Ein „Kalter Schuss ins Herz“ von Wallace Stroby

November 11, 2015

Stroby - Kalter Schuss ins Herz

Crissa Stone ist nur auf dem Papier eine Frau. Ihre Tochter wird von ihrer Cousine in Texas groß gezogen. Sie hat keinen Mann; jedenfalls keinen Mann an ihrer Seite. Denn ihre große Liebe sitzt seit einigen Jahren im Gefängnis und all die anderen Männern in „Kalter Schuss ins Herz“ nehmen sie nur als Kollegin oder als Teil eines Auftrages wahr. Auch Wallace Stroby verschwendet in seinem Roman keine Zeit darauf, ihre Äußerlichkeiten zu beschreiben. Denn Crissa Stone ist Profi-Einbrecherin und damit steht sie in der Tradition von Parker (erfunden von Richard Stark, der damit die Blaupause für alle Profi-Verbrecher schuf) und Wyatt (erfunden von Garry Disher).
Gemeinsam mit Stimmer und Chance überfällt sie in Broward, Florida, in einem Hotelzimmer ein illegales Kartenspiel. Statt der versprochenen Million erbeuten sie nur eine halbe Million Dollar, was für einige Minuten Arbeit kein schlechter Stundenlohn ist. Dummerweise wird Stimmer nervös und er tötet einen der Spieler. Wie Stone später erfährt, ist es Louis Letteri und sein Schwiegervater, der Mafiosi Tino Conte, engagiert Eddie den Heiligen, einen gerade aus dem Knast entlassenen Psychopathen und skrupellosen Mörder. Eddie soll eigentlich nur Stimmer töten. Aber Eddie will auch die gesamte Beute haben.
Wallace Stroby, der vor „Kalter Schuss ins Herz“ bereits drei hochgelobte, nicht ins Deutsche übersetzte Krimis schrieb, stellt sich mit seinem ersten Crissa-Stone-Roman in die ehrenwerte Tradition des Hardboiled-Gangsterkrimis, der seine Geschichte schnörkellos, ohne Sentimentalitäten oder überflüssige Beschreibungen auf wenigen Seiten erzählt. Das ist, zwischen den dicken Serienkillerthrillern, den braven Ermittlerkrimis, den verschieden gelagerten Romantic Thrillern und den überdrehten, oft nur pseudo-witzigen Post-Tarantino-Gangstergrotesken, angenehm altmodisch. Auch wenn die Welt, in der Stone lebt, aufgrund der zunehmenden Totalüberwachung, immer mehr verschwindet,
„Kalter Schuss ins Herz“ ist ein guter Gangsterkrimi. Auch wenn Stone am Ende für einen Profi einen vollkommen dämlichen Fehler begeht. Sie stellt dem Killer Eddie eine Falle und denkt nicht daran, dass er diese Falle ahnt, sie umgeht und sie so überraschen kann. Das wäre Parker nicht passiert.
Nach „Kalter Schuss ins Herz“ schrieb Wallace Stroby bis jetzt drei weitere Abenteuer mit Crissa Stone, die hoffentlich bald auf Deutsch erscheinen.
Anmerkung 1: Das Cover führt ziemlich in die Irre. Denn die Geschichte spielt im Winter, um Weihnachten (obwohl sich niemand für das Fest interessiert) in und um New York herum, garniert mit einem kurzen Ausflug in den Süden.
Anmerkung 2: Im Nachwort hat sich auf Seite 344 ein ärgerlicher Fehler eingeschlichen. Denn natürlich ist mit „Peter Rave“ der bei uns fast vollkommen unbekannte Noir-Autor „Peter Rabe“ gemeint.

Wallace Stroby: Kalter Schuss ins Herz
(übersetzt von Alf Mayer)
Pendragon, 2015
352 Seiten
15,99 Euro

Originaltitel
Cold Shot to the Heart
St. Martin’s Press, 2011

Hinweise
Homepage von Wallace Stroby

Blog von Wallace Stroby


„Trigger Mortis – Der Finger Gottes“ zeigt auf James Bond

November 2, 2015

Am Donnerstag startet „Spectre“, der vierte Einsatz von Daniel Craig als James Bond, der schon jetzt alle Kassenrekorde bricht, in unseren Kinos und die Tage erscheint meine ausführliche Besprechung über diesen halbherzigen Versuch, einen klassischen James-Bond-Film zu inszenieren.
Davor gibt es meine Besprechung des ersten Einsatzes von Anthony Horowitz als James-Bond-Autor. „Trigger Mortis – Der Finger Gottes“ heißt die Geschichte, für die Horowitz sogar im Nachlass von Ian Fleming wühlen und einige Plotnotizen und Textfragmente für eine von Fleming geplante Fernsehserie (die mit den Bond-Filmen hinfällig wurde) verwenden konnte. Weil Fleming bereits am 12. August 1964 starb und sein letzter Bond-Roman „Der Mann mit dem goldenen Colt“ posthum erschien, dürfte klar sein, dass „Trigger Mortis“ in der Vergangenheit spielt. Die Geschichte beginnt 1957 keine zwei Wochen nach „Goldfinger“. James Bond ist wieder zurück in seiner Heimat. Pussy Galore hat ihn begleitet und wohnt bei ihm in seiner Londoner Jungesellenwohnung.
Da erhält Bond einen neuen Auftrag von seinem Vorgesetzten M: der Hobby-Rennfahrer soll auf dem Nürburgring den englischen Grand-Prix-1-Piloten Lancy Smith beschützen. Der Secret Service glaubt, dass der sowjetische Geheimdienst SMERSCH den Rennfahrer während des Rennens töten und so den Sieg des sowjetischen Fahrer sichern will.
Vor dem Rennen sieht Bond einen wichtigen SMERSCH-Mann im Gespräch mit dem Koreaner Sin Jai-Seong, einem Gönner des internationalen Rennzirkels, der meist Jason Sin genannt wird (Schon der Name sagt „Bösewicht“.) und der in kurzer Zeit als Personalvermittler und Bauunternehmer in den USA reich wurde.
Während des Rennens kann Bond den Anschlag verhindern. Am Abend ist er auf dem Wasserschloss von Sin zu einer Party mit allen Rennfahrern und ihrer Entourage eingeladen. In den oberen Räumen entdeckt Bond, nachdem er die Wache ausgeschaltet hat, in einem Arbeitszimmer Fotos einer US-amerikanischen Rakete („Das war amerikanische Ingenieurkunst. Bei einem Sputnik oder einer Semjorka hätten allein schon die typische Klobigkeit und Plumpheit die sowjetische Bauweise verraten.“). Dort trifft er auch auf Jeopardy Lane, die behauptet, eine Motorsportjournalistin zu sein. Gemeinsam flüchten sie vor Sins Bodyguards durch eine Sprung ins Wasser.
Bond macht sich, weil er einen Anschlag auf die Rakete befürchtet, auf den Weg in die USA. Dort trifft er wieder auf Jeopardy Lane und die mordgierigen Schergen von Jason Sin.
„Trigger Mortis“ ist, nach den vorherigen drei Bond-Romanen, die alle aus verschiedenen Gründen nicht besonders begeisterten, eine Rückkehr zu dem Kalter-Kriegs-James-Bond von Ian Fleming, die sich für uns genau deshalb immer wieder befremdlich ließt. James Bond ist ein Sexist, mindestens ein Salonrassist, ein Kommunistenhasser und ein von sich und dem Empire restlos überzeugter Brite. Er ist ein Relikt aus einer vergangenen Zeit, in der ein gestandener Mann mit seinen Körpersäften selbstverständlich die lesbische Pussy Galore von ihrem Lesbentum heilen kann. Horowitz modernisierte diese anachronistische Figur nur sehr behutsam, was einerseits dazu führt, dass „Trigger Mortis“ nah an Flemings Romanen ist. Andererseits ist es auch sehr befremdlich, einen heute geschriebenen Roman zu lesen, der immer so tut, als habe sich in den vergangenen gut sechzig Jahren nichts geändert. Als habe man einfach ein altes Buch abgestaubt und neu veröffentlicht. Denn der heutige Blick in die Vergangenheit führt, wie wir es bei anderen Romanen und Filmen sehen, normalerweise auch zu Anpassungen von Themen und Sichtweisen. Oft werden auch Themen wie Homosexualität und Rassismus verhandelt, die damals aufgrund von Tabus und in der Gesellschaft vorherrschender Sichtweisen in einem Roman nicht verhandelt werden konnten. Bei James Bond müsste eine solche Modernisierung natürlich dazu führen, dass der damals bewundernswerte Held aus heutiger Perspektive gar nicht mehr so bewundernswert ist. Bei Sherlock Holmes – Horowitz schrieb ja zwei „Sherlock Holmes“-Romane – fällt es, weil Holmes eine a-politische, a-sexuelle, nur an der Aufklärung interessierte Figur ist, dagegen leichter, neue Romane zu schreiben. Holmes war eine Speerspitze der Aufklärung. Von Bond kann das nicht gesagt werden.
Die Story selbst ist, nachdem die seitenfressende Episode mit Pussy Galore (die auch gewaltgeneigten Besuch aus den USA bekommt) beendet ist, eine typische James-Bond-Geschichte mit einem reichen Bösewicht, der einen größenwahnsinnigen und skrupellosen Plan hat, und einer schönen Frau (die sich allerdings züchtig ziert) an der Seite des skrupellosen Geheimagenten, der hier auch mal einen Bösewicht leben lässt; was dem Bösewicht allerdings wenig hilft. Denn dann wird er von Sin ermordet. Die Todesart bestimmt dabei ein von Sin extra angefertigtes Kartenspiel.
„Trigger Mortis“ ist als neuer Roman, der konsequent auf Modernisierungen verzichtet, etwas anachronistisch, aber gelungen als Fünfziger-Jahre-Bond. Nach Jeffery Deaver (der Bond in die Gegenwart verlegte), Sebastian Faulks und William Boyd (die Bond in die Sechziger schickten), die alle mit James Bond fremdelten, hat Horowitz einen klassischen Bond-Roman mit einer entsprechend geradlinigen Geschichte und einem effektiven Spannungsaufbau geschrieben.
Daher gebe ich Horowitz, der seit Ewigkeiten ein bekennender James-Bond-Fan ist und dessen Jugendbuchserie um Alex Rider deutlich von Bond beeinflusst ist, die Lizenz zur Rückkehr.
In den Filmen wurde James Bond in den vergangenen dreiundfünfzig Jahren, mit wechselnden Darstellern, immer wieder dem Zeitgeist angepasst, bis er mit Daniel Craig zu einen Geheimagenten wurde, der kein britischer Snob mehr ist und der niemals, wie Roger Moore in „Der Spion, der mich liebte“, einen Fallschirm mit der Flagge des Vereinigten Königreiches im Gepäck hätte.

Horowitz - James Bond - Trigger Mortis - 2

Anthony Horowitz: James Bond: Trigger Mortis – Der Finger Gottes
(übersetzt von Anika Klüver und Stephanie Pannen)
Cross Cult, 2015
368 Seiten
16,99 Euro

Originalausgabe
James Bond: Trigger Mortis
Orion Books, 2015

Hinweise

Homepage von Anthony Horowitz

Meine Besprechung von Anthony Horowitz’ „Das Geheimnis des weißen Bandes“ (The House of Silk, 2011)

Meine Besprechung von Anthony Horowitz‘ „Der Fall Moriarty“ (Moriarty, 2014)

Die “Inspector Barnaby”-Fälle von Anthony Horowitz

Homepage von Ian Fleming

Meine Besprechung von John Gardners „James Bond – Kernschmelze“ (James Bond – Licence Renewed, 1981; alter deutscher Titel „Countdown für die Ewigkeit“)

Meine Besprechung von Sebastian Faulks’ James-Bond-Roman „Der Tod ist nur der Anfang“ (Devil may care, 2008)

Meine Besprechung von Jeffery Deavers James-Bond-Roman “Carte Blanche” (Carte Blanche, 2011)

Meine Besprechung von William Boyds James-Bond-Roman “Solo” (Solo, 2013)

Meine Besprechung von Ian Flemings ersten drei James-Bond-Romanen “Casino Royale”, “Leben und sterben lassen” und “Moonraker”

Meine Besprechung des James-Bond-Films „Skyfall“ (Skyfall, GB/USA 2012)

James Bond in der Kriminalakte

Ian Fleming in der Kriminalakte


Jason Starr hat „Phantasien“ in der „Savage Lane“ und liest sie vor

Oktober 27, 2015

Die Savage Lane ist eine Straße in Bedford Hills, einem Vorort von New York. Die Millionenstadt ist für die wohlhabenden Vorort-Bewohner nur der Arbeitsort, während sie in dem Ort ihre eigene Hölle haben. So imaginiert der Mittvierziger Mark Berman sich eine Beziehung mit der gutaussehenden gleichaltrigen, alleine ihre beiden Kinder großziehenden Nachbarin Karen Daily. Bis jetzt sind sie nur gute Freunde.
Marks Frau Deb, mit der er seit 22 Jahren zusammen ist (17 davon verheiratet) und zwei pubertierende Kinder hat, glaubt, dass er sie mit Karen betrügt. Sie will die Scheidung. Dass sie selbst fremd geht, ignoriert sie gefließentlich. Auch dass ihr Liebhaber der achtzehnjährige Owen Harrison ist und diese Beziehung schon länger geht, hält sie nicht davon ab, ihrem Mann Vorwürfe zu machen.
Owen, der noch bei seinen Eltern lebt und regelmäßig von seinem Stiefvater verprügelt wird, hat auch eine Beziehung zu Karens Tochter Elana NAME. Er liebt sie zwar nicht. Er liebt Milfs. Deshalb ist Elana für seinen Geschmack noch viel zu jung, aber sie liebt ihn und sieht gut aus.
Dieses Beziehungsrondell, in das noch einige weitere Vorstädter involviert sind, könnte ewig so weitergehen, wenn nicht Deb auf die Idee käme, die Beziehung zu Owen beenden zu wollen. Dieser verliert die Nerven. Kurz darauf ist Deb tot und Detective Larry Walsh vom Bedford Police Department beginnt mit seinen Ermittlungen. Zunächst in einem Vermisstenfall.
Das klingt jetzt vielleicht nach einem gewöhnlichen Krimi, aber Jason Starr interessiert sich viel mehr für die ganz normale Vorstadthölle, in der ganz normale Mittvierziger sich gegenseitig betrügen und ihren Phantasien hingeben. Und weil Starr immer wieder die Perspektive wechselt, ergibt sich ein hübsch sarkastisches Bild des gegenseitigen Betrugs und Selbstbetrugs.
Jason Starr, der mit bitterbösen Noirs über Zwanzig-/Dreißigjährige New Yorker, die ihre Träume nicht verwirklichen können, begann, ist älter geworden. Und mit ihm sind auch seine Figuren älter geworden. Sie haben es von der hektischen Großstadt in die ruhige Vorstadt geschafft. Die Gegend, die in den vergangenen Jahren von Harlan Coben mit seinen Pageturner-Thrillern literarisch bearbeitet wurde. Aber während bei Coben die Geheimnisse größer sind und am Ende der Protagonist aus dem Alptraum erwacht, sind bei Starr die Geheimnisse kleiner (eigentlich geht es nur um reale und imaginierte Bettgeschichten) und der Alptraum Vorstadt endet nicht. Vor allem nicht für den grundanständigen Mark.
„Phantasien“ ist ein langsam erzählter Noir ohne große Überraschungen im Plot, aber einem präzisen Blick auf das Leben der Bewohner und Besucher der Savage Lane. Da ist es schade, dass der Höhepunkt etwas plötzlich kommt und gar nicht so zu der vorherigen hundsgemeinen Stimmung passt. Aber dann kommt der Epilog.

