TV-Tipp für den 9. Juli: Ein Köder für die Bestie

Juli 8, 2016

für die Nachteulen

ZDFneo, 02.35

Ein Köder für die Bestie (USA 1962, Regie: J. Lee Thompson)

Drehbuch: James R. Webb

LV: John D. MacDonald: The executioners, 1957 (eine gekürzte deutsche Ausgabe erschien unter „Ein Köder für die Bestie“, ungekürzt – 1992 im Heyne Verlag – unter „Kap der Angst“)

Nach seinem Knastaufenthalt beginnt Max Cady Sam Bowden und dessen Familie zu terrorisieren. Immerhin brachte dessen Aussage ihn ins Gefängnis.

Spannender Psychoschocker

Mit Gregory Peck, Robert Mitchum, Martin Balsam, Telly Savalas

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Ein Köder für die Bestie“

Wikipedia über „Ein Köder für die Bestie“ (deutsch, englisch) und John D. MacDonald (deutsch, englisch)

Thrilling Detective über John D. MacDonald

Krimi-Couch über John D. MacDonald

Umfangreiche amerikanische John D. MacDonald-Fanseite


Neu im Kino/Filmkritik: Über die gelungene John-le-Carré-Verfilmung „Verräter wie wir“

Juli 8, 2016

Ein Bestsellerautor, ein unantastbarer Säulenheiliger und Doyen des Spionageromans ist John le Carré schon seit Jahrzehnten, aber bis vor einigen Jahren war die Zahl der Verfilmungen seiner Agententhriller überschaubar. Bis zur Jahrtausendwende gab es für das Kino eigentlich nur „Der Spion, der aus der Kälte kam“ und „Das Russland-Haus“. In den letzten fünfzehn Jahren, vor allem in den letzten fünf Jahren, gab es dann mehrere le-Carré-Verfilmungen, die alle gelungen waren: „Der Schneider von Panama“, „Der ewige Gärtner“, „Dame, König, As, Spion“, „A most wanted man“, „The Night Gardener“ (für das Fernsehen) und jetzt „Verräter wie wir“, inszeniert von Susanna White („Eine zauberhafte Nanny“,„Parade’s End“), nach einem Drehbuch von Hossein Amini („Drive“, „Die zwei Gesichter des Januars“ [auch Regie]), der sich anstandslos in die Reihe der gelungenen le-Carré-Verfilmungen einreiht.

In Marrakesch lernt Perry (Ewan McGregor), ein harmloser Oxford-Dozent für Poesie, Dima (Stellan Skarsgård), einen russischen Lebemann mit riesigem Hofstaat, kennen. Dima mag den Engländer und seine Frau Gail (Naomie Harris), einer Anwältin, die beide erkennbar aus einer vollkommen anderen Welt stammen. Er spielt mit Perry Tennis, lädt ihn zu einer Party ein und bittet ihn um einen Gefallen. Denn Dima ist auch Geldwäscher für die russische Mafia. Er befürchtet, dass er demnächst im Auftrag des Kopfs der Vory umgebracht werden soll. Der britische Geheimdienst soll ihn und seine Familie beschützen. Deshalb möchte er, dass Perry dem englischem Geheimdienst einen USB-Stick mit Daten über von ihm getätigte Transaktionen, die auch britische Banken und Politiker belasten, übergibt.

Perry ist einverstanden. Es ist ja nur ein kleiner Gefallen für den potentiellen Überläufer und er tut doch offensichtlich ein gutes Werk. Aber es ist auch der erste Schritt, der ihn in die Welt der Geheimdienste führt.

Hossein Amini folgt zwar mit wenigen Abweichungen John le Carrés Geschichte, aber während le Carré die Geschichte bis weit über die Hälfte des Romans mit einer enervierenden Langsamkeit erzählt, hat Amini hier all die Fehler der Vorlage beseitigt. Die uninteressanten Stellen kürzte er ordentlich. Die Plot Points verschieben sich an die richtigen Stellen. Die Spannungskurve steigt stärker. Die wirkliche Geschichte, die ja erst beginnt, als Perry dem MI6-Agenten Hector Meredith (Damian Lewis) den USB-Stick übergibt, entwickelt sich schneller. Perry und seine Frau Gail geraten mit ihren Entscheidungen, die als einzelne Entscheidung ohne große Folgen, vernünftig und harmlos sind (Warum soll man nicht die Einladung zu einer Party annehmen? Warum soll man nicht dem Geheimdienst einen USB-Stick geben und so einer Urlaubsbekanntschaft helfen?), schnell in die von Misstrauen und Verrat geprägte Welt der Geheimdienste und des Großverbrechens, in der ein Menschenleben nicht mehr zählt als ein Bauer in einem Schachspiel. Dabei ist fraglich, ob Perry überhaupt so wichtig wie ein Bauer ist oder ob Dima der Bauer ist.

Kameramann Anthony Dod Mantle („28 Days Later“, „Slumdog Millionär“, „Rush – Alles für den Sieg“) inszeniert diese Welt als eine elegante Welt der Schatten und Spiegelungen, was der Geschichte eine latente Atmosphäre der Ungewissheit verleiht. Auch wenn wir Zuschauer genauer als Perry wissen, in welche Richtung sich die Geschichte bewegen wird.

Verräter wie wir“ lebt nämlich nicht von der pulstreibenden Spannung eines Action-Thrillers mit überraschenden Wendungen, sondern von der mahlstromartigen Spannung einer sich fatal entwickelnden Geschichte, aus der es für die Protagonisten kein Entkommen gibt.

