Nicht Spenser, sondern Jesse Stone, Virgil Cole und Everett Hitch – und immer Robert B. Parker

Mai 19, 2015

Parker - Mord im ShowbizParker - Der Killer kehrt zurück

Bekannt wurde Robert B. Parker mit dem Boston-Privatdetektiv Spenser, der in den Siebzigern zu einer Neuerfindung des Privatdetektiv-Romans betrug und in den folgenden Jahren die Blaupause für alle Privatdetektive wurde. Denn Parker gab dem Privatdetektiv ein Gewissen, einen gewalttätig-loyalen Freund (der die Schmutzarbeit vom Verprügeln bis Töten erledigte) und eine Freundin, eine feste Partnerin, und damit ein deutlich eingeschränktes Sexualleben. Spenser ist halt kein Mike Hammer.
Außerdem integrierte Parker Themen in den Privatdetektivroman, die dort in den frühen Siebzigern (und teilweise auch in der restlichen Literatur) nicht beachtet wurden und die uns heute selbstverständlich erscheinen.
Fast bis zur Jahrtausendwende schrieb Parker Spenser-Romane und einige Einzelromane, die lange nicht so populär wie die Serie um seinen Privatdetektiv sind.
Seine kurzlebige Serie mit der Privatdetektivin Sunny Randall war dann auch nur eine weibliche Ausgabe von Spenser. In „Mord im Showbiz“ hat sie nach sechs Romanauftritten (die fast alle nicht übersetzt wurden) auch ihren ersten Auftritt in einem Jesse-Stone-Roman.
Jesse Stone ist, obwohl sich sein Spenser-tum nicht verleugnen lässt, ein Gegenentwurf zu Spenser. Stone war Kriminalpolizist in Los Angeles, ist Alkoholiker, hat eine problematische On/Off-Beziehung zu seiner Ex-Frau Jenn, besucht regelmäßig einen Psychiater (er hat halt keine Susan Silverman) und ist der Polizeichef von Paradise, Massachusetts, einem Küstenort in Sichtweite von Boston.
In acht TV-Filmen wurde er kongenial von Tom Selleck verkörpert. Danach beendete CBS die Reihe, weil ihnen die Zuschauer zu alt waren. Für September 2015 ist mit „Lost in Paradise“ ein neuer Jesse-Stone-Film, wieder mit dem bewährten Team vor und hinter der Kamera, angekündigt, der dann vom Hallmark Channel präsentiert wird.
Bis dahin (und bis der Film im deutschen TV läuft) ist mehr als genug Zeit, um die beiden bei uns neuen Jesse-Stone-Romane „Mord im Showbiz“ und „Der Killer kehrt zurück“ zu lesen, die sich im Guten wie im Schlechten nicht von Robert B. Parkers anderen, in den letzten Jahren geschriebenen Romanen unterscheiden. Das Plotting ist eher schlampig (vor allem in „Mord im Showbiz“ passiert lange nichts: kein Ermittlungsansatz, keine heiße Spur, kein Verdächtiger), die Charaktere und die Gespräche sind, trotz wechselndem Setting, vertraut, aber Parkers Sprache gefällt und der lakonische Humor, vor allem in den zahlreichen Dialogen, ist gewohnt treffend. Eigentlich bestehen seine Romane nur aus Dialogen und einigen spärlichen Regieanweisungen.
In „Mord im Showbiz“ wird die in einem Park an einem Baum hängend die Leiche des bekannten, verheirateten Talkshow-Moderators und Schürzenjägers Walton Weeks entdeckt. Kurz darauf wird die Leiche seiner Assistentin Carey Longley in einem Müllcontainer im Hof von Daisys Restaurant entdeckt. Sie war von ihm schwanger. Aber die üblichen Verdächtigen haben ein Alibi oder kein Motiv.
Gleichzeitig behauptet Jesse Stones Exfrau, dass sie vergewaltigt wurde. Er bittet, trotz Zweifel, seine derzeitige Freundin, die Privatdetektivin Sunny Randall, sich um Jenn zu kümmern. Kurz darauf entdeckt Sunny einen Stalker. Aber Jenn, die weiterhin an ihrer TV-Karriere arbeitet, behauptet, ihn nicht zu kennen.
„Der Killer kehrt zurück“ beginnt mit der Rückkehr von einem alten Bekannten und einer typischen Western-Situation.
Wilson „Crow“ Cromartie, der indianisch-stämmige Killer aus dem zweiten Stone-Roman „Terror auf Stiles Island“ (Trouble in Paradise“, 1998), ist wieder in Paradise. Als erstes besucht er Jesse Stone im Polizeirevier, um ihm zu sagen, dass er zurückgekommen ist und jemand suchen soll.
Crow ist natürlich ein zweiter Hawk, wie Spensers loyaler, gewalttätiger Freund und Frauenheld heißt. Entsprechend schnell entwickelt sich aus dem professionellen Respekt zwischen Jesse und Crow eine Quasi-Freundschaft. Vor allem nachdem Crow sein Ziel entdeckt hat und sich weigert Frances Franklin zu töten und ihre vierzehnjährige Tochter Alice, eigentlich Amber, zu ihrem Vater zurückzubringen. Louis Francisco ist ein Florida-Mafiosi, der, nachdem er erfährt, dass Crow den Auftrag nicht ausführen will, seine Männer losschickt, um den Auftrag und Crow zu erledigen.
Währenddessen stachelt Amber ihren Freund Esteban Carty, den Kopf einer Latino-Gang an, ihren Vater auszunehmen.
Und schon entwickelt sich ein veritabler leichengesättigter Gegenwarts-Western.

Parker - Brimstone
Nach dem Quasi-Western „Der Killer kehrt zurück“ wenden wir uns dem echten Western zu: „Brimstone“, das dritte Abenteuer von Virgil Cole und Everett Hitch.
Nach einer einjährigen Suche finden die beiden Revolermänner Coles Freundin Allie French in einem Freudenhaus, aus dem sie sie sofort herausholen. Weil ihre Ersparnisse fast aufgebraucht sind, nehmen Cole und Hitch in Brimstone, einem kleinen, rasch wachsendem Ort, einen Job als Gesetzeshüter an und geraten in den Kampf zwischen Kneipenbesitzer Pike, der ganz Texas will, und Bruder Percival, einem religiösen Eiferer, der in Brimstone sein „Neues Bethelem“ errichten möchte. Natürlich ohne Alkohol und käuflichen Sex.
Bis dieser Konflikt zwischen Pike und Percival für die Romangeschichte wirklich wichtig wird, vergeht viel Zeit, die Robert B. Parker durchaus kurzweilig mit Allies Bemühungen als Hausfrau und religiös bekehrte Kirchenmusikerin und den üblichen Konflikten, die es in einer kleinen Stadt mit schießwütigen Betrunkenen und ebenso schießwütigen, aber nüchternen Indianern gibt. Das ist nicht besonders aufregend oder innovativ, aber es ist eine angenehme Lektüre, die auch den Staub des Wilden Westens atmet.
In den USA werden nach dem Tod von Robert B. Parker einige seiner Serien von anderen Autoren weitererzählt. Ace Atkins schreibt neue Spenser-Romane. Michael Brandman, der auch die Stone-Filme produzierte und die meisten Drehbücher verfasste, schrieb drei Jesse-Stone-Romane, ehe er den Stab an den dreifachen Shamus-Gewinner Reed Farrel Coleman (den könnte ein deutscher Verlag mal übersetzen) weiterreichte. Robert Knott, Schauspieler und Drehbuchautor der Parker-Verfilmung „Appaloosa“, schreibt neue Cole/Hitch-Western.
Und im Juli veröffentlicht Pendragon mit „Drei Kugeln für Hawk“ (Cold Service, 2005) einen neuen Spenser-Roman.

Nachtrag (21. März 2015): Wer die alten Spenser-Romane (die natürlich vieeel besser als die Neuen sind) lesen will, kann sich jetzt als E-Book „Wetten gegen den Tod“ (Mortal Stakes, 1975 – Betrug bei den Boston Red Sox. Nicht mit Spenser.), „Bodyguard für Rachel Wallace“ (Looking for Rachel Wallace, 1980 – Spenser spielt den Bodyguard für eine lesbische Feministin – und wir erleben eine erste Diskussion über Spensers Machotum und den Feminismus. Grandios!) und „Neun Mörder “ (The Judas Goat, 1978 – Spenser auf Terroristenjagd; den fand ich zu episodisch und zu Spenser-untypisch) besorgen.

Robert B. Parker: Mord im Showbiz
(übersetzt von Bernd Gockel)
Pendragon, 2015
304 Seiten
11,99 Euro

Originalausgabe
High Profile
G. P. Putnam’s Sons, 2007

Robert B. Parker: Der Killer kehrt zurück
(übersetzt von Bernd Gockel)
Pendragon, 2015
312 Seiten
11,99 Euro

Originalausgabe
Stranger in Paradise
G. P. Putnam’s Sons, 2008

Robert B. Parker: Brimstone
(übersetzt von Emanuel Bergman)
Europa Verlag, Zürich, 2015
224 Seiten
20,00 Euro

Originalausgabe
Brimstone
G. P. Putnam’s Sons, 2009

Hinweise

Homepage von Robert B. Parker

Mein Porträt der Spenser-Serie und von Robert B. Parker

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Die blonde Witwe“ (Widow’s walk, 2002)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers “Alte Wunden” (Back Story, 2003)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Der stille Schüler“ (School Days, 2005)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Der gute Terrorist“ (Now & Then, 2007)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers “Hundert Dollar Baby” (Hundred Dollar Baby, 2006)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Trügerisches Bild“ (Painted Ladies, 2010)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers “Bitteres Ende” (The Professional, 2009)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Wildnis“ (Wilderness, 1979)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Appaloosa“ (2005)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Appaloosa“ (Appaloosa, 2005) (Übersetzung)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers “Das dunkle Paradies” (Night Passage, 1997)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Miese Geschäfte“ (Bad Business, 2004)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Resolution“ (Resolution, 2008)

Mein Nachruf auf Robert B. Parker

Robert B. Parker in der Kriminalakte

 


Nick Louth begibt sich auf „Die Suche“

Mai 11, 2015

Louth - Die Suche - 2

Nach einem Blick in das Impressum und nach den ersten Seiten von Nick Louths Debütroman „Die Suche“ fragt man sich: Warum wird 2015 ein Seuchenthriller von 2007 veröffentlicht, der 2002 spielt?
Nun, wegen Amazon.
Denn dort kam Nick Louths Debütroman „Die Suche“ letztes Jahr auf die E-Book-Top-100-Liste und das befeuerte das Interesse an dem Roman. Außerdem spielt Louths Thriller vor dem Hintergrund einer globalen Seuche und seit einigen Jahren sind Seuchenthriller ziemlich beliebt. Auch ohne Zombies.
Dummerweise haben viele dieser Thriller auch die Tendenz dicke Flughafenlektüre zu sein. Mit 416 Seiten ist Loughs Roman zwar nicht besonders dick, aber das bewahrt ihn nicht davor, in erster Linie Kolportage und Recycling allseits bekannter Klischees zu sein. Was nicht so schlimm wäre, wenn „Die Suche“ wenigstens spannend wäre. Aber gerade in Punkto Spannung hat „Die Suche“ wenig zu bieten.
Im Mittelpunkt steht Max Carver, ein Künstler, der vorher bei der Küstenwache das Zuschlagen übte und mehrmals mit dem Gesetz in Konflikt geriet. Natürlich unschuldig und nur durch widrige Umstände und seinen Edelmut. Jetzt ist er in Amsterdam. Einerseits weil er in einer Galerie eine Ausstellung hat. Andererseits, weil er seine Freundin Erica Stroud-Jones begleitet. Erica ist Wissenschaftlerin, die auf einer Konferenz eine bahnbrechende Entdeckung zur Bekämpfung von Malaria vorstellen will. Die gesamte Wissenschaftlergemeinde wartet gespannt auf ihren Vortrag. Aber davor verschwindet sie, mitten in der Nacht, spurlos.
Die Bemühungen der Polizei, sie zu finden, halten sich in Grenzen. Denn Erica ist erwachsen und in Amsterdam verschwinden immer wieder Touristen. Meistens haben sie einfach zu viele Drogen genommen und tauchen kurz darauf mit einem dicken Kopf und einem leeren Geldbeutel wieder auf.
Aber Max ist überzeugt, dass ihr etwas zugestoßen ist. Er sucht sie und lernt dabei die Halb- und Unterwelt von Amsterdam kennen.
Währenddessen erkranken mehrere Menschen an Malaria. Unter anderem Jack Erskine, der skrupellose Chef des Pharmakonzerns Pharmstar.
In die aktuellen Geschnisse – Max‘ Suche nach seiner Freundin, der Überlebenskampf von Erskine, die Animositäten der Malaria-Forscher und deren Kampf gegen die Seuche – fügt Nick Louth Ausschnitte aus Ericas Tagebuch ein, das von ihren Erlebnissen in Afrika 1992 berichtet. Diese Ereignisse haben etwas mit der jetzigen Malaria-Seuche zu tun.
Diese drei Plots laufen unverbunden nebeneinander her und gerade die Entführungsgeschichte ist, vor dem Hintergrund einer globalen, potentiell todbringenden Seuche, wenig glaubwürdig. Denn letztendlich sucht Max nur seine spurlos verschwundene Freundin. Er hat dabei einige Probleme mit Gaunern und dann auch mit der Polizei, die ihn bei einigen Straftaten für den Täter hält. Das ist okayer Thrillerstoff, aber vor dem Hintergrund einer globalen Epidemie mit vielen, vielen sterbenden und potentiell sterbenden Menschen ist dieser Marsch durch die Hinterhöfe von Amsterdam nicht gerade das, was einen brennend interessiert.
Der Bösewicht taucht erst gegen Ende auf und sein Motiv ist – na ja. Er ist auch einer dieser Bösewichter, die glauben, dass die Menschheit sie ohne ein erklärendes Wort versteht. Dabei hat er eine Botschaft.
Die Initialzündung für den Roman war in den Neunzigern, so Wirtschaftsjournalist Nick Louth, das mangelnde Interesse von Pharmafirmen bei der Bekämpfung von Malaria. Auf dieses Problem wurde er bei einem Medizinerkongress, den er in Amsterdam besuchte, aufmerksam.
Seitdem änderte sich einiges. Bill Gates und die von ihm gegründete Bill & Melinda Gates Foundation gab in den vergangenen Jahren viel Geld für die Malaria-Bekämpfung aus.
Und neueste Forschungsergebnisse sagen sogar, dass es demnächst einen wirksamen Impfstoff gegen Malaria gibt.
Insofern hat sich seit der Erstveröffentlichung von „Die Suche“ vor acht Jahren einiges geändert. Aber der Roman spielt auch zu Beginn des Jahrtausends.

