnung

November 5, 2020

MDR, 00.15

Verleugnung (Denial, USA/Großbritannien 2016)

Regie: Mick Jackson

Drehbuch: David Hare

LV: Deborah E. Lipstadt: History on Trial: My Day in Court with a Holocaust Denier, 2005

Damit hat die Historikerin Deborah E. Lipstadt nicht gerechnet, als sie in ihrem neuesten Buch den Holocaust-Leugner David Irving scharf angreift. 1996 reicht Irving beim höchsten englischen Zivilgericht eine Verleumdungsklage gegen sie ein. Jetzt muss sie vor Gericht beweisen, dass es den Holocaust wirklich gab.

Eine sehr gute, sehr ehrenwerte und in jeder Sekunde honorige, aber auch etwas bieder geratene Geschichtsstunde.

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mit Rachel Weisz, Timothy Spall, Tom Wilkinson, Andrew Scott, Jack Lowden, Caren Pistorius, Alex Jennings, Harriet Walter

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TV-Tipp für den 25. Januar: Verleugnung

Januar 24, 2020

RBB, 23.30

Verleugnung (Denial, USA/Großbritannien 2016)

Regie: Mick Jackson

Drehbuch: David Hare

LV: Deborah E. Lipstadt: History on Trial: My Day in Court with a Holocaust Denier, 2005

Damit hat die Historikerin Deborah E. Lipstadt nicht gerechnet, als sie in ihrem neuesten Buch den Holocaust-Leugner David Irving scharf angreift. 1996 reicht Irving beim höchsten englischen Zivilgericht eine Verleumdungsklage gegen sie ein. Jetzt muss sie vor Gericht beweisen, dass es den Holocaust wirklich gab.

Eine sehr gute, sehr ehrenwerte und in jeder Sekunde honorige, aber auch etwas bieder geratene Geschichtsstunde.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

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TV-Tipp für den 10. September: Verleugnung

September 9, 2019

ARD, 22.45

Verleugnung (Denial, USA/Großbritannien 2016)

Regie: Mick Jackson

Drehbuch: David Hare

LV: Deborah E. Lipstadt: History on Trial: My Day in Court with a Holocaust Denier, 2005

Damit hat die Historikerin Deborah E. Lipstadt nicht gerechnet, als sie in ihrem neuesten Buch den Holocaust-Leugner David Irving scharf angreift. 1996 reicht Irving beim höchsten englischen Zivilgericht eine Verleumdungsklage gegen sie ein. Jetzt muss sie vor Gericht beweisen, dass es den Holocaust wirklich gab.

Eine sehr gute, sehr ehrenwerte und in jeder Sekunde honorige, aber auch etwas bieder geratene Geschichtsstunde.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung der heutigen TV-Premiere, die einen besseren Sendeplatz verdient hat.

mit Rachel Weisz, Timothy Spall, Tom Wilkinson, Andrew Scott, Jack Lowden, Caren Pistorius, Alex Jennings, Harriet Walter

Wiederholung: Mittwoch, 11. September, 02.20 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

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Rotten Tomatoes über „Verleugnung“

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Wer gerade Zeit hat: die Dokumentation des Prozesses

Meine Besprechung von Mick Jackson „Verleugnung“ (Denial, USA/Großbritannien 2016)


Neu im Kino/Filmkritik: „Verleugnung“ – Als Holocaust-Leugner David Irving dagegen klagte, ein Holocaust-Leugner genannt zu werden

April 15, 2017

Damit hat Deborah E. Lipstadt, heute Dorot Professorin für Moderne Jüdische Zeitgeschichte und Holocaust-Studien an der Emory Universität in Atlanta, nicht gerechnet, als sie 1993 in ihrem neuesten Buch „ Denying the Holocaust“ (Betrifft: Leugnen des Holocaust) David Irving als Holocaust-Leugner scharf angriff. Schon damals war Irving, dessen erste Werke in den sechziger Jahren durchaus positiv aufgenommen wurden, höflich formuliert, umstritten. Seit den achtziger Jahren suchte er sein Publikum hauptsächlich in geschichtsrevisionistischen bis rechtsextremen Kreisen. Von 1993 bis 2013 bestand in Deutschland für Irving ein Einreiseverbot.