Eines der Themen von le Carrés Arbeit ist, dass Großbritannien als Weltmacht zwar beinahe alles verloren hat, aber immer noch die klassischen britischen Werte hat, die aus einer Zeit stammen, als Großbritannien an der Spitze der Welt stand und eine moralische Verpflichtung hatte. Während die Macht langsam verschwand, hat sich die dazugehörige Moral eher in eine Art Kompromiss verwandelt. John le Carré ist sehr interessiert an dem Einfluss, den der Abstieg der britischen Macht auf das moralische System hat. Das ist der Kern unseres Films. Es gibt jene, die es riskieren, die russische Autoritäten zu verärgern, um Dima zur Flucht zu verhelfen, und es gibt jene, die sich dem entgegen stellen und möglicherweise mit den Russen zusammenarbeiten, all das innerhalb des britischen Systems.“ (Hossein Amini)

Verräter wie wir - Plakat

Verräter wie wir (Our Kind of Traitor, Großbritannien 2016)

Regie: Susanna White

Drehbuch: Hossein Amini

LV: John le Carré: Our Kind of Traitor, 2010 (Verräter wie wir)

mit Ewan McGregor, Stellan Skarsgård, Damian Lewis, Naomie Harris, Jeremy Northam, Khalid Abdallah, Mark Gatiss, Saskia Reeves, Alicia von Rittberg, John le Carré (sein Genehmigungs-Cameo)

Länge: 108 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage, jetzt mit Filmcover

le Carre - Verräter wie wir - Movie-Tie-In 4

John le Carré: Verräter wie wir

(übersetzt von Sabine Roth)

Ullstein, 2016 (für die Filmausgabe)

416 Seiten

9,99 Euro

Deutsche Erstausgabe

Ullstein, 2010

Originalausgabe

Our Kind of Traitor

Viking, London, 2010

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Verräter wie wir“

Metacritic über „Verräter wie wir“

Rotten Tomatoes über „Verräter wie wir“

Wikipedia über „Verräter wie wir“ (englisch)

Homepage von John le Carré

Meine Besprechung von John le Carrés „Geheime Melodie“ (The Mission Song, 2006)

Meine Besprechung von John le Carrés “Marionetten (A most wanted man, 2008)

Meine Besprechung von John le Carrés “Verräter wie wir” (Our kind of traitor, 2010)

Meine Besprechung von John le Carrés “Empfindliche Wahrheit” (A delicate truth, 2013)

Meine Besprechung der John-le-Carré-Verfilmung “Bube, Dame, König, Spion” (Tinker, Tailor, Soldier, Spy, Großbritannien/Frankreich/Deutschland 2011)

Meine Besprechung der John-le-Carré-Verfilmung “A most wanted man” (A most wanted man, Deutschland/Großbritannien 2014) und der DVD

John le Carré in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Susanne Biers „Serena“ (Serena, USA/Frankreich 2014)

Meine Besprechung von Susanne Biers „Zweite Chance“ (Un chance til, Dänemark 2014)

Meine Besprechung der ersten beiden Episoden von Susanne Biers „The Night Manager“ (The Night Manager, Großbritannien/USA 2016) und der ganzen Serie


Neu im Kino/Filmkritik: „Tangerine L. A.“ erkundet unbekannte Ecken

Juli 7, 2016

Heiligabend in Los Angeles: Sin-Dee Rella erfährt von ihrer Freundin Alexandra, dass, während sie im Gefängnis saß, ihr Freund Chester eine Affäre mit einer anderen Frau hatte. Wutentbrannt will sie ihn zur Rede stellen. Aber zuerst muss sie ihre Nebenbuhlerin Dinah und dann ihren Freund finden.

Sean Baker („Starlet“) inszenierte diese Liebesgeschichte als Screwball-Comedy. Entsprechend hoch her geht es. Vor allem wenn in einem Donut-Laden in der finalen Konfrontation sich erstmals alle in die Geschichte involvierten Personen treffen und sich ohne jede Schamgrenze anbrüllen. So weit, so konventionell. Dass Sin-Dee und Alexandra Prostituierte sind, ändert daran nichts.

Allerdings sind die beiden Trans-Prostituierte, und das ist dann schon gar nicht mehr so konventionell. Sin-Dee ist über Chesters Seitensprung auch deshalb empört, weil er sie mit einer echten Frau betrogen hat. Mit der Feinfühligkeit einer in einer Ein-Zimmer-Wohnung gezündeten Silvesterrakete, die sich nicht um das von ihr verursachte Chaos kümmert, tobt sie durch ihr Viertel; die filmisch noch nicht erschlossene Gegend um das Santa Monica Boulevard und die Highland Avenue, in dem die Schauspieler von „Tangerine L. A.“ leben und sich mehr oder weniger selbst spielten. Und alle Schauspieler überzeugen in ihren Rollen, die ihnen auf den Leib geschrieben wurden.

So sind die beiden Hauptdarstellerinnen Mya Taylor und Kitana Kiki Rodriguez selbst Transgender-Frauen. Sie lieferten die Inspiration für die Filmgeschichte und die Dynamik zwischen Sin-Dee und Alexandra. Sie waren auch in die weitere Vorbereitung involviert. Sean Baker und sein Co-Autor Chris Bergoch erkundeten vor dem Dreh die Gegend und entwarfen eine Ethnographie der Gegend, der dortigen Subkultur und den dort lebenden und arbeitenden Menschen. In dieser Beziehung hat „Tangerine L. A.“ viel von einem Dokumentarfilm. Realität und Fiktion liegen hier nah beieinander.

Man könnte „Tangerine L. A.“ also als unterhaltsame, teils auch arg vor sich hin plätschernde Screwball-Comedy unter Transgender-Prostituierten, gedreht mit Laienschauspielerinnen, für ein Independent-Publikum, das sich nicht an schrill-vulgären Klischeetransen stört, abtun, wenn es da nicht den technischen Aspekt gäbe.