Nick Louth: Die Suche
(übersetzt von Peter Friedrich)
Ullstein, 2015
416 Seiten
12,99 Euro

Originalausgabe
Bite
Ludensian Books, 2007

Hinweis
Homepage von Nick Louth


Kurzkritik: Ray Banks: Dead Money

Mai 6, 2015

Eigentlich ist „Dead Money“ von Ray Banks ein Buch für mich. Immerhin ist es ein waschechter Noir, in dem der Erzähler sich immer mehr in die Scheiße reitet. Dabei hat Alan Slater einen halbwegs guten Job. Er ist Vertreter. Er ist auch ziemlich glücklich verheiratet, hat einen Hund und eine Freundin. Aber er ist auch ein Trinker, ein Spieler und befreundet mit Les Beale, einem Arbeitskollegen, der als echter Stinkstiefel nur auf Ärger aus ist und der schon sein ganzes Vermögen verzockt hat.
Eines Nachts, nach einigen unglücklich verlaufenen Spielen, ruft er Slater an. Er müsse ihm beim Entsorgen einer Leiche helfen. Slater tut es. Denn: „Wie geht dieser alte Witz? Ein Freund hilft dir beim Möbeltragen, aber ein guter Freund hilft dir beim Leichentragen? Naja, war dann doch nicht so lustig, wenn’s drauf ankam.“ Denn selbstverständlich verschwindet eine Leiche nicht einfach so.
Das gleiche gilt für Spielschulden, die Beale hat und die zu Slaters Problem werden, weil er ihn, ohne dessen Wissen, als Bürgen nannte. Jetzt hätte der Kreditgeber, ein Kredithai, gerne sein Geld mit Zinsen zurück.
Gut, die Story ist Standard-Noir. Auch die Charaktere, ihre Jobs (Vertreter!) und Probleme (Alkoholismus, Spielsucht, allgemeine und spezielle Unzufriedenheit mit dem Leben, Ehebruch und Sex mit der falschen Frau) gehören zum festen Noir-Inventar und Ray Banks benutzt es in seinem Debütroman „The Big Blind“ (den er in einer überarbeiteten Form als „Dead Money“ wieder veröffentlichte) auch mit dem Wissen eines Kenners, das ihm auch gleich das Lob von Kritikern und Kollegen, wie Ken Bruen, Simon Kernick und Allan Guthrie, einbrachte.
Aber trotzdem wurde ich nicht wirklich warm mit dem Buch. Es gefiel mir nicht so gut, wie es mir eigentlich hätte gefallen müssen und ich glaube, dass es an der Sprache (also der Übersetzung) liegt, mit der ich nicht warm wurde.
Banks - Dead Money
Ray Banks: Dead Money
(übersetzt von Antje Maria Greisiger)
Polar Verlag, 2015
208 Seiten
12,90 Euro

Originalausgabe
Dead Money
Blasted Heath, 2011

Vom Autor überarbeitete Ausgabe von „The Big Blind“ (PointBlank Press, 2004)

Hinweise
Homepage von Ray Banks
Krimi-Couch über Ray Banks
Shotsmag interviewt Ray Banks (schon etwas älter, zu seinem ersten Cal-Innes-Roman „Saturday’s Child“)


Vincent Veih spielt den „Schattenboxer“

April 30, 2015

Eckert - Schattenboxer - 2

Ich bin ja ein großer Horst-Eckert-Fan, aber mit seinem neuen Roman „Schattenboxer“ habe ich einige Probleme und wenn ihr wirklich nichts über die Handlung erfahren wollt (ich werde versuchen, möglichst wenig zu spoilern), solltet ihr ungefähr jetzt aufhören mit dem Lesen.
Ach ja: bei aller Kritik: natürlich ist „Schattenboxer“ ein absolut lesenswerter Polizei- und Polit-Thriller mit den aus seinen vorherigen Romanen bekannten Charakteren.
In „Schattenboxer“ ist, wie schon in seinem vorherigen Roman „Schwarzlicht“, Vincent Veih der Protagonist. Das ist, so muss nach der Lektüre gesagt werden, eher nachteilig für die Geschichte.
In Eckerts bisherigen Romanen stand immer ein anderer Protagonist, der im KK11 der Düsseldorfer Kripo arbeitet, im Mittelpunkt der Geschichte. Entsprechend unsanft konnte Eckert mit ihm umgehen. Er konnte den Protagonisten in jeder Beziehung sehr fordern und am Ende, wenn der Mordfall aufgeklärt war, war auch der Protagonist ein anderer Mensch.
Letztendlich schrieb Eckert bislang immer Polizeiromane die als Einzelromane funktionieren, immer im gleichen Kosmos spielen und in denen immer wieder vertraute Charaktere auftauchen. Er konnte aus einem großen Figurenensemble den für seine Geschichte richtigen Protagonisten auswählen oder einfach einen neuen Protagonisten erfinden, der sich dann in das bekannte Ensemble einfügte. Das war eine ideale Kombination aus vertrauten und neuen Elementen.
Jetzt hat Eckert mit Vincent Veih einen Seriencharakter erfunden, der dann auch gleich eine besonders farbige Biographie bekommen hat. Veih ist der Sohn einer RAF-Terroristin, die ihre Taten immer noch nicht bereut, jetzt als Künstlerin bekannt ist und ihn als Kind, nachdem sie ihn mit viel freier Liebe durch einige Kommunen schleppte, bei seinen Großeltern in Obhut gab. Der Großvater war Nazi und Polizist. Ihr merkt: die gesamte deutsche Geschichte ist in Veihs Biographie vorhanden. Aber es kommt noch besser: als junger Polizist war Veih, als der Treuhand-Präsident Rolf-Werner Winneken in seinem Haus erschossen wurde, als Erster am Tatort. Das reale, überhaupt nicht verschleierte Vorbild für Winneken ist natürlich Detlev Rohwedder.
Diese farbige Biographie von Vincent Veih wird in „Schattensucher“ allerdings zum erzählerischen Ballast. Denn Eckert verknüpft unablässig die deutsche Geschichte mit der Biographie von Veih. Das beginnt schon damit, dass natürlich wieder die verkorkste Beziehung von Veih zu seiner Mutter thematisiert wird. Es geht weiter mit Veihs Freundin, die ein Sachbuch über den Winneken-Mord schreiben will und natürlich auch seine Beziehungen benutzen will. Und irgendwo bei seinen aktuellen Fällen gibt es Verbindungen zu dem Protestsänger René Hagenberg, einem Freund von seiner Mutter, bei dem er als Kind auch lebte. So schnurrt irgendwann die gesamte deutsche Geschichte zwischen Nazi-Diktatur und RAF-Terror zu einem Abendessen am Küchentisch zusammen.
Das zweite Problem von „Schattenboxer“ ist der Aufbau des Romans.
Ich könnte jetzt sagen, dass der große Bogen die Aufklärung des Attentats auf Treuhand-Chef Winneken ist. Aber das stimmt eigentlich nicht. Es gibt mehrere, eher locker miteinander verknüpfte Fälle. Nämlich einen Mord in der Gegenwart, die Wiederaufnahme eines alten Falles und die Recherchen seiner Freundin.
Diese Fälle werden so abgehandelt, dass der zwei Jahre alte Mordfall unter Jugendlichen, der in der ersten Hälfte im Mittelpunkt steht, nach zweihundert Seiten gelöst ist. In dem Moment kann Veih den Mörder von Julian Pollesch verhaften. Einige Polizisten sind als Täter überführt und die Unschuld des angeklagten Thabo Götz ist bewiesen. Nach weiteren hundert Seiten ist dann der aktuelle Mordfall, in dem ein Mörder auf das Grab von Pia Ziegler (der damaligen Hauptbelastungszeugin) eine Frauenleiche legte, gelöst. Ungefähr in dem Moment erfährt Veih, dass seine Freundin Saskia Baltes, die ein Buch über den Winneken-Mord schreibt, spurlos verschwunden ist. Sie kann sich kurz darauf befreien. Es gibt, als Höhepunkt, einen SEK-Einsatz, der schiefgeht, weil die Personen, die verhaftet werden sollen, aus dem Hinterhalt erschossen werden. Wir kennen die Täter, aber nicht die Polizei.
Veih hat dann auch eine sehr genaue Ahnung, wer Winneken erschoss. Aber er kann die Täter nicht verhaften.
Und – oh Wunder – all das hängt mit der deutschen Vergangenenheit, den Umtrieben der Geheimdienste, seiner Jugend und einem Freund seiner Mutter, der als Protestsänger berühmt ist und das Solidaritätskomitee für Thabo Götz initiierte, zusammen.
Die von Eckert gewählte Struktur, in der die Fälle nacheinander abgehandelt werden, führt dann dazu, dass sich „Schattenboxer“ weniger wie ein in sich geschlossener Roman, sondern wie eine Sammlung von drei Kurzgeschichten liest. Elmore Leonard wählte für „Raylan“ eine ähnlich episodische Struktur, die den Roman ebenfalls eher vor sich hin plätschern ließ.
Adrian McKinty, um ein aktuelles Gegenbeispiel zu nennen, strukturierte in seinem neuesten Sean-Duffy-Roman „Die verlorenen Schwestern“ seine Plots geschickter, indem er Duffys Ermittlungen in dem alten Mordfall in seine aktuelle Jagd nach einem entflohenem IRA-Mitglied einfügt. Duffy muss den alten Mordfall aufklären, um so eine wichtige Information zu erhalten, die ihn näher an sein ursprüngliches Ziel bringt.
Am Ende von „Schattenboxer“, der gewohnt nah an der Wirklichkeit geschrieben ist, stellt sich auch die Frage, wie es mit Vincent Veih weitergehen soll. Denn eigentlich kann er nach den Ereignissen von „Schwarzlicht“ und „Schattenboxer“ kann nicht mehr der Gleiche sein.

Horst Eckert: Schattenboxer
Wunderlich, 2015
400 Seiten
19,95 Euro

Hinweise

Homepage von Horst Eckert

Meine Besprechung von Horst Eckerts „617 Grad Celsius“ (2005)

Meine Besprechung von Horst Eckerts „Königsallee“ (2007)

Meine Besprechung von Horst Eckerts “Sprengkraft” (2009)

Kriminalakte: Interview mit Horst Eckert über „Sprengkraft“

Meine Besprechung von „Niederrhein-Blues und andere Geschichten“ (2010)

Meine Besprechung von Horst Eckerts „Schwarzer Schwan“ (2011)

Meine Besprechung von Horst Eckerts „Schwarzlicht“ (2013)


Wieder erhältlich: Der „Miami Blues“ von Charles Willeford

April 28, 2015

Willeford - Miami Blues - 2015 - 2

„Frederick J. Frenger jun., ein unbekümmerter Psychopath aus Kalifornien, bat die Stewardess in der ersten Klasse um ein weiteres Glas Champagner und Schreibzeug.“ gehört zu den legendären Romananfängen. Charles Willeford begann so „Miami Blues“, seinen ersten Roman mit Sergeant Hoke Moseley, einem Mordermittler des Miami Police Department, der wirklich nicht dem Bild des edlen Polizisten entsprach und auch mit dem „Miami Vice“-Glamour nichts am Hut hatte.
Nachdem Frenger in Miami ankommt, tötet er noch auf dem Flugplatz einen Hare-Krishna-Jünger. Ein dummer Unfall. Denn eigentlich verbog er ihm nur etwas die Finger und einige Minuten später ist der Gläubige tot.
Als Moseley und sein Partner Bill Henderson mit ihren Ermittlungen beginnen, sitzt Frenger bereits in seinem Hotelzimmer, das er mit geklauten Kreditkarten bezahlt – und ziemlich schnell entwickelt sich, vor der sonnigen Kulisse von Miami, ein Duell zwischen dem Psychopathen und dem Polizisten. Wobei Moseleys Ermittlungseifer noch angestachelt wird, weil Frenger ihm seine Dienstwaffe, Marke und Gebiß klaut. Das Gebiß wirft Frenger weg. Die Marke setzt er bei seinen Diebestouren ein.
Als „Miami Blues“ 1984 erschien, war der Hardboiled-Roman ein Erfolg. Willeford veröffentlichte bis zu seinem Tod 1988 in schneller Folge drei weitere Kriminalromane mit Hoke Moseley. Ein fünfter Hoke-Moseley-Roman geistert als Heiliger Gral durch die Krimigemeinde. 1990 wurde „Miami Blues“ von George Armitage mit Fred Ward, Alec Baldwin und Jennifer Jason Leigh verfilmt und es ist ein Kultfilm.
Der Roman markiert Willefords späten Durchbruch. Zwischen 1953 und 1962 veröffentlichte er zehn Noirs. Danach, weil seine Manuskripte als ‚zu deprimierend‘ abgelehnt wurden, nur noch vereinzelt und in großen Abständen. Ins Deutsche übersetzt wurden, neben den Moseley-Romanen, nur einige seiner Noirs. Sie sind, abgesehen von „Ketzerei in Orange“ und „Die schwarze Messe“, die beide bei Pulp Master erschienen, nur noch antiquarisch und teilweise zu astronomischen Preisen erhältlich.
Daher ist die jetzt im Alexander Verlag erschienene durchgesehene Neuauflage von „Miami Blues“ eine rundum erfreuliche Angelegenheit, die Charles Willeford und seine Hoke-Moseley-Romane einem jüngeren Publikum zugänglich macht.
Die nächsten drei Hoke-Moseley-Romane – „Neue Hoffnung für die Toten“, „Seitenhieb“, „Wie wir heute sterben“ –, will der Alexander Verlag im halbjährlichen Abstand wieder veröffentlichen.
Ach ja: wer eine ältere Ausgabe von „Miami Blues“ hat, muss die Neuausgabe nicht kaufen. Immerhin wurde die bekannte Übersetzung von Rainer Schmidt wieder verwendet und die insgesamt sieben Seiten Bonusmaterial rechtfertigen nicht unbedingt einen Neukauf. Es handelt sich um ein Gespräch zwischen Charles Willeford und John Keasler (Das erste umgekehrte Interview der Welt mit einem Romanautor, 1984) und einem E-Mail-Wechsel zwischen Jon A. Jackson und Jochen Stremmel über doppelte und versteckte Bedeutungen von in „Miami Blues“ verwandten Worten (2002),

Charles Willeford: Miami Blues – Der erste Hoke-Moseley-Fall
(erweiterte und durchgesehene Neuausgabe)
(übersetzt von Rainer Schmidt)
Alexander Verlag, 2015
272 Seiten
14,90 Euro

Originalausgabe
Miami Blues
Ballantine Books, 1984

Frühere Ausgaben erschienen bei Ullstein, rororo thriller und im Alexander Verlag.

