Neu im Kino/Filmkritik: Siegfried Lenz lässt eine „Deutschstunde“ erteilen von Lehrer Christian Schwochow

Oktober 4, 2019

Die Freuden der Pflicht“ schreibt der Deutschlehrer Mitte der fünfziger Jahre an die Tafel der Besserungsanstalt für schwer erziehbare Jugendliche. Siggi Jepsen ist zunächst ratlos. In seinem Zimmer beginnt er dann allerdings zu schreiben.

Er (Tom Gronau, als Kind Levi Eisenblätter)erzählt von seinem Vater Jens Ole Jepsen (Ulrich Noethen). Er war 1943 der Polizeiposten in Rugbül im nördlichsten Norden von Schleswig-Holstein. Während der Nazi-Diktatur tat er pflichtbewusst seinen Dienst. Auch das Bilderverbot der Nazis bei dem Landschaftsmaler Max Ludwig Nansen (Tobias Moretti) setzt er rigoros durch. Das erstaunt den damals elfjährigen Jepsen, weil Nansen und Jens Ole Jepsen sich seit ihrer Kindheit kennen und Nansen sein Patenonkel ist. Aber diese langjährige und tiefe Freundschaft hindert Jens Ole Jepsen nicht daran, das Bilderverbot mit aller Macht durchzusetzen. Es ist ein Befehl, der befolgt werden muss. Dafür instrumentalisiert er sogar seinen Sohn, der ihm bei der Überwachung des Malers helfen soll.

Umgekehrt versucht Nansen Jepsen für seine Belange zu instrumentalisieren. Denn als wahrer Künstler kann er nicht aufhören zu malen.

In seiner Lebensbeichte versucht Jepsen, der als Kind zwischen die beiden kompromisslosen Männer geriet, herauszufinden, welche Folgen Pflichtbewusstsein haben kann. Dabei ist sein Vater ein braver, folgsamer Beamter und kein offensichtlicher Nazi.

Siegfried Lenz erzählte Jepsens Lebensgeschichte als Ich-Erzählung in seinem Roman „Deutschstunde“. Das 1968 erschienene Buch wurde ein Bestseller, der für Diskussionen sorgte, immer noch Schullektüre ist (so heißt es), bereits 1971 von Peter Beauvais als TV-Zweiteiler verfilmt, in den vergangenen 51 Jahren immer wieder neu aufgelegt und jetzt von Christian Schwochow für die große Leinwand verfilmt wurde.

Nicht wirklich schlecht, aber auch nicht besonders überzeugend.

Das beginnt schon mit dem Bildformat, das mich von seinem Format, vor allem bei den breitwandgeeigneten Landschaftsaufnahmen, ständig an den kleinen TV-Bildschirm erinnerte. Außerdem sind die Bilder für meinen Geschmack durchgängig zu dunkel. Anstatt dem Minenspiel der Schauspieler, sieht man Silhouetten. Teils in dunklen Räumen, teils vor fotogener Nordseelandschaft.

Noch problematischer sind die Entscheidung von Schwochow und seiner Drehbuchautorin Heide Schwochow Lenz‘ Roman noch abstrakter und exemplarischer zu gestalten. So gibt es im Film noch weniger Zeichen als im Roman, die die Handlung zu einer bestimmten Zeit verorten. Es sind, abgesehen von einem Briefkopf, keine offensichtlichen Symbole der Nazi-Diktatur zu sehen. Das Kriegsende und die Zeit danach erahnt man aus der Handlung. Aber insgesamt scheint sich das Leben der Menschen in Rugbül während der Nazi-Diktatur und im Zweiten Weltkrieg nicht von der Nachkriegszeit zu unterscheiden. Die im Bild immer präsente Landschaft verändert sich ja auch nicht durch die Regierungsform.

Gleichzeitig werden im Film wichtige Informationen über das Verhältnis der Personen viel zu spät geliefert. Erst nach über einer halben Stunde erfährt man im Film, dass Jens Ole Jepsen und Max Ludwig Nansen fast seit ihrer Geburt Freunde sind, dass sie die gleiche Frau umwarben und dass Nansen der Onkel des Erzählers ist. Bis dahin begegnen der Polizist und der Maler sich so nordisch unterkühlt und schweigsam, dass es auch möglich wäre, dass Nansen erst vor zwei Wochen in das Dorf gezogen ist.

Diese Schweigsamkeit ist ein weiteres Problem des Films. Weil wir ihre Gedanken nicht lesen können, sehen wir nur schweigsame Männer, die sich anschweigen. Im Roman wird dieses Schweigen von dem Ich-Erzähler Jepsen erklärt. Im Film hätte ein Voice-Over das glänzend erledigen und auch den Zuschauer positionieren können. Wer wissen will, wie ein Voice-Over einen Film bereichern kann, muss sich nur einen Martin-Scorsese-Film ansehen. Zum Beispiel „GoodFellas“.

Deutschstunde“ ist gediegenes, aber nicht in Erinnerung bleibendes Bildungsbürgerkino.

So reiht sich Schwochows Verfilmung in die, laut IMDB, vorherigen 28 Siegfried-Lenz-Verfilmungen ein, an die sich heute kaum noch jemand erinnert.

P. S.: Weil überall darüber gesprochen wird als sei es ein bedeutsamer Punkt für die Interpretation: Emil Nolde war das Vorbild für Max Ludwig Nansen. Aber schon in Lenz‘ Roman ist Nansen nicht Nolde und im Film noch weniger. Nansen ist eine literarische Figur. „Deutschstunde“ ist kein Schlüsselroman. Jedenfalls nicht in Bezug auf Nolde.

Deutschstunde (Deutschland 2019)

Regie: Christian Schwochow

Drehbuch: Heide Schwochow

LV: Siegfried Lenz: Deutschstunde, 1968

mit Ulrich Noethen, Tobias Moretti, Levi Eisenblätter, Johanna Wokalek, Sonja Richter, Maria Dragus, Tom Gronau, Louis Hofmann

Länge: 125 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage

(die beiden aktuellsten Ausgaben sind)

Siegfried Lenz: Deutschstunde (Filmausgabe)

Atlantik, 2019

592 Seiten

12 Euro

Siegfried Lenz: Deutschstunde (Jubiläumsausgabe, mit einer Zeittafel über Siegfried Lenz)

Hoffmann und Campe, 2018

592 Seiten

25 Euro

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Deutschstunde“

Moviepilot über „Deutschstunde“

Wikipedia über „Deutschstunde“ (Film, Roman) und Siegfried Lenz

Hoffman und Campe über Siegfried Lenz

Offizielle deutsche Homepage von Siegfried Lenz


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Über John Crowleys Donna-Tartt-Verfilmung „Der Distelfink“

September 28, 2019

Donna Tartts Roman „Der Distelfink“ und John Crowleys gleichnamige Verfilmung beginnen beide in Amsterdam. Der Endzwanziger Theo Decker ist in einem Hotelzimmer. Er ist verstört. Auf seinem Hemd ist etwas Blut, das er panisch versucht zu entfernen.

Er erinnert sich an seine Vergangenheit und, auch wenn Crowley Ansel Elgort immer wieder im Hotelzimmer zeigt, wird Theos Geschichte im Film fast genauso chronologisch gezeigt, wie sie im Buch erzählt wird.

Dabei wirkt der Film wie die Readers-Digest-Version des tausendseitigen Romans.

Und das ist keine gute Sache. Während Crowley uns durch Theos Geschichte von seinem dreizehnten Lebensjahr, als er bei einen Terroranschlag in einem New Yorker Museum seine Mutter verliert, bis, vierzehn Jahre später, zu dem Zimmer in Amsterdam führt, findet sich nie ein thematischer Fokus. Stattdessen wird von Thema zu Thema, von möglichem erzählerischem Bogen zu möglichem erzählerischem Bogen gesprungen. So kommt Theo nach dem Attentat bei der vermögenden Familie Balfour unter, er lernt den Restaurator Hobie kennen, Theos spurlos verschwundener Vater taucht auf und nimmt ihn mit nach Las Vegas, er befreundet sich mit dem drogensüchtigen Slacker-Klassenkameraden Boris, wird selbst eifriger Drogenkonsument, nach einem Autounfall seines Vaters flüchtet Theo zurück nach New York, acht Jahre später ist er Hobies Geschäftspartner, steht kurz vor einer Hochzeit, hat wegen halbseidener Geschäfte Ärger mit einem Kunden, trifft Boris wieder und gemeinsam fahren sie nach Amsterdam. Im Buch und im Film folgt ein Ereignis einfach auf das nächste. Erklärungen gibt es kaum. So taucht irgendwann Theos spurlos verschwundener Vater auf und er nimmt Theo freiwillig und ohne irgendeinen erkennbaren Grund, unter seine Obhut. Danach, in Las Vegas, kümmert er sich dann nicht weiter um Theo.

Wenn man ein erzählerisches Prinzip in Theos Rückschau auf sein Leben erkennt, dann, dass fast alles Zufall ist und er passiv von einer Situation in die nächste stolpert. Wobei Theo selbst am Anfang seiner Lebensbeichte sagt: Meine Mutter „starb, als ich klein war, und obwohl ich an allem, was mir seitdem passiert ist, zu hundert Prozent selbst schuld bin, verlor ich doch mit ihr den Blick für jede Art von Orientierungspunkt, der mir den Weg zu einem glücklicheren Ort hätte zeigen können, hinein in ein erfüllteres oder zuträglicheres Leben.“

Das titelgebende Gemälde „Der Distelfink“ von Carel Fabritius, das Theo nach dem Terroranschlag, über den wir nichts genaues erfahren, im Museum einsteckt und danach, immer hübsch verpackt, von einem Ort zum nächsten schleppt, wird erst am Ende wichtig. In einem Roman oder eine TV-Serie funktioniert diese Offenheit, dieses Präsentieren von Episoden und Erzählsträngen, die nicht notwendigerweise miteinander verbunden sind, besser als in einem Film.

Das wissen auch Drehbuchautor Peter Straughan und Regisseur John Crowley. Crowley inszenierte vorher die sehr feinfühlige, präzise an ein zwei Orten und einer Zeit lokalisierte Einwanderergeschichte „Brooklyn“. Hier beschränkt er sich auf das Bebildern des Romans, den Drehbuchautor Straughan brav zusammenfasste. Straughan schrieb die Bücher für „Männer, die auf Ziegen starren“, „Eine offene Rechnung“, „Dame, König, As, Spion“ und „Frank“. Das sind teilweise sehr komplexe Geschichte, die er grandios verdichte oder gleich selbst eine Geschichte aus dem zugrunde liegendem Material herausdestillierte. In „Der Distelfink“ ist dagegen nie eine eigene Haltung oder ein eigener Zugriff auf die Geschichte erkennbar. Er nimmt einfach das Buch und macht aus zehn Buchseiten eine Filmminute. Wenn möglich übernimmt er dabei wortwörtlich die Dialoge aus dem Roman. Manchmal lässt er auch eine Figur und ein Episödchen weg. Bei einem Thriller, wie denen von Stieg Larsson, funktioniert das gut: die Story bleibt, etwas Hintergrund auch, und die überflüssigen Teile werden weggelassen. Bei „Der Distelfink“ funktioniert das Zusammenkürzen auf die reine Handlung nicht, weil bei solchen literarischen Romanen die Handlung nicht unbedingt das Wichtigste ist. Trotzdem dürften die zahlreichen Leser des Romans erfreut sein, dass sie in jeder Filmminute den Roman wieder erkennen.

Die Ausstattung ist stimmig, aber auch durchgehend zeitlos. In New York wohnt Theo immer in Wohnungen, die mit alten Möbeln und Gegenständen vollgestellt sind. In Las Vegas lebt er in einem Haus in einer austauschbaren, unbewohnten Vorortsiedlung, die irgendwann in den letzten fünfzig Jahren errichtet wurde. Gegenstände, die den Film eindeutig in einer bestimmten Zeit verorten, fehlen. Roger Deakins, der für „Blade Runner 2049“ den nach dreizehn Nominierungen schon lange überfälligen Kamera-Oscar erhielt, übernahm die Kamera. Die Besetzung ist hochkarätig. Ansel Elgort, Nicole Kidman (unterfordert und als ältere Mrs. Barbour mit einer gruselig-lieblosen, an Saturday Night Life erinnernden Maske), Jeffrey Wright, Luke Wilson und Sarah Paulson sind dabei.

Aber das kann man bei der prestigeträchtigen Verfilmung eines weltweiten Bestsellers erwarten. Tartts Roman wurde mit Kritikerlob überschüttet und mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Dabei ist „Der Distelfink“ von der erzählerischen Komplexität eher ein besonders dickes Jugendbuch, das seine Leser niemals überfordern will. Entsprechend flott lassen sich die tausend Seiten lesen.

Am Ende begeistert nichts an Crowleys buchstabengetreuer Donna-Tartt-Verfilmung.

Der Distelfink (The Goldfinch, USA 2019)

Regie: John Crowley

Drehbuch: Peter Straughan

LV: Donna Tartt: The Goldfinch, 2013 (Der Distelfink)

mit Oakes Fegley, Ansel Elgort, Nicole Kidman, Jeffrey Wright, Luke Wilson, Sarah Paulson, Willa Fitzgerald, Aneurin Barnard, Finn Wolfhard, Ashleigh Cummings, Aimée Lawrence, Robert Joy, Boyd Gaines, Hailey Wist, Ryan Foust, Denis O’Hare

Länge: 150 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage

Donna Tartt: Der Distelfink

(übersetzt von Rainer Schmidt und Kristian Lutze)

Goldmann, 2015

1024 Seiten

12,99 Euro

Deutsche Erstausgabe/Gebundene Ausgabe

Goldmann, 2013

Originalausgabe

The Goldfinch

Littel, Brown and Company, New York, 2013

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Der Distelfink“

Metacritic über „Der Distelfink“

Rotten Tomatoes über „Der Distelfink“

Wikipedia über „Der Distelfink“ (deutsch, englisch) und Donna Tartt (deutsch, englisch)

Goldmann über Donna Tartt

Perlentaucher über „Der Distelfink“

Meine Besprechung von John Crowleys „Brooklyn – Eine Liebe zwischen zwei Welten“ (Brooklyn, Irland/Großbritannien/Kanada 2015)

Das TIFF-Q&A


Garry Disher verbreitet „Kaltes Licht“

September 25, 2019

Alan Auhl heißt Garry Dishers neuer Ermittler. Er ist ein Polizist, der nach einer fünfjährigen Pause, in der er seinen Ruhestand genoss, wieder in den Polizeidienst zurückkehrte. Jetzt spotten seine Kollegen etwas über den alten Sack und, wie es sich für einen alten Sack gehört, ermittelt er in der Cold-Case-Unit.

