Vorbereitende Lektüre: Don Winslow: Tage der Toten

August 8, 2015

Als Don Winslow in den USA schon seit einigen Jahren abgefeiert wurde, war er vom deutschen Buchmarkt komplett verschwunden. Erst Suhrkamp änderte das vor sechs Jahren mit „Pacific Private“, „Pacific Paradise“ und „Frankie Machine“ und dann erschien im September 2010 Don Winslows Opus Magnum; was man halt so sagt, wenn das Buch deutlich dicker als die anderen Werke des Abgefeierten ist und die deutsche Kritik war entsprechend euphorisch. Aus dem Hinterkopf war der Tenor der Besprechungen:
Meisterwerk
Meisterwerk
Meisterwerk
Meisterwerk
Meisterwerk
Meisterwerk
und manchmal auch
Bester Roman des Jahres
Bester Roman des Jahrzehnts
Nur „der Roman, der das Genre neu erfindet“ wurde, glaube ich (wenn ich mich irre: sagt es in den Kommentaren), nie geschrieben. Das wird dafür seit einigen Jahren bei jeder zweiten neuen TV-Serie gesagt.
Eine negative Kritik gab es nur im „Spiegel“ (wenn es irgendwo einen richtigen Verriß gab, verratet es ebenfalls in den Kommentaren).
„Tage der Toten“ stand auf dem ersten Platz der „Buchkultur“-Liste der Krimis, die man in diesem Sommer (also damals diesem) lesen sollte. Naja, mit siebenhundert Seiten empfiehlt er sich schon wegen des Umfangs als Strandlektüre.
Er stand auf dem ersten Platz der Jahresbestenliste der KrimiWelt-Juroren (inzwischen KrimiZeit).
Die Ausbeute an Preisen war dagegen überschaubar: es gab den deutschen Krimipreis und, in Japan, den Maltese Falcon Award
und wie liest sich „Tage der Toten“ zehn Jahre nach seiner US-Publikation und fünf Jahre nach seiner deutschen Veröffentlichung?
Gut.
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Ausführlicher?
Gut, aber nicht so überragend, wie man nach dem Presseecho meinen könnte. Die wenigen Preise und Nominierungen (so war „Tage der Toten“ nicht für den Edgar nominiert) verraten schon etwas und natürlich hat ein megadickes Buch auch immer etwas von einer Fleißarbeit. So als möchte der Autor, wenn er seine normale Seitenlänge massiv überschreitet, sagen: Seht her, ich kann den großen amerikanischen Roman, das Buch, das alles über unsere Gesellschaft verrät, schreiben. Und diese Anstrengung ist dann auch auf jeder Seite spürbar.
Nach den fünf Neal-Carey-Romanen, „Manhattan“ (Isle of Joy) und den beiden California-Noirs „Bobby Z“ (The Death and Life of Bobby Z) und dem mit dem Shamus ausgezeichnete „Die Sprache des Feuers“ (California Fire and Life) legte Don Winslow eine sechsjährige Veröffentlichungspause ein, in der er „Tage der Toten“ (The Power of the Dog) schrieb. Er erzählt von dem Kampf zwischen DEA-Agent Art Keller und dem mexikanischem Drogenbaron Adán Barrera zwischen 1975 und, ohne den 2004 spielenden Epilog, 1999.
Dazu kommen noch einige wichtige Nebencharaktere: die Prostituierte Nora Hayden, die zu Barreras Geliebten wird, der irische, im Hell’s Kitchen in New York aufgewachsene Gangster Callan, der auch in Südamerika mordet, und, weil in Südamerika ohne die Religion überhaupt nichts geht, der katholische Geistliche Vater Parada, der zum Erzbischof von Guadalajara wird.
Außerdem zeichnet Don Winslow die Verflechtungen zwischen nord- und südamerikanischer Politik nach. Denn, – das geriet in den letzten Jahren im Rahmen des Antiterrorkampfes etwas aus dem öffentlichem Fokus -, die USA betrachteten Südamerika seit Ewigkeiten als ihren Hinterhof. Sie mischten sich ungefragt in die dortige Politik ein. Sie stürzten Staatsoberhäupter und unternahmen, im Rahmen der Dominotheorie alles, damit es im Süden keine linken Regierungen (die natürlich alles kommunistisch waren) gibt. Und sie führten eine (erfolglosen) Antidrogenkrieg, der das Wort Krieg wirklich verdient hatte.
Es ist also ein großes Epos, das Don Winslow hier schreiben will. Es ist auch ein nur leicht fiktionalisiertes Geschichtsbuch, das einen heute noch mehr als 2005 verdrängten und auch vergessenen Krieg in Erinnerung ruft. Die Menge an Fakten, die Winslow, der bekennende Geschichts-Geek, ausbreitet, ist schon beeindruckend, hat aber auch etwas von einem Geschichtsbuch, in dem ohne große Unterschiede das Wichtige und das Unwichtige aufgenommen wurde. Unter den Details und breit geschilderten Szenen, wie geplanten, aus verschiedenen Perspektiven geschilderten Verhaftungen oder einer tödlichen Rache, gehen dann schon einmal die großen Linien verloren.
Vom Tonfall liest sich „Tage der Toten“ wie eine lange Reportage, die damit auch das von Don Winslow oft benutzte Präsens rechtfertigt. Es ist für Zeitungsberichte die normale Erzählzeit. Der gewitzte und pointierte Tonfall seiner vorherigen und späteren Romane findet sich hier nicht. „Tage der Toten“ ist, verglichen mit den gerade gelesenen Neal-Carey-Romanen, erschreckend dröge.
Storytechnisch erinnert „Tage der Toten“ dann an eine dieser langen TV-Serie, in der bestimmte Ereignisse breit gezeigt werden, während in einer gerafften Zusammenfassung andere Ereignisse schnell zusammengefasst werden und bestimmte Charaktere über viele Seiten vollkommen aus der Handlung verschwinden. Das gilt auch erstaunlich oft für den Protagonisten Art Keller, der damit erstaunlich blass bleibt. Sowieso bleiben alle Charaktere eher blass.
Dieses Jahr erschien, fast zeitgleich, „Das Kartell“ (The Cartel), die Fortsetzung von „Tage der Toten“ und ich bespreche es die Tage.
Von der Verfilmungsfront gibt es auch Neuigkeiten: „Frankie Machine“ (The Winter of Frankie Machine, 2006) soll jetzt von William Friedkin verfilmt werden. Er möchte es, mit einem kleinen Budget, als harten Thriller verfilmen. Don Winslow soll am Drehbuch mitarbeiten.

Winslow - Tage der Toten - 2

Don Winslow: Tage der Toten
(übersetzt von Chris Hirte)
Suhrkamp, 2010
704 Seiten
9,99 Euro (Taschenbuchausgabe)

Originalausgabe
The Power of the Dog
Alfred A. Knopf, 2005

Hinweise

Hollywood & Fine: Interview mit Don Winslow (11. Juli 2012)

Homepage von Don Winslow (etwas veraltet, weil eigentlich eine Verlagsseite)

Deutsche Homepage von Don Winslow (von Suhrkamp)

Don Winslow twittert ziemlich oft

Meine Besprechung von Don Winslows „London Undercover“ (A cool Breeze on the Underground, 1991)

Meine Besprechung von Don Winslows „China Girl“ (The Trail to Buddha’s Mirror, 1992)

Meine Besprechung von Don Winslows „Bobby Z“ (The Death and Life of Bobby Z, 1997)

Meine Besprechung von Don Winslows „Pacific Private“ (The Dawn Patrol, 2008)

Meine Besprechung von Don Winslows „Pacific Paradises“ (The Gentlemen’s Hour, 2009) und „Tage der Toten“ (The Power of the Dog, 2005)

Meine Besprechung von Don Winslows „Satori“ (Satori, 2011)

Mein Interview mit Don Winslow zu “Satori” (Satori, 2011)

Meine Besprechung von Don Winslows “Savages – Zeit des Zorns” (Savages, 2010)

Meine Besprechung von Don Winslows “Kings of Cool” (The Kings of Cool, 2012)

Meine Besprechung von Don Winslows „Vergeltung“ (Vengeance, noch nicht erschienen)

Meine Besprechung von Don Winslows “Missing. New York” (Missing. New York, noch nicht erschienen)

Mein Hinweis auf Don Winslows „London Undercover – Neal Careys erster Fall“ (A Cool Breeze on the Underground, 1991)

Meine Besprechung von Oliver Stones Don-Winslow-Verfilmung „Savages“ (Savages, USA 2012)

Don Winslow in der Kriminalakte


DVD-Kritik: „Polizeiruf 110“ – die zweite Kommissar-Tauber-Lieferung

Juli 29, 2015

Dass der „Polizeiruf 110“ der bessere „Tatort“ ist, wird niemand behaupten. Eher schon das Gegenteil und er war nach der Einheit ein Minigeschenk an die DDR. Denn dort gab es, als Alternativprogramm zum westdeutschen „Tatort“, den „Polizeiruf 110“, der Verbrechen sozialistisch aufklärte. Diese Piefigkeit bewahrte er sich. Einerseits. Andererseits wurde auch teilweise wild experimentiert und die aus München kommenden „Polizeirufe“ waren und sind immer einen Blick wert.
Einen Blick in die Vergangenheit gestattet die „Polizeiruf 110“-Box „Die Folgen des BR 2000 – 2003“, in denen Kommissar Jürgen Tauber ermittelte. Edgar Selge spielte den einarmigen Ermittler von 1998 bis 2009 in zwanzig Folgen. In der Box sind sechs Fälle enthalten und, auch wenn einige legendäre Folgen erst später liefen (wie „Der scharlachrote Engel“ und „Er sollte tot“, beide von Dominik Graf, beide mit mehreren Preisen ausgezeichnet), sind die hier gesammelten und ebenfalls ausgezeichneten Fälle ebenfalls, immer noch, einen Blick wert. „Gelobtes Land“ war für den Grimme-Preis nominiert; Nadeshda Brennicke erhielt für „Silikon Walli“ den Deutschen Fernsehpreis als beste Schauspielerin und Edgar Selge für „Tiefe Wunden“ und „Pech und Schwefel“ (ebenfalls von 2003, aber nicht in dieser Box enthalten) den Deutschen Fernsehpreis.
In der 3-DVD-Box sind enthalten:
Verzeih‘ mir (Deutschland 2000)
Regie: Hartmut Griesmayr
Drehbuch: Horst Vocks

Gelobtes Land (Deutschland 2001)
Regie: Peter Patzak
Drehbuch: Christian Limmer

Fluch der guten Tat (Deutschland 2001)
Regie: Hans-Günther Bücking
Drehbuch: Peter Probst

Um Kopf und Kragen (Deutschland 2002)
Regie: Peter Patzak
Drehbuch: Carolin Otto

Silikon Walli (Deutschland 2002)
Regie: Manfred Stelzer
Drehbuch: Wolfgang Limmer

Tiefe Wunden (Deutschland 2003)
Regie: Buddy Giovinazzo
Drehbuch: Christian Limmer

Die meisten Namen werden den Krimifans etwas sagen. Auch weil einige der Drehbuchautoren auch Romane veröffentlichten. Christian Jeltsch schrieb einige Jugendbücher; Wolfgang Limmer eher anekdotisches. Christian Limmer und Peter Probst schreiben inzwischen erfolgreich Kriminalromane. Horst Vocks schrieb auch einige Kriminalromane, aber bekannter ist er vor allem für seine Bücher für „Der Fahnder“ und mehrere „Tatorte“, die fast immer etwas mit Horst Schimanski zu tun hatten. Unter anderem „Duisburg Ruhrort“, „Der unsichtbare Gegner“, „Freunde“ und „Zahn um Zahn“, der auch erfolgreich im Kino lief (die Kritiker waren weniger begeistert). Später, für die Serie „Schimanski“ schrieb er auch mehrere Drehbücher. Angesichts dieser Vita fallen in „Verzeih‘ mir“, inszeniert von Routinier Hartmut Griesmayr, einige Dialoge arg hölzern aus. Aber der einarmige Kommissar Jürgen Tauber (Edgar Selge) darf einige herrliche Gemeinheiten absondern und seine Beziehung zur Kriminalpsychologin Dr. Sylvia Jansen (Gaby Dohm) ist angenehm erwachsen. Der Fall selbst – ein Automechaniker wird ermordet in einem verbrannten Auto gefunden; eine Mutter und ihre Tochter, die beide Bettgenossinen von ihm waren, verdächtigen sich gegenseitig des Mordes und das Organisierte Verbrechen, in Form von Autoschiebern, ist ebenfalls involviert – ist in Punkto Tätersuche nicht sonderlich kompliziert. Dafür gibt es eine interessante Familiengeschichte, die bis zum Kriegsende zurückreicht.
„Gelobtes Land“, der erste Auftritt von Taubers neuer Kollegin ‚Jo‘ Obermeier (Michaela May), Mutter, verheiratet mit einem türkischen Besitzer einer kleinen Autowerkstatt, ist ein gelungener Krimi über Asylbewerber und wie sie nach Deutschland kommen.
Peter Patzak, der seit „Kottan ermittelt“ im Pantheon des deutschsprachigen Kriminalfilms ist, inszenierte auch „Um Kopf und Kragen“. In dem Fall ermittelt Jo Obermaier undercover in einer Polizeistation. Eine Kollegin, die gemobbt wurde, soll sich umgebracht haben. Aber die Schwangere wurde ermordet. In einigen Szenen scheint der Geist von Kottan durch, aber insgesamt ist „Um Kopf und Kragen“ ein durch die hoffnungslos überbelichtete Inszenierung und die gewollt übertriebenen Darstellungen ein unansehbares Werk geworden.
In „Fluch der guten Tat“ wird ein Roma-Junge, der von einer Initiative für sozial schwache Kinder betreut wurde, ermordet. Tauber und Obermaier sehen sich bei der Initiative, die nicht nur von altruistischen Motiven getriebne ist, um.
„Silikon Walli“ und „Tiefe Wunden“ gehören zu den unbestrittenen Höhepunkten der Serie. In „Silikon Walli“ stirbt ein Busenwunder (nachdem ihre Oberweite mehrmals künstlich vergrößert wurde) eines unnatürlichen Todes – und Kommissar Tauber ist sehr fasziniert von den Gepflogenheiten des Sexgewerbes. Grandios!
Ebenfalls grandios ist „Tiefe Wunden“, inszeniert von Buddy Giovinazzo, der auch einige grandiose Noirs schrieb. Im Wald wird eine erschossene Goldschmiedin gefunden. In ihrer Hand hält sie einen Zigarillo, der Tauber an ein Gaunertrio, das er von früher kennt, erinnert. Entsprechend schnell führen die Ermittlungen in Taubers Vergangenheit und wir erfahren, wie er seinen Arm verlor.
Allein schon wegen der sechs „Polizeirufe“, die ein insgesamt erstaunlich hohes Niveau haben (eigentlich enttäuscht nur „Um Kopf und Kragen“) ist „Die Folgen des BR 2000 – 2003 – Box 2“ eine empfehlenswerte DVD-Box. Trotzdem ist es ärgerlich, dass es keine Untertitel und kein Bonusmaterial (Gab es wirklich kein Interview und keine Reportage in den TV-Archiven? Hätte man nicht ein „Making of“ machen können?) gibt.

Polizeiruf 110 - BR-Box 2 - DVD-Cover

Polizeiruf 110: Die Folgen des BR 2000 – 2003 (Box 2)
mit Edgar Selge (Kommissar Jürgen Tauber), Michaela May (Kommissarin Jo Obermeier), Gaby Dohm (Polizeipsychologin Dr. Sylvia Jansen), Tayfun Bademsoy (Tarik Yilmaz)
Gaststars: Karin Boyd, Dennenesch Zoudé, Matthias Koeberlin, Henning Baum, Heikko Deutschmann, Axel Hacke, Jacques Breuer, Nadeshda Brennicke, Bernd Tauber, Wanja Mues, Catherine Flemming, Thure Riefenstein

DVD
Eurovideo
Bild: 1.78:1 (16:9 anamorph – mit zum Teil eigeschränkter Bild- und Tonqualität)
Ton: Deutsch (DD 2.0)
Untertitel: –
Bonusmaterial: –
Länge: 503 Minuten (3 DVDs)
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Das Erste über den „Polizeiruf 110“

Wikipedia über den „Polizeiruf 110“ und die Kommissare Tauber und Obermaier

Homepage von Peter Probst

Meine Besprechung von Peter Probsts „Blinde Flecken“ (2010)

Meine Besprechng von Peter Probsts „Im Namen des Kreuzes“ (2012)

Wikipedia über Buddy Giovinazzo (deutsch, englisch)

Krimi-Couch über Buddy Giovinazzo

One Road.Endless Possibilities: Interview mit Buddy Giovinazzo (21. Februar 2011, deutsch)

Meine Besprechung von Buddy Giovinazzos “Cracktown” (Life is hot in Cracktown, 1993)

Meine Besprechung von Buddy Giovinazzos “Piss in den Wind” (Caution to the winds, 2009)

Buddy Giovinazzo in der Kriminalakte

Bonushinweis

Hartenstein - Vocks - Ausstieg - 4

Horst Vocks hat nach langem Schweigen einen neuen Roman veröffentlicht. Zusammen mit Elfi Hartenstein schrieb er den Krimi „Ausstieg“ über Kriminalhauptkommissar Lou Feldmann, der keinen Bock mehr hat und reihenweise Verbrecher laufen lässt, bis er sich entscheiden muss, ob er so weitermachen will.
Ist natürlich, weil die Geschichte in Berlin spielt und blinder Lokalpatriotismus alles schlägt, ein verdammt guter Krimi.