Hinweise

Wikipedia über Charles Willeford (deutsch, englisch)

Charles Willeford Paperback Covers

Meine Besprechung von Charles Willefords „Die schwarze Messe“ (Honey Gal, 1958; The Black Mass of Brother Springer)

Meine Besprechung von Charles Willefords „Ketzerei in Orange“ (The burnt-orange heresy, 1971)


Das „Lexikon des internationalen Films – Filmjahr 2014“ liefert den jährlichen Rückblick

April 20, 2015

Lexikon des internationalen Films 2014 - 2

Selbstverständlich haben die Macher, die Zeitschrift „Filmdienst“, auch in der aktuellen Ausgabe nichts am bewährten Aufbau des alle zwölf Monate erscheinenden „Lexikon des internationalen Films“ verändert. Oder doch: auf dem Umschlag gibt es eine Klarstellung. Denn unter „Filmjahr 2014“ (was ja auch bedeuten kann, dass das Buch schon 2014 erschien) steht jetzt „Berichtsjahr 2014 – Erscheinungsjahr 2015“. Und daneben, wie gewohnt, „Das komplette Angebot in Kino, Fernsehen, auf DVD und Blu-ray“, das in über zweitausend Kurzkritiken über spielfilmlange Dokumentar-, TV- und Kinospielfilme umfassend gewürdigt wird. Dazu gibt es, als Chronik mit wichtigen Ereignissen und Todesfällen, einen Rückblick auf das Kinojahr 2014, eine Auflistung der Gewinner wichtiger Filmpreise, die in der Zeitung „Filmdienst“ als „sehenswert“ aufgeführten Film als alphabetische Liste, und den „Kinotipp der katholischen Filmkritik“ (der „Filmdienst“ wird ja von der katholischen Kirche herausgegeben), Besprechungen herausragender DVD- und Blu-ray-Editionen von teilweise auch älteren Filmen (wie „Invasion vom Mars“, „Die Glenn Miller Story“ und „Yeah! Yeah! Yeah!“) und ein Schwerpunktthema. Dieses Mal sind es vierzehn cineastische Stadtführer nach Berlin, Kopenhagen, Moskau, Paris und Zürich, die inzwischen wohl schon teilweise veraltet sind. Jedenfalls konnte ich mit den Schwerpunktthemen der vergangenen Jahre (wie „Martin Scorsese“ oder den „Animationsfilm“) mehr anfangen.
Außerdem hat die Redaktion wieder ihre besten Kinofilme des letzten Kinojahres nominiert. Es sind die, auch aus meiner Sicht, empfehlenswerten Filme „Boyhood“ (de auch das Titelbild ziert), „Die geliebten Schwestern“, „Grand Budapest Hotel“,Her“, „Höhere Gewalt“, „Mr. Turner – Meister des Lichts“, „Nebraska“, „Phoenix“, „Die Wolken von Sils-Maria“ und „Zwei Tage, eine Nacht“. Bei diesen Filmen sind auch die Besprechungen, die im „Filmdienst“ zum Filmstart erschienen, abgedruckt.
Wie in den vergangenen Jahren ist auch die neueste Ausgabe des „Lexikon des internationalen Films“ empfehlenswert. Sie verführt allerdings auch dazu, dass beim Blättern durch die treffenden und fast immer auch zutreffenden Kurzkritiken („Monsieur Claude und seine Töchter“ als „unterhaltsame Sozialkomödie“?), die Liste der Filme, die ich unbedingt sehen möchte, noch ein Stück länger wird.
Ach ja: als Bonusmaterial gibt es mit dem Kauf des Buches auch einen sechsmonatigen Zugang zur kompletten Online-Filmdatenbank des „Filmdienst“.

Filmdienst/Katholische Filmkommission für Deutschland (Hrsg.): Lexikon des internationalen Films – Filmjahr 2014
Schüren, 2015
592 Seiten
24,90 Euro

Hinweise

Homepage des Film-Dienstes

Meine Besprechung von „Lexikon des Internationalen Films – Filmjahr 2008“

Meine Besprechung von „Lexikon des internationalen Films – Filmjahr 2009“

Meine Besprechung von “Lexikon des Internationalen Films – Filmjahr 2010″

Meine Besprechung von „Lexikon des Internationalen Films – Filmjahr 2011“

Meine Besprechung von „Lexikon des Internationalen Films – Filmjahr 2012“

Meine Besprechung von „Lexikon des internationalen Films – Filmjahr 2013“


Ein Buch mit Nebeneffekt: „Die Hugo Awards 1953 – 1984“ von Hardy Kettlitz

April 8, 2015

Kettlitz - Die Hugo Awards 1953 - 1984 - 2

Vor einigen Tagen habe ich über Bücher, die man nicht lesen kann, geschrieben.
Heute schreibe ich über ein Buch, in dem man nicht Blättern sollte: „Die Hugo Awards 1953 – 1984“ von Hardy Kettlitz.
Science-Fiction-Fans werden jetzt schon in ein kundiges Nicken verfallen. Mit einem leichten Lächeln. Denn der Hugo Award ist einer der wichtigen Science-Fiction-Preise. Seit 1953 wird er jährlich auf der World-SF-Convention von Science-Fiction-Fans für die besten Science-Fiction-Werke des Vorjahres und für besondere Verdienste um das Genre verliehen. Im Zentrum der Preise stehen Romane und, in verschiedenen Kategorien, kürzere Werke. Es werden auch Sachbücher, Filme, Comics, Illustratoren und Fans und ihre Produkte, also Semiprozines, Fanzines, Fancasts (Audio und Video), Fan Writer und Fan Artists (die Definitionen der verschiedenen Kategorien sind mehr oder weniger offen) ausgezeichnet. Und, bei Bedarf, gibt es noch Sonderpreise für besondere Leistungen. Das etwas komplizierte Abstimmungsprozedere und wer über was abstimmen darf, wird auf den ersten Seiten von „Die Hugo Awards 1953 – 1984“ von John Clute, Peter Nicholls und Hardy Kettlitz kurz erklärt. Im Endeffekt sind es die Besucher der Worldcon.
Der Hauptteil von „Die Hugo Awards 1953 – 1984“ (die späteren Jahre werden dann in einem zweiten Buch behandelt) gehört den einzelnen Gewinnern, die chronologisch nach den Hugo-Jahren aufgeführt werden. Hardy Kettlitz stellt sie in kurzen Beiträgen vor. Die Romane werden meist auf zwei Seiten, die Novellen und Kurzgeschichten auf einer Seite besprochen. Die anderen Preisträger kriegen entsprechend weniger Platz. Zahlreiche Illustrationen, normalerweise die Heft- und Buchcover (jeweils bis zu drei Bilder), runden den positiven Gesamteindruck ab. Das lädt erstens zum Blättern ein und zweitens weckt es Begehrlickeiten nach den ausgezeichneten Werken, von denen viele in eine gutsortierte Science-Fiction-Sammlung gehören und langjährige Science-Fiction-Leser auch schon gelesen haben, wie „Demolition“ (The Demolished Man) von Alfred Bester, dem ersten Hugo-Gewinner, „Der Gewissensfall“ (A Case of Conscience) von James Blish, „Sternenkrieger“ (Starship Troopers) von Robert A. Heinlein, „Lobgesang auf Leibowitz“ (A Canticle for Leibowitz) von Walter M. Miller jr., „Das Orakel vom Berge“ (The Man in the High Castle) von Philip K. Dick, „Der Wüstenplanet“ (Dune) von Frank Herbert, „Der ewige Krieg“ (The Forever War) von Joe Haldeman und „Gateway“ (Gateway) von Frederick Pohl. Um nur einige Romane zu nennen, die vor 1984 mit dem Hugo ausgezeichnet wurden.
Während Kettlitz die mehr oder weniger langen Geschichten – es werden Romane, Novellas, Novelettes und Kurzgeschichten ausgezeichnet – und die Filme kritisch würdigt und auch über deren damalige und heutige Bedeutung schreibt, konzentriert er sich bei den anderen Kategorien eher auf die biographischen und bibliographischen Fakten, in denen dann ein Bild vom Reichtum der Science-Fiction-Gemeinde entsteht. Denn es geht um Zeichner von Buchcovern und manchmal auch Illustratoren von Heften, Autoren von wissenchaftlichen Artikeln, Herausgeber und Fans, die mit ihrem Engagement Veranstaltungen organisierten und Fanzines herausgaben. Das sind Namen, die hier in Deutschland unbekannt sind, aber ohne die die Science-Fiction-Welt anders aussähe.
Hardy Kettlitz war viele Jahre Chefredakteur von „Alien Contact“ und ist Herausgeber von „SF Personality“, einer seit über zwanzig Jahren bestehenden Buchreihe über wichtige Science-Fiction-Autoren, und, seit einigen Monaten, bei Golkonda, von „Memoranda“.
Das von ihm geschriebene Sekundärwerk „Die Hugo Awards 1953 – 1984“ ist empfehlenswert und vorbildlich in jeder Beziehung. Mit der fatalen Nebenwirkung, dass man schon beim Durchblättern des Buches und dem Lesen der kurzen Texte eine unglaubliche Lust auf die vorgestellten Science-Fiction-Geschichten bekommt.
Daher wünsche ich nach der Lektüre viel Spaß beim Stöbern in den Antiquariaten, die ja auch eine gewisse Zeitreise beinhalten.

Hardy Kettlitz: Die Hugo Awards 1953 – 1984
Golkonda/Memoranda, 2015
320 Seiten
18,90 Euro

Hinweise
Golkonda über Hardy Kettlitz
Net-Home des Hugo Award
Wikipedia über den Hugo Award (deutsch, englisch)

Die sympathische und überhaupt nicht spacige Buchhandlung Otherland (Bergmannstraße 25, 10961 Berlin) lädt zu einer abendfüllende Signierstunde mit Hardy Kettlitz ein:
Die Veranstaltung, die uns zum überstürzten Sondernewsletter-Schreiben treibt, findet diesen Freitag, am 10. April um 19:30 unter dem schönen Motto Fan/Pro (Fan und Profi) statt. Wir haben Werner Fuchs und Hardy Kettlitz zu Gast. Sie beide verbindet die Liebe zur SF und Fantasy. Im Otherland werden sie sich darüber unterhalten, wie es ist, als Fan und Profi mit SF und Fantasy zu tun zu haben …
Werner Fuchs ist ein Urgestein der deutschen Szene, arbeitet seit den 70er-Jahren als Herausgeber, Übersetzer und Literaturagent, war für die Programme von Fischer Orbit und Knaur SF verantwortlich, ist Koautor diverser Lexika, war als einer der Gründer von Fantasy Productions maßgeblich am erfolgreichsten deutschen Rollenspiel Das Schwarze Auge beteiligt, hat unzählige Conventions besucht und sammelt SF Magazine. Hardy Kettlitz war lange Zeit Chefredakteur des Magazins Alien Contact und verfasst seit 1994 die Buchreihe “SF Personality”. Kürzlich erschien bei Golkonda sein Buch Die Hugo Awards 1953-1984. Wenn diese zwei Spezialisten zusammentreffen, kann man davon ausgehen, dass eine kritische Masse an Fachwissen, Begeisterung und Anekdoten erreicht wird!
Der Eintritt ist wie immer frei; die Veranstaltung beginnt um 19.30.


Eine „Fatale“ Begegnung, erdacht von Jean-Patrick Manchette, gezeichnet von Max Cabanes

April 7, 2015

Bis dahin
Plakat Fete Manchette
kann man
Cabanes - Manchette - Fatale - 4
lesen.

Aimée ist vielleicht nicht die erste literarische Killerin, aber sicher immer noch eine der ungewöhnlichsten und die von Neopolar-Autor Jean-Patrick Manchette erfundene Männermörderin ist untrennbar mit den Siebzigern und dem damaligen revolutionärem Geist verbunden. Dabei ist Aimée keine Systemgegnerin. Sie bringt halt nur in verschiedenen typisch französischen Orten Mitglieder der Oberschicht um. Denn überall gibt es ein Arschloch, das den Tod verdient hat. Nachdem sie in der Provinz einen Jagdunfall inszenierte („Die anderen Jäger vernahmen das fröhliche Knallen von drei Schüssen.“), reist sie weiter in das Hafenstädtchen Bléville und beginnt ihr nächstes Opfer zu suchen.
Als Jean-Patrick Manchette die erste Idee für „Fatale“ hatte, sprach er mit Regisseur Claude Chabrol darüber und Chabrol ermutigte ihn, ein Drehbuch zu schreiben, das er verfilmen wollte. Bereits 1974 verfilmte Chabrol „Nada“ und diese fast unbekannte Manchette-Verfilmung wird von den Manchette-Fans geschätzt. Aus dem Film wurde nichts, aber mit seinen Inspecteur-Lavardin-Filmen drehte er einige Filme über einen Polizisten, der ähnlich nachhaltig und rücksichtslos wie Aimée in der Provinz aufräumt.
Denn in seinem 1977 erschienen Noir „Fatale“ lässt Manchette eine Killerin auf das Provinz-Bürgertum los, während ein Baron etwas revolutionäre Kapitalismuskritik äußern darf, und Aimée die dunklen Geschäfte und Geheimnisse der Honoratioren erfährt. Dabei überlegt sie, wer von ihnen für seine Schandtaten den Tod verdient hat. Allein das macht schon Spaß. Dass Aimée auch noch eine gutaussehende junge Frau ist, vergrößert das Lesevergnügen nur noch.
Jetzt übertrugen Manchette-Sohn Doug Headline und Comiczeichner Max Cabanes, nachdem sie bereits Manchettes posthum erschienenen Roman „Blutprinzessin“ als Comic adaptierten, Manchettes neunten Roman (von elf) in ein neues Medium und folgen dabei der Vorlage genau. Allerdings kommt die Wandlung der eiskalten Killerin zur zögernden Frau etwas zu überraschend. Aimées wenigstens teilweise Läuterung ist dann auch weniger in der Geschichte, sondern in den damaligen Konventionen begründet ist. Denn wohin kämen wir, wenn Femme Fatale ohne jedes Schuldbewusstsein und mit einem Koffer voller Geld einfach entkommen könnte?
Cabanes‘ Bilder erinnern dabei an die bekannt-beliebten klassischen französischen Kriminalfilme aus den sechziger und siebziger Jahren,

Max Cabanes/Jean-Patrick Manchette/Doug Headline: Fatale
(übersetzt von Resel Rebiersch)
schreiber & leser, 2014
136 Seiten
24,80 Euro

Originalausgabe
Fatale
Dupuis, 2014

Die Vorlage

Manchette - Fatale

Jean-Patrick Manchette: Fatale
(übersetzt von Christina Mansfeld)
Distel Literaturverlag, 2001
152 Seiten

Deutsche Distel-Erstausgabe unter dem Titel „Fatal“.