Demnächst und zuletzt von Jason Starr

Mitte März 2016 erscheint bei Hard Case Crime „Pimp“, das vierte Abenteuer von Max Fisher und Angela Petrakos, wieder geschrieben von Ken Bruen und Jason Starr und sicher mindestens so brüllend komisch wie die vorherigen Abenteuer des verbrecherischen Duos. Eine deutsche Übersetzung ist noch nicht angekündigt.
Ebenfalls noch nicht übersetzt sind die beiden Werwolfromane „The Pack“ und „The Craving“, die Jason Starr 2011 und 2012, nach „Panik“ (Panic Attack, 2009), schrieb.
Und er schrieb, pünktlich zum Filmstart vor wenigen Wochen, „Ant-Man: Natural Enemy Prose Novel“. Auch dieser Roman wird wahrscheinlich nie auf Deutsch erscheinen; – obwohl seine Comics ja bei Panini erscheinen, es ein Marvel-Roman ist und Panini viel von Marvel veröffentlicht.
Starr - Phantasien
Jason Starr: Phantasien
(übersetzt von Hans M. Herzog)
Diogenes, 2015
400 Seiten
16 Euro

Originalausgabe
Savage Lane
Polis Books, New York, 2015


Jason Starr liest

in Berlin, am Dienstag, den 27. Oktober 2015, um 20.00 Uhr in der Dorotheenstädtische Buchhandlung (Turmstr. 5, 10559 Berlin)
Deutscher Part: Daniel Kraus

in Freiburg im Breisgau, am Samstag, den 31. Oktober 2015, um 20.00 Uhr in der Buchhandlung Konstantin Klingberg (Hildastr. 2a, 79102 Freiburg)
Deutscher Part: Jana Bührer
Moderation: Konstantin Klingberg

in Freising, am Montag, den 2. November 2015, um 20.00 Uhr bei Bücher Pustet (Obere Hauptstrasse 45, 85354 Freising)
Deutscher Part: Oliver Bürgin

in Berlin, am Dienstag, den 3. November 2015, um 20.00 Uhr im DTK-Wasserturm (Kopischstr. 7, 10965 Berlin-Kreuzberg)
Veranstalter: Hammett-Krimibuchhandlung (wegen Karten)
Deutscher Part: Joachim Paul Assboeck

in Hamburg, am Mittwoch, den 4. November 2015, um 19.30 Uhr im Kampnagel (Jarrestraße 20, 22303 Hamburg) im Rahmen des Krimifestival Hamburg 2015 und Thirller-Autorin Jilliane Hoffman sitzt neben ihm auf der Bühne.
Deutscher Part: Tim Grobe
Moderation: Birgit Hasselbusch

Hinweise

Homepage von Jason Starr (sogar mit einigen Worten an seine deutschen Leser)

Meine Besprechung von Ken Bruen/Jason Starrs „Flop“ (Bust, 2006)

Meine Besprechung von Ken Bruen/Jason Starrs „Crack“ (Slide, 2007)

Meine Besprechung von Ken Bruen/Jason Starrs „Attica“ (The MAX, 2008)

Meine Besprechung von Jason Starrs “Brooklyn Brothers” (Lights Out, 2006)

Meine Besprechung von Jason Starrs „Stalking“ (The Follower, 2007)

Meine Besprechung von Jason Starrs „Panik“ (Panic Attack, 2009)

Meine Besprechung von Jason Starrs “Wolverine MAX: Der Beschützer” (Wolverine MAX – Volume Two, 2013)

Meine Besprechung von Jason Starr/Felix Ruiz/Roland Boschis „Wolverine MAX: Logan Extrem“ (Wolverine MAX 11 – 15: Extreme Logan, Chapter 1 – 5, 2013/2014)

Jason Starr in der Kriminalakte

 


Alan Moore macht das „Century“ und „Crossed + Einhundert“

Oktober 26, 2015


Schon seit Jahren ist Alan Moore vor allem für „Die Liga der aussergewöhnlichen Gentlemen“ und teils umfangreiche Einzelwerke, wie „Watchmen“, bekannt. Aber auch er schrieb zahlreiche Geschichten für verschiedene Comicserien. Trotzdem ist „Crossed + Einhundert“ keine einfach Rückkehr zur Schreiberei in bisher existierenden Serien mit Charakteren, die von einem anderen Autor erfunden wurden.
Garth Ennis hat zwar „Crossed“ erfunden, aber schon schnell ließ er andere Autoren in der von ihm erfundenen Welt Geschichten erzählen. „Crossed“ spielt in einer postapokalyptischen Welt, in der Menschen zu sex- und mordgierigen Bestien (also nicht-jugendfreie Zombies), Gefirmte genannt, werden. Nach Ennis schrieben David Lapham, Jamie Delano, Simon Spurrier und David Hine in dieser Welt spielende Geschichten.
„Crossed + Einhundert“ von Alan Moore und Zeichner Gabriel Andrade spielt auch in der „Crossed“-Welt, aber ein Jahrhundert nach Ennis‘ Geschichte und da sind alle „Crossed“-Charaktere schon unfriedlich oder friedlich gestorben.
Moore erzählt die Geschichte von Future Taylor, eine Archivarin die mit anderen Überlebenden in Ruinen nach Büchern sucht. Die Gefirmten haben sich inzwischen fast vollständig vernichtet und die Ruinenstädte sind von Pflanzen überwuchert. Eine richtige Zivilisation ist nirgends erkennbar.
Bei einer ihrer Expeditionen geraten Taylor und ihre Gefährten in Lebensgefahr. Denn es gibt immer noch Gefirmte und sie haben einen Plan.
Warum diese Geschichte einhundert Jahre nach den anderen „Crossed“-Geschichten spielt, bleibt unklar. Denn die dystopische Welt veränderte sich nicht. Immer noch kämpfen die Menschen nur um ihr nacktes Überleben in einer Mittelalter-Welt. Dabei wäre es doch interessant gewesen, zu erzählen, wie die Menschen nach einer großen Katastrophe wieder eine Gesellschaft aufbauen oder, immerhin sind seit der Katastrophe hundert Jahre vergangen, aufgebaut haben.
Die einzige erkennbare Entwicklung findet sich in der Sprache, die zu einer nervigen Pidgin-Sprache verkommen ist. Ein Beispiel: „Müssen irgendwo sein. Ist eine Art Schrein, die Kerzen flammen noch. Ein Haufen Zucker, wie’s blickt, und das verrahmte Nicht-Fotobild.“
Und jetzt stellen Sie sich einen Text vor, der nur so geschrieben ist.

Schon etwas älter ist „Century“, eine Sammlung von drei miteinander zusammenhängenden Abenteuer der „Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“, die 1910, 1969 und 2009 spielen und im Original zwischen 2009 und 2012 erschienen.
Die Abenteuer der Liga der außergewöhnlichen Gentlemen spielen in einem Paralleluniversum, in dem für uns aus der Literatur bekannte Charaktere wirklich leben und auch ihre Abenteuer mehr oder weniger wahr sind.
In „Century“ kämpft die Murray-Gruppe, die aus Mina Murray (auch bekannt als Mina Harker aber nach der Begegnung mit Graf Dracula nahm sie wieder ihren Mädchennamen an), dem unsterblichen, sein Geschlecht immer wieder wechselnden Orlando, Geistersucher Thomas Carnacki, Gentleman-Dieb A. J. Raffles und, ab und an, dem Abenteuerer Allan Quatermain besteht, gegen eine sich anbahnende Katastrophe. Bereits 1910 erwarten sie die von dem Satanisten Oliver Haddo initiierte Geburt eines Mondkindes, das die Welt zerstören soll. Aber die wirklichen Dimensionen erfahren sie erst 1969 und 2009.
Das macht Spaß, vor allem „1910: Denn wovon lebt der Mensch?“ und „1969: Paint it Black“ baden förmlich in literarischen und popkulturellen Anspielungen und im Zeitkolorits des viktorianischen, okkultbegeisterten Englands und dem drogengeschwängerten London der Hippiezeit. Die dritte Geschichte „2009: So mag er fallen“ gefällt mir jetzt, nach der zweiten Lektüre, zwar besser, aber ihr fehlen die überbordenden popkulturellen Anspielungen; wobei ich vielleicht nach einer ausgedehnten Harry-Potter-Lektüre viel mehr Anspielungen erkennen würde.
Moore - Crossed + Einhundert - 2Moore - Die Liga der aussergewöhnlichen Gentlemen Century - Softcover - 2
Alan Moore/Gabriel Andrade: Crossed + Einhundert (Band 1)
(übersetzt von Marc-Oliver Frisch)
Panini, 2015
164 Seiten
19,99 Euro

Originalausgabe
Crossed plus one hundred # 1 – 6
Avatar, 2015

Alan Moore/Kevin O’Neill: Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen – Band 3: Century
(übersetzt von Gerlinde Althoff)
Panini, 2014
244 Seiten
29,99 Euro

Originalausgabe
The League of extraordinary Gentlemen, Volume III: Century # 1: 1910, #2: 1969, #3: 2009
Top Shelf Prductions/Knockabout Comics, 2009/2011/2012

Hinweise

Comic Book Database über Alan Moore

Alan-Moore-Fanseite (etwas veraltet)

Wikipedia über Alan Moore (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Alan Moore/Dave Gibbons’ „Watchmen” (Watchmen, 1986/1987)

Meine Besprechung von Alan Moore/Eddie Campbells “From Hell” (From Hell, 1999)

Meine Besprechung von Alan Moore (Manuskript, Original-Drehbuch)/Malcolm McLaren (Original-Drehbuch)/Antony Johnston (Comic-Skript)/Facundo Percio (Zeichnungen) „Fashion Beast: Gefeuert (Band 1)“ (Fashion Beast # 1 – 5, 2012/2013)

Meine Besprechung von Alan Moore/Kevin O’Neills „Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen: 2009“ (The League of Extraordinary Gentlemen #3: 2009, 2011)

Meine Besprechung von Alan Moore/Kevin O’Neills „Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen: Das schwarze Dossier“ (The League of Extraordinary Gentlemen: Black Dossier, 2007)

Meine Besprechung von Alan Moore/Jacen Burrows‘ „Neonomicon“ (The Courtyard, 2003; Neonomicon #1 – 4, 2010/2011)


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: „Black Mass“ – ein Sachbuch und ein Film über Bostons Gangsterboss Whitey Bulger

Oktober 15, 2015

Was für ein Stoff! Die Geschichte eines Gangsterbosses, der auch jahrelang FBI-Informant war. Sein FBI-Führungsoffizier ist auch aus South Boston und kennt ihn seit Kindertagen. Sein Bruder, ein Demokrat, ist ein geachteter und einflussreicher Politiker, der von 1978 bis 1996 der Präsident des Repräsentantenhaus von Massachusetts war und damit immer noch der Politiker ist, der das Amt am längsten inne hatte. Entsprechend einflussreich und beliebt war er bei der Bevölkerung. Und dann ist das keine Hollywood-Fiktion, sondern Wahrheit. Der irischstämmige James ‚Whitey‘ Bulger war auf dem Höhepunkt seiner Karriere der unantastbare Gangsterboss von Boston. 1975 wurde der 1929 geborene Verbrecher FBI-Informant. Ende 1994 tauchte er unter, weil seine Tätigkeit für das FBI kurz vor der Enthüllung stand und er Anklagen für seine vielen Verbrechen befürchten musste.
Im Film, der mit der öffentlichen Enthüllung von Bulgers jahrzehntelanger Informantentätigkeit endet, wird Bulger von Johnny Depp gespielt und Depp lässt seine in den letzten Jahren gepflegten Komödien-Manierismen links liegen. Neben ihm sind Joel Edgerton, Benedict Cumberbatch, Kevin Bacon, Peter Sarsgaard, Rory Cochrane und Corey Stoll dabei. Das Drehbuch ist von Mark Mallouk (sein erstes verfilmtes Drehbuch, aber als Produzent war er involviert in „Rush“, „Ruhet in Frieden“ und „Everest“) und Jez Butterworth (u. a. „Fair Game – Nichts ist gefährlicher als die Wahrheit“, „Edge of Tomorrow“, „Get on up“ und „Spectre“, der neue Bond), also Jungs, die eine wahre, spannende und auch komplexe Geschichte erzählen können.
Die Regie übernahm Scott Cooper, dessen Debüt „Crazy Heart“ von der Kritik abgefeiert wurde und dessen zweiter Film „Auge um Auge – Out of the Furnace“ ein etwas schleppend erzähltes düsteres Drama ist.
Das klingt doch vielversprechend.
Und doch ist „Black Mass“ eine große Enttäuschung. Es ist ein Gangsterfilm, der so eifrig bemüht ist, alles zu ignorieren, was einen Gangsterfilm ausmacht, was natürlich ein etwas unsinniges Unterfangen ist (als würde man ein Musical ohne Gesangsnummern inszenieren), aber gelingen könnte, wenn die Macher gewusst hätten, was sie erzählen wollen. Geht es um den Aufstieg und Abstieg von Bulger? Geht es um seine Beziehung zu dem FBI-Agenten John Connolly? Geht es um Vertrauen, Verrat und Verhaltensregeln? Den Ehrenkodex des Gangsters?
Wahrscheinlich geht es darum. Immerhin beginnt der Film mit einem Verhör bei der Polizei; wobei der Vernehmungsbeamte für den Film egal ist. Der Gangster, der betont, dass er aussagen werde, aber kein Verräter sei, gehört zwar zur Bande von Whitey Bulger, aber der Film wird nicht aus seiner Perspektive erzählt. Denn wir sehen hier und nach den folgenden Verhörszenen immer wieder Szenen, in denen Dinge gezeigt werden, die die Verhörten nicht wissen können. Sowieso sind die eher willkürlich eingestreuten Verhörszenen mit verschiedenen Bandenmitglieder nur ein Gimmick, der die sprunghafte Handlung nur mühsam kaschiert. Denn mit jedem neuen Verhör wird einfach ein weiteres Kapitel aufgeschlagen und manchmal auch ein längerer Zeitraum überbrückt. Wer dann von Bulger und seinen Jungs umgebracht wird, ist uns egal, weil wir zu dem Opfer keine emotioale Verbindung aufbauen konnten. Sowieso scheinen die Opfer vor allem Mitglieder aus Bulgers Bande zu sein, was zu einem weiteren Problem führt. In einem Gangsterfilm kämpfen Gangster gegeneinander und gegen die Polizei. In „Black Mass“ nicht. Immerhin schützt das FBI Bulger. Über seinen Aufstieg vom das Viertel beherrschenden zum die Stadt beherrschenden Gangster erfahren wir nichts, außer dass einmal gesagt wird, dass er dank des Schutzes des FBIs vom Southie-Kleingangster zum Paten von Boston aufsteigen konnte. Dass es auch andere Gangsterbanden in Boston gibt, vor allem natürlich die italienische Mafia, gegen die das FBI in den Siebzigern einen Feldzug führte, bleibt daher letztendlich eine Behauptung, die wir dem FBI glauben müssen.
Und warum Bulger irgendwann mit der IRA Geschäfte macht, können wir uns aus unserem, sofern vorhandenem, historischen Wissen über die IRA und ihre Unterstützer in den USA zusammenreimen. Aus dem Film erfahren wir es nicht. Dort ist es nur eine Episode, in der plötzlich ein Schiff beladen wird.
Entspechend eindimensional bleiben alle Charaktere. Sie sind Stichwortgeber für eine nicht vorhandene Geschichte. Vor allem Bulger bleibt blass. Er ist immer ein etwas älterer Mann mit schütteren Haaren und schlechten Kleidern. Er sieht immer aus, wie ein älterer Arbeiter aus der nächsten Eckkneipe. Dass er kaltblütig mehrere Menschen erdrosselt und erschießt, erscheint da fast wie eine seltsame Marotte. Aber besonders furchterregend wird er dadurch nicht. In den Momenten versprüht er bestenfalls die Aura eines Mafia-Handlangers, der in der nächsten Filmszene stirbt.
Auch alle anderen Charaktere agieren wie in einem Korsett. Leblos und steif hängen die Staatsdiener in ihren Anzügen. Natürlich immer in unauffällig zeitlos-seriösen Farben, mit Schlips und Weste, wie es sich schon damals seit Jahrzehnten für den gut gekleideten Mann gehörte. Die Gangster pflegen dagegen die ebenso zeitlos funktionale Hafenarbeiterkluft, die sich schon damals seit Jahrzehnten nicht änderte. So verstärkt die Kleidung das Gefühl, dass in „Black Mass“ alles, aber auch wirklich alles, seit Jahrzehnten schon fest zementiert ist. Und niemand es ändern will.
Dass die Filmgeschichte sich über zwei Jahrzehnte erstreckt, erfahren wir nicht über die Bilder. Egal ob 1975, das Jahr in dem „Black Mass“ beginnt, oder die achtziger Jahre oder die frühen neunziger Jahre bis, Mitte der Neunziger, als Bulger als FBI-Spitzel enttarnt wird, immer sehen wir die gleichen abgeranzten Sechziger-Jahre-Arme-Leute-Küchen, South-Boston-Hinterhöfe, Hafenansichten, FBI-Büros (die nie durch Hippnes glänzten) und, selten, gehobene Restaurants, in denen ohne Schlips und Anzug niemand hineingelassen wird. Es sind Orte, an denen jede Modernisierung vorbei ging.
Die Dialoge stehen zwar in der George-V.-Higgins- und Elmore-Leonard-Schule, aber in „Black Mass“ bleiben sie nur folgenloses Gebabbel. Das ist in den ersten Minuten, wegen der vermeintlichen Authenzität noch toll, aber es wird zunehmend zu einem Problem. Denn die Dialoge drehen sich mehr im Kreis, als dass sie die Handlung vorantreiben. Die ist sowieso nur locker an Bulgers verschiedenen Morden aufgehängt. Morde, die für die Handlung keine erkennbare Bedeutung haben.
So wird der gesamte Film ziemlich schnell zu einer reinen Geduldsprobe, die gefühlt mindestens doppelt so lange ist wie der zweistündige Film.
Wieviel besser und kurzweiliger ist dagegen David O. Russells 138-minütiger „American Hustle“, der die gleichen Themen behandelte und ebenfalls auf einer wahren Geschichte basiert.
Und was hätte Martin Scorsese nur aus dieser Geschichte gemacht?
Uh, ähem, hat er schon. Vor neun Jahren. „Departed – Unter Feinden“ heißt der Film, Jack Nicholson spielt den Gangsterboss, der im Film Frank Costello heißt und der von Whitey Bulger inspiriert ist. Ein grandioser Film, der Scott Coopers Scheitern umso schmerzhafter zeigt.

