Indianerland II: Marcie Rendon klärt den Mord „Am roten Fluss“

Januar 6, 2018

North Dakota ist fast ein Nachbarstaat von Wyoming, wo Craig Johnsons Longmire-Kriminalromane spielen. Der Bundesstaat ist etwas kleiner und dichter bevölkert als Wyoming. Verglichen mit Deutschland ist auch dieser US-Staat eine riesige, menschenleere Gegend. Aber dank Fargo – dem Spielfilm oder der TV-Serie, weniger wegen der real existierenden Stadt (mit 120.000 Einwohnern die größte Stadt des Landes [Herrje, sogar das kleine Saarbrücken hat mit knapp 180.000 Einwohnern mehr Einwohner.]) – ist North Dakota wesentlich bekannter als Wyoming.

In der Gegend um Fargo im Sommer 1970 spielt Marcie Rendons Romandebüt „Am roten Fluss“. Damals hatte Fargo nur 53.000 Einwohner. In North Dakota lebten etwas über 630.000 Menschen.

Der titelgebende Red-River-Fluss (bzw. genaugenommen Red River of the North) markiert die Grenze zwischen Norddakota und Minnesota. Und während es für die Einwohner egal ist, in welchem Staat im Weizengürtel der USA sie gerade sind, ist es für die Polizei bei Ermittlungen nicht egal. Auch wenn Rendon in ihrem Roman nur einen nur allzu alltäglichen Fall mit einem ebenso banalen Motiv schildert. Es ist ein Fall, der damals wahrscheinlich nur deshalb in der Regionalzeitung erwähnt wurde, weil die Zeitungsseiten gefüllt werden müssen.

An einem Tag im August wird auf einem Stoppelfeld ein ermordeter Landarbeiter gefunden. Er wurde erstochen. Die neunzehnjährige Renee Blackbear, genannt Cash, fährt, nachdem sie von dem Fund der Leiche im Radio gehört hat, zum Tatort. Sie hatte, wie öfters, ein Gefühl, dass sie dorthin fahren sollte (Nebenbei bemerkt: solche Gefühle und Visionen sind ein guter Short Cut um alle möglichen Zufälle flott zu erklären.). Ihr väterlicher Freund, Sheriff Wheaton, bittet sie, der Frau des Toten die Nachricht zu überbringen. Weil der Tote aus der Red-Lake-Reservation stammt, hat das FBI den Fall übernommen. Aber Wheaton würde den Fall gerne vor den FBI-Agenten aufklären und Cash kann ihm dabei helfen. Denn sie ist selbst Indianerin. Außerdem wurde sie als Kind von ihrer Mutter getrennt. Die war Alkoholikerin und konnte deshalb, nach Ansicht der Fürsorge, Cash nicht erziehen. Cash erlebte danach, wie unzählige andere Indianerkinder, eine Odyssee durch zahllose Pflegefamilien. Wheaton half ihr in dieser Zeit immer wieder.

Cash beginnt sich auch in den Bars von Halstad umzuhören. Schnell trifft sie auf die Mörder von ‚Tony O‘ Day Dodge. Dummerweise kann sie sie in der Nacht nicht erkennen. Sie werden aber auf sie aufmerksam und schießen auf sie. Cash kann entkommen. Aber die Mörder wissen jetzt, dass jemand sie identifizieren kann.

Der Kriminalfall, verstanden als die Suche und Überführung der Täter, ist für Marcie Rendon, Stammesangehörige der in Minnesota lebenden Anishinabe White Earth Nation und Stückeschreiberin, nur der Vorwand, um über das ärmliche Leben am Red River um 1970 zu erzählen. Ein durchgehendes, nicht mit dem Mordmotiv verknüpftes Thema ist dabei der Umgang der weißen Mehrheitsgesellschaft mit Kindern von Indianern, die von ihren Eltern getrennt und in Pflegefamilien gegeben oder in spezielle Internate, die Indian Boarding Schools, gesteckt wurden. Dort sollten ihnen die traditionellen Lebensweisen aberzogen werden zugunsten einer Assimilierung an westliche Normen und das Christentum.

Rendons Krimi ist, wie Craig Johnsons „Longmire: Bittere Wahrheiten“, untrennbar mit dem Handlungsort und den dort lebenden Menschen verbunden. Und, wie Johnson, hat sie mit Cash und Sheriff Wheaton ein äußerst sympathisches Ermittlergespann erfunden, das gerne noch einige weitere Fälle lösen kann.

Marcie Rendon: Am roten Fluss

(übersetzt von Laudan & Szelinski)

Ariadne, 2017

224 Seiten

13 Euro

Originalausgabe

Murder on the Red River

Cinco Puntos Press, El Paso 2017

Hinweise

Homepage von Marcie Rendon

The Authors Guild über Marcie Rendon

Ariadne über Marcie Rendon

 


„Paper Girls 3“, vier, fünf – und immer noch nicht am Ziel

Januar 5, 2018

Zeitung tragen die vier Paper Girls schon lange nicht mehr aus. Das taten sie nur auf den ersten Seiten der von Brian K. Vaughan geschriebenen und Cliff Chiang gezeichneten, mit mehreren Eisner Awards ausgezeichneten Comicserie, von der jetzt der dritte Sammelband erschienen ist. Er enthält die Hefte 11 bis 15 und erzählt wieder eine in sich abgeschlossene, nun, Episode.

Alles begann an Halloween 1988, als die Mädchen Tiffany, Erin, MacKenzie und KJ beim morgendlichen Austragen der Tageszeitung im Keller eines Hauses ein unbekanntes Flugobjekt (das aussieht, wie ein Fünfziger-Jahre-SF-Film-Ufo) entdecken und viele Aliens in der Vorstadt auftauchen. Durch einen Falz springen sie in das Jahr 2016, treffen die ältere Erin Tieng und am Ende des zweiten „Paper Girl“-Sammelbandes springen sie wieder in eine andere Zeit. Sie landen in einer urwaldähnlichen Region. Aber zunächst wissen sie nicht, ob sie – denn Zeitreisen funktionieren in die Vergangenheit und die Zukunft – in der Vergangenheit oder der Zukunft gelandet sind.

Sie sind 11.706 v. Chr. gelandet und nach einer kurzen Atempause wieder in höchster Gefahr. Neben den hungrigen Urviechern treffen sie auf sehr unfreundliche Ureinwohner und die Zeitreisende Dr. Qanta Braunstein, Projektleiterin bei AppleX, die eigentlich nur beobachten soll.

Auch der dritte „Paper Girls“-Sammelband enthält eine flott erzählte, an einem Ort spielende Geschichte. Dieses Mal werden verschiedene in den ersten beiden Bänden eingeführte Handlungsstränge nicht fortgeführt.

Und weil „Paper Girls“ auf keine bestimmte Zahl von Heften festgelegt ist, können die Abenteuer der Paper Girls noch ewig weitergehen. Bis jetzt halte ich das für eine gute Sache.

Brian K. Vaughan/Cliff Chiang: Paper Girls 3

(übersetzt von Sarah Weissbeck)

Cross Cult, 2018

144 Seiten

22 Euro

Originalausgabe

Paper Girls, Volume 3

Image, 2017

enthält

Paper Girls # 11 – 15

Hinweise

Homepage von Cliff Chiang

Wikipedia über „Paper Girls“, Brian K. Vaughan (deutsch, englisch) und Cliff Chiang

Meine Besprechung von Brian Azzarellos “Wonder Woman: Blut (Band 1)” (Wonder Woman #1 – 6, 2011/2012)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Goran Sudžuka/Cliff Chiangs „Wonder Woman: Königin der Amazonen (Band 6)“ (Wonder Woman # 30 – 35, 2014)

Meine Besprechung von Brian K. Vaughan/Cliff Chiangs „Paper Girls 1“ (Paper Girls, Volume 1, 2016)

Meine Besprechung von Brian K. Vaughan/Cliff Chiangs „Paper Girls 2“ (Paper Girls, Volume 2, 2017)


Ein Besuch in Millarworld: „Genosse Superman“, „Huck“ und die „Empress“ sind „Reborn“

Januar 2, 2018

Mit Geschichten wie „Wanted“ und „Kick-Ass“ wurde Mark Millar bekannt und, egal wie sehr sie einem gefallen, sind es Geschichten für pubertierende Jungs. Inzwischen ist Millar in zweiter Ehe verheiratet, hat zwei Kinder und darf bald seinen fünfzigsten Geburtstag feiern (Ähem, nachträglich: Alles Gute zum Geburtstag, der am 24. Dezember war). Wie das Perspektiven verändert, sieht man in seinen neuen Werken „Reborn“ und „Empress“.

Doch beginnen wir unseren kleinen Überblick über seine neu auf Deutsch erschienenen, durchgehend lesenswerten Werke mit einem Frühwerk. Als vierter Band der „Mark Millar Collection“ erschien „Genosse Superman“. Wie man bei dem Titel schon vermuten kann, handelt es sich um keine gewöhnliche Superman-Geschichte. Aber wer hätte das, ehrlich gesagt, bei Millar erwartet? Schließlich verbindet er immer wieder eine bekannte Geschichte mit einem besonderen Twist. Bei „Kick-Ass“ erzählt er, zum Beispiel, eine typische Superhelden-Origin-Geschichte. Nur ist sein Held kein Superheld, sondern ein ganz normaler, verweichlichter, unsportlicher Nerd, der ohne die Hilfe von Hit-Girl keine zwei Minuten überleben würde. Sie ist ein Mädchen, das reihenweise Männer tötet.

In „Genosse Superman“ ist es die Idee, dass Superman nicht in den USA, sondern in der UdSSR landete, die die bekannte Superman-Geschichte radikal verändert. In der Ukraine wuchs er auf einer Kolchose auf. Danach setzte er seine Kräfte für den Ostblock ein und das verändert den Lauf der gesamten Nachkriegsgeschichte.

Für den freien, kapitalistischen Westen sucht Lex Luthor nach einem Weg, um Superman zu besiegen. Immerhin ist er eine Bedrohung für die USA, ihren Lebensstil und die von ihr forcierte Ideologie.

Mark Millars Superman-Geschichte, sozusagen eine Alternativwelt-Geschichte zu einer erfundenen Geschichte, erschien im Original erstmals 2003.

Im Rahmen der Mark Millar Collection ist sie jetzt mit zahlreichen Zeichnungen aus den Skizzenbüchern der Zeichner Dave Johnson und Kilian Plunkett wieder veröffentlicht worden.

Fast, aber wirklich nur fast, schließt „Huck – Held wieder Willen“ daran an. Im Mittelpunkt steht Huck. Er lebt in einem kleinen Dorf in den USA ein einfaches, glückliches Leben als Tankwart. Seine Nachbarn mögen ihn. Das Findelkind mag sie. Er hilft ihnen. Auch mit seinen Superkräften, die die Dorfbewohner klaglos akzeptieren. Denn jeden Tag vollbringt er, in schönster Pfadfindertradition, eine gute Tat.

Als die kürzlich zugezogene Diane von seinen Fähigkeiten erfährt, erzählt sie es der Presse. Selbstverständlich belagern die Medien das Dorf. Auch Hucks Bruder meldet sich. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg, ihre Mutter zu suchen – und das Geheimnis ihrer Herkunft aufzudecken.

Die untergegangene Sowjetunion spielt eine Rolle dabei und die Lösung erinnerte mich an die Prämisse der TV-Science-Fiction-Serie „Dark Angel“ (Kennt die noch jemand? Außerdem sollte ich sie mir mal zu Ende ansehen und die Romane von Max Allan Collins lesen.).

Huck“, zusammen mit Rafael Albuquerque (American Vampire) geschrieben und im Original 2015/2016 erschienen, bewegt sich noch in dem altbekannten Millar-Kosmos.

Die danach erschienenen Folgewerke „Empress“ und „Reborn“ unterscheiden sich deutlich von „Huck“. Nicht nur weil beide Male Frauen die Protagonistinnen sind (das ist bei Millar ja nicht ungewöhnlich), sondern weil die eine Frau eine Mutter und die andere eine alte, gerade verstorbene Frau ist. Und das ist bei Millar, dessen Protagonisten normalerweise junge Kindsköpfe sind, schon sehr ungewöhnlich. Spontan fallen mir nur „Old Man Logan“ und seine „Flash Gordon“-Liebeserklärung „Starlight“ ein. In dieser, im Original 2014 erschienen Geschichte ist der Protagonist ein Großvater, der als junger Air-Force-Pilot einen weit, weit entfernten Planeten von einem Diktator befreite und jetzt wieder in diese Welt zurückkehren muss.

Empress“ spielt in einer Fantasy-Welt, die an die alten „Flash Gordon“-Serials erinnert und vom ersten bis zum letzten Panel eine waschechte Space-Opera ist.

Weil Königin Emporia für ihre Kinder ein glückliches Leben will, flüchtet sie vor ihrem Mann, dem diktatorischen König Morax, auf einen fremden Planeten.

Morax schickt wutentbrannt seine Schergen hinter ihr her und schon beginnt ein munteres Planetenhopping von einem gefährlichen Planeten zum nächsten.

Und mehr zu verraten, würde wirklich den Spaß bei dieser flotten Space Opera verderben.

In „Reborn“ stirbt die 78-jährige Bonnie Black im Krankenhaus. Mit ihrem Tod (jedenfalls vermuten wir das in dem Moment) betritt sie, wie „Alice im Wunderland“, eine andere, eine fantastische Welt, in der sie viele alte Bekannte aus ihrer Vergangenheit trifft, wie ihren Vater, ihre Katze Frosty (jetzt General Frost und sehr stinkig) und ihre frühere beste Freundin, die jetzt die Elfenkönigin ist. Teilweise haben ihre alten Bekannte, Freunde und Verwandten in Adystria ihre Gestalt geändert.

Von ihrem Vater wird Bonnie als die große Hoffnung für diese Welt angesehen. Aber bevor sie gegen die Bösen in die Schlacht zieht, möchte sie ihren vor vierzehn Jahren verstorbenen Ehemann finden. Zusammen mit ihrem Vater und ihrem Hund Roy-Boy (inzwischen ein Pudel von der Größe eines Pferdes) machen sie sich auf die Suche nach ihm. In einer Welt, die aus einem Fantasy-Spektakel oder eben „Alice im Wunderland“ stammen könnte und Bonnies wildes Abenteuer eine Fantasie, ein Traum, sein könnte.

Empress“ und „Reborn“ haben alles, was man von einer Mark-Millar-Geschichte erwartet. Nur dass es dieses Mal etwas mehr Altersweisheit als gewohnt gibt.