Nachdem Lipstads „Denying the Holocaust“ in England erschien, reichte er am 5. September 1996 am High Court of Justice, dem höchsten englischen Zivilgericht, eine Verleumdungsklage gegen sie und ihren britischen Verlag Penguin Books ein. Und weil im englischen Recht die angeklagte Partei beweisen muss, dass ihre Behauptung stimmt, müssen jetzt Lipstadt und ihre Verteidiger beweisen, dass Irvings Klage haltlos ist. Also dass es den Holocaust wirklich gab und dass sie den Holocaustleugner Irving nicht verleumdete.

Der Prozess war, an 32 Verhandlungstagen, zwischen dem 11. Januar und dem 11. April 2000 und, ich verrate jetzt hier wirklich kein großes Geheimnis, er endete mit einem grandiosen Freispruch für Lipstadt und ihren Verlag.

In seiner 333-seitigen Urteilsbegründung stellte Richter Charles Gray unter anderem über Irving fest: „Er ist ein rechtsextremer Pro-Nazi, Polemiker, Antisemit und Rassist, der sich mit Rechtsextremisten zusammentut, um den Neonazismus zu fördern.“

2002, nachdem eine Revision des Urteils abgewiesen wurde und Irving die Gerichtskosten hätte tragen müssen, meldete er Konkurs an. Als Sachbuchautor war er nach diesem Urteil ebenfalls ruiniert.

In seinem Film „Verleugnung“ zeichnet Mick Jackson („Bodyguard“), nach einem Drehbuch des renommierten Dramatikers David Hare, die Geschichte von Irvings Klage gegen Lipstadt bis zur Urteilsverkündung als spannendes Justizdrama nach, das sich auf seine wahre Geschichte,die in ihr wohnende Spannung und Dramatik, das pointierte Drehbuch und die grandiosen Schauspieler verlässt. Rachel Weisz spielt Lipstadt, die plötzlich in einem ihr in jeder Beziehung fremden Gerichtsverfahren gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse und ihre wissenschaftlich fundierten Meinungen verteidigen lassen muss. Denn es gehört zur Verteidigungsstrategie, sie und Holocaust-Opfer nicht in den Zeugenstand zu rufen. Tom Wilkinson und Andrew Scott ihre beiden schlauen Hauptverteidiger. Und Timothy Spall spielt David Irving, den Bösewicht des Films. Bei diesen schauspielerischen Hochkarätern muss Mick Jackson nur noch die Kamera aufstellen und sie beobachten.

Der so entstandene Film ist dann eine sehr gute, sehr ehrenwerte und in jeder Sekunde honorige, aber auch etwas bieder geratene Geschichtsstunde. Auch bei dem Besuch von Lipstadt mit ihren Verteidigern in Auschwitz-Birkenau behält Jackson eine wohltuende Distanz, die auf platte Dramatisierungen oder Visualisierungen verzichtet. Im Film wird nur das gezeigt, was jeder Besucher der Gedenkstätte bei seinem Besuch sehen kann.

Verleugnung“ ist ein guter und wichtiger Film, der hoffentlich nicht nur von den Menschen gesehen wird, die sowieso schon überzeugt sind. Denn er ist genau diese Art Film.

Verleugnung (Denial, USA/Großbritannien 2016)

Regie: Mick Jackson

Drehbuch: David Hare

LV: Deborah E. Lipstadt: History on Trial: My Day in Court with a Holocaust Denier, 2005

mit Rachel Weisz, Timothy Spall, Tom Wilkinson, Andrew Scott, Jack Lowden, Caren Pistorius, Alex Jennings, Harriet Walter

Länge: 111 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

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Wikipedia über „Verleugnung“ (deutsch, englisch)

Wer gerade Zeit hat: die Dokumentation des Prozesses


Neu im Kino/Filmkritik: Maggie Smith ist „The Lady in the Van“

April 14, 2016

Als Alan Bennett 1970 in sein Haus in der Gloucester Crescent in Camden Town einzieht, ist sie bereits da. Miss Shepherd lebt in einem nicht mehr wirklich fahrtüchtigem Kleinbus und niemand weiß irgendetwas über sie, aber in Camden Town, einem eher noblen Londoner Stadtviertel, wird die Obdachlose toleriert, gegrüßt und auch ab und an mit Essen verwöhnt. Sie gehört halt einfach dazu.