Elfie Hartenstein/Horst Vocks: Ausstieg
Pendragon, 2015
328 Seiten
12,99 Euro


Ken Bruen, Inspector Brant, „Kaliber“ und die Sache mit den Manieren

Juli 28, 2015

Über seinen Privatdetektiv Jack Taylor sagte Ken Bruen, die Fälle würden nicht wegen, sondern trotz ihm gelöst. Das gleiche hätte er über die Romane mit Inspector Brant, einer aus sieben, zwischen 1998 und 2007 erschienenen Romanen bestehende Serie von in London spielenden Polizeiromanen, sagen können. Denn Brant und seine Kollegen lösen die Fälle auch nicht aufgrund guter Polizeiarbeit. Die meiste Zeit sind sie mit Drogen, Alkohol, persönlichen Problemen und internen Feindseligkeiten beschäftigt, während die Ermittlungen sich meist als eine persönliche Vendetta gestalten, in der Recht und Gesetz manchmal benutzte Leitplanken sind, um ihre Aggressionen abzubauen. Das ist zwar formal immer noch von Ed McBain und seiner Serie um das 87. Polizeirevier beeinflusst, aber bei Ken Bruen liest sich das wie McBain auf Speed und mit einer Punkattitüde.
Jetzt, nachdem seine bekanntere Serie mit dem Galway-Privatdetektiv Jack Taylor seit einigen Jahren kontinuierlich übersetzt wird (wobei die Übersetzungen von Harry Rowohlt nicht unumstritten sind), und die Brant-Verfilmung „Blitz“ (mit Jason Statham) regelmäßig im Fernsehen läuft und auf DVD gut erhältlich ist, hat der Polar-Verlag einen ersten Brant-Roman veröffentlicht. Mit „Kaliber“ ist es der sechste Brant-Roman, in dem ein selbsternannter Manierenkiller die Londoner zu einem höflicheren Umgang miteinander erziehen will. Deshalb wendet er sich mit seiner Mission an die Öffentlichkeit. Er hat allerdings nicht mit Southeast-Sergeant Brant gerechnet. Der bittet eine Kollegin, der er vor kurzem geholfen hat (es war natürlich ein nicht ganz legaler Gefallen), darum, sich in der Öffentlichkeit möglichst unhöflich zu Benehmen. Sein ebenso einfacher wie bestechender Plan sieht vor, dass der Manierenkiller auf den Lockvogel hereinfällt und er ihn dann umbringen kann.
Daneben versucht Brant sich jetzt als Krimiautor. Sein Vorbild ist Ed McBain, von dem er alle Bücher hat. Seine Muse ist ein Kollege, den er unter Drogen setzt. Der Manierenkiller nennt sich – Ken Bruen geizt nie mit literarischen Verweisen – Ford. Nach Lou Ford, dem Ich-Erzähler in Jim Thompsons Noir-Klassiker „Der Mörder in mir“ (The Killer inside me, 1952 – Lesebefehl!). Aber er liest auch, wie er in seinem Tagebuch schreibt, die Herren Charles Willeford und Cornell Woolrich.
Langjährige Ken-Bruen-Fans werden „Kaliber“, wie seine anderen Romane an einem Abend lesen. Bruen verknappt seine Erzählung – in seinen Polizeiromanen jongliert er mit mehreren parallelen Plots – so sehr, dass fast nur noch die Pointe, die präzise Beobachtung, die sarkastische Bemerkung und die düstere, gegen alles und jeden austeilende Weltsicht übrigbleibt. Das verlangt einen aufmerksamen Leser, macht Spaß und steht in der Tradition von G. F. Newmans zwischen 1970 und 1974 im Original publizierter Bastard-Trilogie über den skrupellosen Scotland-Yard-Inspector Terry Sneed, der für seinen Aufstieg in einem korrupten System über Leichen geht und jede Dienstregel bricht. Diese umfassende Entmystifizierung des edlen britischen Polizisten erschienen erst in den Achtzigern auf Deusch bei Ullstein. James Ellroy ist ein aktuellerer und bekannterer Einfluss. Aber gegenüber Bruen erscheint Ellroy als verquast pompöser Erzähler. Während Ellroy hunderte Seiten braucht, um die Polizisten als Schweine zu zeigen, genügen Bruen – großzügig gelayoutet – knapp zweihundert Seiten um seine korrupten, rassistischen, homophoben und frauenfeindliche Beamte auf das Podest zu heben sie, die selbst all das sind, was sie ablehnen, herunterstoßen. Zum Vorbild taugt keiner und im wirklichen Leben möchte man ihnen auch nicht begegnen. Aber für einen Noir sind sie grandioser Stoff.
Uh, und noch eine erfreuliche Meldung: Max Fisher und Angela Petrakos erleben weitere Abenteuer. Ken Bruen und Jason Starr haben einen weiteren Noir mit ihnen geschrieben. „Pimp“ ist für März 2016 bei Hard Case Crime angekündigt. Wann und ob die deutsche Übersetzung erscheint ist unklar.

Bruen - Kaliber

Ken Bruen: Kaliber
(übersetzt von Karen Witthuhn)
Polar, 2015
184 Seiten
12,90 Euro

Originalausgabe
Calibre
St. Martin’s Minotaur, 2006

Die Inspector-Brant-Ermittlungen
1. A White Arrest (1998)
2. Taming the Alien (1999)
3. The McDead (2000)
4. Blitz: or Brant Hits the Blues (2002)
5. Vixen (2003)
6. Calibre (2006)
7. Ammunition (2007)

Hinweise

Homepage von Ken Bruen

Meine Besprechung von Ken Bruens Jack-Taylor-Privatdetektivromanen

Meine Besprechung von Ken Bruens „Jack Taylor fliegt raus“ (The Guards, 2001)

Meine Besprechung von Ken Bruens “Jack Taylor liegt falsch” (The Killing of the Tinkers, 2002)

Meine Besprechung von Ken Bruens „Sanctuary“ (2008)

Meine Besprechung von Ken Bruen/Jason Starrs „Flop“ (Bust, 2006)

Meine Besprechung von Ken Bruen/Jason Starrs „Crack“ (Slide, 2007)

Meine Besprechung von Ken Bruen/Jason Starrs „Attica“ (The MAX, 2008)

Mein Porträt von Ken Bruen und Jason Starr in „Alligatorpapiere [Print] – Magazin für Kriminalliteratur – No. 2/2010“

Meine Besprechung von Ken Bruen/Reed Farrel Colemans „Tower“ (Tower, 2009)

Meine Besprechung von William Monahans Ken-Bruen-Verfilmung “London Boulevard” (London Boulevard, USA/GB 2010)

Meine Besprechung der TV-Serie “Jack Taylor” (Irland 2010/2011/2013 – basierend auf den Romanen von Ken Bruen)

Ken Bruen in der Kriminalakte


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: „Ant-Man“ – Marvels kleinster Held

Juli 23, 2015

Das ist wohl die Marvel-Version von einem kleinem Film. Und das liegt nicht an der Größe des Superhelden, der mit einem Anzug auf die Größer einer Ameise (daher auch der Titel „Ant-Man“) schrumpfen kann, sondern an der, nach dem Riesen-“Avengers: Age of Ultron“-Remidemmi kleinen und überschaubaren Geschichte.
Scott Lang (Paul Rudd) will nach einem Gefängnisaufenthalt nur noch ein ehrliches Leben führen und sich mit seiner Frau Maggie (Judy Greer) und seiner Tochter Cassie (Abby Ryder Fortson) aussöhnen. Maggie hat dummerweise einen neuen Liebhaber: den Polizisten Jim Paxton (Bobby Cannavale). Mit der Arbeit funktioniert es auch nicht wie geplant. Seine Einbrechertalente sind auf dem freien Arbeitsmarkt nicht gefragt und wenn seine Chefs erfahren, was er früher getan hat, ist er den Job los. Die Jobs, die ihm sein Freund Luis (Michael Peña, mal wieder grandios) anbietet, sind vor allem illegal. Trotzdem erklärt Lang sich bereit, bei einem Einbruch mitzumachen.
Kurz darauf wird er vom Hausherrn geschnappt. Es ist Dr. Hank Pym (Michael Douglas). Der Erfinder will Lang als neuen Ant-Man haben. Denn Pym hat sich mit seinem früheren Schützling Darren Cross (Corey Stoll) überworfen und Cross hat ihn aus seiner Firma Pym Technologies rausgedrängt. Jetzt steht Cross kurz vor dem Durchbruch bei seinen Forschungen für einen Ant-Man-Anzug: das Yellowjacket. Pym möchte das verhindern. Auch weil er weiß, welche seelischen Schäden das Verändern der Körpergröße hervorrufen kann. Also soll Lang das Yellowjacket aus der gut gesicherten Firmenzentrale von Pym Technologies klauen. Lang, Luis und ihre Freunde (nicht gerade Leuchten in ihrem Job) planen also, während einer Präsentation, den Anzug zu stehlen.
Marvel nennt „Ant-Man“ ihren Heist-Film. Aber letztendlich ist es ein Marvel-Film mit den typischen Vor- und Nachteilen, wie einem blassen Bösewicht (obwohl Corey Stoll sehr gehässig grinsen kann), einer teilweise arg plätschernden Story, einem gut aufgelegtem Cast und überzeugenden Action-Szenen. Es gibt einige Querverweise zu den anderen Marvel-Filmen, die – bis auf eine Kampfszene, die am Ende wieder aufgenommen wird – dieses Mal so nebenbei formuliert werden, dass sie auch als Scherz durchgehen können. Und es gibt in der schon erwähnten Kampfszene auch einen größeren Auftritt von einem aus den vorherigen Marvel-Filmen (ohne die „Guardians of the Galaxy“) bekannten Charakter. Damit werden, wie gewohnt, die anderen Geschichten etwas weiter erzählt und es wird gezeigt, dass auch dieser Film zu einem größeren Ganzen gehört. Und es gibt die bekannten Abspann-Sequenzen.
Dieses Mal gibt es sogar eine ordentliche Portion Humor. Allein schon die Idee eines auf Ameisengröße schrumpfenden Mannes und sein Training sind gut genug für einige Lacher in diesem immer bescheiden, um nicht zu sagen klein auftretenden Film.
Aber ein Heist-Film, auch wenn hier mehrmals eingebrochen wird, ist „Ant-Man“ nicht. Jedenfalls nicht mehr als ein James-Bond-Film. In einem klassischen Einbruchsfilm dreht sich alles um den Einbruch. Das Herzstück des Films ist die genaue Schilderung der Durchführung des Einbruchs. Die bekanntesten Heist-Filme sieht man sich wegen des Einbruchs an. In „Ant-Man“ sind die Einbrüche flott vorbei. Eigentlich wird nur der erste genauer geschildert, während die anderen Einbrüche sich vor allem auf die Action konzentrieren und wir kaum erfahren, was warum wie geklaut wird.
Die Action ist gewohnt spektakulär und gewinnt hier allein schon durch die Größe der Kämpfenden neue Dimensionen. So findet, weil die Kämpfenden auf Ameisengröße geschrumpft sind, ein Teil des Schlusskampfes in einem Kinderzimmer auf einer Modelleisenbahn statt. Die Zerstörung ist entsprechend überschaubar.
Seinen ersten Auftritt hatte Ant-Man Hank Pym 1962 in Band 27 der Comicreihe „Tales to Astonisch“ und er ist ein Mitglied der ursprünglichen Avengers. Pym hatte, so seine ursprüngliche Geschichte, eine Substanz entdeckt (das Pym-Partikel), die es ihm ermöglichte, seine Größe beliebig zu verändern und übermenschliche Kräfte zu haben, was in einem Gefecht vorteilhaft sein kann. Denn eine Ameise kann im Gefecht unverletzt hinter feindliche Linien gelangen und auch Gebäude infiltrieren. Das ist eine durchaus faszinierende Idee, über die man allerdings nicht zu lange nachdenken sollte, weil sie dann immer idiotischer wird. Und das würde einem den Spaß an diesem Film verderben.

Eine Comicversion

Pünktlich zum Filmstart erschien bei Panini Comics auch Robert Kirkmans („The Walking Dead“) „Ant-Man“-Version, die in den USA bereits 2007 erschien. Hier ist Ant-Man Eric O’Grady, ein kleiner S.H.I.E.L.D.-Soldat der unzuverlässigen Sorte. Zusammen mit seinem Freund Chris McCarthy soll er auf einem S.H.I.E.L.D.-Helicarrier (ein in der Luft schwebender Flugzeugträger) eine Tür bewachen. Weil sie allerdings nicht wissen, ob sie Leute am verlassen oder betreten des Raums hindern sollen, schlagen sie Dr. Hank Pym, der den Raum verlassen will, ohnmächtig, betreten den Raum und McCarthy probiert den Ant-Man-Anzug aus, was dazu führt, dass er auf Ameisengröße schrumpft und erst einmal tagelang durch die Station irrt. Bei einem Angriff von Hydra (den Bösewichtern) stirbt McCarthy und O’Grady schnappt sich den Anzug, den er fortan zum Beobachten von duschenden Frauen benutzt. Weil Shield befürchtet, dass der Anzug in die falschen Hände fällt (als sei er bei O’Grady in den richtigen), wird Mitch Carson, der auch ein guter Terminator wäre, beauftragt, O’Grady zu finden.
Robert Kirkmans Ant-Man ist eigentlich ein selbstbezogener Teenager, der außer Sex wenig im Kopf hat. Das ist im Superheldengenre ein witziger und respektloser Ansatz. Trotzdem sehen wir mehr seitenfüllende Kloppereien als nackte Frauen und O’Grady wird am Ende – und da verrate ich wohl kein großes Geheimnis – doch zu einem guten und ziemlich verantwortungsbewussten S.H.I.E.L.D.-Agenten. Kirkman erzählt in „Ant-Man“ eine ziemlich klassische Entwicklungsgeschichte, die, – für die Marvel-Fans -, vor und nach dem Civil War spielt.

Ant-Man - Plakat

Ant-Man (Ant-Man, USA 2015)
Regie: Peyton Reed
Drehbuch: Edgar Wright, Joe Cornish, Adam McKay, Paul Rudd (nach einer Geschichte von Edgar Wright und Joe Cornish)
LV: Charakter von Stan Lee, Larry Lieber, Jack Kirby
mit Paul Rudd, Michael Douglas, Evangeline Lilly, Corey Stoll, Bobby Cannavale, Michael Peña, T. I., Wood Harris, Judy Greer, Abby Ryder Fortson, David Dastmalchian, Anthony Mackie, Hayley Atwell, John Slattery, Martin Donovan, Stan Lee
Länge: 117 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Kirkman - Ant-Man
Robert Kirkman (Autor)/Phil Hester/Cory Walker/Khary Randolph (Zeichner): Ant-Man Megaband
(übersetzt von Harald Gantzberg)
Panini, 2015
292 Seiten
28 Euro

Originalausgabe
The Irredeemable Ant-Man
Marvel, 2006/2007

enthält
Civil War: Choosing Sides (Dezember 2006)
The Irredeemable Ant-Man # 1 – 12 (Dezember 2006 – November 2007)
Amazing Fantasy (2004) 15 (Januar 2006)

Hinweise
Deutsche Facebook-Seite von Marvel
Englische Homepage zum Film
Film-Zeit über „Ant-Man“
Moviepilot über „Ant-Man“
Metacritic über „Ant-Man“
Rotten Tomatoes über „Ant-Man“
Wikipedia über „Ant-Man“ (deutsch, englisch)

Kriminalakte: Meine Gesamtbesprechung der ersten zehn „The Walking Dead“-Bände

 Meine Besprechung von Robert Kirkman/Charlie Adlard/Cliff Rathburns „The Walking Dead 11: Jäger und Gejagte“ (The Walking Dead Vol. 11: Fear the hunters)

Meine Besprechung von Robert Kirkman/Charlie Adlard/Cliff Rathburns „The Walking Dead 12: Schöne neue Welt“ (The Walking Dead Vol. 12: Life among them)

Meine Besprechung von Robert Kirkman/Charlie Adlard/Cliff Rathburns „The Walking Dead 13: Kein Zurück“ (The Walking Dead Vol. 13: Too far gone, 2011)

Meine Besprechung von Robert Kirkman/Charlie Adlard/Cliff Rathburns „The Walking Dead 14: In der Falle“ (The Walking Dead Vol. 14: No way out, 2011)

Meine Besprechung von Robert Kirkman/Charlie Adlard/Cliff Rathburns “The Walking Dead 15: Dein Wille geschehe” (The Walking Dead Vol. 15: We find ourselves, 2012)

Meine Besprechung von Robert Kirkman/Charlie Adlard/Cliff Rathburns „The Walking Dead: Eine größere Welt (Band 16)“ (The Walking Dead, Vol. 16: A larger world, 2012)

 Meine Besprechung von Robert Kirkman/Charlie Adlard/Cliff Rathburns „The Walking Dead: Fürchte dich nicht (Band 17)“ (The Walking Dead, Vol. 17: Something to Fear, 2013)

Meine Besprechung von Robert Kirkman/Charlie Adlard/Cliff Rathburns „The Walking Dead: Grenzen (Band 18)“ (The Walking Dead, Vol. 18: What comes after, 2013)

Meine Besprechung von Robert Kirkman/Charlie Adlard/Cliff Rathburns „The Walking Dead: Auf dem Kriegspfad (Band 19)“ (The Walking Dead, Vol. 19: March to War, 2013)

Meine Besprechung von Robert Kirkman/Charlie Adlard/Stefano Gaudiano/Cliff Rathburns „The Walking Dead: Krieg – Teil 1 (Band 20)“ (The Walking Dead, Vol. 20: All Out War, Part One, 2014)

Meine Besprechung von Robert Kirkman/Tony Moore/Charlie Adlard/Cliff Rathburns „The Walking Dead – Die Cover, Volume 1“ (The Walking Dead: The Covers, Vol. 1, 2010)

Meine Besprechung der TV-Serie „The Walking Dead – Staffel 1“ (USA 2010)

Meine Besprechung der TV-Serie „The Walking Dead – Staffel 2“ (USA 2011/2012)

Meine Besprechung der TV-Serie “The Walking Dead – Staffel 3″ (USA 2013)

Kriminalakte: das Comic-Con-Panel zur TV-Serie

“The Walking Dead” in der Kriminalakte 

Meine Besprechung von Todd McFarlane (Tusche, Co-Creator)/Robert Kirkman (Autor, Co-Creator)/Ryan Ottley (Zeichner)/Greg Capullo (Zeichner) „Haunt – Band 1“ (Haunt, Vol 1 – 5, 2010)

Meine Besprechung von Todd McFarlane (Tusche, Co-Creator)/Robert Kirkman (Autor, Co-Creator)/Greg Capullo (Zeichner) „Haunt – Band 2“ (Haunt, Vol. 6 – 12, 2010)

Meine Besprechung von Todd McFarlane (Tusche, Co-Creator)/Robert Kirkman (Autor, Co-Creator)/Greg Capullo (Zeichner) “Haunt – Band 3″ (Haunt, Vol. 13 – 18, 2011)

Meine Besprechung von Robert Kirkman/Nick Spencer (Autoren)/Shawn Martinbroughs (Zeichner) „Dieb der Diebe: „Ich steige aus“ (Band 1)“ (Thief of Thieves # 1 – 7, 2012)

 


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Mit Miss Everdene „Am grünen Rand der Welt“