Das neueste alte Verbrechen der Einheit wird am Anfang von „Kaltes Licht“ entdeckt: unter einer Betonplatte auf der Blackberry Hill Farm die südöstlich von Melbourne bei Pearcedale liegt, lag seit Jahren eine Skelett. Während Auhl und seine Kollegen noch ermitteln, seit wann es die Betonplatte gibt, ob auf ihr jemals ein Gebäude stand, wer wann in dem sich auf dem gleichen Grundstück, direkt neben der Betonplatte befindendem Haus wohnte und wer der Ermordete sein könnte, lernen wir Auhl und seine anderen Fälle besser kennen. Schließlich bearbeitet ein Polizist nicht nur einen Fall.

Aktuell interessiert Auhl sich vor allem für zwei weitere Fälle. Einmal der Unfalltod von John Elphick, der 2011 möglicherweise doch ermordet wurde, einmal die seltsame Häufung von Todesfällen bei den Ehefrauen von Dr. Alec Neill. Auhl glaubt, dass der Arzt seine Frauen ermordete. Jetzt wendet Neill sich an die Polizei, weil er glaubt, dass seine dritte Ehefrau ihn umbringen will.

Privat, soweit man hier von privat sprechen kann, ist Auhl in einen Sorgerechtsstreit verwickelt. Auhl besitzt in Carlton ein großes Haus. In seinem Chateau Auhl hat er viele Zimmer mehr oder weniger ordnungsgemäß vermietet an Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen ein Zimmer benötigen. Eine seiner Mieterinnen ist Neve Fanning. Sie möchte, dass ihrem cholerischem Ex-Mann das Sorgerecht für ihre gemeinsame Tochter Pia entzogen wird. Während Neve zutiefst verunsichert und traumatisiert ist, tritt Lloyd Fanning vor Gericht mit unerschütterlicher Arroganz und einem guten Anwalt auf.

Und Auhls neue Kollegin Claire Pascal erfährt, dass ihr Freund eine Affäre hat. Sie zieht aus der gemeinsamen Wohnung aus und im Chateau Auhl ein.

Unter Krimifans genießt Garry Disher seit Jahren einen ausgezeichneten Ruf. Er ist Dauergast auf der Krimibestenliste. Mehrmals erhielt er den australischen Krimipreis, den Ned Kelly Award, und den Deutschen Krimipreis. Außerdem verlieh ihm die Australian Crime Writers Association 2018 den unregelmäßig vergebenen Lifetime Achievement Award. Ebenfalls 2018 war „Kaltes Licht“ auf der Shortlist für ihren Ned Kelly Award.

Disher schreibt Einzelwerke, die nicht immer unbedingt Hardboiled-Krimis sind. Meistens allerdings schon. Er schreibt die inzwischen auf neun Bände angewachsene grandiose Serie um den Profieinbrecher Wyatt. Wyatt ist der australische Bruder von Richard Starks (aka Donald E. Westlake) Parker. Auf der anderen Seite des Gesetzes tummelt Disher sich mit seiner Serie um Inspector Hal Challis, die inzwischen auch auf sieben Bände angewachsen ist und auf Deutsch im Unionsverlag erscheint. Mit Constable Paul Hirschhausen, der in „Bitter Wash Road“ (ebenfalls Unionsverlag) seinen ersten Auftritt hatte, könnte er eine zweite Polizeiserie begonnen haben. Schließlich erscheint im November in Australien der zweite Hirschhausen-Roman.

Und „Kaltes Licht“ könnte der Beginn einer weiteren Polizeiserie sein. Denn am Ende des spannenden Romans gibt es einige lose Fäden und Auhl hat mindestens zwei moralisch höchst problematische Entscheidungen getroffen, die in der Zukunft sein Leben entscheidend verändern können.

Bis dahin ist „Kaltes Licht“ ein Roman, der souverän zwischen den verschiedenen Plots wechselt und sie mit einigen überraschenden Wendungen zu Ende führt. Es ist allerdings auch ein Roman, der sich kaum für den Hauptfall, die Leiche unter der Betonplatte, interessiert. Über weite Strecken interessiert Disher sich mehr für Auhls Privatleben und seine Untermieterin Neve Fanning. Da geht es dann mehr um das Verhältnis von Männern zu ihren Frauen (und umgekehrt), als um die Frage, wer der Mörder ist.

Garry Disher: Kaltes Licht

(übersetzt von Peter Torberg)

Unionsverlag, 2019

320 Seiten

22 Euro

Originalausgabe

Under the cold bright lights

The Text Publishing Company, Melbourne, 2017

Noch mehr Disher

Weil ich im Moment nicht weiß, wann ich zum Lesen von Garry Dishers neuem Wyatt-Roman „Hitze“, gibt es jetzt eine blinde Empfehlung des ebenfalls druckfrischen Werkes. Dieses Mal soll Profieinbrecher Wyatt aus dem Haus eines Pädophilen ein altes Gemälde stehlen. Auf den ersten Blick ein vielversprechender und einfacher One-Man-Job. Auf den zweiten Blick dürfte es für Wyatt viel Ärger und für uns viel Lesevergnügen geben.

In Australien erschien 2018 bereits der neunte Wyatt-Roman „Kill Shot“. Er war, wie „Hitze“, auf der Shortlist für den Ned Kelly Award.

Garry Disher: Hitze

(übersetzt von Ango Laina und Angelika Müller)

pulp master, 2019

288 Seiten

14,80 Euro

Originalausgabe

The Heat

The Text Publishing Company, Melbourne, 2015

Hinweise

Homepage von Garry Disher

Unionsverlag über Garry Disher

Wikipedia über Garry Disher (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Garry Dishers „Dirty Old Town“ (Wyatt, 2010)

Garry Disher in der Kriminalakte

 


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: „The Kitchen: Queens of Crime“ schlagen zu

September 19, 2019

New York in den Siebzigern. Das Hell’s Kitchen war noch nicht gentrifiziert. Der „Taxi Driver“ fuhr durch die von irischen Gangstern beherrschten Straßen. Einige von ihnen sind die Berufsverbrecher Jimmy Brennan, Kevin O’Carroll und Rob Walsh. Nachdem sie 1978 nach einem Überfall auf einen Schnapsladen verhaftet und zu längeren Haftstrafen verurteilt werden, stehen ihre Frauen Kathy Brennan (Melissa McCarthy), Ruby O’Carroll (Tiffany Haddish) und Claire Walsh (Elisabeth Moss) nicht vor dem Nichts. Immerhin erhalten sie als die Ehefrauen der Mob-Gangster, solange ihre Männer im Gefängnis sind, etwas Geld. Es sind Almosen, die sie ruhig stellen sollen. Zum Leben ist es zu wenig. Also übernehmen die drei Ehefrauen das Geschäft ihrer Männer: sie treiben die Schulden und das Schutzgeld selbst ein.

Das ist allerdings leichter gedacht, als getan. Trotzdem sind sie, nach kurzen Anlaufschwierigkeiten, sehr erfolgreich im Geschäft. Ein Mafiaboss bietet ihnen eine Zusammenarbeit an. Andere Gangster sind über die drei Frauen weniger erfreut. Schließlich sollen Frauen nicht Gangster spielen, sondern Wäsche waschen und Essen kochen. Und dann sind da auch noch ihre Männer, die irgendwann aus dem Gefängnis entlassen werden.

Das hört sich – auch wenn die drei Damen bruchlos von liebevoller Hausfrau zu skrupellosem Gangster und Gangsterboss umschalten – nach einem zünftigen Gangsterfilm mit viel Retro-Charme an. Dass in den späten siebziger Jahren, außerhalb eines Blaxploitation-Films, niemals drei Hausfrauen den Macho-Gangstermännern Befehle erteilt hätten, stört nicht weiter. Es ist eine wunderschöne Selbstermächtigungsfantasie vor einem ausnehmend pittoresken Hintergrund.

Die Idee für diese Geschichte hatten Ollie Master, Ming Doyle und Jordie Bellaire, die 2015 den Hardboiled-Noir-Gangstercomic „The Kitchen“ bei DC/Vertigo veröffentlichten.

Andrea Berloff, die für ihr Buch zum NWA-Biopic „Straight Outta Compton“ für einen Drehbuch-Oscar nominiert wurde und die Drehbücher zu „World Trade Center“, „Blood Father“ und „Sleepless“ schrieb, nahm für ihre Verfilmung den Comic als Handlungsskizze. Sie fügte einige Figuren dazu, veränderte bei anderen Figuren einiges und auch das Ende ist anders. Dem Geist der Vorlage blieb sie dabei treu.

Aber es gelingt ihr bei ihrer ersten Regiearbeit nicht, ihn in den Film zu übertragen. Trotz aller Änderungen wirkt der Film, als habe man den Comic 1-zu-1 abgefilmt und dabei vergessen, dass Comic und Film zwei verschiedene Medien sind.

So bleiben im Film alle Figuren austauschbare Abziehbilder ohne ein erkennbares Innenleben und nachvollziehbare Motive. Sie sind alle böse Verbrecher, die sich ohne erkennbare Skrupel notfalls gegenseitig betrügen und töten. Nirgendwo ist ein moralischer Kompass erkennbar, der aus „The Kitchen“ mehr als ein banales Gangster-bringen-Gangster-Werk machen würde.

The Kitchen“ ist ein Langweiler und angesichts der Besetzung – Melissa McCarthy (wieder in einer ernsten Rolle), Tiffany Haddish (dito) und Elisabeth Moss in den Hauptrollen -, der Ausstattung, den Kostümen, den Frisuren (es sieht wirklich wie in den Siebzigern aus), der Kamera (Maryse Alberti [„The Wrestler“, „Creed“]) und der zeitgenössischen Musikauswahl eine große Enttäuschung.

Im Gegensatz zur Vorlage.

The Kitchen:Queens of Crime (The Kitchen, USA 2019)

Regie: Andrea Berloff

Drehbuch: Andrea Berloff

LV: Ollie Masters/Ming Doyle/Jordie Bellaire: The Kitchen, 2015 (The Kitchen)

mit Melissa McCarthy, Tiffany Haddish, Elisabeth Moss, Domhnall Gleeson, James Badge Dale, Brian d’Arcy James, Margo Martindale, Bill Camp, Common, Annabella Sciorra

Länge: 103 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage

Ollie Masters/Ming Dolye/Jordie Bellaire: The Kitchen

(übersetzt von Carolin Hidalgo)

Panini, 2019

180 Seiten

18,99 Euro

Originalausgabe

The Kitchen

DC/Vertigo, 2015

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „The Kitchen“

Metacritic über „The Kitchen“

Rotten Tomatoes über „The Kitchen“

Wikipedia über „The Kitchen“ (deutsch, englisch)


Garth Ennis schickt „Jimmys Bastarde“ auf „A Walk through Hell“

September 18, 2019

Das sind jetzt beides erste Bände, die Beide mit dem zweiten, auf Deutsch noch nicht erschienenem Band enden. „Jimmys Bastarde“ ist eine durchgeknallte James-Bond-Parodie. „A Walk through Hell“ eine Horrorgeschichte.

In einem Lagerhaus verschwinden zwei FBI-Agenten. Die örtlichen Polizisten und das SWAT-Team weigern sich, die Halle zu betreten. Sie hätten sich am Eingang unbehaglich gefühlt. Ihre FBI-Kollegen Shaw und McGregor – sie steht kurz vor einem Burnout, er ist noch jung und idealistisch – sollen herausfinden, was geschah. Sie betreten das Lagerhaus und finden sich in einem Alptraum wieder. Das Lagerhaus, das von Außen wie ein gewöhnliches, billig und schnell errichtetes, rein funktionales Lagerhaus aussieht, ist ein Irrgarten, aus dem es keinen Ausweg gibt. Als McGregor zusammenbricht, bemerkt Shaw, dass sie beide keinen Puls mehr haben. Und sie atmen nicht mehr. Kurz darauf entdecken sie ihren Kollegen Hunziker, der sich immer wieder den Schädel wegschießt. Sie sehen Menschen, die schon lange tot sind. Sie sind in einer Welt, in der unsere Naturgesetze nicht mehr gelten.

Dazwischen schneidet Garth Ennis Szenen aus einem früheren Fall der beiden FBI-Agenten, in dem sie einen Serientäter suchen. Wie diese beiden Zeitebenen zusammenhängen und was die Erklärung für die Ereignisse im Lagerhaus ist, ist am Ende von „A Walk through Hell: Das verlassene Lagerhaus“ noch unklar.

Ab Mitte Oktober, wenn der zweite und abschließende „A Walk through Hell“-Band erscheint, erfahren wir es.

Jimmy Regent ist ein Über-James-Bond. Er ist ein Geheimagent ihrer Majestät. Er bringt die größten Verbrecher zur Strecke, ist immer gut gekleidet und von Frauen umringt. So wie der klassische James Bond der Sean-Connery- und Roger-Moore-Ära. Danach wurde Bond ja züchtiger.

Aber nicht bei Garth Ennis, der sich die banale Frage stellte, was mit den Kindern von James Bond ist. Denn bei all dem ungeschützten Geschlechtsverkehr, den der Geheimagent in den vergangenen Jahren hatte, muss doch die ein oder andere Frau schwanger geworden sein.

Nun, es war, wie Ennis in „Jimmys Bastarde“ zeigt, nicht die ein oder andere Frau, sondern viel mehr. ‚Junior‘, einer von Regents Söhnen, hat jetzt diese Kinder versammelt. Sie wollen sich an ihrem Erzeuger, der sich niemals um sie und ihre Mütter kümmerte, zur Rechenschaft ziehen. Und, sagen wir es mal so: mit diesem Gegner hat Jimmy Regent nicht gerechnet.

Zum Glück hat er eine neue Partnerin: die überaus gut aussehende und taffe Nancy McEwan. Sie hat, aus Regents Sicht, nur einen Nachteil: sie ist unempfänglich für seine Avancen.

Jimmys Bastarde“ ist eine feine Liebeserklärung und Parodie auf James Bond. Der Spaß wird nur, jedenfalls auf den ersten Seiten, durch die unpassende und unwitzige Klamauk-Übersetzung von Comedian Hennes Bender gestört. Später wird es besser.

Und jetzt warte ich gespannt auf den Abschluss von „A Walk through Hell“ und „Jimmys Bastarde“.

Der aus Belfast kommende, heute in New York lebende Garth Ennis erfand außerdem „Preacher“, „The Boys“ und „Crossed“ und schrieb mehrere „The Punisher“- und „Hellblazer“-Geschichten.