Bennett, ein bekannter Theaterschriftsteller, gewöhnt sich ebenfalls schnell an den Kleinbus und seine Besitzerin. Er wird, während er, am Schreibtisch sitzend, mit seinem Alter Ego und seinen Stücken kämpft, zu einem Teil der Aussicht aus seinem Arbeitszimmer.

Einige Jahre später steht ihr Bus in der Einfahrt von Bennetts Haus. Er erlaubte es ihr, um schnell ein scheinbar kleines Problem zu umgehen und natürlich glaubt er, dass sie ihr Auto schnell weiterbewegt zum nächsten Anwesen.

Aber sie bleibt fünfzehn Jahre bis zu ihrem Tod 1989 und, auch wenn sie außer gelegentlichen Toilettenbesuchen keinen Kontakt zu Bennett hat, wird er zu so etwas wie ihrem Vertrauten, Leumund und Quasi-Bevollmächtigten. Jedenfalls wenden sich Staatsdiener immer vertrauensvoll an ihn, weil ja ihr Auto auf seinem Grundstück steht.

Nach ihrem Tod schreibt Alan Bennett für die London Review of Books diese im Oktober 1989 publizierte Erinnerung an die „Lady in the Van“ auf. Erst danach erfährt er über den Bruder von Miss Shepherd einiges über ihre Vergangenheit. 1999 macht er aus seinem Zusammenleben mit Miss Shepherd ein Theaterstück, in dem Maggie Smith die schrullige Dame spielte. Für den in Camden Town gedrehten, in der Gegenwart endenden Spielfilm schlüpfte sie wieder in die Rolle und sie ist grandios. Denn allzu leicht hätte man aus diesem Charakter eine in irgendeine Richtung übertriebene Parodie machen können. Für ihr Spiel erhielt sie eine Golden-Globe- und Bafta-Nominierung.

Alex Jennings spielt die Doppelrolle von Alan Bennett und seinem Alter Ego ähnlich feinfühlig. In dieser zweiten Geschichte geht es um das Leben und die Arbeit eines Schriftstellers, wie er sich von realen Ereignissen inspirieren lässt und wie er damit umgeht. Entsprechend vielschichtig ist dann im gesamten Film das Verhältnis zwischen Fakten und Fiktion. Denn „The Lady in the Van“ erzählt keine „true story“, sondern eine „mostly true story“.

Die sich über zwei Jahrzehnte erstreckende Geschichte ist allerdings keine sich auch nur halbwegs dynamisch in irgendeine Richtung bewegende Geschichte, sondern eine vieles ansprechende Zustandsbeschreibung einer Nicht-Beziehung. Wegen der Schauspieler, den oft nebenbei angesprochenen Themen, den Humor und dem Setting sieht man sich „The Lady in the Van“ dann doch gerne an. Es ist aber auch eine typisch britische Geschichte. Oder glauben Sie, dass es auch in Deutschland diese höfliche Toleranz gegenüber einer Frau in einem Bus geben würde, die sich einfach in eine Hauseinfahrt stellt?

The Lady in the Van - Plakat

The Lady in the Van (The Lady in the Van, Großbritannien 2015)

Regie: Nicholas Hytner

Drehbuch: Alan Bennett (nach seinen Erinnerungen)

mit Maggie Smith, Alex Jennings, Jim Broadbent, Frances De La Tour, Roger Allam

Länge: 105 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

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Moviepilot über „The Lady in the Van“

Metacritic über „The Lady in the Van“

Rotten Tomatoes über „The Lady in the Van“

Wikipedia über „The Lady in the Van“

Die Pressekonferenz zum Film beim London Film Festival

Ein Gespräch mit den beiden Hauptdarstellern

und eines mit Alex Jennings und Alan Bennett