Juli 17, 2015

Wir wissen schon nach der ersten Minute, wenn Bathsheba Everdene, eine junge, unabhängige Frau, und Gabriel Oak, ein zuverlässiger Schäfer, sich begegnen, dass sie, auch ohne Thomas Hardys Wessex-Roman „Am grünen Rand der Welt“ zu kennen, füreinander bestimmt sind. Bathsheba braucht dann noch gut zwei Kinostunden für diese Erkenntnis. In dieser Zeit übernimmt sie den Hof ihres verstorbenen Onkels und führt ihn, entgegen den damaligen viktorianischen Konventionen, als Chefin. Außerdem balzen noch zwei andere Männer um die Aufmerksamkeit der schönen Frau. Es sind der schon etwas ältere, immer noch allein lebende und deshalb bei den Frauen des Dorfes begehrte Großgrundbesitzer William Boldwood und der junge Soldat James Troy, den wir schon auf den ersten Blick als verantwortungslosen Blender und Spieler erkennen.
Gabriel, der durch ein Unglück seine gesamte Schafherde verlor, hat inzwischen als Schäfer eine Stelle auf Bathshebas Hof gefunden.
Bathsheba heiratet – wir ahnen es – den für sie schlechtesten Verehrer: den Soldaten Troy. Schon in der Hochzeitsnacht betrinkt er sich mit den Gästen, anstatt das zum Verkauf bestimmte Getreide vor einem aufziehenden Gewitter zu schützen. Gabriel deckt es, bis Bathsheba ihm hilft, alleine ab. Auch danach hilft Troy nicht auf dem Hof mit, sondern verzockt das von seiner Frau erarbeitete Geld und er trifft wieder Fanny Robin, eine frühere Freundin, die er heiraten wollte und die von ihm schwanger ist.
Für einen ereignisreichen Kinofilm gibt es also genug Konflikte in Thomas Hardys schon mehrfach verfilmtem Liebesroman, der immer noch zu den wichtigen Werken der englischen Literatur gehört. Drehbuchautor David Nicholls (mehrere Romane, unter anderem „Zwei an einem Tag“, und mehrere Drehbücher, unter anderem die Charles-Dickens-Verfilmung „Große Erwartungen“ [2012] und die Thomas-Hardy-Verfilmung „Tess of the D’Urbervilles“ [2008]) und Thomas Vinterberg („Das Fest“, „Die Jagd“) folgen der bekannten Geschichte genau. Aber sie setzen andere Akzente und modernisierten sie in einigen Bereichen behutsam, indem sie Bathsheba eindeutig ins Zentrum stellen. Im Roman ist Gabriel Oak im ersten Viertel die Hauptfigur; auch danach ist Bathsheba nur ein Charakter unter mehreren. Außerdem lässt Hardy oft einen Charakter einem anderen Charakter von wichtigen Ereignissen erzählen oder er rafft es zu einem kurzen Bericht zusammen. Vinterberg zeigt diese Ereignisse, wie den Tod von Gabriels Schafherde oder Bathshebas Ankunft in ihrem neuen Haus. Und er kann sich auf das differenzierter Spiel seiner in jeder Szene sympathischen Schauspieler – Carey Mulligan als Bathsheba Everdene, Matthias Schoenaerts als Gabriel Oak, Michael Sheen als William Boldwood und Tom Sturridge als Frank Troy – verlassen. Ihnen sieht man in jeder Sekunde gerne zu, auch wenn Vinterberg konsequent in der antidramatischen Erzählhaltung des neunzehnten Jahrhunderts bleibt, in der einfach chronologisch von den Ereignissen berichtet wird und sie fast schon zufällig aufeinander folgen, während die Menschen ihr Schicksal ertragen. Heute erwarten wir von Geschichten eine Kette von aufeinander folgenden Aktionen von verschiedenen Charakteren, die alle immer etwas erreichen wollen. Aber Bathsheba sucht keinen Ehemann. Sie kommt – und das macht sie schon in Hardys Roman zu einer modernen Frau – gut ohne einen Mann aus. Sie ist auch erstaunlich desinterressiert an männlicher Gesellschaft. Gabriel, der sie begehrt, akzeptiert klaglos ihre Ablehnung und er landet eher zufällig auf ihrem Hof. Dort arbeitet er als Schäfer, der wegen seines jetzt niederen Standes, überhaupt nicht mehr an eine Heirat denkt. Im Roman ist er, viel stärker als im Film (wo er einen stoischen Heroismus ausstrahlt), ein passiver Leidender und Beobachter, den man am liebsten ohrfeigen würde. Aus solch passiven Gestalten kann sich natürlich keine dramatische Handlung (was schade ist) und auch keine Nicholas-Sparks-Schmonzette (was gut ist) entwickeln.
Zu den guten Schauspielern kommen noch die schönen Kostüme und die wundervolle Landschaft der im Südwesten Englands liegenden Grafschaft Dorset, dem realen Vorbild von Thomas Hardys Wessex.
Und so ist „Am grünen Rand der Welt“ eine konventionell erzählte, werkgetreue, stimmungsvolle und in jeder Beziehung traditionsbewusste Romanverfilmung, die vor allem wegen der Schauspieler gefällt.
P. S.: Suzanne Collins benannte ihre „Die Tribute von Panem“-Heldin Katniss Everdeen nach Bathsheba Everdene. Aber das habt ihr natürlich alle gewusst?

Am grünen Rand der Welt - Plakat

Am grünen Rand der Welt (Far from the Madding Crowd, USA/Großbritannien 2015)
Regie: Thomas Vinterberg
Drehbuch: David Nicholls
LV: Thomas Hardy: Far from the Madding Crowd, 1874 (Am grünen Rand der Welt)
mit Carey Mulligan, Matthias Schoenaerts, Michael Sheen, Tom Sturridge, Juno Temple, Bradley Hall, Jessica Barden
Länge: 119 Minuten
FSK: ab 6 Jahre

Die Vorlage

Hardy - Am grünen Rand der Welt - Movie Tie-in

Thomas Hardy: Am grünen Rand der Welt
(übersetzt von Peter Marginter)
dtv, 2015 (Filmausgabe)
432 Seiten
9,90 Euro

Originalausgabe
Far from the Madding Crowd
London, 1874
(für spätere Ausgaben überarbeitete Hardy seinen Roman)

Hinweise
Englische Facebook-Seite zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Am grünen Rand der Welt“
Moviepilot über „Am grünen Rand der Welt“
Metacritic über „Am grünen Rand der Welt“
Rotten Tomatoes über „Am grünen Rand der Welt“
Wikipedia über „Am grünen Rand der Welt“ und Thomas Hardy (deutsch, englisch)
Homepage von David Nicholls


Vorbereitende Lektüre: „London Undercover“ und „China Girl“ von Don Winslow

Juli 15, 2015

Winslow - London UndercoverWinslow - China Girl - Suhrkamp 2015 - 2

Natürlich könnte ich mich einfach auf Couch legen (nachdem ich sie freigeräumt habe) und „Das Kartell“, den neuen Roman von Don Winslow, lesen. Ist okay. Ist eine Möglichkeit. Aber der erfahrene Jäger nähert sich seiner Beute auf Umwegen. Zum Beispiel über die Lektüre von anderen Werken des Autors. Zum Beispiel mit seinen ersten beiden Romanen „London Undercover“ und „China Girl“, in denen Neal Carey für die Freunde der Familie die Kastanien aus dem Feuer hohlen soll und nicht alles nach Plan läuft.
Neal Carey ist ein literaturbegeisterter New Yorker Jungspund, der sein Studium mit einer Arbeit über Tobias Smollett abschließen will. Als Junge hielt er sich, bis er von Joe Graham erwischt wurde, mit Diebstählen über Wasser. Der einarmige Graham nahm den Elfjährigen unter seine Fittiche. Er lernte ihn alles, was ein gut ausgebildeter junger Mann wissen muss. Jedenfalls wenn er irgendwann als Privatdetektiv und als Kastanien-aus-dem-Feuer-Hohler der Freunde der Familie, einer geheimen Spezialabteilung einer noblen in Providence, Rhode Island, residierenden Privatbank, arbeiten soll. Daher dienen seine Aufträge nicht irgendeinem hehren Ziel, sondern es geht um die Interessen der Bank, wozu auch ihr Einfluss in die Politik gehört.
So soll Neal in „London Undercover“ die schon länger verschwundene, minderjährige Tochter eines demokratischen US-Senators nach Hause hohlen. Er ist ein möglicher Anwärter für das Amt des Vizepräsidenten. Wichtig für die geplante Familienzusammenführung ist dabei nicht, dass Vater, Mutter und Tochter sich wieder in die Arme schließen können, sondern dass Neal Allie Chase zu dem Datum wieder zurück in den USA bringt, an dem für die Medien die heile Familienwelt inszeniert werden soll. Zuletzt wurde sie in London gesehen.
Neal macht sich auf den Weg in die Stadt, die gerade vom Punk beherrscht wird. Schnell taucht der 23-jährige in die Subkultur ein. Er hofft Allie zwischen Prostituierten (was sie wahrscheinlich ist), Drogensüchtigen (was sie ziemlich sicher ist), Punks und Nachtschwärmern in der 8-Millionen-Stadt zu finden.
„China Girl“, das zweite Abenteuer von Neal Carey beginnt sieben Monate nach „London Undercover“ und schließt, obwohl die Romane voneinander unabhängig gelesen werden können, nahtlos an den ersten Roman an. Denn Neal ging am Ende von „London Undercover“ nach Yorkshire in ein selbstgewähltes Exil, in dem er seine Abschlussarbeit schreiben wollte. Auf der ersten Seite klopft Joe Graham an Neals Tür. Er hat einen neuen Auftrag für Neal. Neal soll in San Francisco einen Chemiker von einem Seitensprung zurückholen. Dr. Robert Pendleton, dessen Wissen über Düngemitteln für AgriTech in Raleigh, North Carolina unersetzbar ist, hat sich in eine Chinesin verliebt und er will mit ihr durchbrennen, was auch Auswirkungen auf die Investition der Bank in AgriTech hätte.
In San Francisco erlebt Neal schnell einige Überraschungen: die Schönheit heißt Li Lan. Sie ist eine Malerin und Neal verguckt sich ebenfalls in sie. Als er die beiden Turteltauben überzeugen will, in den USA zu bleiben, wird auf ihn geschossen und Li Lan und Pendleton verschwinden nach Hongkong.
Neal, der in seiner Ehre gekränkt ist, verfolgt sie undercover nach Hongkong und schon befindet er sich zwischen den Fronten von CIA, dem chinesischen Geheimdienst und den Triaden.
Während „London Undercover“ sich weitgehend im Fahrwasser eines klassischen Privatdetektivromans bewegt, ist „China Girl“ eher ein Agententhriller. Bei beiden Romanen gefällt vor allem Don Winslows trockene, pointierte Sprache und wie er Neal Carey als soften Hardboiled-Privatdetektiv zeichnet. Da ist deutlich das Erbe von Robert B. Parkers Spenser spürbar. Wobei Neals Kampftechnik, im Gegensatz zu der von Spenser, vor allem in einer schnellen Flucht vor seinem Gegner besteht, bis dieser erschöpft zusammenbricht. Gewalt ist also nicht Neal Careys Lösung bei Problemen. Eher schon Mutterwitz und Improvisationstalent. In beiden Romanen, die in den Siebzigern spielen, badet Don Winslow in kulturellen und politischen Referenzen, was den Lesespaß erhöht.
Lohnt sich die Lektüre? „Scheiße, na klar.“ (Neal Carey)

Don Winslow: London Undercover – Neal Careys erster Fall
(übersetzt von Conny Lösch)
Suhrkamp, 2015
384 Seiten
9,99 Euro

Originalausgabe
A Cool Breeze on the Underground
St. Martin’s Press, 1991

Deutsche Erstausgabe (übersetzt von Ulrich Anders)
Ein kalter Hauch im Untergrund
Piper, 1997

Don Winslow: China Girl – Neal Careys zweiter Fall
(übersetzt von Conny Lösch)
Suhrkamp, 2015
448 Seiten
9,99 Euro

Originalausgabe
The Trail To Buddha’s Mirror
St. Martin’s Press, 1992

Deutsche Erstausgabe (übersetzt von Ulrich Anders)
Das Licht in Buddhas Spiegel
Piper, 1997

Hinweise

Thrilling Detective über Neal Carey

Hollywood & Fine: Interview mit Don Winslow (11. Juli 2012)

Homepage von Don Winslow (etwas veraltet, weil eigentlich eine Verlagsseite)

Deutsche Homepage von Don Winslow (von Suhrkamp)

Don Winslow twittert ziemlich oft

Meine Besprechung von Don Winslows „Pacific Private“ (The Dawn Patrol, 2008)

Meine Besprechung von Don Winslows „Pacific Paradises“ (The Gentlemen’s Hour, 2009) und „Tage der Toten“ (The Power of the Dog, 2005)

Meine Besprechung von Don Winslows „Bobby Z“ (The Death and Life of Bobby Z, 1997)

Meine Besprechung von Don Winslows „Satori“ (Satori, 2011)

Mein Interview mit Don Winslow zu “Satori” (Satori, 2011)

Meine Besprechung von Don Winslows “Savages – Zeit des Zorns” (Savages, 2010)

Meine Besprechung von Don Winslows “Kings of Cool” (The Kings of Cool, 2012)

Meine Besprechung von Don Winslows „Vergeltung“ (Vengeance, noch nicht erschienen)

Meine Besprechung von Don Winslows “Missing. New York” (Missing. New York, noch nicht erschienen)

Mein Hinweis auf Don Winslows „London Undercover – Neal Careys erster Fall“ (A Cool Breeze on the Underground, 1991)

Meine Besprechung von Oliver Stones Don-Winslow-Verfilmung „Savages“ (Savages, USA 2012)

Don Winslow in der Kriminalakte

 


„Highway to Hell – Kopflos in die Hölle“ ist auch eine Option

Juli 14, 2015

Dileo - Gischler - Highway to Hell - 4

Die Entstehungsgeschichte ist etwas komplizierter als nötig und sie wird mit etwas mehr Schulterklopfen als nötig im Vorwort der „Panini-Eigenproduktion mit namhaften italienischen Künstlern“ ausgebreitet, aber die Idee, „Highway to Hell – Kopflos in die Hölle“ wie einen Spielfilm mit Vor- und Abspann zu präsentieren, ist äußerst sympathisch. Sinnvoll ist auch der „Empfohlen ab 18 Jahren!“-Hinweis, wobei einige Bilder aus dem Comic auch in einem FSK-18-Film Probleme hätten.
Szenarist Victor Gischler (der neben mehreren „Deadpool“- und „Punisher“-Geschichten auch einige hochgelobte, nicht ins Deutsche übersetzte Noirs schrieb) erzählt, ausgehend von Davide ‚Boosta‘ Dileos Erzählung „Il Tramontatore“, die Geschichte der beiden FBI-Ermittler Isaac Brew und Jayesh Mirchandani. Brew ist der typische schlecht gekleidete, sich schlecht benehmende Macho, der jede Frau anbaggert. Mirchandani ist Inder. Mit einem Turban. Sie wurden abgeschoben zu den ’seltsamen Fällen‘.
Jetzt wurden an der Route 5, an der Staatsgrenze zwischen Maine und Massachusetts, mehrere Leichen gefunden. Der erste Tatort, den sie sehen, sieht wie eine in das amerikanische Hinterland verpflanzte Brueghelsche Höllenvision mit einem Skelett, mehreren Enthaupteten und unzähligen Köpfen in verschiedenen Verwesungsstadion aus.
Dass das kein normaler Tatort ist, ist auf den ersten Blick klar.
Dass sie nicht gegen einen durchgeknallten Serienkiller, sondern gegen Vampire kämpfen, erfahren sie kurz darauf von Dusker (dessen Kampfmontur an eine demolierte Ritterrüstung erinnert) und seiner Gehilfin, zwei aus dem Nichts auftauchenden Helfern, die schon lange gegen die Vampire und andere Alptraumgestalten kämpfen und die jetzt alles für eine große Schlacht vorbereiten.
„Highway to Hell – Kopflos in die Hölle“ ist ein gezeichneter Grindhouse-Traum, in dem alles überlebensgroß ist. Vor allem die Gewalt, wenn auf doppelseitigen Panels die liebevoll-detailliert ausgebreiteten Eingeweide von Toten präsentiert werden oder über mehrere Seiten Menschen verzweifelt gegen Alptraumwesen kämpfen. Da braucht es kein reichhaltig gedecktes Vampirdinner (gibt es auch) oder ein Trio sprechender Köpfe, die in Duskers Schrank hängen. Subtil ist etwas anderes. Auch die Macho-Allüren von Brew sind so überdeutlich gezeichnet, dass sie nur noch als grobe Parodie einer Parodie taugen.
Und natürlich macht diese Autobahn in die Hölle, genossen im angemessenen Sicherheitsabstand, höllischen Spaß.