Originalausgabe
Fatale
Éditions Gallimard, 1977

Hinweise

Wikipedia über Jean-Patrick Manchette (deutsch, englisch, französisch)

Krimi-Couch über Jean-Patrick Manchette

Kaliber.38 über Jean-Patrick Manchette

Mordlust über Jean-Patrick Manchette

Informative Manchette-Seite vom Distel Literaturverlag

Französische Jean-Patrick-Manchette-Seite

Meine Besprechung von Jean-Patrick Manchette/Barth Jules Sussmans “Der Mann mit der roten Kugel” (L’homme au boulet rouge, 1972)

Meine Besprechung von Jean-Patrick Manchettes “Portrait in Noir” (2014)

Jean-Patrick Manchette in der Kriminalakte


Sean Duffy und „Die verlorenen Schwestern“ im Kriegsgebiet Nordirland 1984

April 6, 2015

McKinty - Die verlorenen Schwestern - 2

Am Ende von „Die Sirenen von Belfast“ hatte Detective Inspector Sean Duffy es sich mit seinen Vorgesetzten so verscherzt, dass er jetzt über einige Umwege in den Ruhestand geschickt wird, bis Kate vom MI5 bei ihm auftaucht und ihm eines dieser Angebote macht, die man nicht ablehnen kann. Jedenfalls wenn man, wie Sean Duffy, ein Vollblutpolizist ist. Und das will schon etwas im unruhigen Nordirland der frühen achtziger Jahre heißen, als Polizisten und Katholiken (das ist er auch) Freiwild für die IRA und alle anderen mehr oder weniger großen terroristischen Splittergruppen waren.
Er soll Dermot McCann finden. McCann ist ein Jugendfreund von Duffy, der inhaftiert wurde und am 25. September 1983 mit 38 anderen IRA-Häftlingen aus dem Hochsicherheitsgefängnis Maze ausbrechen konnte. Viele Ausbrecher wurden kurz darauf wieder verhaftet. Aber nicht McCann. Er tauchte unter. Seine Spur verlor sich in Libyen. Jetzt, einige Monate nach McCanns Flucht, befürchtet der Geheimdienst, dass McCann einen großen, aufsehenerregenden Anschlag plant.
Natürlich führen Duffys Ermittlungen, weil kein IRA-Mitglied und auch kein Familienmitglied ihm etwas sagt, zu nichts. Bis Duffy von Mary Fitzpatrik, der Ex-Schwiegermutter von McCann, ein weiteres Angebot erhält, das er nicht ablehnen kann: sie wird ihm sagen, wo McCann ist, wenn er den Mord an ihrer Tochter Lizzie aufklärt.
Die Sache hat nur einen Haken: Lizzie starb in einem verschlossenen Pub und alles deutet auf einen Unfall hin.
In seinem dritten Sean-Duffy-Roman, der unabhängig von den beiden anderen Romanen gelesen werden kann (muss man heute ja sagen), muss Duffy ein klassisches Locked-Room-Mystery lösen und Adrian McKinty, weist immer wieder, genussvoll auf die anderen bekannten Mordfälle in verschlossenen Räumen hin, ehe Duffy, nachdem er das Motiv erahnt, die verblüffend einfache Lösung findet. Denn selbstverständlich wurde Lizzie ermordet.
Umrahmt wird diese klassische Rätselgeschichte von einem Polit-Thriller-Plot, der, wie die vorherigen Duffy-Romane, untrennbar mit dem historischen Hintergrund verknüpft ist. Diese Zeitreise in die jüngere Vergangenheit macht, wieder einmal, einen beträchtlichen Teil des Vergnügens an Adrian McKintys Polizeiromanen aus. Am Ende von „Die verlorenen Schwestern“ entwirft McKinty auch eine mehr oder weniger alternative Geschichtsschreibung. Denn nicht nur der Ausbruch der IRA-Häftlinge, der bis jetzt größte Massenausbruch aus einem britischen Gefängnis, ist verbürgt. Auch das Ende entspricht einfach recherchierbaren Tatsachen. Mehr oder weniger; was aber nicht so wichtig ist. Denn „Die verlorenen Schwestern“ ist ja kein Sachbuch für Historiker, sondern ein spannender Polizeithriller, der letztes Jahr den australischen Krimipreis, den Ned Kelly Award, erhielt.
P. S.: Der Originaltitel stammt wieder aus einem Song von Tom Waits.

Adrian McKinty: Die verlorenen Schwestern
(übersetzt von Peter Torberg)
Suhrkamp, 2015
384 Seiten
14,99 Euro

Originalausgabe
In the Morning I’ll be gone
Serpent’s Tail, 2014

Hinweise

Blog von Adrian McKinty

Wikipedia über Adrian McKinty

Krimi-Couch über Adrian McKinty

Meine Besprechung von Adrian McKintys „Ein letzter Job“ (Falling Glass, 2011)

Meine Besprechung von Adrian McKintys „Der katholische Bulle“ (The cold cold Ground, 2012)

Meine Besprechung von Adrian McKintys „Die Sirenen von Belfast“ (I hear the Sirens sing in the Street, 2013)


DVD-Kritik: „Ruhet in Frieden“ – mit dem Segen von Matt Scudder, Privatdetektiv ohne Lizenz

März 30, 2015

Bevor wir einen Blick auf das Bonusmaterial werfen, werfen wir einen Blick auf den Film. Zum Filmstart von Scott Franks Lawrence-Block-Verfilmung „Ruhet in Frieden“ mit Liam Neeson als Matt Scudder schrieb ich:

Das Warten hat sich gelohnt. Jedenfalls für Fans von Lawrence Block und seiner Serie um Privatdetektiv Matt Scudder, die schon seit einer Ewigkeit auf eine zweite Scudder-Verfilmung warteten. Die erste war 1986 „8 Millionen Wege zu sterben“. Jeff Bridges spielte Scudder. Oliver Stone war einer der Drehbuchautoren, dem das Ergebnis nicht gefiel, und Hal Ashby führte Regie indem er die Schauspieler improvisieren ließ. Es war sein letzter Spielfilm. Davor drehte er Klassiker wie „Harold und Maude“, „Coming home – Sie kehren heim“ und „Willkommen, Mr. Chance“. Tolle Filme, aber Dramen, bei denen die Charaktere im Mittelpunkt stehen und der Plot Nebensache ist. Aber diese Plotvergessenheit war nicht das größte Problem von „8 Millionen Wege zu sterben“. Die Geschichte wurde von New York, vulgo Manhattan, nach Los Angeles verlegt. Von einer Stadt, in der man ohne Auto leben kann, in eine Stadt, in der man ohne Auto nicht leben kann. So wurde aus einem Charakter, der untrennbar mit seiner Stadt verbunden ist, ein Heimatloser; weshalb diese Scudder-Verfilmung als Romanverfilmung nicht besonders beliebt ist.
Seitdem war eine zweite Scudder-Verfilmung im Gespräch. Immerhin sind die siebzehn zwischen 1976 und 2011 erschienen Scudder-Romane, in denen der Ich-Erzähler Matt Scudder in Echtzeit altert, bei Krimifans beliebt und die Romane erhielten auch alle wichtigen Krimipreise. Teilweise mehrfach.
„A Walk among the Tombstones“ war der auserwählte Roman. In den vergangenen Jahren fanden immer wieder Gespräche statt. Unter anderem war Harrison Ford als Matt Scudder im Gespräch, aber vor dem Drehbeginn wurde das Projekt immer wieder gestoppt. „Die Scudder-Verfilmung kommt.“ war unter Lawrence-Block-Fans ein Running Gag, bis jetzt Scott Frank, der auch die Bücher für die grandiosen Elmore-Leonard-Verfilmungen „Get Shorty“ und „Out of Sight“ schrieb und mit „Die Regeln der Gewalt“ (The Lookout) ein gelungenes Regiedebüt gab, mit Liam Neeson, der seit einigen Jahren als Action-Star ein neues Publikum eroberte und der jetzt Matt Scudder verkörpert, endlich die langerwartete Verfilmung von „A Walk among the Tombstones“ gelang, die jetzt bei uns als „Ruhet in Frieden“ (nicht gerade der beste Titel) in die Kinos kommt.
Scudder ist ein Ex-NYPD-Cop, ein trockener Alkoholiker, der seinen Dienst quittierte, nachdem er betrunken ein Kind erschoss. Naja, nicht direkt erschoss. Es war ein Querschläger, der die siebenjährige Estrellita Rivera tötete, während er die beiden Räuber verfolgte, einen verletzte und den anderen erschoss. Scudder wurde dafür belobigt und während es in den Romanen lange dauerte, bis Scudder sich eingestand, ein Alkoholiker zu sein, und er lange mit seiner Sucht und den Rückfällen kämpfte, während er Treffen der Anonymen Alkoholiker besuchte, geht das im Film schneller.
Acht Jahre später, 1999, lebt er ein unauffälliges Leben in Manhattan, besucht AA-Treffen und erweist Menschen Gefälligkeiten. Er ist ein Privatdetektiv ohne Lizenz. Jetzt wird er von einem AA-Mitglied gebeten, dessen Bruder Kenny Kristo (im Roman Kenan Khoury) zu besuchen und ihm bei einem Problem zu helfen. Kennys Frau wurde entführt und bestialisch ermordet. Kenny will die Mörder finden und töten. Schon mit diesem Rachewunsch könnte Kenny keine Hilfe von der Polizei erwarten. Es gibt aber noch einen weiteren Grund: Kenny ist ein Drogendealer; einer der unauffällig lebt, wohlhabend ist und mit wenigen Drogenimporten innerhalb eines Jahres seinen Lebensstandard sichert. Er sieht sich als Importeur einer x-beliebigen Ware.
Scudder übernimmt den Auftrag. Bei seiner Suche entdeckt er mehrere ähnlich Fälle: jemand scheint die Frauen und Kinder von Drogenhändler zu entführen, ein Lösegeld zu erpressen und dann seine Opfer bestialisch umzubringen.
Scott Frank aktualisierte für den Film den schon 1992 erschienenen Roman etwas, indem er die Geschichte in die späten Neunziger verlegte. Er lässt, wie im Roman, den jugendlichen Computerexperten TJ, ein Straßenkind, mit dem Matt Scudder sich befreundet, auftreten. TJ hilft Scudder mit seinen Computerkenntnissen. Matts Freundin Elaine Mardell, eine Prostituierte, die ihr Geld klug investierte, und Mick Ballou, ein mit Matt befreundeter irischer Gangsterboss, fehlen. Doch auch ohne diese den Fans der Romanen vertrauten Charaktere bleibt Scott Frank dem Geist der Romanvorlage treu.
„Ruhet in Frieden“ ist ein melancholischer Noir-Privatdetektiv-Krimi, bei dem die Atmosphäre, die Charaktere und moralische Fragen im Mittelpunkt stehen, ohne explizit angesprochen zu werden. Denn Scudders Auftraggeber ist ein Verbrecher. Die anderen Opfer ebenso. Es geht um Selbstjustiz, aber auch ausgleichende Gerechtigkeit. Das führt dazu, dass zunehmend die sattsam bekannten Grenzen zwischen Gut und Böse zu einem einzigen Graubereich verschwimmen.

Beim zweiten Ansehen fällt auf, wie zügig und ruhig Scott Frank in den ersten Minuten alle wichtigen Charaktere etabliert und er jede Schwarz-Weiß-Malerei vermeidet. So hat Matt Scudder in der ersten Minute einen Auftritt in bester Dirty-Harry-Manier. Aber er ist betrunken. Bei seinem ersten Treffen mit Kenny Kristo sagt er, dass für ihn die Korruption in der Polizei kein Problem war. Sie habe es ihm ermöglicht, seine Familie zu ernähren. Kurz darauf nimmt er den Auftrag an. In diesem Moment läuft der Film noch keine zwanzig Minuten.
Und Liam Neeson kann endlich wieder als Schauspieler in einem Kriminalfilm, Abteilung Privatdetektiv-Krimi, ohne übertriebenen Action-Bohei und Sekundenschnitten überzeugen.
Das Bonusmaterial besteht aus den informativen Featurettes „Ein Blick hinter die Kulissen“ und „Privatdetektiv Matt Scudder“ (in dem auch Lawrrence Block zu Wort kommt) und Interviews mit den Schauspielern Liam Neeson, Dan Stevens, David Harbour, Boyd Holbrook, den Produzenten Michael Shamberg, Stacey Sher und Tobin Armbrust und Regisseur Scott Frank. Das längste Interview ist mit Liam Neeson, weil es auch aus einem vor der Premiere in Berlin aufgenommenen Interview besteht. Dieses Interview könnte exclusiv auf der deutschen DVD sein. Die anderen Interviews sind Rohmaterial für die beiden Featurettes.
P. S.: Natürlich ist der Roman lesenswert. Wie alle Bücher von Lawrence Block.