Mark Millar/Dave Johnson/Kilian Plunkett: Genosse Superman (Mark Millar Collection 4)

(übersetzt von Christian Heiss)

Panini, 2017

172 Seiten

24, 99 Euro

Originalausgabe

Superman: Red Son # 1 – 3

DC Comics, 2003

Mark Millar/Rafael Albuquerque/Dave McCaig: Huck – Held wider Willen

(übersetzt von Bernd Kronsbein)

Panini, 2017

164 Seiten

19,99 Euro

Originalausgabe

Huck # 1 – 6

Millarworld, November 2015 – April 2016

Mark Millar/Stuart Immonen: Empress

(übersetzt von Bernd Kronsbein)

Panini, 2017

200 Seiten

19,99 Euro

Originalausgabe

Empress # 1 – 7

Millarworld, Juni 2016 – Januar 2017

Mark Millar/Greg Capullo: Reborn

(übersetzt von Bernd Kronsbein)

Panini, 2017

180 Seiten

19,99 Euro

Originalausgabe

Reborn # 1 – 6

Millarworld, Oktober 2016 – Juni 2017

Hinweise

Homepage von Mark Millar

Meine Besprechung von Mark Millar/J. G. Jones‘ „Wanted (Mark Millar Collection 1)“ (Wanted # 1 – 6, Dezember 2003 – Februar 2005)

Meine Besprechung von Mark Millar/Steve McNivens „Nemesis“ (Nemesis, 2010/2011)

Meine Besprechung von Mark Millar/Grant Morrisons “Vampirella: Heiliger Krieg (Master Series 1)”

Meine Besprechung von Mark Millar/Steve McNivens „Wolverine: Old Man Logan“ (Old Man Logan, 2008/2009)

Meine Besprechung von Mark Millar/John Romita, Jr. „Kick-Ass 2 (Band 1)“ (Kick-Ass 2 – Issue 1 – 4, Dezember 2010 – November 2011)

Meine Besprechung von Mark Millar/John Romita, Jr. „Kick-Ass 2 (Band 2)“ (Kick-Ass 2 – Issue 5 – 7, Januar – Mai 2012)

Meine Besprechung von Mark Millar/John Romita, Jr. „Hit-Girl – Kick-Ass 2: Die Vorgeschichte“ (Hit-Girl, Issue 1 – 5, August 2012 – April 2013)

Meine Besprechung von Mark Millar/Leinil Yus „Superior – Band 2“ (Superior, Issue 5 – 7, Dezember 2011 – März 2012)

Meine Besprechung von Mark Millar/Dave Gibbons‘ „Secret Service“ (Secret Service # 1- 6, Juni 2012 – April 2013)

Meine Besprechung von Mark Millar/John Romita jr. „Kick-Ass 3 – Band 1“ (Kick-Ass 3, # 1 – 5, Juli 2013 – Januar 2014)

Meine Besprechung von Mark Millar/John Romita jr. „Kick-Ass 3 – Band 2“ (Kick-Ass 3 – # 6 – 7, April – August 2014)

Meine Besprechung von Mark Millar/Leinil Yu/Nacho Vigalondos (Co-Autor/Drehbuch) „Super Croocks – Band 1: Der Coup“ (Super Crooks # 1 – 4, 2012)

Meine Besprechung von Jeff Wadlows Mark-Millar-Verfilmung „Kick-Ass 2“ (Kick-Ass 2, USA 2013)

Meine Besprechung von Matthew Vaughns Mark-Millar-Verfilmung „Kingsman: The Secret Service“ (Kingsman: The Secret Service, USA/Großbritannien 2015)


Indianerland I: Craig Johnson verabreicht „Longmire: Bittere Wahrheiten“

Dezember 29, 2017

Walt Longmire ist seit Ewigkeiten Sheriff in Absaroka County, Wyoming; einem fast menschenleeren Landstrich in den USA. Wyoming ist der bevölkerungsärmste Bundesstaat der USA. Mit 585.000 Einwohnern hat er sogar weniger Einwohner als Washington, D. C., oder, anders gesagt, weniger Einwohner als zwei x-beliebige Berliner Bezirke. Bei der Fläche sieht es anders aus. Mit 253.596 km² ist Wyoming zwar kleiner als Deutschland (357.376 km²), aber deutlich größer als jedes Bundesland. Da verbringt Longmire schon halbe Arbeitstage in seinem Auto auf der Fahrt zu verschiedenen Befragungen und Tatorten.

Eines Tages im Spätherbst wird Cody Pritchard erschossen aufgefunden. Ob es ein unglücklicher Jagdunfall oder ein Mord war, ist zunächst noch unklar.

Aber Pritchard war vor zwei Jahren einer der Vergewaltiger von Melissa Little Bird, einem Cheyenne-Mädchen aus dem benachbarten Indianer-Reservat. Bei der Gerichtsverhandlung wurden Pritchard und seine Schulfreunde Jacob und George Esper und Bryan Keller zu geringen Strafen verurteilt. Longmire, seine Kollegen und sein Kindergartenfreund Henry Standing Bear (ein Indianer mit guten Verbindungen zu seinen Stammesbrüdern) glauben daher, dass Pritchard ermordet wurde, um Melissas Vergewaltigung zu vergelten. Als auch der zweite der damaligen Täter durch einen Schuss aus großer Entfernung stirbt, versuchen sie, weitere Morde zu verhindern. Dabei kann der Täter jeder sein, der über ein bestimmtes Gewehr verfügt und ein guter Schütze ist. In Absaroka County grenzt das die Zahl der Verdächtigen kaum ein.

Craig Johnsons Kriminalroman „Longmire: Bittere Wahrheiten“ war vor über zwölf Jahren in den USA der Auftakt zu seiner Longmire-Serie, die es auch auf die New York Times-Bestsellerliste schaffte, zahlreiche Preise erhielt (u. a. The Wyoming Historical Association Book of the Year und Western Writers of America Book of the Year) und die Grundlage für die ebenfalls erfolgreiche TV-Serie „Longmire“ war. Im Juni 2012 zeigte A & E die erste Folge. Es war ein Erfolg. Später wanderte die Serie zu Netflix und im November 2017 veröffentlichte Netflix die sechste und finale Staffel.

In Deutschland wurde die Serie ab Januar 2014 auf dem Nischensender RTL Nitro vor entsprechend wenigen Zuschauern gezeigt. Später erschien die erste Staffel auch in Deutschland auf DVD.

Trotzdem weist der Festa Verlag, wo jetzt „Bittere Wahrheiten“ erschien, auf die TV-Serie hin. Und das ist für die breite Masse auch nicht die schlechteste Werbung.

Krimifans dürften im ersten Moment an Robert B. Parkers Jesse-Stone-Romane über die Abenteuer eines Kleinstadt-Cops in Paradise, Massachusetts, in der Sichtweite von Boston oder James Lee Burkes Dave-Robicheaux-Romane über die Abenteuer eines Kleinstadt-Cops in New Iberia, Louisiana, denken. Wegen der Dicke des Longmire-Romans und des ländlichen Schauplatzes wahrscheinlich eher an die Robicheaux-Romane. Und so ganz falsch liegen sie damit nicht, obwohl die Romane von Tony Hillerman über die Indianerpolizisten Joe Leaphorn und Jim Chee die treffendere Referenz sind.

Hillerman schrieb zwischen 1970 und 2006 achtzehn Krimis, in denen er die Abenteuer der beiden Ermittler erzählte, die in Arizona im Navajo-Reservat Kriminalfälle lösen. Immer verwandte er einen großen Teil der Geschichte auf das Schildern indianischer Traditionen und wie sich das Leben der Indianer im Reservat veränderte. Beides ist untrennbar mit den Fällen verbunden. Über die Jahre zeigte sich auch, wie sehr Traditionen immer mehr vergessen wurden.

Craig Johnson knüpft hier an Hillerman an. Sein Protagonist, der Ich-Erzähler Walt Longmire, ist ein äußerst normaler Mann. Vietnamveteran, seit drei Jahren allein lebender Witwer, mit einer Tochter, die inzwischen außerhalb Wyomings als Anwältin arbeitet, respektiert und ohne diese besonderen Eigenschaften und Marotten, die in anderen Krimis die Ermittler interessant machen sollen. Auch der Fall ist alltäglich. Entsprechend überschaubar, auch weil in dem County so wenige Menschen leben, ist die Zahl der Verdächtigen.

Im Zentrum des Romans steht die Beschreibung des Lebens in Absaroka County. Der alltäglichen Polizeiarbeit. Der Menschen, die sich alle kennen. Und, gerade im Indianerreservat, dem dortigen Leben, in dem die indianischen Traditionen zwar noch lebendig sind, aber, wie man schon in Hillermans Romanen lesen konnte, immer unwichtiger werden.

Bittere Wahrheiten“ ist ein insgesamt spannender, mit viel Lokalkolorit gewürzter Roman, der allerdings auch unter seiner epischen Länge von fünfhundert Seiten leidet. Entsprechend zäh schleppen sich die Ermittlungen in den Mordfällen immer wieder hin, während wir noch etwas über die Polizeiarbeit, den Alltag in Absaroka County und die Landschaft und ihre Bewohner erfahren. Da wünscht man sich einige Seiten weniger. Es muss ja nicht gleich die Kürze eines Hillerman-Romans haben, der seine Geschichten auf normalerweise zweihundert bis zweihundertfünfzig Seiten erzählte.

Für Mai hat Festa den zweiten Longmire-Roman „Einsamer Tod“ angekündigt. Im Juli soll dann der dritte Longmire-Roman „Gute Taten rächen sich“ erscheinen. Und weil Craig Johnson eifrig weitere Longmire-Romane schreibt, ist für ausreichend Nachschub gesorgt.

Craig Johnson: Longmire: Bittere Wahrheiten

(übersetzt von Patrick Baumann)

Festa, 2017

512 Seiten

12,95 Euro

Originalausgabe

The Cold Dish

Viking Adult, 2004

Hinweise

Fantastic Fiction über Craig Johnson

Homepage von Craig Johnson

Wikipedia über Craig Johnson

Mysterious Musings: Interview mit Craig Johnson über Walt Longmire (2007)


„Fieber in Casablanca“, weil 1955 eine Europäerin vergewaltigt wurde

Dezember 20, 2017

Als „Fieber in Casablanca“ 1983 in Frankreich erschien, war die Kolonialzeit noch viel gegenwärtiger. Heute empfiehlt sich wahrscheinlich ein erklärendes Nachwort, das leider in der vom Autor überarbeiteten Neuausgabe von „Fieber in Casablanca“ fehlt.

In dem Roman erzählt Tito Topin, selbst gebürtiger, seit 1966 in Frankreich lebender Marokkaner, von einigen aufregenden Stunden in Casablanca im Juli 1955. Kurz vor der Unabhängigkeit war Casablanca eine Metropole mit einem pulsierenden Kultur- und Nachtleben. So schildert es jedenfalls Topin, der damals als Anfang-Zwanzigjähriger dort lebte.

Eines Nachts vergewaltigt der Möchtegern-Playboy Georges Bellanger die fast neunzehnjährige Spanierin Ginette ‚Gin‘ Garcia. Sie landet schwerverletzt im Krankenhaus.

Für die Polizei ist schnell klar, wer für die Tat verantwortlich sein soll. Immerhin befiehlt der Zivilgouverneur Commissaire Guglielmi, wie er zu ermitteln hat: „Stellen Sie die junge Frau wie ein Model der Tugend hin. Machen Sie eine Jungfrau, ja, eine Heilige aus ihr! Und, selbstredend, finden Sie mir einen oder mehrere Schuldige unter den Drecksarabern, am besten unter den Einwohnern der Siedlung Embarek. (…) Ich will einen Schuldigen! Wen auch immer, Hauptsache Araber! Da wird kein Europäer rein verwickelt.“

Entsprechend unobjektiv gestalten sich die Ermittlungen der Polizei. Währenddessen lässt Georges Mutter, Dr. Bellanger, Gin in ihr Krankenhaus verlegen.

Gins Freund Manu sucht auf eigene Faust den Täter und weil das alles in den letzten Tagen vor der Unabhängigkeit spielt, lässt die Kolonialmacht Frankreich noch einmal ihre Muskeln spielen.

Fieber in Casablanca“ ist ein flotter Noir, in dem vor allem das Chaos regiert. Topin erzählt das in mehreren Erzählsträngen, die sich schnell abwechseln und die Handlung, auch dank der knappen, lakonischen, mit schwarzem Humor gewürzten Sprache unerbittlich zu ihrem explosiven Ende treiben.

Casablanca erscheint als Moloch in dem Korruption und Rassenhass Alltag sind. Gleichzeitig gibt es ein lebhaftes Nachtleben und in den Kinos laufen anscheinend nur die damals angesagten Filmklassiker.

Die Charaktere selbst bleiben eher blass. Auf knapp zweihundert mit Handlunge gefüllten Seiten ist eben wenig Zeit für psychologische Vertiefungen. In den eilig vorangetriebenen Szenen aus dem Chaos einer Strafverfolgung entsteht ein ziemliches unschönes Bild der letzten Tage einer Kolonialmacht. Sie sucht nicht den wahren Täter, sondern den gerade passenden Täter. Das erinnert dann schon fast an die Ermittlungen der deutschen Polizei bei den NSU-Morden. Folter ist akzeptiert, solange sie nicht zu laut ist. Denn: „Wir verhören sie nicht, damit sie reden, wir verhören sie, um ihnen zu zeigen, wer hier das Sagen hat!…Und das geht sehr gut ohne Lärm.“ Und eine Vergewaltigung an einer Europäerin dient als Vorwand für einen Feldzug gegen Araber. Das wäre dann schon fast wieder brennend aktuell, wenn Topin eine Analyse der damaligen Zustände gewollt hätte. Die gibt es zwar auch. Als Nebenprodukt einer bitterbösen Beschreibung eines Kessels kurz vor der Explosion.

Topins Roman wurde mit dem „Prix Mystère de la Critique“ ausgezeichnet.

Für seine anderen Romane, die teilweise auch ins Deutsche übersetzt wurden, erhielt er weitere Preise. Außerdem erfand Topin die langlebige TV-Krimiserie „Navarro“.

Tito Topin: Fieber in Casablanca

(übersetzt von Katarina Grän)

Distel Literaturverlag, 2017

216 Seiten

14,80 Euro

Vom Autor überarbeitete Fassung.