Denn Sean Baker drehte den gesamten Film mit dem iPhone 5S. Er und sein Kameramann Radium Cheung benutzten beim Dreh anamorphotische Linsen von Moondog Labs, die ihnen Prototypen ihrer Adapter für das iPhone gaben. Die kleinen Kameras ermöglichten ihnen auf der Straße ein ungestörtes Filmen. In der Postproduktion wurden die Bilder bearbeitet und im Kino – ich habe den Film auf einer wirklich großen Leinwand gesehen – überzeugen die Bilder restlos. Es sind Kinobilder, die niemals an verwackelte YouTube-Videos oder die schrecklich unprofessionell und billig aussehenden Video-Aufnahmen erinnern, die es auch in Filmen mit bekannten Schauspielern gibt. Ich hatte beim Ansehen auch niemals das Gefühl, einen für einen kleinen Bildschirm gedrehten Film zu sehen. Die Bilder füllen in jeder Sekunde die gesamte Leinwand aus.

Tangerine L. A.“ zeigt, dass man nicht viel Geld benötigt, um einen gut aussehenden Film für die groooße Leinwand zu drehen.

Man benötigt nur eine gute Geschichte, die dazu passende Schauspieler und das Ziel, einen Kinofilm zu drehen.

Tangerine L A - Plakat 4

Tangerine L. A. (Tangerine, USA 2015)

Regie: Sean Baker

Drehbuch: Sean Baker, Chris Bergoch

mit Kitana Kiki Rodriguez, Mya Taylor, Karren Karagulian, Mickey O’Hagan, Alla Tumanian, James Ransone

Länge: 88 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Tangerine L. A.“

Metacritic über „Tangerine L. A.“

Rotten Tomatoes über „Tangerine L. A.“

Wikipedia über „Tangerine L. A.“ (deutsch, englisch)

Ein Gespräch mit Sean Baker über „Tangerine L. A.“


TV-Tipp für den 8. Juli: Topas/Frenzy

Juli 7, 2016

Heute endet die Hitchock-Woche mit

3sat, 20.15

Topas (GB 1969, Regie: Alfred Hitchcock)

Drehbuch: Samuel Taylor

LV: Leon Uris: Topaz, 1967 (Topas)

Kalter Krieg, Kuba, Castro, CIA, KGB und die Frage: Wer ist der Verräter?

Schwacher Agententhriller von Hitchcock.

Mit Frederick Stafford, Karin Dor, Michel Piccoli, Philippe Noiret, John Vernon, Roscoe Lee Browne, John Forsythe

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Topas“

Wikipedia über „Topas“ (deutsch, englisch)

Cinematic: Plakate und Aushangfotos zu “Topas”

Parallax View: Richard T. Jameson über “Topas”

3sat, 22.15

Frenzy (GB 1972, Regie: Alfred Hitchcock)

Drehbuch: Anthony Shaffer

LV: Arthur La Bern: Goodbye Piccadilly, Farewell Leicester Square, 1966 (Frenzy)

Ein Frauenmörder versetzt ganz London in Panik. Die Polizei tappt im Dunkeln. Und ein Unschuldiger kennt den richtigen Täter: seinen besten Freund.

Oder in Hitchcocks Worten: „Frenzy ist die Geschichte eines Mannes, der impotent ist und sich deshalb durch Mord ausdrückt.“

Hitchcocks vorletzter Film, seine Rückkehr nach London und seine Rückkehr in die Kritikerherzen, nachdem er seit „Die Vögel“ (1963) nichts wirklich weltbewegendes präsentierte. Zum Beispiel: „wunderbar komisches Drehbuch“ (New York Times), „Der strahlende Beweis, dass jeder, der einen spannenden Film macht, immer noch ein Lehrling dieses Meisters ist“ (Time Magazine), „Frenzy ist das reine Hitchcock-Festival“ (Harris/Lasky) – Ich konnte diese Euphorie nie teilen. Denn alle Beziehungen sind steril oder enden mit Mord. „Frenzy ist bis zum letzten Bild eine hermetische und kalt negative Vision des menschlichen Daseins.“ (Donald Spoto)

Mit Jon Finch, Barry Foster, Barbara Leigh-Hunt

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Frenzy“

Wikipedia über „Frenzy“ (deutsch, englisch) und Alfred Hitchcock (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 1“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 2“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 1“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 2“

Meine Besprechung von Alfred Hitchcocks „Mr. und Mrs. Smith“

Meine Besprechung von Thilo Wydras „Alfred Hitchcock“

Meine Besprechung von Robert V. Galluzzos “Psycho Legacy” (The Psycho Legacy, USA 2010 – eine sehenswerte Doku über die “Psycho”-Filme mit Anthony Perkins, mit vielen Stunden informativem Bonusmaterial)

Meine Besprechung von Stephen Rebellos “Hitchcock und die Geschichte von ‘Psycho’” (Alfred Hitchcock and the Making of ‘Psycho’, 1990)

Meine Besprechung von Sacha Gervasis Biopic “Hitchcock” (Hitchcock, USA 2012)

Meine Besprechung von Henry Keazors (Hrsg.) “Hitcock und die Künste” (2013)

Alfred Hitchcock in der Kriminalakte


Die KrimiZeit-Bestenliste Juli 2016

Juli 7, 2016

Die Fußballmeisterschaft ist ja bald um. Da kann man einen Blick auf die aktuelle KrimiZeit-Bestenliste der KrimiZeit-Jury von Die Zeit und Nordwestradio werfen:

1 (-) Max Annas: Die Mauer

2 (-) Mike Nicol: Power Play

3 (2) Dominique Manotti: Schwarzes Gold

4 (1) Simone Buchholz: Blaue Nacht

5 (3) Olen Steinhauer: Der Anruf

6 (-) Denise Mina: Die tote Stunde

7 (-) Candice Fox: Hades

8 (8) Andrea Fischer Schulthess: Motel Terminal

9 (-) James Grady: Die letzten Tage des Condor

10 (-) Ian Rankin: Gesetz des Sterbens

In ( ) ist die Platzierung vom Vormonat.