Garth Ennis/Goran Sudzuka: A Walk through Hell: Das verlassene Lagerhaus (Band 1)

(übersetzt von Monja Reichert und Christian Heiss)

Cross Cult, 2019

144 Seiten

22 Euro

Originalausgabe

A Walk through Hell # 1 – 5

AfterShock Comics, 2018

Garth Ennis/Russ Braun: Jimmys Bastarde: Getriggert (Band 1)

(übersetzt von Hennes Bender)

Panini, 2019

136 Seiten

17 Euro

Originalausgabe

Jimmy’s Bastards Volume 1: Trigger Warning

AfterShock Comics, 2018

enthält

Jimmy’s Bastards # 1 – 5

Hinweise

Wikipedia über Garth Ennis (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Garth Ennis/Will Simpson/Steve Dillons “Hellblazer – Gefährliche Laster” (Dangerous Habits, 1991)

Meine Besprechung von Garth Ennis (Autor)/Leandro Fernandez (Zeichner) „The Punisher – Garth Ennis Collection 7“ (Up is Down and Black is White, The Slavers, 2005/2006)

Meine Besprechung von Garth Ennis/Goran Parlov/Leandro Fernandezs “The Punisher – Garth-Ennis-Collection 8″ (Barracuda, Part 1 – 6 (Punisher [MAX] 31 – 36), Man of Stone, Part 1 – 6 (Punisher [MAX] 37 – 42), 2006/2007)

Meine Besprechung von Garth Ennis‘ „The Punisher – Garth-Ennis-Collection 9“ (Widowmaker, Part 1 – 7 [Punisher (MAX) Vol. 43 – 49], Long Cold Dark, Part 1 – 5 [Punisher (MAX) Vol 50 – 54], 2007/2008)

Meine Besprechung von Garth Ennis‘ „The Punisher – Garth-Ennis-Collection 10“ (Valley Forge, Valley Forge, Part 1 – 6 [Punisher (MAX) Vol. 55 – 60], 2008)

Meine Besprechung von Garth Ennis (Autor)/Adriano Batista/Marcos Marz/Kewber Baal (Zeichner) „Jennifer Blood – Selbst ist die Frau (Band 1)“ (Garth Ennis’ Jennifer Blood: A Woman’s Work is Never Done, 2012)

Meine Besprechung von Garth Ennis und Mike Wolfers „Stitched: Die lebenden Toten“ (Band 1) (Stitched # 1 – 7, 2011/2012)

Meine Besprechung von Garth Ennis/John McCreas „Dicks – Band 1“ (Dicks # 1 – 4, 2013)

Meine Besprechung von Garth Ennis‘ „Crossed – Monster Edition“ (enthält „Crossed“ und „Crossed Band 2: Familienbande“)

Meine Besprechung von Garth Ennis/Steve Dillons „The Punisher: Frank ist zurück“ (The Punisher # 1 – 12, 2000/2001)


„Hit-Girl in Rom“ und „Frauenpower“ bei „Kick-Ass“

September 13, 2019

Vor elf Jahren veröffentlichten Mark Millar und John Romita Jr. den ersten „Kick-Ass“-Comic. Weitere folgten. Ebenso zwei kultige Verfilmungen, in denen Chloë Grace Moretz „Hit-Girl“ Mindy McCready verkörperte.

Inzwischen hat Hit-Girl eine eigene Comicserie, in denen verschiedene Autoren und Zeichner den Teenager um die Welt begleiten. Weil Hit-Girl eine Killermaschine ist, die unter Freizeitvergnügen versteht, mit einigen coolen Sprüchen und ohne mit der Wimper zu zucken, ganze Hundertschaften böser Jungs umzubringen, hinterlässt sie an jedem Ort, den sie besucht, einige Dutzend Leichen. Nach Kolumbien und Kanada ist jetzt Rom an der Reihe.

Das Abenteuer beginnt in Toronto. Dort begegnet sie Paola, die am Flughafen aus einem Frachtcontainer einen Gegenstand stehlen will. Anstatt Paola zu überwältigen, landet Mindy im Frachtcontainer eines Flugzeugs, das sie nach Rom fliegt.

Dort trifft sie sofort nach der Landung wieder auf Paola und sie kann während eines Kampfs Paolas Diebesgut, einen juwelenbesetzten Schädel, gegen ein Plüschtier austauschen.

Donna Giustina, eine alte Dame, Nonne und skrupelloser Kopf eines Verbrechersyndikats („Ich töte zum Vergnügen!“), die den Schädel unbedingt will, schickt ihre Vasallen und die Diebin Paola los. Sie sollen den Schädel von dem maskierten Mädchen mit dem Samuraischwert wieder besorgen.

Hit-Girl in Rom“ ist ein blutiger von Rafael Scavone geschriebener und Rafael Albuquerque gezeichneter Spaß, mit einigen überraschenden Wendungen und vielen, immer wieder gegen den Strich gebürsteten Italien-Klischees.

Für Ende Oktober ist mit „Hit-Girl in Hollywood“ die nächste Geschichte mit Mindy McCready angekündigt. Geschrieben von Kevin Smith.

Während die neuen „Hit-Girl“-Geschichten lose an die vorherigen „Kick-Ass“-Geschichten anknüpfen, geht „Kick-Ass“ einen anderen Weg. Mark Millar und John Romita Jr. starteten mit „Kick-Ass: Frauenpower“ die Serie komplett neu. Im Mittelpunkt steht mit Patience ein ganz neuer Charakter, der in einer anderen Stadt gegen das Organisierte Verbrechen kämpft. Im ersten „Kick-Ass: Frauenpower“-Sammelband begann Patience ihren Kampf gegen die örtliche Drogenmafia.

Am Ende hatte die alleinerziehende Mutter, schlecht verdienende Kellnerin und kampferprobte Afghanistan-Veteranin die Kontrolle über mehrere Gangs in Albuquerque, New Mexiko, übernommen.

Nach dem ersten Sammelband erzählen Steve Niles („30 Days of Night“) und Marcelo Frusin („Loveless“) die Geschichte gelungen weiter.

Bei ihrem Kampf gegen die verschiedenen Verbrecherbanden legte Patience sich auch mit den Kartellen an, die die maskierte Frau und ihre Helfer töten wollen. Skrupel kennen sie nicht. Und Patience steht auch vor der Frage, was sie tun soll, wenn Maurice aus dem Koma erwacht. Denn der Verbrecher ist ein mehrfacher Vater und mit ihrer Schwester Edwina verheiratet. Dass der Vater ihrer Kinder ein Verbrecher ist, weiß Edwina nicht.

Kick-Ass: Frauenpower“ ist ernster als die alten „Kick-Ass“-Geschichten, die Superheldengeschichten gegen den Strich bürsteten. „Frauenpower“ ist näher an der Realität und erwachsener. Immerhin ist die Protagonistin kein pubertierender Hänfling, sondern eine alleinerziehende Mutter, die sich mit den Problemen herumschlagen muss, mit denen sich eine alleinerziehende Mutter herumschlagen muss. Da ist kein Platz für Superheldengedöns.

Damit ist auch der zweite „Kick-Ass: Frauenpower“-Sammelband ein Comic für die „Kick-Ass“-Fans und die Fans von Hardboiled-Krimis. Und, wie „Hit-Girl in Rom“, eine angenehm gradlinige Geschichte. Kein Epos, wie Mark Millars jüngste Werke, sondern ein Punkrocksong. Laut Verlag „empfohlen ab 16 Jahre“.

Rafael Scavone/Rafael Albuquerque: Hit-Girl in Rom

(übersetzt von Bernd Kronsbein)

Panini, 2019

100 Seiten

12,99 Euro

Originalausgabe

Hit-Girl (2018) # 9 – 12

Millarworld/Image, Oktober 2018 – Januar 2019

Steve Niles/Marcelo Frusin: Kick-Ass – Frauenpower

(übersetzt von Bernd Kronsbein)

Panini, 2019

156 Seiten

20 Euro

Originalausgabe

Kick-Ass (2018) # 7 – 12

Millarworld/Image, September 2018 – Februar 2019

Hinweise

Homepage von Mark Millar

Meine Besprechung von Mark Millar/J. G. Jones‘ „Wanted (Mark Millar Collection 1)“ (Wanted # 1 – 6, Dezember 2003 – Februar 2005)

Meine Besprechung von Mark Millar/Steve McNivens „Nemesis“ (Nemesis, 2010/2011)

Meine Besprechung von Mark Millar/Grant Morrisons “Vampirella: Heiliger Krieg (Master Series 1)”

Meine Besprechung von Mark Millar/Steve McNivens „Wolverine: Old Man Logan“ (Old Man Logan, 2008/2009)

Meine Besprechung von Mark Millar/John Romita, Jr. „Kick-Ass 2 (Band 1)“ (Kick-Ass 2 – Issue 1 – 4, Dezember 2010 – November 2011)

Meine Besprechung von Mark Millar/John Romita, Jr. „Kick-Ass 2 (Band 2)“ (Kick-Ass 2 – Issue 5 – 7, Januar – Mai 2012)

Meine Besprechung von Mark Millar/John Romita, Jr. „Hit-Girl – Kick-Ass 2: Die Vorgeschichte“ (Hit-Girl, Issue 1 – 5, August 2012 – April 2013)

Meine Besprechung von Mark Millar/Leinil Yus „Superior – Band 2“ (Superior, Issue 5 – 7, Dezember 2011 – März 2012)

Meine Besprechung von Mark Millar/Dave Gibbons‘ „Secret Service“ (Secret Service # 1- 6, Juni 2012 – April 2013)

Meine Besprechung von Mark Millar/John Romita jr. „Kick-Ass 3 – Band 1“ (Kick-Ass 3, # 1 – 5, Juli 2013 – Januar 2014)

Meine Besprechung von Mark Millar/John Romita jr. „Kick-Ass 3 – Band 2“ (Kick-Ass 3 – # 6 – 7, April – August 2014)

Meine Besprechung von Mark Millar/Leinil Yu/Nacho Vigalondos (Co-Autor/Drehbuch) „Super Croocks – Band 1: Der Coup“ (Super Crooks # 1 – 4, 2012)

Meine Besprechung von Jeff Wadlows Mark-Millar-Verfilmung „Kick-Ass 2“ (Kick-Ass 2, USA 2013)

Meine Besprechung von Matthew Vaughns Mark-Millar-Verfilmung „Kingsman: The Secret Service“ (Kingsman: The Secret Service, USA/Großbritannien 2015)

Meine Besprechung von Mark Millar/Dave Johnson/Kilian Plunketts „Genosse Superman (Mark Millar Collection 4)“ (Superman: Red Son # 1 – 3, 2003)

Meine Besprechung von Mark Millar/Rafael Albuquerque/Dave McCaigs „Huck – Held wider Willen“ (Huck # 1 – 6, November 2015 – April 2016)

Meine Besprechung von Mark Millar/Stuart Immonens „Empress“ (Empress # 1 – 7, Juni 2016 – Januar 2017)

Meine Besprechung von Mark Millar/Greg Capullos „Reborn“ (Reborn # 1 – 6, Oktober 2016 – Juni 2017)

Meine Besprechung von Mark Millar/Olivier Coipels „The Magic Order“ (The Magic Order # 1 – 6, 2018/2019)

Mein Besprechung von Mark Millar/Wilfredo Torres‘ „Jupiter’s Circle“ (Jupiter’s Circle # 1 – 6, 2015; Jupiter’s Circle 2 # 1 – 6, 2015/2016)

Meine Besprechung von Mark Millar/Ricardo Lopez Ortiz‘ „Hit-Girl in Kolumbien“ (Hit-Girl (2018) # 1 – 4, 2018)

Meine Besprechung von Mark Millar/John Romita Jr. „Kick-Ass: Frauenpower“ (Kick-Ass (2018) # 1 – 6, 2018)

Meine Besprechung von Jeff Lemire/Eduardo Rissos „Hit-Girl in Kanada“(Hit-Girl (2018) # 5 – 8, 2018)

Homepage von Steve Niles

Meine Besprechung von Steve Niles/Ben Templesmiths „30 Days of Night – Die Barrow-Trilogie“ (30 Days of Night, 2002; 30 Days of Night: Dark Days, 2004; 30 Days of Night: Return to Barrow, 2004)

 


Mark Millars neue Werke „Jupiter’s Circle“ und „The Magic Order“

September 11, 2019

Im August 2017 kaufte Netflix Mark Millars Comiclabel Millarworld. Seitdem darf Netflix die meisten bei Millarworld bereits veröffentlichten Geschichten verfilmen und auch anderweitig weiterverwenden. Bis auf „Kick-Ass“ und „Kingsman“. Außerdem präsentiert Millar seine künftigen Ideen zuerst Netflix. Einige dieser Ideen darf er zuerst als Comic veröffentlichen.

The Magic Order“ ist das erste Werk, das er unter dem neuen Vertrag veröffentlichte und die Absicht, die Geschichte als Vorlage für eine TV-Serie zu nehmen, ist ihm überdeutlich anzusehen. Auch wenn Millar bei den Werken, über die er die kreative Kontrolle hat, schon immer, und ziemlich oft erfolgreich, auf eine Verfilmung spekulierte.

Im Mittelpunkt von „The Magic Order“ steht die Familie Moonstone. Sie sind Zauberer, die mit ihren magischen Kräften unsere Welt vor Monstern und sonstigem Unheil beschützen. Wie jede Familie hat sie Ärger mit ihren Kindern, die nicht das Familienerbe übernehmen wollen. Eine Tochter ist drogensüchtig. Ein Sohn hat die Zauberei zugunsten eines bürgerlichen Lebens aufgegeben. Trotzdem sind die Moonstones die Vorsitzenden des Magischen Ordens.

Aber jetzt hat Madame Albany, die die Macht über den Orden übernehmen will, einen Zaubererkiller entfesselt, der auch die besten Magier tötet.

Doch bevor dieser Kampf wirklich beginnt, vergeht viel Zeit, in der Millar die Moonstone-Großfamilie und die anderen Zauberer und ihre fantastische, neben und in der uns bekannten Welt existierenden Welt, vorstellt.

Das liest sich, dank Millars Humor und Ideenreichtum beim Ausmalen der Welt des magischen Ordens, vergnüglich, aber auch immer wie die Pilotfolge einer TV-Serie, in der uns erst einmal alle Charaktere vorgestellt werden. Diese Serie soll es auch geben und James Wan soll die Pilotfolge inszenieren.

Im Januar 2019 kündigte Millar bereits eine Comicfortsetzung von „The Magic Order“ an.

Jupiter’s Circle“ erschien bereits 2015/2016. Panini veröffentliche jetzt die gesamte Vorgeschichte zu „Jupiter’s Legacy“ in einem eigenständig zu lesendem Band. Bereits 2016 wurde mit der Entwicklung einer Verfilmung der Saga begonnen. 2018 sagte Netflix, es habe eine Verfilmung von „Jupiter’s Legacy“ in Auftrag gegeben.