Originalausgabe

55 de fièvre

Éditions Gallimard, Paris, 1983

Deutsche Erstausgabe

Casablanca im Fieber

Edition Tiamat, Berlin, 1992

Hinweise
Homepage von Tito Topin
Distel Literaturverlag über Tito Topin
Wikipedia über Tito Topin
Perlentaucher über Tito Topin

Meine Besprechung von Tito Topins „Exodus aus Libyen“ (Libyan Exodus, 2013)


Über den berührenden Comic „Der Sommer ihres Lebens“

Dezember 15, 2017

Gerda Wendt lebt im Altersheim. Während die Tage im täglichen Trott vergehen, die Kräfte und das Gedächtnis nachlassen, erinnert sich die 84-jährige an ihr Leben. Es war ein Leben, das nie für Schlagzeilen taugte oder die Welt veränderte. Aber es ist ihr Leben, das auch die Veränderungen in der Bundesrepublik reflektiert. Nebenbei. Denn Gerda gehörte niemals zu den 68ern. Das war die Generation nach ihr. Sie kümmerte sich nie um Politik. Stattdessen war sie schon in der Schule gut in Mathematik, studiert Physik, erhält sofort eine Anstellung als Assistentin, verliebt sich in Peter, soll nach ihrer Promotion 1974 in Cambridge einen Vortrag halten, schlägt für Peter ein lukratives Angebot aus, heiratet Peter, erwischt ihn beim Seitensprung, lässt sich scheiden und arbeitet wieder an der Universität. Als Privatdozentin, die niemals die große Karriere machen wird, die sie einige Jahre früher vielleicht hätte machen können.

Aber lebte sie ein falsches Leben? Verpasste sie Chancen, die sie später bedauert?

Für die Buchausgabe von „Der Sommer ihres Lebens“ überarbeiteten und erweiterten Romanautor Thomas von Steinaecker und die Eisner-nominierte Zeichnerin Barbara Yelin, die fast Gerdas Enkelkinder sein könnten, die ursprünglich in dem Online-Magazin „Hundertvierzehn“ des S. Fischer Verlags erschienene Geschichte, in der Gegenwart und Vergangenheit immer wieder nahtlos ineinander übergehen. Oft in einem Panel. Yelin zeigt in diesen Aquarellen unaufdringlich, wie gegenwärtig Erinnerungen sind. In wenigen Panels verdeutlichen sie den Lebens- und Arbeitsrhythmus eines Altersheimes, während Gerda sich an einige Momente ihres Lebens erinnert. Auch diese Erinnerungen verdichten sie auf wenige, entscheidende Momente, in denen immer wieder die gesellschaftlichen Veränderungen, die sie miterlebte, durchschimmern.

So gelingt es ihnen, auf knapp achtzig Seiten ein ganzes Leben zu erzählen, ohne jemals eine luftige Leichtigkeit zu verlieren.

Thomas von Steinaecker/Barbara Yelin: Der Sommer ihres Lebens

Reprodukt, 2017

80 Seiten

20 Euro

Hinweise

Homepage von Barbara Yelin

Perlentaucher über „Der Sommer ihres Lebens“

Deutschlandfunk: Interview mit Barbara Yelin (14. Januar 2017)


„Crossed“ – einmal in der Monster Edition, einmal in der Steinzeit

Dezember 12, 2017

Jugendfrei ist „Crossed“ nicht. Und auch nicht, trotz des großen Erfolgs von „The Walking Dead“, tauglich für eine Verfilmung. Das hat mehrere Gründe.

In der von Robert Kirkman geschriebenen Zombieserie „The Walking Dead“ begleitet man mehrere Charaktere über einen langen Zeitraum und die Geschichte entwickelt sich kontinuierlich weiter. In inzwischen 28 auf Deutsch erschienenen Sammelbänden und in einer TV-Serie, deren achte Staffel gerade im US-TV läuft. Da ist ein Einstieg in die Familiengeschichte bei irgendeinem Sammelband oder irgendeiner TV-Episode schwierig.

Bei „Crossed“ kann man dagegen mit irgendeinem „Crossed“-Sammelband beginnen. Jeder Sammelband enthält eine abgeschlossene „Crossed“-Geschichte. Niemals hat man das Gefühl, dass man die neue Geschichte nur versteht, wenn man auch die älteren Geschichten gelesen hat. Man muss auch nicht den nächsten Sammelband kaufen, um zu erfahren, wie es mit den Helden weitergeht. Denn die nächste „Crossed“-Geschichte wird von einem anderen Autor geschrieben. Mit anderen Charakteren. Aktuell ist bei uns der 18. „Crossed“-Sammelband erschienen.

Garth Ennis, der Erfinder dieser Endzeitwelt, stieg nämlich nach seiner ersten Geschichte aus der Serie aus. Später kehrte er wieder zurück. Aber das ändert nichts daran, dass seitdem andere Autoren mit von ihnen erfundenen Charakteren Geschichten schreiben, die in der von Ennis erfundenen Welt spielen.

Und gegenüber „Crossed“ erscheint „The Walking Dead“ wie eine nette Familienserie. Bereits in den „Crossed“-Comics gibt es so viel Sex und Gore, dass der Panini Verlag auf jedes „Crossed“-Buch den Hinweis „Empfohlen ab 18 Jahren!“ druckt. Die von Ennis erfundenen Untoten sind sexgierige und mordlüsterne Bestien, die ungehemmt ihren Trieben nachgehen. Sie haben ein Kreuz im Gesicht und werden deshalb „Gefirmte“ genannt. Eine Verfilmung, die der Vorlage gerecht werden will, dürfte da schnell die Grenze von „ab 18 Jahre“ zu indiziert überschreiten.

In dem aktuellen 18. „Crossed“-Sammelband „Homo Tortor“ erzählen Autor Kieron Gillen und Zeichner Rafael Ortiz die Geschichte von Washington. Der Student kann nach der Apokalypse einige Männer überzeugen, ihn zu Professor Nelson zu begleiten. Der Forscher hat vor der Apokalypse behauptet, dass bereits vor 75.000 Jahren Gefirmte auf der Welt waren. Washington erhofft sich von dem Forscher eine Erklärung für das damalige Überleben der Menschheit, die vielleicht auch zum jetzigen Überleben der Menschheit führen kann. Außerdem ist seine große Liebe Amy inzwischen mit dem Professor liiert.

In diese Geschichte ist die Geschichte von Löwe eingeflochten. Er lebte vor 75.000 Jahren im Nilbecken. Mit seinen Gefährten wird er wird er von Barbaren gefangen genommen, die anscheinend eine frühe Form der Gefirmten sind. Professor Nelson nannte sie „Homo Tortor“.

Homo Tortor“ (Crossed Band 18 – Badlands 11) ist eine weitere spannende Geschichte aus dem „Crossed“-Universum.

Parallel dazu erschien der erste Band der „Crossed Monster Edition“. Er enthält die ersten beiden „Crossed“-Geschichten.

In „Crossed“ erzählen Autor Garth Ennis und Zeichner Jacen Burrows von einer Gruppe Überlebender, die sich quer durch die USA auf den gefahrvollen Weg nach Kanada machen. Denn dort soll es sicherer sein.

Am Ende der zehnteiligen Miniserie, die ab 2008 erstmals erschien, wollte Ennis keine weiteren „Crossed“-Geschichten schreiben. Aber er erkannte das Potential der von ihm geschaffenen Welt für weitere Geschichten. Also erlaubte er anderen Autoren, in dieser Welt Geschichten zu erzählen.

In der zweiten, einzeln nicht mehr erhältlichen „Crossed“-Geschichte „Familienbande“, geschrieben von David Lapham und gezeichnet von Javier Barreno, geht es dann direkt in das amerikanische Hinterland nach North Carolina. Dort lebt die Großfamilie Pratt auf einer Farm. Seine achtzehnjährige Tochter Adaline begehrt gegen den Familientyrannen, der auch ihre jüngere Schwester vergewaltigt, auf. Aber als die Gefirmten die Farm angreifen und überrennen, müssen sie auf ihrer Flucht in den Süden zusammenhalten. Nur – und diese Frage stellt jede „Crossed“-Geschichte: wer sind ihre schlimmsten Gegner? Die Gefirmten oder andere Menschen?

Kieron Gillen/Rafael Ortiz: Crossed Band 18 – Bandlands 11: Homo Tortor

(übersetzt von Bluna Williams)

Panini, 2017

148 Seiten

19,99 Euro

Originalausgabe

Crossed: Badlands 75 – 80

Avatar Press, 2017

Crossed – Monster Edition

Panini, 2017

420 Seiten

29,99 Euro

enthält

Garth Ennis/Jacen Burrows: Crossed

(übersetzt von Bluna Williams)

Panini, 2012

Originalausgabe

Crossed # 0 – 9

Avatar Press, 2008/2009/2010

David Lapham/Javier Barreno: Crossed Band 2: Familienbande

(übersetzt von Bluna Williams)

Panini, 2012

Originalausgabe

Crossed: Family Values # 1 – 7

Avatar Press, 2012

Hinweise

Die „Crossed“-Homepage

Wikipedia über „Crossed“

Meine Besprechung von Alan Moore/Gabriel Andrades „Crossed + Einhundert (Band 1)“ (Crossed plus one hundred # 1 – 6, 2015)

Meine Besprechung von Simon Spurrier/Fernando Heinz/Fafael Ortiz‘ „Crossed + Einhundert: Band 2“ (Crossed plus one hundert # 7 – 12, 2016)

Meine Besprechung von Simon Spurrier/Rafael Ortiz/Martin Tunica‘ „Crossed + Einhundert: Band 3“ (Crossed plus one hundert # 13 – 18, 2016)

Meine Besprechung von David Lapham (Autor)/Kyle Bakers (Zeichner) “Deadpool MAX: Lang lebe Hydra!” (Deadpool MAX 7 – 12, 2011)

Meine Besprechung von David Lapham/Ramon Bachs/Nathan Massengills „Batman: Stadt der Sünde“ (Detective Comics 800 – 814, Januar 2005 – Februar 2006)

Wikipedia über Garth Ennis (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Garth Ennis/Will Simpson/Steve Dillons “Hellblazer – Gefährliche Laster” (Dangerous Habits, 1991)

Meine Besprechung von Garth Ennis (Autor)/Leandro Fernandez (Zeichner) „The Punisher – Garth Ennis Collection 7“ (Up is Down and Black is White, The Slavers, 2005/2006)

Meine Besprechung von Garth Ennis/Goran Parlov/Leandro Fernandezs “The Punisher – Garth-Ennis-Collection 8″ (Barracuda, Part 1 – 6 (Punisher [MAX] 31 – 36), Man of Stone, Part 1 – 6 (Punisher [MAX] 37 – 42), 2006/2007)

Meine Besprechung von Garth Ennis‘ „The Punisher – Garth-Ennis-Collection 9“ (Widowmaker, Part 1 – 7 [Punisher (MAX) Vol. 43 – 49], Long Cold Dark, Part 1 – 5 [Punisher (MAX) Vol 50 – 54], 2007/2008)

Meine Besprechung von Garth Ennis‘ „The Punisher – Garth-Ennis-Collection 10“ (Valley Forge, Valley Forge, Part 1 – 6 [Punisher (MAX) Vol. 55 – 60], 2008)

Meine Besprechung von Garth Ennis (Autor)/Adriano Batista/Marcos Marz/Kewber Baal (Zeichner) „Jennifer Blood – Selbst ist die Frau (Band 1)“ (Garth Ennis’ Jennifer Blood: A Woman’s Work is Never Done, 2012)

Meine Besprechung von Garth Ennis und Mike Wolfers „Stitched: Die lebenden Toten“ (Band 1) (Stitched # 1 – 7, 2011/2012)

Meine Besprechung von Garth Ennis/John McCreas „Dicks – Band 1“ (Dicks # 1 – 4, 2013)

 


Über Tom Franklins „Smonk“

November 23, 2017

Als der Heyne Verlag 2005 Tom Franklins Debütroman „Die Gefürchteten“ (Hell at the Breech, 2003) veröffentlichte, hätte der Verlag gleich danach Franklins zweiten Roman veröffentlichen können. Zum Beispiel in der Hardcore-Reihe.

Aber er tat es nicht und jetzt ist „Smonk“ bei pulp master erschienen. Es geht um „die skabrösen Abenteuer von E. O. Smonk & der Hure Evavangeline im Clarke County, Alabama zu Beginn des letzten Jahrhunderts“. So der altertümlich längliche Untertitel von „Smonk oder Stadt der Witwen“.

Der Rest ist dann überhaupt nicht altertümlich. Eugene Oregon Smonk ist ein einäugiger, schießwütiger Farmer, Tyrann und, vielleicht, die Ausgeburt des Teufels. Jedenfalls ist er das Schlimmste, was dem kleinen, gottverlassenen Dorf Old Texas zustoßen konnte. Eine Gerichtsverhandlung gegen ihn beendet er schnell, indem er die halbe Dorfbevölkerung ermordet und den Tatort verlässt. Ein sehr kleiner, mäßig motivierter Lynchmob nimmt die Verfolgung auf.

Währenddessen hurt die fünfzehnjährige Evavangeline quer durch den Wilden Westen. In Shreveport stürmt während des Geschlechtsverkehrs eine Gruppe christlicher Deputys das Hotelzimmer. Sie kann durch einen Sprung aus dem Zimmer entwichen, aber weil die Deputys sie für einen Mann halten, beginnen sie sie quer durch das Land zu verfolgen. Denn Sex unter Männern ist noch viel sündhafter als Sex mit einer Frau. Auf ihrer Flucht trifft Evavangeline auf einen Jungen aus Old Texas, der Smonks Mordorgie für seine Flucht aus dem Kaff benutzen möchte, und eine Schar Kinder, die sie beschützen soll.

Nach einigen Umwegen und vielen Rückblenden, reiten alle Beteiligten in Richtung Old Texas.

Smonk“ ist ein wahrhaft wilder Ritt, über den Tom Franklin sagt: „Das Schreiben war wie Masturbieren – es fühlt sich großartig an, aber gleichzeitig fühlt man sich schuldig – es war zu gewalttätig, es war zu schräg, es wurde zu viel gefurzt und es gab zu viel Sex.“

Die Rohfassung entstand in zehn Tagen. An den nächsten zehn Tagen fügte Franklin zwanzig Seiten pro Tag hinzu. Die Überarbeitungen dauerten dann anderthalb Jahre, ohne die Wucht der ersten Fassung in geordnete Bahnen zu lenken.

Immer noch ist Franklins unbändiger Spaß beim Erzählen spürbar, immer noch springt die Geschichte zwischen Gegenwart und Vergangenheit und immer noch ist sie in erster Linie eine endlose Aneinanderreihung von grotesken Situationen, garniert mit vielen Morden und Samenergüssen. Das erinnert dann an Free Jazz in seiner freiesten Form. Und auch in „Smonk“ ist für den Verursacher die unmittelbare Äußerungen seiner Gedanken und Gefühle, ohne auf irgendwelche irgendwie einschränkenden Regeln achten zu müssen, befreiender und spannender als für den Rezipienten. Jedenfalls stellte sich bei mir beim Lesen von „Smonk“ ziemlich schnell ein Gefühl gepflegter Langeweile ein. In der Geschichte gibt es keine Entwicklung und kein Ziel, sondern nur noch einen Mord, noch einen Samenerguss und noch eine Geschmacklosigkeit.