Sechs Neueinsteiger und eigentlich immer mit dem Hang zum dicken Buch. Immerhin benötigt Max Annas nur etwas über zweihundert Seiten für seine Geschichte. Nicol, Manotti, Fox, Grady und Rankin stehen auch auf meiner Leseliste. Mina kam nicht an, aber der neue Lee Child, der vielleicht im August auf die Bestenliste kommt, kann da als mehr als vollwertiger Ersatz fungieren. Wenn ich die Tage zum Lesen komme.


TV-Tipp für den 7. Juli: Familiengrab

Juli 7, 2016

3sat, 23.05

Familiengrab (USA 1976, Regie: Alfred Hitchcock)

Drehbuch: Ernest Lehman

LV: Victor Canning: The rainbird pattern, 1972 (später “Family plot”; „Auf der Spur“)

Mrs. Rainbird verspricht dem Medium Blanche 10.000 Dollar, wenn sie ihren vor Jahrzehnten verstossenen Neffen findet. Dieser finanziert inzwischen seinen Lebensunterhalt mit Entführungen und unterstellt Blanche und ihrem Freund George niedere Motive.

Was für ein Abgang: eine lockere Krimikomödie mit tiefschwarzem Humor.

Ernest Lehman: „Was Hitchcock wirklich an diesem Filmprojekt faszinierte, war die Idee von zwei getrennt ablaufenden unterschiedlichen Geschichten, die langsam zueinander finden und letztlich zu einer Geschichte werden. Ich ließ nicht locker, ihn darauf hinzuweisen, dass das Publikum nicht einen Film aufgrund seiner einzigartigen Struktur sehen will – es sei denn, Hitchcock plane, den Film als eine Art Dozent zu begleiten und ihn den Zuschauern zu erklären.“ – Mmh, da hat er Recht. „Family Plot“ (hübsch doppeldeutiger Titel) ist beim zweiten, dritten Sehen besser als beim Ersten. Und die Rückprojektionen sind schlecht wie immer.

Mit Karen Black, Bruce Dern, Barbara Harris, William Devane, Ed Lauter, Cathleen Nesbitt

Hinweise

Wikipedia über Victor Canning

Kaliber .38 über Victor Canning

Fanseite über Victor Canning

Rotten Tomatoes über „Familiengrab“

Wikipedia über „Familiengrab“ (deutsch, englisch) und Alfred Hitchcock (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 1“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 2“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 1“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 2“

Meine Besprechung von Alfred Hitchcocks „Mr. und Mrs. Smith“

Meine Besprechung von Thilo Wydras „Alfred Hitchcock“

Meine Besprechung von Robert V. Galluzzos “Psycho Legacy” (The Psycho Legacy, USA 2010 – eine sehenswerte Doku über die “Psycho”-Filme mit Anthony Perkins, mit vielen Stunden informativem Bonusmaterial)

Meine Besprechung von Stephen Rebellos “Hitchcock und die Geschichte von ‘Psycho’” (Alfred Hitchcock and the Making of ‘Psycho’, 1990)

Meine Besprechung von Sacha Gervasis Biopic “Hitchcock” (Hitchcock, USA 2012)

Meine Besprechung von Henry Keazors (Hrsg.) “Hitcock und die Künste” (2013)

Alfred Hitchcock in der Kriminalakte


„Die Hand Gottes“, ein toter Fußballer, eine tote Prostituierte und Scott Manson ist wieder auf Mördersuche

Juli 6, 2016

Scott Manson ist zurück und mit ihm der spannende Fußballkrimi, der auch Nicht-Fußball-Fans gefällt. Dieses Mal muss der Cheftrainer von London City den Mord an Bekim Develi aufklären. Der Stürmer brach während eines Champions-League-Spiels auf dem Spielfeld zusammen. Bis zur Obduktion dauert es, streikbedingt, allerdings noch einige Tage, in denen Scott Manson und seine Mannschaft in Griechenland festsitzen. Denn auch wenn Bekim einen Herzanfall gehabt haben könnte, wurde kurz nach dem Spiel im Wasser der Marina Zea in der Nähe von Piräus die Leiche einer unbekannten Schönheit gefunden, die den Stürmer am Abend vor dem Spiel in der abgeschiedenen Hotelanlage besuchte. Und dass sie ermordet wurde, daran zweifelt Chefinspektor Varouxis nicht. Ihr Mörder könnte ein Mitglied aus Scotts Mannschaft sein.

Deshalb darf Scott Manson wieder seine detektivischen Fähigkeiten einsetzen.

Dieses Mal in einem Land, in dem alles an die Dritte Welt (oder noch schlimmere Gegenden) erinnert, Fußballfans eine pöbelnde Horde sind, die im Stadion einen Bürgerkrieg inszenieren und die aus London kommende Fußballmannschaft (deren Spieler von dem ukrainischen Besitzer aus der halben Welt zusammengekauft wurden), trotz einiger interner Probleme (wie Homophobie, Rassismus, pubertärem Testosterongehabe, Aberglaube und religiösem Fanatismus), wie ein Hort der Anständigkeit wirkt.

Jedenfalls wenn man „Die Hand Gottes“ kurz nach dem Brexit-Referendum liest und die teils abstrusen Äußerungen von hochrangigen britischen Politikern über den Brexit, die glorreiche Zukunft des Landes und die Verhandlungen mit der Europäischen Union die Lektüre begleiten.

Vor diesen realen Ereignissen bekommen die zahlreichen abfälligen Bemerkungen der verschiedenen Charaktere und auch teilweise des Ich-Erzählers Scott Mason über die gegnerische Mannschaft, die Griechen und Griechenland einen unangenehm imperialistisch-chauvinistischen Beigeschmack. Die Lästereien der Engländer im Roman sind dann nicht mehr nur harmlose Lästereien und Aufputschreden an die Mannschaft, sondern mentale Überbleibsel einer Kolonialmacht, die immer noch an die Größe ihres schon lange vergangenen Reiches glaubt.