Ruhet in Frieden - DVD-Cover

Ruhet in Frieden – A Walk among the Tombstones (A Walk among the Tombstones, USA 2014)
Regie: Scott Frank
Drehbuch: Scott Frank
LV: Lawrence Block: A Walk among the Tombstones, 1992 (Endstation Friedhof, Ruhet in Frieden)
mit Liam Neeson, Dan Stevens, Boyd Holbrook, Brian ‘Astro’ Bradley, Ólafur Darri Ólafson, David Harbour, Adam David Thompson

DVD
Universum Film
Bild: 2,35:1 (16:9 anamorph)
Ton: Deutsch, Englisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch, Deutsch und Englisch für Hörgeschädigte
Bonusmaterial (48 Minuten): Featurettes, Interviews mit Cast & Crew, Deutscher und Originaltrailer, Wendecover
Länge: 110 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Ruhet in Frieden“
Moviepilot über „Ruhet in Frieden“
Metacritic über „Ruhet in Frieden“
Rotten Tomatoes über „Ruhet in Frieden“
Wikipedia über „Ruhet in Frieden“ (deutsch, englisch)
Kriminalakte über „Ruhet in Frieden“ und Scott Frank

Thrilling Detective über Matt Scudder

Homepage von Lawrence Block

Unbedingt kaufen müssen Sie das von mir herausgegebene Buch „Lawrence Block – Werkschau eines New Yorker Autors“ (KrimiKritik 5, Nordpark-Verlag)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks “Telling Lies for Fun and Profit – A Manual for Fiction Writers” (1994)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks “Spider, spin me a web – A Handbook for Fiction Writers” (1995)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks “All the flowers are dying” (2005)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks “Lucky at Cards” (2007)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks „Abzocker“ (Grifter’s Game, 2004; frühere Ausgaben: Mona, 1961; Sweet slow death, 1986)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks “Verluste” (Everybody dies, 1998)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks „Killing Castro“ (Originalausgabe unter dem Pseudonym Duncan Lee als „Fidel Castro Assassinated“, 1961)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks „Falsches Herz“ (The Girl with the long green Heart, 1965)

Meine Besprechung von Hal Ashbys Lawrence-Block-Verfilmung „8 Millionen Wege zu sterben“ (8 Million Ways to Die, USA 1986)

Meine Besprechung von Scott Franks Lawrence-Block-Verfilmung „Ruhet in Frieden – A Walk among the Tombstones“ (A Walk among the Tombstone, USA 2014)

Lawrence Block in der Kriminalakte

Ach ja: Zum Filmstart mit neuem Cover wieder veröffentlicht und ein absoluter Lesebefehl:

Block - Ruhet in Frieden - 4

Lawrence Block: Ruhet in Frieden

(übersetzt von Sepp Leeb)

Heyne, 2014

368 Seiten

9,99 Euro


TV-Tipp für den 29. März: Django Unchained

März 29, 2015

Pro7, 20.15
Django Unchained (Django Unchained, USA 2012)
Regie: Quentin Tarantino
Drehbuch: Quentin Tarantino
Wilder Westen: Nachdem der Kopfgeldjäger Dr. King Schultz Django aus der Sklaverei befreite und sie das erkleckliche Kopfgeld für die Brittle-Brüder kassierten, machen sie sich auf die Suche nach Djangos Frau Broomhilda (oder Brunhilde). Ihre Suche führt sie nach Candyland, der Farm des durchtriebenen Südstaatlers und Sklavenhalters Calvin Candie.
„Django Unchained“ ist ein typischer Quentin-Tarantino-Film, mit vielen bekannten Gesichtern, teilweise in Kleinstrollen, die dieses Mal unter der Maske von Bart und Dreck kaum bis überhaupt nicht erkennbar sind. Als Tarantino- und Western-Fan hat mir die Nummernrevue, bei der Tarantino einfach die vertrauten Pfade in einem anderen Setting abschreitet, durchaus gefallen. – Genaueres steht in meiner ausführlichen Filmbesprechung.
Inzwischen dreht Quentin Tarantino (Nachträglich noch Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!) seinen zweiten Western. „The Hateful Eight“ hat noch keinen Starttermin.
mit Jamie Foxx, Christoph Waltz, Leonardo DiCaprio, Samuel L. Jackson, Kerry Washington, Walton Goggins, Dennis Christopher, Don Johnson, Laura Cayouette, James Remar, James Russo, Nichole Galacia, Dana Gourrier, Don Stroud, Bruce Dern, Lee Horsley, Zoe Bell, Michael Bowen, Robert Carradine, Tom Savini, Rex Linn, Ned Bellamy, Michael Parks, Quentin Tarantino, Franco Nero
Wiederholung: Montag, 30. März, 01.15 Uhr (Taggenau! – Und wahrscheinlich ungekürzt. Immerhin ist der Film FSK-16)

Die Bildergeschichte zum Film

Tarantino - Django Unchained - Comic - 4

Mehr oder weniger parallel zum Film erschien auch eine Comic-Version von „Django Unchained“, über die Quentin Tarantino sagt: „Dieser Comic ist im Grunde die erste Entwurfsfassung des Drehbuchs. Sämlichtes Material, das es am Ende doch nicht in den Film geschafft hat, ist in der vorliegenden Ausgabe sehr wohl enthalten.“ Dafür wurde dann an anderen Stellen, vor allem bei den Dialogen, gekürzt. Aber insgesamt ist der Comic eine schöne Ergänzung zum Film, die für Tarantino- und Western-Fans eine unterhaltsame Lektüre ist.
Dass die Geschichte mir im Comic schlüssiger als im Film erschien, hat wohl damit zu tun, dass ich die Spaghettiwestern-Geschichte schon bis zur letzten Wendung kannte und, so meine Erinnerung an den Film, einige Szenen umgestellt wurden.
In jedem Fall ist „Django Unchained“ ein großer Spaß für den Western-Fan.

Quentin Tarantino (Originaldrehbuch)/Reginald Hudlin (Adaption)/R. M. Guéra/Jason Latour/Denys Cowan/Danijel Zezelj/John Floyd (Zeichnungen): Django Unchained
(übersetzt von Dietmar Schmidt)
Eichborn, 2013
272 Seiten
19,99 Euro

Originalausgabe
Django Unchained
Vertigo/DC Comics, 2013

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Django Unchained“

Metacritic über „Django Unchained“

Rotten Tomatoes über „Django Unchained“

Wikipedia über „Django Unchained“ (deutsch, englisch)

The Quentin Tarantino Archives (Fanseite)

Everthing Tarantino (dito)

Q-Tarantino.de (noch eine Fanseite)

Meine Besprechung von Georg Seeßlens „Quentin Tarantino gegen die Nazis – Alles über ‘Inglourious Basterds’“ (Kleine Schriften zum Film: 1, 2009)

Kriminalakte über Quentin Tarantino und „Django Unchained“ (Bilder, Pressekonferenz)

Meine Besprechung von Quentin Tarantinos „Django Unchained“ (Django Unchained, USA 2012)

 Nachtrag (31. März 2015): Der umfangreiche Schnittbericht ist online. Denn für die 20.15-Uhr-Ausstrahlung griff der Sender beherzt zur Schere.


DVD-Kritik: Zeitreisen mit einer „Predestination“

März 28, 2015

Es ist eine unglaubliche Geschichte, die John (Sarah Snook) in einer Kneipe in New York 1970 dem Barkeeper (Ethan Hawke) erzählt. Er ist ein Findelkind, das früher ein Mädchen war, das in einem Raumfahrtprojekt als weibliche Stütze für die Raumfahrer mitmachen wollte, und nach einer Schwangerschaft umoperiert wurde. Es ist eine Geschichte, in der ein Unglück von einem noch größerem Unglück gefolgt wird und, so schicksalhaft es sich anhört, so grotesk zufällig wirkt es auch. Denn kein einzelner Mensch kann so viel Pech haben.
Ihr schweigsamer Zuhörer könnte allerdings auch eine ziemlich unglaubliche Geschichte erzählen. Er ist ein Mann aus der Zukunft. Ein Zeitreise-Agent, der einen Terroristen schnappen soll. Und wenn er ihn vor seinem ersten Anschlag unschädlich machen kann, wäre die Welt ein sicherer Ort.
Beide Schicksale sind miteinander verknüpft und die Spierig-Brüder Michael und Peter Spierig, die bereits mit „Daybreakers“ überzeugten, häufen, ohne dass wir jemals den Überblick verlieren, eine Wendung an die nächste, bis die Geschichte durch die Rückblenden und vielen Zeitsprünge wie ein mehrmals gewendetes Möbiusband miteinander und ineinander verflochten ist. Ob sie dabei wirklich einer logischen Überprüfung standhält: wer weiß es und wen kümmert es?
Schließlich sind Zeitreisen auch eine ziemlich paradoxe Angelegenheit, die, wie Science-Fiction-Fans wissen, für viele Probleme sorgen.
Der Film, der wie eine äußerst gelungene spielfilmlange „The Twilight Zone“-Geschichte wirkt, hatte ein niedriges Budget, was in einer seltsamen Weise einerseits ein Nachteil (man sieht die Budgetbeschränkungen), andererseits auch ein Vorteil ist. Denn so kamen die Macher nie in die Versuchung, mit großen Set-Pieces vom Kern der Geschichte abzulenken. Sie konzentrierten sich auf die beiden Hauptdarsteller und wenige Schauplätze, die sie atmosphärisch überzeugend inszenierten.
Ach ja: „Predestination“ ist die Verfilmung der dreizehnseitigen Kurzgeschichte „All you Zombies“ von Robert A. Heinlein, der die Macher ziemlich akkurat folgen. Deshalb sollte man sie auch erst nach dem Filmgenuss lesen.

Predestination - DVD-Cover

Predestination (Predestination, Australien 2014)
Regie: Michael Spierig, Peter Spierig
Drehbuch: Michael Spierig, Peter Spierig (aka The Spierig Brothers)
LV: Robert A. Heinlein: All you Zombies -, 1960 (Kurzgeschichte, Entführung in die Zukunft)
mit Ethan Hawke, Sarah Snook, Noah Taylor, Christopher Kirby, Christopher Sommers

DVD
Tiberius Film
Bild: 2,35:1 (16:9)
Ton: Deutsch (DD 2.0, DD 5.1, DTS), Englisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Trailer
Länge: 93 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Die lesenswerte Vorlage

Heinlein - Predestination - Entführung in die Zukunft - 4

Robert A. Heinlein: Predestination – Entführung in die Zukunft
(übersetzt von Alexander Martin)
Heyne, 2015 (als E-Book)
00,99 Euro

Hinweise
Facebook-Seite zum Film
Moviepilot über „Predestination“
Metacritic über „Predestiantion“
Rotten Tomatoes über „Predestination“
Wikipedia über „Predestination“ (deutsch, englisch) und Robert A. Heinlein (deutsch, englisch)
Homepage von Robert A. Heinlein
Meine Besprechung von Michael und Peter Spierigs „Daybreakers“ (Daybreakers, Australien/USA 2009)

Meine Besprechung von Robert A. Heinleins „Mondspuren“ (The Moon is a harsh Mistress, 1966; Frühere deutsche Veröffentlichungen als „Revolte auf Luna“ und „Der Mond ist eine herbe Geliebte“)

Meine Besprechung von Robert A. Heinleins „Raumjäger“ (Have Space Suit – Will Travel, 1958; Frühere deutsche Veröffentlichungen als „Piraten im Weltraum“, „Kip überlebt auf Pluto“ und „Die Invasion der Wurmgesichter“)


„Bekenntnisse eines Menschenhändlers“, der Flüchtlinge nach Europa bringt

März 27, 2015

Di Nicola - Musemeci - Bekenntnisse eines Menschenhändlers - 2

Was wissen wir heute über die Menschenhändler? Also: wer sie sind, warum sie es tun und wie der Schmuggel organisiert ist?
Auch damals, als Fluchthelfer Menschen aus der DDR in den goldenen Westen schmuggelten, wusste man wenig über sie. Aber sie waren in den West-Medien ganz eindeutig die Guten. Heute sind es eher die Typen, die die Notlage von Flüchtlingen ausnutzen und sie dann im Mittelmeer in einem schrottreifen Boot zurücklassen. Ob sie überleben ist dann eine Glückssache. Die Chancen stehen, auch dank des – höflich formuliert – harten Grenzregimes der Europäischen Union schlecht.
Gleichzeitig wandelte sich seit dem Ende des Kalten Krieges das Bild vom altruistisch motivierten Fluchthelfer zum Manchester-Kapitalisten, der Menschen nur noch als Ware für ein Geschäft sieht, bei dem er Milliarden scheffeln kann.
Dieses Bild bedienen der an der Universität Trient lehrende Kriminologe Andrea Di Nicola und der Journalist Giampaolo Musemci auch in ihrem Buch „Bekenntnisse eines Menschenhändlers – Das Milliardengeschäft mit den Flüchtlingen“. Das ist der schwächere bis ärgerliche Teil des Buches. Denn einerseits reden sie immer von den gut verdienenden Hintermännern, die den Menschenschmuggel organisieren, aber sie kommen nicht zu Wort. Sie haben anscheinend auch keine Anwesen, in denen sie wohnen. Sie sind nur eine anonyme Chiffre. Sie scheinen sich vollkommen von den früheren Verbrechern, die mit ihrem Reichtum protzten, zu unterscheiden. Statt herrschaftlichem Anwesen gibt es bei den heutigen Hintermännern des Menschenschmuggels wohl die Tendenz zum unauffälligem Reihenhaus oder der Mietwohnung in einem Wohnblock und einem Horten des Geldes in Dagobert-Duck-Manier. Das erscheint mir nicht besonders glaubwürdig.
Glaubwürdiger sind dagegen die Gespräche, die Andrea Di Nicola und Giampaolo Musumeci in Italien, Nordafrika, der Türkei und dem ehemaligen Jugoslawien mit Menschenschmugglern führten, die zum Zeitpunkt des Gesprächs teilweise inhaftiert waren. Die Interviewten sind die Menschen, die als Bootskapitän über das Mittelmeer fahren oder über Waldpfade die Flüchtlinge über die europäischen Grenze schmuggeln. In diesen Momenten entsteht ein prosaisches Bild von Menschen, die oft notgedrungen und manchmal auch zufällig einen Job übernehmen und ihn möglichst gut erledigen wollen. Sie sehen sich dann auch nicht als böse Menschenhändler, sondern als Fluchthelfer. Als Dienstleister, die etwas anbieten, was nachgefragt wird und der Preis dafür steigt mit den Schwierigkeiten, die überwunden werden müssen. Insofern ist die Europäische Union der große Preistreiber, der die Grundlagen für „Das Milliardengeschäft mit den Flüchtlingen“ gelegt hat und immer weiter festigt.