Franklins dritter, mit dem Gold Dagger ausgezeichneter Roman „Krumme Type, Krumme Type“ (Crooked Letter, Crooked Letter, 2010) erscheint demnächst bei pulp master und weil er in Baden-Württemberg zur Schullektüre erhoben wurde (natürlich in der Originalausgabe), dürfte die Übersetzung bald erscheinen.

Tom Franklin: Smonk

(übersetzt von Nikolaus Stingl)

pulp master, 2017

320 Seiten

14,80 Euro

Originalausgabe

Smonk

Harper Collins, 2006

Hinweise

Wikipedia über Tom Franklin (deutsch, englisch)

 


Fred Dewilde erzählt in „Bataclan – Wie ich überlebte“

November 13, 2017

Vor zwei Jahren erlebte Fred Dewilde eine Nacht, die er bis zu seinem Tod nicht vergessen wird. Er besuchte am 13. November 2015 das Konzert der Garagenrockband „Eagles of Death Metal“ in Paris im Bataclan. In „Bataclan – Wie ich überlebte“ erzählt er seine Erlebnisse in dieser Nacht und wie er danach damit umging. Denn in dieser Nacht schlugen Islamisten gleichzeitig an mehreren Orten in Paris brutal zu. In der Konzerthalle ermordeten französischstämmige Islamisten mit Kalaschnikow-Sturmgewehren und Handgranaten neunzig Konzertbesucher. Viele der 1500 Konzertbesucher wurden teilweise schwer verletzt.

Dewilde, ein auf medizinische Illustrationen spezialisierter Grafiker und verheirateter Vater mehrerer Kinder, teilt sein Erinnerungsbuch, in dem er die Ereignisse der Nacht künstlerisch verarbeitet in zwei Hälften. In der ersten, kürzeren Hälfte erzählt er als SW-Comic seine Erlebnisse in der Nacht. In der zweiten Hälfte schreibt er darüber, was er nach der Nacht fühlte, welche (Schuld)gefühle er hatte und wie er versuchte, das Erlebte zu verarbeiten. Wie er sich auf nichts konzentrieren konnte, wie er krank geschrieben wurde, von seiner Psychotherapie und wie er als Therapie begann, seine Erlebnisse aufzuzeichnen. Er sagt, warum er die Täter als die vier apokalyptischen Reiter als Skelette zeichnete: „Sie waren bereits gestorben, hatten jede Verbindung zum Leben, zu anderen Menschen verloren.“ Er erzählt auch vom Zusammengehörigkeitsgefühl der Überlebenden, von seiner Kindheit in einem Problemviertel, seiner Frau und seiner dreieinhalbjährigen Tochter. Am Ende meint er: „Ich habe gesehen, was der Hass anrichtet. Deshalb bitte ich euch: Lasst uns einmal wenigstens schlauer sein…lasst uns dieses Mal das Leben wählen.“

Fred Dewilde: Bataclan – Wie ich überlebte

(übersetzt von Bettina Frank)

Panini Comics, 2017

48 Seiten

16,99 Euro

Originalausgabe

Mon Bataclan

Lemieux Éditeur, 2016


Verfilmte Bücher: „Mord im Orientexpress“ ist, mal wieder, „Mord im Orientexpress“

November 8, 2017

 

Auch wenn wahrscheinlich jeder, der Sidney Lumets regelmäßig im Fernsehen laufende Agatha-Christie-Verfilmung „Mord im Orient-Express“ gesehen hat, die Lösung kennt: sie wird in dieser Besprechung über den Roman und die bisherigen Verfilmungen verraten. Meine Besprechung der Neuverfilmung von und mit Kenneth Branagh als Hercule Poirot gibt es zum Kinostart am 9. November. .

 

Der Roman

 

1934 veröffentlichte Agatha Christie ihren neunten Roman mit dem belgischen Privatdetektiv Hercule Poirot. Besondere Kennzeichen: seine Hinweise auf seine „kleinen grauen Zellen“ und sein liebevoll gepflegter Schnurrbart. Inspiriert war „Mord im Orientexpress“ von der damals weltweit Aufsehen erregenden Entführung und Ermordung des Babys von Charles Lindbergh. Diese damals noch nicht aufgeklärte Tat ist dann auch die Grundlage für das Mordmotiv.

Der Fall selbst bewegt sich in den etablierten Rätselkrimipfaden.

Hercule Poirot reist mit dem Orientexpress von Istanbul nach Calais. In Jugoslawien bleibt der Zug in einer Schneewehe stecken. Samuel Edward Ratchett, der Drohbriefe erhielt und Poirot als seinen Beschützer engagieren wollte, liegt ermordet in seinem Erster-Klasse-Abteil. Er wurde mit zwölf Messerstichen, die anscheinend von mehreren Personen stammen, ermordet. Das geöffnete Abteilfenster ist eine falsche Fährte. Denn es gibt keine vom Zug wegführenden Fußspuren im Schnee. Schwieriger zu entschlüsseln sind andere Spuren: der im Nebenabteil, das der Mörder anscheinend für seine Flucht benutzte, gefundene Knopf von einer Uniform von einem Schlafwagenschaffner, das Taschentuch mit dem Monogramm „H“, die von Poirot in der Mordnacht gesehene Frau im roten Kimono und die Frage nach der Tatzeit. Zwar zeigt die zerbrochene Uhr des Toten mit 01.15 Uhr eine eindeutige Uhr- und Tatzeit an, aber schon vorher antwortete ein Mann in Ratchetts Abteil auf die nach einem Geräusch gestellte Frage des Schlafwagenschaffners, dass alles in Ordnung sei. Allerdings antwortete er auf französisch und der tote US-Bürger Ratchett spricht keine Fremdsprachen. Sagt sein Sekretär.

Es gibt also genug Hinweise und falsche Fährten, die Poirot in den kommenden Stunden, bis der Zug weiterfahren kann, entschlüsseln muss. Er beginnt die zwölf Passagiere der ersten Klasse zu befragen. In schönster Rätselkrimitradition muss sich der Mörder unter ihnen befinden.

Neben „Alibi“ (The Murder of Roger Ackroyd, 1926), einem anderen Hercule-Poirot-Krimi, in dem sie die Erwartungen des Publikums nach dem Mörder auf den Kopf stellte, und dem Theaterstück „Die Mausefalle“ (The Mousetrap, 1952), das eine ähnliche, den Erwartungen widersprechende Lösung hat, präsentiert sie in „Mord im Orientexpress“ alle Verdächtigen, also alle Zugpassagiere, als den Mörder. Ratchett, eigentlich Cassetti, hat vor einigen Jahren John Armstrongs Baby entführt und getötet. Cassetti wurde angeklagt und wegen eines Formfehlers nicht verurteilt. Die Passagiere des Schlafwagens waren mit Armstrong als Verwandte, Angestellte und Freunde verbunden und, nachdem Ratchett freigesprochen wurde, beschlossen sie, Selbstjustiz zu üben. Was sie, nach präziser Planung, in der Mordnacht taten. Weil mit Poirot ein nicht eingeplanter Gast in dem Zugabteil mitreiste, legten sie außerdem zahlreiche falsche Fährten.

Am Ende präsentiert Poirot den versammelten Verdächtigen diese Lösung und eine andere, in der ein unbekannter, flüchtiger Täter Ratchett ermordete. Die Täter geben ihre Tat zu und der ebenfalls im Zug mitreisende Direktor der Zuggesellschaft, Monsieur Bouc, und der Arzt Dr. Constantine entscheiden sich dafür, der Polizei zu erzählen, dass Ratchett von einem flüchtigen Einzeltäter ermordet wurde.

Diese Lösung (also dass Ratchett gleichzeitig von zwölf Menschen ermordet wurde) ist zwar überraschend, aber auch nicht besonders logisch. So soll das Mordopfer keinen der Mitreisenden erkannt haben.

Wie die Täter, die sich teilweise vorher nicht kannten, sich kennen lernten und wie sie sich zu dieser Tat verabredeten, wird nicht erwähnt. Auch nicht, wie sie sich überzeugten, gemeinsam einen kaltblütigen Mord auszuführen. Wer über diese Punkte auch nur kurz nachdenkt, wird ernsthafte Probleme mit der von Agatha Christie präsentierten Lösung haben.

Der offensichtliche Konflikt zwischen einer moralisch vielleicht gerechtfertigter Selbstjustiz und der Herrschaft des Gesetzes (inklusive einem rechtsstaatlichen Gerichtsverfahren) wird in dem Roman nicht weiter thematisiert. Schließlich steht in einem Rätselkrimi die Tätersuche als intellektuelles Puzzlespiel im Vordergrund. Mit der Illusion, dass man als Leser den Täter ebenfalls enttarnen kann, weil der Autor alle Fakten präsentiert. Sogar wenn man die Lösung kennt, wird man nur wenige Hinweise auf die richtige Lösung finden. Im Klassischen Rätselkrimi, wie ihn Agatha Christie erfand, geht es sogar nur um die Tätersuche. Oder in Poirots Worten: „Es gibt für diesen Mord zwei mögliche Lösungen. Ich werde Ihnen beide vorstellen, und dann mögen Monsieur Bouc und Dr. Constantine entscheiden, welche von ihnen die richtige ist.“

Der Roman ist in einer heute altertümlichen Sprache geschrieben und die gut vierzig Seiten bis zur Entdeckung der Leiche sind ziemlich spannungsfrei.

Ziemlich witzig sind, jedenfalls aus heutiger Sicht, die schamlos vorgetragenen, jeder Grundlage entbehrenden Urteile über verschiedene Völker. Sie sind einfach eine Ansammlung absurder Vorurteile.

 

Die Verfilmungen

 

Seit seiner Veröffentlichung wurde der Roman mehrmals verfilmt. Bei uns sind die beiden Spielfilme (die zweite Spielfilm-Verfilmung startet am Donnerstag) und spielfilmlangen TV-Filme bekannt.

Am bekanntesten ist die Verfilmung von Sidney Lumet. Er sperrte 1974 ein Dutzend Stars in den Zug ein und bei den Verhören von Hercule Poirot hatte jeder seinen großen Auftritt. Das Rezept war so erfolgreich, dass danach, mit Peter Ustinov als Poirot, „Tod auf dem Nil“ und „Das Böse unter der Sonne“ entstanden. Der dritte Ustinov/Poirot Kinofilm „Rendezvous mit einer Leiche“ hatte dann weniger Stars und war auch weniger erfolgreich. Davor spielte Ustinov den Detektiv auch in drei TV-Filmen. Nach dem gleichen Rezept entstand damals, mit Angela Lansbury als Miss Marple, „Mord im Spiegel“.

Lumets Verfilmung ist heute immer noch vergnügliches, aus der Zeit gefallenes, in einer Parallelwelt spielendes Starkino, bei dem jeder Schauspieler in mondäner Kulisse mindestens einmal groß aufspielen darf.

Carl Schenkel verlegte 2001 in seiner erschreckend spannungsfrei inszenierten Verfilmung die Geschichte in die Gegenwart, was man vor allem an einem Handy und einem Laptop erkennt.

Am Ende, wenn Poirot erklärt, dass er der Polizei die Version von dem flüchtigen Täter erzählen wird, zeigt sich ein großes Problem. Damals, als Christie den Roman schrieb, war eine solche Erklärung möglich. Heute, in Zeiten von CSI, ist eine solche Erklärung nicht mehr glaubwürdig. Sie würde allen Spuren widersprechen.

Neun Jahre später inszenierte Philip Martin im Rahmen der langlebigen TV-Serie „Agatha Christie’s Poirot“ mit David Suchet als Hercule Poirot, eine weitere Version des Romans. Wie alle Suchet/Poirot-Filme spielt sie in den Dreißigern. Bei Christie-Fans sind die siebzig TV-Filme mit Suchet sehr beliebt sind.

In diesem Fall wird die Lösung sehr früh präsentiert und Poirot hadert danach länger mit der Frage, welche Lösung er der Polizei präsentieren soll. Es entsteht sogar das Gefühl, dass die Täter jetzt ihn als unliebsamen Zeugen ermorden könnten.

Am Ende bleibt offen, welche Lösung er der Polizei erzählt. Der Zuschauer muss sich entscheiden.

Martins Verfilmung ist deutlich gelungener als Schenkels misslungene Verfilmung. Und Poirots Zweifel wenn er der Polizei als Mörder präsentieren soll, führen zu einigen noirischen Kameraeinstellungen, die das Gefühl vermitteln, dass Poirot wirklich in Lebensgefahr schwebt und bald von den Ratchetts Mördern, die zu einem mordlüsternen Mob werden, umgebracht werden könnte. Das ist, weil in einem Rätselkrimi der Detektiv nach der Enttarnung keine Angst vor irgendwelchen Aktionen des Mörders haben muss, eine interessante Variante, die nur bedingt funktioniert. Auch weil Hercule Poirot danach keine weiteren Fälle lösen könnte.

Beide TV-Filme stehen im Schatten von Lumets Verfilmung.

Und am 9. November kommt Kenneth Branaghs Verfilmung in unsere Kinos. Allein schon von der hochkarätigen Besetzung knüpft er an Lumets Verfilmung an.

In den einschlägigen Foren wird bis dahin emsig über Hercule Poirots Bart diskutiert. Wie auch bei Albert Finney, Alfred Molina und David Suchet darüber diskutiert wurde.

Ich persönlich halte Branaghs Poirot-Bart für eine monströse Geschmacksverirrung.

Agatha Christie: Mord im Orientexpress

(übersetzt von Otto Bayer)

Atlantik Verlag, 2017

256 Seiten

10 Euro

Originalausgabe

Murder on the Orient Express

HarperCollins, London, 1934

Die erste deutsche Übersetzung erschien 1934 als „Die Frau im Kimono“; später „Der rote Kimono“. Elisabeth van Bebber war die Übersetzerin.

Die aktuelle Übersetzung erschien erstmals 2002 im S. Fischer Verlag. Sie müsste, auch wenn es im Impressum nicht gesagt wird, identisch mit Otto Bayers 1999 im Scherz Verlag erschienener Übersetzung sein.