Black Mass - Plakat

Black Mass (Black Mass, USA 2015)
Regie: Scott Cooper
Drehbuch: Mark Mallouk, Jez Butterworth
LV: Dick Lehr/Gerard O’Neill: Black Mass: Whitey Bulger, the FBI, and a Devil’s Deal, PublicAffairs, 2000 (Black Mass – Der Pate von Boston)
mit Johnny Depp, Joel Edgerton, Benedict Cumberbatch, Dakota Johnson, Kevin Bacon, Peter Sarsgaard, Jesse Plemons, Rory Cochrane, David Harbour, Adam Scott, Corey Stoll, Juno Temple, Julianne Nicholson
Länge: 123 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage: ein Lesebefehl für den True-Crime-Fan

Lehr - O Neill - Black Mass - 4

Pünktlich zum Filmstart erschien das von den „Boston Globe“-Journalisten geschriebene und mit dem Edgar ausgezeichnete Sachbuch „Black Mass“, das als Vorlage für den Film diente und schon auf den ersten Seiten fragte ich mich, wie es den Filmmachern gelang, all die auf dem Präsentierteller liegenden erzählerischen Goldstücke zu ignorieren. Vieles wird zwar im Film auch angesprochen oder angedeutet, aber erst beim Lesen des Buches versteht man die Hintergründe und damit auch die Handlungen der Beteiligten. Deshalb ist das Buch eine so ungemein spannende Lektüre, die einem so viel von der US-Kriminalitätsgeschichte erzählt und, im Gegensatz zum Film, den Wunsch weckt, South Boston zu besuchen.

Dick Lehr/Gerard O’Neill: Black Mass – Der Pate von Boston
(übersetzt von Joachim Körber)
Goldmann, 2015
512 Seiten
9,99 Euro

Originalausgabe
Black Mass: Whitey Bulger, the FBI, and a Devil’s Deal
PublicAffairs, 2000

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Film-Zeit über „Black Mass“
Moviepilot über „Black Mass“
Metacritic über „Black Mass“
Rotten Tomatoes über „Black Mass“
Wikipedia über „Black Mass“ (deutsch, englisch) und Whitey Bulger (deutsch, englisch)
History vs. Hollywood über die wahren Hintergründe von „Black Mass“

Die „Black Mass“-Pressekonferenz beim Filmfest in Venedig

Nachtrag (20. Oktober 2015)

„French Connection“ William Friedkin unterhält sich mit Scott Cooper über den Film

 

 


Neu im Kino/Filmkritik: Über Ridley Scotts „Der Marsianer – Rettet Mark Watney“

Oktober 8, 2015

Nachdem die letzten Filme von Ridley Scott aus verschiedenen Gründen nicht überzeugten, obwohl „The Counselor“ einige fanatische Fans hat, kehrt Ridley Scott mit „Der Marsianer – Rettet Mark Watney“ wieder in die Welt zurück, die ihm seine größten Erfolge bescherte: den Weltraum. Dieses Mal mit einem Science-Fiction-Film, der die Betonung auf „Science“ legt.
In naher Zukunft wird die bemannte Mission „Ares III“ auf den Mars geschickt. Am achtzehnten Tag der Mission gibt es einen Sturm (das ist der Fiction-Part des Films). Die sechs Astronauten verlassen Hals über Kopf den Planeten. Mark Watney (Matt Damon) wird dabei verletzt und, weil Captain Melissa Lewis (Jessica Chastain) von ihm keine Lebenszeichen mehr erhält, lässt sie Watneys Leiche zurück.
Aber er ist nicht tot.
Er kehrt in das Habitat zurück und macht dann das, was jeder gute Amerikaner tut: er kämpft. Er rationiert seine Lebensmittel, er beginnt Kartoffeln anzubauen (was gar nicht so einfach ist, aber Watney ist ein Botaniker) und er nimmt Kontakt zur NASA auf. Was auch nicht so einfach ist. Denn es gibt keine Funkverbindung.
„Der Marsianer“ basiert auf dem Überraschungserfolg von Andy Weir. Er veröffentlichte den faktenversessenen Science-Fiction-Roman, vor einer steigenden Leserschar, zuerst als Fortsetzungsroman im Internet. Dann bei Amazon als E-Book und, weil es sich phänomenal verkaufte, bei dem großen Verlag Crown Publishing als gedrucktes Buch. Hollywood kaufte, wie wahrscheinlich bei jedem Bestseller, die Verfilmungsrechte und, über einige im Filmgeschäft normale Umwege, gelangte das Drehbuch in die Hände von Ridley Scott, dem Regisseur von „Alien“ und „Blade Runner“, der mit „Der Marsianer“ eine klassische Abenteuergeschichte erzählt. Robinson Crusoe auf dem Mars, nur ohne Affen und Außerirdische, aber dafür mit vielen Fakten.
Neben Watneys Kampf gegen den lebensfeindlichen Planeten gibt es zwei weitere Erzählstränge. Der eine spielt auf der Erde und erzählt wie die NASA, nachdem sie erfahren hat, dass Watney noch lebt, versucht, ihn zu retten, was angesichts der riesigen Entfernungen und der Zeit, die eine Rettungsmission benötigt, ein ziemlich aussichtsloses Unterfangen ist. Der andere spielt im Raumschiff und erzählt, wie Lewis und die anderen Astronauten reagieren, als sie erfahren, dass ihr Kamerad Watney noch lebt. Dieser Erzählstrang wird allerdings lange vernachlässigt und er wirkt, weil wir nur erfahren, was Astronauten während des langen Flugs in ihrem Schiff machen, über weite Strecken etwas forciert.
Mit 144 Minuten ist „Der Marsianer“ auch zu lang geraten. Immerhin hat die Geschichte, trotz der zahlreichen Hindernisse, die der zupackende und grundoptimistischen Watney überwinden muss, keine großen Überraschungen oder Wendungen. Scott hätte die Geschichte problemlos in zwei Stunden erzählen können. Trotzdem plant er, wie auch bei einigen seiner anderen Filme, für die DVD-Auswertung eine um zwanzig Minuten längere Fassung.
Das gesagt ist „Der Marsianer“ einer der gelungensten und schönsten Science-Fiction-Filme der vergangenen Jahre. Das liegt an den nur sparsam eingesetzten Spezialeffekte, der glaubwürdigen Geschichte und dem sorgfältigen Umgang mit Fakten. Im Gegensatz zu Christopher Nolans „Interstellar“, der letztes Jahr ja mit seiner Faktentreue hausieren ging und am Ende nur eine verquere Familienzusammenführung aus dem Reich der Phantasie erzählte, bleibt Ridley Scott bis zum Ende bei den Fakten. Die sind ja auch dramatisch genug.

Der Marsianer - Plakat
Der Marsianer – Rettet Mark Watney (The Martian, USA 2015)
Regie: Ridley Scott
Drehbuch: Drew Goddard
LV: Andy Weir: The Martian, 2011/2014 (Der Marsianer)
mit Matt Damon, Jessica Chastain, Kristen Wig, Jeff Daniels, Michael Pena, Kate Mara, Sean Bean, Sebastian Stan, Aksel Hennie, Chiwetel Ejiofor, Donald Glover, Benedict Wong, Mackenzie Davis
Länge: 144 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Englische Homepage zum Film
Film-Zeit über „Der Marsianer“
Moviepilot über „Der Marsianer“
Metacritic über „Der Marsianer“
Rotten Tomatoes über „Der Marsianer“
Wikipedia über „Der Marsianer“ (deutsch, englisch)
Homepage von Andy Weir

Meine Besprechung von Ridley Scotts “Prometheus” (Prometheus, USA 2012)

Meine Besprechung von Ridley Scotts “Exodus – Götter und Könige (Exodus – Gods and Kings, USA 2014)

Ridley Scott in der Kriminalakte

Nachtrag 1 (10. Oktober 2015)

Das Science Fiction Jahr 2015

In „Das Science Fiction Jahr 2015“, herausgegeben von Hannes Riffel (neu dabei) und Sascha Mamczak (schon länger dabei), erstmals im Golkonda Verlag (nachdem es fast dreißig Jahre bei Heyne erschien), ohne große Veränderungen – und, ja, die Tage, wenn ich mehrere Texte gelesen habe, gibt es eine ausführliche Besprechung –, aber schon jetzt will ich auf einen lesenswerten Text hinweisen.
In dem Sammelband ist ein 13-seitiges, interessantes Interview mit Andy Weir, dem Autor von „Der Marsianer“ über seinen Roman und alles, was damit zusammen hängt. Also wie er recherchierte, wie er sein Debüt schrieb, was er von Marsmissionen hält, wie sie möglich sind und welche Herausforderungen und Gefahren es gibt, wer seine schriftstellerischen Vorbilder sind, wer sein Lieblings-Doctor-Who ist und wie er in die Verfilmung involviert war.
Lesenswert!

Hannes Riffel/Sascha Mamczak (Hrsg.): Das Science Fiction Jahr 2015
Golkonda, 2015
648 Seiten
29,90 Euro

Nachtrag 2 (10. Oktober 2015)

Weir - Der Marsianer - Movie-Tie-In - 4

Eigentlich wollte ich den für den John W Campbell Memorial Award nominierten Roman ja vor dem Filmstart lesen, aber er ist eben erst bei mir eingetroffen und der dringliche Hauptlesegrund hat sich ja am Donnerstag erledigt.
Für den Filmstart hat Heyne dem Bestseller eine Filmausgabe spendiert, die sich nur durch das Cover von der vorherigen Ausgabe unterscheidet.

Andy Weir: Der Marsianer – Rettet Mark Watney
(übersetzt von Jürgen Langowski)
Heyne, 2015
512 Seiten
999 Euro

Deutsche Erstausgabe
Heyne, 2014

Originalausgabe
The Martian
2011 (online)
(gedruckt 2014 bei Crown und Del Rey)

Nachtrag 3 (15. Oktober 2015)

DP/30 unterhält sich mit Ridley Scott über „Der Marsianer“ und den ganzen Rest


„Batman“ und „Gotham Central“ – Superheld und normale Polizisten – und ein ordentlicher Ed-Brubaker-Nachschlag

Oktober 6, 2015

Gotham City ist Batmans Stadt und wenn wir sie besuchen, ist er normalerweise gerade damit beschäftigt, einige Bösewichter zu verkloppen.
In ihren „Batman“-Comics erzählen Autor Scott Snyder und Zeichner Greg Capullo seit 2011 die Geschichte von Bruce Wayne neu. In „Jahr Null – Die geheime Stadt“, dem vierten „Batman“-Sammelband nach dem Neustart, der vor allem die „Batman“-Hefte 21 bis 24 enthält, erzählen sie von Batmans erster Begegnung mit der Red-Hood-Gang, der es gelingt, ganz normale Bewohner von Gotham City zu Schwerverbrechern zu machen. Batman sucht den Kopf der Bande, was wegen ihrer Verkleidung gar nicht so einfach ist. Vor allem, weil Bruce Wayne an seinem Batman-tum zweifelt.
Das ist, wie die vorherigen Snyder/Capullo-“Batman“-Geschichten, ein feiner Comic, der sich überhaupt nicht mit der Frage beschäftigt, was die normalen Polizisten von Batman halten. Denn natürlich nimmt er ihnen immer wieder die Arbeit ab und sie stehen dumm rum. Im besten Fall dürfen sie den Verkehr umlenken und die Scherben aufkehren.
Ed Brubaker und Greg Rucka fragten sich vor fast fünfzehn Jahren, wie die ehrlichen Polizisten damit umgehen, dass Batman sie immer wieder als Deppen da stehen lässt. Also erfanden sie die Serie „Gotham Central“, die es immerhin auf vierzig Hefte brachte, die zwischen Dezember 2002 und April 2006 erschienen, mehrere Preise erhielt (unter anderem einen Eisner Award) und die bei den Kritikern beliebt, aber niemals ein Verkaufsschlager war. Dennoch basiert die in den USA erfolgreiche Serie „Gotham“ (ich glaube, bei uns läuft sie nicht so gut) auf der gleichen Prämisse.
Jetzt erschien der erste „Gotham Central“-Sammelband „In Erfüllung der Pflicht“ und er ist genau das, was man von Ed Brubaker und Greg Rucka erwarten kann: gut abgehangener Noir, der sich der bekannten Klischees bedient und sie gelungen in die Gegenwart und eine spannende Geschichte transportiert.
Eigentlich besteht der Sammelband aus zwei, lose miteinander verknüpften Geschichten. In „In Erfüllung der Pflicht“ tötet Mr. Freeze bei einem Routineeinsatz einen Polizisten. Seine Kollegen wollen ihn schnappen und herausfinden, was Mr. Freeze plant.
In „Motiv“ suchen sie den Mörder eines entführten Mädchens.
Im Mittelpunkt der beiden spannenden Geschichten steht dabei die Arbeit der Detectives, die einfach ihren Job machen wollen und sich ärgern, dass Batman sie immer dumm da stehen lässt. Ist ja auch nervig, wenn ein Superheld jede Nacht sein Ego ausführt und nach Lust und Laune Verbrecher vermöbelt.
Der zweite „Gotham Central“-Band ist für Ende Dezember angekündigt.