Andrea Di Nicola/Giampaolo Musumeci: Bekenntnisse eines Menschenhändlers – Das Milliardengeschäft mit den Flüchtlingen
(übersetzt von Christine Ammann)
Verlag Antje Kunstmann, 2015
208 Seiten
18,95 Euro

Originalausgabe
Confessioni di un trafficante di uomini
Chiarelettere editore srl, 2014

Hinweise

Verlag Antje Kunstmann über „Bekenntnisse eines Menschenhändlers“

Perlentaucher über „Bekenntnisse eines Menschenhändler“

Deutschlandfunk unterhält sich mit Andrea Di Nicola über sein Buch


Ohne Manschetten zu Manchette – Eine Lesung, ein Gespräch und einige Filmausschnitte

März 25, 2015

Plakat Fete Manchette

Für Fans und Kenner des französischen Krimanlromans ist Jean-Patrick Manchette (19. Dezember 1942 – 3. Juni 1995) einer der stilprägenden Köpfe des Neopolar, der knapp gesagt, in den Siebzigern den US-amerikanischen Hardboiled-Krimi nach Frankreich übertrug und ihn mit dem sozial- und gesellschaftskritischem Geist der Achtundsechziger verband. In Frankreich waren seine Kriminalromane sehr erfolgreich. Er arbeitete auch als Journalist, unter anderem für „Charlie Hebdo“, und Übersetzer. Unter anderem übersetzte Romane von Donald E. Westlake, Robert Littell, Robert Bloch und Ross Thomas. Er schrieb mehrere Drehbücher und die meisten seiner Romane wurden verfilmt. Oft mit Alain Delon („Killer stellen sich nicht vor“, „Rette deine Haut, Killer“, „Der Schock“) und oft indem das politische und ästhetische Programm von Manchette ignoriert wurde zugunsten von Action, gerne von der reaktionären Sorte.
Auch die nächste Manchette-Verfilmung „The Gunman“ (von „96 Hours“-Regisseur Pierre Morel, mit Sean Penn), die auf seinem Roman „Die Position des schlafenden Killers/Position: Anschlag liegend“ (La Position du Tireur Couché, 1982) lose basiert und die am 30. April in unseren Kinos startet, scheint sich in die Reihe der vernachlässigbaren Manchette-Verfilmungen einzureihen. (Jedenfalls sind Martin Comparts Überlegungen zum von ihm noch nicht gesehenem Film und zu Jean-Patrick Manchette überaus lesenswert. Und er weiß schon, warum er nichts über die alten Manchette-Verfilmungen sagt.)
In Deutschland sind, dank der umfassenden Neuübersetzung des Distel Literaturverlags vor zehn, fünfzehn Jahren, alle seine Romane auf Deutsch erhältlich und wer sie noch nicht gelesen hat, sollte das möglichst schnell nachholen.
Mit dem Sammelband „Portrait in Noir“ legte der Alexander Verlag letztes Jahr mit einer lesenswerten Zusammenstellung von bislang auf Deutsch nicht erhältlichen kürzeren und weniger kurzen Texten nach.
Und bei Schreiber & Leser erschienen „Blutprinzessin“ und, kürzlich, „Fatale“. Beide Comics basieren auf den gleichnamigen Romanen von Manchette und sie wurden von Manchette-Sohn Doug Headline und Max Cabanes realisiert.
Diese Bücher können als Vorbereitung für die von den deutschen Manchette-Verlagen Alexander Verlag, Distel Literaturverlag, Schreiber & Leser und Edition Moderne (die auch zwei auf Romanen von Manchette basierende Comics veröffentlichte) organisierte „une fête pour manchette“ dienen.
Die Mischung aus Lesung, Gespräch mit Doug Headline und Filmausschnitten ist am Freitag, den 10. April, um 20.00 Uhr im Roten Salon (Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin).

Manchette - Portrait in Noir - 2

Jean-Patrick Manchette: Portrait in Noir
(Herausgegeben von Doug Headline, mit einem Nachwort von Dominique Manotti)
(übersetzt von Leopold Federmair)
Alexander Verlag, 2014
256 Seiten
28 Euro

Cabanes - Manchette - Fatale - 2

Max Cabanes/Jean-Patrick Manchette/Doug Headline: Fatale
(übersetzt von Resel Rebiersch)
Schreiber & Leser, 2014
136 Seiten
24,80 Euro

Originalausgabe
Fatale
Dupuis, 2014

Hinweise

Wikipedia über Jean-Patrick Manchette (deutsch, englisch, französisch)

Krimi-Couch über Jean-Patrick Manchette

Kaliber.38 über Jean-Patrick Manchette

Mordlust über Jean-Patrick Manchette

Informative Manchette-Seite vom Distel Literaturverlag

Französische Jean-Patrick-Manchette-Seite

Meine Besprechung von Jean-Patrick Manchette/Barth Jules Sussmans “Der Mann mit der roten Kugel” (L’homme au boulet rouge, 1972)

Meine Besprechung von Jean-Patrick Manchettes „Portrait in Noir“ (2014)

Jean-Patrick Manchette in der Kriminalakte


Bücher, die man nicht lesen kann –

März 23, 2015

– jedenfalls nicht in einem Rutsch. Denn sie sind teils zu umfangreich, teils bestehend aus zu vielen kurzen Texten, die, wenn man zu viele von ihnen hintereinander liest, wie eine Schachtel Pralinen wirken: Übersättigung.


Das kann einem besonders leicht bei den in „Liebling, ich bin im Kino!“ gesammelten Filmkritiken von Michael Althen passieren. Am 12. Mai 2011 starb Althen mit 48 Jahren. Er schrieb für die Süddeutsche Zeitung, Tempo, Die Zeit und, zuletzt, die Frankfurter Allgemeinene Zeitung über Filme, Regisseure, Schauspieler und Schauspielerinnen.
In dem von Claudius Seidl herausgegebenem Buch sind Texte gesammelt, die Michael Althen in den verganenen Jahrzehnten schrieb und die neugierig auf die besprochenen Filme machen; was auch daran liegt, dass für „Liebling, ich bin im Kino!“ vor allem positive Besprechungen von anerkannt guten und bekannten Filmen, wie „Casino“, „Mystic River“, „Robocop“, „Eyes Wide Shut“, „Ben Hur“, „Der Totmacher“ und „Funny Games“, abgedruckt sind. Daher wird ein gestandener Cineast hier kaum Neues entdecken, sondern altes wieder entdecken. Und natürlich kann man einen Vergleich zwischen Althens damaligen Betrachtungen, die normalerweise zum Filmstart entstanden, und der heutigen Bewertung der Filme und Schauspieler, wie Tom Cruise (1989 porträtiert) und Clint Eastwood (1992 porträtiert), ziehen. Denn wer hätte 1989 oder 1992 gedacht, dass Tom Cruise und Clint Eastwood heute immer noch erfolgreich Filme machen und sie seitdem einige veritable Klassiker nachlegten?
Regisseur Tom Tykwer schrieb das Vorwort „Der Mann, der das Kino liebte“.
Althen - Liebling ich bin im Kino - 2
Michael Althen: Liebling, ich bin im Kino! – Texte über Filme, Schauspieler und Schauspielerinnen
(Herausgegeben von Claudius Seidl)
Blessing, 2014
352 Seiten
19,99 Euro

Hinweise
Homepage über Michael Althen (mit Filmkritiken,…)
Wikipedia über Michael Althen


Filmkritiken schrieb auch Jean-Patrick Manchette. Einige von ihnen sind in „Portrait in Noir“ abgedruckt. Neben mehreren Kurzgeschichten, einigen Selbstauskünften und dem Drehbuch „Irrungen und Zerfall der Todestanztruppe“, das sogar als „Les Petits-enfants d’Attila“ verfilmt wurde. Manchette war von dem Ergebnis, das mit seinem Drehbuch wohl nichts mehr zu tun hatte, nicht begeistert. Anscheinend sind auch alle Kopien des Films vernichtet.
Der von Doug Headline herausgegebene Sammelband richtet sich vor allem an die Manchette-Fans, die bereits alle seine Romane (Lesebefehl!) kennen und sich jetzt auch für seine Ausführungen zum Kriminalroman, seine Kurzgeschichten (die weniger als Geschichten, sondern eher als Skizzen für Romane oder formale Übungen funktionieren) und seine Filmkritiken, die er für „Charlie Hebdo“ (eine Zeitung, die man inzwischen bei uns nicht mehr vorstellen muss) schrieb, interessiert.
Manchette-Einsteiger sollten dann doch eher mit einem seiner Romane oder dem unlängst erschienem Comic „Fatale“ (Schreiber & Leser), der auf seinem Roman „Fatal“ (Fatale, 1977) basiert, beginnen.
Manchette - Portrait in Noir - 2
Jean-Patrick Manchette: Portrait in Noir
(Herausgegeben von Doug Headline, mit einem Nachwort von Dominique Manotti)
(übersetzt von Leopold Federmair)
Alexander Verlag, 2014
256 Seiten
28 Euro

Hinweise

Wikipedia über Jean-Patrick Manchette (deutsch, englisch, französisch)

Krimi-Couch über Jean-Patrick Manchette

Kaliber.38 über Jean-Patrick Manchette

Mordlust über Jean-Patrick Manchette

Informative Manchette-Seite vom Distel Literaturverlag

Französische Jean-Patrick-Manchette-Seite

Meine Besprechung von Jean-Patrick Manchette/Barth Jules Sussmans „Der Mann mit der roten Kugel“ (L’homme au boulet rouge, 1972)

Jean-Patrick Manchette in der Kriminalakte

Bleiben wir beim Film. Das Wiener Filmmuseum veröffentlichte parallel zur Retrospektive, die vom 16. Oktober bis zum 30. November 2014 lief, den Sammelband „John Ford“. Er enthält die Essays „Passage durch Filme von John Ford – Vierter Teil“ (von Hartmut Bitomsky), „Das weiße Tuch am O. K. Corral“ (von Susanne Röckel) und „The Old Masters: John Ford, John Ford and John Ford“ (von Harry Tomicek), die ungefähr die Hälfte des reichhaltig bebilderten Buches ausmachen, und zu vielen seiner 124 Filme informative Textzusammenstellungen aus Interviews mit John Ford und mehr oder weniger neue Kritiken. In dem Buch werden so fast fünfzig Ford-Werke vorgestellt, die auch Teil der Retrospektive waren, und die einen Bogen von seinen Anfängen als Stummfilmregisseur bis zu seinem Alterswerk, von Klassikern bis hin zu unbekannten Filmen, spannen.
John Ford inszenierte, unter anderem, „Stagecoach“ (Ringo, Höllenfahrt nach Santa Fé), „Young Mr. Lincoln“ (Der junge Mr. Lincoln), „Fort Apache“ (Bis zum letzten Mann), „She wore a yellow Ribbon“ (Der Teufelshauptmann), „Rio Grande“ (Rio Grande), „The Searchers“ (Der schwarze Falke), „Two rode together“ (Zwei ritten zusammen), „The Man who shot Liberty Valance“ (Der Mann, der Liberty Valence erschoß) und „Cheyenne Autumn“ (Cheyenne).
Während Althens Kritiken zum Wiedersehen von einigen Filmklassikern einladen, lädt „John Ford“ zu einer persönlichen Werkschau des vor allem für seine Western bekannten Regisseurs ein.
Viennale - Retrospektive John Ford - 2
Österreichisches Filmmuseum/Viennale: John Ford
(herausgegeben von Astrid Johanna Ofner und Hans Hurch)
Schüren, 2014
248 Seiten
19,90 Euro

Hinweise
Rotten Tomatoes über John Ford
Wikipedia über John Ford (deutsch, englisch)


Auch in Berlin gibt es Retrospektiven. Zum Beispiel im Zeughauskino/Deutsches Historisches Museum. Dort lief im letzten Jahr eine Reihe von Filmen von Robert Siodmak (1900 – 1973), der zwar nicht so bekannt wie Fritz Lang (ein anderer deutscher Regisseur, der während der Hitler-Diktatur über Frankreich nach Hollywood flüchtete) ist. Aber auch er hat einige bekannte, sehenswerte und wichtige Filme inszeniert. Zum Beispiel „Menschen am Sonntag“ (1930), „Voruntersuchung“ (1931), „Phantom Lady“ (1944), „The dark Mirror“ (1946), „The Killers“ (1946), „Cry of the City“ (1948), „Criss Cross“ (1949), „The File on Thelma Jordan“ (1950) (ja, er ist einer der großen Noir-Regisseure), „Die Ratten“ (1955), „Nachts, wenn der Teufel kam“ (1957), „Der Schut“ (1964) und, sein letztes Werk, der Zweiteiler „Kampf um Rom“ (1968/1969).
In dem vom Deutschen Historischem Museum herausgegebenem Sammelband „Robert Siodmak“ sind, in überarbeiteter Form, acht Vorträge enthalten, die von Wolfgang Jacobsen, Chris Wahl, Frederik Lang, Karl Prümm, Ralph Eue, Lukas Foerster und Claudia Mehlinger begleitend zur Retrospektive zu einzelnen Filmen gehalten wurden. Deshalb konzentrieren sie sich auf Aspekte, die bei den Filmen wichtig waren. So geht es um die am Anfang des Tonfilms populären Sprachversionsfilme (bei denen für verschiedene Länder im gleichen Set verschiedene Fassungen des Films mit verschiedene Schauspielern gedreht wurden), die in Japan unlängst entdeckte Fassung von „Stürme der Leidenschaft“ (die mit den bekannten Fassungen verglichen wird), Siodmaks musikalische Komödie „La Crise est Finie!“ (Die Krise ist vorbei), „Cobra Woman“ (Die Schlangenpriesterin), „Christmas Holiday“ (Weihnachtsurlaub) und „Die Ratten“.
Und die während der Retrospektive gezeigten Filme werden knapp (jeweils so eine halbe Seite) vorgestellt.
Insgesamt richtet sich „Robert Siodmak“ eher an Cineasten, die gut damit leben können, dass das Buch sich eklektisch auf Nebenaspekte konzentriert. Aber vielleicht ist der lesenswerte Sammelband die Initialzündung für ein umfassendes Buch über Robert Siodmak.
Zeughauskino - Robert Siodmak - 2
Deutsches Historisches Museum (Hrsg.): Robert Siodmak
Schüren Verlag, 2015
112 Seiten
14,90 Euro

Hinweise
Rotten Tomatoes über Robert Siodmak
Wikipedia über Robert Siodmak (deutsch, englisch)
Filmportal über Robert Siodmak
Noir of the Week über Robert Siodmak

Meine Besprechung von Robert Siodmaks “Zeuge gesucht” (Phantom Lady, USA 1943)

Meine Besprechung von Robert Siodmaks “Der schwarze Spiegel” (The dark mirror, USA 1946)

Das Science Fiction Jahr 2014 - 2

Einige Filmkritiken gibt es auch im „Das Science-Fiction-Jahr 2014“. Neben den Filmkritiken gibt es auch Buch-, Comic-, Hörspiel- und Spielekritiken, verschiedene Marktübersichten, Preisträgerlisten, einige kürzere Nachrufe (unter anderem auf James Herbert, Tom Clancy, Doris Lessing, H. R. Giger und Jay Lake) und längere Texte zu verschiedenen Aspekten des Genres in all seinen Facetten. David Brin schreibt über verschiedene Zukunftsentwürfe, Gregory Benford über die intelligente Drahtloswelt von morgen, Ralf Reiter über den viel zu jung verstorbenen Science-Fiction- und Thrillerautor Iain Banks, John Kessel über die fatale Moralkonstruktion in Orson Scott Cards „Enders Spiel“, David Hughes über Pierre Boulles Roman „Planet der Affen“ und wie er zum Grundstein einer unendlichen Filmsaga wurde und David L. Ferro und Eric G. Swedin schreiben über eine Logik namens Internet und wie die 1946 erschienene Kurzgeschichte „A Logic named Joe“ (Ein Logic namens Joe) von Will F. Jenkins die digitalisierte Welt vorhersah. Peter Seyferth macht sich Gedanken über das utopische Gedankengut in neuen Science-Fiction-Werken.
Das ist, wie immer, eine gewohnt inspirierende und in jeder Beziehung grenzüberschreitende Lektüre.
Es ist – das ist die traurige Meldung – das letzte Science-Fiction-Jahrbuch, das im Heyne-Verlag erscheint. 1986 erschien das erste „Das Science Fiction Jahr“ und schon damals war es ein Liebhaberprojekt, das damals für ein Taschenbuch unverschämte 16,80 Deutsche Mark kostete. Im Vorwort des aktuellen Jahrbuch schreiben die Herausgeber Sascha Mamczak, Sebastian Pirling und Wolfgang Jeschke, dass „Das Science Fiction Jahr 2014“ die letzte Ausgabe ist, die im Heyne-Verlag erscheint. Fast dreißig Jahre blieb der Verlag ihm, gegen alle Wahrscheinlicheit, verbunden. Denn billig oder besonders Hosentaschentauglich war das Buch nie. Und ein Bestseller sicher auch nie.
Die gute Meldung ist, dass schon in diesem Jahr der Golkonda-Verlag das Jahrbuch unter der Federführung von Hannes Riffel herausgeben wird und es beim bewährten Aufbau, also der Mischung aus wisschenschaftlichen Texten, Essays, Interviews, Hintergrundberichten zu Autoren und Filmen und Kritiken bleiben soll.