Die Verfilmungen

Der bekannte Kinofilm

Mord im Orient-Express (Murder on the Orient Express, Großbritannien 1974)

Regie: Sidney Lumet

Drehbuch: Paul Dehn, Anthony Shaffer (ungenannt)

mit Albert Finney, Lauren Bacall, Martin Balsam, Ingrid Bergman, Jacqueline Bisset, Jean-Pierre Cassel, Sean Connery, Sir John Gielgud, Anthony Perkins, Vanessa Redgrave, Michael York, Richard Widmark, Wendy Hiller, Colin Blakely

Die unbekannte TV-Verfilmung

Mord im Orient-Express (Murder on the Orient-Express, USA 2001

Regie: Carl Schenkel

Drehbuch: Stephen Harrigan

mit Alfred Molina, Meredith Baxter, Leslie Caron, Peter Strauss, Fritz Wepper, Kai Wiesinger, Amira Casar, Nicolas Chagrin, Tasha de Vasconcelos, David Hunt, Adam James, Dylan Smith, Natasha Wightman

Die TV-Verfilmung im Rahmen der Serie „Agatha Cristie’s Poirot“

 

Agatha Christie’s Poirot: Mord im Orient-Express (Agatha Christie’s Poirot: Murder on the Orient Express, Großbritannien 2010)

Regie: Philip Martin

Drehbuch: Stewart Harcourt

mit David Suchet, Toby Jones, David Morrissey, Jessica Chastain, Barbara Hershey, Susanne Lothar, Tristan Shepherd, Sam Crane, Brian J. Smith, Stewart Scudamore, Serge Hazanavicius, Eileen Atkins, Denis Ménochet, Hugh Bonneville, Marie-Josée Croze, Stanley Weber, Elena Satine, Joseph Mawle, Samuel West

Polyband veröffentlichte diese Verfilmung jetzt als Einzel-DVD „Poirot – Mord im Orient-Express“

Die Neuverfilmung (Kritik gibt es zum Filmstart am 9. November 2017)

Mord im Orientexpress (Murder on the Orient Express, USA 2017)

Regie: Kenneth Branagh

Drehbuch: Michael Green

mit Kenneth Branagh, Daisy Ridley, Johnny Depp, Michelle Pfeiffer, Penélope Cruz, Judi Dench, Willem Dafoe, Josh Gad, Lucy Boynton, Marwan Kenzari, Olivia Colman, Miranda Raison, Derek Jacobi, Tom Bateman

Länge: 114 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage von Agatha Christie

Krimi-Couch über Agatha Christie

Thrilling Detective über Hercule Poirot

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Mord im Orientexpress“ (2017)

Metacritic über „Mord im Orientexpress“ (2017)

Rotten Tomatoes über „Mord im Orientexpress“ (2017)

Wikipedia über „Mord im Orientexpress“ (Roman [deutsch, englisch], Lumet-Verfilmung [deutsch, englisch], Schenkel-Verfilmung [englisch], Martin-Verfilmung [deutsch], Branagh-Verfilmung [deutsch, englisch]) und Agatha Christie (deutsch, englisch)


Was steht in „Brodecks Bericht“?

November 3, 2017

Wenige Monate nach dem Krieg in einer gottverlassenen Gegend irgendwo in Frankreich. Am Rand von Frankreich, dort, wo die Einheimischen seit Jahrhunderten unter sich sind und Neuankömmlinge misstrauisch beäugen und es für Durchreisende nichts gibt, was auch nur den kleinsten Umweg oder Rast rechtfertigt, wird eines Abends Brodeck, als er die Dorfgaststätte betritt, aufgefordert, einen Bericht zu schreiben. Denn er war als einziger bei dem Ereignis nicht dabei. Sein Bericht soll objektiv sein, nichts verschweigen und sie, die Täter, entlasten.

Brodeck macht sich, die Machtverhältnisse kennend, an die Arbeit. Er ist selbst ein Zugezogener, der im Krieg in einem Lager war. Auch wenn Manu Larcenet es in seiner bedrückenden, auf Philippe Claudels Roman basierender Graphic Novel „Brodecks Bericht“ nicht ausdrücklich erwähnt, verraten die an mittelalterliche Stiche erinnernden atmosphärischen SW-Panels sofort, dass Brodeck in einem Konzentrationslager war.

Diese Wortkargheit ist die große Stärke von Larcenets Graphic Novel: wie in einem Stummfilm verraten die Bilder alles über die düstere, bedrohliche und gottverlassene Welt, in der Brodeck und die Dorfbewohner leben. Die Dialoge sind, das zeigen schon die ersten Seiten, nur noch knappe Ergänzungen zu den Panels. Zum Beispiel wenn Brodeck die Dorfgaststätte betritt und nicht auf eine fröhlich feiernde Versammlung, sondern einen bedrohlich schweigenden Mob, der nicht über seine Tat reden will, trifft. In diesem Moment weiß Brodeck, was passiert ist und er kann sich auch schon denken, warum der Fremde ermordet wurde.

Brodeck schreibt in seinem vom Dorfvorsteher geforderten Bericht auch über seine Erlebnisse im Lager und wie er dorthin kam. Er schreibt über sein Leben auf einem Einsiedlerhof mit seiner Frau und Tochter. Er erzählt auch die Vorgeschichte der Tat. Denn der von ihnen ermordete Fremde kam zu ihnen, hörte sich um und porträtierte sie in Bildern, die ihr wahres Wesen enthüllten. Aber wer lässt sich schon gerne einen Spiegel vorhalten?

Manu Larcenet schrieb und zeichnete auch die stilistisch vollkommen anders aussehenden, ebenfalls bei Reprodukt erschienen Werke „Blast“ und „Der alltägliche Kampf“.

Seine neuestes Werk „Brodecks Bericht“ ist ein bildgewaltiger Noir über eine verschworene Gemeinschaft, die ihre Verbrechen verschweigt und von Brodeck nur eine schriftliche Rechtfertigung für ihren Mord haben will.

Manu Larcenet: Brodecks Bericht

(übersetzt von Ulrich Pröfrock)

Reprodukt, 2017

328 Seiten

39 Euro

Originalausgabe

Le Rapport de Brodeck, Tome 1 & 2

Dargaud, Paris, 2015/2016

Hinweise

Reprodukt über Manu Larcenet

Wikipedia über Manu Larcenet (deutsch, französisch)

Meine Besprechung von Manu Larcenets „Blast: Augen zu und durch (Band 3)“ (Blast 3 – La Tête la première, 2012)


„Love is Love“ erinnert an den Anschlag von Orlando

November 1, 2017

Am 12. Juni 2016 erschoss Omar Mateen in dem Nachtclub „Pulse“ in Orlando, Florida, 49 Menschen und verletzte 53 Menschen. Der Club war als Treffpunkt der LGBT-Community bekannt.

Seine Tat war der bis dahin blutigste Gewaltakt gegen LGBT-Menschen und die tödlichste Massenerschießung in den USA. Bis am 1. Oktober 2017 in Las Vegas ein noch tödlicherer Terrorakt verübt wurde.

Das Entsetzen, die Betroffenheit und die Trauer über das sinnlose Massaker waren groß. In den USA und auch weltweit.

Ein Versuch künstlerisch mit diesen Gefühlen umzugehen ist der von Marc Andreyko herausgegebene Sammelband „Love is Love“. In meist einseitigen, selten zweiseitigen Texten und Bildern, meistens Comics, manchmal auch Quasi-Plakate, versuchen weit über hundert Künstler ihre Betroffenheit über den Anschlag in Worte und Zeichnungen zu fassen. Neben vielen in Deutschland unbekannten Autoren und Zeichnern sind auch bekannte Namen, wie Robert Venditti, Scott Snyder, Jock, Mark Millar, Patton Oswalt, Tim Seeley, Christopher Golden und Damon Lindelof, dabei.

Für die Anthologie wurden auch einige bekannte Charaktere, wie The Spirit und Harry Potter (sein Comicdebüt), und Superhelden, vor allem aus dem DC-Universum, mit Erlaubnis der Rechteinhaber verwendet.

In einigen Geschichten werden auch Namen von Opfern genannt und einiges über ihr Leben erzählt. Der Täter wird in der Anthologie nie genannt; – dabei ist diese Form von Ruhm (meistens Nachruhm) genau der Wunsch dieser terroristischen Massenmörder. Hier wird er ihm konsequent verwehrt.

In allen Geschichten ist die Fassungslosigkeit über den Anschlag spürbar. Auch wenn eine Geschichte erzählt wird, die unmittelbar nichts mit dem „Pulse“ und dem Massaker zu tun hat. Es wird, fast immer explizit, zu Toleranz und Verständnis füreinander aufgerufen und gesagt, dass Liebe Liebe sei. Die Autoren und Zeichner setzen die Botschaft der Liebe dem Hass (und der Intoleranz) entgegen und zeigen gleichzeitig, wie vielfältig die US-amerikanische Comicwelt in ihren künstlerischen Ausdrucksformen ist.

Wonder Woman“-Regisseurin Patty Jenkins geht in ihrem empathischen Vorwort auf ihre Arbeit an dem Film „Monster“ ein. Für die Recherchen über die Serienmörderin Aileen Wuornos besuchte sich auch die LGBT-Communitys in Orlando und Zentral-Florida, die sich auch um Wuornos gekümmert hatten.

Love is Love“ ist ein Trauerbuch, das Mut spendieren will.

A propos „spendieren“: von jedem verkauften Exemplar gehen 3 Euro an diverse LGBT-Verbände in den USA und an den Lesben- und Schwulenverband (LSVD).

In den USA erhielt „Love is Love“ den Eisner Award als Beste Anthologie.

Marc Andreyko (Herausgeber): Love is Love – Eine Comic-Anthologie für Respekt, Akzeptanz und Gleichberechtigung

(übersetzt von Anja Kootz)

Panini, 2017

148 Seiten

16,99 Euro

Originalausgabe

Love is Love

IDW (in Zusammenarbeit mit DC Entertainment) 2017

Hinweise

IDW über „Love is Love“

Wikipedia über „Love is Love“ (mit Nennung aller Künstler)


Über das Nachschlagebuch „Marvel Cinematic Universe – Das Film-Kompendium“

November 1, 2017

Marvel Cinematic Universe – Das Film-Kompendium Bd. 1: Die Avengers-Initiative“ lautet der vollständige Titel, der schon verrät, dass in diesem Film-Kompendium nicht alle Marvel-Filme vorgestellt werden. Denn es ist, wie der Titel verrät, der erste Band. Außerdem reichen die bereits bekannten Pläne von Marvel für weitere Spielfilme bereits bis in das nächste Jahrzehnt. Da gibt es genug Stoff für weitere Film-Kompendien. Und es gibt noch eine Fernsehserien.

In „Marvel Cinetic Universe – Das Film-Kompendium“ werden „Iron Man“, „Der unglaubliche Hulk“, „Iron Man 2“, „Thor“, „Captain America: The First Avenger“, „The Avengers“, „Iron Man 3“ und „Thor: The Dark Kingdom“, also alle Filme der sogenannten ersten Phase und die ersten beiden Filme der zweiten Phase behandelt. Im Kino sind wir mit „Thor: Tag der Entscheidung“ knietief in der dritten Phase.

Die gewählte Form der Filmvorstellung zeigt, dass „Marvel Cimantic Universe – Das Film-Kompendium“ sich primär an die steinharten Fans richtet. Zu jedem Film werden wichtige Charaktere (wie Tony Stark) und auch Gebäude (wie Tony Starks Anwesen) und Gegenstände (wie seine Rüstung) vorgestellt und was mit ihnen in diesem Film passiert. Wenn sie in mehreren Filmen auftauchen, wird das, was mit ihnen in einem Film geschieht, bei diesem Film besprochen. Das ist eine gute Möglichkeit, um sich schnell über bestimmte Fakten im Marvel-Kinouniversum zu informieren. Aber wer die Filme nicht kennt, wird wenig mit den Beschreibungen und Nacherzählungen von Teilen der Filmhandlung anfangen können. Es wird ja nicht der Film, sondern das, was der Charakter erlebt, nacherzählt.

Zusätzlich zu den Informationen über die Filminhalte gibt es auch Kästchen, in denen die ersten Auftritte der besprochenen Personen und Gegenstände in den Comics erläutert werden. Weiter heraus aus dem Kosmos der Filme begibt sich das Film-Kompendium nicht. Es gibt keine Informationen über die Schauspieler, Regisseure und Autoren. Es wird noch nicht einmal erwähnt, wer Tony Stark spielt. Diese Informationen würden ja den schönen Schein der Filme und der Welt der Avengers zerstören.

Insofern hat Koordinator Mike O’Sullivan ein Buch herausgegeben, das nur für die Fans ist, die schon alle Filme in mindestens einer Ausgabe in ihrem Regal stehen haben.

Mike O’Sullivan (Chefautor/Koordinator): Marvel Cinematic Universe – Das Film-Kompendium Bd. 1: Die Avengers-Initiative

(übersetzt von Stefan Pannor)

Panini, 2017

192 Seiten

29,99 Euro

Originalausgabe

Marvel Cinematic Guidebook: The Avengers Initiative

Marvel, 2017

Hinweis

Meine Besprechung von Peter Vignolds „Das Marvel Cinematic Universe – Anatomie einer Hyperserie“ (Marburger Schriften zur Medienforschung, 2017 – die wissenschaftliche Perspektive)

 


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Das Dokudrama „Die Unsichtbaren – Wir wollen leben“ als Juden in Berlin während des Zweiten Weltkriegs

Oktober 27, 2017

Selten ist die Antwort auf die Frage, ob der Film gut sei, so eng mit der Frage, wer sich den Film ansieht, verknüpft, wie bei „Die Unsichtbaren – Wir wollen leben“. Claus Räfle schildert in seinem Film das Schicksal von einigen Juden, die den Zweiten Weltkrieg in Berlin überlebten.

Berlin hatte in den zwanziger Jahren ein pulsierendes jüdisches Leben. Über die Hälfte der gesamten jüdischen Bevölkerung Deutschlands lebte in der Hauptstadt. Von den damals 270.000 jüdischen Berlinern lebten am Anfang des Zweiten Weltkriegs immer noch 160.000 in der Hauptstadt. Sie waren, unter dem Deckmantel der Legalität, zunehmenden Repressionen ausgesetzt. Viele versuchten, Deutschland zu verlassen. Viele wurden deportiert und in Konzentrationslagern ermordet.

Als Propagandaminister Joseph Goebbels am 10. Juni 1943 Berlin für „judenfrei“ erklärte, lebten noch knapp 7000 meist jüngere jüdische Berliner in der Stadt. Sie waren untergetaucht. Ungefähr 1700 überlebten den Krieg. Meist in verschiedenen Verstecken und in immer in der Gefahr, im nächsten Moment verhaftet zu werden.

In seinem Film „Die Unsichtbaren -Wir wollen leben“ konzentriert sich Grimme-Preisträger Claus Räfle, der in den vergangenen Jahrzehnten fast vierzig TV-Dokumentationen inszenierte, auf vier junge jüdische Berliner, die er für den Film auch persönlich interviewte.