Ohne den Brexit – zu dem ich keine Äußerung von Philip Kerr fand, aber als Schotte war er 2014 bei dem Schottland-Referendum gegen die Unabhängigkeit Schottlands – als aktuellen und vom Autor nicht und nie geplantem Subtext seines im Original 2015 erschienenen Romans ist „Die Hand Gottes“ ein würdiger Nachfolger für „Der Wintertransfer“, der zu den wenigen, sehr wenigen gelungenen Fußballkrimis gehört. Der Mord, der Täter und die Lösung sind untrennbar mit der Welt des Fußballs verbunden und Philip Kerr wirft mit Informationen darüber um sich; dieses Mal vor allem über die ökonomischen Hintergründe der zahllosen Spielertransfers.

Scott Mason, der ja eigentlich ein Fußballtrainer ist, macht als Amateurdetektiv wieder eine gute Figur. Auch dank seines gut gefüllten Geldbeutels gestaltet sich seine Ermittlung hier so professionell, dass man schon glaubt, er strebe eine Karriere als Privatdetektiv an.

Die Hand Gottes“ ist ein gut konstruierter Rätselkrimi mit einer überschaubaren Zahl Verdächtiger, bei dem der schwarzhumorig-lakonische Hardboiled-Tonfall und die gut in die Handlung eingewobenen, satirisch überspitzten Informationen über Fußball und Griechenland gefallen.

Ende Oktober erscheint „Die falsche Neun“, der dritte Scott-Mason-Roman. Dann sucht er einen verschwundenen Fußballspieler.

Im November besucht Philip Kerr Österreich und Deutschland.

Kerr - Die Hand Gottes - 2

Philip Kerr: Die Hand Gottes

(übersetzt von Hannes Meyer)

Tropen, 2016

400 Seiten

14,95 Euro

Originalausgabe

Hand of God

Head of Zeus, London, 2015

Hinweise
Homepage von Philip Kerr
Krimi-Couch über Philip Kerr
Wikipedia über Philip Kerr (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Philip Kerrs „Der Wintertransfer“ (January Window, 2014)


TV-Tipp für den 6. Juli: Der zerrissene Vorhang

Juli 5, 2016

3sat, 22.55

Der zerrissene Vorhang (USA 1966, Regie: Alfred Hitchcock)

Drehbuch: Brian Moore, Keith Waterhouse (ungenannt), Willis Hall (ungenannt)

Ein Physiker läuft in den Osten über. Allerdings nicht, um sein Land zu verraten, sondern um von einem Ost-Kollegen wichtige Informationen zu erhalten.

In den Sechzigern drehte Hitchcock zwei Spionagefilme. Doch „Der zerrissene Vorhang“ und „Topas“ zählen zu seinen schwächsten Werken: zu viele Charaktere, eine zu lahme Geschichte, einfach zu wenig Hitchcock und zu viel von einem starbesetzten Spionagefilm, für Menschen, die Filme gerne mit einer Flipchart ansehen.

Aus heutiger Sicht bietet „Der zerrissene Vorhang“ immerhin einige bekannte deutsche Schauspieler in einem Hitchcock-Film und einen hübschen Mord. Das ist für zwei Stunden aber zu wenig.

Brian Moore schrieb später unter anderem „Hetzjagd“, „Die Farbe des Blutes“ und „Es gibt kein anderes Leben“.

Mit Paul Newman, Julie Andrews, Lila Kedrova, Hansjörg Felmy, Wolfgang Kieling, Günther Strack

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Der zerrissene Vorhang“

Wikipedia über „Der zerrissene Vorhang“ (deutsch, englisch)

Wikipedia über Brian Moore

Alfred Hitchcock redet mit Francois Truffaut über “Der zerrissene Vorhang”

Senses of Cinema über Alfred Hitchcock

Kriminalakte über Paul Newman

Wikipedia über Alfred Hitchcock (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 1“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 2“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 1“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 2″

Meine Besprechung von Alfred Hitchcocks „Mr. und Mrs. Smith“

Meine Besprechung von Thily Wydras “Alfred Hitchcock”

Alfred Hitchcock in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Robert Blochs “Psycho” (Psycho, 1959)

Meine Besprechung von Robert V. Galluzzos “Psycho Legacy” (The Psycho Legacy, USA 2010 – eine sehenswerte Doku über die “Psycho”-Filme mit Anthony Perkins, mit vielen Stunden informativem Bonusmaterial)

Meine Besprechung von Stephen Rebellos “Hitchcock und die Geschichte von ‘Psycho’” (Alfred Hitchcock and the Making of ‘Psycho’, 1990)

Meine Besprechung von Sacha Gervasis auf Stephen Rebellos Buch basierendem Biopic “Hitchcock” (Hitchcock, USA 2012)


Cover der Woche

Juli 5, 2016

Mosley - Teufel in Blau


TV-Tipp für den 5. Juli: Marnie

Juli 5, 2016

3sat, 22.30

Marnie (USA 1964, Regie: Alfred Hitchcock)

Drehbuch: Jay Presson Allan

LV: Winston Graham: Marnie, 1961 (Marnie)

Ein Verleger verknallt sich in eine Kleptomanin.

„Marnie“ ist – nach mehreren Klassikern – ein schwacher Hitchcock, der von der damaligen Kritik ziemlich verrissen wurde. Sean Connery bewies allerdings schon zu Bond-Zeiten seine Lust auf ungewöhnliche Rollen: der Geheimagent ihrer Majestät als Weichei.