Sascha Mamczak/Sebastian Pirling/Wolfgang Jeschke (Hrsg.): Das Science Fiction Jahr 2014
Heyne, 2014
976 Seiten
36,99 Euro

Hinweise

“Die Zukunft” bloggt bei Heyne

Meine Besprechung von Sascha Mamczak/Wolfgang Jeschkes (Hrsg.) „Das Science Fiction Jahr 2008″

Meine Besprechung von Sascha Mamczak/Wolfgang Jeschkes (Hrsg.) „Das Science Fiction Jahr 2009“

Meine Besprechung von Sascha Mamczak/Wolfgang Jeschkes (Hrsg.) „Das Science Fiction Jahr 2010“

Meine Besprechung von Sascha Mamczak/Sebastian Pirling/Wolfgang Jeschkes (Hrsg.) „Das Science-Fiction-Jahr 2011“

Meine Besprechung von Sascha Mamczak/Sebastian Pirling/Wolfgang Jeschkes (Hrsg.) „Das Science-Fiction-Jahr 2012“

Meine Besprechung von Sascha Mamczak/Sebastian Pirling/Wolfgang Jeschkes (Hrsg.) “Das Science-Fiction-Jahr 2013″

Meine Besprechung von Sascha Mamczaks „Die Zukunft – Die Einführung“ (2014)

Bleiben wir in der zukünftigen Welt, gemischt mit einer ordentlichen Portion Horror: Bei Heyne erschien, zusammengestellt von Sascha Mamczak, der Sammelband „Ich muss schreien und habe keinen Mund“, der zwanzig Geschichten von Harlan Ellison enthält, die er zwischen 1965 und 1993 schrieb. Auch seine bekannteste Geschichte „Ein Junge und sein Hund“ (A Boy and his Dog, 1969) ist dabei. Sie wurde 1975 von L. Q. Jones als „A Boy and his Dog“ (Der Junge mit dem Hund; Der Junge und sein Hund; In der Gewalt der Unterirdischen) mit Don Johnson und Jason Robards verfilmt. Das ziemlich abgedrehte Werk gewann damals einen Hugo und hat Kultstatus.
Und so schön Kurzgeschichten auch sind, wahrscheinlich wird niemand fünf, sechs, sieben Kurzgeschichten hintereinander lesen. Sie sind eher der kleine Zwischenhappen, der in fremde Welten entführt. Mal mehr, mal weniger fantastisch, mal mehr, mal weniger gruselig und nie einem literarischem Experiment abgeneigt, was über die kurze Strecke besser funktioniert als über Romanlänge.
Ellison - Ich muss schreien und habe keinen Mund - 2
Harlan Ellison: Ich muss schreien und habe keinen Mund – Erzählungen
(Herausgegeben und mit einem Vorwort von Sascha Mamczak)
Heyne, 2014
672 Seiten
18,99 Euro

Hinweise

Homepage von Harlan Ellison

YouTube-Kanal von Harlan Ellison

Wikipedia über Harlan Ellison (deutsch, englisch)


Natürlich ist auch das neue Buch „Die Würde des Menschen ist ein Konjunktiv“ von Wiglaf Droste nicht in einem Stück lesbar. Auch wenn man die 250 Seiten locker an einem langen Abend lesen könnte. Aber das wäre dann wie das Fressen von einem halben Dutzend edler Pralinenpackungen.
Besser, man liest Drostes zwei- bis dreiseitigen Glossen und Betrachtungen über das moderne Leben in kleinen Dosen. Vielleicht eine pro Tag. Anstelle des Morgengebetes. Dann hat man mit dem Buch bis weit in den Sommer einen zuverlässigen Begleiter durch die Tiefen und Untiefen der deutschen Sprache und den Umgang mit ihr.
Droste - Die Würde des Menschen ist ein Konjunktiv - 2
Wiglaf Droste: Die Würde des Menschen ist ein Konjunktiv – Neue Sprachglossen
Goldmann, 2015
256 Seiten
8,99 Euro

Erstausgabe
Verlag Klaus Bittermann, 2013

Hinweise

Tourmanagement von Wiglaf Droste

Homepage von „Häuptling Eigener Herd“

Homepage von MDR Figaro

Wikipedia über Wiglaf Droste

Meine Besprechung von Wiglaf Drostes „Im Sparadies der Friseure“(2009/2010)

Meine Besprechung von Wiglaf Drostes „Sprichst du schon oder kommunizierst du schon? (2012/2013)


Neu im Kino/Filmkritik: Der Brenner hat „Das ewige Leben“

März 19, 2015

Jetzt sitzt der Brenner beim Arbeitsamt und dank seines Lebenslaufes ist er ein gesellschaftliches Neutron, das keinen Anspruch auf einen Cent Unterstützung hat. Da fällt ihm ein, dass in seinem Geburtsort Puntigam noch immer das ihm vererbte Haus seiner Eltern steht.
Er kehrt nach Ewigkeiten zurück nach Puntigam. Das elterliche Anwesen ist eine Ruine, der Nachbar nicht erfreut über seine ein veritables Chaos verursachenden Instandsetzungsarbeiten und die alten Freunde sind – nun, alte Freunde, mit denen er damals die Polizeischule absolvierte. Der eine ist ein Trödelhändler, der vor allem mit Erpressungen sein Geld verdient. Der andere ist der Polizeichef von Graz, der ihn gleich mit einer Pistole bedroht.
Kurz darauf liegt Brenner mit einer Schussverletzung im Krankenhaus. Seine Therapeutin sagt, er habe versucht, sich umzubringen. Er ist dagegen felsenfest davon überzeugt, dass jemand ihn umbringen wollte und er wird den Täter überführen. Er vermutet, dass es der Polizeichef ist.
Das Motiv für den Mordversuch liegt nämlich in Brenners Vergangenheit, als er und seine Freunde vor Jahrzehnten auf der Polizeischule nicht nur Gesetze büffelten.
Kurz darauf wird der Trödelhändler ermordet und Brenner, der von der Polizei neben der Leiche gefunden wird, meint nur, er sei es nicht gewesen.
Jetzt muss Brenner auch noch einen vollendeten Mord aufklären.
„Das ewige Leben“ ist nach „Komm, süßer Tod“ (2000), „Silentium“ (2005) und „Der Knochenmann“ (2009) der vierte Brenner-Film, der wieder von dem bewährten Team Wolfgang Murnberger (Regie und Drehbuch), Wolf Haas (Vorlage und Drehbuch) und Josef Hader (Hauptrolle und Drehbuch) gedreht wurde. Deshalb ist „Das ewige Leben“, das gewohnt frei mit der Vorlage von Wolf Haas umgeht, in erster Linie ein willkommenes, dieses Mal etwas melancholischer geratenes Wiedersehen mit dem abgeklärtesten Privatdetektiv von Österreich, der älter, aber nicht weißer wurde. Entsprechend gering, aber durchaus deutlich sind die Unterschiede zu den vorherigen Brenner-Filmen. Und das ist gut so.

Das ewige Leben - Plakat 4

Das ewige Leben (Österreich 2015)
Regie: Wolfgang Murnberger
Drehbuch: Josef Hader, Wolfgang Murnberger, Wolf Haas
LV: Wolf Haas: Das ewige Leben, 2003
mit Josef Hader, Tobias Moretti, Nora von Waldstätten, Roland Düringer, Margarethe Tiesel, Christopher Schärf, Sasa Barbul, Johannes Silberschneider, Wolf Haas (Cameo)
Länge: 123 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Die selbstverständlich lesenswerte Vorlage

Haas - Das ewige Leben - Movie-Tie-In

Wolf Haas: Das ewige Leben
dtv, 2015
208 Seiten
8,95 Euro

Erstausgabe
Hoffmann und Campe Verlag, 2003

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Das ewige Leben“

Film-Zeit über „Das ewige Leben“

Moviepilot über „Das ewige Leben“ 

Wikipedia über „Das ewige Leben“

Krimi-Couch über Wolf Haas

Lexikon der deutschen Krimiautoren über Wolf Haas

Wikipedia über Wolf Haas

Meine Besprechung von Wolf Haas’ “Brenner und der liebe Gott” (2009)

Meine Besprechung von Wolf Haas‘ „Brennerova“ (2014)


Neu aufgelegt: „Kalt brennt die Sonne über Texas“ ist jetzt „Die Kälte im Juli“

März 18, 2015

Lansdale - Kalt brennt die Sonne über Texas - 2Lansdale - Die Kälte im Juli - 2

„Die Kälte im Juli“ war vor ungefähr fünfzehn Jahren einer der Romane, die mich Lansdale-infizierten. Das lag weniger an der Story, als an seiner knochentrockenen und schwarzhumorigen Sprache.
Dabei ist die Geschichte auch nicht ohne: Richard Dane erschießt in Notwehr einen Einbrecher. Die Polizei hat keine Zweifel am Tathergang und damit könnte die Sache erledigt sein, wenn nicht der Vater des Einbrechers seinen Sohn rächen wollte. Er will, ganz in der Tradition des Alten Testaments, Danes Sohn töten.
Diesen simplen Plot verknüpft Joe R. Lansdale mit einigen Einsichten über die menschliche Psyche und einigen bitterbösen Überraschungen. Denn, entsprechend der alten Kriminalroman-Weisheit, „nichts ist so wie es scheint“, ist auch unter der heißen Sonne von Osttexas nichts so, wie es auf den ersten Blick scheint.
Pünktlich zur deutschen DVD-Veröffentlichung der Romanverfilmung „Cold in July“ von John Mickle mit Michael C. Hall, Sam Shepard und Don Johnson erschien jetzt bei Heyne Hardcore eine Neuauflage von Lansdales Frühwerk, das bei uns bereits 1997 als „Kalt brennt die Sonne über Texas“ erschien. Für die Neuauflage wurde die alte Übersetzung verwandt, ergänzt um zwei aktuelle und lesenswerte Nachworte. Eines von Joe R. Lansdales über die Entstehung des Romans und eines von Regisseur Jim Mickle über die Verfilmung.
Natürlich ist „Die Kälte im Juli“ eine dicke Lesempfehlung.

Joe R. Lansdale: Die Kälte im Juli
(übersetzt von Teja Schwaner)
Heyne, 2015
272 Seiten
9,99 Euro

Deutsche Erstausgabe
Kalt brennt die Sonne über Texas
(übersetzt von Kim Schwaner)
rororo, 1997

Originalausgabe
Cold in July
Bantam Books,1989

Hinweise

Homepage von Joe R. Lansdale

Stuttgarter Zeitung: Thomas Klingenmaier hat Joe R. Lansdale getroffen (25. März 2013)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Rumble Tumble“ (Rumble Tumble, 1998 )

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Der Gott der Klinge” (The God of the Razor, 2007)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Der Teufelskeiler” (The Boar, 1998)

Meine Besprechung  von Joe R. Lansdales „Akt der Liebe“ (Act of Love, 1981)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Die Wälder am Fluss“ (The Bottoms, 2000)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Kahlschlag” (Sunset and Sawdust, 2004)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Gauklersommer” (Leather Maiden, 2008)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Ein feiner dunkler Riss” (A fine dark Line, 2003)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Dunkle Gewässer“ (Edge of Dark Water, 2012)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Straße der Toten“ (Deadman’s Road, 2010)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Machos und Moneten“ (Captains Outrageous, 2001)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Wilder Winters“ (Savage Season, 1990)

Mein Interview mt Joe R. Lansdale zu „Das Dickicht“ (The Thicket, 2013)


„Perfidia“ – James Ellroy beehrt Deutschland

März 13, 2015

Nächste Woche tourt James Ellroy mit seinem neuen Roman „Perfidia“ durch einige deutsche Städte:
KÖLN
Montag, 16. März, 19:30 Uhr
Lit.COLOGNE, Schauspiel Köln Depot 1 (Schanzenstraße 6-20, 51063 Köln)

HAMBURG
Dienstag, 17. März, 19:30 Uhr
Literaturhaus (Schwanenwik 38, 22087 Hamburg)

HANNOVER
Mittwoch, 18. März, 20:00 Uhr
Literarischer Salon Hannover (Königsworther Platz 1, 30167 Hannover)

BERLIN
Donnerstag, 19. März, 19:00 Uhr
Dussmann – Das KulturKaufhaus (Friedrichstr.90, 10117 Berlin) (das bei seiner letzten Lesung übervoll war)

MÜNCHEN
Freitag, 29. Januar, 19:00 Uhr
Krimifestival, Amerika-Haus (Waldstraße 9, 82211 Herrsching am Ammersee

Ich bin gerade beim Lesen des Romans, der mit gut eintausend Seiten volumös geraten ist. Es dürfte, unabhängig vom Drucksatz (dafür ein Lob: er sieht sehr lesefreundlich aus), sein umfangreichster Roman sein. Also noch länger als die jeweils achthundertseitigen „Ein amerikanischer Thriller“, „Ein amerikanischer Albtraum“ und „Blut will fließen“. Die waren, weil Ellroy in seiner „Underworld USA“-Trilogie die Marotte hatte, seitenlang aus Zeitungsberichten, Aktennotizen und Protokollen zu zitieren und seine Sätze auf möglichst wenige Worte einzudampfen, fast unlesbar. Dass er gleichzeitig das Bild einer großen Verschwörung, in der alle irgendwie beteiligt sind und alles miteinander zusammenhängt, entwarf, half nicht. Stattdessen hatte ich oft den Eindruck, dass er eine Best-of populärer Agententhriller, Privatdetektiv- und Polizeiromane, versetzt mit populären Verschwörungstheorien und exzessivem Name-Dropping, schrieb, in der, weil die Handlung sich über mehrere Jahre quer über den Globus bewegte (halt überall, wo die CIA mitmischte) und keinen erzählerischen Fokus mehr hatte. Jedenfalls keinen Fokus, der auf eine nachvollziehbare Geschichte gerichtet war. Stattdessen ging es ihm eher um das Bild und das Gefühl einer allumfassenden Verschwörung.
Dagegen ist der erste Eindruck von seinem neuen Roman „Perfidia“ schon einmal positiv. James Ellroy kehrt zurück nach Los Angeles. Der Roman spielt in einer begrenzten Zeit (6. – 29. Dezember 1941) und James Ellroy schreibt, endlich wieder ganze Sätze. Ja! James ELLROY schreibt! Gaaaanze Sätze!!!
Er verzichtet auch, wie ein kurzes Blättern im Buch zeigt, auf Zeitungsberichte und Aktennotizen. Es gibt nur viele Ausschnitte aus dem Tagebuch von Kay Lake.
Auch die Geschichte beginnt gut: Eine japanische Familie wird tot aufgefunden. Anfangs ist unklar, ob es sich um Mord oder Selbstmord handelt. Der japanischstämmige, extrem intelligente Hideo Ashida findet schon am Tatort genug Hinweise für einen Mord, um Ermittlungen zu initieren. Als die Japaner Pearl Harbor überfallen, wird aus dem banalen Mordfall ein politisch wichtiger Mordfall, der unbedingt mit der Überführung des richtigen Täters (vulgo eines Japaners) aufgeklärt werden soll.