Cioma Schönhaus, geb. 1922, wird nach einer Grafikerlehre zum erfolgreichen Passfälscher. Seiner Deportation in ein Lager entgeht er, indem er im Sammellager Levetzowstraße , das in einer Synagoge war, dreist behauptet, sein Arbeitgeber habe ihn auf eine Liste kriegswichtiger Zwangsarbeiter gesetzt. Seine Lüge wird geglaubt. Seine Eltern werden deportiert.

Hanni Levy, früher Hannelore Weissenberg, geb. 1924, taucht im Februar 1943 unter. Sie hat sich in der Fabrik für Fallschirme eine eitrige Entzündung am kleinen Finger zugezogen, die ihr Probleme bereiten wird. Als die Gestapo das schon fast menschenleere Haus, in dem sie und andere Juden leben räumt, bleibt sie still am Küchentisch sitzen. Danach taucht sie unter. Sie verändert, auf Anraten einer Freundin ihrer Mutter, ihr Aussehen. Unter anderem indem sie sich ihre Haare blond färbt und zur idealtypischen Arierin wird. Später kann sie bei einer Kartenverkäuferin des Kinos am Nollendorfplatz, die ihre wahre Identität kennt, einziehen.

Ruth Gumpel (geb. Arndt), geb. 1922, taucht mit ihrer Familie unter. Ihnen helfen frühere Patienten ihres Vaters. Später erhält die Arzttochter durch die Vermittlung einer nicht-jüdischen Familie eine Anstellung bei einem Wehrmachtsoffizier, der von seiner Wilmersdorfer Wohnung einen Schmugglerring für Delikatessen und Alkohol unterhält.

Eugen Friede, geb. 1926, Sohn einer Mischehe (seine Mutter war Jüdin), wird von seinem Vater zuerst bei einer kommunistischen Arbeiterfamilie und dann bei einer bürgerlichen Familie, die auch eine etwa gleichaltrige Tochter hat, untergebracht. Später schließt er sich der Widerstandsgruppe um Werner Scharff an. Scharff hatte davor auch Schönhaus geholfen, indem er ihm in Moabit eine Kellerwerkstatt organisierte, in der er ungestört Pässe fälschen konnte.

Der Film erzählt diese vier Schicksale, indem er, wie man es von zahlreichen TV-Dokumentarfilmen kennt, zwischen Zeitzeugenberichte – in diesem Fall die Erinnerungen von Hanni Levy, Ruth Gumpel, Cioma Schönhaus und Eugen Friede (die sich damals nicht kannten) – und nachgestellten Szenen hin und her wechselt. Die nachgestellten Szenen haben einen primär illustrativen Charakter. Sie vermitteln einen Eindruck von der damaligen Situation und sie bebildern die Erinnerungen der Überlebenden.

Störend in diesen Szenen ist, dass teilweise sehr bekannte Schauspieler, wie Maren Eggert, Florian Lukas und der kürzlich verstorbene Andreas Schmidt, mitspielen. Da wirken die Szenen nicht mehr wie illustrative Nachstellungen wahrer Ereignisse, sondern wie der Versuch, einen Spielfilm zu inszenieren. Weil die Szenen nicht oder kaum dramatisiert sind und sie ungefähr alles vermissen lassen, was zu einem Spielfilm dazugehört, wirken sie wie Ausschnitte aus einem schlechten TV-Film. Insofern wecken diese Nachstellungen im ersten Moment Erwartungen, die der Film nicht erfüllen will.

Und damit kommen wir zur Eingangsfrage zurück. Wer einen Spielfilm sehen will, wird enttäuscht sein. Wer einen Dokumentarfilm sehen, wird ebenfalls enttäuscht sein. Denn die nachgestellten Szenen, vor allem wenn bekannte Schauspielergesichter auftauchen, lenken von den sehr lebendigen und kurzweiligen Erzählungen der überlebenden Juden ab. Ihnen hätte ich gerne länger zugehört. Nach meiner Erfahrung aus von mir mitorganisierten und teilweise moderierten Veranstaltungen hätte das auch bei einem jugendlichen Publikum funktioniert. In den Veranstaltungen lauschten sie atemlos den Zeitzeugen.

Wer „Die Unsichtbaren“ als Teil einer Schul- oder Bildungsveranstaltung einsetzen will, um so Schülern einen Einblick in unsere Vergangenheit zu geben, wird von dem Film begeistert sein. Denn es gelingt ihm durch seine Mischung aus Zeitzeugenberichten und filmischen Nachstellungen die Vergangenheit und auch die Gefahr, in der die vier im Mittelpunkt stehenden Jungerwachsenen schwebten, begreifbar zu machen. Obwohl ihr Schicksal und das der anderen im Film gezeigten Personen (neben den vielen Helfern der Untergetauchten auch die Jüdin Stella Goldschlag, die untergetauchte Juden an die Nazis verriet) Stoff für mindestens ein halbes Dutzend Spielfilme hergibt, hält sich „Die Unsichtbaren“ an die Wahrheit und das Identifikationspotential zwischen Hanni Levy, Ruth Gumpel, Cioma Schönhaus und Eugen Friede und den jungen Zuschauern ist groß. Auch weil die vier jüdischen Berliner so verschiedene Charaktere sind, die alle nur den Krieg überleben wollten. Auf sich gestellt, ohne Pass, Lebensmittelkarten und sichere Unterkunft.

Parallel zum Filmstart erschien Claus Räfles Filmbuch „Die Unsichtbaren“. Es ist eine in vertiefende Nacherzählung des Films. Daneben gibt es Hintergrundinformationen, Filmfotos und historische Aufnahmen. Das Buch ist in jeder Hinsicht sehr empfehlenswert.

Die Unsichtbaren – Wir wollen leben (Deutschland 2017)

Regie: Claus Räfle

Drehbuch: Claus Räfle, Alejandra López

mit Max Mauff, Alice Dwyer, Ruby O. Fee, Aaron Altaras, Victoria Schulz, Florian Lukas, Andreas Schmidt, Laila Maria Witt, Sergej Moya, Lucas Reiber, Robert Hunger-Bühler, Maren Eggert, Naomi Krauss, Hanni Levy, Ruth Gumpel, Cioma Schönhaus, Eugen Friede

Länge: 110 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Das Buch zum Film

Claus Räfle: Die Unsichtbaren – Untertauchen, um zu überleben – Eine wahre Geschichte

Elisabeth Sandmann Verlag , 2017

160 Seiten

19,95 Euro

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Die Unsichtbaren“

Moviepilot über „Die Unsichtbaren“

Wikipedia über „Die Unsichtbaren“

Informationen über die Hintergründe des Films, untergetauchte Juden und ihre Helfer, gibt es auch in der Gedenkstätte Stille Helden. Sie ist bis Ende Januar geschlossen und ist dann in der Stauffenbergstraße 13-14. 


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Mitch Rapp ist der „American Assassin“

Oktober 14, 2017

Die Verfilmungspläne sind schon etwas älter. Denn selbstverständlich hat Hollywood sich die Verfilmungsrechte für die Mitch-Rapp-Romane von Vince Flynn gesichert. Ein Bestsellerautor, der einen Agententhriller nach dem nächsten abliefert, in denen ein Held die USA vor bösen Terroristen schützt, liefert genug Geschichten für eine langlebige Serie. Dass Vince Flynn dann 2010 mit „American Assassin“ auch den Roman schrieb, der den ersten Einsatz von seinem Helden Mitch Rapp schildert, war natürlich ein fast schon natürlicher Startpunkt für eine Filmserie.

Auch Vince Flynn (1966 – 2013) hält „American Assassin“ für einen guten Einstieg in die Welt von Mitch Rapp, die nach seinem Tod von Kyle Mills fortgeschrieben wird.

Flynns Roman spielt in den frühen Neunzigern. Im Dezember 1988 stirbt Mitch Rapps Verlobte bei dem Lockerbie-Bombenanschlag, bei dem alle 259 Passagiere einer Boing 747 starben. Der Student will sie rächen, wird von der CIA – also einer dieser Abteilungen, die es offiziell nicht gibt – rekrutiert und von Stan Hurley ausgebildet. Weil im Libanon ein US-Geschäftsmann mit guten Kontakten nach Washington entführt wurde und ein CIA-Unterhändler getötet wurde, erhält die Orion-Gruppe ihren ersten Einsatzbefehl, der sie über Deutschland und die Schweiz nach Beirut führt.

Der Film verlegt die Geschichte in die Gegenwart und, sieht man von einigen vernachlässigbaren und austauschbaren Details ab, erzählt der Film eine vollkommen andere Geschichte, die dem Geist des Romans treu bleibt. Das ist in diesem Fall sogar ein Vorteil. Denn Flynns Roman ist mit seine Rückblenden und Handlungssprüngen seltsam unbeholfen erzählt. So erfahren wir, wenn man den Klappentext nicht gelesen hat, erst auf Seite 161, warum Rapp ein Killer werden will. Wobei es ein großer und nicht unbedingt selbstverständlicher Schritt ist, von einem trauerndem Liebhaber zu einem skrupellosen Racheengel zu werden. Flynn überspringt diese Entwicklung einfach. Flynn geht auch nicht auf die Phase der Trauer ein und er erzählt auch nicht, warum Rapp so gut in allem ist. Eigentlich steht Rapp in seiner Ausbildung nur vor einer Herausforderung: Hurley darf nicht erfahren, wie leicht ihm die ganzen Übungen fallen.

Später plätschert der Plot vor sich hin. Erst langsam werden die Verbindungen zwischen den verschiedenen Ereignissen offensichtlich. So sind Rapps Ermordung eines Waffenhändlers in Istanbul (sein erster Mordauftrag) und die von der Orion-Gruppe durchgeführte Ermordung eines Bankers in Hamburg und das Leeren einiger von ihm betreuter Schwarzgeldkonten isolierte Ereignisse. Auch die weiteren Morde erscheinen zunächst willkürlich, ehe Flynn die verschiedenen Handlungsfäden und Ereignisse langsam verknüpft und es zum Finale in Beirut kommt.

Dagegen erzählt der Film chronologisch Rapps Geschichte. Während eines Urlaubs stürmen Terroristen das tropische Ferienressort und schießen wild um sich. Dabei stirbt unter anderem Rapps Freundin. Rapp bildet sich als Kämpfer aus, wird zum Islamisten und versucht die Mörder seiner Freundin zu töten, indem er sich – so sein Plan – eine Terrorzelle nach der nächsten vornimmt.

Für die stellvertretende CIA-Direktorin Irene Kennedy ist das eine fantastische Voraussetzung, um Rapp zu rekrutieren und ihn in das Trainingslager von Stan Hurley zu schicken.

Als 15 Kilo Plutonium und einige Komponenten für den Bau einer Atombombe verschwinden, der totgeglaubte Auftragsmörder und Söldner Ghost auftaucht und der Iran (Wer sonst?) die Bombe kaufen will, muss die Orion-Gruppe zu ihrem ersten Einsatz ausrücken.

An dem in den USA, Großbritannien, Malta, Thailand und Italien von Michael Cuesta gedrehtem Actionthriller gefällt vor allem die handgemachte Action. Sie wirkt, bis auf das bombige Finale im Mittelmeer, realistisch. Dazu trägt auch bei, dass Cuesta in diesen Szenen selten schneidet und man so die Kämpfe gut verfolgen kann.

Auch der Plot gefällt in seinem altmodischen Gestus.

Aber der Film ist, wie die Vorlage, eine reaktionäre Männerfantasie, in der tapfere US-Amerikaner skrupellos böse Menschen töten. Die Terroristen sind allesamt Islamisten der besonders bösen Sorte. Im Film kommt das Böse daher aus dem Iran, dem neuen Hort des Bösen. Im Roman ist es der Nahost-Konflikt. Das ändert aber nichts daran, dass Rapp jedes Recht der Welt hat, die Bösewichter abzumurksen. Er ist, wie Mike Hammer, Ankläger, Jury, Richter und Vollstrecker.

Im Film gibt es aber noch einige gute Iraner und einer der Bösewichter ist schon auf den ersten Blick kein Araber. Und kein Russe; die waren im Roman wichtig, im Film nicht mehr.

Insofern fällt die Verfilmung des Pulp-Romans (und das ist „American Assassin“ trotz seiner fünfhundert Seiten) etwas liberaler und bei den Bösewichtern, durch die Hinzuerfindung von Ghost, differenzierter als die Vorlage aus. Der Held selbst bleibt ein von keinerlei Zweifeln geplagter Racheengel, der die arabisch aussehenden Bösewichter ermordet und, weil er das Richtige tut, gegebenenfalls die Bedenken und Vorgaben der Politiker aus Washington, ignoriert.

Insgesamt ist „American Assassin“ ein durchaus ansehbarer, wenig überraschender Actionfilm, der in jeder Beziehung durchschnittlich ist. „American Assassin“ ist kein Jason-Bourne- oder „Mission Impossible“-Nachfolger und auch keine Reinkarnation von Jack Bauer für die große Leinwand. In „American Assassin“ wird alles eine Nummer kleiner und konservativer gebacken. Aber Dylan O’Brien macht seine Sache als Mitch Rapp gut und Michael Keaton (mit Sonnenbrille) hat auch seinen Spaß.

American Assassin (American Assassin, USA 2017)

Regie: Michael Cuesta

Drehbuch: Stephen Schiff, Michael Finch, Edward Zwick, Marschall Herskovitz

LV: Vince Flynn, American Assassin, 2010 (American Assassin)

mit Dylan O’Brien, Michael Keaton, Taylor Kitsch, Sanaa Lathan, Shiva Negar, David Suchet, Navid Negaban, Scott Adkins

Länge: 112 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage

Vince Flynn: American Assassin

(übersetzt von Alexander Rösch)

Festa Verlag, 2017

512 Seiten

12,99 Euro

Originalausgabe

American Assassin

Atria Books, Simon & Schuster, New York 2010

Festa will alle Mitch-Rapp-Romane veröffentlichen. Einige sind bereits erschienen.

Vor Jahren erschienen im Heyne-Verlag mehrere Mitch-Rapp-Romane, die bis auf zwei Romane (und ein E-Book) nur noch antiquarisch erhältlich sind.

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „American Assassin“

Metacritic über „American Assassin“

Rotten Tomatoes über „American Assassin“

Wikipedia über „American Assassin“ (deutsch, englisch) und Vince Flynn (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Michael Cuestas „Kill the Messenger“ (Kill the Messenger, USA 2014)

Homepage von Vince Flynn


„Die Rückkehr des Lemming“, wegen der Verwandtschaft und einer Entführung

Oktober 4, 2017

Stefan Slupetzky hat nach acht Jahren einen neuen „Lemming“-Kriminalroman geschrieben.

So, jetzt sind wir die „Lemming“-Fans los.