„Marnie ist Hitchcocks Phantasie über das kleine Kind in der Frau und über den Züchtigungswahn der Männer. Auch ein Experiment damit, wie sehr das Freudsche Sozialisierungsmodell taugt für den Rahmen eines Suspense-Thrillers, in dem es anscheinend nur um die Auflösung kindlicher Traumata geht (die zu Verwirrung bei Rot/Weiß-Wahrnehmungen, zu Alpträumen bei nächtlichen Klopfgeräuschen, zu Angstzuständen bei Gewittern führen). Im Grunde aber handelt der Film von den Stadien eines permanenten Schocks auf der einen Seite, die in ständige Transfers in andere Identitäten münden, und von der systematischen Manipulation einer Abhängigen, mal mit Gewalt, mal mit sadistischer Verzögerung zelebriert.“ (Norbert Grob in Lars-Olav Beier/Georg Seeßlen [Hrsg.]: Alfred Hitchcock, 1999)

Mit Sean Connery, Tippi Hedren, Diane Baker, Martin Gabel, Bruce Dern

Wiederholung: Mittwoch, 6. Juli, 01.35 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Marnie“

TCM über „Marnie“

Wikipedia über „Marnie“ (deutsch, englisch)

Winston Graham and Poldark Literary Society

Telegraph: Nachruf auf Winston Graham

Turner Classic Movies über „Marnie“

Tony Lee Moral: Hitchcock and the Making of „Marnie“, Manchester University Press 2002 (via Google Buchsuche)

Wikipedia über Alfred Hitchcock (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 1“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 2“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 1“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 2″

Meine Besprechung von Alfred Hitchcocks „Mr. und Mrs. Smith“

Meine Besprechung von Thily Wydras “Alfred Hitchcock”

Alfred Hitchcock in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Robert Blochs “Psycho” (Psycho, 1959)

Meine Besprechung von Robert V. Galluzzos “Psycho Legacy” (The Psycho Legacy, USA 2010 – eine sehenswerte Doku über die “Psycho”-Filme mit Anthony Perkins, mit vielen Stunden informativem Bonusmaterial)

Meine Besprechung von Stephen Rebellos “Hitchcock und die Geschichte von ‘Psycho’” (Alfred Hitchcock and the Making of ‘Psycho’, 1990)

Meine Besprechung von Sacha Gervasis auf Stephen Rebellos Buch basierendem Biopic “Hitchcock” (Hitchcock, USA 2012)


TV-Tipp für den 4. Juli: Jack Taylor: Der Ex-Bulle

Juli 4, 2016

ZDFneo, 23.15

Jack Taylor: Der Ex-Bulle (Irland 2010, Regie: Stewart Orme)

Drehbuch: Tom Collins, Anne McCabe, Ralph Christians

LV: Ken Bruen: The Guards, 2001 (Jack Taylor fliegt raus)

Galway, Irland: Nachdem Jack Taylor wegen eines gezielten Fausthiebs aus der Polizei fliegt, beginnt er als Detektiv zu arbeiten. Obwohl es in Irland keine Privatdetektive gibt. Jetzt soll er Anne Hendersons verschwundene Tochter suchen – und er wühlt dabei, wenn er nicht gerade trinkt oder zusammengeschlagen wird – ziemlich viel Schmutz auf.

Jack Taylor ist der bekannteste Charakter von Noir-Autor Ken Bruen. Die grandiosen Bücher bestechen vor allem durch Ken Bruens lyrische Sprache, die sich kaum übersetzen lässt. Die Plots sind dagegen eher krude und nebensächlich. Immerhin ist Taylor der erfolgloseste Privatdetektiv, den es gibt und er löst seine Fälle eher zufällig und trotz seiner Ermittlungen.

„The Guards“ war für den Edgar- und Macavity-Preis nominiert und erhielt den Shamus-Preis als bester Roman.

Der erste Jack-Taylor-Film bietet zwar etliche Jack-Taylor-Weisheiten, die bekannten Privatdetektiv-Klischees (die im Buch nicht so sehr auffallen) und ist insgesamt eher fahrig inszeniert. Also eine durchaus zwiespältige Angelegenheit, die nicht die Qualität der Vorlage erreicht, aber mit Iain Glen einen überzeugend kaputten Jack Taylor hat.

Mit Iain Glen, Nora-Jane Noone, Ralph Brown, Tara Breathnach, Frank O’Sullivan

Hinweise

Homepage zur TV-Serie

ZDF über Jack Taylor (und, unschöner, hier)

Wikipedia über die Jack-Taylor-Filme

Thrilling Detective über Jack Taylor

Deutschsprachige Ken-Bruen-Seite (Atrium-Verlag)

Homepage von Ken Bruen

Meine Besprechung von Ken Bruens „Füchsin“ (Vixen, 2003)

Meine Besprechung von Ken Bruens „Kaliber“ (Calibre, 2006)

Meine Besprechung von Ken Bruens Jack-Taylor-Privatdetektivromanen

Meine Besprechung von Ken Bruens „Jack Taylor fliegt raus“ (The Guards, 2001)

Meine Besprechung von Ken Bruens “Jack Taylor liegt falsch” (The Killing of the Tinkers, 2002)

Meine Besprechung von Ken Bruens „Sanctuary“ (2008)

Meine Besprechung von Ken Bruen/Jason Starrs „Flop“ (Bust, 2006)

Meine Besprechung von Ken Bruen/Jason Starrs „Crack“ (Slide, 2007)

Meine Besprechung von Ken Bruen/Jason Starrs „Attica“ (The MAX, 2008)

Mein Porträt von Ken Bruen und Jason Starr in „Alligatorpapiere [Print] – Magazin für Kriminalliteratur – No. 2/2010“

Meine Besprechung von Ken Bruen/Reed Farrel Colemans “Tower” (Tower, 2009)

Meine Besprechung von Ken Bruens „Kaliber“ (Calibre, 2006)