A propos Ed Brubaker: Von ihm sind auch noch einige neuere Werke, die schon vor einiger Zeit erschienen sind und die ich bislang nicht abfeierte, erhältlich. Es sind die Bände 2 und 3 seiner grandiosen Noir-Serie „Fatale“, gezeichnet von seinem Buddy Sean Phillips. Und der Abschluss seiner „Captain America“-Geschichte „Der Tod von Captain America“.
Der zweite „Fatale“-Sammelband „Hollywood Babylon“ spielt vor allem in den Siebzigern und bietet all das, was wir spätestens seit James Ellroy mit Los Angeles assoziieren: Hollywood, perverse Sexfilme und ein Satanistenkult.
Im sommerlichen Los Angeles von 1978 stolpert Miles, ein erfolgloser Schauspieler bei einer Party, die von der Method-Kirche organisiert wird, mitten in einen Tatort. Suzy hat Bruder Stane erschlagen und bevor die Sekte sie umbringt, flüchten sie in die benachbarte Villa der zurückgezogen lebenden Miss Josephine. Sie ist, wie wir aus dem ersten „Fatale“-Band wissen, ein Vampir, der von dem Sektenführer gesucht wird. Und dann geht es noch um ein äußerst wertvolles Buch.
Der dritte „Fatale“-Sammelband „Westlich der Hölle“ besteht aus vier Geschichten, die 1936 in Texas (Der Fall Alfred Ravenscroft), 1286 in Frankreich (Eine schöne Art zu Sterben), 1883 in Colorado (Auf dunklen Pfaden) und 1943 in den südlichen Karpaten (Nur einen flüchtigen Blick entfernt) spielen. Es sind schöne Variationen bekannter Topoi zwischen Hexenverfolgung, Wilder Westen und Weltkrieg-II-Abenteuer, die auch einige weitere Hintergründe über die Femme Fatale im Wandel der Jahrhunderte verraten.
Eigentlich müsste Panini langsam weitere „Fatale“-Bücher veröffentlichen. Denn in den USA schrieben Ed Brubaker und Sean Phillips seitdem emsig weitere Geschichten.
Die dreiteilige Geschichte „Der Tod von Captain America“ ist eine der frühen „Captain America“-Geschichten von Ed Brubaker. Er schrie von 2005 bis 2012 Geschichten mit Captain America, der inzwischen ja durch die Verfilmungen auch bei uns allgemein bekannt ist.
Nach dem Tod von „Captain America“ Steve Rogers versinkt Amerika immer mehr im Chaos. Sein Freund und Kriegskamerad Bucky Barnes wird inzwischen in der Zentrale von Red Skull, dem großen Bösewicht, einer Gehirnwäsche unterzogen. Bucky, auch bekannt als KGB-Killer Wintersoldat (jaja, ist auf den ersten Blick alles etwas verwirrend), kommt frei und er will sich an den Mördern seines Freundes rächen. In dem Moment ahnt er noch nicht, dass alles ein Komplott ist und er die Arbeit des Bösewichts, der die Macht über die USA erlangen will, erledigen soll.
„Der Tod von Captan America“ ist mit seinen vielen Komplotten und Seitenwechsel ein spannender Thriller, in dem wir auf viele alte Bekannte (auch bekannt aus den Filmen) stoßen. Trotzdem hatte ich immer das Gefühl, dass Brubaker hier eine Auftragsarbeit verrichtet, bei der er sich innerhalb bestimmter Regeln bewegen und verschiedene Rücksichten nehmen muss. Obwohl natürlich das Umbringen von Captain America, dem Helden der Serie, ein ziemlich rücksichtsloser Akt ist.
Und dann den Wintersoldaten zum Captain-America-Nachfolger aufzubauen; – das hat schon etwas.

Snyder - Batman - Jahr Null - Die geheime Stadt - 2Brubaker - Rucka - Gotham Central 1 - 2

Scott Snyder/Greg Capullo: Batman: Jahr Null – Die geheime Stadt (Band 4)
(übersetzt von Steve Kups)
Panini, 2015
172 Seiten
16,99 Euro

Originalausgabe
Bright New Yesterday (Batman 0)
DC Comics, November 2012
Zero Year – Secret City: Part 1 – 3; Zero Year – Dark City: Part 1 (Batman # 21 – 24)
DC Comics, August – Dezember 2013

Ed Brubaker/Greg Rucka: Gotham Central: In Erfüllung der Pflicht (Band 1)
(übersetzt von Christian Heiss)
Panini, 2015
124 Seiten
14,99 Euro

Originalausgabe
Gotham Central # 1 – 5
DC Comics 2003

Brubaker - Fatale 2 - 2Brubaker - Fatale 3 - 2
Ed Brubaker/Sean Phillips: Fatale: Hollywood Babylon (Band 2)
(übersetzt von Claudia Fliege)
Panini, 2013
140 Seiten
16,95 Euro

Originalausgabe
Fatale # 6 – 10
Image, Juni – November 2012

Ed Brubaker/Sean Phillips: Fatale: Westlich der Hölle (Band 3)
(übersetzt von Claudia Fliege)
Panini, 2014
104 Seiten
16,99 Euro

Originalausgabe
Fatale # 11 – 15
Image, Januar 2013 – Mai 2013

Brubaker - Der Tod von Captain America 2 - 2Brubaker - Der Tod von Captain America 3 - 2
Ed Brubaker/Steve Epting/Butch Guice/Mike Perkins: Der Tod von Captain America (Band 2)
(übersetzt von Reinhard Schweizer)
Panini, 2014
144 Seiten
14,99 Euro

Originalausgabe
Captain America: The Burden of Dreams, Part 1 – 6 (# 31 – 36)
Marvel, Dezember 2007 – Mai 2008

Ed Brubaker/Steve Epting/Roberte De La Torre/Luke Ross: Der Tod von Captain America (Band 3)
(übersetzt von Reinhard Schweizer)
Panini, 2014
148 Seiten
14,99 Euro

Originalausgabe
Captain America: The Man who bought America, Part 1 – 6 (# 37 – 42)
Marvel, Juni 2008 – November 2008

Hinweise

Meine Besprechung von Scott Snyder/Stephen King/Rafael Albuquerques (Zeichner) „American Vampire – Band 1“ (American Vampire, Vol. 1 – 5, 2010)

Meine Besprechung von Scott Snyder/Rafael Albuquerque/Mateus Santoloucos “American Vampire – Band 2″ (American Vampire, Vol. 6 – 11, 2010/2011)

Meine Besprechung von Scott Snyder/Rafael Albuquerque/Danijel Zezeljs “American Vampire – Band 3″ (American Vampire, Vol. 12 – 18, 2011)

Meine Besprechung von Scott Snyder/Sean Murphys “American Vampire – Das Überleben des Stärkeren, Band 4″ (American Vampire: The Survival of the Fittest, 2011)

“A Criminal Blog” (über “Criminal”)

Homepage von Ed Brubaker

Blog von Sean Phillips

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips” “Criminal 1 – Feigling” (Criminal 1: Coward, 2007)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ “Criminal 2 – Blutsbande” (Criminal 2: Lawless, 2007)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ „Criminal 3 – Grabgesang“ (Criminal 3: The Dead and the Dying, 2008)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ „Criminal 4 – Obsession“ (Criminal Vol. 4: Bad Night, 2009)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ „Criminal 5 – Sünder“ (Criminal: The Sinners, 2010)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ „Criminal 6 – Unschuld“ (Criminal: The Last of the Innocent, Vol. 1 – 4, 2011)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Colin Wilsons “Point Blank” (Point Blank, 2003)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ “Sleeper 1 – Das Schaf im Wolfspelz” (Sleeper: Out in the cold, 2003)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ “Sleeper 2 – Die Schlinge zieht sich zu” (Sleeper: All false moves, 2004)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ „Sleeper 3 – Die Gretchenfrage“ (Sleeper 3: A crooked line, 2005)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ „Sleeper 4 – Das lange Erwachen“ (Sleeper 4: The long walk home, 2005)

Meine Besprechung von Ed BrubakerSean Phillips’ „Incognito 1 – Stunde der Wahrheit“ (Incognito, 2008/2009)

Meine Besprechung von Ed Brubaker (Autor)/Sean Phillips (Zeichner) „Incognito 2: Schlechter Einfluss“ (Incognito: Bad Influences, Vol. 1 – 5, 2010/2011)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips‘ „Fatale: Den Tod im Nacken (Band 1)“ (Fatale # 1 – 5, 2012)

Ed Brubaker in der Kriminalakte

Comic Book Resources: Interview mit Ed Brubaker über „Fatale“ (8. Mai 2012)

Homepage von Greg Rucka

Meine Besprechung von Greg Rucka/Steve Liebers „Whiteout“ (Whiteout, 1998/1999)

Meine Besprechung von Greg Rucka/Steve Liebers „Whiteout: Melt“ (Whiteout: Melt, 1999/2000)

Meine Besprechung von Greg Ruckas “Die Welt ohne Superman” (The Sleepers, 2009)

Meine Besprechung von Greg Ruckas “Batman: Hinter der Maske” (Cutter, März – Mai 2010/Beneath the Mask,  Juni – Juli 2010/Good King Wencesias, Februar 2009)

Greg Rucka in der Kriminalakte


„Blood & Bone“, Mord & Totschlag

Oktober 5, 2015

Peterson - Blood & Bone - 2

Mark Petersons zweiter Kriminalroman mit Detective Sergeant Minter ist wie ein deutscher TV-Krimi. Und das ist kein Lob. Denn nach dem Mord in den ersten Minuten, beziehungsweise auf den ersten Seiten, gibt es Szenen über Szenen, von denen keine die Handlung erkennbar voranbringt, die aber die Zeit zwischen Mord und Aufklärung so lange füllen, bis in den letzten Minuten der Kommissar den Mörder überführt, weil die neunzig Minuten gleich um sind. Als Kritiker kann man jetzt gerade die Prämisse erwähnen („Eine verstümmelte Frauenleiche wird am Bahnhof in einem Koffer gefunden. Die Polizei ermittelt.“) oder fast die gesamte Handlung verraten, weil man erklärt, wie die einzelnen Szenen und Subplots miteinander oder eben nicht miteinander zusammen hängen.
Ein Beispiel gefällig? In Mark Petersons „Blood & Bone“ erfahren wir viel über die Frühstücksmoderatorin Abi Martin, ihre Sendung, ihre geplanten Verhandlungen über eine Vertragsverlängerung, später über ihren Freund und, noch später, über ihr Verhältnis zu ihrer dreizehnjährigen Tochter. Warum das irgendwie für die Mordermittlung von Minter und seinem Vorgesetzten DCI Tom Beckett, die herausfinden wollen, warum jemand in Brighton junge Frauen ermordet und verstümmelt, wichtig sein kann, erfahren wir nicht. Wir erahnen es noch nicht einmal. Peterson füllt hier einfach nur Seiten mit Banalitäten, die klassisches „Seiten, die der Leser überblättert“-Material sind. Auf Seite 159 verschwindet dann Morgans Tochter (sagt jedenfalls ihr Freund am Telefon) und endlich ergibt dieser Subplot, auch wenn die Ermittlungen der Polizei erst langsam anlaufen, einen Sinn.
Der geübte Krimileser vermutet natürlich einen Zusammenhang zwischen den Morden und der verschwundenen Dreizehnjährigen. Er plottet schon einmal weiter, während eine andere Polizeieinheit durch die normale Ermittlungsroutine bei einem verschwundenen Teenager geht, die mit dem Mordfall nichts zu tun hat, aber weitere Seiten füllt. Ach ja: bevor Vicky Reynolds, die Opferberaterin der Polizei, zu diesem Einsatz gerufen wird, trifft sie sich mit ihrer Mutter für ein Mutter-Tochter-Gespräch. Mit den Kriminalfällen hat das nichts zu tun. Es ist nur die klassische Szene, in der wir erfahren, was der Ermittler vor seiner Arbeit getan hat und die uninteressantes Füllmaterial ist.
In dem Moment haben wir schon über die Hälfte des Romans gelesen, aber in der Hauptgeschichte gibt es bislang außer mehreren Leichen, über die wir nichts wissen, und einem paranoid-schizophrenem Verdächtigen, der es aufgrund seiner Krankheit nicht gewesen sein kann, keinen Verdächtigen und auch keinen Ermittlungsansatz. Kurz: die Polizei stochert im Nebel, während wir schon dank der Rückblenden, die 1992 in Oxford beginnen, ahnen, dass Martin Blackthorn, ein Biochemie-Student, und John Slade, ein empathiefreier Zehnjähriger, wohl irgendetwas mit den Morden zu tun haben. Und, ja, sie haben etwas damit zu tun. Was von dem in der zweiten Hälfte des 350-seitigen Buches in epischer Langatmigkeit ausgebreiteten Entführungsfall nicht behauptet werden kann.
Die Serienmorde und deren Auflösung interessieren Peterson in der zweiten Romanhälfte nicht mehr sonderlich. So lässt er die Mordermittlungen mal schlappe fünfzig Seiten links liegen und, nachdem eine weiter Frauenleiche gefunden wird, beschäftigt er sich, nach drei Seiten, wieder, fünfzehn Seiten, mit irgendwelchen Ermittlungen über die Herkunft von Martins Tochter. Denn vielleicht hat ihr spurloses Verschwinden etwas mit ihrem wahren Vater, einem anonymen Samenspender, zu tun.
Wer jetzt glaubt, dass Mark Peterson die verschiedenen Handlungsstränge zu einer überraschenden Lösung zusammenführen wird, wird enttäuscht. Das Privatleben der Ermittler wird ja sowieso nur ausgebreitet, um im nächsten Roman weiter erzählt zu werden. Ein weiterer Subplot mit einem korrupten Kollegen von Minter hätte man, wie die gesamte Entführungsgeschichte streichen können. Immerhin ist die Jagd noch einem Serienmörder, der der Polizei täglich eine neue Leiche präsentiert, eigentlich romanfüllend.
Die wenigen Verbindungen zwischen den einzelnen Plots sind eher zufällig und gewollt; auch wenn man „Blood & Bone“ als typischen Polizeiroman mit mehreren, parallelen Fällen betrachtet. Das ist er, dank der konsequenten Missachtung der Polizeiarbeit, ebenfalls nicht. Das Ende ist dann holterdipolter und weil die Täter mit ihrer Überführung auch gleich das Zeitliche segnen, erfahren wir nichts Wesentliches über ihre Motive.

Mark Peterson: Blood & Bone
(übersetzt von Karen Witthuhn)
rororo, 2015
352 Seiten
10,99 Euro

Originalausgabe
A Place of Blood and Bone
Orion Books, 2013


Buch- und TV-Tipp für den 3. Oktober: B-Movie – Das wilde West-Berlin der 80er Jahre (aka B-Movie – Lust & Sound in West-Berlin)

Oktober 2, 2015

Arte, 21.50
B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin 1979 – 1989 (Deutschland 2015)
Regie: Jörg A. Hoppe, Klaus Maeck, Heiko Lange
Drehbuch: Jörg A. Hoppe, Klaus Maeck, Heiko Lange
Mark Reeder kommt 1979 von Manchester nach Berlin, der Stadt seiner Träume. Er stürzt sich in das Nachtleben und begegnet dort einer pulsierenden Szene von Künstlern und Spinnern. In „B-Movie“ blickt er äußerst kurzweilig auf die Zeit zwischen 1979 und 1989 zurück.
Dabei gelang es ihm und den Filmemachern Jörg A. Hoppe, Klaus Maeck und Heiko Lange eine unglaubliche Menge auch obskurer zeitgenössischer Film- und Tonaufnahmen zu beschaffen, die sie zu einer ebenso wilden, wie kurzweiligen und, dank Reeders selbstironischem Humor und nimmermüder Begeisterung, ämusanten und informativen Collage über ein pophistorisch noch nicht aufgearbeitetes Jahrzehnt zusammenstellten.
mit Mark Reeder, Gudrun Gut, Westbam, Blixa Bargeld, Nick Cave, Joy Division, Zazie de Paris, Nena, Die Toten Hosen, Der Wahre Heino, Einstürzende Neubauten, Die Ärzte, Malaria!, Ideal, Jörg Buttgereit
Wiederholung: Sonntag, 11. Oktober, 01.40 Uhr (Taggenau!)