Der Wiener Stefan Slupetzky ist bei uns vor allem für seine „Lemming“-Kriminalromane bekannt. Zwischen 2004 und 2009 erschienen vier Krimis mit dem Ex-Kriminalbeamten und Privatdetektiv Leopold Wallisch, genannt Lemming, weil er, wie er in „Die Rückkehr des Lemming“ seinem Sohn erklärt, ein schlechter Polizist war.

Der erste Lemming-Roman „Der Fall des Lemming“ erhielt den Friedrich-Glauser-Preis und er wurde 2009 von Nikolaus Leytner mit Fritz Karl als Lemming verfilmt.

Lemmings Himmelfahrt“ erhielt den Burgdorfer Krimipreis.

Das Schweigen des Lemming“ war eines der hundert Lieblingsbücher der Wiener; – keine Ahnung, wie die das ausgewürfelt haben.

Lemmings Zorn“ war für den Friedrich-Glauser-Preis nominiert und erhielt den erstmals von der Stadt Wien ausgelobten Leo-Perutz-Preis.

Und 2009 erhielt Slupetzky für seine Lemming-Romane den Krimipreis von Radio Bremen.

Ganz schlecht können die „Lemming“-Romane also nicht sein. Aber „Die Rückkehr des Lemming“ ist ziemlich weit von einem guten Roman entfernt.

Inzwischen arbeitet Wallisch als Nachtwächter im Tiergarten Schönbrunn. Er lebt immer noch mit der Tierärztin Klara Breitner zusammen. Über sie wird er in seinen neuen Fall verwickelt. Denn ihr Neffe Theo Ptak hat eine Entführung beobachtet. Der achtundzwanzigjährige Straßenbahnfahrer hat sich in den vergangenen Wochen in eine seiner Kundinnen, die er „die scheinbar Unscheinbare“ nennt, verliebt. Eines Morgens sieht er, wie sie entführt wird. Wallisch soll ihm bei der Suche helfen.

Tatsächlich entdecken sie am Ort der Entführung eine erste Spur: eine alte Zeitungsseite.

In einem Mietshaus finden sie die Leiche des Reisejournalisten Paul Silbermann. Er arbeitete mit seiner Nichte Dora Madar zusammen. Die Fotografin ist die Entführte. Auf ihrem Computer findet Wallisch Bilder von einem Dodovogel. Der mythische Vogel wird auch in dem Zeitungsartikel erwähnt und eigentlich ist er schon seit Ewigkeiten ausgestorben.

In diesem Moment liegt Theo, der wahrscheinlich Silbermanns Mörder gesehen hat, schon schwer verletzt im Krankenhaus und es gibt einen zweiten, im 17. Jahrhundert spielenden Handlungsstrang, in dem Max Horvart mit zwei Vögeln um die halbe Welt zurück nach Österreich reist. Er hat ein Geschenk für den Kaiser.

Gestandene Krimifans können sich den Plot und die Pointe von „Die Rückkehr des Lemming“ schnell und mühelos zusammenreimen. Das ist nicht unbedingt ein Nachteil. Schließlich kennen wir, um nur ein sehr bekanntes Beispiel zu nennen, in den „Columbo“-Krimis den Täter und wir wissen, dass er am Ende der Geschichte von dem Ermittler überführt wird. Wir wissen nur nicht, über welche Fehler der Mörder stolpert und wie Columbo das herausfindet. Das ist ein großer Teil des Vergnügens.

Aber gerade der Weg zum Ziel gestaltet sich in „Die Rückkehr des Lemming“ erstaunlich zäh und langwierig. Auch weil ich mit Slupetkys Humor und Sprache nichts anfangen kann.

Insgesamt erinnert mich „Die Rückkehr des Lemming“ an einen ambitionierten Regionalkrimi, ohne exzessives Name-Dropping von Straßennamen, Lokalen und Lokalgrößen.

Stefan Slupetzky: Die Rückkehr des Lemming

rororo, 2017

256 Seiten

9,99 Euro

Hinweise

Homepage von Stefan Slupetzky

Krimi-Couch über Stefan Slupetzky

Wikipedia über Stefan Slupetzky


Über Ray Bradburys Kurzgeschichtensammlung „S is for Space“

September 20, 2017

Ob wirklich alle Kurzgeschichten „meisterhaft“ (Untertitel) sind, weiß ich nicht. Das impliziert ja, dass sie die besten der besten Geschichten sind. Jedenfalls sind sie alle lesenswert. Und ob „S is for Space“ wirklich „Der Klassiker“ (Sticker auf dem Cover) ist, bezweifle ich. Denn „S is for Space“ ist eine 1966 von Ray Bradbury für die „Young Adult“-Abteilung der Bibliotheken zusammengestellte Sammlung von sechzehn seiner fantastischen Kurzgeschichten. Etliche erschienen bereits auf Deutsch in verschiedenen mehr oder weniger nur noch antiquarisch erhältlichen Sammelbänden.. Aber der gesamte Sammelband wurde noch nicht übersetzt. Für die aktuelle Veröffentlichung wurden die Geschichten neu übersetzt. Und die Geschichten sind auch nicht speziell für ein jugendliches Publikum geschrieben. Ehrlich gesagt, fällt mir kein großer Unterschied zwischen diesen und anderen Kurzgeschichten von Ray Bradbury auf. Außer vielleicht, dass mehrere Protagonisten Kinder oder Jugendliche sind.

Ray Bradbury (1920 – 2012) ist einer der großen Science-Fiction-Autoren, der vor allem unzählige Kurzgeschichte schrieb, die mal mehr, mal weniger utopisch waren und selbstverständlich auch immer wieder die Grenzen zur Horror- und Kriminalgeschichte überschritten. Zu seinen wenigen Romanen gehören die SF-Klassiker „Die Mars-Chroniken“ und „Fahrenheit 451“. Hollywood verfilmte viele seiner Geschichten und, was jetzt schon Spezialwissen ist, Bradbury schrieb, mit John Huston, das Drehbuch für Hustons Herman-Melville-Verfilmung „Moby Dick“. 2007 erhielt er den Pulitzer-Preis für sein Lebenswerk. Er ist ein Grand Master der Science Fiction Writers of America. Die zahlreichen anderen Ehrungen lasse ich mal weg.

Die meisten der sechzehn in „S is for Space“ enthaltenen Kurzgeschichten sind SF-Geschichten, meistens mit einer überraschenden Pointe. Zweimal geht es zum Mars („Das Millionen-Jahre-Picknick“, „Dunkel waren sie und goldäugig“), und die Begegnung mit den Marsianern fällt beide Male anders aus, als die Menschen es erwarteten. Auch in „Der Mann“ verläuft die Begegnung der Raumfahrer mit einer fremden Rasse anders als geplant, weil kurz vor ihnen bereits ein anderer Reisender den Planeten besuchte. In „Hallo und Lebwohl“ begegnen wir dem Jungen Willie, der körperlich nicht älter wird; was ein Problem ist. Und in „Feuersäule“ (mit 56 Seiten die längste Geschichte des Buches) begegnen wir William Lantry, gestorben und beerdigt 1933, wiederauferstanden und voller Hass 2349. Er lernt eine vollkommen veränderte Welt kennen.

Die schreiende Frau“ ist dann eine Krimi-Geschichte, in der ein Mädchen in der Erde eine schreiende Frau hört. Selbstverständlich will ihr niemand glauben.

Insgesamt zeigen die Geschichten, wie vor über einem halben Jahrhundert, zwischen Weltraumfahrt, Alien-Invasion und selbstgemachter atomarer Zerstörung der Erde über die Zukunft gedacht wurde. Oft spielen die Geschichten in US-amerikanischen Vorstädten und dem menschenleeren Hinterland; – also in den Gebieten, in denen das Publikum, der von Bradbury (und vieler anderer Kurzgeschichtenautoren) geschriebenen Geschichten lebte. Es ist ein Blick in eine unschuldige, der Zukunft zugewandten Zeit. Auch wenn gerade eine Alien-Invasion stattfindet und die Aliens sehr menschlich aussehen. Einmal wird die Invasion sogar von Kindern angeführt.

Ein anderes Mal hat sie etwas mit Pilzen aus New Orleans zu tun. Aber das ist eine andere Geschichte.

Ray Bradbury: S is for Space

(übersetzt von Oliver Plaschka)

Knaur, 2017

288 Seiten

10,99 Euro

Originalausgabe

S is for Space

Doubleday & Company, New York 1966

Hinweise

Homepage von Ray Bradbury

Phantastik-Couch über Ray Bradbury

Wikipedia über Ray Bradbury (deutsch, englisch)


„Deadpool Pulp“ ist immer noch Deadpool

September 18, 2017

Das ist noch nicht „Der Söldner mit der großen Klappe“, den wir aus zahlreichen Comics in verschiedenen Uni- und Multiversen und einem Kinofilm in mehr oder weniger verschiedenen Inkarnationen kennen, sondern ein Deadpool, der in den fünfziger Jahren als schon ziemlich durchgeknallter CIA-Agent eine abtrünnige Agentin und einen von ihr gestohlenen Atomkoffer finden soll. Die Agentin ist Inez Temple, Codename „Outlaw“, und „Deadpool“ Wade Wilsons große Liebe.

Während er sie sucht, fragt er sich, was bei der ganzen Sache faul ist. Denn als erstes soll er Dr. Jackson, den seit einem Jahr untergetauchten, von den Geheimdiensten kaum beschützten Erfinder der Taschenbombe finden.

Die in sich abgeschlossene Miniserie „Deadpool Pulp“ von den Autoren Mike Benson und Adam Glass (sie schrieben auch „Marvel Noir: Luke Cage“) und Zeichner Laurence Campbell ist mehr Pulp als ein normales Deadpool-Abenteuer mit den direkten Ansprachen des Publikums, den popkulturellen Anspielungen und dem latent unzurechnungsfähigen Verhalten des an mehr oder weniger ausufernden Gedächtnisverlusten leidenden Protagonisten. In „Deadpool Pulp“ kann er zwar auch nicht unbedingt seinem Gedächtnis trauen – und das ist wichtig für das Ende der Geschichte -, aber er agiert ziemlich normal als Geheimagent, der verhindern muss, dass während des Kalten Krieges Gegner der USA in den Besitz einer koffergroßen Atombombe kommen.

Das macht Spaß. Als Noir. Als Pulp-Geschichte.

Mike Benson/Adam Glass/Laurence Campbell: Deadpool Pulp

(übersetzt von Michael Strittmatter)

Panini Comics, 2017

100 Seiten

12,99 Euro

Originalausgabe

Deadpool Pulp 1 – 4

Marvel, 2010/2011

Hinweise

 

Wikipedia über Deadpool

Meine Besprechung von Victor Gischler (Autor)/Bong Dazo (Zeichner): Deadpool – Der Söldner mit der großen Klappe: Kopfsprung (Band 1 von 2) (Deadpool: Merc with a Mouth 1 – 6: Headtrip, 2009/2010)

Meine Besprechung von Victor Gischler (Autor)/Bong Dazo (Zeichner)/Kyle Baker (Zeichner): Deadpool – Der Söldner mit der großen Klappe (Band 2 von 2) (Deadpool: Merc with a Mouth 7: Are you there? It’s me, Deadpool; Deadpool: Marc with a Mouth 8 – 15: Next Stop: Zombieville, 2010)

Meine Besprechung von Daniel Way (Autor)/ Shawn Crystal (Zeichner)/Paco Medina (Zeichner): Deadpool 1 (Deadpool 13/14: Wave of Mutilation; Deadpool 15: Want you to want me, Part 1: The complete idiot’s guide to metaphers, 2009)

Meine Besprechung von Duane Swierczynski (Autor)/Jason Pearson (Zeichner): Deadpool: Weiber, Wummen & Wade Wilson! (Sonderband 1) (Deadpool: Wade Wilson’s War, Vol. 1 – 4, 2010)

Meine Besprechung von Victor Gischler (Autor)/Rob Liefeld/Whilce Portacio/Philip Bond/Paco Medina/Kyle Baker (Zeichner) „Deadpool Corps (Deadpool Sonderband 2)“(Prelude to Deadpool Corps, Vol. 1 – 5, März 2010)

Meine Besprechung von Victor Gischler (Autor)/Rob Liefeld/Marat Mychaels (Zeichner) “Deadpool Corps 2 (Deadpool Sonderband 3)” (Deadpool Corps 1 – 6, Juni 2010 – November 2010)

Meine Besprechung von Victor Gischler (Autor)Rob Liefeld/Marat Mychaels (Zeichner) “Deadpool Corps 3: You say you want a Revolution (Deadpool Sonderband 4)” (Deadpool Corps 7 – 12: You say you want a Revolution (Part 1 – Part 6), Dezember 2010 – Mai 2011)

Meine Besprechung von Duane Swierczynski (Autor)/Leandro Fernandez (Zeichner): Deadpool: Das Film-Special (X-Men Origins: Deadpool: The Major Motion Picture, 2010)

Meine Besprechung von Cullen Bunn/Ramon Rosanas „Night of the Living Deadpool“ (Night of the Living Deadpool # 1 – 4, März 2014 – Mai 2014)

Meine Besprechung von Cullen Bunn/Nik Virellas „Return of the Living Deadpool“ (Return of the Living Deadpool # 1 – 4, April 2015 – Juli 2015)

Meine Besprechung von „Deadpool: Greatest Hits – Die Deadpool-Anthologie“ (2016, Sammelband mit vielen Deadpool-Geschichten)

Meine Besprechung von Tim Millers „Deadpool“ (Deadpool, USA 2016)

Meine Besprechung von Mike Benson (Autor)/Adam Glass (Autor)/Shawn Martinbrough (Zeichner): Marvel Noir: Luke Cage (Luke Cage Noir, Vol. 1 – 4, 2009)

 

 

 


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Willkommen in der schönen neuen Welt des „The Circle“

September 7, 2017

Vor vier Jahren war Dave Eggers‘ Anti-Utopie „Der Circle“ in den Feuilletons und den Bestsellerlisten das Buch der Stunde. Denn er schrieb eine seitenstarke Anklage gegen Facebook und Konsorten, er warnte vor dem Überwachungswahn von Internetfirmen und der freiwilligen Preisgabe intimster Details.

Er reihte sich damit, wenigstens im Werbesprech, ein in die Reihe großer SF-Romane wie Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“ (Brave new World, 1932), George Orwells „1984“ (Nineteen Eighty-Four, 1949) und Ray Bradburys „Fahrenheit 451“ (1953).

Dass Eggers‘ Dystopie für Science-Fiction-Fans spätestens seit Cyberpunk ein alter Hut ist, dass Eggers‘ Dystopie deutlich länger und oberflächlicher als die eben genannten Klassiker ist; – geschenkt, solange das Werk auf ein aktuelles Problem aufmerksam machen kann und eine breite Diskussion darüber anstößt.