Meine Besprechung von William Monahans Ken-Bruen-Verfilmung “London Boulevard” (London Boulevard, USA/GB 2010)

Meine Besprechung der TV-Serie “Jack Taylor” (Irland 2010/2011/2013 – basierend auf den Romanen von Ken Bruen)

Ken Bruen in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 3. Juli: Cocktail für eine Leiche/Verdacht

Juli 2, 2016

Heute startet 3sat eine Alfred-Hitchcock-Woche mit „Cocktail für eine Leiche“ und „Verdacht“. Weiter geht es mit „Marnie“ (Dienstag, 5. Juli, 22.30 Uhr), „Der zerrissene Vorhang“ (Mittwoch, 6. Juli, 22.55 Uhr), „Familiengrab“ (Donnerstag, 7. Juli, 23.05 Uhr), „Topas“ (Freitag, 8. Juli, 20.15) und „Frenzy“ (Freitag, 8. Juli, 22.15).

3sat, 22.10

Cocktail für eine Leiche (USA 1948, Regie: Alfred Hitchcock)

Drehbuch: Arthur Laurents, Hume Cronyn

LV: Patrick Hamilton: The Rope, Rope’s End, 1929 (Theaterstück)

Zwei Studenten bringen, um ihre Überlegenheit zu demonstrieren, einen Mitstudenten um und feiern eine Party – mit dem Toten in einer für alle sichtbaren Truhe.

Hamiltons Stück basiert locker auf dem Fall Leopold/Loeb, bei dem 1924 zwei Studenten grundlos einen Mitstudenten umbrachten. Hitchcock faszinierte neben der moralischen Frage bei „Cocktail für eine Leiche“ ein technischer Aspekt: er drehte den Film in Echtzeit (von 19.30 Uhr bis 21.15 Uhr; beim Essen wird etwas geschummelt) ohne einen sichtbaren Schnitt. Das gelang Hitchcock, indem er immer am Ende einer Filmspule auf einen Gegenstand (wie die Truhe oder ein Jackett) fuhr und bei der nächsten Spule genau dort fortfuhr. In den dazwischen liegenden zehn Minuten gibt es nie einen Schnitt. Die Schauspieler mussten ihre Texte genau kennen, die Kamera bewegte sich durch den Raum und Gegenstände wurden hin und her bewegt. Und im Hintergrund verdunkelte sich die Skyline.

Damals wurde das Experiment verrissen und auch Hitchcock sagte später, die Idee sei idiotisch und gegen alle seine Prinzipien. Heute genießen wir den Film einfach als verdammt gute Verfilmung eines Theaterstücks mit guten Schauspielern, die gute Dialoge sprechen dürfen.

Mit James Stewart, John Dall, Farley Granger, Sir Cedric Hardwicke

Wiederholung: Dienstag, 5. Juli, 01.30 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Cocktail für eine Leiche“

Wikipedia über „Cocktail für eine Leiche“ (deutsch, englisch)

3sat, 23.30

Verdacht (USA 1941, Regie: Alfred Hitchcock)

Drehbuch: Samson Raphaelson, Joan Harrison, Alma Reville

LV: Francis Iles (Pseudonym von Anthony Berkeley): Before the fact, 1932 (Vor der Tat)

Hals über Kopf verknallt sich die schüchterne, vermögende Lina McLaidlaw in den Playboy Johnny Aysgarth. Nach ihrer Heirat erfährt sie, dass ihr Mann ein Spieler ist und dringend Geld braucht. Deshalb glaubt sie, dass er sie umbringen will.

Klassiker.

Zur Einordnung: Das ist der Hitchcock, in dem Grant mit einem Glas Milch auf einem Tablett eine Treppe hochgeht.

“Durchaus spannend, aber auch humorvoll, ist ‘Verdacht’ eine Kriminalgeschichte ohne ein Verbrechen.” (Meinolf Zurhorst: Lexikon des Kriminalfilms)

mit Joan Fontaine, Cary Grant, Sir Cedric Hardwicke, Nigel Bruce

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Verdacht“

Wikipedia über „Verdacht“ (deutsch, englisch)

Wikipedia über Alfred Hitchcock (deutsch, englisch)

Senses of Cinema (Ken Mogg) über Alfred Hitchcock

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 1“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 2“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 1“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 2

Meine Besprechung von Alfred Hitchcocks “Mr. und Mrs. Smith” (Mr. and Mrs. Smith, USA 1941)

Meine Besprechung von Thilo Wydras “Alfred Hitchcock”

Alfred Hitchcock in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Robert Blochs “Psycho” (Psycho, 1959)

Meine Besprechung von Robert V. Galluzzos “Psycho Legacy” (The Psycho Legacy, USA 2010 – eine sehenswerte Doku über die “Psycho”-Filme mit Anthony Perkins, mit vielen Stunden informativem Bonusmaterial)

Meine Besprechung von Stephen Rebellos “Hitchcock und die Geschichte von ‘Psycho’” (Alfred Hitchcock and the Making of ‘Psycho’, 1990)

Meine Besprechung von Sacha Gervasis auf Stephen Rebellos Buch basierendem Biopic “Hitchcock” (Hitchcock, USA 2012)


TV-Tipp für den 2. Juli: The Place beyond the Pines

Juli 2, 2016

RTL, 00.35

The Place beyond the Pines (The Place beyond the Pines, USA 2012)

Regie: Derek Cianfrance

Drehbuch: Derek Cianfrance, Ben Coccio, Darius Marder

Musik: Mike Patton

Es beginnt mit dem Motorradstuntfahrer Luke, der Banken ausraubt, um seine Familie zu unterstützen. Eines Tages begegnet er einem jungen Polizisten.