Das Buch zum Film

Reeder - B Book - 250
Druckfrisch – und daher auch nur begeistert durchgeblättert:
Pünktlich zur TV-Ausstrahlung, DVD/Blu-ray- und Doppel-LP/CD-Veröffentlichung erschien auch das „B-Book – Lust und Sound in West-Berlin“. In dem großformatigen Bildband (mit hundert ebenso seltenen, wie erhellenden Aufnahmen) erzählt Reeder von seinem ersten Jahrzehnt in Berlin. Anscheinend handelt es sich dabei, mit kleineren Ergänzungen, um den kurzweiligen und äußerst informativen Filmkommentar, der in deutsch und englisch abgedruckt ist.
Und dann die Bilder! Neben den bekannten Gesichtern von/mit Nena, Nina Hagen, Inga Humpe, den Ärzten, den Einstürzenden Neubauten, und Underground-Stars gibt es Bilder von dem damaligen, herrlich abgeranzten Berlin, das es heute nicht mehr gibt.
Da wünscht man sich eine Zeitmaschine.

Mark Reeder: B-Book – Lust und Sound in West-Berlin
Edel, 2015
224 Seiten
39,95 Euro

Hinweise
Homepage zum Film
Filmportal über „B-Movie“
Film-Zeit über „B-Movie“
Moviepilot über „B-Movie“
Wikipedia über Mark Reeder (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Jörg A. Hoppe/Klaus Maeck/Heiko Langes „B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin 1979 – 1989“ (Deutschland 2015)


Was sie schon immer über „Edmond Hamilton – Autor von Captain Future“ wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten

September 30, 2015

Kettlitz - Edmond Hamilton - 2

Hardy Kettlitz, der Autor von „Edmond Hamilton – Autor von Captain Future“, lernte den Science-Fiction-Autor, wie viele Jugendliche Anfang der achtziger Jahre durch die japanische Zeichentrickserie „Captain Future“ kennen. In ihr kämpfen Curtis Newton, genannt Captain Future und ein echter Alleskönner (für die Jüngeren: „Iron Man“ Tony Stark, aber nicht so arrogant egozentrisch), und seine Vertrauten, das lebende, alles wissende Gehirn Professor Simon Wright, befreit von allen körperlichen Beschränkungen, Android Otho, der seine Gestalt verändern kann, Roboter Grag, der gerne ein Mensch wäre, und die wunderschöne, wunderschöne Joan Randall auf verschiedenen Planeten im Sonnensystem gegen Verbrecher. Durch die Serie erlebte Edmond Hamilton, der bereits 1977 verstorben war, eine Renaissance. Bastei-Lübbe veröffentlichte die „Captain Future“-Romane. Teilweise erstmals. Es gab Comics und etliche andere Merchandise-Artikel.
Dabei schrieb Hamilton (21. Oktober 1904 – 1. Februar 1977) nicht nur die „Captain Future“-Romane, sondern zahlreiche weitere Space Operas und Kurzgeschichten, die fast alle, mit einer weitgehenden Missachtung jeglicher wissenschaftlichen Plausibilität, zum Science-Fiction-Genre gehören. Das war und ist nicht Hohe Literatur, sondern Pulp, der allerdings Spaß macht und Jungs zu Leseratten macht.
In seiner lesenswerten Monographie stellt Kettlitz vor allem die Romane und Erzählungen von Hamilton, die auf Deutsch erschienen, kurz vor. Denn insgesamt schrieb Hamilton fast dreihundert Geschichten, die fast alle zuerst in einem der damals populären Magazine erschienen. Der Schwerpunkt von „Edmond Hamilton – Autor von Captain Future“ liegt dabei mit insgesamt gut achtzig Seiten auf Hamiltons bekanntestem Helden, dem schon genannten Captain Future. Zwischen 1940 und 1944 erschienen siebzehn „Captain Future“-Romane in den gleichnamigen Heften. Hamilton schrieb fünfzehn (zwei als Brett Sterling). 1945 und 1946 erschienen in „Startling Stories“ drei weitere „Captain Future“-Geschichten, von denen Hamilton zwei schrieb. 1950 und 1951 schrieb Hamilton, ebenfalls in „Startling Stories“, sieben kürzere „Captain Future“-Erzählungen. Kettlitz stellt sie alle kurz vor. Es gibt außerdem die ersten beiden Kapitel des ersten „Captain Future“-Romans, die Hamilton auf Wunsch seines Verlegers überarbeitete. Der ursprüngliche Text erschien erstmals 1971 in „Pulp“.
Es gibt ein im Februar 1975 mit Hamilton geführtes Interview, in dem er einige interessante Einblicke in das Geschäftsgebaren der Pulp-Magazine gibt. Es gibt eine ausführliche Bibliographie, die allerdings bei den Golkonda-Ausgaben der „Captain Future“-Geschichten schwächelt. Das liegt auch daran, dass „Edmond Hamilton – Autor von Captain Future“ erstmals 2003 als „Edmond Hamilton – Weltenzerstörer und Autor von Captain Future“ (SF Personality 13) erschien und 2012 für eine erweiterte und ergänzte Neuausgabe im Shayol Verlag (dem Vorläufer von Golkonda) veröffentlicht wurde. Und es gibt ein erstmals im Oktober 2011 in der Frankfurter Allgemeine Zeitung erschienenes Essay von Dietmar Dath über Edmond Hamilton und Captain Future.
„Edmond Hamilton“ ist ein gewohnt liebevoll gestaltetes und sehr informatives Buch, das vor allem zum Blättern einlädt und, wenigstens bei mir, den Wunsch weckte, wieder einen „Captain Future“-Roman, die ja dank Golkonda in schönen Ausgaben wieder erhältlich sind, oder eine andere naive Weltraumoper zu lesen.

Hardy Kettlitz: Edmond Hamilton – Autor von Captain Future
Memoranda/Golkonda, 2015
208 Seiten
16,90 Euro

Hinweise

Golkonda über Hardy Kettlitz

Meine Besprechung von Hardy Kettlitz‘ „Die Hugo-Awards 1953 – 1984“ (2015)

Wikipedia über Edmond Hamilton (deutsch, englisch) und Captain Future (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Edmond Hamiltons “Captain Future: Die Herausforderung” (Captain Future’s Challenge, 1940)

Meine Besprechung von Edmond Hamiltons „Captain Future: Der Triumph“ (The Triumph of Captain Future, 1940)


Kurzkritik: Mark Billingham und sein Tom-Thorne-Roman „Der Manipulator“

September 29, 2015

Detective Inspector Tom Thorne von der Londoner Polizei ist zurück mit einem Fall, der für ihn nur aus schlechten Nachrichten besteht: Stuart Nicklin (bekannt aus dem zweiten Tom-Thorne-Roman „Die Tränen des Mörders“ [Scaredy Cat, 2002], der auch verfilmt wurde, und dem achten Tom-Thorne-Roman „Das Blut der Opfer“ [Death Message, 2007]) will der Polizei verraten, wo er eine weitere Leiche versteckt hat. Seine einzige Bedingung: Tom Thorne, der ihn damals verhaftete, soll ihn begleiten. Oh, und sein Mithäftling Jeffrey Batchelor soll ihn als objektiver Beobachter begleiten. Man weiß ja nicht, was Thorne und die anderen Polizisten vielleicht auf dem Weg vom Hochsicherheitsgefängnis zum Tatort und zurück anstellen.
Der Tatort liegt auf der einsam gelegenen Insel Bardsey (oder, auf walisisch: Ynys Enlli). Sie ist, wenn das Wetter gut ist, mit dem Schiff erreichbar. Handyempfang gibt es nur an wenigen Orten und sie hat keine der modernen Errungenschaften, die inzwischen in London auch in der billigsten Mietwohnung normal sind. Es ist noch wie in der guten alten Zeit, als man im Winter Eisblumen am Fenster sah.
Dort, so Nicklin, habe er sein erstes Opfer vergraben. Er war vor fünfundzwanzig Jahren einer der Zöglinge einer kurzlebigen Besserungsanstalt, die kurz nach seinem Verschwinden geschlossen wurde.
Thorne fragt sich, was Nicklin, der es genießt Menschen zu manipulieren, plant und wann er versucht zu fliehen.
Billinghams zwölfter Tom-Thorne-Roman „Der Manipulator“ lebt von dieser Spannung. Damit ähnelt er einem Western, der auf einen finalen Showdown zusteuert. Das ist aber auch das Problem des gut vierhundertfünfzigseitigem Romans. Denn nachdem man sich daran gewöhnt hat, dass die Geschichte auf Bardsey spielt und Nicklin bis zu seiner Flucht vor allem die Polizisten bei der Arbeit beobachtet, wartet man nur auf eben diesen Fluchtversuch. Bis dahin plätschert die Geschichte eher vor sich hin.
Insofern ist „Der Manipulator“, als Landpartie mit überschaubarem Personal, für langjährige Tom-Thorne-Fans eine willkommene Abkehr von dem gewohnten Muster und eine Wiederbegegnung mit einem altbekannten Bösewicht. Für Neueinsteiger wird der Roman, obwohl er problemlos zu verstehen ist und eine ziemlich überraschende Lösung hat, insgesamt zu handlungsarm und zu wenig thrillend sein, um wirklich zu begeistern.

Billingham - Der Manipulator - 2

Mark Billingham: Der Manipulator
(übersetzt von Irene Eisenhut)
Heyne, 2015
464 Seiten
12,99 Euro

Originalausgabe
The Bones beneath
Little, Brown (London), 2014

Hinweise

Upcoming4.me: Mark Billingham erzählt Wissenswertes über „Der Manipulator“ (Mai 2014)

Homepage von Mark Billingham

Wikipedia über Mark Billingham (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Stephen Hopkins Tom-Thorne-Verfilmung “Der Kuss des Sandmanns – Tom Thorne ermittelt” (Thorne: Sleepyhead, GB 2010)

Mark Billingham in der Kriminalakte


Veronica Mars ermittelt „Mörder bleiben nicht zum Frühstück“

September 23, 2015

Thomas - Graham - Veronica Mars - Mörder bleiben nicht zum Frühstück - 2

Wer „Krimi“ mit „der Kommissar ermittelt den Mörder“ übersetzt, muss nicht weiterlesen. Denn in „Veronica Mars: Mörder bleiben nicht zum Frühstück“ ermittelt eine Privatdetektivin und einen Mordfall gibt es auch nicht. Es gibt nur eine vergewaltigte und fast tot geprügelte Frau, die behauptet, sich mehrere Monate nach der Tat an den Täter zu erinnern. Es ist Miguel Ramirez, der inzwischen von der Immigrationsbehörde nach Mexiko abgeschoben wurde und dort untergetaucht ist. Im Auftrag der Versicherungsgesellschaft des Nobelhotels Neptune Grand soll Veronica herausfinden, ob die Behauptung des Opfers, der neunzehnjährigen Grace Elizabeth Manning, stimmt. Veronica kennt ihre Schwester Meg Manning von früher (und wir aus der ersten und zweiten Staffel von „Veronica Mars“).
Natürlich nimmt Veronica Mars den Auftrag an und ebenso natürlich will sie den Täter finden, der nicht Miguel, sondern wahrscheinlich ein Hotelgast ist. Dummerweise gelang es dem Täter, Meg aus dem Hotel zu schmuggeln, ohne von einer der Überwachungskameras aufgenommen zu werden.
Veronica Mars begegneten wir erstmals in der von Rob Thomas erfundenen TV-Serie „Veronica Mars“ (USA 2004 – 2007), die immer noch eine sehr treue Fanbasis hat, die seit dem Ende der Serie nach weiteren Abenteuern von Veronica Mars verlangte. Deshalb entstand 2014 ein Spielfilm, in dem Kristen Bell wieder Veronica Mars spielte und viele Schauspieler wieder in ihren Serienrollen auftraten. Der Film wurde auch per Crowdfunding finanziert und die äußerst erfolgreiche Kampagne zeigte in harten Zahlen, wie sehr die Serienfans auch Jahre nach dem Ende der Serie mehr von Veronica Mars wollen.
Die von Serienerfinder Rob Thomas und Jennifer Graham geschriebenen Veronica-Mars-Romane spielen nach dem Spielfilm und erzählen die weiteren Abenteuer der in dem südkalifornischen Küstenort Neptune groß gewordenen Privatdetektivin, die nach ihrem Studium zurückkehrte und Partnerin in der Detektei ihres Vaters Keith Mars wurde.
Neptune ist als eine durch und durch korrupte Kleinstadt natürlich eine aktuelle Version von Dashiell Hammetts „Rote Ernte“-Ort Personville/Poisonville (bzw. Pissville in der deutschen Übersetzung) und Veronica Mars war in der TV-Serie die Teenie-Version des Hardboiled-Detektiv. Inzwischen ist sie kein auf die Schule gehender Teenager mehr. Aber Neptune ist immer noch ein Ort des Verbrechens und viele ihrer alten Schulfreunde, die mehr oder weniger große Auftritte in der TV-Serie hatten, leben noch in Neptune.
Diese umfangreiche Serienhistorie führt dann auch dazu, dass „Mörder bleiben nicht zum Frühstück“, der zweite Veronica-Mars-Roman, für meinen Geschmack etwas zu sehr mit Hinweisen auf die TV-Serie gefüttert ist. Natürlich begegnet Veronica ständig alten Bekannten, die auch immer wieder in Verbrechen verwickelt sind. Natürlich erinnert sie sich an ihre mehr oder weniger gemeinsame Vergangenheit und ihre damit zusammenhängenden alten Fälle. Das geschieht eher beiläufig in Nebensätzen und weckt bei allen, die die Serie gesehen haben, wohlige Erinnerungen. Aber Rob Thomas und Jennifer Graham schleppen hier mehr Ballast mit, als wir es von anderen Privatdetektiv-Krimis kennen. Ich rede jetzt nicht von dem Continental Op oder Philip Marlowe, die anscheinend keine Familie, Verwandschaft und Freunde hatten. Auch Spenser oder Matt Scudder haben als Einzelgänger ein überschaubares soziales Umfeld. Veronica hat Familie, Freunde, Freundinnen, Bekannte und, als altbekannten Gegner, Sheriff Lamb. Wobei dieser, weil gerade Wahlkampf ist, plötzlich eine aussichtsreiche Gegenkandidatin hat, die Keith Mars aus seiner Jugend kennt.
Das gesagt, ist „Mörder bleiben nicht zum Frühstück“ ein kurzweiliger PI-Krimi, der auch Krimifans gefallen dürfte, die die Serie nicht kennen.
Den Serienfans dürfte er auch gerade wegen der Referenzen zur Serie gefallen.