In „Jupiter’s Circle“ erzählen Millar und die Zeichner Wilfedo Torres, Davide Gianfelice (bei einigen Heften) und Chris Sprouse (ein Heft), wie die Superhelden Utopian (Sheldon Sampson), Lady Liberty (seine Frau Grace), Brainwave (sein Bruder Sampson), Skyfox (George Hutchence), Blue-Bolt (Richard Conrad) und Flare (Familienvater Fitz), die 1932 auf einer Insel erstaunliche Kräfte erhielten, als Union of Justice für eine bessere Welt kämpften. Ihre wahre Identität kennt die Öffentlichkeit, wie es sich für Superhelden gehört, nicht.

Millars epische Neuerzählung der US-Nachkriegsgeschichte beginnt 1959 und erstreckt sich über die nächsten Jahre. Die Superhelden stehen dabei auch vor der Frage, wofür sie ihre Kräfte einsetzen und wie sehr sie dabei mit der US-Regierung zusammenarbeiten. Immerhin sind die USA die Guten.

FBI-Chef J. Edgar Hoover will allerdings ihre Identität wissen und schreckt dabei auch vor Erpressung nicht zurück.

Und die Alternativkultur stellt das Selbstbild der USA in Frage.

Damit stehen die Mitglieder der Union of Justice, individuell und als Kollektiv, vor der Frage, für welche Weltanschauung sie ihre Kräfte einsetzen. Diese Frage, die zuletzt auch in den „Avengers“-Filmen behandelt wurde, behandelt Millar vor dem Hintergrund der sechziger Jahre, als in Superheldencomics darüber noch nicht gesprochen wurde.

Wie „The Magic Order“ ist „Jupiter’s Circle“ nicht schlecht, aber die gut dreihundert Seiten umfassende Geschichte kann nie verleugnen, dass sie mit ihren vielen Charakteren und damit verbundenen Plots und Subplots primär eine Ideensammlung für eine künftige Serien ist. Millar konzentriert sich in beiden Büchern mehr auf einzelne Episoden, die Beziehung der Familienmitglieder und ihres nahen Umfelds zueinander und das Ornamentale. Da ist dann eine einzelne Episode wichtiger als das große ganze und gerade bei „Jupiter’s Circle“ wird von Episode zu Episode gesprungen, ohne dass ersichtlich wird, was der zentrale Konflikt ist und auf welches Finale das alles zusteuert. Das hat dann schon fast James Ellroysche Dimensionen, der in seinen umfangreichen Romanen die Geschichte der USA neu erzählt. Ohne Superhelden, aber mit vielen Verschwörungen und einer Melange aus erfundenen und realen Charakteren.

Mark Millar/Olivier Coipel: The Magic Order

(übersetzt von Bernd Kronsbein)

Panini, 2019

180 Seiten

17 Euro

Originalausgabe

The Magic Order # 1 – 6

Millarworld/Image, 2018/2019

Mark Millar/Wilfredo Torres: Jupiter’s Circle

(übersetzt von Bernd Kronsbein)

Panini, 2019

300 Seiten

29 Euro

Originalausgabe

Jupiter’s Circle # 1 – 6

Millarworld/Image, 2015

Jupiter’s Circle 2 # 1 – 6

Millarworld/Image, 2015/2016

Hinweise

Homepage von Mark Millar

Meine Besprechung von Mark Millar/J. G. Jones‘ „Wanted (Mark Millar Collection 1)“ (Wanted # 1 – 6, Dezember 2003 – Februar 2005)

Meine Besprechung von Mark Millar/Steve McNivens „Nemesis“ (Nemesis, 2010/2011)

Meine Besprechung von Mark Millar/Grant Morrisons “Vampirella: Heiliger Krieg (Master Series 1)”

Meine Besprechung von Mark Millar/Steve McNivens „Wolverine: Old Man Logan“ (Old Man Logan, 2008/2009)

Meine Besprechung von Mark Millar/John Romita, Jr. „Kick-Ass 2 (Band 1)“ (Kick-Ass 2 – Issue 1 – 4, Dezember 2010 – November 2011)

Meine Besprechung von Mark Millar/John Romita, Jr. „Kick-Ass 2 (Band 2)“ (Kick-Ass 2 – Issue 5 – 7, Januar – Mai 2012)

Meine Besprechung von Mark Millar/John Romita, Jr. „Hit-Girl – Kick-Ass 2: Die Vorgeschichte“ (Hit-Girl, Issue 1 – 5, August 2012 – April 2013)

Meine Besprechung von Mark Millar/Leinil Yus „Superior – Band 2“ (Superior, Issue 5 – 7, Dezember 2011 – März 2012)

Meine Besprechung von Mark Millar/Dave Gibbons‘ „Secret Service“ (Secret Service # 1- 6, Juni 2012 – April 2013)

Meine Besprechung von Mark Millar/John Romita jr. „Kick-Ass 3 – Band 1“ (Kick-Ass 3, # 1 – 5, Juli 2013 – Januar 2014)

Meine Besprechung von Mark Millar/John Romita jr. „Kick-Ass 3 – Band 2“ (Kick-Ass 3 – # 6 – 7, April – August 2014)

Meine Besprechung von Mark Millar/Leinil Yu/Nacho Vigalondos (Co-Autor/Drehbuch) „Super Croocks – Band 1: Der Coup“ (Super Crooks # 1 – 4, 2012)

Meine Besprechung von Jeff Wadlows Mark-Millar-Verfilmung „Kick-Ass 2“ (Kick-Ass 2, USA 2013)

Meine Besprechung von Matthew Vaughns Mark-Millar-Verfilmung „Kingsman: The Secret Service“ (Kingsman: The Secret Service, USA/Großbritannien 2015)

Meine Besprechung von Mark Millar/Dave Johnson/Kilian Plunketts „Genosse Superman (Mark Millar Collection 4)“ (Superman: Red Son # 1 – 3, 2003)

Meine Besprechung von Mark Millar/Rafael Albuquerque/Dave McCaigs „Huck – Held wider Willen“ (Huck # 1 – 6, November 2015 – April 2016)

Meine Besprechung von Mark Millar/Stuart Immonens „Empress“ (Empress # 1 – 7, Juni 2016 – Januar 2017)

Meine Besprechung von Mark Millar/Greg Capullos „Reborn“ (Reborn # 1 – 6, Oktober 2016 – Juni 2017)

Meine Besprechung von Mark Millar/Ricardo Lopez Ortiz‘ „Hit-Girl in Kolumbien“ (Hit-Girl (2018) # 1 – 4, 2018)

Meine Besprechung von Mark Millar/John Romita Jr. „Kick-Ass: Frauenpower“ (Kick-Ass (2018) # 1 – 6, 2018)


Wem gehört „Der Schatz der Black Swan“?

September 10, 2019

Als Kind hat man begeistert Geschichten von gefährlichen Schatzsuchen gelesen. Die Schätze lagen in Höhlen oder auf dem Meeresgrund. Und natürlich starben bei diesen Schatzsuchen einige der Schatzsucher.

Wer eine solche Geschichte erwartet, wenn er den von Guillermo Corral und Paco Roca erzählten Comic „Der Schatz der Black Swan“ aufschlägt, kann das Buch gleich wieder zuklappen. Schon auf den ersten Seiten entdeckt die Besatzung der „Explorer“ 2007 in der Straße von Gibraltar den Schatz und bringt ihn wohlbehalten nach Florida. Kurz darauf präsentiert die Bergungsfirma Ithaca ihn stolz der Weltöffentlichkeit.

In dem Moment ist die Geschichte vorbei. Wenn nicht die spanische Regierung annähme, dass die Silber- und Goldmünzen, deren Wert sich auf 500 Millionen Dollar beläuft, nicht in internationalen, sondern in spanischen Gewässern gefunden wurden. Damit wäre Spanien der Eigentümer der Münzen. Um sie von der Bergungsfirma zu bekommen, müssen sie nachweisen, wo der Schatz im Meer lag und von welchem vor Jahrhunderten gesunkenem Schiff er stammt.

Álex Ventura, ein junger Beamter im Ministerkabinett des Kulturministeriums, und Elsa, die Leiterin und einzige Beschäftigte des Amt zum Schutz des Unterwassererbes, sollen die nötigen Beweise beschaffen.

Diese Suche in alten Unterlagen und die juristischen und politischen Winkelzüge zwischen Spanien, den USA und der halbseidenen, gut vernetzten, vermögenden und skrupellosen Firma, die den Schatz der Black Swan gefunden hat, entfaltet schnell beträchtliche Pageturner-Qualitäten.

Guillermo Corral, der Autor der Geschichte, war Diplomat, Generaldirektor für Kulturpolitik und -wirtschaft und Kulturattaché der spanischen Botschaften in Washington, D. C., und Havanna. Die Geschichte vom Schatz der Black Swan beruht auf persönlichen Erfahrungen Corrals und wahren Begebenheiten, dem „Black Swan Project“. Wie nah jetzt der Comic an der Realität ist, kann ich nicht sagen, aber Corrals Fachwissen bei der Darstellung der Arbeit einer Verwaltung und den Abwägungen vor Entscheidungen ist spürbar. Und das Ende erinnert in seiner bürokratischen Absurdität an „Jäger des verlorenen Schatzes“.

Paco Roca (u. a. „Kopf in den Wolken“) setzte die Geschichte in oft monochromen und wie ausgewaschen aussehenden Bildern um, die auf jedes überflüssige Detail verzichten.

Guillermo Corral/Paco Roca: Der Schatz der Black Swan

(übersetzt von André Höchemer)

Reprodukt, 2019

216 Seiten

24 Euro

Originalausgabe

El Tesoro del Cisne Negro

Astiberri Ediciones, Bilbao, 2018

Hinweise

Reprodukt über „Der Schatz der Black Swan“

Perlentaucher über „Der Schatz der Black Swan“


Jens Balzer im Geflecht von „Pop und Populismus“

August 26, 2019

Popmusik ist ohne Provokationen nicht denkbar. Und wenn es nur ein Hüftschwung im Fernsehen ist. Gleichzeitig drückt Popmusik kollektive Gefühle aus. Seit Jahrzehnten gab es sogar eine tiefe Verbindung zwischen Subkulturen, normalerweise Jugendkulturen, Musik und politischen Ansichten und Botschaften. Zum Pop wurde die Musik, wenn sie über die enge subkulturelle Szene hinaus erfolgreich war, viele Käufer (was regelmäßig zu Ausverkauf-Rufen führt) und Nachahmer fand. Denn Pop definiert sich, wenn es um kulturelle Relevanz geht, nicht unbedingt aus den ersten Plätzen der Hitparade (vor allem nicht der deutschen Hitparade). Trotzdem beschäftigt Musikjournalist Jens Balzer sich in seinem neuen Buch „Pop und Populismus – Über Verantwortung in der Musik“ viel mit kommerziell erfolgreichen Künstlern, ihren Texten und den Umgang der Gesellschaft mit den in den Texten mehr oder weniger deutlich vorhandenen Botschaften. Im Zentrum stehen dabei deutschsprachige Musiker.

Folgerichtig beginnt das schmale, aber inhaltsreiche Buch mit der Echo-Preisverleihung 2018 an die Rapper Kollegah und Farid Bang, die den Preis für das beste deutsche HipHop-Album erhalten sollten. Die Qualität des Albums bestand in der Höhe seiner Verkaufszahlen. Zum Skandal wurde die Preisverleihung, weil Musiker und Journalisten sich gegen die Verleihung des Preises des Bundesverband der deutschen Musikindustrie an Musiker aussprachen, deren Texte sexistisch und gewaltverherrlichend sind und die Opfer der Shoah verhöhnen.

Diese Preisverleihung und die darauf folgende Einstellung des Echo-Preises (der schon immer wegen seiner Missachtung jeglicher künstlerischer Kriterien ein sinnfreier Preis für verkaufte Platten war) ist für Balzer der Startpunkt für eine Reise durch rechte und reaktionäre Musik, die von einem breiteren Publikum gehört wird. Es geht um den Zusammenhang zwischen rechtem, populistischen Denken und der Popkultur, die, wie gesagt, hier vor allem Popmusik ist. Neben den schon genannten Kollegah und Farid Bang, beschäftigt Balzer sich mit Bushido, Frei.Wild und ‚Volks-Rock’n’Roller‘ Andreas Gabalier.

Dabei fällt immer wieder auf, dass diese Musiker zwar mit rechten Zeichen, Symbolen und Weltbildern spielen, frauenfeindliche und reaktionäre Botschaften haben, sie sich aber nicht zur Identitären Bewegung und den Neuen Rechten bekennen. Stattdessen behaupten sie in höchstens halbherzigen Distanzierungen, dass sie missverstanden würden.

Pop, der den Ansprüchen der Neuen Rechten und den Identitären genügt, wäre nach ihren Forderungen „männlich, weiß und möglichst frei von allen Arten der Hybridität und der kulturellen Vermischung“. Diesem Anspruch genügt dann ein Soldatenlied aus den 20ern, der „Jägermarsch“, die „Sternpolka“ und das „lebendige Brauchtum“ (echt jetzt?) des Volkstanzes. Manchmal werden, ohne tiefergehende Kenntnis der Stile, der Black Metal der Neunziger, der Hardcore der Straight-Edge-Bewegung und der Punkrock der siebziger Jahre genannt. Manchmal nennen rechte Vor-/Denker wie Richard Spencer auch Bands wie Depeche Mode, die sich prompt gegen diese Vereinnahmung wehren.

Der Erfolg rechtsextremer und rechtspopulistischer Parteien bei Wahlen hat, wie Balzer feststellt, keine Entsprechung in der Popkultur. Die Rechtsextremen haben keine eigene Musik und sind damit auch nicht popkulturell wirkmächtig.

Der Grund dafür ist ziemlich banal. Wie Balzer ausführt, ist Popmusik von ihrem Wesen her immer grenzüberschreitend. Sie verbindet Dinge, sie empfindet das Fremde und Unbekannte als Bereicherung, sie überschreitet in jeder Beziehung Grenzen, sie richtet sich gegen die herrschenden Verhältnisse (gut, das würde rechte Popmusik auch tun) und sie entwirft ein Bild einer anderen, einer utopischen Gesellschaft.

Balzer konzentriert sich in „Pop und Populismus“, bis auf ein in diesem Zusammenhang leicht deplatziert wirkendes Kapitel über den US-HipHop, auf Deutschland und die Diskussionen der letzten Jahre. Er verliert auch einige Worte über die Kritik von Links an der Popmusik, die vor allem ein moralischer Rigorismus ist. Da wird dann, zum Beispiel, darauf gepocht, dass weiße Musiker sich nicht fremder Kulturen und Sounds bedienen sollen. Mit dem alten linken emanzipatorischem Denken hat das nichts zu tun. Und es sind auch etwas merkwürdige Vorwürfe. Denn jedes Reinheitsgebot verführt zu einer Verflachung von Popmusik.