Davide Dileo/Victor Gischler/Riccardo Burchielli/Francesco Mattina: Highway to Hell – Kopflos in die Hölle
(übersetzt von Michael Bregel)
Panini, 2015
148 Seiten
18,99 Euro

Originalausgabe
Highway to Hell
Italien Job Studio 2014

Hinweise

Homepage von Victor Gischler

Meine Besprechung von Victor Gischler (Autor)/Bong Dazo (Zeichner): Deadpool – Der Söldner mit der großen Klappe: Kopfsprung (Band 1 von 2) (Deadpool: Merc with a Mouth 1 – 6: Headtrip, 2009/2010)

Meine Besprechung von Victor Gischler (Autor)/Bong Dazo (Zeichner)/Kyle Baker (Zeichner): Deadpool – Der Söldner mit der großen Klappe (Band 2 von 2) (Deadpool: Merc with a Mouth 7: Are you there? It’s me, Deadpool; Deadpool: Marc with a Mouth 8 – 15: Next Stop: Zombieville, 2010)

Meine Besprechung von Daniel Way (Autor)/ Shawn Crystal (Zeichner)/Paco Medina (Zeichner): Deadpool 1 (Deadpool 13/14: Wave of Mutilation; Deadpool 15: Want you to want me, Part 1: The complete idiot’s guide to metaphers, 2009)

Meine Besprechung von Duane Swierczynski (Autor)/Jason Pearson (Zeichner): Deadpool: Weiber, Wummen & Wade Wilson! (Sonderband 1) (Deadpool: Wade Wilson’s War, Vol. 1 – 4, 2010)

Meine Besprechung von Victor Gischler (Autor)/Goran Parlov (Zeichner): The Punisher: Willkommen im Bayou (Punisher (Vol. 7) 71 – 74: Welcome to the Bayou; Punisher (Vol. 7) 75: Dolls/Gateway/Ghouls/Father’s Day/Smalest Bit of This, 2009)

Meine Besprechung von Victor Gischler (Autor)/Duane Swierczynski (Autor)/Laurence Campbell (Zeichner): The Punisher: Abgrund des Bösen (Duane Swierczynski (Autor)/Michel Lacombe (Zeichner): Naturgewalt (Punisher: Force of Nature, April 2008; Victor Gischler (Autor)/Jefte Palo (Zeichner): Alles gespeichert (Punisher: Little Black Book, August 2008; Mike Benson (Autor)/Laurence Campbell (Zeichner): Der Gejagte (Punisher MAX Annual 1: The Haunted, November 2007; Jonathan Maberry (Autor)/Laurence Campbell (Zeichner): Requisiten (Punisher: Naked Kill, August 2009)

Meine Besprechung von Victor Gischler (Autor)/Rob Liefeld/Whilce Portacio/Philip Bond/Paco Medina/Kyle Baker (Zeichner) „Deadpool Corps (Deadpool Sonderband 2)“(Prelude to Deadpool Corps, Vol. 1 – 5, März 2010)

Meine Besprechung von Victor Gischler (Autor)/Rob Liefeld/Marat Mychaels (Zeichner) „Deadpool Corps 2 (Deadpool Sonderband 3)“ (Deadpool Corps 1 – 6, Juni 2010 – November 2010)

Meine Besprechung von Victor Gischler (Autor)Rob Liefeld/Marat Mychaels (Zeichner) „Deadpool Corps 3: You say you want a Revolution (Deadpool Sonderband 4)“ (Deadpool Corps 7 – 12: You say you want a Revolution (Part 1 – Part 6), Dezember 2010 – Mai 2011)


Superhelden und Geschlechtsverkehr? „Sex“ und „Sex Criminals“ geben Antworten

Juni 24, 2015

Casey - Sex 1 - 2Fraction - Sex Criminals 1 - 2

Solange Superheldencomics Kinderkram waren, die man nach der Pubertät nicht mehr anrührte (außer natürlich um die Hefte zu utopischen Summen als Sammlerstück zu kaufen oder zu verkaufen), stellte sich die Frage nach dem Geschlechtsverkehr, und wie er dargestellt werden kann, nicht. Superman, Batman undsoweiter haben zwar eine Freundin (will ja jeder Teenie haben), oft ist die Beziehung auch etwas problematisch (Soll ich sie ansprechen? Wenn ja: wie? Immerhin bin ich der kleine picklige Typ mit der Brille und nicht dieser andere Typ.), aber die Sache mit Heirat, Sex, Kinder kriegen und Familienvater sein (in dieser Reihenfolge) stand nie zur Debatte. Das änderte sich auch in den letzten Jahren, als die Comics erwachsen wurden (wie man so sagt, wenn die Geschichten länger, komplexer und düsterer werden und die Geschichten immer stärker ethische und politische Fragen, die auch die Tagespolitik bestimmen, behandelen ohne alte Feindbilder platt zu wiederholen). Und dennoch: die Triebe des Helden konzentrierten sich auf die Verbrechensbekämpfung. So als sei Sex etwas aus einer anderen Dimension.
Nun, mit „Sex“ und „Sex Criminals“ wird auch an dem Sex-Tabu gerüttelt und das Ergebnis fällt, noch, ernüchternd aus. Denn beide Comics wirken, als ob die Macher einfach einige knallige Sexszenen in eine Standardsuperheldengeschichte einfügten und sich dann zufrieden zurücklehnten. Der Trick hat ja auch früher funktioniert, als man in einen banalen Film eine saftige Sexszene reinknallte, einen Skandal provozierte und utopische Einnahmen hatte.
In „Sex“ von Autor Joe Casey und Zeichner Piotr Kowalski kehrt Simon Cooke nach einer Auszeit in seine Heimatstadt Saturn City (yeah, Sin City, Gotham City, New York) zurück. Er ist Konzernchef (naja, irgendwie Bruce Wayne) und war früher der Kettenheilige, manchmal auch nur der Heilige (Batman) und auch bei ihm war die Verbrechensbekämpfung nicht sonderlich erfolgreich. Denn die Bösewichter sind immer noch da.
Und Cooke hat eine Freundin/Geliebte: Annabelle Lagravenese (aka „Schattenluchs“), die als Bordellchefin mit Escort-Service ihr Geld verdient, wenn sie nicht gerade im Catwoman-Stil über die Dächer springt.
Im ersten „Sex“-Sammelband versucht Simon Cooke mit seinem bürgerlichem Leben zurechtzukommen und alles das nachzuholen, was er als junger Superheld nicht tun konnte. Was vor allem die Sache mit den drei Buchstaben ist. Aber er zweifelt, ob er die richtige Entscheidung getroffen hat und natürlich hängt er immer noch an seiner ersten Liebe Annabelle.
Das ist dann, wenn wir im „Batman“-Kosmos bleiben, doch nur ein weiteres „Batman“-Abenteuer, aufgehübscht mit viel nackter Haut (keine Angst, vor allem die Bösewichter haben Sex) und daher ziemlich konventionell, aber durchaus gelungen, im bekannten Fahrwasser.
Bei „Sex Criminals“ von Autor Matt Fraction und Zeichner Chip Zdarsky, das 2014 den Eisner-Preis als Beste neue Serie erhielt, begeisterte mich dieser Satz aus dem Klappentext: „Also tun sie, was jedes vernünftige Paar tun würde, das die Welt einfrieren kann, wenn es Sex hat: Die beiden ziehen los und rauben eine Bank aus.“
Das tun Suzie und Jon auch. Immerhin steht die Zeit still, wenn sie einen Orgasmus haben und in dieser Zeit können sie, wie sie uns vor dem ersten Bankraub erzählen, ganz viele Dinge erledigen. Dummerweise haben noch andere Menschen diese Fähigkeit und schnell verfolgen einige engelsweiß eingekleidete Polizisten das Liebespaar.
Wie bei „Sex“ ist bei „Sex Criminals“, wenigstens im ersten Sammelband, die Sache mit dem Sex noch ein Gimmick, der der Geschichte keine umwerfend neue Dimension verleiht. Denn verbrecherische Superhelden gibt es schon einige und dass gute und böse Superhelden miteinander im Clinch liegen, ist jetzt auch nicht neu. Dass in „Sex Criminals“ dieser Kampf in eine andere Dimension verlegt wird – nun, ja, mal sehen, wie es weitergeht.
Aber vielleicht wäre ich als prüder Amerikaner auch schockierter über die nackten Tatsachen und, vor allem in „Sex“, dem respektlosen Spiel mit dem Superheldengenre. Wir Europäer sind da ja einiges gewohnt.

Joe Casey (Autor)/Piotr Kowalski (Zeichner): Sex – Ein steifer Sommer (Band 1)
(übersetzt von Marc-Oliver Frisch)
Panini, 2014
160 Seiten
17,99 Euro

Originalausgabe
The Summer of Hard
Image, 2013
(enthält Sex 1 – 8)

Hinweise
Image Comics über Joe Casey
Wikipedia über Joe Casey

Meine Besprechung von Todd McFarlane (Autor)/Joe Casey (Autor)/Nathan Fox (Zeichner) „Haunt – Band 5“ (Haunt # 23 – 28, 2013)

Matt Fraction (Autor)/Chip Zdarsky (Zeichner): Sex Criminals – Guter Sex zahlt sich aus: Komm, Welt (Band 1)
(übersetzt von Marc-Oliver Frisch)
Panini, 2015
140 Seiten
16,99 Euro

Originalausgabe
One weird Trick
Image, 2014
(enthält Sex Criminals 1 – 5, September 2013 – März 2014)

Hinweise
Homepage von Matt Fraction
Homepage von Chip Zdarsky
Wikipedia über „Sex Criminals“


Krimineller Rundumschlag mit Toten, Polizisten und einem Privatdetektivinnen-Duo

Juni 22, 2015

Machen wir wieder einen kleinen Rundumschlag mit vier Kriminalromanen, die mir alle, auch wenn ich sie gleich mehr oder weniger stark kritisiere, gefallen haben. Außerdem begegnen wir einigen alten Bekannten, deren neue Fälle ohne Kenntnis der vorherigen Romane gelesen werden können und das Privatleben der Ermittler wird angenehm kurz gehalten. .

McIlvanney - Die Suche nach Tony Veitch - 2

Beginnen wir in good old England, der Heimat des Häkelkrimis, die uns schon seit einigen Jahren mit ziemlich düsteren Werken beglückt. Ziemlich am Anfang von diesem Strang, der irgendwann das Label „Tartan Noir“ erhielt, stand William McIlvanney mit seinen drei Laidlaw-Romanen, die schnell für ihre literarischen Qualitäten gerühmt wurden. Aber weil er ungefähr so produktiv wie Filmregisseur Terrence Malick in seinen besten Jahren war, blieb McIlvanney ein Insidertip.
In seinem zweiten Laidlaw-Roman sucht Detective Inspector Jack Laidlaw den Mörder von Eck Adamson, einem obdachlosem Säufer, der auch ein Polizeispitzel war. Laidlaw glaubt, dass jedes Leben zählt und daher auch kein Mörder frei herumlaufen darf. Auch wenn er lange Zeit erfolglos im Nebel herumstochert und er sich fragt, welche Verbindung es zwischen Adamson und Tony Veitch gab. Veitch ist ein aus vermögendem Haus stammender Student, der auch von einigen Gangster gesucht wird, weil sie ihn mit einem Heiratsschwindel (keine Panik, das erfahrt ihr schon auf den ersten Seiten) erpressen wollen.
Während der erste Laidlaw-Roman „Laidlaw“ eine Menschenjagd und ein Wettlauf gegen die Zeit war, ist „Die Suche nach Tony Veitch“ die doch ziemlich zäh erzählte Suche nach einem Mörder und auch nach einem Fall. Denn Laidlaw und sein Kollege Harkness beschäftigen sich mit einem Fall, der nur durch Laidlaws Sturheit, der einfach weiterermittelt, bis er irgendetwas findet, zu einem Fall wird. Deshalb plätschert die Geschichte nach einem flotten Beginn fast bis zum Ende ohne große Überraschungen vor sich hin. Das begeistert dann nicht wirklich, auch wenn der damals als bester Roman für den Edgar nominierte Krimi etliche gelungene und philosophische Betrachtungen über die in Glasgow verschiedenen Schichten und Subkulturen zugehörigen Menschen bietet.
So überzeugt „Die Suche nach Tony Veitch“ vor allem als atmosphärisches Porträt einer Stadt, ihrer Bewohner und einer Zeit, als Menschen nicht ständig erreichbar waren.
Der dritte Laidlaw-Roman „Falsche Treue“ erscheint im Herbst.

William McIlvanney: Die Suche nach Tony Veitch
(übersetzt von Conny Lösch)
Kunstmann, 2015
320 Seiten
19,95 Euro

Originalausgabe
The Papers of Tony Veitch
Hodder & Stoughton, 1983

Die Übersetzung folgt der 2013 bei Canongate Books erschienenen Ausgabe des Romans.

Hinweise

Homepage von William McIlvanney

Wikipedia über William McIlvanney (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von William McIlvanneys „Laidlaw“ (Laidlaw, 1977)

Manotti - Abpfiff - 2
Wo Geld ist, gibt es auch Verbrechen. Diese Binsenweisheit scheint, jedenfalls wenn man sich die Krimis ansieht, in denen Fußball eine Rolle spielt, für den Fußball nicht zu gelten. Denn es gibt erstaunlich wenige Krimis, die sich mit schmutzigen Geschäften im und um das Fußballspiel beschäftigen. Spontan fällt mir nur Friedhelm Werremeiers „Platzverweis für Trimmel“ (1972, überarbeitete Neuausgabe 1985) ein. Zur Fußball-WM in Deutschland gab es auch einige Krimis, in denen Fußball wichtig war und die ich nicht gelesen oder schon vollkommen vergessen habe.
Dabei gibt es im und um ein Fußballstadion alles, was das Herz für eine zünftige Kriminalgeschichte begehrt. Und genau deshalb ist Dominique Manottis neuer Roman „Abpfiff“ (der 1990 spielt und in Frankreich bereits 1998 erschien) eine so gelungene Ausnahme. Bei ihr ist der kurz vor dem Aufstieg stehende Fußballverein ein Teil des Kapitalismus und der Kleinstadtpolitik, in der Vereinsvorstand, Politik und Wirtschaft untrennbar miteinander verflochten sind.
Dabei glaubt Commissaire Daquin (zuletzt „Zügellos“), dass die Spur zum FC Lisle-sur-Seine eine im Nichts verlaufende Spur ist. Denn es ist auf den ersten Blick zu unglaublich, dass der Mord auf offener Straße nicht seinem Kollegen Romero vom Pariser Drogendezernat, sondern Nadine, einer jungen Frau, die mit ihrem Bruder im Stadion des Vereins lebt, galt.

Dominique Manotti: Abpfiff
(übersetzt von Andrea Stephani)
Ariadne Kriminalroman, 2015
240 Seiten
17 Euro

Originalausgabe
Kop
Éditions Payot & Rivages, 1998

Hinweise

Krimi-Couch über Dominique Manotti

Wikipedia über Dominique Manotti (deutsch, französisch) und Bernie Madoff 

Meine Besprechung von Dominique Manottis „Zügellos“ (À nos Chevaux!, 1997)

Meine Besprechung von Dominique Manottis „Ausbruch“ (L’évasion, 2013)

Meine Besprechung von Dominique Manottis „Madoffs Traum“ (La rêve de Madoff, 2013)

Wittkamp - Frettchenland - 2
Da hat Lotte Weiland aber Pech gehabt. Zuerst wird sie im Bundestag fast beim Datendiebstahl erwischt und dann wird sie in einer Damentoilette von einem Mann ermordet. Der nimmt sich dann auch gleich den USB-Stick mit den Daten und sagt seinem Auftraggeber, dem Bundestagsabgeordneten Nils Janssen, dass die Sache erledigt sei. Janssen leitet einen Ausschuss, der die Kosten für den Atomausstieg klären soll und der deshalb von vielen Lobbyisten beehrt wird.
Weil das auf den ersten Seiten von Rainer Wittkamps drittem Roman „Frettchenland“ passiert, ist natürlich mit dem Mord an der polizeilichen Personenschützerin überhaupt nichts erledigt. Kommissar Martin Nettelbeck vom Landeskriminalamt soll den Mörder suchen. Rico Hoyer, der beim LKA in der Abteilung Wirtschaftskriminalität arbeitet und Lottes Freund ist, beginnt ebenfalls, aus ziemlich eigennützigen Motiven, mit der Mörderjagd. Und Lottes Großmutter Luise Weiland kann nicht akzeptieren, dass Lotte tot ist. Zusammen mit Yasser Al-Shaker, ihrem Mädchen für alles, beginnt sie mit der Mörderjagd. Dass sie Geld und gute Beziehungen hat und früher Schützenkönigin war, hilft ihr. Und dann gibt es noch einige Politiker und Mitarbeiter, die die Tote für ihre Karriere benutzen wollen.
Nachdem Wittkamps erster Nettelbeck-Krimi „Schneckenkönig“ ein vielversprechender, wenn auch etwas brav in Richtung TV-Krimi geplotteter Krimi war, geht es dieses Mal in Richtung Ross Thomas und, auch wenn Wittkamp nicht die Qualität von Thomas erreicht, ist „Frettchenland“ ein herrlich illusionsloser und empörungsfreier Polit-Thriller, in dem Kommissar Nettelbeck als Nebenfigur vor allem mit dem Aufsammeln von Unrat beschäftigt ist. Privat geht es ihm dafür gut: er ist mit Philomena zusammengezogen und ihre Kinder verkleinern seine Jazz-LP-Sammlung.
Ach ja: es ist wirklich angenehm, dass ein Jazz-Liebhaber nicht nur die üblichen Verdächtigen (Charlie Parker, Miles Davis, John Coltrane), sondern auch zeitgenössische Jazzer, wie Ray Anderson, Conny Bauer, Trombone Shorty (aktueller geht es kaum) und Joseph Bowie (den er während eines Konzertes mit seiner Band „Defunkt“ entdeckte) hört. Er überlegt sogar, ob ein singender Nils Landgren für ihn hörbar ist.

Rainer Wittkamp: Frettchenland
grafit, 2015
224 Seiten
9,99 Euro

Hinweis

Homepage von Rainer Wittkamp

Meine Besprechung von Rainer Wittkamps „Schneckenkönig“ (2013)

Brack - Die drei Leben des Feng Yun-Fat - 2

Lenina Rabe ist zurück. Ihr letzter Fall „Schneewittchens Sarg“ erschien 2007. Danach schrieb Robert Brack einige historische Kriminalromane, die mir alle gefallen haben und so wirklich habe ich nicht mehr mit einem neuen Rabe-Krimi gerechnet. Dennoch hat Brack es zwischen all seinen anderen Arbeiten geschafft, die ziemlich linke Dame mit „Die drei Leben des Feng Yun-Fat“ in ein neues Abenteuer zu schicken.
Inzwischen hat Lenina Rabe mit Nadine Adler eine Detektei mit Blick auf den Hafen eröffnet. Sie schlagen sich mehr schlecht als recht durch, aber sie sind nicht auf den Mund gefallen, weshalb ein großer Teil des Romans aus Dialogen besteht.
Für Feng Yun-Fat, den Besitzer des China-Restaurants „Hongkong-Drache“ in Hamburg Altona, der gerne ein Nobelrestaurant eröffnen möchte, sollen sie seinen verschwundenen Koch Wang Shuo (der sich manchmal auch Mang Liu nennt) suchen. Was leichter gesagt, als getan ist. Nicht nur wegen der Sprachbarriere.
Robert Brack, der auch einige Romane von Robert B. Parker übersetzte, wildert hier, obwohl „Die drei Leben des Feng Yun-Fat“ in der dritten Person geschrieben ist, stark im Spenser-Territorium. Dialoge treiben die Geschichte voran. Es wird geblödelt und gewitzelt. Gerne gegen das Kapital und den Kapitalismus. Die Geschichte wird eher zur Nebensache, Hamburg als Hamburg ebenso (obwohl viel Hafenflair vorhanden ist) und eigentlich ist der verschwundene Wang Shuo und die von ihm gegründete Vereinigung von chinesischen Köchen, die in Deutschland quasi als Leibeigene leben, der Hauptcharakter. Sie legen sich mit ihren Chefs, der Mafia und dem Staat an.
„Die drei Leben des Feng Yun-Fat“ ist kurzweilige Privatdetektiv-Krimi-Unterhaltung, die auch vegan und vegetarisch Spaß macht. Da kann ruhig vor dem nächsten Jahrzehnt der nächste Lenina-Rabe-Fall erscheinen.