Außerdem zeigt er schön die subtilen Methoden, mit denen Arbeitgeber ihre Angestellten und Kunden beeinflussen. Sie müssen keinen Druck ausüben, weil, wie in einer Sekte, alle Circle-Mitarbeiter sich freiwillig dem Gebot der Transparenz unterwerfen, intimste Details miteinander teilen und sich gegenseitig über den grünen Klee loben.

Jetzt läuft bei uns James Ponsoldts Verfilmung von Dave Eggers‘ Roman an und es könnte der hochkarätig besetzte Film zur Stunde sein. Emma Watson, Tom Hanks, John Boyega (bekannt aus „Star Wars: Das Erwachen der Macht“) und Allzweckwaffe Patton Oswalt sind dabei. Darren-Aronofsky-Stammkameramann Matthew Libatique übernahm die Kamera. Tim-Burton-Hauskomponist Danny Elfman schrieb die Musik.

Aber in den USA waren die Kritiken verheerend und an der Kinokasse blieb der Film weit hinter den Erwartungen zurück.

Ob das in Deutschland anders ist, wage ich zu bezweifeln. Denn „The Circle“ ist ein schlechter Film, der aber nicht mit dem Remmidemmi eines hirnlosen Blockbusters für sich werben kann.

Im Mittelpunkt des Buches und des Films steht die 24-jährige Mae Holland. Sie erhält, protegiert von ihrer Universitätsfreundin Annie Allerton, eine Stelle bei der Internetfirma „Circle“. Das ist, kurz gesagt, ein das Internet beherrschendes Konglomerat aller verfügbaren Dienste. So eine Art Super-Facebook-Amazon-YouTube-Twitter-Instagram-undwasessonstnochgibt, bei dem fast jeder Mensch ein persönlich verifiziertes TruYou-Konto hat. Ihre Arbeit beginnt Mae in der Kundenbetreuung. In den ersten Tagen erkundet sie die riesige Firmenzentrale. Sie ist ein Campus mit kostenlosen Mahlzeiten (teils von Spitzenköchen zubereitet), Apartments (bei Bedarf) und Endlospartys mit bekannten Künstlern. Im Film tritt Beck auf. Im Buch nennt Eggers keine Namen, aber Mae ist immer wieder begeistert, dass sie gerade den angesagten Musiker sehen kann. Denn die Firmenchefs wollen, dass es ihren Angestellten gut geht. Deshalb gibt es auch eine kostenlose Gesundheitsvorsorge; bei Bedarf auch für die Eltern. Und weil Maes Vater MS hat, ist das eine tolle Sache.

Circle-Firmengründer Eamon Bailey stellt mit SeeChange ein neues Projekt vor. Mit Minikameras, die überall auf der Welt verteilt werden, kann er vor dem Surfen sehen, ob die Wellen gut sind, ob seine Mutter in ihrer Wohnung nicht gestürzt ist (er hat die Kameras ohne ihr Wissen angebracht) und ob irgendwo in der Welt gerade etwas Schlimmes passiert, ein übergriffiger Polizist oder ein Aufstand. Die Kameras schaffen Transparenz für die gute Sache und sie führen zu einer besseren Welt. Meint Bailey.

Als Mae bei einer nächtlichen Kajakfahrt fast ertrinkt und nur durch die SeeChange-Kamera, die dafür sorgt, dass Rettungskräfte informiert werden, gerettet werden kann, ist sie von Baileys neuer Vision restlos überzeugt. Sie beschließt, vollkommen transparent zu werden.

Ab jetzt hat sie eine Kamera dabei, die ständig ins Internet überträgt, was sie tut. Sie will, dass alle Menschen ihrem Beispiel folgen. Denn, so ihr Spruch, der gleich vom Circle übernommen wurde: „Geheimnisse sind Lügen – Teilen ist Heilen – Alles Private ist Diebstahl“.

Während der Roman diese Geschichte (keine Panik, sie geht noch weiter) stringent als Verführungs- und bescheidene Aufstiegsgeschichte erzählt, geht der Film einen anderen Weg. Dass dafür einige Details verändert werden und dass aus zwei im Roman wichtigen Personen im Film eine wird, ist für das Scheitern des sich insgesamt sehr nah am Roman bewegenden Films letztendlich egal.

Wenn dabei allerdings die Motivation der Charaktere für ihr Handeln verändert wird, hat es Auswirkungen auf unseren Blick auf die Person und ihr Handeln.

So wird, um nur ein Beispiel zu nennen, Mae im Film transparent, weil sie in der Bucht bei einem nächtlichen Kajakausflug fast ertrunken wäre und nur durch SeeChange-Kameras gerettet werden konnte. Im Roman wird sie durch die SeeChange-Kameras bei dem Diebstahl des Kajaks erwischt und kann nur durch die Intervention der Besitzerin des Bootsverleihs, die für ihre Stammkundin Mae lügt, einer Verhaftung entgehen. Anschließend redet Bailey mit ihr darüber und wie unfair es sei, dass sie ihren nächtlichen Bootsausflug für sich behalten wollte und fragt sie, ob sie das Boot auch dann gestohlen hätte, wenn sie gewusst hätte, dass sie bei dem Diebstahl gefilmt werde.

In diesem und in vielen anderen Momenten, zeigt Eggers, wie Mae manipuliert wird. Ständig wird ihr ein schlechtes Gewissen eingeredet. Sie verändert ihr Verhalten, passt sich klaglos den Circle-Regeln an und wird immer mehr zu einer überzeugten Circle-Jüngerin, weil sie so ein besserer Mensch wird.

Trotzdem gibt es im Roman, auch nachdem Mae ihr gesamtes Leben in das Internet überträgt, immer wieder Brechungen. Denn Mae und ihre Gesprächspartnerinnen verändern bewusst ihr Verhalten, wenn sie ihr begegnen. Sie wissen in dem Moment, dass sie sich vor einem Millionenpublikum unterhalten. Mae schauspielert und sie weiß das. Eine Intimsphäre hat sie nur noch in wenigen Momenten ihres Lebens. Wenn sie schläft, nimmt sie die Kamera ab. Wenn sie auf die Toilette geht, wird die Kamera für drei Minuten stumm gestellt.

Doch auch hier geht ihre Entwicklung weiter. Sie wird zu einer immer lautstärkeren Verfechterin der Circle-Philosophie und sie möchte, dass der Kreis sich schließt. Auch wenn sie in dem Moment keine Ahnung, was das Schließen des Circle-Kreises sein wird.

Im Film, und das ist das größte Problem der Verfilmung, enthüllt Regisseur und Drehbuchautor James Ponsoldt die Motive des Circle und die damit verbundenen Gefahren für unser Zusammenleben schon sehr früh. Danach weiß Mae, dass ihr Arbeitgeber nicht so edel ist, wie er behauptet, aber als die nächste App auf ihrem Computer installiert wird, denkt sie nicht mehr daran. Es ist ihr egal. Es hat keine Auswirkung auf ihr Handeln. Es gibt keine Entwicklung, sondern nur eine durchgehend naive Protagonistin, die jedes Mal, wenn ihr ein für sie besonders wichtiger Circle-App präsentiert wird, skeptisch die Stirn runzelt (nein, das kann Emma Watson nicht besonders gut), nickt und sofort die App begeistert und vollkommen kritiklos anwendet .

Deshalb ist das Filmende, das sich vom Romanende unterscheidet, ärgerlich. Das Romanende ergibt sich aus der vorherigen Geschichte. Im Film ist man dagegen von Maes Handlung überrascht, weil sie dramaturgisch nicht vorbereitet wurde. Es ist das Ende eines Films, der unter seiner glänzenden Oberfläche das Potential seiner Geschichte niemals auch nur im Ansatz ausschöpft, weil er durchgehend viel zu nah am schwachen Romantext bleib. Die wenigen Veränderungen schwächen die Geschichte eher, als dass sie sie stärken.

Und jetzt habe ich noch nichts über die vollkommen verschenkten politischen Subplots gesagt.

The Circle (The Circle, USA/UAE 2017)

Regie: James Ponsoldt

Drehbuch: James Ponsoldt

LV: Dave Eggers: The Circle, 2013 (Der Circle)

mit Emma Watson, Tom Hanks, John Boyega, Karen Gillan, Ellar Coltrane, Patton Oswalt, Glenne Headly, Bill Paxton, Jimmy Wong, Judy Reyes, Beck (als Beck)

Länge: 110 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage

Dave Eggers: Der Circle

(übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann)

KiWi, 2015

560 Seiten

10,99 Euro

Deutsche Erstausgabe

Kiepenheuer & Witsch, 2014

Originalausgabe

The Circle

Knopf, 2013

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „The Circle“

Metacritic über „The Circle“

Rotten Tomatoes über „The Circle“

Wikipedia über „The Circle“ (deutsch, englisch)

Perlentaucher über „Der Circle“

Meine Besprechung von Tom Tykwers Dave-Eggers‘-Verfilmung „Ein Hologramm für den König“ (Deutschland/Großbritannien 2016)


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Über Ödön von Horvárths „Jugend ohne Gott“ als Dystopie

August 31, 2017

Dass Alain Gsponer in seiner Verfilmung die Geschichte von Ödön von Horváths „Jugend ohne Gott“ aus der Nazi-Zeit in die Zukunft verlegt, ist nicht das größte Problem des Films. Im Gegenteil. Diese Verlegung der Handlung aktualisiert die Geschichte und macht sie auch für ein neues Publikum zugänglich.

Das gleiche gilt für den Wechsel des Protagonisten. Im Roman ist es der Lehrer. Ein Ich-Erzähler, der seinen Schülern etwas beibringen will und in Konflikt mit der herrschenden Ideologie gerät. Danach soll er, wie ihm sein Schuldirektor sagt, seine Schüler „moralisch zum Krieg erziehen“.

Im Film ist er eine Nebenfigur. Zach, einer seiner Schüler, ist der Protagonist. Um ein junges Publikum zu erreichen, ist das eine kluge Entscheidung. Schließlich identifiziert man sich als Jugendlicher eher mit einem Gleichaltrigen als mit einem Lehrer. Vor allem mit einem Lehrer, der an seiner Aufgabe hadert und von Selbstzweifeln darüber geplagt ist.

Diese beiden Änderungen und einige weitere, zu denen ich gleich komme, machen dann aus Gsponers Film eine freie Verfilmung des Romans.

In dem Film – und ich muss jetzt in Teilen der Filmhandlung weit vorgreifen – fährt die Schulklasse des namenlosen Lehrers (Fahri Yardim) in die Berge zu einem Zeltlager. Durch verschiedene Tests ihrer Persönlichkeit sollen die Schüler ausgewählt werden, die sich für einen Platz an Eliteuniversität qualifizieren.

Alle bis auf Zach (Jannis Niewöhner) folgen willig und ohne darüber nachzudenken, der in der Gesellschaft propagierten Leistungsideologie. Er ist, obwohl beliebt, schon in der Klasse ein hochintelligenter Außenseiter. Sein wertvollster Besitz ist ein Tagebuch, dem er seine Gedanken und Gefühle anvertraut. Im Gegensatz zu seinen Klassenkameraden denkt er nach. Er nimmt die gesellschaftlichen Veränderungen wahr und sie gefallen ihm nicht. Denn hinter dem schönen Schein der egalitären Wohlstandswelt gibt es bittere Armut. Letztendlich ist die von Gsponer gezeichnete Welt eine dystopische Zwei-Klassen-Gesellschaft. Es ist eine diktatorische Leistungsgesellschaft, die gnadenlos unliebsame, nicht angepasste oder nicht leistungsfähige Menschen aussortiert.

In dem Zeltlager werden sie von dem Aufseher vor einer im Wald lebenden Bande Jugendlicher, die außerhalb ihrer Zone leben und sich mit Diebstählen über Wasser halten, gewarnt. Zach lernt das im Wald lebende Mädchen Ewa (Emilia Schüle) kennen. Er verliebt sich in die Wilde.

Dann verschwindet Zachs Tagebuch (Leser des Romans kennen den Dieb) und ein Klassenkamerad, mit dem er schon in den vergangenen Tage handgreifliche Auseinandersetzungen hatte, wird ermordet im Wald aufgefunden. Aber hat er ihn auch ermordet?

Das größte Problem von Gsponers von-Horváth-Verfilmung ist die Erzählweise. Anstatt die Geschichte, wie im Roman, einfach chronologisch vom Anfang bis zum Ende zu erzählen, gibt es zahlreiche Rückblenden, die einem zum Verständnis notwendige Informationen erst sehr spät geben und das Geschehen aus einer anderen Perspektive schildern. Das erschwert das Hineinfinden in die Geschichte und die Identifikation mit den Figuren. Das zeigt sich schon in den ersten Minuten. Der Film beginnt mit der Ankunft im Zeltlager und es wirkt, als ob sich die Jugendlichen nicht kennen. Dabei sind sie Klassenkameraden, die mit ihrem Klassenlehrer zu dem Camp gefahren sind und vor der Fahrt schon einen unliebsamen (vulgo nicht leistungsfähigen) Schüler aussortiert haben. Das setzt sich später fort, wenn wir erst später erfahren, wer das Tagebuch geklaut hat und ob der oder die Mordverdächtigen die Tat begangen haben.

Ein anderes Problem ist die zu sparsam gezeichnete dystopische Gesellschaft. Entsprechend diffus bleibt die Gesellschaftskritik.

Am Ende ist „Jugend ohne Gott“ ein weiterer gescheiterter Versuch eines deutschen Science-Fiction-Films, der nicht an seinem Budget, sondern an seinem Drehbuch und seiner Inszenierung scheitert. Jedenfalls in der Form, die im Kino läuft.

Jugend ohne Gott (Deutschland 2017)

Regie: Alain Gsponer

Drehbuch: Alex Buresch, Matthias Pacht

LV: Ödön von Horváth: Jugend ohne Gott, 1937

mit Jannis Niewöhner, Fahri Yardim, Emilia Schüle, Alicia von Rittberg, Jannik Schümann, Anna Maria Mühe, Rainer Bock, Katharina Müller Elmau, Iris Berben

Länge: 114 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage

Ödön von Horváth: Jugend ohne Gott

Suhrkamp, 2017 (Movie Tie-In)

160 Seiten

5 Euro

Erstausgabe

Exil-Verlag, Amsterdam, 1937

Die aktuelle Suhrkamp-Ausgabe basiert auf „Gesammelte Werke. Kommentierte Werkausgabe in Einzelbänden – Band 4: Prosa und Werke 1918 – 1938“ (Suhrkamp, 1988)

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Filmportal über „Jugend ohne Gott“

Moviepilot über „Jugend ohne Gott“

Wikipedia über „Jugend ohne Gott“ (die aktuelle Verfilmung, der Roman) und Ödön von Horváth (deutsch, englisch)