Pop und Populismus“ ist keine groß angelegte historische Studie, wie sein fast zeitgleich erschienene Epos „Das entfesselte Jahrzehnt – Sound und Geist der 70er“. Er verzichtet auch darauf, seine Beobachtungen sprachgewaltig in große theoretische Gedankengebäude zu integrieren. Das tun eher Diedrich Diedrichsen und der Filmkritiker Georg Seeßlen. Er bietet nur einen Überblick über popkulturelle Diskussionen der letzten Jahre an und fragt nach der Verantwortung in der Musik.

Lesenswert; auch für Menschen, die sich nicht für Musik interessieren.

Jens Balzer: Pop und Populismus – Über Verantwortung in der Musik

Edition Körber, 2019

208 Seiten

17 Euro

Hinweise

Edition Körber über „Pop und Populismus“

Perlentaucher über „Pop und Populismus“

 


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: „Paranza – Der Clan der Kinder“ will in Neapal an die Macht

August 25, 2019

Neapel, Italien. Mafialand. Roberto Saviano zeichnete 2006 in seinem dokumentarischen Roman „Gomorrha“ ein sehr unglamouröses Bild vom organisierten Verbrechens in seiner Heimatstadt. Das Buch wurde ein weltweiter Bestseller. Es wurde als Spielfilm und TV-Serie verfilmt. Weitere Sachbücher, Reportagen und Romane folgten. 2016 erschien in Italien „Der Clan der Kinder“. In dem Roman erzählt er die Geschichte von Nicolas und seinen Freunden, einer Bande Fünfzehnjähriger, die Geld und Ansehen (was vor allem der richtige Tisch im richtigen Nachtclub ist) wollen, dafür zu Verbrechern werden und innerhalb der örtlichen Camorra aufsteigen wollen. Diese besteht aus Banden, die unter sich die Straßen und Viertel Neapels aufgeteilt haben. Finanzieren tun sich sich mit Drogenhandel auf der Straße und Schutzgelderpressung bei den kleinen, örtlichen Einzelhändlern. Das sind nicht die aus Gangsterfilmen bekannten großen Geschäfte, sondern die gelebte Kleinvieh-macht-auch-Mist-Methode.

Der Roman ist schwer zu lesen. Das liegt an Savianos journalistischem, auf objektivierende und zusammenfassende Betrachtungen abzielendem Schreibstil, der kaum erkennbaren Haupthandlung, den vielen austauschbaren Figuren, den ständigen Zeitsprüngen und Pespektivenwechsel. Saviono hat auch kein erkennbares Interesse an einer typischen Gangstergeschichte à la „Little Caesar“ oder „Scarface“. Ihm geht es mehr um ein Porträt der heutigen Camorra in Neapel. Zwischen all den Namen und Episoden, die sich zeitlich oft nicht einordnen lassen, entsteht nie so etwas wie ein richtiger Lesefluss, der einen begeistert die nächsten Seiten umblättern lässt.

Claudio Giovannesi verfilmte jetzt den Roman nach einem Drehbuch, bei dem auch Saviano mitschrieb und das dieses Jahr auf der Berlinale den Silbernen Bären für das Beste Drehbuch erhielt.

Giovannesi inszenierte die Geschichte, die eine Ansammlung von Vignetten des Gangster- und Jugendfilms ist. Er drehte chronologisch. Die Schauspieler, allesamt Laiendarsteller, wussten dabei nicht, wie sich die Geschichte weiterentwickelt. Stilistisch knüpft er dabei an den Neorealismus an.

Am Ende bleibt nicht die Geschichte im Gedächtnis, sondern wie die Jugendlichen mit ihren Vespas durch die Stadt fahren, wie sie durch die Straßen streunen, wie sie Freizeit totschlagen und wie wenig sich diese Bilder von Bildern aus italienischen Filmen der fünfziger und sechziger Jahre unterscheiden.

Paranza – Der Cland der Kinder (La paranza dei bambini, Italien 2019)

Regie: Claudio Giovannesi

Drehbuch: Roberto Saviano, Claudio Giovannesi, Maurizio Braucci

LV: Roberto Saviano: La paranza dei bamini, 2016 (Der Clan der Kinder)

mit Francesco Di Napoli, Viviana Aprea, Ar Tem, Alfredo Turitto, Valentina Vannino, Pasquale Marotta, Luca Nacarlo, Carmine Pizzo

Länge: 112 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage

Roberto Saviano: Der Clan der Kinder

(übersetzt von Annette Kopetzki)

dtv, 2019

416 Seiten

12,90 Euro

Deutsche Erstausgabe

Carl Hanser Verlag, 2018

Originalausgabe

La paraza dei bambini

Feltrinelli Editore, 2016

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Paranza – Der Clan der Kinder“

Metacritic über „Paranza – Der Clan der Kinder“

Rotten Tomatoes über „Paranza – Der Clan der Kinder“

Wikipedia über „Paranza – Der Clan der Kinder“ (deutsch, englisch, italienisch)

Berlinale über „Paranza – Der Clan der Kinder“

Perlentaucher über Roberto Savianos „Der Clan der Kinder“


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: „Endzeit“ mit zwei jungen Frauen, vielen Zombies und einer Kräuterhexe

August 22, 2019

Zombies in der deutschen Provinz, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen? Warum nicht.

Nach einer weltweiten Katastrophe, die die Menschheit auf wenige, sehr wenige Überlebende dezimierte, jagen die Zombies in „Endzeit“ in Thüringen, zwischen Weimar und Jena, Menschen. In diesen beiden Städten haben sich die letzten Menschen vor den Zombies verschanzt. In Weimar geht man rabiat gegen die Zombies vor. Man tötet sie und alle die sich infiziert haben könnten. In Jena soll dagegen an einem Gegenmittel geforscht werden und es soll über eine friedliche Koexistenz zwischen Menschen und Zombies nachgedacht werden. Die einzige Verbindung zwischen den zwanzig Kilometer voneinander entfernt liegenden Städten ist ein unbemannter Versorgungszug.

In diesem verstecken sich, als der Zug Weimar verlässt, die 22-jährige Vivi (Gro Swantje Kohlhof) und die 26-jährige Eva (Maja Lehrer). Die taffe Kämpferin Eva wurde bei einem Zombieangriff verletzt. Sie hofft, dass ihr in Jena geholfen werden kann. Vivi ist das komplette Gegenteil von Eva. Sie macht sich Vorwürfe, weil sie ihre jüngere Schwester bei einem Zombieangriff nicht retten konnte. Sie ist auch etwas verpeilt und unbeholfen.

Während der Fahrt bleibt der Zug auf offener Strecke stehen.

Seit der Wiederkehr von Zombies in die Popkultur vor nun schon auch deutlich über zehn Jahren haben die Untoten sich durch alle Länder, Orte und Zeiten (Zombies im viktorianischen England? Warum nicht.) durchgebissen. Nur um Deutschland machten sie einen großen Bogen. Es gab, immerhin, 2010 den in Berlin spielenden Zombie-Film „Rammbock“. Und das war es dann auch schon.

Inzwischen ist die Welle etwas abgeebbt. „Die Nacht der lebenden Toten“-Regisseur George A. Romero, der Erfinder des modernen Zombies in der Popkultur, starb 2017. Im Juli beendete Robert Kirkman mit dem 193. Heft seine langlebige Comicserie „The Walking Dead“. Die TV-Serie läuft weiter und es werden weitere Ableger produziert. Die lange angekündigte Fortsetzung von „World War Z“ wird wohl nicht mehr gedreht werden.

Da kommt „Endzeit“ fast als Nachschlag. Der Film basiert auf Olivia Viewegs Comic „Endzeit“. Seinen Ursprung hatte er in ihrer 2011 entstandenen Diplomarbeit an der Bauhaus-Universität in Weimar. Danach wurde die Diplomarbeit auch veröffentlicht und später von ihr zu einem Drehbuch, das 2015 den Tankred-Dorst-Preis gewann, umgeschrieben. 2018 erschien Carlsen „Endzeit“ in einer deutlich erweiterten Comic-Fassung.

Fast gleichzeitig entstand der von Carolina Hellsgård inszenierte Film. Entsprechend eng miteinander verbunden sind Buch und Film. Der Film wirkt oft sogar, als habe man einfach den Comic als Storyboard genommen. Leider. Denn Comic und Film sind zwei unterschiedliche Medien. Dialoge, die in einem Comic funktionieren, wirken gesprochen hölzern. Details, die in einem gezeichneten Bild nicht weiter auffallen oder überhaupt nicht auftauchen, fallen im Film auf. So sind im Film beide Frauen erstaunlich unvorbereitet auf die Reise gegangen. Sie haben keine Waffen dabei. Sie haben nichts zu essen dabei (Gut, es sind ja nur zwanzig Kilometer mit dem Zug.). Eva hat eine nur halb gefüllte Wasserflasche dabei (im Hochsommer!). Vivi läuft mit Sandalen herum, mit denen ich noch nicht einmal vor die Haustür gehen würde.

Auf der Reise verhalten sie sich oft idiotisch. In der Nacht schlafen sie friedlich nebeneinander, anstatt dass eine Wache schiebt. Sie schlafen ungeschützt auf dem Boden. Bis sie sich Waffen und besseres Schuhwerk besorgen, vergeht viel Zeit.

Und warum verkehrt der Versorgungszug zwischen den beiden Städten ohne einen Fahrer und eine Wache? Schließlich muss die Strecke, selbstfahrende Züge hin, selbstfahrende Züge her, von auf den Gleisen herumlungernden Zombies geräumt werden.

Gut, das kann einfach erklärt werden: wenn ein Fahrer im Zug gewesen wäre, hätten Eva und Vivi nicht so einfach einsteigen können.

Diese Details und die Dialoge reißen einen immer wieder aus der Filmgeschichte heraus. In einem Comic stört das alles nicht. Schließlich wird die Realität in Comiczeichnungen immer stark vereinfacht. Gleichzeitig werden bestimmte Dinge betont.

Die Geschichte ist ein feministischer Zugriff auf das Genre, bei dem die beiden jungen Protagonistinnen kein Interesse an Männern haben. Diese tauchen nur als Neben-Nebenfigur oder Zombie (wobei auch hier viele Frauen dabei sind) auf. Stattdessen begegnen Vivi und Eva im Niemandsland zwischen Weimar und Jena einer Frau (im Film gespielt von Trine Dyrholm), die eine tiefe Koexistenz mit der Pflanzenwelt hat und Vivi gerne bei sich aufnähme.

Gleichzeitig erzählt „Endzeit“ eine Coming-of-Age-Geschichte, die im Buch offensichtlicher und glaubwürdiger als im Film ist. Denn Vieweg zeichnete Vivi und Eva mit ihren großen Augen und ihren mädchenhaften, fast noch kindlichen Körpern als junge Menschen, die irgendwo im Teenageralter sind. Im Film sind sie deutlich älter. Vivi ist 22 Jahre, Eva 26. Damit sind beide erwachsene Menschen.

Während der Comic die Zombieapokalypse aus feministischer und ökologischer Perspektive betrachtet, scheitert der Film an seinen hölzernen Dialogen, den zu vielen nicht plausiblen Details, einer zu sparsamen Charakterisierung der beiden Hauptfiguren und einer damit verbundenen thematischen Diffusität. So schwankt der Film unentschlossen zwischen Zombiefilm, Coming-of-Age-Drama, düsterem Märchen und romantischer Naturverklärung.

P. S. für den Horrorfan: Die Zombieangriffe sind spärlich und oft schnell vorbei. Der Suspensefaktor ist ebenfalls überschaubar.

Endzeit (Deutschland 2018)

Regie: Carolina Hellsgård

Drehbuch: Olivia Vieweg

LV: Olivia Vieweg: Endzeit, 2018

mit Gro Swantje Kohlhof, Maja Lehrer, Trine Dyrholm, Barbara Philipp, Axel Werner, Amy Schuk, Muriel Wimmer

Länge: 90 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage

Olivia Vieweg: Endzeit

Carlsen, 2018

288 Seiten

22 Euro

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Filmportal über „Endzeit“

Moviepilot über „Endzeit“

Metacritic über „Endzeit“

Rotten Tomatoes über „Endzeit“

Wikipedia über „Endzeit“

Homepage von Olivia Vieweg


„Der Metropolist“, seine künstliche Intelligenz und die Terroristen

August 16, 2019

Versprochen wird einem „Pulp Fiction meets Science Fiction: Cooles Ermittlerduo auf Mission im Amerika der Zukunft“ und „ein wilder Ritt durch das Großstadtleben der Zukunft“.

Henry Thompson, der „verklemmteste Korinthenkacker in der Geschichte des Bundesamtes für kommunale Infrastruktur“, wird nach einigen Anschlägen auf die Infrastruktur nach Metropolis geschickt. In dieser Multikultimetropole sind der Dienststellenleiter Terrence Kirklin und seine deutlich jüngere Geliebte, die allseits beliebte, supersportliche, superschlaue achtzehnjährige Tochter des Bürgermeisters, Sarah Laury verschwunden. Es wird vermutet, dass ihr Verschwinden etwas mit den Anschlägen zu tun haben.

Um herauszufinden, wer warum die Anschläge verübte und um weitere Anschläge zu verhindern, wird Henry, der ungeeignetste Mann für den Auftrag, nach Metropolis geschickt. Denn er ist nicht nur der Inbegriff des übergenauen Beamten, sondern er hat auch keinerlei Erfahrung als Ermittler. Begleitet wir er von OWEN, der künstlichen Intelligenz der Behörde. Sie ist ein Hologramm, dem von ihrem Erfinder auch eine Liebe zu alten Noir- und Gangsterfilmen einprogrammiert wurde. Deshalb verhält OWEN sich wie ein Regeln ignorierender, literweise Alkohol konsumierender Hardboiled-Detektiv.

Und weil er ein Hologramm ist, kann er sein Aussehen verändern. Er kann auch das Aussehen von Henry verändern und er kann Wesen erschaffen, die vollkommen real erscheinen. Er kann nur keine Türen öffnen und auch keine Waffen abfeuern.

Dieses seltsame Paar wird in Metropolis schnell von den Bösewichtern verfolgt.

Das klingt doch ganz vielversprechend.

Dummerweise löst „Der Metropolis“ keine der von den Ankündigungen und dem Klappentext geschürten Erwartungen ein. Über den Science-Fiction-Part kann man diskutieren. Der Roman spielt 2020, aber in einer Parallelwelt, die mit unserer nichts zu tun hat. Das liegt nicht nur daran, dass es Metropolis nicht gibt und mir in den USA auch keine Großstadt einfällt, die Metropolis sein könnte, sondern dass die im Buch benutzte Hologramm-Technik und die Möglichkeiten einer Künstlichen Intelligenz deutlich fortgeschrittener sind als alles, was es derzeit gibt.

Der Pulp-Fiction-Anteil ist verschwindet gering. Es gibt nur die Erwähnung, dass OWENs Erfinder alte Gangsterfilme mochte und OWEN trinkt. Die Story selbst ist ein gewöhnlicher Terroristenplot in dem Helden mit ihrer ersten Vermutung zuverlässig ans Ziel gelangen. Das liegt auch daran, dass „Der Metropolist“ ein sehr schmales Buch ist.