Robert Brack: Die drei Leben des Feng Yun-Fat
Edition Nautilus, 2015
192 Seiten
14,90 Euro

Hinweise

Homepage von Robert Brack

Meine Besprechung von Robert Bracks „Schneewittchens Sarg“ (2007)

Meine Besprechung von Robert Bracks „Und das Meer gab seine Toten wieder” (2008)

Meine Besprechung von Robert Bracks „Psychofieber” (1993, Neuausgabe 2008)

Meine Besprechung von Robert Bracks „Blutsonntag“ (2010)

Meine Besprechung von Robert Bracks „Unter dem Schatten des Todes“ (2012)


„stern Crime – Wahre Verbrechen“ – ein neues Magazin

Juni 20, 2015

Crime - Cover

Wer sich schon einmal in einem Bahnhofskiosk durch die dort ausliegenden Zeitschriften wühlte, weiß, dass es unglaubliche Special-Interest-Magazine gibt. Auch zu Themen, bei denen die Käuferzahl sehr überschaubar sein wird. Es gibt auch einige neuere Magazine, die explizit die Kunst des längeren Textes, sei es als Reportage oder als Interview, pflegen, und die ich mir fast nie kaufe, weil neben der einen Reportage, die mich interessiert, auch viele sind, die mich nicht so sehr interessieren. Und, was ich auch bei meinen Recherchen für einen Sammelband über Kriminalreportagen bemerkte, in jedem Magazin gibt es immer wieder gelungene Kriminalreportagen. Aber ein Magazin, das nur Kriminalreportagen enthält, gab es bis jetzt aus für mich unverständlichen Gründen nicht.
Mit „stern Crime – Wahre Verbrechen“, technisch gesehen eine Ausgründung des „Stern“, das wenigstens früher für seine Reportagen bekannt war (zuletzt waren auch die langen Geschichten für meinen Geschmack zu kurz), gibt es jetzt ein Magazin, das nur über Verbrechen berichtet, und schon der erste Eindruck ist erfreulich. Denn die Reportagen sind angenehm lang. Nicht dass Länge alles wäre, aber um in die Tiefe zu gehen und einen Fall in seiner ganzen Komplexität darzustellen, braucht es einige Zeit.
Das erste Heft enthält auf gut 140 Seiten sieben lange Reportagen, zwei Interviews (eines mit einem Kommissar über Verhöre, eines mit Friedrich Ani über seine Kriminalromane, beide lesenswert), eine Bildreportage (über ein Dorf, das sich an einigen Verbrechern rächt) und verschiedene kürzere Texte. Allein schon dieser erste Blick zeigt, dass ein gut zehnseitiger oder längerer Text normal ist.
In den fast ausschließlich von deutschsprachigen Autoren geschriebenen Reportagen geht es um den Highway 16 in Kanada, an dem seit Jahren Frauen verschwinden und manchmal tot aufgefunden werden; um einen Mord an einer Sexsklavin, durchgeführt von einem Architekten, der Irland erschütterte (eine spannende Lektüre); um den Mordversuch von Kelli Stapleton an ihrer autistischen und gewalttätigen Tochter in Michigan, USA (Hanna Rosins bedrückende Reportage erschien im Oktober 2014 im „New York Magazin“ als Titelgeschichte und sie wurde von Kritikern als eine der besten Kriminalgeschichten des Jahres gelobt); um die nach 17 Jahren immer noch erfolglose Suche von Kriminalhauptkommissar Uwe Fey nach dem Mörder des 13-jährigen Tristan in Frankfurt am Main (eine weitere bedrückende Reportage); um einen Bankräuber, der den Überfall in Uhingen aus so edlen Motiven beging, dass sogar der Richter Mitleid mit ihm hatte; und um den heute 21-jährigen Francisco Nicolás, der die spanische Oberschicht narrte (eine vergnügliche Köpenickiade).
Nach der Lektüre des angenehm textlastigen und im Moment noch ziemlich werbefreien Heftes (es gibt also einiges zu Lesen) kann ich sagen, dass es ein vielversprechender Anfang ist. Es ist auch ein Anfang, der noch viel Luft nach oben lässt. Denn die Reportagen sind, im Vergleich zu US-amerikanischen Reportagen, vor allem wenn sie in der Tradition des New Journalism stehen, oft etwas konventionell und brav geraten. Da kann ruhig pointierter und auch literarischer geschrieben werden. Vielleicht sollte „Crime“ in seine Redaktionsstatuten als immerwährenden Antrieb und Selbstverpflichtung den Passus aufnehmen: „Wir schreiben die besten deutschsprachigen Reportagen. Wir sind die Zukunft der Reportage.“
Und es ist, wie bei anderen neuen Magazinen, ein Anfang, der sich noch vieles offen hält. Im ersten Heft überwiegen die Reportagen über Mordfälle (inclusive einem Mordversuch). Künftig sollten dann auch andere Verbrechen und auch Hintergründe zu den gesellschaftlichen Ursachen und zu wissenschaftlichen Erkenntnissen stärker beleuchtet werden. Solange es interessant geschrieben ist, kann es ruhig auch etwas länger werden. Bei den Bildern sollte nach eindrucksvolleren Bildern gesucht werden. Im ersten Heft sind sie noch etwas austauschbar.
Also: weiter so mit den langen Reporagen und ruhig etwas experimentierfreudiger.
„stern Crime – Wahre Verbrechen“ soll sechsmal im Jahr erscheinen. Die nächsten Ausgaben erscheinen am 8. August und 10. Oktober.

stern Crime – Wahre Verbrechen Nr. 1
Gruner + Jahr, 2015
140 Seiten
4,80 Euro

Hinweis
Homepage des Magazins


Peter Schaar über „Das digitale Wir“

Juni 18, 2015

Noch ein Buch über das Internet. Wieder einmal geschrieben von einer Person, die sich in den vergangenen Jahren zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit dazu äußerte. Lohnt sich also die Lektüre von Peter Schaars „Das digitale Wir – Unser Weg in die transparente Gesellschaft“?
Ja! Ein uneingeschränktes Ja.
Peter Schaar, für alle, die die letzten Jahre auf einem anderen Planeten lebten, war von 2003 bis Ende 2013 der über alle Parteigrenzen hinweg respektierte und für sein Thema kämpfende Bundesbeauftrage für Datenschutz und Informationsfreiheit. Seine Nachfolgerin Andrea Voßhoff trat nicht nur in große Fußstapfen, sondern erwies sich bis jetzt als Totalausfall, der jeden Kontakt zur Öffentlichkeit vermeidet. Daran ändern auch ihre letzten Wortmeldungen nichts.
Schaar wurde schon im September 2013 Vorsitzender der Europäischen Akademie für Informationsfreiheit und Datenschutz (EAID) und er ist immer noch ein gefragter, kämpferischer und kompetenter Streiter für den Schutz der Privatsphäre (vulgo Datenschutz) und den Ausbau der Informationsfreiheit (vulgo Transparentes Handeln des Staates und der Verwaltung).
In „Das digitale Wir“ zeichnet er ein breites Panorama der Digitalgesellschaft in all ihren Schattierungen. Dabei setzt er sich zwischen die Stühle „Alarmismus“ (die Welt geht unter, die Kinder werden immer dümmer und sowieso wird alles schlechter) und „grenzenlosem Utopismus“ (wir sind kurz vor dem Paradies und alle wichtigen Probleme der Menschheit werden mit dem Internet gelöst). Der 1954 geborene Peter Schaar gehört zu den „digital immigrants“, die noch eine Welt ohne Computer auf jedem Schreibtisch kennen und die die rasanten Veränderungen der letzten Jahrzehnte hautnah miterlebten. Beruflich beschäftigte er sich dabei immer mit dem Datenschutz und auch damit, wie ein Ausgleich zwischen verschiedenen Interessen geschaffen werden kann.
Diese ausgleichende Position ist auch der große Verdienst von „Das digitale Wir“. Er bietet einen gerafften Rückblick auf die vergangenen Jahrzehnte, wie sich bestimmte Probleme (von Großcomputern zu Bürocomputern zum Internet mit all seinen Vernetzungen) und Positionen veränderten und verziert ihn mit einigen wenigen persönlichen Erlebnissen, wenn er von dem Meinungsumschwung der Grünen (er ist Parteimitglied) oder von Aktionen des Chaos Computer Clubs erzählt.
Dieser Rückblick wird schnell zu einem Panorama des Ist-Zustandes, den er – mit einem besonderen Fokus auf Deutschland – unaufgeregt und ohne Dramatisierungen schildert. Er sieht Chancen und Risiken und er weiß, dass es kein Zurück in die analoge Gesellschaft gibt. Es geht also darum, die transparente Gesellschaft zu verstehen und zu gestalten. Wobei er dieser Gestaltung nur wenige Seiten widmet.
Dabei weist er auch darauf hin, dass die derzeitige digitale Geschafft keines der altbekannten Menschheitsprobleme gelöst hat. Ökonomische Ungleichgewichte haben zugenommen und teilweise werden sie durch die Struktur des Internets noch vergrößert. Kriege, Hunger und Umweltkatastrophen gibt es weiterhin. Die Kontrollbegehrlichkeiten der Regierungen, siehe Vorratsdatenspeicherung und die verschiedenen Überwachungsgesetze, wachsen.
Dennoch glaubt er, dass wir noch eine demokratische, an zivilisatorischen Werten orientierte Informationsgesellschaft erreichen können. Dafür muss vor allem der Wille der Politik, also aller Bürger, an einer Gestaltung dieser Welt vorhanden sein.

Schaar - Das digitale Wir

Peter Schaar: Das digitale Wir – Unser Weg in die transparente Gesellschaft
Edition Körber-Stiftung, 2015
224 Seiten
17 Euro

Hinweise
Homepage der Europäischen Akademie für Informationsfreiheit und Datenschutz
Wikipedia über Peter Schaar


„Heiraten. F#cken. Töten“ – das sollte Klicks geben

Juni 15, 2015

Seeley - Revival 2Seeley - Revival 3

Mit „Hack/Slash“ über eine Frau, die Slasher jagt, wurde Tim Seeley bekannt.
Mit „Revival“ über eine Stadt, in der Erweckte (vulgo Zombies vulgo Untote) zum normalen Teil der Dorfbevölkerung gehören, hat er jetzt eine zweite Comicserie am Start, die nach einem vielversprechendem Anfang verheißungsvoll weitergeht.
In den Sammelbänden „Lebe dein Leben“ und „Ein ferner Ort“ rückt das alltägliche Leben und der unbefangene Umgang mit den Toten in den Vordergrund. Immerhin unterscheiden sie sich kaum von den lebendigen Bewohnern in Wasau, Wisconsin, und sie haben auch keine erkennbar negativen Eigenschaften. Jedenfalls bis jetzt nicht. Trotzdem steht die Stadt unter Quarantäne und, weil keiner weiß, warum nur an diesem Ort Tote wieder auferstehen, sind auch die Medien mit Live-Schaltungen vor Ort. Die Kleinstadt wird zu einem Magneten für Spinner jeglicher Couleur. Gerne auch religiös gefärbte Fanatiker.
Im Mittelpunkt steht immer noch Dana Cypress, eine alleinerziehende, junge Polizistin. Ihr Vater, der Polizeichef, übertrug ihr die Leitung der „Schlichtungseinheit für erweckte Bürger“. Er glaubt, das sei im Moment der langweiligste und daher sicherste Posten. Was natürlich nicht stimmt. Schon bei ihrem ersten Einsatz starb ihre Schwester, die sie zufällig begleitete. Jetzt ist Martha eine Erweckte,
Und dann tauchen noch Weiße Gestalten, Geister mit einer ziemlich tödlichen Agenda, auf.
Mit dem Fokus auf dem alltäglichen Leben zwischen Menschen und Erweckten und ihren Konflikten untereinander gehorcht „Revival“ schon jetzt der auf kein bestimmtes Ende angelegten Endlosdramaturgie mit einer zunehmenden Zahl von miteinander verbundenen Plots. Daher sollte man die Serie von Anfang an zu Lesen. Dann kann sie so etwas wie die „Lindenstraße“ werden.

Seeley - Hack-Slash 11Seeley - Hack-Slash 12
Diese Gefahr besteht bei „Hack/Slash“ nicht. Denn das ist die Ab-18-Jahre-Bad-Taste-Ecke der Videothek, die als würdiger Nachfolger der Mitternachtsvorstellungen und Bahnhofkinos fungiert. Denn wo sonst findet man eine knapp bekleidete Heldin, die als Slasherjägerin anfing und inzwischen auch andere, ähem, Wesen tötet?
Ein strikt chronologisches Lesen ist bei „Hack/Slash“ auch nicht unbedingt nötig. Denn Tim Seeley wechselt zwischen Einzelgeschichten und Episoden, die Teil einer größeren Mythologie sind. Wobei die Einzelgeschichten, die sich lustvoll durch die Tiefen und Untiefen des Horrorfilmgenres pflügen, besser sind. Außerdem gibt es immer wieder Crossover-Geschichten mit anderen Comicserien und Seeley lässt andere Autoren „Hack/Slash“-Geschichten schreiben. Kurz gesagt: während „Revival“ seine Vision ist, ist „Hack/Slash“ ein offener Kosmos.
In „Tote Promis“, dem elften Hack/Slash-Sammelband sind, drei Geschichten enthalten. In „Die Rückkehr von Fantomah“ bittet die geheimnisvolle Frau des Dschungels, die gottgleiche Kräfte hat und Gedanken beeinflussen kann, Cassie und ihren Freund Vlad um Hilfe. Sie sollen ihr bei dem Kampf um ihre Lebenswelt, den Dschungel, helfen.
In „Fame Monster“ (Das Ruhmmonster), die längste und zentrale Geschichte des Sammelbandes, werden Popstars auf bestialische Weise ermordet. Cassie befürchtet, dass ein ihr von früher bekannter Slasher zurückgekehrt ist.
Wohl oder über muss sie mit Vlad nach Manhattan gehen und das dortige „Promis für Promis“-Benefizkonzert besuchen, damit es nicht in einem Massaker endet.
Und „Hatchet/Slash“, geschrieben von Benito Cereno, erzählt von einer Gruppe New-Orleans-Besucher, die in die Sümpfe gefahren sind, um den Geist von Victor Crowley zu sehen. Das ist natürlich eine Legende. Trotzdem verschwinden die Besucher und Cassie glaubt, dass mehr dahintersteckt.
In „Heiraten. F#cken. Töten.“, dem zwölften Hack/Slash-Sammelband, sind die Geschichten „Interdimensionaler Ausbruch aus dem Frauenknast“ und „Monsterjagd“ enthalten. Die beiden vorzügliche Einzelgeschichten spielen, – mal wieder –, gelungen mit den bekannten Filmklischees.
In „Interdimensionaler Ausbruch aus dem Frauenknast“ brechen drei der gefährlichsten Häftlinge aus einem Gefängnis (also genaugenommen dem Hochsicherheitstrakt für Frauen in der White-Ward-Strafanstalt in der Paralleldimension 555, auch bekannt als Purgatorium) aus und flüchten in eine andere Galaxis auf den schönen Planeten Erde. Dort wollen die Ausbrecherinnen (eine von ihnen nennt sich Bomb Queen [alles klar?]) eine Welt nach ihrem Geschmack errichten. Nur Cassie Hack kann vielleicht das Schlimmste verhindern.
In „Monsterjagd“ geht es in das noch nicht erschlossene Doyle Valley im Regenwald Nordwestguyanas. Dort drehten die Monster Bait Studios in den späten Fünfzigern vierzig schlechte B-Horrorfilmen, die möglicherweise die Fassade für etwas viel schlimmeres waren.
Und dann passiert, was immer in diesen Horrorfilmen passiert: der Gastgeber entpuppt sich als Fiesling, der seine Gäste töten will.
Oh, und alle Monster aus den Filmen waren keine schlechten Tricks, sondern sie existieren und sie haben Cassie und ihre Freunde zum Fressen gerne.
Gerade „Heiraten. F#cken. Töten.“ spielt die Stärken der Hack/Slash-Serie voll aus: respektloser Humor, eine große Liebe zu den schlechten Horror- und Monsterfilmen, die unsere Sonntagnachmittage verschönerten und eine taffe, äußerst knapp bekleidete Heldin.
Was jetzt nicht heißt, dass „Tote Promis“ schlecht ist. Es hat halt nur ein, zwei popkulturelle Anspielungen weniger.