Aber dann – ich bin jetzt auf Seite 379 und meine Leselust ist inzwischen nicht mehr besonders groß – beginnt James Ellroy ein breites, ungeheuer detailreiches Panorama von Los Angeles nach Pearl Harbor zu entwerfen. Die Mordermittlung bewegt sich nicht mehr wirklich voran. Stattdessen geht es, in einem Gestrüpp von kaum miteinander zusammenhängenden Handlungssträngen, um Korruption in der Polizei. Politische Intrigen. Den Kampf gegen die Kommunisten. Die Angst vor den Japanern. Und natürlich alle möglichen fünften Kolonnen, die als Kämpfer versuchten, möglichst unerkannt im Feindesland zu leben und Sabotage zu betreiben.
Und ungefähr jede zweite Seite werden ein, zwei Knochen gebrochen, was uns – immerhin sind die Knochenbrecher immer Polizisten – sicher einiges über Polizeibrutalität verraten soll, aber nach dem ersten Dutzend gebrochener Arme nur noch langweilt.
Das liest sich immer mehr wie eine Neuauflage von „L. A. Confidential“. Nur schlechter und länger.
Insofern ist die Ankündigung von James Ellroy, dass „Perfidia“ der Auftakt zu einem zweiten „L. A. Quartett“ werden soll, das zeitlich vor dem bekannten „L. A. Quartett“ („Die schwarze Dahlie“, „Blutschatten“, „L. A. Confidential“ und „White Jazz“) spielt und in dem viele aus diesen Romanen bekannte Charaktere wieder auftauchen, fast wie eine Drohung.
Aber vielleicht braucht Ellroy auch nur einen guten Lektor, der beherzt dicke Schneisen in das erzählerische Gestrüpp schlägt und den Roman auf fünfhundert Seiten eindampft.

Ellroy - Perfidia - 4

James Ellroy: Perfidia
(übersetzt von Stephen Tree)
Ullstein, 2015
960 Seiten
25 Euro

Originalausgabe
Perfidia
Alfred A. Knopf, 2014

Hinweise

Meine Besprechung der James-Ellroy-Verfilmung “Rampart – Cop außer Kontrolle” (Rampart, USA 2011)

Meine Besprechung von James Ellroys Underworld-USA-Trilogie (Ein amerikanischer Thriller, Ein amerikanischer Albtraum, Blut will fließen)

Meine Besprechung von James Ellroys “Der Hilliker-Fluch – Meine Suche nach der Frau” (The Hilliker Curse – My Pursuit of Women, 2010)

James Ellroy in der Kriminalakte


Verhindert James Bond die „Kernschmelze“?

März 3, 2015

Gardner - James Bond - Kernschmelze

1981, sechzehn Jahre nachdem Ian Flemings letzter James-Bond-Roman „Der Mann mit dem goldenen Colt“ posthum erschienen war und Kingsley Amis als Robert Markham bereits 1968 mit „Colonel Sun“ ein einmaliges Gastspiel als Bond-Autor gab, übernahm John Gardner für sechzehn Romane (inclusive zwei Filmromane), die bis 1996 erschienen und die nicht alle ins Deutsche übersetzt wurden, das Zepter.
In seinem ersten Bond-Roman „Kernschmelze“, der jetzt in neuer Übersetzung vorliegt, knüpft Gardner dann auch an die klassischen Bond-Romane an und, nach der Lektüre der Bond-Wiederbelebungsversuche der letzten Jahre, die alle, aus verschiedenen Gründen, enttäuschten, ist es eine Wohltat einen richtig altmodischen James-Bond-Roman zu lesen, der genau das liefert, was man von einem Bond-Roman erwartet: technische Spielereien, schöne und willige Frauen, einen Superschurken, skrupellose Handlanger, einen diabolischen Plan und Orte, an denen man seine Ferien verbringen möchte. Wie ein im malerischen Nirgendwo in Schottland liegendes Schloß mit allen möglichen Extras, wie einem Kommandostand (weil der Bösewicht ja stilgerecht seine Befehle geben muss) und einem Folterkeller (weil James Bond ja gefoltert werden muss).
Der Schloßherr ist Dr. Anton Murik, Laird of Murcaldy, ein brillianter Kernphysiker, der ein hundertprozentig sicheres Kernreaktorsystem erfunden hat. Um die restliche Welt von seinem Murik-Ultrasicher-Reaktor zu überzeugen, plant er mit dem internationalen Terroristen Franco (da stand wohl ‚Carlos, der Schakal‘ Pate) eine gleichzeitige Besetzung von sechs, über den gesamten Globus verteilten Kernkraftwerken. Er will eine horrende Summe von den Regierungen erpressen. Aber James Bond und der grundgute britische Geheimdienst ist ihm schon auf der Fährte. Mit einem Trick schleicht Bond sich bei Murik ein und wird auf den altehrwürdigen Familiensitz in den Highlands eingeladen.
„Kernschmelze“ überzeugt vor allem als James-Bond-Roman, der die vertrauten Elemente aus Ian Flemings Bond-Romanen und den klassischen James-Bond-Filmen gut anrichtet und, bei einer überschaubaren Geschichte, die vor allem durch ihre Detailtreue besticht, flott unterhält, weil sie sich ständig weiter auf die finale Konfrontation zwischen den beiden Kontrahenten hin bewegt. Damit liefert die einfache Story genau das, was der Bond-Fan will: einen ordentlichen Kampf zwischen dem tapferen Agenten mit der Lizenz zum Töten und einem durchgeknallten Bösewicht, der vor allem die Welt vernichten will, grundiert mit etwas Zeitkolorit. Denn Murik sieht sich mit seinem Plan auch als Kämpfer für eine saubere Umwelt und gegen die globale Erwärmung.
John Gardners Einstieg in die James-Bond-Welt ist ziemlich pulpig, ziemlich fantastisch, ziemlich unterhaltsam – und fernab der John-le-Carré-Spionagewelt.
Da akzeptiert man auch den Saab 900 Turbo als James Bonds neues Auto. Immerhin hat er einige Extras einbauen gelassen.

John Gardner: James Bond – Kernschmelze
(übersetzt von Anika Klüver und Stephanie Pannen)
Cross Cult, 2014
384 Seiten
12,80 Euro

Originalausgabe
James Bond – Licence Renewed
Jonathan Cape, 1981

Deutsche Erstausgabe
Countdown für die Ewigkeit
Scherz, 1982

Hinweise

Homepage von John Gardner

Wikipedia über John Gardner (deutsch, englisch)

Wired for Books unterhält sich mit John Gardner (1984 und 1985 – zwei Audiofiles)

Universal Exports: Interview mit John Gardner (ungefähr von 2004 – und nach dem Ende seiner Bond-Serie)

Dr. Shatterhand’s The Question Room – befragt John Gardner (ebenfalls nach dem Ende seiner Bond-Serie, aber natürlich über seine Bond-Romane)

Homepage von Ian Fleming

Meine Besprechung von Sebastian Faulks’ James-Bond-Roman „Der Tod ist nur der Anfang“ (Devil may care, 2008)

Meine Besprechung von Jeffery Deavers James-Bond-Roman “Carte Blanche” (Carte Blanche, 2011)

Meine Besprechung von William Boyds James-Bond-Roman “Solo” (Solo, 2013)

Meine Besprechung von Ian Flemings ersten drei James-Bond-Romanen “Casino Royale”, “Leben und sterben lassen” und “Moonraker”

Meine Besprechung des James-Bond-Films „Skyfall“ (Skyfall, GB/USA 2012)

James Bond in der Kriminalakte

Ian Fleming in der Kriminalakte


Thomas Perry enthüllt „Das Vermächtnis der Maya“

Februar 18, 2015

Cussler - Perry - Das Vermächtnis der Maya - 2

Ein neuer Roman von Thomas Perry ist für Krimifans natürlich eine gute Nachricht. Mit seinen ersten beiden Romanen „Abrechnung in Las Vegas“ (The Butcher’s Boy, 1982), das den Edgar-Allan-Poe-Preis als bestes Debüt erhielt, und „Der Tag der Katze“ (Metzger’s Dog, 1983) schrieb er gleich zwei veritable Klassiker. Später war seine Serie mit Jane Whitefield, über eine Indianerin, die Menschen beim Untertauchen hilft, mit der er zwischen 1994 und 1999 fünf, auch ins Deutsche übersetzte, Romane veröffentlichte, ziemlich beliebt. Aber in Deutschland setzte er sich nie richtig durch und seit einem Jahrzehnt wird er, obwohl er ungefähr im Jahresturnus einen normalerweise hochgelobten Roman veröffentlicht, nicht mehr übersetzt.
Außer die beiden Fargo-Romane, die aus Clive Cusslers Schreibwerkstatt stammen. Denn Clive Cussler, der mit seinem Abenteuerthriller „Hebt die Titanic“ (Raise the Titanic, 1976) und dem Protagonisten Dirk Pitt die Leserherzen eroberte, lässt seit einigen Jahren, wie James Patterson, unter seinem Namen als verkaufsförderndes Gütesiegel Romane schreiben, die in die Clive-Cussler-Welt passen und in denen sein Name groß und, kleiner, der des Co-Autors auf dem Cover stehen. Normalerweise erledigt der unbekanntere Co-Autor die Schreibarbeit und die Geschichte wird vorher mit dem Namensgeber abgesprochen. Bei Clive Cussler sind es Abenteuerthriller, in denen historische Entdeckungen im Mittelpunkt stehen.
So auch in Thomas Perrys zweiten Roman mit dem Ehepaar Sam und Remi Fargo, die bereits in mehreren Romanen von Grant Blackwood Abenteuer erlebten und die Perry bereits in „Das fünfte Grab des Königs“ (The Tombs, 2012) auf Abenteuerreise schickte. Sie sind ein vermögendes Ehepaar, das um die Welt reist und historische Artefakte sucht. Zufällig finden sie bei einer Hilfsaktion nach einem Erdbeben in Mexiko ein altes Maya-Buch, das auch die Karte zu weiteren Maya-Orten enthält. Es ist wahrscheinlich die größte Entdeckung über die Kultur der Maya.
Millionerbin Sarah Allersby, die ihren Ruf von Partygirl zur anerkannten Archäologin und Förderin wandeln will, will das Buch unbedingt haben. Um dieses Ziel zu erreichen schreckt sie auch nicht vor verbrecherischen Mitteln zurück. Durch einen dreisten Betrug gelangt das Buch in ihre Hände.
Die Fargos wollen Allersby davon abhalten, die historischen Stätten zu plündern. Zwischen ihnen entsteht ein Kampf um das Buch, die in ihm verzeichneten Kulturstätten und den Umgang mit den dort vermuteten historischen Artefakten.
„Das Vermächtnis der Maya“ ist ein Abenteuerroman, der banalen Art mit ziemlich blassen Charakteren und zu vielen Klischees. Denn im Gegensatz zum missverständlichen Klappentext geht es einfach nur um den Kampf zwischen den Fargos und Allersby und die Frage, wer zuerst eine historsche Stätte entdeckt. Das Ehepaar will sie den Wissenschaft geben, Allersby will ihren Ruf verbessern und auch einige Schätze gewinnbringend veräußern. Dieser Kampf zwischen ihnen entwickelt sich in einer episodischen, vor sich hin plätschernden Geschichte, die man flott lesen kann, die aber den Humor, die irrwitzigen Twists und die ätzende Satire von „Der Tag der Katze“ vermissen läßt und Thomas-Perry-Fans enttäuscht, aber vielleicht Clive-Cussler-Fans befriedigt. Immerhin wird „Das Vermächtnis der Maya“ in erster Linie als Clive-Cussler- und nicht als Thomas-Perry-Roman rezipiert.
Ach ja: Nach einer zehnjährigen Pause hat Thomas Perry seit 2009 drei neue Jane-Whitefield-Romane veröffentlicht. „Runner“ (2009), „Poison Flower“ (2012) und „A String of Beads“ (2014) sind alle noch nicht übersetzt.
Da könnte ein deutscher Verlag mal einen Übersetzer dransetzen. Und natürlich an Perrys Einzelromane, die alle verdammt gut sein sollen.

Clive Cussler/Thomas Perry: Das Vermächtnis der Maya – Ein Fargo-Roman
(übersetzt von Michael Kubiak)
Blanvalet, 2015
480 Seiten
9,99 Euro

Originalausgabe
The Mayan Secrets
Putnam, 2013

Hinweise
Englische Homepage von Clive Cussler
Deutsche Homepage von Clive Cussler (die Blanvalet-Seite)
Homepage von Thomas Perry
Krimi-Couch über Thomas Perry
Wikipedia über Thomas Perry (deutsch, englisch)