Humor ist ebenfalls nicht vorhanden. Obwohl man das bei dem Hinweis „wilder Ritt“ und weil Seth Fried laut Autorenbiographie Humorist ist, vermuten könnte.

Selbstverständlich muss ein Humorist nicht immer witzige Bücher schreiben. Allerdings sollte das Wesen und die Weltsicht des Ich-Erzählers, der in „Der Metropolist“ der übergenaue Henry Thompson ist, in jedem Absatz und Satz spürbar sein. Ein detailversessener Beamter sieht die Welt anders als ein von nichts zu beeindruckender Privatdetektiv. Ein Hypochonder nimmt die Welt anders wahr als ein Müllwerker oder eine sich um ihr Baby kümmernde Mutter. Seth Frieds Ich-Erzähler ist dagegen ein Erzähler ohne Eigenschaften.

So ist „Der Metropolist“ kein wilder Ritt durch die Zukunft, sondern ein Langweiler.

Seth Fried: Der Metropolist

(übersetzt von Astrid Finke)

Heyne, 2019

320 Seiten

12,99 Euro

Originalausgabe

The Municipalists

Penguin Books, 2019

Hinweise

Homepage von Seth Fried

Die Zukunft unterhält sich mit Seth Fried


„Paper Girls 5“, immer noch unterwegs, immer noch nicht zurück in ihrer Zeit

August 14, 2019

Inzwischen sind die Paper Girls auf ihrer Reise durch die Zeit weit in der Zukunft angekommen.

Ihre Reise begann 1988 an Halloween in Stony Stream, Ohio. Damals trugen die zwölfjährigen Mädchen Erin Tieng, MacKenzie Coyle, Karina ‚KJ‘ J. und Tiffany Quilkin in der Vorstadt die Tageszeitung aus, entdecken in einem Keller eine Raumschiffkapsel, sehen Dinosaurier, beobachten eine Alien-Invasion (jedenfalls glauben sie das in dem Moment) und werden fortan durch die Zeit geschleudert. Mal in die Zukunft. Mal in die Vergangenheit.

Autor Brian K. Vaughan, Zeichner Cliff Chiang und Kolorist Matt Wilson erfanden diese „Paper Girls“ 2015. 2016 erhielt die Serie den Eisner und Harvey Award als „Beste neue Serie“.

Inzwischen ist der fünfte Sammelband mit den sympathisch-taffen Mädchen auf Deutsch erschienen. In ihm sind die Hefte # 21 bis 25 enthalten. Und es ist ein schwierig zu besprechender Sammelband. Während in die vorherigen Sammelbänden die Paper Girls durch die Abenteuer stolperten, ihren älteren Ichs begegneten und die Macher immer wieder neue Fragen und Rätsel aufwarfen, beginnen die Macher jetzt Antworten zu liefern. Es wird immer deutlicher, welche Gruppen sich bekämpfen und in welcher Gefahr die Zeitungsausträgerinnen sind.

Paper Girls 5“ ist, wie die vorherigen Bände, eine gewohnt vergnügliche Lektüre, die aber ohne die Kenntnis der vorherigen Bände kaum verständlich ist.

In den USA endete die Serie im Juli 2019 mit dem dreißigsten Heft. Inzwischen ist eine auf dem Comic basierende TV-Serie angekündigt, die es schwer haben wird, gegen die Vorlage zu bestehen.

Für Oktober ist die deutsche Übersetzung des sechsten und damit finalen „Paper Girls“-Bandes angekündigt.

Brian K. Vaughan/Cliff Chiang/Matt Wilson: Paper Girls 5

(übersetzt von Sarah Weissbeck)

Cross Cult, 2019

152 Seiten

22 Euro

Originalausgabe

Paper Girls #5

Image, 2018

enthält

Paper Girls # 21 – 25

Hinweise

Homepage von Cliff Chiang

Wikipedia über „Paper Girls“, Brian K. Vaughan (deutsch, englisch) und Cliff Chiang

Meine Besprechung von Brian Azzarellos “Wonder Woman: Blut (Band 1)” (Wonder Woman #1 – 6, 2011/2012)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Goran Sudžuka/Cliff Chiangs „Wonder Woman: Königin der Amazonen (Band 6)“ (Wonder Woman # 30 – 35, 2014)

Meine Besprechung von Brian K. Vaughan/Cliff Chiangs „Paper Girls 1“ (Paper Girls, Volume 1, 2016)

Meine Besprechung von Brian K. Vaughan/Cliff Chiangs „Paper Girls 2“ (Paper Girls, Volume 2, 2017)

Meine Besprechung von Brian K. Vaughan/Cliff Chiang/Matt Wilsons „Paper Girls 4“ (Paper Girls 4, 2018)


Serviert Adrian McKinty dem katholischen Bullen Sean Duffy 1990 in Nordirland „Cold Water“?

August 14, 2019

Sean Duffys letzter Fall?“ steht auf dem Cover und der geneigte Krimifan fragt sich sofort, leicht panisch, ob Duffy am Ende der Geschichte tot ist oder ob Duffy-Erfinder Adrian McKinty keine weiteren Duffy-Romane mehr schreiben will. Dabei hat McKinty auf seinem Blog bereits verraten, dass er schon zwei weitere Duffy-Romane geschrieben hat, die im Original 2020 erscheinen sollen. Ob dann der neunte Duffy-Roman wirklich der letzte Duffy-Roman wird, werden wir in den nächsten Jahren erfahren.

Bis dahin ist der siebte Duffy-Roman „Cold Water“ vor allem der neueste Roman mit dem katholischen Bullen, der jetzt in Belfast noch einen Fall lösen will, ehe er mit seiner Familie nach Schottland umzieht. Die nächsten Jahre wird er als Polizist mit deutlich reduzierter Arbeitszeit und Verbindungsmann für einen anstrengenden Spitzel verbringen. Er muss dann jeden Monat nur sieben Arbeitstage in Belfast verbringen. Nach dreieinhalb Jahren als Teilzeitpolizist hat er dann zwanzig Jahre als Polizist gearbeitet und Anspruch auf eine volle Pension. Das ist sein Plan.

Am 30. Dezember 1989 verschwindet das fünfzehnjährige Travellermädchen Kat McAtamney und weil die Kesselflicker gesellschaftlich geächtet sind, hält sich der Ermittlungseifer der Beamten in sehr überschaubaren Grenzen. Als Sean Duffy Anfang Januar 1990 aus einem Israelurlaub zurückkehrt, stürzt er sich auf diesen Fall. Es soll sein letzter Fall als Vollzeitpolizist sein. Er findet heraus, dass die Minderjährige als Prostituierte arbeitete, wobei sie für die älteren Männer wohl eher eine Begleiterin war, mit der sie Kulturveranstaltungen besuchten und sich über Literatur unterhielten. Denn für ein Tinkermädchen war sie außerordentlich belesen und kulturell interessiert.

Duffys Hauptverdächtigen sind Johnny Dunbar, ein Mann mit langem Strafregister aus den sechziger und siebziger Jahren, der jetzt Politiker mit terroristischer Vergangenheit werden möchte, Terry Jones, ein höherrangiger, allein lebender Beamter mit jahrelanger Auslandserfahrung, und Charles McCawley, ein Universitätsdozent der mit der Tochter des Statthalters der Queen verheiratet ist.

Jeder von ihnen hätte ein Motiv. Jeder von ihnen behauptet, dass er sie nicht tötete und dummerweise hat jeder von ihnen für die Tatnacht ein Alibi, das durchaus glaubwürdig ist, aber nicht überprüft werden kann. Charles McCawley bereitete sich auf einen Vortrag vor. Johnny Dunbar sah mit seiner Frau im Fernsehen „Gesprengte Ketten“ (Wer hat den Film nicht gesehen?) und Terry Jones übersetzte an dem Abend einige Gedichte von Catull.

Hätte ich Adrian McKintys „Cold Water“ vor John Steeles „Ravenhill“ gelesen, wäre ich wahrscheinlich niemals auf die Idee gekommen, sie als fast zeitgleich spielende Bücher über den Nordirland-Konflikt besprechen zu wollen.

Denn über weite Strecken könnte „Cold Water“ fast zu jeder Zeit und an jedem Ort spielen. Weil Kats Auto im Fluss gefunden wird, ihre Leiche bis in den Atlantik abgetrieben sein könnte und es nach dem Mord regnete, können all die modernen Methoden der Spurensuche, die wir dank CSI kennen, nicht angewandt werden. Es ist auch weitgehend egal, ob die Geschichte in Nordirland oder in einem anderen Land spielt. Jüngere Freundinnen und Minderheiten, bei denen der Ermittlungseifer der Polizei gegen Null tendiert, gibt es überall. Und dann ist Duffy hier mit einem typischen Rätselkrimiplot konfrontiert: eine Tote, mindestens drei Verdächtige und die Frage „Wer ist der Mörder?“.

Außerdem ist Sean Duffy 1990 nicht mehr der jugendliche Heißsporn, der er vor zehn Jahren war, als er sich im ersten Duffy-Roman „Der katholische Bulle“ in den Fall stürzte und jeder seiner Romanfälle auch und vor allem eine Chronik des Nordirlandkonflikts war.

In „Cold Water“ ist Duffy zwar erst neununddreißig Jahre, aber er bewegt sich wie ein deutlich älterer Ermittler durch den Fall. Außerdem ist er häuslich geworden. Er hat geheiratet und eine einige Monate alten Tochter.

Cold Water“ ist, wie die andern Duffy-Romane, ein spannender, gut geplotteter und erzählter Kriminalroman. Gegen Ende wird auch der Nordirlandkonflikt wichtiger. Aber niemals so wichtig, wie ich es für meine Doppelbesprechung von „Ravenhill“ und „Cold Water“ gerne gehabt hätte.

Adrian McKinty: Cold Water

(übersetzt von Peter Torberg)

Suhrkamp Nova, 2019

384 Seiten

15,95 Euro

Originalausgabe

The Detective up late

Blackstone Publishing, Ashland, OR, 2019

Hinweise

Blog von Adrian McKinty

Wikipedia über Adrian McKinty (deutsch, englisch)

Suhrkamp über Adrian McKinty

Krimi-Couch über Adrian McKinty

Meine Besprechung von Adrian McKintys „Ein letzter Job“ (Falling Glass, 2011)

Meine Besprechung von Adrian McKintys „Der katholische Bulle“ (The cold cold Ground, 2012)

Meine Besprechung von Adrian McKintys „Die Sirenen von Belfast“ (I hear the Sirens sing in the Street, 2013)

Meine Besprechung von Adrian McKintys „Die verlorenen Schwestern“ (In the Morning I’ll be gone, 2014)


China Miéville erzählt über „Die letzten Tage von Neu-Paris“

August 1, 2019

In diesem Fall ist es keine schlechte Idee, vor der Lektüre den Klappentext zu lesen. Denn wer einfach so mit China Miévilles „Die letzten Tage von Neu-Paris“ beginnt, wird sich fragen, was das soll. Schon auf der ersten Seite fahren zwei Frauen auf einem Tandem auf eine Barrikade zu. Hinter ihr haben sich auf sie schießende Wehrmachtssoldaten verschanzt. Die eine Frau ist ein aus dem Fahrrad wachsender Torso. Es ist ‚das Vélo‘.

Das Vélo ist die zur Realität gewordene Zeichnung „I am an Amateur of Velocipides“ (Ich bin eine Liebhaberin von Velocipeden) von Leonora Carrington, einer Surrealistin. Ihre zur Realität gewordene Zeichnung ist nur eine der zahlreichen surrealistischen Manifestationen, die es 1950 in Paris nach der 1941 erfolgten Explosion der S-Bombe gibt. Seitdem ist Neu-Paris ein von der restlichen Welt abgeschotteter Ort, an dem sich in einem Guerilla-Krieg Nazis und Résistance-Kämpfer bekämpfen. Thibaut, der besonders gut surrealistische Werke erkennt, kämpft gegen die Nazis und Dämonen, die man als bösartige Manifestationen begreifen kann. Da trifft er auf die amerikanische Fotografin Sam, die für ein Buchprojekt Bilder von allen Manifestationen machen will. Gemeinsam machen sie sich auf der Suche nach weiteren Manifestationen auf den Weg durch ein sich ständig änderndes, surreales Neu-Paris.

Wobei es in Miévilles neuem Roman nicht um die Abenteuer von Thibaut und Sam geht. Die sind nur ein vernachlässigbarer Rahmen für das Ausmalen einer surrealistischen Welt, in der surrealistische Kunstwerke (andere Kunstwerke fristen ihr bekanntes Dasein), Dämonen, Nazis, Widerstandskämpfer und was es sonst noch zwischen Kunst, fehlgeleiteter Kunst, Himmel und Hölle gibt, gegeneinander kämpfen. Oder, manchmal, auch einfach nur da sind.

Das ist ein kurzweiliger und auch sehr kurzer Spaß. Denn „Die letzten Tage von Neu-Paris“ hat, wenn man das Nachwort (das man als Teil des Romans sehen kann) und die Erklärungen zu den im Roman auftauchenden Kunstwerken abzieht, keine zweihundert Seiten. Für gestandene Science-Fiction-Fan ist das ungefähr die Länge eines Kurzromans.

Miéville ist vor allem für „Perdido Street Station“ und „Die Stadt und die Stadt“ bekannt. Seine SF-Romane erschienen bei Bastei-Lübbe und Heyne. Einige seiner Romane sind nicht mehr, andere nur noch als E-Book erhältlich. Als Einstieg in Miévilles Welt sind diese deutlich umfangreicheren Romane besser geeignet. Denn „Die letzten Tage von Neu-Paris“ ist als durchgedrehte, kunstbeflissene Alternativweltgeschichte ein ziemlich schräges Nebenwerk.

Das gesagt, ist „Die letzten Tage von Neu-Paris“ ein lesenswertes Porträt einer Welt in der eine sehr verspielte, teils sehr witzige, teils sehr bedrohliche Kunstrichtung sich in Realität manifestiert.

China Miéville: Die letzten Tage von Neu-Paris

(übersetzt von Andreas Fliedner)

Golkonda, 2019

252 Seiten

18 Euro

Originalausgabe

The last Days of New Paris

Del Rey, 2016

Hinweise

Wikipedia über China Miéville (deutsch, englisch)

Blog von China Miéville

Meine Besprechung von China Miévilles „Die Stadt & Die Stadt“ (The City & The City, 2009)


Batman sieht „Der schwarze Spiegel“ und „Die Pforten von Gotham“

Juli 29, 2019

2011 begann „American Vampire“-Erfinder Scott Snyder „Batman“-Geschichten zu erzählen. „Der schwarze Spiegel“ und „Die Pforten von Gotham“ hießen seine ersten beiden in sich abgeschlossenen „Batman“-Geschichten, die jetzt wieder auf Deutsch erhältlich sind.