Tim Seeley: Hack/Slash – Heiraten, f#cken, töten (Band 12)
(übersetzt von Frank Neubauer)
Cross Cult, 2015
160 Seiten
19,80 Euro

Originalausgabe
Hack/Slash: Marry F#ck Kill
Image, 2012

enthält
Tim Seeley (Text)/Daniel Leister (Zeichnungen): Interdimensionaler Ausbruch aus dem Frauenknast
Tim Seeley (Text)/Daniel Leister, Emilio Laiso (Zeichnungen): Monsterjagd

Tim Seeley: Hack/Slash – Tote Promis (Band 11)
(übersetzt von Frank Neubauer)
Cross Cult, 2014
160 Seiten
19,80 Euro

Originalausgabe
Hack/Slash: Dead Celebrities
Image, 2012

enthält
Tim Seeley (Text)/Kyle Strahm (Zeichnungen): Die Rückkehr von Fantomah
Tim Seeley (Text)/Daniel Leister (Zeichnungen): Fame Monster
Benito Cereno (Text)/Ariel Zucker-Brull (Zeichnungen): Hatchet/Slash

Tim Seeley (Text)/Mike Norton (Zeichnungen): Revival – Ein ferner Ort (Band 3)
(übersetzt von Frank Neubauer)
Cross Cult, 2015
128 Seiten
18 Euro

Originalausgabe
Revival, Volume 3: A faraway place
Image Comics, 2014

Tim Seeley (Text)/Mike Norton (Zeichnungen): Revival – Lebe dein Leben (Band 2)
(übersetzt von Frank Neubauer)
Cross Cult, 2014
128 Seiten
18 Euro

Originalausgabe
Revival, Volume 2: Live like you mean it
Image Comics, 2013

Hinweise

Homepage von Tim Seeley

Meine Besprechung von Tim Seeleys „Hack/Slash: (Re)Animatoren (Band 5)“ (Hack/Slash: Reanimation Games, 2009)

Meine Besprechung von Tim Seeleys „Hack/Slash: My First Maniac – Wie alles begann (Band 9)“ (Hack/Slash: Me without you, 2010)

Meine Besprechung von Tim Seeleys „Hack/Slash: Folterverliebt (Band 10)“ (Hack/Slash: Torture Porn, 2011)

Meine Besprechung von Tim Seeley/Mike Nortons „Revival: Unter Freunden (Band 1)“ (Revival, Volume 1: You’re among friends, 2012)


„Das Evangelium des Blutes“ und andere Geheimnisse der katholischen Kirche

Juni 14, 2015

Rollins - Cantrell - Das Evangelium des Blutes - 2

Wer diese unglaublich dicken Thriller, in denen irgendein wichtiger Gegenstand aus der Vergangenheit, der die Welt verändern kann, und den jetzt mehrere verfeindete Gruppen wollen, blöd findet, kann „Das Evangelium des Blutes“ von James Rollins und Rebecca Cantrell getrost ignorieren. Denn dieser über sechshundertfünfzigseitige Roman wird ihn nicht bekehren.
Das titelgebende „Evangelium des Blutes“ ist von Jesus höchstpersönlich mit seinem Blut geschrieben und es könnte, in den falschen Händen, die Geschichte der Menschheit verändern. Die richtigen Hände sind natürlich in der katholischen Kirche und bis das Evangelium dorthin gelangt, müssen die Archäologin Erin Granger, Single, jung und taff,
Sergeant Jordan Stone, Neuntes Ranger-Bataillon, vorher in Afghanistan stationiert und ihr Love-Interest, und Pater Rhun Korza, Gesandter des Vatikans und Sanguinarier, weshalb er als büßender Vampir ziemlich unverletzbar ist (Silberkugeln und Sonnenlicht helfen nicht), innerhalb von drei Tage in Israel, Bayern (inclusive einem Kampf gegen Fledermäuse und Vampire in einem in einem See gelegenem Nazi-Bunker), St. Petersburg (inclusive einem heimlichen Besuch der unterirdischen Erimitage-Lagerräume) und in Rom zahlreiche Abenteuer erleben. Der Höhepunkt des Romans ist dann unter dem Petersdom.
Die Geschichte beginnt in Israel mit einem Erdbeben. In Masada wird dabei ein Zugang zu einer fast zweitausend Jahre verschlossenen Gruft offengelegt, in dem der mumifizierte Körper eines damals eingeschlossenen Mädchens (deren Sterbedatum zunächst einige Rätsel aufgibt), ein Eisernes Kreuz aus dem Zweiten Weltkrieg in ihrer Hand und ein geöffneter Sarkophag, in dem ein Buch lag, das sie bewachen sollte, sind. Das Buch war das von Jesus geschriebene, besonders machtvolle Evangelium. Unsere Helden nehmen die Spur auf, die sie zunächst nach Süddeutschland führt.
Das könnte sich jetzt in den üblichen Bahnen eines Abenteuer-Thrillers mit viel Action und einigen historischen Geheimnissen bewegen, wenn James Rollins und Rebecca Cantrell nicht die Hälfte ihrer Charaktere zu Vampiren machen würden. So ist Rhun Korza einer dieser Blutsauger, der allerdings seine Gier nach Blut zügeln kann. Die beiden erfinden eine herrliche, historisch gesättigte Parallelwelt, in der all die Sagen und Legenden über Vampire und andere nicht menschliche und nicht tierische Wesen mehr oder weniger wahr sind. Und viele bekannte Charaktere, die in unserer Realität schon vor langer Zeit gestorben sind, wie Grigori Jefimowitsch Rasputin, quicklebendig auftauchen.
Insgesamt liest sich „Das Evangelium des Blutes“ wie die Vorlage für einen Fantasy-Thriller voller Kämpfe, fantastischer Begegnungen und schneller Ortswechsel, der demnächst im Multiplex um die Ecke läuft. Strandlektüre eben, die am Ende schamlos eine Fortsetzung ankündigt.
Für Ende Juli ist diese Fortsetzung „Das Blut des Verräters“. (Innocent Blood – The Blood Gospel 02, 2014) angekündigt.
In den USA ist bereits der dritte Band „Blood Infernal“ (2015) erschienen, der das Ende der „The Order of the Sanguines“-Trilogie ist. Aber Rollins und Cantrell schließen weitere, in dieser Welt spielende Geschichten nicht aus.

James Rollins/Rebecca Cantrell: Das Evangelium des Blutes
(übersetzt von Norbert Stöbe)
Blanvalet, 2014
672 Seiten
9,99 Euro

Originalausgabe
The Blood Gospel
William Morrow, 2012

Hinweise
Homepage von James Rollins
Homepage von Rebecca Cantrell
Meine Besprechung von James Rollins‘ „Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels“ (Indiana Jones and the Kingdom of the Crystal Skull, 2008)
Excuse Me, I’m Writing: Interview mit James Rollins und Rebecca Cantrell über „Das Evangelium des Blutes“ (Januar 2013)
The Big Thrill: Interview mit James Rollins und Rebecca Cantrell zu „Blood Infernal“ (Januar 2015)


Neu im Kino/Filmkritik: Die Bestseller-Verfilmung „Kind 44“

Juni 4, 2015

Wer den Roman „Kind 44“ von Tom Rob Smith kennt, ist in den ersten Minuten von „Kind 44“ positiv überrascht. Drehbuchautor Richard Price raffte und veränderte den Anfang so, dass die Geschichte schneller beginnt und, wer den Roman gelesen hat, sieht die ersten Minuten als eine kluge Vorschau auf die kommenden Ereignisse, bis hin zum Motiv des Mörders.
Zuerst erfahren wir einiges über Leo Demidow (Tom Hardy), das später wichtig wird: wie er aus seinem Elternhaus flüchtet, in einem Waisenhaus aufwächst, im Zweiten Weltkrieg kämpft und in Berlin für das bekannte Russischer-Soldat-hält-auf-einem Gebäude-vor-der-zerstörten-Stadt-die-Fahne-hoch-Bild poussieren muss. Seine Kampfgefährten sind Wassili (Joel Kinnaman) und Alexei Andrejew (Fares Fares). Jetzt, acht Jahre nach dem Kriegsende, sind sie seine Kollegen beim Staatssicherheitsdienst,
Auch das fröhliche Abendessen mit seinen Kollegen und ihren Frauen zeigt, dass die Ehe zwischen Leo und Raisa Demidow (Noomi Rapace) nicht glücklich ist. Er unterdrückt sie und sie lächelt notgedrungen schweigend zu seinen Ausführungen über ihre erste Begegnung. Sein Balzen war, und das zeigt diese Szene ohne dass sie es sagen muss, für sie eine Bedrohung ihres Lebens. Sie heiratete ihn, weil sie Angst vor ihm hatte und immer noch hat.
Aber dann scheitert der Film an seiner eigenen Unentschlossenheit und die Bedeutung der ersten Szenen erschließt sich eigentlich nur den Menschen, die den Roman kennen. Für alle anderen ist es vor allem eine okaye und sogar etwas längliche Einführung des Helden. Denn für die sich im folgenden eher nebenbei entwickelnde Serienkillerjagd sind seine Jugendjahre und seine Kriegserlebnisse unwichtig. Da hätte die Verfolgung eines Mannes, der der Spionage verdächtig ist, gereicht, um den Protagonisten, seine Fähigkeiten als Ermittler (sehr groß) und seine Wertesystem (sehr akzeptabel) zu etablieren. Außerdem lernen wir in diesen Minuten auch Wassili kennen. Wassili ist ein Antagonist von Demidow; er ist der Mann, der Demidow aus verschiedenen Gründen, vernichten will, indem er das System für seine Interessen benutzt. Der zweite Gegner von Demidow ist natürlich der Mörder, der fast fünfzig Kinder ermordete. Im Film ist, wie im Buch, allerdings unklar, wer der Hauptgegner von Demidow ist. Im Film führt das dazu, dass die Geschichte nicht mehr funktioniert. Storytechnisch blockieren sich die beiden Gegner. Die Geschichte wird nicht spannender, sondern langweiliger.
Dabei folgen Price, ein geachteter Roman- („The Wanderers“) und Drehbuchautor („Die Farbe des Geldes“, „Clockers“), und Daniel Espinosa („Easy Money“, „Safe House“) weitgehend der Romanhandlung: Geheimdienstoffizier Leo Demidow soll seinen Untergebenen Andrejew und dessen Familie vom Unfalltod ihres Sohnes überzeugen. Demidow erhält zwar Hinweise, dass es, wie Andrejew behauptet, ein Mord war. Er sieht sich sogar die Leiche an. Aber er verfolgt die Spuren nicht weiter. Denn im kommunistischen Paradies gibt es keine Verbrechen und damit auch keine Morde.
Nach diesem Auftakt wird der Serienmörderplot auch im Film erst einmal lange Zeit nicht weiter verfolgt. Stattdessen nimmt Demidows Privatleben einen beträchtlichen Raum ein. Denn er soll herausfinden, ob seine Frau eine feindliche Agentin ist. Als er dies nach umfangreichen Ermittlungen vor seinen Vorgesetzten verneint, werden beide nach Wualsk, einer abgelegenen Industriestadt, versetzt. Dort ist General Nesterow (Gary Oldman) sein Vorgesetzter. Ein guter Polizist, der allerdings bei weitem nicht so brillant wie Demidow ist. Deshalb wird er später auch zu Demidows Dr. Watson.
In Wualsk stößt Demidow auf einen weiteren Mord an einem Kind. Jetzt packt ihn das schlechte Gewissen. Er und Nesterow beginnen mit ihren Ermittlungen, die sie im Geheimen durchführen müssen, weil in der Sowjetunion der totalitären Stalinära reine Willkür herrschte und ihr erste Fehler sie in das nächste Gulag befördern könnte.
Diesen Serienkillerplot schleift der Film, wie der Roman, eher mit, weshalb der gesamte Mittelteil des Films über weite Strecken auf der Stelle tritt.
Anstatt kluger Verdichtungen, Verkürzungen, Dramatisierungen und einer Konzentration auf einen Hauptplot (und damit einen klar konturierten Konflikt) geht der Film in die Breite, ohne dass wir etwas substantiell neues über die Charaktere erfahren oder sich die Handlung erkennbar voranbewegen würde. Es wirkt, als habe Richard Price die Lust an seiner Geschichte verloren und sich nicht mehr darum gekümmert, ob sie in sich schlüssig ist.
Dazu kommt die im Film psychologisch kaum begründete Beziehung zwischen Leo und Raisa Demidowa. Für sie ist es eine Zwangsehe. Das gesteht sie ihm auch während der Zugfahrt nach Wualsk. Er ist natürlich entsetzt darüber, dass sie ihn nicht als galanten Liebhaber, sondern als Monster wahrnimmt. Vor allem, nachdem er jetzt sogar für sie seine Karriere geopfert hat. Aber dann wird sie, weil das Drehbuch es so will, zu seiner Verbündeten, hilft ihm bei der Aufklärung der Mordserie und begibt sich mehrmals freiwillig für ihn, den Mann, den sie hasst, der ihr Leben verpfuschte und der sie unterdrückt, in Lebensgefahr. Die Demidowas sind halt ein echtes Powerpaar.
Daniel Espinosa nimmt sich fast hundertvierzig Minuten Zeit, um seine Geschichte zu erzählen. Und dennoch wirkt der Film in seiner eigentümlichen Mischung aus Plot-Stillstand und kryptischer Erzählweise (Warum hilft Raisa ihrem Ehemann?) doch wie ein auf Kinolänge zusammengeschnittener TV-Mehrteiler, bei dem die falschen Szenen entfernt wurden.
Wenn es am Ende zur Konfrontation zwischen Demidow und dem Serienmörder kommt, wird der Kampf von einem Kellerzimmer in eine Schlammgrube im Wald verlegt; was kein großes Problem wäre, wenn dadurch nicht das Set-Up der ersten Minuten vollkommen verschenkt wäre. Ein Kreis, der sich auch optisch hätte schließen können, schließt sich nicht. Dafür gibt es eine Runde Schlammcatchen zwischen dem Mörder und dem Ehepaar Demidow.
Spontan fällt mir kein anderer hochkarätig besetzter und produzierter Mainstreamfilm ein, der sein Potential so grundlos und umfassend verschenkt.

Kind 44 - Plakat

Kind 44 (Child 44, CZ/GB/RO/USA 2015)
Regie: Daniel Espinosa
Drehbuch: Richard Price
LV: Tom Rob Smith: Child 44, 2008 (Kind 44)
mit Tom Hardy, Gary Oldman, Noomi Rapace, Joel Kinnaman, Paddy Considine, Jason Clarke, Vincent Cassel, Fares Fares, Charles Dance, Josef Altin
Länge: 138 Mnuten
FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage

Smith - Kind 44 - TB 2Smith - Kind 44 - Movie-Tie-In - 2
Tom Rob Smith: Kind 44
(übersetzt von Armin Gontermann)
Goldmann, 2015 (Movie Tie-In)
512 Seiten
9,99 Euro

Taschenbuchausgabe
Goldmann, 2010

Deutsche Erstausgabe
Dumont, 2008

Originalausgabe
Child 44
Simon & Schster UK Ltd., 2008

Hinweise

Homepage von Tom Rob Smith

Deutsche Homepage von Tom Rob Smith

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Film-Zeit über „Kind 44“

Moviepilot über „Kind 44“

Metacritic über „Kind 44“

Rotten Tomatoes über „Kind 44“

Wikipedia über „Kind 44“ (deutsch, englisch) und Tom Rob Smith (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Tom Rob Smiths „Kind 44“ (Child 44, 2008)

Meine Besprechung von Daniel Espinosas „Sebastian Bergman – Spuren des Todes 1“

Meine Besprechung von Daniel Espinosas „Safe House“ (Safe House, USA 2012)

Richard Price in der Kriminalakte

 


Verfilmte Bücher: „Kind 44“ ist „Kind 44“

Juni 1, 2015

Als 2008 Tom Rob Smiths Debütroman „Kind 44“ (Child 44) erschien, war es ein Bestseller, der gleich auf einigen Nominierungslisten landete und Preise, wie den International Thriller Writer Award für Best First Novel, den CWA Ian Fleming Steel Dagger Award und den Barry Award für Best First Novel, erhielt. Es war ein Überraschungserfolg – immerhin war, aus dem Hinterkopf, seit Martin Cruz Smiths „Gorki Park“ (Gorky Park, 1981), kein in der Sowjetunion spielender Thriller mehr international erfolgreich gewesen. Rückblickend verwundert der Erfolg nicht. Immerhin verbindet Tom Rob Smith einen historischen Rückblick (die Geschichte spielt 1953 in den letzten Tagen der Stalin-Ära) mit einer Serienkillergeschichte. Denn das titelgebende „Kind 44“ ist das vierundvierzigste Opfer eines Serienmörders, der in verschiedenen Orten in der Sowjetunion Kinder tötete. Die Verbrechen wurden von der Staatsmacht ignoriert, weil es in der UdSSR keine Morde gibt. Und erst recht keine Serienmörder. Das gibt es nur im Kapitalismus.
Als in Moskau der Sohn seines Kollegen Fjodor Andrejew tot aufgefunden wird, soll Leo Stepanowitsch Demidow, ein Kriegsheld und MGB-Geheimdienstoffizier, die Sache in Ordnung bringen. Denn Andrejew behauptet, dass sein Kind ermordet wurde. Aber im Bericht steht eindeutig, dass es ein Zugunfall, ein bedauerliches Unglück, war.
Kurz darauf soll Demidow herausfinden, ob seine Frau Raisa eine feindliche Agentin ist. Ein von ihm kürzlich verhafteter Tierarzt hat das behauptet. Demidow glaubt hingegen, dass der Tierarzt kein Spion war und dass der Name von seinem Kollegen Wassili auf die Liste geschrieben wurde, weil dieser sich an ihm rächen will. Denn unmittelbar nach der Verhaftung des Tierarztes hinderte er ihn daran, auch die Kinder einer Familie umzubringen, bei der der Arzt kurzzeitig untergetaucht war. Weil Demidow den feigen Mord seines Kollegen an deren Eltern nicht verhindern konnte, fühlt er sich schuldig. Demidow ist halt doch ein Guter. Und selbstverständlich ein guter Polizist. Das bewies er bei der Verfolgung des flüchtigen Arztes und das soll er jetzt bei der Enttarnung seiner Frau als feindliche Agentin beweisen.
Gegenüber seinen Vorgesetzten sagt Demidow am Ende seiner Ermittlungen, dass er keine Beweise für eine Spionagetätigkeit seiner Frau gefunden habe.
Zur Strafe werden beide nach Wualsk versetzt und in ihren Positionen nach unten degradiert. In dieser Industriestadt am Ende der Bahngleise entdeckt Demidow einen weiteren Mord an einem Kind. Jetzt glaubt er, dass Andrejew recht hatte.
Und ihr werdet euch jetzt fragen, warum ich euch so viel von diesem sicher ganz interessantem, aber für die Serienmordgeschichte unwichtigen Plot mit vermeintlichen Agenten und echten Intrigen in der Polizei erzähle.
Nun, weil Tom Rob Smith es genauso macht. Bis zur Buchmitte ist der Serienmörderplot vollkommen unwichtig und auch danach, wenn Demidow und sein neuer Vorgesetzter in Wualsk (der später zu seinem willigen Gehilfen wird) im Geheimen Informationen über die möglichen Kindstötungen zusammen tragen (die natürlich alle fein säuberlich aufgeklärt wurden, indem irgendein Strohmann verurteilt wurde), beschäftigt sich der Roman eher mit den Eheproblemen von Leo Demidow und seiner Frau Raisa, die ihn heiratete, weil sie befürchtete, sonst mit irgendeiner Phantasiebeschuldigung in ein Straflager gesteckt zu werden. Jetzt ist sie in Wualsk, was nicht viel besser ist.
Insgesamt dürfte der Serienmörderplot höchstens ein Fünftel des fünfhundertseitigen Romans ausmachen und es ist, trotz des Motivs des Mörders, das erst im Finale enthüllt wird, der schwache Teil von „Kind 44“.
Die zeitlose, oft ins absurde überhöhte Beschreibung einer totalitären Gesellschaft, in der jeder jedem misstraut und reine Willkür herrscht, ist allerdings gelungen. Denn irgendeine Kontrolle scheint es damals nicht gegeben zu haben. Jeder log und es gab nur eine allumfassende Gewissheit: dass nichts sicher war in diesem auf Lug und Trug aufgebautem Terrorregime.
Seit dem Erscheinen von „Kind 44“ hat Tom Rob Smith mit „Kolyma“ (The Secret Speech, 2009) und „Agent 6“ (Agent 6, 2011) seine Leo-Demidov-Trilogie vollendet und den Einzelroman „Ohne jeden Zweifel“ (The Farm, 2014) veröffentlicht. Alle Romane sind bei Goldmann erhältlich.
Für die am Donnerstag startende Verfilmung boten sich zwei Möglichkeiten an, den Roman gewinnbringend in einen Film zu übertragen: entweder man stärkt den Krimiplot oder man rückt den Konflikt zwischen Leo Demidow und Wassili, der ihn aus reiner Rachsucht vernichten will, in den Mittelpunkt. In jedem Fall müsste dafür die Romangeschichte stark verändert werden. Womit ich kein großes Problem habe. Es wurde sich dann für einen dritten Weg entschieden, der dazu führt, dass im Film andere Fehler gemacht werden, die ich zum Filmstart ausführlicher besprechen werde.