Rob Thomas/Jennifer Graham: Veronica Mars: Mörder bleiben nicht zum Frühstück
(übersetzt von Sandra Knuffinke und Jessika Komina)
script5, 2015
368 Seiten
14,95 Euro

Originalausgabe
Mr. Kiss and Tell
Vintage Books, 2015

Hinweise

Homepage von Rob Thomas

Facebook-Seite zu den Veronica-Mars-Romanen

Rob Thomas Book Club

Word & Film: Kurzes Interview mit Jennifer Graham (25. März 2014)

PopBytes: Längeres Interview mit Jennifer Graham (31. März 2014)

Wikipedia über Veronica Mars

Thrilling Detective über Veronica Mars

Englische Veronica-Mars-Fanseite

Meine Besprechung von Rob Thomas’ „Veronica Mars“ (Veronica Mars, USA 2014)

Meine Besprechung von Rob Thomas’ „Veronica Mars“ (Veronica Mars, USA 2014) (DVD-Besprechung)

Meine Besprechung von Rob Thomas/Jennifer Grahams „Veronica Mars: Zwei Vermisste sind zwei zu viel“ (Veronica Mars: The Thousand Dollar Tan Line, 2014)


„Tag X: Wer ermortete den Präsidenten?“ am 22. November 1973 in Dallas?

September 21, 2015

Duval - Pecau - Wilson - Tag X - Band 1 - 2

Das Spiel mit alternativen Geschichtsverläufen ist für Science-Fiction-Fans und Historiker ein alter Hut, der als „Was wäre wenn?“-Frage immer wieder Spaß macht. Was wäre, wenn Adolf Hitler ein erfolgloser Künstler mit seltsamen Ideen geblieben wäre? Was wäre, wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte?
Was wäre, wenn das Attentat auf den US-Präsidenten in Dallas nicht 1963, sondern zehn Jahre später geschehen wäre. John F. Kennedy wäre dann in jedem Fall nicht mehr Präsident der USA gewesen. Aber wer wäre Präsident? Wie hätte sich die Geschichte seit dem 22. November 1963 entwickelt?
Das fragten sich die Szenaristen Fred Duval und Jean-Pierre Pécau in ihrem von Colin Wilson gezeichneten Comic „Tag X: Wer ermordete den Präsidenten?“. Allerdings verlegen sie eigentlich nur das Attentat auf den Präsidenten um zehn Jahre. Statt Kennedy wird Richard Nixon erschossen und es gibt einen ordentlichen Kuddelmuddel zwischen verschiedenen Geheimdiensten und interessierten Gruppierungen. Einige Kleinigkeiten, vor allem natürlich das US-Engagement in Vietnam, gestalteten sich anders, aber sie bleiben der weitgehend austauschbare Hintergrund, vor dem sich die Geschichte des Mordkomplotts abspielt, das wie eine Wiederauflage der sattsam bekannten Verschwörungstheorien zum Kennedy-Mord wirkt. Zwischen anderen Alternativweltgeschichten (im Comicbereich ist „Watchmen“ natürlich der heilige Gral) kommt diese Geschichte dann doch arg bieder daher.
„Wer ermordete den Präsidenten?“ ist der Auftakt von weiteren Comics, die mit der Idee alternativer Geschichtsverläufe spielen. Der zweite Band, „Die Kennedy-Gang“ ist für Oktober angekündigt. In Frankreich sind bereits 18 Bände erscheinen, was bedeutet, dass die Macher irgendetwas richtig machen und was mich hoffen lässt, dass die nächsten Bände intellektuell gewagter sind.

Fred Duval/Jean-Pierre Pécau (Szenario)/Fred Blanchard (Mithilfe)/Colin Wilson (Zeichnungen): Tag X: Wer ermordete den Präsidenten?
(übersetzt von Horst Berner)
Panini, 2015
56 Seiten
13,99 Euro

Originalausgabe
Jour J – Qui a tué le président?
Guy Delcourt Productions, 2011


Keine „Verschwörung“. Mikael Blomkvist und Lisbeth Salander sind zurück

September 18, 2015

Lagercrantz - Verschwörung - 2

Dass ich nicht der große Stieg-Larsson-Fan bin, dürfte bekannt sein (siehe hier, hier und hier).
Dass ich keine Probleme habe, wenn andere Autoren neue Romane mit bekannten Figuren schreiben, stört mich auch nicht.
Und David Lagercrantz wurde von den Erben des am 9. November 2004 verstorbenen Stieg Larsson, seinem Vater und seinem Bruder, beauftragt, einen weiteren Roman mit den bekannten Charakteren und der von Larsson etablierten Welt zu schreiben. Immerhin haben die drei „Millennium“-Romane von Larsson, die erst nach seinem Tod erschienen, sich weltweit millionenfach verkauft. Sie wurden erfolgreich verfilmt. Der erste Band sogar zweimal. Es gibt Comics, die von der renommierten Krimi-Autorin Denise Mina geschrieben wurden. Larssons Freundin Eva Gabrielson, die nicht mit ihm verheiratet war, inzwischen eine Biographie über ihre Jahre mit Stieg Larsson schrieb und weil es kein Testament gab, ncht zu seinen Erben gehört, behauptete, das Manuskript eines vierten Romans von Stieg Larsson auf einem Computer zu haben und sie es auch fertig schreiben und veröffentlichen wolle. Bis jetzt ist das nicht geschehen.
Und es gab, selbstverständlich, einige Stieg-Larsson-Parodien.
Angesichts der immer noch vorhandenen Nachfrage nach den Romane von Stieg Larsson war es nur eine Frage der Zeit, bis, wie auch bei anderen verstorbenen Autoren (ad hoc Sir Arthur Conan Doyle, Agatha Christie, Ian Fleming), die Erben einen anderen Autor beauftragen, einen weiteren Roman zu schreiben. Sie beauftragten David Lagercrantz mit der Aufgabe. Und sie wollen, dass die Einnahmen aus diesem Roman in eine Stiftung für linke Projkete fließen.
Lagercrantz erledigt seine Aufgabe auch ganz zufriedenstellend. Immerhin war auch Stieg Larsson kein großartiger Stilist. Dafür füllte er viele Seiten mit teils unerheblichen Details und vollkommen überflüssigen Subplots. Das war schon in seinem ersten Roman „Verblendung“ so. In „Vergebung“ erzählte er dann auf gut achthundertfünfzig Seiten eine Geschichte, die ein erzählökonomischerer Autor als zweiseitigen Epilog von „Verdammnis“ erledigt hätte. Bei den Verfilmungen wurde dann beherzt und problemlos viel erzählerisches Fett weggeschnitten.
Das wird bei „Verschwörung“ etwas schwieriger sein. Der nur sechshundertseitige Roman spielt, auch wenn kein markantes politisches, kulturelles oder gesellschaftliches Ereignis und kein Jahr genannt wird (es wird zwar auf Seite 317, als einziges konkretes Datum, „Mittwoch, der 22. November“ genannt, aber diese Kombination gibt es in diesem Jahrzehnt nur 2017), ungefähr ein Jahrzehnt nach Larssons Romanen. Also ungefähr jetzt. In der Gegenwart des Jahres 2015. In der Nach-Snowden-Zeit, obwohl er sich liest, als sei er in der Prä-Snowden-Zeit geschrieben worden.
Enthüllungsjournalist Mikael Blomkvist erfährt, dass Frans Balder, der führende Forscher auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz, zurück in Stockholm ist und er verfolgt wird. Blomkvist hat zwar keine Ahnung von Künstlicher Intelligenz, aber anscheinend interessiert sich auch die beziehungsgestörte Hackerin Lisbeth Salander, die er seit Ewigkeiten nicht gesehen hat, für Balder.
Als Blomkvist Balder besucht, der von zwei Polizisten wegen einer geheimnisvollen, aber sehr ernst zu nehmenden Todesdrohung (die die NSA aufgeschnappt hat) bewacht wird, wird gerade, mitten in der Nacht, ein Anschlag auf den Wissenschaftler verübt. Balder stirbt. Sein autistischer Sohn mit zwei Inselbegabungen (Zahlen, vor allem Primzahlen, und fotorealistische Zeichnungen) überlebt. Der achtjährige August könnte sie zum Mörder führen.
Zur gleichen Zeit hat Lisbeth Salander sich schon in den Computer der NSA eingehackt und wichtige Dokumente gestohlen, weshalb die NSA den unbekannten Hacker jagt.
Durch einige Umstände, die uns hier nicht genauer interessieren müssen, rettet Salander das Leben von August und versteckt sich mit ihm in einer einsamen Hütte.
Und viel mehr von der Handlung zu verraten, würde das gesamte Buch spoilern, weil die Geschichte von „Verschwörung“ sich über viele hundert Seiten in ominösen Andeutungen ergeht. Geheimdienste, ein Konzern, der mit Geheimdiensten und Gangstern zusammenarbeitet, Forschungen im Bereich Künstlicher Intelligenz, die weltweite Überwachung, die Polizei und Salanders Familie haben alle irgendwie damit zu tun. Sowieso tauchen viele alte Bekannte aus den vorherigen Büchern auf, weshalb sich „Verschwörung“ auch wie ein „Schön, dass wir uns wiedersehen“-Familientreffen liest. Es gibt viele Andeutungen auf den nächsten Roman, der, wie „Verschwörung“, in einem Paralleluniversum spielt, das wir so ähnlich auch großen Comic-Epen kennen, in denen alle wichtigen Figuren miteinander verwandt und verschwägert sind und sie einen epischen Familienzwist austragen.
Das unterscheidet Lagercrantz dann eindeutig von Larsson. In seinen Romanen war die Realität der Hintergrund, vor dem er seine immer wieder überraschend umständlich und dadurch oft sehr spannungsarme Geschichte entfaltete. Er benutzte die Romane, um über seine Themen zu schreiben und weil es ihm wichtig war, schrieb er Seiten darüber. Er lenkte damit die Aufmerksamkeit des Lesers auf Themen, die in der Gesellschaft damals nicht oder nur wenig beachtet wurden. Und Salanders selbstverständlicher Einsatz von Computern, dem Internet und modernen Überwachungstechniken war vor zehn Jahren in einem Kriminalroman noch neu. Damit hatten seine Romane und wie er Stimmungen und Entwicklungen aufgriff, schon etwas prophetisches.
Bei Lagercrantz ist es genau umgekehrt. Er schafft es, einen Roman über die NSA zu schreiben, ohne auch nur einmal Edward Snowden zu erwähnen. Bei ihm wird die gesamte Diskussion über globale Überwachung, die uns seit dem Sommer 2013 begleitet, vollkommen ignoriert. Sogar als Lisbeth sich in den NSA-Computer einhackt, was bei dem zuständigen Beamten zu einer durchaus gerechtfertigten Panikattacke führt, wird Snoden und das durch ihn veränderte Selbst- und Fremdbild des Geheimdienstes nicht erwähnt. Es ist, als habe es nie einen Whistleblower gegeben und die NSA und der schwedische Geheimdienst besteht in „Verschwörung“ eigentlich nur aus netten Menschen, die sich aus altruistischen Motiven um unser Wohlergehen und unsere Privatsphäre sorgen.
Für einen Polit-Thriller, und „Verschwörung“ will irgendwo in diesem Genre mitschwimmen, ist dieses vollständige Ignorieren der Realität der Todesstoß, der die gesamte Geschichte zu einem unglaubwürdigem Gedankenkonstrukt degradiert.
Das gesagt, dürfte „Verschwörung“, auch wenn Womanizer Mikael Blomkvist weniger Kaffee trinkt (dafür ist sein Bierkonsum gestiegen) und sein Sexualleben nicht mehr existent ist (was allerdings auch daran liegt, dass er in den fünf Tagen, in denen die Romangeschichte spielt, kaum zum Schlafen kommt, er den Tod eines jungen Kollegen seelisch verarbeiten muss, seine heißgeliebte Zeitschrift „Millennium“ wieder einmal kurz vor dem Konkurs steht und er von Kollegen als twitterfreies Relikt aus dem letzten Jahrhundert angegriffen wird), den Stieg-Larsson-Fans im Modus „neuer Autor, alte Teile“ gefallen.

David Lagercrantz: Verschwörung
(übersetzt von Ursel Allenstein)
Heyne, 2015
608 Seiten
22,99 Euro

Originaltitel
Det some ine dödar oss
Norstedts, Stockholm, 2015

Hinweise

Meine Besprechung von Stieg Larssons „Verblendung“ (Buch und Film)

Meine Besprechung von Stieg Larssons „Verdammnis“ (Buch und Film)

Meine Besprechung von Stieg Larssons „Vergebung“ (Buch und Film)

Homepage von Stieg Larsson

Heyne über Stieg Larsson

Krimi-Couch über Stieg Larsson

Wikiepedia über Stieg Larsson (deutsch, englisch)

Stieg Larsson in der Kriminalakte

Meine Besprechung der Stieg-Larsson-Parodie „Verarschung“ (The Girl with the Sturgeon Tattoo, 2011) von Lars Arffssen

Meine Besprechung von Dan Burstein/Arne de Keijzer/John-Henri Holmbergs “Die Welt der Lisbeth Salander” (The Tattooed Girl, 2011)

Meine Besprechung von David Finchers Stieg-Larsson-Verfilmung “Verblendung” (The Girl with the Dragon Tattoo, USA 2011)

Meine Besprechung von Denise Mina (Autor)/Leonardo Manco/Andrea Mutti (Zeichner) „Stieg Larsson – Millennium: Verblendung – Band 1“ (The Girl with the Dragoon Tattoo – Book One, 2012 )

Meine Besprechung von Denise Mina/Leanardo Manco/Andrea Muttis “Stieg Larsson- Millennium: Verblendung – Band 2″ (The Girl with the Dragoon Tattoo – Book Two, 2013)

 Meine Besprechung von Denise Mina/Leonardo Manco/Andrea Mutti/Antonio Fusos “Stieg Larsson – Millennium: Verdammnis – Band 1” (The Girl who played with Fire – Book One, 2014)


Philip Kerr, viel Fußball, ein Mord und „Der Wintertransfer“

September 16, 2015

Kerr - Der Wintertransfer - 2

Sogar mir als Mitglied der Fußball-ist-mir-egal-Fraktion (außer natürlich wenn es um Bürgerrechte, Polizeirepression, Gewalt und Korruption geht) fällt auf, dass Fußball einerseits ein Milliardengeschäft ist, andererseits aber kaum Romane über Fußball geschrieben werden. Dabei ist das Spiel und sein Umfeld doch ein ideales Biotop für spannende Geschichten.
Jetzt hat Philip Kerr mit „Der Wintertransfer“ eine im Fußballmilieu spielende Detektivgeschichte geschrieben. Scott Manson ist Co-Trainer beim Premier-League-Verein London City, der inzwischen dem ukrainischen Milliardär Viktor Jewegenowitsch Sokolnikow gehört. Nach Medienberichten ist er ein Oligarch mit mehr als guten Kontakten zum Organisierten Verbrechen, weshalb das mitten auf dem Spielfeld des Vereins ausgehobene Grab auch als ein Signal an Sokolnikow, von Russenmafiosi an Russenmafiosi, verstanden wird. Auch wenn es als Warnung arg theatralisch daherkommt und in dem Grab ein Bild von Joao Zarco, dem Trainer des Vereins liegt. Zarco ist in der Öffentlichkeit vor allem als kein Blatt vor den Mund nehmende Choleriker bekannt. Aber er ist auch ein guter Trainer und ein Freund von Manson.
Kurz darauf ist er tot. Er wurde in einem abgelegenen Raum des Stadions zu Tode geprügelt. Täter und Motiv sind vollkommen unklar.
Sokolnikow bittet Manson, den Mörder zu suchen. Denn in so einem Fußballverein gibt es viele Geschichten, von denen die Polizei und die Öffentlichkeit (via einem Informanten bei der Polizei) nichts erfahren muss.
Außerdem ist gerade der titelgebende Wintertransfer, eine Zeit von wenigen Wochen, in denen Vereine wie blöde Spieler kaufen und verkaufen. Da würde negative Presse sich negativ auf die Verkaufspreise auswirken.
Die meisten werden Philip Kerr über seine Bernie-Gunther-Romane, die sogenannte „Berlin Trilogie“ (oder „Berlin Noir“), die zwischen 1989 und 1991 erschien, kennen gelernt haben. Nach einer fünfzehnjährigen Pause schreibt Kerr inzwischen wieder regelmäßig neue Gunther-Romane die während und nach der Hitler-Diktatur spielen und die, als Hardcover bei Wunderlich (zuletzt „Wolfshunger“) und als Taschenbuch bei rororo (dort erscheint die Taschenbuch-Ausgabe von „Wolfshunger“ Ende November) erscheinen. Ich lernte Kerr über seine ab 1992 erschienenen Einzelromane, wie „Das Wittgenstein-Programm“, „Game Over“ und „Esau“, kennen. Es sind gut recherchierte Thriller, in denen Kerr Fakten und Fiktion gekonnt miteinander verbindet und von Buch zu Buch, manchmal auch in Richtung Science-Fiction gehend, zwischen den verschiedenen Thriller-Subgenres wechselt.
Das gilt auch für „Der Wintertransfer“, der von seiner Struktur her ein klassischer, gut konstruierter Rätselkrimi ist, bei dem die Spuren und falschen Spuren gut gelegt sind.
Dazu kommen viele Informationen über Fußball, die oft monologisierend präsentiert werden. Manchmal weil ein Trainer oder eine andere wichtige Person gerade eine Ansprache hält oder jemand anderes, beispielweise einer nicht-fußballbegeisterten Polizistin, etwas erklären will. Das hat oft die Qualität eines Zeitungskommentars, der sich vor allem an den Leser, mal als Fußballfan, mal als Nicht-Fußballfan, richtet und so in der Realität oft nicht gesprochen würde.
Über diese Fußballfakten und Spielbeschreibungen (so gibt es kurz vor der Auflösung ein in jeder Phase detailliert beschriebenes Spiel gegen West Ham, das Manson, abgesehen von einem Blick auf die Gästeliste, nicht einen Schritt näher an die Lösung, aber seine Mannschaft vielleicht näher an den Ligapokal bringt) gerät dann der Rätselplot immer wieder in den Hintergrund. Aber so habe ich genug über Fußball erfahren, um bei den nächsten Gesprächen mit Hintergrundwissen zu punkten.
Und Kerr, selbst ein bekennder Fan, hat Gefallen an Manson und dem Fußballmilieu gefunden. In England sind bereits zwei weitere Manson-Romane erschienen.