Der schwarze Spiegel“ spielt nach den Ereignissen von „Final Crisis“. Batman wird für tot gehalten. Dick Grayson, Batmans originaler Sidekick Robin, lebt jetzt in Bruce Waynes riesigem Anwesen und beschützt als Batman die in Gotham lebenden Menschen. Waynes Sohn Damian ist jetzt Robin und Tim Drake, der zu einer anderen Zeit Robin war, ist jetzt Red Robin – und alle, die nicht ständig „Batman“-Heft lesen, dürften jetzt etwas verwirrt sein. Dabei ist der wichtigste Unterschied zwischen Bruce Wayne, dem originalen Batman, und Dick Grayson, dem neuen Batman, dass ihre Motivation für die Verbrechensbekämpfung unterschiedlich ist. Wayne wurde, nachdem er als Kind den Mord an seinen Eltern beobachtete, zu einer von Hass getriebenen Person. Er will das Verbrechen vernichten. Je nachdem, wer gerade Batman-Geschichten erzählt, wird deutlich, wie sehr sich sein fanatischer und auch paranoider Rachefeldzug von einem normalen, zur Not auch mit harten Bandagen geführtem Kampf für Gerechtigkeit unterscheidet.

Das will der ehemalige Zirkusartist Grayson, der in der zehn Hefte umspannenden Saga „Der schwarze Spiegel“ die Maske von Batman überstreift. Er will die Menschen von Gotham zu beschützen ohne zu einem Fanatiker zu werden.

Sein erster, zunächst unbekannter Gegner hat einem Zwölfjährigem ein gefährliches Mutagen verabreicht, das das Opfer zuerst aggressiv macht und schnell zu seinem Tod führt. Das Mutagen befand sich vorher anscheinend in den Händen des „Dealers“. In dem von ihm geleitetem „Spiegelhaus“ verkauft er bei illegalen Auktionen Dinge, die vorher Gothams bekanntesten Schurken gehörten. Batman schleicht sich maskiert in die nächste Auktion.

Mit dem Auftauchen von James Gordon Jr., dem verbrecherischen und psychopathischen Sohn von Commissioner Jim Gordon, rückt die Familie Gordon in den Mittelpunkt. Ihre Geschichte und wie Commissioner Gordon und seine Tochter mit dem Auftauchen von James Gordon umgehen, wird zu einem heftübergreifendem Subplot, während Batman gegen verschiedene Gegner kämpft und manchmal fast aus der Geschichte verschwindet. Erst am Ende fügen Autor Scott Snyder und die Zeichner Jock („The Losers“) und Francesco Francavilla Batmans Kampf gegen verschiedene Bösewichter und die Geschichte von Commissioner Gordon und seinen Kindern zusammen.

In „Die Pforten der Gotham“ muss Batman Bruce Wayne sich mit seiner Familiengeschichte und der damit verbundenen Geschichte der Großstadt Gotham auseinandersetzen. Ende des neunzehnten Jahrhunderts errichteten die damals einflussreichen Familien Wayne, Kane, Cobblepot und Elliot (deren Nachkommen nicht alle Kämpfer für die Gerechtigkeit sind) mehrere für die Entwicklung von Gotham City wichtige Brücken. Es sind die titelgebenden Pforten von Gotham. Ihre Errichtung forderte viele Opfer. Nicht nur bei den Arbeitern.

Jetzt gibt es Anschläge auf diese Brücken und der Täter scheint es wegen damaliger Ereignisse auf die Erbauerfamilien abgesehen zu haben.

Die Pforten von Gotham“ ist eine in sich abgeschlossene Miniserie, die zwei Zeitebenen miteinander verbindet und viele bekannte „Batman“-Charaktere auftreten. Dabei wirft der in der Vergangenheit spielende Erzählstrang auch einen Blick auf den damals ungezähmten Kapitalismus.

Scott Snyder/Jock/Francesco Francavilla: Batman: Der schwarze Spiegel

(übersetzt von Steve Kups und Jürgen Zahn)

Panini, 2019

300 Seiten

29 Euro

enthält

Detective Comics # 871 – 881

DC Comics, 2011

Scott Snyder/Kyle Higgins/Trevor McCarthy: Batman: Die Pforten von Gotham

(übersetzt von Steve Kups und Jürgen Zahn)

Panini, 2019

156 Seiten

15,99 Euro

enthält

Batman: Gates of Gotham # 1 – 5

DC Comics, 2011 (Sammelband 2012)

Hinweise

Wikipedia über Scott Snyder (deutsch, englisch) und Batman (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Scott Snyder/Stephen King/Rafael Albuquerques (Zeichner) „American Vampire – Band 1“ (American Vampire, Vol. 1 – 5, 2010)

Meine Besprechung von Scott Snyder/Rafael Albuquerque/Mateus Santoloucos “American Vampire – Band 2″ (American Vampire, Vol. 6 – 11, 2010/2011)

Meine Besprechung von Scott Snyder/Rafael Albuquerque/Danijel Zezeljs “American Vampire – Band 3″ (American Vampire, Vol. 12 – 18, 2011)

Meine Besprechung von Scott Snyder/Sean Murphys “American Vampire – Das Überleben des Stärkeren, Band 4″ (American Vampire: The Survival of the Fittest, 2011)

Meine Besprechung von Scott Snyder/Greg Capullos „Batman: Jahr Null – Die geheime Stadt (Band 4)“ (Zero Year – Secret City: Part 1 – 3; Zero Year – Dark City: Part 1 (Batman # 21 – 24), August – Dezember 2013)

Meine Besprechung von Scott Snyder/JamesTynion IV/Greg Capllo/Andy Clarkes „Batman: Jahr Null – Die dunkle Stadt (Band 5)“ (Batman # 25 – # 33, 2014)


Bitte einmal „Moonshine“-Schnaps von Brian Azzarello und Eduardo Risso

Juli 26, 2019

Wenn Autor Brian Azzarello und Zeichner Eduardo Risso eine neue Geschichte vorlegen, ist ihnen die Aufmerksamkeit der Noir-Comicgemeinde sicher. Mit ihrem mit mehreren Eisner Awards ausgezeichnetem Crime-Epos „100 Bullets“ schrieben sie Geschichte. Kleinere Werke, wie „Jonny Double“ (1998, ihre erste Zusammenarbeit), oder Geschichten für bereits bestehende Figuren, wie Batman, vervollständigen das Bild, dass sich zwei Geistesverwandte gefunden haben. „Moonshine“ heißt ihre neueste Zusammenarbeit und der erste Sammelband liegt jetzt auf Deutsch vor.

Die Geschichte spielt 1929 in den Appalachen in Spine Ridge, West Virginia. Es ist die Zeit der Prohibition. Für Gangster ist sie ein einträgliches Geschäft. Vor allem an der Ostküste. Aus New York schickt Joe Massseria Lou Pirlo nach Spine Ridge. Er soll mit Hiram Holt verhandelt. Denn der Schwarzbrenner destilliert einen besonders bekömmlichen Schnaps. Allerdings denkt Holt überhaupt nicht daran, mit Pirlo ins Geschäft zu kommen. Während Pirlo noch versucht mit Holt und Holts Kindern zu verhandeln, bemerkt er, dass noch etwas anderes in den Wäldern ist und dieses Wesen sieht verdammt nach einem Werwolf aus.

Moonshine“ hat alles, was zu einer zünftigen Gangstergeschichte gehört. Der Horrorplot ist auch schon sehr präsent. Und wie Azzarello und Risso nach dem Ende des ersten „Moonshine“-Bandes ihre Geschichte weitererzählen wollen, ist vollkommen unklar.

Denn die kompromisslos und ohne Rücksicht auf Verluste ausgetragene Konfrontation zwischen skrupellosen New Yorker Gangstern und sehr wehrhaften Hinterwäldlern, hat einen hohen Blutzoll und einige überraschende Wendungen. Eine klare Leseempfehlung.

In den USA ist bereits ein zweiter „Moonshine“-Sammelband erschienen. Die deutsche Ausgabe soll am 13. November erscheinen. Weitere Bände sind im Moment nicht angekündigt. Aber das sagt wenig. Azzarello und Risso sind gut beschäftigt. Image Comics, wo „Moonshine“ im Original erschient, ist ein Verlag, bei dem die Schöpfer alle Rechte an ihren Comics behalten. Das heißt, dass die Autoren darüber entscheiden, ob und wie sie eine Serie weiterführen.

Brian Azzarello/Eduardo Risso: Moonshine – Band 1

(übersetzt von Christof Banco)

Cross Cult, 2019

144 Seiten

22 Euro

Originalausgabe

Moonshine, Volume 1

Image Comics, 2017

Hinweise

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos “Jonny Double” (Jonny Double, 2002)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Marcello Frusins “Loveless 1 – Blutrache” (Loveless: A Kin’ of Homecoming, 2006)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Marcello Frusins „Loveless 2 – Begraben in Blackwater“ (Loveless: Thicker than Blackwater, 2007)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Danijel Zezeljs „Loveless 3 – Saat der Vergeltung” (Loveless: Blackwater Falls, 2008)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Danijel Zezeljs “Loveless 4 – Stunde der Abrechnung” (Loveless, Vol. 19 – 24, 2008)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos “100 Bullets 3 – Alle guten Dinge” (100 Bullets: Hang up on the Hang Low, 2001)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos „100 Bullets 5 – Du sollst nicht töten“ (100 Bullets Vol. 5: The Counterfifth Detective, 2002)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos „100 Bullets – Dekadent (Band 10)“ (100 Bullets: Decayed, Volume 68 – 75)

Meine Besprechung von Brian Azzarellos/Eduardo Rissos „!00 Bullets: Das Einmaleins der Macht (Band 11)“ (100 Bullets: Once upon a crime, Volume 76 – 83)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos „100 Bullets: Das dreckige Dutzend (Band 12)“ (100 Bullets: Dirty, Volume 84 – 88)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos “100 Bullets: Freitag (Band 13) (100 Bullets: Wilt, Volume 89 – 100)

Meine Besprechung von Brian Azzarello (Autor)/Eduardo Risso (Zeichner): Batman – Kaputte Stadt, 2012 (Broken City: Part 1 – 5, Conclusio (Batman # 620 – 625), Dezember 2003 – Mai 2004)

Meine Besprechung von Brian Azzarellos “Wonder Woman: Blut (Band 1)” (Wonder Woman #1 – 6, 2011/2012)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Lee Bermejos „Before Watchmen: Rorschach“ (Before Watchmen: Rorschach – Damntown (Part One – Four), 2012/2013)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Goran Sudžuka/Cliff Chiangs „Wonder Woman: Königin der Amazonen (Band 6)“ (Wonder Woman # 30 – 35, 2014)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Matteo Casalis „Batman: Europa (Batman: Europa, 2016)

Meine Besprechung von Frank Miller/Brian Azzarello/Andy Kubert/Klaus Janson/Brad Anderson/Alex Sinclairs „Batman – Die Übermenschen“ (Dark Knight III: The Master Race # 1 – 9, 2018 )

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos „Batman: Kaputte Stadt und weitere Abenteuer“ (Batman: Gotham Knights #8, 2000; Batman # 620 – 625, 2003/2004; Flashpoint: Batman – Knight of Vengeance # 1 – 3, 2011; Wednesday Comics # 1 – 12, 2009)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Lee Bermejos „Batman: Damned – Band 1“ (Batman: Damned # 1, 2018)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Lee Bermejos „Batman: Damned – Band 2“ (Batman: Damned # 2, 2018)


Alte und neue Batman-Geschichten von Brian Azzarello

Juli 24, 2019

Mit der überragenden und auch überragend langen Noir-Crime-Serie „100 Bullets“ entwarfen Autor Brian Azzarello und Zeichner Eduardo Risso zwischen 1999 und 2009 in hundert Heften eine alternative und sehr verwickelte Geschichte der USA. In ihren Batman-Geschichten, die jetzt vollständig in dem Sammelband „Kaputte Stadt und weitere Geschichten“ vorliegen und wenigstens teilweise schon auf Deutsch veröffentlicht wurden, zeigen sie, dass ihre düstere „100 Bullets“-Weltsicht gut in den Batman-Kosmos passt. Aber das hatte spätestens seitdem „Sin City“-Erfinder Frank Miller Batman-Geschichten schrieb, niemand mehr bezweifelt.

In „Kaputte Stadt und weitere Geschichten“ sind die beiden langen Geschichten „Kaputte Stadt“ (sechs Hefte) und „Ritter der Rache“ (drei Hefte) und zwei kurze Geschichten enthalten.

In „Kaputte Stadt“ sucht ‚Batman‘ Bruce Wayne den Mörder von Elizabeth, der jungen Schwester des halbseidenen Autohändlers Angel Lupos. Er glaubt, dass „Killer Croc“ Waylon Jones das Mädchen in Lupos‘ Auftrag ermordete. In dieser Geschichte wird Batman, kurz nach 9/11, zu einem humorlosen Folterer, der Beweise nach eigenem Gutdünken verwendet.

Die „Flashpoint“-Crossover-Story „Ritter der Rache“ spielt in einer Parallelwelt, in der in der dunklen Gasse in Gotham City nicht die Eltern von Bruce Wayne, sondern Bruce Wayne starb. Danach wurde Bruces Vater zu Batman, der auch in dieser Welt gegen den Joker kämpfen muss. Wenn es denn der Joker ist.

Azzarello und Risso erzählen in „Kaputte Stadt und weitere Geschichten“ düstere Noir-Geschichten, in denen Batman kein Strahlemann ist.

Batman: Damned“ ist Brian Azzarellos neueste Batman-Geschichte. Gezeichnet wird sie von Lee Bermejo. Mit ihm arbeitete er bereits bei „Batman/Deathblow“, Batman: Joker“, „Lex Luthor: Mann aus Stahl“ und „Before Watchmen: Rorschach“ zusammen.

Ihre neueste Zusammenarbeit ist der Start der neuen Reihe „DC Black Label“. Die Geschichten spielen außerhalb der bekannten Batman-Chronologie und es sollen explizit erwachsene Geschichten erzählen werden. Das tun Azzarello und Bermejo. Für einen Einstieg in den Batman-Kosmos eignet sich Azzarello/Bermejos Batman-Geschichte allerdings nur bedingt. Denn ohne wenigstens rudimentäre Kenntnisse der Welt von Batman ist sie verwirrend und undurchschaubar.

In „Damned“ trifft Batman Bruce Wayne auf Hellblazer John Constantine, der die Geschichte erzählt und der von sich behauptet, der unzuverlässigste Erzähler von allen zu sein. Nachdem Batman bei einem Kampf mit verletzt wird, kann er kurz vor seiner Enttarnung aus einem Krankenwagen fliehen. Später erfährt er aus den Nachrichten, dass sein Erzfeind, der Joker, tot ist. Er möchte herausfinden, ob er ihn getötet hat.