Smith - Kind 44 - Movie-Tie-In - 2Smith - Kind 44 - TB 2

Tom Rob Smith: Kind 44
(übersetzt von Armin Gontermann)
Goldmann, 2015 (Movie Tie-In)
512 Seiten
9,99 Euro

Taschenbuchausgabe
Goldmann, 2010

Deutsche Erstausgabe
Dumont, 2008

Originalausgabe
Child 44
Simon & Schster UK Ltd., 2008

Verfilmung

Kind 44 (Child 44, CZ/GB/RO/USA 2015)
Regie: Daniel Espinosa
Drehbuch: Richard Price
LV: Tom Rob Smith: Child 44, 2008 (Kind 44)
mit Tom Hardy, Gary Oldman, Noomi Rapace, Joel Kinnaman, Paddy Considine, Jason Clarke, Vincent Cassel, Fares Fares, Charles Dance, Josef Altin
Länge: 138 Mnuten
FSK: ab 16 Jahre
Kinostart: 4. Juni 2015

Hinweise

Homepage von Tom Rob Smith

Deutsche Homepage von Tom Rob Smith

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Film-Zeit über „Kind 44“

Moviepilot über „Kind 44“

Metacritic über „Kind 44“

Rotten Tomatoes über „Kind 44“

Wikipedia über „Kind 44“ (deutsch, englisch) und Tom Rob Smith (deutsch, englisch)

Und zwei Interviews mit Tom Rob Smith zu seinem neuesten Roman „Ohne jeden Zweifel“ (The Farm, 2014)


James Lee Burke, Dave Robicheaux und der „Sturm über New Orleans“

Juni 1, 2015

Burke - Sturm über New Orleans - 2

Ein bisschen unheimlich ist die derzeitige kollektive Begeisterung für James Lee Burke schon. Da wurde, nachdem seine Bücher bei Ullstein und Goldmann erschienen waren, zwölf Jahre kein neues Buch von ihm übersetzt. Einige Burke-Fans jammerten darüber, wiesen darauf hin, wie großartig er sei, welche wichtigen Preise er gewann, was für grandiose Romane er schrieb und wünschten sich zu Weihnachten, dass endlich seine neuen Romane übersetzt würden. Denn in seiner Heimat veröffentlichte Burke ungefähr im Jahrestakt einen neuen Bestseller. In Deutschland wurde dagegen jeder Skandinavier zum Schreiben von Kriminalromane verpflichtet.

Jetzt, nachdem James Lee Burkes Hackberry-Holland-Roman „Regengötter“ im Herbst 2014 bei Heyne Hardcore veröffentlicht wurde und der Pendragon Verlag den sechzehnten David-Robicheaux-Roman „Sturm über New Orleans“ veröffentlichte, ist die Begeisterung groß. Derzeit ist „Sturm über New Orleans“ auf dem ersten Platz der KrimiZeit-Bestenliste und bis auf wenige Ausnahmen gibt es nur begeisterte Kritiken, denen ich nicht ganz folgen kann. Denn „Sturm über New Orleans“ ist nicht so gut wie sein Frühwerk.

Das liegt an einigen Burke-Manierismen, die er seit Jahren liebevoll pflegt. So mischt er munter die Ich-Perspektive (Dave Robicheaux ist der Erzähler) mit einer auktorialen Perspektive, die den größten Teil des Romans mit Episoden füllt, in denen Robicheaux nicht dabei ist und von denen er auch nie etwas erfährt. Robicheaux wird also zum Nebencharakter in seinem eigenen Roman. Mich stört diese Schlampigkeit gewaltig. Den meisten Kritikern scheint dieser Perspektivenwechsel egal zu sein.

Dann wechselt Burke einfach so das Tempus. Die ersten vierundvierzig Seiten sind im Präsens (das in Erzählungen fast nie funktioniert) geschrieben. Danach wechselt er ins Präteritum. Einen erkennbaren Grund für diesen Wechsel gibt es nicht. Es ist eher so, als habe er in der Überarbeitung vergessen, die ganze Geschichte in einer grammatikalischen Zeitform zu schreiben.

Und dann gibt es immer wieder mehr oder weniger große Zeitsprünge, die eher verwirren, weil sie wirken, als ob ihm während des Schreibens eingefallen sei, dass er zwar eine Information (z. B. ein Charakter ist tot) geliefert hat, aber noch nicht erzählt hat, wie dieser Charakter gestorben ist. Diese Szene fügt er dann ein, nachdem die Leiche gerade abtransportiert wird. Diese unmotivierten Rückblenden nerven mich ungemein, weil die Szene am falschen Ort steht. Man hätte die Szene mit Ermordung des Charakters einige Seiten früher präsentieren sollen. So entsteht das Gefühl, dass man eine Information zweimal erhält. Denn wir wissen ja bereits, dass der Charakter tot ist.

Eine Zeitlang tauchten in Burkes Romanen auch Geister auf, die einfach so in der Geschichte herumhingen, weil Burke Gespenster wohl irgendwie sympathisch fand. In „Sturm über New Orleans“ fehlen sie, obwohl der Hurrikan Katrina und die damit verbundene Zerstörung von New Orleans dazu eingeladen hätten.

Die Story selbst ist, wieder einmal, eher chaotisch als komplex und, angesichts des realen Hintergrunds und der Aussage von Burke, dass „Sturm über New Orleans“ sein wütendstes Buch sei, ist die Kriminalgeschichte erschreckend beliebig. Denn der Hurrikan ist nur ein für die eigentliche Kriminalgeschichte weitgehend austauschbares Vorspiel, das bis Seite 126 dauert. In dem Moment wird Dave Robicheaux von New Orleans wieder zurück nach New Iberia, seinem Heimatort, versetzt. So dicht die Beschreibungen der Plünderungen und des Chaos bei den Aufräumarbeiten auch sind, so sehr erinnern sie an umformulierte, von einer gerechten Empörung getragene, nicht-analytische Zeitungsberichte und so vernachlässigbar sind sie für die beiden Kriminalfälle.

In dem einen Fall steht Otis Baylor im Verdacht, einen der Vergewaltiger seiner Tochter erschossen zu haben. Der Tote war mit einigen Freunden auf einer Plünderungstour, bei der sie auch in die Villa von Sidney Kovick einbrachen und dort beträchtliche Wertgegenstände entdeckten, die der Eigentümer ohne die Hilfe der Polizei zurückhaben will.

Gleichzeitig sucht Robicheaux, in einem mitgeschleiften Nebenplot, nach dem spurlos verschwundenem, drogenabhängigem Priester Jude LeBlanc.

Langjährige Burke- und Robicheaux-Leser finden in „Sturm über New Orleans“ viele bekannte Elemente wieder, die eben weil man sie zum wiederholten Mal ohne große Variation liest, langweilt. Wie oft muss man noch die gewalt- und alkoholgeschwängerten Halbstarken-Eskapaden von Robicheauxs Freund Clete Purcel, das Auftauchen von durchgeknallten Killern und Mafiosi vor Robicheaux‘ Haustür, die Macho-Sprüche, die inzwischen nur noch anachronistisch sind, die Anschläge auf Robicheaux (so als müsste mindestens einmal pro Roman der Killer versuchen Robicheaux und seine Familie zu töten) lesen?

Das alles hat nicht mehr den Esprit und die Innovation der ersten Robicheaux-Romane, sondern ist inzwischen eine Mischung aus Stillstand und auch Rückschritt. Seine früheren Robicheaux-Romanen sind einfach besser. Und dennoch habe ich die ganzen gut sechshundert Seiten gelesen und, trotz aller Kritik, empfehle ich die Lektüre von James Lee Burke. Er ist einer der großen der US-Kriminalliteratur und mit „Neonregen“ (The Neon Rain, 1987), dem ersten Robicheaux-Roman, und den folgenden Robicheaux-Romanen trug er zu einer Neuausrichtung des Polizeiromans bei.

Nächstes Jahr will Pendragon einen weiteren Roman von James Lee Burke veröffentlichen. Bereits im September erscheint bei Heyne Hardcore „Glut und Asche“ (Feat Day of Fools, 2011), ein weiterer Hackberry-Holland-Roman.

James Lee Burke: Sturm über New Orleans

(übersetzt von Georg Schmidt)

Pendragon, 2015

576 Seiten

17,99 Euro

Originalausgabe

The Tin Roof Blowdown

Simn & Schuster, 2007

Hinweise

Homepage von James Lee Burke

Wikipedia über James Lee Burke (deutsch, englisch)

Mein Porträt von James Lee Burke

James Lee Burke in der Kriminalakte

„In the Electric Mist“ in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Bertrand Taverniers James-Lee-Burke-Verfilmung „In the Electric Mist – Mord in Louisiana“ (In the Electric Mist, USA 2009)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Regengötter“ (Rain Gods, 2009)


„Secret Service – Jahrbuch 2015“ und das „Krimimagazin: Crime & Sex“ informieren über die Krimiwelt

Mai 21, 2015

Krimimagazin - Crime & SexSyndikat - Secret Service Jahrbuch 2015 - 2

Nachdem der alljährliche „Der deutsche Krimi ist schlecht und der Regionalkrimi ist noch schlechter“-Artikel dieses Jahr von Lisa Kuppler, die es eigentlich besser wissen müsste, in der FAZ erschien und es gleich einige geharnischte Kommentare gab (unter anderem Der Schneeman, CrimeNoir, Crimemag und Polar), erspare ich mir jede weitere Kommentierung (aber man könnte die bekannte „Der Regionalkrimi ist doof“-Melodie doch wenigstens mal etwas variieren) und wende mich den Sammelbänden „Secret Service – Jahrbuch 2015“ von der deutschsprachigen Krimiautorenvereinigung „Das Syndikat“ und dem Sammelband „Krimimagazin: Crime & Sex“ von Tobias Gohlis und Thomas Wörtche zu.

Im „Krimimagazin: Crime & Sex“ versammeln die beiden Krimikritiker neun Texte von Krimiautoren. Drei Frauen, sechs Männer. Drei Deutsche, sechs, hm, Ausländer.

Und auch nach der Lektüre kann ich immer noch nicht sagen, wer es kaufen soll und was die Absicht des Sammelbandes ist. Das heißt jetzt nicht, dass die Texte vollkommen uninteressant sind. Es sind Ergänzungen zu den von den Autoren geschriebenen Romanen, die teilweise schon etwas älter sind. Es handelt sich um Hintergrundmaterial und damit klassisches Material für ein Nachwort.

So schreibt Gary Dexter („Der Marodeur von Oxford“, Penser Pulp 2013) in „Kriminalliteratur und Sexologie: Bettgenossen des 19. Jahrhunderts“ über Krimis (viel Sherlock Holmes) und Sexologen im 19. Jahrhundert. Das liest sich eher wie ein Lexikonartikel.

Auch Wolfgang Kaes‘ Ausführungen über Stalking und die nicht mehr aktuelle Gesetzeslage in Deutschland lesen sich wie ein Lexikonartikel. Kaes (zuletzt „Spur 24“, rororo 2014) schrieb darüber in „Herbstjagd“ (2006).

Mechtild Borrmann schreibt über Zwangsprostitution am Beispiel einer Prostituierten. Das Porträt basiert auf ihren Recherchen für „Die andere Hälfte der Hoffnung“ (Droemer Verlag, 2014) und verrät einem informiertem Zeitungsleser nichts Neues.

María Inés Krimer („Sangre Kosher: Ruth Epelbaum und die Zwi Migdal“, Penser Pulp 2014) schreibt über Prostitution in Argentinien, gestern (viel und interessant) und heute.

Andrew Brown (zuletzt „Trost“, btb 2014) erzählt eine Episode aus seinem Alltag als Polizist mit einer Straßenprostituierten.

Carlo Lucarelli (zuletzt „Bestie“, Folio 2014) redet über den italienischen Mann und das Verbrechen in Italien, also vor allem die Mafia. Das Interview ist ein netter Einblick in die italienische Seele.

Liza Cody liefert einige Hintergründe zu ihrem letzten Roman „Lady Bag“ (ariadne, 2014). Sie porträtiert vier obdachlose Frauen, die sie zu dem Roman inspirierten und dieser gut geschriebene Text macht wirklich neugierig auf „Lady Bag“.

Howard Linskey schreibt über das Geschäft mit der Prostitution in England, das auch in seinen Romanen „Crime Machine“ (Knaur 2012), „Gangland“ (Knaur 2014) und „Killer Instinct“ (Knaur, angekündigt für August 2015) eine Rolle spielt.

Und Frank Göhre begibt sich wieder auf die sündige Meile St. Pauli. Darüber hat er mehrere Romane geschrieben und in diversen Nachworten und Essays auch über die wahren Hintergründe seiner Geschichten geschrieben. Trotzdem gelingt es ihm in „Palais d’Amour“ einige Aspekte anzusprechen, die auch für einen Göhre-Fan noch neu sind.

Aber in den Sammelband fehlt jede kritische Betrachtung oder Einordnung von ihren Romanen (was auch nicht die Aufgabe des Autors ist) oder des Themas „Sex und Verbrechen“ in die Geschichte der Kriminalliteratur. Es gibt, was man bei den beiden Herausgebern eigentlich hätte erwarten können, keinen einzigen Text, der sich mit der Darstellung von Kriminalität und Sexualität im Kriminalroman beschäftigt und was die Behandlung von Sex und Verbrechen in der Literatur über die Wirklichkeit aussagt.

In den Essays geht es fast immer nur um Prostitution in der Wirklichkeit in verschiedenen Ländern in der Vergangenheit und der Gegenwart, mal mit mehr, mal mit weniger Informationen über die Verbindung vom Sexgewerbe zum Verbrechen. Man erfährt auch etwas über den dortigen Sittenwandel. Aber ohne die Kenntnis der Romane hängen die Texte fast alle im luftleeren Raum, oft sind sie nicht sonderlich spannend geschrieben und allzu neugierig wurde ich nicht auf die meisten Romane.

Immerhin gelingt es Liza Cody, Howard Linskey und Frank Göhre, die alle auch sagen, wie die Wirklichkeit ihre Romane inspirierte, neugierig auf ihre Romane zu machen. Und das wäre nach „drei Frauen“ und „drei Deutsche“ das dritte Trio.

Für Februar 2016 ist mit „Crime & Money“ das zweite Krimimagazin angekündigt, das dann hoffentlich mehr als ein schlechter „True Crime“-Sammelband ist.

Das Zielpublikum von „Secret Service – Jahrbuch 2015“ des Syndikats ist dagegen ganz klar umrissen: die Mitglieder des Syndikats und deutschsprachige Krimiautoren. Für sie gibt es die bewährte Mischung aus Klatsch und Tratsch, vulgo Vereinsmeierei. Es gibt einige Kurzkrimis, die ungefähr die Länge eines Witzes haben, Veranstaltungsberichte (über die Wiener Kriminacht, die Criminale und das Forum Criminale; beides lesenswert), Hintergrundinformationen (über E-Books und Lesungen), Ratschläge und, von Thomas Przybilka (der auch wichtige Sekundärliteratur auflistet), die immer interessanten Befragungen der Glauser-Preisträger. Dieses Jahr sind es die 2014er Preisträger Judith W. Taschler (für „Die Deutschlehrerin“ als bester Roman), Harald Gilbers (für „Germania“ als bestes Debüt), Verleger Herman-Josef ‚Hejo‘ Emons (Ehrenglauser für besondere Verdienste), Alexander Pfeiffer (für „Auf deine Lider senk ich Schlummer“ als bester Kurzkrimi) und Alice Gabathuler (für „NO_WAY_OUT“ als bester Kinder- und Jugendkrimi).

Und dann gibt es, immer wieder, Texte, die mich kopfschüttelnd zurücklassen, wie Renate Klöppels „Lampenfieber bei Lesungen: Ein Übel, mit dem man sich abfinden muss?“. Anstatt wirklich sinnvolle Hinweise zu geben oder zu erzählen, wie eine Lesung funktioniert, plaudert sie ein wenig und die Tipps sind höchstens für Schüler, die zum ersten Mal ein Referat halten sollen, tauglich. Denn – und hier kommen meine Tipps für Lesungen – als Autor hat man im Gegensatz zu allen anderen Menschen, die etwas präsentieren, einige Vorteile: die Leute sind wegen einem gekommen, sie sind höflich und interessiert und sie wollen den Autor umschmeicheln. Sie werden also keine unhöflichen Fragen stellen oder einen kritisieren. Man hat schon einen Text, den man einfach nur vorlesen muss. Niemand erwartet, dass ein Autor ein guter Vorleser ist. Er sollte einfach seinen Text langsam und laut (wenn es kein Mikrophon gibt) vorlesen und danach einfach schon einmal die offensichtlichen Fragen (Woher haben Sie ihre Ideen? Warum haben Sie diesen Roman geschrieben? Wie sieht ihr Arbeitstag aus? Hat Hollywood schon wegen der Verfilmung angefragt?) beantworten. Dabei kann er sich viel Zeit lassen. Denn die Leute wollen ihm zuhören. Sie werden ihn nicht unterbrechen. Und, wie gesagt, sie sind höflich. Sie klatschen. Sie lachen. Sie freuen sich, dass der Autor sie beehrt. Am Ende signiert man die Bücher.

Außerdem sollte jeder Autor vor seiner ersten Romanveröffentlichung – immerhin haben sie fast alle studiert – schon einige Vorträge vor Publikum gehalten haben. In der Schule (die blöden Referate), in der Universität (die blöden Referate) und im Beruf (die blöden Referate).

Über Horst-Dieter Radkes Behauptung „Die Protagonisten der meisten aktuellen Romane haben keine Biographie.“ in „Über das Grab hinaus… – Von Krimiklassikern lernen“ lohnt es sich kaum zu streiten. Er nennt dann Dorothy L. Sayers‘ Lord Peter Wimsey, Agatha Christies Miss Marple und Hercule Poirot und George Simenons Kommissar Maigret als Charaktere mit einer ausgefeilten Biographie.

Der Leser aktueller Romane denkt an Lawrence Blocks Matt Scudder, James Lee Burkes Dave Robicheaux, Michael Connellys Harry Bosch, Ian Rankins John Rebus, Robert B. Parkers Jesse Stone, Ken Bruens Jack Tayler, und ehe ihm weitere Ermittler mit einer ausgewachsenen Biographie, die sich über mehrere Romane entwickelt, einfallen, beschließt er, den Text zu vergessen.

In „Großleinwandthriller oder: Warum machst du eigentlich kein Kino?“ schreibt Matthias Herbert über seine Erfahrungen bei der (Nicht-)Realisierung eines Spielfilms. Das ist amüsant geschrieben und bietet einen ernüchternden Einblick in die deutsche Filmszene.