Philip Kerr: Der Wintertransfer
(übersetzt von Axel Merz)
Tropen, 2015
432 Seiten
14,95 Euro

Originalausgabe
January Window
Head of Zeus, London, 2014

Hinweise
Homepage von Philip Kerr
Krimi-Couch über Philip Kerr (nicht so aktuell)
Wikipedia über Philip Kerr (deutsch, englisch)


Französische Verbrechen mit Léo Malet und Jérémie Guez

September 14, 2015

Malet - Das Leben ist zum Kotzen - 2015 - 2Guez - Paris die Nacht

Vor einigen Wochen sagte ich zu einem Freund: „Warum soll ich ein Buch von Léo Malet lesen? Der ist schon seit fast zwanzig Jahren tot und Neuausgaben gibt es keine.“
Nun, tot ist Malet immer noch, aber mit „Das Leben ist zum Kotzen“ gibt es eine Neuausgabe von einem seiner alten Romane (mit einem informativem Nachwort von Tobias Gohlis) und damit auch einen guten Grund, einen Malet zu lesen. Malet – für alle, die sich verzweifelt fragen, wer dieser Malet denn ist – ist vor allem bekannt für seine derzeit vor allem antiquarisch erhältliche Nestor-Burma-Privatdetektivserie, von denen jeder Roman in Paris in einem anderen Arrondissement in Paris spielt.
In „Das Leben ist zum Kotzen“, dem ersten Band seiner zwischen 1947 und 1949 entstandenen Schwarzen Trilogie (Band zwei ist „Die Sonne scheint nicht für uns“, Band drei ist „Angst im Bauch“), erzählt Malet die Geschichte von Jean Fraiger. Er ist der Kopf einer kleinen Verbrecherbande, die ihren ersten Überfall auf einen Lohngeldtransporter quasi im Auftrag streikender Bergarbeiter begeht. Dummerweise gerät der einfache Überfall etwas außer Kontrolle. Der Fahrer wird verletzt. Der Beifahrer wird erschossen. Er ist der Vater von Gloria, der Frau von Lautier, was kein Probleme wäre, wenn Fraiger, der ihren Vater erschoss, nicht unsterblich in sie verliebt wäre.
Und die streikenden Arbeiter wollen nach dem aus dem Ruder gelaufenem Überfall auch nicht das Geld. Sie wollen es vollständig verbrennen.
Kein Wunder, dass Fraiger meint: „Das Leben ist zum Kotzen.“
Aber er und seine Bande machen weiter. Dass das kein gutes Ende nimmt, können wir uns denken. Immerhin ist der Roman schon vor über 65 Jahren geschrieben worden und damals war es eine eherne (heute immer noch gültige) Regel, dass die Verbrecher für ihren Taten büßen müssen. Und dass Gloria keinen guten Einfluss auf den Ich-Erzähler Fraiger hat, können wir uns ebenfalls denken und dennoch wollen wir wissen, wie Fraiger sich immer weiter in Schuld verstrickt. Das erzählt Malet auf knapp 140 Seiten, die sich wie die Vorlage für einen französischen Kriminalfilm aus den fünfziger Jahren lesen. Mit Simone Signoret oder Jeanne Moreau als verführerische Gloria. Jean Gabin ist natürlich auch dabei. Und vielleicht Jean-Paul Belmondo als Fraiger. Und so legt sich über die Geschichte, die etwas unglücklich zwischen Sozialdrama, verquerer Liebesgeschichte (aus heutiger Sicht) und knallhartem Gangsterdrama schwankt, die Patina der Vergangenheit.

Jérémie Guez‘ Debüt „Paris, die Nacht“ erinnert überhaupt nicht an die klassischen französischen Kriminalfilme. Immerhin spielt der ebenfalls angenehm kurze Roman, der ebenfalls „Das Leben ist zum Kotzen“ heißen könnte, im heutigen Paris. Bei einem ihrer abendlichen Streifzüge entdecken die beiden jungen kleinkriminellen Gelegenheitsdealer Abraham und Goran einen illegalen Spielsalon, in dem Verbrecher zocken. Sie halten es für eine geniale Idee, die Verbrecher auszurauben. Denn die können nicht zur Polizei gehen.
Dass das dann doch keine so grandiose Idee war, erfahen sie kurz darauf. Denn die Gangster wollen ihr Geld zurückhaben. Und im Gegensatz zur Polizei müssen sie sich nicht an das Gesetz halten.
Guez war, als sein Debüt in Frankreich 2010 erschien, 22 Jahre und so überzeugt „Paris, die Nacht“ vor allem als Talentprobe, die er besser nicht im Präsens geschrieben hätte. Allzu oft stockt der Lesefluss, weil ich immer wieder nach zwei, drei, vier Sätzen bemerkte, dass ich in Gedanken mal wieder in der vertrauten, aber hier falschen Zeitform war. Dass sein Debüt den bekannten Genrepfaden folgt, kann ihm nicht wirklich vorgeworfen werden. Immerhin schrieb er nicht, wie andere Debütanten, eine langweilige Selbstbespiegelung und die Geschichte seiner ersten großen Liebe. Frauen haben in „Paris, die Nacht“ noch nicht einmal eine Nebenrolle. Und er verzichtet auf die aus anderen Gangstergeschichten bekannten Klischees über die Banlieue, das Migrantenviertel Belleville und die chancenlosen Migrantenkinder. Hier ist jeder für sein Schicksal verantwortlich. Deshalb buddeln sich der Ich-Erzähler Abraham, sein bester Freund Goran und ihre Freunde, die alle wirklich nicht die Hellsten sind, ohne fremde Hilfe ihr Grab.

Léo Malet: Das Leben ist zum Kotzen
(übersetzt von Sarah Baumfelder und Thomas Mittelstädt)
(mit einem Nachwort von Tobias Gohlis)
Nautilus, 2015
160 Seiten
14,90 Euro

Deutsche Erstausgabe
Nautilus, 1987

Originalausgabe
La vie est dégueulasse
S. E. P.E./Editions du Scorpion, 1948

Jérémie Guez: Paris, die Nacht
(übersetzt von Cornelia Wend)
(mit einem Nachwort von Thekla Dannenberg)
Polar, 2015
152 Seiten
12,90 Euro

Originalausgabe
Paris la nuit
La Tengo, 2011

Hinweise
Wikipedia über Léo Malet (deutsch, französisch) und Jérémie Guez
Krimi-Couch über Léo Malet
Meine Besprechung von Jalil Lesperts „Yves Saint Laurent“ (Yves Saint Laurent, Frankreich 2013) (Guez ist einer der Drehbuchautoren)


Kurzkritik: Sebastian Thiel: Sei ganz still

September 9, 2015

Thiel - Sei ganz still - 2

„Ein Noir-Krimi“ steht auf dem Cover von Sebastian Thiels „Sei ganz still“ und natürlich löst das bei mir einen sofortigen, äußerst wohlwollenden Lesereflex aus. Nach der Lektüre empfand ich den Krimi gar nicht als so Noir, sondern eher als ziemlich normalen Hardboiled-Privatdetektiv-Krimi vor einem ungewohnten Hintergrund. Denn die Geschichte spielt 1938 in Deutschland.
Friedrich Wolf sticht seit einigen Wochen in einem Strafgefangenenlager Torf. Er war früher Polizist. Einer von der altmodisch-harten Sorte: ein Trinker, ein Stammgast in den Freudenhäusern, ein Schläger, aber auch einer, der die Bösewichter schnappte. Und, immerhin ist er unser Held, integer. Mit den Nazis, der SS, den Mitläufern und den Hofschranzen hat er nichts zu tun. Deshalb sitzt er auch im Lager, bis Ernst Kampa, ein hochrangiger SS-Arzt, ihn herausholt, neu einkleidet, ihm ein Bündel Geld gibt und beauftragt, seine verschwundene Verlobte Charlotte Rickert, die er demnächst heiraten will, zu finden. Sie ist Wolfs altem Revier, in Düsseldorf, untergetaucht.
Wolf frischt als Privatdetektiv ohne Lizenz zuerst einmal seine alten Kontakte aus dem Milieu auf und schnell hat er eine Spur.
Geübten Krimilesern verrate ich sicher kein Geheimnis, wenn ich sage, dass Kampa mit gezinkten Karten spielt. Immerhin gehört das seit den Tagen von Dashiell Hammett und Raymond Chandler zum festen Inventar einer Privatdetektiv-Geschichte und eine solche Geschichte erzählt Sebastian Thiel in seinem spannenden Krimi, der dank des Handlungsortes und der Handlungszeit mit einigen überraschenden Wendungen aufwarten kann. Inwiefern er in den Details historisch korrekt ist (Gab es 1938 noch eine so offen agierende Halb- und Unterwelt? Konnte ein Bordell so bekannt sein?), weiß ich nicht. Aber die Aussortierung von lebensunwertem Leben und die medizinischen Versuche an Kindern gab es (und in einem Nachwort hätte Thiel als sinnvolle Zusatzinformation noch etwas genauer auf die historischen Hintergründe eingehen können). Das Klima der Verunsicherung ist, auch wenn es ein eher austauschbarer Hintergrund ist, den wir von in totalitären Gesellschaften spielenden Krimis kennen, gut getroffen und natürlich muss man bei einem deutschen Krimi dankbar sein, wenn der Protagonist ein moralisch ambivalenter Ermittler ohne Familienanhang ist und die Halb- und Unterwelt als das natürliche Umfeld des Ermittlers gezeigt wird.
Das klingt jetzt vielleicht etwas negativ. Dabei hat mir „Sei ganz still“ gut gefallen. Es ist ein flott geschriebener PI-Krimi, der auch wegen des actionhaltigen Endes gut verfilmt werden könnte.

Sebastian Thiel: Sei ganz still
Gmeiner, 2015
288 Seiten
10,99 Euro

Hinweise
Homepage von Sebastian Thiel
Histo-Couch: Interview mit Sebastian Thiel über „Sei ganz still“


Kurzkritik: Jutta Vahrson: Mord im Farnhaus

September 8, 2015

Vahrson - Mord im Farnhaus - 2

Nach den beiden Wälzern „Tage der Toten“ und „Das Kartell“ über den Drogenkrieg der USA in Südamerika, muss ich einige kurze Bücher lesen (Ah, das ist eine der Schönheiten des Bloggens! Jeder Redakteur hätte diesen Satz sofort gestrichen, weil er nichts mit der nun folgenden Rezension zu tun hat und weil der Kritiker objektiv kritisieren soll und da ist es egal, was er vorher und nachher gelesen hat.).
Jedenfalls gibt es in den nächsten Tagen einige Besprechungen von Krimis, die alle weniger als vierhundert, dreihundert oder zweihundert Seiten haben. Beginnen wir mit „Mord im Farnhaus“ von Jutta Vahrson, einem fast schon klassischen Landhauskrimi. Auch wenn dieses Landhaus nicht in England, sondern in Neuseeland steht und es auch kein Landhaus, sondern eine ziemliche Bruchbude im Wald am Arsch der Welt ist, die von der Ich-Erzählerin Renate Ute Anke Schlingensiel, kurz Reni, zu einer Unterkunft für Rucksacktouristen aufgehübscht wird. Eigentlich überlässt sie den Rucksacktouristen das Renovieren und verlangt dafür noch Geld (Ein Plan, der mir gefällt.).
Reni ist auch keine Miss Marple, sondern eine deutlich jüngere, mäßig erfolgreiche Krimiautorin mit Agatha-Christie-Spleen, die ihr Cottage in England verlässt. Die angedrohte Mieterhöhung hätte sie nicht bezahlen können und die Nachricht, dass ihre Tante ihr ein Haus vermachte, ließen sie die Koffer packen. Das Haus, das „Sand Castle“, ist dann, wie gesagt, doch nicht so prächtig und die Frauenleiche, die, als Begrüßungsgeschenk, vor ihrem neuen Heim liegt, trägt auch nicht dazu bei, ihre Stimmung zu heben. Auch wenn der örtliche Doktor, im Hauptberuf Tierarzt, etwas von einem natürlichen Tod faselt.
Jedenfalls hat sie mit ihren Hostelgästen, darunter ein hilfsbereiter Mann im zeugungsfähigen Alter (sehr, sehr verdächtig!), der Schwester der Toten und dem halben Dorf schnell genug Personal für einen veritablen Rätselplot versammelt. Auch wenn unklar ist, ob Dora-May, die Pächterin von Renis Haus, ermordet wurde.
Als Reni erfährt, dass ihre Tante irgendwo auf dem großen Grundstück einen Schatz versteckt hat, träumt sie von einem Ausweg aus ihrer finanziellen Misere und sie hat auch eine sehr genaue Idee weshalb Dora-May und vielleicht sogar ihre Tante ermordet wurde.
Ihr ahnt es: „Mord im Farnhaus“ ist ein richtig altmodischer, vergnüglich kurzweiliger Rätselkrimi mit einer leicht verpeilten Amateurermittlerin und viel Agatha Christie, die am 15. September ihren 125. Geburtstag hat. Und weil bei einem Rätselkrimi jedes Wort schon die Lösung, also den Mörder (Nein, es ist nicht der Butler. Das Farnhaus hat keinen Butler.), verraten kann, sage ich nur: hat gefallen!