Aber „Batman: Damned“ ist keine einfach nacherzählbare Ermittlergeschichte, sondern ein Fiebertraum, in dem er auf alte Gegner und Dämonen trifft. Lee Bermejos wild über die Seiten angeordneten Zeichnungen visualisieren sofort, wie sehr Wayne die Kontrolle über die Ereignisse und Gotham verliert. Aber John Constantine ist da.

Damned“ ist ein in sich abgeschlossenes auf drei Bücher aufgeteiltes Batman-Abenteuer. Die ersten beiden großformatigen Bände liegen inzwischen auf Deutsch vor. Der dritte und die Miniserie abschließende Band ist für den 3. Dezember angekündigt.

Demnächst: Meine Besprechung von Brian Azzarello und Eduardo Rissos neuester Zusammenarbeit: der während der Prohibition in den Appalachen spielenden Krimiserie „Moonshine“.

Brian Azzarello/Eduardo Risso: Batman: Kaputte Stadt und weitere Abenteuer

(übersetzt von Steve Kups)

Panini, 2019

260 Seiten

26 Euro

enthält

Batman: Gotham Knights #8, 2000

Batman # 620 – 625, 2003/2004

Flashpoint: Batman – Knight of Vengeance # 1 – 3, 2011

Wednesday Comics # 1 – 12, 2009

Brian Azzarello/Lee Bermejo: Batman: Damned – Band 1

(übersetzt von Josef Rother)

Panini, 2019

60 Seiten

12,99 Euro

Originalausgabe

Batman: Damned # 1

DC Black Label, 2018

Brian Azzarello/Lee Bermejo: Batman: Damned – Band 2

(übersetzt von Josef Rother)

Panini, 2019

60 Seiten

12,99 Euro

Originalausgabe

Batman: Damned # 2

DC Black Label, 2018

Hinweise

DC Comics über Batman

Wikipedia über Batman (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos “Jonny Double” (Jonny Double, 2002)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Marcello Frusins “Loveless 1 – Blutrache” (Loveless: A Kin’ of Homecoming, 2006)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Marcello Frusins „Loveless 2 – Begraben in Blackwater“ (Loveless: Thicker than Blackwater, 2007)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Danijel Zezeljs „Loveless 3 – Saat der Vergeltung” (Loveless: Blackwater Falls, 2008)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Danijel Zezeljs “Loveless 4 – Stunde der Abrechnung” (Loveless, Vol. 19 – 24, 2008)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos “100 Bullets 3 – Alle guten Dinge” (100 Bullets: Hang up on the Hang Low, 2001)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos „100 Bullets 5 – Du sollst nicht töten“ (100 Bullets Vol. 5: The Counterfifth Detective, 2002)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos „100 Bullets – Dekadent (Band 10)“ (100 Bullets: Decayed, Volume 68 – 75)

Meine Besprechung von Brian Azzarellos/Eduardo Rissos „!00 Bullets: Das Einmaleins der Macht (Band 11)“ (100 Bullets: Once upon a crime, Volume 76 – 83)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos „100 Bullets: Das dreckige Dutzend (Band 12)“ (100 Bullets: Dirty, Volume 84 – 88)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos “100 Bullets: Freitag (Band 13) (100 Bullets: Wilt, Volume 89 – 100)

Meine Besprechung von Brian Azzarello (Autor)/Eduardo Risso (Zeichner): Batman – Kaputte Stadt, 2012 (Broken City: Part 1 – 5, Conclusio (Batman # 620 – 625), Dezember 2003 – Mai 2004)

Meine Besprechung von Brian Azzarellos “Wonder Woman: Blut (Band 1)” (Wonder Woman #1 – 6, 2011/2012)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Lee Bermejos „Before Watchmen: Rorschach“ (Before Watchmen: Rorschach – Damntown (Part One – Four), 2012/2013)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Goran Sudžuka/Cliff Chiangs „Wonder Woman: Königin der Amazonen (Band 6)“ (Wonder Woman # 30 – 35, 2014)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Matteo Casalis „Batman: Europa (Batman: Europa, 2016)

Meine Besprechung von Frank Miller/Brian Azzarello/Andy Kubert/Klaus Janson/Brad Anderson/Alex Sinclairs „Batman – Die Übermenschen“ (Dark Knight III: The Master Race # 1 – 9, 2018 )


Über John Steeles fabelhaften Nordirland-Krimi „Ravenhill“

Juli 21, 2019

Nach über zwanzig Jahren kehrt Jackie Shaw nach Belfast zurück. Als er seinen Geburtsort 1993 verließ, herrschte Bürgerkrieg. Während der Troubles bekämpften sich für Außenstehende zahlreiche, kaum unterscheidbare terroristische, militärische und parlamentarische Gruppen. Die Grenzen verliefen zwischen religiösen und politischen Fronten – und selbstverständlich mischten Polizei, Geheimdienste und Militär mit.

Mit dem Karfreitagsabkommen (Good Friday Agreement) wurde am 10. April 1998 der Frieden zwischen den verschiedenen nordirischen Konfliktparteien, dem Vereinigten Königreich und Irland besiegelt. Die Grenze zwischen Irland und Nordirland verschwand. Das Morden hörte auf.

Wie brüchig dieser Frieden ist, den der künftige britische Premierminister (und dabei ist es egal, ob es der Favorit Boris Johnson oder sein inzwischen chancenloser Konkurrent Jeremy Hunt wird) zugunsten illusionärer Brexit-Träume opfern will, zeigt John Steele in seinem Debütroman. Dabei erschien „Ravenhill“ im Original bereits 2017.

Sein Protagonist Jackie Shaw kehrt nach Belfast zur Beerdigung seines Vaters zurück. Seit seinem damaligen Verschwinden wurde er für tot gehalten.

Kaum hat er das Flugzeug verlassen, wird er von einem MI5-Agenten begrüßt. Kurz darauf wird er von zwei alten UDA-Bekannten, die inzwischen Fulltime-Gangster sind, quasi entführt. Rab Simpson will, dass er Billy Tyrie tötet. Tyrie, dass er Simpson tötet. 1993 gehörten sie zur Belfast East Brigade der UDA (Ulster Defence Association) und sie taten, was Terroristen in kaderhaft geführten Organisationen so tun. Schon damals waren sie auch in kriminelle Geschäfte verwickelt.

Nach einem bis heute nicht aufgeklärten Bombenanschlag auf eine Videothek an der Ravenhill Road, bei der elf Menschen, darunter neun Zivilisten, starben, wurde über den Urheber des Anschlags gerätselt und die UDA vermutete, dass es in den eigenen Reihen einen Polizeispitzel gab.

John Steele springt in seinem Krimi kapitelweise zwischen der Gegenwart und 1993 hin und her. Das ist einerseits eine gute Idee, um das Interesse wach zu halten und schnell eine den Roman überspannende, auf zwei Zeitebenen spielende Spannungskurve zu etablieren. Außerdem wird gezeigt, wie gegenwärtig die Troubles sind und dass die früheren Gegner nur einen jederzeit aufkündbaren Waffenstillstand geschlossen haben. Allerdings ist durch das ständige Hin- und Herspringen der Lesefluss etwas stockend.

Wie sein Protagonist Shaw verließ der gebürtige Belfaster John Steele als junger Erwachsener seinen Heimatort, reiste durch die Welt und lebt inzwischen in England. Er ist ein Fan der harten siebziger Jahre TV-Krimiserien wie „The Sweeney“, von Filmen wie „The Long Good Friday“, „The French Connection“, „The Taking von Pelham One Two Three“, und von Noir-Autoren wie Ted Lewis und Derek Raymond. Diese Vorbilder erkennt man mühelos in „Ravenhill“. Außerdem ist sein Noir seine Liebeserklärung an seine Heimatstadt und ihre Geschichte. Im Nachwort schreibt er, dass es zwar das Attentat auf die Videothek niemals gegeben habe, aber vieles auf Tatsachen basiere. Das Buch soll, so Steele, seiner Tochter, wenn sie alt genug ist, um diese Sorte Roman zu lesen, zeigen, wo er herkommt und wie schön Belfast ist.

Es ist allerdings auch eine Stadt, die erst seit einigen Jahren kein Bürgerkriegsgebiet mehr ist. Die alten, teilweise seit Jahrhunderten gepflegten Konflikte bestehen immer noch. Die damals an den Morden beteiligten Männer leben heute immer noch und sie sind noch etliche Jahre von der Pensionsgrenze entfernt. Da ist, wenn das Karfreitagsabkommen gekündigt wird, der Griff zu den Waffen nicht weit.

Selbstverständlich ist „Ravenhill“ kein Sachbuch, sondern ein Noir. Aber Steele erzählt Jackie Shaws Geschichte so nah an der Realität entlang, dass sie immer mühelos erkennbar ist. Es ist auch immer erkennbar, welches Pulverfass Nordirland immer noch ist. Den Rest erledigt ein Blick in die Tageszeitung.

Da ist, wenn die Tories im Rahmen ihrer Brexit-Fantasien nebenbei das Karfreitagsabkommen kündigen, der Griff zu den Waffen nicht weit.

Eine Möglichkeit das zu verhindern, wäre wenn Nordirland das Vereinigte Königreich verlässt und Teil von Irland wird. Diese Möglichkeit wird im Moment in Nordirland diskutiert.

John Steele: Ravenhill

(übersetzt von Robert Brack)

Polar Verlag, 2019

352 Seiten

20 Euro

Originalausgabe

Ravenhill

Silvertails Books, 2017

Hinweise

Twitterkanal von John Steele

The Rap Sheet: John Steele über „Ravenhill“


„Der Tod der Wahrheit“ durch die Kultur der Lüge?

Juli 10, 2019

Die Postmoderne ist schuld. Mal wieder. Schließlich haben postmoderne Philosophen erklärt, dass es keine endgültige Wahrheit und auch keine unumstrittenen Fakten gibt. Alles kann in jeder beliebigen Richtung interpretiert und dekonstruiert werden.

Das ist natürlich zuerst einmal ein philosophisches Programm und damit eine Anleitung, Texte zu lesen. Es ist auch, in einem gewissen Rahmen, nicht besonders neu, sondern nur eine Radikalisierung des alten wissenschaftlichen Programms, nach dem es einen Erkenntnisfortschritt nur geben kann, indem alte Gewissen in Frage gestellt und überprüft werden. Die Radikalisierung bestand darin, dass der Universitätslehrer nicht mehr den Schiedsrichter spielt, der durch seine Notenvergabe die richtige von der falschen Meinung unterscheidet.

Folgerichtig tobten postmoderne Philosophen sich in Textwelten und der Literatur aus. In der politischen Wissenschaft war diese Philosophierichtung niemals richtig populär.

Trotzdem hat, so Michiko Kakutanis These, postmodernes Denken Einzug in die Politik gefunden und der Erfolg der Trump-Administration sei so erklärbar. Weil es im postmodernen Denken keine ‚Wahrheit‘ und keine ‚Lüge‘ gebe, könne Trump alles mögliche behaupten und die Menschen glaubten ihm. Auch weil es in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten Entwicklungen gab, die dazu führten, dass Vernunft, Wahrheit, rationales Denken und ein öffentlicher Diskurs, der Meinungen von Fakten und vollkommenem Blödsinn trenne, nicht mehr gebe.

Das ist in jedem Fall eine interessante These, die die ehemalige „New York Times-Hauptrezensentin Michiko Kakutani in ihrem Buch „Der Tod der Wahrheit“ ausbreitet. Sie untermauert sie mit vielen gut gewählten Zitaten von postmodernen Philosophen, ehe sie sich die „alternativen Fakten“ der Trump-Administration vornimmt. In dem Moment rekurriert sie dann wieder auf das klassische Konzept von „Wahrheit“ und „Lüge“ bzw. von wahren und falschen Aussagen. Es sind Aussagen, die mit unumstrittenen Fakten untermauert werden. Wie die Zahl von Besuchern bei einer Veranstaltung. Es sind auch Fakten, auf die wir uns verständigt haben. Dazu gehören wissenschaftliche Erkenntnisse und Regelwerke, wie Gesetze und Verträge. Ohne ein solches von allen geteiltes Fundament von Wissen, Regeln und Erkenntnissen ist ein Zusammenleben nicht möglich.

Das bestätigt Kakutani in ihrem Sachbuch, das auch zahlreiche Lügen von Donald Trump und seiner Gefolgschaft Revue passieren lässt. In dem Moment lässt sie, und das ist gut so, ihre Ausgangsthese links liegen.

Denn die postmodernen Philosophen haben sicher nicht gewollt, dass ihre Theorie so auf die Realität angewandt wird und dass in der Politik alles zu einer offenen Interpretationssache wird, in der jede Meinung die gleiche Bedeutung hat und es egal ist, ob die Interpretation irgendetwas mit der Realität und Fakten zu tun hat. Also Lügen, ein Wahngebilde, Illusionen und Fantasien den gleichen Stellenwert haben wie eine rationalen, faktenbasierte Politik.

Insofern ist Kakutanis These, dass postmoderne Theorien die Grundlage für Trumps Politik der Lüge legten, eine Adelung, die er und seine Gefolgsleute (in den USA und anderen Ländern) nicht verdienen.

Denn Trump und seine Konsorten sind keine Theoretiker und auch keine Menschen, denen ich komplexes Denken in abstrakten Theoriegebäuden zutraue. Sie sind auch keine Menschen, die mit den Kategorien von „Wahrheit“ und „Lüge“ etwas anfangen können. Sie sind Gebrauchtwagenverkäufer, die einem alles erzählen, um ein Schrottauto zu verkaufen und, kaum hat das Auto den Parkplatz verlassen, jede Verantwortung für ihre Handlungen ablehnen.

Vor allem wegen der vielen gut gewählten Zitate, die zum Nachdenken anregen können, ist „Der Tod der Wahrheit“ lesenswert. Im Hauptteil rekapituliert die Literaturkritikerin Kakutani vor allem die Lügen der Trump-Regierung. Wer in den vergangenen Monaten die US-Politik in einer Mischung aus Entsetzen und Faszination für eine fehlgeleitete Horrorshow verfolgte, wird diese Zitate weitgehend kennen.

Michiko Kakutani: Der Tod der Wahrheit – Gedanken zur Kultur der Lüge

(übersetzt von Sebastian Vogel)

Klett-Cotta, 2019

200 Seiten

20 Euro

Originalausgabe

The Death of Truth. Notes on Falsehood in the Age of Trump

Tim Duggan Books, 2018

Hinweise

Perlentaucher über „Der Tod der Wahrheit“

Wikipedia über Michiko Kakutani (deutsch, englisch)