Insgesamt zeigt „Secret Service – Jahrbuch 2013“, wie die vorherigen Ausgaben, warum der deutsche Krimi ist, wie er ist.

Tobias Gohlis/Thomas Wörtche (Herausgeber): Krimimagazin: Crime & Sex

Droemer, 2015

240 Seiten

9,99 Euro

Syndikat: Secret Service – Jahrbuch 2015

Gmeiner, 2015

256 Seiten

9,99 Euro

Hinweise

Homepage vom Syndikat

Meine Besprechung von „Secret Service – Jahrbuch 2009“

Meine Besprechung von „Secret Service – Jahrbuch 2011“

Meine Besprechung von „Secret Service – Jahrbuch 2012“

Meine Besprechung von „Secret Service – Jahrbuch 2013“

Meine Besprechung von „Secret Service – Jahrbuch 2014“


Nicht Spenser, sondern Jesse Stone, Virgil Cole und Everett Hitch – und immer Robert B. Parker

Mai 19, 2015

Parker - Mord im ShowbizParker - Der Killer kehrt zurück

Bekannt wurde Robert B. Parker mit dem Boston-Privatdetektiv Spenser, der in den Siebzigern zu einer Neuerfindung des Privatdetektiv-Romans betrug und in den folgenden Jahren die Blaupause für alle Privatdetektive wurde. Denn Parker gab dem Privatdetektiv ein Gewissen, einen gewalttätig-loyalen Freund (der die Schmutzarbeit vom Verprügeln bis Töten erledigte) und eine Freundin, eine feste Partnerin, und damit ein deutlich eingeschränktes Sexualleben. Spenser ist halt kein Mike Hammer.
Außerdem integrierte Parker Themen in den Privatdetektivroman, die dort in den frühen Siebzigern (und teilweise auch in der restlichen Literatur) nicht beachtet wurden und die uns heute selbstverständlich erscheinen.
Fast bis zur Jahrtausendwende schrieb Parker Spenser-Romane und einige Einzelromane, die lange nicht so populär wie die Serie um seinen Privatdetektiv sind.
Seine kurzlebige Serie mit der Privatdetektivin Sunny Randall war dann auch nur eine weibliche Ausgabe von Spenser. In „Mord im Showbiz“ hat sie nach sechs Romanauftritten (die fast alle nicht übersetzt wurden) auch ihren ersten Auftritt in einem Jesse-Stone-Roman.
Jesse Stone ist, obwohl sich sein Spenser-tum nicht verleugnen lässt, ein Gegenentwurf zu Spenser. Stone war Kriminalpolizist in Los Angeles, ist Alkoholiker, hat eine problematische On/Off-Beziehung zu seiner Ex-Frau Jenn, besucht regelmäßig einen Psychiater (er hat halt keine Susan Silverman) und ist der Polizeichef von Paradise, Massachusetts, einem Küstenort in Sichtweite von Boston.
In acht TV-Filmen wurde er kongenial von Tom Selleck verkörpert. Danach beendete CBS die Reihe, weil ihnen die Zuschauer zu alt waren. Für September 2015 ist mit „Lost in Paradise“ ein neuer Jesse-Stone-Film, wieder mit dem bewährten Team vor und hinter der Kamera, angekündigt, der dann vom Hallmark Channel präsentiert wird.
Bis dahin (und bis der Film im deutschen TV läuft) ist mehr als genug Zeit, um die beiden bei uns neuen Jesse-Stone-Romane „Mord im Showbiz“ und „Der Killer kehrt zurück“ zu lesen, die sich im Guten wie im Schlechten nicht von Robert B. Parkers anderen, in den letzten Jahren geschriebenen Romanen unterscheiden. Das Plotting ist eher schlampig (vor allem in „Mord im Showbiz“ passiert lange nichts: kein Ermittlungsansatz, keine heiße Spur, kein Verdächtiger), die Charaktere und die Gespräche sind, trotz wechselndem Setting, vertraut, aber Parkers Sprache gefällt und der lakonische Humor, vor allem in den zahlreichen Dialogen, ist gewohnt treffend. Eigentlich bestehen seine Romane nur aus Dialogen und einigen spärlichen Regieanweisungen.
In „Mord im Showbiz“ wird die in einem Park an einem Baum hängend die Leiche des bekannten, verheirateten Talkshow-Moderators und Schürzenjägers Walton Weeks entdeckt. Kurz darauf wird die Leiche seiner Assistentin Carey Longley in einem Müllcontainer im Hof von Daisys Restaurant entdeckt. Sie war von ihm schwanger. Aber die üblichen Verdächtigen haben ein Alibi oder kein Motiv.
Gleichzeitig behauptet Jesse Stones Exfrau, dass sie vergewaltigt wurde. Er bittet, trotz Zweifel, seine derzeitige Freundin, die Privatdetektivin Sunny Randall, sich um Jenn zu kümmern. Kurz darauf entdeckt Sunny einen Stalker. Aber Jenn, die weiterhin an ihrer TV-Karriere arbeitet, behauptet, ihn nicht zu kennen.
„Der Killer kehrt zurück“ beginnt mit der Rückkehr von einem alten Bekannten und einer typischen Western-Situation.
Wilson „Crow“ Cromartie, der indianisch-stämmige Killer aus dem zweiten Stone-Roman „Terror auf Stiles Island“ (Trouble in Paradise“, 1998), ist wieder in Paradise. Als erstes besucht er Jesse Stone im Polizeirevier, um ihm zu sagen, dass er zurückgekommen ist und jemand suchen soll.
Crow ist natürlich ein zweiter Hawk, wie Spensers loyaler, gewalttätiger Freund und Frauenheld heißt. Entsprechend schnell entwickelt sich aus dem professionellen Respekt zwischen Jesse und Crow eine Quasi-Freundschaft. Vor allem nachdem Crow sein Ziel entdeckt hat und sich weigert Frances Franklin zu töten und ihre vierzehnjährige Tochter Alice, eigentlich Amber, zu ihrem Vater zurückzubringen. Louis Francisco ist ein Florida-Mafiosi, der, nachdem er erfährt, dass Crow den Auftrag nicht ausführen will, seine Männer losschickt, um den Auftrag und Crow zu erledigen.
Währenddessen stachelt Amber ihren Freund Esteban Carty, den Kopf einer Latino-Gang an, ihren Vater auszunehmen.
Und schon entwickelt sich ein veritabler leichengesättigter Gegenwarts-Western.

Parker - Brimstone
Nach dem Quasi-Western „Der Killer kehrt zurück“ wenden wir uns dem echten Western zu: „Brimstone“, das dritte Abenteuer von Virgil Cole und Everett Hitch.
Nach einer einjährigen Suche finden die beiden Revolermänner Coles Freundin Allie French in einem Freudenhaus, aus dem sie sie sofort herausholen. Weil ihre Ersparnisse fast aufgebraucht sind, nehmen Cole und Hitch in Brimstone, einem kleinen, rasch wachsendem Ort, einen Job als Gesetzeshüter an und geraten in den Kampf zwischen Kneipenbesitzer Pike, der ganz Texas will, und Bruder Percival, einem religiösen Eiferer, der in Brimstone sein „Neues Bethelem“ errichten möchte. Natürlich ohne Alkohol und käuflichen Sex.
Bis dieser Konflikt zwischen Pike und Percival für die Romangeschichte wirklich wichtig wird, vergeht viel Zeit, die Robert B. Parker durchaus kurzweilig mit Allies Bemühungen als Hausfrau und religiös bekehrte Kirchenmusikerin und den üblichen Konflikten, die es in einer kleinen Stadt mit schießwütigen Betrunkenen und ebenso schießwütigen, aber nüchternen Indianern gibt. Das ist nicht besonders aufregend oder innovativ, aber es ist eine angenehme Lektüre, die auch den Staub des Wilden Westens atmet.
In den USA werden nach dem Tod von Robert B. Parker einige seiner Serien von anderen Autoren weitererzählt. Ace Atkins schreibt neue Spenser-Romane. Michael Brandman, der auch die Stone-Filme produzierte und die meisten Drehbücher verfasste, schrieb drei Jesse-Stone-Romane, ehe er den Stab an den dreifachen Shamus-Gewinner Reed Farrel Coleman (den könnte ein deutscher Verlag mal übersetzen) weiterreichte. Robert Knott, Schauspieler und Drehbuchautor der Parker-Verfilmung „Appaloosa“, schreibt neue Cole/Hitch-Western.
Und im Juli veröffentlicht Pendragon mit „Drei Kugeln für Hawk“ (Cold Service, 2005) einen neuen Spenser-Roman.

Nachtrag (21. März 2015): Wer die alten Spenser-Romane (die natürlich vieeel besser als die Neuen sind) lesen will, kann sich jetzt als E-Book „Wetten gegen den Tod“ (Mortal Stakes, 1975 – Betrug bei den Boston Red Sox. Nicht mit Spenser.), „Bodyguard für Rachel Wallace“ (Looking for Rachel Wallace, 1980 – Spenser spielt den Bodyguard für eine lesbische Feministin – und wir erleben eine erste Diskussion über Spensers Machotum und den Feminismus. Grandios!) und „Neun Mörder “ (The Judas Goat, 1978 – Spenser auf Terroristenjagd; den fand ich zu episodisch und zu Spenser-untypisch) besorgen.

Robert B. Parker: Mord im Showbiz
(übersetzt von Bernd Gockel)
Pendragon, 2015
304 Seiten
11,99 Euro

Originalausgabe
High Profile
G. P. Putnam’s Sons, 2007

Robert B. Parker: Der Killer kehrt zurück
(übersetzt von Bernd Gockel)
Pendragon, 2015
312 Seiten
11,99 Euro

Originalausgabe
Stranger in Paradise
G. P. Putnam’s Sons, 2008

Robert B. Parker: Brimstone
(übersetzt von Emanuel Bergman)
Europa Verlag, Zürich, 2015
224 Seiten
20,00 Euro

Originalausgabe
Brimstone
G. P. Putnam’s Sons, 2009

Hinweise

Homepage von Robert B. Parker

Mein Porträt der Spenser-Serie und von Robert B. Parker

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Die blonde Witwe“ (Widow’s walk, 2002)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers “Alte Wunden” (Back Story, 2003)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Der stille Schüler“ (School Days, 2005)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Der gute Terrorist“ (Now & Then, 2007)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers “Hundert Dollar Baby” (Hundred Dollar Baby, 2006)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Trügerisches Bild“ (Painted Ladies, 2010)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers “Bitteres Ende” (The Professional, 2009)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Wildnis“ (Wilderness, 1979)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Appaloosa“ (2005)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Appaloosa“ (Appaloosa, 2005) (Übersetzung)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers “Das dunkle Paradies” (Night Passage, 1997)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Miese Geschäfte“ (Bad Business, 2004)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Resolution“ (Resolution, 2008)

Mein Nachruf auf Robert B. Parker

Robert B. Parker in der Kriminalakte

 


Nick Louth begibt sich auf „Die Suche“

Mai 11, 2015

Louth - Die Suche - 2

Nach einem Blick in das Impressum und nach den ersten Seiten von Nick Louths Debütroman „Die Suche“ fragt man sich: Warum wird 2015 ein Seuchenthriller von 2007 veröffentlicht, der 2002 spielt?
Nun, wegen Amazon.
Denn dort kam Nick Louths Debütroman „Die Suche“ letztes Jahr auf die E-Book-Top-100-Liste und das befeuerte das Interesse an dem Roman. Außerdem spielt Louths Thriller vor dem Hintergrund einer globalen Seuche und seit einigen Jahren sind Seuchenthriller ziemlich beliebt. Auch ohne Zombies.
Dummerweise haben viele dieser Thriller auch die Tendenz dicke Flughafenlektüre zu sein. Mit 416 Seiten ist Loughs Roman zwar nicht besonders dick, aber das bewahrt ihn nicht davor, in erster Linie Kolportage und Recycling allseits bekannter Klischees zu sein. Was nicht so schlimm wäre, wenn „Die Suche“ wenigstens spannend wäre. Aber gerade in Punkto Spannung hat „Die Suche“ wenig zu bieten.
Im Mittelpunkt steht Max Carver, ein Künstler, der vorher bei der Küstenwache das Zuschlagen übte und mehrmals mit dem Gesetz in Konflikt geriet. Natürlich unschuldig und nur durch widrige Umstände und seinen Edelmut. Jetzt ist er in Amsterdam. Einerseits weil er in einer Galerie eine Ausstellung hat. Andererseits, weil er seine Freundin Erica Stroud-Jones begleitet. Erica ist Wissenschaftlerin, die auf einer Konferenz eine bahnbrechende Entdeckung zur Bekämpfung von Malaria vorstellen will. Die gesamte Wissenschaftlergemeinde wartet gespannt auf ihren Vortrag. Aber davor verschwindet sie, mitten in der Nacht, spurlos.
Die Bemühungen der Polizei, sie zu finden, halten sich in Grenzen. Denn Erica ist erwachsen und in Amsterdam verschwinden immer wieder Touristen. Meistens haben sie einfach zu viele Drogen genommen und tauchen kurz darauf mit einem dicken Kopf und einem leeren Geldbeutel wieder auf.
Aber Max ist überzeugt, dass ihr etwas zugestoßen ist. Er sucht sie und lernt dabei die Halb- und Unterwelt von Amsterdam kennen.
Währenddessen erkranken mehrere Menschen an Malaria. Unter anderem Jack Erskine, der skrupellose Chef des Pharmakonzerns Pharmstar.
In die aktuellen Geschnisse – Max‘ Suche nach seiner Freundin, der Überlebenskampf von Erskine, die Animositäten der Malaria-Forscher und deren Kampf gegen die Seuche – fügt Nick Louth Ausschnitte aus Ericas Tagebuch ein, das von ihren Erlebnissen in Afrika 1992 berichtet. Diese Ereignisse haben etwas mit der jetzigen Malaria-Seuche zu tun.
Diese drei Plots laufen unverbunden nebeneinander her und gerade die Entführungsgeschichte ist, vor dem Hintergrund einer globalen, potentiell todbringenden Seuche, wenig glaubwürdig. Denn letztendlich sucht Max nur seine spurlos verschwundene Freundin. Er hat dabei einige Probleme mit Gaunern und dann auch mit der Polizei, die ihn bei einigen Straftaten für den Täter hält. Das ist okayer Thrillerstoff, aber vor dem Hintergrund einer globalen Epidemie mit vielen, vielen sterbenden und potentiell sterbenden Menschen ist dieser Marsch durch die Hinterhöfe von Amsterdam nicht gerade das, was einen brennend interessiert.
Der Bösewicht taucht erst gegen Ende auf und sein Motiv ist – na ja. Er ist auch einer dieser Bösewichter, die glauben, dass die Menschheit sie ohne ein erklärendes Wort versteht. Dabei hat er eine Botschaft.
Die Initialzündung für den Roman war in den Neunzigern, so Wirtschaftsjournalist Nick Louth, das mangelnde Interesse von Pharmafirmen bei der Bekämpfung von Malaria. Auf dieses Problem wurde er bei einem Medizinerkongress, den er in Amsterdam besuchte, aufmerksam.
Seitdem änderte sich einiges. Bill Gates und die von ihm gegründete Bill & Melinda Gates Foundation gab in den vergangenen Jahren viel Geld für die Malaria-Bekämpfung aus.
Und neueste Forschungsergebnisse sagen sogar, dass es demnächst einen wirksamen Impfstoff gegen Malaria gibt.
Insofern hat sich seit der Erstveröffentlichung von „Die Suche“ vor acht Jahren einiges geändert. Aber der Roman spielt auch zu Beginn des Jahrtausends.

Nick Louth: Die Suche
(übersetzt von Peter Friedrich)
Ullstein, 2015
416 Seiten
12,99 Euro

Originalausgabe
Bite
Ludensian Books, 2007

Hinweis
Homepage von Nick Louth


Kurzkritik: Ray Banks: Dead Money

Mai 6, 2015

Eigentlich ist „Dead Money“ von Ray Banks ein Buch für mich. Immerhin ist es ein waschechter Noir, in dem der Erzähler sich immer mehr in die Scheiße reitet. Dabei hat Alan Slater einen halbwegs guten Job. Er ist Vertreter. Er ist auch ziemlich glücklich verheiratet, hat einen Hund und eine Freundin. Aber er ist auch ein Trinker, ein Spieler und befreundet mit Les Beale, einem Arbeitskollegen, der als echter Stinkstiefel nur auf Ärger aus ist und der schon sein ganzes Vermögen verzockt hat.
Eines Nachts, nach einigen unglücklich verlaufenen Spielen, ruft er Slater an. Er müsse ihm beim Entsorgen einer Leiche helfen. Slater tut es. Denn: „Wie geht dieser alte Witz? Ein Freund hilft dir beim Möbeltragen, aber ein guter Freund hilft dir beim Leichentragen? Naja, war dann doch nicht so lustig, wenn’s drauf ankam.“ Denn selbstverständlich verschwindet eine Leiche nicht einfach so.
Das gleiche gilt für Spielschulden, die Beale hat und die zu Slaters Problem werden, weil er ihn, ohne dessen Wissen, als Bürgen nannte. Jetzt hätte der Kreditgeber, ein Kredithai, gerne sein Geld mit Zinsen zurück.
Gut, die Story ist Standard-Noir. Auch die Charaktere, ihre Jobs (Vertreter!) und Probleme (Alkoholismus, Spielsucht, allgemeine und spezielle Unzufriedenheit mit dem Leben, Ehebruch und Sex mit der falschen Frau) gehören zum festen Noir-Inventar und Ray Banks benutzt es in seinem Debütroman „The Big Blind“ (den er in einer überarbeiteten Form als „Dead Money“ wieder veröffentlichte) auch mit dem Wissen eines Kenners, das ihm auch gleich das Lob von Kritikern und Kollegen, wie Ken Bruen, Simon Kernick und Allan Guthrie, einbrachte.
Aber trotzdem wurde ich nicht wirklich warm mit dem Buch. Es gefiel mir nicht so gut, wie es mir eigentlich hätte gefallen müssen und ich glaube, dass es an der Sprache (also der Übersetzung) liegt, mit der ich nicht warm wurde.
Banks - Dead Money
Ray Banks: Dead Money
(übersetzt von Antje Maria Greisiger)
Polar Verlag, 2015
208 Seiten
12,90 Euro

Originalausgabe
Dead Money
Blasted Heath, 2011

Vom Autor überarbeitete Ausgabe von „The Big Blind“ (PointBlank Press, 2004)

Hinweise
Homepage von Ray Banks
Krimi-Couch über Ray Banks
Shotsmag interviewt Ray Banks (schon etwas älter, zu seinem ersten Cal-Innes-Roman „Saturday’s Child“)