Jutta Vahrson: Mord im Farnhaus
2015
235 Seiten (ungefähr)
2,99 Euro
(ist ein Ebook und hier ist der Amazon-Link)

Hinweis
Homepage von Jutta Vahrson


Am Ziel: „Das Kartell“ von Don Winslow

August 26, 2015

Nach der vorbereitenden Lektüre mit zwei kurzweiligen Neal-Carey-Romanen („London Undercover“ und „China Girl“) und seiner siebenhundertseitigen, 2005 erschienenen Chronik des US-Drogenkrieges „Tage der Toten“ bin ich mit „Das Kartell“, dem neuesten Roman von Don Winslow, der fast zeitgleich in den USA und Deutschland erschien, am Ziel von meinem kleinen Don-Winslow-Lesemarathon.
Zehn Jahre nach „Tage der Toten“ erzählt Winslow in „Das Kartell“ die Geschichte von DEA-Fahnder Art Keller und seiner Nemesis, dem mexikanischen Drogenboss Adán Barrera, weiter und widmet sich den Jahren zwischen 2004 und 2012 (mit einem 2014 spielendem Epilog), in denen der Drogenkrieg zunehmend brutaler geführt wurde und die von den Drogenkartellen verursachte Gewalt in Mexiko ungeahnte Ausmaße erreichte.
Am Anfang von „Das Kartell“ gelingt es Barrera, der am Ende von „Tage der Toten“ verhaftet wurde und vor einem US-Gericht angeklagt werden soll, von dem US-Gefängnis in ein mexikanisches Gefängnis überstellt zu werden, aus dem er schnell flüchtet. Art Keller, der sich in ein Kloster zurückgezogen hat, nimmt wieder seine Arbeit als Drogenfahnder auf. Er kennt Barrera am besten und er will ihn zur Strecke bringen.
Die ersten Seiten des über achthundertseitigem Roman lesen sich aufgrund der Ausgangslage eher wie ein klassischer Thriller mit einem klar definiertem Helden und einem ebenso klar definiertem Bösewicht. Das ändert sich im Verlauf des Romans, der in erster Linie eine chronologische Chronik des Anti-Drogenkampfes der USA in Mexiko in den vergangenen zehn Jahren ist und die sich liest, als sei sie direkt von den Schlagzeilen abgeschrieben worden. Diese Struktur, die eine Mischung aus den Titelseiten der Zeitungen und des episodischen Serienfernsehens (das im Rahmen eines daily struggle nicht mehr auf ein festes Ende angelegt ist und daher auch immer wieder mäandert und die Lösung des Konflikts endlos vor sich hin schiebt) ist, führt auch dazu, dass Keller und Barrera immer wieder für Dutzende von Seiten aus der Geschichte verschwinden und dass es breit gezeichnete Subplots gibt, die den Hauptplot (nämlich den Kampf zwischen Keller und Barrea) keinen Millimeter voranbringen.
So gibt es von Seite 383 bis Seite 430 das Kapitel „Journalisten“, das die Arbeit und das Privatleben von einigen Journalisten in Ciudad Juárez, einem Ort mit inzwischen trauriger Berühmtheit, schildert und der Beginn eines eigenständigen Plots ist, der mit Art Keller und Adán Barrera eigentlich nichts zu tun hat. Natürlich geht es in diesem Kapitel auch um die Banden- und Drogenkriminalität, aber jetzt wird der Drogenkrieg plötzlich aus einer Außenperspektive (nämlich der von ehrlichen Menschen, die weder Drogenhändler noch Polizisten sind) geschildert. Das ist nicht uninteressant, aber man hätte das Kapitel auch einfach streichen können, ohne am restlichen Text irgendetwas ändern zu müssen. Solche Episoden, die manchmal zu größeren Subplots werden, gibt es in „Das Kartell“ mehrere und sie tragen auch dazu bei, dass sich mit zunehmender Lektüre ein Gefühl der Erschöpfung einstellt.
Das spiegelt natürlich auch die Vergeblichkeit des Antidrogenkrieges und die zunehmende Erschöpfung von Keller und Barrera wieder. Aber literarisch erinnert dieses Programm dann an die unsäglich „totquatschen, bis alle zustimmen“-Politik, die nicht durch Qualität (die durchaus vorhanden sein kann), sondern nur durch Quantität beeindrucken will.
Wie schon „Tage der Toten“, gehört „Das Kartell“ nicht zu Don Winslows besten Büchern. Vor allem der Humor und die pointierte Verknappung fehlen. Stattdessen werden die Ereignisse oft in einer nüchternen Nachrichtenprosa beschrieben, die über die Strecke von achthundertdreißig Seiten ermüdet. Denn die Gewalt der Drogenkartelle gegeneinander und gegen die Bevölkerung geriet in den vergangenen zehn Jahren in Mexiko vollkommen außer Kontrolle. Aber nach dem dritten Massaker tendiert der Erkenntnisgewinn der Beschreibung des vierten Massakers an einer anderen Verbrecherbande, an Polizisten oder Zivilisten gegen Null. Es ist einfach nur mehr vom Gleichen.
Und wegen der vielen Charaktere und Handlungsstränge (die auch manchmal schnöde fallen gelassen werden; so begibt sich auf Seite 668 ein Drogengangster mit Kellers Hilfe in US-Schutzhaft. Erst viele Seiten später, auf Seite 715, erfahren wir in wenigen Sätzen, was mit ihm geschah, nachdem er sich bei Keller meldete und in US-amerikanische Schutzhaft begeben hat) und der langen Zeit, die die Geschichte umfasst, bleibt „Das Kartell“ dann als ein an allen Ecken und Enden ausfaserndes Werk, das wirklich alles über den Drogenkrieg sagen will (und dabei doch einiges weglässt), doch an der Oberfläche. Dass Don Winslow es besser kann, zeigt er in seinen kürzeren Romanen, die auch nicht durch den Duktus der Faktentreue gebremst werden. In ihnen steigt er wesentlich tiefer in den von den USA in Südamerika geführten, in jeder Beziehung absurden und zunehmend irrationalen Drogenkrieg ein. Also besser „Bobby Z“, „Savages – Zeit des Zorns“ oder „Kings of Cool“, die auch stilistisch überzeugender sind, lesen.

Winslow - Das Kartell - 2
Don Winslow: Das Kartell
(übersetzt von Chris Hirte)
Knaur, 2015
832 Seiten
16,99 Euro

Originalausgabe
The Cartel
Alfred A. Knopf, 2015

Hinweise

Hollywood & Fine: Interview mit Don Winslow (11. Juli 2012)

Homepage von Don Winslow (etwas veraltet, weil eigentlich eine Verlagsseite)

Deutsche Homepage von Don Winslow (von Suhrkamp)

Don Winslow twittert ziemlich oft

Meine Besprechung von Don Winslows “London Undercover” (A cool Breeze on the Underground, 1991)

Meine Besprechung von Don Winslows “China Girl” (The Trail to Buddha’s Mirror, 1992)

Meine Besprechung von Don Winslows „Bobby Z“ (The Death and Life of Bobby Z, 1997)

Meine Besprechung von Don Winslows „Tage der Toten“ (The Power of the Dog, 2005)

Meine Besprechung von Don Winslows „Pacific Private“ (The Dawn Patrol, 2008)

Meine Besprechung von Don Winslows „Pacific Paradises“ (The Gentlemen’s Hour, 2009) und „Tage der Toten“ (The Power of the Dog, 2005)

Meine Besprechung von Don Winslows „Satori“ (Satori, 2011)

Mein Interview mit Don Winslow zu “Satori” (Satori, 2011)

Meine Besprechung von Don Winslows “Savages – Zeit des Zorns” (Savages, 2010)

Meine Besprechung von Don Winslows “Kings of Cool” (The Kings of Cool, 2012)

Meine Besprechung von Don Winslows „Vergeltung“ (Vengeance, noch nicht erschienen)

Meine Besprechung von Don Winslows “Missing. New York” (Missing. New York, noch nicht erschienen)

Mein Hinweis auf Don Winslows „London Undercover – Neal Careys erster Fall“ (A Cool Breeze on the Underground, 1991)

Meine Besprechung von Oliver Stones Don-Winslow-Verfilmung „Savages“ (Savages, USA 2012)

Don Winslow in der Kriminalakte

 


DVD-Kritik: Über die Jussi-Adler-Olsen-Verfilmung „Schändung – Die Fasanentöter“

August 25, 2015

Zum Kinostart schrieb ich wenig begeistert über „Schändung – Die Fasanentöter“, die zweite Jussi-Adler-Olsen-Verfilmung:

Es hilft nichts. Auch die Veränderungen im Drehbuch von Nikolaj Arcel und Rasmus Heisterberg machen aus Jussi Adler-Olsen spannungsloser Geschichte „Schändung“ keinen Thriller. Die Täter sind beide Male von Anfang an bekannt, was ja nicht unbedingt ein Nachteil ist. So basiert die grandiose Krimiserie „Columbo“ auf dieser Idee. Aber in „Columbo“ sind die Verbrecher intelligent, die Konfrontationen zwischen dem Ermittler und dem Mörder sind vergnügliche Schlagabtäusche, Katz-und-Maus-Spiele zwischen intelligenten Kontrahenten, und in jeder Szene erfahren wir etwas neues.
In „Schändung“, und da unterscheiden sich der Roman seine Verfilmung nicht, ist es anders. Es gibt einfach keine nennenswerten Konfrontationen und, nachdem wir die Ausgangssituation kennen, auch keine neuen Erkenntnisse. Die gesamte Geschichte quält sich über 450 Seiten (im Roman) oder gut 120 Minuten (im Film) auf ihr Ende zu. Schon am Anfang erfahren wir, dass eine Gruppe stinkreicher Internatsschüler vor zwanzig Jahren zwei Jugendliche ermordeten. Bjarne Thøgersen gestand den Doppelmord und sitzt dafür im Gefängnis. Der Fall ist offiziell abgeschlossen.
Jetzt beginnt Carl Mørck vom Sonderdezernat Q, der Abteilung für alte, nicht abgeschlossene Fälle, den Fall neu aufzurollen. Im Roman weil die Akte wie von Geisterhand auf seinem schon gut gefülltem Schreibtisch auftaucht und es, anstatt sich irgendeinen ungeklärten alten Mordfall vorzunehmen, natürlich grundvernünftig ist, einfach einen geklärten alten Mordfall noch einmal zu untersuchen. Vielleicht haben die Kollegen ja Mist gebaut und vielleicht ist der geständige Täter, der sein Geständnis nicht widerrufen möchte, doch nicht der Täter. Wer jetzt glaubt, dass Mørcks Verhalten idiotisch ist, wird an Adler-Olsens Roman keine Freude haben. Aber eigentlich sollte er nach dem ersten Sonderdezernat-Q-Roman „Erbarmen“ schon vorgewarnt sein.
Im Film ist Mørcks Verhalten immerhin besser motiviert: Eines Nachts begegnet er im Regen (wegen der atmosphärischen Bilder) einem offensichtlich verwirrten Mann, der ihm die alte Akte gibt. Am nächsten Tag ist er tot. Suizid. Er war ein Ex-Polizist und der Vater der beiden toten Teenager. Getrieben von dem Gefühl, dem Mann nicht geholfen zu haben, sieht Mørck sich den Fall wieder an.
Zur gleichen Zeit läuft die Obdachlose Kimmie durch Kopenhagen. Sie ist eine der damaligen Täter und jetzt will sie sich an den anderen Tätern rächen. Ohne jetzt allzutief in die Psychologie einzusteigen: weil Jussi Adler-Olsen es so will und es in der Theorie doch gut klingt: während die Polizei die Täter sucht, will einer der Täter die anderen umbringen und jetzt haben wir einen Wettlauf mit der Zeit. Denn wer erreicht zuerst sein Ziel? Die Ausführung steht dann auf einem anderen Blatt und das Ende bringt diese beiden Plots mit mehr Zufall als Verstand oder innerer Logik zusammen.
Unglaubwürdige Charaktere, eine unplausible Geschichte, fehlende Konfrontationen, fehlende Konflikte – das ist das Rezept für einen veritablen Langweiler, der in diesem Fall immerhin Mørcks Privatleben links liegen lässt. Dieses Fazit gilt für den Roman und die Verfilmung.

Jetzt, nach der zweiten Sichtung, fällt mir auf, dass ich die gewohnt wertige skandinavische Optik nicht lobte. Und in zwei Punkten war ich etwas ungenau. Bjarne Thøgersen hat seine Strafe nämlich schon verbüßt und er wurde für sein Geständnis, was den beiden Ermittlern sofort auffällt, fürstlich entlohnt. Und Kimmie ist im Film nur noch eine gequälte Seele; – was einige Wendungen psychologisch umso unverständlicher macht. Im Roman verfolgt sie konsequenter ihren Racheplan; – was psychologisch auch nicht sonderlich nachvollziehbar ist. Immerhin ist die Verfilmung gelungener als der Roman.
Ob ich jemals ein Adler-Olsen-Fan werde? Immerhin gibt es mit „Erlösung“ einen dritten Versuch, der ab Mitte Juni 2016 in unseren Kinos laufen soll und der, bis auf den Regisseur (Hans Petter Moland übernahm), mit dem bewährtem Team gedreht wird. Vielleicht ist dieser Mørck-Film, in dem es um verschwundene Kinder geht, kein Murks, für den vor allem Romanautor Jussi Adler-Olsen verantwortlich ist.
Das Bonusmaterial ist ziemlich umfangreich und auch informativ geraten, was vor allem daran liegt, dass Regisseur Mikkel Nørgaard im 26-minütigem „Making of“ ausführlich zu Wort kommt. Mit den beiden Hauptdarstellern Nikolaj Lie Kaas und Fares Fares gibt es außerdem kürzere Interviews (8 und 6:30 Minuten), die im Rahmen der Werbung für den deutschen Kinostart gemacht wurden.

Schändung - DVD-Cover - 4

Schändung – Die Fasanentöter (Fasandræberne, Dänemark/Deutschland/Schweden 2014)
Regie: Mikkel Nørgaard
Drehbuch: Nikolaj Arcel, Rasmus Heisterberg
LV: Jussi Adler-Olsen: Fasandræberne, 2008 (Schändung)
mit Nikolaj Lie Kaas, Fares Fares, Pilou Asbaek, David Dencik, Danica Curcic, Johanne Louise Schmidt

DVD
NFP marketing & distribution (Vertrieb: Warner Bros.)
Bild: 2,35:1 (16:9)
Ton: Deutsch, Dänisch
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Making of, Interviews mit Nikolaj Lie Kaas und Fares Fares, Trailer, Teaser, Hörfilmfassung
Länge: 115 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage

Adler-Olsen - Schändung - Movie-Tie-In

Jussi Adler-Olsen: Schändung
(übersetzt von Hannes Thiess)
dtv, 2015 (Filmausgabe)
464 Seiten
9, 95 Euro

Deutsche Erstausgabe
dtv premium, 2010

Originalausgabe
Fasandræberne
Politikens Forlagshus A/S, Kopenhagen, 2008

Hinweise
Homepage zum Film
Film-Zeit über „Schändung“
Moviepilot über „Schändung“
Rotten Tomatoes über „Schändung“
Dänische Homepage von Jussi Adler-Olsen

Deutsche Homepage von Jussi Adler-Olsen

Krimi-Couch über Jussi Adler-Olsen

Wikipedia über Jussi Adler-Olsen

Meine Besprechung von Jussi Adler-Olsens „Erbarmen“ (Kvinden i buret, 2008)

Meine Besprechung von Mikkel Nørgaards „Erbarmen“ (Kvinden i buret, Dänemark/Deutschland/Schweden 2013)

Meine Besprechung von Mikkel Nørgaards „Erbarmen“ (Kvinden i buret, Dänemark/Deutschland/Schweden 2013) (DVD)

Meine Besprechung von Mikkel Nørgaards Jussi-Adler-Olsen-Verfilmung „Schändung – Die Fasanentöter“ (Fasandræberne, Dänemark/Deutschland/Schweden 2014)