Der immer noch neueste Film von „Blue Valentine“-Regisseur Derek Cianfrance ist eine Zusammenstellung von drei stilistisch sehr unterschiedlichen Kurzfilmen, die zwei Familiengeschichten eher lose und die Frage, wie sehr sich bestimmte Eigenschaften von den Vätern auf ihre Söhne vererben, ziemlich konsequent, aber auch etwas eindimensional in fast schon gewollt miteinander verknüpften Geschichten thematisiert.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

Ach ja: Ist eine TV-Premiere zu einer doofen Uhrzeit, aber nach dem Fußballspiel.

mit Ryan Gosling, Bradley Cooper, Eva Mendes, Mahershalalhashbaz Ali, Ben Mendelsohn, Dane DeHaan, Emory Cohen, Ray Liotta, Rose Byrne, Bruce Greenwood, Harris Yulin

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „The Place beyond the Pines“

Metacritic über „The Place beyond the Pines“

Rotten Tomatoes über „The Place beyond the Pines“

Wikipedia über „The Place beyond the Pines“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Derek Cianfrances „The Place beyond Pines“ (The Place beyond the Pines, USA 2012)


Neu im Kino/Filmkritik: Der Wuxia-Film „The Assassin“

Juli 1, 2016

Wer sich nach dem Trailer auf einen asiatischen Martial-Arts-Film freut, der mit bildgewaltigen Kämpfen beeindruckt, der sollte sich beispielsweise noch einmal „Hero“ ansehen. Denn viel mehr Action als man im Trailer sieht, gibt es in dem gut zweistündigen Film nicht. Dafür gibt es in „The Assassin“ schöne und schön komponierte statische Einstellungen, die einem den Film wie ein Theaterstück genießen lassen. Ein Theaterstück, in dem die Schauspieler sich kaum bewegen und die Geschichte des in China in der Mitte des neunten Jahrhunderts spielendem Film fast nie greifbar wird.

Als Kind wurde Nie Yin-Niang ins Exil geschickt und von einer taoistischen Nonne zu einer Attentäterin ausgebildet.

Jetzt, dreizehn Jahre später, erhält Nie Yin-Niang den Befehl Tian Jian, den Gouverneur der größten militärischen Provinz in Nordchina, zu töten. Er ist ihr Cousin und sie war ihm als Kind als Ehefrau versprochen worden.

Nie Yin-Niang beginnt an ihrem Auftrag zu zweifeln. Auch weil, wenn sie ihren Auftrag erfüllt (was für sie kein Problem wäre), sie mit ihrer Tat die Provinz Weibo in ein Chaos stürzen würde. Denn Tian Jians Nachfolger wäre sein minderjähriger Sohn und seine machtbesessene und intrigante Frau.

Die Beziehungen und Intrigen sind in „The Assassin“ verwickelt wie in einem Shakespeare-Drama. Aber da redeten die Leute. Hier wird eher geschwiegen oder in Andeutungen gesprochen, die für uns eher unverständlich sind. In jeder Szene ist spürbar, dass Hou Hsiao-Hsien mit und in den Codes seiner Heimat, der dortigen Art des Geschichten erzählens und der dort vertrauten Zeichen arbeitet, ohne, wie andere asiatische Regisseure, eine Brücke in den Westen zu schlagen. Für uns vergrößert das die Distanz zum Geschehen noch weiter. Es ist, als ob man ein Baseball-Spiel beobachtet, ohne die Regeln zu kennen.

The Assassin“ ist ein Film der Kontemplation, der Ruhe, des Versinkens im Dekor und der Landschaft, aber kein Film für Menschen, die unterhalten werden wollen.

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The Assassin (The Assassin, Taiwan/China/Hongkong/Frankreich 2015)

Regie: Hou Hsiao-Hsien

Drehbuch: Hou Hsiao-Hsien, Chu Tien-Wen, Hsieh Hai-Meng, Zhong Acheng

mit Shu Qi, Chang Chen, Zhou Yun, Tsunambuki Satoshi, Juan Ching-Tian, Hsieh Hsin-Ying, Sheu Fang-Yi

Länge: 105 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „The Assassin“

Metacritic über „The Assassin“

Rotten Tomatoes über „The Assassin“

Wikipedia über „The Assassin“


TV-Tipp für den 1. Juli: Scarface – Toni, das Narbengesicht

Juli 1, 2016

BR, 23.15

Scarface – Toni, das Narbengesicht (USA 1983, Regie: Brian de Palma)

Drehbuch: Oliver Stone

LV: Armitage Trail: Scarface, 1930 (Scarface)

Buch zum Film: Paul Monette: Scarface, 1983 (Scarface – Der Mann mit der Narbe)

De Palma aktualisierte „Scarface“, die Geschichte vom Aufstieg und Fall eines Gangsters, und schuf ein packendes Sittengemälde des Verbrechens in Florida in den frühen Achtzigern.

Damals wurde die Sprache („Fuck“) und die Brutalität kritisiert. Heute wäre es die grauenhafte, altmodische Disco-Musik von Giorgio Moroder. Ansonsten ist „Scarface“ in der ungekürzten Fassung inzwischen einer der Klassiker des Gangsterfilms.

Mit Al Pacino, Michelle Pfeiffer, Mary Elizabeth Mastrantonio, Robert Loggia, F. Murray Abraham

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Scarface“

Wikipedia über „Scarface“ (deutsch, englisch)

Movie Addiction über “Scarface”

New York Times: Vincent Canby: Besprechung von “Scarface” (9. Dezember 1983)

Roger Ebert über “Scarface” (9. Dezember 1983, 28. September 2003)

Angel Fire: Brian-de-Palma-Fanseite über “Scarface”

Schnittberichte: Vergleich der FSK-16-Fassung (ein trauriger Torso) mit der Kinoversion

Meine Besprechung von Christian De Metter/Armitage Trails „Scarface“ (Scarface, 2011) (Comic, der auf Armitage Trails Roman basiert)